Arbeit lohnt sich wieder

Wenn der Brief mit dem staatlichen Geldgeschenk kommt: Juha, Tuomas und Marin nehmen am finnischen Experiment zum Grundeinkommen teil.

Von Hannes Koch

22. Nov. 2017 – In seiner Werkstatt zwischen Birken und Kiefern setzt Juha Järvinen den Hobel an. Er bearbeitet einen Drachenkopf – Verzierung für die neue Trommel, die er demnächst verkauft. Aus Rentierhaut wird das Fell gemacht. Diese Instrumente sind beliebt bei Freunden volkstümlicher Musik. Der Vollbärtige schiebt den Zylinder aus der Stirn. Es kann jetzt losgehen.

Auf dem Hof zwischen der Werkstatt und dem zweistöckigen, alten Schulgebäude aus rotem Holz, das Juha vor Jahren kaufte, liegen Ende Oktober schon zehn Zentimeter Schnee. Vor der Tür ist der grauweiße Haushund angebunden, dessen Kopf dem Besitzer über die Hüfte reicht. Das Ungeheuer trägt einen zerbissenen Ball in der Schnauze, will spielen. „Drei Viertel Husky, ein Viertel Wolf“, erklärt der Besitzer. Etliche Autowracks stehen herum. Obwohl Juha und seine Frau sechs Kinder haben, gibt es in und um die Häuser sehr viel Platz.

Mehr Menschen sollen her, in diese ziemlich leere Gegend drei Zugstunden nordwestlich der Hauptstadt Helsinki. Juha will investieren, den großen Raum neben seiner Werkstatt für Künstlerprojekte ausbauen. Raus aus der Sackgasse, in der er während der vergangenen Jahre steckte. „Das Grundeinkommen“, sagt der 39jährige finnische Hippie, „bedeutet das Ende meiner Sklaverei.“

Juha – in Finnland nennt man sich immer beim Vornamen - erhält seit Anfang diesen Jahres 560 Euro pro Monat von der Sozialversicherung. Geschenkt, steuerfrei, ohne irgendwelche Gegenleistungen. Dieses erstaunliche Experiment hat die finnische Regierung gestartet. Sie besteht aus der Zentrumspartei, den Konservativen und den rechtslastigen Wahren Finnen. Es ist der Versuch einer epochalen Sozialreform - erstmals in Europa.

Auch in Deutschland werden die Forderungen danach lauter. Die Organisation „Mein Grundeinkommen“ verlost jedes Jahr mehrere dieser Pakete für finanzielle Freiheit. Die Jamaika-Sondierer in Berlin haben das Thema bisher nicht auf der Liste, aber die Koalition aus Union, FDP und Grünen in Schleswig-Holstein vereinbarte: „Wir werden ein Zukunftslabor ins Leben rufen“, um neue Absicherungsmodelle, unter anderem das Grundeinkommen, zu diskutieren. Unternehmenschefs wie Elon Musk von Tesla plädieren ebenfalls dafür. Denn sie wissen, was sie tun: Sie treiben die Internetökonomie und die Roboterisierung der Wirtschaft voran. Und sie können sich vorstellen, wozu das führt - zu weniger Sicherheit in vielen Jobs.

Die Finnen testen jetzt erstmal eine begrenzte Variante. An dem Experiment teilnehmen können nur Arbeitslose. Ein richtiges, bedingungsloses Grundeinkommen sollten dagegen alle Einwohner*innen bekommen, fordern Visionäre. Trotzdem wird der Versuch Antworten auf eine entscheidende Frage bringen: Macht eine Zahlung von 560 Euro, die man einfach so bekommt, die Menschen fauler oder spornt sie sie an?

Juhas Wohnzimmer, einen der beiden ehemaligen Klassenräume, heizen zwei hohe Öfen. Kleine Zirkusvorführung: Der fünfjährige Aamos, der jüngste im Haus, schnappt sich das Seil, das von einem Stahlträger hängt, steigt über ein Schränkchen auf eines der beiden Klaviere und schwingt sich in den Raum. Im Kinderzimmer nebenan gibt es ein großes selbstgebautes Trambolin und  unter der Decke einen Klettergarten aus Stricken und Sprossen. Der Vater kann so etwas konstruieren, es macht ihm Spaß. Doch jahrelang liegen seine Fähigkeiten brach.

In der Werkstatt gegenüber tischlert er früher Fenster und Türrahmen. Der Verkauf läuft gut. Dann überfällt ihn eine Depression. Es folgen Bankrott und Steuerschulden. Das Altenpflegerin-Gehalt seiner Frau, Arbeitslosen- und Kindergeld summieren sich auf 3.000 Euro – in einem reichen Staat wie Finnland nicht viel für zwei Erwachsene und sechs Kinder, wenn man auch noch den Kredit für die alte Schule abbezahlen muss.

Kannst du uns eine Hundehütte bauen?, fragt ein Nachbar. Trotz der engen Finanzen lehnt Juha ab. Er kennt das Spiel: „Teilst Du dem Amt mit, was du selbst verdienst, kommt das Arbeitslosengeld später.“ Bis die Berechnung fertig ist, können mehrere Wochen vergehen. „Da lasse ich das zusätzliche Arbeiten lieber sein.“

Tuomas Muraja, 44 Jahre alt, selbstständiger Journalist in Helsinki, kennt sowas. Er schäumt. Schon die Erinnerung reicht. Er umkurvt einen Bücherstapel, zieht die unterste Schublade seines breiten, verglasten Bücherschranks auf. Das Formular segelt auf den Tisch. „Für jeden Tag musst Du Deine Einnahmen eintragen, Monat für Monat auf´s Neue.“ Es ist eine Qual. „Und dann ziehen sie Dir einen Teil des Lohns vom Arbeitslosengeld ab.“  Das hat er hinter sich, hofft er. Nie mehr die bekloppten Listen der Sozialversicherung ausfüllen.

Tuomas, zurückgekämmte blonde Haare, blaugraue Augen, bunter Schal, ist jahrelang EU-Korrespondent für finnische Zeitungen in Brüssel, Pressesprecher für UN-Truppen im Kosovo und Afghanistan, Autor von vier Büchern. Trotzdem hat er schließlich Probleme, eine feste Stelle zu finden. Das Land leidet an den Nachwirkungen der Finanzkrise. 2016 ist Tuomas zeitweise auf Arbeitslosengeld angewiesen.

Das System hält ihn in einem fatalen Schwebezustand fest. Immer wieder schlägt er Jobangebote aus. Wenn von 200 Euro, die er für eine Buchlesung in einer Schule erhalte, nur 120 Euro übrigbleiben, lohne sich der Aufwand nicht, meint er. Und dann die Fortbildungen, zu denen ihn die Sozialversicherung schickt: „Lebenslauf schreiben“, er blickt genervt, „diese Seminar kann ich selbst geben. Dort teilzunehmen ist die reine Zeitverschwendung.“

Die 31jährige Erzieherin Marin Heier-Reinik lebt in Vaasa, an der Westküste gegenüber von Schweden. Sie hat ihr Reihenhaus, das ihr zusammen mit ihrem Verlobten gehört, hell eingerichtet. Vom weißen Sofa und dem weißen Esstisch geht der Blick durch die Glasfront in den Handtuchgarten. Rechts stehen Kiefern, dahinter liegt schon das Meer. Sie stammt aus Estland, lebt seit 2011 in Finnland, hat sich einige Jahre zu Hause um ihren kleinen Jungen gekümmert und Arbeitslosengeld erhalten. Auch sie hält sich mit dem Arbeiten eher zurück. Ein paar Stunden pro Woche ist sie in einem Kindergarten tätig. „Macht man mehr, verdient man unter dem Strich sehr wenig.“ Selbstkritisch sagt sie: „Ich war eher passiv.“

Juha, Tuomas und Marin sind drei Teilnehmer*innen des Experiments von insgesamt 2.000. Diese hat Kansaneläkelaitos (Kela), die Sozialversicherung, unter rund 200.000 Arbeitslosen ausgelost, die finanzielle Unterstützung bekommen. Von Januar 2017 bis Dezember 2018 erhalten sie nun 560 Euro monatlich. Sie können das Geld verjubeln, Dauerurlaub machen oder es in ihre Zukunft investieren. Rechtfertigen müssen sie sich nicht.

Wenn die Testpersonen einfach weitermachen wie bisher, also wenig oder gar nicht selbst arbeiten, ändert sich für sie nichts. Sie erhalten dann weiter ihr bisheriges Arbeitslosengeld von beispielsweise 700 Euro pro Kopf plus Wohnungskosten. Erwirtschaften die Teilnehmer*innen jedoch eigenes, zusätzliches Einkommen mit einem neuen Arbeitsplatz, einer Teilzeittätigkeit, irgendwelchen Honoraren oder Einnahmen aus einer Firmengründung, kommen die 560 Euro oben drauf, ohne Abzüge. Im bisherigen System ist das anders. Heute können finnische Erwerbslose nur maximal 300 Euro monatlich ohne Anrechnung zum Arbeitslosengeld hinzuverdienen. Erzielen sie mehr, wird ihnen ein erheblicher Teil der staatlichen Unterstützung gekürzt.

In der Bundesrepublik ist das Arbeitslosengeld II (Hartz IV) ähnlich geregelt. Die Folge: Von eigener Arbeit bleibt oft wenig übrig. Ein motivierender, nenneswerter finanzieller Vorteil stellt sich erst ein, wenn man beispielsweise 1.000 Euro monatlich selbst verdient. Der Sprung dorthin ist aber für viele Arbeitslose zu groß. Sie stecken in der Sackgasse.

Das finnische Grundeinkommen soll hier einen Ausweg bieten. Die Regierung in Helsinki will wissen: Sind die Erwerbslosen aktiver als bisher, suchen sie sich selbst neue Tätigkeiten, wenn sie die Zusatzeinnahmen behalten dürfen? Außerdem geht es darum, Papierkram und Arbeitszeit in der Sozialbürokratie einsparen, wo bisher tausende Leute mit den Berechnungen der Leistungen beschäftigt sind.

Juha sehnt den Brief von Kela herbei. Nein, er erfleht ihn. Er liest alles über das Experiment. Er weiß, wann die Sozialversicherung die Teilnehmer auslost. Die Chance, dass er Glück hat, beträgt 100 zu eins. „Meine Kinder freuten sich auf den Weihnachtsmann. Ich wartete auf den Kela-Brief“, erinnert er sich. Dann fährt das Postauto, aus der Kleinstadt Jurva kommend, auf den Hof der alten Schule. Es ist der 29. Dezember, halb zehn morgens. Juha merkt sich das. Er reißt das Schreiben auf. Hauptgewinn! Tanzt er jetzt über den Hof, wirft seinen Zylinder in die Luft? „Ich war superglücklich“, erklärt er mit finnischer Zurückhaltung, leicht lächelnd. Eine SMS an seine Frau muss zur Feier des Tages reichen.

Tuomas in Helsinki öffnet den Kela-Brief am selben Tag. „Was wollen die schon wieder?“, denkt er zuerst, „habe ich irgendwas falsch gemacht?“ Dann ist er verwundert, schließlich erfreut. Marin merkt erstmal gar nichts. Sie schaut nicht jeden Tag in den Briefkasten. Anfang Januar 2017 holt sie ihre Post raus. „Ich war schockiert“, sagt die 31jährige Erzieherin. Denn die 560 Euro sind weniger, als sie normalerweise bekommt. „Wollen die mir das Arbeitslosengeld kürzen?“ Als das Geld auf ihrem Konto ankommt, ruft sie Kela an. Von dort Entwarnung: Marin erhält weiterhin so viel wie vorher.

In Deutschland äußern sich viele Politiker*innen gegen das Grundeinkommen. „Keine gute Idee“, sagt Kanzlerin Angela Merkel diesen Sommer in einem Interview. SPD-Fraktionsvorsitzende Andrea Nahles sieht das ebenso – wie vermutlich die meisten Sozialdemokraten und Gewerkschafter. Einer der deutlichsten Kritiker ist Armutsforscher Christoph Butterwegge, den die Linken 2017 als Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten nominierten. „Eine Sozialpolitik nach dem Gießkannenprinzip widerspricht dem vorherrschenden Gerechtigkeitsverständnis“, sagt Butterwegge. Außerdem sei ein bedingungsloses Grundeinkommen für alle Bundesbürger absurd teuer.

Das stimmt. Bekämen alle Erwachsenen 800 und die Kinder 400 Euro, kostete das über 800 Milliarden Euro jährlich. Das entspricht etwa der Summe aller heutigen bundesdeutschen Sozialleistungen eines Jahres. Einen Teil davon könnte man zugunsten des Grundeinkommens streichen, andere, wie die Krankenversicherung, jedoch nicht. Einige hundert Milliarden Euro müsste der Staat wohl zusätzlich aufbringen.

Die Stimmung in der Bevölkerung scheint aber positiver zu sein als die der Politiker*innen. In einer Umfrage des Instituts Ipsos im Juni 2017 plädierte gut die Hälfte der bundesdeutschen Teilnehmer für das Grundeinkommen. Bei den Linken und Grünen sprechen sich sichtbare Minderheiten dafür aus. In der FDP gibt es ebenfalls gewisse Sympathien. Und dann sind da Manager wie Telekom-Chef Timotheus Höttges, Ökonomen wie Thomas Straubhaar und Intellektuelle wie Oskar Negt.

Diese geben sich zwar alle Mühe, die Vorzüge einer gigantischen Sozialreform herauszustreichen: Wegfall eines großen Teils der Sozialbürokratie, Menschenrecht auf materielle Sicherheit für alle Bürger ohne Repression, Förderung von Eigeninitiative und Kreativität. Um die großen Klippen kommen die Visionäre jedoch nicht herum. Wer 800 Milliarden Euro pro Jahr – ein Viertel der bundesdeutschen Wirtschaftsleistung - mobilisieren will, muss erklären, wie er in einer komplexen Gesellschaft, in der tausend Lobbies tausend Interessen verteidigen, das gesamte Sozialsystem demontieren und neu zusammensetzen will.

Auf Juhas altem Schulhof passiert mittlerweile etwas. Er hat seine neue Firma Yxpila Art Production registrieren lassen. Sie residiert im einstöckigen Schuppen gegenüber der Schule. Im linken, kleineren Raum steht die Werkbank des Tischlers, dahinter eine mannshohe Bohrmaschine. Alles ist übersäht mit Holzstaub und Spänen, die beim Schnitzen umherfliegen. An der Wand hängen sieben halbfertige Handtrommeln, an den Rückseiten jeweils verziert mit Tiermotiven nach sämischer Tradition oder – neuerdings - Engelsgesichtern. „Die Darstellung von Menschen habe ich mir früher nicht zugetraut“, sagt Juha, „aber es funktioniert“.

Unlängst lud man ihn zu einem Festival nach Norwegen ein, wo er einige Instrumente verkaufte. Eine deutsche Lehrerin will gleich mehrere Stücke erwerben. Überschlägt Juha seine aktuellen Einnahmen im Vergleich zum vergangenen Jahr, so kommt er auf ein monatliches Plus von ungefähr 1.000 Euro. Das Geld verdient er zusätzlich zum Grundeinkommen. Ohne die bedingungslose staatliche Zahlung würde Juha diese Mittel nicht erwirtschaften.

Und er träumt von einem „Artbnb“, so etwas Ähnlichem wie der Internet-Wohnungsvermittlung Airbnb, allerdings für Künstler. Der rechte, große Raum des Schuppens soll ein Studio werden für Maler, Fotografen und Bildhauer. Und im ersten Stock der Schule verfügt er über mehrere hundert Quadratmeter ungenutzten Wohnraums. „Wir könnten hier eine Art Hippie-Kommune aufbauen“, überlegt er, mit übergeschlagenen Beinen auf seinem Stammplatz in der Küche sitzend.

Dort hält Juha sich häufig auf und philosophiert. Er hat viele Pläne, einiges bleibt auf der Strecke. Etwa die Baustelle im Flur, wo früher zwei Waschräume der Schule standen. Die wollte er abreißen, um Platz zu schaffen, er traf eine Leitung, Wasserschaden, musste den feuchten Holzboden rausreißen. So liegt das Elend da, seit 2016. Jetzt gibt es Wichtigeres, sagt er: Geldverdienen. Andererseits: „Eigentlich arbeite ich lieber ohne Lohn. Ich bin Idealist.“ Sein Leben ist langsam. Er fotografiert draußen die letzte Blume, als es zu schneien beginnt.

Weil die Bücherstapel den Weg versperren, steigt Tuomas in Helsinki über die Lehne des Sofas, um auf den Balkon im sechsten Stock des grün gestrichenen Jugendstil-Altbaus zu gelangen. Zigarette, Feuer. „Jetzt nehme ich niedrig bezahlte Aufträge an“, sagt er – Lesungen in Schulen, Journalistenseminare, solche Sachen. Über die Anrechnung auf das Grundeinkommen muss er sich keine Sorgen machen. „Ich habe nun mehr Möglichkeiten.“

Marin hat mittlerweile eine Erzieherinnen-Stelle mit 25 Stunden pro Woche ergattert. Weil der Lohn nicht auf das Grundeinkommen angerechnet wird, ist der niedrige Stundensatz von elf Euro noch zu verschmerzen. Man kann es so sagen: Niedriglohnsektor plus Grundeinkommen ergeben eine einigermaßen erträgliche Bezahlung.

Vielleicht ist das eine Lehre, die sich irgendwann in der Bundesrepublik aus dem finnischen Experiment ziehen lässt: Im Grunde wäre ein wesentlicher Schritt in Richtung Grundeinkommen  schon getan, wenn die Bundesregierung bei Hartz IV auf das Fordern verzichtet und sich auf das Fördern beschränkt. Wer ein Recht auf Arbeitslosengeld II hat, bekommt es einfach. Punkt. Der Zwang wird abgeschafft, das Antanzen beim Jobcenter, die Drohung, dass das Geld gekürzt wird. Und man darf ohne Abzüge zusätzlich arbeiten. Wie eine solche Reform wirkte, kann man auch in Deutschland mit einem staatlichen Versuch ausprobieren.

In Finnland herrscht ein breiter Konsens, dass das Experiment eine gute Idee ist. Helsinki, Lasipalatsi: Im Glaspalast aus den 1930er Jahren mit seinen großen Fensterfronten und klaren Formen hält Touko Aalto, 33jähriger Chef der finnischen Grünen, gerne seine Arbeitstreffen ab. „Unsere Sozialversicherung stammt aus der alten Zeit“, sagt er, „die Unsicherheit im Job wird aber die neue Normalität.“ Was er meint: Selbstständigkeit und Lohnarbeit verschwimmen. Auch in den reichen Ländern könnten Millionen Menschen nicht mehr mit lebenslangen, gut bezahlten Tätigkeiten rechnen, wenn Internetkonzerne wie Amazon, Airbnb, Uber, Facebook oder Rocket Internet das Arbeitsleben bestimmen. „Deswegen müssen wir das System drehen“, so Aalto. Am Cafehaus-Tisch vollführt er mit den Händen eine Bewegung wie am Steuer eines Wagens. Wenden in der Sackgasse.

Mehr oder weniger kann das auch Martti Talja unterschreiben, der Sozialexperte von Keskusta, der größten Regierungspartei. „Die Internet-Ökonomie gefährdet möglicherweise bis zu einem Drittel der Arbeitsplätze.“ Das aktuelle Experiment sei nur der Anfang. Spätestens ab 2020 werde man weitere Versuche durchführen, mit anderen Fragestellungen, eventuell mehr Teilnehmern. „Unser Sozialsystem macht viele Leute depressiv“, so Talja. „Wir müssen es modernisieren. Das Grundeinkommen ist vielleicht ein Teil dieses Prozesses.“

„Es ist wunderbar, an dem Experiment teilzunehmen“, sagt Tuomas. Er führt Tagesbuch darüber. Später will er es veröffentlichen. Und er hat die Hoffnung, dass bei den kleinen mal ein großer Job um die Ecke kommt. Auch Marin möchte mehr arbeiten. Sie hofft auf eine Vollzeittätigkeit ab 2019, wenn das Experiment vorüber ist.

Von seinem Platz am Küchentisch blickt Juha auf den verschneiten Schulhof. „Ich könnte jeden Tage zwei Trommeln bauen“, räsoniert er. Aber dann würde der Spirit nicht mehr drinstecken – und die Kunden die Instrumente vielleicht nicht mehr mögen. In ihm kämpfen der Hippie und der Unternehmer. Aber Juha glaubt daran, dass sie sich einigen. 2019 will er sich wieder komplett selbst finanzieren.

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