Auf zu neuen Ufern

Die Botschaft des Weltwirtschaftsforums 2014 in Davos lautet: Die Lage wird besser, Fortschritt ist wieder möglich.

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Von Hannes Koch

23. Jan. 2014 –

Die beiden Damen in ihren Dreißigern, eine im weißen Kostüm, die andere im roten Kleid, dirigieren Muhammad Yunus in die getäfelte Hotelbar. Von dem berühmten Banker der Armen aus Bangladesch erhoffen sie sich Ratschlag und Unterstützung. Die beiden Europäerinnen wollen ebenfalls ein Unternehmen aufziehen, das Gutes tut und gleichzeitig Geld verdient. Einen potenziellen Kapitalgeber aus Afrika bugsieren die Damen ebenfalls an den Tisch.

 

Eine Viertelstunde geht es in Geschäftsenglisch hin und her. Dann Aufbruch, die Damen fotografieren die Gruppe abwechselnd mit ihren Smartphones - smile, smile und „hope to see you again“. Im Weggehen sagt die Eine: „Der will uns kein Geld geben, null, er braucht es selbst.“

 

Das ist Davos. Während der vier Tage des alljährlichen Weltwirtschaftsforums (WEF), das am Samstag zu Ende geht, treffen sich in dem Schweizer Alpenstädtchen so viele Angehörige der globalen Wirtschafts- und Politikelite, wie zu kaum einem anderen Anlass. Offiziell nehmen 1.500 Spitzenmanager teil. Umschwärmt werden sie von wahrscheinlich ebenso vielen Menschen, die versuchen ein kleines Stück des großen Kuchens abzubekommen. Und seien es nur Visitenkarten, Telefonnummern, Kontakte und damit die Möglichkeit, später doch noch ein Geschäft einzutüten.

 

Davos ist auch ein Thermometer, um den Zustand der Mächtigen zu diagnostizieren. Der Befund: Obwohl die akute Finanzkrise der Jahre 2008 bis 2010 mit ihren Banken- und Investorenexessen überwunden ist, fühlen sich viele Manager verfolgt. Sie haben das ungute Gefühl, unter dem Druck der Öffentlichkeit zu stehen. Sie meinen sich rechtfertigen zu müssen.

 

Gleich eine der Auftaktveranstaltungen sollte Antworten geben auf die Frage „Wie macht man gute Geschäfte?“ Wobei „gut“ sowohl betriebswirtschaftlich, als auch moralisch zu verstehen war. Dennis Nally, der Chef der Wirtschaftsprüfungs- und Beratungsfirma PricewaterhouseCoopers, leitete die Podiumsdiskussion vor 200 WEF-Teilnehmern so ein: „Das Vertrauen in die Unternehmen war noch nie so gering wie heute.“

 

Warum, ist den Managern im Prinzip klar. In zahlreichen Staaten sind so viele Menschen arbeitslos wie selten zuvor – in Spanien beispielsweise 25 Prozent, unter jungen Leuten sogar die Hälfte. Vielerorts nimmt die soziale Ungleichheit zu, hohe Einkommen und Vermögen steigen, die Mittelschicht dagegen schrumpft, auch in Deutschland. Zumindest eine Mitverantwortung für solche Entwicklungen weisen viele Bürger den Unternehmen zu.

 

Vor diesem Hintergrund schickte der Papst erstmals einen Gesandten mit einer Botschaft zum Forum. Franziskus mahnte die Elite, sich für die gerechtere Verteilung des Wohlstands auf der Welt einzusetzen. Führende Manager und Politiker hätten eine „klare Verantwortung gegenüber anderen, vor allem denjenigen, die am zerbrechlichsten, schwächsten und verwundbarsten sind“, erklärte das Oberhaupt der katholischen Kirche.

 

Eine harte Nuss für die Prominenten auf dem Podium. Ihre Entgegnungen schwankten zwischen Selbstverteidigung und Nachdenklichkeit. Indra Nooyi, Chefin von PepsiCo aus den USA, sagte: „Unternehmen sind die einzigen Organisationen, die gut funktionieren“ - jedenfalls in ihrer Mehrheit und im Gegensatz zu mancher Regierung.

 

Feike Sijbesma, Chef des niederländischen Chemie-Unternehmens DSM, dagegen versuchte sich mit konstruktiven Überlegungen. Die Geschäftspolitik eines modernen Unternehmens, so seine weitreichende These, müsse die Interessen aller „Stakeholder“ abbilden – aller Interessengruppen, für die der jeweilige Konzern und seine Produkte wichtig sind. Natürlich seien deshalb auch soziale und ökologische Gesichtspunkte angemessen zu berücksichtigen, so Sijbesma. Er sagte: „Kein neues Vertrauen ohne Verringerung der sozialen Ungleichheit.“

 

Wie aber sollen Unternehmen das bewerkstelligen? Sie können beispielsweise Arbeitsplätze schaffen und höhere Löhne zahlen. Der niederländische Manager ging soweit, außerdem neue Bilanzierungsregeln vorzuschlagen. Wenn ein Unternehmen ökologische Schäden anrichte, müsse dies in der Gewinn- und Verlustrechnung ebenso auftauchen wie der finanzielle Saldo.

 

Solche ökonomischen oder politischen Botschaften zu setzen – dafür ist Davos ebenfalls jedes Jahr auf´s Neue der angesagte Ort. Die Absender können sicher sein, dass das Auditorium empfänglich und der Resonanzboden stark genug ist. Die zentrale Botschaft 2014 lautete: Manches liegt im Argen, aber vieles wird auch besser.

 

Zum schlechten Teil der Nachricht: Ex-Bundesbankchef Axel Weber, jetzt Verwaltungsratspräsident der Schweizer Bank UBS, wies auf die schwachen Wachstumsaussichten in Europa hin. Ergebnis: Die Arbeitslosigkeit würde kaum sinken. Andere bemängelten, dass zu allem Überfluss die ökonomische Dynamik in Schwellenländern wie China nachlasse. Und auch der Bürgerkrieg in Syrien bereitete vielen WEF-Teilnehmern Sorgen.

 

Auf der Haben-Seite stand dagegen, dass Europa trotz allem deutlich auf dem Weg der Besserung ist. Die Krisenstaaten Irland, Portugal und Spanien können wieder Staatsanleihen zu annehmbaren Preisen verkaufen. Die Investoren leihen ihnen wieder Geld. Der Aufschwung in den USA mit geringerer Arbeitslosigkeit und höherer Produktivität ist unterwegs. Und Japan hofft, seine 20jährige Stagnation abzuschütteln.

 

Die überragende positive Botschaft aber überbrachte Irans Staatspräsident Hassan Ruhani. Er versprach Ausgleich mit den Nachbarn, Kooperation und den Verzicht auf Atomwaffen. Nicht alle glaubten ihm – am wenigsten Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu. Einige Kommentatoren dagegen verstanden Ruhanis Auftritt als „wichtigste Davos-Rede der vergangenen Jahre.“ Man könne sie lesen als einen lange erwünschten Schritt auf dem Weg zum Frieden im Nahen und Mittleren Osten.

 

So schaltete das Forum vom Krisen- und Erschöpfungsmodus der vergangenen Jahre deutlich auf Fortschritt um. Regierungschefs wie Netanjahu, Enrique Pena Nieto aus Mexiko und Tony Abbott (Australien) verbrachten wesentliche Teile ihrer Redezeit vor dem Plenum einfach damit, die Vorteile ihres Landes für ausländische Investoren herauszustellen. Mit anderen Worten: Es geht vorwärts, lasst uns anpacken.

 

Fortschritt im Großen, aber auch im Kleinen. Die 31jährige Mexikanerin Dina Buchbinder knüpft dem Berichterstatter ein buntes Bändchen mit den Symbolen der Millennium-Entwicklungsziele (MDG) der Vereinten Nationen um das rechte Handgelenk: „Auch Du bist jetzt ein Botschafter für die MDGs.“

 

Zehntausende mexikanischer Kinder tragen diese Bändchen bereits. Sie bekommen sie als Geschenk, wenn sie an den Sportveranstaltungen, die Buchbinder organisiert, teilnehmen und sich dabei spielerisch beispielsweise mit Gesundheitsvorsorge auseinandersetzen. Als Anerkennung für ihr Engagement hat das WEF Buchbinder nach Davos eingeladen. Mexiko – Drogenkrieg, Mafia, bewaffnete Milizen? Ach was, auf zu neuen Ufern!

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