Bald gibt es Schnellladestellen auf den Autobahnen

Die deutschen Autohersteller wollen auf europäischen Rastplätzen ein flächendeckendes Ladenetz für E-Mobile installieren. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Von Wolfgang Mulke

08. Nov. 2017 – Wann wird die Versorgung mit Strom für E-Mobile an den Autobahnen flächendeckend klappen?

In spätestens drei Jahren soll das europäische Autobahnnetz möglichst vollständig mit Schnellladestationen ausgestattet werden. Das kündigt das Unternehmen Ionity mit Sitz in München an. Noch in diesem Jahr werden an Raststätten die ersten 20 Stationen aufgebaut. 2020 sollen es schon 400 sein, in einem Abstand von jeweils 120 Kilometern. Zunächst werden die Stationen an den Autobahnen in Deutschland, Österreich und Norwegen errichtet. Dabei arbeitet Ionity mit des Raststättenbetreibern Tank & Rast, Circle K und OMV zusammen. Jede Station wird nach Unternehmensangaben über mehrere Ladesäulen verfügen. „Schnelle, komfortable und digital bezahlbare Ladevorgänge sind unser Ziel“, sagt Ionity-Chef Michael Hajesch.

Wer steht hinter den Plänen?

Ionity ist ein Gemeinschaftsunternehmen der deutschen Autohersteller VW, Porsche, Audi, BMW, Ford und Daimler. Das US-Unternehmen Tesla ist nicht dabei. Der E-Auto-Hersteller aus Amerika baut ein eigenes Schnellladenetz auf, das mit dem nun geplanten nicht kompatibel ist. Ionity ist nach eigenen Angaben offen für eine Beteiligung weiterer Automobilfirmen, etwa aus Frankreich oder Italien.

Passen die Stecker für alle Elektroautos?

Das ist nicht der Fall. Nur Automodelle, die über das Combined Charging System (CCS) verfügen, können an den Schnellladestationen Strom tanken. CCS ist ein gemeinsamer, markenübergreifender Standard, der in Europa und den USA verbreitet ist. Dabei werden im Stecker zwei Buchsen, eine für Wechselstrom und eine für Gleichstrom, kombiniert. Derzeit gibt es jedoch nur wenige Modelle, die in der Serienfertigung mit einem CCS-Stecker ausgestattet werden. Welche Fahrzeuge die Ladestationen nutzen können will Ionity nicht sagen. BMW und VW gehören wie auch ein Modell von Opel und von Hyundai dazu. An der Verbreitung des Standards beteiligen sich in einer gemeinsamen Initiative auch die anderen deutschen Hersteller, so dass die Zahl der CCS-Modelle schnell ansteigen dürfte. Daimler verwendet CCS beispielsweise ab 2018 in allen E-Autos.

Wie lange dauert eine Aufladung der Batterie?

Sofern die technischen Voraussetzungen beim Fahrzeug stimmen, ist die Batterie ratzfatz wieder voll. „Ein Fahrzeug könnte mit IONITY Stationen in weniger als 5 Minuten geladen werden“, erläutert Ionity-Sprecher Hakan Günay. Dafür müsse es mit einer „350 Kilowatt Charging Power“ ausgestattet sein. 350 kW ist die Höchstleistung der Ladestationen. Bei den bisher 50 Kilowatt, die E-Mobile wie der BMW i3 ohne Probleme laden können, dauert es 40 Minuten, etwa so lang, wie eine ausgedehnte Pause an der Raststätte.

Ist der Autobahnstrom teurer als der im Haushalt zuhause?

Teurer als der Strom zuhause wird die Elektrizität an den Ladestationen sicher sein. Ein Gebührenmodell will Ionity allerdings erst bekannt geben, wenn die ersten Säulen ans Netz gehen. Die Tarife sollen sich nach Unternehmensangaben an denen der bereits bestehenden Stromtankstellen orientieren. Dort wird entweder nach der Standzeit am Ladegerät oder der Strommenge abgerechnet.

Gibt es damit genügend Stromzapfsäulen für das gesamte Land?

Die Zahl der Stromtankstellen hat in der letzten Zeit deutlich zugenommen. Nach Angaben des Branchenverbands BDEW gab es Ende Juni 2017 bundesweit 10.700 Ladepunkte auf gut 4.700 Säulen. 1.142 Städte und Gemeinden bieten wenigstens eine Ladestation an. Allerdings ist die Zahl in den Städten und abseits der Autobahnen damit nach wie vor zu gering für eine flächendeckende Versorgung. Nach Berechnungen der Nationalen Plattform Elektromobilität müsste es bis 2020 rund 70.000 Ladepunkte geben. Jede zehnte müsste die Batterien schnell aufladen. Die Plattform rechnet mit einem schnellen Ausbau der Infrastruktur. Denn der Bund fördert den Bau von Stromtankstellen mit insgesamt 300 Millionen Euro. Von allein rechnet sich der Betrieb bisher nicht, weil es zu wenige Elektrofahrzeuge gibt. So verstehen die an Ionity beteiligten Firmen ihr Vorhaben auch als Investment, mit dem die Elektromobilität gemeinsam voranzubringen. „Die Verfügbarkeit eines flächendeckenden Schnelllade-Netzwerks ist für die Marktdurchdringung der Elektromobilität unverzichtbar“, stellt Hajesch fest.

Kann ich mir jetzt beruhigt ein E-Auto kaufen?

Derzeit sind in Deutschland unter den 45 Millionen Autos weniger als 50.000 Elektroautos zugelassen. Trotz einer Kaufprämie steigt die Zahl nur langsam an. Grund dafür ist neben dem höheren Kaufpreis und den unbekannten Restwerten auch die unzureichende Ladeinfrastruktur. Zumindest an den Schnellstrecken wird dieses Problem mit dem neuen Netz behoben. Insbesondere die Wertentwicklung birgt für die Käufer von Elektrofahrzeugen ein Risiko. Einerseits verringert sich die Leistung der Batterien mit der Zeit. Die teuerste Komponente eines E-Mobils verliert damit an Wert. Auch kommen mit der Zeit immer leistungsfähigere Modelle auf den Markt. Das könnte die Gebrauchtwagenpreis ebenfalls drücken. Gegen dieses Risiko können Leasingverträge mit zuvor festgelegtem Rücknahmewert helfen.

« Zurück | Nachrichten »