Der Reiz der Geldautomaten

Banden sprengen, Banken rüsten auf

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Von Björn Hartmann

02. Jun. 2023 –

Ein lauter Knall, ein aufheulender Motor, dann Ruhe: In vielen Orten haben Diebe nach Pfingsten wieder Geldautomaten gesprengt: Bad Vilbel, Grevenbroich, Limburg-Oberfrohna, Oberhausen, Witten. In Oberhausen warteten die Täter offenbar sogar, bis ein Wachmann auf Toilette musste. Seit Jahresbeginn traf es geschätzt mehr als 100 Automaten. Die Kreditinstitute sind alarmiert, die Politik denkt über einheitliche Sicherheitsstandards nach. Und die Täter rüsten auf.

Gut 500 Automaten sprengten Kriminelle nach ersten Zahlen im vergangenen Jahr, 2021 waren es dem Bundeskriminalamt zufolge 392. Damals erbeuteten die Täter insgesamt rund 19,5 Millionen Euro. Macht im Schnitt rund 50.000 Euro pro Diebstahl. Inzwischen ist die Summe offenbar gestiegen. Die Beute betrage durchschnittlich etwa 100.000 Euro heißt es aus der Branche. Hinzu kommen die Kosten für den Ersatz der Automaten –mindestens so viel wie ein Kleinwagen, meist mehr – und die Reparatur der Gebäude.

Einer der Gründe, warum sich Täter an die Geldautomaten halten, ist die leichtere Verfügbarkeit im Vergleich zu anderen Möglichkeiten, schnell an große Mengen Bargeld zu kommen. „Die Zahl der Banküberfälle ist in den vergangenen Jahren kräftig gesunken, auch, weil in den Banken oft weniger Geld lagert“, sagt Jörg Johannsen, Leiter Bargeldversorgung und Geldautomaten bei der ING-Diba in Frankfurt. Sein Kollege Michael Zinn, Experte für Geldautomaten, ergänzt: „Bargeld ist einfacher zu verwerten als Schmuck oder technische Geräte, die die Täter immer erst verkaufen müssen.“

Deutschland ist besonders interessant. Die Bundesbürger zahlen gern mit Bargeld, holen es sich am Automaten. Entsprechend sind die Geräte oft gut bestückt. Und es gibt sehr viele: 52.609 waren es 2022. „Die Bauart aber auch die Standorte der Geräte unterscheiden sich im Ausland deutlich von denen in Deutschland“, heißt es bei der Deutschen Kreditwirtschaft, dem Dachverband aller Bank- und Sparkassenverbände. Offenbar locken also die Geräte selbst. Allerdings werden auch in den Niederlanden und Frankreich Automaten gesprengt.

Hinter den Angriffen stehe Organisierte Kriminalität, sagt Geldautomatenexperte Zinn. „Die Täter sind gut vorbereitet, haben die Prozesse standardisiert, die Aufgaben klar verteilt. Es gibt Fahrer, Sprengmeister, Spezialisten für die Sprengpakete.“ Die Kriminellen kommen vor allem aus dem Ausland, 2021 überwiegend aus den Niederlanden, wie Zahlen des Bundeskriminalamts zeigen. Und auch die Fahndungserfolge der Polizei weisen daraufhin.

„Die Täter sprengen nicht immer. Die Automaten werden auch mit Spreizern und Trennschneidern angegriffen“, sagt Johannsen. „Zum Teil wird auch der ganze Automat geklaut.“ Und manchmal brechen die Täter sogar die Wand hinter einem Automaten auf, um ihn dann in Ruhe und unbeobachtet von den Kameras vor dem Gerät, knacken zu können. Fester Sprengstoff ist aber derzeit das Mittel der Wahl, weil er schnell zum Ziel führt. Er ersetzt zunehmend Gas, das noch deutlich verheerendere Folgen für die Gebäude hatte, in denen die Geldautomaten aufgestellt sind.

Um die Automaten weniger interessant für Täter zu machen, gibt es einige Möglichkeiten: So können die Scheine bei einem Angriff auf den Automaten eingefärbt oder mit einer Art Superkleber zusammengepappt werden. Allerdings kommen die Techniken an die Grenzen, weil die Sprengung oft schneller ist. Bevor der Mechanismus die Farbe übers Geld verteilen kann, ist zum Beispiel die Farbkartusche zerstört. Auch ließen sich die Tresore in den Geldautomaten verstärken. Erfahrung aus den Niederlanden zeigt, dass die Täter dann im Zweifel mehr Sprengstoff verwenden – was wiederum größere Schäden an den Gebäuden bedeutet.

„Es gibt nicht die eine Lösung, die allen Banken und Sparkassen hilft“, sagt ING-Diba-Spezialist Johannsen. „Deshalb ist eine politische Lösung, die einheitliche Sicherheitsmerkmale für alle festschreibt, nur wenig zielführend.“ Und sein Kollege ergänzt: „Es kommt immer auch auf den Standort an. Wir können den Automaten stärker sichern, je nach Lage auch den Raum, in dem er steht, etwa durch Nebel, der sich binnen Sekundenbruchteilen ausbreitet und den Tätern die Orientierung raubt“, sagt Zinn. „Oder dafür sorgen, dass der Standort nicht kurzläufig mit einem Wagen erreichbar ist.“

Offenbar suchen die Täter gezielt Standorte in ruhigeren Gegenden aus, bei denen sie vorfahren können. Geräte in Hauseingängen in belebten Partyvierteln einer Großstadt sind eher nicht Ziel, dafür aber der Vorraum einer Filiale an einem Gewerbegebiet. Wichtig auch: die Nähe zu Schnellstraßen, damit eine schnelle Flucht möglich ist. Hier hilft den Tätern das Autobahnnetz. Sie nutzen meist hochmotorisierte Fahrzeuge, gern sportliche deutsche Modelle. In Oberhausen war von einem dunklen Audi die Rede, in Grevenbroich soll es ein 3er BMW gewesen sein.

„Der beste Schutz wäre, die Automaten über Nacht zu entleeren und sie morgens wieder zu befüllen“, sagt Johannsen von der ING-Diba. „Das ist praktisch, aber weder durchführbar noch bezahlbar.“ Und so überprüfen alle Banken und Sparkassen systematisch ihre Standorte, verlegen gegebenenfalls Geldautomaten, befüllen sie mit weniger Geld. Und manchmal hilft schon ein einfacher Bewegungsmelder, der sehr viel Lärm auslöst, um die Täter zu verscheuchen.

„Das letzte Mittel ist, einen Automaten abzubauen“, sagt Johannsen. „Etwa, wenn über ihm Menschen in einer Wohnung leben und das Risiko zu groß wird.“ Aber selbst die Direktbank ING-Diba, die keine Filialen hat, betreibt rund 1000 Geldautomaten, „weil wir eine Vollbank sind“, sagt Johannsen. „Und wir haben eine Verantwortung und den Auftrag, die Menschen mit Bargeld zu versorgen.“

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