Deutschlands Wälder gedeihen

Vom Waldsterben keine Rede mehr. Das zeigt eine große Waldinventur. CSU-Agrarminister Schmidt will den Wald nun „schützen und nützen“. Da erheben Umweltschützer einen Einwand.

Von Hanna Gersmann

08. Okt. 2014 –

Der deutsche Wald soll Holz liefern für Möbel, fürs Heizen im Kamin und er soll helfen, das Klima zu schützen. Kann das alles klappen? Dem Wald gehe es jedenfalls „gut“, sagte CSU-Bundesagrarminister Christian Schmidt am Mittwoch. Die Schäden der 80er Jahre, als die Republik das Waldsterben und den sauren Regen fürchtete, seien „überwunden“. Schmidt stützt sich auf die neue, die dritte Bundeswaldinventur - ein Megaprojekt. Es gibt sie alle zehn Jahre.
 
Extra geschulte Waldgutachter, ausgerüstet mit Laptops und Navigationsgeräten, sind durch die hiesigen Wälder gezogen. 90 Milliarden Bäume wachsen hierzulande, ein Drittel Deutschlands ist bewaldet. An 60.000 Stellen haben die Inventurtrupps beurteilt, was sich an Grün finden lässt: hoch gewachsene Kiefern, verkrüppelte Birken, alte Eichen. Sie orientieren sich an einem Vier-mal-Vier-Kilometer-Raster, das für Laien nicht erkennbar das Land einteilt. Das Thünen-Institut im brandenburgischen Eberswalde koordiniert die Inventur.

Anders als der Waldzustandsbericht, der jedes Jahr einen Eindruck gibt, wie gesund der Wald ist, schafft diese Bilanz den großen Überblick über Menge des Holzes, Artenvielfalt und Treibhausgasbilanz. Demnach steht in den Wäldern so viel wie seit Jahrhunderten nicht mehr, der Holzvorrat ist in den letzten zehn Jahren um sieben Prozent gestiegen. Die Bäume werden älter. Der Wald besteht dabei knapp zur Hälfte aus Fichten (25%) und Kiefern (22%), doch die Laubbäume nehmen zu: Waren es 2002 noch 40 %, sind es heute 43.

Die Nadelholzbestände, die in großem Stil nach dem zweiten Weltkrieg gepflanzt wurden, gehen zurück. Die monotone Kulturen, die schon nach 50 bis Jahren geschlagen werden können, haben sich als anfällig erwiesen gegen Insekten oder Stürme. Bei Kyrill, Lothar oder Wiebke knickten die Bäume schneller ein. Darum wird nun umgebaut.

Der Wald von morgen soll stabiler, „widerstandsfähiger“ sein, sagte Minister Schmidt. Er werde einen „deutschen Waldpakt“ einrichten, in dem die staatlichen und private Waldbesitzer den Wald von morgen planen. Das Prinzip: „Schützen durch Nützen“.  

Doch geht das auf? Schon heute wird die Hälfte des in Deutschland geschlagenen Holzes verbrannt. Der Rest wird zu Papier, Baumaterial oder Möbeln. 1,1 Millionen Menschen arbeiten in der Holz- und Forstwirtschaft. Der Wald ist auch Revier für die Jagd oder Ort für den Spaziergang. Obendrein soll er ökologisch in Takt sein, das Klima schützen. Dazu brauche er aber auch Schonung,  meinen Umweltschützer.

„Wir brauchen dringend ein Netz ungenutzter Waldflächen, in denen sich die Natur selbst überlassen ist“, forderte der WWF. Ginge es rein nach der Natur, stünden in Deutschland vor allem Buchen. Diese seien zu wenig „streng geschützt“, kritisierte Greenpeace in einer gemeinsamen Erklärung mit dem BUND, dem Forum Umwelt und Entwicklung und dem NABU. Es mangele an Urwäldern, die am meisten Holz hätten und am meisten Treibhausgase binden würden.

Tatsächlich sind bisher 1,9 Prozent der hiesigen Wälder streng geschützt, dort wird keine Forstwirtschaft mehr betrieben. Die Bundesregierung selbst hat sich im Jahr 2007 das Ziel gesetzt, bis  2020 fünf Prozent der Waldflächen dauerhaft einer Nutzung zu entziehen.„Defacto haben wir das selbstgesteckte Ziel schon erreicht“, sagte Schmidt. In vielen Arealen werde ohnehin kein Holz geschlagen. Auf Dauer gesichert ist das freilich nicht. Die Umweltschützer werden sich damit nicht zufrieden geben.
 
Kasten: Wald in Zahlen
31 % Deutschlands sind mit Wald bedeckt. Er wächst vor allem in Bayern: 2,6 Millionen Hektar. Danach folgen Baden-Württemberg mit 1,4 Millionen und Niedersachsen mit 1,2 Millionen.  
Die häufigsten Bäume sind Fichte  mit 28%, Kiefer mit 23%) und Buche mit 15%.  Eiche macht 10% und Birke 4% aus. 

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