Disney greift Netflix an

Streaming boomt – aber die Konkurrenz wird härter

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Von Finn Mayer-Kuckuk

17. Apr. 2019 –

Der US-Videodienst Netflix macht sich auf zunehmenden Wettbewerb gefasst: In den kommenden Monaten drängen sowohl Disney als auch Apple in das Geschäft mit der Echtzeitverteilung von Filmen und Serien. „Disney+“ soll am 12. November in den USA online gehen, in Deutschland wird der Dienst Anfang 2020 verfügbar. Netflix kündigte für die kommenden Monate bereits einen Rückgang des Wachstums der Abo-Zahlen an.

Der weltweite Marktführer spielt den Einfluss der neuen Rivalen auf das eigene Geschäft indessen herunter. „Es gibt bereits enorme Konkurrenz in unserer Branche, und jetzt erhöhen Disney und Apple sie halt noch“, sagte Firmenchef Reed Hastings bei der Telefonkonferenz zur Vorlage der Quartalszahlen. Hastings erklärt den Rückgang des Wachstums stattdessen mit der Sättigung des Marktes und einer geplanten Preiserhöhung. „Wir sind begeistert, dass wir jetzt in der Liga von Namen wie Apple und Disney spielen.“

Tatsächlich steigen Apple, Disney und andere etablierte Marken erstaunlich spät ins Geschäft mit sofort abspielbaren Internetvideos (Streaming) ein. Netflix hat hier einen gewaltigen Vorsprung. Dabei besitzen sowohl Apple als auch Disney die Rechte an vielen wertvollen Inhalten. Sie haben sich jedoch lange auf andere Geschäftsmodelle konzentriert, statt sie selbst in Angeboten für den Echtzeitabruf (on demand) zu bereitzustellen. 

Die Streaming-Revolution verlief sehr schnell. Während die Angebote vor zehn Jahren nur Eingeweihten bekannt waren, muss das Privatfernsehen heute um seine Existenz bangen. Weltweit verwaltet Netflix derzeit 149 Millionen Abos; die Zahl der Zuschauer liegt bei einem Vielfachen davon. Das Marktforschungsinstitut Yougov verzeichnet seit 2015 eine Verzehnfachung der Streaming-Nutzung bei den Zuschauern unter 35 Jahren; sieben von zehn von ihnen gucken fast nur noch online und interessieren sich kaum noch für die klassische Glotze. „2019 ist das Jahr der Disruption der Fernsehbranche“, urteilt Yougov in einer aktuellen Studie zum „Kampf der Streaming-Anbieter“. Schlecht für ZDF und Sat.1: Auch Rentner werden zunehmend süchtig nach Internet-Videos. 

Das Streaming von Videos über das Internet läuft derzeit auch in Deutschland dem Fernsehen den Rang ab. Amazon Prime und Netflix liegen dabei ungefähr gleichauf. Der Online-Studie der öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF zufolge nutzen sechs von zehn Bundesbürgern zumindest einmal in der Woche einen Internet-Videodienst. 

Disney besitzt dabei die Rechte an einigen der beliebtesten Filmreihen der vergangenen Jahre. Der Konzern hat beispielsweise die zahllosen Umsetzungen von Marvel-Comics produziert – also die Avengers, Captain America, Thor, Dr. Strange, Iron Man, Guardians of the Galaxy und so weiter. Zu Disney gehört seit 2012 aber auch Star Wars. 

Bisher hat das Unternehmen diese wertvollen Inhalte auch über Netflix gezeigt. Jetzt wandern sie exklusiv ins eigene Angebot. Der neue Streaming-Dienst wird gleich am 12. November mit einem besonderen Leckerbissen starten: einer neuen Spielfilmserie in der Welt von Star Wars. The Mandalorian handelt von den Abenteuern des Kopfgeldjägers Boba Fett, der bei Fans der Filmreihe besonders beliebt ist. 

Zusammen mit den bekannten Kinderfilmen von Arielle bis Frozen gehören solche Angebote zu den absoluten Lieblingen der Zuschauer. Disney kündigte bereits an, den Streaming-Dienst gleich mit Dutzenden neuen Serien und eigenen Filmen an den Start gehen zu lassen, die nur dort verfügbar sind. Das Ganze soll zudem bloß sieben Dollar im Monat kosten. Die Netflix-Preise variieren in Deutschland zwischen acht und 16 Euro. 

Der Eintritt von Disney ins Streaming ist für Netflix nun doppelt schlecht. Die Plattform verliert zunächst die wertvollen Filme und wird dadurch weniger attraktiv. Manche weniger betuchte Kunden dürften zudem mit einem einzelnen Streaming-Abonnement zufrieden sein und Netflix zugunsten von Disney kündigen – die Geldbörse wird mit der Vervielfachung der Videoangebote schließlich nicht voller. Eine Umfrage der Agentur Nextmedia.Hamburg hat ergeben, dass in Deutschland kaum jemand mehr als 15 Euro im Monat für Streaming ausgeben mag. Nur jeder Dritte leistet sich Zugang zu mehreren Anbietern. 

Am Ende könnte der Gewinner jedoch Netflix sein. Der Marktführer hat immer noch das breiteste Angebot und Eigenproduktionen, die immer wieder Gesprächsthema werden. Hastings präsentierte jedenfalls in der Nacht auf Mittwoch solide Geschäftszahlen. Netflix konnte von Januar bis März 9,5 Millionen neue Kunden gewinnen. Das Wachstum von 16 Prozent im Jahresvergleich ist zwar langsamer, aber immer noch sehr hoch. Der erwartete Rückgang ist jedoch erheblich: Im laufenden Quartal werden der Prognose zufolge nur fünf Millionen Abos dazukommen, also halb so viele wie im ersten Quartal. Der Umsatz stieg derweil auf viereinhalb Milliarden Dollar. Der Gewinn erreichte 344 Millionen Dollar.

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