• Kirsten Clodius |Foto: CIR
    Kirsten Clodius |Foto: CIR

„Es geht hier nicht um Almosen“

Nur neun von 27 Textilketten seien bereit, Entschädigungen für die Opfer der eingestürzten Fabrik in Bangladesch zu zahlen, sagt Aktivistin Kirsten Clodius

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Von Hannes Koch

13. Sep. 2013 –

Hannes Koch: Über 1.000 Beschäftigte starben beim Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch, die auch für deutsche Bekleidungsgeschäfte produzierte. Mit den Unternehmen haben Sie in den vergangenen Tagen in Genf über Entschädigungen verhandelt. Was ist dabei herausgekommen?

 

Kirsten Clodius: Weniger als erhofft. Nur neun von 29 Textilketten, die in Rana Plaza produzieren ließen, waren anwesend - unter anderem Bon Marche, El Corte Ingles und KiK aus Deutschland. Zu konkreten Entschädigungszusagen konnten sich die Unternehmen noch nicht durchringen. Es geht hier aber nicht um Almosen, sondern um Recht.

 

Koch: Die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), die die Verhandlungen moderierte, hat eine Entschädigungssumme von etwa 60 Millionen Euro errechnet. Knapp die Hälfte sollen die Firmen beisteuern. Akzeptieren die Unternehmen diese Summe grundsätzlich?

 

Clodius: Ja, das scheint so zu sein. Aber sie beziffern nicht genau, wer wieviel zahlt. Immerhin haben sie zugesagt, weitere Verhandlungen in den kommenden zwei Wochen zu führen - auch mit den Textilketten, die jetzt nicht teilgenommen haben.

 

Koch: Über tausend Familien von toten Rana-Plaza-Beschäftigten und Arbeitsunfähigen fehlt nun der Ernährer. Wieviel Geld sollten sie erhalten, um künftig über die Runden zu kommen?

 

Clodius: Die ILO geht davon aus, dass die Entschädigung pro Familie der Hälfte des durchschnittlichen Gehaltes von 25 Arbeitsjahren entsprechen muss. Das wären etwa 3.600 Euro. Dass sich die Unternehmen über solch kleine Summen streiten, ist skandalös. Sie ignorieren das Leid der Menschen. Und sie scheinen noch immer nicht bereit, internationales Recht anzuerkennen, das die Sorgfaltspflicht der Firmen gegenüber ihren Beschäftigten festgeschreibt.

 

Koch: Indem sich die ILO eingeschaltet hat, ist das Problem auf der Ebene der Vereinten Nationen angekommen. Neuerdings ist auch der internationale Gewerkschaftsbund Industrieall an den Verhandlungen beteiligt. Ist das kein Fortschritt?

 

Clodius: Doch, der langjährige Druck der Kampagne für Saubere Kleidung und anderer Organisationen hat etwas bewirkt. Diese Verhandlungen sind ein Meilenstein. Vor einiger Zeit haben 80 Textilketten das neue Brandschutzabkommen für Bangladesch unterzeichnet. Und auch die Regierung dieses Landes kann die Probleme in den Fabriken nun nicht mehr ignorieren.

 

Koch: Viele Verbraucher in den Industrieländern interessieren sich inzwischen mehr für sozial- und umweltverträgliche Produkte. Stellen Sie deshalb insgesamt fest, dass die Konzerne die Arbeitsbedingungen in ihren weltweiten Produktionsketten verbessern?

 

Clodius: In der Tat reagieren die Unternehmen darauf, dass die Bürger kritischer nachfragen als früher. In ihrer Außendarstellung liefern sich die Konzerne geradezu einen Wettbewerb, wer die höchsten Standards vertritt. Konkrete Verbesserungen in der Produktion finden dagegen viel zu selten statt. So liegen die Löhne in den Entwicklungs- und Schwellenländern meist viel zu niedrig. Über existenzsichernde Bezahlung will kaum ein Konzern reden.

 

Bio-Kasten

Kirsten Clodius (Jg. 1976) arbeitet bei der Christlichen Initiative Romero in Münster. Diese engagiert sich in der Kampagne für Saubere Kleidung, um die Arbeitsbedingungen in den Zulieferfabriken der globalen Modekonzerne zu verbessern.

 

Info-Kasten

Einsturz und Debatte

Das Interesse von Medien und Öffentlichkeit in vielen Ländern war immens, als im April diesen Jahres die Textilfabrik Rana Plaza in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, einstürzte. Über 1.000 Arbeiterinnen und Arbeiter starben damals, über 2.500 wurden verletzt – teilweise so schwer, dass sie nie mehr arbeiten können. Das achtstöckige Gebäude, in dem auch deutsche Firmen produzieren ließen, war instabil gebaut worden. Nicht zuletzt wegen dieser Katastrophe sind Textilkonzerne der reichen Länder inzwischen eher bereit, sich um die Zustände in ihren weltweiten Zulieferfabriken zu kümmern.

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