Experimente bitte

Wird die GroKo 18, rockt sie wieder

Von Hannes Koch

09. Feb. 2018

Mein Sohn ist jetzt 18. Nun fallen ihm viele Sachen ein, die er endlich tun darf oder will. Er probiert alles Mögliche aus. Gerade war er mit Freunden Golfspielen. „Wie spießig ist das denn?“, beschwerte sich seine Schwester, Künstlerin, 20. Ich: Genau das Gegenteil wäre spießig – es nicht auszuprobieren, weil man denkt, es sei spießig. Dann fuhr er zum Paintball-Schießen in die Uckermark. In einem Ensemble aus alten Fabrikhallen übte er mit seinen Jungs Häuserkampf. Der Organisator in Camouflage-Klamotten begrüßte sie mit den Worten: „Hallo, Frischfleisch.“ An Halb- oder Vollnazis, die weitere merkwürdige Neigungen pflegen, kommt er sonst nicht so nah heran.


Schön war auch der „Sicherheitstraining“ genannte Schleuder-Kurs auf dem ausgedienten DDR-Atombomber-Flugplatz im Norden von Berlin. Auf dem weitflächigen Beton der früheren Startbahn übte er: Vollgas geradeaus, bei 100 Km/h die Handbremse ziehen. Wenn sich der Wagen zu drehen beginnt, die Fußbremse bis aufs Bodenblech durchtreten. Kommt das Auto entgegen der Fahrtrichtung zum Stehen, voll Stoff in die andere Richtung beschleunigen. Hat man was vergessen und muss schnell nochmal nach Hause, lässt sich dieses Manöver auf dem Mehringdamm in Kreuzberg anwenden. Oder Samstagmorgens beim Bäcker schwungvoll in die Parklücke sliden. Zum Zustand unseres 20 Jahre alten Peugeots hat der Fahrlehrer meinen Sohn beglückwünscht: „Gut, dass die Hinterachse nicht rausgerissen ist.“


Dann die Spielbank Berlin am Marlene-Dietrich-Platz. Dort gibt es Dresscode, aber die Latte liegt niedrig: lange Hose und geschlossene Schuhe reichen. Das haben mein Sohn und seine Freunde gerade noch geschafft. Schließlich Kryptowährungen. Als der Bitcoin-Kurs in Richtung 17.000 Euro hochschoss, nahm mein Spross 100 Euro seines ersten selbstverdienten Geldes und investierte. Ziel: 1.000 Prozent Gewinn oder mehr - wie in den Monaten davor vielen Leuten geglückt. Auf der Handelsplattform Bitcoin.de fand er jemandem, der ihm 0,007 Bitcoins verkaufte. Mit Hilfe der Seite Kraken.com tauschte er diese in Ripple, ein anderes Internetzahlungsmittel. Anfangs machte mein Sohn hundert Prozent Plus, dann jedoch begann der Zug in die entgegengesetzte Richtung zu fahren. Als er ausstieg, bekam er 55 Euro zurück. Immerhin hat er den Einsatz nicht völlig vernichtet.


Alles bestens also. Welche seiner Erlebnisse er wiederholt, weiß man nicht. In jedem Fall führen Risiken und Experimente zu Überraschungen und Lerneffekten. Von den Verhandlern über die Große Koalition habe ich mir dasselbe gewünscht. Macht mal was Mutiges! Zum Beispiel: Ähnlich wie in Finnland bekommen alle Einwohner Göttingens probeweise ein bedingungsloses Grundeinkommen, damit wir beobachten können, ob sie kollektiv das Arbeiten einstellen. Alle 18-Jährigen erhalten ein Interrail-Ticket geschenkt, um Europa zu erkunden. Was aber beschließen Merkel, Schulz und ihre Groko-Truppe? Die Eigenheimzulage, 2006 abgeschafft, wird wieder eingeführt.


Bloß keine Experimente. Bisher ist die Kanzlerin, von wenigen Ausnahmen abgesehen, gut damit gefahren. Doch nun machen sich Müdigkeit und Überdruss breit, wie in den letzten Jahren unter Helmut Kohl. Hat Merkel noch eine Chance? Ihre Regierung ist erst 13 Jahre alt. Vielleicht rockt sie wieder, wenn sie 18 wird.

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