Für Stifte, Ranzen oder Tusche müssen Eltern tief in die Tasche greifen

Nicht nur der Schulanfang kostet Eltern viel Geld. Bei den jährlichen Bildungsausgaben kommen rund 1.000 Euro zusammen.

Von Wolfgang Mulke

31. Aug. 2018

Die zur Grundausstattung jeden Erstklässlers gehörende Schultasche beschäftigt die Eltern nicht nur. Sie müssen dafür auch ziemlich tief in die Tasche greifen. Manche Modelle von Edelmarken McNeill oder Scout schlagen mit über 200 Euro zu Buche. Und das ist nicht die einzige Ausgabe für den ersten Schultag. Schultüten, Malkasten, Stifte, Füllfederhalter oder Turnbeutel müssen ebenso angeschafft werden. Aktuelle Zahlen zu den Gesamtkosten gibt es nicht. Einer Erhebung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) kam 2013 auf eine Durchschnittssumme von 238 Euro. Billiger sind die einzelnen Artikel in der Zwischenzeit in der Regel nicht geworden.

Es muss auch nicht der teure Ranzen sein. „"Es gibt immer mehr Eltern, die sich das nicht leisten können“, stellt der Berliner Unternehmer Friedbert Baer fest. Sein Shop „Toner-Dumping“ bietet günstige Alternativen an. Einen guten Rucksack kann man für 25 Euro herstellen“ sagt er, „dazu kommen noch weitere Kosten für den Transport, das Marketing, den Großhändler und schließlich unsere Gewinnmarge." Am Ende stehen etwa 70 Euro auf dem Preisschild. Die gängigen Normen werden trotzdem alle erfüllt.

Doch das Marketing der großen Markenhersteller ist ausgefeilt. Pelikan bietet Lehrern auf der Webseite zum Beispiel kostenlose Unterrichtsmaterialien an. Baer beobachtet, dass die Eltern mit der von der Schule übermittelten Anschaffungsliste häufig auch schon den Namen einer teuren Marke mit auf den Weg bekommen. „Folgen die Eltern den Empfehlungen, kommen schnell 100 Euro zusammen", kritisiert der Händler – ohne Ranzen.

Dabei können die Schulanfänger mit Marken noch gar nichts anfangen. „Den Kindern ist es schnuppe, ob es ein Scout ist“, sagt Denise Ullrich vom auf Kindermarketing spezialisierten Forschungsinstitut Icon Kids, „Hauptsache, es ist ein Einhorn drauf abgebildet.“ Derlei Bildmotive prägen die Wünsche der angehenden Schüler auf sehr traditionelle Weise. Mädchen wollen das Einhorn oder eine Prinzessin, Jungen den Fußball oder einen Saurier. „Eltern sind oft auch zähneknirschend bereit, dem Wunsch nachzugeben“, erläutert Ullrich. Für die mittelständisch geprägte Branche eröffnet dies gleich noch eine zweite Verkaufschance. Denn der Geschmack ändert sich mit dem Alter. „In der 3. Klasse ist die Prinzessin nicht mehr angesagt“, sagt die Expertin. Dann orientieren sich die Kinder eher an den älteren Schülern. Ein neuer Ranzen oder Rucksack muss her.

Angesichts von 725.000 Schulanfänger im vergangenen Jahr lässt sich erahnen, dass die Ausstattung der Schüler ein lukrativer Markt ist. Multipliziert man den von der GfK ermittelten Durchschnittsaufwand mit der Schülerzahl, ergibt allein dieses Segment 172 Millionen Euro. Die Unternehmen sind hinsichtlich ihrer Geschäftszahlen verschwiegen. Marktführer bei Ranzen ist nach eigenen Angaben die Nürnberger Steinmann-Gruppe, zu der Marken wie Scout oder DerDieDas und 4YOU gehören. Anfragen dazu beantworteten die Nürnberger bis Redaktionsschluss nicht.

Der Markt ist noch weitaus größer, denn im Verlauf der Schulzeit werden weitere Ausgaben fällig. Der Kieler Forscher Olaf Köller hat die Ausgaben der Eltern in Schleswig-Holstein untersucht. Der Chef des Leibniz-Instituts für die Pädagogik der Naturwissenschaft und Mathematik an der Kieler Uni kommt auf jährliche Bildungsausgaben von rund 1.000 Euro pro Kind. Davon entfielen 574 Euro allein auf Artikel für das tägliche Lernen wie Hefte, Malkästen, Taschen oder die

Sportausstattung. Zwischen dem Aufwand, den die Eltern betreiben, und dem schulischen Erfolg sieht der Wissenschaftler einen Zusammenhang. Darüber hinaus kosten Bücher, Nachhilfeunterricht oder die Betreuung nachmittags viel Geld. Der Lernerfolg hängt zwar nicht von einzelnen Marken oder Produkten ab. Doch einen Zusammenhang zwischen Aufwand und Erfolg erkennt der Forscher schon. „Da sozial privilegierte Eltern mehr Geld für Lernmittel ausgeben und die Kinder aus diesen Familien im Mittel auch höhere Schulleistungen haben, besteht eine positive Korrelation zwischen Aufwendungen und Schulleistungen“, erläutert Köller.

Diese wichtige Alltagsfrage wird auf einem Spielplatz im Berliner Szenebezirk dort schon mal sehr ausführlich behandelt. „Manche Mütter machen aus dem Kauf des Schulranzens eine ergonomische Wissenschaft“, schildert Bettina H. ihre Erfahrungen.. Auf der anderen Seite des Extrems stünden Eltern, die unbedingt eine Retro-Ranzen für ihr Kind wollen, weil sie das Design der 70er Jahre so schick finden. „Das ist total cool für sie“, sagt die junge Mutter, „nur schlecht für den Rücken der Kinder.

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