Geduld ist gefragt

Kommentar zur EZB-Zinssenkung von Hannes Koch

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Von Hannes Koch

05. Jun. 2014 –

Die akute Finanzkrise ist zwar vorbei, doch jetzt erleben wir ihre latenten Folgen. Ein Teil der Banken in Europa, vor allem in den südlichen Ländern, hat immer noch zu viele schlechte Kredite in den Büchern. Wegen der Sparmaßnahmen und der hohen Arbeitslosigkeit geben die Leute dort kaum Geld aus. Da kann die Europäische Zentralbank (EZB) noch so viele Milliarden Euro zur Verfügung stellen – die Lage wird sich vermutlich nur langsam bessern.

 

Besondere Sorgen machen sich EZB-Chef Mario Draghi und seine Kollegen darüber, dass wegen der Wirtschaftsschwäche die Preise in Europa auf breiter Front sinken könnten. Das wäre ein ernstes Problem, weil Firmen und Bürger dann noch mehr vom Investieren und Geldausgeben abgehalten würden. Deshalb wollen die Zentralbanker, dass die Preise wenigstens etwas steigen. So bieten sie den europäischen Banken abermals billiges Geld an und erlegen ihnen Strafzinsen auf für den Fall, dass sie ihr Kapital nicht an Unternehmen und Bürger weiterreichen.

 

Vorläufig, so ist jedoch zu befürchten, bewirken diese Maßnahmen nicht viel. Denn die Banken haben allen Anlass, Kapital zu horten. Die Beschlüsse der Regierungen und der internationalen Bankenaufseher zwingen sie sogar dazu. „Erst Sicherheit, dann Wachstum“ lautet die Lehre aus der Finanzkrise. Denn die griff auch deshalb um sich, weil der Finanzsektor zu schnell wuchs und die Institute zu hohe Risiken eingingen.

 

Möglicherweise ändert sich die Lage erst nach dem Stresstest der EZB im Winter diesen Jahres. Denn die wichtigsten Institute werden gerade überprüft: Haben sie ausreichend Eigenkapital um ihre Kredit- und Geschäftsrisiken abzudecken? Liegen die Ergebnisse vor, gibt es drei Wege. Einige marode Institute werden abgewickelt, einige bekommen zusätzliches Geld beispielsweise von ihren Regierungen, und die gesunden Banken können durchatmen. Dann wird der europäische Finanzsektor wohl auch wieder mehr Kredite an Bürger und Unternehmen vergeben – wodurch das Wirtschaftswachstum anzieht und die Preise steigen. 2015 sollte besser werden, nicht nur bei uns.

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