Schmuckstück der Bahn fertig

Von der Einweihung der Neubaustrecke Berlin-München profitieren Bahnreisende bundesweit. Wer an diesem Samstag noch Tickets bucht, erhält den alten Preis. Ab Sonntag wird Bahnfahren teurer.

Von Wolfgang Mulke

12. Dez. 2017 – Im 19. Jahrhundert war die Bahn das fortschrittlichste Verkehrsmittel, die Bahnhöfe „Tempel der Zivilisation“, wie es in einem Herkunftslexikon vermerkt ist. Aus dieser Zeit stammt auch die Redewendung vom „großen Bahnhof machen“, das für einen fürstlichen Empfang steht. An diesem Freitag wurde das alte Sprichwort noch einmal mit Leben erfüllt. Am Berliner Hauptbahnhof trafen sich zwar keine adeligen Fürsten sondern Kanzlerin und Ministerpräsidenten, doch an Pomp und Festzeltatmosphäre mangelte es nicht. Es wurde gefeiert, dass Reisende nun in weniger als vier Stunden zwischen der Hauptstadt und München unterwegs sein können. Das achte, letzte und teuerste Verkehrsprojekt Deutsche Einheit (VDE) ist fertiggestellt.

„VDE 8 ist ein Projekt der Superlative“, stellt die Bahn treffend fest. Zehn Milliarden Euro kostete die Trasse, die von der Spree über Erfurt durch den Thüringer Wald an die Isar führt. 500 Kilometer Neubaustrecke, 26 Tunnel und 37 Brücken ermöglichen die Hochgeschwindigkeitsreise, die an diesem Sonntag erstmals im regulären Fahrplan angeboten wird. Mit 8,6 Kilometern Länge wird auch die längste Eisenbahnbrücke Deutschlands bei Halle in Betrieb genommen.

Wenn ab diesem Sonntag der Winterfahrplan gilt, gibt es auch auf vielen anderen Strecken neue Abfahrtzeiten. Ein Drittel der Fernreisen sind davon betroffen. Und vielfach kommen die Fahrgäste nun schneller ans Ziel. „17 Millionen Menschen in Deutschland profitieren von kürzeren Reisezeiten, neuen Direktverbindungen und besseren Anschlüssen“, versicherte Bahnchef Rüdiger Lutz. Denn auch aus der Provinz kommen die Reisenden nun schneller in die großen Städte, auch weil es zusätzliche Direktverbindungen gibt, zum Beispiel zwischen Leipzig und Mannheim sowie Ulm oder zwischen Hamburg und Erfurt.

Mit dem Fahrplanwechsel kommt auch die neueste Generation des Flaggschiffs der Bahn, der ICE 4 in den Regelbetrieb. Eingesetzt werden die ersten Zugpaare zwischen Hamburg und München sowie Hamburg und Stuttgart. 860 Passagiere finden darin Platz, mehr als bisher. Neu ist auch, dass Fahrräder darin mitgenommen werden können, auch wenn dieses Angebot mit acht Stellplätzen noch überschaubar ist.

Ab dem 10. Dezember werden Fahrten mit dem Zug allerdings auch teurer. Im Fernverkehr steigen die Preise in der zweiten Klasse um durchschnittlich 1,9 Prozent an, der Aufschlag in der ersten Klasse ist mit 2,9 Prozent deutlich höher. An diesem Samstag sind die Tickets noch zum alten Preis erhältlich. Die Bahn selbst spricht von einer durchschnittlichen Anhebung um nur 0,9 Prozent und führt als Grund Sparpreise und Rabatte an, die das Niveau wieder drücken. Die Initiative „Bahn für alle“ macht eine ganz andere Rechnung auf. „Seit 2003 hat die DB ihre Preise um das Doppelte der Inflationsrate erhöht, um durchschnittlich 3,5 Prozent pro Jahr“, rechnet die Initiative vor und kritisiert, dass das Preissystem immer mehr zu einem „Sonderpostenhöker“ mutiere.

Das Unternehmen erhofft sich nun einen deutlichen Schub nach vorne. „Mit diesem Angebot werden wir mehr Menschen als je zuvor für die Bahn begeistern“, ist sich Vorstandschef Lutz sicher. Auf der Neubaustrecke will er dem Luftverkehr Konkurrenz machen. Drei Millionen Fahrgäste im Jahr sind das Ziel, was einem Marktanteil von 40 Prozent entspräche. Die Chancen dafür stehen nicht schlecht. Denn generell gilt in der Branche, dass Kunden bei Reisezeiten von weniger als vier Stunden eher mit dem Zug fahren als fliegen. Der Vorteil der Bahn liegt auf der Hand. Die Stationen liegen zentral in der Innenstadt, die zeitaufwändigen Sicherheitskontrollen am Airport entfallen. Das macht die längere Fahrzeit wieder wett.

Unterdessen schlagen Verbraucherschützer in Sachen Bahn wieder Alarm. Anlass sind Pläne der EU, die Entschädigungsregelungen bei Zugausfällen oder Verspätungen für die Kunden zu verschlechtern. Bislang muss die Bahn bei witterungsbedingten Einschränkungen Fahrgäste entschädigen. Das soll nach dem Willen der EU-Kommission künftig nicht mehr der Fall sein. „Dies führt zu einer massiven Absenkung des Verbraucherschutzniveaus“, kritisiert Marion Jungbluth vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv). Die Verkehrsexpertin befürchtet eine erhebliche Rechtsunsicherheit für die Fahrgäste. Denn es soll im Ermessen der Bahnunternehmen in Europa liegen, wann eine Verspätung witterungsbedingt ist. Im Zweifel müssten die oft nur geringe Summen ausmachenden Entschädigungen dann vor Gericht eingeklagt werden. Deshalb fordert der vzbv, dass dieses Vorhaben wieder fallen gelassen wird.

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