Sorgen um die Lebensmittel

Bundestag denkt über Regeln gegen Marktmacht der Supermarktketten nach

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Von Wolfgang Mulke

05. Jul. 2010 –

Die wachsende Konzentration im Lebensmittelhandel bereitet Politikern und Experten Kopfzerbrechen. Nun überlegt der Bundestag, ob das Wettbewerbsrecht nachgebessert werden muss. Eine Anhörung dazu ergab an diesem Montag ein gemischtes Bild.

 

Es geht um ein riesiges Geschäft, in dem mit harten Bandagen gekämpft wird. 150 Milliarden Euro geben die Deutschen jährlich in Supermärkten oder Feinkostläden aus. Vom Umsatz entfallen inzwischen jedoch 90 Prozent auf die sechs großen Unternehmen. Faktisch bestimmen Aldi, Lidl, Edeka, Rewe, Tengelmann und Metro das Geschehen, auch wenn es laut Handelsverband rund 10.000 selbständige Lebensmittelhändler gibt.

 

Ein Vorwurf gegenüber den Branchenriesen lautet, dass sie ihre Einkaufsmacht gegenüber den Herstellern der Nahrungsmittel rigoros ausnutzen. „Dies äußert sich in unfairen Einkaufspraktiken“, erläutert der Chef der Fachgewerkschaft NGG, Franz-Josef Möllenberg. So hätten einzelne Unternehmen während der Finanzkrise kurzerhand einseitig die Zahlungsziele der Lieferanten um drei Monate verlängert. Auch würden Zuschüsse für Regalplätze oder Bonuszahlungen verlangt. Möllenberg hat vor allen die Arbeitsbedingungen bei den Herstellern im Blick. Laut NGG geben die Betriebe den Preisdruck an die Belegschaften und die Erzeuger weiter. „Wir Bauern fühlen uns als Kanonenfutter“, sagt der Generalsekretär des Bauernverbands, Helmut Born.

 

Wehren können sie sich gegen den Handel kaum. „Wenn man aufmuckt, wird man nicht mehr gelistet“, stellt der Gewerkschafter fest. Diese Gefahr bestätigt auch die Bundesvereinigung der Ernährungsindustrie (BVE). „Von diesem Druckmittel wird häufig Gebrauch gemacht“, sagt Verbandschef Jürgen Abraham. Eine Lösung wäre aus Sicht der Industrie, die Namen von Firmen, die missbräuchliche Praktiken bei den Behörden anzeigen, geheim zu halten.

 

Sorgen hegen die Fachleute auch mit Blick auf die Güte der Waren. „Wir vermuten, dass die aggressive Preispolitik eine Abwärtsspirale bei der Qualität auslöst“, warnt Armin Valet von der Hamburger Verbraucherzentrale. Hochwertige Zutaten würden immer häufiger durch Imitate wie Klebeschinken und Analogkäse oder Zusatzstoffe ersetzt. Außerdem befürchten die Verbraucherschützer, dass die Konzentration auf große Handelshäuser am Ende zu einem eingeschränkten Angebot führen könnte und die Versorgung des ländlichen Raumes nicht mehr gewährleistet sei.

 

Doch die Verbraucher profitieren auch von der jüngsten Entwicklung. Der harte Wettbewerb zwischen den Ketten wird über den Preis geführt. Nirgendwo sonst in Europa ist die Ernährung so preiswert wie in Deutschland, nirgendwo die Gewinne so knapp bemessen. So weht sich der Einzelhandelsverband (HDE) denn auch gegen die Vorwürfe. Auch große Hersteller wie Colgate-Plamolive oder Nestlè verfügen demnach über eine große Marktmacht. Bestimmte Produkte wie Cola müssten in die Regale gestellt werden, weil die Kunden sonst woanders kaufen. Nachbesserungsbedarf im Wettbewerbsrecht sieht der Verband nicht.

 

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