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  • Streiks bei der Bahn sind vorerst unwahrscheinlich

    Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Tarifverhandlungen bei der
    Bahn

    Wird bei den Bahnen in den Ferien gestreikt?

    In den kommenden Wochen wird es wahrscheinlich keine Warnstreiks geben.
    Denn diese Tarifrunde wird lange dauern und noch gibt es auf allen Seiten
    Anzeichen für eine Kompromissbereitschaft. Mit Streiks ist erst zu rechnen,
    wenn sich die Fronten verhärten.

    Worum geht es bei den Tarifverhandlungen?

    Verhandelt werden drei unterschiedliche Themen. Erstens geht es um mehr
    Geld für rund 165.000 Beschäftigte. Die Lokführergewerkschaft GdL verlangt
    fünf Prozent höhere Entgelte, die Tarifgemeinschaft der beiden großen
    Bahngewerkschaften Transnet und GDBA fordern sechs Prozent. Die Arbeitgeber
    haben ihrerseits noch kein Angebot vorgelegt.
    Gleichzeitig streben die Tarifparteien flächendeckende Mindestbedingungen
    bei den Einkommen der Bahner an. Denn die Lohnunterschiede zwischen den
    privaten Bahngesellschaften und der Deutschen Bahn betragen im
    Nahverkehr bis zu 30 Prozent. Selbst innerhalb des Konzerns gibt es sehr
    unterschiedliche Lohnniveaus, denn die Bahn hat Regionalgesellschaften
    gegründet, in denen schlechter bezahlt wird als im Mutterhaus. So will sich
    der Riese im Wettbewerb behaupten. Schließlich geht es auch noch um eine
    Fortführung des Ende 2010 auslaufenden Beschäftigungspakts bei der
    Deutschen Bahn. Darüber wird aber erst gesprochen, wenn die anderen Themen
    erledigt sind.

    Wer hat Schuld an der Lohndrückerei?

    Die Wettbewerbssituation im Nahverkehr hat zu einem enormen Preisdruck
    geführt. Kommunen oder Länder schreiben Zugverbindungen aus und entscheiden
    sich in der Regel für das billigste Angebot. Soziale Standards spielen
    dabei eine untergeordnete Rolle. Diesen Druck geben die Bahnunternehmen an
    ihre Beschäftigten weiter. Die Deutsche Bahn selbst konnte mit ihren
    vergleichsweise hohen Personalkosten bei Ausschreibungen oft nicht mehr
    mithalten. Über neu gegründeten Tochterunternehmen mit geringeren Löhnen
    hat sie den Anschluss wieder gefunden. Aus der Abwärtsspirale bei den
    Preisen für den Nahverkehr wollen alle Unternehmen aber gerne herauskommen.
    Einfach ist das allerdings nicht.

    Was macht die Verhandlungen kompliziert?

    Die großen Gewerkschaften bestehen darauf, die Lohnerhöhungen zusammen mit
    dem angestrebten Branchentarifvertrag für den Nahverkehr auszuhandeln.
    Würde man sich bei den Entgelten einig, begänne anschließend eine
    Friedenspflicht. Dann wären Streiks für den Branchentarif nicht mehr
    erlaubt. Die GdL besteht auf einem Flächentarifvertrag nur für Lokführer,
    der neben dem Nahverkehr auch alle anderen Bahnsparten umfassen soll.
    Leicht ist die Lage auch auf der anderen Seite nicht gerade. Es gibt drei
    Arbeitgeberverbände und die fünf großen Privatbahnen sitzen höchstselbst
    mit am Verhandlungstisch. Deshalb rechnen alle Beteiligten erst zum Ende
    des Jahres mit einer Einigung.


    Werden sich die privaten Konkurrenten der Deutschen Bahn darauf einlassen?

    Es gibt zumindest Anzeichen dafür. Denn am Mittwoch haben sich die
    Vertreter der Nahverkehrsunternehmen mit den großen Gewerkschaften auf
    ernsthafte Verhandlungen über einen Branchentarifvertrag geeinigt, der auf
    Mindestlöhne bei den Schienenunternehmen hinaus laufen würde. Die
    Privatbahnen wollen den Wettbewerb über bessere Leistungen gewinnen. Die
    Lohnkosten seien nicht der einzige Faktor, betont der Sprecher des
    Unternehmens BeNex, das mitverhandelt. Auch die Deutsche Bahn will
    mitspielen. Im Weg stehen noch knifflige Probleme. Die Privatbahnen wollen
    zum Beispiel regional unterschiedliche Mindestentgelte durchsetzen, das
    Personal also im Osten zum Beispiel schlechter bezahlen als im Süden. Auch
    müssen Übergangslösungen gefunden werden. Denn die laufenden
    Verkehrsverträge basieren auf Kalkulationen, die von niedrigen Löhnen
    ausgehen.

    Wie geht es weiter?

    Am 20. August gehen die Verhandlungen in die nächste unde. Wie viele
    Termine bis zu einer Einigung notwendig sein werden, vermag derzeit keiner
    der Teilnehmer abzuschätzen.





     




  • Probleme von gestern

    Kommentar zur Arbeitslosigkeit von Hannes Koch

    Entspannen wir uns mal. Vielleicht hat uns das Phänomen der Arbeitslosigkeit lange genug gequält. In den kommenden 15 Jahren könnte sie – dank abnehmender Kinderzahl und anhaltendem Wachstum – in einen relativen Mangel an Arbeitskräften umschlagen. Die Chancen für viele Menschen steigen, nach der Ausbildung auch einen Beruf zu ergreifen, der sie ernährt.

    An dieser einen guten Nachricht hängen mehrere andere. Der Streit über die mangelhafte soziale Absicherung der Erwerbslosen durch den Staat wird unwichtiger, wenn die Zahl der Arbeitslosen zurückgeht. Und auch die finanzielle Lage des Sozialstaates könnte sich bessern. Verdienen die Menschen ihr Geld selbst, werden die öffentlichen Kassen geschont. Außerdem darf man hoffen, dass die Deutschen und ihre Politiker lockerer werden gegenüber der Einwanderung aus armen Staaten. Findet mehr oder weniger jeder Einheimische einen Job, muss man sich nicht aus Angst vor Arbeitsplatz-Räubern gegen das Ausland abschotten. Im Sinne einer ausgleichenden Gerechtigkeit zwischen armen und reichen Weltregionen wäre dies durchaus zu begrüßen.

    Aber die Entwicklung birgt auch Risiken. Dem Mangel an ausgebildeten Fachleuten werden vor allem die Produktionsunternehmen begegnen, indem sie gut bezahlte Stellen wegrationalisieren. Andererseits wächst der Dienstleistungssektor mit seinen oft schlecht dotierten und unregulierten Jobs. Wollten die Regierungen die Gunst der kommenden Jahrzehnte nutzen, müssten sie eine Politik gegen die soziale Spaltung praktizieren. Ein Element: Mindestlöhne, um den Verfall der Bezahlung in den Dienstleistungsbranchen zu bremsen.

  • Abschied von der Arbeitslosigkeit

    Unabhängig von kurzfristigen Schwankungen könnte die Zahl der Erwerbslosen langfristig stark abnehmen.

    Den Deutschen geht die Arbeit nicht aus. Im Gegenteil: Es gibt so viel davon, dass die Erwerbslosigkeit in den kommenden Jahrzehnten stark abnehmen wird. Das prognostiziert nicht nur das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit, sondern auch Klaus Zimmermann, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

    Schon die aktuellen Zahlen zeigen, dass Deutschland die Finanz- und Wirtschaftskrise erstaunlich gut überstanden hat. Im Juli stieg die Zahl der Erwerbslosen zwar um 39.000 Personen leicht an. 3,192 Millionen Arbeitslose waren registriert. Die Quote nahm von 7,5 Prozent im Juni auf 7,6 Prozent zu.

    Dieser Stand der Arbeitslosigkeit ist aber wesentlich niedriger als in vielen vergleichbaren Staaten. In den USA suchten im Juni 9,5 Prozent der Erwerbspersonen eine Stelle. Die Durchschnitt der Europäischen Union lag im Mai bei zehn Prozent.

    Langfristig wird sich der positive Trend in Deutschland deutlich verstärken. Dies belegt eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarktforschung (IAB) der Bundesagentur. „Die gesamte Unterbeschäftigung könnte bis 2025 auf unter 1,5 Millionen Personen sinken“, schreiben Johann Fuchs und Gerd Zika vom IAB. Die Arbeitslosigkeit würde damit im Vergleich zu heute mehr als halbiert und auf Werte um die zwei Prozent zurückgehen. Wie Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hält auch DIW-Präsident Klaus Zimmermann für möglich, dass ein Zustand erreicht wird, den man als „Vollbeschäftigung“ bezeichnen kann.

    Die wichtigste Erklärung für diese Entwicklung bietet die Demografie. Die Menschen in Deutschland zeugen weniger Kinder, dementsprechend wachsen weniger junge Arbeitskräfte nach. Gleichzeitig gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente und Pension. Das Ergebnis: Die Zahl der Erwerbspersonen, die überhaupt arbeiten können, sinkt – von heute 44,7 Millionen Menschen auf 41,1 Personen in 2025.

    Gleichzeitig aber wird die Wirtschaft vermutlich weiter um durchschnittlich 1,7 Prozent pro Jahr wachsen. Die Unternehmen und Verwaltungen brauchen auch in den kommenden Jahrzehnten mindestens so viele Beschäftigte wie heute. Das bedeutet: Die Notwendigkeit, Arbeitslose zu beschäftigten, nimmt zu – sonst blieben die freien Stellen unbesetzt.

    Aber wohlgemerkt: Die Beschreibung dieses Trend beruht auf bestimmten Annahmen wie etwa dem Wachstum. Fiele dieses wegen einer neuen Finanzkrise oder anderer externer Schocks eine Zeit aus, würde auch die langfristige Entwicklung einen anderen Verlauf nehmen.

    Besonders in Ostdeutschland könnte die Arbeitslosigkeit bis 2025 auf wenige hunderttausend Menschen sinken, prognostizieren Fuchs und Zika. Das hat aber auch eine dunkle Seite: Der Abbau der Unterbeschäftigung in den östlichen Ländern ist eine Folge des Geburtenausfalls nach der Wende und der Abwanderung nach Westen.

    Die Industrie wird den zunehmenden relativen Arbeitskräftemangel durch Rationalisierungen und Stelleneinsparung kompensieren. Andere Branchen wie die unternehmensnahen Dienstleistungen (zum Beispiel Software und Beratung) und die sozialen Berufe verzeichnen dagegen einen deutlichen Zuwachs.

    Info-Kasten

    7,6 Prozent Arbeitslose

    Die Arbeitslosigkeit im Juli 2010 lag bei 7,6 Prozent oder 3,192 Millionen Menschen in Deutschland. Wegen der traditionellen Sommerpause stiegen die Zahlen leicht an. Gegenüber dem Krisenjahr 2009 hat sich die Lage stark gebessert – damals waren 271.000 Personen mehr arbeitslos. Die Quote in Westdeutschland im Juli 2010 betrug 6,6 Prozent, in Ostdeutschland dagegen 11,6 Prozent.

  • Die Bahn fährt aus der Krise

    Konjunkturerholung sorgt für mehr Güterverkehr / Mehr als 5.600 Hitzeopfer entschädigt

    Die Erholung der Weltwirtschaft erreicht nun auch die Deutsche Bahn. Nach einem heftigen Einbruch bei den Gütertransporten im vergangenen Jahr geht es mit der Logistiksparte wieder aufwärts. Vor allem dieser Rückenwind sorgte im ersten Halbjahr für ein Umsatzplus von gut zwölf Prozent bei der Bahn. 16,1 Milliarden Euro setzte der Konzern bis Ende Juni um. „Unser Optimismus ist noch gedämpft“, warnte Bahnchef Rüdiger Grube bei der Vorstellung der Zahlen am Mittwoch vor den Unwägbarkeiten der Weltwirtschaft.

    Die vielen Pannen beim ICE und bei der Berliner S-Bahn haben dem Konzern Millioneneinbußen beschert. 70 Millionen Euro kosteten Grube zufolge die technischen Schwierigkeiten während des strengen Winters. Wie teuer die Hitzewelle am Ende sei wird, ließ er offen. Bislang haben mehr als 5.600 Fahrgäste eine Entschädigung für Saunatemperaturen im ICE erhalten. 374.000 Euro gab die Bahn dafür aus. Das Schmerzensgeld von 500 Euro wird dagegen nur selten beantragt. Lediglich 51 Passagiere ließen sich damit bisher entschädigen. Die technischen Probleme haben am Gewinn gezehrt. Der Ertrag nach Abzug der Steuern lag mit 392 Millionen Euro um fast 30 Prozent unter dem Vorjahreswert. Allerdings konnte die Bahn im Vorjahr noch einen Sonderertrag verbuchen.

    Aus den Fehlern will das Unternehmen Lehren ziehen und sowohl die Technik als auch den Kundenservice verbessern. „Wir betreiben hier keine Kosmetik“, versprach der Vorstand. In München testet die Bahn ab August neue Ansagen am Bahnhof, die für eine schnellere Information der Kunden sorgen soll. Das Servicepersonal wird mit 9.000 Smartphones ausgerüstet. Damit können sich auch die Zugbegleiter auf dem Laufenden halten. Schließlich will Grube 21 Millionen Euro in eine einheitliche und durchgängige Reiseinformation an den Stationen investieren.

    Darüber hinaus drängt die Bahn bei den Zugherstellern auf die vertragliche Verpflichtung zur Einhaltung bestimmter Qualitätsmerkmale. In den kommenden fünf Jahren werden 41 Milliarden Euro in neue Züge, die Modernisierung bestehender Fahrzeuge sowie Trassen und Bahnhöfe ausgegeben.

    Grube ließ offen, ob die Ticketpreise mit dem Fahrplanwechsel im Dezember erneut angehoben werden. Dies hänge von verschiedenen Einflüssen ab, etwa den anstehenden Tarifabschlüssen. „Ich möchte das mit Augenmaß betreiben“, versicherte der Manager.

    Die Tarifverhandlungen mit allen Gewerkschaften werden an diesem Donnerstag fortgesetzt. Ein Hauptziel ist dabei ein Flächentarifvertrag für alle Bahnen. „Es zeichnet sich inzwischen eine gewisse Bereitschaft anderer Bahnunternehmen ab, in Gespräche über eine branchenübergreifende Lösung mit den Gewerkschaften einzutreten“, sagte Grube. Der Vorstand hofft, dass diese Tarifrunde ohne Streiks auskommen wird.

    Hoffnung hat die Bahn auch noch auf die Wirksamkeit des auf Eis liegenden Vertrags mit dem Verkehrsverbund Rhein Ruhr. Das Düsseldorfer Oberlandesgericht hat die Vergabepraxis ohne Ausschreibung auf die Einwände einer Konkurrenzfirma hin kassiert. Nun soll der Bundesgerichtshof die Zulässigkeit der Übereinkunft prüfen, die der Bahn den Betrieb der Verbundlinien über weitere fünf Jahre ermöglichen würde. „Wir gehen davon aus, dass die Vereinbarung wie geplant durchgeführt werden kann“, teilte ein Sprecher mit. Die Bahn kündigte in diesem Falle Investitionen von 215 Millionen Euro für 34-neue S-Bahn-Fahrzeuge an.

  • Der Aufschwung aus dem Nichts

    Die Konjunktur brummt und niemand wollte es merken

    Seit gut einem Jahr wächst die Wirtschaft wieder. Doch dem Aufschwung wollten bisher nur wenige trauen, auch wenn die Experten, von den Forschern bis hin zur Bundesregierung ihre Prognosen nach und nach immer weiter erhöhten. Jetzt spricht Wirtschaftsminister Rainer Brüderle gar schon von mehr als zwei Prozent Wachstum in diesem Jahr. Bisher haben seine Beamten mit einem Drittel weniger gerechnet.

    Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ist optimistisch. „Wir warnen jedoch vor Übermut“, sagt Hauptgeschäftsführer Werner Schnappauf. Denn weltweit laufen die gigantischen Konjunkturprogramme aus und die Staaten gehen wieder auf Sparkurs. Noch immer sind Skeptiker wie der Verband in der Mehrheit.

    Dabei sind die Rahmendaten mehr als erfreulich. Der Export läuft auf Hochtouren. Ein Plus von acht Prozent ist für Deutschland in diesem Jahr drin. Mehr und mehr werden nicht mehr nur Vorleistungen wie Stahl bestellt, sondern auch Investitionsgüter. Das heißt, die Unternehmen glauben weltweit wieder an eine positive Entwicklung und schaffen sich neue Maschinen an. Selbst der Konsum läuft in Deutschland besser als erwartet. Das liegt vor allem an der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Statt der ursprünglich befürchteten Massenarbeitslosigkeit hinterließ die Krise keinen nachhaltigen Einbruch auf dem Stellenmarkt. Im Juni wurden mehr als 250.000 Arbeitslose weniger gezählt als vor einem Jahr.

    Die Optimisten sehen sich nun bestätigt. Dazu gehört zum Beispiel der Analyst der Bremer Landesbank, Folker Hellmeyer, der von einem anhaltenden Aufschwung ausgeht und dies auch gut begründen kann. „In der Krise wurden die Lager abgebaut“, erläutert der Experte. Weltweit stocken die Unternehmen nun wieder ihre Lager auf. Zweiter Antrieb sind die Investitionen der Wirtschaft. Mit Beginn der Finanzkrise kappten viele Firmen die Etats dafür. Nun müssen sie verstärkt alte Anlagen ersetzen oder neue anschaffen. Schließlich beobachtet Hellmeyer einen stabilen Konsum. Alles zusammen ergibt ein kräftiges Wachstum. „Das sind physikalische Gesetze der Ökonomie“, sagt der Bremer.

    In den USA sieht es weitaus schlechter aus. Die US-Notenbank schließt eine neuerliche Rezession nicht aus. Die Arbeitslosigkeit bleibt hoch und die Verschuldung hat gigantische Ausmaße angenommen. Mehr als zehn Prozent der Wirtschaftsleistung nimmt Präsident Barrack Obama an neuen Schulden auf, um die Wirtschaft anzufachen. Die Leute haben weniger Geld für den Konsum als wichtigste Stütze der Wirtschaft. Diese Entwicklung wird an den Börsen auch als Gefahr für die Weltkonjunktur angesehen. Doch die Zeiten haben sich geändert, die USA verlieren an Bedeutung.

    „Sie sind nicht mehr die entscheidende Konjunkturlokomotive“, sagt Hellmeyer. Der Anteil der USA an der Weltwirtschaft liegt bei nur noch 18 Prozent. Die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung wird mittlerweile in den Schwellenländern erbracht, allen voran China heizt die Weltwirtschaft mit einem Wachstum von rund neun Prozent an. Weitere 25 Prozent steuern traditionelle Industrienationen wie die europäischen Staaten, Australien und Kanada  bei.

    Die Krisenländer in der „Knoblauchzone“, wie Hellmeyer Griechenland, Spanien oder Portugal gerne bezeichnet, sind gerade einmal mit drei Prozent an der Weltwirtschaft beteiligt. Deshalb werde die Gefahr des Krisenherds auch überzeichnet, stichelt der Analyst gegen die Skeptiker, „die Mehrheit der Kollegen hat auch durch diesen handwerklichen Fehler die größte Konjunkturerholung in der jüngeren Geschichte voll verpasst.“

  • „Die Sonne kann den Heizkessel komplett ersetzen“

    Immer mehr Haushalte nutzen Sonnenkollektoren, um warmes Wasser zu produzieren. Wo der beste Platz für die Solarthermieanlage ist und worauf Bauherren beim Kauf unbedingt achten sollten, weiß Carsten Körnig, Geschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtsch

    Kunstmann: Herr Körnig, sind alle Häuser für eine Solarthermieanlage geeignet?

    Carsten Körnig: Die Anlagen sind prinzipiell überall dort geeignet, wo die Sonne scheint – unabhängig ob im Neubau oder im bereits bestehenden Eigenheim. Der Umstieg auf solares Heizen bietet sich besonders an, wenn die Sanierung der Heizung oder des Daches ansteht. Jeder Einzelfall sollte vor Ort durch Experten von Fachbetrieben begutachtet werden.

    Kunstmann: Wo ist der beste Platz für die Anlage?

    Körnig: Optimal ist eine nach Süden ausgerichtete Dachfläche mit einem Winkel von 45 bis 60 Grad, auf die kein Schatten fällt. Solarkollektoren können aber durchaus an der Fassade angebracht oder im Garten aufgestellt werden. Bei der Standortwahl ist es wichtig, darauf zu achten, dass dort die Sonneneinstrahlung auch in den nächsten Jahren gewährleistet ist. Wie groß werden die Bäume in 20 Jahren sein? Schließlich kann eine gute Solarthermieanlage mehrere Jahrzehnte betrieben werden.

    Kunstmann: Solarthermieanlagen produzieren nicht nur warmes Wasser. Mit ihnen lässt sich auch das Haus beheizen. Kann ein Haushalt seinen kompletten Warmwasser- und Heizbedarf mit einer Anlage abdecken?

    Körnig: Die Sonne kann den Heizkessel komplett ersetzen. Inzwischen gibt es bezahlbare Sonnenhäuser, die bis zu 100 Prozent der benötigten Wärme aus Solarenergie decken können. Die solar erzeugte Wärme kann in speziellen Wasserspeichern über Wochen gehalten werden. Möglich ist aber auch die Kombination mit anderen Heizungssystemen wie Pellet- oder Kaminöfen, Öl- oder Gasheizungen.

    Kunstmann: Wie groß ist der Klimaeffekt?

    Körnig: Heute verbrauchen wir einen Löwenanteil der fossilen Energie zum Erwärmen von Gebäuden. Dazu kommt, dass ein Großteil der deutschen Heizungen technologisch veraltet ist. Wenn wir beim Heizen auf die Kraft der Sonne setzen, entlastet das die Umwelt und schützt zugleich vor steigenden Öl- und Gaspreisen.

    Kunstmann: Worauf kommt es beim Kauf an?

    Körnig: Wie überall lautet auch hier die Devise, Angebote zu vergleichen. Am besten holt sich der Interessent mehrere Offerten von Fachbetrieben in der Region ein. Kluge Kunden prüfen, ob die in Frage kommenden Betriebe auf Solartechnik spezialisiert sind und ob sie Referenzanlagen zeigen können. Kunden sollten auch darauf achten, ob der Anbieter auf Vor- und Nachteile verschiedener Anlagenkonzepte hinweist und ob eine schriftliche Ertragsvorschau der einsparbaren Heiz- und/oder Warmwasserkosten vorliegt.

  • Solarinfos

    Für Fragen rund um das Marktanreizprogramm für erneuerbare Energien (MAP) hat das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) eine Hotline geschaltet. Unter der Telefonnummer 06196/908625 (normaler Telefontarif) sind die Experten zu erreichen.

     

    „Zukunft Altbau“ heißt die Informationskampagne des Umweltministeriums Baden-Württemberg. Im Internet unter www.zukunftaltbau.de oder unter der kostenlosen Hotline 08000/123333 finden Interessierte Antworten auf  Fragen rund um das Thema energieeffiziente Gebäudesanierung. 

     

    Nicht nur der Bund, sondern auch Länder und Kommunen unterstützen klimafreundliche Bauvorhaben. Auf der Webseite www.solarfoerderung.de des BSW-Solar können sich Bauherren anzeigen lassen, wie es um die Fördermöglichkeiten für ihr Projekt bestellt ist.

     

    Auch die regionalen Energieagenturen sind ein guter Ansprechpartner, wenn es um Fragen zu den erneuerbaren Energien geht und bieten auch privaten Bauherren eine unabhängige Beratung an. Wo sich die nächste Anlaufstelle befindet, verrät die Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg online unter www.keabw.de.

     

     

     

     

     

     

  • Klimafreundlich Heizen

    Eigenheimbesitzer können aufatmen. Das totgesagte Marktanreizprogramm für erneuerbarer Energien lebt länger. Wer fortan auf die Kraft der Sonne zum Beheizen der eigenen vier Wände vertraut, dem greift der Staat wieder finanziell unter die Arme. Anfang Mai

    Für die staatliche Finanzspritze gelten inzwischen strengere Regeln. Geld gibt es heute nur noch für Solarthermieanlagen die  warmes Wasser produzieren und gleichzeitig die Heizung unterstützen – also für so genannte Kombi-Anlagen. Sonnenkollektoren die nur zur Warmwasserbereitung dienen, fallen aus der Förderung heraus. Und auch für Kollektoren, die auf Neubauten errichtet werden, gibt es keine Beihilfen mehr.

     

    90 Euro pro Quadratmeter Solar-Kollektorfläche können sich private Investoren vom Staat wiederholen. Allerdings darf die Fläche – je nach verwendeter Kollektorart – eine Mindestgröße  nicht unterschreiten und nicht mehr als 40 Quadtratmeter betragen. Für jeden Quadratmeter der darüber hinausgeht, gibt es die Hälfte des Geldes. Wer zusätzlich seinen alten Heizungskessel gegen einen besonders effizienten Wasserkessel tauscht, bekommt bis Ende dieses Jahres einen Bonus von 400 Euro. Den Geldsegen gibt es allerdings nur auf Antrag. Diesen müssen Bauherren beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) stellen. Informationen und Formulare gibt es im Internet unter www.bafa.de. Dort erfahren Interessierte auch, welche weiteren Maßnahmen zur Nutzung erneuerbarer Energien das Marktanreizprogramm unterstützt.

     

    Kombi-Anlagen sind deutlich teurer, als Anlagen die zur bloßen Warmwassergewinnung dienen. „Nur für die Warmwasserbereitung benötigt ein 4-Personen-Haushalt ungefähr sechs Quadratmeter Kollektorfläche und einem 300- bis 400-Liter-Speicher zum

    Komplettpreis von etwa 5.000 Euro“, rechnet Hartmut Will von der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS) vor. „Für das Heizen werden in einem 100-Quadratmeter-Haus zusätzlich zehn Quadtratmeter Kollektor benötigt und ein viel größeres Speichervolumen“, so der Vorsitzende der DGS-Sektion Oberbayern. Das koste dann zusammen leicht 14.000 Euro. Ist das Haus gut gedämmt und hat Wärmeschutzfenster, dann fällt sein Wärmebedarf viel geringer aus. Und auch die solare Kombianlage kann kleiner und billiger werden. „Je nach Fall betragen dann die Kosten für Beides, also Warmwasser und Heizung nur noch 10.000 Euro“, erläutert Will.

     

    Wie effektiv eine Kombi-Solarthermianlage ist und wie viel Geld sich damit sparen lässt, hängt von vielen Faktoren ab. Zum Beispiel sollte die klimafreundliche Technik optimal  auf das Nutzungsprofil des oder der Hauseigentümer eingestellt sein. Hat die Familie zwei kleine Kinder, die täglich gebadet werden müssen? Steht das Haus im Winter leer, weil die Finka auf Mallorca zu dieser Jahreszeit ein verlockenderes Plätzchen ist? Wird tagsüber geheizt oder nur am Abend, weil beide Partner berufstätig sind? „Ein guter Installateur schaut auf das Verbraucherverhalten“, sagt der Sprecher des Bundesverbands der Solarwirtschaft (BSW

  • Mit der Sonne Geld verdienen

    Auch angesichts sinkender Einspeisepreise sind Solarstromanlagen eine gute Einnahmequelle

    Das eigene kleine Kraftwerk auf dem Dach ist und bleibt eine erstklassige Kapitalanlage. Zwar gibt es für Photovoltaikanlagen, die seit dem 1. Juli ans Netz gehen, weniger Geld. Dennoch zahlt sich die Investition in die umweltfreundliche Stromproduktion aus.

    Nunmehr 34,05 Cent bekommen Hauseigentümer vom  Netzbetreiber, wenn sie Solarstrom einspeisen. Vorher waren es noch  39,14 Cent pro Kilowattstunde (kWh). Ab Oktober sinkt die Einspeisevergütung sogar nochmals – um drei Prozent. Dass sich Solarstromanlagen trotz dieser Kürzung bezahlt machen, zeigen Berechnungen der Stiftung Warentest: Renditen von 5 bis 9 Prozent sind auch für Anlagen drin, die im zweiten Halbjahr 2010 installiert werden (Finanztest 8/2010).

    Damit sich die Investition in die Sonnenenergie jedoch bezahlt macht, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein. So sollte das Dach möglichst nach Süden ausgerichtet und nicht durch Bäume verschattet sein. Stimmt die Ausrichtung, können Eigentümer je nach Standort 750 bis 1000 kWh Anlagenleistung ernten, so die Verbraucherschützer. In sonnenreichen Gegenden, wie in Bayern oder Baden-Württemberg, ließen sich sogar zweistellige Solarrenditen einfahren. Wie viel Strom eine geplante Anlage produziert, können Hauseigentümer auf der Webseite www.solarserver.de (Reiter „Service&Tools“) berechnen.

    Die Preise für Solarstromanlagen sind in den vergangenen Jahren drastisch gesunken. Inzwischen, so Erhebungen des Bundesverbands der Solarwirtschaft, kostet eine fertig installierte Aufdachanlage bis 100 Kilowatt Spitzenleistung nur noch rund 2.900 Euro. Das sind 40 Prozent weniger als noch im Jahr 2006. Damals mussten Käufer für die Technik noch 5.000 Euro aufbringen. In dieser Berechnung ist die Umsatzsteuer nicht enthalten. Schließlich können sich Investoren die Steuern vom Finanzamt zurückholen.

    Auch künftig können sich Kunden über purzelnde Preise freuen: Lediglich in den vergangenen Monaten ist der Preisrutsch gebremst worden, weil die Kürzungspläne der Bundesregierung einen Nachfrageboom ausgelöst hatten, so die Stiftung Warentest. Viele Hauseigentümer wollten sich vor dem Stichtag 1. Juli die alte Vergütung sichern.

  • Viele denken, sie dürften keine Schwäche zeigen

    Arbeitnehmer lassen sich in Krisenzeiten seltener krankschreiben, weil sie um ihren Job bangen. Sobald es mit der Wirtschaft bergauf geht, wird dann wieder ordentlich krankgefeiert. Das wird zumindest immer wieder behauptet. Ob es wirklich einen Zusammenh

    Kunstmann: Stimmt es, dass die Menschen häufiger krank sind, wenn die Konjunktur brummt?

    Christine Richter: Das ist eine Mär. Wir führen selbst regelmäßig Untersuchungen zum Krankenstand durch. Die Zahlen geben das nicht her. Es stimmt aber, dass enormer externer Druck gesundheitliche Auswirkungen hat. Wenn zum Beispiel über den Mitarbeitern das Damoklesschwert schwebt und sie wissen, dass ihre Firma demnächst schließt, sie aber noch bis zum Schluss die volle Leistung bringen sollen, kann das psychisch krank machen. In Krisenzeiten denken dazu viele, dass sie am Arbeitsplatz keine Schwäche zeigen dürfen. Sie übernehmen immer mehr Aufgaben, ohne sich Grenzen zu setzen. Hier droht der Burn-out.

    Kunstmann: Es wird gesagt, dass Burn-out eher Manager betrifft. Stimmt das?

    Richter: Das seelische „Ausgebranntsein“ ist nicht nur ein Managersyndrom. Gerade diejenigen, die bei der Arbeit ständig Druck haben, kaum Anerkennung bekommen und wenig selbst entscheiden können, sind gefährdet. Doch auch Mütter, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen müssen und dabei oft an sich selbst zu hohe Anforderungen stellen, können gefährdet sein.

    Kunstmann: Wie kann der Einzelne dem Burn-out vorbeugen?

    Richter: Ausspannen ist ganz wichtig. Die gesetzlichen Krankenkassen bezuschussen zum Beispiel Kurse in denen die Mitglieder Entspannungstechniken erlernen. Außerdem sind Bewegung und Sport sehr gute Katalysatoren, um den Kopf frei zu bekommen. Wichtig ist, nach der Arbeit „abzuschalten“. Und das gilt im digitalen Zeitalter im wörtlichen Sinne: Zum Beispiel muss das Dienst-Blackberry nach der Arbeit vielleicht nicht unbedingt eingeschaltet bleiben. Mitarbeiter müssen immer mehr Informationen verarbeiten. Das verursacht bei vielen Menschen Stress und kann eben auch im Burn-out enden.

    Kunstmann: Woran erkenne ich, dass ich Gefahr laufe am Burn-out zu erkranken?

    Richter: Anzeichen können zum Beispiel sein, dass man morgens lustlos zur Arbeit geht, sich nach dem Schlafen wie zerschlagen fühlt oder sich von den  Mitmenschen genervt fühlt. Warnsignale sind auch, wenn man sich öfter gereizt und selbst nach einem Urlaub oder Wochenende nicht richtig erholt fühlt. Vorboten der Krankheit sind ebenso häufige Erkältungen oder Magen-, Kopf- oder Rückenschmerzen und Kreislaufprobleme.

    Kunstmann: Früher wurden psychische Erkrankungen weit aus seltener diagnostiziert. Schauen die Ärzte heute genauer hin?

    Richter: Zum einen tun sie das. Wenn ein Arzt keine körperlichen Ursachen für den hohen Blutdruck oder die Rückenschmerzen finden kann, wird er vielleicht den Patienten nach seinen Problemen im Job oder im Privatleben befragen. Zum andern nehmen psychische Erkrankungen unter Arbeitnehmern zu, weil die Arbeitsdichte ansteigt, dazu kommt oft hoher Termindruck. Aber der Job ist nicht die alleinige Ursache: Nicht ausreichend verarbeitete Schicksalsschläge im persönlichen Bereich können die Seele auch krank machen.

    Kunstmann: Sollten sich die Betriebe mehr darum kümmern, dass es ihren Mitarbeitern gut geht?

    Richter: Ich sehe die Firmen durchaus in der Führsorgepflicht. Sie sollten ihren Angestellten aktiv helfen, mit dem Stress im Beruf umzugehen.

    Kunstmann: Und wie können Betriebe ihre Mitarbeiter dabei unterstützen, mit dem Stress klarzukommen?

    Richter: Unternehmen können Führungskräfte im Umgang mit Problemen von Angestellten schulen. Stresssymptome erkennen sie dann leichter und können die Betroffenen direkt darauf ansprechen und ihnen helfen, professionelle Hilfe zu finden. Die Bahn zum Beispiel, unterstützt ihr Personal im Umgang mit extremen Erfahrungen. Ein Lokführer, der in einen Personenunfall verwickelt war, muss diese Erfahrung irgendwie verarbeiten. Sollte sich nach einiger Zeit herausstellen, dass er traumatisiert sein könnte, braucht er hoch spezialisierte professionelle Hilfe. Dafür haben die BAHN-BKK und die Deutsche Bahn ein vorbildliches Ersthelferkonzept und Therapieprojekt entwickelt.
    Dies ist nur ein Beispiel von vielen aus der Arbeitswelt.

    Bio-Box: Christine Richter (52) ist seit dem 1. Juni 2008 Pressesprecherin des BKK Bundesverbandes. Die diplomierte Juristin und Pädagogin arbeitet bereits seit 17 Jahren für die Betriebskrankenkassen.

  • Für die Bahn wird die Hitze teuer

    Die Ursachen des Klimadesasters konnte auch ein Treffen im Bundestag nicht klären

    Der Ausfall der Kühlung in der ICE-II-Flotte wird für die Bahn teuer. Nach einem Klimagipfel der anderen Art im Verkehrsausschuss des Bundestags verbesserte Bahnchef Rüdiger Grube das Schadenersatzangebot an die vom Ausfall der Klimaanlagen betroffenen Fahrgäste noch einmal. Nun erhält jeder Passagier, der durch zu hohe Temperaturen im Zug gesundheitlich beeinträchtigt wurde, 500 Euro Schmerzensgeld. Ein ärztliches Attest ist dafür im Gegensatz zum ersten Angebot nicht nötig.

    Außerdem will das Unternehmen eine kostenlose Hotline für die Fahrgäste schalten und die Informationen für Reisende verbessern. „Die Weichen sind auf mehr Verbraucherschutz gestellt“, sagte der verbraucherpolitische Sprecher der FDP, Michael Goldmann, der im ICE selbst zwei Mal kräftig ins Schwitzen geriet.

    „Wir haben eine schnelle, unbürokratische Wiedergutmachung geregelt“, versicherte Grube im Anschluss an die Sitzung. Wie hoch der wirtschaftliche Schaden für das Unternehmen am Ende sein wird, kann der Vorstand noch nicht beziffern. Es dürfte ein Millionenbetrag zusammenkommen. Denn neben Entschädigungen steht wohl auch eine Generalüberholung der Klimaanlagen an.

    Das Problem selbst hat die Bahn mittlerweile weitgehend im Griff. In den letzten Tagen fielen nur noch zwei Klimaanlagen aus. Dazu haben nach Angaben eines Sprechers auch genauere Anweisungen an das Zugpersonal beigetragen. So sollen die Zugbegleiter die Anlagen schon früh am Tage auf warme Außentemperaturen einstellen, damit die Anlagen nicht erst spät anlaufen und dann schnell überlastet sind. Auch werden bei großer Hitze und längeren Wartezeiten die Türen auch am Bahnhof geschlossen, damit es in den Waggons kühl bleibt.

    Der politische Bahngipfel kam den Gründen des neuerlichen Desasters auf der Schiene nicht auf die Spur. „Es sind nicht alle Ursachen geklärt“, bedauerte der Ausschussvorsitzende Winfried Hermann (Die Grünen), der teilweise ausweichende Antworten beklagte. Die Grünen halten die gravierenden Auswirkungen des Kühlproblems für ein Resultat des Sparkurses der Bahn auf dem Weg zum Börsengang. „Bei der Wartung ist extrem geschlampt worden“, glaubt der verkehrspolitische Sprecher der Partei, Anton Hofreiter. Die Hersteller der Züge hätten den ICE bei Außentemperaturen von 42 Grad getestet, ohne dass Mängel an der Klimatechnik beobachtet wurden. Außerdem halte die Bahn zu wenige Reservekapazitäten bereit, die im Notfall eingesetzt werden können.

    Die Industrie selbst weist jede Schuld von sich, weil die Bahn die Wartung des rollenden Materials selbst übernimmt. Einen offenen Streit um die Qualität der gelieferten Technik vermeiden beide Seiten aber noch. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) will in den kommenden Monaten das Eisenbahngesetz ändern. Die Verantwortung für die Technik soll dann nicht mehr allein bei der Bahn liegen. Die Zusammenarbeit zwischen Bahn, Herstellern, Verkehrsministerium und Eisenbahnbundesamt müsse besser werden, sagte der Minister.

    Auch Ramsauer hatte zuletzt den früheren Bahnchef Hartmut Mehdorn und dessen Börsenpläne für die Schwierigkeiten verantwortlich gemacht. Um die Bilanz aufzupolieren, habe die Bahn an der Wartung gespart. Dieser Vorwurf wurde in den vergangenen Jahren immer wieder laut und nach Aussage der Grünen auch häufig von Mitarbeitern anonym beklagt.

    Tatsächlich ist es nicht ganz lauter, Mehdorn im Nachhinein als Alleinschuldigen darzustellen. Die Bahnreform wurde 1994 von der Union auf das Gleis geschoben. Die Vorgabe lautete seit dem. Die Bahn muss wirtschaftlich arbeiten und soll später privatisiert werden. Es waren schließlich Verkehrsminister der SPD, die den Börsengang anschoben. Allen voran Wolfgang Tiefensee während der großen Koalition. Den wachsenden Gewinn lobten die großen Parteien gerne. Über die Kritik sahen sie oft hinweg. Als Eigentümervertreter hätte der Bund Mehdorn schon früh auf die Finger klopfen können. Das unterblieb.

    Nun mehren sich die Stimmen in der Regierung, die mehr Investitionen der Bahn in moderne Technik fordern. Zugleich hat die Koalition aber beschlossen, dem Konzern jährlich eine halbe Milliarde Euro als Pflichtdividende zu entziehen.

  • Die Blitzableiter

    Kommentar

    Allmählich nimmt die Diskussion um die Kühlprobleme der Bahn absurde Züge an. Der Sache angemessen ist die scharfe Kritik schon seit Tagen nicht mehr. Wer mehr Verkehr auf die Schiene bringen will, darf das Verkehrsmittel nicht aus kurzfristigem politischem Kalkül beschädigen. Genau dies ist aber nun passiert.

    Die Bahn ist natürlich nicht unschuldig an der Entwicklung. Zu spät wurde zu halbherzig und unsensibel reagiert. Deshalb stand das Unternehmen zu Recht am Pranger. Da halfen auch die angebotenen Kulanzregelungen in Form von Ticketgutscheinen nichts mehr. Mittlerweile hat die Bahn die Technik weitgehend im Griff. Die Vorwürfe blieben bestehen. Selbst 500 Euro Schmerzensgeld für durch Hitze im ICE notwendig gewordenen Arztbesuch reichen Kritikern nicht. Nun beugt sich die Bahn und zahlt auch, wenn keine Praxis aufgesucht werden musste. Die Anspruchshaltung gegenüber dem Unternehmen ist völlig überzogen. Letztlich ist es das Geld des Steuerzahlers, das hier einer besseren Reputation geopfert wird. Denn es ist seine Bahn.

    Noch ärgerlicher ist die Doppelzüngigkeit der Politik. Den Sparkurs der Bahn mit seinen Folgen haben beide großen Parteien über Jahre stillschweigend hingenommen. Aber immer wenn sich die öffentliche Meinung gegen die Bahn wendet, hauen dieselben Politiker munter und fröhlich mit auf das Unternehmen als Blitzableiter ein. Es wäre besser, wenn der Bund als Eigentümer klar, deutlich und transparent seine Erwartungen an die Bahn formulieren und durchsetzen würde. Das kann auch ohne laute Fanfarenklänge als Begleitmusik geschehen und wäre vermutlich erfolgreicher.

    Mitleid muss man mit Bahnchef Rüdiger Grube dennoch nicht haben. Wartungsintervalle, Reparaturetats oder die Schulung des Personals für Notfälle hat er letzten Endes zu verantworten. Aber die Kritik und die Bewertung der Vorfälle sollte sich wieder zu angemessenen Ansprüchen zurückkehren.

  • Piraterie lohnt sich offenkundig

    Somalia entwickelt sich durch erpresste Gelder wirtschaftlich

    Die Piraten vor der somalischen Küste helfen dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Land wirtschaftlich etwas auf die Beine. Rund um die Kaperung von Frachter oder Tankern hat sich eine kleine Industrie herausgebildet. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). „Ich sehe ein Geschäft für viele, nicht nur für Somalia“, sagt die Autorin der Studie, Anja Shortland.

    Am meisten profitieren die Boat-Nepper selbst. Für eine erfolgreiche Kaperung kassiert jeder Pirat zwischen 10.000 und 15.000 Dollar. Bei einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 300 Dollar im Jahr ist der Job in der ansonsten von Arbeitslosigkeit geprägten Küstenregion am Horn von Afrika höchst attraktiv. Die Seeräuber bringen Schiffe in ihre Gewalt, verteilen die Seeleute an Land auf viele Haushalte und kassieren dann ein Lösegeld, das Shortland auf Beträge zwischen einer und fünf Millionen Dollar pro Schiff veranschlagt. Bei fast 50 derartigen Überfällen im vergangenen Jahr summieren sich die Einnahmen der Piraten auf geschätzte 120 Millionen Dollar.

    Die Kriminalität auf See schafft auch an Land neue Arbeit. Es wird Wachpersonal für die gekaperten Frachter benötigt, Familien beherbergen gegen Entgelt Geiseln, Unterhändler und Übersetzer wickeln die Rückgabe der entführten Schiffe ab. Laut Shortland entwickeln sich mittlerweile weitere neue Märkte, zum Beispiel für Rinder oder Ziegen. Selbst eine positive Wirkung für die Umwelt springt durch die Gewalttäter heraus. Durch die Piratenpräsenz meiden Fischtrawler die Fanggründe vor Somalia und es wird weniger Giftmüll illegal im Meer entsorgt. „Die Fischgründe regenerieren sich“, beobachtet die Expertin. Damit entstehen für die heimischen Fischer neue Existenzchancen.

    Aber auch im Ausland gibt es der Studie zufolge einen großen Gewinner. Shortland vermutet, dass die Versicherungen mit der Gefahr von Überfällen beste Geschäfte machen. 30.000 Dollar kostet die Police pro Passage vor Somalia. Da nicht einmal jedes Tausendste Schiff tatsächlich abgefangen wird, geht die Forscherin von beträchtlichen Gewinnen der Branche aus.

    Profiteure anderer Art sind mit dem Schutz der internationalen Seefahrt beschäftigt. Die eingesetzte europäische Marineflotte verhinderte allein 2009 in 50 Fällen eine Kaperung. So bleibt der tatsächliche Schaden durch die Piraten überschaubar und die Expansion des Geschäftszweiges Seeräuberei verläuft gebremst. Denn mit dem erbeuteten Geld rüsten die Kriminellen ihre Boote und Waffenarsenale auf. Mittlerweile besteht eine Art Gleichgewicht zwischen Angreifern und Verteidigern. Selbst politische Vorteile kann Shortland entdecken. Die Macht der Piraten in Somalia trage dazu bei, dass islamische Terrorgruppen in Schach gehalten werden. „Von mir aus kann alles so bleiben wie es ist“, erläutert die Volkswirtin.

    Eine Alternative zur kriminellen Entwicklung hat die Forscherin aber auch im Blick. Danach könnte die Staatengemeinschaft den Aufbau einer effizienten Küstenwache durch Somalia selbst finanzieren, statt der Marineeinsätze und der Schäden durch die Piraten. Lokale Clanchefs sollen für die notwendigen Strukturen aufbauen und kontrollieren. Sie seien die einzig existenten Machtzentren in Somalia, glaubt Shortland.

  • Banken missachten flächendeckend Gesetze

    Viele Institute verweigern das Beratungsprotokoll

    Bei vielen Banken und Sparkassen werden die Kunden nach wie vor schlecht beraten. Zu diesem Ergebnis kommt die Zeitschrift Finanztest, die 146 Testkunden in die Filialen von 21 Kreditinstituten geschickt hat. „Die Situation ist für den Verbraucher nicht besser geworden, im Gegenteil“, sagte Stephanie Pallasch, Finanzexpertin bei der Stiftung Warentest.

    „Mangelhaft“, lautet das Urteil gleich  bei sechs Unternehmen, der HypoVereinsbank, der Postbank, der Targobank, der Nassauischen Sparkasse, der Volksbank Mittelhessen sowie der BW Bank. Die Beratung bei zwölf Banken wurde als „ausreichend“ eingestuft. Am besten schnitten drei Sparkassen aus Hamburg, Hannover und Köln ab. Über die Note „befriedigend“ kamen aber auch diese Institute nicht hinaus.

    „Verantwortlich für die schlechten Noten sind flächendeckende Verstöße gegen das Wertpapierhandelsgesetz“, erläuterte Finanztest-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen. In 126 Testgesprächen ging es um Wertpapierkäufe. Bei diesem Thema muss das Beratungsgespräch seit Jahresbeginn protokolliert werden. „In der Hälfte der Fälle kam der Berater dieser Pflicht nicht nach“, berichtete Tenhagen. Dabei haben die Kunden von sich aus ein Beratungsprotokoll erwünscht.

    Postbank, Targobank, SEB und die meisten Sparkassen verlangen eine Unterschrift des Anlegers unter dem Protokoll, obwohl dies gar nicht im Gesetz steht. Finanztest rät dringend vor einer Signatur ab, weil dies im Streitfall als Zustimmung zur Beratung ausgelegt werden könnte. Mitunter wollten Banken das Protokoll verbotenerweise nur bei einem Geschäftsabschluss aushändigen. Die Nassauische Sparkasse und die Volksbank Mittelhessen verweigerten sogar allen sechs Testkunden eine Mitschrift. Keine Bank gab allen Testern das Protokoll heraus. Das führte zu einer generellen Abwertung bei den Noten.

    Bei den anderen Prüfkriterien schnitten die Berater etwas besser ab als beim letzten Test vor einem Jahr. Der Kunde wollte 35.000 Euro für zehn Jahre anlegen und am Ende wenigstens das eingesetzte Kapital sicher zurück erhalten. Der beste Rat wäre hier, einen Großteil des Geldes sehr sicher unterzubringen und einen kleineren Teil in ertrag- aber auch risikoreichere Anlagen zu stecken. Im Durchschnitt verbesserten sich die Empfehlungen um eine Note. Doch manche Banken rieten wieder zu übermäßig riskanten oder zu teuren Produkten. Die SEB empfahl Aktienfonds und sogar ein Expresszertifikat. Die Sparda-Bank wollte kostspielige Rentenversicherungen verkaufen und die Deutsche Bank Bausparverträge, die vor allem Provisionen einbringen.

    Defizite entdeckte Finanztest auch beim Wissensdurst der Berater. Nur die Berliner Sparkasse fragte vorbildlich alle wichtigen Statusinformationen ab. Dazu gehören zum Beispiel das Einkommen des Kunden, seine Ausbildung oder die persönlichen und finanziellen Verhältnisse. Das Fazit von Finanztest fällt für die Branche vernichtend aus. „Die Blamage geht weiter“, titelt das Magazin diese Geschichte. 
    Die Gesetzesverstöße rufen laute Kritik hervor. Die Stiftung Warentest fordert mehr Kontrollen und Sanktionen bei einer Verletzung der Protokollpflicht. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) sieht im Besserungsversprechen der Finanzbranche leere Worthülsen. „Ohne klare gesetzliche Vorgaben und effektive Kontrollen wird sich an der Qualität der Anlageberatung nichts ändern“, sagt vzbv-Chef Gerd Billen.

    Die Banken selbst sind mit dem Testergebnis weitgehend zufrieden, weil sich die Noten ohne die Abwertung durch Gesetzesverstöße fast überall verbessert hätten. „Die Anstrengungen zur Verbesserung der Kundenberatung zeigen Wirkung“, teilte der Zentrale Kreditausschuss (ZAK) mit. Bei der Handhabung der Protokollpflicht gebe es aber offenbar noch deutlichen Nachholbedarf.

  • Stiefkinder

    Kommentar

    Die Interessen der Kleinanleger und Sparer zählen in der großen Politik wenig. Die Finanzlobby verhindert immer wieder erfolgreich bessere Gesetze zum Anlegerschutz. Und die Aufsichtsbehörden schauen in der Regel auch nicht so genau hin, was sich in den Bankfilialen tut. Die Finanzaufsicht sieht sich eher als Wächter über die Funktionsfähigkeit des großen Rades, an dem die Branche gerne dreht. Der Verbraucher wird stiefmütterlich behandelt. So erklären sich die Ergebnisse des jüngsten Tests der Bankberater, der wieder einmal verheerend ausfiel. Dass sich die Institute oft nicht einmal um geltende Gesetze scheren, zeigt wie unangreifbar sich die Banker fühlen. Es sind nicht die Beschäftigten in den Filialen, die daran Schuld tragen. Es ist ein System, dass sich überlebt hat und schleunigst geändert werden muss.

    Eine Aufgabe kommt dabei dem Finanzministerium zu. Dort muss das Thema Anlegerschutz als Politikziel in den Köpfen verankert werden. Die Verbraucherministerin, die gerne mit Forderungen vorprescht, hat in der praktischen Umsetzung wenig zu sagen. Im Ergebnis werden gute Regelungen verwässert und damit nutzlos. Was hilft zum Beispiel die Pflicht zu einem Beratungsprotokoll, wenn Verstöße dagegen nicht sanktioniert werden? Ein weiteres Beispiel wird heute im Bundeskabinett verabschiedet. Zwar müssen die Banken künftig eine Art Beipackzettel für Finanzprodukte verfassen. Doch der Finanzminister will weder eine einheitliche Form noch eine jedermann leicht zugängliche Veröffentlichung des Produktblattes. Der Verbraucher soll wohl keine Vergleiche anstellen. Da hat die Lobby wieder einmal gut gearbeitet.

    Dabei hat der Finanzminister durchaus ein Eigeninteresse in dieser Angelegenheit. Jährlich schießt der Staat Milliarden an Förderung für die Riester-Rente zu. Von vielen Verträgen profitieren vornehmlich die Anbieter, nicht aber die Sparer. Womöglich ließe sich dort eine Menge Geld sparen, oder zumindest besser anlegen, wenn es mehr Transparenz bei den Produkten gäbe. Am Dienstsitz in der Wilhelmstraße ist dies noch nicht angekommen. Noch ein zweites Argument hat Gewicht. Die Bürger sollen mehr Eigenvorsorge betreiben und müssen ihr Erspartes deshalb möglichst gut anlegen. Der Staat hat ein Interesse an einem möglichst effizienten Einsatz dieses Geldes, weil dies in späteren Zeiten die Zahlung von Transferleistungen vermindert. Das alles sind gute Gründe für den Ausbau des finanziellen Verbraucherschutzes.

    Schließlich sind auch die Bankkunden selbst gefragt. Die Bankberater haben das ihnen einst entgegengebrachte Urvertrauen nicht verdient. Wer sein Geld gut und den eigenen Zielen gemäß anlegen will, muss sich informieren oder einen professionellen Berater aufsuchen. Die Kosten dafür kommen durch höhere Erträge oder geringere Verluste schnell wieder herein. Am Bewusstsein für die eigene Verantwortung mangelt es noch häufig.

  • Die besten Zutaten für den Erfolg

    Wer es als Koch nach ganz oben schaffen möchte, braucht Unterstützung und ein Ziel vor Augen

    Beim Gedanken an ein trocken gebratenes Hühnchenfilet beschleicht sie das Grauen. Mit labberigen Möhren kochen sie nicht. Und gekörnte Brühe kommt ihnen nicht in die Suppe. Anstelle dessen kreieren sie aus einfachen Zutaten wahre Gaumenfreuden und schwingen Töpfe, Messer und Pfannen mit Leichtigkeit. Spitzenköche vermögen es, mit wahrlich schmackhaften Gerichten ein zufriedenes Lächeln in die Gesichter ihrer Gäste zu zaubern. Doch wie wird man eigentlich zum Meisterkoch?

    „Wie bei einer guten Soße kommt es auch bei einem guten Koch auf die Basis an“, sagt Axel Rühmann, Präsident des Verbands der Köche (VDK). „Für ersteres braucht es einen guten Fond, für letzteres eine solide Ausbildung“, so Rühmann. Auf eine solide Ausbildung kann auch Martin Baumgärtel zurückblicken. Der 47 jährige kocht heute im idyllisch gelegenen Strandhotel Löchnerhaus auf der Insel Reichenau im Bodensee. Drei Jahre lernte er als Jugendlicher im Hotel „Vier Jahreszeiten“ in München. Danach ging er an die Hotelfachschule und erwarb den  Titel des Küchenmeisters. „Während der Studienzeit habe ich bei der Lufthansa gekocht“, sagt der Küchenchef, „anschließend kam das Maritim Hannover und danach der Betrieb der Schwiegereltern in Norddeutschland.“

    Heute, auf Reichenau, serviert Baumgärtel Felchencarpaccio oder Zanderfilet auf warmen Salatgurken. Seine Küche ist kreativ. Und Kreativität braucht es, um zu den besten des Fachs zu gehören. „Einfallslosigkeit ist fehl am Platz“, sagt der Gastronom. Man müsse mit offenen Augen durch die Märkte gehen, dann finde man die Inspiration.

    Der Weg nach oben will gut durchdacht sein. „Wer Karriere machen möchte, muss sich Ziele setzten und gut planen“, erklärt VDK-Chef Rühmann. In zwei bis vier guten Betrieben sollten sich Jungköche nach der Ausbildung fortbilden und Erfahrungen sammeln. Und die Küchenmeisterprüfung dürfe auch nicht fehlen. „Während der Ausbildung lernen die Köche auch kaufmännische Dinge oder wie man Mitarbeiter führt“, so Rühmann. Dass ein Spitzenkoch nicht ständig am Herd steht, weiß auch Martin Baumgärtel. „Ich sorge dafür, dass uns die Zutaten nicht ausgehen“, sagt er. „Selbst spät am Abend faxe ich noch die Gemüsebestellung für den nächsten Morgen raus.“

    Spitzenköche arbeiten hart. Sieben Tage zählt Baumgärtels Arbeitswoche. Wenn das Geschäft  normal läuft, kommt er vor 22 oder 23 Uhr nicht aus dem Büro heraus. Da hat er Glück, dass er das Haus auf der Insel zusammen mit seiner Frau Maren betreibt. So sehen sich die beiden häufig. „Mit einer  Beziehung außerhalb der Gastronomie haben es Köche schwer“, sagt der Gastronom. „Schließlich verdienen wir unser Geld am Wochenende.“

    Apropos Geld: Koch ist mit Sicherheit nicht der best bezahlte Job. Gerade während und kurz nach der Ausbildung steht es um die Verdienstmöglichkeiten nicht allzu rosig. Dies ist wohl auch ein Grund dafür, dass ungefähr zehn Prozent der Ausbildungsplätze derzeit nicht besetzt sind. Wer den Beruf ergreifen möchte, hat also gute Chancen. Die Möglichkeit andere Kulturen und damit Küchen kennen zu lernen, ist dabei groß „Köche aus Deutschland, der Schweiz und Österreich sind in der Welt sehr hoch angesehen“, freut sich Küchenmeister Baumgärtel.

    Martin Baumgärtel hat keinen, Alfons Schubeck einen und Eckart Witzigmann gleich drei: Muss an der Restauranttür eines Spitzenkochs unbedingt ein Stern prangen? Nein, meint  VDK-Präsident Rühmann. Auf diese Auszeichnung kommt es nicht an. Dennoch sollten sich Köche Herausforderungen stellen und an Kochwettbewerben teilnehmen, wenn sie Karriere machen möchten.

    „Wer nach oben möchte, muss sein Können nach außen tragen“, so Rühmann. Dabei fällt ihm gleich der 22-jährige Michael Kübler vom Burgrestaurant Staufeneck in Salach ein, der kürzlich mit dem Titel „Bester Jungkoch Deutschlands“ ausgezeichnet wurde. Mit Saibling-Tatar, Ravioli von Pfifferlingen und Spargel, einer Roulade von der Perlhuhnbrust und einem lauwarmer Schokoladenkuchen konnte der Lehrling die Jury von seinem Können überzeugen.

    Freilich, wer an einem Kochwettbewerb teilnehmen möchte braucht Unterstützung –
    und die bietet nur ein guter Lehrbetrieb. „Wer Kochprofi werden möchte, sollte in zwei oder drei Unternehmen hineinschnuppern, bevor er die Lehre antritt und darauf achten, dass der Betrieb ein anerkannter Ausbildungsbetrieb ist“, so VDK-Präsident Rühmann.

    Schon Martin Baumgärtels Vater ist Küchenmeister gewesen, ebenso ist dies sein Onkel, der auf den Namen Axel Rühmann hört und quasi der Chef der deutschen Köche ist. Ebenso hat es  Baumgärtels Mutter gelernt, leckere Speisen auf den Teller zu zaubern: Auch sie ist Köchin. Da stellt sich abschließend die Frage, ob einem die Leidenschaft für leckeres Essen vielleicht mit in die Wiege gelegt werden kann. „Man ist da irgendwie auch infiziert“, scherzt Baumgärtel. 

  • Junge Seelen nicht überfordern

    Eigentlich sollten Schüler in den Ferien die Seele baumeln lassen. Doch viele nutzen die Freizeit und verdienen sich ein paar Euro dazu. Ob das sinnvoll ist, weiß die Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche Christiane Lutz.

    Kunstmann: Frau Lutz, ist es eigentlich gut, wenn Kinder Jobs annehmen?

    Christiane Lutz: Wenn Kinder arbeiten haben, sie die Chance selbständiger zu werden. Sie lernen Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen und erleben das gute Gefühl von Eigenständigkeit und eigener Initiative. Eigenes Geld zu verdienen, bedeutet für sie Erfolg und Anerkennung. Unsere Kinder laufen heute eher Gefahr, zu selbstverständlich passiv zu konsumieren. Da ist die aktive Beschäftigung eine wichtige Erfahrung. Sie fördert den Realitätssinn und den Mut, sich auf sich selbst verlassen zu können.

    Kunstmann: Wie viel sollten Kinder höchstens neben der Schule arbeiten?

    Lutz: Die schulische Belastung, darf nicht unterschätzt werden. Zählt man die Hausaufgaben mit zur Schulzeit, haben Kinder locker eine 40-Stundenwoche. Zusätzliche Aktivitäten wie Sport oder Musikunterricht sind da noch nicht mit eingerechnet. Schüler brauchen Zeit zum Erholen. Da ist Arbeiten in der Schulzeit nicht sinnvoll.

    Kunstmann: Viele Schüler arbeiten die  ganzen Ferien über. Ist das gut? 

    Lutz: Ferienzeiten sind dringend notwendige Erholungszeiten. Hier kann sich der Lehrstoff setzen und die Kinder können Abstand gewinnen. So schöpfen sie neue Motivation zum Weiterlernen. Da ist es nicht ratsam, die ganze Zeit zu arbeiten. Eine Ausnahme sind die langen Sommerferien: Je nach Alter, Belastung und körperlicher Konstitution können kurze Ferienjobs durchaus in Ordnung sein.

    Kunstmann: Ab 13 Jahren dürfen Schüler arbeiten. Sind sie in diesem Alter schon bereit dafür?

    Lutz: Kinder sind heute zwar körperlich früher reif. Dafür sind sie emotional weniger entwickelt. Mit 13 Jahren können sie Arbeit und Spiel oft noch nicht klar unterscheiden. Wer so jung kontinuierlich arbeitet, kann sich seelisch überfordern. Nur spürbare materielle Not würde die Arbeit rechtfertigen.

    Bio-Box: Christiane Lutz ist niedergelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeutin sowie Paar- und Familientherapeutin in Stuttgart. Die  67-Jährige unterrichtet am C. G. Jung-Institut und an der Akademie für Tiefenpsychologie der Landeshauptstadt und ist Autorin zahlreicher Bücher.

  • Ferienjobs verstecken sich

    Wer sich in der schulfreien Zeit Geld dazu verdienen möchte, muss die Unternehmen häufig einzeln abklappern

    Taschengeld ansparen ist mühsam. Viele Schüler freuen sich deshalb auf den Sommer. Denn die schulfreie Zeit verspricht Aussicht auf einen Ferienjob. Schnell lässt sich so das nötige Bargeld für den brandneuen MP3-Player, die angesagten Sneakers oder die hippe Katy Perry CD hinzuverdienen. Doch die begehrten Nebentätigkeiten lassen sich nur schwer ergattern. 

    In Anzeigen sind Ferienjobs kaum zu finden. „Annoncen sind eher die Ausnahme“, sagt Wilfried Malcher vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE). „Viele Unternehmen entscheiden sich spontan und schreiben die Stellen im Geschäft aus.“ Schüler sollten deshalb direkt im Unternehmen nachfragen, empfiehlt der  Berufsbildungsexperte. Die Vorgehensweise ist zwar mühsam, hat aber einen entscheidenden Vorteil: Vor Ort können sich die Jugendlichen einen guten Überblick über den Supermarkt, das Elektrofachgeschäft oder die Bäckerei machen. „Da kann man gut spüren, wie das Bertiebsklima ist“, sagt Malcher.

    Kinderbetreuer, Maschinenteilreiniger, Produktionshelfer oder Küchenhilfe: Die baden-württembergische Regionaldirektion der Arbeitsagentur weiß, welche Ferienjobs Unternehmen derzeit anbieten. Viel Mut können die Arbeitsmarktexperten Schülern jedoch nicht machen. Gerade einmal etwas über 850 Jobs zählt die Liste der Behörde. Vor zwei Jahren waren es fast zehn Mal so viel, nämlich 8.000. Warum die Unternehmen so wenig Jobs offiziell ausschreiben weiß die stellvertretende Sprecherin Julia Stump: „Viele Jobs werden über Mitarbeiter Kinder und Bekannte abgedeckt ohne das die Agenturen vor Ort eingeschaltet werden“, erläutert sie. „Vitamin B“ heißt wohl der beste Weg zum Sommerjob. Zwar haben auch die studentischen Stellenvermittlungen zum Teil Tätigkeiten für Schüler im Angebot, wie die der Ludwig-Maxmilian-Universität in München. Doch nicht jede Uni-Arbeitsbörse ist Anlaufstelle für die Jugendlichen. Der Career Service der Universität Stuttgart beispielsweise, bietet kaum Beschäftigungsmöglichkeiten für Schüler. Die angebotenen Jobs sind eher für Studenten geeignet. „In der Regel reicht die Qualifikation der Schüler für die Jobs nicht aus“, sagt eine Mitarbeiterin.  

    Den Unternehmen ist der Engpass auf dem Arbeitsmarkt durchaus bekannt. Unseriöse Anbieter wittern da ein gutes Geschäft. Bestes und typisches Abzock-Beispiel: 999 Euro und als Draufgabe ein Nokia-Handy versprach eine Firma im Jahr 2005 für den Zusammenbau von ‚WM-Kugelschreibern’. Die Sache hatte leider einen Haken. Interessenten sollten vorab 200 Euro für die Zusendung der Kugelschreiberteile zahlen.

    Die Verbraucherzentrale Hessen warnt vor unseriösen Nebenjobs. „Wenn der Jobsuchende zunächst zur Kasse gebeten werden, die Arbeit nicht näher beschrieben ist, aber mit exorbitanten Einkünften geworben wird, sollte man besser die Finger von diesen Angeboten lassen“, raten die Verbraucherschützer. Typisch für unseriöse Jobangebote sei auch, dass versprochen wird, viel Geld leicht nebenbei zu verdienen. Dabei weiß doch eigentlich jeder, dass sich das Geld nicht so leicht verdient.

    „Sofort handeln!“, „zeitlich begrenzt“ oder „Sensationelle Verdienstmöglichkeit“: Hinter reißerisch formulierten Anzeigentexten lauern die schwarzen Schafe. Ein Indiz für ein betrügerisches Angebot ist es auch, wenn die Nebenjobber weitere Personen für die Tätigkeit anwerben müssen. Die Verbraucherzentralen raten deshalb, sich auf jeden Fall über die Firma zu informieren und nicht voreilig einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Und wer Opfer eines Betrugs geworden ist, sollte unbedingt Strafanzeige erstatten.

    Rund 160.000 Schüler besuchen in Baden-Württemberg die Oberstufe. Das ist recht viel im Vergleich zu den 800 offiziell ausgeschriebenen Ferienjobs. Von Glück können also jene Jugendliche reden, die eine bezahlte Beschäftigung erhaschen können. Für einige dürfte sich dieses Glück sogar doppelt bezahlt machen: „Manchmal macht der Ferienjob auch den Weg in die Berufswelt frei“, sagt HDE-Experte Malcher. Denn einige Unternehmen schreiben die Stellen gezielt aus, um Auszubildende zu gewinnen