Sie heißen Josie, Vivienne oder James. Sie schreiben nette Nachrichten bei Instagram oder Facebook. Manchmal trudelt auch eine Mail mit einem Rosensymbol ein. Für die, die antworten, kann es teuer werden und peinlich. Denn was als harmloser Austausch beginnt, entpuppt sich oft als Betrugsmasche professioneller Banden, die nicht auf Liebe oder Freundschaft, sondern Geld aus sind. Und Deutschland ist besonders empfänglich für dieses kriminelle Geschäftsmodell, wie ein umfangreicher Bericht zu Betrug und Geldwäsche weltweit zeigt.
Rund 431 Millionen Dollar (371 Millionen Euro) verloren Bundesbürger demnach im vergangenen Jahr an Gauner, die einsamen Menschen hierzulande digital schöne Augen machten. Das entspricht 86 Prozent der gesamten Schadenssumme in der EU durch sogenannten Liebes- und Vertrauensbetrug. Die Summe ist 28 Prozent höher als noch 2023, wie aus dem Global Financial Crime Report von Nasdaq Verafin hervorgeht. Das Unternehmen gehört zur US-Technologiebörse Nasdaq und hilft, Finanzverbrechen zu verhindern. Der Bericht erscheint alle zwei Jahre.
„Unsere Daten zeigen, dass Deutschland sich zum führenden Hotspot der EU für Identitäts- und Vertrauensbetrügereien entwickelt hat, wobei diese Art von Betrug in alarmierendem Tempo zunimmt“, sagt Kamlesh Harry von Nasdaq Verafin. Weil die Banksicherheit immer robuster werde und die Systeme immer schwerer zu knacken seien, verlagerten Kriminelle ihren Fokus zunehmend. „Sie manipulieren Verbraucher dahingehend, ihr Geld eigenständig zu überweisen.“
Die Betroffenen von Liebesbetrug zahlen freiwillig teils fünfstellige Summen, weil sie glaubten, der neuen Bekannten oder dem neuen Freund in einer Notsituation zu helfen, Flugtickets zu finanzieren oder den Wunsch, eine Firma zu gründen, zu unterstützen. Ist gezahlt, tauchen die ach so einfühlsamen Onlinebekanntschaften ab. Das Geld ist weg. Viele Opfer schämen sich. Und mancher kommt mit der Schmach nicht klar und tut sich etwas an.
Beliebt ist auch, jemandem einen Lotteriegewinn zu versprechen, für dessen Überweisung nur eine Anzahlung nötig sei. Allein diese Art von Betrug summierte sich auf rund 1,38 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr, ein Plus von 23 Prozent im Vergleich zu 2023. Und dann sind da Klassiker wie der Enkeltrick, bei dem der Oma vorgegaukelt wird, sie müsse ganz schnell, die Enkelin aus einer Notsituation befreien und Geld überweisen. Der Schaden in Deutschland betrug allein rund 3,9 Milliarden Dollar, ein Zuwachs von 6,3 Prozent.
Was nach viel Geld klingt, wirkt wenig angesichts der illegalen Summen, die durch das deutsche Finanzsystem geschleust werden. 189,76 Milliarden Dollar ermittelten die Experten, 21 Prozent mehr als 2023. Deutschland steht damit für 28 Prozent aller illegalen Finanzgeschäfte wie Geldwäsche, Drogenhandel und organisiertes Verbrechen in der EU (672,4 Milliarden Dollar). Weltweit beträgt der Wert rund 4,4 Billionen Dollar, 21 Prozent mehr als noch vor zwei Jahren.
Dazu kamen rund um den Globus insgesamt 579,4 Milliarden Dollar Schäden durch verschiedene Betrugsmaschen wie Liebesbetrug, Enkeltrick oder Bankbetrug, ein Plus von neun Prozent. Insgesamt betrug der Schaden demnach fast fünf Billionen Dollar. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt betrug 2025 nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes umgerechnet 5,2 Milliarden Dollar.
„Wir befinden uns derzeit inmitten einer ausgewachsenen Finanzkriminalitäts-Krise, die von kriminellen Netzwerken vorangetrieben wird“, sagt Stephanie Champion, Chefin von Nasdaq Verafin. „Diese nutzen Künstliche Intelligenz, um ihre Betrugsmethoden zu optimieren, und Handeln dabei wie große multinationale Unternehmen.“ Harry ergänzt: „Als eines der reichsten Länder Europas mit einem der wichtigsten Finanzplätze ist Deutschland ein besonders attraktives Ziel für organisierte kriminelle Gruppen.“
Fortschritte in der KI ermöglichten es auch Betrügern aus Übersee, Sprachbarrieren zu überwinden und sehr überzeugende, personalisierte Betrugsmaschen gegen deutsche Opfer einzusetzen, sagt der Experte. „Betrugsfälle sind in der heutigen Zeit immer stärker automatisiert, lassen sich leicht skalieren und erscheinen häufig täuschend echt.“
Erstellt hat die Studie Nasdaq Verafin gemeinsam mit dem US-Finanzdatenspezialisten Celent und der US-Beratungsfirma Oliver Wyman. Die Zahlen sind anhand von verfügbaren Daten geschätzt. Die wahren Werte können deutlich höher liegen. Eingeflossen sind unter anderem Informationen der europäischen Polizeibehörde Europol, der US-Bundespolizei FBI, dem Internationalen Währungsfonds, den US-Ministerien für Justiz- und Finanzen, den Vereinten Nationen und der Weltbank. Auch sind 505 Experten befragt worden, die sich bei Finanzinstituten damit beschäftigen, Betrügereien zu verhindern.