Künstliche Intelligenz treibt die nächste wirtschaftliche Revolution. Die Technologie wird mit Milliardensummen vor allem in den USA weiterentwickelt. Wieder einmal kann Europa kaum mithalten. Die Bundesagentur für Sprunginnovationen, Sprind, will das mit einem Millionenexperiment für die Zukunft ändern. Sie sucht in einem Wettbewerb das nächste große Ding, die KI nach der KI, das nächste ChatGPT. Europaweit.
„In den nächsten Jahrzehnten werden alle wichtigen Erfindungen über KI laufen“, sagt Mirko Holzer, bei Sprind verantwortlich für KI und Robotik. „Wir sind überzeugt, dass in den nächsten 20 Jahren 95 Prozent der Jobs besser von KI erledigt werden als von Menschen. Und das schließt auch die manuelle Arbeit von Menschen ein.“ Bei einer so tiefgreifenden Technologie sollte eine Industrienation wie Deutschland mitmischen.
Anwendungen gibt es viele. Die KI hilft, Moleküle für die Krebsforschung zu finden, analysiert große Mengen Maschinendaten und schlägt vor, was sich verbessern lässt, und auch Reden lassen sich einfach erstellen oder Ergebnisse zusammenfassen. Die Technologie dahinter stammt allerdings nicht aus Deutschland oder gar Europa. „Praktisch kommen alle KI-Grundmodelle, die wir anwenden, aus den USA oder China“, sagt Holzer. Sie heißen ChatGPT (OpenAI), Claude (Anthropic), Copilot (Microsoft), Gemini (Google) oder Deepseek vom gleichnamigen chinesischen Unternehmen.
Die aktuelle Lage hierzulande sieht nicht gut aus. „Das ist, als würde Deutschland als eine der führenden Industrienationen Strom ausschließlich im Ausland einkaufen. Sie wäre vollständig den Preisvorstellungen der Lieferanten ausgeliefert“, schildert Holzer. „Und diese können damit drohen, den Strom abzuschalten.“ Er erwartet, dass Amerikaner wie Chinesen ihre Führungsposition in der KI im Sinne ihrer geopolitischen Interessen nutzen werden.
Eine Möglichkeit wäre, in großem Umfang zu investieren. Aber: „Europa ist bei den derzeit führenden KI-Technologien 15 Jahre hinterher“, erklärt Holzer. „Wir haben weder das Geld noch die erforderlichen Rechenzentrumskapazitäten, um hier aufzuholen. Außerdem werden wir werden regulatorisch durch den europäischen AI Act stark gebremst.“ Der Aufholversuch dauert aus seiner Sicht fünf bis sieben Jahre – in KI-Zeiten zu lang.
„Deshalb bleibt nur: Wir überspringen die aktuelle Technologie und suchen nach dem, was das nächste große Ding ist“, sagt Holzer. „Ähnlich gingen afrikanische Länder vor, die das Festnetzzeitalter ausließen, gleich auf Mobilfunk setzten und zum Beispiel früh mobile Zahllösungen entwickelten.“ Deshalb sucht die Sprunginnovationsagentur jetzt „Leute, die mutig genug sind, die sich trauen. Derzeit sind wir in Europa unterwegs, um sie aufzurütteln.“ Eine Werbetour für die digitale Zukunft.
Ohne den Anschub von Sprind würde vermutlich wenig passieren. „Die drei Ideen in der Anfangsphase mit Steuergeld zu finanzieren, nimmt für spätere Investoren das Risiko des Ausfalls und macht die neuen Firmen attraktiv für Investoren“ erklärt Holzer.
Bis Ende Mai können sich alle, die eine Idee haben, bei Sprind bewerben. Der Wettbewerb startet am 1. Juli dann mit zehn ausgewählten Teams. Zunächst stehen 125 Millionen Euro bereit. „Wir vergeben das Geld nicht einfach so. Ohne Idee und Plan läuft nichts“, garantiert Holzer. Und es ist nicht gesagt, dass alle oder auch nur eines der Teams aus Deutschland kommen. „Wir investieren zwar deutsches Geld, denken aber bewusst europaweit – einschließlich Großbritannien und Schweiz.“
Drei Runden sind geplant, eine Jury entscheidet, welche Teams weiterkommen. „Nach zwei Jahren haben wir idealerweise drei Unternehmen – wir nennen Sie „Frontier Labs“ – im Frühstadium, die Modelle entwickelt haben, die funktionieren könnten“, sagt Holzer. „Praktisch drei Setzlinge, die wir umtopfen und mit je einer Milliarde Euro gießen müssen.“ Klingt viel Geld, ist aber immer noch wenig im Vergleich zu den Summen, die derzeit in den USA eingesetzt werden. Investoren steckten gerade 30 Milliarden Dollar (25,5 Milliarden Dollar) zusätzlich in Anthropic. OpenAI erhielt knapp 100 Milliarden Dollar.
Die Sprunginnovationsagentur kann und muss die drei Milliarden Euro für die „Setzlinge“ nicht aufbringen. Das Geld soll aus staatlichen Fördertöpfen der Länder kommen, in denen die Teams sitzen und von der EU. Darüber hinaus ist die Privatwirtschaft gefragt: Konzerne könnten eine der drei neuen europäischen Ideen als gutes Investment ansehen und durch Umsatzgarantien helfen, schnell zu wachsen. Klassische Investoren, so die Hoffnung, könnten Interesse haben, auch Firmen, die große Familienvermögen verwalten. Zudem sind Börsengänge möglich, um Geld zu beschaffen. Die Kontrolle der drei jungen Unternehmen muss aber in Europa bleiben.
„Das Geld ist nötig, weil viel probiert werden muss“, sagt Holzer. „Auch heutige KI-Grundmodelle brauchen zwei bis drei Trainingsläufe mit Daten. Die kosten jeweils 100 bis 200 Millionen Dollar. Und es funktioniert nicht immer.“ Sehr wahrscheinlich muss bei den drei neuen Ideen viel probiert werden. „Sie sollen ja besser sein als bestehende Modelle“, sagt Holzer. Möglicherweise arbeiten die „Setzlinge“ auch anders als die KI derzeit. Der Sprind-Experte kann sich einiges vorstellen: „Heute wird vor allem mit Text und Bildern trainiert, aber vielleicht sind es künftig auch Schallwellen oder ganz andere Daten.“