Elon Musk ist oft einfach schneller. Bereits seit 2020 liefert der reichste Mann der Welt mit Starlink Internet aus dem All auf die Erde. Jetzt bekommt er Konkurrenz vom drittreichsten: Jeff Bezos. Dessen Projekt Amazon Leo hängt etwas, doch die Aufholjagd hat begonnen. Entscheidend dabei sind Europäer, was sich an diesem Dienstag wieder zeigt.
Am Vormittag deutscher Zeit soll eine Ariane-Rakete vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana abheben. An Bord sind 32 Leo-Satelliten des Onlinehändlers und Technologiekonzerns Amazon. Leo steht für die Umlaufbahn Low Earth Orbit, in der die Satelliten arbeiten sollen. Wenn alles klappt, schließt Bezos (282 Milliarden Dollar Vermögen) im All ein bisschen auf zu Musk (647 Milliarden Dollar) auf.
Bezos plant einen Schwarm von zunächst 3236 Satelliten. Gut ein Fünftel davon sollen mit einer Ariane ins All. Insgesamt 18 Starts hat Amazon bestellt, der erste war im Februar. Es ist der größte kommerzielle Auftrag für die französische ArianeGroup, die die Rakete baut. Weite Teile kommen aus Deutschland, vor allem die wichtige Oberstufe, die in Bremen gebaut wird. Sie liefert die Ladung an die richtige Stelle, nachdem Hauptstufe und Booster die Rakete von der Erde weggebracht haben.
Pierre Godart sitzt in einem Konferenzraum der Fabrik nahe des Bremer Flughafen. Der Deutschland-Chef von ArianeGroup berichtet begeistert von der Präzision der Ariane 6, davon dass rund 600 Firmen aus 13 europäischen Ländern Teile liefern, dass sie nach sechs Starts seit dem Jungfernflug 2024 gerade die Produktion in großem Tempo hochfahren. Wegen der hohen Nachfrage nach Raketen weltweit. „Da wollen wir dabei sein.“
Es ist auch eine wirtschaftliche Frage. Bisher fliegen Ariane-Raketen vor allem für staatliche Auftraggeber – die europäische Raumfahrtagentur Esa, Verteidigungsministerien. Große Aufträge aus der Privatwirtschaft gab es bisher nicht. Auch war die Ariane 5, Vorgängerin der Ariane 6, im Vergleich zur Konkurrenz zu teuer konnte nur wenige Male im Jahr starten, weil der Bau so aufwändig war. Bei der neuen Rakete sind die Kosten deutlich geringer. Und je mehr Starts verkauft werden, desto mehr rechnen sich die hohen Investitionen von rund vier Milliarden Euro.
Godart steht jetzt in der hellen Halle zwischen einem fertigen Sauerstofftank, der einer silbrigen Linse mit 5,4 Metern Durchmesser ähnelt und dem ähnlich großen, aber etwas höheren Wasserstofftank. Der Deutschland-Chef der ArianeGroup trägt weiße Überschuhe, hellblauen Kittel und Haarnetz wie alle hier im Reinraum. Winzige Partikel können die Oberstufe später unbrauchbar machen. Die Luft in der Halle mit ihren fast 20 Metern Höhe ist kühl und trocken.
„Wir haben die Produktion hier komplett neu gebaut“, sagt Godart. Die Oberstufe wird in einer Art Fließbandfertigung hergestellt, wobei das Tempo deutlich langsamer ist als zum Beispiel in der Autoindustrie. Neun bis zehn Oberstufen pro Jahr – Tanks, Triebwerk, Steuereinheiten, zusammengebaut insgesamt jeweils 7,5 Tonnen schwer – soll das Bremer Werk ausliefern, wie Godart sagt. Vielleicht auch elf.
Amazon dürfte noch größeren Bedarf nach Raketenstarts haben. Insgesamt sollen in einer zweiten Stufe bis zu 7774 Satelliten in 590 bis 630 Kilometern Höhe um die Erde fliegen. Musks Starlink betreibt derzeit mehr als 10.000 Satelliten und will weitere rund 9000 ins All schießen, was dem eigenen Raketenunternehmen SpaceX zusätzlich Aufträge garantiert. Musk startet nur mit Musk. Und die wiederverwertbare Falcon 9 ist deutlich günstiger als die Einmalrakete Ariane 6.
Dafür lässt sich das Triebwerk der Ariane-Oberstufe mehrfach zünden. Die Satelliten können an mehreren Stellen ausgesetzt werden, müssen selbst nicht mehr so weit fliegen, was Sprit spart. Ein entscheidender Vorteil, der manch Kunden überzeuge, mehr für den Start zu bezahlen, findet ArianeGroup-Manager Godart. Die Satelliten müssen sich im All immer wieder neu ausrichten. Je mehr Sprit sie haben, desto länger halten sie.
Zum Preis schweigen sich ArianeGroup und Amazon aus. Die Amerikaner dürften allerdings Mengenrabatt bekommen haben. Einzelstarts kosten nach Branchenschätzungen 90 bis 120 Millionen Euro. Insgesamt will der US-Konzern rund zehn Milliarden Dollar in Leo investieren. Martijn van Delden, so etwas wie Amazon Leos europäischer Verkaufschef, berichtet, das Programm sichere jährlich mehr als 3270 Arbeitsplätze in Europa, vor allem in Frankreich und Deutschland.
Wie Musk mit Starlink setzt auch Bezos mit Amazon Leo darauf, möglichst viel aus einer Hand zu machen. So baut das Unternehmen die Satelliten in einer eigenen US-Fabrik. Sie haben etwa das Format eines großen Kühlschranks, dazu kommen noch Sonnenpaneele für die Stromversorgung. Amazon betreibt auch eigene Bodenstationen und baut die Antennen für Endkunden selbst.
Wann man Internet über Amazon buchen kann, steht noch nicht fest. Van Delden spricht von 2026. Abgedeckt werden soll zunächst alles zwischen dem 56. Grad nördlicher und südlicher Breite, was Angebote für Mitteleuropa und große Teile Nordamerikas und Asiens möglich macht. Später soll Leo die Welt erfassen. Erste Tests laufen bereits mit ausgewählten Kunden. Anders als Musk verfügt Bezos mit Amazon über eine enorme Vertriebskraft, wird den Rückstand zu Starlink so möglicherweise aufholen können.