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  • Kein Verlass auf Handelsmarken

    Sparserie Teil 4:
    Verzicht auf gute Namen kann sich lohnen / Die Qualität können Kunden nicht erkennen

    Der Blick auf den Preis des Joghurtdrinks der Edeka-Eigenmarke „gut und günstig“ erfreut den Kunden. Mit 2,39 Euro pro Kilogramm ist das „probiotische“ Fitnessgetränk deutlich billiger als die 4,11 Euro teure Version eines bekannten Markenherstellers. „Schmeckt genauso“, stellt eine Kundin fest, „quietschsüß wie die anderen.“ Die so genannten Handelsmarken sind seit Jahren auf dem Vormarsch. Gerade bei Produkten, bei denen es nicht auf eine Top-Qualität ankommt, greifen Verbraucher gerne zu den günstigeren Angeboten. Der Preisunterschied ist oft enorm, 30 bis 50 Prozent Differenz zum Markenprodukt sind nicht selten.

    Dabei kommen die Billigwaren häufig aus denselben Fabriken wie die teurere Alternative. Mit etwas Mühe lässt sich der Hersteller sogar ermitteln. Fleisch, Wurst oder Milchprodukte tragen auf der Verpackung eine Nummer, zum Beispiel verbirgt sich hinter der Kennzeichnung „BW 033“ die Großmolkerei Campina. Welche Firma zum Aufdruck gehört, steht im Internet im Verzeichnis des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Von der Pizza bis zum Kaffee laufen Billig- und Edelmarken vom selben Band laufen.

    Die großen Preisunterschiede haben vor allem einen Grund. Handelsmarken sind billiger, weil weder Entwicklungs- noch große Werbekosten anfallen. Aber auch bei den Zutaten und den Herstellungsverfahren wird bisweilen gespart, weiß der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer vom Europäischen Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften. So werde beim Kräuterfrischkäse statt der Blätter schon mal der Stängel verarbeitet. Bei der Tiefkühlpizza werde auf teure Technik verzichtet, die den Teig vorm Austrocknen bewahrt. Selbst bei gleichen Inhaltsstoffen kommen so am Ende unterschiedliche Ergebnisse heraus.

    Bei welcher Billigware sich der Griff ins Regal lohnt, lässt sich nicht generell sagen. „Der Kunde kann die Produktqualität nicht erkennen“, erläutert Pollmer. Selbst die Inhaltsangaben auf der Verpackung helfen nicht weiter. Die Technologien der Fabrikanten sind so gewieft, dass selbst der Geschmackstest wenig über die Qualität der Ware aussagt. Doch in der Regel können die Eigenlabel der Handelsketten mit den Markenartikeln mithalten. Das belegen die Tests von Verbraucherschützern. Dort schneiden die Produkte oft gut ab, wozu auch die steigenden Anforderungen der Filialisten an die Hersteller beitragen. „Handelsketten versuchen konstante Qualitäten herzustellen“, sagt Birgit Rehlender von der Stiftung Warentest. Anders gesagt: Mit No-Name-Waren lässt sich das Haushaltsbudget entlasten, allerdings ohne die Qualitätsgarantie der Markenhersteller.

    Ähnlich uneinheitlich fallen die Testergebnisse bei anderen Waren aus. Die Stiftung Warentest nimmt regelmäßig Aktionsware der Discounter unter die Lupe. Wer darauf achtet, kann sich manches Schnäppchen sichern, vor allem aber Enttäuschungen vermeiden. Das zeitweilig von Penny angeboten Fahrradschloss für 5,99 Euro hielt beispielsweise Diebe kaum ab, weil unter dem dicken Plastikmantel nur ein dünner Metallstrang verlief. Ein günstiges Navigationsgerät von Aldi fanden die Tester dagegen gut.

  • Falsch versichert kostet Geld

    Sparserie Teil 3:
    Mit etwas Überlegung lässt sich mancher Euro sparen

    Ein halbes Dutzend Versicherungspolicen hat jeder Bundesbürger im Durchschnitt abgeschlossen. Fast 1.400 Euro kosten die Verträge jährlich und belasten damit das Haushaltsbudget kräftig. Dabei seien viele Abschlüsse gar nicht nötig, meint der Sprecher des Bunds der Versicherten (BdV), Thorsten Rudnik. „Da werden die falschen Prioritäten gesetzt“, sagt der Fachmann. Mit einer guten Beratung ließen sich in vielen Fällen einige Hundert Euro im Jahr sparen. Ein Grund dafür sind beträchtlich Preisunterschiede zwischen den einzelnen Versicherern. Eine Familienhaftpflichtpolice kostet bei gleicher Leistung Rudnik zufolge derzeit zwischen 60 und 170 Euro. Es kommt darauf an, den günstigsten Anbieter zu finden.

    Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) empfiehlt den Besuch eines unabhängigen Versicherungsberaters oder die Beratung bei einer Verbraucherzentrale. Denn im Gegensatz zum klassischen Vertreter sind diese Fachleute nicht an einzelne Unternehmen gebunden, sondern raten zu den individuell besten Lösungen. Das kostet zwar eine Gebühr, doch kommt der Aufwand durch sinkende Kosten schnell wieder herein. Der vzbv rät zu einer regelmäßigen Überprüfung der abgeschlossenen Verträge, vor allem, wenn sich die Lebenssituation verändert. Nach der Hochzeit wird beispielsweise eine der beiden Haftpflichtpolicen überflüssig, weil der Ehepartner mitversichert wird.

    Aber welche Versicherungen sind wichtig, welche nicht? „Man muss das Existenzielle absichern“, erläutert Susanne Meunier von der Stiftung Warentest. Die Experten haben eine übereinstimmende Rangliste vor Augen. Am wichtigsten ist die Privathaftpflicht, dann kommt eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) und für Familien die Absicherung der Hinterbliebenen durch eine Risikolebensversicherung. Policen wie den Schutz vor Glasbruch stehen auf der Prioritätenliste weit hinten. Was im Einzelfall in Frage kommt, weiß der BdV. Auf der Internetseite www.bundderversicherten.de kann jeder den eigenen Bedarf anhand seiner Lebenssituation ermitteln.

    Mitunter sind schon kleine Veränderungen ertragreich. Dazu zählt die Umstellung der Zahlungsweise bei Rentenversicherungen. Wer den Beitrag jährlich überweist statt anteilig jeden Monat hat laut vzbv am Ende einen Zinsvorteil von bis zu zwölf Prozent. Den Ertrag gibt es aber erst später durch eine höhere Rentenzahlung.

  • „Das geballte Problem der Inflation“

    Die Steigerung der Energiekosten trifft Bürger mit niedrigen Einkommen besonders

    Schuldnerberater registieren in diesen Wochen ein neues Phänomen. Ihre Klienten geraten durch hohe Nachzahlungen für Heizung, Strom und Betriebskosten der Wohnung zusätzlich in finanzielle Bedrängnis. „Das ist ein starkes Betätigungsfeld“, sagt Frank Wiedenhaupt, der als Schuldnerberater beim Arbeitskreis Neue Armut im Berliner Bezirk Neukölln tätig ist.
    Wiedenhaupt und seinen Kollegen begegnen zunehmend Fälle wie dieser. Der 40jährige Bürokaufmann Peter Richter* hat durch Spielsucht Schulden von 60.000 Euro angehäuft. Weil ihm die Belastung über den Kopf wuchs, beantragte er die Privatinsolvenz: Von seinem Bruttoeinkommen von rund 1.800 Euro pro Monat darf der Vater eines Sohnes nun noch 1.578 Euro behalten, die übrigen 222,05 Euro werden gepfändet und an die Gläubiger überwiesen.
    Im vergangenen April allerdings kam ein neues Problem hinzu: Der Stromversorger schickte Richter eine Nachforderung für 2007 über 578 Euro. Aus eigener Erfahrung weiss Richter nun, was „Inflation“ bedeutet: Seine Stromrechnung hat sich nahezu verdoppelt. Im Bundesdurchschnitt ist der Strompreis von Mai 2007 bis Mai 2008 zwar nur um 7,4 Prozent angestiegen, wie das Statistische Bundesamt ermittelt. Bei vielen Stromversorgern geht die Preiserhöhung jedoch weit darüber hinaus.
    Die aktuelle Inflation trifft Bürger mit geringen Einkommen besonders hart, vermutet Stefan Weick vom sozialwissenschaftlichen Institut Gesis-ZUMA in Mannheim. Aktuelle Zahlen für das Jahr 2008 liegen zwar noch nicht vor, aber Weick vertritt die Hypothese, „dass ärmere Menschen von der Preissteigerung relativ stärker betroffen sind als Wohlhabende“. Der Hintergrund: Wer wenig Geld hat, muss einen großen Teil davon für seine Grundversorgung ausgeben: Miete, Energie, Lebensmittel, Mobilität. Und gerade bei diesen Gütern und Dienstleistungen macht sich die gegenwärtige Preisentwicklung besonders bemerkbar. Nach Berechnungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) belastet diese Preisentwicklung besonders Geringverdiener und Familien mit Kindern. So ist der Einkommensanteil, den niedrig verdienende Vier-Personen-Haushalte für Benzin, Heizöl, Gas und Strom aufwenden, seit Jahresbeginn von gut 14 Prozent auf 18 Prozent gestiegen.
    Ein Blick ins Haushaltsbuch des überschuldeten Peter Richter zeigt: Nach Abzug der Fixkosten bleibt ihm wenig Geld übrig. Von den pfändungsfreien 1.578 Euro zahlt Richter 700 Euro Miete, 100 Euro für zwei Nahverkehrstickets, 50 für Strom, 100 für Telefon, Internet und Fernsehen, für Gas 45 und für die Haftpflicht 15 Euro. Die Restsumme beträgt 568 Euro. Damit muss Richter sich und seinen Sohn einen Monat über die Runden bringen. Setzt man die Heizkostennachzahlung für 2007, umgerechnet auf zwölf Monatsraten, zu dieser Summe ins Verhältnis, so ergibt sich: Richter soll 48 Euro oder acht Prozent seines verbleibenden Einkommens zusätzlich für Strom entrichten. Mit anderen Worten: Die Preissteigerung beim Strom raubt ihm acht Prozent seiner restlichen Kaufkraft.
    „Das ist das geballte Problem der Inflation“, sagt Schuldnerberater Wiedenhaupt, „und diese Fälle sind erst der Anfang. Die große Welle kommt nächstes Jahr“. Dann rechnen die Hausbesitzer die drastischen Preissteigerungen für die Energie ab, die im Jahr 2008 verbraucht wurde.
    Hinzu kommen Preissteigerungen, die in der Öffentlichkeit bislang kaum eine Rolle spielen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes erhöhten sich die Kosten für Bildung innerhalb des vergangenen Jahres um durchschnittlich 5,9 Prozent. Die Ursache ist vor allem, dass mehrere Bundesländer Studiengebühren einführten. Wer schulpflichtige Kinder hat und gleichzeitig über wenig Geld verfügt, gerät aber auch aus einem anderen Grund in die Bredouille: Viele Städte verlangen inzwischen 50 Euro oder mehr Büchergeld pro Kind und Schuljahr. Zusätzlich kostet das Mittagessen im Hort Extragebühren, die Klassenkasse will gespeist werden, und auch Ausflüge ins Museum sind nicht billig. Da können schnell 30 Euro im Monat zusätzlich zusammenkommen.
    * Name geändert

  • „Verletzung der Sorgfaltspflicht“

    Der Vaduzer Rechtsanwalt und frühere Liechtensteiner Justizminister Heinz Frommelt erklärt, warum deutsche Steuerhinterzieher Schadenersatz verlangen könnten

    Koch: 770 reiche Bundesbürger sollen mit Hilfe von Banken in Liechtenstein Steuern hinterzogen haben. Deutsche Staatsanwälte ermitteln. Einige Steuersünder planen nun offenbar, die Liechtensteiner Fürstenbank LTG auf Schadenersatz zu verklagen. Vertreten Sie diese Personen als Anwalt?
    Heinz Frommelt: Nein, deutsche Rechsanwälte haben mich im Auftrag ihrer Mandanten gebeten, eine Einschätzung abzugeben. Es handelt sich um Voranfragen.
    Koch: Welche Argumente führen die potenziellen Kläger ins Feld?
    Frommelt: Die Argumentationslinie der Kollegen sieht so aus: Wenn die LTG-Bank ihre Kunden darüber informiert hätte, dass ihr 2002 Kundendaten gestohlen worden waren, hätten die Anleger die deutsche Steueramnestie des Jahres 2004 in Anspruch nehmen können. Dabei hätten sie weniger Geld bezahlt als jetzt im Zuge der Verfahren wegen Steuerhinterziehung. Die Differenz soll die Bank begleichen.
    Koch: Der deutsche Springreiter und verurteilte Steuervermeider Paul Schockemöhle ist mit einer ähnlichen Argumentation 2005 nicht durchgekommen – das oberste Liechtensteiner Gerichtshof wies seine Klage ab. Warum wird jetzt ein neuer Versuch gestartet?
    Frommelt: Weil es eine neue Sachlage gibt. Im Jahr 2004 hat die deutsche Bundesregierung eine Amnestie für Steuerflucht erlassen. Auf die konnte Schockemöhle sich nicht berufen. Sein Fall hatte sich vorher zugetragen.
    Koch: Das Amnestie-Argument macht den Eindruck einer Hilfskonstruktion. Beschweren sich die potenziellen Kläger nicht eigentlich darüber, dass die LTG-Bank sie nicht ausreichend bei der Steuerhinterziehung unterstützt hat?
    Frommelt: Sie fragen polemisch. Ich will mich lieber an die juristischen Argumente halten. Die deutschen Kunden werfen der Bank vor, sie habe ihrer Sorgfaltspflicht nicht Genüge getan.
    Koch: Halten Sie es für legitim, wenn ein verurteilter Täter seine finanzielle Strafe per Schadensersatz refinanziert?
    Frommelt: Da verweise ich auf das Urteil des Gerichtshofs von 2005. Das Gericht hat festgestellt, dass Schockemöhle kein ersatzfähiger Schaden entstanden sei. Es sei, salopp gesprochen, grundsätzlich nicht möglich, sich die legale Steuerschuld gegenüber dem einen Staat in Form von Schadenersatz zurückzuholen.
    Koch: Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten des aktuellen Klageversuchs?
    Frommelt: Sie kennen die alte Weisheit: Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand.
    Koch: Was raten Sie den potenziellen Klägern?
    Frommelt: Eine eingehende Prüfung. Das Risiko der Klageabweisung bleibt aber in jedem Fall.
    Koch: Hat die Affäre der Steuerhinterziehungen dazu geführt, dass Liechtenstein jetzt mehr Informationen über Konten an ausländische Behörden übermittelt?
    Frommelt: Liechtenstein ist mittlerweile dem Schengener Abkommen beigetreten, das grenzüberschreitende Rechtshilfe bei Steuerbetrug vorsieht. Auch das jetzt ausverhandelte EU-Betrugsabkommen geht in die gleiche Richtung.
    Interview: Hannes Koch

    Info-Kasten
    Als die Bochumer Staatsanwaltschaft Mitte Februar 2008 das Privathaus des damaligen Post-Vorstands Klaus Zumwinkel durchsuchte, war dies der Beginn einer beispiellosen Ermittlungswelle gegen mutmaßliche Steuerhinterzieher. Ausgelöst wurde sie, weil der Bundesnachrichtendienst gestohlene Kundendaten der Liechtensteiner LTG-Bank aufgekauft hatte. Mehrere Hundert gutbetuchter Bundesbürger stehen im Verdacht, Millionen Euro an den hiesigen Finanzämtern vorbei auf Liechtensteiner Bankkonten bugsiert zu haben. Bisher haben die Verfahren und die Ermittlungsarbeit dem Staat rund 110 Millionen Euro hinterzogener Steuern eingebracht. In einem ersten Urteil verhängte das Landgericht Bochum unlängst eine zweijährige Bewährungsstrafe und eine Strafzahlung von 7,5 Millionen Euro gegen einen Immobilienkaufmann aus Bad Homburg. Außerdem musste er knapp acht Millionen Euro Steuern nachzahlen.

  • Weniger Gebühren bei Konto und Kredit

    Sparserie Teil 2:
    Über 200 Euro im Jahr kann der Bankwechsel sparen / Viele Versicherungen bieten vergleichsweise preiswerte Policendarlehen an / Rentner mit Eigenheim sind plötzlich auch kreditwürdig

    Ein Bankkonto muss jeder haben. Alle drei Monate wird abgerechnet, denn kostenfrei ist der Geldverkehr oft nicht. Doch aufgepasst: Es gibt zwischen den einzelnen Banken erhebliche Preisunterschiede. „Möglich ist eine Ersparnis von über 200 Euro im Jahr“, ergab ein Vergleich der Stiftung Warentest im vergangenen Jahr. Inzwischen bieten etliche Banken kostenlose Girokonten an. Der Teufel steckt aber oft im Detail, zum Beispiel in den Gebühren für Kreditkarten, Abhebungen oder Kontoauszüge. Auch bei den Dispozinsen gibt es erhebliche Unterschiede. Nach Angaben des Internetportals www.vergleich.de fahren Kunden, die ihre Bankgeschäfte lieber in der Filiale als im Internet tätigt, bei der Citibank, der Go Money Bank und der Postbank am besten – sofern das Konto überwiegend im Plus ist. Rund 140 Euro Gebühren trennen hier die billigste von der teuersten Bank. Die Kosten hängen auch vom persönlichen Profil ab. Ist ein Konto permanent überzogen, lohnt sich der Vergleich der Dispozinsen. Die Spanne reicht hier von knapp neun Prozent bis zu fast 15 Prozent. Bei einem Dauerminus von 1000 Euro macht dieser Unterschied allein schon 60 Euro im Jahr aus.

    Nichts ist teurer als Schulden. Trotzdem sind viele Haushalte mehr oder weniger häufig in den Miesen, sei es zur Finanzierung dringender Anschaffungen oder wegen anderer vorübergehender Engpässe. Am teuersten ist meist der Dispokredit, für den oft zweistellige Zinssätze abgesetzt werden. Wird das Geld länger benötigt, bietet sich ein Ratenkredit an. Doch Vorsicht: Oft bestehen Banken auf den Abschluss teurer und überflüssiger Restschuldversicherungen. Auch hier lohnt ein Kostenvergleich, etwa mit einem Blick in die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Finanztest. Es gibt aber noch einen günstigeren Weg, sich Geld zu borgen.

    Mit Banken hat Heike Niemeier schlechte Erfahrungen gemacht. Die selbständige Berlinerin wollte mit Hilfe eines gar nicht großen Kredits ihr Geschäft ausbauen. Doch ein Darlehen bekam die Organisatorin von Veranstaltungen aller Art nicht. Hilfe kam von unerwarteter Seite. Ein Policendarlehen der Allianz auf ihre Rentenversicherung landete innerhalb von wenigen Tagen auf dem Konto. „Es war absolut unkompliziert und es gab die besten Konditionen“, sagt die Geschäftsfrau.

    Policendarlehen sind weithin unbekannt. Dabei kommt diese günstige Art des Kredits auch für viele private Haushalte in Frage. Fast 100 Millionen Lebensversicherungsverträge haben die Bundesbürger abgeschlossen. In den meisten Haushalten wird so für das Alter vorgesorgt. Mit einem Policendarlehen beleihen viele Versicherungsunternehmen einfach das bereits angesparte Kapital. Es gibt vorgeschriebene Laufzeit, in der das Geld zurück bezahlt werden muss. Je nach Kassenlage kann die entnommene Summe wieder eingezahlt werden. Gebühren werden in der Regel nicht erhoben, Restschuldversicherungen sind überflüssig, denn als Sicherheit dient das bereits eingezahlte Kapital. Die Abwicklung ist normalerweise ebenfalls denkbar einfach. Ein Anruf bei der Versicherung genügt, schon wird dem Kunden ein Vertrag zugeschickt. Das Darlehen ist oft viel günstiger als bei der Bank. 5,8 Prozent effektiven Jahreszins berechnet die Allianz derzeit, Cosmos Direkt verlangt 5,93 Prozent. Im Vergleich zum Dispozins von über zehn Prozent lässt sich hier schon bei mittleren Beträgen viel Geld sparen. Und auch Ratenkredite können da meist nicht mithalten. „Der Kunde sollte dafür Sorge tragen, dass er das Geld zurückzahlt“, rät Allianz-Sprecher Udo Rössler. Denn sonst wird der fehlende Betrag am Ende der Versicherungslaufzeit vom Kapitalstock oder der Rente abgezogen. Disziplin ist also nötig, um an einen billigen Kredit zu gelangen.

  • Der lange Weg der Inflation

    Sparserie Teil 1:
    Preissteigerungen setzen sich von einer Branche zur anderen fort. Sie machen den Verbrauchern zu schaffen. Aber manches wurde im vergangenen Jahr auch billiger: Telefonieren und Reisen zum Beispiel.

    Brigitte Meisel kann erklären, wie Preissteigerungen zustandekommen. Bis zu 20 Prozent mehr Geld gibt sie pro Monat für den Diesel-Treibstoff ihrer sieben Autotransporter aus, rechnet die Geschäftsfrau aus Brandenburg vor. Ihre Firma Meisel Autologistik verfrachtet neue und gebrauchte Pkw zu den Autohändlern.

    Die eine Hälfte der höheren Dieselkosten „verknust“ die Firma selbst, wie Meisel sagt. Sie spart Leerfahrten ein, kürzt die Ausgaben für Werbung und Sponsoring. Die andere Hälfte reicht sie an ihre Auftraggeber weiter, die einen Dieselzuschlag bezahlen. So setzt sich die Preissteigerung in der Kette der Wirtschaft fort.

    „Die Spediteure müssen die Kosten weitergeben. Sonst ist ihre Existenz gefährdet“, begründet Adolf Zobel, Geschäftsführer des Bundesverbandes Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung. Um etwa 8.000 Euro seien die Kosten pro Lastzug im vergangenen Jahr gestiegen. Die höheren Dieselkosten der Transporteure verteuern am Ende nicht nur die Pkw, die Brigitte Meisel liefert, sondern auch Milch, Tomaten und T-Shirts – denn im Endpreis fast aller Güter sind Transportkosten enthalten.

    Die Inflation ist wieder ein Thema. Nachdem jahrzehntelang relative Preisstabilität herrschte, stiegen die Verbraucherpreise in Deutschland im Juni im Vergleich zum Vorjahresmonat um 3,3 Prozent, im europäischen Durchschnitt um vier Prozent. Ökonomen nennen vor allem zwei Ursachen: Die große Nachfrage in boomenden Schwellenländern wie Indien und China hat die Preise für Rohstoffe, Erdöl und Lebensmittel in die Höhe getrieben. Hinzu kommen zunehmende Finanzmarktspekulationen und die Energiepolitik: Deutschland beispielsweise will Erdöl durch Pflanzentreibstoff ersetzen, was die Preiseentwicklung auf dem Agrarmarkt zusätzlich anheizt.

    So verzeichnet das Statistische Bundesamt für Nahrungsmittel zwischen Mai 2007 und Mai 2008 ein Preisplus von 7,5 Prozent. Heizöl wurde um 57 Prozent teurer, Kraftstoffe um 12 Prozent, Strom um 7 Prozent. Für den gesamten Bereich der Verkehrsdienstleistungen vermelden die Statistiken einen Anstieg von 4,8 Prozent.

    Bislang ist die Inflation „importiert“, wie Ökonom Gustav Adolf Horn vom Institut für Makroökonomie sagt. Die Ursache der Preissteigerung liegt im Ausland. Die große Frage allerdings lautet: Werden die Gewerkschaften im Auftrag ihrer Mitglieder, die als Verbraucher im Supermarkt höhere Preise bezahlen, auch steigende Löhne durchsetzen? Die Lohn-Preis-Spirale würde die Inflation erst richtig in Gang setzen. Bislang deutet freilich wenig darauf hin: Wirtschaftsforscher rechnen nur mit einer Steigerung der gezahlten Bruttolöhne um drei Prozent in diesem Jahr. Ergebnis: Im Durchschnitt haben die Beschäftigten vom Lohnplus keinen Vorteil.

    Andererseits erleiden die Verbraucher nicht nur Nachteile. Denn die Inflation betrifft bei weitem nicht alle Waren. So stiegen die Kosten für Gesundheit im vergangenen Jahr nur um 1,6 Prozent, bei Wohnungseinrichtungen waren es 1,4 Prozent. Telekommunikation und Pauschal-Reisen wurden sogar billiger. Mancher Branche gelingt es nicht, die höheren Kosten an ihre Kunden weiterzugeben. Ein Beispiel dafür ist das Gaststättengewerbe. Obwohl die Nahrungsmittel zwischen um 7,5 Prozent teurer wurden, erhöhten Hotels, Kneipen und Restaurants ihre Endpreise nur um zwei Prozent. Die Konkurrenz ist groß, und gleichzeitig beschweren sich die Kunden über stagnierende Löhne. Da trauen sich nur wenige Gastwirte, den Bierpreis anzuheben.

  • Gewusst wie!

    Einleitung zur Serie: Kann man sparen und trotzdem genussvoll über die Runden kommen?

    Jahrelang war die Teuerungsrate erträglich. Nur die Euro-Einführung ließ die gefühlte Inflationsrate kräftig steigen. Mit der Ruhe an der Preisfront ist es vorbei. Für dasselbe Geld gibt es immer weniger. Besonders betroffen von Preissteigerungen immer die Ärmsten. Aber auch die Mittelschichten kommen mit dem Einkommen immer weniger aus. Umdenken ist angesagt. Denn viele Produkte werden voraussichtlich teuer bleiben, weil die Nachfrage zum Beispiel nach Lebensmitteln oder Energie weltweit steigt.

    Kann man sparen und trotzdem genussvoll über die Runden kommen? Mit dieser Frage beschäftigt sich in den nächsten Wochen diese Serie, die viele Möglichkeiten aufzeigt, mit dem knappen Budget besser umzugehen und trotzdem gut zu leben. Manchmal kann sparen sogar Spaß machen, wenn man beispielsweise Sachen mit anderen teilt und dadurch neue Kontakte knüpft. Viele Kosten entstehen auch, weil Verbraucher auf die großen und kleinen Tricks der Marketingstrategen hereinfallen. Wenn schon gegen die Teuerung kein Kraut gewachsen ist, so zeigt es sich, lässt sich doch intelligent damit umgehen.

  • Härtere Zeiten

    Kommentar von Wolfgang Mulke

    Die Autokäufer reagieren allmählich auf die hohen Ölpreise. Statt auf ein flottes Design achten die Kunden beim Händler nun auf einen geringen Verbrauch. Bereitwillig wechseln viele Käufer sogar die Fahrzeugklasse und nehmen ein kleineres Modell, das sparsamer ist. Was Appelle an die Vernunft der Bürger und die Produktpolitik der Industrie nicht bewirken konnten, schafft der Preis für das Benzin spielend. Die Deutschen fahren sparsamer, was dem Klima hilft.

    Auf die Industrie kommen härtere Zeiten zu. Der Inlandsabsatz stagniert und verliert durch den Trend zu kleineren Fahrzeugen an Wert. Zudem ist der lukrative Markt für Dienstwagen, insbesondere große und leistungsstarke Limousinen, bedroht, wenn die Bundesregierung diese Käufe stärker besteuert. Mercedes, BMW und die anderen verdienen vor allem in diesem Segment das meiste Geld. International steht die deutsche Industrie noch prächtig da. Anhaltend hohe Spritpreise dürften die Nachfrage nach Luxuswagen irgendwann dennoch dämpfen.

    Als Antwort rüsten die Firmen bei der Energieeffizienz der Fahrzeugflotten nach. Spät, aber gewaltig wollen die deutschen Hersteller hier Vorbild werden. Vielleicht wird aus dem Sitzenbleiber noch ein Streber. Noch ist es nicht zu spät dafür.

  • „Keine Inflation auf breiter Front“

    Die Zinserhöhung der EZB sei falsch, sagt Wirtschaftsforscher Gustav Adolf Horn vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie in Düsseldorf

    Hannes Koch: Die Europäische Zentralbank hat am Donnerstag ihren Leitzins auf 4,25 Prozent erhöht. Halten Sie diese Entscheidung für richtig oder falsch?
    Gustav Adolf Horn: Eindeutig falsch. Die EZB will damit die Inflation bekämpfen. Das wird ihr jedoch nicht gelingen. Denn die aktuellen Preissteigerungen sind importiert. Sie kommen aus dem Ausland. Die Zinserhöhung schadet der europäischen Industrie, weil sie Kredite und Investitionen verteuert. Die Öllieferanten, um die es eigentlich geht, trifft sie hingegen nicht. Dieser Schuss geht nach hinten los.
    Koch: Die importierte Inflation kann auch Preissteigerungen im Inland verursachen. Diese will die Zentralbank verhindern.
    Horn: Wir haben keine inländische Inflation auf breiter Front. Der Preisanstieg ist sehr selektiv. Es geht vor allem um Rohstoffe, Energie und Nahrungsmittel. Einige wichtige Güter werden teurer, allerdings bei weitem nicht alle.
    Koch: Wenn die Preise für Lebensmittel, Heizöl, Benzin und Strom erheblich steigen, liegt es nahe, dass die Gewerkschaften dies als Argument für höhere Lohnabschlüsse nutzen. Liegt darin eine Gefahr, der die EZB vorbeugen muss?
    Horn: Nein, die Lohnabschlüsse des vergangenen Jahres heizen die Inflation nicht an. Sie sind stabilitätsgerecht. Und auch gegenwärtig fordern die Gewerkschaften keine Erhöhungen, die den vertretbaren Rahmen überschreiten.
    Koch: Wie hoch dürfen Lohnerhöhungen zur Zeit sein, um die Inflation nicht zu verschärfen?
    Horn: Wenn die effektiv ausgezahlten Bruttolöhne dieses Jahr gesamtwirtschaftlich um drei bis vier Prozent stiegen, sähe ich keine Probleme. Wahrscheinlich bleiben die Tarifpartner aber noch darunter: Wir erwarten, dass die Effektivlöhne um weniger als drei Prozent zunehmen.
    Koch: Was können die Zentralbank oder die Politik überhaupt tun, um die importierte Inflation zu dämpfen?
    Horn: Kurzfristig nichts. Die steigenden Preise entstehen im Ausland und entziehen sich unserer Kontrolle. Wir haben keinen Einfluss auf die Explosion der Nachfrage in China. Wir können das Problem nur mittel- und langfristig angehen: Investitionen in erneuerbare Energien mindern beispielsweise unsere Abhängigkeit vom Öl und machen uns unempfindlicher für den Anstieg des Ölpreises.
    Koch: Die Preissteigerungen treffen ärmere Menschen, die einen großen Teil ihres Geldes für Grundbedarfsartikel wie Lebensmittel und Energie ausgeben, stärker als Wohlhabende. Wie lassen sich die sozialen Auswirkungen der Inflation lindern?
    Horn: Die Last der Inflation ist in der Tat sehr ungleich verteilt. Wenn man Bevölkerungsgruppen mit niedrigen Einkommen unterstützen will, könnte man Sozialtarife für Energie einführen. Ärmere Leute würden für die Basisversorgung dann weniger bezahlen. Darüber sollte die Regierung mit den Energieversorgern sprechen.
    Koch: Nachfrageorientierte Ökonomen wie Sie haben in den vergangenen Jahren die US-Notenbank Fed gelobt, weil sie oft mit niedrigen Zinsen die Wirtschaft unterstützt hat. Hat die Fed mit ihrer Politik des großzügigen Geldangebotes nicht sowohl den Anstieg der Immobilienpreise als auch die gegenwärtige Inflation gefördert?
    Horn: Das sehe ich nicht. Der Preisanstieg ist ein globales Phänomen und nicht auf die USA beschränkt. Außerdem fand die Expansion der Immobilienkredite in den USA statt, nachdem die Fed die Zinsen schon mehrmals angehoben hatte.
    Koch: Sie sagen, die Inflation werde getrieben durch die Rohstoff- und Energiepreise. Haben wir es auch mit einer neuen Art der Inflation zu tun, die durch Finanzmarkt-Spekulationen mit Getreide, Öl und Häusern zustandekommt?
    Horn: Indem die Finanzmärkte Wetten auf die Zukunft abschließen, treiben sie die Preise mitunter schneller nach oben, als dies die Realwirtschaft tun würde.
    Koch: Spekulation hat es doch immer gegeben.
    Horn: Aber die Summen, die im Spiel sind, nehmen zu. Investoren auf den Finanzmärkten sind heute wesentlich einflussreicher als früher.
    Koch: Wie kann die Politik dieser Spekulation beikommen?
    Horn: Die Zinspolitik ist dazu jedenfalls ungeeignet. Sie zielt auf die Finanzmärkte, trifft aber auch die einheimische Industrie. Sinnvoll wäre es dagegen, die Regulierung des Finanzmarktes zu verbessern. Wenn Investoren beispielsweise mehr eigenes Kapital als Sicherheit nachweisen müssten, hätten sie weniger Spielraum für risikoreiche Geschäfte.

  • Lieber EC-Karte als Bargeld im Urlaub

    Tipps zur Urlaubszeit

    Die Schulferien nahen und damit steht für viele Familien die Reisezeit bevor. Rechtzeitig zur Urlaubssaison geben Fachleute aktuelle Tipps heraus.

    Ein wichtiges Thema ist die Frage nach den besten Zahlungsmitteln auf der Fahrt. „Gerade bei Reisen in exotische Länder ist es sinnvoll, sowohl Reisechecks und Kreditkarte als auch Bargeld mitzunehmen“, rät Marion Mittentzwei von der WGZ Bank. Dabei kommt es aber auf die richtige Mischung an. Es sollte sich möglichst wenig Bargeld im Portemonnaie befinden. Denn bei Diebstählen werden Münzen und Scheine normalerweise von der Versicherung nicht ersetzt. Etwas Geld genügt für die ersten Ausgaben am Zielort in der Regel, zum Beispiel die Taxifahrt ins Hotel.

    Im Euroraum ist die EC Karte der beste Wegbegleiter. Fast überall können Rechnungen mit dem Plastikgeld bezahlt werden. Bargeld gibt es notfalls am Automaten. Die Gebühren für eine Abhebung im Ausland betragen zwischen 2,50 Euro und fünf Euro. Mitunter ist die Nutzung der Automaten auch umsonst, sofern die Hausbank eine Partnerbank im Urlaubsland hat. Reisechecks sind laut WGZ-Bank in unsicheren Gebieten die beste Lösung. Sie werden beim Verlust innerhalb von 48 Stunden ersetzt, wenn man die Kaufbelege vorlegen kann. Als sicher erachten die Experten auch Kreditkarten, die zudem von viele Hotels oder Autovermietungen verlangt werden. Wenn eine Karte verloren geht, kann sie über die zentrale Notrufnummer 0049 116 116 umgehend gesperrt werden.

    Vorsorgen lässt sich auch für andere unerwünschte Urlaubsereignisse. Der Bund der Versicherten (BdV) rät Urlaubern zum Abschluss einer Auslandskrankenversicherung. Die Police ist für eine Familie mit weniger als zwei Euro pro Monat vergleichsweise günstig. „Sie kostet wenig, aber sie bietet viel Sicherheit“, sagt BdV-Chefin Lilo Blunck.

    Das Leistungspaket ist laut Verband umfangreich. Es reicht von der stationären Behandlung am Urlaubsort über Zahnbehandlungen bei Schmerzen bis zum Rücktransport im schlimmsten Fall. Die Krankenkassen übernehmen Behandlungen in Ländern außerhalb Europas gar nicht oder bezahlen Arzt- und Krankenhausaufenthalte nur zum Teil, wenn die Ärzte höhere Rechnungen stellen als hierzulande üblich. Auch für einen möglicherweise notwendigen Rücktransport im Flugzeug kommen die Kassen nicht auf. Die Versicherungen müssen den Schutz sechs Wochen lang am Stück gewähren. Wer länger unterwegs ist, muss sich nach einem Langzeittarif erkundigen.

  • „Ruinieren Sie Ihren Nächsten!“

    Viele Menschen haben die Marktwirtschaft noch nicht begriffen, sagt Professor Karl Homann, einer der wichtigsten deutschen Wirtschaftsethiker. Er fordert eine neue Ethik für große Unternehmen

    Hannes Koch: Erstmals, so hat eine Umfrage gezeigt, unterstützt eine Mehrheit der Bundesbürger die soziale Marktwirtschaft nicht mehr. Tragen die großen Unternehmen Verantwortung für diese Entwicklung?
    Karl Homann: Ja. Die Menschen fragen nach Gerechtigkeit. Und da reicht ihnen der Hinweis auf die ökonomische Leistung überhaupt nicht. Im Gegenteil, diese Art von Antwort brüskiert sie eher. Dass die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland um eine Million gesunken ist, verbessert die Akzeptanz für unser Wirtschaftssystem nicht.
    Koch: Was machen die Unternehmen falsch?
    Homann: Wir haben es mit einem sehr grundsätzlichen Problem zu tun. Unsere ethischen Vorstellungen wie Teilen, Mitleid und Solidarität stammen aus der vormodernen Gesellschaft, aus der Zeit vor dem Kapitalismus. Heute dagegen leben wir unter den Bedingungen des Marktes und des Gewinnstrebens – diese Realität steht für viele Menschen noch immer in einem intuitiven Gegensatz zum Gebot der Solidarität.
    Koch: Das mag die katholische Kirche so sehen. Aber haben wir nicht längst alle die Philosophie des liberalen Denkers Adam Smith akzeptiert, der zufolge die Marktwirtschaft automatisch dem Wohle aller dient, wenn nur jeder seinem Egoismus folgt?
    Homann: Der Wettbewerb ist ein zentrales Element der Marktwirtschaft. Er kann die Lage der Menschen dramatisch verbessern, wenn der politische Rahmen stimmt. Trotzdem ist es intuitiv ungeheuer schwer zu verstehen, dass Konkurrenz ein sittlicher Imperativ sein soll. Solange die Mittel fair bleiben, dürfen, ja, sollen Sie Ihren Nächsten in den Ruin treiben. Und sonntags sitzen Sie mit ihm zusammen auf der Kirchenbank. Das muss man erst einmal kapieren.
    Koch: Sie sagen: Selbst nach 200 Jahren Erfahrung mit der Marktwirtschaft gelingt es den Menschen nicht, sich an die Realität zu gewöhnen. Sind wir einfach zu träge?
    Homann: Praktisch gelingt es den meisten durchaus, in diesem Leben zurecht zu kommen. Aber theoretisch und normativ haben viele die Marktwirtschaft noch nicht begriffen. Gerade deshalb wächst der Wirtschaft eine neue Verantwortung zu, eine Kommunikationsverantwortung. Die Topmanager der Unternehmen müssten sich offensiv in den gesellschaftlichen Wertediskurs einbringen. Leider hat unsere Wirtschaftselite in ihrer Ausbildung aber nicht gelernt, normativ zu argumentieren. Die moralischen Antworten, die die Menschen erwarten, bekommen sie nicht. Sie fühlen sich allein gelassen und entziehen der Marktwirtschaft ihre Legitimation.
    Koch: Korruption bei Siemens und VW, Bespitzelung bei Lidl und der Telekom – die Konzerne machen nichts falsch, sondern stellen ihre Politik nur unzureichend dar?
    Homann: Natürlich kann man diesen Unternehmen Fehler vorwerfen. Aber Fehler werden überall gemacht. Das ist nicht der Punkt. Ich rate den Vorständen, sich mehr um ihre moralische Betriebsgenehmigung, die „licence to operate“, zu kümmern. Sie müssen um die Akzeptanz in der Gesellschaft kämpfen.
    Koch: Ein Unternehmen wie Siemens betrieb jahrelang systematische Korruption in Milliardenhöhe und betrachtete dies als normale Geschäftspraktik. Da hat es doch nichts mit fehlendem Urvertrauen in die Marktwirtschaft zu tun, wenn die Bevölkerung am System und seinen Eliten zu zweifeln beginnt?
    Homann: Im Falle der Korruption sind wir tatsächlich an einem sehr kritischen Punkt. Korruption stellt nicht nur ein individuelles Versagen, sondern vor allem ein Organisationsversagen dar. Meine These ist, dass uns eine Ethik für Organisationen fehlt.
    Koch: Kann man sagen, dass das Gewissen von Organisationen schwächer ausgeprägt ist, als das von Individuen?
    Homann: Ein „Gewissen“ haben eigentlich nur natürliche Personen. Die Frage ist, was dem in einer Organisation entspricht. Auf jeden Fall muss das Äquivalent des Gewissens künstlich durch organisatorische Vorkehrungen etabliert und betrieben werden. Firmen verhalten sich nur dann moralisch akzeptabel, wenn sie einen Grundwerte-Katalog haben, eine Führungsschicht, die diese Grundwerte unterstützt, und funktionierende Mechanismen, um die Werte täglich auf´s Neue durchzusetzen.

    Koch: Wohlklingende Ethik-Richtlinien besitzen inzwischen alle großen Unternehmen. Besteht das eigentliche Problem nicht in der praktischen Umsetzung und Kontrolle?
    Homann: Die Manager müssen erkennen, dass Unternehmensmoral kein Kosten-, sondern ein Produktionsfaktor ist. Durch den Verzicht auf Korruption hätte sich Siemens Ausgaben für Schmiergeld, Strafen und Anwaltskosten in Höhe von rund fünf Milliarden Euro erspart. Angesichts dieser Dimension lohnen sich die Investitionen durchaus, die etwa ein Whistleblower-System kostet.
    Koch: Wie können sich Unternehmen damit vor Korruption schützen?
    Homann: Whistlerblower nennt man Leute, die einen Warnpfiff ertönen lassen – anonyme Tippgeber also, Beschäftigte im Unternehmen, die von illegalen Praktiken erfahren haben. Das Unternehmen muss solche Mitarbeiter vor der Repression ihrer Kollegen und Vorgesetzten schützen, damit sie ihre Informationen öffentlich machen.
    Koch: Schwer vorstellbar – die Vorstände sollen dafür sorgen, dass sie möglicherweise selbst verraten werden?
    Homann: Das meine ich mit Organisationsethik. Auch unabhängig von den jeweils leitenden Individuen muss das Unternehmen als Ganzes in der Lage sein, seine moralischen Standards aufrechtzuerhalten. Es ist im vitalen Interesse des Unternehmens, Schutzmechanismen einzurichten.
    Koch: Sollte die Politik den Unternehmen solche Dinge genauer vorschreiben?
    Homann: Ich bin da sehr zurückhaltend. Die Verhaltensweisen vieler Politiker sind haarsträubend. Wie kann ein Minister erklären, sein Nokia-Handy wegzuschmeißen, weil die Firma Arbeitsplätze ins Ausland verlagert? Das ist reiner Populismus. Der ordnungspolitische Sachverstand der Politik scheint verloren gegangen. Aber man muss sagen, dass auch die Gewerkschaften und die Kirchen in diesen Fragen keine ethische Führungsrolle übernehmen. Deswegen sage ich den Unternehmen: Macht es selbst, aber macht es gescheit und offensiv, und geht in den gesellschaftlichen Diskurs.
    Karl Homann (Jg. 1943) forscht und lehrt als Professor für Philosophie und Wirtschaftsethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er promovierte sowohl in Philosophie, als auch in Volkswirtschaftslehre und war einer der ersten Wissenschaftler, die beide Gebiete verknüpften.

  • Guerilla der Mode

    Ethikboom auf dem Textilmarkt – Besuch beim Modelabel Armedangels in Köln

    Die Revolution ist im Gange. Sie schreitet voran, sie ist effektiv. Und sie hat einen Namen. Es ist die „social fashion revolution“. Sie wird gemacht, indem man T-Shirts trägt, die die Kölner Firma Armedangels verkauft. Das Logo des Modelabels zeigt eine geflügelte Schönheit mit Pfeil und Bogen. Die bewaffneten Engel residieren im Souterrain eines Kölner Geschäftshauses. Von dort aus organisieren sie ihre „Guerilla“. Jeder kann mitmachen bei dieser Sturmtruppe des guten Gewissens: T-Shirt kaufen, persönliches Foto an Armedangels schicken, gut aussehen, schon steht man auf der Webseite des Unternehmens und transportiert die Botschaft. „Shout it out loud!“
    „Gib Deinem T-Shirt eine Stimme“. Das ist das Credo des 25jährigen Martin Höfeler, einem der beiden Kommandanten der Modeguerilla. Zusammen mit seinem Kollegen Anton Jurina hat Höfeler Armedangels vor gut einem Jahr gegründet. Was würde das T-Shirt sagen, wenn es sprechen könnte? „Gerechtigkeit ist möglich“, würde es rufen, „kauf mich, und Du kleidest Dich ohne Ausbeutung“.
    Sie ist ganz einfach, die Revolte der Konsumenten: Sie müssen nicht auf Style und Schick verzichten, sie müssen nur ein bisschen nachdenken, was ihnen wirklich wichtig ist. Bloss der günstigste Preis? „Nein, einfach etwas mehr bezahlen“, rät Martin Höfeler, das sei das ganze Geheimnis. 30 Euro kostet ein T-Shirt von Armedangels. Ein Vermögen ist es nicht – aber durchaus das Vierfache dessen, was man bei H&M ausgibt.
    Und was macht Armedangels mit dem zusätzlichen Geld? Es fließt in die faire Produktion der Baumwolle in Indien und anderen Ländern. Die Bauern erhalten einen Preis, der wesentlich über dem oft mageren Weltmarktniveau liegt. Damit, so die Hoffnung, kommen die Baumwollpflanzer aus der Armut heraus, können ihre Produktion ausweiten und ihre Kinder zur Schule schicken. Die T-Shirts aus Köln tragen das Fairtrade-Siegel. Dieses verleiht die Organisation Transfair, die sozialverträgliche Produktionsbedingungen garantiert. Transfair ist so etwas wie das Wirtschaftsministerium der Globalisierungskritiker: Globalisierung ja, aber nicht auf Kosten der Entwicklungsländer.
    Aber reichen ein paar Euro, um aus einer schlechten Globalisierung eine gute zu machen? Armedangels ist ein Beispiel für die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen des strategischen Konsums. Martin Höfeler streicht die Haare nach rechts, die ihm von links tief in die Stirn fallen. „Natürlich gibt es die Gefahr, dass sie dir was erzählen“. Wer erzählt hier wem was?
    Die Sache ist die: Transfair garantiert die faire Produktion der Baumwolle und lässt die Fabriken in Indien, China, Malaysia oder Tunesien überprüfen, die in der Produktionskette arbeiten – die Spinnerei, die Färberei, die Näherei. Alle zwei Jahre rücken die Prüfer an. Sie wollen wissen, ob jede einzelne Fabrik ihren Arbeitern auskömmliche Löhne zahlt und den Mindesturlaub gewährt.
    „Aber was kann diese Kontrolle garantieren?“, fragt Höfeler skeptisch, was passiert in den zwei Jahren, bis die Prüfer das nächste Mal erscheinen? Möglicherweise sinkt der Lohn schlagartig, wenn die Kontrolleure abgefahren sind, oder die Klimaanlage in den Produktionshallen bleibt einfach ausgeschaltet. „Uns ist klar, dass Fairtrade nicht alles sofort ändern kann“, räumt Dieter Overath ein, der Geschäftsführer von Transfair. Höfelers Geschäftsmodell basiert auf Glaube, Liebe, Hoffnung.
    Das ist zwar schon eine ganze Menge im Vergleich zu den miesen Bedingungen der konventionellen Textilindustrie, wo die chinesischen, laotischen oder birmesischen Näherinnen oft nur wenige Cent pro Stunde erhalten. Aber Höfeler reicht das nicht. Er sagt: „Wir streben die völlige Transparenz der Produktionskette an“. Deshalb sucht er sich gerade eine Kooperative in Indien, bei der er sicher sein kann, dass die Baumwolle auch wirklich von dort kommt, und nur dort. Im Herbst diesen Jahres will er hinreisen und sich den Anbau selbst ansehen. Und eigentlich gehen seine Vorstellungen noch weiter. „Das Optimum wäre es, eigene Fabriken zu haben“. Ihm schwebt ein Konzern vor, ein anderer allerdings. H&M mit gutem Gewissen.
    Martin Höfeler kommt aus einer Unternehmerfamilie aus dem Bergischen Land. Den Namen der Firma will er nicht verraten. Zu seinen Grundprinzipien gehört es, die Dinge selbst zu schaffen. Er hätte auch seine Familie fragen können, als er Geld brauchte, aber er suchte sich lieber externe Geldgeber. Den Besserwissern aus dem Verwandtenkreis Rede und Antwort stehen? Nein danke. Seine kurze, graukarierte Hose hängt modisch tief, an den Taschen ist sie zerschlissen. 1.000 Euro zahlt er sich im Monat aus. Ende 2008 soll sein 10-Leute-Betrieb schwarze Zahlen schreiben.
    Dass der Handel mit sozial- und umweltverträglichen Textilien und Kleidungsstücken zur Zeit schon ein Riesengeschäft wäre, kann man nicht behaupten. Maximal 58.000 Tonnen oder 0,25 Prozent der weltweiten Baumwollproduktion genügen Kriterien des Bioanbaus. Und der Anteil des fair hergestellten Rohstoffs ist noch viel geringer. Insofern ist die Werbung von Armedangels treffender als beabsichtigt: Eine Mini-Guerilla kämpft gegen eine gigantische Mehrheit.
    Mit ein paar Euro die Welt verändern? Transfair-Chef Overath ist pessimistisch und optimistisch zugleich. „Die Realität in den Einkaufsstraßen sind die Ramschläden“, sagt er, „wir stehen noch ganz am Anfang“. Und doch hofft er auf den „Durchbruch“. Der aber kann nicht von den kleinen Vorreitern wie Armedangels alleine kommen. Dafür braucht man auch die großen Ketten. „Peek&Cloppenburg und C&A müssen richtig einsteigen“, hofft Overath. Dann könnte es losgehen.
    Erste Anzeichen sind aber zu sehen. In einer im Auftrag von Otto erstellten Studie prognostizierte das Hamburger Trend-Büro 2007: „Nach dem Erfolg von Bio-Lebensmitteln ist der nächste große Öko-Boom in der Mode zu erwarten. Dabei wird Fair-Play eine ebenso große Rolle spielen wie das gute und gesunde Tragegefühl“. C&A ist mit Textilien aus Bio-Baumwolle bereits auf dem Markt. 12,5 Millionen Kleidungsstücke will man dieses Jahr verkaufen. Das sind etwa 14 Prozent der Weltproduktion an Bio-Baumwolle. „Wir sehen die Wachstumschancen dieses Marktes aufgrund der erhöhten Sensibilisierung der Konsumenten für Nachhaltigkeit und Umweltschutz sehr positiv“, sagt C&A-Sprecher Knut Brüggemann. Die Einzelhandelsketten Lidl und Kaisers wollen im Herbst 2008 in den Verkauf von Fairtrade-Textilien einsteigen. Anfang Juni strahlte der Homeshopping-Kanal QVC erstmals Verkaufssendungen für Fairtrade-Produkte aus. Und auch die Otto Gruppe bietet unter dem Label „Cotton made in Africa“ Baumwoll-Kleidung an, die ökosozialen Kriterien genügt.
    Im Büro von Martin Höfeler hängt die Zeichnung einer Tunika an der Wand. Das Design hat er in Zusammenarbeit mit dem Stylisten der Schauspielerin Angelina Jolie entwickelt. Herstellen will man die Stücke in Afghanistan. „Auf sanfte Art kannst Du etwas bewegen“, lautet der Schriftzug der Tunika. „Wir können die Welt nicht komplett verändern, aber Stück für Stück verbessern“, so Höfeler.

  • Dynamischer Norden und reicher Süden

    Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern entwickeln sich laut Studie am besten / Bayern und Baden-Württemberg auf dem höchsten Niveau

    Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern sind die derzeit dynamischsten Bundesländer. Das geht aus einem Vergleich vieler Standortfaktoren durch die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) und der Wirtschaftswoche hervor, der am Freitag in Berlin veröffentlicht wurde. In Nordrhein-Westfalen und Bremen tut sich am wenigsten. „Hamburg ist einer der großen Profiteure der Globalisierung“, sagte der Chefredakteur des Magazins, Michael Inacker. Der Ausbau des Hafens, die Ansiedlung von Luftfahrtunternehmen und eine insgesamt wirtschaftsfreundliche Politik haben der Hansestadt den Titel eingebracht. Auch wachsen die Bevölkerungszahl und die verfügbaren Einkommen stärker als anderswo. Einen gewaltigen Sprung nach vorn ist Mecklenburg-Vorpommern gelungen, weil dort überdurchschnittlich viele neue Stellen und Ausbildungsplätze geschaffen wurden und die Kriminalitätsrate deutlich zurückgegangen ist.

    Die Studie berücksichtigt rund 100 wirtschaftliche und strukturelle Kennziffern wie das Wachstum, die Beschäftigungsentwicklung, die Betreuungsmöglichkeiten für Kleinkinder oder die Aufklärungsquote bei Verbrechen über einen Zeitraum von drei Jahren. Daraus entstehen zwei Ranglisten, eine bildet die Dynamik der aktuellen Entwicklung ab, die andere den Bestand. Diese zweite Tabelle zeigt ein ganz anderes Bild. Ganz vorne liegen wie gewohnt die wohlhabenden Südländer Bayern und Baden-Württemberg. Beide Länder konnten ihren Vorsprung insgesamt sogar noch ausbauen und profitieren insbesondere von einer starken Exportindustrie. Auch bei den verfügbaren Einkommen steht der Süden am besten da. Bayerns Erwerbstätige können im Durchschnitt 20.340 Euro im Jahr ausgeben, 1.600 Euro mehr der „normale“ Bundesbürger. Auch bei der Kriminalitätsbekämpfung ist der Freistaat spitze. Fast zwei Drittel aller Straftaten werden aufgeklärt. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 55 Prozent.

    Ähnlich sieht es am Ende der Tabelle aus. NRW und Bremen zeigen am wenigsten Dynamik. Diese Schwäche führt die INSM auf Altlasten zurück. Beide Länder haben den Strukturwandel noch nicht überwunden und kämpfen mit einer hohen Verschuldung. Entsprechend gering sind die Spielräume für Zukunftsinvestitionen. Beim Bestand liegen sie aber im Mittelfeld. Die Schlusslichter hier sind die ostdeutschen Bundesländer, am Ende liegen Berlin und Sachsen-Anhalt.

  • Stichwort

    Die Nanotechnologien befassen sich mit Stoffen in der Größe eines milliardenstel Meters. Die kleinen Partikel entwickeln, selbst wenn der Ausgangsstoff gut bekannt und erforscht ist, veränderte Eigenschaften. Mit den üblichen Methoden der Physik kann das Verhalten der Teilchen nicht ausreichend beschrieben werden. Die Risikoforschung steckt noch in den Anfängen. Die Industrie erhofft sich durch die Anwendung stark verbesserte Produkte, die zum Beispiel Energie sparen, robuster sind oder das Leben einfach bequemer werden lassen. Aufgrund der vielen positiven Wirkungen beim Einsatz gilt die Nanotechnologie als einer der stärksten Wachstumsmärkte überhaupt.

  • Kleine Teile bringen große Verwirrung

    Nanotechnologie ist für viele Verbraucher ein Fremdwort / Tolle Produkte, aber fehlende Kennzeichnung / Wachsende Skepsis

    Den kleinsten Helfern der Industrie werden wunderbare Dinge nachgesagt. Nanoteilchen reparieren bei Autolacken selbständig kleine Kratzer, verhindern die üblichen weißen Schlieren beim Eincremen mit Sonnenmilch oder hemmen den Schweißgeruch des Sporthemds beim Jogging. Was genau sich hinter den Superstoffen verbirgt, weiß allerdings kaum jemand. Ebenso wenig wissen Kunden über den Nutzen und die Risiken der noch jungen Technologie. Sechs von zehn Befragten einer Studie des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv) gaben an, dass ihr Kenntnisstand allenfalls niedrig ist. Es gibt nicht einmal eine allgemeingültige Definition dafür. Klar ist nur, dass die Partikel unglaublich klein sind. Wenn ein Haar 40.000 Mal gespalten wird, hat es etwa den Durchmesser eines Nanoteilchens.

    Bislang wurde die Technologie aufgrund der spektakulären Effekte überwiegend positiv aufgenommen. Die Minipartikel werden vor allem bei Textilien, Kosmetika, bei Lacken und Haushaltsmitteln eingesetzt. Damit können zum Beispiel Kleidungsstücke dauerhaft sauber bleiben, weil die Teilchen den Schmutz abstoßen, Scheiben bleiben trocken, weil Wasser darauf abperlt. Die Phantasie kennt kaum Grenzen. Denkbar sind beispielsweise „mitdenkende“ Verpackungen, die sich nach Ablauf der Haltbarkeit eines Lebensmittels verfärben.

    Doch in die anfängliche Euphorie mischen sich Molltöne. „Die Akzeptanzampel ist von grün auf gelb gesprungen“, stellt vzbv-Chef Gerd Billen mit Blick auf die Umfrage fest. Denn die Nanotechnologie birgt womöglich Risiken, die bislang kaum erforscht sind. Eines der Horrorszenarien befürchtet das Eindringen der Partikel durch die Poren der Haut in den Körper. Klein genug dazu sind sie. Die Sicherheit der in Sonnenschutzcremes verwendeten Titaniumdioxid und Zinkoxid-Pigmente sei durch aktuelle Studien bestätigt, versichert Birgit Huber vom Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel. Die Wirkung bei erkrankten oder geschädigten Hautstellen sei jedoch empfohlen, räumte Huber auf einem Fachkongress ein. Die Verwendung beider Stoffe ist auf den Verpackungen immerhin ersichtlich. Das ist in anderen Sparten nicht üblich.

    Niemand will den Einsatz der Partikel verteufeln. „Es sind noch keine offiziellen Schäden durch Nanopartikel bekannt“, sagt Rolf Buschmann, von der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Kritisch sieht der vzbv den Einsatz der Technologie bei Lebensmitteln und teilweise auch bei Verpackungen. Auch bei Haushalts- und Reinigungsmitteln gibt es noch Fragen. Hier wird oft Silber verwendet. Die Folgewirkung auf die Umwelt und den menschlichen Stoffwechsel seien noch nicht untersucht, warnt der Verband.

    Unbekannt ist auch, wo Nanotechnologie drin steckt. In Deutschland sind rund 150 Produkte mit dem Namenszusatz Nano registriert. In den USA gibt es immerhin schon ein Projekt des Woodrow Wilson Centers. Auf der Webseite www.wilsoncenter.org werden die rund 650 derzeit bekannten Produkte aufgelistet, auch aus Deutschland. Wöchentlich kommen drei bis vier Angebote dazu. Verbraucherschützer fordern ein ähnliches Angebot für deutsche Verbraucher. Dazu verlangt der vzbv eine Kennzeichnungspflicht, und genaue Definition der Nanopartikel und eine umfangreiche Risikoforschung.

    Die Bundesregierung feiert die Nanotechnologie schon als bedeutsame Querschnittsinnovation für die deutsche Wirtschaft, weil sie so viele fabelhafte Eigenschaften erzeugen kann und sich dadurch gewaltige Absatzmärkte ergeben. Im Herbst will das Forschungsministerium einen ersten großen Bericht über die Zukunftsbranche abliefern.

  • „Die Diskussion in Deutschland ist eindimensional “

    Wirtschaftsweiser Peter Bofinger lehnt Steuersenkungen ab

    Hannes Koch: Sie sind Wirtschaftsweiser. Sagen Sie: Geht es uns wirtschaftlich zur Zeit gut, mittel oder schlecht?
    Peter Bofinger: Es geht den Deutschen sicher insgesamt besser als noch vor ein paar Jahren. Sehr viele Menschen haben wieder Arbeit. Das ist gut, aber es müsste sich auch in realen Einkommenszuwächsen für die breite Masse niedergeschlagen. Der private Verbrauch liegt heute nur knapp zwei Prozent höher als im Jahr 2000. Stellen Sie sich das mal vor: In den letzten acht Jahren sind die effektiv gezahlten Löhne real um rund 5 Prozent gesunken.
    Koch: Die Früchte des Aufschwungs in Deutschland werden nicht gerecht verteilt?
    Bofinger: Eindeutig nein.
    Koch: Was sollte die Bundesregierung tun, um das zu ändern – die Steuern senken, wie es die CSU und Teile der Union verlangen?
    Bofinger: Das ist die falsche Rollenverteilung. Die Kaufkraft zu steigern, ist vornehmlich eine Aufgabe der Unternehmen. Die Bundesregierung müsste die Firmen auffordern: „Zahlt einfach mal ordentliche Löhne!“
    Koch: Was soll dieser Appell nützen?
    Bofinger: Er würde die politische Stimmung verschieben. Mittelfristig hat so eine Ansage in jedem Fall eine Wirkung.
    Koch: Warum soll die Regierung auf die Firmen warten, wenn sie auch selbst etwas tun und die Steuerlast reduzieren kann?
    Bofinger: Die ganze finanzpolitische Debatte ist schrecklich eindimensional. Eigentlich müssten wir drei Ziele in Einklang bringen. Erstens darf die Abgabenbelastung für die Bevölkerung nicht zu hoch sein, zweitens sollte die öffentliche Verschuldung überschaubar bleiben und drittens müssten wir auch unsere Zukunftsaufgaben anpacken.
    Koch: Wo würden Sie investieren, wenn Sie in der Regierung säßen?
    Bofinger: Die Autobahnen sind in einem erbärmlichen Zustand, vielerorts ist das Schienennetz verrottet. Kein Wunder, seit Jahren geben wir viel zu wenig Geld für die öffentliche Infrastruktur aus. Das gilt auch für den Bildungsbereich. Die entscheidende Frage, die man den Bürgern stellen muss, ist doch: Wollt Ihr 30 Euro mehr im Monat auf dem Konto oder wollt ihr weniger Staus auf der Autobahn und gute Kindergärten, Schulen und Universitäten?
    Koch: Klingt ein bisschen akademisch. Ist es realistisch, die drei Ziele gleichzeitig zu erreichen?
    Bofinger: Nicht, wenn man, um die nächste Wahl zu gewinnen, den Leuten dauernd erzählt, sie würden vom Staat ausgebeutet. Was ich erschreckend finde: Wir haben 2007 und 2008 den Beitrag zur Arbeitslosenversicherung um 3,2 Punkte gesenkt. Das alleine ist eine Reduzierung um 25 Milliarden Euro, die Hälfte ging an die Unternehmen. Hinzu kommt die Reform der Unternehmensteuer mit einer weiteren Entlastung von 5 Milliarden. Und jetzt soll schon die nächste Runde der Steuersenkung anstehen, wo ist das Ende? Wenn der Staat aufhört zu existieren?
    Koch: Mittelstand und Mittelschicht haben also keinen Anlass, sich zu beschweren?
    Bofinger: Natürlich ist es ein Problem, dass man ab 4.300 Euro Monatseinkommen schon den höchsten Steuersatz bezahlt. Aber viel gravierender finde ich die Belastung der Leute, die ganz niedrige Löhne verdienen. Im Vergleich zu anderen OECD-Ländern zahlen die Beschäftigten in den unteren Lohngruppen bei uns besonders viel. Wenn man sich eine weitere Senkung der Steuern oder Sozialbeiträge leisten will, dann dort.
    Koch: In Ihrem Dreiklang fehlt jetzt noch der Schuldenabbau. Was halten Sie vom Ziel der großen Koalition, den Bundeshaushalt bis 2011 auszugleichen und dann ohne neue Kredite auszukommen – ist jetzt der richtige Zeitpunkt dafür?
    Bofinger: Da ist sie wieder, diese Eindimensionalität. Die Regierung hält sich krampfhaft an diesem Ziel fest. Sie könnte auch mal kreativ sein. Was spricht gegen ein geringes Defizit von einem Prozent des Bundeshaushaltes, wenn man die 23 Milliarden Euro, die damit zur Verfügung stünden, vernünftig investierte – in die Zukunft unserer Kinder, in die beste Bildung, die wir ihnen geben können?
    Koch: Wir erleben einen Aufschwung, die nächste Krise kommt bestimmt. Wann, wenn nicht jetzt, soll man aufhören, Schulden zu machen?
    Bofinger: In diese Richtung zu arbeiten, ist mittelfristig richtig. Aber nicht mit Scheuklappen.

  • Tausende Patienten leiden unter Arztfehlern

    Vor allem bei Brustkrebs, Gelenk-OPs und Brüchen wird viel falsch gemacht / Verbraucherzentralen kritisieren Rechtslage

    Immer mehr Patienten beschweren sich über Behandlungsfehler von Ärzten in Praxen und Kliniken. Im vergangenen Jahr verzeichnete allein die Schlichtungsstelle der Norddeutschen Ärztekammern 10.432 Eingaben, 1,5 Prozent mehr als 2006. Bei gut jedem vierten der 2007 entschiedenen rund 7.000 Verfahren gaben die Gutachter den Kranken Recht, die durch eine falsche Behandlung oder Risikoaufklärung einen zusätzlichen Gesundheitsschaden erlitten. Die ärztlichen Kunstfehler haben oft fatale Folgen. „40 Prozent aller Schäden stellen Dauerschäden dar“, sagt der Chef der Schlichtungsstelle, Walter Schaffartzik. Die Fehlerstatistik führt die Behandlung von Brustkrebs an. Es folgen die Therapien bei Handbrüchen, Rückenschmerzen und deformierten Fingern oder Zehen. Auch Arthrosebehandlungen stehen in der Rangliste weit oben.

    Eine detaillierte Studie Schaffartziks zu den Fehlern in der Anästhesie zwischen 2001 und 2005 lässt das Leid der Betroffenen erahnen. 435 Schäden wurden in diesem Zeitraum angemeldet, 44 Patienten starben, 25 davon durch Behandlungsfehler. Die bekannten Zahlen zeigen aber wohl nur die Spitze des Eisbergs. Die Experten des Roland-Koch-Instituts sprechen von 40.000 Behandlungsfehlern pro Jahr in Deutschland. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) glaubt an eine noch größere Zahl von Betroffenen. Der Verband vermutet im wachsenden Zeitdruck in den Krankenhäusern einen Grund für eine steigende Fehlerhäufigkeit.

    Immerhin bemüht sich die Bundesärztekammer um mehr Transparenz in Praxen und Kliniken. „Wir wollen, dass unsere Daten zur Fehlerprävention genutzt werden“, erläuterte der Präsident der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern, Andreas Crusius am Dienstag in Berlin. In der Vergangenheit galten die Mediziner als eingeschworener Haufen, der sich bei Fehlern gegenseitig deckt. Das ändert sich nun langsam. Im Februar hatten sich sogar 17 Ärzte zu ihren misslungenen Behandlungen öffentlich bekannt und damit erstmals das Schweigekartell gebrochen.

    Die Schlichtungsstelle geht den Beschwerden der Patienten nach und sucht, wenn ein Kunstfehler festgestellt wird, nach einer außergerichtlichen Lösung des Konfliktes. „Wenn es vor Gericht geht, hat es der Patient schwer“, weiß vzbv-Gesundheitsexpertin Susanne Mauersberg. Selbst wenn der Kläger einen ärztlichen Fehler nachweisen kann, ist damit noch nichts gewonnen. Er muss zudem auch noch belegen, dass genau dieser Fehler zu seiner Krankheit geführt hat. Daran scheitern viele. Deshalb fordert Mauersberg eine Umkehr der Beweislast, wenn dem Mediziner eine falsche Therapie nachgewiesen werden kann.

    Auch das Schweigen der Ärzte gegenüber ihren Patienten hat einen sachlichen Grund. Deren Versicherung hat kein Interesse an einem vorzeitigen Schuldeingeständnis. Das Verhalten verbittere die Patienten, sagt Mauersberg. Das zweite große Problem sehen die Verbraucherzentralen in den Gutachtern, die die Fälle vor Gericht bewerten. Es gebe keine unabhängigen Fachleute, kritisiert  
    der vzbv. Da entstehe schon der Eindruck, eine Krähe hacke der anderen kein Auge aus.

  • Die Ampel soll es richten

    Die Deutschen sollen gesünder leben und schlanker werden / Die Kennzeichnung ist umstritten

    In Großbritannien gibt es dieses Frühwarnsystem für den Supermarktkunden bereits. Vor allem bei Mischprodukten, also zum Beispiel der Tiefkühlpizza oder anderen Fertigwaren, weiß kaum ein Kunde, was wirklich drin ist. Auf der Rückseite der Packungen findet der Käufer zwar viele Angaben. Doch das Zahlenwerk ist vielen zu kompliziert und unverständlich. Das ist in Deutschland nicht anders, wie eine Studie des Verbraucherministeriums ermittelte. Nur jeder fünfte Mann und jede zweite Frau können einschätzen, wie viel Fett, Kalorien oder Zucker oder gar gesättigte Fettsäuren ihre Lebensmittel enthalten. Beim Salz sind die Kenntnisse noch deutlich geringer. Nur eine Minderheit achtet bei der Kaufentscheidung auf die Nährwerte. Eine gute Kennzeichnung könnte das Verhalten ändern. Vier von fünf Verbrauchern halten Informationen über die wichtigsten Bestandteile der Nahrung für wichtig. Eine Mehrheit plädiert für die Ampelkennzeichnung, bei der jeder sofort sieht, wenn etwas im roten Bereich liegt. Der Mehrheitswille hat schließlich auch den Verbraucherminister überzeugt. So sagt er es jedenfalls.

    Die vermeintlich einfache Lösung ist aber umstritten, weil sie womöglich über das Ziel hinausschießt. Denn weder Zucker noch Fett oder Salz gefährden die Gesundheit, solang sie in angemessener Menge konsumiert werden. Der Körper braucht sogar von allem etwas. Es ist wie beim Wein. Ein Glas davon ist gesund, bei einem Eimer droht das Koma. Selbst die Meinung der Verbraucherschützer ist geteilt. Während sich die Verbraucherzentralen im Kampf gegen das Übergewicht für die Ampel stark machen, hält die Stiftung Warentest von der plakativen Darstellung nichts.

    Die Nahrungsmittelindustrie will über eine freiwillige Angabe oder Farbkennzeichnung nicht hinausgehen, weil viele Hersteller Angst vor Umsatzeinbrüchen haben, wenn sie rote Punkte auf ihre Verpackungen drucken müssten. Insbesondere die Süßwarenhersteller lehnen den Vorschlag ab. Aber auch bei manchen Limonaden, Grillsoßen oder Joghurtdrinks würden die Kunden plötzlich feststellen, dass sie einen Dickmacher in den Händen halten. Manche Hersteller verschleiern den tatsächlichen Nährwert ihrer Produkte geschickt. Auf den Verpackungen steht beispielsweise der Fettgehalt pro Portion oder der Anteil des Zuckers am Tagesbedarf eines Menschen. Da kann eine handvoll Chips schon zur gesundheitlich harmlosen Portion erklärt werden, obwohl der übliche Snackfreund schnell eine halbe Tüte davon verspeist, was er selbst für eine Portion hält. Auch der Tagesbedarf ist umstritten, zum Beispiel beim Zucker. 90 Gramm hält die Industrie für angemessen, 60 Gramm die Deutsche Gesellschaft für Ernährung. Je nach Annahme fällt der prozentuale Anteil des Zuckers in der Brause am Tagesbedarf sehr unterschiedlich aus. Auf einem halben Liter Cola werde suggeriert, dass man 29 Prozent des Tagesbedarfs zu sich nimmt, kritisiert die stellvertretende Fraktionschefin der Grünen, Bärbel Höhn, „eigentlich müsste das aber rund 110 Prozent für Erwachsene und 140 Prozent für Kinder stehen.“

    Hintergrund des Streites ist das große gesellschaftliche Thema Übergewicht. Die Deutschen werden immer fetter. Zwei Drittel der Männer und jede zweite Frau zwischen 18 und 80 Jahren tragen zuviel Gewicht mit sich herum. Der Anteil der übergewichtigen oder gar fettleibigen Kinder ist mit 15 Prozent schon erschreckend hoch. Die Zahlen dienen als Grundlage für den Nationalen Aktionsplan Ernährung (NAP), den die Bundesregierung Mitte Juni beschließen will. Die Ursachen der zunehmenden Verfettung finden sich nicht nur beim Essen. Immer mehr Menschen arbeiten sitzend und bewegen sich auch in der Freizeit wenig. Zusammen mit einer falschen Ernährung sind schwere, und für die Gesellschaft teure Folgekrankheiten oft vorprogrammiert.

    Dagegen will der NAP vorgehen. Mit vielen Kampagnen sollen die Bürger über gesunde Ernährungsweisen aufgeklärt werden. Information ist ein wesentliches Element des NAP. Auch die Nährwertkennzeichnung zielt in diese Richtung.