Blog

  • Steuern ist erlaubt

    Kommentar

    Ein Staat ohne Gesetze ist undenkbar. Viele dieser Gesetze greifen in den freien Markt ein, sie regulieren ihn. Wäre es anders, würde auf dem Markt noch viel mehr Willkür herrschen als heute. Ein einziges Gesetz gälte freilich auch dann noch – das Gesetz des Stärkeren.
    Mit seinen Regeln steuert der Staat unsere Leben. Wir wollen es so. Warum soll das bei Energie anders sein? Bei der Verfügbarkeit von Energie und ihrem Preis geht es um eine Überlebensfrage – in individuellem und gesellschaftlichem Sinn. Ohne Strom läuft kein Computer, brennt keine Lampe. Mit dem Verbrauch der falschen Energie nehmen wir uns die Luft zum Atmen.
    Die staatliche Steuerung der Energiewirtschaft ist viel zu wichtig, um sie zu unterlassen. Es ist gut, die sauberen Energiequellen zu fördern. Und es ist gut, schmutzige Energien mit höheren Steuern zu belasten, damit die Unternehmen und Verbraucher allmählich auf sie verzichten. Hier geht es um Anreize: Mit Steuern kann man Verhalten steuern. Wenn das Institut der deutschen Wirtschaft diesen Mechanismus leugnet, mag das aus liberaler Sicht plausibel erscheinen, vernünftig ist es nicht.
    Allerdings wäre es falsch, wenn Politiker immer nur Gesetze machten, die das Verhalten anderer beeinflussen. Ab und zu müssen sie auch selbst ran. Denn Energie verbrauchen zu können, kommt einem Menschenrecht gleich. Und für die Grundrechte ist der Staat ganz unmittelbar zuständig. Um allen Menschen den Zugang zu preisgünstiger Energie zu sichern, sollte man deshalb keine Sozialtarife einführen, die die Stromversorger oder die übrigen Stromkunden bezahlen. Der richtige Weg ist ganz einfach: Die Regierung muss das Existenzminimum erhöhen. Dafür kann sie ihre Steuereinnahmen schließlich verwenden.

  • „Eine Maut für Pkw hilft der Wirtschaft“

    Wirtschaftsweiser Wolfgang Wiegard lehnt das von DGB-Chef Sommer geforderte Konjunkturprogramm ab. „Nein“ zur geplanten Senkung der Arbeitslosenbeiträge, „Ja“ zur Maut für Pkw

    Hannes Koch: Nach Wirtschaftsminister Michael Glos fordert nun auch DGB-Chef Michael Sommer ein Konjunkturprogramm, um dem wirtschaftlichen Abschwung entgegenzuwirken. Was halten Sie von dieser Idee?

    Wolfgang Wiegard: Ein Konjunkturprogramm ist zur Zeit überflüssig wie ein Kropf.

    Hannes Koch: Im zweiten Quartal 2008 ist die Wirtschaftsleistung gesunken, und auch das dritte Vierteljahr lässt nichts Gutes erwarten. Ist das keine Rezession?

    Wiegard: Nein, diese Definition einer Rezession ist zu simpel. Da gehört etwas mehr dazu. Wir erleben jetzt keinen schweren Abschwung. Das sehen Sie schon daran, dass die Zahl der Erwerbslosen weiter sinkt, vermutlich auch im kommenden Jahr.

    Koch: Die gängige Definition aber besagt, dass das Schrumpfen der Wirtschaftsleistung in zwei aufeinanderfolgenden Quartalen eine Rezession anzeigt. Soll man diese Faustregel ad acta legen?

    Wiegard: Wir sollten uns nicht sklavisch daran halten. Diese einfache Definition kann die komplexe Realität nicht ausreichend abbilden. Das Wachstum des Bruttoinlandprodukts könnte dieses Jahr durchaus zwei Prozent erreichen. Gerade augenblicklich halte ich die Debatte über Krise und Konjunkturprogramm für überzogen.

    Koch: Seit den 1970er Jahren steigt die Arbeitslosigkeit in Deutschland mit jeder Krise auf ein höheres Niveau. In den Phasen guter Konjunktur sinkt sie dagegen wenig. Müssen wir jetzt wieder damit rechnen, dass der Sockel der langfristigen Arbeitslosigkeit zunimmt?

    Wiegard: Nein, diese Entwicklung haben die rot-grünen Reformen der Agenda 2010 durchbrochen. Die strukturelle Arbeitslosigkeit geht zurück.

    Koch: Woher kommt das?

    Wiegard: Wer als Erwerbsloser Geld von der Bundesagentur für Arbeit bekommt, muss jetzt auch neue Jobs akzeptieren, wenn der Lohn geringer ist als früher. Sonst droht die Kürzung der Unterstützung. Der Druck ist gestiegen. Dadurch nimmt auch der Anreiz zu, eine neue Arbeit zu schlechteren Bedingungen zu akzeptieren.

    Koch: Soll die Regierung angesichts der schlechteren Aussichten also abwarten und Tee trinken?

    Wiegard: Natürlich muss sie beständig daran arbeiten, die ökonomischen Bedingungen und Wachstumsaussichten zu verbessern. Da kann man sich viele Dinge ausdenken, die sinnvoller sind, als ein Konjunkturprogramm, das nach kurzer Zeit verpufft.

    Koch: Woran denken Sie?

    Wiegard: Generell müssen die Investitionsbedingungen verbessert werden. Aber es gibt auch weniger nahe liegende Maßnahmen. So könnte die Regierung das gute Beispiel der Lkw-Maut ausbauen und auch eine Maut für Pkw einführen. Damit ließen sich die Verkehrsströme besser lenken und Staus auf den Straßen vermeiden.

    Koch: Sind die Bürger durch die hohen Energiepreise nicht schon genug belastet?

    Wiegard: Dieses Ziel der Einnahmeerhöhung darf nicht im Vordergrund stehen. Umgekehrt könnte die Pkw-Maut dazu beitragen, gesellschaftliche Kosten zu senken. Die ständigen Staus behindern den Verkehr auf den Autobahnen heute ja enorm. Die Lastzüge der Firmen müssen dauernd warten und kommen nicht voran. Wird der Verkehr dagegen besser verteilt, verdienen die Unternehmen mehr. Die Maut hilft, die Wachstumsaussichten insgesamt zu verbessern.

    Koch: Plädieren Sie dafür, die Pkw-Maut auf Autobahnen und in Städten einzuführen?

    Wiegard: Beides kann sinnvoll sein. In London gibt es die City-Maut bereits.

    Koch: Wie soll die Maut dazu beitragen, den Verkehr besser zu verteilen?

    Wiegard: Wenn man in verkehrsstarken Phasen höhere Preise verlangt, werden die Autofahrer versuchen, auf ruhigere Zeiten auszuweichen.

    Koch: DGB-Chef Sommer fordert die Bundesregierung auf, die Beiträge zur Arbeitslosenversicherung nicht wie geplant am 1. Januar 2009 auf drei Prozent zu senken. Das Geld solle man lieber in Reserve halten, um im Falle einer Krise zu intervenieren. Hat Sommer Recht?

    Wiegard: Auch ich halte nichts davon, den Beitrag jetzt weiter zu senken. Die Belastung ist in den vergangenen Jahren bereits stark reduziert worden – von 6,5 auf 3,3 Prozent.

    Koch: Die Regierung hat die Verringerung versprochen, um die Arbeitnehmer angesichts der Inflation zu entlasten. SPD-Parteichef Kurt Beck hat das Ziel gestern noch einmal bekräftigt.

    Wiegard: Ich sehe keinen vordringlichen Handlungsbedarf. Der Arbeitsmarkt entwickelt sich auch ohne diese Maßnahme gut. Für die Zukunft befürchte ich, dass man diese Erleichterung im Falle eines Abschwungs doch wieder zurücknehmen müsste, um Geld für die Arbeitslosenversicherung zu beschaffen.

    Prof. Wolfgang Wiegard (62) ist Mitglied des Sachverständigenrates für die Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, der die Bundesregierung berät. Er lehrt und forscht an der Universität Regensburg, ist Mitglied der SPD und vertritt oft liberale, angebotstheoretische Positionen.

  • „Es kommt auf den Einzelfall an“

    In den letzten Tagen gab es eine große Aufregung um mögliche Steuernachzahlungen für Millionen Rentner. Der Steuerberater Alexander Fuchs aus der Berliner Kanzlei Hücking & Partner erklärt das komplizierte Steuerrecht für die Älteren im Gespräch mit diese

    Frage: Wann sind Rentner steuerpflichtig?

    Alexander Fuchs: Grundsätzlich sind alle Rentner steuerpflichtig, deren zu versteuerndes Einkommen den Grundfreibetrag von 7664 Euro für Alleinstehende und 15.328 Euro bei Ehepaaren übersteigt. In diesem Fall muss auch eine Steuererklärung beim Finanzamt abgegeben werden.

    Frage: Wie berechnet sich das zu versteuernde Einkommen bei Rentnern?

    Fuchs: Man nimmt den jährlichen Rentenbetrag. Von diesem Betrag sind je nach Renteneintrittsjahr 50 bis 56 Prozent steuerpflichtig. Von diesem Betrag werden noch ein Pauschbetrag von 102 Euro sowie Beiträge zur Kranken-, Renten- und Haftpflichtversicherung abgezogen. Für diesen Abzug gibt es zwar einen Höchstbetrag, doch den erreicht praktisch kein Rentner. Auch Spenden, die Kirchensteuer oder einen zumutbaren Betrag übersteigende Krankheitskosten dürfen abgezogen werden. Der nun bleibende Restbetrag ist die Grundlage für die Besteuerung. Renten von weniger als 1.300 Euro oder 2.600 Euro bei Paaren bleiben so in der Regel steuerfrei.

    Frage: Viele Rentner haben zusätzliche Einkünfte. Wie steht es damit?

    Fuchs: Zusatzeinkünfte werden dem zu versteuernden Einkommen zugerechnet. Aber es gibt Vergünstigungen. Bei Kapitaleinkünften wie Zinsen gibt es für 2007 den Sparerfreibetrag und einen Werbungskostenpauschbetrag von zusammen 801 Euro. Bei Eheleuten verdoppelt sich der Betrag. Nur die darüber hinausgehenden Einkünfte werden vom Finanzamt angerechnet. Bei Betriebsrenten kann ein Versorgungsfreibetrag geltend gemacht werden, der maximal 40 Prozent bis zu einer Summe von 3.000 Euro ausmacht. Bei einer Betriebsrente von 5.000 Euro im Jahr könnte der Rentner je nach Renteneintrittsjahr zwischen 1.940 und 2000 Euro abziehen. Für alle anderen Einkünfte, die nicht steuerlich begünstigt werden, gibt es noch den Altersentlastungsbetrag, der ebenfalls maximal 40 Prozent oder – bei einem Renteneintritt vor 2005 – höchstens 1.900 Euro liegt. Der aktuelle Rentenjahrgang darf nur noch maximal 1.748 Euro abziehen. Durch die vielen Einzelregelungen lässt sich keine einheitliche Summe der Einkünfte nennen, ab der Rentner Steuern bezahlen müssen. Es kommt immer auf den Einzelfall an.

    Frage: Was sollten Rentner tun, wenn sie nicht wissen, ob sie steuerpflichtig sind?

    Fuchs: Wer unsicher ist, sollte einen Steuerberater aufsuchen. Ein erstes Beratungsgespräch kostet bis zu 180 Euro. Das Honorar ist aber Verhandlungssache und sollte vorher geklärt werden. Sonst kann es eine böse Überraschung geben, wenn die Rechnung kommt. Die Steuererklärung selbst würde mehr kosten. Die Kosten hierfür hängen von der Höhe der Einkünfte ab und sind in einer Honorarordnung festgeschrieben. Die Finanzämter sind den Bürgern auch behilflich, dürfen aber nicht beraten und sagen, was alles abgesetzt werden kann.  

    Frage: Was passiert, wenn man keine Steuererklärung abgibt?

    Fuchs: Wenn der Grundfreibetrag nicht überschritten wird, muss keine Erklärung abgegeben werden. Wer sich nicht sicher ist, sollte eine Steuererklärung einreichen. Dann ist er rechtlich auf der sicheren Seite. Wenn jemand keine Steuererklärung abgibt, obwohl er es müsste und er das auch weiß, ist das Steuerhinterziehung und kann bestraft werden. Auf jeden Fall drohen dann Nachzahlungen und Zinsen darauf.

     

  • Kinder werden immer teurer

    Kräftiger Anstieg beim Taschengeld und den Ausgaben für Spiele / wachsende soziale Kluft im Kinderzimmer

    Eltern greifen für ihren Nachwuchs immer tiefer in die Tasche. In den letzten beiden Jahren hat sich das durchschnittliche Taschengeld pro Monat um drei Euro auf 23 Euro erhöht. Das geht aus der „KidsVerbraucherAnalyse“ des Ehapa-Verlags hervor, die am Dienstag in Berlin veröffentlicht wurde. Für die repräsentative Untersuchung wurden gut 1000 Kinder zwischen sechs und 13 Jahren sowie deren Eltern befragt.

    Das Taschengeld ist bei weitem nicht die einzige Einnahmequelle der Jüngsten. Zum Geburtstag und zu den Feiertagen winken zudem Geldgeschenke. Auf 173 Euro können die Jungen und Mädchen 2008 hoffen. Das sind knapp 30 Euro mehr als bei der letzten Umfrage 2006. Daraus resultiert eine beträchtliche Konsumkraft der fast sechs Millionen jungen Verbraucher. Laut Studie verfügt die Altersgruppe über 2,6 Milliarden Euro. Dazu kommen noch 3,8 Milliarden Euro auf Sparkonten.

    Über ein starkes Wachstum der Finanzkraft  können sich allerdings nicht alle Kinder freuen. Vor allem die wohlhabenden Familien würden mehr für ihren Nachwuchs ausgeben, sagte Ehapa-Anzeigenleiter Ingo Höhn. Die Kluft zwischen reichen und armen Kindern nehme zu. Der zunehmende soziale Unterschied drückt sich auch im Zugang zu digitalen Medien aus. Sieben von zehn Kindern nutzen bereits einen PC, vor allem zum Lernen und Spielen. Allerdings ist diese Möglichkeit in wohlhabenden Familien deutlich eher gegeben als bei den ärmeren. Der Einzug des Computers in den Alltag der Jungen und Mädchen ist nicht mehr aufzuhalten. Mehr als jedes zweite Kind surft inzwischen schon im Internet, oft von den Eltern kontrolliert.

    Bei den Konsumtrends hat sich wenig verändert. Für Süßigkeiten und Kekse geben die Kleinen am meisten aus, gefolgt von Zeitschriften, Comics, Eis und Getränken. Immer häufiger müssen gerade die älteren Kinder einen Teil des Taschengelds auch für den üblichen Lebensunterhalt verwenden. So übernehmen die Eltern nur in jeder dritten Familie die Handy-Kosten vollständig. Meist müssen die Kinder sich an den Kosten beteiligen. Das Handy steht in der Gunst der Mädchen und Jungen weit oben. Zwei Drittel der zehn bis 13-jährigen besitzen bereits ein Mobiltelefon. Von den jüngeren wünscht sich jedes zweite Kind ein Handy.

    Die jungen Konsumenten stehen auf Markenprodukte. Vor allem bei Sportschuhen, Rucksäcken, Mode und Schulsachen soll der richtige Name am Produkt stehen. Bei den Kaufentscheidungen in der Familie reden die meisten Kinder ein wichtiges Wort mit. Im Vergleich zur letzten Befragung wächst auch das Gesundheitsbewusstsein. Mineralwasser steht als liebster Durstlöscher auf dem ersten Rang der beliebtesten Getränke. Auf dem Brot gibt es statt Schokoaufstrich oder Honig immer häufiger Wurst oder Käse. Süßigkeiten haben leicht an Bedeutung verloren.

    Bleibt noch das Spielen. Die Elektronik ersetzt immer mehr die Puppenstube oder den Baukasten. Vor allem die älteren Kinder spielen lieber mit Computerspielen auf Konsolen oder Handspielgeräten. Die Mädchen wurden von diesem Trend mittlerweile auch erfasst. Seit es Spiele gibt, die auf die Interessen der Mädchen zugeschnitten sind, steige der Anteil der Spielerinnen, hieß es. Ihre Freizeit verbringen die Sprösslinge am liebsten mit Freunden. Auch das Radfahren ist bei beiden Geschlechtern sehr beliebt.

  • „Vielleicht gibt es noch einen Alibizug“

    Die Unternehmensberatung KCW hat im Auftrag einiger Länder die Folgen der Bahnprivatisierung für den Fernverkehr untersucht. Über die Ergebnisse sprach die SZ mit dem Autoren der Studie, dem Dipl.-Ing. Ingo Kühl.

    SZ: Sie zeichnen ein düsteres Szenario des künftigen Fernverkehrs. Fahrten im Intercity werden teurer, viele Städte vom Fernverkehrsnetz abgehängt. Wie kommen Sie auf diese Prognose?

    Ingo Kühl: Mit der Beteiligung privater Investoren an Gesellschaften der Deutschen Bahn AG steigt dort der Renditedruck. Das betrifft auch den Fernverkehr, der in den letzten Jahren deutlich weniger abwarf als der Regionalverkehr. Das werden private Investoren nicht lange dulden. Wo eine staatliche Fernverkehrs-AG im Zweifel schon zufrieden sein kann, wenn sie schwarze Zahlen erreicht, erwartet der Investor in der Regel eine zweistellige Rendite. Sieht man sich nun die Lage im Fernverkehr an, zeigt sich, dass vor allem auf den Hauptachsen zwischen den Ballungszentren Geld verdient wird. Schwach frequentierte Verbindungen drücken den Gesamtgewinn. Künftig wird streng genommen jeder Zug einen Mindestbeitrag zum Ergebnis leisten müssen. Dann fallen nicht kostendeckende Angebote oder solche mit geringem Gewinn durch das Sieb.

    SZ: Warum werden auch größere Städte wie Ravensburg, Kempten oder Konstanz Ihrer Einschätzung nach bald vom Netz abgekoppelt?

    Kühl: Nimmt man die Mittelfristplanung der DB AG ernst, die immerhin dem Verkaufsprospekt an die Investoren zugrunde liegt, muss die Profitabilität des Fernverkehrs deutlich steigen. Das heißt, es müssen die durchschnittlichen Erlöse steigen. Trotz der Schnäppchenangebote steigt also der Fahrpreis. Zum anderen muss das Angebot optimiert werden. Das betrifft Regionen abseits der großen Korridore. Mittel- und Oberzentren können dann nur noch an den Fernverkehr angebunden werden, wenn sie zwischen den Ballungsräumen liegen. Südlich der Achse Stuttgart-München und östlich der Rheinstrecke gibt es dafür wenige Möglichkeiten. Vielleicht wird es noch den einen oder anderen „Alibizug“ geben oder es werden aus politischem Kalkül Strecken bedient.

    SZ: Die Bahn weist Ihre Ergebnisse empört zurück und macht Fahrplankürzungen allein vom Passagieraufkommen abhängig. Ist Ihre Langzeitprognose unter diesem Aspekt überhaupt haltbar?

    Kühl: Wir haben uns an betriebswirtschaftlichen Maßstäben aus Sicht des Unternehmens orientiert. Neben dem Passagieraufkommen spielen auch die Kosten für den Fuhrpark eine große Rolle. Neue Züge müssen bald die alten ersetzen, die längst abgeschrieben sind. Bei hohen Ersatzinvestitionen rechnet sich manche Verbindung auch bei stabilen Fahrgastzahlen dann nicht mehr. Ein Anpassungsprozess ist schon seit mehreren Jahren im Gange, zum Beispiel mit der Abschaffung der Interregios. 24 Oberzentren wurden seit dem Jahr 2000 vom Fernverkehr abgeschnitten. Beim letzten Fahrplanwechsel im Juni wurden wiederum Fernzüge an verkehrsschwachen Tagen gestrichen. Der Trend ist also längst sichtbar.

    SZ: Lässt sich der Prozess umkehren?

    Kühl: Eine grundlegende Strategieänderung weg von der Renditeoptimierung hin zur Kostendeckung, wie etwa in der Schweiz, ist unter einem Börsenszenario nicht vorstellbar. Während der Bund das Ob und Wie der Privatisierung nicht mehr diskutieren will, gibt es zumindest auf Länderebene noch Verbesserungswillen. So sollte nach den Vorstellungen der Länder gesetzlich verankert werden, dass auch ein privatwirtschaftlich agierender DB Fernverkehr ein Mindestangebot nicht unterschreiten darf. Der Bund hat dies nicht aufgegriffen, um den Börsengang nicht zu gefährden. Die Länder könnten auch durch eine verbesserte Abstimmung ihrer Bestellungen von Nahverkehrsleistungen versuchen, im Grenzbereich zwischen dem ehemaligen Interregio und den heutigen Regionalexpresszügen attraktive durchgehende Langstreckenverkehre zu entwickeln. Mit dem Auslaufen der derzeitigen Verkehrsverträge zwischen den Ländern und der DB Regio bieten sich hier in den kommenden Jahren interessante Gestaltungsalternativen.

  • Clever fahren und dabei sparen

    Sparserie Teil 7:
    Intelligente Mobilität ist auch weiterhin bezahlbar

    Die hohen Benzinpreise machen vor allem Pendlern Sorgen. Langsam denken viele Autofahrer daher um, wie eine Umfrage des Verbands der Automobilindustrie (VDA) ergab. Nach dem Preis und der Qualität ist der Verbrauch an die dritte Stelle der wichtigsten Kaufkriterien gerückt. Bislang war den Deutschen das Design ihres Gefährts wichtiger als die Betriebskosten. Der Umstieg auf ein sparsames Modell macht sich umgehend im Portemonnaie bemerkbar. Bei einer Fahrleistung von 15.000 Kilometern im Jahr entlastet ein zwei Liter Sprit weniger fressendes Auto die Haushaltskasse bei einem Benzinpreis von 1,50 Euro um 450 Euro im Jahr. Abgesehen davon ist der kleinere Wagen in der Anschaffung günstiger. Besonders verbrauchsgünstige Modelle aller Klassen werden einmal jährlich vom Verkehrsclub Deutschland in der Auto-Umweltliste aufgelistet. Unter der Webadresse www.vcd.org kann die jeweils aktuelle Rangfolge nachgelesen werden.

    Die Gesamtkosten für das Auto lassen sich senken, ohne dass der Fahrspaß darunter leidet. Umsicht und eine langfristige Kostenbetrachtung beim Kauf helfen dabei. Bei der Auswahl des Wunschfahrzeugs sollte ein Blick in die ADAC-Pannenstatistik geworfen werden, gerade bei gebrauchten Autos. Je weniger Reparaturen später fällig werden, desto geringer der finanzielle Aufwand. Auch bei der Finanzierung eines Neuwagens gibt es günstigere und teurere Varianten. Am besten fahren Kunden, die ihr Auto bar bezahlen können. Finanzierungszinsen entfallen und der Händler gibt mehr Rabatt. Beim Kauf auf Pump heißt es vergleichen. Autobanken bieten häufig Darlehen mit niedrigeren Zinsen als die Hausbank. Dafür ist der Händler-Rabatt oft großzügiger, wenn man sich das Geld bei der Bank leiht und im Autohaus bar bezahlt. Fachleute raten dazu, beim Händler erst alle Fahrzeugdetails und den Endpreis auszuhandeln. Über die Finanzierung wird dann zuletzt gesprochen. Einmal gemachte Zusagen kann der Verkäufer dann nur schwer wieder zurückziehen.

    In Europa gibt es bei Neuwagen gewaltige Preisunterschiede. Das hängt mit der jeweiligen Konkurrenzsituation, aber auch mit der Besteuerung in den einzelnen Ländern zusammen. Die EU-Kommission veröffentlicht regelmäßig Preislisten, allerdings nur auf Englisch. 30 Prozent Preisunterschied bei gleichen Modellen in verschiedenen Staaten sind weiterhin möglich. Bei gleichen Garantiebedingungen und bei gleicher Ausstattung kommen schnell einige Tausend Euro Ersparnis zusammen. Es gibt auch Händler, die sich auf Re-Importe spezialisiert haben. Der Kauf hier spart nicht so viel, dafür entfällt die doch aufwändige Suche nach einem Autohaus jenseits der Grenzen und der bürokratische Aufwand. Wie man den Re-Import selbst organisieren kann, steht gut beschrieben auf der Internetseite www.kfz-auskunft.de .

    Ein weiterer Kostenfaktor ist die Versicherung. Auch hier kann der Verbraucher günstiger fahren. Einmal jährlich darf der Vertrag gekündigt und die Versicherung gewechselt werden. Im Herbst werden die neuen Tarife bekannt gegeben. Zwischen den günstigsten und teuersten Policen können bei gleichen Leistungen mehrere Hundert Euro Unterschied liegen. Viele Unternehmen bieten im Internet Tarifrechner an. So kann jeder Autofahrer schnell Vergleichspreise abrufen und zu einem günstigeren Unternehmen wechseln.

  • Munter muss nicht teuer sein

    Sparserie Teil 6:
    Discountapotheken und der gute alte Sportverein helfen beim Sparen

    Jahrzehntelang ärgerten sich die Deutschen über teure Medikamente. Jenseits der Grenzen waren zum Beispiel Schmerzmittel deutlich günstiger als hierzulande. Doch inzwischen ist der Wettbewerb in Gang gekommen, zumindest bei den rezeptfreien Arzneien. Denn die klassische Apotheke an der Ecke hat Konkurrenz bekommen. Nach dem Vorbild der Discounter mischt die Easyapotheke den Markt auf. Aus dem bisherigen Versandhändler wird langsam der Pillen-Aldi nebenan. Bislang 20 Kooperationspartner treten unter dem Markennamen auf. Preissenkungen von bis zu 50 Prozent verspricht das Unternehmen. Ein bekanntes Schmerzgel wird beispielsweise für knapp neun Euro angeboten, fast ein Drittel günstiger als der oft übliche Apothekenpreis. Auch die Drogeriemarktkette Drospa drängt in das Geschäft. Per Versand liefert der Filialist Aspirin & Co und wirbt mit Preisnachlässen von bis zu 45 Prozent.

    Auch die Bestellung im Internet kann günstiger sein als der Kauf in der Apotheke. Allerdings sind die Angebote durchaus nicht immer preiswerter. Es gilt inzwischen auch in der Gesundheitsbranche, dass der Kunde verschiedene Offerten vergleichen sollte. Beim Onlinekauf droht noch ein weiteres Problem. So warnt die Bundesapothekerkammer vor gefälschten Arzneien aus dem weltweiten Netz. Bei als seriös geltenden Anbietern wie der niederländischen Versandapotheke müssen sich die Verbraucher wohl keine Sorgen machen. Doch bei dubiosen Firmen, die Muskelmacher oder Potenzmittel ohne Rezept frei Haus liefern wollen, ist das Risiko gepanschter Ware groß.  

    In vielen Haushalten gehören Nahrungsergänzungsmittel wie Vitamine oder Calcium mittlerweile zur Grundausstattung. Doch bei einer normalen Ernährung ist die Ausgabe dafür überflüssig. Das gilt insbesondere für Kinder, wie die Stiftung Warentest jüngst ermittelt hat. Von 23 Produkten, die dem Nachwuchs angeblich auf die Sprünge helfen, sind nur fünf bedingt geeignet, weil nicht schädlich. „Sie sind jedoch überflüssig“, stellen die Experten fest. Dabei kosten die Präparate oft mehr als zehn Euro pro Päckchen. 30 Millionen Euro werfen Eltern so jährlich zum Fenster heraus.

    Bewegung und eine gute Ernährung halten gesund. Sport kann ganz schön ins Geld gehen. Teure Funktionskleidung oder Accessoires gehören für viele modebewusste Verbraucher dazu wie die Mitgliedschaft im Fitnessstudio. Neben der Überwindung sind diese Kosten für manchen Menschen die große Hemmschwelle auf dem Weg zu einer besseren Kondition. Es gibt auch preiswerte Wege zu einem durchtrainierten Körper. Der gute alte Sportverein gehört dazu. Längst haben sich die Vereine den Wünschen der meisten Menschen angepasst und bieten auch für den Breitensportler Kurse und Trainingsmöglichkeiten. Nebenbei bilden sich dort auch rasche Freundschaften, so dass ein doppelter Gewinn entsteht. Auch einige Hochschulen haben ihr Sportangebot für alle geöffnet. Die Kurse sind günstig, aber eben nicht an jedem Uni-Standort verfügbar. Ob es geht und wie das Angebot aussieht, kann mit einem Anruf an der nächsten Hochschule geklärt werden. Die Angestellte Franziska Anders schwört auf den Hochschulsport. Neun Euro pro Monat kostet ihre Sportart Finswimming, bei der man wie ein Walfisch per Flossenschlag das Weite sucht. „Das hält nicht nur fit, sondern hilft auch beim Knüpfen sozialer Kontakte“, sagt die 24-jährige.

  • Chance für Entwicklung

    Scheitern der WTO-Verhandlungen

    Das Scheitern der Welthandelsverhandlungen in Genf zeigt, dass sich die Gewichte in der globalen Ökonomie und Politik verschieben. Staaten wie China, Indien und Brasilien mit ihren 2,5 Milliarden Einwohnern machen nicht mehr alles mit, was auf der Tagesordnung der reichen Industrieländer steht. Inzwischen können es sich die Schwellenländer auch einmal leisten „Nein“ zu sagen. Denn indische Konzerne sind in der Lage, große Unternehmen in den USA und Europa zu kaufen. Und die Milliarden-Vermögen chinesischer Staatsfonds tragen dazu bei, die Immobilienkrise in den USA einzudämmen.
    Damit schwindet aber nicht nur die relative Macht der alten Industrieländer, sondern auch ihr Modell der Globalisierung gerät unter Druck. Grundsätzlich bedeutet Liberalisierung zwar Freihandel für alle Beteiligten, doch oftmals wirkte sich der ungehinderte Verkehr von Gütern, Dienstleistungen und Kapital vor allem zugunsten der Starken aus. In Gestalt von transnationalen Unternehmen saßen diese in der Regel in den westlichen Industrieländern.
    An einem kleinen Beispiel haben die Verhandler in Genf in den vergangenen Tagen erlebt, dass der alte Mechanismus nicht mehr so reibungslos funktioniert wie früher. Vor allem der Konflikt um die Agrarzölle war nicht zu lösen. Europa und die USA verfolgen das Interesse, ihrer hochproduktiven Ernährungsindustrie besseren Zugang zu den Märkten der Schwellenländer zu verschaffen. Dem Ziel der Zollsenkung, die den Import mit europäischen und amerikanischen Lebensmitteln erleichtern würde, wollte die indische Regierung aber nicht umstandslos zustimmen. Sie dachte auch an die Sorgen von Millionen indischer Kleinbauern, denen westliche Unternehmen mit dem Import billiger Nahrungsmittel Konkurrenz machen. An der Frage dieses Schutzes für die arme Landbevölkerung scheiterten die Verhandlungen schließlich – wenngleich auch andere Probleme bis zum Schluss ungelöst blieben.
    Die jetzt gescheiterte Verhandlungsrunde der Welthandelsorganisation WTO war 2001 nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York einberufen worden. Ihr Motto: Gerechtigkeit verhindert Terrorismus. Doch das Ziel, mittels Handel zur weltweiten Entwicklung beizutragen, wäre zu kurz gekommen, hätten sich die Industriestaaten in Genf durchgesetzt. In einem oder zwei Jahren besteht nun die Chance, neue Verhandlungen aufzunehmen, die die Bezeichnung „Entwicklungsrunde“ verdienen. Die Interessen der Schwellenländer werden dabei eine größere Rolle spielen als bisher.
    Für die Wirtschaften der Industrieländer dürfte das Scheitern keine dramatischen Auswirkungen haben, wenngleich ein positives Zeichen in Zeiten der Immobilienkrise und steigender Energiepreise zur Entspannung beigetragen hätte. Langfristig aber profitieren die Unternehmen des Nordens mehr, wenn ein Welthandelsabkommen auch die Interessen des Südens widerspiegelt. Denn Handel ist niemals eine Einbahnstraße. Man braucht Verkäufer und Käufer, die über ausreichend Geld verfügen. Schaffen die Armen in Asien, Afrika und Lateinamerika den Aufstieg, so werden sie auf Dauer auf bessere Handelspartner.

  • Warme Worte für die Bauern

    Beim Milchgipfel kommt Minister Seehofer den Landwirten entgegen

    Horst Seehofer gab sich keine Mühe, die Einigkeit zu verbergen. Freundlich wandte sich der Bundeslandwirtschaftsminister an den Präsidenten des Deutschen Bauernverbandes, Gerd Sonnleitner: "Sie sind gut in Form. Bisher haben Sie nichts gesagt, was ich nicht unterschreiben könnte." Vier Dutzend Mitglieder des Bauernverbandes, darunter auch einige Landwirte, klatschten Beifall. Die meisten trugen T-Shirts mit der Aufschrift "Milch ist ihren Preis wert".

    Der Dienstag war der Tag des so genannten Milchgipfels. Seehofer, die Landwirtschaftsminister der Bundesländer, Bauernverbände, Molkereien, und Handelsketten trafen sich in der Bayerischen Landesvertretung, dem Brückenkopf der CSU in Berlin, Seehofers Terrain, das auch dem bayerischen Bauernpräsidenten Sonnleitner nicht eben fremd ist.
    Seehofer wie Sonnleitner haben in diesen Monaten eine schwierige Mission: Sie müssen den Eindruck erwecken, für die Milchbauern einzutreten, obwohl sie doch gegen die Interessen sehr vieler Bauern verstoßen. Ihr gemeinsamer Gegner ist die Bauernopposition, die in Gestalt des Bundesverbandes Deutscher Milchviehhalter (BDM) vor einigen Wochen einen publikumswirksamen Milchstreik organisierte. Zehntausende Milchbauern lieferten tagelang keine Milch. Ihr Ziel: höhere Preise. BDM-Chef Romuald Schaber will durchsetzen, dass die Milcherzeuger 43 Cent pro Liter von den Molkereien bekommen, und nicht nur 30 bis 32 Cent, wovon sie, wie viele sagen, kaum leben können.
    Im Prinzip ist aber seit dem Streik nichts passiert. Die Preise sind kaum gestiegen. Seehofer und Sonnleitner müssen etwas tun, um den wieder lauter werdenden Protest zu besänftigen. Das war der Anlass für den Milchgipfel. Gefragt war zumindest ein Zeichen, das sich so verkaufen lässt, als komme man den Bauern entgegen.
    Kompromissbereit und geschickt nahm Seehofer die wichtigsten Forderungen der Landwirte auf – und zwar beider Seiten. Dem Deutschen Bauernverband sicherte er Unterstützung bei dessen zentralem Anliegen in der Milchfrage zu: Ein rund 300 Millionen Euro umfassender Fonds könnte künftig dafür sorgen, dass kleinere Bauernhöfe mit hohen Produktionskosten Ausgleichszahlungen erhalten, um den sinkenden Marktpreis abzufedern. Dies würde die Situation vor allem der Betriebe in Bayern und Baden-Württemberg entschärfen, aus deren Kreis die meisten neuen Mitglieder der Bauernopposition des BDM stammen.
    Die Zusage Seehofers für den Fonds klingt gut, fraglich allerdings ist, ob sie sich in die Tat umsetzen lässt. Die EU-Kommission in Brüssel ist skeptisch. Davon abgesehen reichte BDM-Chef Schaber Seehofers Angebot bei weitem nicht aus: Der Chef der Milchbauern rechnete vor, dass mit 300 Millionen Euro umgerechnet gerade einmal ein Cent pro Liter Milch zusätzlich finanziert werden könnte. Diese geringen Summen würden den Landwirten nicht wirklich helfen.
    Aber auch für den BDM hatte Seehofer ein spezielles Angebot in der Tasche. Im Sinne der Agraropposition will der Minister sich für die stärkere Mengenbegrenzung der Milchproduktion einsetzen. Entsprechend der Marktlogik – geringeres Angebot, höherer Preis – ist das Schabers zentrales Ziel. Seehofer versprach, verschiedene Mittel prüfen zu lassen, die in diese Richtung wirken könnten. Dabei geht es unter anderem um die so genannte Saldierung: Landwirte, die die ihnen zustehende Milchquote, die Produktionsmenge, überschreiten, können heute diesen Überschuss mit Bauern verrechnen, die zu wenig produzieren. Das Ergebnis: Die großen Mengen drücken ständig auf die Preise. Ob Seehofer sein Versprechen in die Tat umsetzen kann, hängt jedoch wiederum von verschiedenen Voraussetzungen ab. Er braucht die Zustimmung Brüssels und – ebenfalls nicht ganz einfach – die des Bundesrates.
    Außerdem unterstützte der Minister BDM-Chef Schaber zumindest rhetorisch in dessen Anliegen, die Menge der produzierten Milch auch langfristig stabil zu halten. Dies allerdings – das weiß Seehofer – verspricht der kompletten Agrarpolitik der Europäischen Union, die der Minister im Grundsatz unterstützt. Der Plan der EU sieht so aus: Bis die staatlich fixierte Obergrenze der Produktion 2015 ganz abgeschafft wird, soll die Milchmenge permanent steigen. Das Kalkül der EU: Die Landwirte müssen sich an sinkende Preise und den Druck des Weltmarktes gewöhnen. Wer das nicht kann, soll seinen Hof zumachen. Diese grundsätzliche Ausrichtung der Politik stellt weder Seehofer noch Bauernpräsident Sonnleitner in Frage – obwohl beide eben diesen Eindruck erwecken.

  • Zu wenig Geld, um billig zu kaufen

    Sparserie Teil 5: Wie Investitionen in gute Produkte helfen, die privaten Ausgaben zu reduzieren

    Reinhold Hufgard ist Experte für´s Sparen. Als Mitarbeiter der katholischen Caritas berät er Privatleute, wie sie ihren Verbrauch von Energie und Wasser reduzieren können. Das lässt sich mit sehr einfachen Mitteln erreichen. Hufgard liefert ein Paket, das unter anderem Steckerleisten, Sparköpfe für die Dusche, Perlstrahler für die Wasserhähne und eine Zeitschaltuhr umfasst.
    Wer eine Steckerleiste zwischen Fernsehgerät und Steckdose schaltet, reduziert den Stand-by-Verbrauch des TV. Ein Aufsatz für die Dusche verringert die Wassermenge, die allmorgendlich durch den Abfluss verschwindet. „Zwölf bis 14 Liter Wasserverbrauch pro Minute sind normal“, sagt Hufgard, „mit dem Sparkopf sinkt die Menge auf acht Liter“. Ähnlich funktionieren Perlstrahler für die Wasserhähne in Bad und Küche – die kleinen Siebe vermindern den Durchfluss um die Hälfte oder mehr. Und eine Zeitschaltuhr ist nützlich, um den Stromverbrauch des Warmwasserboilers zu zügeln. Normalerweise halten die Geräte den ganz Tag 60 Grad warmes Wasser bereit, obwohl man es nur morgens und abends benötigt. Dank der Zeitschaltung springt der Boiler nur zweimal täglich an.
    Diese Spartechnik kostet einmalig 50 bis 60 Euro pro Haushalt, weiß Hufgard. Den Einspareffekt beziffert er auf bis zu 120 Euro pro Jahr. In einem Zeitraum von fünf Jahren lassen sich also Einsparungen von 600 Euro erzielen – das Zehnfache des eingesetzten Beitrages.
    So etwas nennt man „Investition“. Jedes Unternehmen verhält sich entsprechend. Geschäftsleute investieren Geld, um dadurch in Zukunft einen zusätzlichen Ertrag zu erzielen. Privathaushalte können sich daran ein Beispiel nehmen. Wenn Reinholf Hufgard sein Sparpaket liefert, besteht die Investition nicht einmal in Geld, sondern nur aus Zeit. Denn der Cariteam Energiesparservice in Frankfurt/ Main stellt armen Menschen die Technik kostenlos zur Verfügung, um deren Budget angesichts steigender Energiepreise etwas zu entlasten. Doch auch beim Kauf der Strom- und Wassersparer im Baumarkt kommt man schnell ins finanzielle Plus.
    Ähnlich, aber langfristiger ist die Perspektive, die Energieberater wie der Freiburger Architekt Swen Osterloh ihren Kunden bieten. Osterloh berät Wohnungs- und Hausbesitzer, die sich gegen die permanent steigenden Energiekosten wappnen wollen. Auch dabei geht es darum, die heutige Investition und den künftigen Ertrag miteinander zu vergleichen. Wer etwa ein Einfamilienhaus aus dem Baujahr 1970 mit 150 Quadratmeter Wohnfläche energiesparend sanieren will, kann die Kellerdecke, die Fassade und das Dach dämmen, neue Fenster einbauen lassen und das Wasser mit Sonnenenergie erwärmen. Das kostet beispielsweise 35.000 Euro. „Die Finanzierung durch die öffentliche Kfw-Bankengruppe eingerechnet, beträgt die Belastung aus Zins und Tilgung etwa 2.500 Euro pro Jahr, die Einsparung durch geringeren Energieverbrauch rund 1.300 Euro“, überschlägt Osterloh. Abhängig von den Annahmen, die der Investition zugrunde liegen, und dem Ausmaß des weiteren Anstiegs der Energiekosten kann die Rechnung innerhalb weniger Jahre ein Plus ergeben.
    Mitunter fährt auch besser, wer einen Hauch investiven Verhaltens bei alltäglichen Kaufentscheidungen praktiziert. Welche Digital-Kamera nehme ich? Die für 99 Euro beim Discounter als Aktionsware verkauft wird? „Unsere Einschätzungen über solche Produkte fallen selten gut aus“, sagt Herbert Noll, Redakteur bei der Zeitschrift Test der Stiftung Warentest in Berlin. Oder eher die Kamera, die 200 Euro kostet? „Preis und Leistung stehen noch immer in einem gewissen Zusammenhang“, so Noll. Schlechte Bilder, Systemfehler der Software: Manche Billigkamera macht den Käufern keine Freude. Im Verlauf der Jahre entpuppen sich die vermeintlichen Schnäppchen als Verlustbringer, weil eine Neuanschaffung fällig wird. Da gilt der Satz, den Test-Redakteur Noll gern zitiert: „Ich habe nicht genug Geld, um mir etwas Billiges zu leisten“.

  • Kein Verlass auf Handelsmarken

    Sparserie Teil 4:
    Verzicht auf gute Namen kann sich lohnen / Die Qualität können Kunden nicht erkennen

    Der Blick auf den Preis des Joghurtdrinks der Edeka-Eigenmarke „gut und günstig“ erfreut den Kunden. Mit 2,39 Euro pro Kilogramm ist das „probiotische“ Fitnessgetränk deutlich billiger als die 4,11 Euro teure Version eines bekannten Markenherstellers. „Schmeckt genauso“, stellt eine Kundin fest, „quietschsüß wie die anderen.“ Die so genannten Handelsmarken sind seit Jahren auf dem Vormarsch. Gerade bei Produkten, bei denen es nicht auf eine Top-Qualität ankommt, greifen Verbraucher gerne zu den günstigeren Angeboten. Der Preisunterschied ist oft enorm, 30 bis 50 Prozent Differenz zum Markenprodukt sind nicht selten.

    Dabei kommen die Billigwaren häufig aus denselben Fabriken wie die teurere Alternative. Mit etwas Mühe lässt sich der Hersteller sogar ermitteln. Fleisch, Wurst oder Milchprodukte tragen auf der Verpackung eine Nummer, zum Beispiel verbirgt sich hinter der Kennzeichnung „BW 033“ die Großmolkerei Campina. Welche Firma zum Aufdruck gehört, steht im Internet im Verzeichnis des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. Von der Pizza bis zum Kaffee laufen Billig- und Edelmarken vom selben Band laufen.

    Die großen Preisunterschiede haben vor allem einen Grund. Handelsmarken sind billiger, weil weder Entwicklungs- noch große Werbekosten anfallen. Aber auch bei den Zutaten und den Herstellungsverfahren wird bisweilen gespart, weiß der Lebensmittelchemiker Udo Pollmer vom Europäischen Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften. So werde beim Kräuterfrischkäse statt der Blätter schon mal der Stängel verarbeitet. Bei der Tiefkühlpizza werde auf teure Technik verzichtet, die den Teig vorm Austrocknen bewahrt. Selbst bei gleichen Inhaltsstoffen kommen so am Ende unterschiedliche Ergebnisse heraus.

    Bei welcher Billigware sich der Griff ins Regal lohnt, lässt sich nicht generell sagen. „Der Kunde kann die Produktqualität nicht erkennen“, erläutert Pollmer. Selbst die Inhaltsangaben auf der Verpackung helfen nicht weiter. Die Technologien der Fabrikanten sind so gewieft, dass selbst der Geschmackstest wenig über die Qualität der Ware aussagt. Doch in der Regel können die Eigenlabel der Handelsketten mit den Markenartikeln mithalten. Das belegen die Tests von Verbraucherschützern. Dort schneiden die Produkte oft gut ab, wozu auch die steigenden Anforderungen der Filialisten an die Hersteller beitragen. „Handelsketten versuchen konstante Qualitäten herzustellen“, sagt Birgit Rehlender von der Stiftung Warentest. Anders gesagt: Mit No-Name-Waren lässt sich das Haushaltsbudget entlasten, allerdings ohne die Qualitätsgarantie der Markenhersteller.

    Ähnlich uneinheitlich fallen die Testergebnisse bei anderen Waren aus. Die Stiftung Warentest nimmt regelmäßig Aktionsware der Discounter unter die Lupe. Wer darauf achtet, kann sich manches Schnäppchen sichern, vor allem aber Enttäuschungen vermeiden. Das zeitweilig von Penny angeboten Fahrradschloss für 5,99 Euro hielt beispielsweise Diebe kaum ab, weil unter dem dicken Plastikmantel nur ein dünner Metallstrang verlief. Ein günstiges Navigationsgerät von Aldi fanden die Tester dagegen gut.

  • Falsch versichert kostet Geld

    Sparserie Teil 3:
    Mit etwas Überlegung lässt sich mancher Euro sparen

    Ein halbes Dutzend Versicherungspolicen hat jeder Bundesbürger im Durchschnitt abgeschlossen. Fast 1.400 Euro kosten die Verträge jährlich und belasten damit das Haushaltsbudget kräftig. Dabei seien viele Abschlüsse gar nicht nötig, meint der Sprecher des Bunds der Versicherten (BdV), Thorsten Rudnik. „Da werden die falschen Prioritäten gesetzt“, sagt der Fachmann. Mit einer guten Beratung ließen sich in vielen Fällen einige Hundert Euro im Jahr sparen. Ein Grund dafür sind beträchtlich Preisunterschiede zwischen den einzelnen Versicherern. Eine Familienhaftpflichtpolice kostet bei gleicher Leistung Rudnik zufolge derzeit zwischen 60 und 170 Euro. Es kommt darauf an, den günstigsten Anbieter zu finden.

    Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) empfiehlt den Besuch eines unabhängigen Versicherungsberaters oder die Beratung bei einer Verbraucherzentrale. Denn im Gegensatz zum klassischen Vertreter sind diese Fachleute nicht an einzelne Unternehmen gebunden, sondern raten zu den individuell besten Lösungen. Das kostet zwar eine Gebühr, doch kommt der Aufwand durch sinkende Kosten schnell wieder herein. Der vzbv rät zu einer regelmäßigen Überprüfung der abgeschlossenen Verträge, vor allem, wenn sich die Lebenssituation verändert. Nach der Hochzeit wird beispielsweise eine der beiden Haftpflichtpolicen überflüssig, weil der Ehepartner mitversichert wird.

    Aber welche Versicherungen sind wichtig, welche nicht? „Man muss das Existenzielle absichern“, erläutert Susanne Meunier von der Stiftung Warentest. Die Experten haben eine übereinstimmende Rangliste vor Augen. Am wichtigsten ist die Privathaftpflicht, dann kommt eine Berufsunfähigkeitsversicherung (BU) und für Familien die Absicherung der Hinterbliebenen durch eine Risikolebensversicherung. Policen wie den Schutz vor Glasbruch stehen auf der Prioritätenliste weit hinten. Was im Einzelfall in Frage kommt, weiß der BdV. Auf der Internetseite www.bundderversicherten.de kann jeder den eigenen Bedarf anhand seiner Lebenssituation ermitteln.

    Mitunter sind schon kleine Veränderungen ertragreich. Dazu zählt die Umstellung der Zahlungsweise bei Rentenversicherungen. Wer den Beitrag jährlich überweist statt anteilig jeden Monat hat laut vzbv am Ende einen Zinsvorteil von bis zu zwölf Prozent. Den Ertrag gibt es aber erst später durch eine höhere Rentenzahlung.

  • „Das geballte Problem der Inflation“

    Die Steigerung der Energiekosten trifft Bürger mit niedrigen Einkommen besonders

    Schuldnerberater registieren in diesen Wochen ein neues Phänomen. Ihre Klienten geraten durch hohe Nachzahlungen für Heizung, Strom und Betriebskosten der Wohnung zusätzlich in finanzielle Bedrängnis. „Das ist ein starkes Betätigungsfeld“, sagt Frank Wiedenhaupt, der als Schuldnerberater beim Arbeitskreis Neue Armut im Berliner Bezirk Neukölln tätig ist.
    Wiedenhaupt und seinen Kollegen begegnen zunehmend Fälle wie dieser. Der 40jährige Bürokaufmann Peter Richter* hat durch Spielsucht Schulden von 60.000 Euro angehäuft. Weil ihm die Belastung über den Kopf wuchs, beantragte er die Privatinsolvenz: Von seinem Bruttoeinkommen von rund 1.800 Euro pro Monat darf der Vater eines Sohnes nun noch 1.578 Euro behalten, die übrigen 222,05 Euro werden gepfändet und an die Gläubiger überwiesen.
    Im vergangenen April allerdings kam ein neues Problem hinzu: Der Stromversorger schickte Richter eine Nachforderung für 2007 über 578 Euro. Aus eigener Erfahrung weiss Richter nun, was „Inflation“ bedeutet: Seine Stromrechnung hat sich nahezu verdoppelt. Im Bundesdurchschnitt ist der Strompreis von Mai 2007 bis Mai 2008 zwar nur um 7,4 Prozent angestiegen, wie das Statistische Bundesamt ermittelt. Bei vielen Stromversorgern geht die Preiserhöhung jedoch weit darüber hinaus.
    Die aktuelle Inflation trifft Bürger mit geringen Einkommen besonders hart, vermutet Stefan Weick vom sozialwissenschaftlichen Institut Gesis-ZUMA in Mannheim. Aktuelle Zahlen für das Jahr 2008 liegen zwar noch nicht vor, aber Weick vertritt die Hypothese, „dass ärmere Menschen von der Preissteigerung relativ stärker betroffen sind als Wohlhabende“. Der Hintergrund: Wer wenig Geld hat, muss einen großen Teil davon für seine Grundversorgung ausgeben: Miete, Energie, Lebensmittel, Mobilität. Und gerade bei diesen Gütern und Dienstleistungen macht sich die gegenwärtige Preisentwicklung besonders bemerkbar. Nach Berechnungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI) belastet diese Preisentwicklung besonders Geringverdiener und Familien mit Kindern. So ist der Einkommensanteil, den niedrig verdienende Vier-Personen-Haushalte für Benzin, Heizöl, Gas und Strom aufwenden, seit Jahresbeginn von gut 14 Prozent auf 18 Prozent gestiegen.
    Ein Blick ins Haushaltsbuch des überschuldeten Peter Richter zeigt: Nach Abzug der Fixkosten bleibt ihm wenig Geld übrig. Von den pfändungsfreien 1.578 Euro zahlt Richter 700 Euro Miete, 100 Euro für zwei Nahverkehrstickets, 50 für Strom, 100 für Telefon, Internet und Fernsehen, für Gas 45 und für die Haftpflicht 15 Euro. Die Restsumme beträgt 568 Euro. Damit muss Richter sich und seinen Sohn einen Monat über die Runden bringen. Setzt man die Heizkostennachzahlung für 2007, umgerechnet auf zwölf Monatsraten, zu dieser Summe ins Verhältnis, so ergibt sich: Richter soll 48 Euro oder acht Prozent seines verbleibenden Einkommens zusätzlich für Strom entrichten. Mit anderen Worten: Die Preissteigerung beim Strom raubt ihm acht Prozent seiner restlichen Kaufkraft.
    „Das ist das geballte Problem der Inflation“, sagt Schuldnerberater Wiedenhaupt, „und diese Fälle sind erst der Anfang. Die große Welle kommt nächstes Jahr“. Dann rechnen die Hausbesitzer die drastischen Preissteigerungen für die Energie ab, die im Jahr 2008 verbraucht wurde.
    Hinzu kommen Preissteigerungen, die in der Öffentlichkeit bislang kaum eine Rolle spielen. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes erhöhten sich die Kosten für Bildung innerhalb des vergangenen Jahres um durchschnittlich 5,9 Prozent. Die Ursache ist vor allem, dass mehrere Bundesländer Studiengebühren einführten. Wer schulpflichtige Kinder hat und gleichzeitig über wenig Geld verfügt, gerät aber auch aus einem anderen Grund in die Bredouille: Viele Städte verlangen inzwischen 50 Euro oder mehr Büchergeld pro Kind und Schuljahr. Zusätzlich kostet das Mittagessen im Hort Extragebühren, die Klassenkasse will gespeist werden, und auch Ausflüge ins Museum sind nicht billig. Da können schnell 30 Euro im Monat zusätzlich zusammenkommen.
    * Name geändert

  • „Verletzung der Sorgfaltspflicht“

    Der Vaduzer Rechtsanwalt und frühere Liechtensteiner Justizminister Heinz Frommelt erklärt, warum deutsche Steuerhinterzieher Schadenersatz verlangen könnten

    Koch: 770 reiche Bundesbürger sollen mit Hilfe von Banken in Liechtenstein Steuern hinterzogen haben. Deutsche Staatsanwälte ermitteln. Einige Steuersünder planen nun offenbar, die Liechtensteiner Fürstenbank LTG auf Schadenersatz zu verklagen. Vertreten Sie diese Personen als Anwalt?
    Heinz Frommelt: Nein, deutsche Rechsanwälte haben mich im Auftrag ihrer Mandanten gebeten, eine Einschätzung abzugeben. Es handelt sich um Voranfragen.
    Koch: Welche Argumente führen die potenziellen Kläger ins Feld?
    Frommelt: Die Argumentationslinie der Kollegen sieht so aus: Wenn die LTG-Bank ihre Kunden darüber informiert hätte, dass ihr 2002 Kundendaten gestohlen worden waren, hätten die Anleger die deutsche Steueramnestie des Jahres 2004 in Anspruch nehmen können. Dabei hätten sie weniger Geld bezahlt als jetzt im Zuge der Verfahren wegen Steuerhinterziehung. Die Differenz soll die Bank begleichen.
    Koch: Der deutsche Springreiter und verurteilte Steuervermeider Paul Schockemöhle ist mit einer ähnlichen Argumentation 2005 nicht durchgekommen – das oberste Liechtensteiner Gerichtshof wies seine Klage ab. Warum wird jetzt ein neuer Versuch gestartet?
    Frommelt: Weil es eine neue Sachlage gibt. Im Jahr 2004 hat die deutsche Bundesregierung eine Amnestie für Steuerflucht erlassen. Auf die konnte Schockemöhle sich nicht berufen. Sein Fall hatte sich vorher zugetragen.
    Koch: Das Amnestie-Argument macht den Eindruck einer Hilfskonstruktion. Beschweren sich die potenziellen Kläger nicht eigentlich darüber, dass die LTG-Bank sie nicht ausreichend bei der Steuerhinterziehung unterstützt hat?
    Frommelt: Sie fragen polemisch. Ich will mich lieber an die juristischen Argumente halten. Die deutschen Kunden werfen der Bank vor, sie habe ihrer Sorgfaltspflicht nicht Genüge getan.
    Koch: Halten Sie es für legitim, wenn ein verurteilter Täter seine finanzielle Strafe per Schadensersatz refinanziert?
    Frommelt: Da verweise ich auf das Urteil des Gerichtshofs von 2005. Das Gericht hat festgestellt, dass Schockemöhle kein ersatzfähiger Schaden entstanden sei. Es sei, salopp gesprochen, grundsätzlich nicht möglich, sich die legale Steuerschuld gegenüber dem einen Staat in Form von Schadenersatz zurückzuholen.
    Koch: Wie beurteilen Sie die Erfolgsaussichten des aktuellen Klageversuchs?
    Frommelt: Sie kennen die alte Weisheit: Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand.
    Koch: Was raten Sie den potenziellen Klägern?
    Frommelt: Eine eingehende Prüfung. Das Risiko der Klageabweisung bleibt aber in jedem Fall.
    Koch: Hat die Affäre der Steuerhinterziehungen dazu geführt, dass Liechtenstein jetzt mehr Informationen über Konten an ausländische Behörden übermittelt?
    Frommelt: Liechtenstein ist mittlerweile dem Schengener Abkommen beigetreten, das grenzüberschreitende Rechtshilfe bei Steuerbetrug vorsieht. Auch das jetzt ausverhandelte EU-Betrugsabkommen geht in die gleiche Richtung.
    Interview: Hannes Koch

    Info-Kasten
    Als die Bochumer Staatsanwaltschaft Mitte Februar 2008 das Privathaus des damaligen Post-Vorstands Klaus Zumwinkel durchsuchte, war dies der Beginn einer beispiellosen Ermittlungswelle gegen mutmaßliche Steuerhinterzieher. Ausgelöst wurde sie, weil der Bundesnachrichtendienst gestohlene Kundendaten der Liechtensteiner LTG-Bank aufgekauft hatte. Mehrere Hundert gutbetuchter Bundesbürger stehen im Verdacht, Millionen Euro an den hiesigen Finanzämtern vorbei auf Liechtensteiner Bankkonten bugsiert zu haben. Bisher haben die Verfahren und die Ermittlungsarbeit dem Staat rund 110 Millionen Euro hinterzogener Steuern eingebracht. In einem ersten Urteil verhängte das Landgericht Bochum unlängst eine zweijährige Bewährungsstrafe und eine Strafzahlung von 7,5 Millionen Euro gegen einen Immobilienkaufmann aus Bad Homburg. Außerdem musste er knapp acht Millionen Euro Steuern nachzahlen.

  • Weniger Gebühren bei Konto und Kredit

    Sparserie Teil 2:
    Über 200 Euro im Jahr kann der Bankwechsel sparen / Viele Versicherungen bieten vergleichsweise preiswerte Policendarlehen an / Rentner mit Eigenheim sind plötzlich auch kreditwürdig

    Ein Bankkonto muss jeder haben. Alle drei Monate wird abgerechnet, denn kostenfrei ist der Geldverkehr oft nicht. Doch aufgepasst: Es gibt zwischen den einzelnen Banken erhebliche Preisunterschiede. „Möglich ist eine Ersparnis von über 200 Euro im Jahr“, ergab ein Vergleich der Stiftung Warentest im vergangenen Jahr. Inzwischen bieten etliche Banken kostenlose Girokonten an. Der Teufel steckt aber oft im Detail, zum Beispiel in den Gebühren für Kreditkarten, Abhebungen oder Kontoauszüge. Auch bei den Dispozinsen gibt es erhebliche Unterschiede. Nach Angaben des Internetportals www.vergleich.de fahren Kunden, die ihre Bankgeschäfte lieber in der Filiale als im Internet tätigt, bei der Citibank, der Go Money Bank und der Postbank am besten – sofern das Konto überwiegend im Plus ist. Rund 140 Euro Gebühren trennen hier die billigste von der teuersten Bank. Die Kosten hängen auch vom persönlichen Profil ab. Ist ein Konto permanent überzogen, lohnt sich der Vergleich der Dispozinsen. Die Spanne reicht hier von knapp neun Prozent bis zu fast 15 Prozent. Bei einem Dauerminus von 1000 Euro macht dieser Unterschied allein schon 60 Euro im Jahr aus.

    Nichts ist teurer als Schulden. Trotzdem sind viele Haushalte mehr oder weniger häufig in den Miesen, sei es zur Finanzierung dringender Anschaffungen oder wegen anderer vorübergehender Engpässe. Am teuersten ist meist der Dispokredit, für den oft zweistellige Zinssätze abgesetzt werden. Wird das Geld länger benötigt, bietet sich ein Ratenkredit an. Doch Vorsicht: Oft bestehen Banken auf den Abschluss teurer und überflüssiger Restschuldversicherungen. Auch hier lohnt ein Kostenvergleich, etwa mit einem Blick in die aktuelle Ausgabe der Zeitschrift Finanztest. Es gibt aber noch einen günstigeren Weg, sich Geld zu borgen.

    Mit Banken hat Heike Niemeier schlechte Erfahrungen gemacht. Die selbständige Berlinerin wollte mit Hilfe eines gar nicht großen Kredits ihr Geschäft ausbauen. Doch ein Darlehen bekam die Organisatorin von Veranstaltungen aller Art nicht. Hilfe kam von unerwarteter Seite. Ein Policendarlehen der Allianz auf ihre Rentenversicherung landete innerhalb von wenigen Tagen auf dem Konto. „Es war absolut unkompliziert und es gab die besten Konditionen“, sagt die Geschäftsfrau.

    Policendarlehen sind weithin unbekannt. Dabei kommt diese günstige Art des Kredits auch für viele private Haushalte in Frage. Fast 100 Millionen Lebensversicherungsverträge haben die Bundesbürger abgeschlossen. In den meisten Haushalten wird so für das Alter vorgesorgt. Mit einem Policendarlehen beleihen viele Versicherungsunternehmen einfach das bereits angesparte Kapital. Es gibt vorgeschriebene Laufzeit, in der das Geld zurück bezahlt werden muss. Je nach Kassenlage kann die entnommene Summe wieder eingezahlt werden. Gebühren werden in der Regel nicht erhoben, Restschuldversicherungen sind überflüssig, denn als Sicherheit dient das bereits eingezahlte Kapital. Die Abwicklung ist normalerweise ebenfalls denkbar einfach. Ein Anruf bei der Versicherung genügt, schon wird dem Kunden ein Vertrag zugeschickt. Das Darlehen ist oft viel günstiger als bei der Bank. 5,8 Prozent effektiven Jahreszins berechnet die Allianz derzeit, Cosmos Direkt verlangt 5,93 Prozent. Im Vergleich zum Dispozins von über zehn Prozent lässt sich hier schon bei mittleren Beträgen viel Geld sparen. Und auch Ratenkredite können da meist nicht mithalten. „Der Kunde sollte dafür Sorge tragen, dass er das Geld zurückzahlt“, rät Allianz-Sprecher Udo Rössler. Denn sonst wird der fehlende Betrag am Ende der Versicherungslaufzeit vom Kapitalstock oder der Rente abgezogen. Disziplin ist also nötig, um an einen billigen Kredit zu gelangen.

  • Der lange Weg der Inflation

    Sparserie Teil 1:
    Preissteigerungen setzen sich von einer Branche zur anderen fort. Sie machen den Verbrauchern zu schaffen. Aber manches wurde im vergangenen Jahr auch billiger: Telefonieren und Reisen zum Beispiel.

    Brigitte Meisel kann erklären, wie Preissteigerungen zustandekommen. Bis zu 20 Prozent mehr Geld gibt sie pro Monat für den Diesel-Treibstoff ihrer sieben Autotransporter aus, rechnet die Geschäftsfrau aus Brandenburg vor. Ihre Firma Meisel Autologistik verfrachtet neue und gebrauchte Pkw zu den Autohändlern.

    Die eine Hälfte der höheren Dieselkosten „verknust“ die Firma selbst, wie Meisel sagt. Sie spart Leerfahrten ein, kürzt die Ausgaben für Werbung und Sponsoring. Die andere Hälfte reicht sie an ihre Auftraggeber weiter, die einen Dieselzuschlag bezahlen. So setzt sich die Preissteigerung in der Kette der Wirtschaft fort.

    „Die Spediteure müssen die Kosten weitergeben. Sonst ist ihre Existenz gefährdet“, begründet Adolf Zobel, Geschäftsführer des Bundesverbandes Güterkraftverkehr Logistik und Entsorgung. Um etwa 8.000 Euro seien die Kosten pro Lastzug im vergangenen Jahr gestiegen. Die höheren Dieselkosten der Transporteure verteuern am Ende nicht nur die Pkw, die Brigitte Meisel liefert, sondern auch Milch, Tomaten und T-Shirts – denn im Endpreis fast aller Güter sind Transportkosten enthalten.

    Die Inflation ist wieder ein Thema. Nachdem jahrzehntelang relative Preisstabilität herrschte, stiegen die Verbraucherpreise in Deutschland im Juni im Vergleich zum Vorjahresmonat um 3,3 Prozent, im europäischen Durchschnitt um vier Prozent. Ökonomen nennen vor allem zwei Ursachen: Die große Nachfrage in boomenden Schwellenländern wie Indien und China hat die Preise für Rohstoffe, Erdöl und Lebensmittel in die Höhe getrieben. Hinzu kommen zunehmende Finanzmarktspekulationen und die Energiepolitik: Deutschland beispielsweise will Erdöl durch Pflanzentreibstoff ersetzen, was die Preiseentwicklung auf dem Agrarmarkt zusätzlich anheizt.

    So verzeichnet das Statistische Bundesamt für Nahrungsmittel zwischen Mai 2007 und Mai 2008 ein Preisplus von 7,5 Prozent. Heizöl wurde um 57 Prozent teurer, Kraftstoffe um 12 Prozent, Strom um 7 Prozent. Für den gesamten Bereich der Verkehrsdienstleistungen vermelden die Statistiken einen Anstieg von 4,8 Prozent.

    Bislang ist die Inflation „importiert“, wie Ökonom Gustav Adolf Horn vom Institut für Makroökonomie sagt. Die Ursache der Preissteigerung liegt im Ausland. Die große Frage allerdings lautet: Werden die Gewerkschaften im Auftrag ihrer Mitglieder, die als Verbraucher im Supermarkt höhere Preise bezahlen, auch steigende Löhne durchsetzen? Die Lohn-Preis-Spirale würde die Inflation erst richtig in Gang setzen. Bislang deutet freilich wenig darauf hin: Wirtschaftsforscher rechnen nur mit einer Steigerung der gezahlten Bruttolöhne um drei Prozent in diesem Jahr. Ergebnis: Im Durchschnitt haben die Beschäftigten vom Lohnplus keinen Vorteil.

    Andererseits erleiden die Verbraucher nicht nur Nachteile. Denn die Inflation betrifft bei weitem nicht alle Waren. So stiegen die Kosten für Gesundheit im vergangenen Jahr nur um 1,6 Prozent, bei Wohnungseinrichtungen waren es 1,4 Prozent. Telekommunikation und Pauschal-Reisen wurden sogar billiger. Mancher Branche gelingt es nicht, die höheren Kosten an ihre Kunden weiterzugeben. Ein Beispiel dafür ist das Gaststättengewerbe. Obwohl die Nahrungsmittel zwischen um 7,5 Prozent teurer wurden, erhöhten Hotels, Kneipen und Restaurants ihre Endpreise nur um zwei Prozent. Die Konkurrenz ist groß, und gleichzeitig beschweren sich die Kunden über stagnierende Löhne. Da trauen sich nur wenige Gastwirte, den Bierpreis anzuheben.

  • Gewusst wie!

    Einleitung zur Serie: Kann man sparen und trotzdem genussvoll über die Runden kommen?

    Jahrelang war die Teuerungsrate erträglich. Nur die Euro-Einführung ließ die gefühlte Inflationsrate kräftig steigen. Mit der Ruhe an der Preisfront ist es vorbei. Für dasselbe Geld gibt es immer weniger. Besonders betroffen von Preissteigerungen immer die Ärmsten. Aber auch die Mittelschichten kommen mit dem Einkommen immer weniger aus. Umdenken ist angesagt. Denn viele Produkte werden voraussichtlich teuer bleiben, weil die Nachfrage zum Beispiel nach Lebensmitteln oder Energie weltweit steigt.

    Kann man sparen und trotzdem genussvoll über die Runden kommen? Mit dieser Frage beschäftigt sich in den nächsten Wochen diese Serie, die viele Möglichkeiten aufzeigt, mit dem knappen Budget besser umzugehen und trotzdem gut zu leben. Manchmal kann sparen sogar Spaß machen, wenn man beispielsweise Sachen mit anderen teilt und dadurch neue Kontakte knüpft. Viele Kosten entstehen auch, weil Verbraucher auf die großen und kleinen Tricks der Marketingstrategen hereinfallen. Wenn schon gegen die Teuerung kein Kraut gewachsen ist, so zeigt es sich, lässt sich doch intelligent damit umgehen.

  • Härtere Zeiten

    Kommentar von Wolfgang Mulke

    Die Autokäufer reagieren allmählich auf die hohen Ölpreise. Statt auf ein flottes Design achten die Kunden beim Händler nun auf einen geringen Verbrauch. Bereitwillig wechseln viele Käufer sogar die Fahrzeugklasse und nehmen ein kleineres Modell, das sparsamer ist. Was Appelle an die Vernunft der Bürger und die Produktpolitik der Industrie nicht bewirken konnten, schafft der Preis für das Benzin spielend. Die Deutschen fahren sparsamer, was dem Klima hilft.

    Auf die Industrie kommen härtere Zeiten zu. Der Inlandsabsatz stagniert und verliert durch den Trend zu kleineren Fahrzeugen an Wert. Zudem ist der lukrative Markt für Dienstwagen, insbesondere große und leistungsstarke Limousinen, bedroht, wenn die Bundesregierung diese Käufe stärker besteuert. Mercedes, BMW und die anderen verdienen vor allem in diesem Segment das meiste Geld. International steht die deutsche Industrie noch prächtig da. Anhaltend hohe Spritpreise dürften die Nachfrage nach Luxuswagen irgendwann dennoch dämpfen.

    Als Antwort rüsten die Firmen bei der Energieeffizienz der Fahrzeugflotten nach. Spät, aber gewaltig wollen die deutschen Hersteller hier Vorbild werden. Vielleicht wird aus dem Sitzenbleiber noch ein Streber. Noch ist es nicht zu spät dafür.