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  • Unten Fisch, oben Tomaten

    Bald könnte auf Supermarktdächern frisches Gemüse für den Verkauf wachsen

    Interessiert lässt sich Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner auf dem ehemaligen Berliner Flugfeld Tempelhof den Zusammenhang zwischen Gemüsebeeten und sozialen Kontakten erklären. 300 Hochbeete von 700 Kleingärtnern haben einen Teil des alten Airports erobert. Nach dem Vorbild Havannas und New Yorks bauen nun auch die Berliner zunehmend Tomaten, Gurken oder Erdbeeren auf Freiflächen, Dachgärten oder Mietparzellen mitten in der Großstadt an. Mit einigen zehntausend Schrebergärten hat dieser Beitrag zur Selbstverpflegung in der Hauptstadt auch eine lange Tradition.

    „Für uns steht nicht die Produktion im Mittelpunkt“, erklärt Kerstin Stelmacher von der Initiative Allmende Kontor, der Tempelhofer Gemeinschaftsgarten böte eine soziale Plattform für das Miteinander der Nachbarn. „Gemeinschaftlich nutzen – statt besitzen“, lautet ein Motto der Pioniere, die sich für einen Euro im Jahr einen Quadratmeter Flughafen sichern können. Die CSU-Politikerin kann mit den postsozialistischen Idealen gut umgehen. „Immer mehr Menschen entdecken mitten in der Stadt die Lust am Landleben und bekommen dadurch einen neuen Bezug zur Produktion von Lebensmitteln“, lobt die Ministerin das Projekt.

    Die Fachbegriffe für diese Bewegung stammen aus dem Englischen. Mit „Urban Gardening“ sollen städtische Problemzonen durch gemeinsames Gärtnern befriedet werden. Beim „Urban Farming“, geht es um einen echten Beitrag zur Produktion von Nahrungsmitteln. Davon erhoffen sich die Gründer des Unternehmens „Efficient City Farming“ (ECF) eine lukratives Geschäftsfeld. Die Firma hat sich in einer alten Brauerei, nicht weit vom Tempelhofer Pionierfeld niedergelassen. „Urbane Landwirtschaft macht Sinn“, wirbt Mitgründer Nicolas Leschke bei Aigner für eine kuriose Idee. ECF kombiniert die Fischzucht mit der Produktion von Tomaten oder Zuccini.

    Das Prinzip ist einfach, wie ein Blick auf die in einem Schiffscontainer untergebrachte Pilotanlage zeigt. Im Behälter werden Buntbarsche im Bassin aufgezogen. Deren Exkremente wieder dienen als Dünger für das Gemüse, dass auf dem Dach in einem Gewächshaus wächst. Die Produktion von Fisch und Pflanzen ist klimaneutral und kann unmittelbar beim Abnehmer angesiedelt werden. „Fisch und Pflanzen leben in einem Kompromiss“, erläutert Sven Würtz vom Leibniz-Institut für Gewässerökologie und Binnenfischerei, das die Entwicklung wissenschaftlich begleitet.

    So soll die professionelle Landwirtschaft in die Stadt ziehen. 35.000 Euro kostet ein Container, der 200 Barsche und 100 Gemüsepflanzen fasst. Die Ziele von ECF sind freilich weitaus höher gesteckt. Auf dem Dach der Brauerei und in den darunter liegenden Hallen entsteht bald eine erste Dachfarm, die 80 Tonnen Fisch und rechnerisch 500 Tonnen Tomaten im Jahr liefern kann. Damit wollen die Gründer die Praxistauglichkeit ihres Konzeptes beweisen.

    Mit den Probeanlagen will ECF dann vor allem Supermarktketten als Kunden gewinnen. Deren großen Parkplätze könnten überdacht als Gemüsebeete fungieren. Dann kämen Frischfisch und Grünzeug direkt vom Erzeuger in den Laden. Lange Transportketten und die aufwändige Kühlung entfallen. Das Interesse der Handelskonzerne sei vorhanden, berichtet Leschke.

    Aigners Urteil ist noch vorsichtig. „Das muss sich erst einmal in der Praxis bewähren“, sagt die Ministerin, „es wird eine Ergänzung zur Lebensmittelproduktion in Deutschland sein.“ Auch die Gründer wissen, dass der Hunger in der Welt durch städtische Farmen nicht besiegt werden kann. Gleichwohl sehen die Absatzchancen in großen Ballungsgebieten wie dem chinesischen Shanghai, wo die Versorgung der vielen Millionen Einwohner mit Nahrungsmitteln problematisch ist. Einstweilen suchen die Pioniere noch Geldgeber für den Aufbau der ersten großflächigen Stadtfarmen. Drei Millionen Euro braucht ECF dafür.

  • Regionaler Sozialausgleich bleibt notwendig

    Kommentar zur Klage gegen den Länderfinanzausgleich

    Bayerns Klage gegen den Länderfinanzausgleich macht Eindruck. Am Dienstag beschloss Horst Seehofers CSU-FDP-Landesregierung vor das Bundesverfassungsgericht zu ziehen, um die gesetzlichen Ausgleichszahlungen des reichen Bayern an arme Bundesländer wie Berlin zu kappen. Möglicherweise erreicht München damit in einigen Jahren eine gewisse Reduzierung seiner Überweisung – das grundsätzliche System des Sozialtransfers zwischen den Regionen in Deutschland wird dennoch bestehen bleiben.

    Einerseits ist Bayerns Klage verständlich. Baden-Württemberg und Hessen teilen das Anliegen. Der Grund: Nur noch diese drei Länder – von einem winzigen Hamburger Beitrag abgesehen – zahlten 2011 rund 7,3 Milliarden Euro zugunsten der armen Verwandten im Norden und Osten. Bayern allein überwies mit 3,7 Milliarden die Hälfte und finanzierte damit vor allem Berlin, das drei Milliarden vereinnahmte.

    Die Schieflage zwischen so wenigen Gebern und vielen Nehmern kann man durchaus als regional ungerecht empfinden. Und das gegenwärtige System ist teilweise paradox. Basiert die Berechnung doch wesentlich auf den unterschiedlichen Steuereinnahmen der jeweiligen Länder. Hingegen spielt kaum eine Rolle, wofür die Nehmer das Geld ausgeben. Wer die muntere und milliardenteuere Repräsentationsbauerei in Berlin beobachtet, kann schon verstehen, dass man im Süden gewisse Zweifel hegt.

    So gibt es viele Details, die sich ändern lassen. Andererseits aber schreibt das Grundgesetz vor, die Finanzkraft der Länder teilweise auszugleichen. Die Polarisierung zwischen arm und reich soll nicht zu groß werden. Deshalb wird auch nach einer möglicherweise erfolgreichen Klage eine renovierte Form des Länderfinanzausgleichs fortbestehen. Das gilt selbst für die Zeit nach 2019, wenn die augenblickliche Regelung ohnehin ausläuft.

    Erreichen kann Bayern jetzt zwei Dinge. Die Karlsruher Richter könnten die Überweisung aus dem Süden in den Norden um ein paar hundert Millionen Euro pro Jahr reduzieren – frühestens ab 2015 oder 2016. Eine solche Entscheidung mag außerdem den Anlass bieten, den Länderfinanzausgleich schneller als bislang beabsichtigt zu novellieren. Unter dem Druck der abermaligen Klage ziehen Bund und Länder die Neukonstruktion eventuell vor.

  • Berlin will sein Wasser zurück

    Senat beschließt Rückkauf der privaten Anteile an den Wasserbetrieben

    Der Berliner Senat will das Wasser im Boden der Hauptstadt wieder in staatliche Hände nehmen. Die Landesregierung beschloss deshalb am Dienstag den Rückkauf der Anteile des Energiekonzerns RWE an den Wasserbetrieben.

    Warum will die Hauptstadt wieder Herr über ihr Wasser werden?

    Seit Jahren sind die Bürger der Hauptstadt sauer über die hohen Wasserpreise. Seit die Wasserbetriebe 1999 zum Teil an die beiden privaten Unternehmen Veolia und RWE veräußert wurden, stiegen die Kosten für frisches Wasser und die Entsorgung des Abwassers um 35 Prozent an. Denn in den Kaufverträgen hatte die damalige Regierung den Käufern eine großzügige Zusage gemacht. Den Unternehmen wurde die Höhe des Gewinns garantiert. Da die Erlöse dafür nicht reichten, wurden die Preise immer wieder angehoben.

    Sinken die Wasserpreise nun wieder?

    Die Berliner müssen bald wieder weniger für das Wasser ausgeben. Das liegt aber nicht am Rückkauf der RWE-Anteile. Vielmehr hat das Bundeskartellamt das Unternehmen zu einer Preissenkung um 17 Prozent verdonnert, weil die Kosten für Unternehmen und Haushalte der Hauptstadt unverhältnismäßig hoch angesetzt sind. Die Wasserbetriebe klagen zwar gegen den Entschluss der Wettbewerbshüter. Doch wenn die Richter der Behörde folgen, muss der Preis rückwirkend stark gesenkt werden.

    Musste so ein wichtiges Unternehmen der Daseinsvorsorge überhaupt verkauft werden?

    Berlin ist schon lange arm. In den neunziger Jahren wurden die Haushaltslöcher deshalb auch durch den Verkauf von Landeseigentum gestopft. Rund 1,7 Milliarden Euro kamen für die Wasserbetriebe in die leere Stadtkasse. Auch die Gas- und Stromversorger wechselten für viel Geld den Eigentümer. Die Rückabwicklung wird wieder teuer. Fast 620 Millionen Euro bezahlt das Land an RWE. Damit hält Berlin 75 Prozent der Anteile an den Wasserbetrieben. Mit Veolia ist sich der Senat über einen Rückkauf noch nicht einig geworden. Finanziert werden soll das Geschäft aus künftigen Gewinnen aus dem Wassergeschäft, zunächst also auf Pump. Für die Konzerne hat sich das Engagement in Berlin auf jeden Fall gelohnt. Seit der Teilfinanzierung haben sie weit mehr als eine Milliarde Euro Gewinn aus dem Unternehmen gezogen. Auch auf einen Schadenersatz in dreistelliger Millionenhöhe können die Konzerne noch hoffen.

    Kann Berlin ein Beispiel für andere Kommunen werden?

    Es gibt auch andere Beispiele für eine misslungen Privatisierung von öffentlichen Wasserbetrieben. Die schlechtesten Erfahrungen mussten die Londoner machen. Dort war das Wasser danach, wenn es überhaupt aus dem Hahn lief, oft von schlechter Qualität und teuer, bis der Gesetzgeber das Unternehmen zu Investitionen zwang. In Deutschland wollen Kommunen vor allem ihre Energieversorgung gerne wieder in die eigenen Hände nehmen. Aber auch die Wasserwerke haben die Bürger gerne in öffentlichen Händen. Berlin ist kein Pionier auf diesem Gebiet. Auch die Nachbarstadt Potsdam hat die Anteile am Wasserunternehmen wieder zurückgekauft. Aber der Druck auf die Stadtverwaltung war in der Hauptstadt besonders hoch. 660000 Bürger haben in einem Volksentscheid für den Rückkauf gestimmt.

  • Gut vorbereitet ins Gespräch

    Bei der Bausparberatung sollte man sich nicht alleine vom Gefühl leiten lassen. Offensiv fragen lautet die Devise.

    Wer Bausparen möchte, bekommt häufig nicht das Angebot, das er eigentlich bräuchte. Nur vier von 22 Bausparkassen haben im „Praxistest Bausparen“ der Stiftung Warentest „gut“ abgeschnitten. „Die Zahl der Fehlberatungen ist erschreckend“, sagt Stephan Kühnlenz, Finanzexperte der Stiftung. Bausparer sollten sich auf das Gespräch mit dem Berater gut vorbereiten.

    Im Praxistest fühlten sich die Probanden, die die Warentester in die Institute schickte, sehr gut beraten. Bausparangebote für eine geplante Modernisierung sollten sie erfragen. Von ,freundlich’ über ,engagiert’ bis ,machte einen kompetenten Eindruck’ reichten die Aussagen der Tester. Trotzdem bekamen sie häufig nicht das passende Angebot. Der Schein trügt also. „Lassen Sie sich nicht alleine von einer freundlichen Atmosphäre und Ihrem Gefühl beeindrucken“, rät Finanzexperte Kühnlenz.

    Bevor man sich ins Beratungsgespräch begibt, gilt es zu klären, was man wann renovieren möchte, und wie viel Geld das Ganze kostet. „Versuchen Sie den Zeitraum der Modernisierung möglichst genau einzugrenzen und kalkulieren Sie die Sparrate realistisch ein“, so Kühnlenz. Angehende Bausparer sollten sich zudem fragen, ob sie noch anderes Vermögen für die Baumaßnahmen verwenden können.

    Defensives Verhalten im Gespräch bringt nichts. Wichtig ist es, auf Details selbst einzugehen. „Machen Sie klare Vorgaben für die Summe, den Zeitpunkt und die monatlichen Raten“, empfiehlt Kühnlenz. „Lassen Sie sich ein Angebot mit einem Spar- und Tilgungsplan erstellen.“

    Nicht nur eine gute Vorbereitung zählt. Das Gespräch mit dem Berater sollte auch gut nachbereitet werden. Dazu gehören mindestens zwei Vergleichsangebote von anderen Bausparkassen. Die Stiftung Warentest stellt im Internet unter www.test.de/bausparrechner einen Bausparrechner zum Vergleichen bereit. Zudem kann eine Verbraucherzentrale die Angebote prüfen.     

  • Bausparen mit Hindernissen

    Stiftung Warentest: Nur vier von 22 Bausparkassen machen ein „gutes“ Angebot/ Note „Mangelhaft“ unter anderem für Deutsche Bank und Huk-Coburg/ Institute wollen vielleicht nachbessern

    Eigentlich ist Bausparen eine gute Idee. Doch in der Praxis zeigt sich: Gute Beratung ist häufig Fehlanzeige. Das ist das Ergebnis des „Praxistest Bausparen“ der Stiftung Warentest. Nur vier von 22 Instituten beraten „gut“ – die Landesbausparkassen Bremen, Nord und Baden-Württemberg, sowie Wüstenrot.

    Für ihre Untersuchung schickten die Warentester Probanden in jeweils sieben Filialen der 22 Bausparkassen. Sie sollten sich Angebote für einen einfachen Modernisierungsfall vorrechnen lassen. Der Testfall: Eine Immobilie sollte in vier Jahren für 50.000 Euro renoviert werden. Die monatliche Rate, mit der die Sparer Kapital ansparten, durfte 400 Euro nicht übersteigen.

    Beim Bausparen zahlen Bausparer am Anfang regelmäßig in einen Sparplan ein. Ist ein Mindestguthaben erreicht, erhalten sie ein Bauspardarlehen, das sie anschließend tilgen. Der Zinssatz für die Tilgung wird schon bei Vertragsabschluss festgelegt. Derzeit liegt er meist bei günstigen 2,75 bis 3,75 Prozent.

    In den insgesamt 154 Beratungsgesprächen wurden die Probanden häufig schlecht beraten. Fast jedes vierte Angebot war „mangelhaft“. „Gute Beratung wird so zum Glücksfall“, urteilt Hermann-Joseph Tenhagen, Finanzexperte der Stiftung. Oftmals hätten Berater die Raten, zu hoch gewählt. In nicht wenigen Fällen sei die festgelegte Bausparsumme um bis zu 10.000 Euro zu hoch angesetzt gewesen.

    Einige Institute ließen den Kunden zudem viel zu lange sparen, bei der LBS Bayern bis zu zehn Jahre. Oft fehlte bei der Beratung auch ein Tilgungsplan. Jede fünfte Finanzierung hätte die Kunden deutlich zu viel Geld gekostet. Vier Angebote der Deutschen Bank waren so schlecht, dass eine Bankfinanzierung mit einem Zinsanstieg über zehn Prozent noch günstiger gewesen wäre. So kam das private Institut nicht über das Gesamturteil „Mangelhaft“ hinweg – wie auch die Huk-Coburg, sowie die LBS Ost und die LBS Rheinland Pfalz. 

    Für die Gesamtnote kam es den Warentestern vor allem darauf an, dass die Qualität des Angebots stimmte. Die Höhe der Sparrate musste genauso wie die Tilgungsraten zum Kundenwunsch passen. Außerdem sollte das Darlehen möglicht zum geforderten Zeitpunkt zuteilungsreif sein. Für jede der sieben Beratungen pro Bausparkasse, die mangelhaft war, gab es kräftig Punktabzüge in der Gesamtnote.

    Der Verband der Privaten Bausparkassen, in dem auch die Deutsche Bank und die Huk-Coburg Mitglied sind, will mögliche Mängel bei der Beratung nun schnell beseitigen. „Die Bausparkassen werden die Hinweise genau analysieren“, heißt es. Nicht nachvollziehen könne man allerdings die harte Bewertung der Zufallsstichproben.

    Diese Kritik lässt die Stiftung Warentest nicht gelten. „Jede Beratung muss stimmen“, urteilt Finanzexperte Tenhagen. Von den Instituten fordern die Verbraucherschützer nun bessere Schulungen der Berater und eine Optimierung der Bausparprodukte. Am besten sollten auch die Produktinformationen standardisiert werden, damit ein Vergleich möglich sei.

  • Mehr Hartz für Elektrizität

    Kommentar zu Strom-Sozialtarifen von Hannes Koch

    Arme Bürger, die sich Strom nicht in ausreichender Menge leisten können, sollten Unterstützung vom Staat erhalten. Diese schlichte Wahrheit droht in der momentanen Sozialdebatte über die Energiewende unterzugehen. Sozialtarife, die die Stromversorger gewähren, wären dagegen der falsche Weg.

    Gegen diesen hat sich auch CDU-Umweltminister Peter Altmaier ausgesprochen. Damit liegt er richtig. Denn warum sollten Unternehmen ihren Kunden unterschiedliche Preise anbieten, die von deren sozialer Lage abhängen? Die gibt es auch nicht bei Brot, Möbeln, Benzin oder Blumen. Gestaffelte Preise wären systemwidrig und kompliziert. Schließlich würden die Energieversorger dazu neigen sich die Kosten vom Staat zurückerstatten zu lassen.

    Für ein derartiges paralleles Sozialsystem der Wirtschaft existiert keine Rechtfertigung. Der soziale Ausgleich ist die Aufgabe des Staates und der öffentlichen Sozialsysteme. So erhalten bedürftige Haushalte einen Zuschuss zu ihren Energiekosten im Rahmen von Hartz IV und der Sozialhilfe. Wenn die Stromkosten steigen, muss man also auch das Existenzminimums anheben, mit dem die Gemeinschaft ihren armen Mitbürgern ein bescheidenes Auskommen sichert.

    Dieser Schlussfolgerung allerdings weicht Altmaier aus – vermutlich, weil sie die Regierung Geld kosten würde. Der Umweltminister propagiert vor allem die Idee, man solle armen Leuten eine gute Energieberatung angedeihen lassen. Die kann sicher helfen. Haushalte, die auf den Wäschetrockner, die Tiefkühltruhe und andere Stromfresser verzichten oder sie durch effizientere Geräte ersetzen, sparen ohne großen Aufwand ein Viertel ihrer Elektrizitätsausgaben.

    Die persönliche Sparsamkeit freilich stößt an Grenzen. Strom benötigen auch Kühlschrank, Internet und Fernsehen. Diese aber gehören zur Grundausstattung, die nicht gekürzt werden darf. Dann bleibt nur eine Variante: höhere Sozialtransfers des Staates.

  • Intelligenz mit Tücken

    Millionen Haushalte werden demnächst mit innovativen Stromzählern ausgestattet/ Die Technik könnte beim Energiesparen helfen

    Wie viel Strom der Haushalt im Monat tatsächlich verschlingt, weiß wohl kaum jemand genau. Die Monatsabschläge, die an die Energielieferanten gehen, basieren auf Hochrechnungen des Jahresverbrauchs. Das soll sich ändern. Millionen Haushalte bekommen in naher Zukunft ein intelligentes Strommesssystem – einen so genannten Smart Meter. Die Technik birgt Chancen und Gefahren.

    Laut jüngster Novelle des Energiewirtschaftsgesetzes müssen Neubauten und Gebäude, die vor einer größeren Renovierung betroffen sind, mit einem kommunikationsfähigen Smart Meter ausgestattet sein, der mit dem Energieversorger verbunden ist. Auch Haushalte, die mehr als 6000 Kilowattstunden im Jahr verbrauchen oder selbst Strom erzeugen – zum Beispiel mit Solaranlagen – sind von der Regelung betroffen.

    „Die Messgeräte zeichnen auf, wie viel Energie ein Haushalt gerade verbraucht und können die Daten an den Kunden weiter geben“, erläutert Hans-Joachim Reck, Hauptgeschäftsführer des Verbands kommunaler Unternehmen (VKU). Monatlich oder gar täglich können Verbraucher dann erfahren, wie viel Strom sie verbrauchen – zum Beispiel über eine Online-Abfrage. „Die Transparenz kann durchaus zum Energie sparen ermuntern“, so Reck.

    Auch auf den individuellen Strompreis könnte sich die neue Technik auswirken. Energielieferanten können genauer berechnen, wie viel Strom tatsächlich gebraucht wird und durch passende Tarife für den Kunden individuelle Angebote machen, zum Beispiel einen Preis speziell für Berufstätige oder für Großfamilien.

    Der Haken: Zwar gibt es Smart Meter schon auf dem Markt zu kaufen. Doch in der Vergangenheit sind immer wieder Sicherheitsbedenken laut geworden. In den USA, so das Bundesamt für Sicherheit Informationstechnik (BSI), habe es schon Hackerangriffe auf Smart Metering Systeme gegeben. Deshalb tüftelt das BSI derzeit noch an einer Richtlinie, die vorgibt, was die Zähler alles können müssen.

    Die Technik soll so sicher wie möglich sein. „Die neuen Geräte dürfen nicht zum gläsernen Verbraucher führen“, warnt die Sprecherin des Bundesdatenschutzbeauftragten Juliane Heinrich. Auch müssten die Daten vor dem Zugriff Dritter geschützt sein. Einbrecher hätten beispielsweise ein leichtes Spiel, wenn sie wüssten, dass ein Haushalt gerade keine Energie verbraucht, weil die Bewohner nicht zuhause sind.

    Voraussichtlich im September 2012 gibt das BSI die Richtlinie bekannt. Dann wird die Produktion der Geräte starten. „Große Energieversorger werden schnell mit der Umrüstung beginnen“, erläutert Tim Karnhof, Smart Metering-Leiter des Stadtwerke-Netzwerks Trianel. Bei kleineren Unternehmen könnte sich der Umstieg verzögern. Mehreren hundert Stromversorgern fehle das technische und personelle Fundament, um den Zählertausch zu bewerkstelligen.

    Nach Trianel-Berechnungen werden rund fünf Millionen Stromzähler ausgetauscht werden müssen – vier Millionen allein in Privathaushalten. Auf bis zu 250 Euro pro Messsystem könnte sich die Umrüstung belaufen. Noch ist vollkommen offen, wer die Kosten zu tragen hat.

    Schon eingebaute Smart Meter, die den Anforderungen des BSI nicht genügen, dürfen im Übrigen bis zum nächsten Ablauf der bestehenden Eichgültigkeit weiter genutzt werden. Bei elektronischen Elektrizitätszählern – so lautet die korrekte Bezeichnung für moderne Stromzähler – gilt eine Frist von acht Jahren.  

  • Grundverkehrtes Schweigen

    Debatte: Muss Merkel mehr erklären?

    Entgegen aller Kritik von außen scharen sich die Bürger noch hinter der Kanzlerin Angela Merkel. Das zeigen jüngste Umfragen. Das offenkundig große Vertrauen in die Arbeit der Regierungschefin kann schnell verloren gehen, wenn sie nicht endlich erklärt, wohin sie Deutschland und Europa steuern will.

    Das Klima hat sich schon geändert, wie die wachsende Zahl von Euro-Kritikern zeigt. Zustimmung gibt es über die Parteigrenzen hinweg vor allem für Merkels Versprechen, dass Deutschland nicht für die Schulden anderer Euro-Länder gerade stehen wird. Mit dieser Zusage hat sich die Bundesregierung jedoch in eine Zwickmühle begeben. Für die Märkte bleibt die Lage unsicher, weil die Bundesregierung die Gemeinschaftshaftung verweigert. Also spitzt sich die Situation in regelmäßigen Abständen wieder zu. Jedesmal rückt Merkel dann doch ein wenig von ihrem Kurs ab, zuletzt bei der direkten Finanzierung von Pleitenbanken durch den Euro-Rettungsschirm. Der nächste Rückzieher zeichnet sich bereits ab. Griechenland erfüllt die Auflagen für die Kreditvergabe nicht ansatzweise. Das Kanzlerinnen-Versprechen, dass es keine Leistung ohne Gegenleistung gebe, steht zur Disposition, wenn trotzdem wieder Geld nach Athen überwiesen wird. Und zumindest im Empfinden vieler Menschen gibt es die Gemeinschaftshaftung längst über Rettungsschirme und Zentralbankkäufe von Staatsanleihen.

    So breitet sich bei immer mehr Menschen der Eindruck aus, dass sie ohne allzu belastendes Wissen bleiben sollen. Nebulös bleiben die Risiken der Euro-Rettung für den Steuerzahler. Die genannten Zahlen kann sich ohnehin kaum jemand wirklich vorstellen. Der Erklärungsbedarf wächst. Denn ohne den Rückhalt einer großen Bevölkerungsmehrheit ist das Projekt Europa gefährdet. Fragen gibt es genug: Warum müssen die Banken gerettet werden? Wie soll der Teufelskreis aus lahmer Konjunktur und steigenden Schulden in den großen Euro-Staaten durchbrochen werden? Welche finanzielle Belastungen kommen auf die Bürger in Deutschland zu und wie soll Europa aussehen, wenn die Krise einmal vorbei ist?

    Um Antworten drückt sich Merkel herum. Das tun SPD und Grüne auch. Diese Superkoalition eint die Sorge um einen Akzeptanzverlust für die ganzen Rettungsaktionen. Das Schweigen ist grundverkehrt. Wer führen will, muss vom Ziel überzeugen können und auch unangenehme Wahrheiten aussprechen.

  • Die Arbeit ist fast geschafft

    Verkauf von ehemaligen DDR-Agrarflächen geht in die letzten Runden/ Preise für Wälder und Wiesen werden immer teurer

    Die Privatisierung ehemals volkseigener DDR-Äcker und -Wälder ist bald abgeschlossen. Von den einst über drei Millionen Hektar Land- und Forstwirtschaftsfläche sind noch 350.000 Hektar übrig geblieben. Auf die Mitarbeiter der mit dem Verkauf und der Rückübertragung beauftragten Bodenverwertungs- und -verwaltungs GmbH (BVVG) kommen jetzt Stellenkürzungen zu.

    Der Landverkauf hat dem Bund mittlerweile über fünf Milliarden Euro eingebracht. Seit 20 Jahren privatisiert die BVVG nun schon ehemals volkseigene land- und forstwirtschaftlich genutzte Flächen und Gebäude. Seen, Bergwerke oder Bauland gehören ebenso dazu wie Scheunen, Speicher oder Ställe. Insgesamt ein Drittel der Größe der ehemaligen DDR umfasste 1992 die Fläche, die es zu privatisieren galt. Jetzt sind es nur noch sechs Prozent.

    Die Privatisierung schreitet weitgehend planmäßig voran. „Die Verkäufe im landwirtschaftlichen Bereich laufen sehr gut“, sagt BVVG-Geschäftsführer Wilhelm Müller. Bei den Seen gebe es noch Probleme. Bis 2014 soll der gesamte Waldbesitz veräußert sein. Noch bis 2025 ist das Unternehmen mit dem Landverkauf beauftragt – so steht es im Gesetz.

    Mit abnehmendem Flächenbesitz werden auch die Aufgaben immer weniger. Das bedeutet Stellenabbau. Ab 2016 plant das Unternehmen die Schließung von vier der insgesamt acht Niederlassungen. Neubrandenburg, Cottbus, Halle und Erfurt sind betroffen. Dresden, Magdeburg, Berlin und Schwerin bleiben bestehen. Wie viele Stellen abgebaut werden, ist ungewiss. Derzeit arbeiten rund 670 Mitarbeiter im Unternehmen. Betriebsbedingte Kündigungen soll es nicht gegeben.

    Über die Jahre sind die Preise für ehemals volkseigenen Wiesen, Wälder und Äcker in die Höhe geklettert. Im ersten Halbjahr 2012 hat es einen Preisanstieg von im Schnitt rund acht Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gegeben. Beim Blick auf die jüngere Vergangenheit, in der sich die Flächen jedes Jahr um durchschnittlich rund 20 Prozent verteuerten, ist das recht moderat.

    Nach Schätzungen der BVVG werden die Preise auch in Zukunft nach oben gehen. Den Vorwurf, sie sei Preistreiber auf dem landwirtschaftlichen
    Bodenmarkt und fördere den Ausverkauf von Ackerland an Investoren, weist die Gesellschaft entschieden zurück. „Es sind die Landwirte vor Ort, die oftmals den Zuschlag bekommen“, meint BVVG-Geschäftsführer Müller. Der Anstieg der Bodenpreise sei eine globale Entwicklung und man beteilige sich auch nicht an Ausschreibungen.

  • Alleinleben ist Trend

    Die Zahl der Ein-Personen-Haushalte bewegt sich auf Rekordhoch/ Männer managen heute deutlich häufiger den Haushalt für sich

    Jeder fünfte Deutsche lebt ohne Partner, Familie oder Mitbewohner. Das ist Rekord. „Noch nie war die Alleinlebendenquote so hoch“, sagte Roderich Egeler, der Präsident des Statistischen Bundesamts, bei der Vorstellung des Mikrozensus 2011 in Berlin. Vor allen im Osten des Landes und in Großstädten boomen Ein-Personen-Haushalte.

    In Deutschland lebten laut der Bevölkerungsbefragung im vergangenen Jahr 15,9 Millionen Menschen allein. 20 Jahre zuvor  waren es noch 11,4 Millionen. Das entspricht einer Steigerung um 40 Prozent. Die Gründe für die drastische Zunahme sind vielfältig. „Junge Menschen heiraten immer später“, erläutert Egeler. Auch die längeren Ausbildungszeiten oder die immer stärker werdenden Anforderungen der Arbeitswelt an Flexibilität und Mobilität würden eine Rolle spielen.

    Vor allem in Ostdeutschland ist Ein-Personen-Wohnen angesagt. Hier ist die Zahl der Alleinlebenden seit der Wiedervereinigung um 57 Prozent gestiegen. Der Westen des Landes verzeichnete einen moderateren Anstieg von 35 Prozent. Ein Blick auf die Bundesländer zeigt: In die Stadtstaaten, also in Berlin, Bremen und Hamburg, zieht es überproportional viele Menschen, die ein Sololeben führen.

    Je größer die Gemeinde, desto höher die Quote. Hannover, Berlin und Leipzig belegen im Ranking der 15 größten deutschen Städte die ersten Plätze was die Zahl der Alleinlebenden angeht. Jeweils etwas über 30 Prozent betrug ihr Anteil 2011. Dortmund und Duisburg landen mit 24 und 22 Prozent auf den hinteren Rängen. Zum Vergleich: In Orten mit weniger als 5.000 Einwohnern lebten nur 14 Prozent der Bevölkerung allein.

    Die gute Infrastruktur, also viele Einkaufsmöglichkeiten, Ärzte oder Kitas, könne Grund für die hohen Quoten in Großstädten sein, so Egeler. Alleinleben sei allerdings oft mit Problemen verbunden. Überdurchschnittlich häufig bezögen Alleinlebende Hartz IV. Überdurchschnittlich häufig seien sie von Armut gefährdet.

    Ein Blick auf die Geschlechter zeigt: Männer leben heute deutlich häufiger im Ein-Personen-Haushalt. Während die Zahl der Solo-Frauen zwischen 1991 und 2011 um 16 Prozent gestiegen ist, hat sich die Zahl der Solo-Männer in diesem Zeitraum um 81 Prozent erhöht.

    Erwerbstätige Frauen profitieren offensichtlich vom Alleinleben. Sie sind häufiger in Führungspositionen anzutreffen als weibliche Beschäftigte, die sich die Wohnung mit anderen teilen. Bei den Männern verhält es sich umgekehrt. Solo-Männer sind zudem auch eher ohne Arbeit als ihre Kollegen mit Gemeinschaftswohnung. Bei Frauen zeigt sich ein ausgeglichenes Bild. Eine Erklärung für dieses Phänomen liefern die Forscher allerdings nicht: „Wir fragen nicht warum“, sagte Mikrozensus-Mitwirkende Julia Weinmann.

    In Zukunft wird die Zahl der Alleinlebenden weiter steigen. 2030 werden voraussichtlich rund 23 Prozent der Einwohner Deutschlands einen Ein-Personen-Haushalt führen. Das prognostizieren die Statistiker.


    Mikrozensus erklärt

    Der Mikrozensus ist die größte Haushaltsbefragung in Deutschland und in Europa und wird vom Statistischen Bundesamt organisiert. Ein Prozent der deutschen Privathaushalte wird jedes Jahr befragt. Der Fokus der Untersuchung variiert von Jahr zu Jahr. 2011 lag er bei den Alleinlebenden, 2010 bei Menschen mit Migrationshintergrund. Für die meisten Fragen besteht eine Auskunftspflicht.

  • Reiche sollen Zwangsanleihen zeichnen

    DIW rechnet mit Einnahmen von bis zu 230 Milliarden Euro

    Die reichsten Deutschen sollen einen Teil der Staatsschulden übernehmen. Damit könnte der Staat nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) bis zu 230 Milliarden Euro zusätzlich einnehmen. „Mit Zwangsanleihen und einmaligen Vermögensabgaben könnten Privathaushalte mit hohen Vermögen und Einkommen zur Refinanzierung und zum Abbau der Staatsschulden herangezogen werden“, schlagen die Forscher vor. Betroffen wären davon 4,4 Millionen Haushalte, acht Prozent der Bevölkerung.

    Zwangsanleihen sind verpflichtende Kredite an den Staat. Diese Darlehen können auch verzinst und zurückbezahlt werden. Mit einer zusätzlichen Vermögensabgabe will das DIW den Schuldenstand senken. Beispiele für solche Sondersteuern gab es auch in Deutschland. 1913 wurde ein einmaliger Wehrbeitrag eingeführt, den jeder Bürger mit mehr als 10.000 Mark Vermögen oder mehr als 5.000 Mark Einkommen entrichten musste. Nach dem Zweiten Weltkrieg verlangte der Staat eine Vermögensabgabe. 1952 gab es eine Zwangsanleihe für die Wirtschaft für Investitionen in die Grundstoffindustrien.

    Das DIW will die Abgabe auf den wohlhabendsten Teil der Bevölkerung begrenzen. Dafür schlägt das Institut hohe Freibeträge vor. 250.000 Euro darf ein Alleinstehender, 500.000 Euro ein Paar besitzen, bevor der Fiskus zuschlägt. Für jedes Kind ist ein Freibetrag von 100.000 Euro vorgesehen. Von dem darüber hinaus vorhandenen Vermögen sollen die Reichen zehn Prozent abgeben. Hohe Freibeträge von bis zu fünf Millionen Euro für Unternehmensanteile und Beteiligungen sollen verhindern, dass dem Mittelstand finanziell die Puste ausgeht. Auch Immobilien, die gut die Hälfte der gesamten Vermögenswerte ausmachen, wollen die Forscher als Bemessungsgrundlage zu einem aktuellen Verkehrswert heranziehen.

    „Die Umverteilung von Einkommen, die insbesondere in den letzten zehn Jahren von unten nach oben stattgefunden hat, würde wieder teilweise rückgängig gemacht“, erläutert DIW-Chef Gert Wagner. Die Einkommenszuwächse seien vor allem bei den reichsten zehn Prozent der Bevölkerung gelandet und die Verteilung ungerechter geworden. Eine Sonderabgabe sei auch eine Zukunftsinvestition, weil der Staat Spielräume für Investitionen in Schulen oder Hochschulen erhalten würde.

    Die Berliner Forscher halten Zwangsanleihen auch für ein sinnvolles Instrument für die Euro-Krisenländer. Zumeist würden die privaten Vermögen dort deutlich höher sein als der Schuldenstand des Staates. In Deutschland haben die Bürger nach Abzug aller Verbindlichkeiten fast das Vierfache der jährlichen Wirtschaftsleistung von 2,5 Billionen Euro angespart, in Italien 555 Prozent und in Frankreich 510 Prozent. Auch in Portugal, Griechenland und Spanien vermuten die Forscher sehr hohe Vermögen, die zum Kampf gegen die Verschuldungskrise herangezogen werden könnten.

    Die Bundesregierung sieht derzeit jedoch keinen Bedarf für eine Vermögensabgabe. „Wir haben in Deutschland keine Probleme mit den Staatseinnahmen“, sagt der Sprecher des Finanzministeriums, Martin Kotthaus. Der Vorschlag könne für einige Länder aber interessant sein.

  • Possenspiel

    Kommentar zum Meldegesetz

    Bundesregierung und Bundestag liefern gerade ein Possenspiel ab. Es geht um das neue Meldegesetz, dass eine handvoll Abgeordneter in der vergangenen Woche zunächst nahezu unbemerkt im Parlament verabschiedete. Jetzt, da die Kritik daran von allen Seiten laut wird, rudert die Bundesregierung zurück. Dabei hat sie das Gesetz selbst in den Bundestag eingebracht.

    Der Sinneswandel kommt nicht von ungefähr. Denn in letzter Minute hat der zuständige Innenausschuss das Gesetz auf den Kopf gestellt. Es geht um den Umgang der Behörden mit den Daten der Bürger, etwa ihren Adressen und vollständigen Namen. Diese Informationen muss jedermann zwangsläufig beim Meldeamt hinterlassen. Der ursprüngliche Entwurf sah vor, dass jeder Bürger einer möglichen Weitergabe seiner Daten zustimmen muss. Plötzlich – und mit einer Formulierungshilfe des Innenministeriums, sollen die Bürger der Weitergabe nur noch widersprechen dürfen. Das macht in der Regel kaum jemand. Der Datenschutz ist also praktisch ausgehebelt. Ausgerechnet der Staat wird auf diese Weise zum großen Datenhändler, jener Staat, der vor Datenhaien wie Google oder Facebook immer warnt.

    Das Kind liegt schon fast im Brunnen. Nur der Bundesrat kann das Gesetz noch stoppen und wird dies nach den massiven Protesten wohl auch tun. Doch für die Bundesregierung ist der Vorgang mehr als peinlich. Die eigenen Parteigänger im Parlament haben ihre Minister bloß gestellt. Schlimmer noch, die Abgeordneten von Union und FDP setzen die Interessen der Bürger auf den zweiten Rang und die der Werbewirtschaft auf den ersten. Fadenscheinig klingt da die Begründung des Innenministers, die neue Fassung sei für die Verbraucher immerhin noch besser als die alte. Nein, der Vorgang bedarf einer öffentlichen Erklärung. Sonst bleibt der Eindruck, dass sich die Koalition sich von kleinen Lobbygruppen die Gesetze formulieren lässt.

  • Nun arbeitet jeder auf eigene Rechnung

    Die Steuer- und Abgabenlast ist in Deutschland weiter gestiegen / Steuerzahlerbund fordert härteren Sparkurs

    Erst ab dieser Woche arbeiten die Beschäftigten in Deutschland für den eigenen Konsum. Bis zum letzten Wochenende gingen alle Einkünfte rechnerisch an den Staat. Am Sonntag, um 5:20 Uhr waren die Kassen des Fiskus und der Sozialkassen schließlich genügend aufgefüllt. „Die Steuerzahler mussten 2012 gut zwei Tage länger für den Staat arbeiten als im Vorjahr“, kritisiert der Präsident des Bundes der Steuerzahler (BdSt), Reiner Holznagel.

    51,7 Prozent des Arbeitseinkommens müssen die Bundesbürger in diesem Jahr abführen. Von 100 Euro kassiert das Finanzamt 31 Euro. Weitere gut 20 Euro kosten die Beiträge zu den Sozialkassen. Den Hauptgrund für die steigende Abgabenlast sieht Holznagel in heimlichen Steuererhöhungen. Die Steuerlast steige durch die Progression im Einkommensteuertarif doppelt so stark an wie Löhne oder Gehälter. Auf acht Milliarden Euro schätzt der Verband die auf diese Weise zusätzlich eingetriebenen Steuergroschen. Der Staat müsse endlich das Versprechen einlösen, die so genannte kalte Progression abzubauen. Dieser Effekt ist dafür verantwortlich, dass steigende Einkommen zu einem großen Teil vom Finanzamt wieder genommen werden.

    Im internationalen Vergleich steht Deutschland bei der Belastung der Bürger mit Abgaben mit an der Spitze. Bei einem Single, der inklusive der Arbeitgeberanteile am Lohn, laut Berechnung der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit in Europa (OECD) knapp 66.000 Euro im Jahr kostet, behält netto nur wenig mehr als die Hälfte im Portemonnaie übrig. Nur Belgien verlangt mehr von den Alleinstehenden. Bei Familien mit einem Alleinverdiener sieht es besser aus. Hier gehen bei zwei Kindern nur 34 Prozent der Arbeitskosten für Steuern und Sozialabgaben drauf. Damit nimmt Deutschland Platz 13 unter den führenden Industrienationen ein. Bei Doppelverdienern mit zwei Kindern ist es der vierte Rang hinter Belgien, Frankreich und Italien.

  • Fernbeziehung mit Kollegen

    Moderne Technik macht arbeiten über lange Distanzen möglich/ Chats, Telefon- oder Videokonferenzen bergen zahlreiche Tücken

    Ein Chat mit dem Projektverantwortlichen in London, eine Videokonferenz mit dem Chef in Tokio: Bereits ein Drittel der Fach- und Führungskräfte arbeitet über die ganze Welt verteilt. Das hat eine aktuelle Studie des Beratungsunternehmen ComTeam ergeben. Für Firmen ist die sogenannte virtuelle Teamarbeit Chance und Herausforderung zugleich.

    Der entscheidende Fallstrick virtueller Zusammenarbeit liegt in den  langen Distanzen. „Bewährte Muster wie physische Präsenz oder Statussymbole wirken hier nicht mehr“, sagt Studienleiter Lorenz Forchhammer. „Fehlt die persönliche Verbindung, mangelt es häufig an Vertrauen in die andere Person“, beobachtet die Berliner Organisations- und Personalberaterin Liane Dannenberg-Schütte.

    Doch gerade Vertrauen braucht es, wenn ein Projekt gelingen soll. Wichtig ist es deshalb, eine klare Team-Identität zu schaffen. Das muss der Team-Chef in die Hand nehmen. „Er kann dafür sorgen, dass sich die Mitarbeiter am Anfang des Projekts kennen lernen“, so Beraterin Dannenberg-Schütte. Wenn man wisse, wie das Gegenüber ticke, würden Kommunikationsprobleme seltener auftreten. 

    Vieles spielt sich bei virtueller Zusammenarbeit im Zwischentonbereich ab. Mimik, Gestik oder die Stimmung der Beteiligten fallen weitestgehend aus. „Am Telefon und bei schlechter Bildqualität kann man nicht sehen, ob ein Teilnehmer gerade die Gesichtszüge entgleisen, weil er mit einem Vorschlag nicht einverstanden ist“, so ComTeam-Vorstand Forchhammer. Hier müsse nachgehakt werden. Die Frage muss lauten: Und wie sehr bist Du einverstanden mit dem Vorschlag?

    Weitere Hürde: Agieren Teams weit voneinander entfernt, bekommen sie nicht mit, was die anderen tun, was deren Probleme sind und was sie leisten. „Da denken die einen, die anderen würden die ganze Zeit nur Däumchen drehen oder Quatsch machen“, erläutert Dannenberg-Schütte. Klare Aufgaben- und Zieldefinitionen sind hier wichtig.

    Für Unternehmen bedeutet virtuelle Kommunikation eine große Chance: Sie bringt Tempo in Projekte, was Geld spart. Die Betroffenen begegnen der Technik zwiespältig: 80 Prozent der insgesamt 447 Befragten der ComTeam-Studie erwarten künftig eine starke Belastung durch die ständige Präsenz, die Smartphones oder Laptops ermöglichen. Fast ebenso viele befürchten eine Informationsüberflutung.

    Gleichzeitig bedeuten die neuen Arbeitsformen für die Studienteilnehmer mehr Freiheit, besseres Wissensmanagement und schnellere Ergebnisse. „Belastungen einerseits, Freiheit andererseits sind zwei Seiten einer Medallie“, sagt Untersuchungsleiter Forchhammer. Sein Rat: Unternehmen sollten einen klaren Rahmen für die Nutzung neuer Kommunikationsformen setzten.

    Gerade prüft das Bundesarbeitsministerium, ob die Arbeitsschutzgesetze noch zeitgemäß sind und Arbeitnehmer ausreichend vor Stress durch moderne Technik schützen. Einige  Unternehmen haben bereits Maßnahmen gegen das Dauer-Stand-by ergriffen. So hat der Autokonzern VW unlängst mitgeteilt, dass Mitarbeitern eine halbe Stunde nach Dienstende keine E-Mails mehr auf ihre Smartphones weitergeleitet werden. Und BMW erwartet nicht, dass am Wochenende auf Mails reagiert wird.

  • Achtung Pflegelücke!

    Ab 2013 will der Staat Pflegezusatzversicherungen fördern/ Für Männer könnte es sich dennoch lohnen, noch in diesem Jahr einen Vertrag zu unterzeichnen

    Wer für den Pflegefall vorsorgen möchte, kann dies mit einer privaten Zusatzversicherung tun. Experten empfehlen eine Pflegetagegeldpolice. Ab 2013 will die Bundesregierung die Policen mit 60 Euro im Jahr bezuschussen. Den Vorschlag des Gesundheitsministers Daniel Bahr (FDP) hat der Bundestag kürzlich gebilligt.

    Eine Pflegetagegeldversicherung schließt die Kostenlücke, die entsteht, wenn die Leistungen aus der gesetzlichen Pflegekasse nicht ausreichen. „Für die meisten Verbraucher ist die Police die beste Wahl“, sagt Karin Roller, Versicherungsberaterin bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Im Gegensatz beispielsweise zur Pflegekostenversicherung  können Versicherte das Geld im Pflegefall so verwenden wie sie wollen –auch für die Pflege von einem Laien.

    Diese Versicherung hat allerdings einen Haken: Diejenigen, die den Schutz am dringendsten benötigen, bekommen ihn nicht oder müssen extrem hohe Beiträge berappen. Die Unternehmen machen Gesundheitschecks. „Ältere und Kranke zahlen viel höhere Beiträge,“ so Roller. Antragsteller mit hohem Pflegerisiko wiesen sie ab.

    Ab 2013 könnte sich das ändern. Dann will der Staat private Pflegetagegeldversicherungen mit fünf Euro im Monat fördern. Versicherern, die geförderte Policen anbieten, ist es dann nicht gestattet, Antragsteller aufgrund gesundheitlicher Risiken abzulehnen. Nur bei Minderjährigen oder bereits pflegebedürftige Personen dürfen sie dies tun.

    Ob auch Besitzer bestehender Policen von der Förderung profitieren, steht noch nicht fest. „Es muss geprüft werden, inwieweit bereits abgeschlossene Verträge den Kriterien für künftige Verträge genügen, gegebenenfalls angepasst werden können und so entsprechend förderfähig werden“, sagt eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums.

    Für Männer könnte es sich allerdings lohnen, noch in diesem Jahr eine private Pflegetagegeldpolice abzuschließen – auch wenn der Staat im kommenden Jahr fünf Euro im Monat dazu gibt. Derzeit kommen Männer noch deutlich günstiger davon als Frauen, weil die Anbieter unter anderem das Geschlecht in ihre Kostenkalkulation einbeziehen. Für einen 55-Jährigen hat die Stiftung Warentest (Finanztest 2/2011) rund 55 Euro im Monat für einen guten Tarif ausgerechnet. Eine Frau würde im gleichen Alter 70 Euro bezahlen.

    Ab dem 21. Dezember 2012 müssen die Unternehmen Unisex-Tarife anbieten. „Die Anbieter werden die Prämien so angleichen, dass es für Männer teurer wird“, prognostiziert Roller. Für Frauen könnte es günstiger werden – oder auch nicht. „In die Zukunft blicken können wir leider nicht“, so die Versicherungsexpertin. „Im schlechtesten Fall zahlen Männer genauso hohe Prämien wie Frauen derzeit.“


    So teuer kann Pflege sein

    Schnell ist vorgerechnet, wie  groß die Kluft zwischen den tatsächlichen Kosten und den Leistungen aus der Pflegekasse sein kann. Monatlich 3.000 Euro kostet ein Heimplatz in der höchsten Pflegestufe im Durchschnitt. Bis zu 1.918 Euro gibt der Staat zu den entstehenden Ausgaben dazu. Unterkunft und Verpflegung muss der Heimbewohner aus eigenen Mitteln finanzieren. Da ist die Rente schnell aufgebraucht und Angehörige müssen für die restlichen Kosten aufkommen. Nur wenn nicht genügend Geld in der Familienkasse ist, springt das Sozialamt ein.      

  • Fluggäste bekommen Schlichtungsstelle

    Bundeskabinett will Ombudsmann einsetzen lassen / Verbraucherschützer bemängeln Mogelpackung

    Flugpassagiere können bei Ärger mit ihrer Airline bald eine Schlichtungsstelle anrufen. Ein Gerichtsverfahren gegen die Fluggesellschaft aufgrund von Streitigkeiten um vergleichsweise kleine Beträge soll den Kunden damit künftig erspart bleiben. Dies sieht ein Gesetzentwurf des Bundesjustizministeriums vor, den das Bundeskabinett heute beschließen will.

    Wann der Ombudsmann seine Arbeit aufnimmt, ist noch ungewiss. Zunächst muss das Gesetz noch den Bundestag passieren. Dann richtet der Bundesverband der Deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) die Stelle ein. In dieser Organisation sind die meisten wichtigen Fluggesellschaften Mitglied, die sich damit auch dem Schlichtungsverfahren stellen. Zwei großen Unternehmen bleiben jedoch draußen. Ryanair und Easyjet, die beide nach Erfahrungen von Verbraucherschützern besonders häufig zur Beschwerde Anlass geben, lehnen die Einrichtung ab. Dagegen sind mit der Lufthansa und Air Berlin die beiden größten Unternehmen der Branche in Deutschland dabei.

    Das ist einer der wichtigen Kritikpunkte an dem Gesetz, dass nach jahrelangen Verhandlungen zwischen der Regierung und der Branche zustande kommt und inhaltlich wesentlich von den Unternehmen mit geschrieben wurde. „Damit alle Verbraucher zu ihrem Recht kommen, muss die ganze Branche mitmachen“, verlangt der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, Gerd Billen. Doch dies bleibt vorerst ein Wunsch. Denn das Justizministerium beharrt auf einer freiwilligen Teilnahme an dem Verfahren. Das Gesetz sieht allerdings eine behördliche Schlichtung für Streitfälle vor, in denen sich die Airlines der freiwilligen Vermittlung verweigern.

    Grundsätzlich sollen die Schlichter für Auseinandersetzungen mit einem Streitwert von bis zu 5.000 Euro zwischen den beteiligten Parteien vermitteln. Unklar ist noch, ob sich Fluggäste tatsächlich mit allen üblichen Konflikten an die Stelle wenden können. Geregelt werden zum Beispiel Entschädigungen wegen Flugausfällen oder bei überbuchten Maschinen. Auch mit Schadenersatzansprüchen wegen verschwundener Gepäckstücke oder Schäden am Koffer oder Rucksack dürfen die Passagiere sich an den Ombudsmann wenden, sofern sie sich nicht schon vorher mit der Airline über einen Ausgleich verständigen können.

    Im Gesetzestext sind jedoch nur bestimmte Fälle für die Schlichtung konkret benannt. Andere, durchaus häufige Ärgernisse, werden nicht erwähnt oder gar ausdrücklich ausgeschlossen. So haben Geschäftsreisende und Pauschalreisende nichts von dem Verfahren. Auch fehlerhafte Internetbuchungen, Stornogebühren oder Hürden beim flexiblen Einsatz von Hin- und Rückflügen bleiben nach Angaben des vzbv unberücksichtigt. Dagegen hatte der BDL angekündigt, dass die Schlichter auch über die konkret beschriebenen Fälle hinaus im Sinne der Fluggäste tätig werden können.

    Sinnvoll ist das außergerichtliche Einigungsverfahren allemal. Seitdem die Fluggastrechte aus dem Jahr 2005 in Kraft sind, leitete das Luftfahrt-Bundesamt mehr als 5.000 Bußgeldverfahren gegen Fluggesellschaften ein. In den letzten Jahren stieg die Zahl der Verfahren stark an. Doch das Amt nutzt den betroffenen Passagieren selbst wenig. Die Behörde geht nur gegen die Ordnungswidrigkeiten vor. Ansprüche muss jeder Kunde selbst gerichtlich durchsetzen. Das Justizministerium hofft nun auf eine deutliche Entlastung der Gerichte.

    Ursprünglich wollte die Bundesregierung deutlich weiter gehen. Die Luftfahrtunternehmen sollten sich der bereits bestehenden Schlichtungsstelle für den Verkehr anschließen, an die sich zum Beispiel die Bahnkunden wenden können. Doch da wollten die Airlines nicht mitspielen. Nun hofft die Regierung auf die Sogwirkung eines erfolgreichen Verfahrens auf die außen stehenden Gesellschaften. Die Zeit läuft in dieser Frage ohnehin gegen die Fluggesellschaften. Denn im kommenden Jahr wird die EU Regeln für die außergerichtlichen Streitvermittler erlassen. Dann müssen alle Unternehmen mitziehen.

  • Angriff auf Fernverkehrsmonopol

    Auf der Strecke von Hamburg nach Köln bekommt die Deutsche Bahn Konkurrenz / HKX will mit dem Konzern mit Billigpreisen Kunden abjagen

    Mit Kampfpreisen will das neue Eisenbahnunternehmen Hamburg-Köln-Express (HKX) der Deutschen Bahn Kunden abjagen. Auf der lukrativen Strecke will die Privatbahn zwischen 20 und 60 Euro für die einfache Fahrt verlangen. Bei der Bahn kostet eine Reise über die gesamte Distanz wenigstens den Sparpreis von 29 Euro. Am 23. Juli will HKX den ersten Zug vom Rhein an die Alster schicken. Drei Zugpaare verkehren dann zwischen beiden Großstädten. Noch sind keine Tickets dafür erhältlich. Erst am 4. Juli startet der Vorverkauf im Internet und über eine Telefonhotline. Auch der Fahrplan wird erst am kommenden Mittwoch freigeschaltet. Dann lassen sich die Züge des Neulings auch im Fahrplan der Deutsche Bahn finden.

    HKX greift die Deutsche Bahn auf einer Paradestrecke an. Die Tour führt durch das bevölkerungsreiche Nordrhein-Westfalen mit Haltestellen in Osnabrück, Münster, Duisburg, Gelsenkirchen, Essen und Düsseldorf. „Über weitere Strecken denken wir zu einem späteren Zeitpunkt nach“, erläutert Firmensprecherin Renate Bader. Auf die Konkurrenz regiert die Bahn gelassen. „Wir werden unser Angebot wie bisher weiterführen“, kündigt ein Sprecher an. Auf einen Preiskampf will sich der Konzern zunächst also nicht einlassen.

    Bislang hat die Deutsche Bahn auf Fernstrecken ihr Monopol weitgehend erhalten können. Lediglich zwischen Rostock und Leipzig verkehrt ein Fernzug des Unternehmens Interconnex, das ebenfalls mit günstigen Tickets um Kunden wirbt. Ansonsten herrscht der bundeseigene Konzern das Fernverkehrsnetz. Nur im Nahverkehr und beim Gütertransport ist der Wettbewerb bisher in Gang gekommen.

    Die fehlende Konkurrenz hat gute Gründe. Für Neueinsteiger ist der Einstieg in das Geschäft mit Fernreisen teuer und riskant. Denn anders als im Nahverkehr sind die Erlöse daraus nicht garantiert. S- und Regionalbahnen werden von den Ländern oder den Kommunen bestellt und bezahlt. Im Fernverkehr arbeiten die Unternehmen komplett auf eigene Rechnung. Auch die Triebwagen und Waggons müssen erst einmal finanziert werden. HKX hat zum Beispiel bisher 16 Millionen Euro investiert, um sich auf einer gewöhnlich gut ausgelasteten Strecke mit der Bahn zu messen.

    Die Ausgaben halten sich noch in Grenzen. Neue Züge sind um ein vielfaches teurer. HKX kooperiert daher mit dem Eisenbahnunternehmen Veolia, das die Technik für die Verkehrsverbindung stellen wird, inklusive der Lokführer und den Instandshaltungswerken. Gefahren wird vergleichsweise alten Zügen aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts. Die Ausstattung entspricht der der damaligen 1. Klasse. Ein Zug fährt mit jeweils sechs Waggons. Fünf davon sind der preisgünstigen Basisklasse zugeordnet, im sechsten ein Komfortbereich angeboten, in dem unter anderem eine Mahlzeit an den Platz geliefert wird. Im gesamten Zug sollen Tische mit Steckdosen und Internetverbindung verfügbar sein.

    Andere Konkurrenten der Bahn auf langen Strecken müssen noch auf den Startschuss für den Wettbewerb warten. Denn noch ist der Omnibusverkehr als weitere Konkurrenz zur Bahn nicht freigegeben. Bund und Länder verhandeln noch über Details der Regelung, die den Bussen den Weg frei machen wird. „Wir rechnen fest damit, dass es noch in diesem Jahr passieren kann“, heißt es beim Verband der Omnibusunternehmen. Anfang nächsten Jahres könnte dann auch auf der Strasse eine Billigkonkurrenz zum Schienenverkehr zum Angriff blasen.