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  • Ältere entdecken das Leben auf Pump

    Vor allem Autos, Möbel und Reisen werden mit Krediten finanziert / Zahlungsmoral bei Rentnern höher als im Durchschnitt

    Ältere finanzieren ihren Konsum immer häufiger auf Pump. Nach Angaben der Auskunftei Schufa nahm der Anteil der 60- 65-jährigen mit einem Kredit in den letzten zehn Jahren um 41 Prozent, bei den 70- bis 74jährigen um 65 Prozent und bei den noch älteren sogar um 113 Prozent zu. Statt den Lebensabend sparsam zu verbringen, genießt die heutige Rentnergeneration den Ruhestand. Nach Beobachtung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) fühlen sich die Menschen auch jünger als sie eigentlich sind. Das führt auch zu einem veränderten Kaufverhalten, zumal viele Rentnerhaushalte finanziell gut gestellt sind. „Sie verfügen über eine gewaltige Kaufkraft“, stellt GfK-Experte Karsten John fest. 400 Milliarden Euro im Jahr können die Senioren ausgeben.

    Für Banken und Handelsunternehmen, die das Geschäft mit Darlehen betreiben, sind Ältere zu einer interessanten Zielgruppe geworden. „Die älteren Menschen sind besonders zahlungstreu und zuverlässig“, berichtet Schufa-Chef Michael Freytag. Bezogen auf alle Kreditnehmer liegt die Ausfallquote bei den Ratenvereinbarungen bei 2,5 Prozent. Bei den Senioren beträgt sie nur zwei Prozent. Vorbei sind anscheinend auch die Zeiten, in denen Banken Kunden nur mit Blick auf ihr hohes Alter keinen Kredit mehr geben wollten. Die Lebensrealität verändere das Marktverhalten der Wirtschaft, erklärt Freytag.

    Ein Grund für die zunehmenden Käufe auf Pump sind die in vielen Seniorenhaushalten vorhandenen Vermögenswerte. 60 Prozent der Älteren wohnen in der eigenen Immobilie. Im Durchschnitt haben sie zudem 30.000 Euro an Vermögenswerten in Reserve. Die Gefahr, durch spätere Zahlungsverpflichtungen in finanzielle Not zu geraten, ist daher gering. Die Zahlen täuschen in einer Hinsicht. Denn viele Rentnerhaushalte kommen gerade so über die Runden. Doch der Durchschnittswert zeigt, dass noch keine Altengeneration so wohlhabend war wie die jetzige.

    Statt die eigenen Rücklagen aufzuzehren, finanzieren viele Ältere große Ausgaben lieber mit einem Kredit. An der Spitze der Anschaffungen stehen hierbei Autos, gefolgt von Unterhaltungselektronik, Haushaltsgeräten und Möbeln. Aber auch Reisen bezahlen viele Rentner laut GfK häufig lieber in Raten. Die durchschnittliche Kreditsumme ist zumindest bei den 60-65-jährigen noch überdurchschnittlich hoch. 8.791 Euro beträgt sie in dieser Altersklasse. Bezogen auf alle Darlehen lag die Summe 2011 gut 1.000 Euro niedriger. Mit zunehmendem Alter geht die Höhe der Kredite dann aber zurück.

    Die Älteren werden so auch für die Wirtschaft immer wichtiger. „Die Zeiten sind vorbei, in denen von einer werberelevanten Zielgruppe bis 49 Jahren gesprochen wurde“, erläutert John. Derzeit sind 21,5 Millionen Bundesbürger älter als 60 Jahre. Bis 2030 wird diese Altersgruppe auf über 28 Millionen anwachsen und ein Drittel der Bevölkerung ausmachen.

  • Das Sterben der Stechuhren

    Vertrauensarbeitszeit: Firmen schätzen das flexible Jobmodell. Gewerkschaften sind skeptisch.

    Immer mehr Unternehmen schaffen die Stechuhren ab. Anstelle akribisch nachzuverfolgen, wann und wie lange sich ihre Angestellten am Arbeitsplatz aufhalten, setzen sie auf Vertrauensarbeitszeit. Eine feste Stundenanzahl gibt es hier nicht. Vielmehr entscheiden die Angestellten selbst, wann – und oft auch von wo aus – sie tätig sind. Was nach einem entspannten Arbeitsalltag klingt, kann dennoch im Burnout enden. 

    „Heute habe ich eine halbe Stunde länger geschlafen“, sagt IBM-Mitarbeiterin Ina Glaeske. „Am Nachmittag wird es viele Meetings geben, da möchte ich fit sein.“ Glaeske, deren Name nicht ihr richtiger ist – sie will ihn lieber nicht in der Zeitung lesen – ist froh, dass sich ihr Arbeitgeber vor zwölf Jahren dazu entschlossen hat, das Modell der Vertrauensarbeitszeit einzuführen. Sämtliche Mitarbeiter sind inzwischen mit Firmenlaptops ausgestattet und können so auch von zuhause aus oder auf Reisen ihrem Job nachgehen. Nicht die Zeit, sondern das Arbeitsergebnis ist für sie Maß der Dinge.

    „In den 1990er Jahren haben wir uns in Richtung eines dienstleistungsorientierten Unternehmens entwickelt“, sagt IBM-Personalverantwortlicher Heinz Liebmann. „Die Arbeitszeitgestaltung ist Teil des  Wandels des Unternehmens.“ Anfänglich konnten nur Mitarbeiter aus den Bereichen Vertrieb, Service und Consulting die flexiblen Arbeitszeiten in Anspruch nehmen. Heute können es fast alle Arbeitnehmer.

    Vertrauensarbeitszeit liegt im Trend. 2009 setzten rund 46 Prozent der Unternehmen auf das Modell. 2015 könnten es rund 60 Prozent sein, prognostiziert das Zukunftsinstitut in Kelkheim in einer aktuellen Studie. Der Begriff Work-Life-Balance werde sein Ende erreichen, schreiben die Autoren darin. Er unterstelle eine Trennung zwischen Beruf und Leben, welche Menschen in Zukunft kaum noch spüren könnten. Der „Otto Normalbeschäftigte“ wird schleichend von der Regel zur Ausnahme, mutmaßen die Wissenschaftler.

    Fließende Übergänge zwischen Job und Privatleben. Vielleicht auch noch die Vermischung von beidem. Kann das gut gehen? Zu viel Flexibilität am Arbeitsplatz, so sehen es Gewerkschafter, das hat seine Schattenseiten, sagen sie. In punkto Vertrauensarbeit heißt das konkret: „Wenn Zeit nicht erfasst wird, merkt man kaum, wie viele Stunden man länger im Büro verbringt“, so Verdi-Mitarbeiterin Sylvia Skrabs. Zwar könne dieses Zeitarbeitsmodell für bestimmte Berufsgruppen günstig sein – wie zum Beispiel für Wissenschaftler, die an Projekten arbeiten. Doch müssten die Rahmenbedingungen stimmen. „Wenn Vertrauensarbeit funktionieren soll, sagt sie, müsse der Arbeitgeber die Ressourcen, also Zeit und Personal, vernünftig einplanen. Zu wenig Mitarbeiter und zu wenig Zeit für ein Projekt, das funktioniere nicht. „Am Ende steht womöglich das Burnout.“

    Die Gefahr einer solchen Überforderung ist IBM durchaus bekannt. Mit Infomaterial kläre man die Belegschaften über die Besonderheiten des Arbeitszeitmodells auf. Für Manager gebe es entsprechende Schulungen. „Führungskräfte haben eine besondere Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern“, so Personalverantwortlicher Liebmann. „Sie haben ein Auge darauf, dass sich die Angestellten nicht überfordern.“

    „Die Mitarbeiter schätzen die Vertrauensarbeitszeit“, sagt Liebmann. Sie sei zum Beispiel wichtig, um Familie und Beruf besser zu vereinbaren. Werde die Kita bestreikt, könne die Mutter ihre Tochter zuhause behalten und von dort aus arbeiten. Auch die Pflege von Angehörigen ließe sich mit flexiblen Arbeitszeiten besser organisieren.

    Bei Verdi ist man prinzipiell dafür, dass die Arbeitszeit erfasst wird. „Schließlich verkaufen wir unsere Zeit für Geld“, meint Gewerkschaftssekretärin Skrabs. Je mehr Stunden Beschäftigte in Form von unbezahlter Mehrarbeit ableisten, desto weniger seien sie pro Stunde wert. „Auch mit Zeiterfassung können Beschäftigte selbstständig arbeiten“, sagt sie.

    Fließende Übergänge

    Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen: Das ist das zentrale Ergebnis einer aktuellen Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB).

    Gut ein Viertel (27 Prozent) der Beschäftigten gibt laut Studie an, sehr häufig oder oft auch in der Freizeit für die Arbeit erreichbar sein zu müssen. Jeder Siebte (15 Prozent) arbeitet sogar sehr häufig oder oft unbezahlt in seiner Freizeit. Unter diesen Umständen sei es nicht verwunderlich, so der DGB, dass mehr als ein Drittel (37 Prozent) auch zu Hause an Schwierigkeiten bei der Arbeit denken müsse. Fast die Hälfte (49 Prozent) der Befragten  sagen außerdem, dass sie im letzten Jahr mindestens zweimal zur Arbeit gegangen sind, obwohl sie sich „richtig krank“ gefühlt

  • Teure Rettung

    Die Stabilisierung der Währung kostet die Steuerzahler im schlechteren Fall bis zu 400 Milliarden Euro

    Eins ist sicher: Die deutschen Staatsbürger und Steuerzahler werden für die Stabilisierung des Euro bezahlen. Im günstigsten Fall beträgt die Rechnung einige Dutzend Milliarden Euro, im schlechteren ist eine Größenordnung von 400 Milliarden Euro in den kommenden Jahrzehnten denkbar. Am Dienstag einigten sich Koalition und Opposition, dass der Bundestag bei allen wichtigen Entscheidungen des vorläufigen Rettungsschirms EFSF das letzte Wort hat.

    22 Milliarden Euro, die definitiv fällig werden, fließen aus dem Bundeshaushalt von Finanzminister Wolfgang Schäuble an den permanenten Stabilitätsmechanismus ESM. Demnächst beschließt der Bundestag einen Nachtragshaushalt für 2012, um den ersten Anteil von 8,6 Milliarden Euro zu überweisen. Finanziert wird dieses Geld aus den Steuereinnahmen, zu denen die meisten Bürger und Unternehmen beitragen. Die Mittel dienen dazu, Kredite an verschuldete Staaten wie beispielsweise Griechenland oder Irland abzusichern.

    Mit ziemlicher Sicherheit übernehmen müssen die Steuerzahler auch Verluste von bis zu zehn Milliarden Euro, die etwa die mittlerweile staatseigene HRE-Bank mit griechischen Staatsanleihen macht.

    Außerdem stellt Deutschland hohe Bürgschaften für das erste Griechenland-Paket, sowie die beiden Stabilisierungsfonds EFSF und ESM zur Verfügung. Für Griechenland I sind dies 22 Milliarden, für den EFSF potentiell 211 Milliarden, für den ESM könnten es bis zu 168 Milliarden Euro sein. Zusammen macht das 401 Milliarden Euro.

    Ein Teil dieser Summe würde aber erst dann als Garantie fällig, wenn verschuldete Staaten, die Kredite der Fonds erhalten haben, diese nicht mehr zurückzahlen könnten. Dass die deutschen Steuerzahler alle Bürgschaften tatsächlich finanzieren müssen, ist auch deshalb sehr unwahrscheinlich, weil der ESM zunächst einmal sein Eigenkapital einsetzen kann.

    Darüberhinaus geht Deutschland weitere Risiken ein, die aber schwer einzuschätzen und zu quantifizieren sind. So stellt die Bundesbank dem Internationalen Währungsfonds einige Milliarden Euro für eine IWF-Kapitalaufstockung zur Verfügung. Sollte der IWF in Schwierigkeiten geraten, könnten im Extremfall auch daraus Zahlungsverpflichtungen erwachsen.

    Hinzu kommt eine gewisse Mithaftung Deutschlands für die Staatsanleihen verschuldeter Länder, die die Europäische Zentralbank erworben hat. Auch für rund eine Billion Euro, die die EZB jüngst den Geschäftsbanken zur Verfügung stellte, tragen Bundesbank und letztlich die Steuerzahler eine Mitverantwortung. Schließlich existiert das Zinsrisiko: Wegen die Milliarden-Bürgschaften könnten Investoren höhere Zinsen für deutsche Staatsanleihen verlangen, was ebenfalls die Kosten für die Steuerzahler erhöhte. Addiert man solche Risiken, kommen schnell fantastische Zahlen heraus, von denen niemand weiß, ob sie jemals realistisch werden.

  • Nur eine Richtung

    Kommentar zum Benzinpreis von Hannes Koch

    Für Autofahrer ist der steigende Benzinpreis ein steter Quell neuer Ärgernisse. Gerade klettern die Kosten wieder besonders schnell. Zwar versuchen einige Landesregierungen nun gegenzusteuern, doch sind die Erfolgsaussichten gering.

    Die Idee der Benzinkosten-Bremse ist diese: Müssen die Konzerne Preiserhöhungen anmelden und dürfen sie sie nur einmal täglich vollziehen, bleibt die Steigerung in Grenzen. Verhindern lässt sie sich jedoch kaum. Die fünf Unternehmen, die den deutschen Markt beherrschen, kennen ihre Geschäftspraktiken gegenseitig gut genug. Sie wissen, welche Erhöhung sich durchsetzen lässt, ohne dass das Kartellamt einschreiten kann.

    Eine bessere Strategie wäre es, die Macht der Marken einzuschränken. Die Politik müsste die Tankstellen auf mehr Unternehmen verteilen und dadurch die Konkurrenz erhöhen. Dagegen spricht jedoch nicht nur die Logik der gegenwärtigen Ordnung, sondern auch die Realität der globalen Treibstoffherstellung. Der Kraftstoff ist nur deshalb noch so relativ billig, weil ihn transnationale Konzerne in gigantischen Mengen produzieren und liefern.

    Dieses System freilich wird schwächer: Während die Nachfrage steigt, werden die Erdöllager leergepumpt. So lautet die entscheidende Botschaft: Wir müssen uns auf viel spürbarere Preissteigerungen einstellen, als wir sie bisher kennen.

  • Wirkung der Spritpreis-Bremse fraglich

    NRW und Thüringen wollen hektische Benzinkosten-Schankungen unterbinden

    Angesichts der hohen Spritkosten fordern fünf Bundesländer eine Benzinpreis-Bremse. Unter anderem Nordrhein-Westfalen und Thüringen bringen deshalb am kommenden Freitag entsprechende Anträge in den Bundesrat ein. Auch wegen der bevorstehenden Osternferien und des Wahlkampfs in NRW gewinnt die Debatte an Fahrt.

    Wie entwickeln sich die Benzinpreise aktuell?
    Mit einer Stichprobe in elf Städten hat der ADAC gerade herausgefunden, dass die Kosten gegenwärtig außerordentlich stark schwanken. Vielerorts erhöhen die Tankstellen der großen Marken nachts oder morgens ihre Preise teilweise um bis zu zehn Cent pro Liter. Im Laufe des Tages sinken die Notierungen dann jedoch wieder. Hinzu kommt, dass E10-Benzin und Diesel gegenwärtig so teuer sind wie selten zuvor.   

    Welche sind die Ursachen für die hohen Kosten?
    Einerseits steigt der Preis für Rohöl, der ausschlaggebend ist für die Kosten des Kfz-Kraftstoffs.  Dazu tragen die Revolutionen in arabischen Staaten ebenso bei der bevorstehende europäische Boykott von Ölexporten des Iran. Zweitens spielt eine Rolle, dass die Mineralölkonzerne offenbar ihre Gewinnmarge ausweiten. Zu diesem Schluss kam unlängst die Hamburger Forschungs- und Beratungsfirma EnergyComment in einer Studie für die Grünen. Die großen Marken setzen die Preise zunehmend dann herauf, wenn die Autofahrer dringend tanken müssen – morgens auf dem Weg zur Arbeit oder vor der Autobahnfahrt in den Urlaub.

    Wie soll die Benzinpreisbremse funktionieren?
    Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger (SPD) plädiert für eine Regelung wie in Westaustralien. Dort müssen die Tankstellen dem Handelsministerium eine Preisanhebung vorab ankündigen und dürfen dann den Wert am folgenden Tag zwischen 6.00 Uhr und 24.00 Uhr nicht mehr ändern. Abweichungen sind erst für den übernächsten Tag möglich. Voigtsberger hegt die Hoffnung, dass den Kunden dadurch die hektischen Preiserhöhungen erspart bleiben. Thüringens CDU-Verkehrsminister Christian Carius sieht das ähnlich, orientiert sich hingegen am österreichischen Vorbild. Auch dort dürfen die Tankstellen die Preise nur einmal täglich nach oben setzen, allerdings können sie sie öfters senken.  

    Wird das Benzin dadurch billiger?
    Nicht nur der ADAC weist daraufhin, dass der Sprit in Österreich nach der Regulierung tendenziell teurer war als vorher – wenn auch nicht ganz so kostspielig wie in Deutschland. Die Autofahrer müssen sich zwar nicht ständig mit den hektischen Preisbewegungen auseinandersetzen, Geld sparen sie jedoch nicht. Gegen das australische Modell argumentiert unter anderem der Bundesverband der Freien (markenunabhängigen) Tankstellen, dieses raube den kleinen Firmen die Möglichkeit, schnell und flexibel zu reagieren und den großen Anbietern damit Paroli zu bieten. Der Mineralölwirtschaftsverband hält von beiden Regelungen nichts.

    Warum schreitet das Bundeskartellamt nicht ein?
    Andreas Mundt, der Präsident des Bundeskartellamtes, hat sich für die australische Regulierung ausgesprochen. Direkt in die Preisbildung einzugreifen, sieht das Kartellamt keine Möglichkeit. Die Benzinpreise der Marken Aral-BP, Shell, Esso, Jet und Total würden sich zwar ähnlich entwickeln, aber nicht auf nachweisbaren Absprachen beruhen. Um den fünf großen Konzernen nicht noch mehr Einfluss zu verschaffen, will das Kartellamt verhindern, dass jene weitere Tankstellen kaufen.

    Wie geht es jetzt weiter?  
    Wenn der Bundesrat den Anträgen zustimmt, ist die Bundesregierung gefordert, einen Gesetzesvorschlag auszuarbeiten. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) sagte gestern, zunächst wolle er die Angelegenheit mal ordentlich untersuchen lassen.

  • Aldi-Preise haben ihren Preis

    Discount-Kette könnte ihren Zuliefer-Arbeiterinnen bessere Löhne zahlen. Kampagne für Saubere Kleidung kritisiert kärgliche Bezahlung und extrem lange Arbeitszeiten

    Wie Aldi-T-Shirts in Bangladesch produziert werden, weiß Khorshed Alam sehr genau. „Die meist weiblichen Beschäftigten arbeiten bis zu 100 Stunden pro Woche und können dennoch von ihren kargen Löhnen kaum leben,“ sagt Alam. Im Auftrag der Kampagne für Saubere Kleidung hat der Arbeitsrechtler kürzlich zehn Bekleidungsfabriken in Bangladesch besucht und mit den Arbeiterinnen gesprochen. Nun reist er durch Deutschland, um die Öffentlichkeit über den Preis der Aldi-Produkte zu informieren.

    100 Stunden pro Woche? Das macht im Durchschnitt 14 Stunden täglich an der Nähmaschine in der Fabrik, auch Samstag und Sonntag. Diese Arbeitszeit ist weit mehr, als das Arbeitsgesetz in Bangladesch erlaubt, erklärt Alam. Der Lohn für diese quasi ununterbrochene Schufterei beläuft sich seinen Recherchen zufolge auf maximal 8.500 Taka, was etwa 78 Euro im Monat entspricht. Stundenlohn: umgerechnet rund 20 Euro-Cent. Davon könne eine vierköpfige Familie selbst in Bangladesch nicht leben, sagen Gisela Burckhardt und Sandra Dusch Silva von der Kampagne für Saubere Kleidung.

    Wie könnte man das ändern? Aldi müsste seine Zulieferer verpflichten, den Arbeiterinnen höhere Löhne zu zahlen. Weil der Lohnanteil am Preis eines 4,95-Euro-T-Shirts vielleicht 13 Cent beträgt, würde selbst die Verdoppelung der Bezahlung den Verbraucherpreis kaum erhöhen. Aldi könnte seine Billigstrategie fortsetzen, müsste allerdings eine gewisse Einbuße bei der Gewinnmarge hinnehmen. Statt 60 Cent pro Hemd würde das Unternehmen dann vielleicht noch 50 Cent Profit erwirtschaften.

    Ökonomisch würde eine derartige Unternehmenspolitik dem Discount-Imperium vermutlich nicht schaden. Die Forbes-Liste führt Aldi-Gründer Karl Abrecht auf Platz zehn der reichsten Erdenbürger. Ihm wird ein Vermögen von 20 Milliarden Euro zugeschrieben. Die Nachkommen seines verstorbenen Bruders Theo rangieren mit 14 Milliarden Euro auf  Platz 32.  

    Zur konkreten Kritik war von Aldi Süd am Freitag keine Stellungnahme zu erhalten. Frühere Vorwürfe der Kampagne für Saubere Kleidung beantwortete eine Sprecherin, indem sie darauf verwies, dass man einen Verhaltenskodex für Firmen (BSCI) umsetze. Diese Vorschriften untersagen, dass Zulieferer gegen örtliche Gesetze verstoßen. Beispielsweise im Falle der Arbeitszeiten muss man jedoch davon ausgehen, dass Aldi die eigenen Zusagen missachtet.

  • Pilotinnen auf dem Vormarsch

    Die Frauenquote ist wunder Punkt der Fluggesellschaften. Traut Euch in die Cockpits, sagen sie.

    Nach New York, Dubai oder Singapur soll es später einmal gehen. Langstrecke zu fliegen, das ist Anke Hüpperlings Traum. In ein paar Jahren könnte die 24-Jährige tatsächlich im Cockpit eines Airbus oder einer Boing sitzen und den Atlantik hoch über den Wolken überqueren. Gerade absolviert die junge Mönchengladbacherin eine Ausbildung zur Verkehrsflugzeugpilotin – an der dortigen RWL German Flight Academy.

    Die Ausbildung ist teuer. Die Anforderungen sind hoch. Dennoch entscheiden sich jedes Jahr Tausende junge Menschen dafür, ihren Traum vom Fliegen wahr werden zu lassen. Auch wenn sich immer mehr Frauen in die Branche trauen, bleiben sie in der Minderheit. Gerade einmal 348 Frauen waren unter den insgesamt 9.372 Piloten, die 2008 ihre Lizenz zum Verkehrsflugzeugführer erhielten. Im vergangenen Jahr waren es 405 von 9.894.

    Die Frauenquote ist wunder Punkt der Airlines. Seit Jahren bewegt sie sich bei der Lufthansa um die sechs Prozent. Dabei wünscht sich die Kranichairline mehr weibliche Flugzeugführer ins Cockpit. „Ist eine Pilotin in der Crew, verbessert sich das Kommunikationsklima“, sagt Unternehmenssprecher Michael Lamberty. Klar müsse man sich damit anfreunden, in einem technischen Umfeld zu arbeiten. Das bedeute aber nicht, dass man an Triebwerken herumschraubt.

    Nicht nur der Gedanke, der Beruf sei viel zu technisch, könnte Frauen davon abhalten, sich der Karriere zu stellen. „Sie denken vielleicht, Familie und der Beruf als Pilotin passen nicht zusammen, weil die Arbeitszeiten so unregelmäßig sind“, erläutert Lamberty. Doch das sei eine falsche Annahme, schließlich gebe es zahlreiche Teilzeitmodelle.

    Auch Jens Küper, der mit seinem Vater Werner Küper die RWL German Flight Academy leitet, wünscht sich, dass mehr Frauen den Luftraum erobern. „Sie machen den Job nicht weniger gut“, sagt er. Der Weg zur Verkehrspilotenlizenz sei allerdings anspruchsvoll. 18 bis 20 Monate dauert die Ausbildung an seiner Schule. „Die Schüler müssen immer zur Verfügung stehen und so etwas wie Sommerferien gibt es bei uns nicht.“

    Rund 6.000 junge Menschen versuchen ihr Glück jedes Jahr bei der Lufthansa, der größten deutschen Fluggesellschaft. Doch nur zwischen acht und zehn Prozent von ihnen überstehen den harten Bewerbungsmarathon. „Da wird kräftig gesiebt“, sagt Unternehmenssprecher Michael Lamberty. „Es gilt über alle Hürden zu springen.“ Piloten müssten in allen Disziplinen gut sein. Man suche keine Überflieger. Aber schlechte Mathe- oder Englischkenntnisse ließen sich hier nicht durch gute Geographie- oder Technikkenntnisse ausbügeln.

    Trotz der hohen Ablehnungsquote sollte sich keiner davor scheuen, sich den Einstellungstests der Kranichairline zu stellen. „Wer denkt, er hat das Zeug zum Flugkapitän, sollte sich bewerben“, ermutigt Lamberty. In diesem Jahr stehen die Chancen, einen der begehrten Ausbildungsplätze zu ergattern, sogar geringfügig besser. 330 Flugschüler sucht das Unternehmen – 50 mehr als 2011. Wer bei Lufthansa nicht genommen wird, sollte dennoch nicht verzagen. „Eine Absage bedeutet nicht unbedingt, dass aus dem Bewerber kein guter Pilot werden kann“, sagt der Unternehmenssprecher.

    Ganz egal bei welchem Betrieb Verkehrsflugzeugpiloten ihre Ausbildung absolvieren – sie ist teuer. 60.000 Euro beträgt der Eigenanteil der Teilnehmer bei der Lufthansa. Bis der Betrag fällig wird, stellt ihn die Airline jedoch zins- und tilgungsfrei. Erst, wenn die Absolventen ihren Job in der Tasche haben und die ersten Gehaltszahlungen auf dem Konto eingegangen sind, steht die Rückzahlung in monatlichen Raten von mindestens 300 Euro an. Bei einem Verdienst von 60.000 Euro im ersten Jahr, schlägt dieser Betrag jedoch kaum zu Buche.

    67.000 Euro wird Anke Hüpperling am Ende ihre Ausbildung samt Fluglizenz berappt haben. Die 24-Jährige ist froh, dass ihre Eltern sie finanziell unterstützen. Doch auch Schüler der Mönchengladbacher Flugakademie, die nicht so viel Glück wie Anke haben, müssen auf den Traum vom Fliegen nicht verzichten. Sie können auf ein Darlehen der Nationalbank zählen, für das sie keine Sicherheiten mitbringen müssen.

    Tipp: Lufthansa und die RWL German Flight Acadmy sind nur zwei von insgesamt 84 Betrieben in Deutschland, die Piloten ausbilden. Im Internet unter www.vcockpit.de finden Interessierte eine Checkliste für die Auswahl einer geeigneten Flugschule.

  • Der bequeme Weg

    Kommentar zur Neuverschuldung von Hannes Koch

    Mehr Schulden trotz Schuldenbremse – so lautet die neueste Botschaft von Finanzminister Wolfgang Schäuble. Eine merkwürdige Nachricht: Einerseits soll Europa sparen, weil einige Staaten überschuldet sind. Selbst Deutschland steht mit mehr als 2.000 Milliarden Euro in der Kreide. Andererseits plant Schäuble dieses Jahr wieder doppelt so viele Schulden wie 2011. Auf der Hitliste der sinnlosesten Politiker-Begriffe könnte die so genannte Schuldenbremse bald ganz oben stehen.

    Was macht der Finanzminister da eigentlich? Er geht den bequemen Weg. Angesichts der augenblicklichen ökonomischen Stärke Deutschlands hofft er auf weiteres Wirtschaftswachstum bis 2016. Schäubles Kalkül: Wenn das Bruttoinlandprodukt beispielsweise um 1,5 Prozent jährlich steigt, kann er sich eine gewisse Neuverschuldung leisten. Im Verhältnis zum BIP würde die Kreditsumme trotzdem relativ zurückgehen und die Schuldenbremse eingehalten – obwohl tatsächlich weitere Schuldenmilliarden hinzukommen.

    Grundsätzlich kann dieser Mechanismus funktionieren. Aber der Finanzminister macht es sich doch ziemlich einfach. Ohne allzu große Probleme könnte Schäuble rund zehn Milliarden Euro aus dem Haushalt 2013 herausschneiden – beispielsweise durch zusätzliche Sparmaßnahmen bei Subventionen oder den Verzicht auf die Senkung der Einkommensteuer. Der Anstrengung setzt sich Schäuble aber nicht aus – er legt einen Wohlfühl-Etat vor und hofft, seine Ziele quasi automatisch zu erreichen.

    Vielleicht klappt das, vielleicht aber auch nicht. Nach der gegenwärtig soliden Phase wird unweigerlich die nächste Rezession folgen. Dann rufen alle nach antizyklischer Politik – höherer Neuverschuldung, um der Schrumpfung entgegenzuwirken. Gut wäre es, wenn diese Investitionen nicht aus neuen Krediten, sondern zumindest teilweise aus Überschüssen der aktuellen Boomphase finanziert werden könnten. Gegenwärtig sieht es nicht danach aus, als wollte Schäuble diesen Spielraum erwirtschaften. Die christlich-liberale Koalition läuft damit Gefahr, die jahrzehntealte Politik wachsender Schuldenberge fortzusetzen.

  • „Die Regierung gibt sich zu wenig Mühe“

    Finanzminister Schäuble könnte mehr sparen, wenn er wollte, sagt RWI-Ökonom Rainer Kambeck

    Hannes Koch: Die deutsche Wirtschaft läuft gut, die Steuereinnahmen fließen reichlich. Trotzdem beschließt das Bundeskabinett am Mittwoch weitere Milliarden-Schulden für 2013. Ist das gerechtfertigt?

    Rainer Kambeck: Nein, man kann in der Tat kritisch anmerken, dass die Neuverschuldung in diesem und kommendem Jahr verglichen mit 2011 wieder ansteigen soll. Und das, obwohl die Steuereinahmen weiter zulegen. Die Regierung gibt sich zu wenig Mühe, ihre eigenen Beschlüsse aus dem zurückliegenden Sparpaket umzusetzen. Eigentlich wollte sie mehr Mittel aus dem Verteidigungshaushalt herausgekürzen. Beim Abbau von Subventionen für Unternehmen ist die Koalition ebenfalls zu zurückhaltend. Beispielsweise erhält die Deutsche Bahn weiterhin hohe Investitionszulagen, obwohl der Konzern beträchtliche Gewinne erzielt. Einsparungen wären auch möglich, indem man Vergünstigungen bei der Energiesteuern oder bei der Umsatzsteuer einschränkte. Auch bei der Einkommensteuer können auf lange Sicht Vergünstigungen wie steuerfrei Zuschläge oder die Pendlerpauschale reduziert werden.

    Koch: Eigentlich soll die Neuverschuldung gen Null sinken. Nimmt die Regierung die Schuldenbremse nicht ernst?

    Kambeck: Doch, sie hält die Schuldenbremse wahrscheinlich ein. Die Regelung besagt, dass die neuen Schulden im Bundeshaushalt bis 2016 auf ein Minimum sinken müssen – 0,35 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Das wird die Regierung schaffen. Dazu ist sie auch gezwungen, schließlich führt auf ihre Initiative hin gerade ganz Europa diese Schuldenbegrenzung ein.

    Koch: Bereits 2014, sagt Finanzminister Wolfgang Schäuble, werde er die Schuldenbremse umsetzen. Aber auch für jenes Jahr plant er noch 14 Milliarden Euro neue Kredite. Welchen Sinn hat eine Bremse, bei der die Regierung munter weiter Gas gibt?

    Kambeck: Es wäre ein Missverständnis anzunehmen, dass die Schuldenbremse neue Kredite komplett verbietet. Sie müssen sich allerdings in engen Grenzen halten. Wenn die Neuverschuldung beispielsweise nur um ein Prozent steigt, das Wirtschaftswachstum aber um zwei Prozent, sinkt die gesamtstaatliche Belastung. Absolut betrachtet legt die Staatsverschuldung zwar weiter zu, relativ zur Wirtschaftsleistung nimmt sie aber ab. Das ist das Entscheidende.   

    Koch: Wir haben jetzt eine Zeit guter Konjunktur. In einigen Jahren wird die nächste Krise kommen – mit steigender Neuverschuldung. Anstatt auch jetzt noch zusätzliche Kredite aufzunehmen, müsste die Regierung doch eigentlich Überschüsse zurücklegen, damit sie in der Krise Mittel zum Investieren hat.

    Kambeck: Diese Überlegung ist grundsätzlich richtig. Wobei wir jetzt in Rechnung stellen müssen, dass wir aus dem tiefen Tal von 2009 kommen. Erst allmählich findet die deutsche Wirtschaft wieder zu ihrer alten Kraft, die sie vor der Finanzkrise hatte. Augenblicklich wäre es deshalb verfrüht, Überschüsse im Bundeshaushalt zu verlangen. In den kommenden Jahren jedoch könnte sich die Lage so positiv entwickeln, dass tatsächlich Rücklagen gebildet werden müssten. Dann reicht der bisherige Plan, nur die Neuverschuldung zu reduzieren, möglicherweise nicht mehr aus.

    Koch: Die Regierung will die Einkommensteuer leicht senken, um die so genannte kalte Progression abzubauen. Das kostet rund sechs Milliarden Euro, bringt dem einzelnen Steuerzahler aber nur geringe Erleichterung. Ist diese Maßnahme richtig oder falsch?

    Kambeck: Sie ist absolut richtig. Schließlich wächst die Belastung mit Einkommensteuer regelmäßig nur deshalb, weil die Verdienste infolge der Inflation nominell zunehmen. Real steigen sie dagegen genauso wenig wie die Leistungsfähigkeit der Steuerpflichtigen. Deshalb ist es richtig, wenn die Regierung diese automatische Steuererhöhung an die Bürger zurückgibt.

    Bio-Info
    Rainer Kambeck (50) leitet den Bereich für Öffentliche Finanzen am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Er ist Mitglied im Arbeitskreis Finanzwissenschaft beim Bundesfinanzminister.

  • Finanzmarkt bleibt ohne Wächter

    Anhörung im Bundestag zeigt Kontrollbedarf / Doch Regierung und Opposition liegen weit auseinander

    Mitunter platzt auch dem wenig auf Rabatz gepolten verbraucherpolitischen Sprecher der FDP im Bundestag der Kragen. „Ich bin extrem sauer“, wettert Erik Schweikert über das Verhalten der Bundesfinanzaufsicht (BaFin) im Verbraucherausschuss. 24 Fragen seien der Behörde gestellt, keine beantwortet worden. Beim Nachbohren wurde schnell klar, warum sich das Amt bei der Frage, ob Verbraucherrechte künftig auch von der Finanzaufsicht vertreten werden sollen, so zurückhält. Das Finanzministerium hatte die kargen Antworten vorgegeben. Minister Wolfgang Schäuble will die Interessen der Sparer nicht weiter stärken. Sein Gesetzentwurf zur Finanzaufsicht sieht keine grundlegende Neuordnung zugunsten der Anleger vor.

    Grüne, SPD und Linke geht die Regierungslinie gegen den Strich. Die Oppositionsparteien wollen einen Finanzmarktwächter einführen. Denn die Anleger verlieren viel Geld, weil sie es in die falschen Produkte stecken oder übertriebenen Werbesprüchen der Banken und Versicherungen auf den Leim gehen. „Da reden wir über einen dreistelligen Milliardenbetrag“, schätzt der Anlageexperte der Hamburger Verbraucherzentrale, Günter Hörmann. Insbesondere bei den langlaufenden Verträgen für die private Altersvorsorge entgehen den Kunden Erträge.

    Der Finanzmarktwächter soll die Anlageprodukte und das Verhalten der Anbieter im Blick behalten, Beschwerden sammeln, Fehlentwicklungen aufdecken und für eine bessere Information der Öffentlichkeit über die Finanzprodukte sorgen. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) würde diese Aufgabe gerne übernehmen. Zehn Millionen Euro im Jahr veranschlagt vzbv-Chef Gerd Billen dafür. Angesichts der Milliardenschäden, die den Verbrauchern jährlich entstehen, ist dies ein eher bescheidener Betrag.

    Die Sache hat jedoch einen gewaltigen Haken. Ein Aufpasser allein bewirkt nichts. Eine mit Hoheitsrechten ausgestattete Behörde muss die erkannten Mängel auch per Order abstellen können. Das können Verbraucherverbände nicht leisten. Spätestens an diesem Streitpunkt gehen die Auffassungen zwischen Regierung und Opposition weit auseinander. Die einen wollen keine wesentlich strengere Finanzaufsicht. Die BaFin soll sich also weiterhin vorrangig um funktionierende Finanzmärkte kümmern.

    Die anderen fordern eine aktive Rolle der Behörde beim Verbraucherschutz, so wie es in England etwa der Fall ist. Bei der BaFin reden vor allem die Anbieter der Sparprodukte mit. Kundeninteressen bleiben außen vor. Und die Behörde behält ihr Wissen über unseriöse Praktiken auch lieber für sich.

    „Wir brauchen eine Verbraucherstimme, die den Markt beobachtet, Beschwerden erkennt und systematisch weitergibt“, stellt SPD-Verbraucherexpertin Kerstin Tack fest. Und die Grüne Abgeordnete Nicole Maisch sieht sich in der Forderung nach einem Finanzmarktwächter und weitergehenden Aufgaben der BaFin bestätigt. „Unser Konzept ist mehr als reif“, sagte Maisch nach der Anhörung.

    Passieren wird aber erst einmal nichts. Schwarzgelb hat gerade 1,5 Millionen Euro im Jahr für die Stiftung Warentest herausgerückt. Damit soll die Stiftung Finanzprodukte auf ihre Tauglichkeit hin überprüfen. Bei einigen zehntausend Anlageprodukten muss sich die Einrichtung nur auf wenige Anlagen beschränken. Von einem Finanz-TÜV kann ebenso wenig die Rede sein wie von einer Marktkontrolle.

  • „Unter dem Strich ist der Einsatz gerechtfertigt“

    Die Bundeswehr in Afghanistan sei nicht gescheitert, sagt Adrienne Woltersdorf/ FES Kabul

    Hannes Koch: Frau Woltersdorf, US-Soldaten in Afghanistan haben Koran-Exemplare auf den Müll geworfen, ein US-Militär erschoss in einem Amoklauf kürzlich mehrere Einheimische, die Bundeswehr räumte aus Besorgnis einen Stützpunkt. Fühlen Sie sich in Kabul nun stärker gefährdet?

    Adrienne Woltersdorf: Die Situation ist angespannt. Die Dolmetscher, die Ausländer begleiten, werden zum Beispiel häufig gefragt, warum sie noch für die Ungläubigen arbeiten.

    Hannes Koch: Führen Sie ein einigermaßen normales Leben, wie kommen Sie beispielsweise morgens ins Büro?

    Woltersdorf: Von einem normalen Alltagsleben kann kein Rede sein. Ich gehe fast nie zu Fuß. Unsere Fahrer nehmen jeden Tag einen anderen Weg – nicht aus Angst vor Anschlägen der Taliban, sondern um Entführungen zu vermeiden. Die zunehmende Kriminalität ist ein großes Problem. Die internationalen Helfer versuchen, möglichst nicht aufzufallen, um keine feindlichen Reaktionen hervorzurufen. In Kabul gibt es zwar etwa 40 internationale Restaurants, aber auch dort treffen wir uns kaum noch.

    Koch: Wie können Sie Fortschritte für die afghanische Bevölkerung erreichen, wenn Sie sich unsichtbar machen?

    Woltersdorf: Bisher ist es uns durchaus gelungen, die aufkeimende afghanische Zivilgesellschaft zu unterstützen, die Interesse an Partizipation und Offenheit hat. Wir helfen beispielsweise jungen Leuten dabei, die Kenntnisse zu erwerben, die ihnen eine Mitwirkung im politischen System gestatten. Augenblicklich ist die Durchlässigkeit sehr hoch, ehrgeizige Zwanzigjährige machen alles gleichzeitig – studieren, arbeiten, Karriere. In jungen Jahren kann man schon eine hohe Position in einem Ministerium bekleiden.

    Koch: Ist das der wichtigste Fortschritt, den das Engagement des Westens für die afghanische Bevölkerung gebracht hat?

    Woltersdorf: Die ökonomische und politische Teilhabe halte ich für entscheidend. Außerdem muss man wissen, dass weite Teile Afghanistans mittlerweile stabil und friedlich sind – trotz gegenteiliger Nachrichten aus den südlichen Provinzen.

    Koch: Der ehemalige Bundeswehr-Generalinspekteur Harald Kujat hält den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan für gescheitert. Richtig oder falsch?

    Woltersdorf: Insgesamt ist dieses Urteil zu negativ. Einerseits haben die internationalen Truppen zwar die Fähigkeit der Taliban unterschätzt, immer neue, junge Kämpfer zu rekrutieren. Andererseits sind aber vielerorts Strukturen entstanden, auf denen die Zukunft aufgebaut werden kann. Die Bilanz ist gemischt. Unter dem Strich ist der Einsatz gerechtfertigt.

    Koch: Nach dem Amoklauf wird nun diskutiert, die ausländischen Truppen früher abzuziehen als zum eigentlich geplanten Termin 2014. Was würde passieren, wenn die Bundeswehr und möglicherweise auch die anderen Staaten Afghanistan schneller verließen?

    Woltersdorf: Schon die ungeordnete Debatte über den früheren Abzug richtet großen Schaden an. Sie setzt eine negative Dynamik in Gang. Beispielsweise lässt damit der Druck auf die Taliban nach, sich an Friedengesprächen zu beteiligen. Außerdem nimmt die Zukunftsangst der afghanischen Bevölkerung zu. Die Menschen vertrauen ihren eigenen Soldaten und Polizisten noch nicht, dass diese das Land ohne die Hilfe des Westens stabil halten können.

    Koch: Wäre es aus heutiger Sicht nicht eher notwendig länger zu bleiben?

    Woltersdorf: Das ist schwer zu beantworten. Sollte der augenblickliche negative Trend anhalten, besteht die Gefahr, dass die einheimischen Sicherheitskräfte 2014 noch nicht stark genug sind, um alleine für Stabilität zu sorgen. Die Afghanen sorgen sich, dass die Wirtschaft des Landes einbricht, wenn die Truppen abziehen. Die schlechte Sicherheitslage und die zunehmende Kriminalität könnten dann dazu führen, dass weniger Investitionen ins Land kommen.

    Bio-Kasten

    Adrienne Woltersdorf (45) ist Büroleiterin der Friedrich-Ebert-Stiftung der SPD in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Zuvor leitete sie das chinesische Programm der Deutschen Welle in Bonn und war USA-Korrespondentin der Berliner Tageszeitung taz. Sie ist verheiratet mit dem deutsch-türkischen Journalisten Cem Sey, der aus Kabul berichtet.

    Info-Kasten

    Wie weiter mit Afghanistan?

    Soll die Bundeswehr früher aus Afghanistan abziehen? Eigentlich ist Ende 2014 als Termin für den Abzug festgelegt. Nach dem Amoklauf eines US-Soldaten erklärte Afghanistans Präsident Karsai jedoch unlängst, dass die einheimischen Streitkräfte schon 2013 ohne Unterstützung des Westens auskämen. Nicht nur zwischen den Regierungen gibt es Uneinigkeit und Unzufriedenheit. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung plädiert laut Umfragen ebenfalls für einen schnelleren Abzug vor 2014.

  • Ein Datum ohne Wert

    Durch mehr Aufklärung sollen weniger Lebensmittel im Müll landen

    Das auf Lebensmittelverpackungen angegebene Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) sagt nichts über den Zeitpunkt aus, an dem der Inhalt schlecht oder ungenießbar wird. „Es ist kein Wegwerfdatum, sondern eine Orientierungshilfe“, betont Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU). Zusammen mit dem Handel will das Ministerium die Kunden im Supermarkt besser über die Bedeutung des Aufdrucks aufklären. Denn oft werfen Verbraucher die Ware ungeprüft fort, wenn das Datum überschritten ist. Dabei sind der Joghurt oder der Fertiggericht noch eine ganze Weile genießbar.

    Die Aktion in den Märkten ist Teil der Kampagne Aigners gegen die Verschwendung von Nahrungsmitteln. Elf Tonnen Lebensmittel landen jährlich im Müll. Privathaushalte werfen durchschnittlich 82 Kilogramm anscheinend verdorbener Ware fort. Zwei Drittel der Erzeugnisse wären noch verwendbar. Ein Grund für die Abfallberg ist der von vielen Kunden missverstandene Haltbarkeitshinweis. Statt die Lebensmittel gleich zu entsorgen, rät Aigner den Verbrauchern zum Gütetest auf. „Sehen, riechen und probieren“, fordert die Ministerin von den Konsumenten. Dabei zeige sich rasch, ob die Ware noch in Ordnung ist.

    Die umstrittene Kennzeichnung gibt es bereits seit 30 Jahren. Der Aufdruck findet sich nicht auf allen Lebensmitteln. Bei Milchprodukten oder abgepackten Brot ist er selbstverständlich, bei losem Obst und Gemüse fehlt der Hinweis. Das Datum besagt lediglich, bis zu welchem Tag die Ware auf jeden Fall seine wichtigsten Eigenschaften wie den Geschmack behält. Über die tatsächliche Haltbarkeit sagt der Hinweis nichts aus. Auf Verpackungen mit Frischfleisch, Geflügel oder Fisch steht dagegen das leichter verständliche Verbrauchsdatum. Bis zu diesem Tage sollte die Ware verzehrt werden, weil Keime das leckeren Steak danach schnell in Gammelfleisch verwandeln.

    In die Kritik ist das MHD auch geraten, weil die Industrie hier bei der Kennzeichnung Spielräume hat. Entweder aus Vorsicht oder aufgrund eigener Geschäftsinteressen, so vermuten Skeptiker, werde ein Tag lange vor dem Verderben als Stichtag gewählt. „Wir fordern eine Festlegung des MHD aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse“, sagt die grüße Ernährungsexpertin Nicole Maisch. Für das Übermaß an Lebensmittelabfällen macht die Abgeordnete auch die Industrie verantwortlich. „Viele Lebensmittel vergammeln, weil sie nur in Großfamiliendimensionen erhältlich sind“, wirft Maisch den Herstellern vor. Die Verarbeiter bestreiten den Vorwurf. Die Unternehmen würden an einer Optimierung der Verpackungsgrößen und Gebinden arbeiten, teilt der Branchenverband der Ernährungsindustrie (BVE) mit.

    Mit Tipps für den Umgang mit der gekauften Ware wollen Regierung und Handel für einen verantwortungsvolleren Umgang mit Nahrungsmitteln werben. Auf Faltkärtchen und Flyern erklären die Experten, wie man die Ware am besten frisch hält, dass schimmliges Brot besser entsorgt wird und die sich mit der Zeit bildende Wasserschicht auf dem Joghurt gesundheitlich unbedenklich ist.

  • Gute Einrichtung

    Kommentar

    Schlichtungsverfahren sind für Verbraucher eine echte Entlastung, auch wenn sie längst nicht in allen Fällen Recht dabei bekommen. Grundsätzlich ist die außergerichtliche Einigung allein schon der niedrigen Kosten wegen sinnvoll. Auch das geringe Maß an Bürokratie entlastet Kunden und die Unternehmen auf der Gegenseite. Insofern ist die Ausweitung der bisherigen Versuche auf weitere Branchen sicher wünschenswert.

    Nach zähem Ringen wollen sich nun auch die Fluggesellschaften dem Schlichterspruch stellen. Ob sie ihn annehmen, muss sich erst zeigen. Eine Pflicht dazu besteht nicht. Davon hängt aber die Akzeptanz der Einrichtung bei den Passagieren ab. Ein zweiter Erfolgsbaustein für Schiedsgerichte ist die Unabhängigkeit der entscheidenden Personen. Das ist in Deutschland bei den anerkannten Stellen gesetzlich geregelt. Was die EU hingegen an Vorschlägen der außergerichtlichen Einigung verfolgt, ist wie so häufig in der Union unausgewogen zu Lasten der Verbraucher und zugunsten der Wirtschaft.

    Gerade das aktuelle Beispiel der Fluggesellschaften zeigt, wie schwer sich Unternehmen mit dieser Art der Offenheit tun. Statt auf ein möglichst gutes und konfliktfreies Verhältnis zu ihren Kunden setzen viele Firmen auf die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen. Unausgegorene Produkte und Dienstleistungen, falsche Versprechen, Einsparungen zu Lasten der Qualität oder Leistung sind üblich geworden. Wehren können sich die Verbraucher meist nur über aufwendige Gerichtsverfahren. Bei geringen Streitwerten verzichtet man meist darauf. Insofern könnte ein Trend zur Schlichtung auch einer zu einer anderen Unternehmenskultur werden, in dem Streit ausbleibt, weil gut gearbeitet wird. Die bockige Haltung der beiden Billigflieger Easyjet und Ryanair zeigt, dass manches Unternehmen von Einsicht noch weit entfernt ist.

  • Die Macht der Schlichter

    Bald auch Ombudsmann für Fluggäste / Schiedsverfahren auf dem Vormarsch

    Wenn der Bundestag mitspielt, können auch Flugpassagiere auf eine Schlichtungsstelle hoffen, die ihnen bei einem Streit mit den Airlines zu ihrem Recht verhilft. Der Weg für einen Ombudsmann ist frei, seit sich auch viele internationale Unternehmen bereit erklärt haben, am Schiedsverfahren teilzunehmen. „Durch die Einigung mit den großen Verbänden verspricht die Schlichtung ein echtes Erfolgsmodell zu werden“, sagt Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.

    Jahrelang haben sich die Airlines, anders als zum Beispiel die Bahnen, gegen eine kundenfreundliche Schiedsstelle gewehrt. Noch immer sind nicht alle Unternehmen mit im Boot. Ryanair und Easyjet, über die es von Seiten der Kunden immer wieder Beschwerden gibt, haben sich dem Vorhaben noch nicht angeschlossen. Wohl auch deshalb fährt das Justizministerium zweigleisig. Ein Gesetzentwurf dazu sieht die Einrichtung eines freiwilligen Anlaufpunktes und eines behördlichen vor. An letztere können sich dann die Passagiere jener Fluggesellschaften wenden, die partout nicht mitmachen wollen. „Damit gibt die Bundesregierung ihrer Erwartung Ausdruck, dass auch die an einer behördlichen Schlichtung teilnehmenden Luftfahrtunternehmen die Vorteile einer Schlichtung noch erkennen werden“, heißt es im Entwurf. Anders gesagt: Wenn sich die betroffenen Airlines weiter verweigern, droht ihnen der öffentliche Pranger.

    An den Schlichtern können sich Fluggäste in Streitfällen bis zu einem Betrag von 5.000 Euro wenden. Entschädigungsansprüche bei einer Überbuchung der Maschine, die Annullierung von Flügen oder Schäden am Gepäck gehören ebenso dazu wie die Diskriminierung Behinderter. Nach Angaben des Bundesverbands der deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) wird die Schiedsstelle auch in Fällen vermitteln, in denen die Airlines bei einer Stornierung des Fluges durch den Kunden die ihm zustehenden Gebührenanteile am Ticket nicht erstatten wollen.

    Ob das Verfahren den Kunden wirklich etwas bringt, muss sich erst zeigen. Denn im Gegensatz zu Einrichtungen in anderen Branchen beugen sich die Airlines dem Schlichterspruch nicht automatisch. Der Ombudsmann für die Versicherungen kann dagegen bis zu einem Streitwert von 10.000 Euro abschießend entscheiden.

    Die Politik fördert die Versuche zu einer gütlichen Einigung zwischen Verbrauchern und Unternehmen. Dahinter steht auch das Eigeninteresse, für den Steuerzahler kostspielige Gerichtsverfahren zu ersparen. Mittlerweile haben Banken, Fernverkehrsfirmen, die Telekommunikationsbranche, Energieversorger oder auch Rechtsanwälte eine Schiedsstelle eingerichtet. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) findet den Trend gut. Allerdings sollten die Anbieter besser dafür sorgen, dass es erst gar nicht zu Kundenbeschwerden komme, fordert ein Sprecher.

    Wie erfolgreich Schlichtungsverfahren sein können, berichtet der Ombudsmann der Versicherungswirtschaft, Günter Hirsch. „Es ist davon auszugehen, dass die Verfahren der alternativen Streitbeilegung zu einer nicht unerheblichen Entlastung der Justiz führen“, erläutert der frühere Richter. Im vergangenen Jahr behandelten seine Schiedsleute fast 18.000 Eingaben, 3,4 Prozent weniger als 2010.Der Ombudsmann werde als Autorität akzeptiert, obgleich die Beschwerdeführer mit dem Ergebnis mitunter Schwierigkeiten hätten. Denn im Gegensatz zur Justiz kann Hirsch nicht selbst ermitteln. Steht Aussage gegen Aussage, geht das Verfahren unentschieden und der Kunde leer aus.

    Auch die EU will die Gründung von Schlichtungsstellen befördern. Bis Ende diesen Jahres soll eine entsprechende Richtlinie verabschiedet werden. Grund ist der schleppend zunehmende Handel über die Grenzen der Mitgliedsländer hinweg. Viele Verbraucher meiden den Einkauf im Ausland, weil sie ihre Rechte dort im Streitfall nur schwer durchsetzen können. Das will Brüssel ändern. Verbraucherschützer sind mit den bisherigen Vorschlägen jedoch noch nicht zufrieden, weil sie noch zu wirtschaftsfreundlich sind. So wurde weder die Unabhängigkeit der Schlichter vorgeschrieben noch eine vorherige Tätigkeit des Schiedsmannes auf Seiten der Anbieter verboten.

  • Angst vor dem Erfolg

    Kommentar zur weltweiten Armut von Hannes Koch

    Was ist besser als eine gute Nachricht? Eine schlechte, denn sie wird eher gehört. Vielleicht ist das der Grund, warum die großen Entwicklungsorganisationen eine wirklich hoffnunggebende Neuigkeit bis heute nicht offensiv kommentiert haben: Statistiken der Weltbank zufolge sind die Millennium-Ziele der Vereinten Nationen bereits erreicht worden. Die Zahl der sehr armen Menschen weltweit ist zwischen 1981 und 2008 dramatisch gesunken, insgesamt wurde die globale Armut halbiert.

    Natürlich kann man an diesen Zahlen Kritik üben. Wahrscheinlich sind die Messverfahren nicht optimal. Und China hat den größten Beitrag zum Abbau der Armut geleistet, im südlichen Afrika hat sie dagegen teilweise zugenommen. Aber wir sollten die Möglichkeit einkalkulieren, dass es auch mal Fortschritt gibt. Nicht alles wird schlechter, manches besser. Aus dem Privatleben kennt man diese Dialektik, nur in der Politik soll sie merkwürdigerweise nicht mehr gelten.

    Im Rückblick auf die neoliberalen Jahrzehnte bietet sich deshalb die Einsicht an, dass die Globalisierung ihre guten Seiten hatte. Deregulierung und Privatisierung sind keine Garantie für Entwicklung, aber sie scheinen einen gewissen Beitrag geleistet zu haben, die Lage hunderter Millionen Menschen zu verbessern. Die chinesischen iPhone-Arbeiterinnen verdienen in den Fabriken der Konzerne zwar oft miese Löhne, müssen aber nicht mehr auf den kärglichn Bauernhöfen ihrer Eltern darben.

    Indem sie diese Entwicklungen ausblenden, verschließen Entwicklungsorganisationen wie Misereor, Venro, Welthungerhilfe oder auch Attac die Augen vor der Realität. Komisch eigentlich – man könnte die gute Nachricht doch auch als Erfolg eigener Arbeit interpretieren. Aber es überwiegt wohl die Angst, das Geschäftsmodell in Frage zu stellen. Jammern bringt mehr Aufmerksamkeit und Geld als Freuen.

  • Die Welt ist besser geworden

    Die weltweite Armut habe deutlich abgenommen, erklärt die Weltbank

    Diese Nachricht könnte notorische Schwarzseher verunsichern. Zwischen 1981 und 2008 habe die weltweite Armut stark abgenommen, erklärte die Weltbank unlängst in einer neuen Studie. Sowohl der Anteil der sehr armen Menschen an der Bevölkerung, als auch ihre absolute Zahl sei in den vergangenen 30 Jahren gesunken.

    In ihrer Ende Februar veröffentlichten, bis heute aber wenig beachteten Studie schwingt sich die in Washington ansässige Entwicklungsbank sogar zu der These auf, dass das wichtigste Millennium-Ziel bereits erreicht sei. Zur Jahrtausendwende vereinbarten die Vereinten Nationen, den Anteil der in absoluter Armut lebenden Menschen bis 2015 im Vergleich zu 1990 auf die Hälfte zu verringern. Hatte das vielkritisierte Zeitalter der Globalisierung also doch seine guten Seiten?

    Die Zahlen der Weltbank-Statistik sind ziemlich eindeutig. Während 1981 noch 52 Prozent der Weltbevölkerung unter der absoluten Armutsgrenze lebten, also rechnerisch weniger als 1,25 Dollar pro Tag und Kopf zur Verfügung hatten, waren dies 2008 nur 22 Prozent. Auch gegenüber 1990 (43 Prozent) sank der relative Anteil der Armen um rund die Hälfte. Auf Basis dieser Berechnung wurde das Millennium-Ziel bis 2008 tatsächlich erreicht.

    Und wie sieht es bei den absoluten Bevölkerungszahlen aus? 1981 lebten insgesamt 1,94 Milliarden Menschen unter der Armutsgrenze, 2008 waren es noch 1,29 Milliarden. Dieser Fortschritt ist vor allem in den Regionen Ostasien und China festzustellen, aber auch in Lateinamerika, Nordafrika und dem Mittleren Osten leben heute weniger arme Menschen als früher. Die Schattenseite dieser Entwicklung liegt in Südasien, wo die Zahl der Armen leicht um zwei Millionen auf 570 Millionen stieg und vor allem in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara. Dort wohnten 2008 mit 386 Millionen viel mehr Arme als 1981 (204 Millionen).

    An diesem Punkt setzt denn auch die Kritik der globalisierungskritischen Organisation Attac an, die seit Anfang der 2000er Jahre die weltweite Ungerechtigtkeit anprangert. „Die Fortschritte sind im wesentlichen auf China zurückzuführen“, sagt Attac-Koordinatorin Jutta Sundermann. Wenn man China herausrechnet, hat die Zahl der absolut Armen zwischen 1981 und 2008 tatsächlich nicht abgenommen, sondern ist leicht gestiegen. Vor dem Hintergrund der wachsenden Weltbevölkerung bleibt der Befund des relativen Rückgangs der Armut allerdings auch ohne China bestehen.

    Außerdem bemängelt Sundermann, dass die Weltbank-Statistik nichts darüber aussage, wie die Finanz- und Hungerkrise seit 2008 gewirkt habe. „Die Zahl der Hungernden ist über eine Milliarde Menschen gestiegen“, sagt Sundermann. Die Weltbank-Forscher vermuten dagegen, dass selbst die Nahrungsmittelkrise den Trend zu weniger Armut nicht habe stoppen können – wobei ihre Datenbasis, wie sie selbst einräumen, an diesem Punkt dürftig ist.

    So zweifelt Ulrich Post von der Deutschen Welthungerhilfe die Berechnungsmethode an. Die Einkommensgrenze von 1,25 Dollar als Maßstab für Armut zu benutzen, sei schwierig. Viele andere Indikatoren wie Bildung oder Zugang zu Arbeit würden dabei außeracht gelassen. Auch die Weltbank räumt ein, dass es problematisch sei, die soziale Lage in armen Ländern mit Statistiken realitätsnah zu erfassen. Mehrmals ist die Rede davon, dass die Studie mit Schätzungen und Annahmen arbeite.

    Selbst die Weltbank sieht die Entwicklung nicht nur positiv. Sie weist daraufhin, dass auch die geringere Zahl von einer Milliarde armer Menschen noch viel zu hoch sei. Und die Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen (UNDP) merkt in ihrem Bericht 2010 an, dass der Abstand zwischen dem reichsten Land der Welt (Liechtenstein) und dem ärmsten (Zimbabwe) in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zugenommen habe. So betrachtet wird die Welt nicht besser, sondern ungerechter.

    Als Erfolg des neoliberalen Zeitalters will Sundermann die Zahlen keinesfalls verstanden wissen. Fortschritte wie beim Anti-Hunger-Programm in Brasilien seien gerade nicht durch den Rückzug des Staates erreicht worden. Auch Ulrich Post von der Deutschen Welthungerhilfe betont die zunehmend positive Rolle von Regierungen in Entwicklungsländern.

    Link zu den Daten

    http://siteresources.worldbank.org/INTPOVCALNET/Resources/Global_Poverty_Update_2012_02-29-12.pdf

    http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/EXTDEC/EXTRESEARCH/EXTPROGRAMS/EXTPOVRES/EXTPOVCALNET/0,,contentMDK:22716987~pagePK:64168427~piPK:64168435~theSitePK:5280443~isCURL:Y,00.html

  • Gerechtigkeit kann billig sein

    Schuh-Gigant Deichmann: Billig und gleichzeitig sozial – wie passt das zusammen?

    Das beherrschende Objekt in den Filialen der Schuhkette Deichmann ist der Pappkarton. Sandalen, Herrenschuhe und Damenstiefel werden direkt aus ihren Verpackungen verkauft. Ganze Regalreihen sind ausgestattet mit dem Hinweis: „Jedes Modell 19,90 Euro“. Teurere Modelle findet man aber auch: Das kostspieligste Paar Lederstiefel kostet 89,90 Euro.

    Vornehmlich mit dem günstigen Preis ist das Familienunternehmen Deichmann in die europäische Spitze der Branche aufgestiegen ist. Dennoch gibt die Firma ihren Kundinnen und Kunden ein dreifaches Versprechen. Auch für modischen Chic will man stehen, weshalb aktuell die Schauspielerin Halle Berry von Deichmann-Werbeplakaten lächelt. Und für die Verbraucher, die es interessiert, liefert die Schuhkette zusätzlich etwas gutes Gewissen.

    Deichmann ist eines dieser Geschäfte, die angeblich für alle das Beste aus der Globalisierung machen. Einerseits bietet man niedrige Preise für Konsumenten in Europa, andererseits nimmt man aber auch für sich in Anspruch, den Arbeitern in den Fabriken Indiens, Chinas oder Vietnams einen vernünftigen Lebensstandard zu gewährleisten. Wie kann dieser Spagat funktionieren?

    Wenn am Mittwoch die Schuhmesse in Düsseldorf beginnt, steht Deichmann wieder einmal gut da. Im Jahr 2011 stiegen Verkaufszahlen und Umsatz erneut an (siehe Info-Kasten). Ziemlich unangefochten ist Deichmann Deutschlands größter Schuhhändler. Auch europaweit rangiert die Kette mit ihren über 3.000 Geschäften wohl an der Spitze, wenngleich es keine eindeutigen Branchenzahlen gibt. Zugleich wird Heinrich Deichmann (Jahrgang 1962), der das Unternehmen in dritter Generation leitet, nicht müde, sein christliches Ethos zu betonen.

    Das Geheimnis, die Kombination von gutem Preis mit gutem Gewissen, steckt in einem Satz des Deichmann-Sprechers Ulrich Effing: „Wir entwickeln die Schuhe zusammen mit den Produzenten.“ Das läuft ungefähr so: Das Konzept eines neuen Modells entwerfen die Deichmann-Designer in Deutschland. Konkret ausgestaltet und hergestellt werden die Schuhe dann in den ausländischen Zulieferfabriken, die sie direkt zu Deichmann schicken. Externer Zwischenhandel, der die Produkte mit zusätzlichen Kosten belasten könnte, existiert nicht.

    Weil Deichmann außerdem über eine so große Zahl von Geschäften wie kein anderer Anbieter verfügt, ordert die Firma bei ihren Lieferanten große Mengen von beispielsweise 50.000 Paaren eines einzigen Modells. Mit steigender Produktionsmenge aber sinkt der Preis pro Paar. Deichmann profitiert hier schlicht von seiner Größe.

    Das ist die eine Seite. Die andere beschreibt Effing so: „Die Lohnkosten sind nicht der entscheidende Faktor. Unsere Preise liegen nicht deshalb so günstig, weil unsere Lieferanten schlechte Löhne zahlen.“ Dazu muss man wissen: Inklusive Überstunden erhalten junge Arbeiterinnen in Schuhfabriken der chinesischen Provinz Wenzhou nach Firmenangaben Löhne in der Größenordnung von 2.500 Renmimbi monatlich. Das sind etwa 300 Euro, was auf einen Stundenlohn von umgerechnet 1,30 Euro hinausläuft.

    In dieser einen Stunde gehen Dutzende Schuhe durch die Hände einer Arbeiterin – viele Modelle bestehen ja nur aus wenigen Kunststoffteilen, die schnell zusammengeklebt sind. Der Lohnkostenanteil am Endpreis eines Schuhs ist deshalb verschwindend gering. Er liegt in der Größenordnung von wenigen Euro-Cent.

    Wie viele andere Konzerne auch drückt Deichmann seine Herstellungskosten und Preise, indem man in den Billiglohn-Ländern dieser Welt produziert. Bedeutet das, dass in dem Unternehmen Ausbeutung herrscht? Einerseits nein. Der gesetzliche Mindestlohn in Wenzhou liegt bei knapp 1.000 Renmimbi monatlich (etwa 120 Euro). Weil dafür aber niemand mehr arbeite, zahlt Deichmann nach eigenen Informationen mindestens das Doppelte.

    Die Frage jedoch, ob dieser Lohn den Arbeitern ein halbwegs erträgliches Leben ermöglicht, ist schwer zu beantworten. Für eine junge Arbeiterin ohne Kinder, die im Wohnheim der jeweiligen Fabrik lebt, mögen 2.500 Renmimibi gut ausreichen. Wollen chinesische Eltern damit aber eine Familie ernähren, das Kind zur Schule schicken, eine eigene Wohnung in der Stadt bezahlen und die Großeltern auf dem Lande unterstützen, kann es finanziell schnell sehr eng werden.

    Dabei laufen Deichmanns Geschäfte ziemlich gut. Zum Gewinn sagt das Unternehmen zwar offiziell nichts, eine zweistellige Umsatzrendite aber ist nicht unwahrscheinlich. 2011 hätte Heinrich Deichmann damit etwa 400 Millionen Euro Gewinn gemacht. Schon mit einem Teil davon könnte er die Löhne der Arbeiterinnen in China, Indien und Indonesien spürbar erhöhen. Deichmann aber steckt das Geld lieber in immer neue Geschäftseröffnungen. Christlich, unchristlich?

    Zugunsten des Unternehmens sei gesagt, dass Bürgerrechtsorganisationen wie die Kampagne für Saubere Kleidung Deichmann keine Verstöße gegen Sozialstandards vorwerfen. Außer in einem Punkt, der aber für alle Firmen gilt, die in China produzieren lassen. Entgegen den Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation sind freie Gewerkschaften in China verboten. Aus das macht Arbeit dort so billig.

    Info-Kasten

    Das ist Deichmann

    Das Unternehmen ist im Besitz der Familie. 2011 machte der größte Schuhhändler Europas in seinen insgesamt 3.175 Geschäften einen Umsatz von 4,13 Milliarden Euro (plus fünf Prozent gegenüber 2010). In 22 Ländern Europas und den USA verkaufte die Firma 156 Millionen Paar Schuhe (plus 2,6 Prozent). Die Zahl der Mitarbeiter stieg auf 32.500. Dieses Jahr sollen rund 190 neue Geschäfte eröffnet werden.

    Info-Kasten II

    Sozialstandards

    Im firmeneigenen Sozialkodex sichert Deichmann unter anderem zu, dass allen Beschäftigten in den Zulieferfirmen ein Lohn zusteht, der die Grundbedürfnisse befriedigt und ein „gewisses frei verfügbares Einkommen“ ermöglicht. Die Zahl der Überstunden und andere Arbeitsbedingungen sollen nicht gegen die Gesetze des jeweiligen Landes und internationale Regeln verstoßen. Von Zeit zu Zeit wird dies überprüft, wobei man durchaus Verstöße registriert. Deichmann arbeitet nach eigenen Angaben mit den Zulieferfirmen zusammen daran, die Sozialstandards zu erhöhen.