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  • Homöopathie auf Rezept

    Gesetzliche Krankenkassen kommen für unterschiedliche Leistungen auf. Der Wechsel zu einem anderen Anbieter sollte gut überlegt sein.

    Für gesetzlich Krankenversicherte lohnt es sich, die Leistungen der Kassen zu vergleichen. Mehrere Hundert Euro im Jahr können sie beim Gesundheitsschutz sparen. Denn trotz Einheitsbeitrag von 15,5 Prozent fällt das Angebot der Unternehmen unterschiedlich aus. So sponsert manche Kasse die  Zahnreinigung. Eine andere kommt für Reiseimpfungen auf oder gibt Geld zurück.

    Im Idealfall liegt das Einsparpotential bei 1355 Euro im Jahr. So lautet das Fazit der Stiftung Warentest, die das Angebot von 87 der derzeit insgesamt 145  Krankenkassen untersucht hat. „Zwar sind über 90 Prozent der Leistungen gesetzlich festgelegt“, erläutert Holger Rohde, Wissenschaftlicher Leiter Versicherungen und Recht. „Über den Rest entscheidet die Krankenkasse.“

    So übernehmen manche Versicherungen die Kosten für homöopathische Behandlungen. Drei von vier Kassen sind es im Test. Bei ihnen können sich Patienten von Ärzten, die eine Ausbildung in Homöopathie absolviert haben, kurieren lassen. In Baden-Württemberg bieten beispielsweise zehn von 69 Kassen diesen Service. In Hessen sind es zehn von 67. Und in Nordrhein-Westfalen zahlen 20 von 72 Anbietern den Gang zum Alternativmediziner.

    Ähnliches gilt für Gesundheitskurse. Kassen belohnen es, wenn ihre Mitglieder fit sein wollen und gesund leben möchten. „Zwei Mal im Jahr können Versicherte in der Regel an einem kostenlosen oder extrem verbilligten Gesundheitskurs teilnehmen“, so Rohde. Sie können beispielsweise Yoga erlernen, ihren Rücken stärken oder sich das Rauchen abgewöhnen. Auch hier unterscheiden sich die Leistungen der Kassen erheblich.

    Richtig ins Geld gehen manche Reiseimpfungen. Eine Immunisierung gegen Hepatitis A und B etwa kostet rund 230 Euro. „Für eine reisefreudige Familie kommen schnell mehrere hundert Euro im Jahr zusammen“, so Rohde. Die meisten Kassen zahlen inzwischen für Reiseimpfungen. Manche übernehmen darüber hinaus die Kosten für eine reisemedizinische Impfberatung, die sonst etwa 10 bis 20 Euro kostet.

    Gesetzliche Krankenkassen bieten auch verschiedene Wahltarife an – zum Beispiel den Selbstbehalt. Hier verpflichten sich Versicherte, einen Teil der anfallenden Behandlungskosten selbst zu tragen. Als Gegenleistung erhalten sie eine Prämie von der Kasse. Versicherte gehen beim Abschluss von Selbstbehalttarifen ein finanzielles Risiko ein, warnt die Stiftung Warentest. Wer unvorhergesehen erkrankt und Behandlungen sowie Medikamente benötigt, zahle drauf. Und wer auf notwendige Behandlungen verzichtet, nur um Prämien zu erhalten, riskiere sogar seine Gesundheit.

    Trotz finanzieller Vorteile sollte keiner leichtfertig den Anbieter wechseln. Denn neben den reinen Kosten zählten bei der Wahl der Krankenkasse auch andere Aspekte, wie zum Beispiel die Beratungs- und Servicequalität. Für Kranke ist ein guter Kontakt zur Kasse Gold wert. Wer gute Erfahrungen mit seinen Ansprechpartnern hat und die Geschäftsstelle in seiner Nähe schätzt, sollte das nicht leichtfertig aufgeben. „Fühlt sich jemand zum Beispiel mit einer komplizierten Krankheitsgeschichte bei seiner Kasse gut aufgehoben, kann es sich lohnen, ihr trotz Zusatzbeitrag treu zu bleiben“, erläutert Rohde.

    Freilich können Versicherte sich auch am Telefon beraten lassen – bei manchen Kassen sogar sieben Tage die Woche – oder sie können ihrer Kasse schreiben. Doch ein Beratungstest der Warentester zeigte: Sobald die Fragen etwas komplizierter werden oder Anträge auszufüllen sind, geht nichts über das persönliche Gespräch.

    Kassen im Leistungscheck

    Versicherte, die wissen möchten, welche Krankenkassen in ihrem Bundesland welchen Service bieten, können die Leistungen der Anbieter vergleichen: mit dem „Produktfinder Gesetzliche Krankenkassen“ der Stiftung Warentest. Im Internet unter www.test.de (Suche: „Krankenkassen“) ist er zu finden. Die Abfrage kostet eine geringe Gebühr. Derzeit befinden sich 87 der insgesamt 145 Krankenkassen in der Datenbank.

    Auslaufmodell Zusatzbeitrag

    Versicherte, deren Krankenkasse einen Zusatzbeitrag erhebt, zahlen bis zu 180 Euro mehr im Jahr, rechnet die Stiftung Warentest vor. Immer weniger Kassen verlangen den Obolus von ihren Mitgliedern. Zuletzt schaffte die DAK-Gesundheit ihren Zusatzbeitrag ab.  Von den 83 Kassen, die der Aufsicht des Bundesversicherungsamtes (BVA) unterstehenden – das sind alle Krankenkassen, deren Zuständigkeitsbereich sich über mehr als drei Bundesländer erstreckt – erheben derzeit nur noch drei Krankenkassen einen Zusatzbeitrag. Alle drei beabsichtigen, den Zusatzbeitrag abzuschaffen, haben aber noch keine entsprechenden Anträge beim BVA gestellt. Insgesamt gibt es 145 gesetzliche Krankenkassen in Deutschland.

  • Weniger Kerosin, mehr Konzentration

    Ökonomieprofessor Niko Paech kritisiert den Zwang zum Wirtschaftswachstum und versucht Verzicht

    Professor Niko Paech lädt sich gerne Gäste ein. Wissenschaftler, die einen Vortrag in seiner Ringvorlesung halten, müssen aber eine besondere Voraussetzung erfüllen: Sie dürfen nicht mit dem Flugzeug kommen. „Wir organisieren eine kerosinfreie Veranstaltungsreihe“, sagt der Ökonom der Universität Oldenburg.  

    Paechs wissenschaftliche Spezialität ist die Kritik am Wirtschaftswachstum. Und die alltägliche Fliegerei mit ihrem Ausstoß großer Mengen klimaschädlichen Kohlendioxids hält er für eines der schädlichsten Symptome unseres Wirtschaftssystems, das Jahr für Jahr mehr Güter und Dienstleistungen produziert.

    In diesen Tagen (genau: Dienstag, 3.4.2012) kommt sein neues Buch heraus. Der Titel lautet „Befreiung vom Überfluss: Auf dem Weg in die Postwachstumsökonomie“. Mit diesem Thema gehört Paech zu den Intellektuellen, die zur Zeit sehr gefragt sind. Seit dem Beginn der Finanzkrise 2007 ahnen mehr Bürger als früher, dass die gegenwärtige Form der Marktwirtschaft mit ihrem Zwang zur Steigerung der Produktion, des materiellen Wohlstandes, der Geldmenge und der Finanzgeschäfte eine Sackgasse sein könnte.

    Nicht nur bei der Ringvorlesung versucht Paech, seine Theorie in die Praxis umzusetzen. Er benutzt kein Mobiltelefon, verzichtet auf Fleisch und fährt kein Auto. „Meistens mache ich Urlaub, indem ich vor meinem Haus auf das vollbepackte Mountainbike steige“, sagt er. Lange Koteletten, kantiges Gesicht, schlank – mit seinen 51 Jahren hat er sich ziemlich gut gehalten. Aber bedeutet diese Art der Selbstbeschränkung nicht auch Nachteile? Konflikte und Entwicklungen auf anderen Kontinenten erlebt er niemals persönlich – eine Bahnfahrt nach China dauert Wochen und sprengt seinen Zeitplan. „Ich lese Zeitung, schaue ins Netz oder erfahre das Wichtigste von Leuten, die dort gewesen sind“, sagt Paech.

    Neben einer gewissen Genügsamkeit praktiziert er auch Anfänge einer modernen Subsistenz-Wirtschaft. Als gutes Beispiel für diese Möglichkeit betrachtet Paech die Fahrrad-Werkstatt der Uni Oldenburg in der Nähe seines Büros. Unter der Decke hängen dort Dutzende Felgen und Reifen, es gibt Werkbänke mit Schraubstöcken und Bohrern, in Haltern an den Wänden ordentlich sortiert sind Schraubenschlüssel vieler Größen. Fachkundige Studenten helfen den Besuchern, die ihre Räder selbst reparieren wollen.

    Auch Paech werkelt ständig an seinen beiden Mountainbikes herum – er gibt sie nicht zur Reparatur, für die er bezahlen müsste, oder kauft sich gar ein neues. Für ihn ist so etwas Alltagspolitik, die das Wachstum der Wirtschaft ein klein wenig bremst. Paech beschreibt das so: „Wenn wir alle Produkte doppelt so lange nutzten wie heute, könnten wir die Herstellung halbieren.“

    Theoretisch und praktisch arbeitet Paech daran, dieses Prinzip auf viele verschiedene Bereiche auszudehnen. Vor Jahren hat er beispielsweise in Oldenburg den Verschenkmarkt mitinitiiert. Dort kann man intakte, aber überflüssige Gebrauchsgegenstände abgeben, die sonst weggeworfen würden – Geschirr, alte Elektrogerät, Kleidung. Bedürftige Bürger erhalten umgekehrt kostenlos, was sie brauchen. Die ewige Spirale von Wegwerfen und Neukaufen wird an dieser Stelle durchbrochen und gleichzeitig Hilfe geleistet, indem Menschen die Nutzung von Produkten untereinander teilen.

    Auf den ersten Blick will das alles mit unserem gewöhnlichen Leben nur schwer zusammenpassen. Wozu unternimmt der Ökonom diese Anstrengung eigentlich? Paech meint, dass „die Erde das permanente materielle Wachstum der Produktion nicht verträgt“. Das wurde ihm schon früh intuitiv klar. In seiner niedersächsischen Heimatstadt Schüttorf an der niederländischen Grenze war sein Vater in den 1960er Jahren Gewässerwart des Angelvereins. „Damals habe ich mehrere Fischsterben miterlebt“, berichtet der Ökonom – Industriebetriebe hatten wieder einmal ihre Abwässer in den Fluss Vechte entlassen.   

    Solche Probleme kommen zwar heute in Deutschland kaum noch vor, weltweit allerdings werde die Umwelt dafür umso mehr beansprucht. Um das Klima stabil zu halten, dürften die Deutschen pro Kopf und Jahr eigentlich nur 2,7 Tonnen Kohlendioxid verursachen – tatsächlich sind sie aber für elf Tonnen verantwortlich. Wenn man die notwendige Reduktion schaffen wolle, so lasse sich das nicht mit „grünem Wachstum“ – mehr Produktion bei weniger Energieverbrauch und Umweltverschmutzung – bewerkstelligen. Schließlich brauche man auch für vermeintlich sauberes Industriewachstum immer größere Mengen von Rohstoffen, deren Ausbeutung selbst wieder Umweltzerstörung verursache. Der einzige Ausweg, der sich laut Paech bietet, ist der Reduktion von Ansprüchen.   

    Ob diese These stimmt, lässt sich wegen der komplexen Zusammenhänge nur schwer berechnen. Unterstellt, sie träfe zu – was würde gesamtwirtschaftlicher Verzicht für uns bedeuten? Wenn die Wirtschaft infolge von Suffizienz und Subsistenz nicht mehr wüchse, sondern schrumpfte, würden weniger materielle Werte hergestellt, folglich gäbe es weniger Geld in Form von Löhnen, Gewinnen, Steuern und Sozialausgaben zu verteilen. Wir würden ärmer, bräuchten aber auch weniger Geld, weil wir weniger neue Produkte einkauften als früher. Wir könnten uns leisten, weniger zu arbeiten.

    Niko Paech lebt in mancher Hinsicht etwas asketisch, trotzdem ist er ein munterer Typ. In zwei Bands spielt er Saxofon. Die eine heißt Matini Schmerzverstärker und macht eine Musik, die Paech als Postpunk bezeichnet. Die andere nennt sich Beelzebub Airlines und beschäftigt sich mit Freestyle Rock.

    Paech unternimmt möglicherweise weniger Aktivitäten als andere Menschen. Was er tut, macht er jedoch intensiv. Er konzentriert sich auf sein lokales Umfeld, die Musik, die Literatur. Zu viel Konsum, Reizüberflutung und Hektik findet er „überfordernd und bedrohlich“. Er käme nie auf die Idee, ein iPhone oder iPad zu kaufen. Und gewinnt damit etwas sehr Wichtiges: Zeit.

  • Wild West in Europa

    Kommentar zum deutsch-Schweizer Steuerstreit von Hannes Koch

    Urlaub in der Schweiz kann ganz schön gefährlich sein. Drei deutschen Finanzbeamten droht in der Alpenrepublik Gefängnis, weil sie bei der Verfolgung deutscher Steuerhinterzieher gegen Schweizer Gesetze verstießen. Wild West in Europa: Können zivilisierte Nachbarländer ihre Probleme nicht anders regeln als auf dem Rücken ihrer Staatsbürger?

    Mit den Haftbefehlen üben die Schweizer Staatsanwälte Druck auf Deutschland aus. Diese Reaktion hat eine Vorgeschichte. Ex-Bundesfinanzminister Peer Steinbrück zählt in der Schweiz zu den unbeliebtesten Deutschen, weil der den Alpen-Indianern einst mit Kavallerie drohte. Seit Jahren versuchen deutsche Finanzminister und Regierungen, die Steuerflucht hiesigen Kapitals nach Zürich und Genf zu unterbinden. Gerechtfertigt durch den guten Zweck scheute sich die deutsche Seite nicht einmal, CDs mit Kontoinformationen zu kaufen, die Schweizer Banken schlicht gestohlen wurden.

    Den Hintergrund dieses Konflikts bilden unterschiedliche Rechtsordnungen. Schweizer Staatsbürger und Gemeinden genießen unter anderem in finanzieller Hinsicht mehr Rechte gegenüber ihrer Zentralregierung als es in Deutschland üblich ist. Für besonders wichtig halten viele Schweizer dabei das dortige Bankgeheimnis. Wobei dieses auch einfach ein Wirtschaftsmodell schützt: Die Schweiz ist im 20. Jahrhundert nicht zuletzt deshalb so reich geworden, weil dort Vermögende jeder Herkunft, auch Kriminelle und Diktatoren, ihre Milliarden auf anonymen Konten verstecken konnten. Davon mag man halten, was man will – trotzdem ist die Schweiz ein souveräner Staat, dessen Regierung sich nicht beliebig herumschubsen lässt.

    Und unter internationalem Druck reformiert Bern seine Bankpolitik nun nach und nach. Im fast fertigen Steuerabkommen verpflichtet sich die dortige Regierung, deutschen Finanzämtern bei der Aufklärung von Steuerhinterziehung zu helfen und illegales Altgeld mit akzeptablen Sätzen nachzuversteuern. Trotz Wahlkampfs in Deutschland sollten die SPD-geführten Landesregierungen diesen Kompromiss jetzt akzeptieren. Ständiger Kleinkrieg beansprucht die Nerven aller Beteiligten zu sehr.

  • Noch kein Kraut gegen Altersarmut gewachsen

    Geringverdiener tappen zwangsläufig in die Armutsfalle / Allein kann sich daraus niemand befreien

    Für viele Arbeitnehmer ist ein Szenario kaum vorstellbar, ein Leben lang zu arbeiten und trotzdem nur eine Minirente zu bekommen. In der vergangenen Woche veröffentlichte Zahlen zeigen, dass dies doch gut möglich ist. Ein dauerhafter Minijobber, der 45 Jahre lang in dieser Situation verharrt, kommt gerade einmal auf einen Rentenanspruch von 140 Euro. Selbst wenn der Betreffende die Zahlung an die Rentenkasse freiwillig aufstockt, kommt nicht viel dabei heraus. 182,70 Euro stehen dann auf der monatlichen Abrechnung im Alter. Diese Fälle wären dann auf die Grundsicherung angewiesen, die dem Satz von Hartz IV entspricht. Die Zahlen gehen aus der Antwort der Bundesregierung auf eine Anfrage der Linken hervor.

    Die mickrige Ausbeute am Ende eines Arbeitslebens entspricht der Systematik der gesetzlichen Rente. Je mehr Beiträge eingezahlt werden, desto höher ist das Ruhegeld. Minijobber führen sehr wenig ein. Entsprechend dürftig sind die Ansprüche. Die genannten Zahlen halten Experten für Extremfälle. Kaum jemand lebt dauerhaft von einem Minijob. Meist kommen weitere Einkünfte dazu, etwa durch den Partner oder die Partnerin. So wird die gesetzliche Rente auch im Alter nicht die einzige Einnahmequelle sein.

    Trotzdem entwickelt sich am unteren Rand der Arbeitsgesellschaft ein Trend zu Altersarmut. Üppig sind die gesetzlichen Renten für viele schon jetzt nicht. Die Frauen des Jahrgangs, der 2010 in den Ruhestand gingen, erhielten durchschnittlich 535 Euro Monatsrente. Männer kamen auf 999 Euro. Zusätzliche Einkünfte, etwa durch Betriebsrenten oder Mieten oder aus dem Ersparten, sichern den meisten Rentnern noch einen vergleichsweise angenehmen Lebensabend. Bei Frauen summieren sich die Einkünfte auf durchschnittlich 1.188 Euro, bei Männern auf 1.451 Euro. Nicht einmal drei Prozent dieser Generation ist auf die Grundsicherung angewiesen.

    Doch die Zahl der armen Alten wird rasch ansteigen. Der DGB sieht vor allem große Probleme auf Ostdeutschland zukommen. Jeder vierte Mann und mehr als die Hälfte der Frauen in den neuen Ländern werden danach weniger als 700 Euro monatlich bekommen. Auch eine Studie des Otto-Suhr-Instituts in Berlin lässt erahnen, dass vor allem auf Frauen schwierige Zeiten zukommen. Nur 21 Prozent der westdeutschen Frauen können laut Untersuchung ein Vollzeiterwerbsleben vorweisen. Teilzeitarbeit und geringfügige Beschäftigungen sind weit verbreitet. Damit sind oft geringere Rentenansprüche verbunden.

    Sozialministerin Ursula von der Leyen (CDU) will der Altersarmut durch eine Zuschussrente begegnen. Gerade ist das Konzept fertig geworden. Wer sein Leben lang arbeitet, aber nur geringe Ansprüche erworben hat, kann mit einem Zuschuss rechnen. Die Rente wird auf brutto 850 Euro aufgestockt. Zieht man die Krankenkassenbeiträge ab, kommt netto noch ein Wert heraus, der deutlich über der Grundsicherung von rund 650 Euro liegt. Zusammen mit den Einkünften aus einer Riester-Rente wären die langjährig Beschäftigten vor Armut gefeit, versichert die Ministerin.

    Diese These ist gewagt, wie nicht nur der Sozialverband Deutschland (VdK) kritisiert. „Die meisten Geringverdiener, Langzeitarbeitslosen und Erwerbsminderungsrentner können die Voraussetzungen für Zuschussrente gar nicht erfüllen“, stellt VdK-Präsidentin Ulrike Mascher fest. Dazu werden bald die Folgen der zunehmenden Teilzeitbeschäftigung und der Minijobs für das Rentensystem sichtbar. Von den gut 16 Millionen erwerbstätigen Frauen arbeiteten 2011 nur gut die Hälfte in Vollzeit. Fast 29 Prozent hatten eine Teilzeitstelle, jede fünfte wurde ausschließlich geringfügig beschäftigt. Große Vorsorgeansprüche werden hier nicht erarbeitet.

    Selbst in den eigenen Reihen in von der Leyens Konzept umstritten. Familienministerin Kristina Schröder sieht in der Ausweitung der Minijobs die größte Gefahr von Altersarmut. Und die bayerische Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) will ein eigenes Konzept vorlegen, bei dem die Erwerbstätigkeit nur ein Bestandteil der künftigen Rentenansprüche sein soll und andere Leistungen wie die Erziehung von Kindern eine größere Rolle spielen.

    Die Betroffenen selbst haben kaum eine Chance, ausreichend vorzusorgen. Für größere monatliche Sparbeiträge reicht das Einkommen nicht aus. Deshalb ist die Politik gefordert. Doch die Parteien drücken sich trotz Ansätzen wie der Zuschussrente noch um das Problem herum. Hilfreich sind nach Ansicht vieler Experten, vor allem aus dem linken Lager, nur höhere Löhne, die eine ausreichende Vorsorge ermöglichen und mehr gut bezahlte Arbeit für Frauen.

  • Die Bahn will sozial und umweltfreundlich werden

    Bis zum Ende des Jahrzehnts braucht der Konzern Zehntausende neuer Mitarbeiter / Grube will weltweit an die Spitze der Transportunternehmen vorrücken

    Die Deutsche Bahn will bis zum Ende des Jahrzehnts sozialer, kundenfreundlicher und umweltschonend werden. Darüber hinaus will Bahnchef Rüdiger Grube weltweit an die Spitze der Transportunternehmen vorstoßen und den Umsatz von zuletzt knapp 38 Milliarden Euro bis zum Jahr 2020 auf 70 Milliarden Euro nahezu verdoppeln. „Wir haben die strategische Ausrichtung der Bahn grundlegend überarbeitet“, sagte Grube bei der Vorstellung der Konzernbilanz in Berlin.

    Vom Börsengang ist derzeit keine Rede mehr. Die Geschäfte laufen auch ohne aktien prächtig. 2,3 Milliarden Euro blieben vor der Zahlung von Zinsen und Steuern übrig. Die Folgen der Finanzkrise hat der Konzern längst überwunden. Trotzdem ist der Vorstand immer noch bemüht, die Scherben des letzten Anlaufs an den Kapitalmarkt beiseite zu räumen. „Unsere Sympathiewerte sind verbesserungsbedürftig“, bekennt Grube. Bei den 295.000 Beschäftigten und den Kunden haben Sparpakete und technische Probleme nachhaltig das Klima getrübt. Nun will der Vorstand das Image umkehren. Ein zentraler Ansatzpunkt ist das Arbeitsklima, das Grube verändern will. Zu den zehn besten Arbeitgebern will die Bahn bald gehören. „Wertschätzung“ und „Respekt“ sollen die Führungskräfte den Bahnern vermitteln.

    Der erhoffte Kulturwandel hat gute Gründe. Denn das Durchschnittsalter des Personals liegt bei fast 50 Jahren. In diesem Jahrzehnt muss der Konzern allein um die aus Altersgründen ausscheidenden Beschäftigten zu ersetzen, bis zu 80.000 neue Leute einstellen. Wenn die Jobs bei der Bahn nicht attraktiver werden, ist der Austausch kaum zu schaffen. Höhere Kosten nimmt Grube dafür in Kauf. Der Bahnchef glaubt, dass zufriedene Mitarbeiter auch für bessere Leistungen sorgen und so Kunden gehalten oder neue gewonnen werden können. Damit die Führungskräfte sich für den Bewusstseinswandel auch ausreichend einsetzen, wurden beide Ziele bereits in die Vergütungssystem eingezogen. Sind Kunden oder Beschäftigte unzufrieden, fällt der Bonus karger aus. Darüber hinaus will Grube auch mit leiseren Zügen und einem geringeren Energieverbrauch Punkte in der Öffentlichkeit sammeln.

    Mehrausgaben beim Personal und bei einer umweltfreundlichen Technik halten den Vorstand nicht von ehrgeizigen finanziellen Zielen ab. Bis Ende des Jahrzehnts soll sich der Umsatz fast verdoppeln. Den größten Teil will das Unternehmen aus eigener Kraft dazugewinnen. Aber auch Zukäufe sollen die Bahn noch größer werden lassen.

    Wachstumschancen sieht die Bahn vor allem bei den Gütertransporten. Während der Personenverkehr mit zehn Prozent bis 2020 nur mäßig wächst, legt der Warenverkehr in Europa um 35 Prozent zu. Das Frachtaufkommen zur Luft und zur See sowie die Logistik im Auftrag der Industrie verzeichnen demnach Wachstumsraten zwischen 60 und 100 Prozent. In diesen Sparten will die Bahn die höheren Einnahmen erzielen. Deutschland bleibe aber das Kernland des Konzerns, versicherte der Vorstandschef. Fast zwei Drittel der Erlöse kommen derzeit aus dem Inland.

    Für die Strategie 2020 will Grube auch am Ende des Zeitraumes noch stehen. Das bedeutet auch, dass der Bahnchef auf eine Verlängerung seines 2014 auslaufenden Vertrages hofft.

  • Ärger über zu hohe Beiträge

    Verbraucherschützer kritisieren Preisanstieg in der Privaten Krankenversicherung/ Anbieter sehen sich zu Unrecht beschuldigt

    Privat Krankenversicherte müssen teilweise drastische Beitragserhöhungen hinnehmen. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv). Zudem erschwerten die Unternehmen ihren Mitgliedern den Wechsel in einen anderen Tarif. „Es gibt erheblichen Veränderungs- und Reformbedarf“, sagte vzbv-Chef Gerd Billen bei der Vorstellung der Ergebnisse am Donnerstag in Berlin.

    Bundesweit 144 Bürgerbeschwerden haben die Verbraucherzentralen ausgewertet. Damit ist die Studie keineswegs repräsentativ, zeigt aber Probleme auf. Um rund 24 Prozent erhöhten die Versicherungen demnach die Beiträge zum Jahreswechsel. „Negativ aufgefallen sind besonders die Central Krankenversicherung und die Gothaer Versicherung“, sagt Michael Wortberg, Versicherungsreferent der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. Hier habe es durchschnittliche Erhöhungen von 28,2 Prozent beziehungsweise 26,4 Prozent gegeben.

    Vor allem ältere Versicherte über 45 Jahre und jene mit langjährigen Verträgen sind laut Studie von extremen Preissteigerungen betroffen. „Kunden berichten, dass sie die Beitragserhöhungen im Ruhestand auf keinen Fall mehr zahlen können“, so Wortberg. In einem Extremfall zahle eine 59-jährige Frau eine monatliche Prämie von 1.095 Euro.

    Auch der Tarifwechsel in der Privaten Krankenversicherungen (PKV) klappt nicht gut. Nur in vier der insgesamt 144 ausgewerteten Fälle sei in den Unterlagen zu erkennen gewesen, dass der Wechsel in einen anderen Tarif des Unternehmens problemlos durchgeführt werden konnte. Das System ist „überholt“, urteilt vzbv-Chef Billen angesichts dieser Ergebnisse.

    Für eine Reform schlägt der oberste Verbraucherschützer unter anderem vor, dass die Versicherungen die Prämien nicht mehr ausschließlich anhand des Krankheitsrisikos des Einzelnen berechnen. Zudem müssten sie soziale Härtefälle über einen „Härtefall“-Fonds ausgleichen. Auch die Einführung des Sachleistungsprinzips wie es in der Gesetzlichen Krankenversicherung üblich ist, hält Billen für notwendig. Versicherte müssten Behandlungskosten dann nicht mehr vorstrecken. Die Abrechnung würde direkt über die Versicherung erfolgen. 

    Die Koalition hält am System bislang fest, auch wenn einzelne Abgeordnete anders denken. Grüne und SPD wollen vor allem, dass für alle Versicherten dieselben Regeln gelten. Der Verband der Privaten Krankenversicherung zeigt sich indes überrascht. „Dass die Verbraucherzentrale aus bundesweit 144 Beschwerden bei insgesamt 9 Millionen Privatvollversicherten allen Ernstes Schlussfolgerungen über angebliche Systemfehler der PKV ziehen will, ist schlicht unseriös“, sagt Verbandsdirektor Volker Leienbach. In Einzelfällen, in denen sich Versicherte von der Beitragsentwicklung in ihrem Tarif überfordert fühlten, gebe es wirksame Alternativen.

  • Ältere entdecken das Leben auf Pump

    Vor allem Autos, Möbel und Reisen werden mit Krediten finanziert / Zahlungsmoral bei Rentnern höher als im Durchschnitt

    Ältere finanzieren ihren Konsum immer häufiger auf Pump. Nach Angaben der Auskunftei Schufa nahm der Anteil der 60- 65-jährigen mit einem Kredit in den letzten zehn Jahren um 41 Prozent, bei den 70- bis 74jährigen um 65 Prozent und bei den noch älteren sogar um 113 Prozent zu. Statt den Lebensabend sparsam zu verbringen, genießt die heutige Rentnergeneration den Ruhestand. Nach Beobachtung der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) fühlen sich die Menschen auch jünger als sie eigentlich sind. Das führt auch zu einem veränderten Kaufverhalten, zumal viele Rentnerhaushalte finanziell gut gestellt sind. „Sie verfügen über eine gewaltige Kaufkraft“, stellt GfK-Experte Karsten John fest. 400 Milliarden Euro im Jahr können die Senioren ausgeben.

    Für Banken und Handelsunternehmen, die das Geschäft mit Darlehen betreiben, sind Ältere zu einer interessanten Zielgruppe geworden. „Die älteren Menschen sind besonders zahlungstreu und zuverlässig“, berichtet Schufa-Chef Michael Freytag. Bezogen auf alle Kreditnehmer liegt die Ausfallquote bei den Ratenvereinbarungen bei 2,5 Prozent. Bei den Senioren beträgt sie nur zwei Prozent. Vorbei sind anscheinend auch die Zeiten, in denen Banken Kunden nur mit Blick auf ihr hohes Alter keinen Kredit mehr geben wollten. Die Lebensrealität verändere das Marktverhalten der Wirtschaft, erklärt Freytag.

    Ein Grund für die zunehmenden Käufe auf Pump sind die in vielen Seniorenhaushalten vorhandenen Vermögenswerte. 60 Prozent der Älteren wohnen in der eigenen Immobilie. Im Durchschnitt haben sie zudem 30.000 Euro an Vermögenswerten in Reserve. Die Gefahr, durch spätere Zahlungsverpflichtungen in finanzielle Not zu geraten, ist daher gering. Die Zahlen täuschen in einer Hinsicht. Denn viele Rentnerhaushalte kommen gerade so über die Runden. Doch der Durchschnittswert zeigt, dass noch keine Altengeneration so wohlhabend war wie die jetzige.

    Statt die eigenen Rücklagen aufzuzehren, finanzieren viele Ältere große Ausgaben lieber mit einem Kredit. An der Spitze der Anschaffungen stehen hierbei Autos, gefolgt von Unterhaltungselektronik, Haushaltsgeräten und Möbeln. Aber auch Reisen bezahlen viele Rentner laut GfK häufig lieber in Raten. Die durchschnittliche Kreditsumme ist zumindest bei den 60-65-jährigen noch überdurchschnittlich hoch. 8.791 Euro beträgt sie in dieser Altersklasse. Bezogen auf alle Darlehen lag die Summe 2011 gut 1.000 Euro niedriger. Mit zunehmendem Alter geht die Höhe der Kredite dann aber zurück.

    Die Älteren werden so auch für die Wirtschaft immer wichtiger. „Die Zeiten sind vorbei, in denen von einer werberelevanten Zielgruppe bis 49 Jahren gesprochen wurde“, erläutert John. Derzeit sind 21,5 Millionen Bundesbürger älter als 60 Jahre. Bis 2030 wird diese Altersgruppe auf über 28 Millionen anwachsen und ein Drittel der Bevölkerung ausmachen.

  • Das Sterben der Stechuhren

    Vertrauensarbeitszeit: Firmen schätzen das flexible Jobmodell. Gewerkschaften sind skeptisch.

    Immer mehr Unternehmen schaffen die Stechuhren ab. Anstelle akribisch nachzuverfolgen, wann und wie lange sich ihre Angestellten am Arbeitsplatz aufhalten, setzen sie auf Vertrauensarbeitszeit. Eine feste Stundenanzahl gibt es hier nicht. Vielmehr entscheiden die Angestellten selbst, wann – und oft auch von wo aus – sie tätig sind. Was nach einem entspannten Arbeitsalltag klingt, kann dennoch im Burnout enden. 

    „Heute habe ich eine halbe Stunde länger geschlafen“, sagt IBM-Mitarbeiterin Ina Glaeske. „Am Nachmittag wird es viele Meetings geben, da möchte ich fit sein.“ Glaeske, deren Name nicht ihr richtiger ist – sie will ihn lieber nicht in der Zeitung lesen – ist froh, dass sich ihr Arbeitgeber vor zwölf Jahren dazu entschlossen hat, das Modell der Vertrauensarbeitszeit einzuführen. Sämtliche Mitarbeiter sind inzwischen mit Firmenlaptops ausgestattet und können so auch von zuhause aus oder auf Reisen ihrem Job nachgehen. Nicht die Zeit, sondern das Arbeitsergebnis ist für sie Maß der Dinge.

    „In den 1990er Jahren haben wir uns in Richtung eines dienstleistungsorientierten Unternehmens entwickelt“, sagt IBM-Personalverantwortlicher Heinz Liebmann. „Die Arbeitszeitgestaltung ist Teil des  Wandels des Unternehmens.“ Anfänglich konnten nur Mitarbeiter aus den Bereichen Vertrieb, Service und Consulting die flexiblen Arbeitszeiten in Anspruch nehmen. Heute können es fast alle Arbeitnehmer.

    Vertrauensarbeitszeit liegt im Trend. 2009 setzten rund 46 Prozent der Unternehmen auf das Modell. 2015 könnten es rund 60 Prozent sein, prognostiziert das Zukunftsinstitut in Kelkheim in einer aktuellen Studie. Der Begriff Work-Life-Balance werde sein Ende erreichen, schreiben die Autoren darin. Er unterstelle eine Trennung zwischen Beruf und Leben, welche Menschen in Zukunft kaum noch spüren könnten. Der „Otto Normalbeschäftigte“ wird schleichend von der Regel zur Ausnahme, mutmaßen die Wissenschaftler.

    Fließende Übergänge zwischen Job und Privatleben. Vielleicht auch noch die Vermischung von beidem. Kann das gut gehen? Zu viel Flexibilität am Arbeitsplatz, so sehen es Gewerkschafter, das hat seine Schattenseiten, sagen sie. In punkto Vertrauensarbeit heißt das konkret: „Wenn Zeit nicht erfasst wird, merkt man kaum, wie viele Stunden man länger im Büro verbringt“, so Verdi-Mitarbeiterin Sylvia Skrabs. Zwar könne dieses Zeitarbeitsmodell für bestimmte Berufsgruppen günstig sein – wie zum Beispiel für Wissenschaftler, die an Projekten arbeiten. Doch müssten die Rahmenbedingungen stimmen. „Wenn Vertrauensarbeit funktionieren soll, sagt sie, müsse der Arbeitgeber die Ressourcen, also Zeit und Personal, vernünftig einplanen. Zu wenig Mitarbeiter und zu wenig Zeit für ein Projekt, das funktioniere nicht. „Am Ende steht womöglich das Burnout.“

    Die Gefahr einer solchen Überforderung ist IBM durchaus bekannt. Mit Infomaterial kläre man die Belegschaften über die Besonderheiten des Arbeitszeitmodells auf. Für Manager gebe es entsprechende Schulungen. „Führungskräfte haben eine besondere Verantwortung gegenüber ihren Mitarbeitern“, so Personalverantwortlicher Liebmann. „Sie haben ein Auge darauf, dass sich die Angestellten nicht überfordern.“

    „Die Mitarbeiter schätzen die Vertrauensarbeitszeit“, sagt Liebmann. Sie sei zum Beispiel wichtig, um Familie und Beruf besser zu vereinbaren. Werde die Kita bestreikt, könne die Mutter ihre Tochter zuhause behalten und von dort aus arbeiten. Auch die Pflege von Angehörigen ließe sich mit flexiblen Arbeitszeiten besser organisieren.

    Bei Verdi ist man prinzipiell dafür, dass die Arbeitszeit erfasst wird. „Schließlich verkaufen wir unsere Zeit für Geld“, meint Gewerkschaftssekretärin Skrabs. Je mehr Stunden Beschäftigte in Form von unbezahlter Mehrarbeit ableisten, desto weniger seien sie pro Stunde wert. „Auch mit Zeiterfassung können Beschäftigte selbstständig arbeiten“, sagt sie.

    Fließende Übergänge

    Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen: Das ist das zentrale Ergebnis einer aktuellen Umfrage des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB).

    Gut ein Viertel (27 Prozent) der Beschäftigten gibt laut Studie an, sehr häufig oder oft auch in der Freizeit für die Arbeit erreichbar sein zu müssen. Jeder Siebte (15 Prozent) arbeitet sogar sehr häufig oder oft unbezahlt in seiner Freizeit. Unter diesen Umständen sei es nicht verwunderlich, so der DGB, dass mehr als ein Drittel (37 Prozent) auch zu Hause an Schwierigkeiten bei der Arbeit denken müsse. Fast die Hälfte (49 Prozent) der Befragten  sagen außerdem, dass sie im letzten Jahr mindestens zweimal zur Arbeit gegangen sind, obwohl sie sich „richtig krank“ gefühlt

  • Teure Rettung

    Die Stabilisierung der Währung kostet die Steuerzahler im schlechteren Fall bis zu 400 Milliarden Euro

    Eins ist sicher: Die deutschen Staatsbürger und Steuerzahler werden für die Stabilisierung des Euro bezahlen. Im günstigsten Fall beträgt die Rechnung einige Dutzend Milliarden Euro, im schlechteren ist eine Größenordnung von 400 Milliarden Euro in den kommenden Jahrzehnten denkbar. Am Dienstag einigten sich Koalition und Opposition, dass der Bundestag bei allen wichtigen Entscheidungen des vorläufigen Rettungsschirms EFSF das letzte Wort hat.

    22 Milliarden Euro, die definitiv fällig werden, fließen aus dem Bundeshaushalt von Finanzminister Wolfgang Schäuble an den permanenten Stabilitätsmechanismus ESM. Demnächst beschließt der Bundestag einen Nachtragshaushalt für 2012, um den ersten Anteil von 8,6 Milliarden Euro zu überweisen. Finanziert wird dieses Geld aus den Steuereinnahmen, zu denen die meisten Bürger und Unternehmen beitragen. Die Mittel dienen dazu, Kredite an verschuldete Staaten wie beispielsweise Griechenland oder Irland abzusichern.

    Mit ziemlicher Sicherheit übernehmen müssen die Steuerzahler auch Verluste von bis zu zehn Milliarden Euro, die etwa die mittlerweile staatseigene HRE-Bank mit griechischen Staatsanleihen macht.

    Außerdem stellt Deutschland hohe Bürgschaften für das erste Griechenland-Paket, sowie die beiden Stabilisierungsfonds EFSF und ESM zur Verfügung. Für Griechenland I sind dies 22 Milliarden, für den EFSF potentiell 211 Milliarden, für den ESM könnten es bis zu 168 Milliarden Euro sein. Zusammen macht das 401 Milliarden Euro.

    Ein Teil dieser Summe würde aber erst dann als Garantie fällig, wenn verschuldete Staaten, die Kredite der Fonds erhalten haben, diese nicht mehr zurückzahlen könnten. Dass die deutschen Steuerzahler alle Bürgschaften tatsächlich finanzieren müssen, ist auch deshalb sehr unwahrscheinlich, weil der ESM zunächst einmal sein Eigenkapital einsetzen kann.

    Darüberhinaus geht Deutschland weitere Risiken ein, die aber schwer einzuschätzen und zu quantifizieren sind. So stellt die Bundesbank dem Internationalen Währungsfonds einige Milliarden Euro für eine IWF-Kapitalaufstockung zur Verfügung. Sollte der IWF in Schwierigkeiten geraten, könnten im Extremfall auch daraus Zahlungsverpflichtungen erwachsen.

    Hinzu kommt eine gewisse Mithaftung Deutschlands für die Staatsanleihen verschuldeter Länder, die die Europäische Zentralbank erworben hat. Auch für rund eine Billion Euro, die die EZB jüngst den Geschäftsbanken zur Verfügung stellte, tragen Bundesbank und letztlich die Steuerzahler eine Mitverantwortung. Schließlich existiert das Zinsrisiko: Wegen die Milliarden-Bürgschaften könnten Investoren höhere Zinsen für deutsche Staatsanleihen verlangen, was ebenfalls die Kosten für die Steuerzahler erhöhte. Addiert man solche Risiken, kommen schnell fantastische Zahlen heraus, von denen niemand weiß, ob sie jemals realistisch werden.

  • Nur eine Richtung

    Kommentar zum Benzinpreis von Hannes Koch

    Für Autofahrer ist der steigende Benzinpreis ein steter Quell neuer Ärgernisse. Gerade klettern die Kosten wieder besonders schnell. Zwar versuchen einige Landesregierungen nun gegenzusteuern, doch sind die Erfolgsaussichten gering.

    Die Idee der Benzinkosten-Bremse ist diese: Müssen die Konzerne Preiserhöhungen anmelden und dürfen sie sie nur einmal täglich vollziehen, bleibt die Steigerung in Grenzen. Verhindern lässt sie sich jedoch kaum. Die fünf Unternehmen, die den deutschen Markt beherrschen, kennen ihre Geschäftspraktiken gegenseitig gut genug. Sie wissen, welche Erhöhung sich durchsetzen lässt, ohne dass das Kartellamt einschreiten kann.

    Eine bessere Strategie wäre es, die Macht der Marken einzuschränken. Die Politik müsste die Tankstellen auf mehr Unternehmen verteilen und dadurch die Konkurrenz erhöhen. Dagegen spricht jedoch nicht nur die Logik der gegenwärtigen Ordnung, sondern auch die Realität der globalen Treibstoffherstellung. Der Kraftstoff ist nur deshalb noch so relativ billig, weil ihn transnationale Konzerne in gigantischen Mengen produzieren und liefern.

    Dieses System freilich wird schwächer: Während die Nachfrage steigt, werden die Erdöllager leergepumpt. So lautet die entscheidende Botschaft: Wir müssen uns auf viel spürbarere Preissteigerungen einstellen, als wir sie bisher kennen.

  • Wirkung der Spritpreis-Bremse fraglich

    NRW und Thüringen wollen hektische Benzinkosten-Schankungen unterbinden

    Angesichts der hohen Spritkosten fordern fünf Bundesländer eine Benzinpreis-Bremse. Unter anderem Nordrhein-Westfalen und Thüringen bringen deshalb am kommenden Freitag entsprechende Anträge in den Bundesrat ein. Auch wegen der bevorstehenden Osternferien und des Wahlkampfs in NRW gewinnt die Debatte an Fahrt.

    Wie entwickeln sich die Benzinpreise aktuell?
    Mit einer Stichprobe in elf Städten hat der ADAC gerade herausgefunden, dass die Kosten gegenwärtig außerordentlich stark schwanken. Vielerorts erhöhen die Tankstellen der großen Marken nachts oder morgens ihre Preise teilweise um bis zu zehn Cent pro Liter. Im Laufe des Tages sinken die Notierungen dann jedoch wieder. Hinzu kommt, dass E10-Benzin und Diesel gegenwärtig so teuer sind wie selten zuvor.   

    Welche sind die Ursachen für die hohen Kosten?
    Einerseits steigt der Preis für Rohöl, der ausschlaggebend ist für die Kosten des Kfz-Kraftstoffs.  Dazu tragen die Revolutionen in arabischen Staaten ebenso bei der bevorstehende europäische Boykott von Ölexporten des Iran. Zweitens spielt eine Rolle, dass die Mineralölkonzerne offenbar ihre Gewinnmarge ausweiten. Zu diesem Schluss kam unlängst die Hamburger Forschungs- und Beratungsfirma EnergyComment in einer Studie für die Grünen. Die großen Marken setzen die Preise zunehmend dann herauf, wenn die Autofahrer dringend tanken müssen – morgens auf dem Weg zur Arbeit oder vor der Autobahnfahrt in den Urlaub.

    Wie soll die Benzinpreisbremse funktionieren?
    Nordrhein-Westfalens Wirtschaftsminister Harry Voigtsberger (SPD) plädiert für eine Regelung wie in Westaustralien. Dort müssen die Tankstellen dem Handelsministerium eine Preisanhebung vorab ankündigen und dürfen dann den Wert am folgenden Tag zwischen 6.00 Uhr und 24.00 Uhr nicht mehr ändern. Abweichungen sind erst für den übernächsten Tag möglich. Voigtsberger hegt die Hoffnung, dass den Kunden dadurch die hektischen Preiserhöhungen erspart bleiben. Thüringens CDU-Verkehrsminister Christian Carius sieht das ähnlich, orientiert sich hingegen am österreichischen Vorbild. Auch dort dürfen die Tankstellen die Preise nur einmal täglich nach oben setzen, allerdings können sie sie öfters senken.  

    Wird das Benzin dadurch billiger?
    Nicht nur der ADAC weist daraufhin, dass der Sprit in Österreich nach der Regulierung tendenziell teurer war als vorher – wenn auch nicht ganz so kostspielig wie in Deutschland. Die Autofahrer müssen sich zwar nicht ständig mit den hektischen Preisbewegungen auseinandersetzen, Geld sparen sie jedoch nicht. Gegen das australische Modell argumentiert unter anderem der Bundesverband der Freien (markenunabhängigen) Tankstellen, dieses raube den kleinen Firmen die Möglichkeit, schnell und flexibel zu reagieren und den großen Anbietern damit Paroli zu bieten. Der Mineralölwirtschaftsverband hält von beiden Regelungen nichts.

    Warum schreitet das Bundeskartellamt nicht ein?
    Andreas Mundt, der Präsident des Bundeskartellamtes, hat sich für die australische Regulierung ausgesprochen. Direkt in die Preisbildung einzugreifen, sieht das Kartellamt keine Möglichkeit. Die Benzinpreise der Marken Aral-BP, Shell, Esso, Jet und Total würden sich zwar ähnlich entwickeln, aber nicht auf nachweisbaren Absprachen beruhen. Um den fünf großen Konzernen nicht noch mehr Einfluss zu verschaffen, will das Kartellamt verhindern, dass jene weitere Tankstellen kaufen.

    Wie geht es jetzt weiter?  
    Wenn der Bundesrat den Anträgen zustimmt, ist die Bundesregierung gefordert, einen Gesetzesvorschlag auszuarbeiten. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) sagte gestern, zunächst wolle er die Angelegenheit mal ordentlich untersuchen lassen.

  • Aldi-Preise haben ihren Preis

    Discount-Kette könnte ihren Zuliefer-Arbeiterinnen bessere Löhne zahlen. Kampagne für Saubere Kleidung kritisiert kärgliche Bezahlung und extrem lange Arbeitszeiten

    Wie Aldi-T-Shirts in Bangladesch produziert werden, weiß Khorshed Alam sehr genau. „Die meist weiblichen Beschäftigten arbeiten bis zu 100 Stunden pro Woche und können dennoch von ihren kargen Löhnen kaum leben,“ sagt Alam. Im Auftrag der Kampagne für Saubere Kleidung hat der Arbeitsrechtler kürzlich zehn Bekleidungsfabriken in Bangladesch besucht und mit den Arbeiterinnen gesprochen. Nun reist er durch Deutschland, um die Öffentlichkeit über den Preis der Aldi-Produkte zu informieren.

    100 Stunden pro Woche? Das macht im Durchschnitt 14 Stunden täglich an der Nähmaschine in der Fabrik, auch Samstag und Sonntag. Diese Arbeitszeit ist weit mehr, als das Arbeitsgesetz in Bangladesch erlaubt, erklärt Alam. Der Lohn für diese quasi ununterbrochene Schufterei beläuft sich seinen Recherchen zufolge auf maximal 8.500 Taka, was etwa 78 Euro im Monat entspricht. Stundenlohn: umgerechnet rund 20 Euro-Cent. Davon könne eine vierköpfige Familie selbst in Bangladesch nicht leben, sagen Gisela Burckhardt und Sandra Dusch Silva von der Kampagne für Saubere Kleidung.

    Wie könnte man das ändern? Aldi müsste seine Zulieferer verpflichten, den Arbeiterinnen höhere Löhne zu zahlen. Weil der Lohnanteil am Preis eines 4,95-Euro-T-Shirts vielleicht 13 Cent beträgt, würde selbst die Verdoppelung der Bezahlung den Verbraucherpreis kaum erhöhen. Aldi könnte seine Billigstrategie fortsetzen, müsste allerdings eine gewisse Einbuße bei der Gewinnmarge hinnehmen. Statt 60 Cent pro Hemd würde das Unternehmen dann vielleicht noch 50 Cent Profit erwirtschaften.

    Ökonomisch würde eine derartige Unternehmenspolitik dem Discount-Imperium vermutlich nicht schaden. Die Forbes-Liste führt Aldi-Gründer Karl Abrecht auf Platz zehn der reichsten Erdenbürger. Ihm wird ein Vermögen von 20 Milliarden Euro zugeschrieben. Die Nachkommen seines verstorbenen Bruders Theo rangieren mit 14 Milliarden Euro auf  Platz 32.  

    Zur konkreten Kritik war von Aldi Süd am Freitag keine Stellungnahme zu erhalten. Frühere Vorwürfe der Kampagne für Saubere Kleidung beantwortete eine Sprecherin, indem sie darauf verwies, dass man einen Verhaltenskodex für Firmen (BSCI) umsetze. Diese Vorschriften untersagen, dass Zulieferer gegen örtliche Gesetze verstoßen. Beispielsweise im Falle der Arbeitszeiten muss man jedoch davon ausgehen, dass Aldi die eigenen Zusagen missachtet.

  • Pilotinnen auf dem Vormarsch

    Die Frauenquote ist wunder Punkt der Fluggesellschaften. Traut Euch in die Cockpits, sagen sie.

    Nach New York, Dubai oder Singapur soll es später einmal gehen. Langstrecke zu fliegen, das ist Anke Hüpperlings Traum. In ein paar Jahren könnte die 24-Jährige tatsächlich im Cockpit eines Airbus oder einer Boing sitzen und den Atlantik hoch über den Wolken überqueren. Gerade absolviert die junge Mönchengladbacherin eine Ausbildung zur Verkehrsflugzeugpilotin – an der dortigen RWL German Flight Academy.

    Die Ausbildung ist teuer. Die Anforderungen sind hoch. Dennoch entscheiden sich jedes Jahr Tausende junge Menschen dafür, ihren Traum vom Fliegen wahr werden zu lassen. Auch wenn sich immer mehr Frauen in die Branche trauen, bleiben sie in der Minderheit. Gerade einmal 348 Frauen waren unter den insgesamt 9.372 Piloten, die 2008 ihre Lizenz zum Verkehrsflugzeugführer erhielten. Im vergangenen Jahr waren es 405 von 9.894.

    Die Frauenquote ist wunder Punkt der Airlines. Seit Jahren bewegt sie sich bei der Lufthansa um die sechs Prozent. Dabei wünscht sich die Kranichairline mehr weibliche Flugzeugführer ins Cockpit. „Ist eine Pilotin in der Crew, verbessert sich das Kommunikationsklima“, sagt Unternehmenssprecher Michael Lamberty. Klar müsse man sich damit anfreunden, in einem technischen Umfeld zu arbeiten. Das bedeute aber nicht, dass man an Triebwerken herumschraubt.

    Nicht nur der Gedanke, der Beruf sei viel zu technisch, könnte Frauen davon abhalten, sich der Karriere zu stellen. „Sie denken vielleicht, Familie und der Beruf als Pilotin passen nicht zusammen, weil die Arbeitszeiten so unregelmäßig sind“, erläutert Lamberty. Doch das sei eine falsche Annahme, schließlich gebe es zahlreiche Teilzeitmodelle.

    Auch Jens Küper, der mit seinem Vater Werner Küper die RWL German Flight Academy leitet, wünscht sich, dass mehr Frauen den Luftraum erobern. „Sie machen den Job nicht weniger gut“, sagt er. Der Weg zur Verkehrspilotenlizenz sei allerdings anspruchsvoll. 18 bis 20 Monate dauert die Ausbildung an seiner Schule. „Die Schüler müssen immer zur Verfügung stehen und so etwas wie Sommerferien gibt es bei uns nicht.“

    Rund 6.000 junge Menschen versuchen ihr Glück jedes Jahr bei der Lufthansa, der größten deutschen Fluggesellschaft. Doch nur zwischen acht und zehn Prozent von ihnen überstehen den harten Bewerbungsmarathon. „Da wird kräftig gesiebt“, sagt Unternehmenssprecher Michael Lamberty. „Es gilt über alle Hürden zu springen.“ Piloten müssten in allen Disziplinen gut sein. Man suche keine Überflieger. Aber schlechte Mathe- oder Englischkenntnisse ließen sich hier nicht durch gute Geographie- oder Technikkenntnisse ausbügeln.

    Trotz der hohen Ablehnungsquote sollte sich keiner davor scheuen, sich den Einstellungstests der Kranichairline zu stellen. „Wer denkt, er hat das Zeug zum Flugkapitän, sollte sich bewerben“, ermutigt Lamberty. In diesem Jahr stehen die Chancen, einen der begehrten Ausbildungsplätze zu ergattern, sogar geringfügig besser. 330 Flugschüler sucht das Unternehmen – 50 mehr als 2011. Wer bei Lufthansa nicht genommen wird, sollte dennoch nicht verzagen. „Eine Absage bedeutet nicht unbedingt, dass aus dem Bewerber kein guter Pilot werden kann“, sagt der Unternehmenssprecher.

    Ganz egal bei welchem Betrieb Verkehrsflugzeugpiloten ihre Ausbildung absolvieren – sie ist teuer. 60.000 Euro beträgt der Eigenanteil der Teilnehmer bei der Lufthansa. Bis der Betrag fällig wird, stellt ihn die Airline jedoch zins- und tilgungsfrei. Erst, wenn die Absolventen ihren Job in der Tasche haben und die ersten Gehaltszahlungen auf dem Konto eingegangen sind, steht die Rückzahlung in monatlichen Raten von mindestens 300 Euro an. Bei einem Verdienst von 60.000 Euro im ersten Jahr, schlägt dieser Betrag jedoch kaum zu Buche.

    67.000 Euro wird Anke Hüpperling am Ende ihre Ausbildung samt Fluglizenz berappt haben. Die 24-Jährige ist froh, dass ihre Eltern sie finanziell unterstützen. Doch auch Schüler der Mönchengladbacher Flugakademie, die nicht so viel Glück wie Anke haben, müssen auf den Traum vom Fliegen nicht verzichten. Sie können auf ein Darlehen der Nationalbank zählen, für das sie keine Sicherheiten mitbringen müssen.

    Tipp: Lufthansa und die RWL German Flight Acadmy sind nur zwei von insgesamt 84 Betrieben in Deutschland, die Piloten ausbilden. Im Internet unter www.vcockpit.de finden Interessierte eine Checkliste für die Auswahl einer geeigneten Flugschule.

  • Der bequeme Weg

    Kommentar zur Neuverschuldung von Hannes Koch

    Mehr Schulden trotz Schuldenbremse – so lautet die neueste Botschaft von Finanzminister Wolfgang Schäuble. Eine merkwürdige Nachricht: Einerseits soll Europa sparen, weil einige Staaten überschuldet sind. Selbst Deutschland steht mit mehr als 2.000 Milliarden Euro in der Kreide. Andererseits plant Schäuble dieses Jahr wieder doppelt so viele Schulden wie 2011. Auf der Hitliste der sinnlosesten Politiker-Begriffe könnte die so genannte Schuldenbremse bald ganz oben stehen.

    Was macht der Finanzminister da eigentlich? Er geht den bequemen Weg. Angesichts der augenblicklichen ökonomischen Stärke Deutschlands hofft er auf weiteres Wirtschaftswachstum bis 2016. Schäubles Kalkül: Wenn das Bruttoinlandprodukt beispielsweise um 1,5 Prozent jährlich steigt, kann er sich eine gewisse Neuverschuldung leisten. Im Verhältnis zum BIP würde die Kreditsumme trotzdem relativ zurückgehen und die Schuldenbremse eingehalten – obwohl tatsächlich weitere Schuldenmilliarden hinzukommen.

    Grundsätzlich kann dieser Mechanismus funktionieren. Aber der Finanzminister macht es sich doch ziemlich einfach. Ohne allzu große Probleme könnte Schäuble rund zehn Milliarden Euro aus dem Haushalt 2013 herausschneiden – beispielsweise durch zusätzliche Sparmaßnahmen bei Subventionen oder den Verzicht auf die Senkung der Einkommensteuer. Der Anstrengung setzt sich Schäuble aber nicht aus – er legt einen Wohlfühl-Etat vor und hofft, seine Ziele quasi automatisch zu erreichen.

    Vielleicht klappt das, vielleicht aber auch nicht. Nach der gegenwärtig soliden Phase wird unweigerlich die nächste Rezession folgen. Dann rufen alle nach antizyklischer Politik – höherer Neuverschuldung, um der Schrumpfung entgegenzuwirken. Gut wäre es, wenn diese Investitionen nicht aus neuen Krediten, sondern zumindest teilweise aus Überschüssen der aktuellen Boomphase finanziert werden könnten. Gegenwärtig sieht es nicht danach aus, als wollte Schäuble diesen Spielraum erwirtschaften. Die christlich-liberale Koalition läuft damit Gefahr, die jahrzehntealte Politik wachsender Schuldenberge fortzusetzen.

  • „Die Regierung gibt sich zu wenig Mühe“

    Finanzminister Schäuble könnte mehr sparen, wenn er wollte, sagt RWI-Ökonom Rainer Kambeck

    Hannes Koch: Die deutsche Wirtschaft läuft gut, die Steuereinnahmen fließen reichlich. Trotzdem beschließt das Bundeskabinett am Mittwoch weitere Milliarden-Schulden für 2013. Ist das gerechtfertigt?

    Rainer Kambeck: Nein, man kann in der Tat kritisch anmerken, dass die Neuverschuldung in diesem und kommendem Jahr verglichen mit 2011 wieder ansteigen soll. Und das, obwohl die Steuereinahmen weiter zulegen. Die Regierung gibt sich zu wenig Mühe, ihre eigenen Beschlüsse aus dem zurückliegenden Sparpaket umzusetzen. Eigentlich wollte sie mehr Mittel aus dem Verteidigungshaushalt herausgekürzen. Beim Abbau von Subventionen für Unternehmen ist die Koalition ebenfalls zu zurückhaltend. Beispielsweise erhält die Deutsche Bahn weiterhin hohe Investitionszulagen, obwohl der Konzern beträchtliche Gewinne erzielt. Einsparungen wären auch möglich, indem man Vergünstigungen bei der Energiesteuern oder bei der Umsatzsteuer einschränkte. Auch bei der Einkommensteuer können auf lange Sicht Vergünstigungen wie steuerfrei Zuschläge oder die Pendlerpauschale reduziert werden.

    Koch: Eigentlich soll die Neuverschuldung gen Null sinken. Nimmt die Regierung die Schuldenbremse nicht ernst?

    Kambeck: Doch, sie hält die Schuldenbremse wahrscheinlich ein. Die Regelung besagt, dass die neuen Schulden im Bundeshaushalt bis 2016 auf ein Minimum sinken müssen – 0,35 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Das wird die Regierung schaffen. Dazu ist sie auch gezwungen, schließlich führt auf ihre Initiative hin gerade ganz Europa diese Schuldenbegrenzung ein.

    Koch: Bereits 2014, sagt Finanzminister Wolfgang Schäuble, werde er die Schuldenbremse umsetzen. Aber auch für jenes Jahr plant er noch 14 Milliarden Euro neue Kredite. Welchen Sinn hat eine Bremse, bei der die Regierung munter weiter Gas gibt?

    Kambeck: Es wäre ein Missverständnis anzunehmen, dass die Schuldenbremse neue Kredite komplett verbietet. Sie müssen sich allerdings in engen Grenzen halten. Wenn die Neuverschuldung beispielsweise nur um ein Prozent steigt, das Wirtschaftswachstum aber um zwei Prozent, sinkt die gesamtstaatliche Belastung. Absolut betrachtet legt die Staatsverschuldung zwar weiter zu, relativ zur Wirtschaftsleistung nimmt sie aber ab. Das ist das Entscheidende.   

    Koch: Wir haben jetzt eine Zeit guter Konjunktur. In einigen Jahren wird die nächste Krise kommen – mit steigender Neuverschuldung. Anstatt auch jetzt noch zusätzliche Kredite aufzunehmen, müsste die Regierung doch eigentlich Überschüsse zurücklegen, damit sie in der Krise Mittel zum Investieren hat.

    Kambeck: Diese Überlegung ist grundsätzlich richtig. Wobei wir jetzt in Rechnung stellen müssen, dass wir aus dem tiefen Tal von 2009 kommen. Erst allmählich findet die deutsche Wirtschaft wieder zu ihrer alten Kraft, die sie vor der Finanzkrise hatte. Augenblicklich wäre es deshalb verfrüht, Überschüsse im Bundeshaushalt zu verlangen. In den kommenden Jahren jedoch könnte sich die Lage so positiv entwickeln, dass tatsächlich Rücklagen gebildet werden müssten. Dann reicht der bisherige Plan, nur die Neuverschuldung zu reduzieren, möglicherweise nicht mehr aus.

    Koch: Die Regierung will die Einkommensteuer leicht senken, um die so genannte kalte Progression abzubauen. Das kostet rund sechs Milliarden Euro, bringt dem einzelnen Steuerzahler aber nur geringe Erleichterung. Ist diese Maßnahme richtig oder falsch?

    Kambeck: Sie ist absolut richtig. Schließlich wächst die Belastung mit Einkommensteuer regelmäßig nur deshalb, weil die Verdienste infolge der Inflation nominell zunehmen. Real steigen sie dagegen genauso wenig wie die Leistungsfähigkeit der Steuerpflichtigen. Deshalb ist es richtig, wenn die Regierung diese automatische Steuererhöhung an die Bürger zurückgibt.

    Bio-Info
    Rainer Kambeck (50) leitet den Bereich für Öffentliche Finanzen am Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung in Essen. Er ist Mitglied im Arbeitskreis Finanzwissenschaft beim Bundesfinanzminister.

  • Finanzmarkt bleibt ohne Wächter

    Anhörung im Bundestag zeigt Kontrollbedarf / Doch Regierung und Opposition liegen weit auseinander

    Mitunter platzt auch dem wenig auf Rabatz gepolten verbraucherpolitischen Sprecher der FDP im Bundestag der Kragen. „Ich bin extrem sauer“, wettert Erik Schweikert über das Verhalten der Bundesfinanzaufsicht (BaFin) im Verbraucherausschuss. 24 Fragen seien der Behörde gestellt, keine beantwortet worden. Beim Nachbohren wurde schnell klar, warum sich das Amt bei der Frage, ob Verbraucherrechte künftig auch von der Finanzaufsicht vertreten werden sollen, so zurückhält. Das Finanzministerium hatte die kargen Antworten vorgegeben. Minister Wolfgang Schäuble will die Interessen der Sparer nicht weiter stärken. Sein Gesetzentwurf zur Finanzaufsicht sieht keine grundlegende Neuordnung zugunsten der Anleger vor.

    Grüne, SPD und Linke geht die Regierungslinie gegen den Strich. Die Oppositionsparteien wollen einen Finanzmarktwächter einführen. Denn die Anleger verlieren viel Geld, weil sie es in die falschen Produkte stecken oder übertriebenen Werbesprüchen der Banken und Versicherungen auf den Leim gehen. „Da reden wir über einen dreistelligen Milliardenbetrag“, schätzt der Anlageexperte der Hamburger Verbraucherzentrale, Günter Hörmann. Insbesondere bei den langlaufenden Verträgen für die private Altersvorsorge entgehen den Kunden Erträge.

    Der Finanzmarktwächter soll die Anlageprodukte und das Verhalten der Anbieter im Blick behalten, Beschwerden sammeln, Fehlentwicklungen aufdecken und für eine bessere Information der Öffentlichkeit über die Finanzprodukte sorgen. Der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) würde diese Aufgabe gerne übernehmen. Zehn Millionen Euro im Jahr veranschlagt vzbv-Chef Gerd Billen dafür. Angesichts der Milliardenschäden, die den Verbrauchern jährlich entstehen, ist dies ein eher bescheidener Betrag.

    Die Sache hat jedoch einen gewaltigen Haken. Ein Aufpasser allein bewirkt nichts. Eine mit Hoheitsrechten ausgestattete Behörde muss die erkannten Mängel auch per Order abstellen können. Das können Verbraucherverbände nicht leisten. Spätestens an diesem Streitpunkt gehen die Auffassungen zwischen Regierung und Opposition weit auseinander. Die einen wollen keine wesentlich strengere Finanzaufsicht. Die BaFin soll sich also weiterhin vorrangig um funktionierende Finanzmärkte kümmern.

    Die anderen fordern eine aktive Rolle der Behörde beim Verbraucherschutz, so wie es in England etwa der Fall ist. Bei der BaFin reden vor allem die Anbieter der Sparprodukte mit. Kundeninteressen bleiben außen vor. Und die Behörde behält ihr Wissen über unseriöse Praktiken auch lieber für sich.

    „Wir brauchen eine Verbraucherstimme, die den Markt beobachtet, Beschwerden erkennt und systematisch weitergibt“, stellt SPD-Verbraucherexpertin Kerstin Tack fest. Und die Grüne Abgeordnete Nicole Maisch sieht sich in der Forderung nach einem Finanzmarktwächter und weitergehenden Aufgaben der BaFin bestätigt. „Unser Konzept ist mehr als reif“, sagte Maisch nach der Anhörung.

    Passieren wird aber erst einmal nichts. Schwarzgelb hat gerade 1,5 Millionen Euro im Jahr für die Stiftung Warentest herausgerückt. Damit soll die Stiftung Finanzprodukte auf ihre Tauglichkeit hin überprüfen. Bei einigen zehntausend Anlageprodukten muss sich die Einrichtung nur auf wenige Anlagen beschränken. Von einem Finanz-TÜV kann ebenso wenig die Rede sein wie von einer Marktkontrolle.

  • „Unter dem Strich ist der Einsatz gerechtfertigt“

    Die Bundeswehr in Afghanistan sei nicht gescheitert, sagt Adrienne Woltersdorf/ FES Kabul

    Hannes Koch: Frau Woltersdorf, US-Soldaten in Afghanistan haben Koran-Exemplare auf den Müll geworfen, ein US-Militär erschoss in einem Amoklauf kürzlich mehrere Einheimische, die Bundeswehr räumte aus Besorgnis einen Stützpunkt. Fühlen Sie sich in Kabul nun stärker gefährdet?

    Adrienne Woltersdorf: Die Situation ist angespannt. Die Dolmetscher, die Ausländer begleiten, werden zum Beispiel häufig gefragt, warum sie noch für die Ungläubigen arbeiten.

    Hannes Koch: Führen Sie ein einigermaßen normales Leben, wie kommen Sie beispielsweise morgens ins Büro?

    Woltersdorf: Von einem normalen Alltagsleben kann kein Rede sein. Ich gehe fast nie zu Fuß. Unsere Fahrer nehmen jeden Tag einen anderen Weg – nicht aus Angst vor Anschlägen der Taliban, sondern um Entführungen zu vermeiden. Die zunehmende Kriminalität ist ein großes Problem. Die internationalen Helfer versuchen, möglichst nicht aufzufallen, um keine feindlichen Reaktionen hervorzurufen. In Kabul gibt es zwar etwa 40 internationale Restaurants, aber auch dort treffen wir uns kaum noch.

    Koch: Wie können Sie Fortschritte für die afghanische Bevölkerung erreichen, wenn Sie sich unsichtbar machen?

    Woltersdorf: Bisher ist es uns durchaus gelungen, die aufkeimende afghanische Zivilgesellschaft zu unterstützen, die Interesse an Partizipation und Offenheit hat. Wir helfen beispielsweise jungen Leuten dabei, die Kenntnisse zu erwerben, die ihnen eine Mitwirkung im politischen System gestatten. Augenblicklich ist die Durchlässigkeit sehr hoch, ehrgeizige Zwanzigjährige machen alles gleichzeitig – studieren, arbeiten, Karriere. In jungen Jahren kann man schon eine hohe Position in einem Ministerium bekleiden.

    Koch: Ist das der wichtigste Fortschritt, den das Engagement des Westens für die afghanische Bevölkerung gebracht hat?

    Woltersdorf: Die ökonomische und politische Teilhabe halte ich für entscheidend. Außerdem muss man wissen, dass weite Teile Afghanistans mittlerweile stabil und friedlich sind – trotz gegenteiliger Nachrichten aus den südlichen Provinzen.

    Koch: Der ehemalige Bundeswehr-Generalinspekteur Harald Kujat hält den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan für gescheitert. Richtig oder falsch?

    Woltersdorf: Insgesamt ist dieses Urteil zu negativ. Einerseits haben die internationalen Truppen zwar die Fähigkeit der Taliban unterschätzt, immer neue, junge Kämpfer zu rekrutieren. Andererseits sind aber vielerorts Strukturen entstanden, auf denen die Zukunft aufgebaut werden kann. Die Bilanz ist gemischt. Unter dem Strich ist der Einsatz gerechtfertigt.

    Koch: Nach dem Amoklauf wird nun diskutiert, die ausländischen Truppen früher abzuziehen als zum eigentlich geplanten Termin 2014. Was würde passieren, wenn die Bundeswehr und möglicherweise auch die anderen Staaten Afghanistan schneller verließen?

    Woltersdorf: Schon die ungeordnete Debatte über den früheren Abzug richtet großen Schaden an. Sie setzt eine negative Dynamik in Gang. Beispielsweise lässt damit der Druck auf die Taliban nach, sich an Friedengesprächen zu beteiligen. Außerdem nimmt die Zukunftsangst der afghanischen Bevölkerung zu. Die Menschen vertrauen ihren eigenen Soldaten und Polizisten noch nicht, dass diese das Land ohne die Hilfe des Westens stabil halten können.

    Koch: Wäre es aus heutiger Sicht nicht eher notwendig länger zu bleiben?

    Woltersdorf: Das ist schwer zu beantworten. Sollte der augenblickliche negative Trend anhalten, besteht die Gefahr, dass die einheimischen Sicherheitskräfte 2014 noch nicht stark genug sind, um alleine für Stabilität zu sorgen. Die Afghanen sorgen sich, dass die Wirtschaft des Landes einbricht, wenn die Truppen abziehen. Die schlechte Sicherheitslage und die zunehmende Kriminalität könnten dann dazu führen, dass weniger Investitionen ins Land kommen.

    Bio-Kasten

    Adrienne Woltersdorf (45) ist Büroleiterin der Friedrich-Ebert-Stiftung der SPD in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Zuvor leitete sie das chinesische Programm der Deutschen Welle in Bonn und war USA-Korrespondentin der Berliner Tageszeitung taz. Sie ist verheiratet mit dem deutsch-türkischen Journalisten Cem Sey, der aus Kabul berichtet.

    Info-Kasten

    Wie weiter mit Afghanistan?

    Soll die Bundeswehr früher aus Afghanistan abziehen? Eigentlich ist Ende 2014 als Termin für den Abzug festgelegt. Nach dem Amoklauf eines US-Soldaten erklärte Afghanistans Präsident Karsai jedoch unlängst, dass die einheimischen Streitkräfte schon 2013 ohne Unterstützung des Westens auskämen. Nicht nur zwischen den Regierungen gibt es Uneinigkeit und Unzufriedenheit. Die Mehrheit der deutschen Bevölkerung plädiert laut Umfragen ebenfalls für einen schnelleren Abzug vor 2014.