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  • Ein Datum ohne Wert

    Durch mehr Aufklärung sollen weniger Lebensmittel im Müll landen

    Das auf Lebensmittelverpackungen angegebene Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) sagt nichts über den Zeitpunkt aus, an dem der Inhalt schlecht oder ungenießbar wird. „Es ist kein Wegwerfdatum, sondern eine Orientierungshilfe“, betont Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU). Zusammen mit dem Handel will das Ministerium die Kunden im Supermarkt besser über die Bedeutung des Aufdrucks aufklären. Denn oft werfen Verbraucher die Ware ungeprüft fort, wenn das Datum überschritten ist. Dabei sind der Joghurt oder der Fertiggericht noch eine ganze Weile genießbar.

    Die Aktion in den Märkten ist Teil der Kampagne Aigners gegen die Verschwendung von Nahrungsmitteln. Elf Tonnen Lebensmittel landen jährlich im Müll. Privathaushalte werfen durchschnittlich 82 Kilogramm anscheinend verdorbener Ware fort. Zwei Drittel der Erzeugnisse wären noch verwendbar. Ein Grund für die Abfallberg ist der von vielen Kunden missverstandene Haltbarkeitshinweis. Statt die Lebensmittel gleich zu entsorgen, rät Aigner den Verbrauchern zum Gütetest auf. „Sehen, riechen und probieren“, fordert die Ministerin von den Konsumenten. Dabei zeige sich rasch, ob die Ware noch in Ordnung ist.

    Die umstrittene Kennzeichnung gibt es bereits seit 30 Jahren. Der Aufdruck findet sich nicht auf allen Lebensmitteln. Bei Milchprodukten oder abgepackten Brot ist er selbstverständlich, bei losem Obst und Gemüse fehlt der Hinweis. Das Datum besagt lediglich, bis zu welchem Tag die Ware auf jeden Fall seine wichtigsten Eigenschaften wie den Geschmack behält. Über die tatsächliche Haltbarkeit sagt der Hinweis nichts aus. Auf Verpackungen mit Frischfleisch, Geflügel oder Fisch steht dagegen das leichter verständliche Verbrauchsdatum. Bis zu diesem Tage sollte die Ware verzehrt werden, weil Keime das leckeren Steak danach schnell in Gammelfleisch verwandeln.

    In die Kritik ist das MHD auch geraten, weil die Industrie hier bei der Kennzeichnung Spielräume hat. Entweder aus Vorsicht oder aufgrund eigener Geschäftsinteressen, so vermuten Skeptiker, werde ein Tag lange vor dem Verderben als Stichtag gewählt. „Wir fordern eine Festlegung des MHD aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse“, sagt die grüße Ernährungsexpertin Nicole Maisch. Für das Übermaß an Lebensmittelabfällen macht die Abgeordnete auch die Industrie verantwortlich. „Viele Lebensmittel vergammeln, weil sie nur in Großfamiliendimensionen erhältlich sind“, wirft Maisch den Herstellern vor. Die Verarbeiter bestreiten den Vorwurf. Die Unternehmen würden an einer Optimierung der Verpackungsgrößen und Gebinden arbeiten, teilt der Branchenverband der Ernährungsindustrie (BVE) mit.

    Mit Tipps für den Umgang mit der gekauften Ware wollen Regierung und Handel für einen verantwortungsvolleren Umgang mit Nahrungsmitteln werben. Auf Faltkärtchen und Flyern erklären die Experten, wie man die Ware am besten frisch hält, dass schimmliges Brot besser entsorgt wird und die sich mit der Zeit bildende Wasserschicht auf dem Joghurt gesundheitlich unbedenklich ist.

  • Gute Einrichtung

    Kommentar

    Schlichtungsverfahren sind für Verbraucher eine echte Entlastung, auch wenn sie längst nicht in allen Fällen Recht dabei bekommen. Grundsätzlich ist die außergerichtliche Einigung allein schon der niedrigen Kosten wegen sinnvoll. Auch das geringe Maß an Bürokratie entlastet Kunden und die Unternehmen auf der Gegenseite. Insofern ist die Ausweitung der bisherigen Versuche auf weitere Branchen sicher wünschenswert.

    Nach zähem Ringen wollen sich nun auch die Fluggesellschaften dem Schlichterspruch stellen. Ob sie ihn annehmen, muss sich erst zeigen. Eine Pflicht dazu besteht nicht. Davon hängt aber die Akzeptanz der Einrichtung bei den Passagieren ab. Ein zweiter Erfolgsbaustein für Schiedsgerichte ist die Unabhängigkeit der entscheidenden Personen. Das ist in Deutschland bei den anerkannten Stellen gesetzlich geregelt. Was die EU hingegen an Vorschlägen der außergerichtlichen Einigung verfolgt, ist wie so häufig in der Union unausgewogen zu Lasten der Verbraucher und zugunsten der Wirtschaft.

    Gerade das aktuelle Beispiel der Fluggesellschaften zeigt, wie schwer sich Unternehmen mit dieser Art der Offenheit tun. Statt auf ein möglichst gutes und konfliktfreies Verhältnis zu ihren Kunden setzen viele Firmen auf die Durchsetzung ihrer eigenen Interessen. Unausgegorene Produkte und Dienstleistungen, falsche Versprechen, Einsparungen zu Lasten der Qualität oder Leistung sind üblich geworden. Wehren können sich die Verbraucher meist nur über aufwendige Gerichtsverfahren. Bei geringen Streitwerten verzichtet man meist darauf. Insofern könnte ein Trend zur Schlichtung auch einer zu einer anderen Unternehmenskultur werden, in dem Streit ausbleibt, weil gut gearbeitet wird. Die bockige Haltung der beiden Billigflieger Easyjet und Ryanair zeigt, dass manches Unternehmen von Einsicht noch weit entfernt ist.

  • Die Macht der Schlichter

    Bald auch Ombudsmann für Fluggäste / Schiedsverfahren auf dem Vormarsch

    Wenn der Bundestag mitspielt, können auch Flugpassagiere auf eine Schlichtungsstelle hoffen, die ihnen bei einem Streit mit den Airlines zu ihrem Recht verhilft. Der Weg für einen Ombudsmann ist frei, seit sich auch viele internationale Unternehmen bereit erklärt haben, am Schiedsverfahren teilzunehmen. „Durch die Einigung mit den großen Verbänden verspricht die Schlichtung ein echtes Erfolgsmodell zu werden“, sagt Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger.

    Jahrelang haben sich die Airlines, anders als zum Beispiel die Bahnen, gegen eine kundenfreundliche Schiedsstelle gewehrt. Noch immer sind nicht alle Unternehmen mit im Boot. Ryanair und Easyjet, über die es von Seiten der Kunden immer wieder Beschwerden gibt, haben sich dem Vorhaben noch nicht angeschlossen. Wohl auch deshalb fährt das Justizministerium zweigleisig. Ein Gesetzentwurf dazu sieht die Einrichtung eines freiwilligen Anlaufpunktes und eines behördlichen vor. An letztere können sich dann die Passagiere jener Fluggesellschaften wenden, die partout nicht mitmachen wollen. „Damit gibt die Bundesregierung ihrer Erwartung Ausdruck, dass auch die an einer behördlichen Schlichtung teilnehmenden Luftfahrtunternehmen die Vorteile einer Schlichtung noch erkennen werden“, heißt es im Entwurf. Anders gesagt: Wenn sich die betroffenen Airlines weiter verweigern, droht ihnen der öffentliche Pranger.

    An den Schlichtern können sich Fluggäste in Streitfällen bis zu einem Betrag von 5.000 Euro wenden. Entschädigungsansprüche bei einer Überbuchung der Maschine, die Annullierung von Flügen oder Schäden am Gepäck gehören ebenso dazu wie die Diskriminierung Behinderter. Nach Angaben des Bundesverbands der deutschen Luftverkehrswirtschaft (BDL) wird die Schiedsstelle auch in Fällen vermitteln, in denen die Airlines bei einer Stornierung des Fluges durch den Kunden die ihm zustehenden Gebührenanteile am Ticket nicht erstatten wollen.

    Ob das Verfahren den Kunden wirklich etwas bringt, muss sich erst zeigen. Denn im Gegensatz zu Einrichtungen in anderen Branchen beugen sich die Airlines dem Schlichterspruch nicht automatisch. Der Ombudsmann für die Versicherungen kann dagegen bis zu einem Streitwert von 10.000 Euro abschießend entscheiden.

    Die Politik fördert die Versuche zu einer gütlichen Einigung zwischen Verbrauchern und Unternehmen. Dahinter steht auch das Eigeninteresse, für den Steuerzahler kostspielige Gerichtsverfahren zu ersparen. Mittlerweile haben Banken, Fernverkehrsfirmen, die Telekommunikationsbranche, Energieversorger oder auch Rechtsanwälte eine Schiedsstelle eingerichtet. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) findet den Trend gut. Allerdings sollten die Anbieter besser dafür sorgen, dass es erst gar nicht zu Kundenbeschwerden komme, fordert ein Sprecher.

    Wie erfolgreich Schlichtungsverfahren sein können, berichtet der Ombudsmann der Versicherungswirtschaft, Günter Hirsch. „Es ist davon auszugehen, dass die Verfahren der alternativen Streitbeilegung zu einer nicht unerheblichen Entlastung der Justiz führen“, erläutert der frühere Richter. Im vergangenen Jahr behandelten seine Schiedsleute fast 18.000 Eingaben, 3,4 Prozent weniger als 2010.Der Ombudsmann werde als Autorität akzeptiert, obgleich die Beschwerdeführer mit dem Ergebnis mitunter Schwierigkeiten hätten. Denn im Gegensatz zur Justiz kann Hirsch nicht selbst ermitteln. Steht Aussage gegen Aussage, geht das Verfahren unentschieden und der Kunde leer aus.

    Auch die EU will die Gründung von Schlichtungsstellen befördern. Bis Ende diesen Jahres soll eine entsprechende Richtlinie verabschiedet werden. Grund ist der schleppend zunehmende Handel über die Grenzen der Mitgliedsländer hinweg. Viele Verbraucher meiden den Einkauf im Ausland, weil sie ihre Rechte dort im Streitfall nur schwer durchsetzen können. Das will Brüssel ändern. Verbraucherschützer sind mit den bisherigen Vorschlägen jedoch noch nicht zufrieden, weil sie noch zu wirtschaftsfreundlich sind. So wurde weder die Unabhängigkeit der Schlichter vorgeschrieben noch eine vorherige Tätigkeit des Schiedsmannes auf Seiten der Anbieter verboten.

  • Angst vor dem Erfolg

    Kommentar zur weltweiten Armut von Hannes Koch

    Was ist besser als eine gute Nachricht? Eine schlechte, denn sie wird eher gehört. Vielleicht ist das der Grund, warum die großen Entwicklungsorganisationen eine wirklich hoffnunggebende Neuigkeit bis heute nicht offensiv kommentiert haben: Statistiken der Weltbank zufolge sind die Millennium-Ziele der Vereinten Nationen bereits erreicht worden. Die Zahl der sehr armen Menschen weltweit ist zwischen 1981 und 2008 dramatisch gesunken, insgesamt wurde die globale Armut halbiert.

    Natürlich kann man an diesen Zahlen Kritik üben. Wahrscheinlich sind die Messverfahren nicht optimal. Und China hat den größten Beitrag zum Abbau der Armut geleistet, im südlichen Afrika hat sie dagegen teilweise zugenommen. Aber wir sollten die Möglichkeit einkalkulieren, dass es auch mal Fortschritt gibt. Nicht alles wird schlechter, manches besser. Aus dem Privatleben kennt man diese Dialektik, nur in der Politik soll sie merkwürdigerweise nicht mehr gelten.

    Im Rückblick auf die neoliberalen Jahrzehnte bietet sich deshalb die Einsicht an, dass die Globalisierung ihre guten Seiten hatte. Deregulierung und Privatisierung sind keine Garantie für Entwicklung, aber sie scheinen einen gewissen Beitrag geleistet zu haben, die Lage hunderter Millionen Menschen zu verbessern. Die chinesischen iPhone-Arbeiterinnen verdienen in den Fabriken der Konzerne zwar oft miese Löhne, müssen aber nicht mehr auf den kärglichn Bauernhöfen ihrer Eltern darben.

    Indem sie diese Entwicklungen ausblenden, verschließen Entwicklungsorganisationen wie Misereor, Venro, Welthungerhilfe oder auch Attac die Augen vor der Realität. Komisch eigentlich – man könnte die gute Nachricht doch auch als Erfolg eigener Arbeit interpretieren. Aber es überwiegt wohl die Angst, das Geschäftsmodell in Frage zu stellen. Jammern bringt mehr Aufmerksamkeit und Geld als Freuen.

  • Die Welt ist besser geworden

    Die weltweite Armut habe deutlich abgenommen, erklärt die Weltbank

    Diese Nachricht könnte notorische Schwarzseher verunsichern. Zwischen 1981 und 2008 habe die weltweite Armut stark abgenommen, erklärte die Weltbank unlängst in einer neuen Studie. Sowohl der Anteil der sehr armen Menschen an der Bevölkerung, als auch ihre absolute Zahl sei in den vergangenen 30 Jahren gesunken.

    In ihrer Ende Februar veröffentlichten, bis heute aber wenig beachteten Studie schwingt sich die in Washington ansässige Entwicklungsbank sogar zu der These auf, dass das wichtigste Millennium-Ziel bereits erreicht sei. Zur Jahrtausendwende vereinbarten die Vereinten Nationen, den Anteil der in absoluter Armut lebenden Menschen bis 2015 im Vergleich zu 1990 auf die Hälfte zu verringern. Hatte das vielkritisierte Zeitalter der Globalisierung also doch seine guten Seiten?

    Die Zahlen der Weltbank-Statistik sind ziemlich eindeutig. Während 1981 noch 52 Prozent der Weltbevölkerung unter der absoluten Armutsgrenze lebten, also rechnerisch weniger als 1,25 Dollar pro Tag und Kopf zur Verfügung hatten, waren dies 2008 nur 22 Prozent. Auch gegenüber 1990 (43 Prozent) sank der relative Anteil der Armen um rund die Hälfte. Auf Basis dieser Berechnung wurde das Millennium-Ziel bis 2008 tatsächlich erreicht.

    Und wie sieht es bei den absoluten Bevölkerungszahlen aus? 1981 lebten insgesamt 1,94 Milliarden Menschen unter der Armutsgrenze, 2008 waren es noch 1,29 Milliarden. Dieser Fortschritt ist vor allem in den Regionen Ostasien und China festzustellen, aber auch in Lateinamerika, Nordafrika und dem Mittleren Osten leben heute weniger arme Menschen als früher. Die Schattenseite dieser Entwicklung liegt in Südasien, wo die Zahl der Armen leicht um zwei Millionen auf 570 Millionen stieg und vor allem in den afrikanischen Staaten südlich der Sahara. Dort wohnten 2008 mit 386 Millionen viel mehr Arme als 1981 (204 Millionen).

    An diesem Punkt setzt denn auch die Kritik der globalisierungskritischen Organisation Attac an, die seit Anfang der 2000er Jahre die weltweite Ungerechtigtkeit anprangert. „Die Fortschritte sind im wesentlichen auf China zurückzuführen“, sagt Attac-Koordinatorin Jutta Sundermann. Wenn man China herausrechnet, hat die Zahl der absolut Armen zwischen 1981 und 2008 tatsächlich nicht abgenommen, sondern ist leicht gestiegen. Vor dem Hintergrund der wachsenden Weltbevölkerung bleibt der Befund des relativen Rückgangs der Armut allerdings auch ohne China bestehen.

    Außerdem bemängelt Sundermann, dass die Weltbank-Statistik nichts darüber aussage, wie die Finanz- und Hungerkrise seit 2008 gewirkt habe. „Die Zahl der Hungernden ist über eine Milliarde Menschen gestiegen“, sagt Sundermann. Die Weltbank-Forscher vermuten dagegen, dass selbst die Nahrungsmittelkrise den Trend zu weniger Armut nicht habe stoppen können – wobei ihre Datenbasis, wie sie selbst einräumen, an diesem Punkt dürftig ist.

    So zweifelt Ulrich Post von der Deutschen Welthungerhilfe die Berechnungsmethode an. Die Einkommensgrenze von 1,25 Dollar als Maßstab für Armut zu benutzen, sei schwierig. Viele andere Indikatoren wie Bildung oder Zugang zu Arbeit würden dabei außeracht gelassen. Auch die Weltbank räumt ein, dass es problematisch sei, die soziale Lage in armen Ländern mit Statistiken realitätsnah zu erfassen. Mehrmals ist die Rede davon, dass die Studie mit Schätzungen und Annahmen arbeite.

    Selbst die Weltbank sieht die Entwicklung nicht nur positiv. Sie weist daraufhin, dass auch die geringere Zahl von einer Milliarde armer Menschen noch viel zu hoch sei. Und die Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen (UNDP) merkt in ihrem Bericht 2010 an, dass der Abstand zwischen dem reichsten Land der Welt (Liechtenstein) und dem ärmsten (Zimbabwe) in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch zugenommen habe. So betrachtet wird die Welt nicht besser, sondern ungerechter.

    Als Erfolg des neoliberalen Zeitalters will Sundermann die Zahlen keinesfalls verstanden wissen. Fortschritte wie beim Anti-Hunger-Programm in Brasilien seien gerade nicht durch den Rückzug des Staates erreicht worden. Auch Ulrich Post von der Deutschen Welthungerhilfe betont die zunehmend positive Rolle von Regierungen in Entwicklungsländern.

    Link zu den Daten

    http://siteresources.worldbank.org/INTPOVCALNET/Resources/Global_Poverty_Update_2012_02-29-12.pdf

    http://web.worldbank.org/WBSITE/EXTERNAL/EXTDEC/EXTRESEARCH/EXTPROGRAMS/EXTPOVRES/EXTPOVCALNET/0,,contentMDK:22716987~pagePK:64168427~piPK:64168435~theSitePK:5280443~isCURL:Y,00.html

  • Gerechtigkeit kann billig sein

    Schuh-Gigant Deichmann: Billig und gleichzeitig sozial – wie passt das zusammen?

    Das beherrschende Objekt in den Filialen der Schuhkette Deichmann ist der Pappkarton. Sandalen, Herrenschuhe und Damenstiefel werden direkt aus ihren Verpackungen verkauft. Ganze Regalreihen sind ausgestattet mit dem Hinweis: „Jedes Modell 19,90 Euro“. Teurere Modelle findet man aber auch: Das kostspieligste Paar Lederstiefel kostet 89,90 Euro.

    Vornehmlich mit dem günstigen Preis ist das Familienunternehmen Deichmann in die europäische Spitze der Branche aufgestiegen ist. Dennoch gibt die Firma ihren Kundinnen und Kunden ein dreifaches Versprechen. Auch für modischen Chic will man stehen, weshalb aktuell die Schauspielerin Halle Berry von Deichmann-Werbeplakaten lächelt. Und für die Verbraucher, die es interessiert, liefert die Schuhkette zusätzlich etwas gutes Gewissen.

    Deichmann ist eines dieser Geschäfte, die angeblich für alle das Beste aus der Globalisierung machen. Einerseits bietet man niedrige Preise für Konsumenten in Europa, andererseits nimmt man aber auch für sich in Anspruch, den Arbeitern in den Fabriken Indiens, Chinas oder Vietnams einen vernünftigen Lebensstandard zu gewährleisten. Wie kann dieser Spagat funktionieren?

    Wenn am Mittwoch die Schuhmesse in Düsseldorf beginnt, steht Deichmann wieder einmal gut da. Im Jahr 2011 stiegen Verkaufszahlen und Umsatz erneut an (siehe Info-Kasten). Ziemlich unangefochten ist Deichmann Deutschlands größter Schuhhändler. Auch europaweit rangiert die Kette mit ihren über 3.000 Geschäften wohl an der Spitze, wenngleich es keine eindeutigen Branchenzahlen gibt. Zugleich wird Heinrich Deichmann (Jahrgang 1962), der das Unternehmen in dritter Generation leitet, nicht müde, sein christliches Ethos zu betonen.

    Das Geheimnis, die Kombination von gutem Preis mit gutem Gewissen, steckt in einem Satz des Deichmann-Sprechers Ulrich Effing: „Wir entwickeln die Schuhe zusammen mit den Produzenten.“ Das läuft ungefähr so: Das Konzept eines neuen Modells entwerfen die Deichmann-Designer in Deutschland. Konkret ausgestaltet und hergestellt werden die Schuhe dann in den ausländischen Zulieferfabriken, die sie direkt zu Deichmann schicken. Externer Zwischenhandel, der die Produkte mit zusätzlichen Kosten belasten könnte, existiert nicht.

    Weil Deichmann außerdem über eine so große Zahl von Geschäften wie kein anderer Anbieter verfügt, ordert die Firma bei ihren Lieferanten große Mengen von beispielsweise 50.000 Paaren eines einzigen Modells. Mit steigender Produktionsmenge aber sinkt der Preis pro Paar. Deichmann profitiert hier schlicht von seiner Größe.

    Das ist die eine Seite. Die andere beschreibt Effing so: „Die Lohnkosten sind nicht der entscheidende Faktor. Unsere Preise liegen nicht deshalb so günstig, weil unsere Lieferanten schlechte Löhne zahlen.“ Dazu muss man wissen: Inklusive Überstunden erhalten junge Arbeiterinnen in Schuhfabriken der chinesischen Provinz Wenzhou nach Firmenangaben Löhne in der Größenordnung von 2.500 Renmimbi monatlich. Das sind etwa 300 Euro, was auf einen Stundenlohn von umgerechnet 1,30 Euro hinausläuft.

    In dieser einen Stunde gehen Dutzende Schuhe durch die Hände einer Arbeiterin – viele Modelle bestehen ja nur aus wenigen Kunststoffteilen, die schnell zusammengeklebt sind. Der Lohnkostenanteil am Endpreis eines Schuhs ist deshalb verschwindend gering. Er liegt in der Größenordnung von wenigen Euro-Cent.

    Wie viele andere Konzerne auch drückt Deichmann seine Herstellungskosten und Preise, indem man in den Billiglohn-Ländern dieser Welt produziert. Bedeutet das, dass in dem Unternehmen Ausbeutung herrscht? Einerseits nein. Der gesetzliche Mindestlohn in Wenzhou liegt bei knapp 1.000 Renmimbi monatlich (etwa 120 Euro). Weil dafür aber niemand mehr arbeite, zahlt Deichmann nach eigenen Informationen mindestens das Doppelte.

    Die Frage jedoch, ob dieser Lohn den Arbeitern ein halbwegs erträgliches Leben ermöglicht, ist schwer zu beantworten. Für eine junge Arbeiterin ohne Kinder, die im Wohnheim der jeweiligen Fabrik lebt, mögen 2.500 Renmimibi gut ausreichen. Wollen chinesische Eltern damit aber eine Familie ernähren, das Kind zur Schule schicken, eine eigene Wohnung in der Stadt bezahlen und die Großeltern auf dem Lande unterstützen, kann es finanziell schnell sehr eng werden.

    Dabei laufen Deichmanns Geschäfte ziemlich gut. Zum Gewinn sagt das Unternehmen zwar offiziell nichts, eine zweistellige Umsatzrendite aber ist nicht unwahrscheinlich. 2011 hätte Heinrich Deichmann damit etwa 400 Millionen Euro Gewinn gemacht. Schon mit einem Teil davon könnte er die Löhne der Arbeiterinnen in China, Indien und Indonesien spürbar erhöhen. Deichmann aber steckt das Geld lieber in immer neue Geschäftseröffnungen. Christlich, unchristlich?

    Zugunsten des Unternehmens sei gesagt, dass Bürgerrechtsorganisationen wie die Kampagne für Saubere Kleidung Deichmann keine Verstöße gegen Sozialstandards vorwerfen. Außer in einem Punkt, der aber für alle Firmen gilt, die in China produzieren lassen. Entgegen den Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation sind freie Gewerkschaften in China verboten. Aus das macht Arbeit dort so billig.

    Info-Kasten

    Das ist Deichmann

    Das Unternehmen ist im Besitz der Familie. 2011 machte der größte Schuhhändler Europas in seinen insgesamt 3.175 Geschäften einen Umsatz von 4,13 Milliarden Euro (plus fünf Prozent gegenüber 2010). In 22 Ländern Europas und den USA verkaufte die Firma 156 Millionen Paar Schuhe (plus 2,6 Prozent). Die Zahl der Mitarbeiter stieg auf 32.500. Dieses Jahr sollen rund 190 neue Geschäfte eröffnet werden.

    Info-Kasten II

    Sozialstandards

    Im firmeneigenen Sozialkodex sichert Deichmann unter anderem zu, dass allen Beschäftigten in den Zulieferfirmen ein Lohn zusteht, der die Grundbedürfnisse befriedigt und ein „gewisses frei verfügbares Einkommen“ ermöglicht. Die Zahl der Überstunden und andere Arbeitsbedingungen sollen nicht gegen die Gesetze des jeweiligen Landes und internationale Regeln verstoßen. Von Zeit zu Zeit wird dies überprüft, wobei man durchaus Verstöße registriert. Deichmann arbeitet nach eigenen Angaben mit den Zulieferfirmen zusammen daran, die Sozialstandards zu erhöhen.

  • Fast acht Millionen Beschäftigte erhalten Niedriglöhne

    Zahl der schlecht bezahlten Arbeitnehmer nimmt seit 1995 zu. CDU-MdB Weiß stellt Einigung auf bundesweiten Mindestlohn in Aussicht

    Die Mehrheit der deutschen Arbeitnehmer kann es sich nicht vorstellen, für fünf oder sechs Euro pro Stunde zu arbeiten. Doch fast jeder Vierte ist mittlerweile gezwungen oder bereit, genau dies zu tun. Knapp acht Millionen abhängig Beschäftigte arbeiteten 2010 im Niedriglohnsektor, hat die Universität Duisburg-Essen in einer neuen Studie ermittelt. Währenddessen versucht die Bundesregierung dem Problem beizukommen, indem sie einen Mindestlohn für tariflose Branchen festlegt. Zumindest die Union scheint auf dem Weg der Einigung zu sein.

    Den Zahlen des Instituts Arbeit und Qualifikation der Uni Duisburg-Essen zufolge ist die Zahl der deutschen Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor seit 1995 fast kontinuierlich gestiegen. Lag sie vor 17 Jahren noch bei 5,6 Millionen Beschäftigten, erreichte sie 2009 ihren höchsten Wert mit 7,94 Millionen. Im folgenden Jahr 2010 sank die Zahl der schlecht bezahlten Arbeitnehmer allerdings leicht auf 7,92 Millionen – eine Folge der vergleichsweise guten Wirtschaftsentwicklung. Der Grund für das Anwachsen des Niedriglohnsektors liegt, darin sind sich die meisten Arbeitsforscher einig, im gemeinsamen langjährigen Bemühen der Bundesregierungen und vieler Unternehmen, die Löhne zu drücken.

    Die im Gegensatz zu anderen Studien hohe Zahl von 7,92 Millionen Niedriglöhnern kommt dadurch zustande, dass die Duisburger Forscher auch Schüler, Studenten und Rentner in die Untersuchung einbezogen haben. „Niedriglohn“ definieren Claudia Weinkopf und Thorsten Kalina als „zwei Drittel des mittleren Stundenlohns“. In Ostdeutschland lag die Grenze, unterhalb der eine Bezahlung als niedrig eingestuft wird, bei 7,04 Euro, im Westen bei 9,54 Euro. Die bundesweite Niedriglohn-Schwelle betrug 9,15 Euro.

    Besonders von schlechter Bezahlung betroffen sind Arbeitnehmer ohne Ausbildung, junge Leute, Immigranten, Frauen und Teilzeitjobber. Etwa ein Drittel aller Niedriglöhner sind in 400-Euro-Jobs tätig. Dies deutet auf den Umstand hin, dass nicht alle der acht Millionen schlecht Bezahlten gezwungen sind, ihren Lebensunterhalt komplett aus dem erbärmlichen Lohn zu finanzieren. Viele 400-Euro-Jobber beschränken sich schließlich auf eine Mini-Stelle, weil sie noch andere Einkommensquellen haben. Besorgniserregend aber ist die Lage vieler Vollzeit-Beschäftigter. 2010 arbeiteten etwa 1,4 Millionen von ihnen für weniger als sieben Euro pro Stunde, haben die Weinkopf und Kalina ermittelt.

    Vor allem diese Tatsache heizt nun auch die Debatte über den Mindestlohn wieder an. Für einige große Branchen mit starker Gewerkschaftsorganisierung wie die Bauwirtschaft und die Gebäudereinigung existieren bereits Lohnuntergrenzen, die Unternehmen nicht unterbieten dürfen. Nun aber debattiert die Regierungskoalition darüber, wie man auch Arbeitnehmer in tariflosen Branchen schützen könnte.

    Der Arbeitnehmerflügel der Union treibt diese Diskussion voran, FDP und CDU-Wirtschaftsflügel wehren sich. Der baden-württembergische CDU-Abgeordnete Peter Weiß (Emmendingen) stellt jetzt eine baldige Einigung wenigstens in der Union in Aussicht. Sozial- und Wirtschaftsflügel müssen unter anderem noch klären, wer in der neuen durch Gewerkschaften und Arbeitgeber paritätisch besetzten Mindestlohn-Kommission das letzte Wort haben soll. Wird in diesem Punkt ein Kompromiss gefunden, ist das Gesetz aber noch nicht auf dem Weg. „Wenn wir uns in der Union geeinigt haben, beginnen die Verhandlungen mit der FDP“, sagt Weiß gegenüber dieser Zeitung.

  • Die Reste landen in der Tonne

    Jährlich landen elf Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll / Kampagne soll sorgsameren Umgang mit Nahrungsmitteln fördern

    In Deutschland landen jährlich rund elf Millionen Tonnen Lebensmittel in der Mülltonne. Zwei Drittel des Abfalls könnten zumindest teilweise vermieden werden. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Stuttgart, die das Bundesverbraucherministerium (BMELV) angefordert hat. „Es wird zu viel weggeworfen, wertlos gemacht, vernichtet“, kritisiert Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU), „es ist Zeit zum Umdenken.“ Bisherige Schätzungen gingen von noch größeren Mengen an verschwendeten Nahrungsmitteln aus. Doch die nun offizielle Schätzung offenbart einen gewaltigen Überfluss. Die Lebensmittel würden 275.000 LKW füllen. Stoßstange an Stoßstange würde die Reihe der Lastwagen von Berlin bis nach Lissabon und zurück reichen.

    „Im Schnitt wirft jeder Bundesbürger pro Jahr 81,6 Kilogramm weg“, sagt Aigner. Der sorglose Umgang mit den Resten im Kühlschrank oder der Vorratskammer kostet die Konsumenten auch viel Geld. Bei einem Haushalt mit vier Personen summiert sich der Wert des Abfalls auf 940 Euro im Jahr. Auf die gesamte Bevölkerung bezogen landen Waren für über 21 Milliarden Euro in der Tonne. Am häufigsten wandern Obst und Gemüse im Abfalleimer. Auf sie entfällt fast die Hälfte des vermeidbaren Mülls in den Privathaushalten.

    Der größte Teil der weggeworfenen Äpfel, Gurken oder Wurstreste stammt von den Endverbrauchern. Sie sind für 61 Prozent der Verschwendung verantwortlich. Auf Großverbraucher wie Kantinen, Krankenhäuser oder die Gastronomie entfallen 17 Prozent der nicht verwendeten Speisen. Ebenso hoch ist der Anteil der Ernährungsindustrie. Mit fünf Prozent steht der Handel an letzter Stelle der Wegwerfrangliste.

    Aigner hält die Verschwendung gleichermaßen für ein wirtschaftliches wie ein moralisches Problem. Rein rechnerisch würde die Menge der weltweit produzierten Lebensmittel für alle Menschen ausreichen. Doch die Verteilung stimmt nicht. 900 Millionen Menschen leiden daher an Hunger. Mit einer Kampagne „zu gut für die Tonne“ will die Ministerin nun für einen bewussteren Umgang mit Nahrungsmitteln werben. Ab der kommenden Woche will der Handel einem der Gründe für das entsorgen noch brauchbarer Lebensmittel mit einer Informationskampagne zuleibe rücken. Die Kunden sollen über die Bedeutung des Mindesthaltbarkeitsdatums aufgeklärt werden. Denn die Waren sind noch lange nicht ungenießbar, nur weil das aufgedruckte Datum erreicht ist. Viele Verbraucher lassen dann aber schon die Finger davon.

    Konkrete Vorgaben will Aigner weder den Verarbeitern noch den Endverbrauchern machen. Sie setzt auf das Eigeninteresse der Wirtschaft an möglichst wenig Ausschuss und will Verbraucher mit einer groß angelegten Informationskampagne aufklären. Außerdem soll die EU Lebensmittelnormen abschaffen, die zum Beispiel die Mindestgröße von Äpfeln oder das Aussehen von Tomaten vorschreiben.

    Die Opposition hält wenig von Aigners Plänen. „Mit den geplanten Maßnahmen werden auch in fünf Jahren nicht weniger Lebensmittel verschwendet“, kritisiert die grüne Ernährungsexpertin Bärbel Höhn. Die Regierung müsse den Fleischkonsum reduzieren und die Weichen auf eine ressourcenschonende Landwirtschaft stellen, wenn das Hungerproblem gelöst werden soll. Die SPD wirft der CSU-Politikerin einen zu späten Start der Aktivitäten gegen Lebensmittelverschwendung vor.

  • Zu süß, zu fett, zu ungesund

    Foodwatch-Studie: Die meisten Kinderlebensmittel sind zu süß und zu fett. Mit Werbung wollen die Hersteller die Kleinen auf ihre Produkte programmieren

    Die Lebensmittelindustrie macht Kinder süchtig nach Zucker und Fett. Diesen Vorwurf erhebt die Verbraucherorganisation Foodwatch gegen die Ernährungswirtschaft. „Mit dem industriellen Angebot an Kinderlebensmitteln ist eine ausgewogene Ernährung praktisch unmöglich“, sagte Anne Markwardt, Leiterin der Foodwatch-Kampagne „abgespeist.de“, bei der Vorstellung des Reports „Kinder kaufen“ am Dienstag in Berlin.

    Über 1.500 Kinderlebensmittel – wie Maoam, Pombär oder Capri Sonne – hat Foodwatch für den Bericht einem Marktcheck unterzogen. Ausgewählt haben die Tester Produkte, die sich direkt an Mädchen und Jungen richten, also auf denen beispielsweise Comicfiguren prangen oder in denen Spielzeuge stecken. Das Ergebnis: Fast drei Viertel der Produkte sind süße und fette Snacks. Sie gehören in die „rote“ Kategorie der Ernährungspyramide des aid-Infodienstes, der vom Bundesernähringsministerium gefördert wird, und sollten nur sparsam verzehrt werden.

    „Die Lebensmittelindustrie dreht die Kinderernährung komplett auf den Kopf“, so Markwardt. Ihre Produktpalette im Kinder-Segment entspreche genau dem Gegenteil der Tipps von Ernährungsfachleuten. Hundert Prozent der Frühstücksflocken-Produkte von Nestlé und Kellogg’s lägen beispielsweise im roten Bereich der aid-Ernährungspyramide.

    Die Vorwürfe sind für die Hersteller nichts Neues. Foodwatch, so Kellogg’s-Sprecher Markus Dreißigacker, schüre mit der Kampagne die Ängste und eine Zucker-Hysterie in der Bevölkerung. Ernährungswissenschaftlich sei dies nicht zu begründen. „Der Zuckergehalt ist als einziges Kriterium zur Beurteilung eines Lebensmittels oder gar einer Ernährungsweise unzureichend“, sagt er. Zwar enthielten Cerealien ebenso Zucker, aber außerdem viele andere wichtige Nährstoffe. Zudem könne der Verbraucher auch Produkte wählen, die gar keinen zugesetzten Zucker enthalten.

    Die Werbekampagnen der Hersteller sind Foodwatch ebenso ein Dorn im Auge. „Die Lebensmittelindustrie greift zu ausgeklügelten Werbestrategien, um ihre Produkte an Kinder zu bringen“, meint Markwardt. Die Hersteller wollten die Kleinen so früh wie möglich auf ungesundes Junkfood programmieren. Dafür gebe es einen logischen Grund: Mit Obst und Gemüse lasse sich nur wenig Profit machen, schon mehr mit Junkfood oder Softdrinks, die billige Zutaten, wie Stärke, Zucker oder Aromen enthielten.

    Die Verbraucherorganisation fordert die Ernährungsindustrie nun auf, Verantwortung zu übernehmen, und ausgewogene Kinderlebensmittel zu produzieren. Ginge es nach Foodwatch, dürfte außerdem künftig keine bunte Werbung mehr auf Süßigkeiten prangen und Comicfiguren die Etiketten von Bonbons, Schokoladentafeln oder Puddings zieren. Spielzeuge würden Kinder dann auch nicht mehr in Schokoeiern oder Süßkramschachteln finden. Von der Bundesregierung fordert die Organisation schärfere Gesetze.

  • Der heimliche Aufschwung

    Die Berliner Wirtschaft hat sich vom Zusammenbruch nach der Wende erholt / Hauptstadt der Kreativen

    In manchen Stadtquartieren Berlins vollzieht sich seit einigen Jahren ein rasanter Wandel. Wo einst sozial schwächere Familien Unterschlupf fanden, dominieren heute teure Luxuskinderwagen das Straßenbild. Im Café dreht sich das Gespräch zwischen jungen Vätern häufig um den Kauf von Eigentumswohnungen. Man tauscht sich über Preise und Angebote aus. Mitten in der Transferhauptstadt Deutschlands, in der es fast 230.000 Arbeitslose gibt und so viele Menschen wie nirgendwo sonst auf Hertz IV angewiesen sind, siedeln sich immer mehr gut ausgebildete junge Leute an. Dabei hieß es doch immer, es gebe keine Jobs in der Hauptstadt.

    „Die Trendwende ist geschafft“, beobachtet der Forscher Martin Gornig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung“. Über 400.000 Industriearbeitsplätze gingen in den Nachwendejahren verloren. Lange trug Berlin widerstandslos die rote Laterne der wachstumsschwächsten Regionen vor sich her. Doch seit einigen Jahren registriert das DIW eine wachsende Dynamik der Unternehmen an der Spree. Mehr als 40.000 reguläre Stellen kamen allein im vergangenen Jahr dazu. Nach Berechnungen der Unternehmensverbände (UVB) konnte mittlerweile 59 Prozent der einst verlorenen Industriejobs wieder aufgebaut werden. Und es sind nicht mehr wie früher Arbeitsplätze am Ende der Wertschöpfungskette, die da entstehen. Auch bei den industrienahen Dienstleistungen bieten die Unternehmen so viele neue Jobs an, dass einige Branchen wie der Maschinenbau bereits über Probleme bei der Rekrutierung von Fachkräften klagen.

    Ganz klein sind die Brötchen nicht mehr, die Berlin bei der Ansiedlung von Arbeitgebern backen muss. Allein die Lufthansa schafft 500 neue Stellen, wenn im Juni der Betrieb des neuen Großflughafens beginnt. Allein 100 Piloten werden an die Spree versetzt. Die Deutsche Bank überwacht aus der Hauptstadt heraus die Londoner Investmentgeschäfte und SAP entwickelt in Potsdam neue Programme. Allein der Flughafen wird eine fünfstellige Zahl an neuen Arbeitsplätzen mit sich bringen. Von der Energietechnik erhoffen sich die Wirtschaftspolitiker auch noch viel. Hier soll sich das Zusammenspiel von Wissenschaft und Unternehmen auszahlen, zum Beispiel bei der Entwicklung der Elektromobilität.

    Ein guter Teil des Aufschwungs geht auf die kulturelle Attraktivität der Hauptstadt zurück, die auf manche junge Zuzügler wie ein Magnet wirkt. Gornig sieht eine Umkehr auf dem Arbeitsmarkt bei begehrten Fachkräften. „Die Jobs gehen dahin, wo die guten Leute sind“, stellt der Forscher fest. Insbesondere die Internetwirtschaft ist auch deshalb stark vertreten. Während bundesweit die Zahl der Firmengründungen zurückgeht, steuert Berlin neue Rekordmarken an. Gut 44.000 Neuanmeldungen gab es 2011, ein Plus von gut vier Prozent gegenüber dem Vorjahr. Inzwischen kommen auch die internationalen Wagniskapitalgeber an die Spree und suchen hier nach kreativen Ideen, an denen sie sich beteiligen können.

    Doch der Aufschwung geht an der heimischen Bevölkerung nahezu vorbei. Die gut bezahlten Jobs werden weitgehend von Neuberlinern besetzt. Mit über 13 Prozent ist die Arbeitslosigkeit unverändert hoch. 80 Prozent der Arbeitslosen beziehen Hartz IV. Viele haben keine Chance auf dem regulären Arbeitsmarkt. Mit einer Offensive will der Senat nun die Langzeitarbeitslosen gezielt in den ersten Arbeitsmarkt vermitteln. Doch wie anderswo auch sind Stellen für Geringqualifizierte nur schwer zu finden.

  • Stromwechsel

    Das Buch zur Energiewende

    Kapitel 8

    Die Heimat ist klein, die Bedrohung groß

    Wie in der niedersächsischen Stadt Kreiensen die Energiewende auf massiven Widerstand stößt

    Bei Wolfgang Schulze zuhause ist es gemütlich. Dicke rote Sessel beherrschen das Wohnzimmer, dunkles Holz prägt die Wände. Aber der Blick nach draußen hat etwas Beunruhigendes, findet der Hausherr.

    Das bürgerliche Zweifamilienhaus aus den 1970er Jahren steht erhöht am Hang des Vorharzes und schaut über das Tal der Leine. Wer vom Balkon aus seinen Blick nach rechts wendet, sieht in geringer Entfernung ein Dutzend Stromkabel, die sich zwischen niedrigen Masten über die Nachbarhäuser hinwegschwingen. „Bahnstrom“, sagt Schulze, der pensionierte Eisenbahner: Elektrizität für die Zuglinie unten am Fluss. Links, 700 Meter entfernt, verläuft die Betontrasse der ICE-Strecke zwischen Hannover und München. Auf Dutzenden Pfeilern zieht sich die Brücke in einem weiten Bogen übers Tal.

    Und jetzt wollen sie auch noch diese neue Leitung bauen. Vom Wohnzimmerfenster aus erklärt Schulze: Die Masten der Höchstspannungsleitung stünden dann doppelt so hoch im Tal wie die Schnellbahntrasse. Etwa 70 Meter in die Höhe würden sie ragen, ungefähr so viel wie ein Hochhaus mit 16 Stockwerken.

    Deswegen kämpft Schulze, Jahrgang 1948, gegen den Bau der Stromleitung. Bundesregierung, Landesregierung und Betreiberfirma sagen, die rund 200 Kilometer lange Trasse, die bei Wahle in der Gegend von Braunschweig starten und bei Mecklar nahe dem hessischen Bad Hersfeld enden soll, sei notwendig, um Strom von Norddeutschland nach Süddeutschland zu leiten.

    Doch Schulze und seine Mitstreiter glauben das nicht. Entlang der künftigen Trasse hat sich eine breite Protestbewegung entwickelt – wahrscheinlich diejenige mit dem größten Einfluss gegen ein Trassenprojekt in Deutschland. Rund 20 Bürgerinitiativen mobilisieren mittlerweile die Leute entlang der Strecke. Der Protest-Verein, den Schulze mitorganisiert, heißt „Bürger pro Erdkabel“.

    „Wir sind keine Verhinderer“, sagt Peter Gosslar, der Vorsitzende. Natürlich werde Strom gebraucht, schließlich sei Deutschland ein moderner Staat. Aber diese neue Hochspannungsleitung? Nein, die lehne man ab. Der Verein hat schon viele öffentliche Protestaktionen veranstaltet. Vor allem geht es um die Strahlung, die die künftige 380-Kilovolt-Trasse aussenden würde, das Magnetfeld, den „Elektro-Smog“. Wie für fast alles in Deutschland gibt es zwar auch für diese Kraftfelder Grenzwerte und Abstandsregeln zu Wohnhäusern. Die Betreiberfirma Tennet muss beides einhalten. Aber es bleibt ein diffuses Unwohlsein.

    Auf den Punkt bringt es Ralf Messerschmidt, der Kassenwart des Vereins, dessen Haus wenige Meter entfernt von der schon existierenden Bahnstrom-Leitung steht: Seine Frau sei vor Jahren an Krebs erkrankt. Auch in der Nachbarschaft gebe es mehrere Fälle der Krankheit. Wer weiß, ob die Ursache nicht der Strom sei, der tagein, tagaus über ihre Köpfe hinwegfließe? Über dieses medizinische Problem gibt es viele Kontroversen und wenige klare Aussagen. Auch der Verein „Bürger pro Erdkabel“ kann keinen Mediziner in den Zeugenstand rufen. Trotzdem fasst Wolfgang Schulze die Angelegenheit so zusammen: „Wir wollen keine Versuchskaninchen sein.“

    Statt einer Überlandleitung an hohen Pfeilern verlangen die Kreienser, das Stromkabel auf mehr oder weniger der kompletten Länge unter die Erde zu legen. Aber Gosslar und seine Mitstreiter haben nicht den Eindruck, dass ihre Argumente im Planungsverfahren eine Rolle spielen – trotz zehntausender schriftlicher Einwendungen und öffentlicher Erörterung. „Das Unternehmen Tennet und die Landesregierung haben unsere Vorschläge völlig ignoriert. So werden wir allmählich zu Wutbürgern“, sagt der pensionierte Bahnbeamte Schulze. „Bildungswutbürger“, ergänzt Ex-Manager Gosslar feinsinnig.

    Beide lieben ihre Heimat, die Landschaft, in der sie leben. Wenn sie über die Hügel spazieren, können die Blicke schweifen. Man sieht milde Wellen aus Kuppen, Hängen und Wäldern. Deutsches Mittelgebirge. Fachwerkhäuser in den Dörfern, im benachbarten Bad Gandersheim die Stiftskirche – ein dicker romanischer Bau mit kleinen Fenstern und burgähnlichen Türmen, rund 1100 Jahre alt. „Die Masten der Stromleitung wären doppelt so hoch wie der Kirchturm“, sagt Schulze. Die Heimat ist klein, die Bedrohung groß.

    Koch/ Pötter/ Unfried

    Stromwechsel

    Westend/ taz

    ISBN 978-3-86489-008-6

    12,99 €

    Gliederung

    1. Die Zeit für die Stromwende ist da

    2. Das intelligente Stromnetz kommt

    3. Das ganz große Rad drehen

    4. Die neuen Energieunternehmer

    5. Kohle gegen Kohle

    6. Dinosaurier sterben langsam

    7. EnBW – vom Atomkonzern zum grünen Pionier

    8. Demokratie als Stolperstein

    9. Die Suche nach dem Klimagott

    10. Der Kampf geht weiter

  • Billig fliegen war einmal

    Trotz Wettbewerb ist Fliegen teurer geworden / Steuern und Kerosinpreise lassen Ein-Euro-Tickets vergessen

    Reisefans haben die goldenen Zeiten des günstigen Flugs in andere Länder noch gut in Erinnerung. Mitunter brachten die Billigflieger Tickets für nur einen Euro in Umlauf. Auch wenn dazu noch ein paar Euro Gebühren kamen, war der Transport für jene, die einen Aktionsflugschein ergattern konnten, fast geschenkt.

    Die Schnäppchenzeiten sind wohl endgültig vorbei, wie ein Buchungstest im Internet zeigt. Der vergleichbare Trip von Berlin nach London im September 2012 kostet im Moment des Versuchs bei den Linienfluggesellschaften Lufthansa und Air Berlin 129 Euro und 268 Euro. Der Billigcarrier Easyjet nimmt, wenn man ein dort extra zu bezahlendes Gepäckstück einrechnet, 117 Euro. Diese Preise sind nur beispielhaft, denn die Buchungssysteme spucken bei Anfragen ständig wechselnde Angebote aus. Manch ein von günstigen Preisen verwöhnter Urlauber staunt nicht schlecht, wenn der Flug nach Mallorca außerhalb der Saison auf einmal mehrere Hundert Euro kostet. Da machen sich die ausgedünnten Verbindungen bemerkbar.

    Zwar sprechen die Fluggesellschaften gerne davon, dass Fliegen in den letzten zehn Jahren immer günstiger geworden ist, doch die offizielle Bilanz spricht eine andere Sprache. Das Statistische Bundesamt wertet die Preisentwicklung regelmäßig aus und lässt Sonderangebote dabei außen vor. Im Vergleich zum Basisjahr 2005 müssen die Passagiere jetzt insgesamt gut 35 Prozent mehr für einen Flugschein bezahlen. Während Geschäftsreisende in der Businessclass mit einem Plus von 22 Prozent noch glimpflich davonkommen, hat sich die Economy-Class um 37 Prozent verteuert. Bei Inlandsflügen verlangten die Airlines 2011 sogar fast die Hälfte mehr als 2009.

    Nach Einschätzung von Lufthansa-Sprecher Boris Ogursky ist offen, ob der Trend weiter anhält. Der Wettbewerb werde auch in Zukunft sehr hart sein. „Dies wird auch die Entwicklung der Flugpreise beeinflussen", glaubt er. In Einzelfällen sorgt die Konkurrenz in der Luft tatsächlich immer wieder für Billigpreise. So greift die Lufthansa den einzigen nennenswerten Konkurrenten im Linienbetrieb, Air Berlin, ab dem 3. Juni in dessen Heimat frontal an. Mit Eröffnung des neuen Hauptstadtflughafens bietet der Branchenriese einfache innerdeutsche Flüge ab Berlin für 49 Euro an.

    Dieser und andere Kampfpreise verdecken das Grundproblem der Airlines. Ganz unabhängig vom Wettbewerb drehen Politik und Rohstoffmärkte an der Preisschraube. Empfindlich getroffen hat die Branche die 2011 eingeführte Luftverkehrssteuer, die inländische Tickets derzeit um 7,50 Euro und Mittelstrecken um 23,43 Euro verteuert. Dazu kommt noch die Beteiligung des Luftverkehrs am Emissionshandel, der allein die Lufthansa in diesem Jahr 130 Millionen Euro kosten wird – wenn die Regelung nicht wieder abgeschafft wird. Das ist wahrscheinlich, weil außerhalb Europas alle wichtigen Länder gegen den Emissionshandel rebellieren. Es gibt zum Beispiel aus China den Wink mit dem Zaunpfahl, dass Bestellungen für den Riesenairbus A 380 auf Eis gelegt werden könnten. Aus Russland sind Überlegungen für eine drastische Anhebungen der Gebühren für Überflugrechte vernehmbar. 26 Staaten, darunter auch noch die USA, Indien und Brasilien wollen die EU-Regelung kippen.

    Doch selbst dann wird Fliegen nicht wesentlich preiswerter. Denn der anhaltend hohe Spritpreis wird zum Dauerproblem. Im Beispielticket nach London weist Air Berlin allein 76 Euro Kerosinzuschlag aus. Die Gebühren schlagen noch einmal mit 65 Euro zu Buche. Beide Faktoren zusammen machen weit mehr als die Hälfte des Ticketpreises aus. Und Änderung ist nicht in Sicht. Denn angesichts knapper Kassen wird der Staat kaum auf Gebühreneinnahmen verzichten wollen. Und der Ölpreis ist nicht einmal in der derzeitigen Wirtschaftskrise vieler Länder merklich gesunken. Wenn die Konjunktur weltweit wieder anzieht, droht eher ein weiterer Preissprung.

  • Die paradoxe Energiewende

    Deutschland ist erfolgreich. Gerade das macht der Bundesregierung Angst

    Reist Umweltminister Norbert Röttgen ins Ausland, fragen ihn seine Gesprächspartner dort oft: „Was machen Sie da in Deutschland eigentlich?“ Dann muss Röttgen wieder einmal erklären, was es mit der Energiewende und der Abschaltung der Atomkraftwerke auf sich hat. Mit seinem scheinbar konsequenten Kurs in die ökologische Energiezukunft ist Deutschland weltweit Vorreiter und Ausnahme – und wird entsprechend argwöhnisch oder auch bewundernd beobachtet.

    Nach der Atomkatastrophe von Fukushima – sie ereignete sich am 11. März vor genau einem Jahr – fasste die Bundesregierung einige ziemlich weitreichende Beschlüsse. Alle deutschen Atomkraftwerke sollen innerhalb der kommenden zehn Jahre abgeschaltet werden. Der Strom wird dann zunehmend aus umweltfreundlichen Wind-, Sonne- und Biomasse-Kraftwerken fließen. Und bis 2050, so der Plan, ist die Stromproduktion fast völlig auf erneuerbare Energien umgestellt.

    Das klingt klar und eindeutig. Wie vieles im Leben verläuft dieser Prozess gleichwohl nicht friktionslos. Im Gegenteil – er ist teilweise widersprüchlich. Denn noch wenige Monate vor Fukushima ging der CDU-CSU-FDP-Koalition die schon früher vereinbarte Energiewende zu schnell. Kanzlerin Angela Merkel und ihr Kabinett beschlossen, die Laufzeiten der Atomkraftwerke zu verlängern.

    Dann aber kam der GAU in Japan, und Merkel trat auf´s Gaspedal. Innerhalb weniger Tage setzte sie den Ausstieg durch. Nun, ein Jahr danach, geht es der Regierung dagegen wieder zu schnell: Weil Bürger und Investoren die Energiewende ernst nehmen und viele Solar- und Windkraftwerke bauen, will Berlin die Förderung für Sonnenstrom massiv kürzen.

    Mit der beabsichtigten Reduzierung, die der Bundestag am Freitag (9.3.) erstmals beriet, reagiert die Regierung auf einen großen Erfolg. Das Wachstum der erneuerbaren Energien verläuft schneller, als frühere Prognosen annahmen. Bereits 20 Prozent des Stroms fließen mittlerweile aus sauberen Quellen. Und in den beiden vergangenen Jahren gingen jeweils rund doppelt so viele Solarkraftwerke ans Netz wie geplant.

    Dieses Wachstum allerdings ist zum Teil künstlich. Es resultiert aus der Spanne zwischen der hohen Vergütung, die Betreiber von Ökokraftwerken für die Einspeisung ihres Stromes erhalten, und den stark sinkenden Preisen für Photovoltaikmodule. So erwirtschafteten Betreiber von Solaranlagen im vergangenen Jahr teilweise zweistellige Gewinne. Derartige Renditen zu finanzieren, sagt die Mehrheit der Koalition, sei nicht Aufgabe der Stromverbraucher, auf deren Rechnung die Ökovergütung umgelegt wird.

    So berechtigt diese Argumente einerseits sein mögen, so getrieben sind sie andererseits von Lobbyinteressen. Die Gewinnmarge von konventionellen Stromproduzenten wie EnBW, RWE oder großen regionalen Versorgern sinkt, wenn ihre Atom-, Kohle- und Gaskraftwerke weniger Energie liefern können. Dies ist die Folge des steigenden Anteils von Ökostrom, der gesetzlichen Vorrang bei der Einspeisung in die Netze genießt.

    Und auch an anderer Stelle wird die Energiewende gerade von Problemen gebremst. Neue Windparks auf der Nordsee werden zur Zeit nicht mehr projektiert, weil der Netzbetreiber Tennet mit Bau und Finanzierung der Anschlussleitungen überfordert ist. Hier stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, diese Mammutaufgabe nur einem Unternehmen aufzubürden.

    Von solchen Ungereimtheiten abgesehen allerdings ist klar, dass die Energiewende ein Generationenprojekt ist. Sie wird uns die kommenden 30 Jahre beschäftigten. Deshalb wäre es nun, nur ein Jahr nach Fukushima, übertrieben, vom bevorstehenden Scheitern der Energierevolution zu sprechen.

  • Zinsgeschäfte mit dem Bäcker

    Firmenanleihen sind im Trend/ Immer mehr kleine und mittelständische Unternehmen holen sich Geld von ihren Kunden

    Belegte Käse- und Salamibaguettes, Schokocroissants und Apfelkuchen: Allerlei leckere Backwaren locken die Kunden in die 350 Filialen der Wiener Feinbäckerei in Berlin, Thüringen und im Rhein-Main-Gebiet. Das Quarkbällchen gibt es für 40 Cent, die Streuselschnecke kostet 1,30 Euro. Und für 1.000 Euro gibt es die Jubiläumsanleihe – mit jährlich sieben Prozent Festzins. Auf Hochglanzprospekten bewirbt der Mittelständler aus Mühlheim bei Frankfurt das Wertpapiergeschäft.

    Ein Bäcker, der seine Kundschaft zur Vermögensanlage animiert. Merkwürdig klingt das schon. Doch ganz so ungewöhnlich ist das nicht. Immer mehr kleine und mittelständische Unternehmen setzen auf Anleihen, auch Corporate Bonds genannt. Vorbei an Kreditinstituten decken sie so ihren Finanzbedarf – und bieten ihren Anlegern vergleichsweise hohe Zinsen. „Für den Mittelstand ist es angesichts der Wirtschafts- und Finanzkrise schwieriger geworden, an Kredite heranzukommen“, sagt Andreas von Brevern, Sprecher der Deutschen Börse. „In Unternehmensanleihen sehen sie eine Alternative, ihren Finanzbedarf zu decken.“

    Die Finanzlage hat sich inzwischen verbessert, bleibt aber insgesamt angespannt. Immer weniger kleine und mittelständische Unternehmen beklagen, dass ihre Hausbank zurückhaltend bei der Vergabe von Darlehen handelt. 2010 antworteten 65 Prozent der deutschen und österreichischen Firmen auf die Frage, ob ihre Hausbank restriktiv sei, mit „ja“ oder „eher ja“. Das brachte eine Umfrage der Unternehmensberatung GCI ans Licht. 2011 waren es nur noch 46 Prozent.

    Zwölf Millionen Euro wollen Alexander und Georg Heberer, die Chefs der Wiener Feinbäckerei, mit ihrer Jubiläumsanleihe bis zum Sommer zusammentragen. Die Sieben- Millionen-Marke ist inzwischen geknackt. Damit sei man gut im Plan, so ein Firmensprecher. Die Kreditklemme, sei jedoch nicht der Grund, warum das Unternehmen auf Anleihen setzt. Man habe die Kredite kürzlich sogar bis 2013 verlängert. „Anleihen sollen ein Teil unserer Finanzarchitektur werden, weil sie eine kurzfristige Bereitstellung von Kapital ermöglichen“, so der Sprecher, „ zum Beispiel bei möglichen Filialübernahmen.“

    Der Großteil der kleinen und mittelständischen Betriebe – rund 90 Prozent – finanziert sich laut GCI-Studie über Banken. Doch immer mehr Unternehmen werden in Zukunft den Weg zum Darlehen vorbei an Kreditinstituten beschreiten. Knapp zehn Prozent planen den Einsatz von Corporate Bonds. Etwas mehr als zehn Prozent nutzen das Instrument bereits.

    Das Segment der Corporate Bonds ist noch relativ jung. Auch die Börse ist jüngst darauf aufmerksam geworden. „Seit etwas mehr als einem Jahr bieten wir kleinen und mittleren Unternehmen an, ihre Anleihen an der Frankfurter Wertpapierbörse zu platzieren“, sagt Deutsche Börse-Sprecher von Brevern. Dafür habe man den Entry Standard für Aktien, den es seit 2005 gibt, auch für Anleihen geöffnet. Die Hürden für Unternehmen seien verhältnismäßig niedrig. „Um im Entry Standard eine Anleihe begeben zu können, muss das Unternehmen selbst beispielsweise nicht an der Börse gelistet sein und es muss weniger Auflagen erfüllen“, so von Brevern. „Formale Voraussetzungen wie Unternehmensgröße, Branche oder Mindestanleihevolumen gibt es nicht.“

    Inzwischen haben elf Mittelständler ihre Bonds in die Hände der Frankfurter Wertpapierhändler gegeben. Weitere werden mit Sicherheit hinzukommen. „Das Interesse am Markt ist da“, sagt von Brevern.

    Beim Anleihenkauf nichts überstürzen

    Zinserträge von sieben Prozent im Jahr sind bei Unternehmensanleihen keine Seltenheit. Selbst mit 14 Prozent Rendite wirbt mancher Anbieter. Die Ertragsversprechen klingen verlockend, gibt es beispielsweise auf’s Festgeld gerade einmal drei oder weniger Prozent Zinsen. Doch aufgepasst: Mit den so genannten Corporate Bonds gehen Käufer erhebliche Risiken ein.

    Im Falle einer Firmenpleite droht Investoren im schlimmsten Fall der totale Kapitalverlust. Wer sein Vermögen mit den Schuldverschreibungen vermehren möchte, sollte das Unternehmen und den Markt kennen und sich vorab ausführlich erkundigen. Informationen finden sich in den Wertpapierprospekten. Zudem beraten die Kredit- oder Wertpapierinstitute. Eine unabhängige Finanzberatung bieten viele Verbraucherzentralen.

      

  • Beratungsprotokoll hilft nur den Banken

    Bei einem Test war kein einziges Protokoll vollständig / Finanzaufsicht soll Verbraucherinteressen weiterhin zweitrangig behandeln

    Von den vollmundigen Ankündigungen der Bundesregierung zu einem besseren Schutz der Kleinanleger und Sparer nach der Lehman-Pleite 2008 wird wohl wenig in die Tat umgesetzt. „Wir sollen nicht wissen dürfen, welche Banken uns übers Ohr hauen“, kritisiert der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv), Gerd Billen, einen Gesetzentwurf des Finanzministeriums zur Neuordnung der Aufsicht über die Branche. Lediglich Kleinigkeiten würden verbessert.

    Nach dem auch dieser Zeitung vorliegenden Entwurf bleibt der Verbraucherschutz bei der Bundesfinanzaufsicht (BaFin) zweitrangig. Wichtigste Aufgabe sei die Sicherstellung der Funktionsfähigkeit der Kredit-, Versicherungs- und Wertpapiermärkte, heißt es darin, „der Schutz des einzelnen Kunden und Anlegers kann nur ein Rechtsreflex der Aufsichtstätigkeit der Bundesanstalt sein.“ Anders gesagt wird die Behörde von sich aus nicht tätig, auch wenn ihr eigene Erkenntnisse über unlautere Methoden eines Instituts vorliegen.

    Immerhin erhalten die Kunden ein Beschwerderecht gegenüber der Finanzwirtschaft. Die BaFin holt dann eine Stellungnahme des Unternehmens ein. Welche Inhalte aus dieser Gegendarstellung an den Verbraucher weiter gegeben werden, entscheidet allein die betroffene Bank oder Versicherung. Darüber hinaus wird ein Verbraucherbeirat eingerichtet. Kosten darf dieser jedoch nichts. „Der Entwurf gehört in die Tonne“, fordert Billen.

    Nach Ansicht des vzbv ist auch die Pflicht, Beratungsgespräche bei der Bank zu protokollieren, daneben gegangen. Seit Anfang 2010 müssen die Berater der Banken, Sparkassen und Volksbanken die wesentlichen Inhalte der Kundengespräche schriftlich festhalten und dem Anleger das Protokoll aushändigen. So sollten die Kunden besser vor einer Falschberatung geschützt werden, weil der Nachweis schlechter Anlagetipps nach einem Kapitalverlust leichter beweisbar wäre. In der Praxis sichern sich die Banken nach Einschätzung des Verbands damit aber durch unklare Begriffe und unvollständige Angaben nur gegen etwaige Schadenersatzansprüche ab.

    Ein Test der Verbraucherzentralen bestätigt die Kritik. Bei 50 Verkaufsgesprächen in Filialen von Privatbanken, Sparkassen und Volksbanken enthielt nicht ein Protokoll alle vom Kunden gemachten Angaben. Jeder fünfte Tarnkunde erhielt gar keine Mitschrift, obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist. Einzelne Wertpapiere, über die gesprochen wurde, tauchten in neun von zehn Formularen nicht mehr auf. 35 Tester vermissten hinterher Angaben zu den anfallenden Kosten der besprochenen Geldanlagen. Die Risikobereitschaft sowie die persönlichen Vermögensverhältnisse wurden auch kaum einmal umfangreich dargestellt. „Nach wie vor bestimmen die Höhe der Provision und Vertriebsvorgaben über Vertragsabschlüsse und nicht der Bedarf der Verbraucher“, kritisiert der vzbv-Chef.

    Der Verband fordert schärfere Schwerter im Kampf gegen die Übervorteilung von Sparern. Verbraucherschutz solle ein explizites Ziel der Finanzaufsicht werden. Denn die Verbraucherzentralen oder die Stiftung Warentest sind machtlos. Organisationen können Missstände zwar aufdecken, doch nicht beseitigen. Zehn Millionen Euro wären laut Billen notwendig, um den Markt zu überwachen und 100.000 Anleger im Jahr unabhängig zu beraten.

    Der private Finanzmarkt ist gewaltig. 1,2 Billionen Euro haben die Anleger auf Spar- und Girokonten. Der Wert der Anlagen in festverzinslichen Wertpapieren, Aktien, Fondsanteilen und anderen Beteiligungen beträgt rund 1,1 Billionen Euro.

  • Gewöhnung an Weniger

    Vor 40 Jahren erschien das epochale Buch „Die Grenzen des Wachstums“. Mitautor Erich Zahn erklärt, warum Schrumpfen die Zukunft ist

    Ein kleineres Auto statt eines größeren – oder vielleicht gar keins mehr? Rodeln im Sauerland statt Skilaufen in Südtirol? Zu Verzicht auf materiellen Wohlstand ringen sich viele Menschen nur gezwungermaßen durch, wenn sie beispielsweise ihren Job verlieren. Dabei steht seit 40 Jahren die große Frage im Raume, ob wir nicht als gesamte Gesellschaft Verzicht üben sollten. Anfang März 1972 erschien das berühmte Buch des Club of Rome „Die Grenzen des Wachstums“.

    Erich Zahn war damals dabei. Als 32jähriger Assistent beurlaubte ihn die Uni Mannheim, damit er am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge/ USA mitwirken konnte, Massen ökonomischer Daten in neuen Computermodellen zu verarbeiten. „Eine tolle Erfahrung“, sagt Zahn gegenüber dieser Zeitung. Als Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Uni Stuttgart ist er mittlerweile emeritiert.

    Die Wirkung des Berichts, der die Zukunft der Menschheit bis zum Jahr 2100 analysiert, ist kaum zu unterschätzen. Die Autoren unter Führung der US-Wissenschaftler Donella und Dennis Meadows erhielten 1973 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Das Werk hat die Gründung der Umweltpartei Die Grünen 1979, die Energiewende und den deutschen Atomausstieg des Jahres 2011 vorbereitet. Und besonders wegen der seit 2007 andauernden Finanz- und Verschuldungskrise stellt sich die Frage nach den Grenzen des Wachstumsmodells jetzt auf neue Art. Hat es Sinn, immer größere Geldsummen um die Welt zu schießen und damit alle paar Jahre einen Zusammenbruch auszulösen?

    Die These des Buches ist so einfach wie besorgniserregend. Noch in diesem Jahrhundert werde der Wachstumsprozess, den die Welt für ganz normal halte, zum Stillstand kommen und in eine Schrumpfung übergehen. Infolge der steigenden Ausbeutung würden die Rohstoffvorräte abnehmen und die Preise steigen. In Kombination mit der wachsenden Umweltverschmutzung führe dieser Prozess dazu, dass die Nahrungsmittel- und Industrieproduktion nicht mehr zulege, sondern abnehme. Auch das Wachstum der Bevölkerung werde deshalb noch vor dem Jahr 2100 seinen Höhepunkt überschreiten.

    Nachdem Erich Zahn und seine Kollegen den Fortschrittsglauben, der mit Marktwirtschaft und Demokratie seit Jahrhunderten zusammenhängt, in Zweifel gezogen hatten, erhielten sie viel Beifall, aber auch massive Kritik. In den Jahrzehnten seit 1972 hieß es beispielsweise, dass die prognostizierten Grenzen des Wachstums nicht zuträfen, weil immer neue Erdöl-, Gas- und Metallvorkommen entdeckt würden.

    Indem die Menschen zusätzliche Rohstoffe ausbeuten, „kaufen wir uns nur etwas Zeit“, sagt dazu Erich Zahn. An der These, dass es „irgendwann zu Erschöpfung und Kollaps kommt“, hält der Ökonom nach wie vor fest. „Die grundsätzliche Problematik hat sich nicht verändert“, so Zahn.

    Ein Beispiel: Wolle die Menschheit die Klima-Katastrophe verhindern, müsse sie den Ausstoß von Treibhaus-Gasen sehr stark verringern. Dies sei aber nur zu leisten, wenn schließlich auch die Produktion von Industriegütern abnehme. An die These der Entkoppelung – weiteres Wirtschaftswachstum bei sinkendem Energie- und Klimaverbrauch – glaubt Zahn nicht.

    Damals wie heute stellt der Wissenschaftler damit die grundsätzliche Logik unseres gesamten Wirtschaftssystems in Frage. Keine der im Bundestag vertretenen Parteien will sich bisher vom vermeintlich notwendigen Wachstum verabschieden. Selbst bei den Grünen hat sich die Kompromisslösung des „green growth“ durchgesetzt: Die Bürger dürfen mehr konsumieren, die Wirtschaft mehr produzieren, aber bitte alles hübsch „nachhaltig“. Allerdings wirkt auch in offiziellen Debatten der Wachstumsoptimismus nicht mehr so ungebrochen wie früher. So arbeitet im Bundestag eine Kommission, die ökonomischen Erfolg künftig nicht mehr nur mittels der Zunahme der Produktion messen will, sondern auch mit anderen Indikatoren, etwa der Staatsverschuldung und der Einkommensverteilung.

    Möglicherweise tasten wir uns so an die grundsätzlich Frage „Mehr oder weniger?“ allmählich heran – ein Prozess, der schon ziemlich lange dauert. Bereits 1957 schrieb Ludwig Erhard, bekannt als Vater des bundsdeutschen Wirtschaftswunders, in seinem Buch „Wohlstand für alle“: „Wir werden sogar mit Sicherheit dahin gelangen, dass zurecht die Frage gestellt wird, ob es noch immer richtig ist, mehr Güter, mehr Wohlstand zu erzeugen, oder ob es nicht sinnvoll ist, unter Verzichtleistung auf diesen Fortschritt mehr Freiheit, mehr Besinnung, mehr Muße, und mehr Erholung zu gewinnen.“

  • Urlaub bleibt ein Lebenszweck

    Trotz Krise ist die Reiselust der Deutschen ungebremst / Tourismusbranche freut sich über ein Rekordjahr / All-Inklusiv und Spezialreisen sind im Trend / Branche klagt über Steuerlast

    Zum Start der Internationalen Tourismusbörse (ITB) an diesem Mittwoch freuen sich Veranstalter und Reisebüros über ein ausgeprägtes Urlaubshoch. „Die Reiselust der Deutschen ist ungebrochen“, stellt der Präsident des Deutschen Reiseverbands (DRV), Jürgen Büchy, fest. 61 Milliarden Euro haben die Bundesbürger im vergangenen Jahr für Auslandsaufenthalte ausgegeben, mehr als alle anderen Nationen der Welt.

    Die Anbieter von Pauschalreisen und die Reisebüros melden Rekordumsätze. Gut 23 Milliarden Euro oder zwei Prozent Umsatzplus melden die heimischen Veranstalter. Die Erlöse der Agenturen stiegen sogar um fast zehn Prozent. Und für das laufende Jahr ist die Branche ebenfalls zuversichtlich, dass die ferienbegeisterten Bundesbürger für die schönste Zeit des Jahres noch einmal tiefer in die Tasche greifen werden.

    Das Mittelmeer bleibt eines der Lieblingsziele im Ausland. Spanien hat wieder Boden gut machen können. Auch die Türkei und Griechenland waren 2011 gefragt. In diesem Jahr wirkt sich allerdings die mit Unruhen einhergehende Krise Griechenlands auf das Buchungsverhalten aus. Bis zum Sommer, so hofft Büchy, hole Hellas den Rückstand wieder auf. Schließlich beschränkten sich die Krawalle auf große Städte wie Athen oder Thessaloniki. An den Stränden oder auf den Inseln sei davon nichts zu spüren. „Griechenland kann auf die Treue vieler Stammgäste zählen“, sagt Der DRV-Chef. Auch nach Ägypten zieht es wegen der Unruhen dort weniger Touristen als üblich. Gut laufen dagegen Ziele in der Türkei und Kroation. Gefragt, vor allem bei Familien, sind Komplettpakete bei den Pauschalreisen. All-Inklusiv verzeichnet wegen der verlässlichen Kalkulationsbasis vor allem bei Urlaubern mit eher knappen Budget Zuwächse. Auch Spezialreisen, auf denen gewandert oder besonders auf Kultur geachtet wird, erfreuen sich einer wachsenden Beliebtheit.

    Die heimischen Ziele stehen ebenfalls so hoch im Kurs wie nie zuvor. In diesem Jahr will die Tourismuswirtschaft die Marke von 400 Millionen Übernachtungen knacken. 2011 blieb das Beherbergungsgewerbe nur knapp darunter. Hotels und Pensionen haben das Umsatzniveau aus Zeiten vor der Finanzkrise wieder erreicht. 60 Milliarden Euro nahmen sie ein. In diesem Jahr erwartet der Bundesverband der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) noch einmal zwei Prozent mehr Gäste.

    Sorgen bereitet BTW-Chef Klaus Laepple Gegenwind aus der Politik. „Was unsere Branche braucht, ist mehr Verständnis für ihre Arbeit“, fordert der Verbandschef. Die Luftverkehrssteuer, Proteste gegen den Neubau von Bahnhöfen oder Flugplätzen oder die in manchen Kommunen erhobene Bettensteuer treiben die Branche um. Internationale Wettbewerber würden nur darauf warten, Gäste aus Deutschland abzuwarten, warnt Laepple.

    Bis zum kommenden Sonntag trifft sich die Branche in Berlin auf der ITB, der größten Reisemesse der Welt. Die Messe meldet ein ausgebuchtes Gelände. Über 10.000 Aussteller aus 187 Ländern haben sich angemeldet. Bis zum Freitag bleiben die Messehallen unter dem Funkturm dem Fachpublikum vorbehalten. Am Wochenende dürfen dann auch normale Besucher zu Fuß eine kleine Weltreise unternehmen.