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  • Weniger ist mehr

    Schulanfang: Beim Kauf von Ranzen, Malkasten und Stiften zahlt sich Qualität aus

    Großer Malkasten oder kleiner? Turnschuhe für 10 Euro oder für 50 Euro? Filz- oder Buntstifte? Während hunderttausende Schulanfänger gespannt ihrem ersten Schultag entgegenfiebern, fragen sich Eltern, wie sie die Kleinen für den Schulstart ausrüsten können – und wie viel Geld sie dafür berappen müssen. Hier ein Überblick über Dinge, die zur Ausstattung eines Erstklässlers gehören und was sie kosten.

    Schulranzen:
    Ob pink mit Blümchen, schwarz mit coolen Flitzern oder blau mit Spaceshuttle: Die Auswahl der Tornister ist so riesig, dass manch ein Knirps beim Anblick der kunterbunten Tragehilfen vor Freude ausflippt. Beim Blick auf das Preisschild flippen Mama und Papa manchmal gleich mit aus. Für über 200 Euro bietet manch ein Markenhersteller seine Ware feil. Im „Mega-Set“ kommt der Ranzen dann daher, inklusive diverser Mäppchen, Brotbüchse und anderer Utensilien im passenden Design. Preiswerte Schultaschen gibt es im Discounter schon für 50 Euro. Doch welche Tragehilfe ist die richtige.

    Die Stiftung Warentest empfiehlt, ein Modell zu wählen, das die Schulranzennorm DIN 58124 erfüllt. 120 Euro kostete der Sieger Scout Easy II des letzten Schulranzentests der Warentester (test 04/2009). Beim Kauf von Markenprodukten lässt sich der eine oder andere Euro sparen. „Es muss nicht immer das neuste Modell sein“, sagt Michael Gomolzig, Schulleiter und Pressesprecher des Verbands Bildung und Erziehung Baden-Württemberg (VBE). „Vorjahresmodelle gibt es im Handel schon für 20 oder 30 Euro billiger.“ Allerdings dürfte es für Eltern schwierig sein, den Sprössling für das Dinosaurier-Design anstelle der Pokémon- oder Hello-Kitty-Optik zu begeistern, räumt Gomolzig ein. „Auch Schulranzen gehen mit der Mode.“

    Turnschuhe:
    Ohne die sportlichen Treter läuft nichts. Schwarze Schuhsolen sollten sie jedoch nicht besitzen. Die sind den meisten Sportlehrern ein Dorn im Auge. Auch dünne Ballettschläppchen fallen bei vielen Paukern durch. Eltern sollten beim Kauf des Schuhwerks auf Qualität achten. Nike oder Adidas muss es aber nicht gleich sein. „Teure Markenprodukte sind nicht automatisch besser für Füße oder ärmer an Schadstoffen“, beobachtet Meike Meyer,
    Redakteurin bei Öko-Test. Ob ein Turnschuh mit Schadstoffen belastet ist oder die Sohle schnell kaputt geht, sieht man ihm im Geschäft leider nicht an, sagt sie. Meiden sollte man auf jeden Fall Produkte, die stechend unangenehm riechen. In der letzten Öko-Test-Untersuchung von 2008 hat der Testsieger gerade mal 20 Euro gekostet.

    Sportbekleidung:
    T-Shirt und Turnhose dürfen in der Erstklässler-Grundausstattung ebenso nicht fehlen. Und sie sollten etwas aushalten: Mehrere Runden um den Sportplatz und anschließend einige Runden in der Waschmaschine. Shirt und Hose kosten zusammen um die 20 Euro.

    Bücher:
    Eins für Deutsch, eins für Mathe, eins für Heimatkunde und manchmal eins für Musik und Religion: Viele Bücher brauchen Schulanfänger nicht. Doch auch wenig Lesestoff geht ins Geld. 20 Euro verschlingt so manche Fibel. Ob sich Familien um den Kauf der Bücher selbst kümmern oder sie von der Schule ausleihen können, ist von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich. In Baden-Württemberg müssen sich Eltern von Grundschülern keine Sorgen ums Büchergeld machen. Hier gibt es die Lektüre als kostenlose Leihgabe. Geht der Nachwuchs allerdings nicht pfleglich mit den Werken um, können die Eltern zur Kasse gebeten werden.

    Zeichenkasten:
    Malkästen kommen im Handel mit 12 oder 24 Farben daher. Für den Anfang reicht die kleine Variante völlig aus. Dazu gehört noch eine Tube Deckweiß und ein kippsicheres Wassergefäß. Das gibt es zu kaufen. Ein Gurkenglas tut es aber auch. Für um die 10 Euro ist der Malspaß zu haben.

    Stifte:
    Filzstifte stehen in der Regel nicht auf den Listen der Lehrer, Buntstifte schon. Häufig stecken sie bereits in den Mappen, die es beim Kauf des Schulranzens immer öfter dazu gibt. Möchten Eltern ihren Kindern etwas Gutes tun, sollten sie darauf achten, dass die Stifte etwas aushalten. Qualität zahlt sich aus: „Bricht  die Mine beim Anspitzen ständig ab, frustriert das die Schüler“, erläutert Gomolzig. Eltern rät der Lehrer,

    ihre Kleinen nicht mit einer zu großen Stiftauswahl zu überfordern. „Zu viele Farben verwirren die Schulkinder“, sagt er. Es sei schon vorgekommen, dass ein Kind angefangen hat zu weinen, als der Lehrer die Klasse aufgefordert hat, den Rotstift zu zücken. Manch ein Knirps verzweifelt eben, wenn er nicht weiß, welchen Farbton er wählen soll. Den 12er-Pack Markenstifte gibt es übrigens für rund 5 Euro im Geschäft.

  • Der Kampf gegen die Spekulanten

    Weitere Länder verbieten Leerverkäufe

    Weitere Länder verbieten Leerverkäufe von Finanzaktien, um massive Angriffe von Hedgefonds und Banken abzuwehren.

    Leerverkäufe sind eines der vielen Instrumente, mit denen Spekulanten an den Finanzmärkten handeln oder auch seriöse Vermögende ihr Depot zeitweilig gegen Verluste absichern. Wie diese Geschäfte funktionieren, zeigt ein Beispiel: Ein Investor glaubt an fallende Kurse, ein anderer an steigende. Nun verkauft der Pessimist 100 Aktien der Firma zum aktuellen Preis von beispielsweise 100 Euro an den Optimisten. Es wird vereinbart, dass die Wertpapiere drei Tage später geliefert werden. Fällt in dieser Zeit der Kurs, kann der Verkäufer sich nach drei Tagen billiger mit den Anteilsscheinen eindecken. Er bezahlt 90 Euro. Die Differenz von zehn Euro zwischen beiden Kursen ist sein Gewinn. Umgekehrt hat der Käufer zehn Euro verloren, weil er mehr bezahlt hat als die Aktien zum Liefertermin wert sind.

    Es gibt zwei Arten von Leerverkäufen. Im Normalfall leiht sich der Verkäufer die Wertpapiere gegen eine Gebühr bei Großinvestoren für einen kurzen Zeitraum aus. Das nennt man gedeckte Leerverkäufe. Von ungedeckten Leerverkäufen sprechen die Fachleute, wenn der Verkäufer Aktien oder Anleihen, die er veräußert, gar nicht besitzt. Diese Form der Spekulation kann für die Börsenentwicklung gefährlich werden, wenn in großem Stil auf fallende Kurse gewettet wird. Aus Angst davor steigen immer mehr normale Anleger aus den betroffenen Wertpapieren aus. Mitunter wird die Unsicherheit der Anleger auch befördert, in dem negative Gerüchte über die betroffenen Firmen oder Staaten gestreut werden. Das treibt die Kurse weiter nach unten. Darauf hoffen vor allem die finanzstarken Hedge-Fonds, die sich in großem Stile Leerverkäufe tätigen.

    Es ist nach Ansicht mancher Fachleute eine Strategie der Nadelstiche gegen ausgewählte Opfer. So wird beispielsweise gezielt die Bonität eines Landes wie Irland oder Italien in Frage gestellt. Die Betroffenen müssen mehr Zinsen bezahlen, wenn sie neue Kredite aufnehmen wollen. Auch wenn der Schuldner finanziell gesund ist, kommt er so langsam unter die Räder, weil durch die steigenden Kreditzinsen irgendwann tatsächlich eine bedrohliche Lage entsteht.

    Die Folgen konnten in den letzten Tagen in Frankreich beobachtet werden. Dort verloren Bankentitel rasant an Wert, weil sie angeblich durch Riesenverluste mit Anleihen der Krisenländer in Schieflage geraten sind. Auch die Kreditwürdigkeit der Grande Nation wurde gerüchteweise in Frage gestellt. Darauf haben neben Frankreich auch Spanien, Belgien und Italien reagiert und ungedeckte Leerverkäufe für eine gewisse Zeit verboten. In Deutschland sind solche Geschäfte mit Aktien, Anleihen und Kreditversicherungen schon vor einem Jahr per Gesetz untersagt worden. Das hat der Bundesregierung international viel Kritik eingebracht. Das Verbot hat sich aber offenkundig bewährt. Auch bei den meldepflichtigen gedeckten Leerverkäufen findet nach Angaben der Bundesfinanzaufsicht hierzulande praktisch kein großer Handel mehr statt.

  • Seid umschlungen, Milliarden !

    DIe Schweiz ist bald keine Steueroase mehr

    Deutsche Steuersünder kommen in der Schweiz nicht mehr ungeschoren davon. Die Eidgenossen ziehen die Abgeltungsteuer künftig ei.

    Die Schweiz ist bald kein stiller Ruheplatz für deutsches Schwarzgeld mehr. Beide Staaten einigten sich auf ein Abkommen, dass Anfang 2013 in Kraft treten soll. „Es wird sichergestellt, dass in Zukunft alle Gelder von deutschen Steuerzahlern in gleicher Höhe besteuert werden“, sagte der Sprecher des Finanzministeriums, Martin Kotthaus. Der Fiskus kann sich zudem auf wenigstens zwei Milliarden Franken freuen. Zur Überweisung dieses Betrags haben sich die Schweizer Banken als garantierte Nachzahlung für in der Vergangenheit hinterzogene Abgaben verpflichtet.

    Den zweifelhaften Ruf als Steueroase inmitten Europas wird die Alpenrepublik damit los. Experten taxieren das heimlich über die Grenze geschaffte Vermögen auf 100 bis 200 Milliarden Euro. Wie viel Geld allerdings tatsächlich illegal im Nachbarland angelegt wurde, weiß auch das Finanzministerium nicht. Daher sträubt sich Kotthaus auch gegen eine Schätzung der zu erwartenden Einnahmen, die sich Bund, Länder und Gemeinen teilen.

    Das Abkommen sieht zwei wesentliche Änderungen vor. Einerseits wird die Schweiz künftig Kapitalerträge an der Quelle, also bei den Banken besteuern. Von jedem Franken Zins oder Dividende aus deutschen Guthaben werden 26,37 Rappen abgezogen und nach Deutschland überwiesen. Das entspricht der hiesigen Abgeltungsteuer plus Solidaritätszuschlag. Allein diese Nachbarschaftshilfe wird wohl jährlich einen Milliardenbetrag einbringen.

    Auch für bereits seit längerem in der Schweiz ruhendes Schwarzgeld wurde eine Lösung gefunden. Wenn die Inhaber dieser Konten einen Wohnsitz in Deutschland haben, können sie sich entweder freiwillig dem Fiskus offenbaren und Abgaben nachzahlen, oder aber anonym über ihre Schweizer Bankn eine pauschal bemessene Steuer entrichten. Der Steuersatz liegt zwischen 19 und 34 Prozent. Die Höhe hängt vom Kapitalbestand, der Dauer der Hinterziehung sowie dem zwischenzeitlichen Gewinn aus den Schwarzgeldanlagen ab. Die von den Banken erbrachte Garantieleistung wird mit den Erträgen aus diesen Nachzahlungen verrechnet.

    Außerdem will Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble verhindern, dass weitere Vermögenswerte unter der Hand in der Schweiz verschoben werden. Um dies zu verhindern, dürfen deutsche Behörden künftig Auskunftsgesuche an eidgenössische Dienststellen richten, wenn gegen eine bestimmte Person der Verdacht auf Steuerhinterziehung besteht. Bis zu 999 Anfragen sind in den ersten beiden Jahren nach Inkrafttreten der Regelung erlaubt. Danach wird geprüft, ob diese Rahmenzahl ausreicht oder nicht. Die Fahnder dürfen jedoch nicht auf gut Glück einzelnen Bürgern nachspüren.

    Das Finanzministerium ist zuversichtlich, dass sich die Kreditinstitute in Zürich oder Genf an die neue Gesetzeslage halten werden. „Es wird kein Geld mehr unversteuert in der Schweiz liegen“, glaubt Kotthaus. Das Bankgeheimnis der Alpenrepublik bleibt trotz der neuen Spürmethoden erhalten. Die Kunden können anonym bleiben, wenn sie ihre Abgaben anständig entrichten. Einen Haken hat die Abmachung, der die Parlamente beider Länder noch zustimmen müssen. Da die Regelung erst in fast eineinhalb Jahren in Kraft tritt, haben Steuersünder reichlich Zeit, ihr Vermögen anderswo zu verstecken.

  • Steuer oder Maut?

    Die Sommerlochdebatte

    Mitten im Sommerloch wird wieder einmal heftig darüber diskutiert, wie der Erhalt und Ausbau des Straßennetzes bezahlt werden kann. Die CSU will eine Pkw-Maut, die FDP höhere Mineralölsteuern. Fakt ist, dass die fünf Milliarden Euro, die der Bundesverkehrsminister für den Straßenbau im Jahr ausgeben kann, für ein modernes Streckennetz nicht ausreichen. Fachleute taxieren den Bedarf auf wenigstens sieben Milliarden Euro. Doch woher soll das Geld kommen? Alle Vorschläge haben Vor- und Nachteile.

    Maut

    Insbesondere aus Bayern kommt die Forderung nach einer Pflichtvignette für Autofahrer in Deutschland. Wie in Österreich oder der Schweiz müsste jeder, der eine Autobahn nutzt, eine Jahresgebühr entrichten. 100 Euro schweben der CSU vor. Im Gegenzug soll die Kfz-Steuer gesenkt werden, damit es für die Autofahrer nicht wesentlich teurer wird. Die allgemeine Nutzungsgebühr hat den großen Vorteil, dass auch Ausländer, die durch Deutschland reisen, an den Kosten für das Straßennetz beteiligt werden. Es gibt mehrere Nachteile. So werden bei dieser Mautlösung alle gleichermaßen zur Kasse gebeten, also unabhängig davon, um jemand 3.000 Kilometer oder 30.000 Kilometer auf der Autobahn zurücklegt.

    Aus dem Bundesverkehrsministerium sind in diesem Frühjahr Modellrechnungen für verschiedene Mautvarianten an die Öffentlichkeit gedrungen. Danach müsste die Vignette 365 Euro im Jahr kosten wenn, der Staat zugleich auf neun Milliarden Euro an Kfz-Steuereinnahmen verzichtet. Durchgerechnet wurden auch die Einnahmen aus der Gebühr. Bei 80 Euro im Jahr kämen 3,4 Milliarden Euro zusammen, bei 100 Euro 4,2 Milliarden Euro. Dabei ist jeweils der Beitrag von Motorradfahrern in Höhe von 30 Euro jährlich sowie von Durchreisenden mit Kurzzeitvignetten berücksichtigt.

    Eine zweite Mautvariante spielt in der Debatte derzeit keine Rolle. Ähnlich der Gebühr für Lkw könnte eine generelle, entfernungsabhängige Straßennutzungsabgabe erhoben werden. Allerdings ist

    der technische Aufwand groß. Zum Beispiel müssten alle Fahrzeuge mit Geräten zur Erfassung der gefahrenen Distanzen ausgestattet werden. Diesem Nachteil gegenüber steht die größere Gerechtigkeit zwischen Viel- und Wenigfahrern gegenüber.

    Mineralölsteuer rauf

    Niedersachsens Verkehrsminister Jörg Bode (FDP) will 13 Cent Mineralölsteuer zusätzlich auf den Liter Benzin oder Diesel erheben, dafür aber die Kfz-Steuer abschaffen. Der Liberale sieht dies als besten Weg, weil dadurch derjenige, der viel fährt auch am meisten für die Infrastruktur bezahlen muss. Dagegen sprechen mehrere Argumente. So steigt bei einer Anhebung der Steuern auch der Tanktourismus. Weil der Sprit dann in Nachbarländern deutlich billiger ist, weichen Autofahrer in grenznahen Gebieten verstärkt auf Tankstellen im Ausland aus. Deutschland gehen somit Einnahmen verloren. Auch werden Transitreisende kaum erfasst, weil sie vor der deutschen Grenze Kraftstoffreserven anlegen. Auch könnten über die Kfz-Steuer keine Kaufanreize mehr für bestimmte Fahrzeugmodelle gegeben werden. Schließlich landen Steuereinnahmen grundsätzlich in der Kasse des Finanzministers. Eine Maut kann dagegen direkt in den Verkehrsetat fließen.

    Wie es nun weitergeht, ist noch nicht klar. Denn Bundeskanzlerin Angela Merkel hat der Maut erst kürzlich wieder eine Absage erteilt. CSU-Chef Horst Seehofer will das Thema hingegen bei der nächsten Sitzung der Koalitionsspitzen zur Sprache bringen. Ohne zusätzlich Einnahmen wird es auf mittlere Sicht nicht gehen, weil der Sanierungsbedarf bei Straßen und Brücken immens ist. Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) muss innerhalb des nächsten Jahrzehnts ein Viertel aller Brücken erneuern. Dazu warten 850 Ortschaften auf Umgehungsstraßen und mehr als 1.600 Kilometer Autobahn auf einen Ausbau.

  • Die Krise wird noch lange dauern

    Fragen über Fragen…

    Die Europäische Zentralbank (EZB) kauft nun auch italienische und spanische Anleihen zur Beruhigung der Finanzmärkte. Kurzfristig war dies erfolgreich. Offen sind die langfristigen Folgen der jüngsten Entwicklung.

    Haftet Deutschland jetzt auch für italienische und spanische Staatsschulden mit?

    Seit diesem Montag haftet Deutschland indirekt für Staatsschulden Italiens und Spaniens mit. Denn die Europäische Zentralbank (EZB) kauft Anleihen beider Länder auf, um Spekulanten den Boden zu entziehen. Sollte einer der beiden Staaten zahlungsunfähig werden, müssten die Euro-Mitgliedsländer alle zusammen für den Kreditausfall gerade stehen. Auf Deutschland entfiele ein Anteil von gut 26 Prozent. Derzeit rechnet aber niemand mit diesem Ernstfall.

    Steigt durch die Anleihenkäufe der EZB die Geldmenge und damit die Inflationsgefahr?

    Die EZB bezahlt die Anleihen mit neuen Euro. Diese werden nicht gedruckt, sondern nur per Computer erzeugt ausgegeben. Damit vermehrt sich rechnerisch die Geldmenge, was tendenziell zu einem Wertverlust der Währung führt, was wiederum die Inflationsgefahr erhöht. Dies vermeidet die Notenbank aber durch ein anderes Manöver. Einmal wöchentlich sammelt die EZB bei den Banken genau den Betrag wieder ein, den sie neu in Umlauf gebracht hat. Dafür bezahlt sie den Instituten einen Zinssatz von weniger als einem Prozent. Solange auf diese Weise genügend Geld eingezogen werden kann, bleibt die Geldmenge unter dem Strich gleich und die Risiken bestehen nicht. Außerdem zahlen Italien und Spanien für fällig werden Staatspapiere. Im Idealfall bleibt am Ende alles beim Alten.

    Ist die Europäische Zentralbank (EZB) tatsächlich so unabhängig wie die Bundesbank?

    Nach außen wahren die Währungshüter den Schein der Unabhängigkeit. Tatsächlich dürften politische Wünsche der großen Euro-Länder die Entscheidungen der Frankfurter erheblich beeinflussen. Offiziell sieht die EZB die jüngsten Schritte als Teil ihrer Aufgabe, die Funktionsweise der Geldpolitik zu sichern. Die Notenbank agiert faktisch aber als verlängerter Arm der Finanzminister und Regierungschefs, in dem sie die Stabilität des Euro zeitweilig hinten an stellt.

    Bringen die betroffenen Länder auch Gegenleistungen für die Hilfe?

    Alle Krisenländer haben bisher alle finanziellen Verpflichtungen eingehalten. Selbst die Griechen zahlen ihre Schulden mit Zinsen zurück. Unter dem Strich verdienen die Retter also an der Krise – solange kein Land tatsächlich pleite geht. Außerdem knüpft die EZB ebenso wie der Rettungsfonds für den Euro die Garantien für ein Land an harte Sparauflagen. Italien und Spanien haben sich zu tiefer gehenden Einschnitten verpflichtet, wenn die Notenbank ihre Anleihen aufkauft. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat stets betont, dass es keine Leistung ohne Gegenleistung geben wird.

    Ist das Versprechen, Deutschland werde keine Schulden anderen Staaten übernehmen, noch ernst zu nehmen?

    Diese Zusage ist praktisch wertlos. Denn über finanzielle Garantien für andere Länder ist die Bundesrepublik eine Art Mitschuldner der Krisenländer geworden. Das wird aber nur dann auch zu echten Verlusten führen, wenn diese insolvent würden, also fällige Staatsanleihen nicht mehr bedienen könnten und der künftigen Rettungsfonds dafür einstehen müsste. Im schlimmsten Fall liegt das deutsche Risiko bei einem dreistelligen Milliardenbetrag.

    Wie geht es weiter?

    Mit dem Eingreifen der EZB in dieser Woche haben sich die Euro-Regierungen etwas Zeit gekauft. Denn der Rettungsfonds ESM wird erst Ende September funktionstüchtig sein. Zuvor müssen noch die Regierungen aller Mitgliedsländer der Währungsgemeinschaft der Gründung, den Regeln und der Ausstattung des ESM mit rund 400 Milliarden Euro zustimmen. In der Zwischenzeit wird sich zeigen, ob die Finanzmärkte sich beruhigen lassen oder sich die Krise weiter zuspitzt. Die Bundesregierung geht davon aus, dass die Schuldenkrise noch lange andauern wird, weil es keinen schnellen Weg daraus gibt.

    Auf welche Szenarien sollten sich die Bürger einstellen?

    Im besten Fall beruhigt sich die Lage und die Krisenländer rund um den Erdball stabilisieren sind und zahlen ihre Schulden aus eigener Kraft zurück. Wenn einzelne Euro-Staaten zahlungsunfähig werden sollten, kommen auch auf Deutschland Forderungen zu, die der Steuerzahler begleichen müsste. Im schlimmsten Fall eskaliert die Lage, wenn die Wirtschaft vom finanzpolitischen Strudel hinabgerissen wird. Dann würden die Staatseinnahmen zurückgehen und dies die Schuldensituation verschärfen. Problematisch wäre es auch, wenn die USA ihre Finanzen nicht in den Griff bekämen. Daraus könnte eine neuerliche Finanzkrise entstehen, mit ähnlich gravierenden Folgen wie sie 2008 zu beobachten waren.

  • „Man sollte nicht ins fallende Messer greifen“

    Nachgefragt

    Der Analyst und Währungsexperte Folker Hellmeyer (49) von der Bremer Landesbank fordert ein globales Vorgehen der Regierungen gegen die Krise

    Frage: Sollen Anleger an den Börsen jetzt kaufen oder verkaufen?

    Folker Hellmeyer: Die Anleger sollten nicht ins fallende Messer greifen. Zwar ist der starke Kurseinbruch an den Börsen schwer nachzuvollziehen, weil die Unternehmensergebnisse gut sind Doch das sind natürlich Vergangenheitswerte. Der Verkaufsdruck spiegelt die Sorge vor einer neuerlichen Krise der Weltwirtschaft wider. Eine verlässliche Prognose über die weitere Kursentwicklung ist derzeit nicht seriös möglich.

    Frage: Ist diese Sorge nicht berechtigt?

    Hellmeyer: Eigentlich steht die Weltkonjunktur auf einem robusten Fundament. Doch Politik und Finanzmärkte unterminieren die Basis. Hedgefonds und Banken nutzen die Schuldenkrise zu spekulativen Attacken auf den Anleihemärkten und bringen über Kreditausfallversicherungen große europäische Volkswirtschaften wie Italien und Spanien in Bedrängnis. Die USA und Europa werden mit zweierlei Maß gemessen. Die Gefahr eines weltweiten Dominoeffektes mit Folgen für die Realwirtschaft ist groß. Schon jetzt haben die Unsicherheiten zu einer Eintrübung der Konjunktur geführt. Wenn nicht gegengesteuert wird, könnte es schlimmer kommen als 2008/2009.

    Frage: Lässt sich die Entwicklung überhaupt beeinflussen?

    Hellmeyer: Die Politik muss sich endlich zu einem überdimensionierten Rettungspaket zusammenraufen, möglichst gemeinsam global die Finanzmärkte stabilisieren und mit einer Stimme sprechen. Auch sollte dabei China mit ins Boot geholt werden. Es muss jetzt schnell und massiv gehandelt werden. Es geht dabei um Tage, bestenfalls ein paar Wochen. Das wird mit Sicherheit sehr teuer, aber im Vergleich zu den Folgen im anderen Fall ist der Preis bezahlbar.

  • Gefahr einer nachhaltigen Trendwende

    Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Börsengeschehen

    Bricht für mutige Anleger jetzt eine gute Zeit für Schnäppchen am Aktienmarkt an?

    Wie sich die Börsenkurse weiter entwickeln, ist völlig offen. Analysten warnen vor einem Einstieg zum jetzigen Zeitpunkt. Selbst wenn sich die Kurse kurzzeitig wieder erholen sollten, droht aufgrund der gekippten Stimmung an den Märkten ein weiterer Verfall.

    Wie tief können die Kurse noch sinken?

    Auch dies ist nicht klar. Innerhalb von zehn Tagen hat der deutsche Leitindex Dax 1000 Punkte eingebüßt. Die Geschwindigkeit der Abwärtsbewegung überrascht sogar Experten. Die Deutsche Bank sieht zum Beispiel keine Hinweise auf eine nachhaltige Gegenbewegung. Deren Fachleute sind eher pessimistisch, weil bis zu diesem Freitag keinerlei Stabilisierungstendenzen erkennbar

    waren. „All dies hat das Risiko einer nachhaltigen Trendwende auf ein seit zwei Jahren nicht mehr gesehenes Maß steigen lassen“, heißt es im täglichen Börsenbrief der Bank.

    Was hat den Kurssturz ausgelöst?

    Eine Reihe von Geschehnissen der letzten Tage haben bei den Anlegern Besorgnis ausgelöst, die sich daraufhin von ihren Aktien trennten. Zunächst hat die Einigung auf eine Anhebung der Schuldenbremse in den USA für Pessimismus gesorgt, weil der Kompromiss auch Einsparungen im Haushalt vorsieht. Dies kann die Wirtschaft der USA weiter ausbremsen. Dazu signalisierte ein wichtiger Indikator für die Entwicklung der Industrie, dass sich die Konjunktur am Rande der Rezession bewegt. Dies löste eine Verkaufswelle aus, die durch coputergestützte automatische Verkäufe noch zusätzlich angetrieben wurde. Schließlich hat auch Europa für Unsicherheit gesorgt. EZB-Chef Jean Claude Trichet warnte am Donnerstag vor außergewöhnlichen Konjunkturrisiken. Der Aufkauf von Staatsanleihen der Schuldenländer durch die EZB sowie die Forderung von Kommissionschef José Manuel Barroso nach einer Aufstockung des Euro-Rettungsschirms verunsicherten die Märkte weiter.

    Hat der Crash auf Folgen für andere Geldanlagen?

    Das hängt wie auch bei der Euro-Schuldenkrise von der weiteren Entwicklung ab. Wahrscheinlich erwirtschaften die Versicherungen weniger Überschüsse. Die Allianz muss zum Beispiel durch Verluste mit griechischen Papieren einen Gewinnrückgang verkünden. Das schlägt sich über kurz oder lang in den Erträgen von Lebensversicherungen oder privaten Rentenversicherungen nieder. Schlechtere Erträge bringen auch Aktienfonds ein. Riester-Sparer können auch durch eine niedrigere Verzinsung betroffen sein, wenn der Versicherte seine Altersvorsorge über Aktienfonds anspart.

    Ist Gold jetzt endgültig die bessere Alternative?

    Der Goldpreis ist schon enorm hoch. Zwar halten Fachleute einen weiteren Anstieg für möglich, vor allem, wenn die Schuldenkrise weiter um sich greift. Doch kann der Goldkurs bei einer Stabilisierung der Weltlage auch schnell wieder fallen. Das gesamte Ersparte sollte daher aus Sicherheitsgründen niemand in Gold ummünzen.

  • Millionenspenden für Afrika

    Unicef & Co bemühen sich um mehr Transparenz

    Die Bilder der hungernden Menschen in Ostafrika berühren Leser und TV-Zuschauer. Das löst vielfach den Wunsch zu helfen aus. Die Medien wissen das und liefern entsprechende Hinweise auf die Konten von Hilfsorganisationen gleich mit. Das hat Erfolg, wie das Bündnis der Hilfsorganisationen „Aktion Deutschland hilft“ feststellt. „Vier Wochen nach dem Aufruf haben wir 10,1 Millionen Euro verbucht“, sagt eine Sprecherin des Bündnisses. Das ist weniger als bei den großen Naturkatastrophen der letzten Jahre in Pakistan und Haiti, aber immer noch ungewöhnlich viel.

    Die Freude am Geben hat nach einem Einbruch 2009 wieder deutlich zugenommen. Der Deutsche Spendenrat meldet für 2010 ein Plus von neun Prozent auf 2,3 Milliarden Euro. Jeder Fünfte überwies etwas an eine caritative Einrichtung, im Durchschnitt 28 Euro. Für die Steigerung sorgte vor allem das Mitgefühl mit den Betroffenen des Erdbebens in Haiti. Wie immer nach großen Katastrophen steigen die Einnahmen des Roten Kreuzes, der Welthungerhilfe, von Care und vielen anderen Helfern stark an. Allein in Deutschland kamen für die Erdbebenopfer 230 Millionen Euro zusammen.

    Dabei wissen viele Spender nicht, ob ihr Geld auch wirklich dort ankommt, wo es benötigt wird. Inbesondere der Skandal um die deutsche Sektion des Kinderhilfswerks Unicef 2008 hat die Branche in Zweifel gezogen. Teure Beratungsleistungen und hohe Provisionen für Spendensammler zehrten einen zu großen Teil der Einnahmen auf. Den Vertrauensverlust bekamen auch andere Einrichtungen zu spüren. Gutes tun ist es für die Geber, harter Wettbewerb für die Nehmer des Geldes. 620.000 Vereine und 15.000 Stiftungen sowie dutzende große Hilfsorganisationen stehen im Wettbewerb um freigiebige Bürger. Mit Werbebriefen oder Reklamespots wollen sie Aufmerksamkeit für ihr Anliegen erreichen.

    Kommt es zu Katastrophen wie jetzt am Horn von Afrika, sammeln ebenfalls konkurrierende Bündnisse Spendengelder ein. Neben der Aktion Deutschland hilft, der Beispielsweise die Johanniter oder der Arbeitersamariterbund angehören, rufen das etwa von der Welthungerhilfe unterstützte Bündnis „Entwicklung hilft“ und das auch vom Roten Kreuz mitbetriebene „Aktionsbündnis Katastrophenhilfe“ zu Spenden auf. Es gab den Vorwurf, dass die Helfer erst eingreifen, wenn die bestürzenden Bilder abgemagerter Kinder die Nachrichten erobern. Das weist die Aktionssprecherin zurück. „Wir haben schon lange gerufen, dass etwas passieren muss“, sagt sie und verweist auf die politischen Schwierigkeiten im bürgerkriegserschütterten Somalia. Immerhin kommt das Spendengeld nach ihrer Kenntnis auch in Form von Lebensmitteln bei den Hungernden an. Alle internationalen Hilfsorganisationen haben sich für die Transporte zu großen Konvois zusammengeschlossen, die besser gegen Überfälle von Milizen geschützt werden können. Bislang wurde noch kein LKW geplündert.

    Aus dem Vertrauensverlust durch schwarze Schafe und einer oft geringen Neigung zu konkreten Auskünften über die Mittelverwendung haben die Hilfsorganisationen offenkundig gelernt. Dazu hat ausgerechnet die internationale Unternehmensberatung PwC beigetragen. Seit 2005 vergibt das Unternehmen einen Transparenzpreis für Spendenorganisationen. „Es ist alles sehr viel professioneller geworden“, beobachtet PwC-Sprecher Oliver Heieck. Früher hätte nur ein Teil der Hilfsorganisationen Berichte im Internet veröffentlicht, heute täten dies alle. Informationen über die Vergütung der Helfer fehlten anfangs völlig. Momentan gibt jede zweite Einrichtung diese Interna preis. Oft wussten die Spender nicht, wer hinter der Organisation steckt. Auch diese Informationen wird heute geboten. Im letzten Jahr errang die zuvor gescholtene Unicef den ersten Preis. Es hat sich also etwas geändert bei der Kinderhilfe.

    Inzwischen gibt es auch mehrere gute Informationsquellen für potenzielle Spender. Neben dem Report der PwC, der im Internet abrufbar ist, hilft vor allem das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI). Das DZI vergibt ein Spendensiegel und informiert über die Arbeit und Seriosität der Organisationen. Nähere Angaben erhalten Interessenten unter der Webadresse www.dzi.de . Unter anderem hält das Institut derzeit eine Liste der seriösen Helfer in Ostafrika bereit.

  • Nur nichts übereilen

    Tipps für Spender

    Auch Spenden will gelernt sein. Die Experten des Deutschen Zentralinstituts für soziale Fragen (DZI) haben einige Tipps dafür zusammengestellt.

    Ohne Druck: Niemand sollte sich von Spendenwerbern unter Druck setzen lassen. Mitunter werden beeindruckende Bilder gezeigt oder Geschichten geschildert, um Mitleid zu erzeugen. Die Experten sehen in dieser Methode ein Anzeichen dafür, dass die Hilfsorganisation unseriös arbeitet.

    Überlegen: Spender sollten sich in Ruhe Gedanken über die gewünschte Verwendung ihres Obolus machen. Denn immer mehr Organisationen und Stiftungen werben um die Hilfe der Bürger. Wenn der Zweck festgelegt ist, geht die Suche nach einer geeigneten Hilfseinrichtung los. Die meisten von ihnen stellen Jahresberichte oder Projektbeschreibungen ins Internet. Auf dieser Informationsbasis kann die Entscheidung über die Spende am besten getroffen werden.

    Keine Eile: Die großen Hilfswerke haben genügend Vorräte für Not- und Hilfseinsätze. Im Ernstfall kann die Unterstützung sofort gestartet werden. Die Spenden dienen der Fortführung der Aktionen. Auch werden die Rücklagen wieder aufgefüllt. Bei dringlichen Appellen ist daher Vorsicht geboten. Man kann sich Zeit lassen.

    Gezielt Spenden: Es ist besser, sich mit den finanziellen Gaben auf wenige Organisationen zu konzentrieren. Das erleichtert es, die Arbeit der Helfer zu verfolgen und spart Verwaltungskosten. Auch landet weniger Werbung im Briefkasten, weil der Spender nur bei wenigen Organisationen registriert ist.

    Lieber Geld: Viele Hilfswerke ziehen die Geldspende der Sachspende vor. Der Aufwand ist geringer und die Mittelkönnen gezielt eingesetzt werden. Natürlich sind auch Kleiderspenden oder bei gezielten Aufrufen auch andere Sachspenden erwünscht.

    Patenschaften: Einzelschicksale berühren den Menschen besonders. Doch der Kontakt zwischen Paten und Kind verursacht vergleichsweise hohe Kosten. Auch ist es in manchen Gebieten den Dorfgemeinschaften nicht förderlich, wenn einzelne Kinder gezielt gefördert werden, andere nicht.

    Sicheres Überweisen: Viele Menschen spenden mittlerweile per Telefon oder Internet. Aber auch hier gilt es, die üblichen Vorsichtsmaßnahmen zu treffen, damit das Geld auch sicher beim gewünschten Empfänger ankommt. Die Verbindung im Internet sollte verschlüsselt sein, wenn sensible Daten wie die Kreditkartennummer oder die Kontoverbindung angegeben werden.

    Informationen: Tipps für Spender und Adressen von Hilfswerken bietet das DZI auf seiner Internetseite www.dzi.de.

  • Bald rollen Fernbusse durch das Land

    Bundeskabinett beschließt Freigabe des Linienverkehrs für Omnibusse

    Die Bundesregierung hat den Weg für einen regulären Linienbusverkehr innerhalb Deutschlands freigemacht. Wenn das vom Kabinett an diesem Mittwoch beschlossene Gesetz das Parlament passiert, können private Busunternehmen erstmals Städteverbindungen anbieten. „Wir befreien den Markt von seinen Fesseln“, sagte Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU). Der Politiker erhofft sich, dass viele Reisende auf längeren Strecken vom Auto in den Bus umsteigen. „Wir wollen Verkehre auf der Straße bündeln“, so der Minister weiter, „jedoch der Schiene keine Konkurrenz abjagen.“

    Bislang hat eine Regelung aus den 30-Jahren des letzten Jahrhunderts einen flächendeckenden Fernbusbetrieb verhindert. Zum Schutz der Bahn müssen Transportunternehmen nach altem Recht eine Betriebsgenehmigung beantragen, die in der Regel abgelehnt wird, wenn es auf der Strecke auch eine Zugverbindung gibt. Eine Ausnahme bildet Berlin. Damit die Bevölkerung West-Berlins als die Mauer noch stand aus der Stadt reisen konnten, durften Omnibusse den Linienverkehr aufnehmen.

    Für die Verbraucher werden sich die neuen Angebote lohnen. Die Tour von Berlin nach Hamburg ist mit gut zwanzig Euro zum Beispiel deutlich billiger als mit der Bahn. Schnäppchentickets werden schon für neun Euro angeboten. Mit Fahrpreisen, die um 30 Prozent unter denen der Bahn liegen, rechnet der Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (BDO). „Der Bus ist Rekordhalter in Sachen Wirtschaftlichkeit und Klimaverträglichkeit“, wirbt der Verband um neue Kunden. Wie groß das Angebot an Reisen auf der Straße sein wird, lässt sich schwer abschätzen. Experten rechnen mit bis zu 100 meist kleine Omnibusunternehmen, die diesen neuen Markt erobern wollen.

    Ramsauer will verhindern, dass die Busse dem Nahverkehr Konkurrenz machen. So müssen zwischen zwei Haltestellen wenigstens 50 Kilometer Distanz liegen. Nur wenn kein ausreichendes Nahverkehrsangebot besteht, sind Ausnahmen zulässig. Die Reaktionen auf das Gesetz fallen unterschiedlich aus. Der Verkehrsclub Deutschland (VCD) begrüßt die Liberalisierung. „Fernbusse können Lücken schließen, wo die Bahn nicht hinkommt“, hofft VCD-Chef Michael Ziesak. Allerdings tritt der VCD auch für eine Maut für die Omnibusse ein. Damit sollen faire Wettbewerbsbedingungen geschaffen werden, weil die Bahn stets Trassenpreise bezahlen muss. Eine Maut will der Verkehrsminister aber nicht einführen.

    Der Verband Allianz pro Schiene ist gegen die Freigabe des Busmarktes und wittert „Billigheimer-Angebote ohne Fahrgastrechte“. Der Bund könne sich aus der Verantwortung für die Schieneninfrastruktur stehlen und auf Busse verweisen, wenn es Löcher im Schienennetz gebe. Auch die Eisenbahnverkehrsgewerkschaft ist skeptisch. Sie befürchtet, dass die Busunternehmen mit Dumpinglöhnen arbeiten und so der Bahn Kunden abjagen werden. „Der Bus verdrängt mit Kampfpreisen den Zug, dann rechnet sich irgendwann der Bus nicht mehr und wird ebenfalls eingestellt“, befürchtet Gewerkschaftsvorstand Reiner Bieck.. Im Ergebnis werde keine Mobilität für die Bürger geschaffen, sondern vernichtet.

  • Die Last der Kinder

    Kommentar

    Jetzt rächt sich eine über Jahrzehnte verfehlte Familienpolitik. Es gibt immer weniger Kinder. Das ist in vielerlei Hinsicht bedenklich. Menschlich, weil viele junge Leute auf einen wichtige Phase des Lebens mit neuen Erfahrungen, Verantwortung und Freude verzichten. Gesellschaftlich, da die Bevölkerung schnell überaltert und die Gefahr einer Art Gerontokratie besteht. Das wäre der Fall, wenn die Alten die parlamentarischen Mehrheiten bestimmen können und dann eine gerechte Teilung der Lasten zwischen den Altersgruppen verhindern. Es gibt dafür in der Sozialpolitik bereits Anzeichen. Seit Jahren werden notwendige Reformen nach hinten geschoben. Auch geht der Staat finanzielle Verpflichtungen ein, für die die nächste Generation aufkommen muss. So verhindern Politiker Ärger mit der bei Wahlen wichtigen Gruppe der Rentner.

    Schließlich wird Kinderlosigkeit auch ein handfestes ökonomisches Problem. Immer weniger junge Leute treten zukünftig in das Berufsleben ein. Sie werden gleich mehrfach gefordert. Sie sollen mit ihren Sozialbeiträgen die Sicherungssysteme finanzieren und durch gute Arbeit den Wohlstand aller erhalten. Das lässt sich auch nicht über Nacht ändern. Selbst wenn die Großfamilie wieder in Mode kommen sollte, vergingen 20 Jahre und mehr, bis sich dies auf dem Arbeitsmarkt bemerkbar machte. Dazu kommt noch ein statistischer Effekt. Selbst bei gleicher Geburtenrate geht die Kinderzahl zurück, weil es weniger Frauen gibt, die Kinder bekommen können.

    Dem Problem muss sowohl mit einer familienfreundlichen Politik als auch mit einer besseren Ausnutzung aller vorhandenen Potenziale angegangen werden. Das ist nicht einmal eine Frage des Geldes. Deutschland lässt sich seine Familien schon heute viel kosten. Es geht um eine möglichst gute Bildung für alle Kinder, damit sie später hochwertige Jobs erledigen können. Es geht auch um familienfreundliche Arbeitgeber, von denen es immer noch zu wenige gibt. Erst wenn Beruf und Familie selbstverständlich miteinander vereinbar sind, wird die Lust zum Kinderkriegen steigen. Immerhin steigt die Einsicht auf allen Seiten. Nun müssen Taten folgen.

  • Deutschland gehen die Kinder aus

    Jedes siebente Kind ist von Armut bedroht / Betreuungsangebot wächst stark an

    Der Nachwuchs geht aus. Die Zahl der unter 18-jährigen ist im vergangenen Jahrzehnt um 2,1 Millionen zurückgegangen. „Deutschland ist das kinderärmste Land Europas“, berichtet der Präsident des Statistischen Bundesamts, Roderich Egeler nach einer Auswertung des Mikrozensus 2010. Derzeit leben gut 13 Millionen Minderjährige in Deutschland. Egeler rechnet mit einer Fortführung des Trends. In den kommenden beiden Jahrzehnten werde der Anteil der Kinder an der Bevölkerung bei gleichbleibender Geburtenrate auf 15 Prozent sinken.

    Vor allem in den neuen Ländern werden immer weniger Familien gegründet. Hier ging die Zahl der Kinder im letzten Jahrzehnt um fast 30 Prozent zurück. Im Westen hielt sich das Minus mit zehn Prozent dagegen in Grenzen. Egeler zufolge unterscheiden sich die Lebensformen in Ost und West erheblich. In den alten Ländern bilden Ehepaare vier von fünf Familien, 15 Prozent sind Alleinerziehend und sechs Prozent leben in wilder Ehe. In Ostdeutschland, sind weniger als 60 Prozent der Eltern verheiratet. Jedes vierte Kind von allein von der Mutter oder dem Vater groß gezogen und 17 Prozent leben ohne Trauschein.

    Alleinerziehende und ihre Kinder sind weiterhin besonders stark von Armut bedroht. Während im Bevölkerungsdurchschnitt etwa jeder siebente wenig Geld hat, gilt dies für fast 40 Prozent der Haushalte von partnerlosen Eltern. Als Grenzwert gilt hier EU-weit für 2009 ein Jahreseinkommen von 11.151 Euro. „Die Versorgung der Kinder mit Grundbedürfnissen wie Kleidung, Mahlzeiten und Spielsachen ist gut“, stellte Egeler fest. Für eine Urlaubsreise fehlen dagegen schon bei mehr als jeder fünften Familie die finanziellen Spielräume. Den Beitrag für einen Sportverein oder die Kosten für Musikunterricht kann jede vierte Familie nicht mehr stemmen.

    Eine erfreuliche Entwicklung konnten die Statistiker auch verkünden. Die Zahl der Betreuungsplätze für Kinder wächst kontinuierlich an. Standen vor fünf Jahren im Bundesdurchschnitt nur für 14 Prozent der Kinder im Alter von unter drei Jahren Kitaplätze bereit, sind es heute schon 23 Prozent. 472.000 Krippenplätze gibt es derzeit. Besonders im Osten ist das Angebot hoch. Spitzenreiter ist Sachsen-Anhalt mit einer Versorgungsquote von 56 Prozent. Schlusslicht ist Nordrhein-Westfalen mit 14 Prozent. Der Süden holt auf. Baden-Württemberg und Bayern konnten ihre Quoten auf über 18 Prozent mehr als verdoppeln. Die Deutschen bekommen zwar wenige Kinder, doch der Nachwuchs wird immer besser ausgebildet. Das Gymnasium ist auf dem Vormarsch. Im Jahr 2000 schafften 37 Prozent den Sprung in Richtung Abitur, 2010 waren es bereits 45 Prozent der Grundschulabgänger.

    Das Bundesamt hat auch die Sterbefälle bei den Kindern unter die Lupe genommen. 1.252 Minderjährige ließen im vergangenen Jahr das Leben. Drei Viertel der Todesfälle gingen auf Krankheiten zurück, der Rest auf Verletzungen. Dabei spielten Unfälle die größte Rolle, vor allem im Verkehr. 205 Kinder und Jugendliche starben infolge eines Unfalls auf der Straße. Eine eher geringe Rolle spielen Selbstmorde und Gewalttaten mit zusammen fast 50 Fällen.

  • Wachstumszweig und doch Problemfall

    Die Pflegewirtschaft über fehlende Fachkräfte besorgt / Junge Abgeordnete fordern Reformen

    Die Pflege älterer Menschen wird zu einem immer wichtigeren Wachstumszweig. Nach Berechnungen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) wird sich die Wertschöpfung aus der Versorgung gebrechlicher Menschen von fast 27 Milliarden Euro im vergangenen Jahr auf 79 Milliarden Euro im Jahr 2050 erhöhen. Mit zunehmender Alterung wird es auch immer mehr Pflegebedürftige geben. Mitte des Jahrhundert rechnet das Institut mit gut vier Millionen Betroffenen. Heute sind es 2,4 Millionen. „Die Kosten könnten sich verdreifachen“, schätzt IW-Forscher Dominik Enste.

    Die Beiträge steigen stark an

    Mitte des letzten Jahrzehnts war ein Viertel der Bevölkerung älter als 60 Jahre. Mitte des Jahrhundert werden mehr als 40 Prozent in diese Altersklasse gehören. Die Zahl der über 90-jährigen verdreifacht sich in diesem Zeitraum, weil die Lebenserwartung steigt und die geburtenstarken Jahrgänge nach und nach das Rentenalter erreichen. Die Entwicklung wird sich Enste zufolge ist stark steigenden Beitragssätzen für die Pflegeversicherung bemerkbar machen. Derzeit überweisen die Versicherten 1,95 Prozent ihres Bruttolohnes an die Kasse. Der Satz wird laut IW auf über vier Prozent anwachsen.

    Jede Menge freie Stellen

    Derzeit beschäftigen gemeinnützige und private Träger 970.000 Pflegekräfte. Das sind 100.000 mehr als in der Vorzeigebranche Maschinenbau. Rund 360.000 müssen in den nächsten zehn Jahren zusätzlich eingestellt werden. Doch das ist ein gewaltiges Problem, weil es an Personal mangelt. Der Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste (bpa) spricht von derzeit 30.000 offenen Stellen. Besonders in den Ballungsgebieten müssen Heime mitunter sogar Abteilungen schließen, weil die Pflegekräfte fehlen. „Wenn wir die Situation noch lange so laufen lassen, erleben wir ein Desaster“, warnt bpa-Chef Bernd Meurer. Mittlerweile würden vereinzelt sogar schon Handgelder von 3.000 Euro bezahlt, damit jemand einen Arbeitsvertrag unterzeichnet.

    Ausländische Pflegekräfte sollen ins Land kommen

    Der Verband fordert von der Politik Reformen, damit der Personalbedarf leichter gedeckt werden kann. Insbesondere sollen Berufsausbildungen anderer europäischer Länder leichter anerkannt werden. Auch verkürzte Ausbildungszeiten für Umschulungen aus verwandten Berufen wie der Arzthelferin oder die Wiedereingliederung von Müttern nach den Erziehungsjahren könnten das Personalproblem lindern. Stattdessen entdeckt Meurer ein neues Hindernis für die Pflegeberufe. Die EU wollen dafür eine zwölfjährige Schulausbildung vorschreiben, berichtet er und findet das „völligen Irrsinn“.

    Jungpolitiker wollen private Zusatzversicherung

    Die Bundesregierung will im Herbst eine Pflegereform angehen. Dabei geht es unter anderem um den Aufbau einer zusätzlichen privaten Pflegeversicherung. Anscheinend will die Koalition die Reform vertagen. Das bringt junge Unionsabgeordnete auf die Barrikaden. In einem jetzt veröffentlichten Thesenpapier fordern sie die Bildung einer ergänzenden Kapitalrücklage für die Pflegekosten der Zukunft. Wer dafür wie viel bezahlen soll, lassen die Politiker offen. Aus der Rücklage sollen die Pflegekosten für die Generation der Babyboomer finanziert werden, von denen viele zwischen 2030 und 2050 Hilfe beanspruchen werden. „Denn dann müssen insgesamt höhere Leistungsansprüche von immer weniger jüngeren Menschen finanziert werden“, warnen die Abgeordneten.

    Bis zu 100.000 Euro Zuzahlung für Hilfsbedürftige

    Tatsächlich ist Pflege teuer. Im Durchschnitt kostet eine Vollzeitpflege im Heim 3.300 Euro. Die Pflegeversicherung übernimmt höchstens 1.510 Euro. Den Rest müssen die Betroffenen selbst aufbringen. Das macht 1.790 Euro im Monat. Das können sich viele Rentner nicht leisten. Entweder müssen dann die Kinder die Rechnung bezahlen, oder die Kommune über die Sozialhilfe. Bei einem Pflegezeitraum von bis zu fünf Jahren kommt so ein Eigenbeitrag von gut 100.000 Euro zusammen. Dafür sollen die Deutschen schon frühzeitig vorsorgen, finden die Abgeordneten.