Blog

  • Bahn lässt sich in die Karten schauen

    Im Internet werden ab sofort die Pünktlichkeitswerte veröffentlicht

    Die Deutsche Bahn veröffentlicht ab sofort monatliche Pünktlichkeitsstatistiken im Internet. Im August kamen nur vier von fünf Fernzügen zur rechten Zeit ans Ziel. Im Nahverkehr lag der Wert höher. 94 Prozent der S- oder Regionalbahnen fuhren gemäß des Fahrplans. „Das muss uns antreiben“, sagte der für den Personenverkehr zuständige Vorstand Ulrich Homburg. Ehrgeizige Zielwerte für die Pünktlichkeit mag der Manager indes nicht nennen.

    Als pünktlich gilt ein Zug, wenn er weniger als fünf Minuten und 59 Sekunden zu spät kommt. Eine zweite Trennlinie zieht das Unternehmen bei den mehr als 15 Minuten und 59 Sekunden hinter dem Fahrplan zurückliegenden Ankünften. Für die Statistik wertet die Bahn die monatlich gut 800.000 Fahrten aus. Der Fernverkehr wird komplett erfasst, der Nahverkehr an repräsentativen Messpunkten. Erst ab 2012 werden auch die Regionalzüge vollständig überprüft. Gemessen wird die Pünktlichkeit bei der Ankunft in jeder Station. Ein Zug, der am Start gut wegkommt und auch rechtzeitig das Ziel erreicht, kann zwischendurch mit Verspätungen an einzelnen Haltepunkten auch Minuspunkte sammeln.

    Im laufenden Jahre kam die Bahn auf langen Strecken auf Pünktlichkeitswerte zwischen 77 Prozent im Januar und gut 83 Prozent im Februar. Im Nahverkehr war der Juni mit 93 Prozent der schwächste Monat, der Februar mit 94,2 Prozent der Beste. Die Kurve ist damit insgesamt recht stabil. Das ist auch die große Schwäche der eigentlich wünschenswerten Statistik. Die Darstellung der Ergebnisse lässt nur einen groben Eindruck dessen zu, was sich im Alltag der Bahnkunden tatsächlich abspielt. Weder gibt es regional aufgeschlüsselte Werte, noch werden besonders gute oder schwache Tage sichtbar. Zugausfälle werden erst gar nicht zu den verspäteten Zügen summiert. „Ein Zug, der nicht fährt, kann nicht ausgewertet werden“, begründet dies der Vorstand. Wenn wie in Berlin geschehen zeitweilig kaum eine S-Bahn fährt, diese Züge aber den Notfahrplan einhalten, gibt es hohe Pünktlichkeitswerte für die Statistik. Laut Homburg sind Züge vor allem auf den dicht befahrenen Netzen in Hessen und NRW unpünktlich, vor allem wenn neben den Personenzügen vile Güterwaggons auf den Trassen unterwegs sind.

    „Wir sind nicht so schlecht, wie immer behauptet wird“, sagt Homburger mit Blick auf die für jedermann einsehbare Datenreihe. Tatsächlich trifft die Bahn an vielen Verspätungen keine Schuld. Ein Drittel der Fälle geht auf unkalkulierbare Ereignisse zurück. Dazu gehören Unwetter, Unfälle oder auch Selbstmorde auf den Gleisen. Immer öfter bleiben die Züge auch auf offener Strecke stehen, weil Kupferkabel geklaut werden. „Buntmetalldiebstahl ist ein europäisches Problem“, erläutert der Vorstand. Dagegen kann das Unternehmen wenig tun. Die Vielzahl der Oberleitungen, deren Erdungskabel offenbar für Diebe interessant sind, ist kaum zu überwachen.

    Das zweite Drittel geht auf Probleme im Streckennetz zurück. Rund 30.000 Baustellen im Jahr sorgen immer wieder für Verzögerungen. Für das letzte Drittel übernimmt die Bahn selbst die Verantwortung. Zu wenige Züge in der Reserve oder auf verspätet eintreffende Reisende gehören zu den eingestandenen Quellen der verlorenen Zeit.

  • „Weniger Wachstum, aber keine Rezession“

    Ein Konjunkturprogramm könne Griechenland helfen, nicht Deutschland, so DIW-Ökonom Dreger

    Hannes Koch: Die Deutschen haben sich endlich mal entspannt. Weil die Wirtschaft gut läuft und es zusätzliche Arbeitsplätze gibt, sind sie nicht mehr so ängstlich, haben Umfragen im Sommer ergeben. Doch jetzt soll alles schon wieder vorbei sein. Kommt die nächste Wirtschaftskrise?

    Christian Dreger: Nein. Es hat keinen Sinn, die Entwicklung zu dramatisieren. Im 3. Quartal diesen Jahres wird die Wirtschaft wachsen. Danach fällt der Zuwachs allerdings nur noch bescheiden aus. Aber dass es zu einer Rezession, also einer Schrumpfung der Wirtschaft über mindestens zwei aufeinanderfolgende Quartale kommt, nehmen wir nicht an.

    Koch: Woran liegt es denn, dass die sich guten Aussichten so schnell eintrüben?

    Dreger: Die konjunkturelle Entwicklung in den USA hat sich abgeschwächt. Die Amerikaner konsumieren weniger, die Unternehmen verkaufen weniger und stellen kaum Arbeitskräfte ein. Die schwache Dynamik belastet auch die Weltwirtschaft, denn die USA sind immer noch die größte Ökonomie des Globus.

    Koch: Und in Europa?

    Dreger: Hier leiden wir unter der hohen Staatsverschuldung. Viele Regierungen sparen, um weniger Kredite aufnehmen zu müssen. Dadurch wird die Nachfrage kurzfristig geringer. Den Unternehmen fehlen Aufträge. Zwar nicht unbedingt in Deutschland, aber in vielen anderen EU-Staaten. Hinzu kommt die hohe Unsicherheit, die sich aus der noch nicht gelösten Schuldenkrise ergibt.

    Koch: Vor wenigen Wochen prognostizierten viele deutsche Wirtschaftsforscher für das kommende Jahr über zwei Prozent Wachstum. Jetzt senken sie ihre Vorhersagen urplötzlich auf ein Prozent, obwohl wenig Neues passiert ist – außer dass jetzt mehr Leute mehr Angst vor der Zukunft haben.

    Dreger: Die Lage hat sich durchaus zum Schlechteren verändert. Für Griechenland rechnet man jetzt damit, dass die Wirtschaft dieses Jahr um fünf Prozent schrumpft. Ältere Prognosen waren optimistischer. Deshalb wird den Deutschen nun klar, dass auch das zweite Rettungspaket für Athen nicht das letzte sein könnte.

    Koch: Wechseln sich Aufschwung und Abschwung neuerdings schneller ab, oder täuscht dieser Eindruck?

    Dreger: Diese Wahrnehmung ist nicht nicht ganz falsch. Seit Beginn der 2000er Jahre geht es in kürzeren Rhythmen stärker auf und ab als zuvor. Davor verlief die Entwicklung gleichmäßiger, die wirtschaftlichen Zyklen waren länger.

    Koch: Vielleicht trägt auch die Wirtschaftswissenschaft ihren Teil zu dieser Kurzatmigkeit bei. Orientieren sich Ökonomen mittlerweile zu sehr an psychologischen Indikatoren, die die Erwartungen von Marktteilnehmern messen, anstatt ihren Vorhersagen Basisdaten wie Preise, Importe und Exporte zugrundezulegen?

    Dreger: Die Bankenkrise von 2007 und den von ihr ausgelösten heftigen Absturz haben unsere Prognosemodelle nicht richtig angezeigt. Daraus haben wir den Rückschluss gezogen, mehr kurzfristige Indikatoren einzubeziehen. Dazu gehört beispielsweise die Stimmung der Konsumenten und der Industrie. Für die Prognosen des DIW werten wir mittlerweile eine hohe Zahl an Stimmungsindikatoren aus, um einen Trend zu ermitteln – wobei aber die Analyse der ökonomischen Basis nach wie vor die wichtigste Rolle spielt.

    Koch: Neigen Ökonomen neuerdings dazu, mögliche Risiken zu überzeichnen und damit zu verstärken, indem sie zu sehr auf die Hoffnungen und Ängste der Menschen vertrauen?

    Dreger: Man muss bedenken, dass momentane Stimmungen völlig in die Irre führen können. Ein Absturz der Aktienkurse an den Börsen kann ein Ausreißer sein oder der Beginn einer längeren Talfahrt. Kurzfristige Phänomene darf man nicht überbewerten. Der Erkenntnisgewinn für die Zukunft ist oft begrenzt.

    Koch: Jenseits der neuen Rezessionsängste melden wichtige Branchen der Wirtschaft wie Maschinenbauer und Autohersteller, dass sie auch für 2012 jede Menge Aufträge haben. Diesen Zahlen aus dem realen Wirtschaftsleben scheinen nicht auf eine neue Konjunkturkrise hinzudeuten.

    Dreger: Die Auftragseingänge sind ebenfalls kein optimaler Indikator, um die Zukunft zu beschreiben. Denn Aufträge kann man auch wieder stornieren. Trotzdem ist es richtig: Die Auftragseingänge der Industrie deuten gegenwärtig zwar auf ein etwas schwächeres Wachstum hin, aber keinesfalls auf eine Rezession.

    Koch: Trotzdem plädieren Christine Lagard, die Chefin des Internationalen Währungsfonds, und US-Finanzminister Timothy Geithner für ein europäisches Konjunkturprogramm. Mehr öffentliche Investitionen und Ausgaben sollen verhindern, dass die Wirtschaft abermals so abstürzt wie nach dem Zusammenbruch der Lehman-Bank 2008. Ein guter Vorschlag?

    Dreger: Für Griechenland hat das DIW schon vor Monaten Stützungsmaßnahmen vorgeschlagen. Die bisherige Sparpolitik alleine wird dort nämlich nicht zum Erfolg führen. Stattdessen sollte die EU gezielt Zukunftsinvestitionen unterstützen, die Arbeitsplätze und Wohlstand generieren. Man könnte auch daran denken, Sonderwirtschaftszonen einzurichten, um neue Unternehmen anzusiedeln.

    Koch: Brauchen Deutschland und andere Euro-Staaten ebenfalls einen ökonomischen Impuls?

    Dreger: Auch in Portugal könnte dies hilfreich sein. Was die gesamte EU betrifft, sehe ich gegenwärtig aber keine Notwendigkeit für ein Konjunkturprogramm. In Deutschland ist der Beschäftigungsstand sehr hoch und die Inflation leicht überdurchschnittlich. Zusätzliche Staatsausgaben würden die Nachfrage erhöhen und die Preise nach oben treiben, auch die Kosten der Arbeit. In anderen Ländern wie Italien würden mehr öffentliche Investitionen die ohnehin hohen Zinsen weiter anheben und es den Unternehmen damit erschweren, Kredite zu bekommen.

    Koch: Wagen Sie eine Prognose: Bekommen wir die Schuldenkrise bald in den Griff?

    Dreger: Die Regierungen haben anderthalb Jahre mehr oder weniger abgewartet, ohne eine Lösung zu finden. Nur mit Sparen wird man die Schulden aber nicht ausreichend verringern. Deshalb halten wir einen Schuldenschnitt für notwendig. Europa muss etwa 50 Prozent der griechischen Schulden annulieren. Erst dann kann es wieder aufwärts gehen.

    Christian Dreger (52) leitet seit 2008 die Konjunkturabteilung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin.

  • Eurofonds schon fast Vergangenheit

    Anhörung im Bundestag: Was kommt, wenn der EFSF zu klein wird?

    440 Milliarden Euro sind eine erstaunlich große Summe. Bevor der Europäische Stabilisierungsfonds darüber verfügen kann, muss der Bundestag zustimmen. Am Montag ließen sich die Abgeordneten des Haushaltsausschusses deshalb unter anderem von Bundesbank-Präsident Jens Weidmann über das Für und Wider unterrichten. Dabei wurde klar, dass die Debatte schon wieder einen Schritt weiter ist. Die eigentlichen Fragen lauten: Reicht der EFSF aus, um den Euro und die verschuldeten Staaten der Eurozone zu stabilisieren – oder ist eine noch größere Anstrengung notwendig?

    Daniela Schwarzer von der Stiftung für Wissenschaft und Politik, einem Thinktank der Bundesregierung, empfahl den Abgeordneten, über den Augenblick hinaus zu denken. Auch der aufgestockte Rettungsfonds könne mit den 440 Milliarden Euro bald an seine Grenzen geraten. Für die Unterstützung Italiens reiche das Finanzvolumen vielleicht noch aus, dann seien aber auch die Reserven des EFSF ausgeschöpft. Deshalb legte Schwarzer dem Haushaltsausschuss eine umstrittende Idee ans Herz, die unlängst Thomas Mayer, Chefvolkswirt der Deutschen Bank und der Brüsseler Ökonom Daniel Gros veröffentlicht hatten.

    Der Plan lautet: Der Euro-Stabilisierungsfonds EFSF solle eine Banklizenz erhalten und mit einer unbeschränkten Kreditlinie bei der Europäischen Zentralbank ausgestattet werden. Die Befürworter glauben, der EFSF könne gegenüber den Privatinvestoren der Finanzmärkte nur auf diese Art glaubwürdig darstellen, dass kein Land die Eurozone verlassen werde.

    Bundesbank-Präsident Jens Weidmann allerdings widersprach vehement: „Damit würde man das Prinzip der monetären Staatsfinanzierung festschreiben“. Mit anderen Worten: Die Eurostaaten könnten sich mittels der Notenpresse finanzieren, die Geldmenge stiege ungehemmt an und eine Inflation wäre die Folge. In sehr beschränktem Umfang betreibt die Europäische Zentralbank eine solche Politik schon heute, indem sie Anleihen verschuldeter Staaten wie Griechenlands und Italiens kauft. Weidmann betrachtet dies freilich nur als eine Notmaßnahme, die man so schnell wie möglich einstellen müsse.

    Eine weitere Variante, um das Reservekapital über 440 Milliarden Euro auszudehnen, wäre die Ausgabe gemeinsamer europäischer Staatsanleihen, so genannter Eurobonds. Diese befürworten SPD und Grüne, Union und FDP lehnen sie ab. Während der Anhörung im Haushaltsausschuss nahm Europarechtler Christian Calliess der Regierungskoalition ein Argument gegen die Eurobonds. Unter bestimmten Bedingungen seien diese mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 7. September vereinbar. Das Gericht hatte der Übernahme von Schulden anderer Staaten enge Grenzen gesetzt.

  • Europa nur mit Hilfe des Volks

    Für den Beitritt zu Vereinigten Staaten von Europa bräuchte Deutschland eine neue Verfassung. Ene schnelle Euro-Rettung ist dadurch nicht zu erwarten

    In der Diskussion um die Zukunft des Euro wird immer wieder eine politische Vision ins Spiel gebracht, die Vereinigten Staaten von Europa. Dahinter steckt die Idee eines Bundesstaates, bei dem das Europäische Parlament die Rolle des Bundestags übernimmt und die EU-Kommission als vom Parlament gewählte Regierung fungiert. Dann wäre zum Beispiel eine einheitliche Wirtschafts- und Finanzpolitik möglich, die Schuldenländern auf die Finger klopfen kann.

    Doch wäre ein europäischer Bundesstaat überhaupt mit dem deutschen Verfassung vereinbar? In Artikel 79 heißt es dort unmissverständlich: „Eine Änderung des Grundgesetzes, durch welche die Gliederung des Bundes in Länder, die grundsätzliche Mitwirkung der Länder bei der Gesetzgebung oder die in Artikel 1 und 20 niedergelegten Grundsätze berührt werden, ist unzulässig.“ In den beiden so genannten „Ewigkeitsartikeln“ werden einerseits die Menschenrechte festgeschrieben andererseits, dass jede Staatsgewalt vom Volk ausgeht. An diesen Artikeln darf niemand rütteln, selbst ein einstimmiges Votum des Bundestags könnte daran nichts ändern.

    Das Bundesverfassungsgericht hat in seinem Urteil zum EU-Vertrag von Lissabon klar gestellt, dass Deutschland am Ende immer souverän entscheiden können muss und die Rechte des Bundestags, die wesentlichen wirtschaftlichen, kulturellen und sozialen Lebensverhältnisse bestimmt. Diese Vorgabe beschränkt die Abgabe von Kompetenzen an Brüssel so stark, dass ein gemeinsamer Bundesstaat in weite Ferne rückt.

    „Das Grundgesetz lässt in der Auslegung durch das Bundesverfassungsgericht Vereinigte Staaten von Europa nicht zu“, stellt auch der Staatsrechtler Joachim Wieland von der Deutschen Hochschule für Verwaltungswissenschaften in Speyer fest. Doch das muss nicht für alle Zeiten so bleiben. Denn die Väter des Grundgesetzes haben den Bürger dieses Landes ein Hintertürchen offen gelassen. „Dieses Grundgesetz … verliert seine Gültigkeit an dem Tage, an dem eine Verfassung in Kraft tritt, die von dem deutschen Volke in freier Entscheidung beschlossen worden ist“, heißt es in Artikel 146.

    Damit gibt es durchaus einen Weg zu einer staatlich vereinten EU. Zunächst einmal müsste ein Verfassungskonvent einberufen werden, erläutert Wieland. Regeln gibt es dafür nicht. Naheliegend wäre eine Beteiligung von Bundesrat, Bundestag und gesellschaftlich oder kulturell wichtige Organisationen unter Beteiligung von Experten. Dieser Konvent könnte eine neue Verfassung formulieren. Sie müsste allerdings die Ewigkeitsartikel dem Sinne nach enthalten. Dann muss es nach Einschätzung des Staatsrechtlers eine Volksabstimmung über den Entwurf geben. Der Bundestag dürfe dies nicht in Vertretung der Bürger übernehmen. „In diesem Moment hat das Volk keine Repräsentanten“, begründet Wieland den Zwang zur Volksbefragung. Denn die Legitimation der Vertreter wird ja erst mit der neuen Verfassung geregelt. Das Plebiszit sei beim Grundgesetz 1949 nur deshalb nicht angewendet worden, weil Deutschland unter Besatzung stand. Ansonsten habe immer der Grundsatz gegolten, dass die verfassunggebende Gewalt vom Volk ausgehe.

    Auf das Widerstandsrecht gegen eine Beseitigung des Grundgesetzes im Artikel 20 kann sich wohl niemand berufen. Es zählt nach Mehrheitsmeinung der Juristen nicht zu den unveräußerlichen Grundrechten, weil es die Verfassung erst lange nach der Verabschiedung ergänzte und Vereinigte Staaten von Europa vermutlich auch unveräußerliche Grundrechte festschrieben.

  • Keime sieht man nicht

    Brauchen wir die Hygiene-Ampel für Gaststätten? Ja, schreibt Wolfgang Mulke

    Transparenz ist der beste Verbraucherschutz. Deshalb ist es richtig, wenn die Lebensmittelkontrolleure die Ergebnisse ihrer Arbeit auch für jeden Gast eines Restaurants sichtbar machen. Es geht nicht darum, Wirte für das buchstäbliche Haar in der Suppe in eine existenzielle Notlage zu bringen. Aber wenn in Küche und Keller die Mäuse hausen, der Schimmel im Kühlschrank wabert oder die frischen Eier im Sonnenlicht lagern, sollte das publik werden. Es liegt in der Hand der Betriebe, dass es erst gar nicht zu gravierenden Missständen kommt.

    Der Einwand, die Gäste merken schon selbst, wenn die Qualität eines Restaurants oder einer Imbissstube nicht stimmt, gilt nur zum Teil. Denn gesundheitsgefährdende Keime sieht man nicht und schmeckt man auch nicht unbedingt. Und meistens können die Kunden auch keinen Blick in die Küche oder die Vorratskammern werfen. Kontrolliert werden die Gaststätten ohnehin. Also hält sich der finanzielle Mehraufwand in Grenzen. Eine einheitliche Kontrolldichte sollte allerdings sichergestellt werden. Die Sorge der Gastronomie, dass eine Beseitigung der Mängel nur mit Verzögerung in der Ampel sichtbar wird, ist berechtigt. Es sollte also eine Möglichkeit geschaffen werden, dass sich die Betriebe auf eigene Kosten nachprüfen lassen.

  • Unklares Signal

    Brauchen wir die Hygiene-Ampel für Gaststätten? Nein, schreibt Hannes Koch

    Im Straßenverkehr erwartet man von einer Ampel klare Signale. Rot bedeutet Halt, Grün freie Fahrt. Diese Klarheit kann eine sogenannte Hygiene-Ampel nicht bewirken. Die Idee, mit einer öffentlichen Kennzeichnung unsaubere Gaststätten zur Besserung zu bewegen, ist zum Scheitern verurteilt.

    Ein Grund: In Zeiten knapper öffentlicher Finanzen können die Städte ihre Kontrolleure nicht in ausreichender Zahl in die Restaurants schicken. Die durch die Ampel-Kennzeichnung an die Konsumenten gegebene Information bliebe immer bruchstückhaft. Allenfalls Schwarze Schafe würden zufälligerweise vorgeführt. Orientierung für die Verbraucher böte die Ampel deshalb kaum.

    Staatliche Information erscheint hier auch nicht notwendig. Die Bürger sind mündig und wissen selbst, welche Qualität sie schätzen. Der Geschmack des Essens und die Atmosphäre eines Restaurants geben Aufschluss darüber, wie es in der Küche zugeht. Dass man an der Nase herumgeführt wird, kann natürlich passieren. Aber in der Regel fällt das untrügliche Gespür der Gäste das richtige Urteil. Restaurants, die durch Berichte von Freunden in Verruf geraten, meidet man. Hier lässt sich getrost sagen: Der Markt entscheidet. Der Staat sollte sich den Aufgaben widmen, die wichtiger sind.

  • Griechenlands Schulden sind zu hoch

    Ökonomen der Uni Kiel bezweifeln, dass sich Athen sanieren kann. Sie raten zur Umschuldung

    Ist Griechenland noch zu retten? Nein, nicht auf dem bisherigen Wege, argumentieren die Ökonomen David Bencek und Henning Klodt. Die Forscher des Kieler Instituts für Weltwirtschaft schreiben: „Die staatliche Überschuldung hat ein Ausmaß erreicht, das nicht mehr beherrschbar ist. An einem kräftigen Schuldenschnitt führt kein Weg vorbei.“

    Das IfW hat den Aufsatz am Donnerstag veröffentlicht – wenige Tage, nachdem Wirtschaftsminister und FDP-Chef Philipp Rösler die „Insolvenz“ des Mittelmeerlandes thematisierte und die Linie der Bundesregierung durcheinanderbrachte. Kanzlerin Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble verfolgen im internationalen Konsens bislang die Politik, Griechenland finanziell zu stabilisieren.

    Das sei aber nicht mehr möglich, erklärt das IfW – und stellt die Ergebnisse seiner Berechnungen vor. Die Argumentation ist so aufgebaut: Die Forscher ermitteln zunächst den Primärüberschuss des griechischen Staates – die Differenz von öffentlichen Einnahmen und Ausgaben (ohne Zinszahlung) im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung. Für 2010 war diese Größe mit minus 1,65 Prozent deutlich negativ. Griechenland gibt zu viel Geld aus und hat zu geringere Einnahmen. Im laufenden Jahr wird das Defizit außerdem stark zunehmen.

    Diesem negativen Saldo stellen Bencek und Klodt gegenüber, welchen Überschuss Griechenland eigentlich erzielen müsste, um seine Schulden nicht noch weiter wachsen zu lassen. Der entsprechende Prozentsatz beträgt 8,45 Prozent der Wirtschaftsleistung. Während Griechenland real Milliarden Euro pro Jahr verliert, müsste das Land einen positiven Saldo in einer Größenordnung von 20 Milliarden Euro jährlich erwirtschaften – und zwar über Jahre. Dies aber sei unrealistisch, sagen Bencek und Klodt.

    Warum? Die Forscher haben sich Staaten angeschaut, die in der Vergangenheit Überschüsse der Staatseinnahmen verzeichneten. Dazu gehörte auch Deutschland. Das Ergebnis: Selbst unter größten Anstrengungen ist es keinem der betrachteten Länder langfristig gelungen, Einnahmeüberschüsse zu erwirtschaften, die über fünf Prozent der Wirtschaftsleistung lagen. Die pessimistische Voraussage für Griechenland lautet deshalb: Auch Athen wird das nicht schaffen. So ergibt sich die politische explosive Schlussfolgerung: Das Mittelmeerland braucht dringend eine Reduzierung seiner Schulden. Wer will, kann dies als „kontrollierte Insolvenz“ bezeichnen wie Wirtschaftsminister Rösler.

    Nicht alle Ökonomen jedoch sehen das so. Die Organisationen OECD und IWF billigen Athen deutlich bessere Chancen zu, seine Schulden in den Griff zu bekommen. Gegen diese Studien argumentiert das Kieler IfW, die zugrunde liegenden Annahmen seien zu optimistisch ausgefallen.

    Auch Portugal und Irland betrachten die IfW-Forscher im übrigen als potenzielle Kandidaten für eine Umschuldung, bei der die Gläubiger auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten müssten. Spanien, Italien und Frankreich hingegen seien „im grünen Bereich“: Ihnen könne es gelingen, die Schulden zu stabilisieren, meinen Bencek und Klodt.

  • Geldinstitute verweigern Auskunft über Provisionen

    Verbraucherschützer: Banken verschweigen Zuwendungen, die sie für die Vermittlung von Wertpapieren erhalten

    Das Wohl ihrer Kunden scheint den Banken auch drei Jahre nach dem Lehman-Crash nicht sonderlich am Herzen zu liegen. Die meisten Geldhäuser weigern sich, Provisionen, die sie für Wertpapiergeschäfte einstreichen, offen zu legen – obwohl sie dazu verpflichtet sind. Das ist das Ergebnis einer aktuellen Untersuchung der Initiative Finanzmarktwächter der Verbraucherzentralen. „Die Institute spielen nach wie vor mit verdeckten Karten“, sagt Gerd Billen, der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv).

    Zwei von drei Instituten missachten laut Studie gegenüber ihren Kunden die Pflicht, Provisionen für Wertpapiere wie Zertifikate, Aktien oder Investmentfonds offen zulegen. Entweder verweigerten die Geldhäuser die Auskunft ganz oder sie informierten unzureichend. „Das Ergebnis ist für die Banken ein Trauerspiel“, so vzbv-Chef Billen.

    Nach einem Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) müssen Verbraucher erfahren, welche Vergütungen Banken für eine Finanzvermittlung erhalten. Dies kann Aufschluss darüber geben, ob die jeweilige Bank eine unabhängige Beratung anbietet oder nur im Auftrag eines Fondsanbieters handelt. Das Problem: Das BGH-Urteil bezieht sich nur auf so genannte Kommissionsgeschäfte, bei denen die Banken als Vermittler agieren. Für so genannte Festpreisgeschäfte, bei denen die Institute Wertpapiere auf eigene Rechnung kaufen, gilt es nicht.

    Mit fadenscheinigen Argumenten, auch mit dem des Festpreisgeschäftes, so die Verbraucherschützer, wimmelten die Geldhäuser ihre Kunden ab. „In 25 Prozent der Fälle lehnten die Kreditinstitute eine Auskunft mit der Behauptung ab, bei dem Produkt habe es sich um ein Festpreisgeschäft gehandelt“, erläutert die Kapitalanlagenexpertin des vzbv, Dorothea Mohn. Ob die Behauptung stimmt, ist für Verbraucher nicht nachzuvollziehen.

    Zweifel, so Billen, seien zumindest bei der Targobank (ehemals Citybank) angebracht. Diese habe behauptet, ihren Kunden Zertifikate ausnahmslos als Festpreisgeschäft verkauft zu haben. Die Abrechnungen wiesen allerdings Kommissionsgeschäfte aus. Mit einem Computerfehler erklärte die Targobank die Unstimmigkeit.

    Die Verbraucherzentralen sehen sich anhand dieser Ergebnisse in ihrer Annahme bestätigt, dass die Kreditinstitute bei  Finanzproduktempfehlungen vielmehr von der Höhe der Provisionen getrieben sind, als vom Wohl ihrer Kunden. „Banken haben großes Interesse daran, die Intransparenz aufrecht zu erhalten“, meint vzbv-Expertin Mohn.

    Vom Gesetzgeber verlangen die Verbraucherschützer nun, für Rechtsklarheit zu sorgen. Explizit solle gesetzlich geregelt werden, dass Provisionen offen gelegt werden müssen – unabhängig davon, ob es sich um Kommissions- oder Festpreisgeschäfte handelt. 
    Auch die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) sieht vzbv-Vorstand Billen in der Pflicht, und fordert eine bessere Marktaufsicht.

    Für die nicht repräsentative Untersuchung hatten die Verbraucherzentralen 280 private Anleger aufgerufen, ihre Geldhäuser um eine Auflistung der Provisionen zu bitten, die sie für konkrete Anlageempfehlungen  erhalten hatten. Nur drei Banken legten die Vergütungen in klarer Weise und in Euro und Cent offen – die Deutsche Bank, die Hypovereinsbank und die Sparkasse Hannover. „Das ist ein Zeichen, dass es geht“, urteilt vzbv-Chef Billen. Daran sehe man, wie wenig haltbar die Argumente der anderen Institute sind.

      

  • Wenig Eigenkapital, hohes Risiko

    Drei Jahre Lehman-Crash: Die internationalen Banken arbeiten noch immer vor allem mit geliehenem Geld. Um die Gefahren zu reduzieren, fordern Ökonomen höhere Eigenkapitalquoten

    Wenn ein typisches deutsches Industrieunternehmen eine Produktionsanlage kauft, um Windeln, Sonnenkollektoren oder Autoteile herzustellen, leiht es sich rund zwei Drittel des benötigten Geldes. Ein Drittel des Investitionskapitals gehört der Firma selbst.

    Wenn eine typische deutsche Geschäftsbank einen Kredit vergibt oder Wertpapiere kauft, benutzt sie zu durchschnittlich 95 Prozent fremdes Geld. Nur etwa fünf Prozent der Mittel, mit denen sie Geschäfte macht, sind ihr Eigenkapital.

    Das ist ein erstaunlicher Umstand. Banken, so hofft man, legen Wert auf Stabilität. Wer aber Milliarden-Geschäfte ohne ausreichende Reserven tätigt, kann schnell in Schwierigkeiten geraten. „Warum lässt man zu, dass die Bankbranche, die gigantische finanzielle Risiken schultert, über eine so geringe Ausstattung mit Eigenkapital verfügt?“, fragt Gerhard Schick, der Finanzpolitiker der Grünen Bundestagfraktion.

    Besondere Bedeutung bekommt diese Frage angesichts des Ereignisses, das sich am Donnerstag (15.9.) zum dritten Mal jährt. Am 15. September 2008 ging die US-Investmentbank Lehman Brohers pleite. Der Bankrott beschleunigte die damalige Bankenkrise und machte aus ihr eine globale Wirtschaftskatastrophe.

    Die Krise zeigte: Hohe Verschuldung beinhaltet sehr hohe Risiken. Platzen wichtige Geschäfte, kann es passieren, dass die betroffenen Banken an den Rande des Abgrunds geraten und die Regierungen mit dem Geld der Steuerzahler einspringen. Deshalb versuchten die 20 größten Wirtschaftsnationen, den Banken schärfere Gesetze aufzuerlegen, um ihre Geschäfte sicherer zu machen. Ein neues weltweites Bankenabkommen wurde ausgehandelt – im Fachjargon „Basel III“ genannt. Aber hat sich grundsätzlich etwas geändert – oder betreiben die weltweit tätigen Finanzinstitute ähnlich risikoreiche Geschäfte wie vor dem großen Crash?

    Einiges deutet daraufhin, dass Letzteres zutrifft. Im langfristigen Trend seit 1990 wachsen die Bilanzen der internationalen Finanzhäuser schneller als die Wirtschaftsleistung der Staaten. Vor 20 Jahren betrug die Summe der Finanztransaktionen rund das Achtfache des weltweiten Bruttoinlandsprodukts. Bis in die Gegenwart ist die Relation auf etwa das 25-Fache angestiegen. Die Geldgeschäfte nehmen also viel schneller zu als die Produktion.

    Und dabei finanzieren die Banken noch immer den weitaus größten Teil ihrer Transaktionen mit geliehenem Geld. Das Niveau des Eigenkapitals liegt in Deutschland nach der Krise zwar etwas höher als vorher. Aber beispielsweise in Bezug auf die Deutsche Bank sagt Finanzpolitiker Schick: „Im Verhältnis zur ihrer Bilanzsumme von fast zwei Billionen Euro hat die Bank eine Eigenkapitalquote von deutlich unter drei Prozent“.

    Der Grüne zieht daraus diese Konsequenz: „Die Politik sollte die Finanzinstitute verpflichten, mehr Eigenkapital in Reserve zu halten, um das systemische Risiko zu verringern.“ Mit dieser Einschätzung steht er nicht alleine. Ökonomin Dorothea Schäfer vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) empfiehlt Ähnliches. Und selbst der Wissenschaftliche Beirat des Bundeswirtschaftsministeriums argumentiert, dass die Banken einen Eigenkapitalanteil von zehn Prozent erreichen sollten.

    Hinter dieser Forderung bleibt weit zurück, was die internationale Bankenaufsicht im so genannten Baseler Ausschuss und kürzlich auch EU-Kommissar Michel Barnier vorgeschlagen haben. Demnach sollen die Banken künftig mindestens einen Anteil von drei Prozent Eigenkapital im Verhältnis zu ihrer Bilanzsumme nachweisen. Einige Institute müssten ihre Reserven aufstocken, für viele würde sich aber nichts ändern. Das Risiko der Bankgeschäfte bliebe auch nach dieser Regulierung immens, schlussfolgert DIW-Ökonomin Schäfer.

    Allerdings: Ist es im 21. Jahrhundert überhaupt sinnvoll, den Banken noch vorschreiben zu wollen, mit wessen Geld sie arbeiten? Würde viel höhere Reserven Nachteile mit sich bringen, die man auch wieder nicht in Kauf nehmen möchte?

    Thomas Heidorn, Professor für Bankbetriebslehre an der Frankkfurt School of Finance, sagt: „Dann hätten wir Verhältnisse wie im frühen Mittelalter, als die Fugger an den Kaiser vor allem ihr eigenes Geld verliehen. Woher aber sollen die dafür benötigten Mengen Eigenkapitals heute kommen? Die Banken müssten ihre Kreditvergabe an die Wirtschaft drastisch einschränken.“

    Mehr Eigenkapital – weniger Kredite, weniger Wachstum, weniger Arbeitsplätze: Dieses Argument will Grünen-Finanzpolitiker Schick nicht gelten lassen. „Die Banken haben die Möglichkeit, ihre eigene Finanzierungsstruktur zu verändern und dadurch ihre Eigenkapitalquote anzuheben. Sie können beispielsweise die Zahlungen für Boni an das Management einschränken und die Ausschüttungen zugunsten der Kapitaleigner reduzieren. Auch Kapitalerhöhungen durch die Ausgabe neuer Aktien wären möglich.“

    „Nein“, antwortet Heidorn, „das wären Tropfen auf den heißen Stein.“ Vielleicht liegt er nicht ganz falsch: Um ihr Eigenkapital nur um ein Prozent im Verhältnis zur Bilanzsumme zu erhöhen, müsste die Deutsche Bank ihren kompletten Gewinn von zwei bis drei Jahren opfern. Ist das realistisch?

    Info-Kasten

    Bankenkapital

    Um die Wiederholung des Lehman-Crash von 2008 auszuschließen, verschärft die internationale Bankenaufsicht die Vorschriften für Finanzinstitute. Die Banken müssen beispielsweise mehr „hartes Kernkapital“ (unter anderem Aktien und einbehaltene Gewinne) nachweisen als früher. Neu eingeführt werden soll die so genannte Leverage Ratio von drei Prozent. Gemessen an ihrer Bilanzssumme müssten Banken dann mindestens drei Prozent Eigenkapital nachweisen.

    Koch

  • Beruf der Zukunft: Elektroauto-Ingenieur

    E-Mobile bleiben aber die Ausnahme auf den Straßen. Wissenschaftler rechnen nur mit bis zu 250.000 Fahrzeugen jährlich 2020

    Ist Ihr Sohn 16 Jahre alt und technisch interessiert? Dann gibt es einen sicheren Jobtipp für ihn: Elektroauto-Ingenieur. Die Forschungsabteilung der Deutschen Bank und das Institut der Deutschen Wirtschaft prognostizieren, dass hiesige Unternehmen um 2020 jährlich 26.000 Ingenieure und andere Akademiker einstellen. Die Automobil-Branche werde den Bedarf an Entwicklern für die elektrischen Autos der Zukunft kaum decken können.

    Anlässlich der am Dienstag beginnenden Internationalen Automobil-Ausstellung in Frankfurt/ Main warfen die Experten einen Blick weit voraus. „Um die Elektroautos zu bauen, brauchen die Ingenieure komplett neue Kompetenzen“, sagte Ökonom Oliver Koppel vom IW. Gesucht würden später unter anderem studierte Spezialisten für neue Werkstoffe und Elektrochemie – Qualifikationen, die der gegenwärtige Automobilbau noch wenig benötige. Besonders gute Chancen haben dabei technikbegeisterte junge Frauen: Wie für andere Ingenieurberufe interessieren sich auch für die Elektromobilität bislang überwiegend Männer.

    Umgekehrt proportional zu diesen guten Berufsaussichten verhält sich die verkehrspolitische Bedeutung der künftigen Elektrofahrzeuge. Denn IW und Deutsche Bank halten die Absicht der Bundesregierung, bis 2020 rund eine Million Öko-Autos auf die deutschen Straßen zu bringen, für schwerlich erreichbar. Im Gegenteil werde das „Elektroauto auch noch 2020 ein Nischenprodukt“ sein. Das Verkehrsministerium wollte sich dazu am Montag nicht äußern.

    Die Institute rechnen mit einem Anteil der E-Fahrzeuge von drei bis acht Prozent an den Neuzulassungen im Jahr 2020. Das wären etwa 90.000 bis 240.000 neue E-Fahrzeuge pro Jahr im Vergleich zu rund drei Millionen konventionellen Neu-Pkw. Gemeint sind hier batteriebetriebene E-Mobile, die keinen Verbrennungsmotor mehr brauchen. Hybrid-Fahrzeuge mit einem kombinierten Antrieb aus Benzin und Elektroaggregaten kämen noch hinzu.

    Ohne staatliche Förderung kann selbst der untere Wert von 90.000 Fahrzeugen kaum erreicht werden, lautet die Ansage der Experten. Ein höherer Anteil an E-Mobilen lässt sich demnach nur erreichen, wenn der Staat jedes Öko-Gefährt mit mehreren tausend Euro subventioniert. Als Plädoyer für eine großzügige Förderung wollten IW und Deutsche Bank ihre Einschätzung aber nicht missverstanden wissen.

    Das Problem der Elektrofahrzeuge ist schlicht dieses: Sie sind viel teurer als entsprechende konventionelle Autos. Vergleicht man beispielsweise einen Kleinwagen des Typs Toyota Aygo (11.000 Euro Listenpreis) mit dem Elektro-Konkurrenten Mitsubishi i-MiEV (34.000 Euro), ergibt sich für letzteren ein so hoher Kostennachteil, dass er sich erst ab einer Fahrleistung von 300.000 Kilometern durch die Benzinkosten-Ersparnis amortisiert. Ob das E-Auto so lange durchhält, darf man bezweifeln.

    Die technische Hürde steht im Bereich der Batterie-Technik. Heute sind die Kraftpakete, die die Energie der Elektro-Autos liefern, zu schwer und zu teuer. „Der Preis der Batterien müsste um 70 Prozent sinken, ihre Speicherfähigkeit verdoppelt werden“, sagte IW-Ökonom Thomas Puls. Das ist eine große Herausforderung, die zu meistern die Unternehmen noch einige Jahren brauchen.

    Die Institute schätzen die Zukunft der Elektro-Fahrzeuge trotzdem als aussichtsreich ein. Vorteile sind beispielsweise, dass die Klimabelastung und der Verbrauch von zunehmend teurem und knappen Erdöl sinkt und die Energieausbeute der Motoren höher ist. Allerdings warnen die Wissenschaftler die Autombil-Hersteller davor, zu schnell zu viel Geld in die neue Technologie zu investieren. Wegen der vorläufig geringen Absatzzahlen sei es möglicherweise besser, noch einige Jahre ins Land gehen zu lassen, bevor man in die Produktion größerer Stückzahlen einsteige.

    Info-Kasten

    Elektroautos heute

    Auf den Freeways in Kalifornien kann es schon einmal passieren, dass man von einem vollständig elektrisch betriebenen Tesla-Sportwagen überholt wird. Elektrofahrzeuge ohne Verbrennungsmotor, die ausschließlich mit Batterien fahren, sind aber noch die absolute Ausnahme. In Deutschland waren Anfang 2011 erst 2.307 E-Autos angemeldet. Die Zahl der Hypridfahrzeuge mit einer Kombination aus Strom- und Benzinmotor (etwa Toyota Prius) betrug 37.256. Zum Vergleich: Insgesamt fahren in Deutschland rund 42 Millionen Pkw. Aber die großen Hersteller bieten allmählich mehr Hybrid-Fahrzeuge an. So startet bald der Verkauf des Opel Ampera, der überwiegend elektrisch fährt. Sein Benzinmotor dient dazu, die Reichweite auszudehnen. Und Daimler will einen E-Smart ab kommendes Frühjahr anbieten. Die Preis soll 23.000 Euro betragen plus Leasinggebühr für die Batterien. Konventionelle Smarts bekommt man heute ab 10.200 Euro.

  • Die Euro-Bundesbank

    Kommentar zum Personalwechsel in der EZB von Hannes Koch

    Die Europäische Zentralbank steht zwar in Frankfurt am Main, aber nicht unter unumschränkter deutscher Herrschaft. Dass der deutsche EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark seinen Abschied nimmt und kürzlich bereits Ex-Bundesbank-Chef Axel Weber vorzeitig zurücktrat, sind Zeichen, dass sich die Deutschen in der europäischen Notenbank nicht immer so durchsetzen können, wie sie wollen. Darüber allerdings sollte man sich keine übertriebenen Sorgen machen.

    Denn worum dreht sich die Auseinandersetzung innerhalb der EZB-Führung? Stark und Weber lehnten es ab, dass die Euro-Bank die Staatsanleihen verschuldeter Länder wie Griechenlands und Italiens kaufte, um diese zu stützen. Nicht die Notenbank, die den Wert des Geldes garantieren solle, dürfe marode Staaten finanzieren, argumentierten Stark und Weber. Das müssten die gewählten Regierungen tun – und ihren Wählern gleichzeitig erklären, wie sie die Verschuldung wieder senken wollten.

    Durch die beschränkten Anleihekäufe der EZB allerdings steht die Geldwertstabilität des Euro nicht in Frage. Bisher hat die Euro-Bank Staatsanleihen für gut 100 Milliarden Euro erworben – eine im Vergleich zur Wirtschaftsleistung der Eurozone verschwindend geringe Summe. Die Aufkäufe sind eine Ausnahme in der Krise und keine normale EZB-Politik. Dass die Notenbank einen guten Job macht, beweist die Kursentwicklung der europäischen Währung. Obwohl der Wert des Euro am Ende der vergangenen Woche wieder etwas gefallen ist, liegt er zehn Jahre nach seiner Einführung weit über dem Anfangskurs. Im Verhältnis zu den anderen Weltwährungen ist der Euro ein starkes, akzeptiertes Zahlungsmittel.

    Fraglos orientiert sich die EZB nach wie vor primär am Ziel der Geldwertstabilität. Sie zeigt jedoch eine neuen Flexibilität in der Wahl ihrer konkreten Maßnahmen. Manch hartem Deutschen mag das nicht gefallen. Aber die Zeiten der geldpolitischen Dominanz der alten Bundesbank sind vorbei. Für diesen Wechsel stehen die Weber- und Stark-Nachfolger Jens Weidmann und Jörg Asmussen. Sie wissen: Die EZB ist eine europäische Bundesbank.

  • Starker Abgang, schwacher Euro

    Chefvolkswirt Stark verlässt die Europäische Zentralbank. Möglicher Nachfolger ist Staatssekretär Asmussen

    Jürgen Stark, der Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank, gibt seinen Posten auf. Möglicherweise wird ihm Staatssekretär Jörg Asmussen aus dem Bundesfinanzministerium nachfolgen. Den Abgang Starks bestätigte die EZB am Freitag Nachmittag. Über Asmussen hieß es in Berliner Regierungskreisen, diese Lösung klinge plausibel.

    Starks Abschied könnte in Zusammenhang stehen mit der Politik der Zentralbank während der Schuldenkrise seit Anfang 2010. Die EZB unter Präsident Jean-Claude Trichet kaufte Staatsanleihen verschuldeter Staaten wie Griechenlands, Italiens und Spaniens, um die Zinsen für diese Anleihen zu senken und den Regierungen Geld zur Verfügung zu stellen. Diese Maßnahme, die teilweise im Widerspruch zu den europäischen Verträgen steht, kritisierte Stark. Er plädierte dafür, dass sich die EZB auf ihre eigentliche Rolle konzentrieren solle, die Stabilität des Euro zu sichern, und die Unterstützung bankrotter Regierungen der Politik überlassen müsse. Nach der Nachricht vom Abgang Starks sackte der Kurs des Euro am Freitag ab.

    Ob Starks möglicher Nachfolger Asmussen die Linie seines Vorgängers fortsetzt, ist nicht ausgemacht. Fakt ist, dass Asmussen während der Banken-, Wirtschafts- und Schuldenkrise seit 2008 eine zentrale Rolle im Berliner Regierungsapparat einnahm. SPD-Finanzminister Peer Steinbrück berief ihn zum Staatssekretär. Danach organisierte Asmussen in enger Abstimmung mit dem Bundeskanzleramt und der Bundesbank die Stabilisierung angeschlagener Banken und die Gründung des Bankenrettungsfonds Soffin. Auf internationaler Ebene verhandelte er die Abkommen der G20-Gruppe zur Regulierung der Finanzmärkte. Zuletzt leitete er eine G20-Arbeitsgruppe zur Reform des Weltwährungssystems. Steinbrücks Nachfolger, CDU-Finanzminister Wolfgang Schäuble, beließ Asmussen im Amt. Dieser vertrat den Minister häufig, wenn Schäuble durch Krankheit verhindert war.

  • Strompreis könnte steigen

    Netzfirmen dürfen einen Puffer anlegen, um Ökoenergie auszugleichen

    Eine neuerliche Erhöhung des Strompreise könnte auf die Bundesbürger zukommen. Die Berechnungen von Netzbetreibern wie der 50Hertz Transmission GmbH deutet auf eine Preissteigerung von 0,35 Cent pro Kilowattstunde hin. Für einen Durchschnittshaushalt mit vier Personen würde dies etwa einen Euro pro Monat bedeuten.

    Die mögliche Erhöhung steht im Zusammenhang mit dem Ausbau der Erneuerbaren Energien. Über die konkrete Ursache gibt es allerdings unterschiedliche Angaben. Aus Regierungskreisen hat diese Zeitung erfahren, dass der Preisanstieg nicht durch die unerwartet starke Installation neuer Solar- und Windkraftwerke zustandekomme.

    Ein anderer Grund dürfte sein, dass die Betreiber der Stromtrassen einen finanziellen Puffer anlegen wollen, um ihre infolge des Wetters stark schwankenden Einnahmen und Ausgaben durch die Ökoenergie im Jahresverlauf abzufedern. Das Recht dazu gibt ihnen die Novelle des Erneuerbare Energien Gesetzes, die im Januar 2012 in Kraft tritt. Strittig ist nun aber, ob der Puffer bereits im nächsten Jahr oder erst 2013 angelegt wird. Im zweiten Fall könnte dies kein Grund für eine Preissteigerung 2012 sein.

    Um den finanziellen Puffer zu bilden, dürfen die Stromnetzbetreiber künftig zehn Prozent auf die Ökoumlage aufschlagen, die die Privathaushalte bezahlen. Heute beträgt die Umlage 3,5 Cent pro Kilowattstunde. Sie wird erhoben, um die höheren Produktionskosten unter anderem von Wind- und Solarenergie auf Marktniveau herunterzusubventionieren. Das wirkt als Anreiz für den Ausbau der Ökoenergie.

    Die Berechnungen darüber, wieviel regenerative Energie 2011 in der Netze gespeist wird, wollen die Betreiber Ende des Monats abschließen und dann veröffentlichen. Von der Menge des produzierten Ökostroms hängt ebenfalls ab, ob die Umlage steigt oder sinkt. Die 50Hertz Transmission GmbH in Berlin wollte sich dazu am Donnerstag nicht äußern.

  • Angenehme Schizophrenie

    Kommentar über die deutsche Angst von Hannes Koch

    Passieren eigentlich immer mehr schlimme Dinge – Bankencrash, Schuldenkrise, Sarrazin, Fukushima? Kommen die Einschläge näher – und zwar schneller? Das fragte ich kürzlich meinen Kollegen. Wir kamen zu dem Schluss, dass sich gewisse Ereignisse, die zu Sorgen Anlass geben, durchaus häuften – siehe die kaum noch abreissende Kette der Finanzkrisen. Aber das scheint eine Minderheiten-Meinung zu sein. Wer nun die neue Studie über die Ängste der Deutschen liest, muss eine andere Folgerung ziehen: Die Stimmung der Bundesbürger wird seit zehn Jahren besser. Die These sei erlaubt: Das muss auch etwas mit der Lage zu tun haben.

    Zur Zeit sinkt die Arbeitslosigkeit, manche Leute verdienen mehr Geld. Das ist bekannt. Aber langfristig? Was machte den Deutschen angeblich das Leben schwer? Hartz IV, die Schere zwischen Arm und Reich, Ungerechtigkeit, Krieg, Klimakollaps, Finanzkrisen, Wirbelstürme, Erdbeben, die Enteisung der Pole und Vereisung der menschlichen Beziehungen. All das scheint den Bundesbürgern nicht so viel ausmachen. Anscheinend sehen viele dieses Land auf einem ganz guten Wege, wozu vielleicht auch die eine oder andere Regierung etwas beigetragen hat.

    Eine solche Gelassenheit ist der Lebenshaltung von Politikern und Journalisten oft fremd. Beide Branchen leben von Erregung. Die einen müssen etwas ändern, um sich zu beweisen, die anderen brauchen Veränderung, um davon zu leben. Und Hiobsbotschaften sind die besseren Neuigkeiten.

    Denn die Menschen konsumieren schlechte Nachrichten lieber als gute. Sie wollen rechtzeitig gewarnt sein. Und Konflikte versprechen Reibung, Spannung, Entwicklung, sie reizen den Krimileser in uns. Wahrscheinlich ist der moderne Medienmensch schizophren. Er inhaliert schlechte Nachrichten, um sie zu vergessen und sich im nächsten Moment seinem Gemüsebeet zu widmen – ein angenehmer Zug.

  • Die Deutschen haben gute Laune

    Mit der guten Wirtschaftslage sinkt das Angstniveau. Platz Eins: Sorge um Inflation

    German Angst? Ach was. Die Bundesbürger sind so unängstlich wie schon lange nicht mehr. Diesen Befund veröffentlichte am Donnerstag die R+V-Versicherung, die die Deutschen jedes Jahr nach ihren größten Sorgen fragt. Seit zehn Jahren sinke das durchschnittliche Angstniveau der Bundesbürger, sagte R+V-Mitarbeiterin Rita Jakli – in 2011 seien die Befürchtungen besonders stark zurückgegangen. Eine ähnliche Entwicklung hätten die Umfrager seit der Wiedervereinigung erst einmal ermittelt: 1994.

    Rund 2.400 Bürger wurden während des vergangenen Juni befragt. Die Ergebnisse ließ die Versicherung, die zum Verbund der genossenschaftlichen Volksbanken gehört, wissenschaftlich auswerten. Besonders stark abgenommen hat im Vergleich zum Vorjahr die Angst vor Arbeitslosigkeit (minus 24 Prozentpunkte) und einer Verschlechterung der Wirtschaftslage (minus 19 Prozentpunkte).

    Damit scheint auch die wichtigste Erklärung vorzuliegen, warum viele Bundesbürger gegenwärtig optimistisch sind: Die Finanz- und Wirtschaftskrise seit 2007 hat das Land relativ gut überstanden. Jetzt macht sich der Aufschwung bemerkbar, die Löhne steigen und viele Leute finden eine neue Arbeit.

    Deshalb hat sich die Hitliste der Ängste verschoben. Spitzenreiter ist nun die Sorge vor steigenden Lebenshaltungskosten. Für 63 Prozent aller Befragten ist die Inflationsangst das wichtigste Negativthema. Dieses wiederum hängt zusammen mit der aktuellen Entwicklung. Wegen der Staatschulden-Krise befürchten 70 Prozent der Bürger höhere Kosten für die Steuerzahler und 60 Prozent sehen den Euro als Währung gefährdet.

    Dies allerdings stellt nur die aktuelle Ausformung eines Langzeitthemas dar. Schon immer machten sich die Deutschen besondere Sorgen um die Stabilität ihres Geldes. Erklärung: Nach mehreren Inflationen im vergangenen Jahrhundert, die mit großen Verlusten für die Bevölkerung einhergingen, entfaltete die harte und erfolgreiche D-Mark der Bundesrepublik eine identitätsstiftende Wirkung.

    Auf Platz Zwei der deutschen Lieblingsängste stehen dieses Jahr Naturkatastrophen. 60 Prozent der Befragten machten sich darüber unangenehme Gedanken. Das japanische Erdbeben, der Tsunami und die Reaktorkatastrophe von Fukushima dürften dazu ihren Teil beigetragen haben. Auffällig ist aber auch hier: Die Angst hat um vier Prozentpunkte im Vergleich zum Vorjahr abgenommen.

    Das drittwichtigste Negativthema ist die Sorge um das Alter. Werde ich ein Pflegefall, wer versorgt mich, wie bezahle ich die teuere Unterbringung? Diese Fragen treiben 55 Prozent der Bürger um, wobei die allgemein gute Laune die Sorgen auch hier verringert hat. Auf den weiteren Plätzen folgen die Angst vor Terrorismus (50 Prozent), vor Spannungen mit Ausländern (42), Krieg mit deutscher Beteiligung (40), Drogensucht der Kinder (38) und Zerbrechen der Partnerschaft (18).

    Andere Untersuchungen über die Befindlichkeit der Bundesbürger deuteten in der jüngeren Vergangenheit in eine ähnliche Richtung. Eine Umfrage der Allianz im April 2011 ergab, dass 60 Prozent der Bürger optimistisch in die Zukunft sahen – erheblich mehr als vorher. Dies wurde auf die entspannte Wirtschaftslage und sinkende Arbeitslosigkeit zurückgeführt. Auch der Atomunfall von Fukushima konnte an den grundsätzlich positiven Zukunftserwartungen damals nichts ändern.

    Sind die Menschen aber glücklich, wenn ihre Ängste abnehmen? Eine Untersuchung der Organisation Eurofound von 2008 ergab, dass die Bundesbürger im europäischen Vergleich mittelmäßig glücklich sind. Im Glücksindex brachten sie es auf einen Wert von 7,5. Nach eigenem Dafürhalten besser ging es den Finnen, Dänen, Schweden, Norwegern und Holländern mit jeweils über acht Punkten. Am unglücklichsten fühlten sich die Bulgaren, Mazedonier und Ungarn mit rund fünf Punkten.

  • Von der Leyen will Minirenten aufstocken

    Langjährig Beschäftigte sollen auf 850 Euro kommen

    Bundessozialministerin Ursula von der Leyen will Minibezüge künftiger Rentnerjahrgänge auf 850 Euro aufstocken. Voraussetzung ist, dass die Ruheständler 45 Versicherungsjahre und eine zusätzliche private Altersvorsorge vorweisen können. Mit dieser Idee hat das Ministerium den so genannten Rentendialog eröffnet, aus dem Vorschläge gegen eine Ausbreitung der Altersarmut hervorgehen sollen.

    Bislang erhalten Rentner, deren Bezüge zum Leben nicht reichen, die Grundsicherung. Diese entspricht von der Leistungen her dem Arbeitslosengeld II, also je nach Wohnkosten mehr oder weniger als etwa 650 Euro. Im Koalitionsvertrag haben Union und FDP vereinbart, dass langjährig Versicherte auf jeden Fall ein Ruhestandsgeld oberhalb dieser Mindestleistung bekommen sollen. Mit dem Entwurf der „Zuschussrente“, wie der Bonus für Fleißige heißen soll, will die Koalition dieses Vorhaben nun umsetzen.

    Den Zuschlag werden nach Einschätzung von Fachleuten nur wenige Neurentner erhalten. Dafür sorgen die strengen Vorbedingungen. Neben den 45-jährigen Versicherungsjahren sollen die Begünstigten 35 Beitragsjahre nachweisen. Langzeitarbeitslose werden dadurch vermutlich kaum auf ausreichende Anrechnungszeiten kommen. Da zudem die betriebliche oder geförderte Privatvorsorge in vollem Umfang betrieben worden sein muss, fallen weitere Erwerbstätige mit geringen Rentenansprüchen aus dem Raster. Wer zu wenig verdient, um nebenbei noch zu riestern hat zum Beispiel später keine Chance auf die Zuschussrente. Für die jetzt rentennahen Jahrgänge sind Erleichterungen vorgesehen, damit sie die Bedingungen erfüllen können. Anfangs reichen 40 Versicherungs- und 30 Beitragsjahre sowie fünf Jahre zusätzlicher Vorsorge.

    Sozialministerin Ursula von der Leyen will Anfang nächsten Jahres ein Gesetz dazu einbringen. Offen ließ eine Sprecherin des Hauses, ob der Bundesrat zustimmen muss. In diesem Fall droht von der Leyen eine ähnliche Hängepartie wie beim Bildungsgutschein. Ebenso unklar bleibt nach den bisherigen Angaben des Ministeriums, ob und wie die Berechtigung auf die Zuschussrente geprüft wird.

    Ein weiterer Vorschlag ist die Kombirente. Die Koalition will die starren Hinzuverdienstgrenzen lockern. Künftig dürfen Rentner bis zur Höhe ihres letzten Arbeitseinkommens etwas dazu verdienen. Ab dem regulären Rentenalter, das von jetzt 65 auf 67 Jahre steigen wird, ist ein unbeschränkter Zuverdienst vorgesehen. Von der Neuregelung erhofft sich die Regierung eine flexiblere Gestaltung der Übergänge vom Erwerbsleben in den Ruhestand.

  • Ergebnis vor dem Dialog

    Kommentar

    Ein ernstzunehmender Kampf gegen die drohende Verbreitung von Altersarmut sieht anders aus als die Pläne der Bundesregierung für eine Aufstockung der Renten und eine flexiblere Zuverdienstregelung. 850 Euro soll es für alle geben, die im ganzes Leben lang gearbeitet und Beiträge zur Rentenversicherung eingezahlt haben. Tatsächlich wird kaum einer der zukünftigen Rentner in den Genuss der Zuschussrente kommen. Wer die Bedingungen erfüllt, hat in fast allen Fällen ohnehin gleichwertige oder höhere Ansprüche. Wer heute wenig verdient oder lange arbeitslos ist, erfüllt die Voraussetzungen ebenfalls nur in selten Fällen. Denn hier fehlt während des Arbeitslebens oft der finanzielle Spielraum, die geforderte zusätzliche Altersvorsorge auf bezahlen zu können. Damit bleibt von der frohen Botschaft nur die Meldung, dass wieder ein Stück vom Koalitionsvertrag umgesetzt wurde. Wer in seinem Berufsleben längere Zeiten ohne Job da stand, wird ebenfalls kaum auf den Zuschlag hoffen dürfen.

    Den vielen von Altersarmut bedrohten Beschäftigten in Deutschland hilft der Vorschlag nicht ein bisschen. Andere Konzepte und Ideen sind gefragt, wenn der Altersarmut wirklich begegnet werden soll. Nahezu kostenlos ist nur die Zuschussrente erhältlich. Wohl auch deshalb wählt von der Leyen diesen Weg. Statt dessen benötigt Deutschland ein Gesamtkonzept gegen Altersarmut. Denn es ist nicht nur eine Frage, wie hoch die monatliche Überweisung an die Rentner ist, die beantwortet werden muss. Auch für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben sind gute Einfälle nötig, damit zum Beispiel die Wohnkosten bezahlbar bleiben oder auch die immer mehr auf Eigenbeiträge setzenden Gesundheitsversorgung gesichert wird. Es wäre die Aufgabe der Bundesregierung, diese Fragen mit Hilfe von Experten aus allen Ebenen mit großem Aufwand anzugehen. Stattdessen sucht die einen Dialog zu suchen, an dessen Anfang offenkundig schon das Ergebnis steht.