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  • Das Steve-Jobs-Prinzip

    Hoher Nutz- und Kulturwert, schlechte soziale Qualität – das ist das Geschäftsmodell von Apple

    Apple-Chef Steve Jobs hat das Leben vieler Menschen schlechter gemacht. Wie das? Der am Mittwoch verstorbene Konzernführer aus Kalifornien gilt als visionär und genial, weil er unsere Kommunikation, unsere Wissensverarbeitung und unseren Kulturgenuss veränderte. Für moderne Menschen trifft der abgewandelte Loriot-Spruch zu: Ein Leben ohne iPhone ist möglich, aber sinnlos. Doch Apple-Produkte sind extrem widersprüchlich. In ihnen steckt die hohe Lebensqualität Kaliforniens und gleichzeitig die Brutalität chinesischer Industriestädte.

    „Infinite Loop“ heißt die Adresse der Firmenzentrale in Cupertino – was man übersetzen kann als „unendliche Strömung“. Dieser Begriff spiegelt das kalifornische Lebensgefühl des permanenten Fortschritts. Verständlich, wenn man die Landschaft südlich von San Francisco ein bisschen kennt. In englischen Gärten stehen zwischen Palmenhainen und Blumenwiesen helle Bürogebäude. Das Klima ist warm und trocken, die Sportwagendichte hoch. Wer hier arbeitet, verdient in der Regel gutes Geld, bewohnt ein eindrucksvolles Haus mit Doppelgarage und fährt am Samstagmorgen die halbe Stunde hinunter an den Pazifik zum Surfen. Besser kann man auf dieser Welt kaum leben und arbeiten.

    Von hier kommen hunderte Millionen iPhones und iPads. Denkt man. Stimmt aber nicht. Aus den USA stammen nur die Ideen. Auf dem iPhone steht „Designed bei Apple in California. Assembled in China“. Denn die Materie, die wir kaufen, kommt aus Asien. Apple produziert überwiegend nicht selbst, sondern lässt herstellen – beispielsweise vom Foxconn-Konzern. Dabei könnte der Unterschied zwischen der Apple-Zentrale im Silicon Valley und einer iPhone-Fabrik in Chengdu in Zentralchina kaum größer sein.

    Die typische Foxconn-Arbeiterin ist 23 Jahre alt, darf sich am Werkband mit ihren Kolleginnen nicht unterhalten, schuftet zehn Stunden täglich sechs Tage pro Woche und bekommt 80 Euro-Cent pro Stunde. Das reicht zum Leben, ist aber zu wenig, eine Familie zu gründen. 2010 beging ein Dutzend deprimierter Foxconn-Arbeiterinnen Selbstmord. In diesem Frühjahr starben drei Beschäftigte bei einer Explosion. Die Arbeitsbedingungen bei Foxconn verstoßen selbst gegen chinesische Gesetze.

    In den iPhones und iPads steckt die schlechte Seite der Globalisierung. Mit den lächerlichen Arbeitslöhnen in China verdient Apple unglaubliche Renditen, die selbst Deutsche-Bank-Chef Ackermann Achtung abnötigen.Rund 25 Prozent vom Umsatz sind Profit. Allein im zweiten Quartal des laufenden Geschäftsjahres machte Jobs´ Firma einen Gewinn von sieben Milliarden Dollar. Davon gibt Apple den chinesischen Arbeitern viel zu wenig ab. Die Unternehmenspolitik ist verantwortungslos, die soziale Qualität des iPhones verdient das Prädikat „schlecht“.

    Warum aber bremst das die Verkaufserfolge nicht? Wahrscheinlich, weil der Kultur- und Nutzwert der Apple-Produkte so sagenhaft hoch ist. Seit der Erfindung des iPods hat man tausende Songs in der Hosentasche, seit iTunes kann man die Musik billig und legal aus dem Netz laden. Mit dem iPad kommt man der Vision ziemlich nahe, die Douglas Adams in „Per Anhalter durch die Galaxis“ beschrieb – man hält den Generalschlüssel zur Welt in Händen. Der aber hat seinen Preis.

  • Tratschen muss sein – auch am Arbeitsplatz

    Klatsch im Büro ist „sozialer Kit“/ Durch Plauderei finden Mitarbeiter gerade in Krisenzeiten Halt

    „Hast du schon gehört, was Frau Müller am Montag gemacht hat?“ „Und was Herrn Schmidt neulich passiert ist?“ Tratschen am Arbeitsplatz kann so richtig spannend sein. Mit Freude tauschen wir uns über die Nichtigkeiten im Leben aus: über modische Fehltritte oder gelungene Haarschnitte, über gut befüllte Lunchpakete, schiefe Krawatten oder schräge Bürogeschichten. Es gibt kaum jemanden, der sich noch nicht am Klatsch über den Chef oder über Kollegen beteiligt hat. Doch warum lästern wir so gerne? Und wo hat der Flurfunk seine Grenzen?   

    „Tratsch ist sozialer Kit“, sagt Hans-Michael Klein, Leiter der Knigge-Akademie und Vorsitzender der deutschen Knigge-Gesellschaft. Den Flurfunk zu Rate ziehen und zwischen den Zeilen lesen, sei deshalb eine super Sache, weil sich so zum Beispiel Veränderungen im Unternehmen erkennen lassen. Stehen Umstrukturierungen bevor? Wie lauten die ungeschriebenen Hackordnungen? „Tratsch fördert den Zusammenhalt“,  meint auch Manuel Tusch, Coach und Co-Autor des Buches „Psycho? Logisch! Nützliche Erkenntnisse der Alltagspsychologie“. Angesichts von wirtschaftlichen Krisen und der daraus entstandenen Ängste – zum Beispiel um den Job – sei Zusammenhalt gerade am Arbeitsplatz sehr wichtig geworden, so der Psychologe.

    Getuschel in der Kaffeeküche hat also durchaus seine positiven Seiten. Wird es übertrieben, kommen die negativen Aspekte zum Vorschein: Klatsch kann in Mobbing ausarten, wenn er dauerhaft und systematisch betrieben wird. Mit ihm lassen sich Intrigen spinnen. Selbst in Rufmord kann er enden. Positiv Tratschen lautet für den Psychologen Manuel Tusch deshalb die Devise. „Wenn ich der Kollegin stecke, dass mir der Chef neulich sehr hilfreich entgegen gekommen ist, wirkt sich das positiv auf das Arbeitsklima aus“, erläutert er. Wer allerdings zu viel Klatsch erzähle, mache sich unglaubwürdig.

    Von zu viel Lästerei hält auch Akademie-Leiter Hans-Michael Klein nichts. Die Goldene Mitte gelte es zu finden, sagt er. Freilich solle man soziale Bereitschaft zeigen und suggerieren „Ihr könnt mit mir tratschen“. Zum anderen dürfe man niemals wirklich wichtige Dinge verraten. Okay ist es also auszuplaudern, dass sich Frau Müller beim Shoppen ein paar neue Stiefel gekauft hat. Tabu ist es, über den Lover der verheirateten Kollegin herzuziehen. „Das ist zwar der Superknüller, aber man macht sich gleich eine Feindin“, gibt Knigge-Experte Klein zu bedenken. 

    Offene Ohren haben, Gesagtes auffangen und archivieren, aber auf keinen Fall wirklich relevante Informationen preisgeben, lautet die Regel. Doch was ist, wenn man selbst zum Tratschopfer geworden ist? Für diesen Fall stehen mehrere Strategien zur Auswahl.

    Strategie Nummer eins ist die „transparente Konfrontation“ und bedeutet nichts mehr und nichts weniger als die direkte Aussprache mit dem Widersacher zu suchen. Häufig geht das leider nach hinten los. „Man verstrickt sich immer tiefer in die Diskussion und vieles wird so erst virulent“, erläutert Klein.

    Strategie Nummer zwei heißt „Totstellen“ – in der Hoffnung dass Gras drüber wächst. Vieles lässt sich eben einfach aussitzen. Die dritte und letzte Strategie lautet „Aktiv Gras drüber wachsen lassen“. Und das geht so: Zuerst findet der Betroffene geschickt heraus, was über ihn gesagt wird. Dabei wendet er sich nicht nur an einen Kollegen. Sondern er fragt mehrere Kollegen – und zwar jeden einzelnen nur etwas. So ergibt sich ein Gesamtbild. „Wer weiß, was über einen gesagt wird, kann gezielt etwas dagegen unternehmen“, urteilt Klein. Ein Wermutstropfen bleibt allerdings: Es ist immer schwierig, gegen Tratsch im Bürodschungel vorzugehen. „Überall lauern Krokodile“, so Knigge-Experte Klein.

    Wer über den Chef plaudert, sollte im Übrigen besonders vorsichtig sein. Denn Vorgesetzte müssen unsachliche Angriffe, die ihr Ansehen in der Öffentlichkeit schädigen, nicht hinnehmen – nämlich dann nicht,  wenn der Betriebsfrieden aufgrund der Äußerungen gestört oder das Vertrauensverhältnis zerstört wird. So lautet ein Urteil des Bundesarbeitsgerichts (AZ 2 AZR 418/01). Eine außerordentliche Kündigung ist in diesem Fall gerechtfertigt. „Klatsch findet seine Grenzen, wenn er anfängt sehr persönlich zu werden, Geheimnisse auszuplaudern, jemanden auszugrenzen oder jemandem explizit zu schaden“, bringt es Psychologe Tusch auf den Punkt. 

  • Wie das Füllhorn funktioniert

    Braucht der Fonds zur Euro-Stabilisierung mehr Geld – und was spricht dagegen?

    Weil das Haushaltsdefizit Griechenlands wächst anstatt zu schrumpfen, kommen zunehmende Zweifel auf, ob der Sanierungsplan für das Mittelmeerland funktioniert. Falls sich die Euro-Zone entgegen ihrem bisherigen Plan doch dafür entscheidet, die Hälfte der griechischen Schulden zu annulieren, könnten als Folge aber auch Italien und Spanien finanzielle Hilfe benötigen. Und dann stellen sich neue Fragen: Reicht der gerade erst vom Bundestag beschlossene Stabilisierungsfonds EFSF aus? Muss man ihn erweitern? Die Bundesbank mahnt, sehr vorsichtig zu sein.

    Wie kann man den Fonds aufstocken?

    Für Hilfen an überschuldete Staaten stehen 750 Milliarden Euro zur Verfügung. Davon kann der EFSF 440 Milliarden tatsächlich einsetzen, die übrigen Zusagen dienen als Sicherheit. Die plausibelste Variante wäre, wenn die Euro-Mitglieder den Fonds im Bedarfsfall mit weiterem Kapital ausstatteten. Dafür bräuchten die Regierungen die Zustimmung ihrer Parlamente. Dass die Abgeordneten unter anderem in Deutschland aber nochmals hunderte Milliarden bewilligen, ist unwahrscheinlich. Deshalb ist dieser Weg wohl nicht gangbar.

    Woher erhält der Fonds trotzdem zusätzliches Kapital?

    In den internationalen Diskussionen ist ein Begriff gerade besonders wichtig: der Hebel. Darunter ist zu grundsätzlich zu verstehen, dass der EFSF mittels Finanzgeschäften aus einem Euro beispielsweise fünf Euro macht. Damit stiegen die Summen, die er zur Stützung verschuldeter Staaten einsetzen kann, theoretisch auf rund zwei Billionen Euro.

    Wie sähe die Geldvermehrung konkret aus?

    Der EFSF könnte sich Geld bei der Europäischen Zentralbank leihen. Er würde dort von ihm erworbene Staatsanleihen hinterlegen und auf Basis dieser Sicherheit ein Vielfaches von der EZB als Kredit erhalten. Dieses geliehene Geld verleiht der Fonds dann weiter an verschuldete Regierungen, um sie über Wasser zu halten. Dieser geheimnisvolle Mechanismus des Füllhorns basiert darauf, dass die EZB als Notenbank neues Geld herausgeben kann.

    Was kritisiert die Bundesbank?

    Die Deutsche Bundesbank, die Teil des Euro-Systems ist, warnt laut: Erstens verbiete der Vertrag über die Arbeitsweise der Europäischen Union, Staatsverschuldung mit Hilfe der Notenbank zu finanzieren. Zweitens sei dieses Verfahren ökonomisch gefährlich, weil es schließlich zu Inflation führe und die Stabilität des Euro unterminiere. Und drittens sei es höchst undemokratisch, weil die Politiker mittels der Notenbank-Finanzierung die Parlamente umgehen.

    Gibt es weitere Möglichkeiten?

    Wenn private Investoren künftig Anleihen Griechenlands oder anderer verschuldeter Staaten kaufen, könnte der EFSF beispielsweise 20 Prozent von deren Wert garantieren. Mit zunächst relativ wenig EFSF-Geld ließen sich damit große Anleihemengen absichern. Auch hier wirkte wieder das Hebel-Prinzip – aus wenig mach viel. Fallen diese Staatsanleihen später aber aus, muss der Fonds zahlen. Die Risiken für die Steuerzahler auch in Deutschland sind enorm.

    Welche Lösung befürwortet die Bundesbank?

    Nur einen Weg hält man in Frankfurt für möglich, um den Fonds etwas auszuweiten. Der EFSF könne einen Teil seines Sicherheitskapitals umwidmen und für konkrete Hilfe einsetzen. Diese Variante hat Bundesbank-Präsident Jens Weidmann unlängst bei der Anhörung im Bundestag angesprochen. Statt 440 Milliarden Euro stünden dann rund 560 Milliarden zur Verfügung. Nachteil: Wahrscheinlich würden die Rating-Agenturen die Bonität des Fonds herabstufen, weshalb er selbst Geldgebern höhere Zinsen zahlen müsste. Diese Kosten hätten aber einen heilsamen Effekt: Sie würden die Regierungen, die den Fonds tragen, disziplinieren und weitere Verschuldung verteuern.

    Ist die Ausweitung des EFSF überhaupt nötig?

    Nein, heißt es bei der Bundesbank. Die zur Verfügung stehenden Summen für die akutellen Programme zugunsten Griechenlands, Irlands und Portugals reichen. Auch Hilfen für Italien und Spanien ließen sich etwa ein Jahr lang finanzieren. Außerdem warnt die Bundesbank davor, die Schulden Griechenlands teilweise zu annulieren. Denn damit erhielte Athen das Signal, dass man sich ruhig weiter verschulden dürfe – Staatsbankrott als billiger Ausweg sei ja immer möglich.

  • iSklaven produzieren Apples iPhones

    Beschäftigte der neuen iPhone-Fabrik in China berichten über miese Bedingungen und überlange Arbeitszeiten. Derweil präsentiert Apple heute die nächste Version seines Verkaufsschlagers

    Bis zu 80 Überstunden leistet die 19jährige Arbeiterin pro Monat in der iPhone-Fabrik. Das hat sie den Autorinnen des neuen Berichts über die Arbeitsbedingungen bei Apple in China erzählt. Trotz mehrmaliger Versprechen des kalifornischen Konzerns und seiner Zulieferer verstoßen diese Zustände gegen das chinesische Arbeitsgesetz. Dabei verhindert soziale Ignoranz nicht, dass sich die iPhones blendend verkaufen: Am heutigen Dienstag (4.10.) stellt Apple die neue Version vor – möglicherweise das iPhone5.

    Einen großen Teil der etwa 90 Millionen iPhones, die Apple dieses Jahr unter die Leute bringt, produziert der Foxconn-Konzern in China. Um die hohe Nachfrage zu befriedigen, eröffnet die Firma eine Fabrik nach der anderen. Der aktuelle Bericht der Hongkonger Kritiker-Organisation Sacom analysiert die Arbeitsbedingungen bei den Foxconn-Ablegern in der Stadt Zhengzhou, circa 1.000 Kilometer nordwestlich von Shanghai.

    Wie auch in anderen Foxconn-Werken anfangs üblich, produzieren rund 100.000 Arbeiter in Zehngzhou auf riesigen Baustellen. Hallen werden hochgezogen, das Werk wächst, es gibt zu wenig Kantinen und Waschräume. Sacom zufolge beträgt die Kapazität bereits 100.000 iPhones pro Tag. Die schnelle Steigerung erkauft Foxconn unter anderem mit rigiden Anforderungen bei Arbeitszeit und Disziplin.

    Wie die interviewten ArbeiterInnen berichteten, liege die Zahl der Überstunden weit über dem gesetzlichen Limit. Während das Gesetz nur 36 Überstunden monatlich erlaubt, seien bis zu 80 Überstunden die Regel. Teilweise würden die „iSklaven“, wie Sacom kritisiert, gezwungen, ihre Pausen innerhalb der Schichten ausfallen zu lassen. Sieben- bis achtstündige Nonstop-Arbeit sei die Folge – in der Regel stehend.

    Auch in Zehngzhou beschweren sich offenbar viele Arbeiter über das rüde Verhalten der Aufseher – Vorwürfe, die aus anderen Foxconn-Werken bekannt sind. ArbeiterInnen würden angeschrien, bedroht und dürften sich während der Arbeit nicht unterhalten.

    Der Lohn, den Foxconn als Gegenleistung zahlt, liegt über dem staatlich festgelegten Mindestlohn der Provinz Henan. Die ArbeiterInnen erhalten einen Basislohn von 1.350 Renmimbi (157 Euro) pro Monat. Inklusive Überstunden, abzüglich Kosten für das Wohnheim, Steuern und Versicherung würden etwa 1.800 Renmimbi übrigbleiben (209 Euro), heißt es im Sacom-Bericht. Umgerechnet auf bis zu 250 Arbeitsstunden monatlich bedeutet das einen Stundenlohn von etwa 0,80 Euro-Cent. Von derartigen Summen kann ein alleinstehender Industriearbeiter in China einigermaßen sein tägliches Leben finanzieren. Für Kultur, Sparen oder die Gründung einer Familie reicht das aber kaum. Apple erfreut seine Aktionäre währenddessen mit fantastischen Gewinnen von gut sieben Milliarden Dollar im Vierteljahr.

    Einige der Probleme werden bei Foxconn nicht grundsätzlich bestritten. Als die taz die Werke in Chengdu und Shenzhen im April diesen Jahres besuchte, betonte Manager Louis Woo, man werde herabwürdigendes Verhalten von Vorgesetzten nicht mehr tolerieren. Zum Vorwurf der teilweise gesetzeswidrigen Arbeitszeiten wollte Foxconn am Montag keine Stellung nehmen.

    Apple hat für Dienstag zu einer Pressekonferenz an den Hauptsitz in Cupertino, Kalifornien, eingeladen. Fachleute rechnen damit, dass eine neue Variante des iPhones präsentiert wird. Bisher sind vier Versionen auf dem Markt.

  • „Wir müssen die Sparer retten, nicht die Banken“

    Interview

    Der frühere sächsische Finanzminister und Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) ist ein vehementer Kritiker des immer größer werdenden Rettungsschirms für den Euro. Der 66–jährige Professor der Volkswirtschaft verlangt neue Regeln für die Euro-Staaten.

    Frage: Warum sind Sie gegen den Rettungsschirm für den Euro, der heute vom Bundestag verabschiedet wird?

    Georg Milbradt: In der Politik ist es wie in der Medizin. Wir brauchen erst eine vernünftige Diagnose der Krankheit und dann die Therapie. Mit immer neuen Rettungsaktionen wird nur Zeit gekauft. Bei den in Rede stehenden finanziellen Dimensionen ist das nicht vertretbar. Die eigentliche Ursache für die Krise ist nicht die Überschuldung des griechischen Staates, das ist nur ein Symptom, sondern die mangelnde Wettbewerbsfähigkeit der griechischen Wirtschaft und ihre exzessiven Importe. Griechenland ist bei einem Wettbewerbsrückstand von 30 bis 40 Prozent im Euro deshalb nicht sanierungsfähig. Daran ändert die nun verordnete Medizin nichts.

    Frage: Das Land soll also zur alten Währung Drachme zurückkehren?

    Milbradt: Das Land kann nur durch eine Abwertung außerhalb des Euro die Wettbewerbsfähigkeit wiedererlangen und muss  gleichzeitig sich eines Teils der Schulden durch einen Schnitt erledigen.  Wenn wir dies aus politischen Gründen ausschließen, wird Griechenland zu einem unheilbaren Pflegefall, der nur durch Transferzahlungen überleben kann.Wenn wir also nur mit neuen Krediten helfen, werden Schulden von den Privaten auf den Steuerzahler verlagert. Der Reformwille wird auch geringer. Das hat das Beispiel Italien ja gezeigt. Erst als die Zinsen für Berlusconis Staatsanleihen stiegen, hat die Regierung ein umfangreiches Sparprogramm beschlossen. Ein Ausstieg Griechenlands kostet uns auch etwas. Aber die Verluste sind schon längst entstanden. Es ist nur noch eine Frage, wann wir die Verluste verbuchen.

    Frage: Die Bundeskanzlerin und viele Fachleute sagen für diesen Fall einen Zusammenbruch von Banken und des Euro voraus. Sorgt Sie diese Aussicht nicht?

    Milbradt: Die deutschen Banken haben damit kein allzu großes Problem, allenfalls staatliche Institutionen wie die Bad Bank der HRE, für die der Staat sowieso haftet.  Der Rettungsschirm ist vor allem für Banken in anderen Ländern wichtig. Aber muss der deutsche Steuerzahler ausländische Banken retten? Nein! Die Politik darf sich nicht erpressbar machen, weder von Banken noch von anderen Staaten. Wir müssen die Sparer schützen, nicht die Fehlanlagen der Banken. Der andere Hauptbegünstigte der Rettunsaktionen ist die EZB. Ihr wird so ermöglicht, die Verluste ihrer Politik weiter zu verschleiern

    Frage: Können die Banken ihre Aufgabe dann noch erfüllen?

    Milbradt: Die Banken sind für den Geld – und Kreditverkehr wichtig und für die Sicherheit von Einlagen. Diese Aufgabe können sie weiterhin erfüllen, notfalls in dem man den Sparer durch staatliche Maßnahmen schützt, aber nicht die Bankeigentümer. In Deutschland haben wir auch keine Probleme mit der Versorgung mit Krediten. Wir haben niedrige Zinsen und die Leute wollen Kredite und erhalten sie auch.

    Frage: Raten Sie Ihren Parteifreunden im Bundestag zur Ablehnung des erweiterten Rettungsschirmes?

    Milbradt: Ja, die darin getroffenen Maßnahmen sind ungeeignet, die Krise zu lösen. Sie führen eben nicht zu einem Abbau der gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichte und Fehlentwicklungen in der Eurozone, sondern verlängern sie nur mit immer höheren Kosten.

    Frage: Wie sieht Ihre Lösung der Schuldenproblematik aus?

    Mildbradt: Wir müssen aus der Rettungslogik herauskommen und das Heft des Handelns wieder in die Hand nehmen. Der eine Ansatzpunkt ist die Europäische Zentralbank (EZB). Es darf ihr nicht weiter erlaubt werden, durch Gelddrucken die Südländer zu finanzieren. Es ist schon interessant, dass die EZB nicht mehr in der Geldwertstabilität ihre Hauptaufgabe sieht, sondern in der Finanzstabilität, also der Bankenrettung und der Staatsrettung. Die Banken wiederum müssen gezwungen werden, sich ausreichendes Kapital zu beschaffen, das dann als Puffer dienen kann und die Risiken von Staatspapieren zu beachten. Wenn das gemacht wird, aber erst dann, kann man die schmerzhaften Anpassungen auch durch öffentliche Hilfen abmildern. Wenn wir erst retten und das als alternativlos ansehen, kommt es zu keiner Gesundung der Patienten.

    Frage: Bricht die Euro-Zone dann nicht auseinander?

    Die Staaten, die eine disziplinierte und solide Finanz- und Wirtschaftspolitik betreiben, bleiben in der Euro-Zone. Sie wird also nicht zusammenbrechen. Diejenigen, die objektiv nicht fähig  oder politisch nicht willens sind, die mit einer Währungsunion verbundenen anspruchsvollen Konvergenzbedingungen zu erfüllen und wirtschaftspolitischen Einschränkungen ihrer Autonomie zu akzeptieren, werden sie verlassen. Das stärkt den Euro nach innen und nach außen. Die ausscheidenden Staaten haben mit einer eigenständigen Geld-, Zins- und Währungspolitik die Chance, wieder zum Wachstum zurückzukehren und werden nicht weiter mit einer überzogenen Deflationspolitik wie unter Reichskanzler Brüning nutzlos gequält.

  • Vier Wege in die Euro-Zukunft

    Wie kann sich die Schulden-Krise weiterentwickeln? Es gibt mehrere Varianten

    Die Schuldenkrise rast, die Politik entscheidet mühsam. Während der Bundestag am Donnerstag darüber beschließt, den Euro-Stabilisierungsfonds EFSF auf 440 Milliarden Euro aufzustocken, stehen schon wieder ganz andere Fragen auf der Tagesordnung. Reichen als Vorsorge noch Milliarden oder sollten die Staaten schon Billionen Euro einsetzen? Damit uns nicht schwindelig wird, ist es ratsam, einen Schritt zurückzutreten und die Situation mit etwas mehr Abstand zu betrachten. Welche grundsätzlichen Möglichkeiten haben wir eigentlich noch, um die Krise zu bewältigen? Unsere Zeitung analysiert vier Szenarien. Keines von ihnen wird in der komplexen Welt genau so eintreffen, aber die Vereinfachung zeigt das Wesentliche.

    Szenario Eins: Die beste aller Welten.

    Der Plan zur Stabilisierung Griechenlands funktioniert.

    Bisher sieht das Konzept so aus: Die Regierungen der Euro-Zone und der EU, die Europäische Zentralbank und der Internationale Währungsfonds wollen Griechenland sanieren. Dazu ist es notwendig, die Schere zwischen zu hohen Staatsausgaben und zu niedrigen Einnahmen zu schließen. Die griechische Regierung hat eingewilligt. Beispielsweise kürzt sie die Gehälter und Renten staatlicher Angestellter und erhöht die Steuern. Im besten Fall muss die Regierung in Athen in zwei, drei Jahren keine neue Schulden mehr aufnehmen.

    Die harte Politik im öffentlichen Sektor wird auch dazu führen, dass die Beschäftigten in Privatfirmen für die nächsten Jahre auf Lohnerhöhungen verzichten. Griechische Waren und Dienstleistungen werden insgesamt billiger – sowohl innerhalb der Landesgrenzen, als auch im Export. Der Effekt ist schon jetzt zu beobachten: 2011 buchten mehr Bundesbürger einen Urlaub in Griechenland, teilt der Deutsche Reiseverband mit. Wie beabsichtigt, überwindet das Mittelmeerland bald seine Rezession. Die Wirtschaft wächst wieder. Weil die Bevölkerung nach Monaten des Niedergangs die ersten hoffnungsvollen Zeichen sieht, ebben die Proteste in Athen und anderen Städten ab.

    Die Staatseinnahmen steigen, und insgesamt sinkt die Verschuldung des Staates. Das freut die Geldgeber, die seit anderthalb Jahren das griechische Defizit finanzieren. Die Summen, die der Euro-Stabilisierungsfonds zur Verfügung hat, reichen. Weil der Sanierungsplan nicht nur in Griechenland, sondern auch in Portugal und Irland klappt, können sich die Staaten allmählich wieder Geld auf den internationalen Finanzmärkten leihen. Die Krise ist gestoppt.

    Bewertung des Szenario Eins: unwahrscheinlich. Begründung: Die griechische Wirtschaft erholt sich nicht schnell genug.

    Szenario Zwei: Die Transferunion

    Der Schrecken nimmt kein Ende.

    Vom ersten Szenario unterscheidet sich das zweite durch einen einfachen Umstand: Die optimistischen Erwartungen erfüllen sich nicht – zumindest nicht schnell genug. Unter anderem die Ökonomen David Bencek und Henning Klodt vom Institut für Weltwirtschaft der Uni Kiel haben ausgerechnet, dass Griechenland kaum aus den roten Zahlen herauskommen wird. Die Einnahmen Athens steigen nicht entsprechend, die Ausgaben bleiben zu hoch, die Schere lässt sich nicht schließen. Auch andere Staaten in vergleichbarer Lage hätten eine derartige Sanierung nicht geschafft, argumentieren die Kieler Ökonomen.

    Die Bevölkerung in Griechenland sieht dementsprechend keinen Silberstreif am Horizont. Die Finanzbeamten, die selbst von Kürzungen betroffen sind, boykottieren alles. Die Straßenschlachten mit der Polizei nehmen kein Ende. Das Land ist paralysiert. Trotz aller Sparmaßnahmen steigen die Schulden weiter. Auch den Nachbarn im Norden bleibt diese Misere nicht verborgen: Die ohnehin geringe Unterstützung für die Euro-Stabilisierung in Deutschland schwindet, die Zahl der Kritiker im Bundestag wächst – auch bei SPD und Grünen.

    Aber die Regierungen in Berlin und den anderen Euro-Staaten halten an ihrer bisherigen Linie fest. Weder will man Griechenland einen Teil seiner Schulden erlassen, noch hat man – mit Rücksicht auf die ablehnende Meinung der Bevölkerung – den Mut zu einer grundsätzlichen Lösung. Trotzdem kostet die erfolglose Stabilisierung, je länger sie dauert, immer mehr Geld. Gegen den Rat von Bundesbankpräsident Jens Weidmann willigen Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble schließlich ein, dass der Stabilisierungsfonds EFSF Kredite bei der Europäischen Zentralbank aufnehmen kann. Geschickt gelingt es der Bundesregierung, den Bundestag bei dieser Entscheidung zu umgehen.

    Nun haben wir die Transferunion wirklich, vor der die Kritiker immer warnten: Ohne demokratische Zustimmung nährt man Schuldenmacherei mit zunehmenden Geldmengen. Prinzipiell kann der Fonds jetzt Billionen Euro ausgeben. Allmählich steigt deshalb die Inflation, der Euro verliert auch international an Wert. Die Verschuldung der Staaten aber bleibt, über Jahre wird die Krise nicht gelöst.

    Bewertung des Szenario Zwei: Das kann durchaus passieren. Begründung: Die Politik tut, was sie am besten kann: Durchwursteln.

    Szenario Drei: Die Reform-Union

    Europa lernt aus der Krise.

    Im September 2011 haben Merkel, Schäuble und die EU-Kommission eingesehen, dass es so nicht weitergeht. Hinzu kommt als entscheidender Faktor eine Verschiebung der internationalen Gewichte. Weil die Euro-Zone auf das Geld neureicher Staaten wie China und Brasilien angewiesen ist, gibt man deren drängenden Forderungen nach einer grundsätzlichen Lösung der Krise nach.

    Zusammen mit der Gruppe der 20 mächtigsten Wirtschaftsnationen (G20) und dem Internationalen Währungsfonds verhandelt man zunächst einen Schuldenschnitt für Griechenland, wie ihn auch die deutschen Ökonomen Peter Bofinger und Rudolf Hickel befürworten. Von rund 370 Milliarden Euro werden die griechischen Staatsschulden auf die Hälfte reduziert. Der EFSF stellt den Privatbanken auch in Deutschland, die durch die jetzt wertlosen griechischen Staatsanleihen Geld verlieren, Ersatzkapital zur Verfügung. Für Portugal und Irland werden ähnliche Programme ausgearbeitet.

    Nun aber rechnen die Investoren auf den internationalen Kapitalmärkten damit, dass auch Italien und Spanien einen Teil ihrer Schulden annulieren. Deshalb bekommen plötzlich auch diese Regierungen kein Geld mehr. Aber die Europäer haben vorgesorgt. An einem Sonntag Abend im Oktober 2011 erklären sie gemeinsam, dass die 17 Euro-Staaten künftig gemeinsame Staatsanleihen (Eurobonds) herausgeben, um die Spekulation gegen einzelne Länder zu unterbinden.

    Damit die gemeinsame Verschuldung aber nicht in ein schwarzes Loch fließt, beschließt die EU, sich in den kommenden zwei Jahren eine neue Verfassung zu geben. Diese beinhaltet unter anderem die folgenden Elemente: Der Stabilitätspakt für den Euro wird so verschärft, dass zu hohe Verschuldung künftig automatisch bestraft wird. Damit will man Staatsdefizite im Griff behalten. Die Euro-Zone bekommt eine eigene Regierung samt Verwaltung. So soll verhindert werden, dass sich Schulden, Löhne und Staatsausgaben noch einmal so auseinanderentwickeln wie in der Vergangenheit. Um die skeptische Stimmung in der Bevölkerung zu beruhigen, erhält das EU-Parlament die volle Mitwirkung.

    Auf der Basis des Pakets aus Schuldenschnitt, Eurobonds und Schuldenbremse fassen die internationalen Investoren wieder Vertrauen in den Euro. Die Lage normalisiert sich.

    Bewertung des Szenario Drei: Man soll an das Gute glauben – es liegt im Rahmen des Möglichen. Begründung: Der internationale Druck auf Europa, endlich eine Lösung zu finden, nimmt zu.

    Szenario Vier: Die Euro-Zone zerbricht.

    Deutschland zahlt – aber richtig.

    Die Euro-Zone zaudert weiter. Weder entschließt sie sich zur Entschuldung Griechenlands, noch entwickelt sie einen glaubwürdigen Mechanismus, das nötige Kapital zur Stabilisierung der verschuldeten Euro-Staaten zu beschaffen. Die Proteste in Griechenland nehmen stark zu. Um die explosive Lage zu entspannen, entscheidet sich die Regierung für den Austritt aus dem Euro und die Rückkehr zur alten Währung Drachme. Zwei Überlegungen stehen dahinter: Durch die Abwertung der Drachme werden die griechischen Waren billiger, die Wirtschaft soll sich erholen. Zweitens hofft die griechische Regierung, in internationalen Verhandlungen ihre Euro-Schulden zum größten Teil annulieren zu können.

    Andere Krisen-Staaten gehen denselben Weg. Die Euro-Zone schrumpft auf ihren Kern. Übrig bleiben die finanzpolitisch einigermaßen soliden Staaten Deutschland, Österreich, Frankreich, die Niederlande, Luxemburg, Finnland und Estland. Als scheinbar sicheres Anlageobjekt erfreut sich der Euro bei internationalen Anlegern großer Beliebtheit. In der Folge steigt der Außenwert der Währung massiv. Die Deutschen können zwar nun in China produzierte iPhones billiger erwerben, aber die teuren deutschen Produkte verkaufen sich im Ausland viel schwerer. Volkswagen muss sein Ziel, vor Toyota größter Autokonzern der Welt zu werden, vorläufig begraben. In Wolfsburg werden die Werksferien verlängert, weil die Fahrzeuge auf Halde stehen. VW, BMW und Daimler verlagern einen weiteren Teil ihrer Produktion in die USA und nach China. Die Arbeitslosigkeit in Deutschland steigt wieder.

    Die meisten international tätigen deutschen Banken stehen vor dem Kollaps. Sie müssen auf hunderte Milliarden Euro verzichten, weil die ausgetretenen Euro-Mitglieder ihre Schulden nicht bedienen. Finanzminister Schäuble schlägt dem Bundestag vor, den staatlichen Bankenrettungsfonds Soffin auf 900 Milliarden Euro aufzustocken. Die deutsche Gesamtverschuldung steigt auf 100 Prozent der Wirtschaftsleistung. Schäuble kündigt abermals ein Sparprogramm an, unter anderem will er fünf Milliarden Euro im Haushalt von Sozial- und Arbeitsministerin Ursula von der Leyen streichen.

    Bewertung des Szenario Vier: Unwahrscheinlich. Begründung: Wirtschaftliche Weltmächte wie China stützen die Euro-Zone, weil sie kein Interesse an ihrem Zerfall haben.

  • Verheizt

    Kommentar

    Es bedarf mitunter prominenter Opfer, damit eine längst fällige Debatte in Gang kommt. Eine öffentliche Diskussion über die immer weiter um sich greifende emotionale Ausbeutung von Arbeitnehmern zählt zu dieser Kategorie. Die Fakten dazu sind eindeutig. Immer häufiger halten Beschäftigte den wachsenden Druck in ihren Betrieben nicht mehr aus. Aus Versagensängsten heraus und aus der Sorge um ihren Job spielen sie so lange mit, bis Körper und Seele sich verweigern. Das ist längst keine Erscheinung mehr, die sich auf Führungsetagen und die Leistungsspitze beschränkt. Die Leistungsdichte verstärkt sich auch an der Basis der Betriebe. Der Erfolgszwang nimmt zu. Angestellte werden vielfach gemobbt und überforderte Vorgesetzte pressen ihre Leute seelisch rücksichtslos aus. Das alles ist Alltag in den Betrieben, wenngleich nicht in allen.

    Die Vorschriften zum Arbeitsschutz reichen offenkundig nicht aus. Sie sind noch auf die alten Industrien ausgerichtet. Bei ihrer Einführung ging es vor allem darum, Leib und Leben der Arbeitnehmer zu schützen. Tödliche Arbeitsunfälle gehören nur durch diese Gesetze, von wenigen Ausnahmen abgesehen, der Vergangenheit an. Mit dem Sprung in die Wissensgesellschaft haben sich die Arbeitsplätze stark verändert. Es gibt immer weiter optimierte Produktionsprozesse und ausgefeilte Bewertungssysteme für die Leistung der einzelnen Beschäftigten. Die Gier nach hohen Renditen hat soziale Aspekte in den Unternehmen weitgehend verdrängt. Doch die seelische Leistungsfähigkeit des Faktors Mensch lässt sich nur begrenzt ausbauen. Er wird ganz einfach krank davon.

    Alle Erfahrung lehrt, dass ein freiwilliges Umdenken der Arbeitgeber illusionär ist. Deshalb muss die Politik Grenzlinien bei der psychischen Belastung der Beschäftigten einziehen. Leicht ist dies sicher nicht, weil es noch an geeigneten Normen fehlt. Doch das lässt sich sicher ändern. Denn auch volkswirtschaftlich ist die Entwicklung fatal. Sie kosten die Sozialsysteme Milliarden und verheizt die so dringend benötigten Fachkräfte.

  • Erschöpfung haut immer mehr Arbeitnehmer um

    Betriebsräte beobachten wachsende Zahl von Burnout / Unternehmen kümmern sich zu wenig um weniger Stress / IG Metall will Beschäftigte per Gesetz vor zu hoher Belastung schützen

    Volle Auftragsbücher und Wettbewerbsdruck sind zwei Zutaten einer unheilvollen Melange. Denn den Druck von außen geben viele Unternehmen nach unten zu ihren Beschäftigten weiter. Der Stress im Job wächst und der Leistungsdruck nimmt zu. Mehr als zwei Drittel der von der IG Metall befragten knapp 4.000 Betriebsräte gaben diese Beobachtung weiter. Der zunehmenden Belastung halten viele Arbeitnehmer nicht mehr stand und erkranken psychisch. „Der berufliche Stress droht zu einer der größten gesundheitlichen Gefahren des 21. Jahrhunderts zu werden“, warnt IG-Metall-Vorstand Hans-Jürgen Urban.

    Erst kürzlich hat sich mit dem Schalker Bundesligatrainer Ralf Rangnick ein prominentes Opfer des Jobs zur Überforderung seiner selbst bekannt und aufgehört. Meistens verheimlichen die Betroffenen jedoch ihre Probleme, so lange es geht. Und die Arbeitsbedingungen sind längst nicht mehr nur für extrem leistungsorientierte Menschen zum Krankheitsherd geworden. „Stress und Burnout haben längst in Werkstätten, Fabrikhallen und Büros um sich gegriffen“, erläutert Urban.

    Als Burnout, auf deutsch „Ausgebrannt“ bezeichnen Mediziner und Psychologen einen Zustand emotionaler, geistiger und körperlicher Erschöpfung. Auslöser ist oft eine anhaltende Überlastung der eigenen Kräfte. Die Symptome sind denen einer Depression häufig ähnlich. Die Betroffenen fühlen sich zunächst ausgelaugt. Dann verändert sich das soziale Verhalten gegenüber Kollegen, aber auch im Privatleben. Am Ende stehen eine große innerliche Leere und das Gefühl, versagt zu haben.

    Die Umfrageergebnisse belegen den unheilvollen Trend. In 86 Prozent der Betriebe wird der Anstieg psychischer Erkrankungen als ernst zu nehmendes Problem angesehen. 40 Prozent der Betriebsräte berichten von einer starken oder sehr starken Zunahme der krankmachenden Überlastung. Der Befund deckt sich mit den Einschätzungen der Krankenkassen. Die AOK hat eine Verzehnfachung der Burnout-Fälle zwischen 2004 und 2010 errechnet. Nach Angaben des Wissenschaftlichen Instituts der AOK (WidO) wurden im vergangenen Jahr rund 100.000 Arbeitnehmer krankgeschrieben, deren Diagnose auf das Burnout-Syndrom hinwies. Genauer weiß es niemand, da Ärzte das Bild nicht als eigenständige Diagnose angeben müssen. Das Institut macht gestiegene psychosoziale Belastungen am Arbeitsplatz als eine der wichtigsten Ursachen dafür aus.

    Laut Gewerkschaft kümmern sich die Arbeitgeber noch viel zu wenig um das Problem. Zwei von drei Betriebsräten beklagen, dass ihre Firma sich gar nicht oder zu wenig um Hilfe für die Betroffenen kümmert. „Es besteht ein erheblicher Handlungsbedarf“, stellt Urban daher fest.

    Auf freiwillige Angebote seitens der Arbeitgeber setzen die Metaller dabei nicht. „Hier muss endlich mit einer Anti-Stress-Verordnung nachgebessert werden“, verlangt der Gewerkschafter eine gesetzliche Arbeitsschutzregelung gegen übermäßig hohe Belastungen. Was genau damit geregelt werden soll, ließ Urban im Nebel. Themen seien die Arbeitszeiten, das Verhalten der Vorgesetzte, soziale Kontakte im Betrieb oder die Belastungen in Gruppen- und Projektarbeit. Als Vorbilder nennt die Gewerkschaft Regelungen in Frankreich, Italien und Skandinavien.

  • „Trotz allem nützt uns der Euro“

    Zur Not solle man dem Euro-Rettungsfonds noch mehr Geld geben, sagt Ökonom Rudolf Hickel

    Hannes Koch: Herr Hickel, diese Woche stimmt der Bundestag darüber ab, ob der Fonds zur Euro-Stabilisierung (EFSF) ausgeweitet wird. Würden Sie trotz der riesigen Summen immer noch sagen, dass Deutschland vom Euro profitiert?

    Rudolf Hickel: Unbedingt. Die Kosten eines Scheiterns der Euro-Zone sind kaum zu ermessen. 42 Prozent der deutschen Exporte gehen in unsere Nachbarländer mit gemeinsamer Währung. Würden mehrere dieser Staaten ausscheiden, verlören wir massiv an Einkommen und Arbeitsplätzen. Die Stabilisierung des Euro ist die günstigere Variante.

    Koch: Für wie wahrscheinlich halten Sie es, dass Griechenland in der Euro-Zone und die Währung stark bleiben?

    Hickel: Vor drei Monaten war ich noch sicher, dass das klappt. Mittlerweile habe ich Zweifel. Denn wie man am Sonntagabend im Fernsehen bei Günther Jauch beobachten konnte, hat auch Bundeskanzlerin Angela Merkel das Grundproblem nicht begriffen. Es reicht nicht, nur immer wieder die Summen für die Euro-Rettung aufzustocken. Wir kaufen Zeit, aber die müssen wir auch nutzen.

    Koch: Worin besteht das Grundproblem, das die Euro-Retter ignorieren?

    Hickel: Mehr Geld und ein stahlhartes Sparprogramm sind keine ausreichende Lösung. Das ist ökonomisch nicht zu Ende gedacht. Griechenland geht binnenwirtschaftlich durch die Einsparprogramme in die Knie. Die massiven Proteste in Athen richten sich auch dagegen, dass die Menschen keine Perspektive sehen, wie sie aus der Misere herauskommen können. Das Land braucht eine Aussicht, aber auch eine mittelfristige Sanierung und wirtschaftliche Gesundung.

    Koch: Was müssten die Regierungen tun, wenn sie eine tragfähige Lösung erarbeiten wollten?

    Hickel: Im Haushalt der Europäischen Union stehen Milliarden Euro bereit, die Griechenland abrufen könnte, um Investitionen in Infrastruktur und Arbeitsplätze zu finanzieren. Allerdings fehlt der Regierung in Athen das Geld, um die übliche Selbstbeteiligung an diesen Investitionen zu leisten. Hier sollte die EU jetzt großzügig sein und das Geld freigeben – auch ohne griechische Kofinanzierung.

    Koch: Das klingt doch wieder nur nach mehr Geld.

    Hickel: Eben nicht. Geld für Wachstum ist etwas anderes, als Schulden zu finanzieren. Also muss der Aufbau moderner Wirtschaftsstrukturen forciert werden. Zum Abbau des Schuldenberges braucht Griechenland einen Schuldenschnitt. Man sollte Athen etwa 50 Prozent seiner Verbindlichkeiten erlassen und damit die jährlichen Zinslasten halbieren. Mehr kann der Staat in der augenblicklichen Lage nicht bewältigen.

    Koch: Also lag FDP-Wirtschaftsminister Philipp Rösler nicht falsch, als er von der geordneten Insolvenz Griechenlands sprach?

    Hickel: Da kann ich leider nur raten. Rösler hat ja nicht erläutert, was er mit seinem Begriff meinte. Vermutlich hat er die Öffentlichkeit bewusst im Unklaren gelassen, um Ängste gegen den Euro zu schüren.

    Koch: Offenbar denken die Euro-Regierungen darüber nach, dem EFSF nicht nur Milliarden Euro, sondern bald Billionen zur Verfügung zu stellen. Würde dadurch nicht der innere und äußere Wert der Währung endgültig untergraben?

    Hickel: Damit muss man sehr vorsichtig umgehen. Einerseits wäre es richtig, dem Euro-Fonds eine unbegrenzte Kreditlinie bei der Europäischen Zentralbank einzuräumen. Damit erhielten die Investoren auf den Finanzmärkten das Signal, dass der Fonds jedes Land absichern kann. Spekulation gegen einzelne Staaten würde sich nicht mehr lohnen. Die Schuldenkrise wäre wohl gestoppt.

    Koch: Die Euro-Zone könnte sich damit praktisch unbeschränkt verschulden. Welcher Investor auf der Welt würde unsere Währung dann überhaupt noch haben wollen?

    Hickel: Wenn die Europäische Zentralbank als Gegenleistung für die Schulden des Fonds erstklassige Sicherheiten erhält, wäre der Wert des Euro nicht gefährdet. Diese Voraussetzung müsste aber tatsächlich erfüllt sein.

    Koch: Letztlich sollte es darum gehen, die öffentlichen Schulden zu reduzieren. Müsste man, um dafür den nötigen Druck zu entfalten, verschwenderische Länder nicht auch aus der Euro-Zone ausschließen können?

    Hickel: Wir sollten nicht zurück, sondern nach vorne gehen. Europa macht in diesen Monaten einen historischen Lernprozess durch. Wir sehen, dass wir mehr Kooperation brauchen, um unsere Währung und unseren Wohlstand zu schützen. Bricht ein Land weg, könnten andere folgen. Die hoffnungsvollere Alternative besteht darin, eine gemeinsame Lösung zu finden – und die muss auch Sparsamkeit beinhalten.

    Bio-Kasten

    Rudolf Hickel (69) ist emeritierter Professor für Finanzwirtschaft der Universität Bremen. Zuletzt leitete Hickel dort das Institut für Arbeit und Wirtschaft. Jahrelang veröffentlichte er zusammen mit Kollegen das kritische Memorandum zur Wirtschafts- und Finanzpolitik der Bundesregierung. In der Regel setzte sich der gebürtige Nürnberger darin für eine nachfrageorientierte Politik ein. Auf dieser Linie liegt sein Plädoyer für ein Investitionsprogramm, dass Griechenland helfen könnte, aus der Schuldenkrise herauszufinden.

  • „Deutschland spielt eine aussichtsreiche Rolle“

    Europa wird führend sein in der „dritten industriellen Revolution“, sagt Jeremy Rifkin

    Hannes Koch: Herr Rifkin, in Ihrem neuen Buch über die „dritte industrielle Revolution“ schreiben Sie, Europa und besonders Deutschland könnten die Welt in ein neues Zeitalter führen. Wie das? In der gegenwärtigen Schuldenkrise droht Europa eher zu zerfallen, als eine globale Führungsrolle zu übernehmen.

    Jeremy Rifkin: Genau darüber habe ich mit Ihrer Kanzlerin Angela Merkel kürzlich gesprochen. Trotz allem kann Deutschland führend sein bei der Energierevolution. Zwar ist es richtig, dass Ihr Land jetzt sparen muss, um die öffentlichen Schulden zu reduzieren. Aber parallel brauchen Sie auch eine kraftvolle ökonomische Vision, um die Wirtschaft zukunftsfähig zu machen.

    Koch: Die industrielle Revolution, die Sie entwerfen, basiert auf dem flächendeckenden Ausbau der erneuerbaren Energien. Hinzu käme eine neue grenzüberschreitende Infrastruktur für die Speicherung und Verteilung grünen Stroms. Dies erfordert gigantische Investitionen. Woher soll das Geld kommen, wenn die Staaten kürzer treten müssen?

    Rifkin. Finanzmittel sind grundsätzlich in ausreichender Menge vorhanden – bei den Unternehmen, Investmentfonds und Risikokapitalgebern. Auch die Regierungen in Europa verfügen trotz allem über viel Geld, nur geben sie es teilweise für die falschen Zecke aus. Wir dürfen nicht weiter in die alte Infrastruktur investieren, sondern müssen eine neue aufbauen. Das kann man in Berlin machen, das kann man in Potsdam tun. Stattet die öffentlichen und privaten Gebäude mit Blockheizkraftwerken und Sonnenkollektoren aus! Stellt die öffentliche Straßenbeleuchtung in Potsdam auf energiesparende LED-Lampen um! Durch die Kostenreduktion kann man die Investitionen finanzieren.

    Koch: In chinesischen Städten rollen schon heute tausende Elektrofahrzeuge, in Deutschland sieht man fast keine. Ein großer Teil der Solarkraftwerke wird mittlerweile in Asien hergestellt. Wo sehen Sie noch eine deutsche oder europäische Führerschaft?

    Rifkin: Europa bildet den größten, einheitlichen und wohlhabensten Markt der Welt. In der EU leben 500 Millionen Menschen. Nirgendwo sind die Voraussetzungen so gut wie hier, um das Energie-Internet aufzubauen. Und Deutschland spielt dabei eine aussichtsreiche Rolle. Rund 20 Prozent des deutschen Stroms stammen mittlerweile aus erneuerbaren Energien. So weit vorgedrungen ist kaum ein anderes Land.

    Koch: Woraus besteht das Energie-Internet?

    Rifkin: Wir haben fünf Säulen identifiziert. Säule Eins ist die Produktion sauberer Energie aus Wind, Sonne und anderen erneuerbaren Quellen, um Uran, Erdöl und Kohle zu ersetzen. Zweitens sieht man heute schon den Trend, dass sich die Energieherstellung dezentralisiert. Potenziell ist jedes Gebäude ein eigenes Kraftwerk, die Bedeutung der alten Großanlagen nimmt ab. Weil aber die regenerative Energie oftmals vom Wetter abhängt und unregelmäßig anfällt, braucht man drittens neue Energiespeicher. Wasserstoff könnte hier das entscheidende Medium sein. Säule Vier: Das intelligente Stromnetz, welches hunderttausende Stromproduzenten und Verbraucher so miteinander verknüpft, dass sich Energieangebot und Nachfrage ausgleichen. In Deutschland wird dieses Energie-Internet bereits an acht Orten getestet. Und fünftens: Hier wurde das Auto erfunden. Warum sollten Ihre Unternehmen nicht auch führend werden bei den Elektroautos der Zukunft, die ohne Öl fahren? Wenn man alle fünf Säulen heute gemeinsam betrachtet, liegt Deutschland eindeutig vorne.

    Koch: In Ihrem Buch sagen Sie, Sie wollten ein Narrativ präsentieren. Sie erzählen eine Story, von der Sie hoffen, dass sie Wirklichkeit wird.

    Rifkin: Zusammen mit vielen Kollegen analysieren wir permanent die Realität und leiten daraus ab, was möglich und notwendig ist. Wir erzählen eine Geschichte, aber die Menschen und Politiker müssen sie füllen. Mit unseren Forschungen haben wir einen Businessplan entwickelt, der plausibel und umsetzbar erscheint.

    Koch: Was macht Sie so sicher, dass die Erneuerbaren Energien das Rückgrat eines zukünftigen Wirtschaftssystems bilden können?

    Rifkin: Erstens der Klimawandel, den wir mit unserer bisherigen Form der Energieproduktion katastrophal beschleunigen werden. Das kann niemand wollen. Zweitens der Ölpreis. Er liegt um die 100 Dollar pro Fass und wird weiter steigen, je knapper und schwieriger die Lagerstätten zu erreichen sind. Wir haben das Endspiel erreicht. Die Öl-Ökonomie ist nicht überlebensfähig. Wenn das globale Wirtschaftswachstum anzieht, steigt der Preis und würgt das Wachstum wieder ab. Diesem Teufelskreis sollten wir entkommen.

    Koch: Vor 15 Jahren haben Sie vorhergesagt, die Zahl der Arbeitsplätze in der Industrie und den Dienstleistungen würden künftig stark abnehmen und die Arbeitslosigkeit immer weiter steigen. Diese These hat sich offenbar als falsch erwiesen: In Deutschland arbeiten mehr Menschen denn je.

    Rifkin: Ihr Land profitiert von seiner speziellen Situation als Exportnation. Generell muss man aber sagen, dass wir die letzte Phase der Massenlohnarbeit erleben. In den vergangenen sieben Jahren sind 15 Prozent der Produktionsarbeitsplätze auf der Welt verschwunden. Warum? Weil wir mit immer weniger Menschen und besseren Maschinen mehr Güter herstellen. Das nennt man Produktivitätssteigerung. Und dieser Prozess wird sich verstärken. Auch vor den öffentlichen und privaten Dienstleistungen macht er nicht halt.

    Koch: Nach Auskunft der Internationalen Arbeitsorganisation ist die Zahl der Erwerbstätigen weltweit zwischen 2000 und 2010 von 2,6 Milliarden auf über drei Milliarden Beschäftigte gestiegen. Die globale Arbeitslosigkeit ist währenddessen bei etwa sechs Prozent mehr oder weniger stabil geblieben. Ist Ihre These noch haltbar?

    Rifkin: Der Anstieg, von dem sie sprechen, ist ein vorübergehender. Der Grund liegt darin, dass bevölkerungsreiche Länder wie China und Indien in den Weltmarkt eingetreten sind und anfangs sehr arbeitsintensiv produzieren. Diese Phase wird relativ schnell zu Ende sein. Jetzt schicken die Chinesen die Arbeiter aus den Städten bereits wieder auf´s Land zurück, weil es zu wenige Fabrikjobs gibt.

    Koch: Es werden aber immer wieder neue Produkte entwickelt, für die die Unternehmen Fabriken und Arbeiter brauchen. Beispielsweise stellt der Foxconn-Konzern in China hunderttausende Beschäftigte ein, um die iPhones für Apple zu fertigen. Mit neuen Bedürfnissen und Jobmöglichkeiten kann man auch künftig rechnen. Deshalb erscheint die These vom Ende der Arbeit zumindest fragwürdig.

    Rifkin: Moment! Ich sage, wir haben jetzt noch etwa 40 Jahre Zeit, um unser gegenwärtiges Arbeitssystem fit zu machen für die Zukunft. In dieser Zeit der dritten industriellen Revolution brauchen wir Millionen Beschäftigte, um die neue Energie-Infrastruktur zu bauen. Wenn wir diesen Übergang aber erst geschafft haben, geht die industrielle Massenarbeit ihrem Ende entgegen. Dann reichen relativ wenige hochausgebildete Fachleute, um das Energie-Internet in Gang zu halten. Und die Produkte des täglichen Bedarfs kommen aus Fabriken, in denen ebenfalls kaum noch ein Mensch arbeitet. Die dritte wird also die letzte industrielle Revolution sein.

    Koch: Das Ende der Geschichte wurde uns schon mehrfach angekündigt.

    Rifkin: Davon rede ich nicht. Aber die Art, wie die Menschen arbeiten, wird später eine ganz andere sein. Der Markt spielt dann nicht mehr die dominierende Rolle. Ich glaube, es kommt die neue Zeit einer kooperativen Wirtschaft. Die Ökonomie könnte dann eher nach dem Wikipedia-Prinzip funktionieren – selbstständige Produzenten arbeiten in Netzwerken zusammen, ohne sich harte Konkurrenz zu machen wie heute. Ein großer Teil der Jobs wird in den zivilgesellschaftlichen Sektor wandern. Viel mehr Menschen als heute werden ihr Geld mit Kultur, Nachbarschaftshilfe und anderen sozialen Tätigkeiten verdienen.

    Koch: Sind Sie optimistisch, dass es uns in den kommenden Jahrzehnten gelingt, einerseits Wirtschaftswachstum und Wohlstand aufrechtzuerhalten, andererseits dem Klimakollaps zu entgehen?

    Rifkin: Nein, ich bin nicht optimistisch. Aber ich habe Hoffnung. Natürlich kann es passieren, dass alles daneben geht. Wir stehen vor riesigen Herausforderungen. Es geht darum, die fünf Säulen der Energie-Revolution gleichzeitig zu bauen. Wenn wir nur an einer Stelle ansetzen, vergeuden wir Zeit und Geld. Gerade von Letzterem haben wir nicht mehr genug.

    Jeremy Rifkin: Die Dritte Industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter. Campus Verlag. Frankfurt/Main 2011. 303 Seiten, 24,99 €.

    Bio-Kasten

    Jeremy Rifkin

    Ökonom und Zukunftsforscher Jeremy Rifkin (66) leitet die US-Stiftung für Wirtschaftliche Trends. Zu seinen bekanntesten Büchern gehören „Das Ende der Arbeit und ihre Zukunft“ und „Die Wasserstoff-Revolution“. Er berät zahlreiche Regierungen und Unternehmen weltweit. Ihnen empfiehlt er, sich in Richtung einer umweltfreundlichen und sozialverträglichen Wirtschaftsweise zu bewegen. Dafür entwirft er Geschäftsmodelle.

  • Der ultimative Trick

    Kommentar zum Euro-Stabilitätsfonds von Hannes Koch

    Es mutet an wie der neueste Trick, um die Pleite von Euro-Staaten zu vermeiden. Die EU erwägt, dem Euro-Stabilitätsfonds EFSF einen unbegrenzten Kredit bei der Europäischen Zentralbank einzuräumen. Damit, so die Überlegung, wäre die Schuldenkrise endlich beendet. Der EFSF, über den diese Woche der Bundestag entscheidet, hätte so viel Geld, dass er auch eine Pleite Italiens oder Spaniens abwenden könnte.

    Das allerdings bedeutet einen Bruch mit dem bisherigen System. Dieses lebt von der finanzpolitischen Gewaltenteilung. Die Zentralbank (EZB) gibt die Währung heraus und sorgt für ihre Stabilität. Die Regierungen müssen währenddessen selbst dafür sorgen, dass sie genug Geld zur Verfügung haben: Sie erheben Steuern oder verschulden sich. Dieser Dualismus, der bisher stabilisierend wirkt, würde durch den neuen Trick eingeebnet. Wenn sich der EFSF bei EZB unbegrenzt Geld leihen kann, finanziert die Notenbank künftig die Regierungen – was sie heute nur in wenigen Ausnahmefällen tut.

    Trotzdem hätte die Operation einen großen Vorteil: Die Investoren auf den Finanzmärkten erhalten das klare Signal, dass kein Euroland pleitegeht. Schließlich steht dem Stabilitätsfonds dann im Gegensatz zu heute unbeschränkt Geld zur Verfügung. Diese Ansage kann so ähnlich wirken wie Kanzlerin Merkels Botschaft an die Bundesbürger von 2008: Wir schützen Eure Sparkonten, komme was wolle. Eine solche Staatsgarantie nimmt der Spekulation den Wind aus den Segeln.

    Was aber wäre die allerletzte Konsequenz einer unbeschränkten EFSF-Kreditlinie bei der Notenbank? Wenn die vertrauensbildende Maßnahme doch nicht richtig wirkt und der Fonds irgendwann Schulden von drei oder vier Billionen Euro aufgehäuft haben sollte, würden sich die internationalen Investoren überlegen, dass diese Summe selbst für den größten Wirtschaftsraum der Welt eine ziemliche Belastung darstellt. Sie würden den Wert des Euro ins Verhältnis setzen zur Höhe der Schulden – und möglicherweise auf die Idee kommen, dass sie der Währung nicht mehr trauen. Dann verlöre der Euro im internationalen Handel massiv an Wert, und bald auch an interner Kaufkraft. Der Trick wäre entlarvt.

  • Türsteher der neuen Welt

    Die Piratenpartei macht es Bürgern schwer, sich zu engagieren

    Der türkische Geschäftsmann mit Sakko und weißem Hemd zweifelt an sich. „Ich komme mir vor wie ein Analphabet.“ Computer sind sein alltägliches Arbeitsgerät, er spricht gepflegtes Deutsch. Aber die Piraten-Partei macht es ihm schwer. Was erzählen ihm die jungen Leute da? „Augenblick, ich kann nicht mithalten,“ ruft er amüsiert in die Runde.

    Der Mann brennt darauf, sich in die Politik einzumischen. Deshalb ist er ein paar Tage nach dem sensationellen Wahlerfolg der Piraten in Berlin zu deren allwöchentlicher Versammlung in die Kneipe „Kinski-Klub“ gekommen. Stadtteil Neukölln: draußen Kopfsteinplaster, drinnen schartige Wände ohne Farbe, Sperrmüllmöbel, Flaschenbier. Ein junges Parteimitglied mit verfilztem Haar und Zottelbart erklärt, wie die Piraten funktionieren und überschüttet die Zuhörer mit einem Schwall englischer Internet-Fachausdrücke.

    Doch die 25 Interessierten, meistens Männer zwischen 25 und 35 Jahre alt, wollen sich nicht abschrecken lassen. Sie stellen einfache Fragen wie diese: „Wie kann ich mich bei den Piraten beteiligen?“ Und erhalten solche Antworten: „Wenn ein Text im Pad fertig ist, kann man ihn ins Liquid stellen.“ Wie bitte? In der Alltagssprache bedeutet das ungefähr: Die Piraten bieten im Internet verschiedene Diskussionsforen an, auf denen man mitdiskutieren und die Meinungsbildung der Partei beeinflussen kann – wenn man die Internetadresse herausbekommt, die nicht ganz leicht zu finden ist. Einer der Besucher fasst die Lage so zusammen: „Wenn das hier ein Geschäft wäre, bei dem ich etwas kaufen wollte, wäre ich ganz schnell wieder weg.“

    Seit einer Woche ist die junge Partei mit 15 Abgeordneten im Berliner Landesparlament – und steht unter Schock. Denn in ihre Computerwelt bricht jetzt die Wirklichkeit ein. Reale Menschen begehren Einlass. Spät abends warten tatsächlich 70 Interessenten vor dem Kinski-Klub.

    Zwischen ihnen steht rauchend der 37jährige Alexander Morlang, Neu-Parlamentarier mit Pferdeschwanz, von Beruf Netzwerk-Administrator. Vor 30 Jahren wäre einer wie er bei den Grünen eingetreten. Seine Motivation zu den Piraten zu gehen, beschreibt Morlang so: „Die herrschende Politik versucht, meinen Lebensraum zu zerstören.“ Damit will er sagen, dass er in seinem Beruf Computerprogramme benutzt, die die Polizei als potenziell kriminell einstufe, weil auch illegale Hacker sie verwendeten. Da tanzen ihm die etablierten Vertreter des Staates auf der Nase herum, meint Morlang – auch die Grünen.

    Dieser Antrieb ist ein liberaler. Bürger wehren sich gegen den gefühlt übermächtigen Staat. Auch Sebastian Schneider, genannt „Schmiddie“, 26 Jahre, studierter Medienwirt und einfaches Piraten-Mitglied, spürt diese Wurzel. Die Positionierung der Partei beschreibt er als „sozialliberal“. Das Eintreten für die Bürgerrechte verbindet sich für ihn mit dem Motiv der sozialen Gerechtigkeit. „Umverteilung“ ist für Schneider ein ganz wichtiger Punkt. Die Wohlhabenden und Reichen sollen mehr Steuern zahlen, damit die ärmeren Bevölkerungsschichten nicht darben.

    Im Berliner Programm der Piraten ist diese Gerechtigkeitspolitik an mehreren Stellen verankert. Die Partei fordert, dass der öffentliche Nahverkehr für alle Nutzer kostenlos sein soll – wobei zur Finanzierung nichts gesagt wird. Außerdem will man sich „mittelfristig“ für ein bedingungsloses Grundeinkommen einsetzen. Alle Bundesbürger erhielten in dieser Vorstellung eine ausreichende Summe Geldes überwiesen, auch wenn sie nicht bereit sind, irgendeine Gegenleistung an die Gemeinschaft zu erbringen. Komplett unrealistisch? Für Piraten-Parlamentarier Morlang ist entscheidend, dass die Gesellschaft über unausweichliche Fragen zumindest diskutiert. Er sagt: „Das Grundeinkommen bietet einen Lösungsansatz für das Problem, dass wir nie wieder Vollbeschäftigung erreichen werden.“

    Solche Positionen vertritt keine andere Partei im Berliner Landesparlament. Ihre linksliberale Radikalität ist das Alleinstellungsmerkmal der Piraten. Vor allem kommt es ihnen darauf an, alte Antworten und feststehende Verfahren in Frage zu stellen. „Wir wollen Demokratie verflüssigen“, sagt Sebastian Schneider. „Der Grundsatz ist: Jeder kann bei uns machen, was er will“. Theoretisch. Praktisch muss man sich erstmal in der neuen Welt der Mailinglisten, Piratenwikis, Squads und Crews zurechtfinden. Dafür braucht man ein Passwort. Das bekommt man zugeschickt, wenn die Systemverwalter die Welle der Neumitglieder abgearbeitet haben. Irgendwann, demnächst. Derweil bricht schon mal der Zentralcomputer zusammen, wegen Überlastung.

  • Banken reduzieren die Einlagensicherung

    Kein Zusammenhang zur aktuellen Krise / Garantien für Sparer weltweit am höchsten

    „Wir sagen den Sparerinnen und Sparern, dass ihre Einlage sicher sind. Auch dafür steht die Bundesregierung ein.“ (Angela Merkel, 2008)

    „Dem ist kein Wort hinzuzufügen.“ (Bundespresseamt, September 2011)

    Die privaten Geldhäuser wollen die Garantien für Spareinlagen im Falle von Insolvenzen langfristig deutlich verringern. Derzeit liegt die niedrigste Sicherungsgrenze bei 1,5 Millionen Euro pro Kunde. Ab 2015 wird diese Grenze in mehreren Schritten auf zuletzt 437.500 Euro im Jahr 2025 abgesenkt. Das gab der Bundesverband deutscher Banken (BdB) bekannt. „Privatkunden genießen weiterhin einen sehr hohen Einlagenschutz“, betonte Hans-Joachim Massenberg von der Hauptgeschäftsführung des Verbands. Mit der sich abzeichnenden aktuellen Krise des Geldgewerbes habe der von den Mitgliedsinstituten noch abzusegnende Plan nichts zu tun.

    Für die meisten privaten Sparer wird sich durch das Vorhaben nichts ändern. Selbst höhere Guthaben können im Falle einer Bankenpleite aus dem Sicherungsfonds bedient werden. Laut BdB werden 95 Prozent der Kunden selbst nach dem letzten Schritt noch auf einen Verlustausgleich von bis zu fünf Millionen Euro rechnen können. Der Fonds der Privatbanken wurde 1976 nach dem Konkurs der Herstatt-Bank gegründet. Bislang wurden die Vermögensschäden in rund 30 Fällen übernommen. Allein die Lehman-Pleite hat den Sicherungsfonds bisher 6,3 Milliarden Euro gekostet.

    Die Höhe der garantierten Einlagen ist von Bank zu Bank unterschiedlich und richtet sich nach dem Eigenkapital des Geldhauses. So ist für jeden einzelnen Sparer, der bei der Deutschen Bank sein Geld angelegt hat, theoretisch ein Betrag von elf Milliarden Euro durch den Fonds abgesichert. Von der Absenkung der Höchstbeträge erhofft sich der Verband realistischere Haftungssummen. Damit steige auch die Glaubwürdigkeit des Instruments, hofft der BdB. In welcher Höhe einzelne Institute für die Einlagen ihrer Kunden haften, können Anleger auf der Internetseite des Bankenverbands nachschlagen. Wenn die Deckungssumme zu gering ist, können Sparer ihre Guthaben auf mehrere Banken verteilen. Doch Vorsicht: Nicht alle Banken sind Mitglieder im Sicherungsfonds. In diesem Fall ist nur die gesetzlich vorgesehene Haftung in Höhe von 100.000 Euro gesichert.

    Sollte sich die Schuldenkrise zu einer weltweiten Finanzkrise ausweiten, wäre es mit der Verlässlichkeit des Schutzes der Einlagen nicht weit her. „Unser privater Sicherungsfonds wäre im Falle einer systemischen Krise sicher überfordert“, räumt Mallenberg ein. In diesem Falle wäre wohl die Politik gefragt. Kanzlerin Angela Merkel hat 2008 die Spareinlagen der Bundesbürger zumindest politisch garantiert. „Dafür steht die Bundesregierung ein“, sagte die Regierungschefin seinerzeit. Das Versprechen gilt nach Angaben des Bundespresseamts weiter. „Dem ist kein Wort hinzuzufügen“, sagte eine Sprecherin auf Anfrage. Allerdings sind mit dieser Zusage offenkundig nicht alle Notfälle im Bankgewerbe gemeint. So berichtet der Justitiar des BdB, Armin Weber, dass sich Kunden der im letzten Jahr geschlossenen Noa Bank beim Bundesfinanzministerium eine Abfuhr einhandelten, als sie ihre erlittenen Verluste mit Hinweis auf das Merkel-Versprechen geltend machen wollten. „Darauf würde ich mein Einlagenverhalten nicht bauen“, rät Weber.

    Es gibt in Deutschland noch zwei weitere Sicherungssysteme. Die Sparkassen haben eine Haftungsverbund, der in unbegrenzter Höhe Spareinlagen der Kunden garantiert. Auch die Volks- und Raiffeisenbanken stehen füreinander ein. Gehört ein Institut keinem Sicherungssystem an, gilt die gesetzlichen Haftungsgrenze von 100.000 Euro.

  • Unsensibel

    Kommentar

    Für seine jüngste Mitteilung hat sich der Bankenverband den denkbar schlechtesten Zeitpunkt ausgesucht. Die Privatbanken wollen die Garantien für Spareinlagen absenken. Das schafft nicht gerade Vertrauen an einem Tag, dessen Schlagzeilen auch von wachsenden Problemen der Finanzwirtschaft geprägt sind und ein Konzern wie Siemens sein Vermögen lieber bei einer Zentralbank als bei einer Privatbank parkt. So erzeugt die Branche erst jene Furcht bei den Sparern, die problematisch enden kann, wenn die Menschen aus Angst ihr Geld abheben. Die Kernbotschaft der Banken, dass nirgendwo in der Welt so hohe Guthaben geschützt werden wie in Deutschland und das Sicherungsniveau erst in ein paar Jahren sinkt, wird in der Öffentlichkeit nicht durchdringen.

    Die Sparer können zumindest in Hinblick auf diese Neuerung ruhig bleiben. Allerdings nimmt die neuerliche Finanzkrise insgesamt wieder bedrohliche Dimensionen an. Offenkundig geht rund um den Erdball vielen Instituten die Puste aus. Darauf deuten die Abstufungen etlicher Banken durch die Ratingagenturen hin. Vorsicht und eine genaue Beobachtung der Entwicklung ist also durchaus angebracht. Auf das Versprechen der Kanzlerin, dass alle Spareinlagen sicher sind, sollten sich die Sparer dabei nicht hundertprozentig verlassen. Es ist eher ein politisches Ziel als eine gerichtsfeste Zusage. Denn ohne die Zustimmung des Bundestags kann auch eine Kanzlerin nicht für Unsummen bürgen. Wachsamkeit ist also auch aus diesem Grund angezeigt. Grund für Panik gibt es allerdings derzeit nicht.

  • Streit über Grenzwerte für Atom-Fisch

    Die Verbraucherorganisation Foodwatch fordert schärfere Grenzen für die radioaktive Belastung von Lebensmitteln

    Bisher haben die Deutschen großes Glück gehabt. Da explodierte in Japan ein Atomkraftwerk, dort sind ganze Regionen entvölkert, doch hier ist die radioaktive Belastung bislang nicht angekommen. Gleichwohl warnen die Organisationen Foodwatch und Ärzte zur Verhütung des Atomkriegs vor dem nuklearen Risiko. Um die Bevölkerung besser zu schützen, fordern sie die Grenzwerte für die radioaktive Belastung von Lebensmitteln stark zu senken.

    Thomas Dersee rechnet damit, dass demnächst radioaktiv belasteter Tiefkühlfisch aus dem Pazifik in Europa auftauchen könnte. In seiner Studie, die Foodwatch am Dienstag vorstellte, hat sich der Wissenschaftler deshalb mit den aus seiner Sicht zu hohen Grenzwerten auseinandergesetzt. „Mit der Gesundheitsgefährdung, die von dem havarierten Atomkraftwerk in Fukushima ausgeht, werden wir noch 30 Jahre zu tun haben“, sagt Dersee, Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Strahlenschutz.

    Wohlgemerkt: Bisher sind radioaktiv belastete Nahrungsmittel aus Japan in Europa nicht auf dem Markt. Unter anderem die Kontrollen an Flughäfen und Häfen haben dies verhindert. Foodwatch jedoch sorgt sich um die Zukunft – nicht nur im Hinblick auf Japan, sondern auch, weil in Europa Dutzende Atomkraftwerke Strom produzieren. Käme es zu einem Unfall – was würden die aktuellen Grenzwerte für die Ernährung von Kindern und Erwachsenen bedeuten?

    Foodwatch-Chef Thilo Bode sagt es so: „Die geltenden Grenzwerte sind unzumutbar hoch. Sie setzen die Bevölkerung unnötig massiven gesundheitlichen Risiken aus.“ Bode stützt sein Argument auf einen vermeintlichen Widerspruch zwischen zwei unterschiedlichen Grenzwerten. Erstens schreibt die deutsche Strahlenschutzverordnung vor, dass Menschen hierzulande höchstens einer Strahlenbelastung von einem Millisievert jährlich ausgesetzt werden dürfen. Die EU-weiten Strahlengrenzwerte für Lebensmittel lägen dagegen viel höher, so Foodwatch. Umgerechnet betrügen sie 33 Millisievert für Erwachsene. Bodes Forderung: „Die EU muss diese Grenzwerte drastisch senken.“

    Florian Emrich, Sprecher des Bundesamtes für Strahlenschutz, relativiert diese Einschätzung. Foodwatch mache den Fehler, zwei eigentlich nicht vergleichbare Werte gegenüberzustellen. Die umgerechnete Belastung des EU-Grenzwertes werde nur erreicht, wenn sich ein Mensch ausschließlich mit Lebensmitteln ernähre, deren Radioaktivität knapp unter dem gesetzlichen Limit liege. Dieser Fall aber sei nur ein theoretischer, so Emrich.

    „Die derzeit geltenden Grenzwerte der EU führen selbst bei einem Verzehr von kontaminierten Lebensmitteln aus Japan zu relativ geringen zusätzlichen Strahlenbelastungen“, sagt Emrich, „für die Verbraucher ergibt sich praktisch kein erhöhtes gesundheitliches Risiko.“ Gleichwohl hält der BfS-Sprecher die Forderungen von Foodwatch und den Ärzten zur Verhütung des Atomkriegs für „nachvollziehbar“ – niedrigere Grenzwerte seien immer gut.

  • Im Land der Zufriedenen

    Studie: So glücklich wie schon lange nicht mehr – das sind die Menschen hierzulande/ Gesundheit ist Glücksbringer Nummer eins

    Die Lebenszufriedenheit konnte die Finanzkrise nur wenig trüben. Das geht aus dem „Glücksatlas 2011“ hervor. „Die Deutschen sind heute so zufrieden wie in den letzten zehn Jahren nicht mehr“, sagt Bernd Raffelhüschen, Studienleiter und Professor an der Universität Freiburg. Am zufriedensten sind die Hamburger. Das Erfreuliche: Ostdeutsche haben die Westdeutschen im Glücksniveau fast eingeholt.

    Wie zufrieden sind die Menschen hierzulande – alles in allem – mit ihrem Leben? Das wollten die Macher der Glücksstudie wissen. Das Ergebnis: Mit einem Lebenszufriedenheitswert von 7,0 auf einer Skala von 0 bis 10 sind die Deutschen heute so glücklich wie zuletzt 2001. Hamburg ist mit 7,38 Punkten die glücklichste Region Deutschlands, gefolgt vom nördlichen Teil Niedersachsens und Südbayern.

    In insgesamt 19 Regionen haben die Wissenschaftler Deutschland  für ihre Glückerhebung unterteilt. Auf den Plätzen vier und fünf landen Franken und Schleswig- Holstein. Die ostdeutschen Länder und Hessen belegen die hinteren Ränge. Schlusslichter bilden Brandenburg und Thüringen mit 6,56 und 6,45 Punkten.

    Am Wohlstand allein, das hat die Wissenschaft erkannt, lässt sich Glück nicht messen. „Der Wohlstandsindikator reicht nicht“, so Raffelhüschen. „Die Einkommen sind in den vergangenen Jahren explodiert, das Glück nicht“, erläutert er warum. Ohne Geld, so Raffelhüschen, gehe es freilich nicht. Allerdings mache es nur am Anfang glücklich. Bei über 5.000 Euro Nettoeinkommen im Monat trete ein Gewöhnungseffekt auf.

    Geld allein macht also nicht glücklich. Was macht es dann?  Gesundheit, so die Autoren, ist der größte Glücksbringer. Wer seine Gesundheit als „sehr gut“ einschätzt, ist um 0,7 Punkte zufriedener als jemand mit nur „zufrieden stellender“ Gesundheit. Geselligkeit und Mentalität sind weitere wichtige Faktoren, die darüber entscheiden, wie glücklich sich ein Mensch fühlt. Wer viele Freunde hat und viel unternimmt, ist also glücklicher. Ebenso trägt die Einstellung entscheidend dazu bei, in welcher Laune man das Leben bestreitet. Zwei Gruppen von Menschen unterscheiden die Forscher hier: diejenigen, die das Glas halb voll und diejenigen, die es halb leer sehen. Vor allem im Osten, so ihre Erkenntnis, sehe man das Glas eher halb leer. Sehr positiv gestimmt sei man hingegen in Bayern, im friesischen Niedersachen und in Schleswig-Holstein.  

    Der „Glücksatlas 2011“ basiert auf den Daten des sozio-ökonomischen Panels (SOEP) und einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach vom Frühjahr 2011. Für das SOEP werden jährlich 11.000 Haushalte über ihr Einkommen, Erwerbstätigkeit, Bildung und Gesundheit befragt.

    Und noch eine Größe bestimmt unser Glücksempfinden: die Arbeitszufriedenheit. Hier zählt vor allem, ob jemand Arbeit hat oder nicht. Arbeitslose und Arbeitnehmer, die um ihren Arbeitsplatz fürchten, sind deutlich unzufriedener. Dieses Phänomen, so die Autoren, erkläre unter anderem, warum die Finanzkrise 2008/09 die gute Stimmung hierzulande nicht sehr trüben konnte. Trotz des tiefen Wirtschaftseinbruchs haben Politik und Unternehmen alles dafür getan, um Arbeitsplätze zu erhalten. Deswegen mussten die Bürger kaum um ihre Jobs bangen.

    Der „Glücksatlas Deutschland 2011“ hat 176 Seiten und ist als Buch im Handel zum Preis von 14,99 Euro erhältlich. Eine Zusammenfassung der Studie und Faktenblätter zu den Regionen stehen im Internet unter www.gluecksatlas.de bereit.