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  • Wenn Amerika kein Geld mehr hat

    Die wichtigsten Fragen und Antworten zur US-Schuldenkrise

    Können die Amerikaner wirklich pleite gehen?

    Die USA haben im ersten Weltkrieg eine Schuldenobergrenze eingeführt, damit die Ausgaben der Regierung nicht ausufern. Heute liegt die Linie bei 14,3 Billionen Dollar. Das Limit ist bereits erreicht worden. Wenn die Grenze nicht per Gesetz angehoben wird, was schon häufig geschehen ist, darf die US-Regierung keine Rechnungen mehr mit neuen Krediten bezahlen. Da die Einnahmen nicht ausreichen, um allen Verpflichtungen nachzukommen, wären die Amerikaner praktisch zahlungsunfähig.

    Ist der 2. August ein endgültiger Stichtag?

    Zumindest formal wird der kommende Dienstag als Schicksalstag genannt. Analysten glauben, dass sich die Frist für eine Einigung noch ein paar Tage hinauszögern ließe, weil die Steuereinnahmen höher ausgefallen sind als erwartet. Die US-Regierung arbeitet aber schon an einem Notfallplan für die Zeit nach dem 2. August.

    Stürzt die Welt in eine Krise, wenn sich Republikaner und Demokraten nicht einigen können?

    Sollten die Amerikaner zahlungsunfähig sein, hätte dies zunächst im Inland gravierende Folgen. Renten oder Sold für die Soldaten könnten nicht mehr ausgezahlt, Rechnungen der Regierung nicht mehr beglichen, fällige Staatsanleihen nicht mehr bedient werden. Experten sehen dies als möglichen Auslöser einer zweiten Finanzmarktkrise, weil die eigentlich besonders sicheren US-Anleihen plötzlich zum Risiko werden. Wenn Anleger in großem Stil Kapital abziehen, hätte dies auch Folgen für die Wirtschaft, die womöglich in eine Rezession zurückfallen könnte. Genau weiß aber niemand, was passiert.

    Sind die USA mit den europäischen Schuldenländern vergleichbar?

    Amerika ist nach wie vor ein wirtschaftlicher Riese, der seine Schulden grundsätzlich auch zurückzahlen kann. Allerdings sind die Zahlen so tiefrot, dass die Amerikaner anfangen müssen zu sparen. Im Gegensatz zu den Iren, Griechen oder Italienern hat die US-Regierung noch keinen Plan für einen langfristigen Schuldenabbau. Deshalb droht auch den USA eine Herabstufung durch die Rating-Agenturen, unabhängig von der Anhebung der Schuldenobergrenze. Dann müssten die Amerikaner mehr für die Kredite bezahlen und viele Investoren dürften aus Sicherheitsgründen gar keine US-Staatsanleihen mehr halten. Trotz aller Probleme gelten die Amerikaner im Gegensatz zu manchen Europäern noch immer als sicherer Hafen für Kapital.

    Schließen sich die Positionen der beiden Parteien in Amerika aus?

    Die beiden großen Parteien in den USA stehen sich noch unversöhnlich gegenüber. Präsident Obama und seine Demokraten wollen eine kräftige Anhebung der Schuldengrenze, damit der Kreditrahmen bis nach der Präsidentschaftswahl 2012 reicht. Die Republikaner plädieren für eine Anhebung in zwei Schritten. Dann könnten sie den politischen Gegner im Wahlkampf noch einmal vorführen. Uneins sind sich die Parteien auch über den Weg aus der Schuldenkrise. Die Republikaner wollen zum Beispiel Sozialleistungen kürzen, Obama mehr Steuern bei den Reichen einsammeln. Eine zweite Streitfront gibt es im republikanischen Lager. Die erzkonservativen Abgeordneten der Tea-Party blockieren die Anhebung der Schuldengrenze. Sie wollen allein durch Ausgabenkürzungen den Haushalt sanieren. Kompromissvorschläge liegen derzeit nicht auf dem Tisch.

    Hätte der Ernstfall auch Folgen für Deutschland?

    Eine neuerliche Krise der US-Wirtschaft und der internationalen Finanzmärkte könnte sich rasch rund um den ganzen Erdball niederschlagen, also auch in Deutschland. Viele Fachleute halten eine Finanzmarktkrise mit folgender Wirtschaftskrise wie bei der Lehman-Pleite für wahrscheinlich.

    Wie wahrscheinlich ist dieses Szenario?

    Zwar steigt die Nervosität aller Beteiligten und auch der Investoren an den Finanzmärkten. Doch rechnen die meisten Beobachter mit einem Kompromiss in letzter Minute. Die Amerikaner steckten 1996 in einer ähnlichen Lage und befreiten sich nach wenigen Tagen wieder daraus.

  • Rahmenbruch und Bremsversagen

    Stiftung Warentest stellt bei Elektro-Fahrrädern große Qualitätsunterschiede fest

    Immer mehr Radfahrer setzen auf elektrische Hilfe. Im vergangenen Jahr verkauften die Hersteller der so genannten Pedelecs (Pedal Electric Cycle) rund 200.000 Stück. Mittelfristig erwartet der Zweirad Industrie Verband (ZVD), dass wenigstens jedes zehnte Rad mit einem Hilfsmotor ausgestattet sein wird. Doch auf die Anbieter warten nach Ansicht der Stiftung Warentest noch einige Hausaufgaben. „Die Hersteller müssen bei einigen Modellen noch deutlich nachbessern“, sagt Elke Gehrke, die Verkehrstests der Verbraucherschützer wissenschaftlich leitet.

    Die Prüfer haben zwölf gängige Modelle auf die Straße und ins Prüflabor geschickt. Dabei zeigten sich erhebliche Qualitätsunterschiede, die zum Teil auch sicherheitsrelevant waren. „Mangelhaft“ schnitten zwei Räder ab, das Pegasus E-Tour sowie das Ruhrwerk E-Bike. Pegasus musst nach Angaben der Stiftung bereits im vergangenen Jahr 11.000 Räder zurückrufen, weil Rahmen gebrochen waren. Im Test zeigte sich dieser Schwachpunkt wieder. Nach der Hälfte der Laufleistung von 20.000 Kilometern brach der Rahmen. „Gelernt hat die betroffene Firma aus dem Schaden offenbar nichts“, kritisiert Test-Experte Peter Gurr. Das zweite durchgefallene Pedelec fiel wegen einen schwachen Bremsleistung durch. Es geht auch anders, wie die drei Testsieger bewiesen. Das Modelle Diamant Zouma, Kreidler Vitality Elite und Raleigh Leeds HS erhielte die Note „gut“, alle anderen landeten im Mittelfeld.

    „Das Fahren macht richtig Spaß“, stellt Gurr fest. Die Funktionsweise der Pedelecs ist einfach zu verstehen. Sobald der Fahrer in die Pedale tritt, unterstützt ein Elektromotor die Fahrt. Bei Tempo 25 schaltet sich die Anlage automatisch ab. Dann bleibt nur die Muskelkraft als Antrieb. 250 Watt stark waren die getesteten Motoren. Die Räder sind mit rund 30 Kilogramm Gewicht deutlich schwerer als herkömmliche Fahrräder. Große Unterschiede weisen die Modelle bei der Leistung und dem Preis auf. Die Akkus reichen für Fahrten zwischen 25 und 100 Kilometer und die Ladezeit bewegt sich zwischen zwei und über acht Stunden. Billig sind die noch jungen Räder nicht gerade. Zwischen 900 Euro und 2.700 Euro kosten die Modelle.

    Rechtlich sind die Pedelecs immer noch einfache Räder. Es gibt keine Versicherungs- oder Helmpflicht und ein Führerschein ist auch nicht vonnöten. Das gilt für Modelle ohne Anfahrhilfe und einer Höchstgeschwindigkeit von 25 Kilometern in der Stunde. Rollen die Räder ohne Muskelkraft an, gelten sie als Mofa. Für Pedelecs mit einer Höchstgeschwindigkeit von mehr als 25 Stundenkilometern prüft das Verkehrsministerium gerade die Einrichtung einer eigenen Führerscheinklasse. Auch wenn es keine Versicherungspflicht gibt, sollte jeder Fahrer eine Haftpflichtpolice abschließen. Das rät ADAC-Fachmann Johann Grill. Denn private Versicherungen schließen die Regulierung von Schäden mitunter aus. Gerade wenn Personen bei einem Unfall zu Schaden kommen, könne daraus schnell eine existenzbedrohende Forderung entstehen. „Bei schweren Verletzungen können das fünf- bis sechstellige Beträge sein“, warnt Grill.

  • Bahn veröffentlicht wieder Pünktlichkeitswerte

    Konzern kann Umsatz und Gewinn kräftig steigern

    Die Deutsche Bahn (DB) will ihre Pünktlichkeitswerte im Personenverkehr ab diesem September wieder veröffentlichen. „Wir wollen uns messen lassen an unserer tatsächlichen Leistung“, kündigte Bahnchef Rüdiger Grube an. Die Angaben für den Fern- und Nahverkehr werden im Internet einmal monatlich aktualisiert. In den neunziger Jahren standen an den Bahnhöfen noch große Anzeigetafeln, auf denen die aktuelle Verkehrslage angegeben wurde. Der frühere Vorstand Hartmut Mehdorn ließ sie abbauen. Die Zahl der Verspätungen wurde bisher geheim gehalten. Laut Grube kommen derzeit 85 Prozent der Fernverkehrszüge pünktlich am Ziel an.

    Ob das Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 auch plangemäß ans Ziel kommt, erscheint noch offen. Zur heute vorgesehenen Veröffentlichung des Stresstests für die unterirdische Station wollte sich Grube bei der Vorlage der Halbjahresbilanz nicht äußern. Die Bahn hält an dem Milliardenprojekt nach wie vor fest. Bis zum Wochenende will das Unternehmen weitere Bauaufträge vergeben, weil die Lose sonst neu ausgeschrieben werden müssten.

    Mit der Geschäftsentwicklung ist der Vorstand zufrieden. In den ersten sechs Monaten 2011 stieg der Umsatz um gut 17 Prozent auf fast 19 Milliarden Euro an. Vor Abzug von Steuern und Zinsen blieben 1,1 Milliarden Euro als Gewinn übrig. Eine ähnliche Entwicklung erwartet die Bahn für das zweite Halbjahr. Allerdings sind auch die Schulden wieder gestiegen. Der Konzern steht mit gut 17 Milliarden Euro in der Kreide. Grund für den Anstieg ist die Dividende von 500 Millionen Euro, die Grube an den Finanzminister überwiesen hat. Das Geld hat die Bahn nur zum Teil erwirtschaften können.

    Als einer der größten Stromverbraucher Deutschlands setzt die Bahn zunehmend auf Ökostrom. Gerade erst wurde mit dem Energieriesen RWE ein langfristiger Vertrag über die Lieferung von Strom aus Wasserkraft abgeschlossen. Das bisherige Ziel, den Anteil an Ökoenergie am Verbrauch bis 2020 auf 30 Prozent zu erhöhen, hat Grube nun revidiert. Es könnten vielleicht sogar 40 Prozent werden, sagte er. Bis Mitte des Jahrhunderts will die Bahn dann völlig CO2-frei fahren. Möglicherweise wird das Unternehmen auch zu einem wesentlichen Antreiber bei Ausbau der Ökoenergien. Derzeit wird geprüft, ob sich das 7.800 Kilometer lange Stromnetz des Konzerns auch für den Transport von fremder Elektrizität eignet. „Wir sind für alle Lösungsansätze offen“, erläutert Grube. Doch die technischen Schwierigkeiten sind immens, weil das Stromnetz der Bahn völlig andere Parameter aufweist als die öffentlichen Leitungen.

  • Hilfe ja, Geld nein

    Unternehmen wollen erst investieren, wenn die Rahmenbedingungen verlässlich sind

    Die Bundesregierung will die wirtschaftliche Entwicklung in Griechenland gemeinsam mit den deutschen Unternehmensverbänden unterstützen. Finanzielle Hilfen schloss Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) allerdings aus. „Wir brauchen kein zusätzliches Geld, sondern mehr Investitionssicherheit“, sagte der Minister im Anschluss an ein Treffen mit den wichtigsten Verbandsvertretern aller Branchen in Berlin.

    Konkrete Investitionszusagen hatten die Teilnehmer der Runde nicht im Gepäck. Das ist auch Sache der einzelnen Unternehmen. Diese erste Konferenz zur Griechenlandhilfe sollte zunächst einmal die Felder für eine mögliche Unterstützung abstecken. Rösler verglich die aktuelle Lage im Krisenland mit der Situation nach dem Zusammenbruch des früheren Ostblocks. Allerdings würden die Griechen keine 20 Jahre benötigen, um die Wirtschaftskrise zu bewältigen, glaubt der FDP-Chef.

    Die Wirtschaft lässt kaum ein gutes Haar an den Verhältnissen im Südosten Europas. Es fehlt den Unternehmen an einem verlässlichen Rechtssystem, mit dem sie ihre Investitionen absichern können. Außerdem bemängelt der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) umständliche Genehmigungsverfahren und langwierige Verwaltungsprozesse. Auch die verbreitete Korruption hält Firmen vom Engagement bei den Hellenen ab. Schließlich klagt die Industrie über nicht bezahlte Rechnungen aus zurückliegenden Zeiten. „Die Bundesregierung sollte deutsche Unternehmen unterstützen, um einen Fahrplan für die Rückzahlung offener Forderungen zu erarbeiten“, fordert Stefan Mair von der Geschäftsführung des Verbands.

    Bei der Erledigung der Hausaufgaben will Rösler die Griechen unterstützen. Deutsche Verwaltungsfachleute könnten beim Kampf gegen Bestechlichkeit in den Ämtern helfen, Kartell- und Finanzexperten bei der Einrichtung von Wettbewerbsämtern und einer staatlichen Förderbank. Pensionierte Gewerbelehrer oder Treuhandmitarbeiter sollen schließlich bei der Ausbildung von Arbeitskräften und der Privatisierung der staatlichen Monopolbetriebe helfen. Auch die Wirtschaft will Angebote machen. Die Handwerkskammern und Handelskammern schicken auf Ausbildung spezialisiertes Personal nach Athen und die Großhändler wollen Griechenland beim Export auf die Sprünge helfen.

    Wenn die Rahmenbedingungen stimmen, will die Wirtschaft über verstärkte Investitionen in Griechenland nachdenken. Einige lohnende Branchen haben die Verbände bereits ausgelotet. Dazu gehören die Erneuerbaren Energien, der Straßenbau, der Ausbau der Ver- und Entsorgungsinfrastruktur sowie eine Beteiligung an den bisherigen Monopolbetrieben, etwa in der Telekommunikation.

    Die griechische Wirtschaft ist mit Beginn der Schuldenkrise regelrecht zusammengebrochen. Im vergangenen Jahr sank das Bruttoinlandsprodukt um fast fünf Prozent, in diesem Jahr geht die Leistung noch einmal um gut vier Prozent zurück. Es gibt nur wenige wettbewerbsfähige Industrien und kein Geld mehr für öffentliche Konjunkturprogramme. Deshalb halten es viele Experten für unmöglich, dass sie Griechenland aus eigener Kraft aus dem Schuldensumpf befreit. Internationale Hilfe zum Aufbau moderner Wirtschaftsstrukturen sollen das Land wieder in die Lage versetzen, die Kredite aus selbst geschöpften Mitteln zurückzuzahlen.

  • Saubere Luft erhitzt die Atmosphäre

    Wetterdienst hält stärkere Erderwärmung für möglich

    Die Erde wird sich nach Einschätzung des Deutschen Wetterdienstes (DWD) schneller erwärmen als erhofft. Im vergangenen Jahr stieg der CO2-Ausstoß auf weltweit 31 Milliarden Tonnen an, einen neuen Rekordwert. „Die bisher geringen Minderungserfolge zwingen uns, schon heute über Anpassungsmaßnahmen an ein Temperaturplus von drei Grad oder mehr nachzudenken“, warnte DWD-Präsident Gerhard Adrian. Wenn nicht rasch umgesteuert werde, laufe der Klimaschutz auf Grund. Dann müssten die nächsten Generationen die Folgekosten der Wetterveränderung alleine tragen.

    Trotz kalter Winter und mäßiger Sommer bleibt der Trend zu wärmeren Wetter nach Ansicht der Experten intakt. „Leider können wir keine Entwarnung geben“, sagt DWD-Klimaforscher Gerhard Müller-Westermeier. 2011 könnte eines der wärmsten Jahre der Geschichte werden, auch wenn die Temperaturen im Juli unter dem langjährigen Durchschnitt bleiben. Im ersten Halbjahr waren alle Monate zu warm, zu trocken und zu sonnig Im Durchschnitt zeigte das Thermometer 1,5 Grad mehr an als üblich.

    Das Jahr 2010 war das drittwärmste Jahr auf dem Globus seit Beginn der Wetteraufzeichnungen 1881. in Deutschland lagen die Temperaturen allerdings leicht unter dem üblichen Mittelwert. Eine Folge der Klimaveränderung war im vergangenen Jahr besonders gut sichtbar. Die Zahl der Tage mit starkem Niederschlag, also mehr als 30 Litern pro Quadratmeter innerhalb von 24 Stunden, lag deutlich über dem langjährigen Mittelwert. In den ostdeutschen Hochwassergebieten beobachteten die Forscher drei Mal so viele Starkregenfälle wie in normalen Jahren. Die Zahl der Extremgüsse war in Brandenburg und Sachsen so hoch wie nie zuvor. Dies könne ab der Mitte des Jahrhunderts in ganz Deutschland zur Regel werden, erläutert Müller-Westermeier.

    Zur Erderwärmung trägt neben die Ausstoß von Kohlendioxid auch ein ganz anderer Faktor bei. Die Luft wird sauberer, über dem Ruhrgebiet oder dem Chemiedreieck in Sachsen ist der Himmel wieder blau. Grund ist der sinkende Anteil von Staub- und Rußpartikeln in der Luft. Der kühlende Effekt der so genannten Aerosolen fällt immer weiter weg. Allein dies sorgt laut DWD für einen Temperaturanstieg um ein Grad. Adrian fordert auch deshalb stärkere Anstrengungen der Staaten zur Begrenzung des Klimawandels.

    Dabei setzte der DWD-Chef vor allem auf den Ausbau der erneuerbaren Energien. Hier sieht Adrians noch längst nicht alle Potenziale ausgeschöpft. Die zunehmend starken Regenfälle bringen demnach Ausbaumöglichkeiten bei Wasserkraftwerken mit, höhere Windräder an der Küste und auf See fahren höhere Stromerträge ein. Die Windkarten des Wetterdienstes zeigen auch, dass in den Mittelgebirgen und im Alpenraum zahlreiche denkbare Standorte für Windräder ungenutzt sind.

    In diesem Jahr hat der DWD die Auswirkungen des Klimawandels auf die Bauwirtschaft untersucht. Auf die Branche kommt ein erheblicher Auftragsschub zu. Gebäude und Straßen müssen Hitzeperioden ebenso standhalten wie lang anhaltenden Regenfällen oder einer dicken Schneedecke. Damit steigend die Anforderungen an das Baumaterial sowie die Belüftung oder Isolierung von Gebäuden. Dächer müssen windfest gebaut, Keller stärker abgedichtet werden. Auch die Stadtplaner sind laut DWD gefordert. So müssen die Kommunen in Ballungsgebieten mit zeitweiligen Hitzestaus rechnen, wenn die Temperaturen im Sommer auf Extremwerte steigen. Dagegen hilft die Änderung der Bauweise von Gebäuden, aber auch die Einrichtung von Frischluftschneisen in den Wohnquartieren. Im Straßenbau hält der DWD Beton für den kommenden Baustoff, weil der herkömmliche Asphalt zu wärmeempfindlich ist. Die Bauleute selbst werden auch mehr zu tun haben. Denn die Zahl der Schlechtwettertage, an denen die Arbeit ruht, geht nach Einschätzung der Klimaforscher stark zurück.

  • Mehr Zuckerbrot als Peitsche

    Die Euro-Länder bauen den Rettungsschirm stark aus. Das sind die wichtigsten Punkte der Einigung:

    Griechenland wird finanziell geholfen

    Die Hellenen sind bald rund 20 Prozent ihrer Schulden von 340 Milliarden Euro los. Dafür sorgen ein zweites Rettungspaket sowie der Umtausch von Staatsanleihen durch private Banken. Das Paket umfasst 110 Milliarden Euro. Mit einem Teil des Geldes bedient Athen seine Zahlungsverpflichtungen bis Ende 2014. Die Griechen können eigene Anleihen stark unter dem Nennwert zurückkaufen. Das senkt die Last der Staatsschulden. Ein zweiter Weg führt über den den Euro-Krisenfonds EFSF, der von allen Eurostaaten gemeinsam getragen wird. Der Fonds tauscht griechische Anleihen gegen eigene Wertpapiere aus, ebenfalls unter dem Nennwert. Das verringert den Schuldenberg ebenfalls. Außerdem werden die Rückzahlungsfristen für die Griechen gestreckt und der zu zahlende Zinssatz von 4,5 Prozent auf 3,5 Prozent verringert.

    Private Gläubiger werden beteiligt

    Der europäische Bankenverband hat eine Beteiligung der Geldwirtschaft an der Rettungsaktion versprochen. Die Banken wollen griechische Anleihen im unter ihrem Nennwert verkaufen und damit einen Milliardenverlust hinnehmen. Zudem werden die Gläubiger langfristige Anleihen gegen Papiere des EFSF eintauschen und dabei ebenfalls auf Gewinne verzichten. Im Gegenzug erhalten sie dafür allerdings Anleihen des Rettungsfonds, die extrem sicher sind, weil alle Euroländer gemeinsam dafür bürgen. Das Gesamtvolumen der Bankenbeteiligung wird auf rund 50 Milliarden Euro taxiert.

    Ein europäischer Währungsfonds

    Der Rettungsfonds EFSF erhält weitere Befugnisse. Die Einrichtung dürfen künftig Anleihen von Schuldenstaaten auf dem freien Markt kaufen. Zudem kann der Fonds anderen Problemstaaten vorsorglich Kreditlinien einräumen. Damit soll Spekulanten der Boden für Angriffe gegen ein Land entzogen werden. 440 Milliarden Euro hat der EFSF zur Verfügung. Im Herbst soll daraus der endgültige Rettungsschirm für den Euro per Vertrag der Staaten untereinander eingerichtet werden. Dann muss der Bundestag den in Brüssel getroffenen Vereinbarungen zustimmen. Gerade in Deutschland gab es bisher große Vorbehalte gegen das nun abgesprochene Vorgehen. Denn aus der Währungsgemeinschaft wird nun auch im Falle Griechenlands wenigstens teilweise auch eine Haftungsgemeinschaft. Geht Athen endgültig pleite, müssen die anderen Euroländer für einen großen Teil der Schulden gerade stehen.

    Marshallplan für Griechenland

    Die Regierungschefs wollen die Hellenen bei der Wiederankurbelung ihrer Wirtschaft helfen. Wie diese Hilfe genau aussehen wird, ist noch nicht bekannt. Bundeskanzlerin Angela Merkel will, dass sich die deutsche Industrie dort engagiert. Deren Spitzenverband hat auch schon eine Investorenkonferenz angekündigt. Außerdem wird die Wirtschaft Griechenlands durch eine stärkere Ausnutzung der europäischen Gemeinschaftsangebote gestützt. Experten der EU helfen dem Land zudem bei der Privatisierung bisheriger Staatsunternehmen. Hilfe ist auch bitter nötig. Das harte Spardiktat hat die Konjunktur zusammenbrechen lassen. Im vergangenen Jahr schrumpfte die Wirtschaft um 4,5 Prozent, in diesem Jahr noch einmal um vier Prozent. Das bedeutet geringere Staatseinnahmen und noch weniger Chancen für eine Trendwende bei den Schulden. Die Abwärtsspirale soll nun unterbrochen werden.

    Teuer für die deutschen Steuerzahler

    Mit dem Austausch von griechischen Anleihen gegen die vom EFSF herausgegebene wandert ein Teil der Schuldverpflichtungen Griechenlands herüber zur gesamten Eurogemeinschaft. Das ist eine erste Variante des so genannten Euro-Bonds, bei dem alle Länder für Schulden einzelner in die Haftung gehen. Deutschland ist mit Garantiezusagen für den Fonds mit höchstens 190 Milliarden Euro in der Pflicht. Erst wenn eines der Problemländer am Ende doch Pleite geht oder es zu Umschuldungen kommt, müsste die Bundesregierung Geld abschreiben. Wie teuer es am Ende wird, weiß auch die Bundeskanzlerin nicht. „Das kann im Moment nicht gesagt werden“, räumt Angela Merkel ein.

    Wie Ökonomen die Beschlüsse beurteilen

    Die ersten Reaktionen der Fachleute fielen unterschiedlich aus. Banken und Versicherungen sowie die Akteure an den Finanzmärkten begrüßten die weitreichenden Brüsseler Beschlüsse. Die Berliner Ökonomen Christian Dreger und Ansgar Belke von Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) sehen dagegen noch kein Ende der Schuldenkrise. „Der Schuldenschnitt ist unzureichend“, sagt Dreger, der eine Abwertung der griechischen Anleihen um die Hälfte und eine zwangsweise Beteiligung der Banken für richtig hält. Die Hellenen würden angesichts der schwachen Wirtschaftsentwicklung nicht in der Lage sein, den Schuldendienst wieder aufzunehmen. Außerdem befürchtet das DIW, dass alle Euro-Länder für die Schuldenstaaten in die Gesamthaftung gehen und sich damit die Reformanreize für die Schuldenstaaten verringern. Das könne am Ende wieder zu einer Ausweitung der Schuldenkrise auf weitere Länder führen, sorgt sich Dreger.

  • Sommer, Sonne, Geld verdienen

    Wer auf den letzten Drücker einen Ferienjob sucht, hat gute Chancen. Zahlreiche Betriebe stellen kurzfristig ein

    Endlich Sommerferien! Viele Schüler und Studenten freuen sich über die freie Zeit und nutzen sie, um auszuspannen. Andere ergreifen die Gelegenheit und bessern ihr Taschengeld  mit einem Ferienjob auf. Zwar haben die Ferien schon begonnen, doch auch wer sich kurzfristig nach einer Stelle umsieht, hat gute Karten.

    „In diesem Jahr werden wieder mehr Ferienjobs angeboten als in den Jahren zuvor“, beobachtet Paul Ebsen, Pressesprecher bei der Bundesagentur für Arbeit (BA) in Nürnberg. Das liege an der guten wirtschaftlichen Entwicklung. Branchen, die besonders viele Ferienjobs anbieten, kennt Ebsen nicht. So sucht die Metallbranche ebenso nach jungen Helfern wie das Hotel- und Gaststättengewerbe.

    Prospekte verteilen, Babysitten oder im Eiscafé aushelfen: Das sind klassische Ferienjobs für Schüler. Studenten gehen eher kellnern, geben Nachhilfe oder arbeiten als Promoter und bringen Werbung unters Volk. Wer Glück hat, ergattert einen etwas außergewöhnlicheren Job. Da gibt es den Gametester, der neue Spiele für Computer oder Videokonsolen auf Herz und Nieren prüft, bevor sie auf den Markt kommen.

    Animateure arbeiten dort, wo andere Urlaub machen. Und Promilletester jobben dann, wenn andere ausgelassen feiern. Im Auftrag von privaten Dienstleistungsunternehmen führen sie mobile Promilletests durch. Ein Job, der für Stimmung sorgt, urteilt das Online-Portal nebenjob.de. „Die verschiedenen Jobmöglichkeiten, die als Ferienjob angeboten werden, sind im Grunde ebenso vielseitig, wie die Zahl der Arbeitgeber vor Ort“, meint Rainer Wolf, der Geschäftsführer der Internetplattform.

    Wer einen Ferienjob sucht, sollte sich auf jeden Fall bei Freunden, Bekannten und Verwandten erkundigen. „Die persönliche Empfehlung hat größere Chancen“, urteilt Ebsen. Parallel sei es ratsam, Firmen direkt anzuschreiben. „Bei der Suche sollten sich die Mädchen und Jungen auf ihre Neigungen und Stärken konzentrieren“, so der BA-Sprecher.

    Ein Blick in die Tagespresse oder auf verschiedene Internetplattformen kann ebenso nicht schaden. Aussicht auf Erfolg verspricht auch das herkömmliche Klinkenputzen. „Wer einen Ferienjob sucht, muss nicht unbedingt das Internet oder die Tageszeitungen durchforsten, sondern kann ganz entspannt beim nächsten Stadtbummel quasi nebenbei Ausschau nach einem Ferienjob halten“, meint Portal-Chef Wolf.

    Vor Ort nachfragen, das hält auch Stefanie Heckel, Pressesprecherin beim Deutschen Hotel- und Gaststättenverband (DEHOGA), für eine gute Idee. „Im Hotel- und Gaststättengewerbe zählt nach wie vor der persönliche Kontakt“, sagt sie. Nicht jedes kleine Café oder Wirtshaus schreibe offene Stellen im Internet aus oder schalte Print-Anzeigen.

    Von einem Ferienjob profitieren Jugendliche im Übrigen nicht nur finanziell. „Wer in den Ferien arbeitet, sammelt Berufserfahrungen und knüpft persönliche Kontakte zum Unternehmen“, so Kerstin Fickus, Pressesprecherin der Regionaldirektion Stuttgart der Arbeitsagentur. Dieser Bonus macht sich später eventuell bezahlt – bei der Arbeits- oder Ausbildungsplatzsuche. Kennt die Firma den Bewerber, kann das für ihn von Vorteil sein.

  • Ein Blick in die Karten

    In der Ferienzeit ist die Girokarte besonders wichtig. Mit ihr können sich Reisende an fremden Orten mit Bargeld versorgen. Doch nicht alle Karten funktionieren überall. Wer auf Nummer Sicher gehen will, erkundigt sich bei seiner Bank, ob er am Urlaubsort

    V PAY für die EU:
    Ziert das Logo „V PAY“ die Girokarte (früher EC-Karte), können Halter damit innerhalb der Europäischen Union und in  einigen anderen Ländern wie der Schweiz oder der Türkei Geld abheben oder im Geschäft damit bezahlen. An mehr als 370.000 Geldautomaten und bei mehr als sieben Millionen Händlern steht V PAY zur Verfügung. Banken in Belgien, Bulgarien, Deutschland, Frankreich, Italien, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz werden in Zukunft auf die neue Technologie setzen.

    Hierzulande hat die Postbank inzwischen alle Girokarten mit V PAY ausgestattet. „Die Karten basieren auf einer neuen Chip-Technologie, die fälschungssicher ist“, meint Tanja Beller, Sprecherin beim Bundesverband deutscher Banken. Nicht alle Händler können die Chips der V-PAY-Karten jedoch lesen. Nur mit dem entsprechenden Kassensystem klappt die Zahlung. Erst kürzlich erreichten die Verbraucherzentrale NRW zahlreiche Beschwerden. Auch die WDR-Sendung Markt berichtete von Problemen an holländischen Tankstellen. Einer Stichprobe zufolge funktionierte bei jedem fünften Händler die V-PAY-Karte nicht. Im fernen Ausland streiken die neuen Karten gänzlich.

    Maestro für die ganze Welt:
    Im Gegensatz zu V PAY erlaubt Maestro das Geldabheben und den bargeldlosen Einkauf weltweit. Allein auf eine Karte sollten Urlauber dennoch nicht setzen. „Vor allem auf Fernreisen sollten Verbraucher zusätzlich eine Kreditkarte mitnehmen“, so Banken-Sprecherin Beller.

    Tückisch mit Magnetstreifen:
    Wer seine Girokarte beim Einkauf zückt, zahlt häufig mit Chip und PIN. Ab und an muss auch der Magnetstreifen auf dem Plastikkärtchen aushelfen. „Bestätigen Kunden ihren Einkauf anstelle mit PIN mit Unterschrift, kommt der Magnetstreifen zum Einsatz“, erläutert Michaela Roth, Pressesprecherin beim Deutschen Sparkassen und Giroverband (DSGV). Wirklich sicher ist der dunkle Balken aber nicht: Betrügern macht er das Kartenfälschen leicht. Sie lesen die darauf enthaltenen Daten ab und fertigen Dubletten an. Innerhalb der EU erkennen Geldautomaten die geklonten Karten. Im außereuropäischen Ausland werden Fälschungen allerdings zunehmend eingesetzt.

    Darauf haben einzelne Banken –darunter zum Beispiel Deutsche und Berliner Bank – reagiert. Zur Sicherheit haben die Institute Auslandsverfügungen außerhalb Europas auf Null gesetzt. Das heißt: Kunden, die in den USA oder in Thailand Geld abheben möchten, gehen leer aus. Dem Urlaub tut das Ganze aber dennoch keinen Abbruch. Mit einem Anruf bei der Service-Hotline können Reisende die Auslandsverfügung frei schalten lassen. Die Nummer steht auf dem Kärtchen.

    Zukünftig mit Funk:
    Schon heute erlauben einige Girokarten (EC-Karten) kontaktloses Bezahlen. Kunden halten die Karte nah an ein Terminal im Supermarkt oder der Tankstelle, die entsprechenden Daten werden per Funk übertragen – schon ist bezahlt. Ein besonderer Chip macht das möglich. Erste Kontaktlos-Projekte haben zum Beispiel die Sparkassen etwa in der BayArena in Leverkusen gestartet. Weitere sollen folgen. Und ab 2012 sollen alle 45 Millionen Girokarten der Sparkassen mit der neuen Technologie ausgestattet sein.

    Wie sicher die neuen Karten sind, wird sich zeigen. Norbert Pohlmann, Professor für Internetsicherheit an der Fachhochschule Gelsenkirchen, sieht bei der neuen Generation von kontaktlosen EC-Karten kaum Gefahren. Es gebe genügend gute und sichere Standards, sagte er gegenüber der Welt.

  • Mehr Klarheit und Wahrheit bei Lebensmitteln

    Verbraucher können sich über irreführende Produktverpackungen beschweren

    , Ein neues Internetportal klärt über täuschende Aufmachung von Nahrungsmitteln auf. Verbraucherministerin Ilse Aigner sieht schon vor dem Start erste Erfolge.

    Hähnchenbrustfilet, das sich als Klebefleisch entpuppt oder Kalbswiener fast nur aus Schweinefleisch – mit Namen oder Aufmachung führt die Lebensmittelindustrie ihre Kunden immer wieder hinters Licht. Derlei Täuschungen will das lange umstrittene Internetportal „Klarheit und Wahrheit“ von nun an öffentlich nennen. Zum Start wurden 22 Beschwerden über Nahrungsmittel auf die Webseite mit der Adresse www.lebensmittelklarheit.de gestellt, die allerdings unmittelbar danach erst einmal zusammenbrach.

    Auf der Webseite können sich Verbraucher über irreführend aufgemachte Lebensmittel beschweren. Fachleute der hessischen Verbraucherzentrale prüfen die Vorwürfe und holen dazu eine Stellungnahme des Herstellers ein. Bleibt es beim Eindruck, dass Kunden getäuscht werden, werden sowohl der Markenname als auch der Produzent öffentlich genannt. „Es ist hilfreich zu sehen, wo den Verbrauchern der Schuh drückt“, sagt Fachministerin Ilse Aigner (CSU), die aus der Internetdebatte auch Rückschlüsse für Gesetzesänderungen ziehen will.

    Die Industrie hat sich bis zuletzt gegen die Veröffentlichung gewehrt und sieht sich an den Pranger gestellt. Auch halten die Hersteller das Portal für rechtswidrig. „Ich lade jeden ein, gegen uns zu klagen“, weist der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv), Gerd Billen, die Vorwürfe zurück. Aigner und Billen sehen sich auch durch die Konstruktion der Initiative auf der rechtlich sicheren Seite. Die Bundesregierung hat zwar den Anstoß dazu gegeben, doch fördert sie nur eine Aktion der Verbraucherzentralen, die damit auch rechtlich für die Inhalte verantwortlich sind. 750.000 Euro gibt es für zwei Jahre.

    An Beispielen für die Verkaufstricks der Nahrungsmittelindustrie mangelt es schon zu Beginn nicht. Kaffeeröster Onko landete zum Beispiel auf dem Portal, weil er klammheimlich aus seinem hundertprozentigem Kaffee mit dem Label „klassisch“ eine mit Ersatzstoffen versetzte Melange kreiert hat, was dem Kunden nur bei genauer Betrachtung der Packungsaufschrift auffällt.Über die Firm Iglo beschwerten sich Kunden, weil es sich bei den appetitlich abgebildeten Hähnchenbrüsten beim „Country Cicken mit Honig-Senf-Marinade“ nicht um zusammenhängende Filets handelt, sondern um geklebte Fleischstücke. Die Firma hat auf den Täuschungsvorwurf schon reagiert. Das Produkt werde aus dem Programm genommen, kündigten die Hamburger an. Auch Onko ist zum „echten“ Kaffee zurückgekehrt. Die Reaktionen wertet Aigner als erste Erfolge des Portals.

    Die Verbraucherschützer nehmen neben einzelnen Produkten auch gängige, aber irreführende Produktbezeichnungen aufs Korn. In diesen Fällen werden die Waren ohne Herstellerzuordnung ins Netz gestellt. Ein Beispiel ist der Schwarzwälder Schinken, der den Eindruck eines regionalen Produktes erweckt. „Nicht ein Schwein hat den Schwarzwald gesehen“, stellt Billen fest. Die Bezeichnung bezieht sich eben nicht auf die Herkunft der Rohware, sondern auf das Herstellungsverfahren für den Schinken.

    Ministerin Aigner räumt ein, dass es hier rechtliche Grauzonen gibt. Eine gesetzliche Klarstellung des Erlaubten, wie es ihre Kritiker fordern, ist jedoch mitunter schwierig. Darf zum Beispiel in Kalbswienern nur Kalbfleisch sein? Ähnlich schwierig ist die Abgrenzung bei der Zutat Hefeextrakt. Einerseits verdeckt die Industrie die Verwendung eines Geschmacksverstärkers, andererseits ist die Hefe ein in vielen Rezepten üblicher Bestandteil.

  • Guter Anfang

    Kommentar

    Nur Transparenz verhilft Verbrauchern gegenüber Unternehmen zu etwas mehr Waffengleichheit. Deshalb ist die Initiative zur öffentlichen Nennung von Tricksern und Täuschern in der Lebensmittelindustrie richtig. Die Wirtschaft klagt zu Unrecht über einen Internetpranger. Wer korrekt mit seinen Kunden umgeht und die Konsumenten nicht hinters Licht führt, hat hier nichts zu befürchten. Auch die Warnung vor Kampagnen durch Konkurrenzunternehmen ist nicht haltbar. Beschwerden werden sorgfältig geprüft, bevor Ross und Reiter sich mit Namen auf der Liste der schwarzen Schafe wiederfinden.

    Bei allem Fortschritt für die Konsumenten werden dem Kampf gegen irreführende Produktwerbung nicht alle Probleme beseitigt. Viele Hersteller erwecken auf ganz legale Weise einen falschen Eindruck bei den Konsumenten. Hier sollten in der Lebensmittelgesetzgebung Abgrenzungen vorgenommen werden, die dem Erwartungsmuster einer großen Mehrheit der Kunden entspricht. Sind auf der Joghurt-Verpackung beispielsweise Erdbeeren abgebildet, sollte der Anteil dieser Früchte auch zwingend nennenswert hoch sein. Ebenso darf der Kunde in Kalbswürstchen schon mehrheitlich Fleisch dieses Tieres erwarten. Ein bis ins letzte Detail gehender Regelungsbedarf besteht indessen nicht. Von den Verbrauchern kann schon erwartet werden, dass sie einen Blick auf die Zutatenliste werfen. Da steht jetzt schon alles drauf.

    Moderner Verbraucherschutz regelt nicht alles bis ins Kleinste. Immer wichtiger wird die gute und wahrheitsgemäße Information der Konsumenten. Das Klarheitsportal ist ein guter Anfang, dem weitere Transparenzinitiativen folgen müssen. Smileys für saubere Restaurants oder bessere Herkunftsangaben bei Lebensmitteln wären weitere Handlungsfelder. Wer genug weiß, kann richtige Entscheidungen treffen und sich für dieses oder jenes Angebot entscheiden. Den Rest besorgt der Markt.

  • Trotz Aufschwung weniger Lohn

    Vor allem Niedrigverdiener mussten im letzten Jahrzehnt kräftige Einbußen hinnehmen / Forderung nach Mindestlöhnen wird lauter

    Bei den Arbeitnehmern ist die gute wirtschaftliche Entwicklung der letzten Jahre nicht angekommen. Das ergab eine Auswertung der Einkommensentwicklung durch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Danach mussten die Niedriglohngruppen sogar heftige Einbußen bei der Kaufkraft hinnehmen. Bereinigt um die Teuerungsrate sanken hier die Nettoeinkommen um bis zu 22 Prozent. Nur in der Spitzengruppen der Angestellten ging es aufwär

    DIW-Forscher Markus Grabka hat die jüngsten Ergebnisse des sozioökonomischen Paneels ausgewertet. In dieser mit jährlich 20.000 Befragten größten Untersuchung der Befindlichkeiten der Deutschen wird auch nach dem Verdienst gefragt. Die Ergebnisse hat das DIW auf die rund 35 Millionen abhängig Beschäftigten hochgerechnet. Die realen Nettogehälter gingen danach zwischen 2000 und 2010 um durchschnittlich 2,5 Prozent nach unten.

    Ein Blick auf die Verteilung der Gewinne oder Verluste beim Lohn zeigt große Unterschiede zwischen den Arbeitnehmern. Bei den zehn Prozent der Beschäftigten in der niedrigsten Gruppe ging der Durchschnittsverdienst von 270 Euro auf 211 Euro zurück. Starke Einbußen mussten die untere Hälfte der Einkommenbezieher auf breiter Front hinnehmen. Erst ab einem Gehalt von rund 1.400 Euro blieben die Verdienste stabil oder stiegen sogar leicht. „Bei den oberen Dezilen kann man eine Verlagerung zu Sonderzahlungen sprich Boni
    feststellen, die hier in dieser Analyse nicht enthalten sind“, erläutert Grabka. Mit anderen Worten nimmt die Lohnspreizung weiter zu.

    Mit der Wirtschaftsentwicklung hängt die Einkommensentwicklung offenkundig nicht mehr so eng zusammen. Denn innerhalb des letzten Jahrzehnts gab es einen kräftigen Zuwachs der Wirtschaftsleistung. „Bei den meisten Erwerbstätigen ist von dem Wirtschaftswachstum nichts angekommen“, stellt Grabka fest.

    Vor allem die Ausweitung des Niedriglohnbereichs mit vereinfachten Minijobregelungen wird zu einem Verteilungsproblem. Mittlerweile zählen 6,5 Millionen Beschäftigte zu den Geringverdienern, die im Westen weniger als neun und im Osten weniger als sieben Euro in der Stunde erhalten. „Dort ist die Verhandlungsposition der Beschäftigten am schlechtesten“, beobachtet Reinhard Bispinck vom gewerkschaftsnahen WSI-Tarifarchiv der Böckler-Stiftung. Die einfachen Tätigkeiten sind oft gar nicht tarifvertraglich abgesichert. Das erschwert die Durchsetzung höherer Löhne zusätzlich. Bei einem 400-Euro-Jobber müsste eine allgemeine Tariferhöhung zum Beispiel zu kürzeren Arbeitszeiten für das gleiche Geld führen. Doch in der Praxis kann kaum ein Minijobber diese Forderung durchsetzen.

    Auch der vielfach beschworene Fachkräftemangel hat bisher kaum zu Bewegung bei den Löhnen geführt. Bispinck sieht nur vereinzelte Reaktionen der Arbeitgeber, zum Beispiel in der Holz- und Kunststoffverarbeitenden Industrie. „Hier wurden die Ausbildungsvergütungen um bis zu 25 Prozent angehoben“, berichtet der Experte. Doch wenn es wirklich einen Facharbeitsmangel gäbe, müssten Lohnsteigerungen auf breiter Front stattfinden. Das sieht das WSI derzeit nicht. Nach Bispincks Berechnungen steigen die Bruttogehälter in diesem Jahr um durchschnittlich zwei Prozent. Da die Teuerungsrate höher ist, werden die Arbeitnehmer wohl auch 2011 mit Reallohnverlusten klar kommen müssen.

    Bispinck spricht sich für einen einheitlichen Mindestlohn aus. So könnten die Niedriglöhner vor weitere Verlusten geschützt werden. Die Grünen unterstützen diese Forderung. Die Partei fordert von der Bundesregierung ein Programm gegen Lohnarmut. Dazu gehören neben dem Mindeslohn eine Neuregelung der Minijobs, die gleiche Bezahlung von Leiharbeiter und Kernbeschäftigten sowie die Entlastung unterere Lohngruppen bei den Sozialabgaben.

  • Zu wenig für zu viele

    Kommentar

    Die Lohnentwicklung in Deutschland sollte Anlass zum Umdenken sein. Denn die Reformen am Arbeitsmarkt, so sinnvoll sie im Grundsatz auch waren, zeitigen eine unerwünschte Nebenwirkung. Es sind zwar viele neue Jobs entstanden und die Arbeitsmarktstatistik fällt so gut aus wie schon sehr lange nicht mehr. Doch der Preis ist für viele Betroffene hoch. Immer mehr Beschäftigte bekommen nur schlecht bezahlte Stellen. Sie sind trotz Arbeit arm dran. Das wäre unter der Bedingung hinnehmbar, dass sie sich beruflich verbessern können und die Löhne mit der allgemeinen Wirtschaftskraft Schritt halten. Das Gegenteil ist der Fall. Die ohnehin kargen Entgelte sinken und die Schere zwischen den gut ausgebildeten Fachkräften und den Ungelernten öffnet sich weiter, sowohl in Bezug auf ihr Einkommen als auch bei den Aufstiegschancen.

    Es gibt mehrere Ansätze für eine Korrektur. Ein flächendeckender Mindestlohn kann die Auswüchse am unteren Rand des Arbeitsmarktes eindämmen. Allein können Minijobber oder Hilfsarbeiter keine besseren Bedingungen durchsetzen. Da sich das Geschehen meist im tariffreien Raum abspielt, bleibt nur der Staat als Schutzpatron vor Ausbeutung. Ein zweiter Gedanke wäre die Abkehr von der Lohnzurückhaltung der vergangenen Jahre. Andere Länder zeigen, dass damit auch der Konsum als Stütze der Konjunktur gestärkt wird. Die einseitige Ausrichtung der deutschen Wirtschaft auf den Export hat schon in der Finanzkrise für dramatische Einbrüche gesorgt, als die Weltwirtschaft in Agonie verfiel. Diese Anfälligkeit könnte eine starke heimische Kaufkraft verringern. Drittens schließlich fehlt es an Aufstiegschancen, also Bildungsangeboten, für jene Arbeitnehmer, die aus ganz unterschiedlichen Gründen nur gering bezahlte Tätigkeiten finden. Heute kann sich kaum jemand aus eigener Kraft aus dem Tal herausarbeiten. Mehr soziale Durchlässigkeit birgt das größte Potenzial gegen Armut trotz Arbeit.

  • Die Woche der Entscheidung für den Euro

    Am Donnerstag wollen die Euro-Regierungen eine langfristige Lösung für Griechenland finden

    An diesem Donnerstag treffen sich die 17 Regierungschefs der Euro-Zone zum Krisengipfel. Am Ende des Tages soll ein langfristig wirksames Rettungspaket für Griechenland stehen. „Das ist Neuland“, verteidigte Angela Merkels Sprecher Steffen Seibert die immer wieder neuen Versuche, eine unkontrollierte Reaktion der Finanzwelt auf eine drohende Pleite der Hellenen zu verhindern. Die Kanzlerin rechne mit einer Lösung in dieser Woche. Der Druck auf die Regierung steigt. Immer mehr Experten fordern einen Schuldenschnitt für Griechenland. Anders sei das Problem nicht lösbar. In diese Gruppe gehören Mitglieder des Sachverständigenrats der Bundesregierung ebenso wie Der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI). Merkel lehnte einen Teilerlass bisher ab. Sie fürchtet ein Ende der eigenen Bemühungen krisengeschüttelter Länder, wenn sie auf einen Schuldenschnitt hoffen können. Auch die Bundesbank ist dagegen.

    Worauf laufen die Diskussionen der Euro-Experten also hinaus? Verschiedene Modelle werden derzeit diskutiert. Eines haben sie gemeinsam: Jedes birgt auch Risiken für die europäischen Steuerzahler.

    Griechenland kauft seine Anleihen selbst zurück:

    Das Land erhält Geld vom Euro-Rettungsfonds EFSF. Damit erwerben die Griechen an der Börse oder direkt von seinen Gläubigern früher herausgegebene Staatsanleihen. Da die Lage so prekär ist, werden diese Papiere gerade einmal mit der Hälfte ihres Nennwertes gehandelt. Praktisch könnte Athen also für 500 Euro Anleihen im Nennwert von 1000 Euro kaufen und seine Schuldenlast bei diesen Titeln halbieren. Vorteile bringt dieser Weg, weil die privaten Gläubiger, die ihre Anleihen zu niedrigen Preis abgeben, damit an den Kosten der Umschuldung beteiligt werden. Doch dieser Weg hat einen Haken. Die Hellenen bräuchten zusätzliche Mittel aus dem EFSF.

    Der Rettungsfonds kauft griechische Anleihen:

    Auch die Euro-Retter könnten aus Käufer der griechischen Schuldpapiere auftreten und die Anleihen zum derzeit niedrigen Preis am Markt erwerben. Damit sinkt die Schuldenlast Griechenlands, ohne dass die Rating-Agenturen das Vorgehen als Zahlungsausfall bewerten würden. Denn dies hätte nach Meinung vieler Experten kaum kalkulierbare Folgen für das Weltfinanzsystem. Das Risiko dieser Lösung besteht in einer faktischen Pleite Griechenlands. Dann bliebe der EFSF und am Ende die Gemeinschaft der Steuerzahler auf den Ausfällen sitzen.

    Die so genannte deutsche Lösung:

    Die privaten Investoren lassen sich dabei freiwillig auf längere Laufzeiten der griechischen Anleihen ein und beteiligen sich so an den Kosten der Rettung. Die Idee hat den Nachteil, dass die Ratingagenturen dies als Zahlungsausfall werten könnten.

    Schuldenschnitt mit Bonitätsanreiz:

    Ein Schuldenschnitt wäre ebenfalls denkbar. Dabei tauscht der Rettungsschirm griechische Staatsanleihen zum niedrigen Marktpreis gegen eigene Anleihen zu eben diesem Preis aus. Da der Rettungsschirm von allen Euroländern getragen wird, ist seine Bonität viel besser. Die Gläubiger erhalten also für schlechte Papiere gute Wertanlagen. Das soll ihnen die Verluste schmackhaft machen. Dieses Modell schlagen die Wirtschaftsweisen aus Deutschland vor. Die Frage ist, ob die Banken und Versicherungen freiwillig mitmachen würden. Das Risiko verlagert sich bei diesem Vorschlag auf jeden Fall auf alle Euroländer.

    Die Bankenabgabe:

    Inoffiziell wurde auch eine Bankenabgabe ins Gespräch gebracht. Damit würden die Banken an den Krisenkosten beteiligt. Die Idee hat einen Nachteil. Es werden auch Institute betroffen, die gar kein Geschäft mit Griechenland getätigt haben. Die SPD hat einen eigenen Vorschlag. Sie will eine europaweite Finanztransaktionssteuer für Börsengeschäfte einführen und damit die wirtschaftliche Wiederbelebung Griechenlands finanzieren.

    Worum geht es noch?

    Am Donnerstag wollen die Regierungschefs sich auf ein neuerliches Rettungspaket einigen.Es wird 120 Milliarden Euro umfassen. Damit müssen sich die Griechen auf absehbare Zeit nicht mehr um die Finanzmärkte kümmern. Außerdem mehren sich die Stimmen für weitere EU-Hilfen, die der Wirtschaft des Landes auf die Beine helfen soll. Sowohl der BDI als auch die SPD sehen die Notwendigkeit einer Wiederaufbauhilfe für Griechenland, wie nach dem Krieg für Deutschland.

  • „Prävention ist ganz wichtig“

    Bewegungsmangel macht aus unseren Kindern ungeschickte Couchkartoffeln. Das sagt Klaus Rodens, Landesvorsitzender des Bundesverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Im Interview fordert der Mediziner mehr Engagement für unseren Nachwuchs.

    Mandy Kunstmann: Herr Rodens, selbst angehende Sportstudenten haben heute Probleme mit einer einfachen Rolle vorwärts. Wie erklären sie das?

    Klaus Rodens: Das hat etwas mit der Bewegungsbiografie der jungen Männer und Frauen zu tun. Sie wurden in ihrem Leben mit viel weniger Bewegung konfrontiert als junge Leute Jahrzehnte zuvor. Sie sind Kinder unserer Medienkonsumgesellschaft.

    Kunstmann: Sind die Eltern schuld daran, dass der Nachwuchs zu fernsehglotzenden Couchkartoffeln verkommt?

    Rodens: Die häusliche Situation spielt eine große Rolle. Das Gewicht hat auch immer etwas mit Schichtzugehörigkeit zu tun. Übergewichtige Kinder findet man häufiger in Familien, die auf Hartz IV angewiesen sind. Aber auch Kinder von Doppelverdienern sind gefährdet. Viele Eltern können heute gar nicht mehr die Zeit aufbringen, um mit dem Sohn auf den Bolzplatz zu gehen oder für die Familie gesund zu kochen.  

    Kunstmann: Sind unsere Kinder heute anfälliger für Unfälle, weil sie nicht fit sind?

    Rodens: Die Zahl der Unfälle im Haus und in der Freizeit scheint tatsächlich zuzunehmen. Hier sprechen wir aber von kleineren Unfällen. Untersuchungen zeigen, dass eine zunehmende Gewichtsentwicklung mit verminderter Geschicklichkeit einhergeht. Zudem benutzen die Kinder heute gefährlichere Fortbewegungsmittel. Sie fahren Skate statt Rollschuh. Viele Eltern unterschätzen zudem die Gefahren. 

    Kunstmann: Was muss sich ändern, damit unsere Kinder wieder fit werden?

    Rodens: Wir brauchen Bewegungsförderung von Anfang an und überall – zuhause, im Kindergarten und in der Schule. Kitas müssen beispielsweise in die Lage versetzt werden, Kinder kontrolliert in ihrer Bewegung zu fördern. Auch in der Schule muss es mehr Sport geben. Und ebenso sollte der Umgang mit Lebensmitteln schon in der Kita auf der Tagesordnung stehen. Prävention ist ganz wichtig. Einige Krankenkassen haben das erkannt, manche noch nicht. Sie zahlen für zusätzliche Vorsorgeuntersuchungen des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, die auch die Psyche der Kinder und soziale Faktoren im Blick haben.

    Bio-Box: Dr. Klaus Rodens (Jahrgang 1957) ist Kinder- und Jugendarzt. Der Vater von drei Kindern ist Landesvorsitzender des baden-württembergischen Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte. Mit einem Kollegen betreibt er eine Gemeinschaftspraxis in Langenau.

  • Unfälle: So sichern Sie Kinder richtig ab

    Kinder tollen. Kinder toben. Und sie bauen Unfälle. Verletzen sich die Knirpse in der Kita, in der Schule oder auf dem Weg dorthin, springt die gesetzliche Unfallversicherung ein. Für Unfälle zu Hause oder in der Freizeit gilt der Schutz nicht. Deshalb sollten Eltern eine private Unfallversicherung abschließen. Die Police ist nicht teuer, bietet aber keinen Rundumschutz.

    „Die klassische private Unfallversicherung springt ausschließlich bei Unfällen ein“, sagt Thorsten Rudnik vom Bund der Versicherten (BdV). „Policen mit guten Bedingungen sind schon für zehn Euro im Monat zu haben“, sagt er. Eltern sollten unbedingt eine hohe Versicherungssumme von mindestens 200.000 Euro wählen. Und der Vertrag sollte zusätzlich eine so genannte Progression einschließen. Bei schweren Unfällen zahlt der Versicherer dann mehr. Mehr Extras braucht es aber nicht. „Auf Zusatzbausteine wie Tagegeld oder Genesungsgeld können Eltern getrost verzichten“, erläutert Rudnik. Dafür sollten sie darauf achten, dass die Police einspringt, wenn der Dreikäsehoch etwas verschluckt.

    Der private Unfallschutz hat einen Haken: Er gilt ausschließlich für Unfälle. Krankheiten deckt die Police nicht ab. Möchten Eltern ihre Sprösslinge auch dagegen absichern, ist die Kinderinvaliditätsversicherung die richtige Wahl. Sie sollte allerdings nur zusätzlich zur Unfallpolice gewählt werden. Mindestens 20 Euro monatlich kostet ein guter Schutz. „Man sollte darauf achten, dass der Versicherer eine Kapital- und keine Rentenzahlung vorsieht“, erklärt Rudnik. Monatliche Rentenzahlungen könnten im Schadensfall nicht dem Bedarf entsprechen. Erkrankt ein  Kind zum Beispiel so schwer, dass das Haus deswegen umgebaut werden muss, ist auf einen Schlag eine Menge Geld notwendig. Monatliche Beiträge helfen hier wenig.

    Rundum geschützt ist der Nachwuchs jedoch selbst mit einer zusätzlichen Invaliditätspolice nicht. „Fast alle Unternehmen lehnen es ab, Kinder unter einem Jahr zu versichern“, sagt BdV-Experte Rudnik. Auch bestimmte Krankheiten wie psychische Erkrankungen sind häufig ausgeschlossen. 

  • Trügerische Lauflernhilfen

    Auf kleine Kinder lauern zu Hause viele Risiken/ Manche werden unterschätzt

    Mehr als 1,6 Millionen Kinder verunglücken in Deutschland jedes Jahr so schwer, das sie von einem Arzt behandelt werden müssen. Fast die Hälfte von ihnen verletzt sich zuhause und in der Freizeit. Besonders kleine Sprösslinge bis zu einem Alter von vier Jahren sind gefährdet. Viele Unfälle passieren, weil Eltern oder Großeltern die Gefahren unterschätzen. Wir erklären, wo im Haus verkannte Risiken auf die Kleinen lauern.

    Lauflernhilfen:
    Sie heißen „Gehfrei“, „Babywalker“, „Lauflernschule“ oder „Lauflernhilfe“ und kommen meist farbenfroh daher. Und: Sie gefährden kleine Kinder mehr, als dass sie ihnen nützen. Etwa 6000 Kinder pro Jahr, das schätzt der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte, erleiden Unfälle mit Babywalkern. Sie versuchen beispielsweise aus der Lauflernhilfe herauszuklettern und stürzen ab. Häufig verletzen sie sich dabei am Kopf. „Eltern und Großeltern, die glauben, sie tun ihrem Nachwuchs etwas Gutes, wenn sie ihnen derartige Geräte schenken, täuschen sich“, sagt Dr. Jörg Schriever vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte.

    „Solche Produkte muss es nicht geben“, sagt auch Martina Abel, die Geschäftsführerin der Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Mehr Sicherheit für Kinder. Erst kürzlich, so Abel, sei wieder ein Baby aus einer Lauflernhilfe gefallen. Das Dramatische: Das sechs Monate alte Kleinkind stürzte in einen mit Wasser befüllten Putzeimer und wäre beinahe ertrunken.

    Kanada hat die Gefahr erkannt und Lauflernhilfen aus den Läden verbannt. Solch ein Verbot wünscht sich Verbandschefin Abel auch für Deutschland. Offensichtlich sei es in Europa jedoch sehr schwierig, die Produkte vom Markt zu nehmen. „Wenn die Produkte der Norm entsprechen, so sind sie rein rechtlich gesehen nicht unsicher“, gibt Abel zu bedenken. Eltern empfiehlt sie, die Hände von den Geräten zu lassen.

    Fenster:
    Typische Sommerunfälle passieren, weil Eltern beim Lüften nicht daran denken, dass der Nachwuchs im Zimmer herumkrabbelt. „Meist sind die Kinder ein bis zwei Jahre alt“, sagt BAG-Chefin Abel. Fensterstürze, meint sie, lassen sich zu hundert Prozent vermeiden: Fenster sollten nur gezielt zum Lüften aufgemacht werden, wobei man sein Kind beaufsichtigen muss. Werden Fensterriegel verwendet, können Kinder die Fenster nicht alleine öffnen.

    Wasser:
    Dass Wasser nicht nur draußen, sondern auch drinnen eine Gefahr darstellt, unterschätzen Eltern häufig. Kinder ertrinken nicht nur im Schwimmbad, in Tümpeln, Teichen oder Seen. Auch in der Wanne gehen sie unter. „Man darf Kinder nicht eine Sekunde in der Badewanne alleine lassen – gerade die unter Dreijährigen“, erläutert Expertin Abel. Bis zum dritten Lebensjahr haben Kinder große Probleme, sich allein aus dem Wasser zu heben, wenn ihr Gesicht unter Wasser gerät. Selbst wenn das Wasser nur wenige Zentimeter tief ist, können sie ertrinken. Das Fatale: Kleine Kinder gehen nahezu geräuschlos unter. Lautes, warnendes Platschen ist Fehlanzeige. Schließlich unternehmen sie keine Selbstrettungsversuche.

    Schlafen:
    Ebenso das Schlafen schätzen Eltern  häufig falsch ein. Ersticken ist die größte Gefahr für Säuglinge im Bettchen. Kopfkissen und große Decken rutschen ihnen beispielsweise über den Kopf und nehmen ihnen die Luft. Anstelle einer Decke sollte daher ein Schlafsack verwendet werden. Das ist sicherer. Kuscheltiere, Spielketten oder Mobiles: Auch diese Dinge bergen Erstickungsgefahr. „Die Bettchen sind oft überbestückt“, beobachtet BAG-Chefin Abel. Je voller das Bett, desto größer sei das Risiko. Ein Schlafsack und ein Kuscheltier genügten.

    Zigaretten:
    Kinder sind neugierig und stecken gerne Dinge in den Mund, die sie mit ihren kleinen Händchen zu greifen bekommen. Handelt es sich dabei um eine Zigarette, kann das extrem gefährlich werden. Viele wissen das nicht. Eine gegessene Zigarette reicht aus, um ein Kind tödlich zu vergiften. Zum Glück sind Vergiftungen durch Tabak selten geworden: Heute rauchen Eltern weniger und  passen besser auf.

    Jungs sind besonders gefährdet:
    Bei fast allen Unfallarten tragen Jungs im Übrigen ein weitaus höheres Risiko als Mädchen. „Sie dürfen mehr ausprobieren, werden aber weniger beschützt“, erläutert BAG-Geschäftsführerin Martina Abel. „Sie sind von ihrem Naturell häufig experimentierfreudiger und haben eine andere Art auf die Welt zuzugehen.“