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  • Kein Recht auf Umtausch

    Beim Warenkauf hält sich ein Gerücht besonders hartnäckig: Wenn mir etwas nicht gefällt, kann ich es innerhalb von 14 Tagen in den Laden zurückbringen und bekomme mein Geld zurück, denken viele Verbraucher. Doch das ist ein Trugschluss. 

    „Ein generelles Umtauschrecht gibt es tatsächlich nicht“, sagt Ulrike Weingand, Juristin bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. „Wird eine Umtauschmöglichkeit vom Händler eingeräumt, so geschieht dies auf Kulanzbasis.“ Allerdings gibt es Ausnahmen. Für bestimmte Verträge wie Fernabsatzkäufe zum Beispiel per Internet oder den Versandhandel oder sogenannte Haustürgeschäfte existiert ein gesetzliches Widerrufsrecht.

    „Innerhalb von zwei Wochen können Kunden vom Widerrufsrecht Gebrauch machen“, sagt Weingand. Die Frist beginne erst mit Erhalt einer korrekten Widerrufsbelehrung und bei Fernabsatzkäufen zusätzlich erst mit Erhalt der Ware. Händler haben allerdings die Pflicht, Kunden über dieses Recht zu informieren – und zwar in Textform, also per Schreiben, Fax oder Email. „Eine mündliche Belehrung reicht auf keinen Fall“, so Weingand. Fehle die Belehrung ganz oder sei falsch, könne der Kunde den Vertrag zeitlich unbegrenzt widerrufen.

    Ausnahmen bestätigen wie immer die Regel: „Für Produkte, die auf den Kunden zugeschnitten sind wie Fotobücher oder individuell bedruckte T-Shirts, gilt das Widerrufsrecht nicht“, sagt Andrea Klinder, Juristin bei der Schlichtungsstelle für elektronischen Geschäftsverkehr. Auch Flugtickets oder Hotelbuchungen seien vom Widerruf ausgeschlossen. Viele wüssten das nicht.

    „Haustürgeschäft“ bedeutet im Übrigen nicht nur, dass der Händler seine Ware direkt vor der Haustür feilbietet. „Auch die sogenannten Kaffeefahrten, die letztlich in eine Verkaufsveranstaltung münden, oder das Ansprechen von Verbrauchern in Fußgängerzonen oder auf anderen öffentlich zugänglichen Plätzen gelten als Haustürgeschäfte“, erläutert Expertin Weingand.

    Trotzdem kann es passieren, dass ein Käufer auf dem Messerset oder dem Lammfellkissen, das er auf der Kaffeefahrt erstanden hat, sitzen bleibt, falls es er es sich im Nachhinein anders überlegt. Für Haustürgeschäfte gilt eine Bagatellgrenze. „Wenn das Messer nicht mehr als 40 Euro gekostet hat und sofort bezahlt wurde“, so Weingand, „kann ich den Kaufvertrag nicht widerrufen.“

  • Auf der Jagd nach dem Handy-Gold

    24 Milligramm Gold stecken in einem durchschnittlichen Mobiltelefon. Doch Millionen dieser Geräte liegen ungenutzt in den Privathaushalten herum. Nachhaltigkeitsrat der Regierung will „100 Prozent Recycling“

    Jedes Handy ist ein kleiner Schatz. Nicht nur, weil man Liebeserklärungen verschicken kann. Es stecken auch 24 Milligramm Gold und 250 Milligramm Silber in einem durchschnittlichen Mobiltelefon. Außerdem Rohstoffe wie Palladium und Tantal, die knapp, schwer zu beschaffen und teuer sind.

    1,3 Milliarden Mobiltelefone wurden 2008 weltweit verkauft, schreibt der Rat für Nachhaltige Entwicklung in seiner neuesten Empfehlung an die Bundesregierung. In dem Gutachten „Wie Deutschland zum Rohstoffland wird“, setzt sich die Beratungskommission dafür ein, künftig „100 Prozent“ der Ressourcen wiederzugewinnen, die in verbrauchten Elektrogeräten und anderen Konsumgütern stecken. Dafür, wie das gehen kann, hat der Rat eine „Roadmap“ entwickelt.

    Gerade das Recycling von elektronischen Geräten, die die seltenen Metalle enthalten, steht noch sehr am Anfang. Hierzulande gibt es zwar die Elektronikschrottverordnung, doch nur den kleineren Teil der verbrauchten Geräte geben die Konsumenten an den richtigen Stellen ab – beim Handel oder bei den kommunalen Recylinghöfen. Die meisten nutzlosen Mobiltelefone, Digitalkameras, Computer, iPod-Stations und USB-Sticks liegen in den Privathaushalten herum oder werden – böse, böse – in die Abfallcontainer geworfen und enden schlimmstenfalls in den Müllverbrennungsanlagen.

    In manchen Städten wollen Entsorgungsunternehmen hier jetzt Abhilfe schaffen. Die Firma Alba in Leipzig oder die Berliner Stadtreinigung (BSR) versorgen die Privathaushalte mit neuen Wertstofftonnen, die den Recycling-Anteil unter anderem bei Elektronik erhöhen sollen. Auch das sind allerdings nur Pilotvorhaben. Erst das neue Kreislaufwirtschaftsgesetz, dessen Kabinettsentwurf gegenwärtig Bundestag und Bundesrat beraten, wird die Wertstofftonne zum Standard machen.

    Der Nachhaltigkeitsrat freilich findet auch das zu wenig. Ratsvorsitzender Hans-Peter Repnik, Ex-Geschäftsführer der Union im Bundestag, spricht sich für „höhere Erfassungsquoten bei strategischen Rohstoffen“ aus. Dem Rat ist nicht nur an ökologischer Nachhaltigkeit gelegen, sondern auch an der Sicherung von Rohstoffen für die deutsche Industrie. „In das laufende Verfahren zum Kreislaufwirtschaftsgesetz“ will Repnik allerdings „nicht eingreifen“. Er plädiert dafür, später einen „neuen Anlauf zu unternehmen“.

    Was soll man davon halten – kann man einem Politprofi glauben, dass er ein Gesetz, das er für wichtig hält, unbeteiligt an sich vorbeiziehen lässt? Repnik als Chef des Rates muss ausgleichend wirken. Die anderen Mitglieder sind da freier. Ziemlich ins Zeug legt sich beispielsweise Eric Schweitzer, Vorstandsmitglied beim Entsorger Alba. Den einzigen Weg, mit der Rohstoffverschwendung Schluss zu machen, sieht Schweitzer darin, den Elektronikproduzenten die komplette „Produktverantwortung“ für ihre Handys, Digicams und iPods zuzuschieben. Soll heißen: Wer herstellt, soll 100 Prozent recyceln. Um das durchzusetzen, müssten Regierung und Bundestag ein besseres Gesetz machen.

    Dass er an der gegenwärtigen Gesetzesberatung großes Interesse hat, bestreitet der Alba-Vorstand nicht. Denn noch hat die Bundesregierung nicht geregelt, ob beispielsweise Mobiltelefone und mit ihnen die teueren Rohstoffe, bald in die bundesweite Wertstofftonne gehören. Damit ist auch nicht klar, welche Unternehmen – öffentliche oder private – die Verfügungsgewalt über tausende Tonnen seltener Metalle bekommen. Die Jagd nach dem Handy-Gold ist noch nicht entschieden.

  • „Wir rufen nicht zum großen Verzicht auf“

    Aber die Deutschen sollten ihr Wohlstandsmodell überdenken, sagt Klaus Töpfer, Chef der Ethikkommission, zur Veröffentlichung des Ausstiegsgutachtens

    Hannes Koch: Die Bundesregierung peilt den Atomausstieg bis zum Jahr 2022 an. Die Ethikkommission hält den Ausstieg dagegen innerhalb von zehn Jahren für machbar, unter bestimmten Bedingungen sogar eher. Will sich die Bundesregierung zu viel Zeit lassen?

    Klaus Töpfer: Die Regierung wird ihr Konzept noch beraten und präzisieren. Unserer Kommission kommt es auf ein festes Datum an. Dieses haben wir mit 2021 benannt. Vor allem bin ich froh, dass das Votum der Ethikkommission im Prozess der Formulierung des neuen Enrgiekonzeptes eine wichtige Rolle spielt.

    Koch: Was ist das wesentliche ethische Argument, mit dem die Kommission ihre Ausstiegsempfehlung begründet?

    Töpfer: Bevor die Gesellschaft bestimmte ökonomische und technische Lösungen auswählt, muss sie Wertentscheidungen treffen. Dazu gehört die Abwägung der möglichen Folgen der verschiedenen Technologien. Hier plädieren wir für einen Weg der Energieversorgung, der geringere Risiken beinhaltet als die Atomkraft. Wenn es eine Wahl zwischen großen und kleineren Risiken gibt, sollten wir das geringere wählen.

    Koch: Grundsätzlich sind die Gefahren der Kernenergie seit den Unfällen von Harrisburg 1979 und Tschernobyl 1986 bekannt. Inwiefern haben sich Lage und Einschätzung seitdem verändert?

    Töpfer: Die Größe eines Risikos bemisst sich auch an der Risikowahrnehmung. Diese hat sich durch die dramatischen Ereignisse von Fukushima stark gewandelt. Wir haben gesehen, dass selbst ein technologisch führendes Land wie Japan Atomunfälle nicht beherrscht. Hinzu kommt, dass wir nach der Katastrophe von Tschernobyl, als ich selbst Bundesumweltminister war, nicht über die technologischen Alternativen verfügten, die wir heute haben. Nach Jahrzehnten der intensiven Forschung und Entwicklung besteht jetzt die Chance, unseren Energiebedarf aus erneuerbaren Quellen wie Wind und Sonne zu decken.

    Koch: Wie man an Fukushima sieht, sind die ökonomischen Kosten eines Atomunfalls so hoch, dass diese weder Energieunternehmen noch Versicherungen tragen wollen oder können. Spielte es bei Ihren Überlegungen eine Rolle, dass die Wirtschaft in diesem Sinne keine Verantwortung für ihr Handeln übernimmt?

    Töpfer: Das ist ein wichtiges Argument. Wenn Teile der möglichen Kosten nicht zu versichern sind und deshalb nicht in die betriebswirtschaftliche Rechnung eingehen, führt das dazu, dass die Risiken systematisch unterschätzt werden.

    Koch: Kein anderes Land der Welt peilt einen so schnellen Ausstieg aus der Atomkraft an, wie er sich nun in Deutschland abzeichnet. Ist das nicht eine neue Erscheinungsform der von unseren Nachbarn oft belächelten German Angst?

    Töpfer: Wir sehen in dem Weg, den wir vorschlagen, weniger einen Ausdruck übertriebener Furcht, als vielmehr die Chance, eine zukunftsträchtige Entwicklung zu verstärken. Bei den erneuerbaren Energien ist Deutschland ja heute schon einer der Vorreiter weltweit. Darin liegt eine enorme ökonomische Chance. Verfolgen wir diese Strategie konsequent weiter, wird sie uns künftig Wohlstand und Arbeitsplätze sichern.

    Koch: Sie sprechen von der großen „Transformation“ des Energiesystems, die jetzt kommen müsse. Können wir grundsätzlich einfach so weitermachen wie bisher – vom Austausch der Energiequellen abgesehen?

    Töpfer: Nein, es ist ratsam, unser bisheriges Wohlstandsmodell zu überdenken, das auf permanentem Zuwachs basiert. Damit rufen wir wohlgemerkt nicht zum großen Verzicht auf. Aber viele Menschen sind schon dabei, ihren Lebensstil anzupassen. Sie achten darauf, weniger Energie zu verbrauchen, anstatt mehr. Sie kaufen regionale Produkte und ändern ihr Mobilitätsverhalten. Anstatt mit dem Auto kann man sich auf manchen Strecken auch mit dem Rad oder zu Fuß fortbewegen.

    Koch: Heute ist unsere Energieversorgung wesentlich durch große Kraftwerke und zentrale Strukturen geprägt. Wird es später eine demokratischere Energieerzeugung geben, die den Bürgern und Kommunen mehr Einfluss ermöglicht?

    Töpfer: Die erneuerbare Energieversorgung der Zukunft wird auf jeden Fall sehr viel dezentraler organisiert sein als unser gegenwärtiges System. Jeder Hausbesitzer kann sich ja sein eigenes Solarkraftwerke auf das Dach montieren lassen. Deshalb könnten alte Modelle ökonomischer Teilhabe, beispielsweise Genossenschaften, einen neuen Aufschwung erleben. Auch die kommunalen Stadtwerke werden wohl eine größere Rolle spielen.

    Koch: Betrachten Sie die Arbeit Ihrer Kommission als Bestandteil einer Revitalisierung demokratischer Verfahren?

    Töpfer: Wir bezeichnen die Energiewende ganz bewusst als „Gemeinschaftswerk“. Dieses wird nur gelingen, wenn möglichst viele Bürger und Interessengruppen daran mitwirken. Die Politik sollte die Bürger künftig stärker einbinden. Das ist eine der ganz großen Konsequenzen der vergangenen Monate. Heiner Geissler hat mit der Schlichtung zum Bahnhof Stuttgart 21 hier einen Meilenstein gesetzt.

    Koch: Sollen die Bürger nur mitreden, oder werden sie auch mitentscheiden können?

    Töpfer: Wenn demokratische Mitwirkung initiiert wird, gehe ich davon aus, dass die Politik die Argumente der Menschen auch ernst nimmt. Dies sicherstellen könnte beispielsweise ein neues nationales Forum für die Energiewende. Wir schlagen vor, dass eine solche Institution einen bundesweiten Diskussionsprozess organisiert, der bis in die Regionen und Gemeinden reicht. Ein neuer parlamentarischer Beauftragter für die Energiewende sollte gegenüber dem Bundestag regelmäßig Bericht erstatten, wie weit der Umbau gediehen ist. Allerdings muss immer klar bleiben, wer letztlich entscheidet und deshalb die Verantwortung trägt. In der offenen parlamentarischen Demokratie können dies nur die gewählten Volksvertreter sein.

    Bio-Kasten

    Klaus Töpfer (72) schwamm 1988 im Neoprenanzug durch den Rhein, um zu zeigen, dass das Wasser okay war. Damals amtierte der CDU-Politiker als zweiter Bundesumweltminister (1987 bis 1994). Von 1994 bis 1998 leitete er das Bundesbauministerium. Zwischen 1998 bis 2006 war er Vorsitzender des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) in Nairobi.

  • Zurück zum Konsens

    Leitartikel zum Atomausstieg von Hannes Koch

    Man kann Gerhard Schröder und Jürgen Trittin vorwerfen, was man will. Jedenfalls waren die Spitzen der rot-grünen Koalition vor zehn Jahren erstaunlich hellsichtig. Der Atomausstieg, den sie damals mit den Energiekonzernen aushandelten, ist noch immer auf der Höhe der Zeit – von Details abgesehen. Im Kern könnte der neue Konsens, den die schwarz-gelbe Koalition in der kommenden Woche formuliert, dem alten Beschluss ziemlich nahe kommen.

    Dem alten Konsens zufolge würden die meisten Atomkraftwerke bis zum Beginn des kommenden Jahrzehnts abgeschaltet. Weil das Enddatum nicht fixiert war, sondern auf Reststrommengen beruhte, könnten einige Anlagen auch ein paar Jahre länger laufen.

    Ähnliches deutet sich nun an: Die 17 deutschen AKW gehen nach und nach vom Netz. Dass die ältesten, die gegenwärtig wegen der Atomkatastrophe in Fukushima stillstehen, noch einmal Strom produzieren werden, ist unwahrscheinlich. Die neueren Kraftwerke dagegen bekommen noch eine Gnadenfrist. Ob die auf 2022 beschränkt wird, wie CSU-Chef Horst Seehofer es wünscht, oder auf Bestreben der FDP unter Bedingungen flexibel bleibt, ist eher nebensächlich. Denn der wichtigste Punkt ist dieser: Mit dem sukzessiven Abschalten der Kernkraftwerke sinkt das Unfallrisiko beträchtlich, während wir gleichzeitig eine Übergangszeit nutzen können, um die neue Energieversorgung aufzubauen.

    Innerhalb eines Vierteljahres knapp die Hälfte der deutschen Atomkraftwerke zu Schrott zu erklären, ist ein Riesenschritt. Mit diesem steht Deutschland weltweit alleine da. Dass wir besonders schnell sind, muss uns nicht von dieser Linie abbringen. Man kann sich aber fragen, ob die Bundesregierung Wirtschaft und Bürger nicht überfordern würde, wenn sie noch größere Eile verlangte. Wie das Umweltbundesamt sagt, wäre der Komplettausstieg bis 2017 vielleicht möglich – aber doch eine sehr große Herausforderung.

    Denn eines darf nicht passieren: ein Stromausfall durch mangelnde Produktionskapazität. Käme es dazu, wäre der ganze schöne Atomausstieg wieder dahin. Dann schlüge die öffentliche Meinung sofort um. Das weiß auch Kanzlerin Angela Merkel. Deshalb ist die Regierung nicht schlecht beraten, der Energiewirtschaft eine gewisse Zeit zur Anpassung zu gewähren. Und die Bürger brauchen ebenfalls etwas Muße, um sich an die neue Lage zu gewöhnen. Denn auch ihnen wird die Regierung mit dem Ausstieg etwas abverlangen: in Maßen steigende Strompreise und jede Menge Baumaßnahmen in allen Teilen Deutschlands. Windparks und Stromtrassen lassen sich nicht von heute auf morgen gegen den Protest der Bürger durchsetzen.

    So betrachtet, könnte also alles ziemlich einfach sein. Aber so ist es nicht, das politische Geschäft. Jede Partei und in ihr die wichtigsten Machtgruppen wollen jeweils möglichst viel von ihren eigenen Interessen durchsetzen. Dazu gehört es auch, Positionen zu formulieren, die nicht in erster Linie umsetzbarer Politik, sondern eher dem Bedürfnis nach Wahrnehmbarkeit in der Öffentlichkeit geschuldet sind.

    Dieses Spiel ist auch jetzt wieder zu beobachten: SPD-Chef Sigmar Gabriel macht die bundesweite Suche nach einem Atomendlager zur Bedingung seiner Beteiligung am neuen Atomkonsens – wohlwissend, dass die CSU in Bayern dem kaum zustimmen wird. Und Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin will, um radikaler als die CDU zu sein, den Ausstieg ohne Hintertür bereits 2017.

    Beide Seiten müssen sich klar sein, dass sie nicht überziehen dürfen. Ein Konsens liegt notwendigerweise in der Mitte, sonst wäre der Begriff falsch gewählt. Zu große Abweichungen gefährden eine breite Übereinkunft.

    Aber ist dieser neue Konsens überhaupt notwendig? Warum sollte die Bundesregierung nicht einfach das beschließen, was sie will und basta? Auch hier lohnt ein Blick zurück ins Jahr 2001. Der alte Konsens befriedete einen tiefen gesellschaftlichen Konflikt. Das Problem war damit erledigt und alle konnten sich wichtigeren Dingen zuwenden.

    Heute wäre es ähnlich: Der komplette Umbau des Energiesystems hin zu erneuerbaren Quellen ist eine Mega-Aufgabe für die kommenden 40 Jahre, die sich nur dann bewerkstelligen lässt, wenn es keine massiven Proteste aus Wirtschaft und Bevölkerung gibt. Wer dies im Auge hat, braucht sich über zwei Jahre Atomlaufzeit mehr oder weniger, zwei Milliarden Euro Brennelementesteuer und andere Detailfragen nicht ernsthaft zu streiten.

  • Jobs nach Athen tragen

    Kommentar zu Griechenland von Hannes Koch

    Das geflügelte Wort „Eulen nach Athen tragen“ bezeichnet einen überflüssigen Vorgang. Im Gegenteil sehr notwendig wäre es dagegen, Jobs nach Griechenland zu tragen. Oder die Regierung in Athen zumindest darin zu unterstützen, mehr wettbewerbsfähige Arbeitsplätze zu schaffen. Genau diese Herausforderung hat Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble in einem Interview nun angesprochen: Investitionen statt Kaputtsparen könnten Griechenland vielleicht retten.

    Schäuble ist ein moderner Konservativer der lernbereiten Sorte. Er weiß: Ideologie hilft meist nicht viel – auch nicht Sparideologie. Diese Erkenntnis stützt der neue EU-Bericht über die Finanz- und Wirtschaftslage in Griechenland, der heute (Freitag) fertig wird. Die Schulden des Mittelmeerlandes steigen schneller als die Staatseinnahmen. Trotz harter Sparpolitik und europäischer Milliardenhilfe sitzt Athen in der Falle. Was tun? Konkurs anmelden? Durch den ersten Staatsbankrott innerhalb der Euro-Zone die gemeinsame Währung an den Rand des Ruins treiben?

    Nein, die griechische Wirtschaft muss wachsen. Nur so besteht die Chance zu gesunden. Dabei sollte Europa sie unterstützen. Unternehmen aus dem Norden könnten Jobs im Süden schaffen und von den sinkenden griechischen Löhnen profitieren. Investitionen in die am Mittelmeer reichlich vorhandene Solarkraft würden dazubeitragen, auch unsere Energieprobleme zu mildern. Außerdem könnten wir alle Urlaub auf Kreta, Samothraki und den anderen Inseln machen – nach drei Jahren würde Griechenland boomen.

  • Benzin wird doch am Wochenende teurer

    Kartellamt weist Mineralölkonzernen synchrone Preisgestaltung nach

    Jetzt ist es amtlich: Der Preis für Kraftstoffe steigt ohne sachlichen Grund am Wochenende und in Ferienzeiten. „In der Regel sind die Benzinpreise an Freitagen am höchsten und an Montagen am niedrigsten“, teilte das Bundeskartellamt mit. Allein durch eine besonders erhöhte Nachfrage lasse sich dies entgegen den Beteuerungen der Mineralölwirtschaft nicht erklären.

    Das ist nur eines der interessanten Ergebnisse einer großen Untersuchung der Branche durch die Wettbewerbshüter, die nun einen 228 Seiten umfassenden Abschlussbericht vorlegten. „Die fünf großen Tankstellenbetreiber in Deutschland machen sich gegenseitig keinen wesentlichen Wettbewerb“, stellt Kartellamts-Chef Andreas Mundt fest, „sie bilden ein marktbeherrschendes Oligopol.“ Der von vielen Autofahrern gehegte Verdacht von Preisabsprachen hat sich zwar nicht erhärtet. Doch ein einheitliches Verhalten erreichen die Konzerne auch ohne geheime Gespräche in abgelegenen Restaurants. Die Unternehmen beobachten ständig und flächendeckend die Preise an den Tankstellen der Konkurrenz und passen die eigenen in erstaunlich festen Zeitkorridoren an die Marktentwicklung an. „Das führt zu überhöhten Preisen“, sagt Mundt.

    BP/Aral, Shell, Jet, Esso und Total vereinen auf sich fast zwei Drittel der Menge des verkauften Kraftstoffs. Außerdem sind sie an Raffinerien beteiligt, also zugleich Erzeuger der Produkte. Das Kartellamt hat die Marktentwicklung an 400 Tankstellen in den Großräumen Hamburg, Leipzig, München und Köln dreieinhalb Jahre lang beobachtet. Die Verbraucher haben es mit einem ausgefeilten System zu tun, bei dem sich die Konzerne gegenseitig nicht weh tun.

    Die Behörde wies nach, dass die Preise zwar häufiger gesenkt als erhöht werden. Aber ein Nachlass fällt stets gering aus, während Aufschläge kräftig sind. In fast allen Fällen übernahmen Shell oder Aral den Auftakt einer Preisrunde. Das jeweils andere Unternehmen passte die Auszeichnung an seinen Zapfsäulen nach exakt drei Stunden an. Der Rest der marktbeherrschenden Marken folgt in ebenfalls festen Zeitkorridoren. Das Kartellamt hat auch ein mögliches Sanktionssystem entdeckt, falls ein Unternehmen aus dem Gleichschritt ausscheren sollte. Die Konzerne tauschen Kraftstoffe untereinander aus und sind daher auch voneinander abhängig. „Abweichendes Verhalten könnte umgehend von den anderen Oligopolisten wirtschaftlich sanktioniert werden“, stellen die Prüfer fest.

    Gegen die Macht der Treibstoffriesen würde das Kartellamt gerne vorgehen. Doch den Beamten sind die Hände weitgehend gebunden. Da es keine direkten Preisabsprachen gibt, verhalten sich die Unternehmen legal. Da Preise nicht staatlich vorgeschrieben werden können, sind auch zu hohe Preise für das Benzin im Rahmen der Gesetze. Und eine Zerschlagung der Konzerne ist rechtlich derzeit nicht möglich. Mundt kündigte an, dass das Amt den Unternehmen jedoch weitere Tankstellenzukäufe untersagen und die verbliebenen freien Tankstellen besser vor Behinderungen durch die Großen schützen wird.

    Unterdessen ist die politische Debatte um die Benzinpreise voll entbrannt. Die Mineralölwirtschaft sieht den Bericht als Freispruch erster Klasse, „Auf dem Kraftstoffmarkt in Deutschland gibt es keine Preisabsprachen“, sagt der Chef des Mineralölwirtschaftsverbands, Klaus Picard, der keinen mangelhaften Wettbewerb erkennen kann. „Wenn sich langfristig nichts ändert, muss ein Entflechtungsgesetz her“, fordert die Mittelstandsbeauftragte der Grünen, Christine Scheel. Auch in der FDP gibt es Pläne für ein Gesetz, dass die Zerschlagung zu mächtiger Konzerne ermöglichen würde. Bisher ist es jedoch bei der Ankündigung geblieben.

  • „Wir brauchen Instrumente wie die Entflechtung“

    Im Interview

    Die Schwierigkeiten der Verbraucherschützer im Umgang mit mächtigen Konzernen und die aktuellen Sorgen der Konsumenten kennt der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv), Gerd Billen, bestens. Der 55-jährige Sozialwissenschaftler steht dem Verband seit 2007 vor.

    Frage: Die großen Themen von der Eurokrise bis zur Energiewende dominieren die Politik. Ist der Verbraucherschutz auf einem Abstiegsplatz gelandet?

    Gerd Billen: Auf einem Abstiegsplatz steht er nicht, aber um die Teilnahme an der Champions-League müssen wir kämpfen. Die Eurokrise oder die Energiewende bestimmen derzeit die Medien. Wir hatten mit den Dioxin-Eiern, E10 oder den Benzinpreisen in diesem Jahr ja auch schon wichtige Themen in der öffentlichen Debatte.

    Frage: Der Politik gelingt es nicht, großen Konzernen im Sinne eines besseren Verbraucherschutzes Fesseln anzulegen. Liegt das an der Internationalisierung der Wirtschaft oder fehlt nur der Wille dazu?

    Billen: Es ist beides. Es ist ganz klar, das man internationale Mechanismen braucht, zum Beispiel um die Finanzindustrie zu zügeln. Auf Initiative der internationalen Verbraucherorganisationen wird sich in diesem Jahr der G20-Gipfel mit dem Thema beschäftigen. Aber es ist auch deutlich erkennbar, dass Staaten keine Regulierung wollen, sobald sie in irgendeinem Bereich ökonomische Nachteile für sich sehen. Der andere Punkt ist der mangelnde Wille. Ich bin gespannt, was an wirkungsvollen Maßnahmen gegen die hohen Benzinpreise ergriffen wird. Ob das Kartellamt und die Bundesregierung ernst machen und es eine Zerschlagung der Mineralölkonzerne oder den Zwangsverkauf von Tankstellen geben wird. Oder ob das Ganze ein Sturm im Wasserglas ist und die Preise weiter steigen.

    Frage: Sind Sie für eine Entflechtung der Mineralölwirtschaft?

    Billen: Die Bundesregierung und die EU-Kommission haben Probleme mit Oligopolstrukturen, also mit einer Situation, in der sich wenige Unternehmen einen Markt teilen. Den Strommarkt beherrschen vier Konzerne, Kraftstoff liefern fünf Unternehmen und den Einzelhandel dominieren sechs Gruppen. Der Wettbewerb funktioniert nur im Handel. In den anderen Märkten gibt es trotz Liberalisierung keine echte Konkurrenz. Statt nach unten sind die Preise hier ausschließlich nach oben gegangen. Ich glaube, wir brauchen Instrumente wie die Entflechtung, um für einen richtigen Wettbewerb zu sorgen.

    Frage: Warum fehlt es dem Verbraucherschutz an Schlagkraft?

    Billen: Die Verbraucherpolitik muss in den nächsten Jahren eine Strategie entwickeln und klären, wo mehr Kontrolle gefragt ist, wo mehr Information und wo mehr Regulierung. Im Moment lässt sich die Politik nur von aktuellen Themen treiben. Das Verbraucherministerium muss zu einem wirklich starken Ministerium ausgebaut werden und etwas bewegen dürfen. Die anderen verbraucherrelevanten Ministerien sollten jeweils eine komplette Abteilung und wesentliche Kompetenzen an das Verbraucherministerium abgeben.

    Frage: Ein aktuelles Problem sehen wir bei den Krankenkassen nach der Pleite der City-BKK. Die betroffenen Mitglieder sind verunsichert, weil einige bei der Suche nach einer neuen Kasse von dieser abgelehnt wurden. Ist da nicht wieder eine Reform fällig?

    Billen: Nein, denn nichts verunsichert die Leute mehr als ständig neue Reformen. Ich glaube, es gibt schlicht zu viele Krankenkassen in Deutschland. Die Niederländer kommen mit nur vier aus. 95 Prozent der Leistungen sind ohnehin gleich. Die Frage ist, wie organisiert man die Schrumpfkur und sichert, dass Ältere und Kranke auch von allen Krankenkassen genommen werden.

    Frage: Wollen Sie Zwangsschließungen von Kassen?

    Billen: Es kann nicht so sein, dass jeden Monat eine Kasse zumacht, die Leute verunsichert sind und nicht wissen, an wen sie sich wenden können. Da hat das Bundesverwaltungsamt die Aufgabe, die Dinge im Stillen abzuwickeln, sobald sich rote Zahlen bei einer Kasse andeuten. Ein Patient muss wissen, dass er auch im Falle einer Insolvenz versichert ist.

    Frage: Am Freitag beantragt Nordrhein-Westfalen im Bundesrat eine Verschärfung des Gesetzes gegen unlautere Telefonwerbung. Verträge sollen danach nur gelten, wenn sie schriftlich abgeschlossen wurden. Reicht die bisherige Regelung nicht aus?

    Billen: Tatsächlich hat die Zahl der unerlaubten Werbeanrufe inzwischen stark abgenommen. Der Vorschlag von NRW und anderen Ländern ist zu begrüßen und deckt sich mit unserer langjährigen Forderung. Wenn ein Vertrag schriftlich bestätigt werden muss sinkt die Gefahr, ohne Wissen und Willen in ein Geschäft verwickelt zu werden. Doch durch diese Lösung werden sich nicht alle Betrüger abschrecken lassen. Das sehen wir gerade an der explosionsartigen Steigerung von Gewinnspielen. Dagegen müssten Schwerpunktstaatsanwaltschaften eingerichtet werden. Denn selbst wenn die Täter im Ausland sitzen, brauchen sie hier doch oft einen Briefkasten oder eine Bankverbindung. Es gibt also Möglichkeiten, ihnen auf die Spur zu kommen, wenn man nur will.

    Frage: Auch bei den Fluggastrechten hat die Koalition einmal Besserung versprochen, die Zusage aber bisher nicht eingelöst. Es geht um die Teilnahme der Fluggesellschaften an der Schlichtungsstelle für Streitigkeiten zwischen Passagieren und Unternehmen. Ist das Projekt gestorben?

    Billen: Die Bundesregierung tut nicht genügend für eine gemeinsame Schlichtungsstelle. Die Fluggesellschaften möchten es nicht, weil es angeblich keine Beschwerden gibt und ihr Service ganz einzigartig ist. Wir haben ganz andere Erkenntnisse. Hier braucht es mehr politischen Druck. Im Moment gibt es Gespräche, ob die Fluggesellschaften eine eigene Schlichtungsstelle einrichten. Das macht für Verbraucher keinen Sinn. Es gibt eine Schlichtungsstelle, eine ergänzende Branchenlösung benötigen wir nicht. Die Bundesregierung sollte die Branche daher in die bestehende integrieren. Wenn das nicht freiwillig geschieht, sollte es zwangsweise durchgesetzt werden.

  • Unter 35-Jährige im Stresstest

    Paradox: Junge Menschen in Dienstleistungsjobs arbeiten viel, haben wenig Zeit und geben sich dennoch zufrieden

    Gehetzt, gestresst und überfordert: So fühlen sich junge Menschen heute, die in der Dienstleistungsbranche Fuß gefasst haben. Der Druck hat in allen Lebenslagen zugenommen, sagen sowohl Erzieherinnen oder Krankenpfleger, als auch Bankangestellte oder Informationstechniker. Gleichzeitig sagen sie, persönlich wenig belastet zu sein. Diese beiden Aussagen, wollen auf den ersten Blick nicht recht zusammenpassen.

    Den Widerspruch ans Licht gebracht hat die Studie „Was bewegt junge Menschen“ der Tübinger Forschungsgruppe . Über 1.200 Beschäftigte zwischen 25 und 35 Jahren aus dem Gesundheitswesen, dem Banken- und Versicherungssektor, dem Öffentlichem Dienst und der IT-Branche haben die Forscher befragt. Mithilfe von Interviews und Fragebögen konnten sie Einblicke in das Leben der jungen Leute gewinnen.

    „Irgendwo hab’ ich das Gefühl, ich schaff das nicht mehr“ oder  „Die Aufgaben werden immer größer, immer breitgefächerter“ bekamen die Wissenschaftler ebenso zu hören wie „Es gibt eigentlich nichts, mit dem ich total unzufrieden bin“ oder „Ich bin eigentlich ganz zufrieden.“ Wie sich diese Aussagen unter einen Hut bringen lassen, erklärt die Psychologie – und der Zeitgeist: „Man muss heute zeigen, dass man alles schafft“, bringt es Studienleiter Josef Held auf den Punkt. Junge Menschen nehmen nicht wahr, dass der Job belasten kann. Zumindest nach außen sind sie immer bemüht, einen guten Eindruck zu hinterlassen.

    „Also manchmal habe ich das Gefühl, dass ich schon einem großen Druck ausgesetzt bin, wobei dieser Druck jetzt eher nicht von der Industrie oder der Wirtschaft herrührt (…) sondern eher so ein persönlicher Anspruch ist (…)“, fiel die Antwort einer Informatikerin auf die Frage aus, was sie denn bewege. Damit spricht sie einer Mehrheit aus dem Herzen, die sich eher selbst unter Druck setzt. Fast drei Viertel der Befragten belastet Zeitdruck. Mehr als die Hälfte empfindet psychischen Druck. Knapp ein Drittel sagt, unter Arbeitsdruck zu stehen.

    Vor allem ein Ergebnis verblüffte die Forscher: Viele Beschäftigte legen einen „Gerechte-Welt-Glauben“ an den Tag. Sie sagen, im Job und in der Welt geht es gerecht zu. Gänzlich unrealistisch ist das, sagt Held. „Das ist ein Abwehrmechanismus, der die eigene Zufriedenheit stabilisiert.“  Es existiere eine Tendenz zur positiven Selbsteinschätzung. Viele würden nichts von Kritik hören wollen. „Erzieherinnen“, erläutert der Leiter der Forschungsgruppe exemplarisch, „sind mit Abstand am zufriedensten mit ihrer Arbeit.“ Die hohe Zufriedenheit sei aber eher oberflächlich. Schließlich zeigten sie sich in hohem Maße unzufrieden mit der Bezahlung.

    Im Laufe der Zeit hat der Job für jungen Menschen immer mehr an Bedeutung gewonnen. Auch das ist ein Ergebnis der Studie. Es ist ihnen wichtig geworden, dass die Arbeit Spaß macht. Mit ihrer Firma fühlen sie sich verbunden und bringen ihr Engagement dort ein. „Junge Leute identifizierten sich sehr stark mit ihrer Beschäftigung“, urteilt Held.

    In dem starken Engagement sehen die Tübinger Forscher jedoch ein Problem. Heute tragen die Menschen die Arbeit in ihr Privatleben mit hinein, sagen sie, was bis hin zur Scheidung führen kann. Im Gegensatz zu früher würden heute private Probleme verdeckt gehalten. Damals sei das umgekehrt gewesen. Da hätten Beschäftigte für private Angelegenheiten ein Gehör bei den Kollegen gefunden. Junge Arbeitnehmer, so Forschungsleiter Held, haben heute Depressionen und wissen nicht, wo die Probleme herkommen. Erst beim Psychologen werde ihnen klar, dass die Arbeit Schuld an dem Tief ist und nicht sie selbst.
    „Den Leuten fehlt die Selbsteinsicht in ihre Situation“,  erläutert Held.

    Im Zuge ihrer Arbeit sind die Forscher immer wieder krassen Lebensläufen begegnet: Da wohnte die alleinerziehende Krankenpflegerin bei ihrer Mutter, um finanziell über die Runden zu kommen, und die Erzieherin ging nach der Arbeit in der Kita im Fitnessstudio jobben, um genügend Geld zum Leben zu haben. Übliche Beschäftigungsverhältnisse, schlussfolgern sie, werden immer prekärer.

    Die Untersuchung:
    Im Mittelpunkt der Studie „Was bewegt junge Menschen? Lebensführung und solidarisches Handeln junger Beschäftigter im Dienstleistungsbereich“ standen Baden-Württemberg, Brandenburg und Berlin. Dennoch, so die Autoren, treffen die Untersuchungsergebnisse ebenso auf die restlichen Bundesländer zu. Die Begründung: Die untersuchten Regionen sind wirtschaftlich unterschiedlich stark aufgestellt, zeigen aber kaum Unterschiede.

  • Ebay will anderes Image

    Viele Millionen Euro gegen den Ruf als Flohmarkt für Gebrauchtes

    Das Internet-Auktionshaus Ebay will sich mit großem Reklameaufwand ein neues Image verpassen. Das Unternehmen will weg vom Bild eines Gebrauchtwarenhändlers und sich künftig als „Einkaufsuniversum“ für neue und alte Produkte präsentieren. Nach Angaben von Markenchef Jan Waltenbauer kostet die dafür ins Leben gerufene Werbekampagne einen „signifikant zweistelligen Millionenbetrag“. Ab heute laufen die 30 Sekunden langen Streifen in allen wesentlichen TV-Sendern.

    Mit dem Imagewechsel will Ebay nachholen, was in der Handelspraxis längst der Fall ist. Die privaten Versteigerungen verlieren an Bedeutung. Immer mehr professionelle Händler nutzen die Plattform und bieten ihre Angebote dort zum Fixpreis an. „61 Prozent des Handelsvolumens wurden im letzten Jahr im Festpreisbereich abgewickelt“, berichtete Geschäftsführer Stephan Zoll. Das war im Vergleich zum Vorjahr ein Zuwachs um 15 Prozent. Professionelle Händern stellen derzeit fast 60 Prozent der verkauften Artikel.

    Ebay will zudem stärker mit Markenherstellern zusammenarbeiten und mit den Unternehmen virtuelle Fabrikverkaufsstellen aufbauen. „Die Bedürfnisse und Ansprüche der Käufer haben sich verändert“, begründet Zoll die neue strategische Ausrichtung als Riesenkaufhaus im Internet. „Mein Ein für Alles“ lautet denn auch der Slogan der heute startenden Werbekampagne.

    Den finanziellen Aufwand für Fernsehspots und Zeitschriftenwerbung kann sich Ebay offenkundig leicht leisten. Nach Unternehmensangaben setzte das Internetportal im vergangenen Jahr gut 850 Millionen Euro um. Die Kennzahl nannte die Tochter des gleichnamigen US-Konzerns erstmals. Vergleichszahlen oder Zielmarken der neuen Richtung wollte Zoll nicht nennen. „Wir wachsen“, sagte der Manager lediglich. Ebay lebt von den Gebühren, die die Verkäufer der Waren abführen müssen.

    Private Auktionen sollen trotz des veränderten Schwerpunkts weiter Bestandteil bei Ebay bleiben. Doch das Hauptaugenmerk liegt auf den neuen Waren. Insbesondere bei Modeartikeln verzeichnet Ebay eine starke Nachfrage. Chancen rechnet sich das Unternehmen vor allem durch das gewaltige Angebot aus. Nach Firmenangaben sind ständig rund 30 Millionen Artikel im Angebot. Ebay zählt in Deutschland 16 Millionen aktive Mitglieder, rund fünf Millionen private und 160.000 gewerbliche Verkäufer.

  • „Gezielt ausländische Fachkräfte anwerben“

    Weil bald einheimische Spezialisten fehlten, brauche Deutschland mehr Menschen von außen, sagt Raimund Becker, Vorstand der Bundesagentur für Arbeit. Schon jetzt herrsche ein Mangel an Ärzten

    Hannes Koch: Sie plädieren dafür, dass Deutschland Millionen zusätzlicher Einwanderer anwirbt. Warum?

    Raimund Becker: Wir müssen damit rechnen, dass im Jahr 2025 in Deutschland rund 6,5 Millionen Arbeitskräfte fehlen. Um den Wohlstand zu erhalten und die notwendigen Stellen in Krankenhäusern, Altenheimen und Industrieunternehmen zu besetzen, brauchen wir deshalb auch Menschen von außen.

    Koch: Sehr viele Deutsche lehnen eine weitere Zuwanderung ab. Gehen Sie mit Ihren Vorschlägen nicht das Risiko ein, dass rechtspopulistische Strömungen oder Parteien Zulauf erhalten?

    Becker: Wir sollten objektiv an die Dinge herangehen. Was bringt es, wenn in den Krankenhäusern Ärzte fehlen und die Patienten nicht angemessen versorgt werden? Schon heute herrscht in diesem Beruf ein Mangel. Und in Zukunft wird sich diese Lage noch verschärfen. Wenn Mediziner aus anderen Ländern zu uns kommen, nehmen sie also keinem Deutschen einen Arbeitsplatz weg.

    Koch: Wie könnte die Politik auf die ablehnende Stimmung reagieren?

    Becker: Man muss versuchen, mit rationalen Argumenten zu überzeugen. Angst vor Einwanderung haben ja häufig Menschen, die sich Sorgen um ihren Job machen. Das kann damit zusammenhängen, dass sie eher einfache Berufe mit geringeren Qualifikationen ausüben. Um diese Berufsgruppen geht es bei der Einwanderung, die wir brauchen, aber gerade nicht. Deutschland fehlen heute und in Zukunft vor allem Hochqualifizierte, Akademiker und spezialisierte Fachkräfte. Die Bundesagentur plädiert dafür, diese gezielt anzuwerben. Ein Verdrängungswettbewerb zu Ungunsten einheimischer Arbeitskräfte ist damit weitgehend ausgeschlossen.

    Koch: Heute sind noch drei Millionen Menschen in Deutschland erwerbslos. Wieso wird diese Situation später in einen Mangel an Arbeitskräften umschlagen?

    Becker: Weil zu wenige Kinder geboren werden und mehr Bürger in Rente gehen. Wenn parallel zu diesem Prozess das Wirtschaftswachstum wie bisher weiterläuft, braucht die Wirtschaft künftig viel mehr Menschen, als dann noch auf unserem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Den Effekt kann man teilweise heute schon beobachten. Vor zehn Jahren verließen jährlich rund 200.000 junge Leute die Schulen in den östlichen Bundesländern, heute sind es noch 120.000. In manchen Regionen suchen die Betriebe dringend nach Auszubildenden.

    Koch: Ließe sich die Lücke nicht schließen, indem man gezielt einheimische Arbeitskräfte in den Mangelberufen ausbildet?

    Becker: Die Bundesagentur wird gern ihren Beitrag dazu leisten, einheimisches Potenzial für den Arbeitsmarkt besser zu erschließen. Wenn wir ältere Arbeitnehmer und Frauen stärker in den Arbeitsmarkt integrieren könnten, dann gewönnen wir damit im günstigsten Fall etwa zwei Millionen Fachkräfte. Trotz dieser und anderer Maßnahmen prognostizieren wir aber eine weitere Lücke von etwa zwei Millionen Beschäftigten. Deshalb müssen wir uns Gedanken darüber machen, wie attraktiv unser Land für Einwanderer ist.

    Koch: Kanada ist ein Einwanderungsland. Die Regierung veröffentlicht eine genaue Liste mit Berufen, die die Einwanderer beherrschen sollten. Mit einer ähnlichen Idee ist Arbeitsministerin Ursula von der Leyen gerade an ihren Parteifreunden gescheitert. Wie stehen Sie dazu?

    Becker: Es wäre gut, wenn Deutschland einen Kriterienkatalog für Zuwanderer erstellen würde. Darin könnten kulturelle Merkmale wie beispielsweise Sprachkenntnisse enthalten sein, aber auch berufliche Anforderungen. Letztere sollten im Vordergrund stehen. Gegenwärtig würde ich Elektro- und Maschinenbau-Ingenieure, sowie Ärzte auf die Liste setzen.

    Koch: Wäre es ratsam, die Zahl der einwandernden Mediziner und Techniker zu beschränken?

    Becker: Nein, denn wir müssen zuerst erreichen, dass diese Fachkräfte tatsächlich kommen. Wer die Qualifikation und eine Arbeit nachweist, den sollten wir willkommen heißen. Das heißt, dass auch die Familien mitkommen dürften. Später könnte man das Verfahren auf weitere Berufe ausdehnen – beispielsweise Informatik-Fachkräfte, examinierte Krankenschwestern oder Altenpfleger.

    Bio-Kasten

    Raimund Becker (52) ist Vorstand der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg für den Bereich Arbeitslosenversicherung.

    Info-Kasten

    Pro und Contra Anwerbung

    In den 1960er Jahren warb Deutschland Industriearbeiter aus Spanien, Italien, der Türkei und anderen Staaten an, um die große Zahl freier Stellen zu besetzen. Nun debattiert die Regierung über die gezielte Einwanderung hochqualifizierter Spezialisten wie Ärzte, Ingenieure für Maschinenbau und Elektronik. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) ist dafür, wie er gestern sagte. Große Wirtschaftsverbände wie der DIHK sind ebenfalls dafür. Und auch CDU-Politikerinnen wie Arbeitsminister Ursula von der Leyen plädieren für mehr Zuwanderung. Die Ministerin will die Einkommensgrenze senken, die bisher den Zuzug erschwert, die Vorrangprüfung einschränken, die deutsche Arbeitskräfte begünstigt, und eine Liste mit gesuchten Qualifikationen für die gezielte Anwerbung veröffentlichen. Ablehnend äußerten sich bislang unter anderem Bayerns Sozialministerin Christine Haderthauer (CSU) und CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach.

  • 'We Were Not a Very Open Company Before'

    An Inside Look at Apple Supplier Foxconn

    Secretive electronics giant Foxconn, which makes products for Apple and other Western firms, attracted unwanted publicity in 2010 when 13 workers committed suicide. In a visit to its plants in China, SPIEGEL ONLINE saw how the company has responded, including measures such as appointing counselors and installing anti-suicide nets.

    They jog in orderly rows of twos through the industrial area. The young people, who look about 19 or 20, hope to be future builders of the iPad. Each of them holds a brown envelope in his or her left hand that contains their job application. At the foreman's command, they turn a corner onto the steps of the recruitment office.
    They are here because of electronic component manufacturer Foxconn, which is hiring tens of thousands of employees. The company has built new factories in the Chinese city of Chengdu to produce millions of iPads for Apple. The supplier is known for the strict rules it imposes on its employees. Last year, that strict discipline may have helped lead to the 13 suicides of workers at a Foxconn facility in Shenzhen. At the time, observers spoke of terrible working conditions there.
    SPIEGEL ONLINE visited the Chengdu plant to examine the question of whether the company is now treating its employees better.
    'Work Is Work'
    "We are not allowed to talk while we are working," says 19-year-old Wang Cui, whose name was changed for this story. She has prominent eyes and dark skin, and wears a blue vest with the Foxconn logo over her white plastic jacket. Her long fingernails are well cared-for. She does not work on the production line, but instead performs quality control on iPad housings.
    Is she bothered by the strict rules? "Work is work, the rest is the rest," says Wang, shrugging her shoulders. She says she fears the foremen. "The supervisors do not respect the workers," she says, adding that her colleagues have been punished even for small mistakes. The supervisors forced them to stand between the production lines for all to see — almost as if they were in the pillory.
    "Order and obedience rule here," says Wang. Her colleagues nod.
    Foxconn concedes the possibly that there might have been misconduct. "We do not support it, but cannot rule out that it can happen," the company said in a statement. "But we want to change that."
    Obligatory Overtime
    At lunchtime thousands of workers stream out of the factory and into the area in front of the factory's gate. The food in the factory's cafeteria is not to their taste, so they buy noodles in plastic bowls and steamed vegetables from food stands mounted on bicycles and motorcycles. Trucks with heavy loads squeeze their way through the crowds on their way to the factory, honking their horns.
    "I work from Monday to Saturday, 12 hours a day," says Zhang Feng, 20, who also works in quality control. He has combed his dyed-brown hair diagonally across his face, following a Japanese fashion. Two obligatory overtime hours are included in each work day, and Saturdays also count as overtime. "That makes almost 20 overtime hours per week," says Zhang, "and a total of 80 a month."
    These working hours are standard at Foxconn in Chengdu, but Chinese labor laws only allow 36 overtime hours a month. "The overtime at Foxconn often exceeds the legal limit by more than 100 percent," says Chan Sze Wan of the Hong Kong-based workers' rights non-profit Sacom. Together with the campaign "Make IT Fair," which is being supported by the European Union, Chan regularly investigates the working conditions at Foxconn.
    The company says it is pursuing the goal of limiting overtime to 36 hours per month. Along those lines, it is working in conjunction with local authorities to build more dormitories and factories. "In addition, we are working on making the basic wage high and ensuring that employees do not have to work overtime just to cover their basic needs," says a spokesperson.
    City within a City
    The construction of factories in Chengdu only began last year, but 100,000 people are already working there. Few outsiders have visited the plants in that time.
    Foxconn, which is based in Taiwan, has its main factory in mainland China in Shenzhen, which is 1,500 kilometers south of Chengdu, near Hong Kong. Here, everything looks orderly. About 400,000 people work here in a factory complex that is several square kilometers in size — a city within a city. In the past, outsiders were not able to visit the campus, but the company now allows visitors to this facility in a bid to improve its image following the series of suicides in 2010.
    Dozens of production lines stand next to each other in the brightly-lit factory buildings, which are hundreds of meters long. The shiny floors are painted gray. Everything is extremely clean, almost sterile. The workers who put together the iPhones, MacBooks and other products wear anti-static jackets. Visitors have to wear caps and put covers on their shoes, so they don't bring in any dirt.
    Some of the production steps are fully automated. But many employees have to repeat the same monotonous hand movements thousands of times a day. Talking is not allowed unless it is absolutely necessary, and workers have to ask their supervisors for permission to use the restroom.
    Safety Nets
    The main street that leads, past barriers and control points, from the factory gate to the interior of the extensive grounds is lined with palm trees and flower beds. There are banks, stores, libraries, swimming pools and cafés where one can get a good cup of espresso.
    Only the safety nets attached to the facades of the taller buildings do not fit so well with the image of a civilized industrial compound. They were installed a year ago to prevent future distraught employees from jumping to their deaths. At the same time, the company opened a "care center" in which advisers are available around the clock to help employees with their personal and work problems.
    "We were not a very open company before," says Foxconn manager Louis Woo. "But now we are listening more to our employees in order to learn what they expect from life." A distinguished-looking 63-year-old, he is wearing a shirt with suspenders and has shed his jacket on account of the heat.
    He says he knows that Chinese labor law only allows for 36 hours of overtime a month, but explains that a lack of infrastructure makes it hard to adhere to the guidelines. "That should not be an excuse," Woo says. "We don't want to break the rules. In order to abide by them, we are building more factories and more dormitories for the workers, and we are hiring more people."
    Violating Apple's Code of Conduct
    In other words, the demand from Apple, Nokia, Sony and other big-name companies is so high that Foxconn is simply letting its workers work over the legal limits.
    In theory, this business practice violates the code of conduct that Apple requires of its producers. Their policy dictates that working hours should not exceed legal limits under any circumstances.
    But when contacted by SPIEGEL ONLINE, Apple spokesman Alan Hely did not address the issue of overtime. Instead, he merely pointed out the improvements that Foxconn has undertaken since 2010.