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  • Schäuble bildet Reserven

    135 Milliarden Euro mehr Steuern könnten Bund, Länder und Gemeinden Staat bis 2014 einnehmen. Angesichts der positiven Steuerschätzung sieht Finanzminister Schäuble finanziellen „Handlungsspielraum“ und schließt eine Steuersenkung nicht aus

    „Angespannt, aber weniger schwierig“ – auf diesen Nenner brachte Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) die Ergebnisse der positiven Steuerschätzung vom Donnerstag. „Wir haben Reserven“, sagte der Minister, „es gibt Handlungspielraum für schlechte Zeiten.“ Einerseits betonte er die Notwendigkeit, die immer noch hohen Schulden zu reduzieren und weiter zu sparen. Andererseits ließ er aber die Möglichkeit einer neuerlichen Steuersenkung offen, die der Wirtschaftsverband DIHK, die FDP und CSU fordern.

    Auf den ersten Blick untermauern die Zahlen der Steuerschätzer den Wunsch nach einer Entlastung, denn die Einnahmen fließen reichlich. Bund, Länder und Gemeinden werden zwischen 2011 und 2014 etwa 135 Milliarden Euro mehr einnehmen, als bei der vergangenen Steuerschätzung im November 2010 errechnet. Auf den Bund sollen dabei zusätzliche Einnahmen von etwa 66 Milliarden Euro entfallen.

    Diesen Zahlen setzt Schäubles Staatssekretär Werner Gatzer jedoch seine eigene Argumentation entgegen. Den größten Teil der Mehreinnahmen habe die Regierung bereits in ihrem Eckwertebeschluss vom Februar 2011 einkalkuliert und damit verplant – unter anderem, um die Neuverschuldung in diesem Jahr weiter zu senken. Der tatsächliche finanzielle Gewinn gegenüber dieser Finanzplanung betrage also nur gut 13 Milliarden Euro zwischen 2011 und 2014.

    Und diesen Mehreinnahmen aber, so die trickreiche Argumentation Schäubles, stünden auch schon potenzielle Mehrausgaben und Mindereinnahmen gegenüber. Als Beispiele für ursprünglich geplante, nun aber fehlende Einnahmen nannte Schäuble die Finanzmarktsteuer. Diese Abgabe auf Spekulationsgeschäfte hat die Regierung mit zwei Milliarden Euro jährlich in den Haushalt eingestellt. Gestern räumte der Minister allerdings ein, dass er mit dem Geld zumindest für 2012 nicht mehr rechne. Der Grund: Die EU-Kommission weigere sich, einen Vorschlag für die europaweite Einführung der Steuer vorzulegen. Alleine aber will die Bundesregierung die Steuer nicht erheben, weil sie Kapitalflucht ins Ausland befürchtet.

    Eine weitere Belastung für die Zukunft stellen auch die bislang nicht eingeplanten Ausgaben für den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) von gut vier Milliarden Euro jährlich dar. Das ist der Sonderfonds, mit dem man bankrotte Staaten wie Griechenland ab 2013 unterstützen will. Hinzu kommen potenziell höhere Ausgaben für Schuldzinsen und die Energiewende.

    Davon abgesehen wird die Neuverschuldung 2011 trotz besserer Steuereinnahmen immer noch knapp 40 Milliarden Euro betragen – eine astronomische Summe, die mehr als dreimal so hoch ist wie vor der Finanzkrise 2008. Der Staat hat eigentlich kein Geld für Steuersenkungen.

    Das weiß auch Schäuble. Andererseits ist der Finanzminister ein gewiefter Politiker, der sich Handlungsmöglichkeiten offen halten will. Deshalb warnt er vor Steuersenkugen, schließt sie aber auch nicht aus. 2013 ist Bundestagswahl. Da will der Finanzminister noch einen Pfeil im Köcher haben.

    Schäuble diese Möglichkeit zu verbauen, ist der Wunsch der Opposition. Deswegen fordert unter anderem SPD-Finanzexperte Carsten Schneider den Finanzminister dauernd auf, mehr zu sparen und die Verschuldung schneller zu reduzieren. Schäuble könne, argumentiert Schneider, angesichts der zusätzlichen Steuereinnahmen die Schuldenbremse nicht erst 2016, sondern schon ein Jahr früher einhalten – wenn er nur wolle. Aber Schäuble will nicht – lieber ist ihm eine kleine finanzielle Reserve.

  • Staatsverschuldung als kulturelle Konstante

    Mit wenigen Ausnahmen haben alle deutschen Regierungen seit 1949 die Staatsverschuldung in die Höhe getrieben. Jetzt soll das anders werden

    Schulden sind nicht unbedingt schlecht. Wer ein Haus baut, investiert in die Zukunft. Das gilt auch für den Staat. Problematisch wird es allerdings, wenn die neuen Schulden permanent stärker wachsen als die ökonomische Leistung. Das ist in Deutschland der Fall – wie auch in vielen anderen Ländern.

    Die öffentliche Verschuldung gehört zu den kulturellen Konstanten unseres Landes. Politik und Bevölkerung sind daran gewöhnt, sich ständig mehr zu wünschen. Dabei steigt das Niveau der materiellen Bedürfnisse und ihrer Befriedigung schneller als das Bruttoinlandsprodukt. Seit 1950 nahm die Wirtschaftsleistung Deutschlands von 50 auf rund 2.500 Milliarden Euro zu – das Fünfzigfache. Die Schulden der öffentlichen Hand wuchsen im selben Zeitraum aber von umgerechnet neun auf 2.000 Milliarden Euro – gut das 200fache. Was wir nicht erwirtschaften, pumpen wir uns dazu.

    Von dieser Regel gibt es nur wenige Ausnahmen. Diese markierten vor allem die Bundesfinanzminister Fritz Schäffer (CSU, 1949-1957) und Franz Etzel (CDU, 1957-1961). Zwischen 1956 und 1959 stiegen die Staatsschulden zwar auch, aber nicht so schnell wie die Wirtschaftsleistung. Die beiden christlichen Finanzminister hatten es jedoch vergleichweise leicht – es war die Zeit des Wirtschaftswunders und der Bescheidenheit.

    Später kamen solch gute Jahre nur noch selten vor – in den 1960er dreimal, einmal 1970 und nach der Wiedervereinigung, dann im New-Economy-Boom um 2000, und schließlich im Aufschwung vor der Finanzkrise 2007.

    Zu den größten Schuldenmachern gehörten die sozialdemokratischen Regierungen der 1970er Jahre. Unter SPD-Finanzminister Hans Apel beispielsweise stiegen die Staatsschulden 1975 um sagenhafte 33,5 Prozent. Damals glaubte man, mit Krediten die beginnende Massenarbeitslosigkeit wegwirtschaften zu können – was nicht funktionierte.

    Große Zuwächse der Staatsverschuldung gab es aber auch in der Regierungszeit von CDU-Kanzler Helmut Kohl. Als besondere Ursache dafür musste die Wiedervereinigung herhalten. Diese war einerseits wirklich teuer, andererseits traute sich die Regierung aber nicht, die Steuern entsprechend zu erhöhen.

    Riesige Schuldensprünge machte auch die große Koalition unter CDU-Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Finanzminister Peer Steinbrück. Ursache und Rechtfertigung für höhere Kredite in jenem Fall: die weltweite Finanzkrise.

    Augenblicklich dagegen geht es etwas besser. In 2011 dürften es CDU und FDP schaffen, den Zuwachs der Neuverschuldung unterhalb des Wirtschaftswachstums zu halten. Aber wohlgemerkt: Während die Steuereinnahmen nun wieder das Niveau des Vorkrisenjahres 2008 erreicht haben, liegt die Neuverschuldung des Bundes noch mehr als dreimal so hoch wie vor dem Bankencrash.

    Jetzt aber versuchen Bundestag, Bundesrat und Regierung einen neuen Weg einzuschlagen. Er heißt „Schuldenbremse“. Im Grundgesetz steht mittlerweile, dass die Neuverschuldung des Staates ab Ende dieses Jahrzehnts definitiv unterhalb des Wachstums liegen muss. Gibt es krisenbedingte Ausnahmen, müssen diese im nächsten Aufschwung getilgt werden. Ob das funktioniert? Das wissen wir in 20 Jahren.

  • Bundestag will Portugal helfen

    Opposition wirft Regierung Verschleierungstaktik vor

    Ein dickes rotes X zierte die gelbe Aktenmappe von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), als er im Bundestag zur Verteidigungsrede der Finanzhilfen für angeschlagene Euroländer anhob. Nichts geht mehr, könnte der Beobachter daraus folgern. Doch das Redemanuskript in der Mappe enthielt die gegenteilige Botschaft. „Wir sollten den Portugiesen die Chance nicht verwehren“, sagte der Minister und verwies auf die eigenen Leistungen des armen Euro-Mitglieds zur Bewältigung seiner misslichen Lage.

    78 Milliarden Euro benötigt das Land im Südwesten. Im Gegenzug verspricht die Lissaboner Regierung einen harten Sparkurs. Die Renten werden gekürzt, ebenso das Arbeitslosengeld und die Gehälter im öffentlichen Dienst. Dazu privatisiert der Staat Eigentum im Wert von mehr als fünf Milliarden Euro und erhöht auch noch die Steuern. Deshalb seien die Finanzhilfen vertretbar und richtig, argumentierte Schäuble, „wir tun das im Interesse aller Europäer, vor allem aller Deutschen.“

    In der Bundestagsdebatte über die Rettungsaktion waren sich alle Parteien über eine Unterstützung der Portugiesen einig. Der Weg für das Rettungspaket ist aus deutscher Sicht frei. Der Haushaltsausschuss hat die Kredite bewilligt und Schäuble kann am Montag in Brüssel die Zusage weiterreichen.

    Lediglich Gregor Gysi von der Linken winkte ab, aber nur, weil die Linke das Spardiktat zu Lasten der kleinen Leute falsch findet. „Das kann nicht gut gehen“, sagte Gysi und verwies auf die ausbleibenden Erfolge dieser Methode in Griechenland. Der rigide Sparkurs habe die Konjunktur abgewürgt. In der Folge blieben auch Steuereinnahmen aus und die Krise verschlimmere sich weiter. „Sie haben einen Teufelskreis organisiert“, warf Gysi Merkel vor.

    Die Kritik der Grünen orientiert sich an der Frage, wie den Krisenländern geholfen werden kann, nicht ob dies geschehen soll. Fraktionschef Jürgen Trittin warf der Bundesregierung vor, dass sie über zu hohe Zinsen für die Hilfskredite auch noch an der Not der Südwesteuropäer verdienen wolle. „Wollen wir Portugal helfen oder wollen wir Portugal abzocken“, fragte Trittin und verlangte eine Herabsetzung der Zinsbelastung. Statt sechs Prozent soll das Land weniger als vier Prozent bezahlen.

    Verärgert zeigten sich Trittin und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier über die Informationspolitik der Bundesregierung. „Sie enthalten uns wichtige Unterlagen vor“, sagte Steinmeier und meinte den Vertragsentwurf für den Euro-Rettungsschirm, den die Abgeordneten nicht kennen. Auch Koalitionspolitiker sind unzufrieden und verlangen eine stärkere Einbidung des Parlaments. Darüber hinaus wirft die SPD der Koalition Zögerlichkeit vor. Natürlich gebe es längst eine Transferunion und es werde am Ende zu einer Umschuldung Griechenlands kommen, sagte Steinmeier. Die Regierung doktere mutlos an den Symptomen der Krise herum, statt sich an die Spitze der europäischen Bewegung zu stellen. Man wolle „nichts sagen, nichts hören , nichts sehen“, kritisierte Steinmeier.

    Ob Griechenland eine neuerliche Unterstützung benötigt, blieb in der Debatte offen. Schäuble verwies auf den im Juni anstehenden Bericht der EU-Kommission und des Internationalen Währungsfonds (IFW) über die Entwicklung der Hellenen. Erst dann werde entschieden, betonte der Finanzminister. Es gebe aber keine zusätzlichen Maßnahmen ohne klare Konditionen, stellt Schäuble klar.

    Opposition wirft Regierung Verschleierungstaktik vor / weitere Griechenlandhilfe umstritten

    Berlin (wom) – Ein dickes rotes X zierte die gelbe Aktenmappe von Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU), als er im Bundestag zur Verteidigungsrede der Finanzhilfen für angeschlagene Euroländer anhob. Nichts geht mehr, könnte der Beobachter daraus folgern. Doch das Redemanuskript in der Mappe enthielt die gegenteilige Botschaft. „Wir sollten den Portugiesen die Chance nicht verwehren“, sagte der Minister und verwies auf die eigenen Leistungen des armen Euro-Mitglieds zur Bewältigung seiner misslichen Lage.

    78 Milliarden Euro benötigt das Land im Südwesten. Im Gegenzug verspricht die Lissaboner Regierung einen harten Sparkurs. Die Renten werden gekürzt, ebenso das Arbeitslosengeld und die Gehälter im öffentlichen Dienst. Dazu privatisiert der Staat Eigentum im Wert von mehr als fünf Milliarden Euro und erhöht auch noch die Steuern. Deshalb seien die Finanzhilfen vertretbar und richtig, argumentierte Schäuble, „wir tun das im Interesse aller Europäer, vor allem aller Deutschen.“

    In der Bundestagsdebatte über die Rettungsaktion waren sich alle Parteien über eine Unterstützung der Portugiesen einig. Der Weg für das Rettungspaket ist aus deutscher Sicht frei. Der Haushaltsausschuss hat die Kredite bewilligt und Schäuble kann am Montag in Brüssel die Zusage weiterreichen.

    Lediglich Gregor Gysi von der Linken winkte ab, aber nur, weil die Linke das Spardiktat zu Lasten der kleinen Leute falsch findet. „Das kann nicht gut gehen“, sagte Gysi und verwies auf die ausbleibenden Erfolge dieser Methode in Griechenland. Der rigide Sparkurs habe die Konjunktur abgewürgt. In der Folge blieben auch Steuereinnahmen aus und die Krise verschlimmere sich weiter. „Sie haben einen Teufelskreis organisiert“, warf Gysi Merkel vor.

    Die Kritik der Grünen orientiert sich an der Frage, wie den Krisenländern geholfen werden kann, nicht ob dies geschehen soll. Fraktionschef Jürgen Trittin warf der Bundesregierung vor, dass sie über zu hohe Zinsen für die Hilfskredite auch noch an der Not der Südwesteuropäer verdienen wolle. „Wollen wir Portugal helfen oder wollen wir Portugal abzocken“, fragte Trittin und verlangte eine Herabsetzung der Zinsbelastung. Statt sechs Prozent soll das Land weniger als vier Prozent bezahlen.

    Verärgert zeigten sich Trittin und SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier über die Informationspolitik der Bundesregierung. „Sie enthalten uns wichtige Unterlagen vor“, sagte Steinmeier und meinte den Vertragsentwurf für den Euro-Rettungsschirm, den die Abgeordneten nicht kennen. Auch Koalitionspolitiker sind unzufrieden und verlangen eine stärkere Einbidung des Parlaments. Darüber hinaus wirft die SPD der Koalition Zögerlichkeit vor. Natürlich gebe es längst eine Transferunion und es werde am Ende zu einer Umschuldung Griechenlands kommen, sagte Steinmeier. Die Regierung doktere mutlos an den Symptomen der Krise herum, statt sich an die Spitze der europäischen Bewegung zu stellen. Man wolle „nichts sagen, nichts hören , nichts sehen“, kritisierte Steinmeier.

    Ob Griechenland eine neuerliche Unterstützung benötigt, blieb in der Debatte offen. Schäuble verwies auf den im Juni anstehenden Bericht der EU-Kommission und des Internationalen Währungsfonds (IFW) über die Entwicklung der Hellenen. Erst dann werde entschieden, betonte der Finanzminister. Es gebe aber keine zusätzlichen Maßnahmen ohne klare Konditionen, stellt Schäuble klar.

  • Ethik-Kommission gibt Atomkraft höchstens zehn Jahre

    Abgeschaltete Meiler sollen dauerhaft stillgelegt werden / Energiewende bringt wirtschaftliche Chancen

    Die von der Bundesregierung eingesetzte Ethik-Kommission gibt der Atomkraft in Deutschland noch höchstens zehn Jahre. Das geht aus dem Entwurf des Abschlussberichts des Gremiums hervor, der in der kommenden Woche vorgelegt wird. „Die Ethik-Kommission regt an, von einem Ausstiegskorridor zu sprechen“, heißt es darin. Aus wissenschaftlicher Sicht könnten alle Reaktoren bis zum Jahr 2021 abgeschaltet werden. Im günstigsten Falle werde das letzte Atomkraftwerk schon früher vom Netz genommen.

    Die Kommission fordert eine regelmäßige und transparente Prüfung des Prozesses. Als Kriterien nennt das von dem früheren Umweltminister Klaus Töpfer und dem Präsidenten der Deutschen Forschungsgemeinschaft, Matthias Kleiner, die Entwicklung der Strompreise, die Versorgungssicherheit, die Entwicklung von Stromimporten sowie die der Treibhausgasemmissionen.

    „Der Ausstieg ist nötig, um Risiken grundsätzlich auszuschließen“, schreiben die 17 Mitglieder der Runde. Nach Ansicht der Fachleute liegen bereits weniger riskante Alternativen vor. Dafür spricht nach Ansicht der Kommission auch die Erfahrung mit den bereits abgeschalteten sieben Meilern. Die 8,5 Gigawatt Leistung aller Reaktoren zusammen sei problemlos ersetzt worden. „Die Ethik-Kommission befürwortet die dauerhafte Stilllegung dieser kerntechnischen Anlagen“, heißt es im Bericht weiter.

    Das Reaktorunglück in Japan wirft nach Ansicht der Experten ein neues Licht auf die Energieproduktion auch in Deutschland. Unter ethischen Gesichtspunkten seien nukleare Ewigkeitslasten künftiger Generationen zu Gunsten kurzfristigen Nutzen nicht vertretbar. Die Risiken seien im Gegensatz zu früheren Annahmen nicht beherrschbar. Ein Kritikpunkt ist dabei die Haftungsfrage im Falle von Atomunfällen. In der Kernenergie gebe es nur eine sehr eingeschränkte Haftung der Betreiber von Reaktoren. Tendenziell wird damit laut Kommission dem Missmanagement Tür und Tor geöffnet.

    Die größte ethische Verpflichtung sieht das Gremium in der Endlagerung radioaktiver Abfälle. Die Aussicht auf die Jahrtausende lange Lagerung hochstrahlenden Mülls sei für viele Menschen undenkbar, heißt es im Bericht, „sie ist mit dem menschlichen Maß einfach nicht kompatibel.“ Die Experten fordern aber, dass der hier erzeugte strahlende Müll auch in Deutschland gelagert wird und raten zu Lagerstätten, aus denen verbrauchte Brennstäbe oder andere Stoffe auch wieder herausgeholt werden können. „Dies erweitert den Suchraum für die Findung von Endlager-Stätten radioaktiven Mülls“, schreibt die Töpfer-Runde.

    Die Energiewende soll zur nationalen Zukunftsaufgabe erklärt werden. Dabei rechnen die Experten nur mit maßvollen Preissteigerungen beim Strom durch den Atomausstieg. Die Kosten sind unter den Fachleuten höchst umstritten und derzeit noch gar nicht genau kalkulierbar. Die Kommission sieht eine Spanne, die von einem Aufschlag um 0,1 Cent pro Kilowattstunde bis zu fünf Cent reicht.

    Auf der anderen Seite entstehen durch den Ausstieg auch neue wirtschaftliche Chancen, weil sich die Entwicklung eines neuen Energiemix als globaler Wettbewerbsvorteil erweisen wird. Die Experten rechnen daher mit zusätzlichen Arbeitsplätzen in Industrie und Handwerk.

  • Euro-Austritt ist keine Lösung

    Debatte über Griechenland: Soll Athen zu seiner alten Währung Drachme zurückkehren? Die Folgen wären fürchterlich, sowohl für Griechenland, als auch für Deutschland.

    Die Europäischen Regierungen und Ökonomen diskutieren wieder heftig über Griechenland. Die Frage lautet: Stabilisiert sich die Lage des Mittelmeerlandes durch das Euro-Rettungspaket oder sind doch drastischere Maßnahmen notwendig – etwa der Austritt aus der Euro-Zone oder eine teilweise Entwertung der hohen Schulden?

    Die Debatte kommt jetzt wieder in Gang, weil die griechische Regierung auf erträglichere Kreditkonditionen seitens der Euro-Zone und des Internationalen Währungsfonds drängt, am Freitag Abend Finanzminister Wolfgang Schäuble mit seinen Kollegen in Luxemburg über Griechenland konferierte und ein Papier aus dem Finanzministerium kursiert, in dem Schäubles Mitarbeiter die Folgen eines Austritts aus der Euro-Zone analysieren.

    Die Lage Griechenlands ist bedrohlich, weil die Schuldenlast den Staat möglicherweise überfordert. Angesichts einer Wirtschaftsleistung von rund 230 Milliarden Euro (Prognose für 2011) hat Athen mittlerweile Schulden von etwa 340 Milliarden Euro. Diese belasten das Land jährlich mit Zinszahlungen von mindestens 20 Milliarden Euro – knapp zehn Prozent der Wirtschaftsleistung. Zum Vergleich: In Deutschland liegen die Kosten des Schuldendienstes bei zwei bis drei Prozent.

    Wenn ein Land so viel Geld für Zinsen ausgeben muss wie Griechenland, fehlen ihm die Mittel für Investitionen, Straßenbau, Lehrergehälter und Sozialausgaben. Die Regierung spart im ärgsten Fall so stark, dass reihenweise Unternehmen mangels Aufträgen pleitemachen, die Arbeitslosigkeit steigt und das Wirtschaftswachstum in eine Schrumpfung übergeht. Dieser Prozess ist in Griechenland bereits im Gange. Die Sparauflagen der Euro-Zone und des IWF beschleunigen ihn zum Teil.

    Auf den ersten Blick kann der Austritt aus der Euro-Zone diesen Druck verringern. Mit der Rückkehr zu seiner alten Währung Drachme wertet diese gegenüber dem Euro stark ab. Ergebnis: Die griechischen Waren werden viel billiger, Urlaub auf den Insel günstiger, die Wirtschaft erholt sich. Auf den zweiten Blick allerdings ist das ein Trugschluss. Denn auch im Falle des Austritts bleiben den Griechen ihre Auslandsschulden in Euro. Wegen des fallenden Wertes der Drachme steigt umgekehrt der Wert der Euro-Verschuldung massiv an. Staat, Banken und viele Unternehmen sind quasi sofort pleite.

    Aber die Folgen reichten noch weiter. Der Austritts Griechenlands könnte den Zerfall der Euro-Zone einleiten, argumentiert Ökonom Folker Hellmeyer von der Bremer Landesbank. Die deutsche Exportwirtschaft würde empfindlich geschädigt. „Ein Fall der Euro-Zone bringt für Deutschland Budgetrisiken, die mehrere hundert 100 Milliarden Euro ausmachen.“

    Als sanfter und für alle Beteiligten erträglicher erscheint deshalb die teilweise Entwertung der griechischen Schulden. Mit verschiedenen Methoden lässt sich die Schuldenlast reduzieren. Wie unlängst bereits einmal geschehen, könnten erstens die Zinsen im Rahmen des 110-Milliarden-Euro-Rettungspakets sinken. Auch die öffentliche deutsche KfW-Bank, die Griechenland bislang Kredite von 8,4 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt hat und maximal 25 Milliarden übernehmen wird, erhielte geringere Zinsen. Zweitens ließe sich die Rückzahlungsfrist der Kredite um mehrere Jahre strecken.

    Drittens könnte Griechenland mit seinen Gläubigern vereinbaren, einen Teil der Schulden zu annulieren. Dies würde das Vertrauen der Investoren zwar auch erschüttern, aber bei weitem nicht so stark und andauernd wie ein Austritt aus der Euro-Zone. Trotzdem wollen die Regierungen diesen Weg vermeiden, weil er einen Schock für die privaten Investoren beinhaltete, die ebenfalls auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten müssten.

    Wie es weitergeht und ob die griechischen Schulden offiziell noch tragfähig sind, wissen wir spätestens Mitte Juni, wenn die Experten von EU-Kommission, IWF und Europäischer Zentralbank, die gegenwärtig in Athen die Bücher prüfen, ihren Bericht vorlegen.

    Info-Kasten

    Konferenz und Dementi

    Eine Konferenz mehrerer Regierungen abzustreiten, obwohl sie stattfindet, sei nicht sinnvoll. Diese Kritik äußerte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Richtung Luxemburg. Ein Sprecher von Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker hatte am Freitag zunächst verneint, dass es am selben Tag ein Krisentreffen geben solle, unter anderem um die bedrohliche Lage in Griechenland zu beraten. Konferenz, Dementi und Widerruf des Dementis trugen am Wochenende dazu bei, die Debatte über Griechenlands Zukunft anzuheizen.

  • Apple, slightly blemished

    Harsh working conditions drove 13 iPhone workers to commit suicide in China. But the world’s urbane elite have no intention of giving up their status symbols

    We are so closely intertwined – and yet so very far apart. We, the purchasers of Apple products like the iPhone and iPad. And they, the workers who assemble the devices in the factories in the megacities of Shenzhen and Chengdu.
    I didn’t think about it. I was in a good mood strolling down Friedrichstrasse in Berlin. Now I had an iPhone with a two-year contract – but asked myself with a certain amount of shame how that could happen. The media reports about the suicides of Chinese iPhone workers in the first half of 2010 didn’t prevented my purchase. Thirteen employees of Foxconn International, which manufactures the phone on behalf of Apple, took their own lives – the majority jumped to their deaths from the upper stories of the factory building. Another four survived their attempted suicides.
    They were desperate, not least because of the tribulations of their work: terrible wages, sixty-hour workweeks or more, loneliness in company dormitories, and no prospects of any of these things changing. Among other measures Foxconn installed nets on the building facades to prevent more employees leaping to their deaths.
    All of this suggests that iPhones, iPads and MacBooks are terrible devices. If the circumstances of their production drive workers to their deaths, then the social quality of the product can definitely be considered miserable.
    And yet the iPhone today is as attractive a product as a Mercedes convertible was 50 years ago. It isn’t just a question of design and ease of use. People who use devices from Apple also demonstrate, consciously or unconsciously, that they have social capital and that they belong to a successful, cosmopolitan, hedonistic elite.
    In this respect it was unsurprising that among the six-member journalist group with which I recently traveled to China, four used iPhones and iPads. The goal of the trip, one year after the suicides, was to find out if the working and living conditions in the Chinese factories have improved. Both Apple and its supplier Foxconn had promised reforms.
    In Chengdu, a city with more than 11 million residents in China’s southwest interior, the Taiwanese company Foxconn is building two new factories. Currently about 100,000 employees work for Apple. That number will soon increase to 250,000 workers. Foxconn founder and Chairman Terry Gou recently told Chinese media that by 2013 approximately 100 million iPads would be produced each year in Chengdu.
    For visitors coming from the ordered calm of Central European cities, the bustle and noise in front of the entrance to the site is difficult to bear. At midday thousands of workers jostle their way to the mobile kitchens mounted on motorcycles. Heavy transports with deafening horns, carrying steel girders and containers, blare their way to the entrance gate. Many of the roads on the premises are still muddy paths, the factory is growing quickly, within just a few months one hall after the next is built, and at the same time the Foxconn employees shoot millions of devices out into the market.
    Zhao Ai (real name changed) gets a bowl of rice and vegetables for lunch. She is 19 years old and wears a blue vest with the Foxconn logo on its back over her light-colored T-shirt and jeans. Zhao reports that she works in quality control where she examines iPad casings for manufacturing defects. She spends six days a week, from Monday to Saturday, and 12 hours each day in the factory. The two-hour breaks per day are not remunerated. Two further hours are considered overtime, as well as Saturdays. “Each week I work about 20 hours overtime, about 80 per month,” Zhao said.
    Too much regular mandatory overtime – that is just one of the accusations that critics have made against Foxconn, among them the organization Sacom from Hong Kong. Louis Woo, a close confidant of the company chairman, made no attempt to deny this problem during a face-to-face meeting. “It is true that China’s labor law allows 36 hours overtime per month and we are taking the lead in the industry to adhere to the 36-hour target, within 2011 through increased hires, the establishment of additional dormitories with the local governments, and the construction of new factories.” Woo was saying nothing less than that working conditions with Foxconn have been and currently still are in contravention of local legal standards – something that the iPhone company Apple specifically forbids in its social responsibility standards for suppliers.
    Many employees also complain about the strict, sometimes degrading rules that Foxconn enforces. “During work we are not allowed to speak to one another,” said quality controller Zhao. Other employees said that supervisors had punished them for mistakes by ordering them to stand between the workstations in the production hall where they could be seen by all of their colleagues, pilloried so to speak. Woo admitted that this sort of degrading behavior by supervisors does occur. “It is certainly not something we endorse or encourage, I would not exclude that this might happen given the diverse and large population of our workforce,” she said.  “But we want to change it – we fully commit to investigating all grievences filed by any of our one million employees.”
    It is certainly urgently necessary, at least in Chengdu. In southern Shenzhen near Hong Kong, in contrast, where Foxconn employs 400,000 people in two older factories, the company has introduced noticeable improvements. This is the location of Foxconn’s hub in China. The gigantic factory forms its own city, with palm-lined avenues, flower beds, benches, supermarkets, dormitories, bars, cinemas and cafeterias that turn twenty-five tons of rice into one-person set meals each day. Catch nets for suicide jumps still adorn the factory buildings. However, in addition to this there is also now a “Care Center,” where workers can reach telephone counselors around the clock and psychologists can assist with work and private problems.
    Overall, Foxconn is a company on its way toward civilized working conditions. But even a year after the series of suicides it appears as if all the potential causes have not yet been eliminated everywhere within the multinational, and certainly not in the new factories in the Chinese interior.
    European consumers could and can know this. We, the consumers, prefer to ignore this sort of unpleasant information, of course. The retailers and cellphone companies that supply us with iPads, iPhones and MacBooks, also seem not to worry about the unpleasant news. A spokesperson for Deutsche Telekom AG, which was the sole official supplier of iPhones in Germany until 2010, put it this way: “The only critique from customers that we have noted is when we couldn’t keep up with demand.” The miserable working conditions in China have obviously not had any noticeable effect on consumer behavior. On the contrary, Apple products are still selling like hotcakes.
    Why is this? Lack of sympathy, indifference, short memories? Certainly. On the other hand, in our defense we can also say, if we want to use a Smartphone we don’t have a choice in the matter. Cellphones manufactured to ecological and social standards don’t exist. The Dutch organization Fairphone is taking the first steps in this direction, but they haven’t made much progress thus far. And the other common brands don’t offer any alternative. The fact of the matter is that Nokia, Sony and other cellphone companies also use Foxconn as their supplier.
    Another option is to buy these objects of desire but also tell the company what you think of them. The next possibility to do so is a worldwide day of action for sustainable IT production on May 7. Under the motto “Time to bite into a fair Apple,” organizations like Sacom in Hong Kong, Somo in the Netherlands, and Germanwatch in Germany are asking consumers to show up in large numbers in shops that sell Apple products and to tenaciously inquire about working conditions in product production. While the planned protest by the international “makeITfair” campaign is likely to make an impression on Apple and other companies, its reach is limited as long as we consumers are not prepared to threaten the ultimate economic sanctions: doing without iPhones.

  • Warum wir schlechte Produkte kaufen

    Mobiltelefone und Computer von Apple sind für uns Konsumenten derzeit unschlagbar attraktiv. Dabei nahmen sich vor nicht langer Zeit 13 iPhone-ArbeiterInnen das Leben – verzweifelt über ihre Arbeit. Nachdenken angesichts eines Besuchs in den chinesischen

    Wir sind so eng miteinander verbunden – und doch so weit von einander entfernt. Wir, die Käufer von Apple-Produkten wie dem iPhone und dem iPad. Und sie, die Arbeiter, die die Geräte in den Fabriken der chinesischen Millionenstädte Shenzhen und Chengdu zusammensetzen.

    Nicht nachgedacht. Gute Laune beim Bummel über die Friedrichstraße in Berlin. Nun benutzt der Autor ein iPhone mit Zwei-Jahres-Vertrag – und fragt sich mit einer gewisser Scham, wie das passieren konnte.

    Die Medienberichte über die Selbstmorde von iPhone-Arbeitern im ersten Halbjahr 2010 haben diese Kaufentscheidung nicht verhindert. 13 Beschäftigte des Foxconn-Konzerns, der im Auftrag von Apple produziert, nahmen sich damals das Leben – meist, indem sie sich von oberen Stockwerken der Fabrikgebäude in den Tod stürzten. Vier weitere überlebten den Suizid-Versuch. Die Leute waren verzweifelt, auch wegen der Drangsal ihrer Arbeit: miese Löhne, 60 Stunden pro Woche Arbeit oder mehr, Einsamkeit im Firmen-Wohnheim, keine Aussichten, das alles zu ändern.

    Als Reaktion versprachen Foxconn und Apple Läuterung. In den Foxconn-Hauptwerken in Shenzhen bei Hongkong, wo 400.000 Leute arbeiten, ließ man unter anderem Netze an den Fassaden installieren, um weitere Todessprünge zu verhindern, verdoppelte den Lohn und eröffnete ein „Care-Center“, in dem Berater rund um die Uhr bei privaten und beruflichen Problemen helfen. Aber haben sich die Arbeits- und Lebensumstände in allen chinesischen Foxconn-Fabriken ein Jahr nach den Selbstmorden gebessert?

    In Chengdu, in der Millionenstadt im Südwesten Chinas, baut das taiwanesische Unternehmen gegenwärtig zwei neue Fabriken auf. Hier arbeiten rund 100.000 Beschäftigte. Bald sollen es 250.000 Arbeiter sein.

    Für Besucher aus der geordneten Ruhe mitteleuropäischer Großstädte sind das Gewühl und der Krach vor dem Eingang des Geländes schwer zu ertragen. Tausende ArbeiterInnen drängeln sich zur Mittagszeit um fahrbare Küchen, die auf Motorrädern montiert sind.

    Zhao Ai* holt sich eine Schale mit Reis und Gemüse. Sie ist 19 Jahre alt, zu Jeans und hellem T-Shirt trägt sie die blaue Weste mit dem Foxconn-Schriftzug auf dem Rücken. Ai berichtet, dass sie in der Qualitätskontrolle arbeitet, wo sie die Gehäuse der iPads auf Produktionsfehler überprüft. An sechs Arbeitstagen von Montag bis Samstag ist sie jeweils 12 Stunden in der Fabrik. Zwei Stunden Pause täglich werden nicht bezahlt. Zwei weitere Stunden gelten als Überstunden, ebenso der Samstag. Das bedeutet: „Pro Woche leiste ich rund 20 Überstunden, monatlich etwa 80,“ so Zhao.

    Regelmäßige, verpflichtende Überstunden in zu hoher Zahl – das ist einer der Vorwürfe, den Kritiker wie die Organisation Sacom aus Hong Kong gegenüber der Firma erheben. Louis Woo, ein enger Vertrauter des Vorstandschefs von Foxconn, streitet dieses Problem im persönlichen Gespräch nicht ab. „Es ist richtig, dass das chinesische Arbeitsgesetz nur 36 Überstunden pro Monat erlaubt. Wir übernehmen eine Führungsrolle, um dieses Ziel umzusetzen.“ Woo räumt damit ein, dass die Arbeitsbedingungen bei Foxconn in systematischem Widerspruch zum Gesetz stehen – ein Umstand, den das iPhone-Unternehmen Apple in seinen Sozialstandards ausdrücklich ausschließt.

    Zur Begründung führt der Manager zwei Argumente an. Einerseits sei die Nachfrage nach Foxconn-Produkten so groß, dass man gar nicht genug Leute einstellen könne. Außerdem wünschten viele ArbeiterInnen ausdrücklich, mehr zu arbeiten, damit sie mehr verdienten. 2011 werde man aber zusätzliche Beschäftigte anwerben und die Löhne weiter erhöhen, um die Zahl der Überstunden zu verringern, so Woo.

    Der Lohn eines normalen Foxconn-Arbeiters in Chengdu beträgt etwa 2.000 Renmimibi (210 Euro) für rund 240 Arbeitsstunden monatlich. Das macht rund 90 Euro-Cent pro Stunde – eine Summe, die deutlich über dem staatlichen Mindestlohn liegt, den Arbeitern aber trotzdem nur ein relativ bescheidenes Leben ermöglicht und für die Gründung einer eigenen Familie kaum ausreicht.

    In den Werkhallen sieht es nicht aus wie in einem Swetshop. Es ist hell und nicht besonders laut. Die Arbeiter haben Platz und arbeiten mit Hightech-Geräten wie in Europa. Trotzdem beschweren sich viele Beschäftigte über die harten, teilweise entwürdigenden Regeln, die Foxconn durchsetze. „Wir dürfen während der Arbeit nicht miteinander sprechen“, sagt Qualitätskontrolleurin Zhao. Andere Arbeiter berichten, Vorgesetze hätten ihnen zur Strafe für Fehler befohlen, sich zwischen den Arbeitsplätzen in der Produktionshalle so aufzustellen, dass sie für ihre Kollegen gut sichtbar am Pranger standen. „Angesichts der großen Zahl unserer Beschäftigten würde ich nicht ausschließen, dass es solche Fälle gibt“, sagt Woo, „aber wir wollen das ändern.“

    Zumindest in Chengdu ist das wohl dringend notwendig. Unter dem Strich muss man sagen: Foxconn ist eine Firma auf dem Weg in die Zivilisation. Aber auch ein Jahr nach der Selbstmord-Serie scheinen deren möglichen Ursachen nicht überall im Konzern beseitigt – jedenfalls nicht in den neuen Werken im chinesischen Hinterland.

    Als Konsument in Europa konnte und kann man das wissen. Wir, die Verbraucher, freilich ziehen es vor, derartig unangenehme Informationen zu ignorieren. Die Handels- und Mobilfunk-Unternehmen, die uns mit iPads, iPhones und MacBooks versorgen, kümmern sich ebenfalls kaum um die unschönen Nachrichten.

    Warum ist das so? Mitleidslosigkeit, Desinteresse, kurzes Gedächtnis? Sicherlich. Andererseits dürfen wir zu unserer Entlastung auch sagen: Wenn wir ein Smartphone benutzen wollen, haben wir keine Wahl. In ökologischem und sozialem Sinne gut hergestellte Mobiltelefone gibt es nicht. Die holländische Organisation Fairphone unternimmt zwar erste Schritte, konzentriert sich aber bisher auf die sozial- und umweltverträgliche Beschaffung der Rohstoffe in Afrika. Und auch andere gängige Marken bieten keine Alternative. Denn leider sieht es so aus: Auch Nokia, Sony und andere Mobiltelefon-Firmen lassen bei Foxconn produzieren.

    Bleibt die Variante, die Objekte der Begierde zu erstehen und gleichzeitig den Unternehmen zu sagen, was man von ihnen hält. Die nächste Möglichkeit dazu bietet der weltweite Aktionstag der Kritiker am 7. Mai. Organisationen wie Sacom aus Hong Kong, Somo aus den Niederlanden und Germanwatch aus Deutschland rufen die Verbraucher auf, sich in Geschäften mit Apple-Produkten zahlreich und hartnäckig nach den Arbeitsbedingungen in der Produktion zu erkundigen. Dies wird die Unternehmen einschließlich Apple nerven, ist aber – zugegeben – ein Protest mit begrenzter Reichweite, so lange wir nicht mit wirtschaftlichen Sanktionen, sprich: dem Verzicht auf iPhones, drohen wollen.

    * Name geändert

  • Sehr viel Arbeit für ziemlich wenig Geld

    Der Lohn der iPhone-Arbeiter könnte steigen. Denn die Kunden würden auch höhere Preise akzeptieren

    Der Arbeitslohn der iPhone-Arbeiter in China beträgt umgerechnet zwischen 90 Euro-Cent und 1,30 Euro pro Stunde. Bei 240 Arbeitsstunden inklusive Überstunden bringen sie es auf 210 bis 310 Euro pro Monat.

    Die Kritiker von der Kampagne „Make IT Fair“ sagen dazu: Dieser Lohn reiche nicht, um den Lebensstandard der Arbeiter in Großstädten wie Shenzhen oder Chengdu mit ihren steigenden Lebenshaltungskosten zu sichern. Eine Familie könnten sie schon gar nicht unterhalten.

    Dabei wäre es für die Unternehmen kein Problem, den Lohn massiv zu erhöhen. Denn die Arbeitskosten, die in einem iPhone stecken, betragen nur rund drei Prozent. Diese Zahl nannte Foxconn-Manager Louis Woo im Gespräch mit dieser Zeitung. Angesichts eines Endkunden-Preises von 500 Euro für ein iPhone schlagen die Arbeitskosten also nur mit 15 Euro zu Buche.

    Einigten sich Foxconn und Apple darauf, die Löhne zu verdoppeln, stiege der Preis eines iPhones bei uns folglich um maximal 15 Euro. Ließen sich europäische Konsumenten dadurch vom Kauf abhalten? Wahrscheinlich nicht. Denn bei Kult-Produkten wie den Mobiltelefonen und Computern von Apple spielt der Preis nicht die Hauptrolle.

    Aber selbst wenn Apple die Konkurrenz fürchtete, Absatzeinbußen verhindern und den Ladenpreis deshalb partout nicht erhöhen wollte, wären höhere Löhne kein Problem. Denn im iPhone stecke ein Profit von bis zu 60 Prozent, sagt Cornelia Heydenreich von „Make IT Fair“.

    Zu solchen Angaben äußern Unternehmen sich nicht. Unstrittig allerdings ist, dass Apple mit seinen Produkten luxuriöse Gewinnmargen erzielt. Im Verhältnis zu einem Gesamtumsatz von rund 25 Milliarden Dollar im vergangenen Geschäftsquartal vermeldete die US-Firma eine Rendite von sechs Milliarden Dollar. Stiegen die Lohnkosten, nähme dieser Profit ab. Aber noch immer blieben sehr hohe Gewinne übrig.

    Dass eine derartige Unternehmenspolitik möglich ist, beweist das vergangene Jahr. Als Reaktion auf die Selbstmorde in Shenzhen erhöhte Foxconn den Lohn der Beschäftigten um fast 100 Prozent.

    Zu solchen Schritten sind die Unternehmen offenbar nur unter starkem Druck bereit – seitens der Beschäftigten oder auch der Kunden.

  • The two faces of Apple

    [Translate to Englisch:] Von Hannes Koch
    Es ist nicht die Mannschaft des örtlichen Sportvereins, die hier durch das Industriegebiet joggt. Es sind künftige iPad-Monteure, die in Zweierreihen brav ihrem Vorarbeiter hinterhertraben. Sie sind jung, vielleicht 19 oder 20 Jahre alt. Jeder von ihnen hält in der linken Hand einen braunen Umschlag mit den Bewerbungsunterlagen. Auf das Kommando seines Anführers macht der Trupp eine Kurve und schwenkt ein zur Treppe des Rekrutierungsbüros.
    In seinen neuen Fabriken in der chinesischen Stadt Chengdu stellt der Foxconn-Konzern zehntausende Arbeiter ein, um für Apple Millionen iPads zu produzieren. Das Zulieferunternehmen ist bekannt und gefürchtet für seine harten Regeln. Im vergangenen Jahr hat die strenge Disziplin dazu beigetragen, dass 13 Arbeiter im Foxconn-Werk im chinesischen Shenzhen Selbstmord begingen. Der Besuch in den Fabriken soll klären, ob die Firma ihre Beschäftigten jetzt besser behandelt.
    „Wir dürfen uns während der Arbeit nicht unterhalten“, sagt die 19jährige Wang Cui (Namen geändert). Die Frau mit den hervortretenden Augen und der dunkeln Haut trägt über ihrer weißen Plastikjacke die blaue Weste mit dem Foxconn-Schriftzug. Ihre langen Fingenägel sind gepflegt, sie arbeitet nicht in der Produktionslinie, sondern kontrolliert die Qualität der iPad-Gehäuse. Ob sie die harten Regeln stören? „Arbeit ist Arbeit, Rest ist Rest“, sagt Wang und zuckt die Schultern.
    Mehr als das Sprechverbot allerdings beklagt sie das entwürdigende Verhalten, das manche Vorarbeiter an den Tag legten. „Die Aufseher respektieren die Arbeiter nicht.“ Manche Kollegin sei für einen kleinen Fehler bestraft worden, indem der Vorarbeiter sie zwang, sich gut sich sichtbar für alle zwischen den Produktionslinien aufzustellen – quasi an den Pranger. „Hier herrschen Befehl und Gehorsam“, beschwert sich Wang.
    Ihre Kolleginnen nicken. Um den Besucher hat sich inzwischen ein Pulk von Zuhörern gebildet. Zur Mittagszeit strömen tausende Arbeiter aus der Fabrik auf den chaotischen Vorplatz vor dem Werktor. Weil ihnen das Essen in den Werkskantinen nicht schmeckt, holen sie sich Nudeln in Plastikschalen und gedünstetes Gemüse an den Essenständen, die auf Fahrrädern und Motorrädern montiert sind. Durch das Gewühl bahnen sich Schwertransporter unter ohrenbetäubendem Hupen ihren Weg zur Fabrik.
    „Ich arbeite von Montag bis Samstag jeweils 12 Stunden“, sagt der 20jährige Arbeiter Zhang Feng, ebenfalls ein Qualitätskontrolleur. Die braungefärbten Haare hat er nach japanischer Mode schräg ins Gesicht gekämmt. In der Arbeitszeit enthalten seien jeweils zwei obligatorische Überstunden. Auch die Samstage zählten als Zusatzarbeit. „Das macht meistens 20 Überstunden pro Woche“, sagt Zhang, „insgesamt 80 im Monat.“
    Diese Arbeitszeitregelung ist üblich bei Foxconn in Chengdu. Das chinesische Arbeitsgesetz allerdings erlaubt nur 36 Überstunden pro Monat. „Die Mehrarbeit bei Foxconn überschreitet die gesetzliche Grenze oft um mehr als 100 Prozent“, kritisiert Chan Sze Wan, Mitarbeiterin der Hongkonger Organisation Sacom. Zusammen mit der Kampagne „Make IT Fair“, die von der EU gefördert wird, untersucht Chan regelmäßig die Arbeitsbedingungen bei Foxconn.
    Das ist die eine, die verborgene Welt der Apple-Produktion in Chengdu. Der Bau der beiden neuen Fabriken, in denen bereits 100.000 Menschen arbeiten, hat erst im vergangenen Jahr begonnen. Kaum ein Besucher hat bislang seinen Weg dorthin gefunden.
    Im 1.500 Kilometer südlich gelegenen Shenzhen bei Hongkong sieht das anders aus. Dort steht das chinesische Hauptwerk des aus Taiwan stammenden Konzerns. In den quadratkilometer großen Fabrikarealen, einer Stadt in der Stadt, arbeiten rund 400.000 Beschäftigte. Um seinen durch die Selbstmord-Serie 2010 ramponierten Ruf aufzubessern, erlaubt die Unternehmensleitung Besuchern im Gegensatz zu früher den Zutritt.
    In den hunderte Meter langen, hell erleuchteten Werkhallen stehen Dutzende Produktionslinien nebeneinander. Die Böden sind grau gestrichen und glänzen. Alles ist sehr aufgeräumt, fast steril. Die Arbeiter, die iPhones, MacBooks und andere Produkte fertigen, tragen antistatische Jacken. Auch die Besucher müssen sich Häubchen aufsetzen und ihre Schuhe mit Überziehern schützen, damit sie keinen Dreck hineintragen. Manche Arbeitsschritte sind vollautomatisiert. Viele Beschäftigte verrichten aber mehrere tausend Mal am Tag die gleichen monotonen Handgriffe. Unterhaltungen, die nicht unbedingt notwendig sind, dürfen die Arbeiter auch hier nicht führen. Wenn sie zur Toilette wollen, müssen sie ihren Aufseher fragen.
    Die Hauptstraße, die vom Werktor mit Kontrollen und Schranke ins Innere des weitläufigen Areals führt, ist von Palmen und Blumenrabatten gesäumt. Es gibt Banken, Geschäfte, Bibliotheken, Schwimmbäder und Cafés, die guten Espresso servieren. Zum Eindruck einer zivilisierten Industrielandschaft allerdings wollen die Auffangnetze an den Fassaden der höheren Gebäude nicht passen. Sie wurden vor einem Jahr installiert, um weitere Todessprünge von verzweifelten Beschäftigten zu verhindern. Zur gleichen Zeit eröffnete man ein „Care Center“, in dem Berater nun rund um die Uhr für private und berufliche Probleme der Arbeiter zur Verfügung stehen.
    „Früher waren wir kein sehr offenes Unternehmen“, sagt Foxconn-Manager Louis Woo, „aber jetzt hören wir unseren Beschäftigten besser zu, was sie vom Leben erwarten.“ Der distinguierte Herr von 63 Jahren trägt kein Jackett, sondern wegen der warmen Temperatur nur Hosenträger. Er holt den Besucher persönlich vom Wagen ab und geleitet ihn in sein karg eingerichtetes Büro.
    Er wisse, dass das chinesische Arbeitsgesetz nur 36 Überstunden pro Monat erlaube, sagt Woo. -„Um dieses Ziel einzuhalten, fehlt es uns allerdings an Infrastruktur. Das ist keine Entschuldigung, wir wollen die Regeln nicht brechen. Um sie einzuhalten, bauen wir mehr Fabriken, mehr Wohnheime für die Beschäftigten und stellen mehr Leute ein.“ Mit anderen Worten: Die Nachfrage durch Apple, Nokia, Sony und andere Markenunternehmen ist so groß, dass Foxconn seine  vorhandenen Arbeiter einfach über die gesetzliche Grenze hinaus arbeiten lässt.
    Diese Geschäftspolitik verstößt auch gegen den Verhaltenskodex, den Apple seinen Produzenten abverlangt. Dort heißt es: „Unter keinen Umständen dürfen die Arbeitszeiten die Grenzen der Gesetze überschreiten.“ Gegenüber SPIEGEL ONLINE äußerte sich Apple-Sprecher Alan Hely nicht konkret zur Frage der Überstunden, sondern verwies auf die Verbesserungen, die Foxconn seit 2010 eingeführt habe.

    Info 1: Foxconn, die Firma

    Gründer und Chef von Foxconn ist der taiwanesische Unternehmer Terry Gou. Seine Hon Hai-Gruppe, deren Teil Foxconn ist, liefert Mobiltelefone, Smartphones, Computer und andere Produkte für viele Marken-Unternehmen, unter anderem Apple und Nokia. In der Regel tritt das Produktionsunternehmen Foxconn nicht unter eigenem Namen auf. Insgesamt beschäftigt der Konzern rund eine Million Beschäftigte und ist damit einer größten Industriekonzerne der Welt. 2010 erreichte der Umsatz 77,1 Milliarden Euro, der Gewinn 1,8 Milliarden Euro.
    (Bitte die Umrechnung checken! Die Sprecherin der Hon Hai-Gruppe hat mir folgende Zahlen geschickt: „2.997 trillion New Taiwan Dollar (consolidated revenue 2010), 77.1 billion NTD (net income 2010)“)

    Info 2: Lohn bei Foxconn

    Als Reaktion auf die Selbstmorde im vergangenen Jahr hat Foxconn den Mindestlohn nahezu verdoppelt. Arbeiter in Shenzhen erhalten nun eine Basisbezahlung von 1.750 Renmimbi pro Monat. Inklusive Überstunden können sie 2.500 bis 3.000 Rmb monatlich erwirtschaften (259 bis 310 Euro). Bei ca. 240 Arbeitsstunden pro Monat bedeutet das einen Stundenlohn von etwa 1,10 bis 1,30 Euro. Diese Bezahlung reicht auch nach Einschätzung der Kritiker-Organisationen wie „Make IT Fair“ und Sacom aus, den Lebensunterhalt einer einzelnen Person zu decken, der in Shenzhen etwa 2.700 Rmb koste. Sie argumentieren allerdings, schon das Basisentgelt müsse diese Lebenshaltungskosten decken. Wegen des niedrigen Mindestlohns seien die Arbeiter gezwungen, Überstunden zu leisten. In den neuen Fabriken in Chengdu liegen die Verdienste um 20 bis 30 Prozent unter dem Niveau von Shenzhen. Dort würden die Lebenshaltungskosten nicht einmal mit Überstunden erreicht, sagen die Kritiker.

    Info 3: Arbeitszeit

    In den neuen Foxconn-Fabriken in Chengdu arbeiten die Beschäftigten sechs Tage pro Woche in zwei täglichen Zwölf-Stunden-Schichten. Der Sonntag ist frei. Acht Stunden täglich werden normal bezahlt. Hinzu kommen zwei bezahlte, obligatorische Überstunden und zwei Stunden unbezahlter Pausen. Die bezahlte Arbeitszeit summiert sich damit auf etwa 60 Stunden pro Woche, 240 Stunden monatlich.

    Info 4: Die Kritiker

    Seit der Selbstmord-Serie 2010 stehen Foxconn und Apple unter verschärfter Beobachtung von Nichtregierungsorganisationen wie Germanwatch in Deutschland, Somo in den Niederlanden und Sacom aus Hong Kong. Die Kampagne „make IT fair“ setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen in der Produktion von iPhones und iPads ein. Am Samstag (7.5.) findet ein weltweiter Aktionstag statt. Die Kritiker rufen die Verbraucher auf, sich in den Geschäften, die Apple-Produkte anbieten, nach den Zuständen bei Foxconn zu erkundigen.

    Links

    • http://makeitfair.org
    • http://www.germanwatch.org
    • http://www.sacom.hk
  • Die zwei Welten von Apple

    Von Hannes Koch
    Es ist nicht die Mannschaft des örtlichen Sportvereins, die hier durch das Industriegebiet joggt. Es sind künftige iPad-Monteure, die in Zweierreihen brav ihrem Vorarbeiter hinterhertraben. Sie sind jung, vielleicht 19 oder 20 Jahre alt. Jeder von ihnen hält in der linken Hand einen braunen Umschlag mit den Bewerbungsunterlagen. Auf das Kommando seines Anführers macht der Trupp eine Kurve und schwenkt ein zur Treppe des Rekrutierungsbüros.
    In seinen neuen Fabriken in der chinesischen Stadt Chengdu stellt der Foxconn-Konzern zehntausende Arbeiter ein, um für Apple Millionen iPads zu produzieren. Das Zulieferunternehmen ist bekannt und gefürchtet für seine harten Regeln. Im vergangenen Jahr hat die strenge Disziplin dazu beigetragen, dass 13 Arbeiter im Foxconn-Werk im chinesischen Shenzhen Selbstmord begingen. Der Besuch in den Fabriken soll klären, ob die Firma ihre Beschäftigten jetzt besser behandelt.
    „Wir dürfen uns während der Arbeit nicht unterhalten“, sagt die 19jährige Wang Cui (Namen geändert). Die Frau mit den hervortretenden Augen und der dunkeln Haut trägt über ihrer weißen Plastikjacke die blaue Weste mit dem Foxconn-Schriftzug. Ihre langen Fingenägel sind gepflegt, sie arbeitet nicht in der Produktionslinie, sondern kontrolliert die Qualität der iPad-Gehäuse. Ob sie die harten Regeln stören? „Arbeit ist Arbeit, Rest ist Rest“, sagt Wang und zuckt die Schultern.
    Mehr als das Sprechverbot allerdings beklagt sie das entwürdigende Verhalten, das manche Vorarbeiter an den Tag legten. „Die Aufseher respektieren die Arbeiter nicht.“ Manche Kollegin sei für einen kleinen Fehler bestraft worden, indem der Vorarbeiter sie zwang, sich gut sich sichtbar für alle zwischen den Produktionslinien aufzustellen – quasi an den Pranger. „Hier herrschen Befehl und Gehorsam“, beschwert sich Wang.
    Ihre Kolleginnen nicken. Um den Besucher hat sich inzwischen ein Pulk von Zuhörern gebildet. Zur Mittagszeit strömen tausende Arbeiter aus der Fabrik auf den chaotischen Vorplatz vor dem Werktor. Weil ihnen das Essen in den Werkskantinen nicht schmeckt, holen sie sich Nudeln in Plastikschalen und gedünstetes Gemüse an den Essenständen, die auf Fahrrädern und Motorrädern montiert sind. Durch das Gewühl bahnen sich Schwertransporter unter ohrenbetäubendem Hupen ihren Weg zur Fabrik.
    „Ich arbeite von Montag bis Samstag jeweils 12 Stunden“, sagt der 20jährige Arbeiter Zhang Feng, ebenfalls ein Qualitätskontrolleur. Die braungefärbten Haare hat er nach japanischer Mode schräg ins Gesicht gekämmt. In der Arbeitszeit enthalten seien jeweils zwei obligatorische Überstunden. Auch die Samstage zählten als Zusatzarbeit. „Das macht meistens 20 Überstunden pro Woche“, sagt Zhang, „insgesamt 80 im Monat.“
    Diese Arbeitszeitregelung ist üblich bei Foxconn in Chengdu. Das chinesische Arbeitsgesetz allerdings erlaubt nur 36 Überstunden pro Monat. „Die Mehrarbeit bei Foxconn überschreitet die gesetzliche Grenze oft um mehr als 100 Prozent“, kritisiert Chan Sze Wan, Mitarbeiterin der Hongkonger Organisation Sacom. Zusammen mit der Kampagne „Make IT Fair“, die von der EU gefördert wird, untersucht Chan regelmäßig die Arbeitsbedingungen bei Foxconn.
    Das ist die eine, die verborgene Welt der Apple-Produktion in Chengdu. Der Bau der beiden neuen Fabriken, in denen bereits 100.000 Menschen arbeiten, hat erst im vergangenen Jahr begonnen. Kaum ein Besucher hat bislang seinen Weg dorthin gefunden.
    Im 1.500 Kilometer südlich gelegenen Shenzhen bei Hongkong sieht das anders aus. Dort steht das chinesische Hauptwerk des aus Taiwan stammenden Konzerns. In den quadratkilometer großen Fabrikarealen, einer Stadt in der Stadt, arbeiten rund 400.000 Beschäftigte. Um seinen durch die Selbstmord-Serie 2010 ramponierten Ruf aufzubessern, erlaubt die Unternehmensleitung Besuchern im Gegensatz zu früher den Zutritt.
    In den hunderte Meter langen, hell erleuchteten Werkhallen stehen Dutzende Produktionslinien nebeneinander. Die Böden sind grau gestrichen und glänzen. Alles ist sehr aufgeräumt, fast steril. Die Arbeiter, die iPhones, MacBooks und andere Produkte fertigen, tragen antistatische Jacken. Auch die Besucher müssen sich Häubchen aufsetzen und ihre Schuhe mit Überziehern schützen, damit sie keinen Dreck hineintragen. Manche Arbeitsschritte sind vollautomatisiert. Viele Beschäftigte verrichten aber mehrere tausend Mal am Tag die gleichen monotonen Handgriffe. Unterhaltungen, die nicht unbedingt notwendig sind, dürfen die Arbeiter auch hier nicht führen. Wenn sie zur Toilette wollen, müssen sie ihren Aufseher fragen.
    Die Hauptstraße, die vom Werktor mit Kontrollen und Schranke ins Innere des weitläufigen Areals führt, ist von Palmen und Blumenrabatten gesäumt. Es gibt Banken, Geschäfte, Bibliotheken, Schwimmbäder und Cafés, die guten Espresso servieren. Zum Eindruck einer zivilisierten Industrielandschaft allerdings wollen die Auffangnetze an den Fassaden der höheren Gebäude nicht passen. Sie wurden vor einem Jahr installiert, um weitere Todessprünge von verzweifelten Beschäftigten zu verhindern. Zur gleichen Zeit eröffnete man ein „Care Center“, in dem Berater nun rund um die Uhr für private und berufliche Probleme der Arbeiter zur Verfügung stehen.
    „Früher waren wir kein sehr offenes Unternehmen“, sagt Foxconn-Manager Louis Woo, „aber jetzt hören wir unseren Beschäftigten besser zu, was sie vom Leben erwarten.“ Der distinguierte Herr von 63 Jahren trägt kein Jackett, sondern wegen der warmen Temperatur nur Hosenträger. Er holt den Besucher persönlich vom Wagen ab und geleitet ihn in sein karg eingerichtetes Büro.
    Er wisse, dass das chinesische Arbeitsgesetz nur 36 Überstunden pro Monat erlaube, sagt Woo. -„Um dieses Ziel einzuhalten, fehlt es uns allerdings an Infrastruktur. Das ist keine Entschuldigung, wir wollen die Regeln nicht brechen. Um sie einzuhalten, bauen wir mehr Fabriken, mehr Wohnheime für die Beschäftigten und stellen mehr Leute ein.“ Mit anderen Worten: Die Nachfrage durch Apple, Nokia, Sony und andere Markenunternehmen ist so groß, dass Foxconn seine  vorhandenen Arbeiter einfach über die gesetzliche Grenze hinaus arbeiten lässt.
    Diese Geschäftspolitik verstößt auch gegen den Verhaltenskodex, den Apple seinen Produzenten abverlangt. Dort heißt es: „Unter keinen Umständen dürfen die Arbeitszeiten die Grenzen der Gesetze überschreiten.“ Apple-Sprecher Alan Hely äußerte sich nicht konkret zur Frage der Überstunden, sondern verwies auf die Verbesserungen, die Foxconn seit 2010 eingeführt habe.

    Info 1: Foxconn, die Firma

    Gründer und Chef von Foxconn ist der taiwanesische Unternehmer Terry Gou. Seine Hon Hai-Gruppe, deren Teil Foxconn ist, liefert Mobiltelefone, Smartphones, Computer und andere Produkte für viele Marken-Unternehmen, unter anderem Apple und Nokia. In der Regel tritt das Produktionsunternehmen Foxconn nicht unter eigenem Namen auf. Insgesamt beschäftigt der Konzern rund eine Million Beschäftigte und ist damit einer größten Industriekonzerne der Welt. 2010 erreichte der Umsatz 77,1 Milliarden Euro, der Gewinn 1,8 Milliarden Euro.

    Info 2: Lohn bei Foxconn

    Als Reaktion auf die Selbstmorde im vergangenen Jahr hat Foxconn den Mindestlohn nahezu verdoppelt. Arbeiter in Shenzhen erhalten nun eine Basisbezahlung von 1.750 Renmimbi pro Monat. Inklusive Überstunden können sie 2.500 bis 3.000 Rmb monatlich erwirtschaften (259 bis 310 Euro). Bei ca. 240 Arbeitsstunden pro Monat bedeutet das einen Stundenlohn von etwa 1,10 bis 1,30 Euro. Diese Bezahlung reicht auch nach Einschätzung der Kritiker-Organisationen wie „Make IT Fair“ und Sacom aus, den Lebensunterhalt einer einzelnen Person zu decken, der in Shenzhen etwa 2.700 Rmb koste. Sie argumentieren allerdings, schon das Basisentgelt müsse diese Lebenshaltungskosten decken. Wegen des niedrigen Mindestlohns seien die Arbeiter gezwungen, Überstunden zu leisten. In den neuen Fabriken in Chengdu liegen die Verdienste um 20 bis 30 Prozent unter dem Niveau von Shenzhen. Dort würden die Lebenshaltungskosten nicht einmal mit Überstunden erreicht, sagen die Kritiker.

    Info 3: Arbeitszeit

    In den neuen Foxconn-Fabriken in Chengdu arbeiten die Beschäftigten sechs Tage pro Woche in zwei täglichen Zwölf-Stunden-Schichten. Der Sonntag ist frei. Acht Stunden täglich werden normal bezahlt. Hinzu kommen zwei bezahlte, obligatorische Überstunden und zwei Stunden unbezahlter Pausen. Die bezahlte Arbeitszeit summiert sich damit auf etwa 60 Stunden pro Woche, 240 Stunden monatlich.

    Info 4: Die Kritiker

    Seit der Selbstmord-Serie 2010 stehen Foxconn und Apple unter verschärfter Beobachtung von Nichtregierungsorganisationen wie Germanwatch in Deutschland, Somo in den Niederlanden und Sacom aus Hong Kong. Die Kampagne „make IT fair“ setzt sich für bessere Arbeitsbedingungen in der Produktion von iPhones und iPads ein. Am 7. Mai fand ein weltweiter Aktionstag statt. Die Kritiker rufen die Verbraucher auf, sich in den Geschäften, die Apple-Produkte anbieten, nach den Zuständen bei Foxconn zu erkundigen.

    Links

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    • http://www.sacom.hk
  • Warum wir schlechte Produkte kaufen

    Apple-Produkte sind für uns Konsumenten derzeit unschlagbar attraktiv. Dabei nahmen sich vor nicht langer Zeit 13 iPhone-ArbeiterInnen bei Foxconn in China das Leben.

    Wir sind so eng miteinander verbunden – und doch so weit von einander entfernt. Wir, die Käufer von Apple-Produkten wie dem iPhone und dem iPad. Und sie, die Arbeiter, die die Geräte in den Fabriken der chinesischen Millionenstädte Shenzhen und Chengdu zusammensetzen.

    Nicht nachgedacht. Gute Laune beim Bummel über die Friedrichstraße in Berlin. Nun benutzt der Autor ein iPhone mit Zwei-Jahres-Vertrag – und fragt sich mit einer gewisser Scham, wie das passieren konnte.

    Die Medienberichte über die Selbstmorde von iPhone-Arbeitern im ersten Halbjahr 2010 haben diese Kaufentscheidung nicht verhindert. 13 Beschäftigte des Foxconn-Konzerns, der im Auftrag von Apple produziert, nahmen sich damals das Leben – meist, indem sie sich von oberen Stockwerken der Fabrikgebäude in den Tod stürzten. Vier weitere überlebten den Suizid-Versuch. Die Leute waren verzweifelt, auch wegen der Drangsal ihrer Arbeit: miese Löhne, 60 Stunden pro Woche Arbeit oder mehr, Einsamkeit im Firmen-Wohnheim, keine Aussichten, das alles zu ändern.

    Als Reaktion versprachen Foxconn und Apple Läuterung. Unter anderem ließ man Netze an den Fassaden installieren, um weitere Todessprünge zu verhindern. Aber haben sich die Arbeits- und Lebensumstände in den chinesischen Fabriken ein Jahr nach den Selbstmorden grundlegend gebessert?

    In Chengdu, in der Millionenstadt im Südwesten Chinas, baut das taiwanesische Unternehmen Foxconn gegenwärtig zwei neue Fabriken auf. Hier arbeiten rund 100.000 Beschäftigte. Bald sollen es 250.000 Arbeiter sein.

    Für Besucher aus der geordneten Ruhe mitteleuropäischer Großstädte sind das Gewühl und der Krach vor dem Eingang des Geländes schwer zu ertragen. Tausende ArbeiterInnen drängeln sich zur Mittagszeit um fahrbare Küchen, die auf Motorrädern montiert sind.

    Zhao Ai* holt sich eine Schale mit Reis und Gemüse. Sie ist 19 Jahre alt, zu Jeans und hellem T-Shirt trägt sie die blaue Weste mit dem Foxconn-Schriftzug auf dem Rücken. Ai berichtet, dass sie in der Qualitätskontrolle arbeitet, wo sie die Gehäuse der iPads auf Produktionsfehler überprüft. An sechs Arbeitstagen von Montag bis Samstag ist sie jeweils 12 Stunden in der Fabrik. Zwei Stunden Pause täglich werden nicht bezahlt. Zwei weitere Stunden gelten als Überstunden, ebenso der Samstag. Das bedeutet: „Pro Woche leiste ich rund 20 Überstunden, monatlich etwa 80,“ so Zhao.

    Regelmäßige, verpflichtende Überstunden in zu hoher Zahl – das ist einer der Vorwürfe, den Kritiker wie die Organisation Sacom aus Hong Kong gegenüber der Firma erheben. Louis Woo, ein enger Vertrauter des Vorstandschefs von Foxconn, streitet dieses Problem im persönlichen Gespräch nicht ab. „Es ist richtig, dass das chinesische Arbeitsgesetz nur 36 Überstunden pro Monat erlaubt. Wir übernehmen eine Führungsrolle, um dieses Ziel umzusetzen.“ Woo räumt damit ein, dass die Arbeitsbedingungen bei Foxconn in systematischem Widerspruch zum Gesetz stehen – ein Umstand, den das iPhone-Unternehmen Apple in seinen Sozialstandards ausdrücklich ausschließt.

    Zur Begründung führt der Manager zwei Argumente an. Einerseits sei die Nachfrage nach Foxconn-Produkten so groß, dass man gar nicht genug Leute einstellen könne. Außerdem wünschten viele ArbeiterInnen ausdrücklich, mehr zu arbeiten, damit sie mehr verdienten. 2011 werde man aber zusätzliche Beschäftigte anwerben und die Löhne weiter erhöhen, um die Zahl der Überstunden zu verringern, so Woo.

    Der Lohn eines normalen Foxconn-Arbeiters in Chengdu beträgt etwa 2.000 Renmimibi (210 Euro) für rund 240 Arbeitsstunden monatlich. Das macht rund 90 Euro-Cent pro Stunde – eine Summe, die deutlich über dem staatlichen Mindestlohn liegt, den Arbeitern aber trotzdem nur ein relativ bescheidenes Leben ermöglicht und für die Gründung einer eigenen Familie kaum ausreicht.

    Viele Beschäftigte beschweren sich zudem über die harten, teilweise entwürdigenden Regeln, die Foxconn durchsetze. „Wir dürfen während der Arbeit nicht miteinander sprechen“, sagt Qualitätskontrolleurin Zhao. Andere Arbeiter berichten, Vorgesetze hätten ihnen zur Strafe für Fehler befohlen, sich zwischen den Arbeitsplätzen in der Produktionshalle so aufzustellen, dass sie für ihre Kollegen gut sichtbar am Pranger standen. „Angesichts der großen Zahl unserer Beschäftigten würde ich nicht ausschließen, dass es solche Fälle gibt“, sagt Woo, „aber wir wollen das ändern.“

    Zumindest in Chengdu ist das wohl dringend notwendig. Im südlichen Shenzhen bei Hongkong dagegen, wo Foxconn in zwei älteren Fabriken 400.000 Leute beschäftigt, hat das Unternehmen sichtbare Verbesserungen eingeführt. Dort gibt es jetzt auch ein „Care Center“, indem Telefon-Berater rund um die Uhr erreichbar sind und Psychologinnen bei beruflichen und privaten Problemen helfen. Nach den Selbstmorden wurden die Löhne verdoppelt.

    Unter dem Strich muss man sagen: Foxconn ist eine Firma auf dem Weg in die Zivilisation. Aber auch ein Jahr nach der Selbstmord-Serie scheinen deren möglichen Ursachen nicht überall im Konzern beseitigt – jedenfalls nicht in den neuen Werken im chinesischen Hinterland.

    Als Konsument in Europa konnte und kann man das wissen. Wir, die Verbraucher, freilich ziehen es vor, derartig unangenehme Informationen zu ignorieren. Die Handels- und Mobilfunk-Unternehmen, die uns mit iPads, iPhones und MacBooks versorgen, kümmern sich ebenfalls kaum um die unschönen Nachrichten.

    Warum ist das so? Mitleidslosigkeit, Desinteresse, kurzes Gedächtnis? Sicherlich. Andererseits dürfen wir zu unserer Entlastung auch sagen: Wenn wir ein Smartphone benutzen wollen, haben wir keine Wahl. In ökologischem und sozialem Sinne hergestellte Mobiltelefone gibt es nicht. Die holländische Organisation Fairphone unternimmt zwar erste Schritte, ist aber bisher nicht weit gekommen. Und auch andere gängige Marken bieten keine Alternative. Denn leider sieht es so aus: Auch Nokia, Sony und andere Mobiltelefon-Firmen lassen bei Foxconn produzieren.

    Bleibt die Variante, die Objekte der Begierde zu erstehen und gleichzeitig den Unternehmen zu sagen, was man von ihnen hält. Die nächste Möglichkeit dazu bietet der weltweite Aktionstag der Kritiker am 7. Mai. Organisationen wie Sacom aus Hong Kong, Somo aus den Niederlanden und Germanwatch aus Deutschland rufen die Verbraucher auf, sich in Geschäften mit Apple-Produkten zahlreich und hartnäckig nach den Arbeitsbedingungen in der Produktion zu erkundigen. Dies wird die Unternehmen einschließlich Apple nerven, ist aber – zugegeben – ein Protest mit begrenzter Reichweite, so lange wir nicht mit wirtschaftlichen Sanktionen, sprich: dem Verzicht auf iPhones, drohen wollen.

    * Name geändert

  • [Translate to Englisch:] Praktikum statt Festanstellung

    [Translate to Englisch:] Studie: Viele Hochschulabsolventen landen erst einmal im Praktikum anstatt im festen Job/ Gewerkschaften fordern Verbot für Praktika nach dem Uni-Abschluss

    [Translate to Englisch:] Vier von zehn Praktikanten arbeiteten nach dem Abschluss des Studiums ohne Lohn. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Generation Praktikum 2011“. Die Gewerkschaften fordern nun die Abschaffung der Jungakademiker-Praktika. Gleichzeitig machen sie sich für einen Mindestlohn für die Lernverhältnisse stark. „Den Missbrauch von Praktika müssen wir stoppen“, sagte die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Ingrid Sehrbrock. Man dürfe qualifizierte Hochschulabsolventen als Praktikanten nicht ausbeuten.

    Für die Studie wurden im vergangenen Jahr insgesamt 674 Absolventinnen und Absolventen aus vier Hochschulen befragt: der Freien Universität Berlin, der Universität zu Köln und den Universitäten in Hamburg und Rostock. Gemeinsam und zum zweiten Mal haben die Hans-Böckler-Stiftung und der DGB die nicht repräsentative Untersuchung zur Berufserfahrung junger Menschen initiiert. 

    Zwar hat sich die Lage seit der ersten Erhebung, die im Jahr 2007 veröffentlicht wurde, leicht gebessert. Damals wurden noch 45 Prozent der Praktika nicht bezahlt, heute sind es 40 Prozent. Einen wirklichen Lichtblick bedeutet dies dennoch nicht. Denn innerhalb dieses Zeitraums ist das Durchschnittseinkommen der bezahlten Praktika gesunken – von 600 auf 551 Euro brutto im Monat. Bezogen auf vier volle Arbeitswochen im Monat entspricht das einem mittleren Stundenlohn von 3,77 Euro.

    In der Bezahlung sieht DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf ein Problem. „Davon lässt sich kein Lebensunterhalt bestreiten“, bemängelte er. Dass dem so ist, zeigt ein Blick auf die Quellen, die Absolventen für die Finanzierung ihres Praktikantendaseins ausfindig machen: Mehr als jeder zweite bekommt Unterstützung von den Eltern. Fast jeder vierte der Befragten wird vom Partner unterstützt. Etwas über 40 Prozent greifen auf Ersparnisse zurück. Und ebenfalls rund 40 Prozent jobben nebenher.

    Jeder fünfte Praktikant gibt sogar an, auf Sozialleistungen angewiesen zu sein. Als  „besonders skandalös“ bezeichnet der DGB dieses Ergebnis. „Praktika dürfen keine vorgelagerte Probezeit darstellen, die noch dazu aus eigener Tasche –
    oder besser: der Tasche der Eltern und durch Sozialleistungen – finanziert werden müssen“, sagte DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf.

    Mithilfe eines Praktikums ersehnen sich viele Absolventen den Einstieg in die Arbeitswelt. Die Hälfte der Praktikanten – so ein weiteres Ergebnis der Studie – hofft auf einen „Klebeeffekt“. Diese Hoffnung erfüllt sich in den meisten Fällen jedoch nicht. Tatsächlich erhält nur jeder Fünfte am Ende des Praktikums ein Übernahmeangebot im Sinne einer regulären Anstellung. Wer solch ein Angebot bekommt, schlägt es selten aus.

    Zwar ergeht es Akademikern auf dem Arbeitsmarkt besser als jungen Menschen ohne Hochschulabschluss. Unbefristete Arbeitsverträge halten sie unmittelbar nach dem Studium dennoch selten in Händen. 28 Prozent der Befragten absolvieren laut Studie erst einmal ein Praktikum, ein Trainee-Programm oder ein Volontariat. Ähnlich viele – 27 Prozent – landen in befristeten Beschäftigungsverhältnissen. Nur 19 Prozent können sich über eine unbefristete Stelle freuen.

    Längerfristig zeigt sich ein etwas anderes Bild: Innerhalb von dreieinhalb Jahren nach dem Ende des Studiums haben rund 40 Prozent der Befragten mindestens ein Praktikum oder eine praktikumsähnliche Beschäftigung absolviert. „Viele Unternehmen denken offenbar nicht mehr daran, Absolventen direkt nach dem Studium regulär zu beschäftigen“, urteilte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Sehrbrock. Praktikanten würden immer mehr als fester Bestandteil im Betrieb gesehen und leisteten vollwertige Arbeit – zu einem Spottpreis. Mit dieser Aussage stützt sie sich auf folgendes Studienergebnis: Immer mehr Praktikanten geben an, dass die Ergebnisse ihrer Arbeit fest im Betriebsablauf eingeplant waren: 2007 sagten das knapp 50 Prozent und 2011 waren es 75 Prozent.

    Trotz des drohenden Fachkräftemangels würden Praktikanten immer noch als billige Arbeitskräfte ausgebeutet, lautet das Fazit des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Er fordert nun ein Aus für Praktika nach dem Studium – und endlich tariflich bezahlte Arbeitsverhältnisse oder Berufseinstiegsprogramme für Hochschulabsolventen. Für alle anderen Praktika müsse eine Aufwandsentschädigung von mindestens 300 Euro festgelegt werden.

    Der Arbeitgeberverband zeigt sich von diesen Vorschlägen nicht begeistert.  „Gesetzliche Restriktionen würden ein wichtiges und vielfältiges Instrument der Berufsorientierung beschädigen“, sagte ein Sprecher der Bundesvereinigung der Arbeitgeber (BDA). Wer Praktika unnötig verkompliziere, verbaue einen wertvollen Weg in den Arbeitsmarkt. Die „Generation Praktikum“ sei eine Legende.

  • Praktikum statt Festanstellung

    Studie: Viele Hochschulabsolventen landen erst einmal im Praktikum anstatt im festen Job/ Gewerkschaften fordern Verbot für Praktika nach dem Uni-Abschluss

    Vier von zehn Praktikanten arbeiteten nach dem Abschluss des Studiums ohne Lohn. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „Generation Praktikum 2011“. Die Gewerkschaften fordern nun die Abschaffung der Jungakademiker-Praktika. Gleichzeitig machen sie sich für einen Mindestlohn für die Lernverhältnisse stark. „Den Missbrauch von Praktika müssen wir stoppen“, sagte die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Ingrid Sehrbrock. Man dürfe qualifizierte Hochschulabsolventen als Praktikanten nicht ausbeuten.

    Für die Studie wurden im vergangenen Jahr insgesamt 674 Absolventinnen und Absolventen aus vier Hochschulen befragt: der Freien Universität Berlin, der Universität zu Köln und den Universitäten in Hamburg und Rostock. Gemeinsam und zum zweiten Mal haben die Hans-Böckler-Stiftung und der DGB die nicht repräsentative Untersuchung zur Berufserfahrung junger Menschen initiiert. 

    Zwar hat sich die Lage seit der ersten Erhebung, die im Jahr 2007 veröffentlicht wurde, leicht gebessert. Damals wurden noch 45 Prozent der Praktika nicht bezahlt, heute sind es 40 Prozent. Einen wirklichen Lichtblick bedeutet dies dennoch nicht. Denn innerhalb dieses Zeitraums ist das Durchschnittseinkommen der bezahlten Praktika gesunken – von 600 auf 551 Euro brutto im Monat. Bezogen auf vier volle Arbeitswochen im Monat entspricht das einem mittleren Stundenlohn von 3,77 Euro.

    In der Bezahlung sieht DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf ein Problem. „Davon lässt sich kein Lebensunterhalt bestreiten“, bemängelte er. Dass dem so ist, zeigt ein Blick auf die Quellen, die Absolventen für die Finanzierung ihres Praktikantendaseins ausfindig machen: Mehr als jeder zweite bekommt Unterstützung von den Eltern. Fast jeder vierte der Befragten wird vom Partner unterstützt. Etwas über 40 Prozent greifen auf Ersparnisse zurück. Und ebenfalls rund 40 Prozent jobben nebenher.

    Jeder fünfte Praktikant gibt sogar an, auf Sozialleistungen angewiesen zu sein. Als  „besonders skandalös“ bezeichnet der DGB dieses Ergebnis. „Praktika dürfen keine vorgelagerte Probezeit darstellen, die noch dazu aus eigener Tasche –
    oder besser: der Tasche der Eltern und durch Sozialleistungen – finanziert werden müssen“, sagte DGB-Bundesjugendsekretär René Rudolf.

    Mithilfe eines Praktikums ersehnen sich viele Absolventen den Einstieg in die Arbeitswelt. Die Hälfte der Praktikanten – so ein weiteres Ergebnis der Studie – hofft auf einen „Klebeeffekt“. Diese Hoffnung erfüllt sich in den meisten Fällen jedoch nicht. Tatsächlich erhält nur jeder Fünfte am Ende des Praktikums ein Übernahmeangebot im Sinne einer regulären Anstellung. Wer solch ein Angebot bekommt, schlägt es selten aus.

    Zwar ergeht es Akademikern auf dem Arbeitsmarkt besser als jungen Menschen ohne Hochschulabschluss. Unbefristete Arbeitsverträge halten sie unmittelbar nach dem Studium dennoch selten in Händen. 28 Prozent der Befragten absolvieren laut Studie erst einmal ein Praktikum, ein Trainee-Programm oder ein Volontariat. Ähnlich viele – 27 Prozent – landen in befristeten Beschäftigungsverhältnissen. Nur 19 Prozent können sich über eine unbefristete Stelle freuen.

    Längerfristig zeigt sich ein etwas anderes Bild: Innerhalb von dreieinhalb Jahren nach dem Ende des Studiums haben rund 40 Prozent der Befragten mindestens ein Praktikum oder eine praktikumsähnliche Beschäftigung absolviert. „Viele Unternehmen denken offenbar nicht mehr daran, Absolventen direkt nach dem Studium regulär zu beschäftigen“, urteilte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Sehrbrock. Praktikanten würden immer mehr als fester Bestandteil im Betrieb gesehen und leisteten vollwertige Arbeit – zu einem Spottpreis. Mit dieser Aussage stützt sie sich auf folgendes Studienergebnis: Immer mehr Praktikanten geben an, dass die Ergebnisse ihrer Arbeit fest im Betriebsablauf eingeplant waren: 2007 sagten das knapp 50 Prozent und 2011 waren es 75 Prozent.

    Trotz des drohenden Fachkräftemangels würden Praktikanten immer noch als billige Arbeitskräfte ausgebeutet, lautet das Fazit des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Er fordert nun ein Aus für Praktika nach dem Studium – und endlich tariflich bezahlte Arbeitsverhältnisse oder Berufseinstiegsprogramme für Hochschulabsolventen. Für alle anderen Praktika müsse eine Aufwandsentschädigung von mindestens 300 Euro festgelegt werden.

    Der Arbeitgeberverband zeigt sich von diesen Vorschlägen nicht begeistert.  „Gesetzliche Restriktionen würden ein wichtiges und vielfältiges Instrument der Berufsorientierung beschädigen“, sagte ein Sprecher der Bundesvereinigung der Arbeitgeber (BDA). Wer Praktika unnötig verkompliziere, verbaue einen wertvollen Weg in den Arbeitsmarkt. Die „Generation Praktikum“ sei eine Legende.