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  • Überraschend verflochten

    Die Gefahren einer China-Krise

    Für viele deutsche Firmen ist China trotz der geopolitischen Spannungen sehr wichtig. Das  Land liefert wichtige Rohstoffe, günstige Teile und der Absatzmarkt ist riesig. Entsprechend eng sind die Volkswirtschaften verbunden. Doch das birgt Gefahren. Die Bundesbank hat untersucht, welche Folgen ein Absturz der chinesischen Wirtschaft für Deutschland hätte. Erstmals liefern die Experten Hinweise, wie überraschend stark es auch die deutschen Banken treffen könnte.

    China ist viertgrößter Abnehmer deutscher Waren und größter Lieferant. Deutsche Firmen arbeiten nicht nur mit chinesischen Firmen zusammen, sie haben oft auch Tochterunternehmen in der Volksrepublik. Und auch Deutschlands Banken sind mit Chinas Wirtschaft verflochten. Die Bundesbank liefert jetzt erstmals konkrete Zahlen.

    Ende 2022 standen danach Kredite im Wert von rund 36 Milliarden Euro in den Büchern der hiesigen Banken, Geld, das sie chinesischen Unternehmen oder deutschen Firmen in China direkt geliehen hatten. Auch wenn die Summe groß klingt, halten die Bundesbank-Experten sie für recht gering. International steht Deutschland bei der Liste der direkten Geldgebern auf Platz 20. Eine tiefgreifende Wirtschaftskrise träfe die Kreditinstitute deshalb kaum direkt.

    Aber es gibt große indirekte Risiken. Die Bundesbanker ermittelten 756 Firmen, die über Tochterfirmen besonders viel Geschäft mit der China machen. Und diese Firmen haben bei den Banken Geld geliehen. Den Experten zufolge geht es um knapp 220 Milliarden Euro (Stand Ende 2022). Ein nennenswerter Betrag, der die Banken schwer belasten könnte, sollten die chinesischen Tochterfirmen in den Strudel einer Krise geraten und die Mutterkonzerne deshalb Kredite nicht mehr bedienen können. Die Bundesbanker sehen sogar Gefahren für das Finanzsystem. Ob es soweit kommt, ist unklar. Die Studie zeigt nur die Richtung und, dass die Banken möglicherweise Risiken haben, die sie nicht unbedingt als solche einschätzen.

    Risiken für das Kreditwesen lauern auch in Zweckgesellschaften, die aus Steuergründen in den Niederlanden oder Luxemburg angesiedelt sind. Sie haben sich möglicherweise Geld bei deutschen Banken geliehen, finanzierten damit Geschäft in China. Die Bundesbanker nannten hier keine genauen Zahlen, sehen aber ein Problem.

    Was ein wirtschaftlicher Absturz in China für die deutsche Wirtschaft abseits der Banken bedeutet, haben die Bundesbanker ebenfalls durchgerechnet. 2022 war China der viertgrößte Abnehmer deutscher Waren. Rund 107 Milliarden Euro betrug der Wert der verkauften Güter, das entsprach sieben Prozent der deutschen Ausfuhren. Besonders die Autoindustrie und der Maschinenbau, Deutschlands Topbranchen, profitieren von dem riesigen Markt. Sie wären auch im Fall einer chinesischen Wirtschaftskrise besonders betroffen, wenn Firmen nicht mehr investieren und sich auch die Endkunden zurückhalten, weniger in Deutschland bestellt würde.

    Insgesamt käme Deutschland aber glimpflich davon. „Spürbar, aber verkraftbar“, nannte einer der Autoren der Studie die Folgen. Die deutsche Wirtschaftsleistung sänke im ersten Jahr der Krise um etwa 0,7 Prozent, im zweiten um ein Prozent. Danach soll sich alles normalisieren. Im vergangenen Jahr schrumpfte die deutsche Wirtschaft unter anderem wegen teurer Energie, hoher Inflation und steigenden Kreditzinsen um 0,3 Prozent.

    Deutlich schwieriger wird es für Deutschland, wenn die chinesische Wirtschaft weniger liefern würde. Waren im Wert von 193 Milliarden Euro führte die Bundesrepublik 2022 aus der Volksrepublik ein, das entspricht 13 Prozent aller Importe. Das Land ist wichtigster Lieferant – vor allem von Vorprodukten wie Solarpanels und Rohstoffen wie Seltene Erden, die für Hightechprodukte wie Batterien nötig sind. Gut die Hälfte der deutschen Industrieunternehmen ist der Untersuchung zufolge von Teilen und Material aus China abhängig. Ein Ersatz ist oft kaum möglich. So hat China einen Weltmarktanteil von fast 70 Prozent bei Seltenen Erden. Bleiben Lieferungen aus oder nutzt China seine Macht, wird es für die deutschen Firmen schwer.

    Firmen verkaufen nicht nur Waren nach China und beziehen Vorprodukte. Viele  produzieren dort selbst. Dazu wurden Tochterfirmen gegründet, Geld in Fabriken gesteckt. Allein 2022 flossen 11,2 Milliarden Euro solcher Direktinvestitionen. Insgesamt waren die Beteiligungen deutscher Firmen an Unternehmen in China rund 86 Milliarden Euro wert, wie die Bundesbanker ermittelten. Das sind etwas mehr als vier Prozent dessen, was deutsche Firmen weltweit investiert haben. Eine gute Anlage: Die chinesischen Beteiligungen lieferten 15 Prozent aller Vermögenseinkommen, die die deutschen Firmen im Ausland erzielten. Diese Erträge wären im Krisenfall in Gefahr.

    Grundsätzlich glauben die Bundesbanker, dass Deutschland eine Wirtschaftskrise in China verkraften könnte. Sich abrupt von China zu trennen, etwa, wenn das Land den Nachbarn Taiwan überfallen sollte, hätte dagegen schwerwiegende Folgen. Die vollständige Abkehr von China halten die Experten für weder erstrebenswert noch realistisch. Dass China einfach die USA oder Europa von Produkten und Rohstoffen ausschließt, vermuten sie auch nicht. Die Volksrepublik sei handels- und technologieseitig stark auf den Westen angewiesen. 40 Prozent der chinesischen Importe der Volksrepublik stammen aus einer der sieben führenden Industrienationen.

  • Auf dem Weg ins All

    Deutschland wird Raumfahrtnation

    2024 wird ein besonderes Jahr für die deutsche Raumfahrtindustrie. Die ersten neu entwickelten Raketen werden ins All schießen. Die Bundesrepublik bekommt einen mobilen Startplatz in der Nordsee. Und vom Weltraumbahnhof Kourou soll Ariane 6 abheben, Europas Spitzenrakete, vollgestopft mit Technik aus Deutschland. Leider wird ein anderes Prestigeprojekt verschoben.

    Raketen

    In diesem Jahr ist es soweit: Jungfernflüge für die Raketen von drei deutschen Herstellern. Die RFA One der Rocket Factory Augsburg soll im Sommer vom Saxavord Spaceport im Norden Shetlands starten. Sie wird bereits Satelliten ins All bringen, auch der geplante zweite Start der Augsburger ist bereits ausgebucht.

    Konkurrent Isar Aerospace aus Ottobrunn bei München setzt auf Norwegen. Das Unternehmen nutzt für ihre Spectrum-Rakete einen Startplatz auf der norwegischen Insel Andøya. Als Termin war zuletzt das Frühjahr angepeilt. Noch laufen Tests. Mit an Bord sind unter anderem Satelliten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der TU Berlin.

    HyImpulse aus dem baden-württembergischen Neuendorf bei Heilbronn geht für den Erststart der SR75 nach Australien. Die Rakete wird nicht in die Tiefen des Alls vorstoßen, sondern ist als suborbitaler Forschungsflug ausgelegt. Sie soll erst einmal zeigen, dass der innovative Treibstoffmix mit einer Art Kerzenwachs nicht nur auf dem Teststand funktioniert. Die größere Rakete SL1 ist in zwei Jahren fertig und soll in Saxavord starten.

    Die drei Firmen sind Teil des sogenannten New Space. Seit Jahren wandelt sich die Raumfahrt von staatlich finanzierten Projekten hin zu privaten, kommerziellen, auch weil technisch mehr möglich ist, etwa Satelliten im Kartonformat. Die Kosten sinken, weil die Geräte in Masse gefertigt werden. Firmen tüfteln an erdumspannenden Netzen, die die Erde beobachten können, beim autonomen Fahren helfen sollen, Internet aus dem All liefern oder moderne Präzisionslandwirtschaft ermöglichen.

    Die Beratungsfirma Euroconsult schätzt das Marktvolumen allein für Satelliten bis 2032 auf 588 Milliarden Dollar (535 Milliarden Euro) weltweit. Fast 2800 Satelliten sollen demnach jährlich ins All, vor allem in den sogenannten Low Earth Orbit (LEO) in Höhen um die 500 Kilometer. Um dorthin zu kommen, sind kleine, in Massen gefertigte günstige Raketen nötig, sogenannte Microlauncher wie RFA One, Spectrum oder SL1.

    Sie sind um die 30 Meter hoch, haben gut zwei Meter Durchmesser und können bis zu 1,3 Tonnen Nutzlast tragen – klein im Vergleich zur Falcon-9 der US-Firma SpaceX mit 70 Metern Höhe und 3,7 Metern Durchmesser. Hinter RFA stehen das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB und der US Finanzinvestor KKR. Isar Aerospace wird unter anderem von den Wagniskapitalgebern UVC Partners und Earlybird sowie von Airbus und Porsche finanziert. Hinter HyImpulse steht die Schwarz Holding aus München, der das Testdienstleistungs-Unternehmen IABG gehört.

    Nordsee

    Bereits im April soll erstmals eine Rakete von der Bundesrepublik aus abheben, allerdings nicht von Land. Dafür ist Deutschland zu dicht besiedelt. Gestartet werden soll von einem Spezialschiff aus in der Ausschließlichen Wirtschaftszone etwa 350 Kilometer vor der Küste mitten in der Nordsee. Hinter dem Projekt steht die Deutsche Spaceport Alliance, zu der unter anderem der OHB und die Reederei Harren gehören.

    Starten wird eine kleinere Rakete der niederländischen Firma T-Minus für einen Forschungsflug. Perspektivisch sollen auch Microlauncher starten. Der Vorteil des Schiffes: Die in Deutschland gebauten Raketen müssen nicht umständlich und langwierig zu einem entlegenen Startort im Ausland transportiert werden, sondern können in Bremerhaven aufs Schiff verladen werden. Komplizierte Ausfuhrgenehmigungen für die sensible Technik entfallen.

    Ariane 6

    Um zum Mond und zum Mars zu fliegen, schwere Lasten ins All zu bringen oder Sonden ans Ende der Galaxie zu schicken, sind große Raketen nötig. Die Esa hat die Ariane 6 entwickeln lassen, die 2024 erstmals vom europäischen Weltraumbahnhof im südamerikanischen Kourou starten soll. Sie ist ein europäisches Gemeinschaftswerk, wesentliche Teile stammen aus Deutschland.

    So liefert MT Aerospace (Bremen/Augsburg) unter anderem die Treibstofftanks von Haupt- und Oberstufe sowie verschiedene Teile der Verkleidung. Der Bremer Standort der französischen ArianeGroup ist verantwortlich für die Oberstufe und entwickelt eine Zusatzstufe für besonders große Reichweite. Der Firmenteil in Ottobrunn baut Teile der Triebwerke und die Antriebseinheit für die Zusatzstufe.

    Die erste Ariane 6 steht bereits an ihrem Startplatz in Kourou. Derzeit laufen verschiedene Tests. Die Rakete ist um die 60 Meter hoch, hat 5,4 Meter Durchmesser und kann bis zu zwölf Tonnen Last tragen. Esa-Chef Josef Aschbacher hat den Start für Juli angekündigt.

    Mond

    Höhepunkt des Raumfahrtjahres wäre wahrscheinlich der erste bemannte Flug Richtung Mond seit 52 Jahren gewesen. Im Herbst sollte Artemis-II von Nasa und Esa starten. Doch die Mission, wie solche Projekte in der Raumfahrt heißen, muss wegen technischer Probleme mit Batterien verschoben werden. Die Raumsonde besteht aus einer Kapsel für die Astronauten und einem Servicemodul, in dem unter anderem Antrieb und Energieversorgung untergebracht sind. Airbus in Bremen baut das Modul, insgesamt bis zu neun, was die Kosten pro Einheit deutlich senkt. Üblich war bisher Einzelfertigung. Die Kapsel mit den Batterieschwierigkeiten kommt aus den USA. Artemis-II soll jetzt voraussichtlich 2025 starten. 2026 wollen Nasa und Esa dann wieder Menschen auf den Mond zu bringen.

  • Die Davos-Bilanz

    Angespannt, aber nicht zerrissen

    Man muss das alljährliche Weltwirtschaftsforum in Davos nicht mögen. Diesen Kongress der Milliardäre, die die Welt gestalten wollen, weil sie es können, und es auch tun, wie gerade bei der Entwicklung der sogenannten künstlichen Intelligenz. Aber es ist ein guter Ort, um zu sehen, welche Kräfte den Lauf der Dinge prägen. Jake Sullivan, der unter anderem für Kriege zuständige enge Mitarbeiter von US-Präsident Joe Biden, beschrieb die internationale Lage so: „Strategische Konkurrenz in einer Ära der gegenseitigen Abhängigkeit“.

    Auftritt Selenskyj

    „Putin ist ein Raubtier, das sich nicht mit Tiefkühlkost zufrieden gibt“, sagte der Präsident der Ukraine im vollen Saal des Kongresszentrums von Davos. Wolodymyr Selenskyj spielte damit an auf Forderungen, den Krieg Russlands gegen sein Land „einzufrieren“ und die Gebietsverluste der Ukraine zu akzeptieren. Russlands Präsident Wladimir Putin werde jegliches Entkommen als Einladung zu weiterer Aggression verstehen. Erhoffte ausländische Firmenansiedlungen in seinem Land bezeichnete Selenskyj als Investitionen in die Sicherheit Europas.

    Der Präsident der Ukraine legte den eindrucksvollsten Auftritt des diesjährigen Weltwirtschaftsforums (WEF) hin. Davos steht auf Seiten der Ukraine, offiziell wird Russland boykottiert. Deutschlands Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) versuchte, Unternehmen zur Investition in dem angegriffenen Land zu bewegen. VertreterInnen von 80 Staaten nahmen an einer Friedenskonferenz mit der ukrainischen Regierung teil.

    Fliegender Drache

    Das WEF spiegelt, was draußen passiert. Die Welt hat sich nach dem russischen Angriff neu sortiert – und teils separiert. Aber nicht nur um diesen Konflikt ging es: Chinas Ministerpräsident Li Qiang machte Vorschläge zur Güte, indem er mehr wirtschaftliche Kooperation anregte, doch westliche PolitikerInnen wie Habeck und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verhielten sich reserviert. Denn China einerseits, die USA und Europa andererseits konkurrieren um die politische und wirtschaftliche Führung. Gleichzeitig wissen die Regierungen, dass ihre Ökonomien stark verknüpft sind. Ein scharfer Konflikt könnte gigantische Schäden auf beiden Seiten verursachte.

    Ökonomie als Waffe

    Das WEF arbeitet als Lobbyorganisation der größten Konzerne und setzt sich traditionell für freien Handel weltweit ein. Doch die tatsächliche Entwicklung geht in eine andere Richtung. „Nun leben wir in einer Welt, in der wirtschaftliche Konkurrenz zunehmend mit Mitteln von Zöllen, Sanktionen, Importkontrollen und Protektionismus ausgetragen wird“, sagte Geoökonomin Katrin Kamin vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. „Ökonomie fungiert mehr und mehr als Waffe in der Auseinandersetzung zwischen Staaten.“

    Runder Tisch

    Doch die OrganisatorInnen des WEF wollen dem entgegenwirken. Sie betrachten den Kongress als alljährlichen Runden Tisch der Welt, an dem freundliche Gespräche die Gegensätze überbrücken sollen. Solche Momente gibt es immer wieder. So konnte der saudi-arabische Außenminister Prinz Faissal bin Farhan die Anerkennung Israels in Aussicht stellen, wenn das palästinensische Volk im Gegenzug wirklich einen eigenen Staat bekäme. Israels Präsident Izchak Herzog bezeichnete das als „Chance“. Wenngleich er darauf hinwies, dass die Zwei-Staaten-Lösung in Israel nach dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober wenig Unterstützung finde. UN-Generalsektretär Antonio Guterres beklagte, beide Kriegsparteien träten das Völkerrecht mit Füßen.

    Künstliche Intelligenz

    Am meisten interessierten sich viele ManagerInnen jedoch für die neuen Möglichkeiten des Maschinen-Lernens. Die entsprechenden Veranstaltungen waren immer voll. Werden KI-Programme wie ChatGPT so durchschlagende Wirkung entfalten wie die Entwicklung der Elektrizitätsversorgung im 19. Jahrhundert – und das Leben aller verändern? „Ja“, sagte Qualcomm-Chef Cristiano Amon. Economist-Chefredakteurin Zanny Beddoes machte einen skeptischen Eindruck. Optimistisch wie sie sind, hoffen die Unternehmen auf steigende Produktivität, Wachstumsraten und Gewinne. Guterres forderte einen internationalen Regulierungsrahmen, um mögliche Auswüchse der KI zu begrenzen.

    Davos forever?

    Wenn die Welt, zum Teil zumindest, auseinandertreibt, gibt es großen Gesprächsbedarf. So kamen dieses Jahr 60 Staats- und Regierungsspitzen nach Davos, mehr als sonst. Wobei an wirklich wichtigen ein gewisser Mangel herrschte. So reiste von den Staatschef der westlichen G7-Gruppe nur Emmanuel Macron aus Paris an. Afrika und Südamerika waren insgesamt schwach vertreten, Asien und der Nahe Osten dagegen stark. So oder so: Wenn in zwei Jahren möglicherweise der neugewählte US-Präsident per Helikopter einschwebt, wie Donald Trump 2020, werden im Pressezentrum alle Tische besetzt sein.

  • Künstliche Intelligenz

    Welche Bedeutung hat sie?

    Im Display des Autos blinkt ein gelbes Symbol. „Was ist das Problem?“, fragt die Fahrerin. Der Wagen antwortet, dass ein mechanisches Teil in der Lenkung defekt sei. Auf Nachfrage erklärt der Bordcomputer, sie könne zunächst weiterfahren, solle in den kommenden Tagen jedoch die Werkstatt aufsuchen. Einen Termin dort zu arrangieren, bietet die Maschine ebenfalls an. Vielleicht kommen Montag nach dem letzten Meeting, das im Kalender steht?

    Dieses Beispiel für Künstliche Intelligenz (KI) brachte Cristiano Amon diese Woche beim Weltwirtschaftsforum im Schweizer Bergort Davos. Der Chef des US-Konzerns Qualcomm, der unter anderem Halbleiter, Mobilfunk und Fahrassistenz-Systeme produziert, saß in einer der vielen Podiumsdiskussionen zum Thema KI.

    Während des Kongresses der ManagerInnen und PolitikerInnen war in den vergangenen Tagen oft zu hören, bei der Künstlichen Intelligenz handele es sich um eine ähnlich epochale Entwicklung wie die der Dampfmaschine im 18. Jahrhundert. Qualcomm-Vorstand Amon gefiel auch der Vergleich zur Einführung der Elektrizität. Jede und jeder werde mit KI in Berührung kommen, wollte er damit sagen. Zwar fragte Zanny Beddoes, die Chefredakteurin des britischen Magazins Economist, mehrmals nach, ob es sich bei dieser Einschätzung nicht um eine Übertreibung handele. Doch die in der Diskussionsrunde versammelten ManagerInnen beharrten auf ihren hochfliegenden Erwartungen.

    40 bis 60 Prozent der Beschäftigten müssten sich darauf einstellen, dass KI ihre Arbeitsplätze künftig verändere, teilte der Internationale Währungsfonds parallel zum Weltwirtschaftsforum (WEF) mit. Einen Eindruck von der möglichen Tragweite bekamen manche BürgerInnen 2023, nachdem das neue Computerprogramm ChatGPT veröffentlicht worden war. Dieses ist zu einer Art Unterhaltung mit Menschen in der Lage. LehrerInnen erstellen damit inzwischen Arbeitsblätter für ihren Unterricht, SchülerInnen Referate.

    Die „generative künstlichen Intelligenz“ kann „Inhalte wie Text, Bilder, Musik, Audio und Videos“ generieren, erklärt das US-Unternehmen Google. Um das zu ermöglichen, wurden zuvor riesige Mengen von Artikeln, Büchern, Filmen, Songs und allen möglichen anderen Informationen im Hinblick auf die darin enthaltenen Muster und Beziehungen durchkämmt. Anschließend erstellen die Programme anhand der erlernten Muster auf Anfrage und Vorgabe neue Inhalte, so Google.

    In Kombination mit seiner Datenbank, der Cloud, bietet das Suchmaschinen-Unternehmen bereits zahlreiche KI-Dienste an, mit denen Firmen-Kunden ihre Geschäftsprozesse beschleunigen und erleichtern können. Konkurrent Microsoft verkauft Anwendungen, die sich „Copilot“ nennen. Die Botschaft: Die Künstliche Intelligenz sitzt neben Ihnen und hilft bei der Erledigung Ihrer Aufgaben.

    Programmierer, die selbst Computer-Software entwickeln, könnten durch solche Verfahren um 40 Prozent effektiver werden, sagte Arvind Krishna, Chef des US-Unternehmens IBM beim WEF. Weitere Beispiele: ÄrztInnen verbessern vielleicht ihre Diagnosen, wenn sie die KI nutzen. Gerichte wickeln Prozesse mit tausenden KlägerInnen schneller ab. Besonders die Wissenschaft werde profitieren, erklärte Microsoft-Chef Satya Nadella im Gespräch mit WEF-Gründer Klaus Schwab. Er verwies auf die schnellere Entwicklung neuer Materialien, um etwa Lithium in Batterien zu ersetzen. Krankheiten wie Krebs und Parkinson mögen sich als heilbar erweisen.

    Dabei geht es um hochqualifizierte Tätigkeiten, die produktiver werden. Wobei größere Produktivität eine Leistungssteigerung, bessere Qualität des Ergebnisses, mehr Ertrag für das Unternehmen und mehr Einkommen für die Beschäftigten bedeuten kann. Aber es dürfte auch viele Tätigkeiten geben, die sich einsparen lassen, wenn die Künstliche Intelligenz in Fahrt kommt. Häufig genannt werden in dieser Hinsicht etwa die Kreditberatung in Banken, Marktforschung, Arbeit an Supermarktkassen und Service-Hotlines.

    Volkswirtschaftlich betrachtet, lassen effektivere Programme, flächendeckend eingesetzt, ebenfalls eine höhere Produktivität erwarten – wobei diese die eigentliche Quelle zunehmenden Wohlstands darstellt. Heute erreichen viele Industrieländer Zuwächse von 0,5 bis zwei Prozent jährlich. Microsoft-Chef Nadella rechnet dagegen mit vier Prozent, wenn die KI sich durchsetzt. Wobei derartige Hoffnungen auch mit der Verbreitung des Internets einhergingen. Erfüllt haben sie sich nicht.

    Momentan befindet sich die Entwicklung der KI noch in einem frühen Stadium. Aber sie macht schnelle Fortschritte. Das führt zur Frage nach ihrer Regulierung. Denn absehbar könnte es bald viel schwierig werden, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Leute wie Donald Trump freuen sich. Kann man das durch staatliche Regularien eindämmen? Unklar.

    Immerhin hat die EU bereits ein KI-Gesetz entworfen. Bestimmte risikoreiche Anwendungen wie etwa die Gesichtserkennung im öffentlichen Raum würden damit eingeschränkt, teilweise fast verboten. Beim WEF forderte UN-Generalsekretär António Guterres die Konzerne auf, an einer Regulierung mitzuwirken. Vor einiger Zeit schlug er schon einmal einen globalen KI-Rat ähnlich der IAEA vor, die die Atomindustrie begleitet. Manager wie Nadella sagen bei solchen Gelegenheiten, sie unterstützten eine Regulierung, es dürfe aber nicht zu viel sein, weil sonst die Innovation leide.

  • Plötzlich digital

    Extreme Bargeld-Szenarien für Deutschland

    Bunte Scheine, klimpernde Münzen: Deutsche lieben Bargeld, wir sind eine Art Europameister des dicken Portemonnaies. Aber auch hierzulande sind Karten und zunehmend das Mobiltelefon zum Bezahlen gefragt. Werden wir untreu? Geht Deutschland den Weg Skandinaviens, wo Bargeld praktisch aus dem Geschäftsleben verschwunden ist? Und was bedeutet das für die Bundesbank, deren gesetzliche Aufgabe es noch ist, die Deutschen mit Bargeld zu versorgen?

    Für eine eher zurückhaltende Institution hat die Bundesbank eine recht radikale Studie beim Dienstleister VDI/VDE IT und dem Meinungsforschungsinstitut Sinus bestellt. Das Ziel: Drei Szenarien, wie die Zukunft des Bargelds in Deutschland 2037 aussehen könnte. Es seien keine exakten Vorhersagen, sagte Burkhard Balz, im Bundesbankvorstand unter anderem für Bargeld zuständig, als er die Studie vorstellte. Es geht eher darum, zu sehen, was möglicherweise auf die Deutschen zukommt. Und welche Handlungsmöglichkeiten es gibt, die Bundesbürger weiter ausreichend mit Bargeld zu versorgen. Immer vorausgesetzt, die Politik hält diese gesetzliche Aufgabe der Zentralbank weiter für wichtig.

    Szenario 1: Deutschland ist eine hyperdigitale Bezahlwelt. Die Bundesbürger sind überzeugte Digitalfans. Kassen mit Bedienung gibt es in Geschäften nicht mehr, der Kunde scannt selbst, zahlt kontaktlos an Automaten, die vielleicht auch noch Bargeld annehmen. Die Verwaltung ist digital. Ältere haben gelernt, mit der neuen Technik umzugehen. Die Versorgung im ländlichen Raum hat sich verbessert, weil Läden ohne Personal auskommen. Geldautomaten sind selten. Bargeld wird allenfalls noch benutzt, um 100 Euro unters Kopfkissen zu legen. Der Anteil an Münzen und Scheinen an allen Zahlvorgängen beträgt selbst hier noch rund 15 Prozent.

    Szenario 2: Bargeld erlebt eine Renaissance. Die Bundesbürger fürchten sich davor, künstliche Intelligenz könnte sie fremdbestimmen. Wegen der vielen Krisen sind die Menschen auf weitere eingestellt und sorgen mit Bargeld vor. Sie kaufen vor allem lokal ein. Viele Menschen pochen auf ein Recht auf analoges Leben, nutzen Bargeld bewusst. Banken sehen Bargeldservice als Investition in Kundenbindung. Ein- und Zwei-Cent-Münzen sind abgeschafft, überall lässt sich bar bezahlen. Kassen sind mit Personal besetzt. Handel und Verwaltung müssen Münzen und Scheine nehmen. Auch in diesem Szenario wird viel digital bezahlt, aber vor allem große Summen. Der Anteil des Bargelds an allen Transaktionen liegt unter 50 Prozent.

    Szenario 3: In der hybriden Bezahlwelt ist alles möglich und vielen ist vieles egal. Die Gesellschaft zerfällt in unterschiedliche Lebenswelten. Die soziale Ungleichheit ist hoch. Der Staat hat wegen zahlreicher Krisen hohe Schulden gemacht, der Politik fehlt die Kraft, umzuverteilen. Die Wahl des Zahlungsmittels hängt von der Einstellung zu Digitalisierung ab. Der Handel bietet meist digitale Bezahlsysteme nach Vorlieben seiner Kunden. Bargeld wird vor allem auf Märkten, für Trinkgeld, Kleinbeträge und als Geschenk genutzt. Die Banken haben die Zahl der Filialen und Geldautomaten aus Kostengründen drastisch verringert, was Bargeldbeschaffung teuer und schwerer macht. Es gibt vorübergehende Cyberangriffe, aber keine politische Bewegung für Bargeld. Der Bargeldanteil an den Transaktionen liegt bei 31 Prozent – Tendenz fallend.

    Die Szenarien mögen radikal aussehen, sie sind aber ausgehend von der aktuellen Situation möglich. Befragt wurden dazu unter anderem Experten, es gab eine repräsentative Umfrage in der Bevölkerung. Die Studienautoren bezogen die Entwicklung künstlicher Intelligenz ein Krisenszenarien mit Kriegen und Handelsproblemen. Auch der geplante digitale Euro wurde berücksichtigt.

    „Wir gehen nicht davon aus, dass eines der Szenarien eintritt“, sagte Balz. Es sei aber wichtig, mit Extremen zu arbeiten. „Dadurch können wir besser einschätzen, wie wahrscheinlich etwas eintritt und wie wir uns darauf einstellen müssen.“ Ziel ist, dass die Menschen weiter die Möglichkeit haben, frei zu entscheiden, wie sie bezahlen. Und die Stabilisierungsfunktion des Bargelds soll erhalten bleiben. In Szenario 1 sei erheblicher Aufwand nötig und auch klare politische Vorgaben, sagte Balz. In Szenario 2 könne man frühzeitig gegensteuern.

    Das Bundesbank-Vorstandsmitglied warb für Bargeld. Es sei unabhängig von technischer Infrastruktur, schütze die Privatsphäre. Jeder könne es zum Bezahlen und als Wertaufbewahrung benutzen. Man können Kindern mit ihm den Umgang mit Geld nahebringen. Und nicht zuletzt behielten viele mit Bargeld den Überblick über ihre Ausgaben.

    Der Bargeldanteil sinkt allerdings, die Bundesbürger haben es gern einfach, kaufen mehr online oder nutzen an der Kasse Karte oder Mobiltelefon. Noch rund 60 Prozent der Käufe bezahlten die Menschen 2022 bar, wie das EHI, ein Handelsforschungsinstitut, ermittelt hat. Meist waren es kleinere Beträge. Denn der Umsatzanteil der Barzahlung betrug nur 37,5 Prozent.

    Auch die Zahl der Geldautomaten sinkt. Etwa 52.600 gab es nach Angaben der Europäischen Zentralbank 2022 noch in Deutschland, gut 6000 weniger als drei Jahre zuvor. Inzwischen dürften es noch weniger sein. Der Wert ist im europäischen Vergleich allerdings immer noch hoch. Auch die Bundesbank überprüft gerade, ob 31 Filialen im Bundesgebiet wirklich nötig sind, um die Bevölkerung mit Bargeld zu versorgen. Am Auftrag ändert das nichts.

  • Sorgenvolle Blicke zum fliegenden Drachen

    In Davos betreibt China eine Charme-Offensive. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Wirtschaftsminister Robert Habeck grenzen sich ab. Dieser organisiert wirtschaftliche Unterstützung für die Ukraine.

    Vorschläge zur Güte machte der chinesische Ministerpräsident am Dienstag beim Weltwirtschaftsforum. Die Welt möge sich doch zusammenraufen und gemeinsam an der Entwicklung neuer Technologien arbeiten, etwa zum Schutz des Klimas, sagte Li Qiang. Politikerinnen und Politiker des Westens wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) blieben jedoch skeptisch.

    Am zweiten Tage des diesjährigen Wirtschafts- und Politikgipfels in Davos stand die Weltpolitik im Mittelpunkt – erstens das Verhältnis zwischen Europa und China, zweitens die Reaktion auf den seit zwei Jahren dauernden Krieg Russlands gegen die Ukraine. Trotz versöhnlicher Versuche traten die Kontroversen zwischen den Blöcken USA und Europa einerseits, China andererseits deutlich zutage.

    Fünf Vorschläge für eine bessere wirtschaftliche Kooperation zum gegenseitigen Nutzen hatte der chinesische Spitzenpolitiker auf dem Zettel, als er vor mehreren hundert Zuhörerinnen und Zuhörern im großen Saal des Kongresszentrums von Davos sprach. Dazu gehörten eine neue „makroökonomische Koordinierung“, was beispielsweise die Zusammenarbeit von Zentralbanken bedeuten könnte, und die Stabilisierung der Lieferbeziehungen zwischen China und anderen Staaten. Sonderlich detailliert waren diese Vorschläge allerdings nicht. Li Qiang warb, dass in China bald das Jahr des Drachen beginne, von dem man Kraft und Energie erhoffe. Für die Welt könne 2024 zum Jahr des „fliegenden Drachen“ werden, wenn man es richtig anstelle.

    China sei eine offene Volkswirtschaft, betonte der Ministerpräsident, wolle freie Marktwirtschaft praktizieren und andere Länder ökonomisch nicht diskriminieren. Er forderte Multilateralismus im Sinne der Charta der Vereinten Nationen und wandte sich gegen „einseitige“ Regeln, die manche Regierung bevorzuge. Ohne die USA oder Europa zu nennen, waren das in freundliche Worte verpackte Spitzen gegen den Westen, dem Li Qiang durch die Blume unter anderem die Diskriminierung chinesischer Produkte vorwirft. China ist, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, mittlerweile die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde hinter den USA und vor Europa.

    Dass westliche Politiker die internationale Lage entgegengesetzt interpretieren, kam auch an diesem Tag in Davos zum Ausdruck. Grundsätzlich gehen viele in Brüssel, Berlin und Washington davon aus, dass China internationale Märkte dominieren wolle, etwa den für Klimaschutz-Technologien, und anderen Ländern politische Abhängigkeiten oktroyiere.

    So betonte Habeck eine konsequente Haltung gegenüber dem großen Konkurrenten. Europa müsse resilienter, also ökonomisch unabhängiger, werden, sagte der Wirtschafts- und Klimaminister. Dabei „kommen wir in der EU voran“, so Habeck am Morgen vor dem Kongresszentrum bei minus zehn Grad. Als Beispiel nannte er das geplante EU-Gesetz für eine klimaneutrale Industrie (Net-Zero Industry Act). Dieses soll dafür sorgen, dass zentrale Kohlendioxid-freie Technologien wie Batterien für E-Autos, Solarzellen und Elektrolyseure für grünen Wasserstoff zum guten Teil aus heimischer, europäischer Produktion kommen.

    Auch EU-Politikerin von der Leyen wollte sich nicht umgarnen lassen. „In Europa gibt es fast 200.000 Software-Ingenieure mit Erfahrung in Künstlicher Intelligenz (KI). Das ist eine größere Konzentration als in den USA und China“, antwortete sie auf Li Qiang im Kongresszentrum. Europa müsse den Weg zu einem verantwortungsvollen Einsatz von KI weisen, fügte sie mit Hinweis auf die erste weltweite Regulierung hinzu, die die EU in diesem Bereich plant.

    Misstrauen herrscht im Westen auch, weil China den russischen Krieg gegen die Ukraine zumindest nicht kritisiert, vielleicht sogar unterstützt. Von der Leyen: „Die Ukraine benötigt Planbarkeit bei der Finanzierung im gesamten Jahr 2024 und darüber hinaus.“ Die Ukraine könne im Krieg gegen Russland bestehen, betonte sie. „Aber wir müssen sie in ihrem Widerstand weiter stärken.“

    Habeck versuchte am Dienstag, solchen Worten Taten folgen zu lassen. Mit deutschen Unternehmen sprach er in Davos über deren mögliche Investitionen in der Ukraine, um die Wirtschaft dort zu stabilisieren und die Produktion von Waffen zu erhöhen. Außerdem drehten sich seine Gespräche um die Wiederaufbaukonferenz, die im kommenden Sommer in Berlin stattfinden soll. Investitions- und Exportgarantien für deutsche Vorhaben in der Ukraine hat die Bundesregierung bereits eingeführt, wodurch die Firmenaktivitäten dort stark zugenommen haben.

    „Wir sind entschlossen, unsere Unterstützung für die Ukraine aufrechtzuerhalten, und wir arbeiten sehr eng mit dem Kongress zusammen, um dies zu erreichen“, sagte auch US-Außenminister Antony Blinken bei seinem Treffen mit Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskkyj in Davos.

  • Wirtschaft als Waffe

    Katrin Kamin über Weltökonomie

    Hannes Koch: Sie sind Expertin für globale Wirtschaft und Politik. Treibt die Welt eher auseinander oder rückt sie näher zusammen?

    Katrin Kamin: Positive und negative Entwicklungen finden gleichzeitig statt. So geht der Anteil der sehr armen Menschen an der Weltbevölkerung zurück, wenn auch mit einer gewissen Unterbrechung seit der Corona-Pandemie. Andererseits nimmt der Abstand zwischen Arm und Reich zu. Politisch und ökonomisch driften die großen Machtblöcke auseinander, etwa die USA und Europa auf der einen, China auf der anderen Seite. Wir erleben auch eine Welle der Autokratisierung: Zahlreiche Staaten entwickeln sich weg von der Demokratie. Parallel versucht aber die Europäische Union neue Handelsbeziehungen etwa mit Indonesien, Vietnam und Südamerika zu knüpfen, um einseitigen Abhängigkeiten vorzubeugen.

    Koch: Jetzt am Beginn des Jahres 2024 haben viele Leute den Eindruck, dass die politische Lage schwierig ist. Ein Krieg scheint den anderen abzulösen. Andererseits fand gerade die Weltklimakonferenz in Dubai statt. Entfaltet die weltweite Transformation zur Klimaneutralität eine Bindungswirkung, die die zentrifugalen Tendenzen der Geopolitik kompensiert?

    Kamin: Es ist gut, dass die Staaten in diesem Verhandlungsprozess einen Konsens suchen. Allerdings gehen die Interessen doch sehr auseinander. Die EU handelt als Vorreiter. Aber man hat bei der Konferenz auch gesehen, dass zahlreiche Regierungen keine große Lust auf Transformation haben. Die Ölstaaten wollen weiter fossile Energie liefern, viele Entwicklungsländer möchten sie weiter nutzen. Diese Widersprüche spiegeln sich im Abschlussdokument von Dubai. So kann man sich fragen, ob es tatsächlich eine weltweite Transformation zur Klimaneutralität gibt. Zumindest gestaltet sie sich widersprüchlich und zeitlich versetzt. Auch wenn Bemühungen um Transformation verbindende Elemente haben, kann dieser Prozess die derzeitigen geoökonomischen zentrifugalen Tendenzen nicht komplett ausgleichen. Und vielleicht schafft er sogar neue: Denken sie an die wachsende Konkurrenz um strategische Rohstoffe für Halbleiter und Batterien.

    Koch: Quasi alle Staaten der Erde haben vereinbart, den Anstieg der globalen Temperaturen auf 1,5 Grad zu begrenzen. Hat es ein derartiges globales Wirtschafts- und Politikprojekt schon einmal gegeben?

    Kamin: Nein, ein anderes Vorhaben, das politisch und ökonomisch ähnlich dringlich, umwälzend und weltumspannend war, ist mir nicht bekannt. Allerdings ist es wichtig, auf den unverbindlichen Charakter der Vereinbarung hinzuweisen. Verbindlichere Wirtschafts- und Politikprojekte sind etwa die Vereinten Nationen oder die Welthandelsorganisation.

    Koch: Kann globale Klimapolitik einen Schub für Wachstum und Wohlstand auslösen wie die Industrialisierung der vergangenen Jahrhunderte?

    Kamin: Theoretisch mag das gelingen. Es werden neue Technologien entwickelt und riesige Infrastrukturen errichtet – zum Beispiel Windräder, Solarparks, Leitungsnetze, Elektrolyseure für grünen Wasserstoff. Das schafft Arbeitsplätze und Einkommen für sehr viele Menschen. Gleichzeitig werden andere Industrien schrumpfen. Zudem sind zahlreiche praktische Fragen bisher nicht beantwortet. Können wir die nötigen Rohstoffe beschaffen? Können und sollten wir umfangreiche Subventionsprogramme finanzieren? Werden wir die Transformation so managen, dass sie funktioniert? Davon hängt es ab, ob das Ganze ein wachstumsförderndes Projekt wird.

    Koch: In den nächsten Tagen findet wieder das Weltwirtschaftsforum in Davos statt. Neben vielen anderen Regierungschefs, unter anderem Bundeskanzler Olaf Scholz, wird wohl auch Chinas Ministerpräsident Li Qiang in die Schweiz reisen. Gehen Sie in Ihren Zukunftsszenarien davon aus, dass es zu einem großen Konflikt mit China um Taiwan kommen könnte?

    Kamin: Als Wirtschaftsinstitut können wir nur analysieren, welche ökonomischen Folgen verschiedene Formen eines Konfliktes mit sich brächten. Sollte Europa auf eine Invasion Taiwans durch China mit einer umfassenden Entkopplung der Handelsbeziehungen reagieren und China nachziehen, würde Deutschlands Wirtschaftsleistung im Verlauf von etwa zehn Jahren um 1,4 Prozent sinken. Kurzfristig kann es durch die enge Verflechtung mit China in bestimmten Schlüsselsektoren zu größeren Verlusten kommen, etwa vergleichbar mit der Finanzkrise von 2008 oder der Corona-Pandemie. Das wären dann vielleicht fünf Prozent weniger pro Jahr. Um die etwaigen Schäden zu begrenzen, raten wir dazu, den Handel breiter aufzustellen und die deutschen Importe und Exporte auf mehr Länder zu verteilen.

    Koch: Tragen denn die Pläne der Bundesregierung und der EU-Kommission, etwas unabhängiger von China zu werden, inzwischen Früchte?

    Kamin: Die China-Strategie der Bundesregierung und die EU Strategie für Wirtschaftssicherheit stammen ja erst aus dem Jahr 2023. Es ist noch zu früh, als dass bereits praktische Auswirkungen zu erkennen wären. Aber es ist nützlich, dass einige Instrumente auf dem Tisch liegen, etwa Kontrollen chinesischer Investitionen in der EU. Außerdem haben wir nun mehr strategische Klarheit. Das betrifft auch die Notwendigkeit, europäische Beziehungen in andere Weltregionen zu intensivieren, etwa mittels des geplanten Handelsabkommens zwischen der EU und der südamerikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur. Wenn wir das nicht machen, macht es China. Das Land ist heute schon der wichtigste Handelspartner Südamerikas.

    Koch: Die USA haben ein riesiges Subventionsprogramm zur Industrieansiedlung aufgelegt. Der Bund der sogenannten BRICS-Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika – will weitere Mitglieder aufnehmen. Kommt es zu einer Neuordnung der Globalisierung?

    Kamin: Die hat schon vor 20 Jahren begonnen. Die Ursachen liegen unter anderem im Aufstieg Chinas zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt und dem Rückzug der USA aus ihrer früheren global-hegemonialen Rolle während der Präsidentschaft Donald Trumps. Nun leben wir in einer Welt, in der wirtschaftliche Konkurrenz zunehmend mit Mitteln von Zöllen, Sanktionen, Importkontrollen und Protektionismus ausgetragen wird. Ökonomie fungiert somit mehr und mehr als Waffe in der Auseinandersetzung zwischen Staaten.

    Koch: Bedroht diese Entwicklung den hiesigen Wohlstand?

    Kamin: Ja, das könnte passieren. Die deutsche Wirtschaft orientiert sich bisher stark auf den Weltmarkt. Protektionismus jedoch schadet globalen Geschäften. In der Reaktion kann es etwa vernünftig sein, neue Rohstoffquellen in Europa zu eröffnen. Und die hiesige Politik ist sehr gut beraten, weltweit neue strategische Handelspartnerschaften und Allianzen zu schließen.

    Bio

    Die Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin Katrin Kamin forscht am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Sie ist Spezialistin für Geoökonomie, dem Wechselverhältnis von Geopolitik und Wirtschaft. Sie berät Bundesministerien und die EU-Kommission.

  • Dem Geheimnis auf der Spur

    ZiS-Stiftung vergibt Stigendien

    Für Anselm Kiefer ist diese Reise 1963 etwas Besonderes. Der 18-jährige wandelt auf den Spuren von Vincent van Gogh durch die Niederlande und Frankreich – finanziert mit einem Stipendium. Wenn sich der deutsche Maler und Bildhauer heute erinnert, spricht er von seiner „Initiation“, der Einführung in eine neue Welt. Mit seinen Eltern sei er nie gereist, das sei nicht möglich gewesen. Inzwischen ist Kiefer einer der teuersten und wichtigsten deutschen Künstler. Die Stipendien für Jugendliche gibt es heute noch und sie sind offen für alle.

    Hinter dem Programm steht die gemeinnützige ZIS-Stiftung für Studienreisen. Die Bedingungen sind einfach: Bewerben können sich Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren. Nötig ist eine Idee, ein Thema für die Reise. Sie muss ins Ausland gehen, mindestens vier Wochen dauern. Gereist wird allein. Die Stiftung gibt 700 Euro, die alle Ausgaben decken sollen.

    Nicht jeder oder jede muss berühmten Künstlern des 19. Jahrhunderts nachspüren. Bisher tauchten die Stipendiaten zum Beispiel ein in die Clubszene der georgischen Hauptstadt Tiflis, verfolgten den Weg der Wolle vom Schaf zum Pullover auf den Färöer-Inseln, stöberten durch Bunker an der französischen Atlantikküste, erkundeten die queere Szene Polens oder dokumentierten Streetart in Portugal. Mehr als 2200 Jugendliche waren bereits mit ZIS unterwegs, Kiefer ist sicher der berühmteste Stipendiat.

    Zwei wichtige Regeln gelten: Das Budget muss eingehalten werden, und Fliegen ist nicht erlaubt. Der Vorteil: Wer 36 Stunden im Bus nach Istanbul sitzt, knüpft vielleicht schon Kontakte, die vor Ort helfen. Die Stipendiensumme ist bewusst knapp bemessen – zwingt dazu, praktisch ins Land einzutauchen. Die Jugendlichen sollen sich private Unterkünfte suchen. Manchmal ist die Nacht kostenlos, vielleicht lässt sich auf einem Hof gegen Essen und Bett mithelfen. Und im Idealfall ergeben sich Kontakte, die weiterhelfen.

    Wer reist, muss ein Tagebuch führen und es ebenso wie eine Abrechnung der Tour abgeben. Dazu kommt ein Projektbericht. Das muss kein langer Text sein. Auch Film, Ausstellung, Fotodokumentationen oder andere Formate sind möglich. Wie bei Kiefer. Der Vater, Kunstpädagoge, hat seinen Sohn für künstlerische Techniken begeistert. Und so schreibt Kiefer zwar Tagebuch, vor allem aber malt er Aquarelle, skizziert mit schwarzem Stift. Zum Beispiel einen Mann, bei dessen Familie er unterkommt. Der „Toréro après son travail“, wie das Bild heißt, wirkt markig und etwas ungeduldig. Kiefer selbst ist eher ruhig, schaut genau hin. Er verlängert seine Reise sogar, um mit den Leuten den Kontakt zu bekommen, der zum Porträtieren nötig ist, wie er schreibt.

    Die Idee zu den Reisestipendien stammt aus Frankreich. Ein Lehrer, der in den fünfziger Jahren an der Schule Schloss Salem nahe des Bodensees unterrichtete, hatte sie mitgebracht. Der Schulleiter half, sie für Deutschland umzusetzen. Geld gaben Förderer, die das Projekt spannend fanden. 1956 ging es los, damals noch unter Zusammenarbeit Internationale Studienreisenstipendien, kurz ZIS. Daraus ist inzwischen eine Stiftung geworden mit eigenem Vermögen und einem Freundeskreis, der sie mit Mitgliedsbeiträgen unterstützt. Zusätzliches Geld kommt von Privatleuten und Förderstiftungen.

    Auf die Ideen für die Reisen müssen die Jugendlichen selbst kommen. Sie haben die Bedeutung der Sauna für die finnische Gesellschaft untersucht, die Kommerzialisierung Gottes in Spanien oder die Vögel am Cap Ferret. Oder auf 1414 Kilometer buchstäblich erfahren, wie fahrradfreundlich Dänemark ist. Auch das Geheimnis des Knäckebrots wurde bereits gelüftet. Und trotz aller Planung verlaufen die Reisen manchmal anders als gedacht. So geriet ein ZIS-Reisender 1968 in den Prager Frühling, spürte den Aufbruch und erlebte dann russische Panzer in den Straßen.

    Wer Interesse hat, kann sich online unter www.zis-reisen.de bewerben. Neben dem Thema müssen ein grob umrissenes Reisekonzept, eine erste Finanzplan-Skizze und die Empfehlung eines Lehrers, Ausbilders oder einer Gruppenleiterin eingereicht werden. Wichtig ist, dass Engagement und Interesse klar werden. Schulische Leistungen sind dagegen egal. Aus den Bewerbungen wählen die Mentoren, ehemalige ZIS-Reisende, die Kandidaten aus. Die Mentoren helfen dann auch, das Reisekonzept und die Finanzplanung auszuarbeiten. Passt alles, gibt es die endgültige Stipendienzusage.

    Nach der Reise wird das Projekt von mehreren Mentoren gelesen. Es gibt eine umfangreiche Rückmeldung, nicht nur zum Bericht, sondern auch zu persönlichen Stärken und Schwächen sowie dazu, worauf die Person künftig achten sollte. Die beste Reisedokumentation wird zudem jedes Jahr ausgezeichnet. Der Preis: eine weitere Reise nach Wahl. Natürlich wieder mit einer frei gewählten Idee. Auch Kiefer hat damals mit seinem Bericht gewonnen. Und so ist er 1966 wieder unterwegs, wieder in Frankreich, diesmal auf den Spuren der Pariser Haut Couture. Und wieder zeichnet er, zeigt Models in den Kreationen von Yves Saint Laurent, Christian Dior oder Pierre Cardin für die Wintersaison 1966/67.

    Kiefers Tagebücher liegen normalerweise in einem besonders sicheren und temperierten Tresor. Doch jetzt sind sie erstmals zu sehen. Das Museum Würth 2 im baden-württembergischen Künzelsau zeigt die illustrierten Berichte bis Frühjahr 2025 in der Ausstellung Terrific (kunst.wuerth.com/).

  • Hagel im Großformat

    Naturkatastrophen kosten die Welt 250 Milliarden Dollar

    Italien ist mitten im Sommer 2023 kein besonders angenehmer Urlaubsort: im Süden sengende Hitze mit fast 48 Grad im Schatten, im Norden Tornados, Überschwemmungen und Riesenhagelkörner. Manche der eisigen Klumpen erreichen einen Durchmesser von 19 Zentimetern – Handballformat. Die Unwetter in Italien gehören zu den schwersten im Gesamtjahr, wie der deutsche Rückversicherer Munich Re im jährlichen Schadensbericht schreibt.

    Auch andernorts nimmt die Zahl der schweren Gewitter oder großer Dürre zu. „Die seit Jahren beschleunigte Erderwärmung verstärkt in vielen Regionen die Wetterextreme und damit auch das Schadenspotenzial“, sagt Chef-Klimatologe Ernst Rauch. „Bei höheren Temperaturen verdunstet mehr Wasser, und mit der zusätzlichen Feuchtigkeit steigt in der Atmosphäre die potenzielle Energie für starke Unwetter.“ Gesellschaft und Wirtschaft müssten sich an die veränderten Risiken anpassen – andernfalls stiegen die Schadenlasten. Allein in Nordamerika und Europa zerstörten Schwergewitter Hab und Gut im Wert von 76 Milliarden Dollar, der Munich Re zufolge ein Rekordwert.

    2023 lagen die Temperaturen etwa 1,3 Grad über denen der vorindustriellen Zeit 1850 bis 1900. Es war nach Angaben des Weltmeteorologenverbands WMU das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Anderer Forscher etwa des Weltklimarats und der EU sprachen vom wärmsten Jahr seit 125.000 Jahren. Erkenntnisse dazu liefern etwa Bohrkerne aus dem ewigen Eis. Es gab Hitzerekorde im April mit mehr als 40 Grad in Südwesteuropa und im September im argentinischen Frühling. Im Juli ermittelten die Wetterforscher im US-Wüstenstaat Arizona Nachttemperaturen jenseits der 32 Grad.

    Weltweit starben bei Naturkatastrophen 74.000 Menschen, 63.000 mehr als im Jahr zuvor, die meisten – 54.000 – beim schweren Erdbeben im Süden der Türkei und im Norden Syriens. Das sind deutlich mehr Tote als im 30-jährigen Schnitt von 40.000. Gleichzeitig wurden sehr viele Menschen obdachlos, die Munich Re spricht von humanitären Katastrophen. Auch in Marokko und Afghanistan starben tausende Menschen bei schweren Erdstößen.

    Während Erdbeben besonders viele Opfer forderten, wurden die Schadensumme von Extremwetter getrieben. Insgesamt betrugen die Schäden durch Extremwetter und Naturkatastrophen 2023 den Zahlen der Munich-Re zufolge rund 250 Milliarden Dollar (rund 230 Milliarden Euro). Das entspricht dem Wert von 2022 und dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. In den vergangenen 30 Jahren betrugen die Kosten durch Katastrophen jährlich 180 Milliarden Dollar. Die Inflation ist da schon eingerechnet.

    250 Milliarden Dollar entsprechen rund 0,2 Prozent der Weltwirtschaftsleistung. Rein zahlenmäßig ist das ein geringer Wert. Doch würde alles, was zerstört wurde, wieder aufgebaut, fehlte das Geld für andere Investitionen. Andererseits sind Neubauten in der Regel moderner. Unklar ist allerdings, ob überhaupt aufgebaut wird. Oft fehlt das Geld. Denn nur die wenigsten Schäden waren versichert, meist in recht reichen Ländern. Die Munich Re gibt die Gesamtsumme für 2023 mit 95 Milliarden Dollar an, 30 Milliarden Dollar weniger als 2022.

    Verheerendste Naturkatastrophe war nach Angaben der Munich Re die Erdbebenserie im Süden der Türkei und im Norden Syriens. Im Februar schütterten mehrere Stöße mit einer Stärke von bis zu 7,8 die Erde. Häuser und Infrastruktur wurden zerstört, 58.000 Menschen starben. Der Gesamtschaden belief sich auf rund 50 Milliarden Dollar. Versichert waren nur Werte von 5,5 Milliarden Dollar.

    Haben Erdbeben wenig mit dem Klimawandel zu tun, hatte es die zweitteuerste Katastrophe schon mehr: Taifun Doksuri fegte im Februar über die Philippinen und das chinesische Festland und brachte Regen mit, der das Land überschwemmte. Die Kosten beziffert die Munich Re auf gut 25 Milliarden Dollar, nur rund zwei Milliarden Dollar waren versichert.

    Den Hurrikan Otis an der mexikanischen Westküste im Oktober bezeichnen die Versicherungsexperten als außergewöhnlich. Binnen eines Tages entwickelte er sich „aus einem relativ harmlosen Tropensturm zum Hurrikan der höchsten Kategorie“. Otis, der stärkste Sturm, der bisher die mexikanische Pazifikküste traf, verwüstete den Urlaubsort Acapulco. Der Schaden wird auf zwölf Milliarden Dollar geschätzt, versichert waren rund vier Milliarden Dollar. Otis war die drittteuerste Naturkatastrophe. Und auch sie hatte mit dem sich ändernden Klima zu tun.

    Und wie wird 2024? Das Jahr begann mit ausuferndem Hochwasser in weiten Teilen Norddeutschlands und einem schweren Erdbeben im Westen Japans. Und Klimaexperten rechnen mit weiteren Extremwetterereignissen.

    Die Munich Re (früher Münchner Rück) erstellt die Katastrophenbilanz jedes Jahr. Das Unternehmen ist der größte Rückversicherer der Welt. Bei ihm versichern sich Unternehmen, die zum Beispiel Elementarschadensversicherungen verkaufen, die Hochwasser, Gewitter und Dürre abdecken. Zum Konzern gehört auch die Ergo Versicherung und der Vermögensverwalter Meag.

  • Engpass am Kofferband

    Personalnot der Flugbranche

    Für viele Fluggesellschaften hat sich 2023 gerechnet: höhere Preise, mehr Gewinn. Für viele Passagiere ließ der Service zu wünschen übrig: standardisierte Formbriefe des Airline-Kundencenters, verschwundene Koffer. Die Branche verspricht den Kunden, 2024 besser zu werden und pünktlicher. Doch ein wesentliches Problem bleibt: Vor allem den Firmen, die die Flugzeuge be- und entladen, fehlt Personal.

    Aus dem Sommerchaos 2022 in Frankfurt und Düsseldorf hatte die Branche gelernt. Gemeinsam mit Behörden und Systempartnern bereitete sie sich intensiv auf 2023. Der Flugbetrieb lief vor allem im Sommer deutlich stabiler als ein Jahr zuvor. Ein Grund: Mehr Personal. Doch der Markt ist inzwischen, wie in vielen anderen Branchen auch, leer. Es „wird auch weiterhin Personal gesucht und eingestellt, was allerdings kein leichtes Unterfangen ist, da nahezu Vollbeschäftigung auf dem deutschen Arbeitsmarkt herrscht“, heißt es beim Branchenverband BDL.

    Das könnte für das neue Jahr Probleme bereiten. Denn von Dezember 2023 bis Mai 2024 wächst das Angebot der Fluggesellschaften an den deutschen Flughäfen nach Zahlen des Verbands um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf dann 111,5 Millionen Sitzplätze. Besonders der Osterverkehr Ende März und Anfang April fordert die Branche. Dann streben binnen gut zwei Wochen Ferien viele Bundesbürger in die Sonne – nach Spanien, Griechenland, in die Türkei.

    Immerhin hat sich bei den Sicherheitskontrollen einiges geändert. In Frankfurt organisiert der Flughafen selbst die Kontrollen, in München ist eine Landesbehörde zuständig. An den beiden nach Passagierzahl größten Flughäfen werden auch CT-Scanner eingesetzt, die aus der Medizin bekannt sind. Am Flughafen durchleuchten sie Handgepäck schneller und genauer, was die Kontrollen deutlich beschleunigt. Solche Geräte sollen nach Angaben des BDL auch an anderen Flughäfen, an denen die Bundespolizei die Sicherheitskontrollen übernimmt, eingesetzt werden.

    So viel Angebot wie vor der Corona-Pandemie wird es in Deutschland auf absehbare Zeit wohl nicht geben. Der BDL ermittelt für die Monate bis Mai 84 Prozent dessen, was bis Mai 2019 buchbar war. Europaweit sind es bereits 98 Prozent. Vor allem der deutsche Inlandsverkehr schwächelt – Geschäftsreisende nutzen etwa die Bahn oder konferieren mit Geschäftspartnern gleich virtuell, ohne zu reisen. Wer in die Ferne strebt, in die USA oder nach Asien, kann dafür wieder unter fast so vielen Flügen wählen wie vor der Pandemie.

    Insgesamt gibt es also weniger Angebot an den Flughäfen als 2019 und dennoch liegt einiges im Argen. Das Berliner Rechts-Start-up Fine Legal rechnet für 2023 mit mehr als 120.000 neuen Klagen frustrierter Fluggäste. 2022, als es in Frankfurt und Düsseldorf nicht rund lief, gingen bei den Gerichten mehr als 63.000 Klagen ein. Vor allem geht es um Flugausfälle, verpasste Anschlussflüge und verschwundenes Gepäck.

    Und das sind nur die Fälle, die der Kundenservice oder der staatliche Ombudsmann nicht klären konnten. Auch letzterer meldete deutlich längere Bearbeitungszeiten wegen der Fülle an Beschwerden. Unter anderem die Lufthansa kämpft nach den harten Sparmaßnahmen mit schlechter Kundenkommunikation. Konzernchef Carsten Spohr kündigte Besserung an.

    Die meisten Klagen betrafen der Untersuchung zufolge die Flughäfen Berlin (15.600), Frankfurt (15.300) und Düsseldorf (11.100). Auf 10.000 Passagiere bezogen, liegen die drei allerdings mit 6,8 Prozent (Berlin), Düsseldorf (5,7) und Frankfurt (2,6) deutlich besser. Besonders klagefreudig sind offenbar Passagiere gewesen, die an den Flughäfen Dortmund (10,1), Memmingen (9,1) und Frankfurt/Hahn (9,0) gestartet und gelandet sind. Sie werden überwiegend von Firmen wie Ryanair, Easyjet und Wizz Air angeflogen.

    Insgesamt meiden die ehemaligen Billigflieger Deutschland eher. Sie bieten in den kommenden Monaten nur 65 Prozent der Sitzplätze verglichen mit der Zeit vor Corona an, wie eine Analyse des BDL zeigt. Europaweit sind es 119 Prozent. Offenbar ist der Markt nicht attraktiv genug. Vor allem Ryanair orientiert sich stark an den möglichen Gewinnen und streicht Strecken vergleichsweise schnell. Die Zahlen des BDL bedeuten deshalb auch, dass in anderen Ländern mehr zu verdienen ist als in Deutschland.

    Ein Grund sind die höheren Kosten in Deutschland. So gibt es nur hier eine Luftverkehrssteuer, die die Bundesregierung im kommenden Jahr erhöhen will. Der BDL rechnet deshalb damit, dass das Angebot weiter sinken wird: „Schon heute ist im europäischen Vergleich die Belastung des Luftverkehrs mit Steuern und Abgaben in Deutschland mit Abstand am höchsten. Erneute Erhöhungen werden Produktion in Deutschland kosten, Ertragssteuern und Wertschöpfung schmälern und die Luftverkehrsanbindung wichtiger Wirtschaftsregionen in Deutschland erheblich verschlechtern.“

    Vor allem gibt es weniger Wettbewerb, wenn Easyjet, Ryanair, Wizz Air und andere weniger in Deutschland fliegen. Vor Corona drückte der Wettbewerb die Flugpreise, weil alle um die Gunst der Passagiere buhlten. Hin- und Rückflüge waren innerhalb Europas zum Teil für unter 100 Euro möglich. Inzwischen sind die Preise kräftig gestiegen. Und so wird es auch 2024 weitergehen, wie der BDL vorhersagt: „Die steigenden Lohn- und Energiekosten und vor allem die hohen staatlichen Standortkosten werden sich auch in steigenden Ticketpreisen niederschlagen.“

  • Deutschland droht Stagnation

    Bankenverbandspräsident Sewing: Wirtschaftswachstum nahe null. Inflation wird sinken

    Nach dem sehr herausfordernden 2022 sollte es 2023 besser laufen in Deutschland. Doch die Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine belasten die Wirtschaft weiter. Hinzu kommt der Krieg in Gaza. Aber immerhin ist die Inflation gesunken. Wie wird 2024? Christian Sewing, Präsident des Bundesverbands deutscher Banken, antwortet.

    Konjunktur und Arbeitszeit

    Das kommende Jahr wird aus Sicht des Bankenverbandspräsidenten mau. „Eine rasche und kräftige wirtschaftliche Erholung ist nicht in Sicht“, sagt Sewing. „Wir erwarten, dass das Wirtschaftswachstum auch im nächsten Jahr nah an der Nulllinie liegen wird.“ Ähnlich sehen das andere Experten, die mit Werten zwischen plus 0,9 (Ifo-Institut München) Prozent und minus 0,5 Prozent (IW Köln) rechnen. Die Bundesbank kalkuliert mit 0,4 Prozent.

    Ein Lichtblick: „Sollten die wirtschaftlichen und geopolitischen Risiken im kommenden Jahr allmählich nachlassen und die Inflation weiter sinken, dürften der private Konsum und die Investitionen wieder anziehen“, erwartet Sewing. Und Investitionen, vor allem private, sind aus seiner Sicht unerlässlich, um die wichtigsten Herausforderungen zu bewältigen: Transformation der Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Neujustierung der grenzüberschreitenden Produktions- und Lieferketten sowie den demografische Wandel.

    Wenig hält der Bankenverbandspräsident etwa von der Vier-Tage-Woche: „Arbeitszeitverkürzungen, wie sie mehrere Gewerkschaften aktuell fordern, wären hingegen ganz klar kontraproduktiv. Sie würden die Investitionsperspektiven der Unternehmen zusätzlich belasten und das Wachstumspotenzial insgesamt schwächen.“

    Inflation

    Auch im kommenden Jahr werden die Preise weiter steigen. Der Bankenverbandspräsident erwartet allerdings deutlich niedrigere Raten. „Im Jahresdurchschnitt sollte die Inflationsrate in Deutschland 2024 zwischen 2,5 und 3,0 Prozent liegen“, sagt Sewing. 2022 hatte die Teuerung zeitweise zehn Prozent erreicht, im Jahresschnitt waren es 6,9 Prozent. 2023 sank die Rate. Für November ermittelte das Statistische Bundesamt 3,2 Prozent.

    „Der Rückgang der Inflationsrate wird sich in den kommenden Monaten verlangsamen. Im Dezember und Januar könnte die jährliche Teuerungsrate sogar zeitweilig wieder steigen“, vermutet Sewing. Als Gründe nennt er statistische Effekte wie das Ende der Gas- und Strompreisbremse sowie die Tatsache, dass in der Gastronomie wieder der volle Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent erhoben wird. Die Europäische Zentralbank strebt eine Inflationsrate von nahe zwei Prozent an

    Zinsen

    In einer beispiellosen Serie hat die Europäische Zentralbank die Leitzinsen seit September 2022 in zehn Schritten von null auf 4,5 Prozent angehoben. Zuletzt erhöhte sie sie nicht weiter. „Da wir bereits einen deutlichen Rückgang der Inflationsrate gesehen haben, halte ich die aktuelle Zinspause der EZB für richtig“, sagt Sewing, „zumal sich die Zinserhöhungen erst mit einer gewissen Verzögerung auf die Wirtschaft auswirken.“ Eine Zinsprognose für 2024 wagt er nicht.

    Sind die Leitzinsen vor allem für Banken wichtig, haben sie auch Folgen für jeden einzelnen. So bestimmen sie mit über die Guthabenzinsen. Sind die Leitzinsen höher, bekommen die Bankkunden in der Regel mehr Zinsen auf ihr Erspartes. „Gleichzeitig variieren die Zinssätze für Tagesgeld- und Sparkonten und Festgelder erheblich und hängen stark vom Geschäftsmodell der jeweiligen Institute ab“, sagt Sewing. Auch dies spiegele den ausgeprägten Wettbewerb im deutschen Markt wider. Zuletzt hatten Banken und Sparkassen in Aktionen teils bis zu vier Prozent jährlich auf Tagesgeld gewährt. Inzwischen sind die Zinsen wieder etwas gesunken.

    Immobilienmärkte

    In den vergangenen Jahren wurde überall in Deutschland gebaut, vor allem auf Kredit, der wegen der Niedrigzinsphase besonders günstig war. Vorbei. „Die in kurzer Zeit deutlich gestiegenen Zinsen und die schon seit längerem gestiegenen Baukosten wirken sich spürbar auf die Baubranche aus“, sagt Sewing. „Der Bauboom der vergangenen Jahre ist zu Ende.“ Die Kreditnachfrage bei Banken für Bau- und Sanierungsvorhaben sei deutlich zurückgegangen.

    Das jetzt viele Immobilienbesitzer angesichts der höheren Zinsen Probleme bekommen, glaubt der Bankenverbandspräsident nicht. So schützten die stabilen. Denn wer einen gut bezahlten Job hat, kann seinen Kredite auch bedienen. „Zudem haben sich viele Kunden in der Niedrigzinsphase den Zins über 15 oder 20 Jahre gesichert, so dass sie Planungssicherheit haben. Gleiches gilt für Kunden, die sich Zinsstabilität über einen Bausparvertrag gesichert haben.“

    Und für die, die eine Wohnung oder ein Haus besitzen und verkaufen wollen, hat Sewing eine gute Nachricht. „Die Nachfrage nach Wohnraum ist weiterhin hoch. Die Immobilienpreise dürften sich 2024 stabilisieren und im Anschluss wieder anziehen.“ Seit Jahresbeginn sind die Immobilienpreise gesunken, im dritten Vierteljahr 2023 nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Schnitt um 10,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

    Digitaler Euro

    In den kommenden beiden Jahren will die Europäische Zentralbank den digitalen Euro vorantreiben, eine Art schein- und münzloses Bargeld für die 27 Länder der Euro-Zone. „Es ist richtig, dass die EZB, wie auch andere Notenbanken, die Einführung einer digitalen Währung prüft“, sagt Sewing. Ein wichtiger Punkt aus seiner Sicht: die Souveränität des europäischen Geldsystems. Derzeit bestimmen bei digitalen Zahlungsvorgängen vor allem US-Unternehmen in Europa. Der digitale Euro soll das ändern.

    Dennoch ist der Bankenverbandspräsident zurückhaltend. Die EZB fokussiere sich derzeit stark auf ein neues Bezahlverfahren an der Ladenkasse, sagte Sewing. „Es kann nicht Aufgabe der Notenbank sein, ein Bezahlverfahren für Verbraucherinnen und Verbraucher zu betreiben. Zumal Banken und Finanzdienstleister ein breites und gut funktionierendes Angebot bereitstellen.“ Ein zusätzliches System der EZB würde den Wettbewerb verzerren und wäre zudem mit erheblichen Investitionen in eine neue Infrastruktur verbunden, die für Nutzerinnen und Nutzer keinen spürbaren Mehrwert brächten.

  • Überfällig

    Zur Reform des Postgesetzes

    Nach 25 Jahren wagt eine Bundesregierung eine Reform des Postgesetzes. Ein Punkt: Der Großteil der Briefe muss nach drei statt wie bisher nach zwei Tagen ankommen. Das kann man bedauern, doch der Bedarf, wie ihn der Gesetzgeber noch 1998 gesehen hat, existiert nicht mehr. Die Deutschen schreiben weniger Briefe, Zeitkritisches wird per E-Mail oder Kurznachricht gesandt. Dass Postflugzeuge nächtens nur halbvoll durch die Republik fliegen, ist nicht mehr zeitgemäß. Die Reform ist deshalb nicht nur bei den Zustellzeiten überfällig.

    Obwohl in vielen Städten inzwischen private Briefanbieter tätig sind, hat die Post einen Marktanteil von rund 85 Prozent. Als Universaldienstleister hat sie bestimmte Rechte, etwa steuerliche Vergünstigungen, aber auch Pflichten. So muss sie Briefe in eher entlegene Gebiete zustellen und darf sich nicht nur lukrative Städte heraussuchen. Lief es bisher mit der Zustellung nicht, konnten sich Kunden zwar beschweren, Sanktionen gegen den Monopolisten waren aber nicht möglich. Künftig kann die Bundesnetzagentur ein Bußgeld verhängen. Das dürfte deutlich wirksamer besseren Service liefern, als darum zu bitten, die Probleme zu lösen.

    Die Reform trifft vor allem den Briefverkehr. Tatsächlich ist es nicht so wichtig, ob ein Schreiben nach zwei oder drei Tagen ankommt. Hauptsache es kommt sicher an. Und das garantiert das neue Gesetz. Wichtig ist auch der Preis eines Briefes. Die Formel, nach der die Post bisher regelmäßig das Porto erhöhte, wird modernisiert. Ein einfaches Immer-mehr soll es nicht mehr geben. Recht so. Ein Monopolist soll nicht nur kassieren, sondern auch etwas leisten. Einziges Manko der Reform: Sie greift erst 2025. Mehr Pünktlichkeit wäre auch 2024 schön.

  • Angetreten!

    Zur Wehrpflichtdebatte

    Russlands Angriff auf die Ukraine hat die deutsche Politik aufgerüttelt. Die Bundeswehr ist nicht verteidigungsfähig. Sie braucht Material und vor allem Personal. Da klingt es natürlich einfach, die Wehrpflicht wieder einzuführen und alle ab 18 Jahren für eine Grundausbildung einzuziehen. Masse soll es richten. Richtig ist das nicht.

    Die jungen Menschen werden den Unternehmen fehlen. Einer der Gründe für das Ende des verpflichtenden Grundwehrdienstes war, das deutsche Jugendliche im europäischen Vergleich sehr spät auf den Arbeitsmarkt kamen – wegen langer Schulzeit und wegen des Wehrdienstes.

    Für die Bundeswehr nützt es auch nichts, Leute einzuziehen, die völlig unmotiviert sind. Einmal bei der Truppe wird es nicht besser. Als es die verpflichtende Grundausbildung noch gab, haben Rekruten aus Langeweile jeden zweiten Tag das Öl bei Lastwagen gewechselt, Gedichte auswendig gelernt und mehrfach täglich die Stube geputzt. Erst 18, dann 15, dann zwölf Monate lang. Für den späteren Lebensweg liefert das vor allem reichlich Stoff für absurde Anekdoten.

    2011 setzte  die Koalition aus Union und FDP auf Betreiben von Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), damals Verteidigungsminister, die Wehrpflicht für den Friedensfall aus. Die Bundeswehr sollte zu einer Freiwilligenarmee werden – zu einem Berufsheer mit allen Qualitäten und Soldaten, die gut ausgebildet, gut ausgestattet und motiviert sind und auch vernünftig bezahlt werden. Klasse statt Masse. Eine grundsätzlich richtige Idee, die andere Länder auch verfolgen. Dass es nicht gelungen ist, sie umzusetzen, hat nichts mit allgemeiner Wehrpflicht, aber viel mit politischem Rückhalt zu tun. Also: Angetreten, Bundesregierung!

  • Wie Barzahlen die Umwelt trifft

    EZB ermittelt die ökologischen Folgen des Einkaufens mit Euro-Scheinen. Vor allem Geldautomaten belasten

    Wer den Einkauf im Supermarkt mit einem 50-er bezahlt, denkt in der Regel nicht daran, wie sehr das gerade die Umwelt belastet. Die Experten der Europäischen Zentralbank (EZB) wollten es dennoch wissen. Schließlich sind große Mengen an Scheinen im Umlauf, sie sind aus speziellem Papier, bedruckt mit spezieller Tinte. Da kommt einiges zusammen. Wie groß also sind die ökologischen Folgen des Barzahlens?

    Überraschend gering. Im Schnitt liegt der jährliche Durchschnittswert für Barzahlungen mit Euro-Scheinen bei 101 Mikropunkten, wie die Experten errechnet haben. Das entspricht 0,01 Prozent des gesamten jährlichen Umweltfußabdrucks eines EU-Bürgers, den die EZB mit 1.003.686 Mikropunkten angibt. Einen ähnlich hohen Wert hat, acht Kilometer mit dem Auto zu fahren. Ein T-Shirt aus Baumwolle herzustellen und 52 Mal zu waschen, kommt auf fast die siebenfache Punktzahl.

    Den größten Einfluss auf die Umwelt haben die Geldautomaten, über die die meisten Menschen sich Bargeld beschaffen. Der Energieverbrauch der Geräte macht 37 Prozent der Belastung aus, der Transport der Geldscheine von den Druckereien zu den Lagern und dann später zu den Automaten steht für 35 Prozent. Die Produktion der Scheine selbst trägt nur 14 Prozent bei.

    Untersucht hat die EZB Daten von fünf Papiermühlen und sieben Rohstofflieferanten, elf Druckereien, Notenbanken und Geldautomaten. Betrachtet wurden Rohstoffe, etwa Baumwolle, Tinte, Folie für Sicherheitsstreifen, Energieverbrauch, Transport, Schreddern ungültiger Banknoten. Die Informationen stammen von 2019. Im Zuge der Pandemie haben einige Menschen ihr Zahlverhalten geändert, bezahlen lieber kontaktlos. Das ist nicht in die Untersuchung eingeflossen. Die EZB berücksichtigte auch die Umwelteffekte der Maschinen nicht, die zur Banknoten-Produktion nötig sind. Und sie ließ Münzen unbeachtet. Eine vergleichbare Untersuchung für digitale Bezahlmethoden etwa mit Karten oder Telefon gibt es bisher nicht. Für den digitalen Euro, an dem die EZB arbeitet, ist eine vorgesehen.

    Bereits 2004 hat die Notenbank Umweltfolgen der Euro-Scheine ermittelt. Die Ergebnisse von damals lassen sich wegen einer anderen Berechnungsgrundlage nur schlecht vergleichen. Zu sehen ist aber offenbar, dass etwa Geldautomaten deutlich effizienter und damit umweltfreundlicher geworden sind.

    Bargeld ist immer noch das wichtigste Zahlungsmittel in den derzeit 20 Ländern der Euro-Zone. Nach Angaben der EZB sind mehr als 29 Milliarden Scheine im Umlauf. Sie haben einen Gesamtwert von mehr als 1,5 Billionen Euro. Der häufigste Schein ist der 50-er, am meisten benutzt werden allerdings 5-er, 10-er und 20-er. Sie gehen auch am schnellsten kaputt. Im Schnitt verbraucht ein EU-Bürger rund zwölf Euro-Banknoten im Jahr. Mit Abstand am stärksten belastet ist der 20-er. Allein vier solcher Scheine pro Kopf muss die EZB jedes Jahr ersetzen. Dazu kommt der Tausch  von drei 10-ern.

    Auch wenn Barbezahlen die Umwelt nur gering beeinflusst, will die EZB die Banknoten umweltfreundlicher machen. So stammt die Baumwolle, aus der das Papier der Scheine gewonnen wird, seit diesem Jahr aus nachhaltigen Quellen. Künftig soll sie Bio-Qualität haben. 5-er, 10-er und 20-er sind inzwischen beschichtet, damit sie länger halten. Ist ein Schein nicht zu retten, wird er geschreddert und muss inzwischen recycelt werden. Die Schnipsel zu verbrennen oder auf Müllkippen zu bringen, ist seit 2022 verboten. Die neue Euro-Serie, an der die EZB gerade arbeitet, soll noch umweltfreundlicher werden.

  • Teure Würstchen

    Essen zum Fest kostet deutlich mehr. Verbraucherzentrale fordert Preisüberwachung

    Für viele ist es ein Klassiker zu Weihnachten: Kartoffelsalat mit Würstchen. Andere setzen alle Jahr wieder auf Rinderrouladen mit Rotkohl und Klößen. Auch dieses Jahr wird das Essen teuer – noch teurer als im vergangenen Jahr. Denn die Preise für Lebensmittel sind wieder gestiegen. Im Vergleich zu den Feiertagen 2021 beträgt das Plus sogar satte 27,3 Prozent.

    Dabei ist die Inflationsrate in den vergangenen Monaten deutlich gesunken. Im November lagen die Preise 3,2 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Das bedeutet immer noch, dass die Verbraucherpreise im Schnitt gestiegen sind, nur nicht mehr so stark wie etwa vor einem Jahr. Im November 2022 lag die Rate bei 8,8 Prozent. Das Statistische Bundesamt ermittelt die Inflation anhand der Preise von rund 700 Produkten, wobei nicht jedes Produkt in gleichem Maße eingeht. So ist der Anteil von Eiern mit 0,204 Prozent deutlich geringer als der von Strom mit 2,45 Prozent. So wollen die Statistiker die Realität möglichst gut abbilden.

    Wenn der Preis für Strom oder Energie sinkt, kann auch die allgemeine Inflationsrate zurückgehen, und überdecken, das andere Produkte teurer geworden sind. So haben viele am Ende des Monats weniger Geld auf dem Konto als noch vor Jahresfrist, obwohl sie ihr Kaufverhalten kaum geändert haben. So läuft es seit Monaten. Vor allem Lebensmittel sind deutlich teurer geworden als andere Produkte. Die Statistiker haben berechnet, dass Olivenöl, Mehl, Brot und Konserven insgesamt binnen Jahresfrist 5,5 Prozent mehr kosten. Im Vergleich zu 2021 sind es sogar 27,3 Prozent.

    Wer also Kartoffelsalat mit Würstchen an Weihnachten essen möchte, muss für Würste aus der Dose 13,4 Prozent mehr bezahlen als vor einem Jahr. Für Kartoffeln werden 5,7 Prozent mehr verlangt. Gewürzgurken kosten 8,5 Prozent mehr. Bleibt die Frage nach der Soße: Mayonnaise (plus 10,7 Prozent) oder Essig/Öl (Sonnenblumenöl: minus 17,2 Prozent).

    Ähnlich sieht es bei Rouladen mit Rotkohl und Klößen aus. Während Rindfleisch nur zwei Prozent mehr kostet, müssen für Klöße 11,3 Prozent und für Kohl 9,8 Prozent mehr ausgegeben werden. Je nach Region gibt es noch Apfelmus dazu: Wer es nicht selbst macht, gibt 17,7 Prozent mehr aus als 2022. in den vergangenen zwei Jahren legte alles deutlich zweistellig zu. Essen, so sieht es aus, wird teurer. Oder vielleicht doch lieber Raclette? Schnittkäse ist binnen Jahresfrist um 4,2 Prozent günstiger geworden. Er kostet aber 35,8 Prozent mehr als Ende 2021.

    Warum sind gerade Lebensmittel deutlich teurer geworden? „Die Gründe dafür sind vielfältig“, sagt Silvia Monetti, Leiterin des Teams Ernährungsarmut bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Sie nennt gestiegene Kosten für Energie und Importgüter, Arbeitskräftemangel und höhere Personalkosten, den Klimawandel und Ernteausfälle. Und dann sind da „aber auch versteckte Preiserhöhungen sowie Mitnahmeeffekte durch Unternehmen in der Nahrungsmittelbranche“.

    Der Vorwurf: Die Hersteller und Händler nutzen die allgemeine Preissteigerung, um hier und da extra etwas aufzuschlagen und so ihre Einnahmen zu erhöhen. Nahrungsmittel seien seit März der Haupttreiber der Inflation. Die Verbraucherzentrale fordert eine Stelle, die Lebensmittelpreise überwacht. „Die Untersuchung von auffälligen, nicht nachvollziehbaren Verbraucherpreisen konkreter Produkte und Marken ist überfällig“, sagt Monetti. Sie fordert, nicht nur Sonderangebote, sondern auch Preiserhöhungen sollten klar erkennbar werden – am Regal und in der Werbung.

    Im vergangenen Jahr hat Deutschland mit 6,9 Prozent die höchste Preissteigerung seit 1973, dem Jahr der Ölkrise, erlebt (7,1 Prozent). Vor allem die Energiepreise stiegen dramatisch, unter anderem weil Deutschland kein Gas mehr aus Russland bekam – eine Folge des Ukraine-Kriegs, den Russland begonnen hatte. Die Europäische Zentralbank steuerte gegen und erhöhte in mehreren Schritten kräftig die Zinsen von null Prozent auf zurzeit 4,5 Prozent.

    Der Mechanismus funktioniert sehr vereinfacht so: Wenn Kredite teurer werden, nehmen Firmen und Menschen weniger auf und geben auch weniger aus. Weil Produkte weniger nachgefragt werden, senken Hersteller und Händler die Preise, um doch noch zu verkaufen. Ohnehin haben sich viele schon angesichts der hohen Preise beim Kauf zurückgehalten. Denn Löhne und Gehälter stiegen erst verzögert. Und für manche gab es bisher kaum mehr Geld.

    Allerdings ist für die EZB nicht die deutsche Inflationsrate maßgeblich, sondern die der Euro-Zone. Und die betrug im November 2,4 Prozent. Sie kommt jenen zwei Prozent schon nah, die die Notenbank als langfristiges Ziel hat. Erste Finanzexperten hoffen auf eine Zinssenkung im nächsten Frühjahr, was angesichts der hohen Inflation in Deutschland gefährlich wäre. Konjunkturexperten etwa vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin erwarten für Deutschland erst 2025 wieder niedrigere Inflationsraten.

    Und nun? Abwarten und Tee (plus 3,7 Prozent binnen Jahresfrist) trinken? Oder vielleicht Plätzchen backen. Butter immerhin ist fast 25 Prozent günstiger als im November 2022, Weizenmehl 1,2 Prozent. Eier kosten nur 2,1 Prozent mehr. Und Zucker? Plus 16,9 Prozent. Seit November 2022 ist er sogar um 72,3 Prozent teurer geworden und führt die Inflationsliste mit Abstand vor Fertigkeksen und Olivenöl an. Vielleicht ein Grund, etwas weniger zu nehmen oder anders zu süßen.

  • Nur die Schufa reicht nicht

    Firmen dürfen nicht ausschließlich auf Auskunftei setzen. EuGH stärkt Verbraucherrechte

    In einem wegweisenden Urteil hat der Europäische Gerichtshof in Luxemburg die Verbraucherrechte gestärkt. Es geht darum, wie Firmen die Bonitätsabfragen bei der privatwirtschaftlichen Auskunftei Schufa einsetzen dürfen, um über Verträge zu entscheiden. Zahlreiche Unternehmen müssen jetzt ihre Verfahren ändern.

    Was besagt das Urteil?

    Die Bonitätsbewertung der Schufa darf nicht maßgeblich sein, wenn ein Unternehmen über einen Vertrag entscheidet. Dass eine Bank etwa für einen Onlinekredit den Schufa-Score abfragt – was in der Regel automatisch geschieht – und dann sofort je nach Höhe für oder gegen den Antragsteller entscheidet, ist nach der europäischen Datenschutzgrundverordnung rechtlich nicht korrekt. Werden neben dem Score noch weitere Kriterien stärker genutzt, ist es zulässig. Der EuGH folgt damit im Wesentlichen dem Generalanwalt, der den Fall im März eingeschätzt hat.

    Welche Folgen hat das?

    Die Schufa hat in den vergangenen Monaten seine Kunden – etwa Banken, Händler, Mobilfunkunternehmen – befragt, wie sie die jeweiligen Scores verwenden. Danach nutzen die meisten die Bonitätsbewertungen zusätzlich zu anderen Faktoren. Hausbanken etwa haben in der Regel mehr und anderes Wissen über ihre Kunden als die Schufa. Eine Umfrage von Süddeutscher Zeitung und NDR zeigte allerdings, dass viele Schufa-Kunden sich auf den Score verlassen. Sehr wahrscheinlich werden alle Unternehmen, die sich maßgeblich auf die Schufa-Werte verlassen, ihre Verfahren anpassen. Sie könnten weitere Kriterien heranziehen oder den potenziellen Kunden auffordern, dass er dem automatisierten Verfahren zustimmt. Im ersten Fall entfällt das „maßgeblich“, im zweiten Fall verzichtet der Kunde darauf.

    Was ist ein Score?

    Die Schufa berechnet aus bis zu 100 verschiedenen Daten, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand einen Kredit zurückzahlt, einen Mobilfunkvertrag bedient oder etwas online Bestelltes auch bezahlt. Der sogenannte Score gibt an, wie zahlungsfähig eine Person ist. Der Wert kann zwischen 0 und 100 liegen. 97 gibt eine hohe Bonität an, 50 eine eher schlechte. Es gibt mehr als 160 verschiedene Scores, der wichtigste ist der Bankenscore. Wie die Werte errechnet werden, verrät die Schufa nicht – Betriebsgeheimnis.

    Was steht im Gesetz?

    Der EuGH musste auf Basis der Datenschutzgrundverordnung entscheiden. In Artikel 15 steht, dass jeder und jede ein Recht hat zu erfahren, ob personenbezogene Daten verarbeitet werden und welcher Art sie sind. Im Fall „einer automatisierten Entscheidungsfindung gemäß Artikel 22 Absätze 1 und 4“ muss ein Unternehmen auch „aussagekräftige Informationen über die involvierte Logik“ geben. Das bedeutet nach Ansicht von Schufa-Kritikern, dass das Unternehmen dann offenlegen muss, wie das Scoring berechnet wird.

    Muss die Schufa jetzt offenlegen, wie sie die Scores berechnet?

    Die Frage lässt sich nicht klar beantworten. Die Verbraucherzentrale NRW schreibt, „dass Verbraucher:innen nun mehr Transparenz von der Schufa verlangen können und das Recht haben, zu erfahren, wie der Wert ihres Schufa-Scores zustande kommt.“ Eindeutig ist das nicht. Das gilt nur, wenn der Score maßgeblich für die Vertragsentscheidung ist. Und diese Praxis ist nach dem Urteil wohl nicht zulässig.

    Warum hat sich der EuGH mit dem Thema beschäftigt?

    Das Verwaltungsgericht Wiesbaden hat den EuGH angerufen. Es behandelt die Klage eines Mannes gegen den hessischen Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit, die Aufsichtsbehörde der Schufa. Eine Bank hatte dem Mann mit Hinweis auf seinen Schufa-Score einen Kredit verweigert. Auf Nachfrage lieferte die Schufa dem Mann zwar seinen Score-Wert, nicht aber, wie er zustande gekommen war. Der Mann klagte deshalb.

    Wer ist die Schufa und warum ist sie wichtig?

    Die Schufa wurde 1927 als Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung gegründet und ist die größte und wichtigste Auskunftei dieser Art in Deutschland. Mehr als 10.000 Firmen fragen Bewertungen bei den Wiesbadenern ab, um einschätzen zu können, ob sie ein Geschäft mit einer Kundin oder einem Kunden machen wollen. Viele Abfragen laufen inzwischen standardisiert. Täglich sind es bei der Schufa etwa 300.000, an Spitzentagen wie dem Online-Rabatttag Black Friday auch bis zu einer Million. Die Schufa hat über die Jahre Daten von rund 68 Millionen Bundesbürgern und sechs Millionen Firmen gesammelt. Sie gehört zu jeweils mehr als einem Viertel den Genossenschaftsbanken und den Sparkassen. Den Rest halten vor allem Geschäftsbanken. Das Unternehmen beschäftigt rund 900 Mitarbeiter und setzte 2022 rund 267 Millionen Euro um. Scoring macht 13 Prozent des Geschäfts aus.

  • Die Risikospezialisten

    Scope nimmt es mit Moody’s und S&P auf

    Hier aus dem neunten Stock geht der Blick weit über den derzeit winterlichen Tiergarten Richtung Regierungsviertel. In den Büroräumen nahe des Potsdamer Platzes in Berlin sitzt die Zentrale der Ratingagentur Scope, die es mit den US-Größen S&P, Moody’s und Fitch aufnehmen will. Das Unternehmen hat gerade die entscheidende Nachricht bekommen: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Berliner anerkannt – als einzige Ratingagentur aus Europa.

    Wer ein Haus kaufen möchte, beschafft sich einen Kredit bei der Bank. Unternehmen, die eine Fabrik bauen wollen, können sich Geld auch bei Investoren holen. Letztere haben aber meist keinen große Abteilung, die ein Unternehmen genau durchleuchten kann. Das übernehmen Ratingagenturen. „Eine Ratingagentur geht ähnlich vor, wie die Kreditabteilung einer Bank“, sagt André Fischer von Scope. „Sie beantwortet die Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Schuldner seine Schulden zurückzahlt.“

    Das erinnert an die Arbeit der Auskunftei Schufa, die die Bonität von Privatpersonen bewertet. Nur, dass die Ratingagenturen, überwacht durch die europäische Wertpapieraufsicht ESMA, viel offener arbeiten. Das betrifft, welche Kriterien sie berücksichtigen und wie die Urteile entstehen. In ein Rating fließen Zahlen ein wie Gewinn, Umsatz und Schulden. Bewertet wird aber auch, wie ein Unternehmen geführt wird. Und vor allem, wie es sich die Zukunft vorstellt und wie die Ziele erreicht werden sollen.

    Bisher dominieren die drei großen US-Agenturen S&P, Moody’s und Fitch den Markt auch in Europa. Sie sind bereits bei der EZB anerkannt. Ihre Ratings bekommen damit eine Art offiziellen Status. Schon seit Jahren gibt es Kritik. Denn die Amerikaner orientieren sich bei ihren Bewertungen an US-Unternehmen. Dort ist zum Beispiel die Rechnungslegung anders. „Die starre US-zentrische Sichtweise kann das Risikoprofil von EU-Firmen verzerren“, sagt Fischer. „Wir nehmen eine europäische Perspektive ein und berücksichtigen regionale Besonderheiten, um zu einer präziseren Einschätzung der Kreditrisiken zu gelangen.“

    Es dauerte, bis die EZB Scope akzeptierte. Drei Jahre lang mussten die Berliner auf eigene Kosten einen vorgegebenen Teil des Marktes bewerten, um zu zeigen, dass sie es können. Dann folgte die offizielle Bewerbung bei der EZB und eineinhalb Jahre Prüfung – der Ratings, der IT, der Regeltreue im Unternehmen. „Die Eintrittsbarrieren in den Ratingmarkt sind hoch“, sagt Fischer. „Wir haben Jahre gearbeitet und investiert, um die Voraussetzungen für echten Wettbewerb am Ratingmarkt zu schaffen.“

    Der Wettbewerb wird nicht einfach. Bei der Aufsichtsbehörde ESMA sind derzeit 20 Ratingagenturen zugelassen, den größten Marktanteil hatten 2022 S&P mit 50,13 Prozent, Moody’s mit 23,79 Prozent und Fitch mit 10,05 Prozent. Scope kam auf 1,31 Prozent, Tendenz steigend. Die Berliner rechnen sich jetzt gute Chancen aus. „Viele Emittenten hatten schon vor Jahren Interesse an einem Scope Rating, aber durch die fehlende Anerkennung der EZB hatten unsere Ratings nicht den gleichen Wert, wie ihn die Ratings der amerikanischen Agenturen bieten“, sagt Fischer. „Dieser kleine, aber sehr relevante Unterschied ist nun verschwunden.“

    Üblicherweise wendet sich ein Unternehmen an eine Ratingagentur und lässt sich bewerten. Dafür zahlt es. Scope bewertet wie die anderen großen Agenturen auch Länder – in der Regel ohne Auftrag und unbezahlt. Zum einen ist das wichtig fürs Ansehen, zum anderen beeinflusst die Lage in einem Land auch die Ratings der Unternehmen vor Ort. So ist zum Beispiel die Frage, ob ein Staat in der Lage ist, im Notfall eine Bank zu retten, was wiederum wichtig ist für die Bewertung der Bank.

    Wie die anderen Ratingagenturen geht Scope nach einem Schema vor, dass von AAA für die beste Bonität bis zu D für Ramsch geht. Dazwischen gibt es feine Abstufungen wie A+ oder CC-. Je schlechter die Bewertung, desto schwerer und teurer wird es für Firmen oder Länder, Geld zu beschaffen. Das Rating ist nicht nur wichtig die, die Geld benötigt. In der Regel wird ein Schuldschein, etwa eine Anleihe, später an der Börse gehandelt. Auch da entscheidet die Höhe des Ausfallrisikos über den Wert. Dabei gilt immer: Ohne Rating wird es in der Regel teuer. Und: „Ein Rating ist eine Meinungsäußerung einer Ratingagentur“, sagt Fischer. „Investoren können sie für ihre Investmententscheidungen heranziehen, müssen es aber nicht.“

    Scope startete 2001 in Berlin, begann Fonds zu bewerten. 2011, an die Finanzkrise schloss sich gerade die Euro-Krise an, stiegen die Berliner dann ins Geschäft mit Kreditratings ein. Inzwischen beschäftigt Scope rund 300 Mitarbeiter, mehr als die Hälfte sind Analysten. Neben der Zentrale in Berlin gibt es weitere Büros an den wichtigen Börsenplätzen in Frankfurt, London und Madrid, in Mailand, Oslo und Paris.

    Über Umsatz, Gewinn oder Verlust schweigt sich das Unternehmen aus. In den vergangenen Jahren hat es allerdings kräftig in das Analystenteam investiert. Solche Spezialisten sind teuer. Ebenso die IT, die unter anderem wegen der Finanzaufsicht besonders sicher sein muss. Und auch das Zulassungsverfahren bei der EZB hat einiges gekostet.

    Zahlreiche Investoren steckten Geld in die Ratingagentur, etwa die Versicherer Axa aus Paris, Signal Iduna (Dortmund, Hamburg), Talanx (Hannover) und die Sparkassen-Versicherungsgruppe. Geld kam auch von der Bankengruppe BPCE aus Paris und der RAG-Stiftung in Essen. Ankerinvestoren sind Gründer Florian Schoeller und Stefan Quandt, laut „Forbes“-Magazin vierreichster Deutscher. Quandt hält unter anderem rund ein Viertel der BMW-Aktien.

  • Euro-Scheine werden flügge

    Vögel, Flüsse und europäische Kultur als neue Motive

    Welches Motiv haben die Euro-Banknoten? Die meisten Menschen müssen wahrscheinlich erst einmal nachsehen, so selbstverständlich nutzen sie die europäische Gemeinschaftswährung. Das Design mit Baustilen von Antike bis 19. Jahrhundert ist etwas statisch, jedenfalls will die Europäische Zentralbank (EZB) es überarbeiten. Seit dieser Woche sind zwar nicht die Motive klar, aber die Themen. Das neue Bargeld werden Motive europäischer Kultur sowie Vögel/Flüsse zieren. Das Ziel: Die Scheine sollen alle Menschen in Europa stärker ansprechen, wie EZB-Präsidentin Christine Lagarde sagte.

    Die EZB hat die Themen nach zwei Umfragen unter 22.619 und 365.000 Einwohnern der Euro-Zone und Bulgariens ausgewählt. Bulgarien will den Euro Anfang 2025 einführen. Von sieben Themen entschieden sich länderübergreifend die meisten Befragten für „europäische Kultur“, „Flüsse, Wasser des Lebens in Europa“ und „Vögel: frei, widerstandsfähig, anregend“. Die EZB legte zwei Themen dann zusammen. Als nächstes wird sich ein Beratergremium mit möglichen Motiven beschäftigen. Ende 2024 soll dann ein Designerwettbewerb starten. Voraussichtlich 2026 soll es eine Abstimmung über das endgültige Aussehen geben.

    Der Weg ist klar, der Inhalt klingt noch ein bisschen vage. Doch die Zentralbank will das Geld so gestalten, dass es möglichst vielen der 342 Millionen Menschen in der Euro-Zone auch gefällt. Das alte Design stammt noch von der Jahrtausendwende. Der Euro wurde zum 1. Januar 2002 als Bargeld eingeführt. Zwischen 2013 und 2019 wurden die Banknoten überarbeitet, der 500er abgeschafft. Und jetzt soll alles neu werden.

    Denn die Banknoten sollen nicht nur neue Motive bekommen, sondern auch länger halten, nachhaltiger werden und noch schwieriger zu fälschen sein. So denken die Notenbankexperten darüber nach, die Baumwolle für die Scheine ausschließlich aus nachhaltigem Anbau zu beziehen. Zudem sollen alte, nicht mehr verwendbare Scheine recycelt werden. Bisher werden sie entsorgt. Die aktuellen Euro-Banknoten überstehen schon mal eine Runde in der Waschmaschine, sind aber dennoch nach einiger Zeit reif für den Schredder. Fünf-Euro-Scheine früher als 100er, weil die kleinen Banknoten deutlich häufiger benutzt werden.

    Die Scheine bekommen auch neue Sicherheitsmerkmale. Unklar ist noch, welche. Als die EZB die Banknoten das letzte Mal überarbeitet hat, wurde zum Beispiel das Durchsichtfenster mit Bild der griechischen Göttin Europa eingeführt. Zudem gibt es Elemente, die nur unter speziellem Licht zu sehen sind. Allerdings rüsten auch Fälscher technisch auf, deshalb muss die EZB die Scheine stärker sichern.

    Inzwischen nutzen 20 der 27 EU-Mitglieder den Euro als Währung, zuletzt hat Kroatien ihn am 1. Januar 2023 eingeführt. In Montenegro und dem Kosovo gilt der Euro als offizielles Zahlungsmittel, ebenso im Pyrenäen-Staat Andorra. Alle drei Länder gehören nicht zur EU. Bosnien-Herzegowina hat seine Währung an den Euro gekoppelt, ebenso einige afrikanische Staaten. Derzeit sind rund 29 Milliarden Euro-Banknoten im Umlauf. Der häufigste Schein ist der 50er. Von ihm stecken insgesamt Noten mit einem Wert von rund 720,3 Milliarden Euro in Geldbörsen, Schließfächern und Spardosen.

    Vögel kennen keine Grenzen, Flüsse verbinden und auch die europäische Kultur haben die Länder des Euro gemeinsam. Es ist viel Symbolik dabei. Das Thema muss zudem übergreifend sein, damit nicht ein Mitgliedstaat herausgehoben wird. Deshalb sind die Bilder auf den aktuellen scheinen stilisiert und zeigen keine echten Bauwerke. Ob jetzt die Donau auf der Vorder- und der Kranich auf der Rückseite abgebildet werden oder Gänsegeier aus den Pyrenäen und das Rhone-Delta: alles offen. Unklar ist auch noch, wann die neuen Scheine eingeführt werden. Die EZB rechnet mit mehreren Jahren.

    Ob sich der Aufwand lohnt, wenn die Zentralbank gleichzeitig den digitalen, rein virtuellen und damit unsichtbaren Euro vorantreibt? Auch wenn die Bedeutung des Bargelds in der Euro-Zone ununterbrochen abnimmt, werden auf absehbare Zeit sehr viele Menschen mit Münzen und Scheinen bezahlen. Und die sollen zeitgemäß und ansprechend aussehen.