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  • Die den Ring küssen

    Was die neue Präsidentschaft Donald Trumps für das Weltwirtschaftsforum in Davos bedeutet, das in dieser Woche stattfindet.

    Als US-Präsident Donald Trump zum Weltwirtschaftsforum nach Davos kam, brachte er seinen eigenen Hubschrauber und einen Tross von 2.000 Leuten mit. Tagelang waren die engen Straßen des Schweizer Bergorts mit gepanzerten Limousinen verstopft. Das war 2018.

    Nun freut sich Kongress-Chef Borge Brende, dass Trump zu Beginn seiner zweiten Amtszeit dieses Jahr wieder dabei ist. Wenn auch nicht persönlich, sondern per Video-Schalte. Am Donnerstag, 23. Januar, soll der US-Präsident eine Rede über die Bildschirme im großen Saal halten und danach mit Managern diskutieren.

    Das alljährliche Treffen der Wirtschafts- und Politikelite steht unter dem Motto „Zusammenarbeit im intelligenten Zeitalter“, womit vor allem die Künstliche Intelligenz gemeint ist. Weitere Themen unter anderem: die internationalen Kriege und Krisen, das schwache Wachstum der Weltwirtschaft und das Schicksal der Klimapolitik. Das Weltwirtschaftsforum (WEF) mit Sitz in Genf wirkt als Lobbyorganisation der größten Unternehmen der Welt, sieht sich als globaler Runder Tisch für die Zusammenarbeit von Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und organisiert den gleichnamigen Kongress in Davos. Wie jedes Jahr werden auch diesmal rund 3.000 Manager:innen und mehrere Dutzend Regierungschef:innen erwartet.

    Trump hasst Davos eigentlich. Denn das WEF ist das ökonomische und teils auch gesellschaftliche Gegenbild dessen, was er selbst propagiert. Der Kongress wurde zum Inbegriff der Globalisierung, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Fahrt aufnahm. Der weltweit möglichst freie Fluss von Waren, Kapital und Menschen widerspricht Trumps America First-Denken, das Ideal einer offenen, diversen Gesellschaft steht in scharfem Gegensatz zu seiner Idee, weißen Männern Vorrechte zu sichern. Den „Globalisten“ von Davos gibt Trump die Schuld für die Vernichtung von Industriearbeitersplätzen in den USA.

    Andererseits bietet das WEF Mächtigen wie Trump eine geniale Gelegenheit, ihre Botschaften direkt und persönlich an die Weltelite durchzustellen. Wo versammeln sich sonst so viele Entscheider:innen?

    Und einige von ihnen haben bereits vorher den Ring des Herrschers geküsst. Meta-Chef Mark Zuckerberg spendete einen großen Betrag für Trumps Amtseinführung und beseitigte ethische Kontrollen in seinen Netzwerken, Amazon-Gründer Jeff Besos verhinderte bei der ihm gehörenden Zeitung Washington Post die Wahlempfehlung für Trumps Konkurrentin Kamala Harris. Solche Änderungen der Unternehmenspolitik dürften sich auch auf das WEF auswirken. Zum Beispiel Meta und Amazon gehören zu den Partnern der Organisation, über die es auf deren Internetseite heißt: „Sie sind die treibende Kraft hinter dem Programm des Forums.“ Ob sich diese Entwicklung fortsetzt, wird in den kommenden Tagen in Davos zu beobachten sein.

    Der Prozess könnte das Weltwirtschaftsforum auch tiefer verändern. Um die Gewinninteressen ihrer Aktionäre und Investoren zu schützen, werden viele, wenn auch nicht alle Konzerne dem folgen, was Trump will – vorauseilend, in Anpassung an die Lage oder notgedrungen. Ein Beispiel: Der neue US-Präsident sagte, er wolle Windräder abreißen lassen. Dazu passt, dass sich die US-Bank JP Morgan Chase, ebenfalls eine WEF-Partnerin, kürzlich aus der Net-Zero Banking Alliance, einer Klimaschutz-Organisation der Vereinten Nationen, verabschiedet hat. Wenn das Schule macht, fließen weniger Investitionen in Kohlendioxid-sparende Techniken.

    Den Epochenwechsel hat WEF-Präsident Brende kürzlich so beschrieben: Nach dem Ende des Kalten Krieges 1989 habe drei Jahrzehnte eine relativ stabile internationale Ordnung geherrscht, die nun aber Konflikten und Konkurrenzen zum Opfer falle. Wie die neue Weltordnung aussehe, sei noch nicht klar, hoffentlich nicht ein Zustand des „Dschungels“, so Brende.

    Wenn das richtig ist, was passiert dann mit dem Gipfeltreffen einer Globalisierung, die jetzt in Machtblöcke zerfällt? Das WEF hat ein massives Problem. Gegründet zu Beginn der 1970er Jahre, wurde es in den 1990er Jahren richtig wichtig. Sein Motto lautet: „Verpflichtet den Zustand der Welt zu verbessern“. Es verbreitet die Botschaft, dass es eine für alle gute Globalisierung geben könne. Das stimmte in dieser Schlichtheit allerdings nie. Der stärkere wirtschaftliche Austausch war immer Verheißung und Bedrohung zugleich. Hunderte Millionen Menschen etwa in China und Indien ließen die Armut hinter sich, andererseits kam es zu neuer Ausbeutung, miesen Arbeitsbedingungen und Menschenrechtsverletzungen in den globalen Lieferketten der europäischen und nordamerikanischen Konzerne.

    Während die Machtblöcke nicht mehr zusammen-, sondern auseinanderrücken und die Globalisierung sich mindestens stark verändert, wird das WEF sein Motto der Weltverbesserung beibehalten. Gesprächsbedarf gibt es immer, vielleicht sogar mehr. Trotzdem könnten auch in Davos künftig eher egoistische als kooperative Lösungen auf der Tagesordnung stehen.

  • „Die USA werden unser Partner bleiben“

    Aber Europa wäre auch „gut beraten, für sich selbst zu sorgen“, sagt Geopolitik-Expertin Claudia Schmucker zum Weltwirtschaftsforum in Davos und der Amtseinführung Donald Trumps.

    Hannes Koch: Wenn am 20. Januar das Weltwirtschaftsforum in Davos beginnt, wird in Washington der neue US-Präsident Donald Trump ins Amt eingeführt. Keine gute Nachricht für Europa. Sollte und kann sich die EU unabhängiger machen von den USA?

    Claudia Schmucker: Die USA ist die größte Wirtschaftsmacht der Welt, Europa neben China die zweitgrößte. Dabei handeln Nordamerika und die EU als gleichberechtigte Partner, beide genießen die Vorteile dieses Austausches. In der Sicherheitspolitik sieht es dagegen anders aus: Da ist Europa abhängig von den USA und auf deren Schutz angewiesen. Deshalb erscheint es aus dieser Sicht insgesamt problematisch, die transatlantische Partnerschaft in Frage zu stellen. Parallel wäre Europa gut beraten, für sich selbst zu sorgen, indem es seinen Binnenmarkt ausbaut, um mehr von den eigenen Stärken zu profitieren.

    Koch: Die großen Wirtschaftsblöcke streben auseinander. Um Problemen mit China vorzubeugen, bauen hiesige Unternehmen deshalb Alternativen in anderen Ländern auf. Ist eine ähnliche Strategie der Risikominimierung auch gegenüber den USA nötig?

    Schmucker: Die EU pflegt zu Recht eine größere Nähe zu den USA als zu China, und auch unter der Präsidentschaft von Donald Trump werden die Vereinigten Staaten unser Partner bleiben. Gegenüber China bestehen dagegen kritische Abhängigkeiten, wie die Europäische Kommission schon vor Jahren feststellte, etwa bei Rohstoffen wie den sogenannten Seltenen Erden. Da müssen Europa und seine Unternehmen unabhängiger werden und sich andere oder zusätzliche Lieferanten suchen. Eine solche Risikominimierung spielt bei den USA keine Rolle.

    Koch: In entscheidenden Bereichen, etwa bei Hochleistungschips, Datenbanken und Künstlicher Intelligenz, ist Europa von US-Firmen abhängig. Erscheint es nicht dringend, über derart lebenswichtige Fähigkeiten auch selbst zu verfügen?

    Schmucker: Das kann man so sehen. Ein solches Ungleichgewicht ermöglicht es der US-Regierung grundsätzlich auch, Druck auf Europa auszuüben. Wer dem vorbeugen will, muss ähnliche Kapazitäten hier aufbauen. Politische und wirtschaftliche Initiativen in diese Richtung verlaufen in Europa aber gerne mal im Sande.

    Koch: Wie kann die EU ihre ökonomische Konkurrenzfähigkeit erneuern?

    Schmucker: Vor allem, indem sie den Binnenmarkt der 27 Staaten und 450 Millionen Bürgerinnen und Bürger stärkt. Weniger nationale Vorschriften, weniger Verwaltungsaufwand, mehr einheitliche Regeln für Banken und grenzüberschreitende Übernahmen von Unternehmen – solche Verbesserungen reduzieren die Kosten und schaffen finanziellen Spielraum für Investitionen. Die Firmen und Regierungen sollten auch deutlich mehr Mittel für Forschung und Entwicklung ausgeben.

    Koch: Die Europäer versuchen, ihre Verbindungen zu anderen Staaten zu stärken. So hat die EU-Kommission gerade das Abkommen mit den vier Ländern des südamerikanischen Mercosur-Marktes unterschrieben. Welche Regionen kommen noch in Frage?

    Schmucker: Auf jeden Fall Asien. Die EU sollte die Verhandlungen über die Freihandelsabkommen beispielsweise mit Indonesien, Thailand, Australien oder Indien vorantreiben, und zwar zügig.

    Koch: Aggressive Mächte wie Russland und China versuchen, ihren Einfluss auch in Europa geltend zumachen. Sollte die EU deshalb schnell die Staaten aufnehmen, die dies wünschen, besonders den Westbalkan?

    Schmucker: Die Erweiterung ist ein wichtiges Instrument. Auch dabei sollten die Verhandlungen schneller vorankommen. Die Verhandlungen mit Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Montenegro, Nordmazedonien und Serbien dauern leider viel zu lange. Seit geraumer Zeit laufen die Gespräche über die Mitgliedschaft mit der Republik Moldau, die unter starkem russischen Druck steht.

    Koch: Bisher agiert die EU im Schutz der amerikanischen Militärmacht. Aber funktioniert deren Abschreckung überhaupt noch?

    Schmucker: Ich gehe davon aus, dass Trump an der Nato festhält. Das weiß man jedoch nicht. Aus meiner Sicht gibt es keine Alternative zu dem Bündnis.

    Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sagt: „Wir müssen in dieser Welt Machtpolitik für die Demokratie machen.“ Richtig?

    Schmucker: Parallel zur Nato geht kein Weg daran vorbei, dass sich die Europäer mehr um ihre eigene Sicherheit kümmern. Das wird auch beinhalten, zum Beispiel Seewege zu sichern – und insgesamt höhere Militärausgaben erforderlich machen. Dieses Geld steht dann für andere Aufgaben nicht zur Verfügung.

    Claudia Schmucker leitet das Zentrum für Geopolitik, Geoökonomie und Technologie der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik in Berlin.

  • Die Wasserrutsche entscheidet

    TUI-Deutschland-Chef über Trends und Rabatte

    Regen, Kälte und graue Wolken – der Januar erfreut gerade nur wenige. Dafür träumen viele von Sonne, Strand und blauem Himmel – vom Sommer. Reisen werden bereits seit Wochen angeboten. Wann sollte der Urlaub gebucht werden? Und wo ist es angesichts der gestiegenen Preise noch günstig?

    „Wer auf Ferien angewiesen ist, eine gute Flugzeit, ein bestimmtes Hotel, ein bestimmtes Zimmer haben möchte, sollte früh buchen“, sagt Benjamin Jacobi, Deutschland-Chef von TUI, Europas größtem Reiseveranstalter. „Wem egal ist, ob es Türkei, Griechenland, Spanien oder Portugal wird und ob der Flug von Berlin oder München geht, wird auch kurz vor Abreise etwas finden.“ Besonders günstig dürfte das nur im Einzelfall werden. „Was es nicht mehr so kurzfristig gibt wie vor Jahren noch, sind Schnäppchenpreise“, sagt Jacobi. Entsprechend hat sich das Buchungsverhalten geändert. Der Last-Minute-Trend sei heutzutage so nicht mehr da.

    Stattdessen locken Reiseanbieter wie Dertour, Alltours und TUI mit Frühbucherrabatten. Was die Kunden offenbar gut annehmen, vor allem Familien. Zur großen Rabattwoche Black Week im November hätten viele schon den Sommerurlaub 2025 klar gemacht, sagt Jacobi. Sogar der Winterurlaub 25/26 lässt sich schon buchen. Wer das früh findet: Den Briten bietet TUI bereits jetzt Reisen für Sommer 2026 an. Das Unternehmen mit Sitz in Hannover verkauft Pauschalreisen. Es betreibt mehr als 430 eigene Hotels und arbeitet mit Partnern zusammen. Rund 125 eigene Flugzeuge sollen die Urlauber ans Ziel bringen. Gemeinsam mit Royal Caribbean Cruises schickt das börsennotierte Unternehmen auch Kreuzfahrtschiffe um die Welt.

    89 Milliarden Euro gaben die Deutschen 2023 für längere Reisen aus, wie die Reiseanalyse 2024 der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen zeigt. Kurztrips bis zu vier Tage ließen sie sich noch einmal insgesamt 27 Milliarden Euro kosten. Allein mit TUI verreisten 2024 rund 7,9 Millionen Menschen aus dem deutschsprachigen Raum und Polen. Insgesamt waren 20,3 Millionen Urlauber. Tendenz steigend.

    „Dieser Sommer wird eine sehr, sehr gute Saison, wenn wir von den aktuellen Buchungszahlen ausgehen“, sagt Jacobi. Es gebe eine hohe Nachfrage bei den klassischen Zielen. Am beliebtesten für den Sommer sind der türkische Badeort Antalya, Mallorca und die griechische Insel Kreta. Anders als an anderen Ausgaben sparen die Deutschen bisher nicht, wenn es um Entspannung geht. „Die Deutschen geben im Urlaub eher mehr aus, gönnen sich eine Nacht zusätzlich, ein besseres Zimmer, ein besseres Hotel“, sagt der TUI-Deutschland-Chef.

    Überall ist es in den vergangenen Jahren auch wegen der Inflation teurer geworden. Wer genau aufs Geld schauen muss, wird Jacobi zufolge aber fündig. „Im Mittelmeerraum oder ähnlichen Regionen gibt es immer noch Ziele, die etwas günstiger sind als andere. Bulgarien und Tunesien gehören mit einem sehr guten Preis-Leistungs-Verhältnis dazu. Bei den größeren Zielen auch Ägypten und die Türkei.“ In den vier Ländern bekomme man in der Regel das meiste für den Euro. „Soll es etwas näher sein, kann auch die polnische Ostseeküste interessant sein.“

    Und wie viel Geld muss eine Familie in diesem Jahr ausgeben? „Was ein Familienurlaub mit Flug kostet, ist wegen der vielen Wahlmöglichkeiten schwer zu sagen“, sagt der Urlaubsmanager. „Für 1000 bis 1200 Euro pro Woche und Erwachsenem lässt es sich aber schon sehr gut erholen.“ Auf den Flug verzichten und lieber zwischen Alpen und Küste bleiben, kommt nicht unbedingt günstiger. „Ferienwohnung an der Ostsee, Einkaufen, Essen gehen, zwischendurch vielleicht ein Eis – am Ende ist der Urlaub in Deutschland mitunter genauso, wenn nicht sogar teurer als eine Flugreise in den Süden“, rechnet Jacobi vor. „Und im Mittelmeerraum ist das Wetter stabiler warm.“

    Nach oben sind den Wünschen fast keine Grenzen gesetzt. Das kann die 52-Tage-Kreuzfahrt von Triest nach Singapur ab 13.000 Euro sein, die TUI Cruises für den Herbst im Angebot hat. „Es gibt auch Kunden, die für eine Woche Emirate 60.000 Euro ausgeben. Und wir versuchen wir, auch Sonderwünsche zu erfüllen“, sagt Jacobi. Die Pauschalreise ist offenbar nicht mehr so standardisiert, wie viele denken.

    Eine Zeitlang sah es aus, als würden Reisebüros überflüssig. Der komplette Urlaub lässt sich schließlich über das Internet zusammenstellen und buchen. Es ist anders gekommen. „Die Reisebüros werden wieder wichtiger“, sagt der TUI-Manager. „Die Urlauber lassen sich beraten, damit der Urlaub gelingt. Schließlich ist eine Reise immer noch eine hohe Ausgabe für jeden Haushalt.“ Das Informationsbedürfnis sei hoch. „Mittlerweile geht es nicht mehr um die Frage, ob der Pool beheizt ist, sondern auf wie viel Grad.“ Wer das zu kleinteilig findet, kann einfach den Nachwuchs befragen. „Kinder würden Hotels komplett nach der Wasserrutsche aussuchen“, sagt Jacobi. „Unsere Hotelpartner in Griechenland bauen sogar gemeinsam neue Wasserparks.“

    Gerade am Mittelmeer schwitzten in den vergangenen Jahren Urlauber wegen Hitzewellen. Einen großen Trend Richtung Norden kann der TUI-Deutschland-Chef dennoch nicht erkennen. „Wir sehen hohe Wachstumsraten in den skandinavischen Ländern, aber von eher geringem Niveau. Es geht um ein paar tausend Gäste“, sagt er. „In Griechenland allein sind wir im Konzern von 2,9 Millionen auf 3,1 Millionen Gäste gewachsen.“

  • „Wir denken zu wenig darüber nach, was uns Essen wert ist“

    Tina Andres leitet Supermärkte und kämpft für gesunde, umweltschonende Lebensmittel. Das sei so konservativ wie die CDU, sagt die Chefin des „Bundes für Ökologische Lebensmittelwirtschaft“

    https://www.freitag.de/autoren/hanna-gersmann/tina-andres-wir-denken-zu-wenig-darueber-nach-was-uns-essen-wert-ist

  • Fehler im Geschäftsmodell

    Kommentar zur schrumpfenden Wirtschaftsleistung

    Fehler im Geschäftsmodell

    Von Björn Hartmann

    Jetzt ist es amtliche. Deutschland steckt in einer Rezession. Das Bruttoinlandsprodukt ist 2024 geschätzt um 0,2 Prozent gesunken. Bereits 2023 schrumpfte es. Viele Experten hatten das Minus erwartet. Wahrscheinlich werden zahlreiche Politiker wieder auf eigene Konzepte verweisen, mit denen alles besser wird, oder die Ideen der Konkurrenz schlecht reden. Dabei lassen sich wesentliche Gründe für das Minus kaum politisch lösen. Deutschlands Geschäftsmodell schwächelt ganz grundsätzlich.

    Die Bundesrepublik ist exportorientiert, wir leben davon, unsere Spitzenprodukte weltweit zu verkaufen. Weltpolitisch schwindet der freie Markt aber gerade. China setzt vor allem auf sich. Die USA schotten sich ab, drohen lieber mit Zöllen, einer Methode aus der wirtschaftspolitischen Mottenkiste, statt sich auf Wettbewerb zu verlassen.

    Auch hier hakt es. China hat bei Paradebranchen wie Maschinenbau aufgeholt, in Teilen sogar überholt. Das zeigt sich vor allem in der Autoindustrie. Deutsche Firmen mögen tolle Fahrzeuge im Angebot haben, sie sind aber am Markt vorbei entwickelt. Die Kunden weltweit wollen andere. Das wäre kein großes Problem, stünde die Branche mit ihren Zulieferern nicht für einen sehr wesentlichen Teil der deutschen Wirtschaftskraft.

    Zu alldem kommen zaghafte Verbraucher im Inland. Sie haben zwar wegen Lohnerhöhungen mehr Geld zur Verfügung, sparen aber lieber, als es auszugeben. Es könnten schlechtere Zeiten kommen. Viele fürchten auch die Rückkehr hoher Inflationsraten. 2022 und 2023 stiegen die Preise kräftig. Weil die Europäische Zentralbank die Leitzinsen anhob, um die Inflation zu bekämpfen, verteuerten sich Kredite. Das hält Firmen davon ab, zu investieren. Was sich politisch immerhin zum Teil beeinflussen lässt, sind die hohen Energiepreise in Deutschland.

    Der Schluss, die Autoindustrie zu schützen, gar zu versuchen, das Gestern zu zementieren, wird alles schlimmer machen, weil es neue Ideen blockiert. Besser ist es, den Strukturwandel politisch zurückhaltend zu begleiten. Das wird erst einmal schwierig, lohnt sich aber auf lange Sicht.

  • Ein Gewinn für beide Seiten

    Wohnen für Hilfe verschafft Studenten ein Dach über dem Kopf ältere Menschen Unterstützung im Haushalt. Angesichts des Wohnraummangels sind gute Ideen für das Wohnen im Alter gefragt.

    Wolfgang Mulke

    Ein wichtiger Zukunftswunsch ist in der Generation der Babyboomer weit verbreitet. Sieben von zehn Befragten wollen auf jeden Fall möglichst lange in der eigenen Wohnung bleiben. Selbständig zu bleiben steht dieser von der Apotheken-Rundschau 2022 veröffentlichten Umfrage nach hoch im Kurs. Immerhin jeder dritte kann sich vorstellen, dafür auch einen Teil der bei vielen nach dem Auszug der Kinder zu großen Wohnung an junge Leute unterzuvermieten. Das wäre angesichts der Wohnraummisere in den Ballungsgebieten wohl auch für alle Beteiligten hilfreich. 

    Alternative Wohnformen könnten auch aus einem anderen Grund zu einer längeren Selbständigkeit im Alter verhelfen. Denn der Generation zwischen 55 und 65 Jahren ist längst bewusst geworden, dass Unterstützung oder gar Pflege teuer wird und von Personalmangel gekennzeichnet ist. Das Modell „Wohnen für Hilfe“ ist zumindest für die Unterstützung im Alter ein Lösungsansatz für die anstehende Herausforderung. „Ältere Menschen nehmen Jüngere bei sich auf und sie wohnen zusammen“, beschreibt der Ökonom Daniel Fuhrhop das einfache Prinzip.

    Statt eine Untermiete zu bezahlen, helfen die Jüngeren im Alltag. Allenfalls eine kleine finanzielle Beteiligung an den Nebenkosten der Wohnung kann es sie kosten. Es geht dabei nicht um eine Pflege der Älteren, sondern um kleinere Aufgaben wie den Einkauf oder ein Gesellschaft am Abend. „Als Faustregel gilt: Pro Quadratmeter bezogenen Wohnraum eine Stunde Hilfe pro Monat“, erläutert das Deutsche Studierendenwerk. Bei einem 15 Quadratmeter großen Zimmer kämen im Monat 15 Stunden Hilfe zusammen. Gerade für Studierende kann dieses Modell attraktiv sein, sind sie doch in den Uni-Städten besonders stark vom Wohnraummangel betroffen.

    So sind es auch überwiegend Studierendenwerke, die Wohnen für Hilfe vermitteln. Es gibt darüber hinaus auch private Agenturen, die sich des Themas angenommen haben. Weit verbreitet ist diese Form des Gemeinschaftswohnens in Deutschland noch nicht. Die Bundesregierung ging in einem Bericht an den Bundesrechnungshof von rund 50.000 Fällen aus. Die Kassenprüfer haben sich wegen einer ungelösten Steuerfrage mit dem Thema beschäftigt. 

    Denn je nach Sichtweise kommt die Hilfe einem Minijob gleich und wäre dann auch steuerpflichtig. Eigentlich wollte der Bundestag schon 2019 eine Befreiung von der Einkommensteuer beschließen. Doch der Gesetzentwurf wurde dann doch nicht beschlossen. Der Rechnungshof forderte im vergangenen Sommer eine rechtliche Klarstellung der Steuerfrage. Doch das hat die Ampel nicht mehr zuwege gebracht. Auch das zeigt, dass das Wohnen für Hilfe noch in den Kinderschuhen steckt.

    In anderen Ländern ist man da schon weiter, wie Fuhrhop berichtet. International lautet der Fachbegriff dafür Homeshare, Vermittlungsprogramme zum Teilen des Wohnraums. Der Wissenschaftler erforscht neue Wohnformen und berät auch Kommunen beim Aufbau von sozialen Programmen zur Mobilisierung ungenutzten Wohnraums. „Das deutsche Modell wird leider oft nur nebenbei betrieben und professionelle Rahmenbedingungen fehlen“, beobachtet er. Daher bliebe Erfolge aus. Anders sieht es zum Beispiel in Brüssel aus. Eine Agentur dort vermittelt laut Fuhrhop jährlich 400 Wohnpaare im Jahr. Der Experte plädiert auch an die deutsche Politik, ebenfalls professionelle Vermittlungsstrukturen aufzubauen.

    Überall in Deutschland machen sich die Boomer Gedanken über ihre Wohnzukunft. Guter Rat muss erst einmal nicht teuer sein. Dafür ist Bettina Held ein Beispiel. Sie berät nach dem Beispiel der Kölner „Wohnschule“ Ältere bei ihrer Suche nach einer passenden Wohnform in den späten Lebensjahren. „Mein Ansatz ist, sorgende Gemeinschaften zu bilden“, sagt die studierte Kunsthistorikerin und heutige Rentnerin. Das trifft auch die Bedürfnisse der Teilnehmer. 

    Schnell stellt sich heraus, dass Wohngemeinschaften weniger attraktiv erscheinen. Auf das eigene Bad und die eigene Küche will niemand verzichten. Die Mieter größerer Wohnungen können sich allenfalls vorstellen, ein Zimmer unterzuvermieten oder gegen Hilfe eine jungen Menschen aufzunehmen. „Man könnte gemeinsam einen großen Raum mieten, den alle gut erreichen können“, lautet ein Vorschlag. Dort könnten dann zum Beispiel Partys oder Spieleabende veranstaltet werden, für die in kleineren Wohnungen nicht mehr genügend Platz wäre. Soziale Kontakte stehen für alle ganz oben auf der Wunschliste zum Leben im Alter.

    Aber zunächst geht es in einer kleinen Runde von Mietern um die ersten wichtigen Fragen rund um das Wohnen im Alter. Acht Interessenten sind hier zusammengekommen, um sich zu informieren und auszutauschen. Die Wohnschule fragt nach dem Platzbedarf, den Wohnwünschen oder auch den materiellen Bedürfnissen. Denn wer den Umzug in eine kleinere Wohnung ins Auge fasst, muss sich oft von vielen Dingen trennen. „Mich würde interessieren, ob Ihr einen Plan habt“, sagt die Expertin. Es sei wichtig, sich frühzeitig darum zu kümmern: „Sonst steht man nachher da und muss nehmen, was gerade kommt“.

    Einer gewissen Dringlichkeit sind sich die meisten Teilnehmer bewusst. Die Mehrheit wohnt in Altbauten ohne Aufzug ganz oben. „Die fünf Stockwerke schaffe ich irgendwann nicht mehr“, sagt einer. Doch in einem so angespannten Wohnungsmarkt wie Berlin sind Alternativen Mangelware. „Es muss eine Wohnung sein, die man auch im hohen Alter gut erreichen kann“, ergänzt eine andere Mieterin, „manche scheitern da schon an fünf Stufen.“ 

    An den realen Bedingungen auf dem Wohnungsmarkt können alle Wünsche schnell scheitern. Kleinere Wohnungen sind oft bei Neuvermietungen so teuer, dass sich ein Umzug finanziell nicht auszahlt. „Alle gemeinnützigen Träger haben ihre Wartelisten geschlossen“, beobachtet Expertin Held. Von der Politik komme kaum Unterstützung für neue Wohnmodelle, kritisiert sie. Der Abend in der Wohnschule endet mit der Erkenntnis, dass eigenes Engagement wohl das wichtigste Kapital für ein zufriedenes Wohnen im Alter zu ermöglichen. Mehr zum Konzept der Wohnschule gibt es im Internet unter www.wohnschule.com . Entsprechende Beratungen gibt es inzwischen in vielen Städten.

  • Die Adern des Welthandels

    Wichtige Wasserstraßen für den Wohlstand

    Seit Jahrhunderten sind Schiffe Garanten für den Handel. Über die Weltmeere werden Öl und Gas, Autos und Konsumgüter transportiert. Deutschlands exportorientierte Wirtschaft, Häfen wie Bremerhaven, Hamburg und Wilhelmshaven sind auf freie Seewege angewiesen. Sind strategische Stellen blockiert, trifft das den Welthandel empfindlich. Ein Überblick über die wichtigsten Wasserstraßen der Welt.

    Panamakanal: Seit 1914 verbindet der Panamakanal den Atlantik mit dem Pazifik. Schiffe können sich die lange Reise um Südamerika und die gefährlichen Strömungen und Winde am Kap Hoorn sparen. Für den Welthandel insgesamt ist der Kanal nach Zahlen der Nachrichtenagentur Bloomberg nicht so wichtig wie andere Wasserstraßen: Drei Prozent der weltweiten Seefracht schwimmen über die mehr als 80 Kilometer jährlich, vor allem Gas und Container. Mehr als 11.000 Schiffe passierten den Kanal 2024. Er hat vor allem für die USA strategische Bedeutung. Sie können einen Teil ihrer Flotte schnell von einem Ozean in den anderen verlegen.

    1903 hatten die Amerikaner die Unabhängigkeit Panamas von Kolumbien militärisch erzwungen. Sie bauten den Kanal und sicherten sich die Hoheitsrechte. Erst Ende 1999 übernahm Panama die Wasserstraße. Der designierte US-Präsident Donald Trump forderte bereits Sonderrechte für US-Schiffe und drohte wieder mit dem Militär.

    Gefahr für den Welthandel könnte auch der Klimawandel bringen. Zuletzt fehlte Wasser. Der riesige künstliche Gatún-See, der den Kanal speist, war wegen anhaltender Trockenheit nur spärlich gefüllt, die Schifffahrt eingeschränkt.

    Bab el-Mandeb/Suezkanal: Durch die Meerenge Bab el-Mandeb im Süden und den Suezkanal im Norden des Roten Meeres müssen fast alle Schiffe, die Waren zwischen Europa und Asien transportieren. 8,7 Prozent des Seehandels der Welt passierten 2023 die Meerenge, darunter ein Fünftel des Containervolumens und ein Fünftel aller per Schiff transportierten Fahrzeuge.

    Das „Tor der Tränen“ heißt so, weil die gefährlichen Strömungen, Fallwinde und Riffe hier manch Schiff untergehen ließen. Seit 2023 beschießen die Huthi-Rebellen aus dem Jemen Handelsschiffe mit Raketen. Trotz internationaler Militärpräsenz ist die Durchfahrt vielen Reedern zu gefährlich, weshalb sie ihre Schiffe um das Kap der Guten Hoffnung schicken. Die Fahrt dauert jetzt deutlich länger, was viele Produkte verteuert.

    Wer durch die Meerenge fährt, passiert meist auch den gut 193 Kilometer langen Suezkanal durch Ägypten. Wie wichtig er ist, zeigte sich, als sich im Frühjahr 2023 das Containerschiff Ever Given im Kanal verkantete und ihn für sechs Tage blockierte. Vor dem Kanal stauten sich Schiffe. Dringend benötigte Waren konnten nicht rechtzeitig geliefert werden und fehlten in Europa.

    Straße von Hormus: Diese Meerenge zwischen dem Iran im Norden sowie Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten im Süden ist für den Ölpreis wichtig. Auf der einen Seite liegen große Förderländer wie Irak, Kuwait, Saudi-Arabien und die vereinigten Arabischen Emirate. Die Tanker, die das Öl zu Kunden in aller Welt transportieren, müssen durch die Straße von Hormus, die an der schmalsten Stelle 55 Kilometer breit ist. Sperrt der Iran sie, wie er in den vergangenen Jahren immer wieder drohte, bedeutet das Ölknappheit und steigende Weltmarktpreise. 39 Prozent allen mit Schiffen transportierten Öls passiert die Enge, 31 Prozent allen verschifften Propangases, 19 Prozent allen Flüssiggases.

    Straße von Malakka: Mit rund 23,7 Prozent Anteil am weltweiten Seehandel ist die Meerenge zwischen Malaysia und der indonesischen Insel Sumatra die wichtigste Wasserstraße der Welt. Sie verbindet Pazifik und Indischen Ozean. Rund 94.000 Schiffe fahren hier jährlich durch. Transportiert werden vor allem Öl, Chemikalien und Gas zu Asiens Wirtschaftsmächten wie China, Südkorea und Taiwan. In die andere Richtung werden Autos und Container verschifft. An der Meerenge liegt auch Singapur mit seinem riesigen Hafen. Weil sie so stark befahren ist, stauen sich die Schiffe oft. Seit Jahrhunderten versuchen hier Piraten ihr Glück. Eine Gefahr für den Welthandel könnte auch sein, dass die Region für Erdbeben und Vulkanausbrüche bekannt ist.

    Nord-Ostsee-Kanal: Der Kanal, der Schleswig-Holstein zerschneidet, hält den Weltrekord für Schiffspassagen auf künstlichen Wasserstraßen. Rund 27.000 waren es im vergangenen Jahr, Sportboote nicht eingerechnet. Der Marktanteil am Seehandel der Welt ist eher übersichtlich, für Europa ist der Kanal dennoch sehr wichtig.

    Auf 98,6 Kilometern verbindet er Nord- und Ostsee – und beschleunigt den Warentransport zwischen den baltischen Staaten, Skandinavien und Polen einerseits und Westeuropa andererseits. Seit 1914 sparen Schiffe im Schnitt 463 Kilometer Strecke, weil sie sonst rund um die dänische Halbinsel Jütland fahren müssten. Zuletzt nahm der Verkehr ab, dafür sind immer größere Schiffe unterwegs. In den vergangenen gut 25 Jahren hat sich die Tonnage im Schnitt etwa verdoppelt.

    Wegen des Trends zur Größe bei Schiffen sinkt die Bedeutung des Kanals für den internationalen Seehandel. Denn bei einer Schiffslänge von 235 Metern ist derzeit Schluss. Moderne Containerschiffe kommen auf 400 Meter Länge. Und so bewegt sich etwa zwei Drittel des Verkehrs zwischen Nord- und Ostsee inzwischen doch um Jütland herum. Der Anteil am Weltseehandel dieser Route: rund 3,9 Prozent.

  • Die Kunst der Sandale

    Sind Birkenstocks vom Urheberrecht geschützt?

    Regnerisch, grau, kühl beginnt der Tag in Karlsruhe, nicht gerade das richtige Wetter, um Birkenstock-Sandalen zu tragen. Dennoch ist das Schuhwerk Thema im Bundesgerichtshof. Vor dem 1. Zivilsenat geht es um die Frage, ob Karl Birkenstock die Modelle Arizona, Boston, Gizeh und Madrid künstlerisch gestaltet hat oder ob es schnöde Sandalen sind. Das Urteil kann Folgen für viele andere deutsche Firmen haben, die ikonische Produkte herstellen.

    Das Unternehmen aus dem rheinland-pfälzischen Linz am Rhein hat gegen drei Firmen geklagt, die die Birkenstock-Klassiker aus den Sechzigern, Siebzigern und Achtzigern kopiert haben. Das kann rechtmäßig sein, muss es aber nicht. Entscheidend ist, ob es rechtlichen Schutz gibt. Und hier wird es kompliziert. Das Designrecht schützt 25 Jahre, danach kann im Prinzip jeder nachahmen. Im Birkenstock-Fall wäre eine Kopie kein Problem.

    Anders beim Urheberrecht: Es schützt bis 70 Jahre nach dem Tod des Schöpfers. Allerdings muss das Produkt dafür erkennbar künstlerisch gestaltet sein. Oder, wie es Konstantin Wegner von der Kanzlei SKW Schwarz sagt, der Birkenstock vertritt: „Angewandte Kunst kann urheberrechtlichen Schutz genießen. Das betrifft Alltagsgegenstände, die so gestaltet sind, dass sie ein ikonisches unverwechselbares Design haben.“

    Darum, wie viel künstlerische Schöpferkraft in den Sandalen steckt, geht es jetzt seit mehreren Jahren. Das Landgericht Köln gab Birkenstock recht, das Oberlandesgericht Köln der Gegenseite, den drei Firmen Tschibo, Schuh.de und dem Bekleidungsriesen Bestseller. Jetzt muss der BGH sich mit dem Thema befassen. „Gerade, dass die Sandalen so viel kopiert werden, zeigt das Schutzbedürfnis“, sagt Anwalt Wegner.

    Seit etwa acht Jahren kämpft Birkenstock verstärkt gegen alle, die die Hauptprodukte nachahmen. Im Fall von Arizona, Boston, Gizeh und Madrid gebe es inzwischen mehrere tausend Seiten mit Gutachten und Ausführungen, sagt Steffen Schäffner, der im Unternehmen zuständig ist für geistiges Eigentum. „Die Produkte der anderen sind praktisch identisch nachgemacht. Dabei gibt es unterschiedliche Möglichkeiten, die Sandale zu gestalten.“

    Sind also die Modelle mit dem Korkfußbett künstlerisch gestaltet? Oder hätte jeder auf das Design kommen können, weil es sich irgendwie anbietet? Die Richter entschieden nach der mündlichen Verhandlung am Donnerstag noch nicht. Einen ähnlichen Fall, der den deutschen Regalspezialisten USM betrifft, hatte das Gericht an den Europäischen Gerichtshof verwiesen. Für Birkenstock ist das Urteil besonders wichtig, auch wenn es nur für den deutschen Markt gilt. Denn: „Die Modelle sind für die Wahrnehmung der Marke Birkenstock prägend“, sagt Anwalt Wegner. Im Klartext: Wer Arizona sieht, denkt Birkenstock. Und nur die echte, teure Sandale bringt dem Unternehmen etwas.

    Die Marke Birkenstock verbanden viele lange mit Gesundheitsschuhwerk. Die Sandalen sind beliebt bei medizinischem Personal. Jahrzehntelang teilte das Design die Menschen grob in jene, die es als hässlich empfanden, und jene, die große Fans waren. Die Hippies der Siebziger zum Beispiel. Inzwischen hat sich die Marke auch weit entfernt vom Bild des deutschen Urlaubers in weißen Tennissocken und Birkenstock-Sandalen. Dem Unternehmen gelang es, die Schuhe in ein gefragtes Modeprodukt zu verwandeln. Im Kinofilm Barbie trägt die Hauptfiguren die Sandalen in Pink – und anders als viele Unternehmen, deren Produkte zu sehen sind, hat Birkenstock weder etwas bezahlt noch den Film kostenlos ausgestattet.

    Die Chancen erkannte Frankreichs Luxusunternehmer Bernard Arnault und sein Konzern LVMH (Louis Vuitton, Tiffany, Dior). Sie kauften 2021 direkt und indirekt die Mehrheit von den Erben der Gründerfamilie, brachten Birkenstock 2023 in den USA an die Börse. Und das Geschäft mit den Sandalen läuft. Vor allem in Asien baut Birkenstock kräftig aus. Im Geschäftsjahr 23/24 (30. September) setzte das Unternehmen 1,8 Milliarden Euro um, ein Plus von 21 Prozent. Der Gewinn stieg sogar um 155 Prozent auf 192 Millionen Euro.

    Insgesamt verkaufte das Unternehmen 34,1 Millionen Paar Schuhe, 14 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Alle produziert in den deutschen Werken. Besonders beliebt trotz aller Sonderauflagen in Gold oder mit Fell und Plüsch sind die Birkenstock-Klassiker, um die es vor dem BGH geht. Mit etwas Glück ist der Fall entschieden, bis sich das Wetter wieder für Sandalen eignet – Hersteller egal.

  • Heidelberg entthront München

    Neue Gründerhauptstadt profitiert von Universität

    Gute Nachrichten aus der deutschen Wirtschaft: Gründer glauben an den Standort und seine Zukunft. 2024 entstanden so viele neue Technologiefirmen wie seit langem nicht mehr. Der Boom künstlicher Intelligenz beflügelt, wie der Startup-Verband berichtet. Der größte Teil der jungen Unternehmen beschäftigt sich mit Software.

    Insgesamt 2766 neue Technologiefirmen zählte der Verband, elf Prozent mehr als 2023 und zweitbester Wert, seit die Zahlen ermittelt werden. Die Zahl der Gründungen werten die Experten als Hinweis darauf, wie gut die Stimmung unter den Innovatoren ist, jenen, die an neuen Ideen arbeiten. Offenbar sehen viele die aktuelle Lage als Chance. „Krisenzeiten sind Gründungszeiten. Die aktuellen Zahlen sind ein starkes Signal für den Standort Deutschland“, sagt Helmut Schönenberger, stellvertretender Vorstandsvorsitzender des Verbands.

    Die meisten neuen Firmen gab es 2024 in Bayern (538) vor Berlin (498), Nordrhein-Westfalen (494) und Baden-Württemberg (352). Doch die Zahlen täuschen etwas: Gegründet wird vor allem in großen Städten. So profitiert Bayern von der Region München. Außerhalb des Großraums passiert deutlich weniger. Ähnlich ist es in Baden-Württemberg. In nur sechs Städten und Kreisen entstanden jeweils 50 oder mehr Startups, insgesamt 38 Prozent aller Neugründungen. Absolut ganz vorn: Berlin (498), München (213), Hamburg (161), Köln (73) Landkreis München (58) und Frankfurt (51).

    Das Gefälle zum Land ist riesig. In 354 der 400 deutschen Städte und Kreise sind jeweils weniger als zehn Technologiefirmen gegründet worden, wie der Startup-Verband ermittelt hat. Er vermutet, „dass noch große Potenziale jenseits der Hotspots zu heben sind.“ Wobei fraglich ist, ob sich Gründer ins niedersächsische Zeven, das sächsische Johanngeorgenstadt oder ins rheinland-pfälzische Daun locken lassen. Große Städte haben meist schon viele andere Gründer und Geldgeber, was Neulingen hilft. Außerdem bieten sie oft kulturell mehr und sind international besser angebunden.

    Gründerhauptstadt ist in diesem Jahr Heidelberg. Auf 100.000 Einwohner gab es hier im vergangenen Jahr 13,5 neue Unternehmen. Die Gründer stammen vor allem aus dem Umfeld der Universitäten. Die Baden-Württemberger kletterten von Rang 5 an die Spitze und verwiesen München mit 13,4 auf Rang 2. Berlin liegt mit 13,2 auf Rang drei. Darmstadt, vergangenes Jahr auf Rang 3, rutschte auf Rang 5 ab. Neu unter den besonders gründungsfreudigen Städten ist Köln auf Rang 10.

    Als Startups gelten Unternehmen, die bis zu acht Jahre alt sind, von Innovation und Technologie getrieben werden und vor allem schnell stark wachsen wollen. Klassische Handwerker werden deshalb nicht gezählt, auch wenn sie neu starten. Der Startup-Verband nutzt Daten von Startupdetector. Die Firma durchsucht Handelsregister nach Gründungen und bewertet sie. Etwa drei Prozent aller neuen Firmen entsprechen den Vorgaben: Der Wollladen ist raus, das Unternehmen mit Schulungssoftware fürs Mobiltelefon dabei.

    Startups beginnen meist klein mit wenigen Beschäftigten. Viele scheitern, im vergangenen Jahr meldeten 336 Insolvenz an, 2023 waren es 286. Vor allem im Onlinehandel gaben viele auf. Andere Startups landen nach einiger Zeit bei größeren Konzernen, die sich die Technologien sichern wollen. Und einige Firmen entwickeln sich zu den großen Arbeitgebern von Morgen mit jeweils mehreren tausend Mitarbeitern. Der Online-Modehändler Zalando aus Berlin etwa, der bis in den Deutschen Aktienindex Dax aufstieg, in dem die wichtigsten börsennotierten deutschen Unternehmen erfasst sind.

    Manche der Startups sind groß, aber nicht börsennotiert, etwa Celonis aus München, deren Software Unternehmensstrukturen durchleuchtet und Abläufe beschleunigen kann. Auch die Onlinebanken N26 und Trade Republic aus Berlin oder der Übersetzungsspezialisten Deepl aus Köln gehören dazu. Weil viele Investoren Risikokapital gegeben haben, ist ein theoretischer Unternehmenswert bekannt.

    Wertvollstes deutsches Startup ist danach Celonis mit rund 13 Milliarden Dollar, wie die US-Analysefirma CB Insights ermittelt hat. Auf Rang 2 folgt N26 mit 9,23 Milliarden Dollar. Insgesamt 31 deutsche Technologiefirmen sind mehr als eine Milliarden Dollar wert. Solche Unternehmen werden Einhörner genannt. In der Liste tauchen auch Personio (Personalsoftware, München), Helsing (Rüstung, München), Forto (Logistiksoftware, Berlin) und der Drohnenhersteller Volocopter aus dem baden-württembergischen Bruchsal auf.

  • „Neues Wachstum entfesseln“

    Bankenpräsident Christian Sewing im Interview

    2024 ist schlecht gelaufen. Deutsche Produkte sind weltweit weniger gefragt als noch vor Jahren. Die Autobranche, Deutschlands Schlüsselindustrie, schwächelt. In den USA wartet ein neuer Präsident. Und die Ampel-Koalition ist gescheitert. Was kommt 2025? Christian Sewing, Präsident des Bundesverbands deutscher Banken, antwortet.

    Konjunktur

    Optimismus versprüht Sewing nicht. „Das kommende Jahr wird herausfordernd bleiben“, sagt er. Deutschland habe mit einer andauernden Wachstumsschwäche zu kämpfen. „Eine kurzfristige Verbesserung ist derzeit nicht absehbar – wir starten mit einer schwachen Konjunktur ins neue Jahr.“ Vom Außenhandel, der in der Vergangenheit ein starker Wachstumsmotor gewesen sei, seien 2025 keine größeren Impulse zu erwarten. Der private Konsum bleibe ein wichtiger Hoffnungsträger.

    Trotzdem hält Sewing für 2025 ein leichtes Wirtschaftswachstum von etwa 0,5 Prozent für möglich. „Aber gemessen am wirtschaftlichen Potenzial Deutschlands und unserem Investitionsbedarf ist das auf Dauer natürlich viel zu wenig.“ Die Wirtschaftsweisen gehen von 0,4 Prozent Plus aus, der Internationale Währungsfonds von 0,8 Prozent. Die Bundesregierung erwartet 1,1 Prozent. 2024 dürfte die deutsche Wirtschaft geschrumpft sein.

    Die Wachstumsschwäche breitet sich 2025 auch auf dem Arbeitsmarkt aus. „Die Zahl der Arbeitslosen könnte im Verlauf des kommenden Jahres auf rund 2,9 Millionen steigen“, sagt der Bankenpräsident. „Im Jahresdurchschnitt wäre das ein Anstieg um etwa 80.000 Personen.“ Dabei trifft es nicht alle gleichermaßen: „Fachkräfte und gut Ausgebildete werden unvermindert gesucht“, sagt Sewing, der auch Chef der Deutschen Bank ist.

    USA-Wahl

    Die Wahl von Donald Trump zum nächsten US-Präsidenten hat den Druck auf Deutschland und Europa erhöht. „Eine protektionistische „America First“-Politik der neuen US-Regierung könnte sowohl den Handel als auch die Verteidigungslage spürbar beeinflussen“, sagt der Bankenpräsident. „Für unser offenes Wirtschaftsmodell stellt das eine ernsthafte Herausforderung dar.“

    Für Europa heiße das, enger zusammenzuarbeiten, eigenständiger zu handeln und die Wettbewerbs- und Verteidigungsfähigkeit zu stärken. „Nur durch Geschlossenheit können wir in einem sich wandelnden globalen Umfeld unsere wirtschaftliche Stellung und politische Souveränität behaupten“, sagt Sewing. „Vor allem aber müssen wir einen steigenden externen Druck auf unser Wirtschafsmodell als Weckruf verstehen“, fordert er. „Wir brauchen dringend Reformen, die das Wachstumspotenzial in Deutschland und Europa insgesamt stärken.“

    Bundestagswahl

    Für die nächste Bundesregierung hat Sewing klare Vorschläge. Umfassende Strukturreformen seien nötig.Weder wirtschaftspolitische Einzelmaßnahmen noch die staatliche Förderung ausgewählter Wirtschaftsbereiche reichen aus“, sagt der Bankenpräsident. „Auch die Vorstellung, man könne die Wirtschaft allein durch eine höhere Staatsverschuldung wieder auf einen stabilen Wachstumspfad bringen, ist unrealistisch.“

    „Die Wahlen zum Deutschen Bundestag könnten ein Neubeginn sein, wenn die neue Regierung die Situation als Chance begreift und dringend notwendige Reformen schnell angeht“, sagt Sewing. Dazu gehören für ihn spürbare Entlastungen bei den Energiekosten, wettbewerbsfähige Unternehmenssteuern, schnellere Genehmigungsverfahren und eine modernisierte Infrastruktur. „Mit einem solchen Reformpaket könnten wir nicht nur unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken, sondern auch neues Wachstum entfesseln“, sagt er. „Für die nächste Bundesregierung muss gelten: Wirtschaftsreformen haben oberste Priorität.“

    Inflation

    Nach kräftigem Rückgang ist die Inflationsrate in Deutschland von 1,6 Prozent im September auf 2,2 Prozent im November gestiegen. „Da sich die Lohnentwicklung im Euro-Raum nur langsam abschwächt, gehen die privaten Banken davon aus, dass sich die Inflationsrate im kommenden Jahr bei etwas über zwei Prozent einpendeln wird“, sagt der Bankenpräsident. Niedriger, wenn der Euro-Raum sich schwächer entwickelt, höher wenn die Handelskonflikte mit gegenseitigen Zollerhöhungen eskalieren. Die Europäische Zentralbank (EZB) strebt nahe zwei Prozent an.

    Zinsen

    Sewing erwartet, dass die EZB die Leitzinsen weiter senkt. Der Prozess werde voraussichtlich auch 2025 weitergehen. Eine konkrete Zahl nennt er nicht. Derzeit beträgt der sogenannte Einlagenzins 3,0 Prozent. Beobachter können sich einen Leitzins von unter zwei Prozent vorstellen. „Ob das so kommt, wird man sehen müssen“, sagt Sewing. „Die Unsicherheit bleibt hoch.“

    Für Sparer bedeutet das nichts Gutes. „Sollten die Zinsen weiter sinken, gehen wir generell davon aus, dass auch die Guthabenzinsen sinken“, sagt Sewing. Allerdings seien die Zinsen für Tagesgeld- und Sparkonten stark vom Geschäftsmodell der einzelnen Institute abhängig.

    Filialen

    Wer für seine Bankgeschäfte eine Filiale aufsucht, wird es 2025 noch schwerer haben. „Die Zahl der Bankfilialen in Deutschland wird weiter abnehmen, weil sich das Verhalten der Kunden verändert hat“, schätzt der Bankenpräsident. 2023 hatte die Bundesbank 19.501 Filialen gezählt. 2013 waren es noch 36.192. Die Rolle der Filialen habe sich verändert, sagt Sewing. Heute kämen die meisten Kunden, wenn sie persönliche Beratung brauchen – zum Beispiel bei Themen wie Immobilienkauf oder Altersvorsorge. Für solche Kunden werde es auch in Zukunft Filialen geben.

  • Die Welt spricht Deepl

    Kölner gehören zu wichtigsten KI-Firmen der Welt

    So sieht also der Chef eines Unternehmens aus, das Google ausgestochen hat. Jarek Kutylowski trägt ein dunkles Poloshirt. Die Haare sind dunkel und leicht zurückgekämmt. Er ist seit längerer Zeit mal wieder in seinem Büro in einem Kölner Gewerbegebiet und nicht an einem der internationalen Standorte oder bei Investoren. Der Mann reißt Sprachbarrieren ein – weltweit und sehr erfolgreich.

    Sein Unternehmen Deepl ist so etwas wie der Goldstandard bei Übersetzungen, besser als Google Translate. Es nutzte schon künstliche Intelligenz (KI), als das Programm ChatGPT nur eine Idee in den Köpfen einiger Technokraten war. Millionen Menschen verwenden die Produkte der Kölner täglich für Geschäftspost, Fachbeiträge, Verträge. In Behörden und Firmen weltweit läuft es im Hintergrund.

    Deepl ist ein deutsches Vorzeigeunternehmen, das kaum öffentlich genannt wird. Kutylowski formuliert es so: „Wir konzentrieren uns darauf, unser Produkt zu bauen und Wert für den Kunden zu schaffen.“ Lautstarke Auftritte stören da manchmal.

    Der Chef kennt sich mit Sprachbarrieren aus, auch das ein Antrieb, Deepl zu entwickeln. Als kleines Kind kommt er mit seinen Eltern aus Polen nach Deutschland – ohne Deutsch zu können. Nach seinem Promotion in Computer Science an der Universität Paderborn startet der Informatiker 2012 beim Online-Wörterbuch Linguee in Köln als Technikchef. Sein Team entwickelt eine Software, die über neuronale Netze Sprachen „lernt“. Solche Netze ahmen das menschliche Gehirn nach.

    2017 startet der Online-Übersetzer mit sieben Sprachen, darunter Englisch, Deutsch, Französisch, Spanisch und Polnisch. Kutylowski gründet Deepl, eine Abkürzung für Deep Learning, vertieftes Lernen. Inzwischen beherrscht die Software 26 weitere Sprachen, darunter Chinesisch, Japanisch und Koreanisch sowie Russisch.

    Wie bringt man der Software eine Sprache bei? „Wir sagen der KI nicht explizit etwas über die Sprache, die sie lernen soll“, sagt Kutylowski. „Wir geben auch keine Grammatik vor. Sie bekommt eine Menge von Beispieltexten. Die KI lernt die Sprache dann größtenteils selbst.“ Klingt einfach, hat aber seine Tücken. „Im Japanischen ist beispielsweise die Beziehung zwischen einer Person und einer anderen wichtig. Im Englischen wird dies nicht vermittelt“, sagt der Deepl-Chef.

    Es gibt zahlreiche Firmen, die Übersetzungsprogramme anbieten, auch Technologieriesen. „Bei Konzernen wie Google denkt man immer, die haben sehr viel Geld. Aber die haben auch sehr viele Projekte. Übersetzung ist nur eines davon“, sagt Kutylowski. „Die Geschichte hat gezeigt, dass Start-ups sich mit eigenen Ideen behaupten können, wenn sie die Expertise haben und hart arbeiten.“

    Deepl half noch etwas anderes. „Als wir 2017 starteten, kamen KI und neuronale Netze gerade auf. Sie zeigten einen neuen Weg, wie Sprache übersetzt werden kann“, erinnert sich der Chef. Da hätten auch etablierte Firmen neu anfangen müssen. „Wir hatten deshalb als Start-up keinen großen Nachteil.“ Aber offenbar eine sehr gute Idee für die Software. Das US-Wirtschaftsmagazin „Forbes“ führt Deepl auf seiner Liste der 50 wichtigsten KI-Unternehmen der Welt als einzige deutsche Firma.

    Über Zahlen schweigt sich der Chef aus. Ältere Informationen aus dem Bundesanzeiger sind nur bedingt aussagefähig. 2021 schrieb Deepl bei mehr als 28,3 Millionen Euro Umsatz 1,5 Millionen Euro Gewinn. Seither ist einiges passiert. 2017 gab es 22 Mitarbeiter, heute sind es mehr als 1000 in der Zentrale in Köln, in Amsterdam, Berlin, London und New York, in Austin, Texas und Tokio. Das Unternehmen betreibt eigene Rechenzentren.

    In mehreren Runden beschaffte sich Deepl Geld für Wachstum von Investoren. Es gehört mit einem Wert von rund zwei Milliarden Dollar zu den deutschen Einhörnern. So werden Firmen mit Milliardenwert genannt, die nicht an der Börse sind. „Ich habe mich bewusst entschieden, Investoren zu beteiligen, auch amerikanische“, sagt Kutylowski. „Die USA sind der wichtigste Markt für Technologiefirmen. Wir haben so andere Perspektiven hereingeholt und wichtige Kontakte bekommen.“ Und die sind nötig. Denn die Software mag besser sein als die der Konkurrenz, doch die holt auf.

    „Alle großen Plattformanbieter wie Amazon, Apple, Google und Meta haben ein Übersetzungsprogramm. Und auch die neuen KI-Anwendungen wie ChatGPT können übersetzen, auch mehrsprachig“, sagt der Deepl-Chef. „Aber nicht so korrekt und gut wie wir.“ Das liegt an der eingesetzten KI und daran, wie sie eingestellt ist.

    Das Unternehmen bietet einen begrenzten kostenlosen Übersetzungsservice. Es gibt auch ein KI-gestütztes Schreibprogramm. Geld verdient Deepl aber vor allem mit den Anwendungen für Unternehmen und Behörden. Kunde ist unter anderem die Deutsche Bahn. Der Übersetzer lässt sich in Internetbrowser sowie gängige Software wie Microsoft Office oder Google Workspace einbinden.

    Seit November gibt es auch ein Programm für Videokonferenzen. Es erkenne derzeit 13 gesprochene Sprachen, sagt Kutylowski, übersetze sie in eine der derzeit 33 Deepl-Sprachen und zeige die Übersetzung in Untertiteln für alle an. Es klingt wie der Traum vieler Schüler: Vokabeln in der Schule zu pauken, scheint dank der Technik überflüssig. Der Deepl-Chef, der Deutsch, Polnisch, Englisch und etwas Französisch spricht, lächelt. „Ich bin sehr dafür, Sprachen selbst zu lernen.“

  • Braucht Deutschland einen Elon Musk?

    Argumente für die Feiertagsdiskussion

    An den Feiertagen kommt die Familie zusammen. Nicht immer ist es besinnlich, gerade in diesem Jahr könnten einige Wirtschaftsthemen aufregen. Argumente für erhellende Gespräch

    1. Der deutschen Wirtschaft geht es angeblich schlecht. Warum steigen dann die Börsenkurse?

    Wie die Wirtschaft läuft, zeigt das Bruttoinlandsprodukt, die Summe aller Leistungen. Und die ist in Deutschland zuletzt geschrumpft. Die Autoindustrie zum Beispiel hat offenbar nicht die Produkte entwickelt, die weltweit gefragt sind. Das hat Folgen auch für Zulieferbetriebe. Die Börsenkurse geben das nur zum Teil wieder. Die meisten deutschen Unternehmen sind nicht an der Börse notiert. Dort finden sich vor allem große, die international tätig sind. Zudem bildet der Deutsche Aktienindex Dax viele Firmen ab. Die, die gut laufen überwiegen. Der Softwarekonzern SAP treibt die Börse eher an, der Pharmakonzern Bayer und VW bremsen eher.

    Die Aktienkurse werden nicht nur von der Geschäftslage der Unternehmen beeinflusst, sondern auch von Anderem, sinkenden Zinsen zum Beispiel. Es kann attraktiver sein, in Aktien zu investieren, als mickrige Erträge auf einem Tagesgeldkonto mitzunehmen. Zudem spiegeln Kurse eher Spekulation auf künftige Gewinne wider als die wahre Lage der Wirtschaft.

    2. Die Inflation sinkt. Wann wird es wieder billiger?

    Weniger Inflation heißt leider, dass die Preise im Schnitt immer noch steigen, allerdings nicht mehr so stark. Das bedeutet auch: So günstig wie 2019 wird es nicht mehr. Wichtig: Weil die Löhne und Gehälter in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen sind, können sich viele Menschen trotz höherer Preise ein klein wenig mehr leisten – im Durchschnitt jedenfalls. Wer keine Arbeit hat, konnte auch nicht von höheren Löhnen profitieren. Und die Inflationsrate ist ein Durchschnittswert. Energie ist binnen eines Jahres sehr viel billiger geworden, was überdeckt, dass zum Beispiel einige Lebensmittel wie Butter und vor allem Dienstleistungen sehr viel teurer wurden. Manche Lebensmittel sind dagegen günstiger zu haben: Marmelade, Mehl und Zucker zum Beispiel.

    3. Die USA wollen Zölle erheben. Auch Deutschland braucht sie, um seine Wirtschaft zu schützen.

    Donald Trump liebt Zölle. Vor allem, weil er mit ihnen drohen kann, um mit anderen Ländern dann zu verhandeln, etwa mehr US-Produkte zu kaufen. Der designierte nächste US-Präsident glaubt, so auch die riesige Wirtschaftsmacht China auf Abstand zu halten.

    Deutschland kann keine Zölle einführen, sie sind Sache der EU. Erhöbe sie zum Beispiel Zölle auf chinesische Waren, würde sich China wohl wehren – mit Zöllen auf EU-Waren. Auch deutsche Produkte verteuerten sich dann in China und verkauften sich schlechter. Für die deutsche Wirtschaft ist das gefährlich. Die Bundesrepublik lebt davon, Waren in alle Welt zu verkaufen.

    Selbst wenn Deutschland Zölle erheben könnte: Dass Produktion aus China zurückkommt, ist unwahrscheinlich. Denn es dauert, neue Fabriken zu bauen. Und Deutschland ist im Vergleich zu den USA ein kleiner Markt, da rechnet sich das nicht. Zudem werden die Produkte wegen der höheren Kosten hier teurer hergestellt.

    Und es gibt weitere Gefahren. Möglicherweise investieren Firmen nicht, weil die Zölle sie vor der günstigeren und effizienteren ausländischen Konkurrenz schützen. Der Antrieb, besser als die anderen sein zu wollen, entfällt. Dank dieses Antriebs hat zum Beispiel der deutsche Maschinen- und Anlagenbau jahrzehntelang die im Vergleich zum Weltmarkt höheren deutschen Lohnkosten ausgeglichen. Auch deshalb ist er Weltspitze.

    Und nie vergessen: Deutschlands wirtschaftlicher Aufstieg und Wohlstand war nur möglich, weil die Kleinstaaterei mit dem Deutschen Zollverein 1834 ein Ende hatte und die Reichsgründung 1871 vorwegnahm. Das ist auch der Kern der EU – ein zollfreier Binnenmarkt.

    4. Bürokratieabbau lässt sich offenbar nur brachial machen. Deutschland braucht einen Elon Musk.

    Zunächst: Musk soll die Staatsausgaben senken. Deshalb will er zahlreiche Behörden abschaffen, was Bürokratie verringert. Letztlich vereinfachen Regeln und Vorgaben auch das Zusammenleben aller – ein Vorteil von Bürokratie. Grundsätzlich ist der radikale Ansatz, über alles nachzudenken, erst einmal gut. Aber: Wer möchte die Lebensmittelkontrolle abschaffen? Die staatliche KfW mit ihren Förderkrediten, die auch kontrolliert werden müssen?

    Viel läuft in Deutschland über die föderale Struktur, es gibt vieles 16 Mal. Das Aus für Bremen, Hessen, Bayern und andere würde enorme Doppelarbeit beenden und die Digitalisierung beschleunigen. Aber die Struktur gibt es genau, um einen starken Zentralstaat zu verhindern. Eine Lösung: Die Bundesländer erfinden nicht alle das Rad neu, sondern eines entwickelt zum Beispiel eine Verwaltungssoftware für alle. Musk mit seinen Kahlschlagphantasien ist dafür nicht nötig.

    5. Die Wärmepumpe ist tot. Ölheizungen sind eine günstige Alternative.

    Die Wärmepumpe ist mit dem verkorksten Heizungsgesetz der Ampel-Koalition und vermeintlichen Verboten anderer Heizungsarten verknüpft. Die Debatte verlief hitzig und eher ideologisch. Grundsätzlich darf eine Ölheizung eingebaut werden. Ob es sinnvoll ist, ist eine andere Frage.

    Sachlich betrachtet hat die Wärmepumpe Vorteile: Sie ist sauberer als eine Gas- und Ölheizung, braucht weniger Platz, der Einbau wird staatlich gefördert. Die Wärmepumpe wird mit Strom betrieben, idealerweise aus erneuerbaren Quellen in Deutschland. Eine Ölheizung wird mit einem Stoff befeuert, der auf dem Weltmarkt gekauft werden muss. Die deutsche Förderung in der Nordsee reicht bei weitem nicht.

    Wer mit Öl heizt, ist deshalb immer dem Spiel der Weltmächte ausgeliefert. Es ist unklar, wie sich der Preis entwickelt. Vor allem das Kartell Opec, die Organisation Erdöl exportierender Länder, ist daran interessiert, ihn hochzuhalten. In der Bundesrepublik dürften die Preise für Heizöl über die Jahre steigen, weil die Abnahmemengen sinken, wenn die Deutschen modernere Heizungen einbauen. Zudem muss die Heizung von 2029 an zunehmend grüne Brennstoffe verarbeiten – schwierig bei Öl.

    Für fossile Brennstoffe wie Öl wird zudem ein CO2-Preis fällig. Derzeit setzt ihn die Bundesregierung fest. Von 2027 an unterliegen Heizungen auch dem EU-Zertifikatehandel, der Preis wird dann europaweit an einer Börse bestimmt. Die Menge der Zertifikate sinkt über die Jahre, so dass der Preis steigen wird.

    6. Deutschland hat hohe Energiepreise. Die nächste Bundesregierung setzt wieder auf Atomenergie, dann wird alles billiger.

    Atomstrom hat zwei Vorteile: Er fließt stetig und es entsteht kein CO2, das die Erderwärmung befeuert. Der Wiedereinstieg kostet zunächst sehr viel Zeit: Atomkraftwerke müssen genehmigt werden, kaum jemand möchte eines vor der Tür haben. Selbst wenn alles geklärt ist: Derzeit dauert der Bau eines Akw weltweit im Schnitt mehr als zehn Jahre. Die Milliarden-Kosten vieler Neubauten etwa in Frankreich und Großbritannien liegen jeweils um ein Vielfaches höher als geplant.

    Die deutschen Altbetreiber EnBW, Eon, RWE und Vattenfall wollen nicht wieder ins Geschäft einsteigen – zu teuer, zu viel Risiko. Das müsste der Staat abnehmen. Und Atomstrom ist derzeit deutlich teurer als Strom aus Kohle, Gas und vor allem erneuerbaren Energien.

    Was, wenn kein Wind weht und die Sonne nicht scheint? Dann fehlt Strom, der Preis kann kurzzeitig hoch schnellen. Solche Stromlücken können Akw, die dauerhaft laufen, nicht füllen. Nötig sind Gaskraftwerke, die bei Bedarf schnell angeworfen werden können.

    Bleibt noch der für Jahrtausende strahlende Atommüll. Neuartige kleine, in Masse billig gefertigte Kraftwerke sollen ihn als Brennstoff nutzen. Konzepte gibt es viele. Doch von diesen sogenannten SMR (Small Modular Reactors) ist noch keiner in Betrieb, auch bei Prototypen hapert es bisher.

    7. Die EU überschwemmt Deutschland mit Bürokratie und Regeln, die uns lähmen. Allein sind wir besser und effizienter.

    Tatsächlich regelt die EU inzwischen sehr vieles. Vor allem das Lieferkettengesetz mit seiner Pflicht, sehr, sehr viel zu dokumentieren, schafft Bürokratie, aber wenig wirtschaftlichen Gewinn. Dann hat die Bundesregierung ohne Not eine deutsche Fassung des Gesetzes noch umfangreicher gestaltet. Das ist nicht Schuld der EU.

    Vergessen wird oft, welche Vorteile die Gemeinschaft dank einheitlicher Regeln hat, die jeweils nationale abgelöst haben. Zölle entfallen und damit reichlich Papierkram. Es gibt fast keine Grenzkontrollen. Mit Roaming sind die Mobilfunkkosten in jedem Land auf das gedeckelt, was man zu Hause zahlt. Mit dem Euro entfällt lästiges Umrechnen in vielen Ländern. Es gibt vereinfachte Studentenaustauschprogramme und vergleichbare Studiengänge. Geldüberweisungen sind vereinheitlicht.

    Was passiert, wenn man allein alles besser weiß, ist in Großbritannien zu sehen. Die Wirtschaftsleistung ist nach dem Verlassen der EU eingebrochen. Neue Behörden mussten her, um Zölle zu verwalten und das zu übernehmen, was vorher zentral in der EU geregelt war. Der wichtige Handel mit der EU ist wegen Zöllen deutlich teurer und kräftig geschrumpft. Und Briten zahlen plötzlich ein Vielfaches für Mobilfunk.

  • Deutsche Garnelen leuchten royalblau

    Aquapurna züchtet die Delikatesse am Fuß eines Kalibergs

    Nichts deutet hier auf Garnelen hin. Der grüne Förderturm steht still. Die Abraumhalde hinter den Gebäuden ist überwuchert. Ein eisiger Westwind weht an diesem Herbsttag über Sigmundshall in Bokeloh nordwestlich von Hannover. Die Temperaturen sind sehr weit entfernt von jenen, die Garnelen so lieben. Und dennoch: Hier wird die Spezialität gezüchtet – bald in sehr großen Mengen.

    Bis 2018 förderte der deutsche Konzern K+S hier Salz, jetzt wandelt sich der Standort zum Innovationspark mit Firmen wie Aquapurna. Die Tür rechts in der ehemaligen Lohnhalle des Kaliwerks führt in die beheizten Büros der Garnelenzüchter und zu David Gebhard. Der Firmengründer sagt: „Der Kunde weiß gar nicht, wie phantastisch frische Garnelen schmecken können.“ Gemeinsam mit Florian Gösling will er das ändern.

    Von Garnelen hatten die beiden wenig Ahnung, als sie 2019 anfingen, zumindest von der Zucht in großem Stil. Gösling studierte Maschinenbau, arbeitete in der Robotikbranche in München. Gebhard beriet als Volljurist bei Geschäften mit Beteiligungskapital, ebenfalls in Süddeutschland. Beide sind Fans guten Essens. Gösling hatte in Indien riesige Becken mit Garnelenzucht gesehen, deren Zustand sich deutsche Verbraucher nicht vorstellen können.

    „Die Anbaubedingungen in Asien oder Mittelamerika sind zum Teil dramatisch schlecht, es werden oft Mangrovenwälder abgeholzt“, sagt Gebhard. „Der lange Lieferweg ist auch ein Problem.“ Warum also nicht Garnelen selbst züchten? In Deutschland? Die Marktlücke erkannten die beiden jedenfalls sofort: „Es gibt bisher in Europa keine nachhaltigen, antibiotikafreien Premiumangebote, die bezahlbar sind. Wir bieten sie.“ Wo lässt sich so etwas verwirklichen? „Wir suchten einen zentralen, gut erschlossenen Standort in Deutschland, bei dem es Synergieeffekte gab“, sagt Gebhard. „Sigmundshall ist perfekt.“ Ein eigenes Kraftwerk, dessen Abwärme die Becken heizt. Genug Fläche. Und Salz-Wissen von K+S für das künstliche Meerwasser.

    Die Zuchtidee überzeugte zahlreiche Investoren. Die Gründer sammelten Geld ein, dann ging es los. „Wir haben erst einmal vier Jahre geforscht, das Anlagendesign und die Wasserparameter optimiert, so dass sich die Garnelen sehr wohl fühlen“, sagt Gebhard. Und so entstand in einer Gerätehalle auf dem K+S-Gelände ein Labor, später nebenan ein größerer Prototyp mit Becken und Wasserfilteranlage, der zeigt, dass sich die Idee auch im industriellen Maßstab umsetzen lässt.

    Wie groß, lässt sich jenseits des Zauns bereits sehen, wo Bagger herumfahren. K+S baut dort für einen zweistelligen Millionenbetrag eine Halle, in die Aquapurna als Mieter einzieht. Auf 16.000 Quadratmetern, gut zweieinhalb Fußballfeldern, sollen sich Garnelen in sechs Becken tummeln, jeweils 38 Meter lang, fünf Meter breit und etwa 1,2 Meter tief. Es wird die größte und modernste Anlage ihrer Art in Europa.

    Die erste Stufe soll im Juni fertig sein, Gebhard spricht von zunächst rund 700 Tonnen Ernte im Jahr, während er durch die Kälte quer über das K+S-Gelände läuft. Klingt viel, ist aber wenig angesichts der rund 500.000 Tonnen Garnelen, die Europa jedes Jahr importiert. Auch andere sind inzwischen auf die Idee gekommen, die langen Transportwege aus Venezuela oder Thailand abzukürzen und selbst zu produzieren – in Bayern, der Schweiz Dänemark – allerdings nur in kleinen Mengen und sehr teuer.

    Gebhard steht jetzt auf dem Steg oberhalb des Prototyp-Beckens. Es ist warm, es ist feucht und es riecht frisch. Unten wimmeln kleine Garnelen im Wasser, Art White Tiger, rund 35.000 nur im Teil für die Larven. Das Konzept unterscheidet sich deutlich von anderen. „In Asien werden üblicherweise in einem riesigen Becken Larven ausgesetzt und es wird, wenn die Garnelen ausgewachsen sind, geerntet. Das geht zwei bis drei Mal im Jahr“, sagt Gebhard.

    In Bokeloh sind sie schon jetzt schneller: sechs Wochen. „Im skalierten Maßstab wäre es alle zwei Tage möglich“, ist sich der Firmenchef sicher. Das liegt auch daran, wie die Anlage aufgebaut ist. Die Becken sind in Felder geteilt. Gebhard spricht lauter, um über die Pumpenmotoren und das Sprudeln der Wasserfilter gehört zu werden. „Wir haben mehrere Generationen – vom Larvenstadium bis zur erntereifen Garnele – in einem Becken.“ Die Larven züchten sie in der ehemaligen Waschkaue des Kaliwerks, um nicht abhängig von Importen aus den USA zu sein und die Kontrolle zu behalten.

    Das Wasser wird ununterbrochen umgewälzt und gefiltert. Die Anlage misst die Qualität und steuert automatisch. „Das ist hier Technologie meets Landwirtschaft“, sagt Gebhard. Die Garnelen fühlen sich offenbar wohl. Sie wachsen binnen dreieinhalb Monaten auf gut 15 Zentimeter Länge. Importgarnelen brauchen dafür dem Aquapurna-Chef zufolge in der Regel fünf bis sechs Monate. Und dann ist da diese Farbe der Tiere: Royalblau.

    Das hält sich auch nach der Ernte. Eiswasser, Stromstoß, dann geht es in die Endverarbeitung, eingebaut in ehemalige Garagen von Sigmundshall. Betreten für Unbefugte verboten. Hier gelten die strengen Regeln des Lebensmittelrechts. Zu kaufen gibt es die tiefgefrorenen Garnelen bisher in regionalen Geschäften unter der Marke Gamba Zamba. Wer im Gästehaus der niedersächsischen Landesregierung einquartiert wird, bekommt sie auch. Der Onlineshop ist gerade gestartet. Die Lehr- und Experimentierzeit ist jetzt vorbei.

  • Der teure Hype um die Extra-Proteine

    Sie werden beworben als der Stoff für mehr Muskeln, mehr Kraft, ja: mehr Schönheit und Gesundheit: Proteine, also Eiweiss. Früher zog da der allgemeine Werbeslogan der Lebensmittelindustrie „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“, üblicherweise: das Steak. Heute, wo ein Übermaß an Fleisch als nicht gesund, der Verzehr vielen auch aus Tier- und Umweltgründen unbehaglich scheint, ist das anders. Es bleibt auch nicht bei Fisch. Heute türmen sich in den Supermärkten Heuschrecken-Riegel, Spirulina-Pulver, das Milchprodukt Skyr. Darauf Label wie: „High-Protein“, „Reich an Protein“, „Proteinquelle“. Ist das mehr als Marketing?

    Ohne Proteine geht es nicht, das ist außer Frage. „Der Mensch braucht sie“, sagt Antje von Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Er baue mit den Proteinen Muskeln auf. Sie seien auch Grundbausteine von Knochen oder Bindegewebe und für viele lebensnotwendige Funktionen wie Blutgerinnung und Immunsystem unentbehrlich.

    Nur: Die Fitnessstudios hätten den Appetit auf eine Extra-Portion Protein geweckt, Pulver und Shakes angepriesen. Das war schon vor einigen Jahren. Dann sei dieser Trend im klassischen Lebensmittelhandel angekommen. Nun prange auf Produkten im Kühl-, im Müsli-, im Quengelwarenregal, in Supermärkten, in Drogerien das Etikett „Proteinquelle“. Diese Angabe dürften Produkte tragen, wenn mindestens 12 Prozent des Energiegehaltes aus Protein stammen, ab 20 Prozent sei auch der Aufdruck „High-Protein“ erlaubt. Für Verbraucher ist schwer zu erkennen, was taugt. Das Angebot aber lässt sich grob sortieren.

    Der Klassiker: Quark, ein tierisches Lebensmittel mit natürlicherweise hohem Proteingehalt, der heute gerne besonders beworben wird, auch wenn Veganer zu ihm genauso wenig greifen wie zum Steak. Immer öfter steht im Kühlfach daneben der Skyr. Das Milchprodukt kommt ursprünglich aus Island und wird als proteinreiche Alternative zu Joghurt gehandelt. Gegen Skyr sei nichts einzuwenden, sagt Gahl: „Als Naturprodukt ohne Frucht- und Zuckerzusatz ist er von den Nährwerten vergleichbar mit Magerquark und Magerjoghurt.“

    Die Herausforderer: Seit 2021dürfen die ersten Lebensmittel aus essbaren Insekten in der EU verkauft werden. Auf dem Speiseplan zum Beispiel erlaubt: Mehlwürmer, Wanderheuschrecken, Hausgrillen. Zu haben sind sie, so die Verbraucherzentralen, als ganzer Snack, in Schokolade oder Honig, verarbeitet als Insektenmehl in Nudeln oder eben in Proteinriegeln und -pulvern.

    Noch mag das vielen Menschen hierzulande nicht so recht schmecken. Doch gelten Insekten als Proteinquelle der Zukunft. Die Verbraucherzentralen erklären: „Werden Insekten gefriergetrocknet, erhöht sich deren Proteinanteil. So haben Mehlwürmer gefriergetrocknet einen Proteinanteil von 50,9 Prozent statt 18,7 Prozent frisch.“ Frisches Rindfleisch hingegen habe 22,3 Prozent, Schweine- und Hühnerfleisch 22,8 Prozent Eiweiß.

    Damit sind Insekten als Fleischalternative sehr interessant, zumal ihre Produktion als umweltfreundlicher gilt. Vorsichtig solle allerdings sein, wer allergisch auf Muscheln, Krebstiere oder Hausstaubmilben reagiert, erklärt Karen Ildico Hirsch-Ernst, Expertin des Bundesinstituts für Risikobewertung. Insekten hätten ähnliche Proteine. Darum sei auch ein Blick auf das Produkt entscheidend. Insekten müssen, sind sie in einem verpackten Lebensmittel enthalten, auf der Zutatenliste auftauchen.

    Die Unscheinbaren: Algen werden gern als echtes Kraftpaket angepriesen, als Protein-Star unter ihnen gilt Spirulina. Grundsätzlich wird unterschieden zwischen den winzig kleinen Mikroalgen und den großblättrigen Makroalgen. Zu letzteren gehören etwa die Rotalge Nori, die zu Blättern gepresst Sushi-Rollen zusammenhalten, die Braunalge Wakame, die die japanische Misosuppe würzt oder die Grünalge Ulva, also der Meeressalat. Die Spirulina ist eine Mikroalge. Sie wird als Nahrungs­ergänzung in Form von Tabletten, Presslingen, Pulver oder Flocken angeboten. Bei den Verbraucherzentralen allerdings heißt es: „Das prinzipiell hochwertige Eiweiß ist aufgrund der geringen Tagesmengen als Nahrungs­ergänzungsmittel (2 Gramm) bedeutungslos.“

    Ernährungsexpertin Gahl erklärt: „Ein Erwachsener braucht täglich etwa 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht, wer 68 Kilo wiegt, also 54 Gramm Protein pro Tag.“ Für diese Menge reichten über den Tag verteilt zum Beispiel zwei Scheiben Vollkornbrot mit Erdnussmus zum Frühstück, sie brächten 15 Gramm Protein, plus 250 Gramm Ofenkartoffeln mit 150 Gramm Quark zum Mittag, die 25 Gramm ausmachten, und am Abend dann 150 Gramm gegarte Linsen, so dass nochmal 14 Gramm hinzukämen.

    „Selbst Menschen, die aufgrund ihres Alters oder bei Leistungssport einen höheren Proteinbedarf haben, können ihn über herkömmliche proteinreiche Lebensmittel decken“, sagt Gahl. Darunter könnten dann auch eigentlich Altbekannte sein: Linsen oder Erbsen. Linsen und Erbsen hätten lange den Ruf eines Arme-Leute-Essen gehabt. Heute nicht mehr, mittlerweile würden Linsen selbst zu Nudeln verarbeitet.

    High-Protein-Produkte würden sogar ein Risiko bergen: Sie lieferten meist mehr Protein, als nötig sei. Der Körper baue überflüssiges Protein ab, der dabei entstehende Harnstoff müsse mit dem Urin ausgeschieden werden. Gesunden Erwachsenen schade das nicht, Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion aber schon. Viel Wasser zu trinken sei bei hoher Proteinzufuhr in jedem Fall wichtig. Das Geld für die Produkte, die mit der „Extra-Portion-Eiweiß“ beworben werden, lasse sich besser sparen. Gahl: „Ein Proteinporridge mit 28 Gramm Protein kostet zum Beispiel 1,40 Euro pro 100 Gramm. Bio-Haferflocken mit 13 Gramm Protein sind ab etwa 20 Cent für 100 Gramm zu haben.“

    Kasten: Proteine allein machen es nicht
    Nur Proteine zu sich nehmen? Für den Aufbau und Erhalt von Muskeln reicht das laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung nicht. Dafür müsse sich der Mensch auch bewegen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt pro Woche mindestens 2,5 Stunden moderat oder 1,25 Stunden intensive körperliche Aktivität auszuüben. (HG)

  • 328.577 Dollar pro Minute

    Welches die reichsten Familien der Welt sind

    328.577 Dollar oder umgerechnet 313.790 Euro sind schon eine ordentliche Menge Geld. Um diesen Betrag ist das Vermögen der reichsten Familie der Welt in diesem Jahr gestiegen – pro Minute, wie die US-Nachrichtenagentur Bloomberg berechnet hat. Insgesamt verfügten die Waltons demnach Anfang dieses Monats über 432,4 Milliarden Dollar, nach 259,7 Milliarden vor einem Jahr.

    Der Familie gehören gut 46 Prozent von Walmart, dem größten Einzelhändler der Welt mit rund 10.600 Filialen. Und sein Aktienkurs ist im Laufe des Jahres um gut 80 Prozent gestiegen. In der Folge überholte das Vermögen der Gründerfamilie wieder das der Al Nahyans, der Präsidentenfamilie aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die mit ihren weitverzweigten Investitionen auf Rang zwei abrutschten – mit 323,9 Milliarden Dollar Vermögen (plus 18,9 Milliarden Dollar).

    Bloomberg untersucht jedes Jahr, welche Familien der Welt die reichsten sind. Die Experten betrachten nur Familien ab der Generation nach dem Gründer. Deshalb taucht zum Beispiel der US-Unternehmer Elon Musk ist dieser Liste nicht auf. Ebenfalls nicht dabei sind Einzelerben. Und Familien, bei denen zu unklar oder unübersichtlich ist, woher der Reichtum genau stammt, sind ebenfalls nicht erfasst.

    Die Liste ist nicht ganz genau, weil sich vor allem bei den Familien aus den arabischen Staaten nicht genau sagen lässt, wie reich sie wirklich sind. Bloomberg vermutet, dass ihr Vermögen deutlich höher liegt, als in der Liste angesetzt. Neben den Al Nahyans finden sich auch die Al Thanis (Katar, Rang 3) und die Al Sauds (Saudi -Arabien, Rang 5) auf der Liste. Alle Vermögen werden in Dollar umgerechnet, um sie vergleichen zu können.

    Insgesamt, so haben es die Experten errechnet, konnten die reichsten 25 reichsten Familien auf ein Vermögen von 2,5 Billionen Dollar, ein Plus von 406,5 Milliarden Dollar. Offenbar konnten ihnen Kriege, geopolitische Spannungen, Zölle oder ganz allgemein Unsicherheit nichts anhaben. Viele profitierten, weil die Aktienkurse in diesem Jahr gestiegen sind, besonders in den USA. Zusätzlichen Schub gab es, nachdem Donald Trump die Wahl zum US-Präsidenten gewonnen hatte. Die Investoren rechnen mit einem freundlicheren, weniger regulierten Umfeld für Unternehmen.

    Reichste deutsche Familie sind die Nachkommen von Karl und Theo Albrecht, den Gründern von Aldi Nord und Süd. Bloomberg fasst beide zusammen, auch wenn die Unternehmen getrennt sind. Das Vermögen stieg binnen Jahresfrist um 24,4 Prozent auf  60,2 Milliarden Dollar. Das reicht für Rang 12. Weder Aldi Nord noch Aldi Süd ist börsennotiert, aber die Geschäfte laufen offenbar gut.

    Etwas verloren haben die beiden anderen deutschen Familien unter den Top 25: Das Vermögen der Quandts, unter anderem Stefan Quandt und Susanne Klatten, die an BMW beteiligt sind, schrumpfte um 3,4 auf 46 Milliarden Dollar, Platz 18. Auf Rang 22 finden sich die Familien Boehringer und von Baumbach, verbunden unter anderem mit dem Pharmakonzern Boehringer Ingelheim. Das Familienvermögen sank in einem Jahr um rund 8,3 Milliarden Dollar auf 43 Milliarden Dollar.

    Die reichste europäische Familie kommt der Liste zufolge aus Frankreich. Die Erben von Thierry Hermès kommen auf 170,6 Milliarden Dollar Vermögen, knapp 20 Milliarden Dollar mehr als Ende 2023. Das reicht in diesem Jahr nur für Rang 4. Neu dabei sind die Ofers, Erben eines Reeders aus Israel. Inzwischen ist das Vermögen von 55,6 Milliarden Dollar breiter angelegt.

    Während Bloomberg das Vermögen der reichsten Familien betrachtet, konzentriert sich das US-Magazin Forbes auf einzelne Personen, unabhängig davon, ob Erbin oder Selfmade-Milliardär. Deren Vermögen lässt sich in Echtzeit auf der Forbes-Internetseite ansehen. Der reichste Mensch der Welt ist danach Musk, Großaktionär und Chef des Autobauers Tesla. Er profitiert gerade von einem Kursschub dank der Nähe zu Trump. Musk gehört auch die Mehrheit an SpaceX. Das Raumfahrtunternehmen ist nicht börsennotiert. Durch einen privaten Aktienverkauf stieg die Bewertung und machte Musk noch reicher. Zumindest auf dem Papier besaß er Forbes zufolge am Freitag, 13. Dezember, mittags 429,2 Milliarden Dollar. Allerdings ist das Geld vor allem in Aktien gebunden. Aber Musk ist natürlich sehr kreditwürdig, sollte er die eine oder andere Million zum Ausgeben brauchen.

    Auf Rang 2 der Forbes-Liste steht derzeit Amazon-Gründer Jeff Bezos mit 242,5 Milliarden Dollar vor Oracle-Gründer Larry Ellison (219,6 Milliarden Dollar). Mit Bernard Arnault, Großaktionär des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH, folgt auf Rang 5 der erste Europäer (173,2 Milliarden Dollar). Reichster Deutscher ist demnach Spediteur Klaus-Michael Kühne mit 37 Milliarden Dollar auf Rang 46.

  • Inflation und Lebkuchen

    Backen wird dieses Jahr teurer? Nicht unbedingt

    Für Gebäckfans ist der Dezember die beste Zeit des Jahres. Schließlich muss nicht erklärt werden, warum jedes Wochenende große Mengen Heidesand, Lebkuchen, Makronen oder Engelsaugen gebacken werden. Und Dominosteine. Bevor die Ausstechformen hervorgeholt werden, lohnt sich ein Blick zum Statistischen Bundesamt – manche Zutaten haben sich drastisch verteuert. Fünf beliebte Kekssorten im Preischeck:

    Dominosteine: Sie sind aufwändig und auf den ersten Blick deutlich günstiger als im vergangenen Jahr. Mehl, wesentlicher Bestandteil, kostet gut 6,7 Prozent weniger als im November 2023. Zucker ist sogar im Schnitt 23 Prozent billiger. Die Rübenernte in der EU war in diesem Jahr sehr gut, weshalb mehr Zucker angeboten als nachgefragt wird. In der Folge senkten die Hersteller die Preise. Wer Gewürze und Honig kaufen muss, gibt ebenfalls weniger aus. Dennoch sind Dominosteine dieses Jahr kein Schnäppchen. Marzipan ist teurer, weil die Weltmarktpreise für Mandeln gestiegen sind. Und dann ist da die dicke Schokoladenhülle.

    Der Preis des Rohstoffs Kakao hat sich binnen eines Jahres mehr als verdoppelt. Im November 2023 kostete die Tonne noch knapp über 4000 Dollar (3800 Euro), derzeit wird sie am Terminmarkt zu mehr als 10.000 Dollar gehandelt, Tendenz steigend. Ghana und Elfenbeinküste, die gut zwei Drittel allen Kakaos der Welt liefern, kämpften mit Trockenheit, Starkregen und Pflanzenkrankheiten. Nach der dritten Missernte in Folge ist das Angebot gering, die weltweite Nachfrage aber hoch. Und so steigen die Preise für Schokolade und Kuvertüre.

    Urteil: Teurer

    Elisenlebkuchen: Auch hier macht die Schokolade den Unterschied. Wer diese Lebkuchen mit Kuvertüre überziehen möchte, dürfte deutlich mehr ausgeben als 2023. Fans einer Zuckergussschicht hingegen können die Leckerei wohl billiger als vor einem Jahr backen. Wobei gemahlene Nüsse, wichtiger Bestandteil, übers Jahr um mehr als drei Prozent teurer geworden sind, weil zum Beispiel die Mandel- und Haselnussernte wegen des Wetters mancherorts schlecht ausgefallen ist. Und auch Eier kosten 1,3 Prozent mehr.

    Urteil: Für Schokofans teurer

    Kokosmakronen: Hier kommt es sehr aufs Rezept an und ob man lieber zum Beispiel Bioeier (teuer) oder Eier aus Bodenhaltung (billig) verwendet. Geraspelter Kokos hat sich um die 3,8 Prozent verteuert, 200 Gramm kosten zum Beispiel 1,59 Euro, sechs Cent mehr als vor einem Jahr. 180 Gramm Zucker sind für rund 0,30 Euro zu haben, acht Cent billiger als im November 2023. Eier kosten im Schnitt 1,3 Prozent mehr, was bei drei Freilandeiern und 0,78 Euro etwa zwei Cent mehr macht. Die Kosten gleichen sich aus. Weil Vanillezucker günstiger als vor einem Jahr ist, sind die Makronen in diesem Rechenbeispiel billiger als im November 2023.

    Urteil: Billiger

    Heidesand: Nur drei oder vier Zutaten sind im Rezept für die runden Taler nötig. Zucker ist günstiger, Mehl ebenfalls, Eier sind etwas teurer, können aber auch weggelassen werden. Was den Keks in diesem Jahr zum sehr teuren Keks macht, ist Butter. Und ohne die geht es nicht. Satte 38,9 Prozent kostet das Streich- und Backfett binnen Jahresfrist mehr.

    Das hat mehrere Gründe: zum einen Käse. Weil immer mehr nachgefragt wird und der Handel mehr an Käse verdient als an Butter, wird das Fett der Milch eher zu Käse als zu Butter verarbeitet. Zum anderen ist da die Jahreszeit. Im Herbst und Winter ist die Milch magerer. Und dann wirkt noch ein Trend: Die Bauern halten weniger Milchkühe, weil sie in den vergangenen Jahren bei hohem Aufwand wenig verdient haben.

    Eine Alternative zur Butter: Margarine. Sie verbilligte sich um zwei Prozent. Allerdings leidet der Geschmack des Heidesands mit dieser Zutat doch sehr.

    Urteil: Teurer

    Engelsaugen: Der letzte Keks im Test ist nicht ganz so mürbe und enthält zum Beispiel Himbeermarmelade oder Johannisbeergelee. Noch im Sommer fürchteten Obstbauern wegen des teils kalten und feuchten Wetters im Frühjahr eine schlechte Ernte. Dennoch haben die Statistiker ermittelt, dass Konfitüren und Ähnliches derzeit 2,8 Prozent günstiger sind als vor einem Jahr. Möglicherweise hat der billigere Zucker die steigenden Fruchtpreise ausgleichen können.

    Sehr wahrscheinlich ist allerdings, dass die Marmeladenhersteller Früchte auch im Ausland eingekauft haben und so die Knappheit in Deutschland umgehen konnten. Außerdem traf es die deutschen Anbauregionen unterschiedlich. Aber vielleicht steht im Keller ohnehin noch ein Glas Marmelade aus eigenen Gartenfrüchten.

    Also: Zucker günstiger, Mehl und Marmelade auch, Eier etwas teurer. Was die Engelsaugen deutlich verteuert ist wieder die Butter.

    Urteil: teurer, aber lecker

    Bleibt noch die Frage, ob der Backofen mit Gas oder Strom läuft. Gas hat sich binnen Jahresfrist im Schnitt um 2,5 Prozent verteuert. Für die, die mit Strom backen, haben die Statistiker eine gute Nachricht: Die Kosten liegen 4,1 Prozent niedriger als im vergangenen Jahr. Das ist allerdings ein Durchschnittswert, regional und je nach Versorger können sich die Preise für Gas und Strom anders entwickelt haben.

    Derartig die Kosten von Keksen zu berechnen, ist sehr kleinteilig, gar kleinkariert? Kann sein. Tatsächlich geht es auch um die Freude am Backen, gern gemeinschaftlich. Da sind ein paar Cent mehr oder weniger unwichtig. Und selbstgemacht sind Kekse ohnehin am besten.

  • Hilfreich

    Kommentar zur EZB-Zinssenkung

    Europas Zentralbanker haben es schon wieder getan. Während die US-Notenbank in diesem Jahr eher abwartet, hat die Europäische Zentralbank die wichtigen Leitzinsen zum vierten Mal gesenkt, an denen sich auch die Verzinsung von Sparkonten orientiert. Was Sparer belastet, ist für die deutsche Wirtschaft hilfreich.

    Zuletzt ist die Inflation, die die EZB bekämpft, in Deutschland und der Euro-Zone wieder gestiegen. Die Zentralbanker hätten demnach die Zinsen anheben müssen. Doch sie schauen nicht nur auf die Monatsraten, sondern betrachten längere Zeiträume. 2024 soll die Inflation im Währungsraum übers Jahr gesehen bei 2,4 Prozent liegen, 2025 nur noch bei 2,1 Prozent, 2026 bei 1,9 Prozent. Ziel der EZB sind 2,0 Prozent. Die Richtung stimmt. Da ist es nicht so wichtig, wenn die Monatsraten einmal steigen.

    Leidtragende sind all jene, die Geld auf einem Tagesgeldkonto liegen haben oder es neu für ein oder zwei Jahre festlegen wollen. Die Banken werden die Guthabenzinsen dort senken. Vorteile hat der Zinsschritt für diejenigen, die Kredite aufnehmen wollen. Sie werden – etwas verzögert – günstiger. Das erfreut etwa die, die eine Wohnung kaufen wollen und jetzt billiger finanzieren können. Sinkende Leitzinsen sind aber auch eine gute Nachricht für Euro-Länder, die schwächeln. Deutschland zum Beispiel. Denn Unternehmen zahlen weniger für neue Kredite, was sie vielleicht dazu bringt, mehr zu investieren als bisher – in Ideen, Forschung, Fabriken, Absatzmärkte.

    Dass sie es wirklich tun, ist aber nicht garantiert. Denn billiges Geld allein, liefert keinen Aufschwung. Der politische Rahmen muss klar sein, da hakt es in Deutschland gerade. Und die wirtschaftlichen Aussichten müssen stimmen. Auch hier sieht es für deutsche Firmen je nach Branche nicht so rosig aus. Die Welt bestellt gerade weniger deutsche Waren und Dienstleistungen. Der Zinsschritt der EZB kann helfen, doch ohne politische Initiative und unternehmerischen Einsatz bewegt sich nur sehr wenig.

  • Europa gewinnt

    Beste und schlimmste Städte zum Leben und Arbeiten

    Steigende Preise, politisches Hickhack und auch noch trübes Wetter: Gerade denkt vielleicht der ein oder die andere darüber nach, ins Ausland umzuziehen. Zumindest für diejenigen, die am Schreibtisch arbeiten, bieten Computer, Internet und Videokonferenzen gute Chancen. Nur wohin? Die Unternehmensberater der US-Firma Mercer untersuchen jedes Jahr die Lebensqualität von Städten weltweit. Wer jetzt an Karibik, US-Westküste oder Asien denkt, wird enttäuscht: Ganz oben auf der aktuellen Liste stehen acht europäische Städte.

    An der Spitze liegt in diesem Jahr Zürich. Die Experten berichten von herausragenden Bürgerdiensten, niedriger Kriminalitätsrate, einer lebendigen Kulturszene. Dazu komme eine effiziente Infrastruktur und ein hohes Maß an Nachhaltigkeit. Auf Rang zwei folgt Wien. Vergangenes Jahr lag Österreichs Hauptstadt noch auf Rang 1. Auf dem dritten Platz findet sich Genf. Und in die Top Ten schafften es mit Bern und Basel noch zwei weitere Städte aus der Schweiz.

    Weit oben hielt sich auch Kopenhagen. Amsterdam stieg in die Top Ten auf und verdrängte München. Für die Bayern reichte es nur zu Rang 11. Lebenswerteste deutsche Stadt ist den Beratern zufolge allerdings Frankfurt auf Rang 7. Ebenfalls in den Top 20 sind Düsseldorf (16) und Berlin (19). Wer es gern etwas abgelegener hat, kann sich vielleicht mit Auckland in Neuseeland anfreunden. Aus Nordamerika schaffte es nur die recht weit nördlich gelegene kanadische Stadt Vancouver in die Topliste.

    Kanada, Europa, Australien – so geht es weiter bis mit Singapur auf Rang 30 die erste asiatische Stadt kommt. Und die USA? Die Stadt mit der besten Lebensqualität ist danach Boston auf Rang 32, vor Paris und hinter Toulouse im Südwesten Frankreichs. Dubai, zuletzt vor allem bei Influencern und dem ein oder anderen Prominenten beliebt, liegt in der Liste auf Rang 83, hinter Bratislava in der Slowakei und vor Vilnius, der Hauptstadt von Lettland.

    Die Experten von Mercer untersuchten insgesamt mehr als 450 Großstädte weltweit. 241 schafften es auf die Liste. Bewertet wurden 39 Einzelpunkte, die unter anderem politische Stabilität, Gesundheitssystem, Infrastruktur, Straßen, Internetzugang und Mobilfunk, das gesellschaftliche Miteinander und das Angebot an Kunst und Kultur widerspiegeln. Auch die Wohnsituation, Reisemöglichkeiten, Verkehr, Luftqualität, Wirtschaftslage und Wachstumschancen fließen ein. Die Berater erstellen die Liste jährlich.

    Gute Bildung, Straßen und Verwaltung, schnelles Internetz, viel Grün und ein entspanntes Lebensgefühl sind allerdings nicht alles. Denn da sind noch die Lebenshaltungskosten. Und die sollte man vor allem beachten, wenn man einem Umzug zum Beispiel nach Zürich erwägt. In der Untersuchung von Mercer werden die Lebenshaltungskosten der größten Stadt der Schweiz nur noch von denen in Hongkong und Singapur übertroffen. Mit einem deutschen Gehalt in Zürich wohnen und leben zu wollen, ist mindestens sportlich.

    Viele der lebenswertesten Städte der Mercer-Liste sind auch besonders teuer: Bereits im Sommer untersuchten die Berater die Kosten von mehr als 200 Produkten und Diensten, etwa, was die Menschen in den jeweiligen Städten weltweit für Miete, Lebensmittel, Restaurants, Kleidung, Nahverkehr ausgeben müssen. Unter den zehn teuersten Städten waren Zürich, Genf, Basel und Bern – alle auch oben auf der Lebenswert-Liste. Teuerste Stadt in Deutschland ist demnach auf Rang 31 übrigens Berlin.

    Und welche Städte sollten alle, die vielleicht darüber nachdenken, aus dem Ausland zu arbeiten, nicht ansteuern? Besonders schlecht werten die Berater von Mercer die Lebenssituation vor allem in Afrika. Unter den Flop Ten finden sich neben Port-au-Prince in Haiti und Bagdad im Irak auch Tripolis (Libyen), Ouagadougou (Burkina Faso) und ganz am Ende die sudanesische Hauptstadt Khartum. In dem bitterarmen Land tobt ein Bürgerkrieg. Kurios: Bangui in der Zentralafrikanischen Republik gehört zu den Städten mit der schlechtesten Lebensqualität und hat gleichzeitig überraschend hohe Lebenshaltungskosten (Rang 14).