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  • Deutsche Garnelen leuchten royalblau

    Aquapurna züchtet die Delikatesse am Fuß eines Kalibergs

    Nichts deutet hier auf Garnelen hin. Der grüne Förderturm steht still. Die Abraumhalde hinter den Gebäuden ist überwuchert. Ein eisiger Westwind weht an diesem Herbsttag über Sigmundshall in Bokeloh nordwestlich von Hannover. Die Temperaturen sind sehr weit entfernt von jenen, die Garnelen so lieben. Und dennoch: Hier wird die Spezialität gezüchtet – bald in sehr großen Mengen.

    Bis 2018 förderte der deutsche Konzern K+S hier Salz, jetzt wandelt sich der Standort zum Innovationspark mit Firmen wie Aquapurna. Die Tür rechts in der ehemaligen Lohnhalle des Kaliwerks führt in die beheizten Büros der Garnelenzüchter und zu David Gebhard. Der Firmengründer sagt: „Der Kunde weiß gar nicht, wie phantastisch frische Garnelen schmecken können.“ Gemeinsam mit Florian Gösling will er das ändern.

    Von Garnelen hatten die beiden wenig Ahnung, als sie 2019 anfingen, zumindest von der Zucht in großem Stil. Gösling studierte Maschinenbau, arbeitete in der Robotikbranche in München. Gebhard beriet als Volljurist bei Geschäften mit Beteiligungskapital, ebenfalls in Süddeutschland. Beide sind Fans guten Essens. Gösling hatte in Indien riesige Becken mit Garnelenzucht gesehen, deren Zustand sich deutsche Verbraucher nicht vorstellen können.

    „Die Anbaubedingungen in Asien oder Mittelamerika sind zum Teil dramatisch schlecht, es werden oft Mangrovenwälder abgeholzt“, sagt Gebhard. „Der lange Lieferweg ist auch ein Problem.“ Warum also nicht Garnelen selbst züchten? In Deutschland? Die Marktlücke erkannten die beiden jedenfalls sofort: „Es gibt bisher in Europa keine nachhaltigen, antibiotikafreien Premiumangebote, die bezahlbar sind. Wir bieten sie.“ Wo lässt sich so etwas verwirklichen? „Wir suchten einen zentralen, gut erschlossenen Standort in Deutschland, bei dem es Synergieeffekte gab“, sagt Gebhard. „Sigmundshall ist perfekt.“ Ein eigenes Kraftwerk, dessen Abwärme die Becken heizt. Genug Fläche. Und Salz-Wissen von K+S für das künstliche Meerwasser.

    Die Zuchtidee überzeugte zahlreiche Investoren. Die Gründer sammelten Geld ein, dann ging es los. „Wir haben erst einmal vier Jahre geforscht, das Anlagendesign und die Wasserparameter optimiert, so dass sich die Garnelen sehr wohl fühlen“, sagt Gebhard. Und so entstand in einer Gerätehalle auf dem K+S-Gelände ein Labor, später nebenan ein größerer Prototyp mit Becken und Wasserfilteranlage, der zeigt, dass sich die Idee auch im industriellen Maßstab umsetzen lässt.

    Wie groß, lässt sich jenseits des Zauns bereits sehen, wo Bagger herumfahren. K+S baut dort für einen zweistelligen Millionenbetrag eine Halle, in die Aquapurna als Mieter einzieht. Auf 16.000 Quadratmetern, gut zweieinhalb Fußballfeldern, sollen sich Garnelen in sechs Becken tummeln, jeweils 38 Meter lang, fünf Meter breit und etwa 1,2 Meter tief. Es wird die größte und modernste Anlage ihrer Art in Europa.

    Die erste Stufe soll im Juni fertig sein, Gebhard spricht von zunächst rund 700 Tonnen Ernte im Jahr, während er durch die Kälte quer über das K+S-Gelände läuft. Klingt viel, ist aber wenig angesichts der rund 500.000 Tonnen Garnelen, die Europa jedes Jahr importiert. Auch andere sind inzwischen auf die Idee gekommen, die langen Transportwege aus Venezuela oder Thailand abzukürzen und selbst zu produzieren – in Bayern, der Schweiz Dänemark – allerdings nur in kleinen Mengen und sehr teuer.

    Gebhard steht jetzt auf dem Steg oberhalb des Prototyp-Beckens. Es ist warm, es ist feucht und es riecht frisch. Unten wimmeln kleine Garnelen im Wasser, Art White Tiger, rund 35.000 nur im Teil für die Larven. Das Konzept unterscheidet sich deutlich von anderen. „In Asien werden üblicherweise in einem riesigen Becken Larven ausgesetzt und es wird, wenn die Garnelen ausgewachsen sind, geerntet. Das geht zwei bis drei Mal im Jahr“, sagt Gebhard.

    In Bokeloh sind sie schon jetzt schneller: sechs Wochen. „Im skalierten Maßstab wäre es alle zwei Tage möglich“, ist sich der Firmenchef sicher. Das liegt auch daran, wie die Anlage aufgebaut ist. Die Becken sind in Felder geteilt. Gebhard spricht lauter, um über die Pumpenmotoren und das Sprudeln der Wasserfilter gehört zu werden. „Wir haben mehrere Generationen – vom Larvenstadium bis zur erntereifen Garnele – in einem Becken.“ Die Larven züchten sie in der ehemaligen Waschkaue des Kaliwerks, um nicht abhängig von Importen aus den USA zu sein und die Kontrolle zu behalten.

    Das Wasser wird ununterbrochen umgewälzt und gefiltert. Die Anlage misst die Qualität und steuert automatisch. „Das ist hier Technologie meets Landwirtschaft“, sagt Gebhard. Die Garnelen fühlen sich offenbar wohl. Sie wachsen binnen dreieinhalb Monaten auf gut 15 Zentimeter Länge. Importgarnelen brauchen dafür dem Aquapurna-Chef zufolge in der Regel fünf bis sechs Monate. Und dann ist da diese Farbe der Tiere: Royalblau.

    Das hält sich auch nach der Ernte. Eiswasser, Stromstoß, dann geht es in die Endverarbeitung, eingebaut in ehemalige Garagen von Sigmundshall. Betreten für Unbefugte verboten. Hier gelten die strengen Regeln des Lebensmittelrechts. Zu kaufen gibt es die tiefgefrorenen Garnelen bisher in regionalen Geschäften unter der Marke Gamba Zamba. Wer im Gästehaus der niedersächsischen Landesregierung einquartiert wird, bekommt sie auch. Der Onlineshop ist gerade gestartet. Die Lehr- und Experimentierzeit ist jetzt vorbei.

  • Der teure Hype um die Extra-Proteine

    Sie werden beworben als der Stoff für mehr Muskeln, mehr Kraft, ja: mehr Schönheit und Gesundheit: Proteine, also Eiweiss. Früher zog da der allgemeine Werbeslogan der Lebensmittelindustrie „Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“, üblicherweise: das Steak. Heute, wo ein Übermaß an Fleisch als nicht gesund, der Verzehr vielen auch aus Tier- und Umweltgründen unbehaglich scheint, ist das anders. Es bleibt auch nicht bei Fisch. Heute türmen sich in den Supermärkten Heuschrecken-Riegel, Spirulina-Pulver, das Milchprodukt Skyr. Darauf Label wie: „High-Protein“, „Reich an Protein“, „Proteinquelle“. Ist das mehr als Marketing?

    Ohne Proteine geht es nicht, das ist außer Frage. „Der Mensch braucht sie“, sagt Antje von Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. Er baue mit den Proteinen Muskeln auf. Sie seien auch Grundbausteine von Knochen oder Bindegewebe und für viele lebensnotwendige Funktionen wie Blutgerinnung und Immunsystem unentbehrlich.

    Nur: Die Fitnessstudios hätten den Appetit auf eine Extra-Portion Protein geweckt, Pulver und Shakes angepriesen. Das war schon vor einigen Jahren. Dann sei dieser Trend im klassischen Lebensmittelhandel angekommen. Nun prange auf Produkten im Kühl-, im Müsli-, im Quengelwarenregal, in Supermärkten, in Drogerien das Etikett „Proteinquelle“. Diese Angabe dürften Produkte tragen, wenn mindestens 12 Prozent des Energiegehaltes aus Protein stammen, ab 20 Prozent sei auch der Aufdruck „High-Protein“ erlaubt. Für Verbraucher ist schwer zu erkennen, was taugt. Das Angebot aber lässt sich grob sortieren.

    Der Klassiker: Quark, ein tierisches Lebensmittel mit natürlicherweise hohem Proteingehalt, der heute gerne besonders beworben wird, auch wenn Veganer zu ihm genauso wenig greifen wie zum Steak. Immer öfter steht im Kühlfach daneben der Skyr. Das Milchprodukt kommt ursprünglich aus Island und wird als proteinreiche Alternative zu Joghurt gehandelt. Gegen Skyr sei nichts einzuwenden, sagt Gahl: „Als Naturprodukt ohne Frucht- und Zuckerzusatz ist er von den Nährwerten vergleichbar mit Magerquark und Magerjoghurt.“

    Die Herausforderer: Seit 2021dürfen die ersten Lebensmittel aus essbaren Insekten in der EU verkauft werden. Auf dem Speiseplan zum Beispiel erlaubt: Mehlwürmer, Wanderheuschrecken, Hausgrillen. Zu haben sind sie, so die Verbraucherzentralen, als ganzer Snack, in Schokolade oder Honig, verarbeitet als Insektenmehl in Nudeln oder eben in Proteinriegeln und -pulvern.

    Noch mag das vielen Menschen hierzulande nicht so recht schmecken. Doch gelten Insekten als Proteinquelle der Zukunft. Die Verbraucherzentralen erklären: „Werden Insekten gefriergetrocknet, erhöht sich deren Proteinanteil. So haben Mehlwürmer gefriergetrocknet einen Proteinanteil von 50,9 Prozent statt 18,7 Prozent frisch.“ Frisches Rindfleisch hingegen habe 22,3 Prozent, Schweine- und Hühnerfleisch 22,8 Prozent Eiweiß.

    Damit sind Insekten als Fleischalternative sehr interessant, zumal ihre Produktion als umweltfreundlicher gilt. Vorsichtig solle allerdings sein, wer allergisch auf Muscheln, Krebstiere oder Hausstaubmilben reagiert, erklärt Karen Ildico Hirsch-Ernst, Expertin des Bundesinstituts für Risikobewertung. Insekten hätten ähnliche Proteine. Darum sei auch ein Blick auf das Produkt entscheidend. Insekten müssen, sind sie in einem verpackten Lebensmittel enthalten, auf der Zutatenliste auftauchen.

    Die Unscheinbaren: Algen werden gern als echtes Kraftpaket angepriesen, als Protein-Star unter ihnen gilt Spirulina. Grundsätzlich wird unterschieden zwischen den winzig kleinen Mikroalgen und den großblättrigen Makroalgen. Zu letzteren gehören etwa die Rotalge Nori, die zu Blättern gepresst Sushi-Rollen zusammenhalten, die Braunalge Wakame, die die japanische Misosuppe würzt oder die Grünalge Ulva, also der Meeressalat. Die Spirulina ist eine Mikroalge. Sie wird als Nahrungs­ergänzung in Form von Tabletten, Presslingen, Pulver oder Flocken angeboten. Bei den Verbraucherzentralen allerdings heißt es: „Das prinzipiell hochwertige Eiweiß ist aufgrund der geringen Tagesmengen als Nahrungs­ergänzungsmittel (2 Gramm) bedeutungslos.“

    Ernährungsexpertin Gahl erklärt: „Ein Erwachsener braucht täglich etwa 0,8 Gramm Protein pro Kilogramm Körpergewicht, wer 68 Kilo wiegt, also 54 Gramm Protein pro Tag.“ Für diese Menge reichten über den Tag verteilt zum Beispiel zwei Scheiben Vollkornbrot mit Erdnussmus zum Frühstück, sie brächten 15 Gramm Protein, plus 250 Gramm Ofenkartoffeln mit 150 Gramm Quark zum Mittag, die 25 Gramm ausmachten, und am Abend dann 150 Gramm gegarte Linsen, so dass nochmal 14 Gramm hinzukämen.

    „Selbst Menschen, die aufgrund ihres Alters oder bei Leistungssport einen höheren Proteinbedarf haben, können ihn über herkömmliche proteinreiche Lebensmittel decken“, sagt Gahl. Darunter könnten dann auch eigentlich Altbekannte sein: Linsen oder Erbsen. Linsen und Erbsen hätten lange den Ruf eines Arme-Leute-Essen gehabt. Heute nicht mehr, mittlerweile würden Linsen selbst zu Nudeln verarbeitet.

    High-Protein-Produkte würden sogar ein Risiko bergen: Sie lieferten meist mehr Protein, als nötig sei. Der Körper baue überflüssiges Protein ab, der dabei entstehende Harnstoff müsse mit dem Urin ausgeschieden werden. Gesunden Erwachsenen schade das nicht, Menschen mit eingeschränkter Nierenfunktion aber schon. Viel Wasser zu trinken sei bei hoher Proteinzufuhr in jedem Fall wichtig. Das Geld für die Produkte, die mit der „Extra-Portion-Eiweiß“ beworben werden, lasse sich besser sparen. Gahl: „Ein Proteinporridge mit 28 Gramm Protein kostet zum Beispiel 1,40 Euro pro 100 Gramm. Bio-Haferflocken mit 13 Gramm Protein sind ab etwa 20 Cent für 100 Gramm zu haben.“

    Kasten: Proteine allein machen es nicht
    Nur Proteine zu sich nehmen? Für den Aufbau und Erhalt von Muskeln reicht das laut der Deutschen Gesellschaft für Ernährung nicht. Dafür müsse sich der Mensch auch bewegen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt pro Woche mindestens 2,5 Stunden moderat oder 1,25 Stunden intensive körperliche Aktivität auszuüben. (HG)

  • 328.577 Dollar pro Minute

    Welches die reichsten Familien der Welt sind

    328.577 Dollar oder umgerechnet 313.790 Euro sind schon eine ordentliche Menge Geld. Um diesen Betrag ist das Vermögen der reichsten Familie der Welt in diesem Jahr gestiegen – pro Minute, wie die US-Nachrichtenagentur Bloomberg berechnet hat. Insgesamt verfügten die Waltons demnach Anfang dieses Monats über 432,4 Milliarden Dollar, nach 259,7 Milliarden vor einem Jahr.

    Der Familie gehören gut 46 Prozent von Walmart, dem größten Einzelhändler der Welt mit rund 10.600 Filialen. Und sein Aktienkurs ist im Laufe des Jahres um gut 80 Prozent gestiegen. In der Folge überholte das Vermögen der Gründerfamilie wieder das der Al Nahyans, der Präsidentenfamilie aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, die mit ihren weitverzweigten Investitionen auf Rang zwei abrutschten – mit 323,9 Milliarden Dollar Vermögen (plus 18,9 Milliarden Dollar).

    Bloomberg untersucht jedes Jahr, welche Familien der Welt die reichsten sind. Die Experten betrachten nur Familien ab der Generation nach dem Gründer. Deshalb taucht zum Beispiel der US-Unternehmer Elon Musk ist dieser Liste nicht auf. Ebenfalls nicht dabei sind Einzelerben. Und Familien, bei denen zu unklar oder unübersichtlich ist, woher der Reichtum genau stammt, sind ebenfalls nicht erfasst.

    Die Liste ist nicht ganz genau, weil sich vor allem bei den Familien aus den arabischen Staaten nicht genau sagen lässt, wie reich sie wirklich sind. Bloomberg vermutet, dass ihr Vermögen deutlich höher liegt, als in der Liste angesetzt. Neben den Al Nahyans finden sich auch die Al Thanis (Katar, Rang 3) und die Al Sauds (Saudi -Arabien, Rang 5) auf der Liste. Alle Vermögen werden in Dollar umgerechnet, um sie vergleichen zu können.

    Insgesamt, so haben es die Experten errechnet, konnten die reichsten 25 reichsten Familien auf ein Vermögen von 2,5 Billionen Dollar, ein Plus von 406,5 Milliarden Dollar. Offenbar konnten ihnen Kriege, geopolitische Spannungen, Zölle oder ganz allgemein Unsicherheit nichts anhaben. Viele profitierten, weil die Aktienkurse in diesem Jahr gestiegen sind, besonders in den USA. Zusätzlichen Schub gab es, nachdem Donald Trump die Wahl zum US-Präsidenten gewonnen hatte. Die Investoren rechnen mit einem freundlicheren, weniger regulierten Umfeld für Unternehmen.

    Reichste deutsche Familie sind die Nachkommen von Karl und Theo Albrecht, den Gründern von Aldi Nord und Süd. Bloomberg fasst beide zusammen, auch wenn die Unternehmen getrennt sind. Das Vermögen stieg binnen Jahresfrist um 24,4 Prozent auf  60,2 Milliarden Dollar. Das reicht für Rang 12. Weder Aldi Nord noch Aldi Süd ist börsennotiert, aber die Geschäfte laufen offenbar gut.

    Etwas verloren haben die beiden anderen deutschen Familien unter den Top 25: Das Vermögen der Quandts, unter anderem Stefan Quandt und Susanne Klatten, die an BMW beteiligt sind, schrumpfte um 3,4 auf 46 Milliarden Dollar, Platz 18. Auf Rang 22 finden sich die Familien Boehringer und von Baumbach, verbunden unter anderem mit dem Pharmakonzern Boehringer Ingelheim. Das Familienvermögen sank in einem Jahr um rund 8,3 Milliarden Dollar auf 43 Milliarden Dollar.

    Die reichste europäische Familie kommt der Liste zufolge aus Frankreich. Die Erben von Thierry Hermès kommen auf 170,6 Milliarden Dollar Vermögen, knapp 20 Milliarden Dollar mehr als Ende 2023. Das reicht in diesem Jahr nur für Rang 4. Neu dabei sind die Ofers, Erben eines Reeders aus Israel. Inzwischen ist das Vermögen von 55,6 Milliarden Dollar breiter angelegt.

    Während Bloomberg das Vermögen der reichsten Familien betrachtet, konzentriert sich das US-Magazin Forbes auf einzelne Personen, unabhängig davon, ob Erbin oder Selfmade-Milliardär. Deren Vermögen lässt sich in Echtzeit auf der Forbes-Internetseite ansehen. Der reichste Mensch der Welt ist danach Musk, Großaktionär und Chef des Autobauers Tesla. Er profitiert gerade von einem Kursschub dank der Nähe zu Trump. Musk gehört auch die Mehrheit an SpaceX. Das Raumfahrtunternehmen ist nicht börsennotiert. Durch einen privaten Aktienverkauf stieg die Bewertung und machte Musk noch reicher. Zumindest auf dem Papier besaß er Forbes zufolge am Freitag, 13. Dezember, mittags 429,2 Milliarden Dollar. Allerdings ist das Geld vor allem in Aktien gebunden. Aber Musk ist natürlich sehr kreditwürdig, sollte er die eine oder andere Million zum Ausgeben brauchen.

    Auf Rang 2 der Forbes-Liste steht derzeit Amazon-Gründer Jeff Bezos mit 242,5 Milliarden Dollar vor Oracle-Gründer Larry Ellison (219,6 Milliarden Dollar). Mit Bernard Arnault, Großaktionär des französischen Luxusgüterkonzerns LVMH, folgt auf Rang 5 der erste Europäer (173,2 Milliarden Dollar). Reichster Deutscher ist demnach Spediteur Klaus-Michael Kühne mit 37 Milliarden Dollar auf Rang 46.

  • Inflation und Lebkuchen

    Backen wird dieses Jahr teurer? Nicht unbedingt

    Für Gebäckfans ist der Dezember die beste Zeit des Jahres. Schließlich muss nicht erklärt werden, warum jedes Wochenende große Mengen Heidesand, Lebkuchen, Makronen oder Engelsaugen gebacken werden. Und Dominosteine. Bevor die Ausstechformen hervorgeholt werden, lohnt sich ein Blick zum Statistischen Bundesamt – manche Zutaten haben sich drastisch verteuert. Fünf beliebte Kekssorten im Preischeck:

    Dominosteine: Sie sind aufwändig und auf den ersten Blick deutlich günstiger als im vergangenen Jahr. Mehl, wesentlicher Bestandteil, kostet gut 6,7 Prozent weniger als im November 2023. Zucker ist sogar im Schnitt 23 Prozent billiger. Die Rübenernte in der EU war in diesem Jahr sehr gut, weshalb mehr Zucker angeboten als nachgefragt wird. In der Folge senkten die Hersteller die Preise. Wer Gewürze und Honig kaufen muss, gibt ebenfalls weniger aus. Dennoch sind Dominosteine dieses Jahr kein Schnäppchen. Marzipan ist teurer, weil die Weltmarktpreise für Mandeln gestiegen sind. Und dann ist da die dicke Schokoladenhülle.

    Der Preis des Rohstoffs Kakao hat sich binnen eines Jahres mehr als verdoppelt. Im November 2023 kostete die Tonne noch knapp über 4000 Dollar (3800 Euro), derzeit wird sie am Terminmarkt zu mehr als 10.000 Dollar gehandelt, Tendenz steigend. Ghana und Elfenbeinküste, die gut zwei Drittel allen Kakaos der Welt liefern, kämpften mit Trockenheit, Starkregen und Pflanzenkrankheiten. Nach der dritten Missernte in Folge ist das Angebot gering, die weltweite Nachfrage aber hoch. Und so steigen die Preise für Schokolade und Kuvertüre.

    Urteil: Teurer

    Elisenlebkuchen: Auch hier macht die Schokolade den Unterschied. Wer diese Lebkuchen mit Kuvertüre überziehen möchte, dürfte deutlich mehr ausgeben als 2023. Fans einer Zuckergussschicht hingegen können die Leckerei wohl billiger als vor einem Jahr backen. Wobei gemahlene Nüsse, wichtiger Bestandteil, übers Jahr um mehr als drei Prozent teurer geworden sind, weil zum Beispiel die Mandel- und Haselnussernte wegen des Wetters mancherorts schlecht ausgefallen ist. Und auch Eier kosten 1,3 Prozent mehr.

    Urteil: Für Schokofans teurer

    Kokosmakronen: Hier kommt es sehr aufs Rezept an und ob man lieber zum Beispiel Bioeier (teuer) oder Eier aus Bodenhaltung (billig) verwendet. Geraspelter Kokos hat sich um die 3,8 Prozent verteuert, 200 Gramm kosten zum Beispiel 1,59 Euro, sechs Cent mehr als vor einem Jahr. 180 Gramm Zucker sind für rund 0,30 Euro zu haben, acht Cent billiger als im November 2023. Eier kosten im Schnitt 1,3 Prozent mehr, was bei drei Freilandeiern und 0,78 Euro etwa zwei Cent mehr macht. Die Kosten gleichen sich aus. Weil Vanillezucker günstiger als vor einem Jahr ist, sind die Makronen in diesem Rechenbeispiel billiger als im November 2023.

    Urteil: Billiger

    Heidesand: Nur drei oder vier Zutaten sind im Rezept für die runden Taler nötig. Zucker ist günstiger, Mehl ebenfalls, Eier sind etwas teurer, können aber auch weggelassen werden. Was den Keks in diesem Jahr zum sehr teuren Keks macht, ist Butter. Und ohne die geht es nicht. Satte 38,9 Prozent kostet das Streich- und Backfett binnen Jahresfrist mehr.

    Das hat mehrere Gründe: zum einen Käse. Weil immer mehr nachgefragt wird und der Handel mehr an Käse verdient als an Butter, wird das Fett der Milch eher zu Käse als zu Butter verarbeitet. Zum anderen ist da die Jahreszeit. Im Herbst und Winter ist die Milch magerer. Und dann wirkt noch ein Trend: Die Bauern halten weniger Milchkühe, weil sie in den vergangenen Jahren bei hohem Aufwand wenig verdient haben.

    Eine Alternative zur Butter: Margarine. Sie verbilligte sich um zwei Prozent. Allerdings leidet der Geschmack des Heidesands mit dieser Zutat doch sehr.

    Urteil: Teurer

    Engelsaugen: Der letzte Keks im Test ist nicht ganz so mürbe und enthält zum Beispiel Himbeermarmelade oder Johannisbeergelee. Noch im Sommer fürchteten Obstbauern wegen des teils kalten und feuchten Wetters im Frühjahr eine schlechte Ernte. Dennoch haben die Statistiker ermittelt, dass Konfitüren und Ähnliches derzeit 2,8 Prozent günstiger sind als vor einem Jahr. Möglicherweise hat der billigere Zucker die steigenden Fruchtpreise ausgleichen können.

    Sehr wahrscheinlich ist allerdings, dass die Marmeladenhersteller Früchte auch im Ausland eingekauft haben und so die Knappheit in Deutschland umgehen konnten. Außerdem traf es die deutschen Anbauregionen unterschiedlich. Aber vielleicht steht im Keller ohnehin noch ein Glas Marmelade aus eigenen Gartenfrüchten.

    Also: Zucker günstiger, Mehl und Marmelade auch, Eier etwas teurer. Was die Engelsaugen deutlich verteuert ist wieder die Butter.

    Urteil: teurer, aber lecker

    Bleibt noch die Frage, ob der Backofen mit Gas oder Strom läuft. Gas hat sich binnen Jahresfrist im Schnitt um 2,5 Prozent verteuert. Für die, die mit Strom backen, haben die Statistiker eine gute Nachricht: Die Kosten liegen 4,1 Prozent niedriger als im vergangenen Jahr. Das ist allerdings ein Durchschnittswert, regional und je nach Versorger können sich die Preise für Gas und Strom anders entwickelt haben.

    Derartig die Kosten von Keksen zu berechnen, ist sehr kleinteilig, gar kleinkariert? Kann sein. Tatsächlich geht es auch um die Freude am Backen, gern gemeinschaftlich. Da sind ein paar Cent mehr oder weniger unwichtig. Und selbstgemacht sind Kekse ohnehin am besten.

  • Hilfreich

    Kommentar zur EZB-Zinssenkung

    Europas Zentralbanker haben es schon wieder getan. Während die US-Notenbank in diesem Jahr eher abwartet, hat die Europäische Zentralbank die wichtigen Leitzinsen zum vierten Mal gesenkt, an denen sich auch die Verzinsung von Sparkonten orientiert. Was Sparer belastet, ist für die deutsche Wirtschaft hilfreich.

    Zuletzt ist die Inflation, die die EZB bekämpft, in Deutschland und der Euro-Zone wieder gestiegen. Die Zentralbanker hätten demnach die Zinsen anheben müssen. Doch sie schauen nicht nur auf die Monatsraten, sondern betrachten längere Zeiträume. 2024 soll die Inflation im Währungsraum übers Jahr gesehen bei 2,4 Prozent liegen, 2025 nur noch bei 2,1 Prozent, 2026 bei 1,9 Prozent. Ziel der EZB sind 2,0 Prozent. Die Richtung stimmt. Da ist es nicht so wichtig, wenn die Monatsraten einmal steigen.

    Leidtragende sind all jene, die Geld auf einem Tagesgeldkonto liegen haben oder es neu für ein oder zwei Jahre festlegen wollen. Die Banken werden die Guthabenzinsen dort senken. Vorteile hat der Zinsschritt für diejenigen, die Kredite aufnehmen wollen. Sie werden – etwas verzögert – günstiger. Das erfreut etwa die, die eine Wohnung kaufen wollen und jetzt billiger finanzieren können. Sinkende Leitzinsen sind aber auch eine gute Nachricht für Euro-Länder, die schwächeln. Deutschland zum Beispiel. Denn Unternehmen zahlen weniger für neue Kredite, was sie vielleicht dazu bringt, mehr zu investieren als bisher – in Ideen, Forschung, Fabriken, Absatzmärkte.

    Dass sie es wirklich tun, ist aber nicht garantiert. Denn billiges Geld allein, liefert keinen Aufschwung. Der politische Rahmen muss klar sein, da hakt es in Deutschland gerade. Und die wirtschaftlichen Aussichten müssen stimmen. Auch hier sieht es für deutsche Firmen je nach Branche nicht so rosig aus. Die Welt bestellt gerade weniger deutsche Waren und Dienstleistungen. Der Zinsschritt der EZB kann helfen, doch ohne politische Initiative und unternehmerischen Einsatz bewegt sich nur sehr wenig.

  • Europa gewinnt

    Beste und schlimmste Städte zum Leben und Arbeiten

    Steigende Preise, politisches Hickhack und auch noch trübes Wetter: Gerade denkt vielleicht der ein oder die andere darüber nach, ins Ausland umzuziehen. Zumindest für diejenigen, die am Schreibtisch arbeiten, bieten Computer, Internet und Videokonferenzen gute Chancen. Nur wohin? Die Unternehmensberater der US-Firma Mercer untersuchen jedes Jahr die Lebensqualität von Städten weltweit. Wer jetzt an Karibik, US-Westküste oder Asien denkt, wird enttäuscht: Ganz oben auf der aktuellen Liste stehen acht europäische Städte.

    An der Spitze liegt in diesem Jahr Zürich. Die Experten berichten von herausragenden Bürgerdiensten, niedriger Kriminalitätsrate, einer lebendigen Kulturszene. Dazu komme eine effiziente Infrastruktur und ein hohes Maß an Nachhaltigkeit. Auf Rang zwei folgt Wien. Vergangenes Jahr lag Österreichs Hauptstadt noch auf Rang 1. Auf dem dritten Platz findet sich Genf. Und in die Top Ten schafften es mit Bern und Basel noch zwei weitere Städte aus der Schweiz.

    Weit oben hielt sich auch Kopenhagen. Amsterdam stieg in die Top Ten auf und verdrängte München. Für die Bayern reichte es nur zu Rang 11. Lebenswerteste deutsche Stadt ist den Beratern zufolge allerdings Frankfurt auf Rang 7. Ebenfalls in den Top 20 sind Düsseldorf (16) und Berlin (19). Wer es gern etwas abgelegener hat, kann sich vielleicht mit Auckland in Neuseeland anfreunden. Aus Nordamerika schaffte es nur die recht weit nördlich gelegene kanadische Stadt Vancouver in die Topliste.

    Kanada, Europa, Australien – so geht es weiter bis mit Singapur auf Rang 30 die erste asiatische Stadt kommt. Und die USA? Die Stadt mit der besten Lebensqualität ist danach Boston auf Rang 32, vor Paris und hinter Toulouse im Südwesten Frankreichs. Dubai, zuletzt vor allem bei Influencern und dem ein oder anderen Prominenten beliebt, liegt in der Liste auf Rang 83, hinter Bratislava in der Slowakei und vor Vilnius, der Hauptstadt von Lettland.

    Die Experten von Mercer untersuchten insgesamt mehr als 450 Großstädte weltweit. 241 schafften es auf die Liste. Bewertet wurden 39 Einzelpunkte, die unter anderem politische Stabilität, Gesundheitssystem, Infrastruktur, Straßen, Internetzugang und Mobilfunk, das gesellschaftliche Miteinander und das Angebot an Kunst und Kultur widerspiegeln. Auch die Wohnsituation, Reisemöglichkeiten, Verkehr, Luftqualität, Wirtschaftslage und Wachstumschancen fließen ein. Die Berater erstellen die Liste jährlich.

    Gute Bildung, Straßen und Verwaltung, schnelles Internetz, viel Grün und ein entspanntes Lebensgefühl sind allerdings nicht alles. Denn da sind noch die Lebenshaltungskosten. Und die sollte man vor allem beachten, wenn man einem Umzug zum Beispiel nach Zürich erwägt. In der Untersuchung von Mercer werden die Lebenshaltungskosten der größten Stadt der Schweiz nur noch von denen in Hongkong und Singapur übertroffen. Mit einem deutschen Gehalt in Zürich wohnen und leben zu wollen, ist mindestens sportlich.

    Viele der lebenswertesten Städte der Mercer-Liste sind auch besonders teuer: Bereits im Sommer untersuchten die Berater die Kosten von mehr als 200 Produkten und Diensten, etwa, was die Menschen in den jeweiligen Städten weltweit für Miete, Lebensmittel, Restaurants, Kleidung, Nahverkehr ausgeben müssen. Unter den zehn teuersten Städten waren Zürich, Genf, Basel und Bern – alle auch oben auf der Lebenswert-Liste. Teuerste Stadt in Deutschland ist demnach auf Rang 31 übrigens Berlin.

    Und welche Städte sollten alle, die vielleicht darüber nachdenken, aus dem Ausland zu arbeiten, nicht ansteuern? Besonders schlecht werten die Berater von Mercer die Lebenssituation vor allem in Afrika. Unter den Flop Ten finden sich neben Port-au-Prince in Haiti und Bagdad im Irak auch Tripolis (Libyen), Ouagadougou (Burkina Faso) und ganz am Ende die sudanesische Hauptstadt Khartum. In dem bitterarmen Land tobt ein Bürgerkrieg. Kurios: Bangui in der Zentralafrikanischen Republik gehört zu den Städten mit der schlechtesten Lebensqualität und hat gleichzeitig überraschend hohe Lebenshaltungskosten (Rang 14).

  • Wenn der Roboter die Regale bringt

    ZU Besuch im modernsten Logistikzentrum Amazons

    Von außen wirkt das grau-blaue Gebäude im Nordosten Erfurts unscheinbar, zumal es an diesem Nachmittag noch nieselt und der Wind kalt von der nahen Autobahn herüberweht. Doch im Innern ist der neueste Stand der Logistik zu sehen. Regale, Roboter, ein ausgeklügeltes Steuersystem und einiges an Chaos helfen dem Online-Händler Amazon hier, schneller und effizienter als die Konkurrenz zu sein.

    Der Clou: Die Lagerregale kommen zu den Beschäftigten, die die Bestellungen der Kunden bearbeiten. Früher war es umgekehrt. „Die Technik macht es für die Mitarbeiter einfacher“, sagt Silvana Specht, die den Standort, ERF 1 genannt, leitet. Die Laufwege entfielen im Vergleich zum klassischen Logistikzentrum mit langen Regalreihen. „Das übernehmen die Transportroboter. Die Mitarbeiter arbeiten an festen ergonomischen Arbeitsstationen.“

    ERF 1 ist eines von zwölf Robotik-Logistikzentren Amazons in Deutschland und das größte und modernste des Konzerns in Europa. 80.000 Regale und 3600 Roboter auf drei Etagen, dazu insgesamt 15,4 Kilometer Transportbänder, vor allem im Erdgeschoss, wo Waren angeliefert und Pakete versandt werden. Und alles wartet darauf, dass die Kunden in Berlin, Bremen, Dresden Hamburg, Frankfurt, Mainz oder München per Mobiltelefon oder Computer Waren bestellen.

    Specht steht auf Etage 2 an einer der Arbeitsstationen. Bildschirm, Scanner, mehrere schwarze Kisten. Und eine Lücke im Zaun, der sich mehr als zwei Meter hoch um den gesamten Innenraum der Etage zieht. Hinter dem Zaun beginnt das Reich der Roboter und Regale, das, was dieses Logistikzentrum so besonders macht. Betreten streng verboten. Der Mensch brächte zu viel durcheinander. Um zu verstehen, was hinter dem Zaun passiert, ist ein kurzer Blick auf die einzelnen Elemente nötig.

    Das System: Es ist das Gehirn der Anlage. Es weiß, was wo gelagert ist, steuert die Roboter, passt sich immer wieder an, je nach Bestellungen, neuer Ware, Zahl der Roboter im Einsatz. „Das System organisiert sich selbst“, sagt Ahmad Khan, Bereichsleiter Technik. „Wir Techniker schauen permanent, dass die Technologie funktioniert.“

    Die Regale: Sie haben einen quadratischen Grundriss, sind vielleicht 2,5 Meter hoch, auf allen vier Seiten mit Waren gefüllt und stehen auf hohen Füßen. Dicht an dicht reihen sie sich auf der riesigen Fläche innerhalb des Zauns aneinander. Insgesamt knapp 25.000 Stück stehen hier je Etage. Jedes Regal, jedes Fach ist mit einem QR-Code versehen. Vollbepackte Regale können schon mal 450 Kilogramm wiegen.

    Die Roboter: Sie ähneln zu groß geratenen Staubsaugerrobotern, sind mit rund 140 Kilogramm aber deutlich schwerer. Amazon hat sie selbst entwickelt. Sie können bis zu 480 Kilogramm heben, auf der Stelle wenden und fahren im Schnitt Tempo 6, nicht ganz zwei Meter pro Sekunde. Die Akkus erlauben gut sechs Stunden Fahrzeit. Und auch die Ladezeit von vier Minuten von 30 auf 80 Prozent zeigt, dass die Geräte nur entfernt mit Saugrobotern zu tun haben. In Erfurt sind sie seit Anfang Mai im Einsatz, als ERF 1 offiziell eröffnet hat.

    Die Lagerflächen: Hier stehen die Regale in Blöcken. Dazwischen gibt es lange freie Straßen, sogenannte Highways, Autobahnen, auf denen die Roboter die Regale durch die Halle transportieren können. Auf je gut acht Fußballfeldern Fläche lagern auf den Etagen 1 bis 3 Waren, selbst mit einem Blick entlang eines Highways ist die Größe nicht zu begreifen. „Das ist wie ein ganz großes Schachbrett, auf dem jedes Feld einen QR-Code hat“, sagt Khan. Die quadratischen Codes sind auf den Boden geklebt. „So weiß der Roboter immer, wo er ist.“ Die Struktur wandelt sich ununterbrochen, weil die Roboter Regale abholen, umparken, abstellen. Nur das System hat einen Überblick.

    Wie kommen die Waren in die Regale? Im Erdgeschoss liefern Lastwagen große Pakete an. Sie werden ausgepackt, die Waren in schwarze Plastikkisten gelegt. Alles, was in ERF 1 eingelagert wird, ist höchstens so groß wie eine Microwelle, meist kleiner. Für Waschmaschinen oder Staubsauger sind andere der insgesamt 23 deutschen Amazon-Logistikzentren zuständig. Ein Transportband bringt die schwarze Kiste – insgesamt sind rund 40.000 hier im Einsatz – nach oben zu einer Arbeitsstation. Dort fährt ein Roboter ein Regal an der Lücke vor. Die Mitarbeiterin an der Station scannt den Artikel, legt ihn ins Fach, scannt den QR-Code des Faches. Jetzt weiß das System, wo der Artikel ist. Der Roboter taucht mit dem Regal dezent pfeifend in die Tiefe der Etage ab.

    Eingelagert wird nach dem Prinzip Chaos. „Da kann Zahnpasta zwischen Plüscheinhörnern und einem Wasserkocher liegen“, sagt Standortleiterin Specht. Und: Die gleiche Zahnpasta könne an unterschiedlichen Stellen in mehreren Etagen lagern. „So sind wir schneller, als wenn die Zahnpasta an einem einzigen Ort in Etage 2 läge.“ Die Wege wären dann länger, manche Bestellungen nur mit Waren aus verschiedenen Etagen zu bestücken. Auch das kostet Zeit.

    Bestellt jemand jetzt ein Plüscheinhorn und einen USB-Stick, läuft sehr vereinfacht Folgendes: Das System nimmt die Bestellung an. Es weiß, in welchen Regalen auf welcher Ebene die Kuscheltiere liegen und wo sich USB-Sticks befinden. Es stellt fest, welches der Regale bald frei steht und abholbereit ist. Es schickt zwei Roboter los, die pfeifend einen Highway entlangflitzen, an den richtigen Ecken abbiegen, unter die Regale fahren, sie anheben und dann zu einer Arbeitsstation bringen.

    Zum Beispiel zu der auf Etage 2, an der Standortleiterin Specht steht. Dort erscheint der Auftrag auf dem Computerschirm. Das Regal fährt vor, das Fach mit dem Plüscheinhorn wird beleuchtet. Der Mitarbeiter an der Station nimmt das Tier, scannt es und legt es in die zum Auftrag gehörende schwarze Kiste. Dann kommt das zweite Regal mit dem Stick. Nehmen, scannen, ab in die Kiste, die dann per Band zur Packstation ins Erdgeschoss fährt. Die Roboter parken derweil die Regale irgendwo im System.

    Ganz ohne Menschen geht es also nicht. 2000 Beschäftigte aus 70 Nationen arbeiten hier. Gearbeitet wird in zwei Schichten von 9 bis 5 Uhr, vier Tage die Woche bei 40 Stunden. In den Morgenstunden pausieren auch die Roboter und Transportbänder, wird das System gewartet. Jetzt in der Vorweihnachtszeit allerdings surrt, pfeift und brummt es rund um die Uhr, helfen 150 Studenten aus, die Bestellmenge zu bewältigen.

    Einmal von Hand eingepackt, laufen die Pakete im Erdgeschoss über Bänder, werden automatisch mit Adresse beklebt und nach Postleitzahlen vorsortiert. Zum Schluss werden sie in Container verladen. Rund 500.000 Artikel verlassen täglich ERF 1. Lastwagen bringen die Container in ein Amazon-Verteilzentrum. Und von dort aus wird dann zugestellt – persönlich.

  • Ende der Billigvorwahlen

    Call-by-Call wird nach 27 Jahren abgeschaltet

    Ein äußerst beliebtes Verfahren zum günstigen Telefonieren wird abgeschaltet. Zum Jahresende 2024 ist Call-by-Call nach mehr als 25 Jahren Geschichte. Wir erklären, was hinter dem Aus steht und wie Kunden sich jetzt verhalten sollten.

    Was ist Call-by-Call?

    Hinter dem englischen Begriff (etwa von Anruf zu Anruf) steckt ein Verfahren, mit dem man über einen anderen Anbieter telefonieren kann als denjenigen, der das Telefon angeschlossen hat. Bis 1997 stellte in Deutschland im Wesentlichen die Deutsche Telekom als Monopolist die Anschlüsse und das Netz bereit. Sie kassierte auch die Telefongebühren. Call-by-Call eröffnete anderen Anbietern die Chance, das Festnetz der Telekom zu nutzen, aber günstigere Tarife anzubieten. Der Bundestag hatte die Gesetze entsprechend geändert. Ziel war, das Monopol der Telekom zu brechen und mehr Wettbewerb zuzulassen. In der Folge sollte Telefonieren günstiger und besser werden. Das Verfahren galt zunächst nur für Fern-, später dann auch für Ortsgespräche.

    Wie funktionierte das Verfahren?

    Um günstig über einen Call-By-Call-Anbieter zu telefonieren, musste man vor der normalen Nummer die fünf- oder sechsstellige Vorwahl des entsprechenden Anbieters wählen (010xy oder 0100xy) oder eine entsprechende Nummer fest voreinstellen. Dann lief das Gespräch zu dessen Konditionen. Abgerechnet wurde meist über die Telefonrechnung der Telekom.

    Warum waren die Telekom-Konkurrenten so günstig?

    „Die alternativen Anbieter konnten ihren Kunden vor allem durch effiziente und schlanke Strukturen einen äußerst günstigen Minutenpreis anbieten“, sagt Frederic Ufer, Geschäftsführer des VATM. In dem Verband sind die Konkurrenten der Telekom organisiert. „Dazu kauften sie zu einem regulierten Minutenpreis bei der Deutschen Telekom ein und gaben diesen mit einem minimalen Aufschlag an ihre Kunden weiter. Attraktiv wurde dieses Geschäftsmodell durch das große Kundeninteresse und entsprechend hohe Margen.“ Den regulierten Preis setzte die Bundesnetzagentur fest.

    Warum wird Call-by-Call abgeschaltet?

    Weil Call-by-Call sehr erfolgreich war, ist es jetzt überflüssig. Nach Zahlen der Bundesnetzagentur fiel der Preis pro Minute Ferngespräch von 30,5 Cent tagsüber 1997 binnen sieben Jahren auf 1,7 Cent. Für Auslandsgespräche sank er in der Zeit von 50 auf unter zwei Cent. 2004/5 nutzten die Kunden für gut ein Drittel aller Gesprächsminuten über das Festnetz eine Call-by-Call-Nummer, 2023 waren es nur noch 1,56 Prozent. Zudem setzten sich zunehmend Pauschaltarife, sogenannte Flatrates, durch: Im Monatspreis sind dabei unbegrenzt Freiminuten enthalten. Das macht Call-By-Call unattraktiv. Bereits 2019 hatte die Bundesnetzagentur die Telekom aus der Regulierung entlassen, der VATM handelte mit dem ehemaligen Monopolisten dann noch Verträge aus. Die letzte Verlängerung endet am 31. Dezember um 23.59 Uhr.

    Was passiert, wenn ich am 1. Januar eine Call-by-Call-Vorwahl nutze?

    Die entsprechenden Anbieter, zuletzt waren es um die 50, schalten ihre Vorwahlnummern ab. Wer eine der Nummern wählt, „wird per Telefonansage darüber informiert, dass dieser Dienst nicht mehr zur Verfügung steht“, sagt VATM-Geschäftsführer Ufer. Gespräche werden nicht mehr verbunden. Die Telekom empfiehlt deshalb, die Call-by-Call-Vorwahlen aus dem Telefonbuch des Telefons, des Internetrouters oder der Telefonanlage zu löschen. Direkte Gespräche ohne die besonderen Vorwahlen sind wie üblich möglich – zu Telekom-Konditionen.

    Und jetzt?

    Überprüfen Sie Ihren Telefonvertrag. Sie sollten ohnehin alle paar Jahre schauen, ob die Konditionen noch die richtigen für Sie sind. In manchen sehr alten Verträgen aus Bundespost-Zeiten ist noch eine Telefonmiete vereinbart, die weiterläuft, solange man den Vertrag nicht kündigt – unabhängig davon, ob man tatsächlich noch ein Bundespost-Tastentelefon nutzt. Und wenn, sollte es inzwischen abbezahlt sein. Sowohl die Telekom als auch Konkurrenten wie Vodafone, 1&1 und Kurpfalztel bieten Verträge mit Pauschalpreisen für Telefonate ins Festnetz und auch ins Mobilfunknetz an. Oft eingeschlossen sind einzelne Nummern ins Ausland, die man dann kostenlos anrufen kann – etwa die Nummer der Tochter in Straßburg oder des Enkels in Rom. Möglicherweise lässt sich bei Bedarf auch für weitere Auslandsnummern ein Pauschalpreis aushandeln. Manche Verträge verknüpfen zudem Telefon, Internet und Fernsehen, was insgesamt günstiger sein kann, als einzelne Verträge abzuschließen.

    Welche anderen Möglichkeiten gibt es?

    Manchmal rechnet es sich auch, nur ein Mobiltelefon zu nutzen und ganz auf das Festnetz zu verzichten. Viele Mobilfunkfirmen bieten dafür Pauschalraten. Zudem ist man immer und überall unter derselben Nummer erreichbar. Moderne Mobiltelefone können allerdings mehrere hundert Euro kosten. Dann gibt es noch verschiedene Programme, die auf Computer, Tablet und Mobiltelefon laufen, und über die man kostenlos telefonieren kann, sogenannte Kurznachrichtendienste wie Whatsapp, Telegram, Signal und Facetime etwa. Dafür ist ein Internetzugang nötig. Zudem lassen sich Videotelefonate über Programme wie Teams, Webex oder Zoom führen – von Mannheim nach Heidelberg oder rund um den Globus, immer kostenlos. Nicht alle lassen Dauer(video)telefonate zu: Manche dieser Programme beschränken, wie lange man sie nutzen kann.

  • Telefon als Bargeldbörse

    Der digitale Euro nimmt langsam Formen an

    Es klingt sehr einfach. Der Euro wird digital, steckt statt in der Geldbörse in einer Wallet auf dem Mobiltelefon. Brötchen beim Bäcker lassen sich damit ebenso bezahlen wie Blumen oder die Tankfüllung – anonym, sicher, zuverlässig und überall in der Euro-Zone. Die Europäische Zentralbank arbeitet an dem Prestigeprojekt, das noch einige Tücken hat, vor allem technische und politische. Und insgesamt ist unklar, ob die Europäer den digitalen Euro überhaupt haben wollen.

    Verhandelt wird schon länger. Seit 2021 beschäftigen sich Experten damit, die Gemeinschaftswährung ins Digitale zu bringen. Im Juni 2023 schlug die EU-Kommission ein entsprechendes Gesetz vor, ohne das nichts geht. Seither ist politisch wenig passiert. Der Rat der Finanzminister muss sich damit beschäftigen, das EU-Parlament ebenfalls. Die EU-Wahl hat das Verfahren zusätzlich ausgebremst. Die neue Kommission will jetzt beschleunigen.

    Immerhin bereitet sich die Europäische Zentralbank (EZB) schon auf den digitalen Euro vor. Er wird eine Art Bargeld, nur eben virtuell. Eingeführt werden soll er, weil die Verbraucherinnen und Verbraucher zunehmend digital bezahlen. Dabei dominieren bisher US-Firmen wie die Kreditkartenunternehmen Mastercard und Visa oder Bezahldienste wie Apple Pay, Google Pay und Paypal. Deshalb will die EZB eine schnelle, sichere europäische Möglichkeit anbieten, um digital zu bezahlen.

    Nach jetzigem Stand soll der digitale Euro in eigene Wallets (englisch für Geldbörse) der Banken- und Sparkassen-Apps für Mobiltelefone gesteckt werden. Für Kreditinstitute, die keine eigene Banking-App haben, will die EZB eine entsprechende Software bereitstellen – was nicht alle Geschäftsbanken gut finden, verlieren sie doch etwas Kontrolle.

    Klingt sehr technisch? Ist es nicht. Wer bisher schon mit seinem Mobiltelefon bezahlt, weil er eine Karte etwa bei Apple oder Google Pay hinterlegt hat, weiß wie es geht: Karte am Telefon aufrufen, Telefon an Bezahlterminal im Geschäft halten, fertig. Nur, dass eben dann nicht von einem Konto abgebucht, sondern bar bezahlt wird, virtuell ohne Scheine und Münzen. Dass das Telefon wie eine Bargeldbörse funktioniert, macht es zusätzlich kompliziert, schließlich muss zum Beispiel Geldwäsche ausgeschlossen werden. Und es muss klar sein, dass das digitale Bargeld auch wirklich echt ist.

    Umstritten ist bisher vor allem, wie viel digitales Bargeld jeder virtuell einstecken darf. Sind es 500 Euro oder doch 3000 Euro? Und wer legt das fest, die EZB oder die EU als Gesetzgeber? Immerhin: Die Summe soll pro Person gelten, was alles komplizierter macht. Hat jemand mehrere Konten, muss das System erkennen, wenn die Grenze überschritten ist. Klar ist bereits: Bekommt jemand mehr digitale Euro, als er oder sie halten darf, wird das Geld automatisch auf einem vorher genannten Konto gut geschrieben.

    Nötig für den digitalen Euro ist eine einheitliche europäische Lösung, die es so bisher nicht gibt – ein riesiges europäisches IT-Projekt. Den Kern, die Zahlungsabwicklung, sollen EZB und nationale Zentralbanken selbst programmieren, für viele andere Elemente wie App und Betrugskontrolle sind Angebote eingeholt, die gerade geprüft werden. Im Frühjahr 2025 soll klar sein, wer an der Lösung mitarbeiten darf. Von Herbst an wollen alle bereit sein. Gestartet wird, sobald die EU das Gesetz dafür vorlegt.

    Digitale Währungen gibt es unter anderem in Nigeria und in China. Dort haben sich allein mehrere hundert Millionen Nutzer die entsprechende App heruntergeladen. Wie stark der digitale Renminbi tatsächlich genutzt wird, ist unklar. Offiziell handelt es sich offenbar um eine breit angelegt Pilotphase. In China sind die Bezahl-Apps Alipay und Wechat Pay sehr weit verbreitet, digitales Geld der Zentralbank muss sich da im Wettbewerb erst beweisen.

    Und auch deshalb sind nach Ansicht der EZB noch viele Diskussionen in Europa nötig, um überraschende Risiken zu verhindern und alle Vorzüge zu erkennen. Tests laufen, eine großangelegte Umfrage wird vorbereitet. Denn bei all dem Aufwand ist immer noch unklar, ob die Europäer das neue unsichtbare Geld auch nutzen werden.

  • Selbstheilende Solarzellen

    Perowskit könnte teures Silizium ersetzen

    Wie ein Wunderstoff sieht es nicht aus. Das dünne Glas, das Felix Lang hält, ist schwarz beschichtet, etwa 2,5 mal 2,5 Zentimeter groß. Unspektakulär. Doch für den Physiker der Universität Potsdam ist es ein Modell einer innovativen Solarzelle, die das Zeug hat, die Stromversorgung im All zu revolutionieren und in der Folge wohl auch die auf Erden zu verändern.

    Der Stoff heißt Perowskit. Lang glaubt, dass er sich ideal für Solarpaneele im Weltraum eignet. Er ist günstig, unempfindlich, lässt sich leicht verarbeiten und hat einen besseren Wirkungsgrad als klassisches Silizium. Und Perowskit spart, gedruckt auf Folie, Gewicht – kritisch bei der ziemlich beschränkten Last, die eine Rakete ins All befördern kann. Und sollte es dort funktionieren, könnte es auch auf der Erde in großem Stil eingesetzt werden. Ähnlich wie Solarpaneel an sich, die zunächst für die Raumfahrt entwickelt wurden.

    Den irdischen Markt für Solarzellen schätzen Analysten von Fortune Business Insights für 2024 auf rund 400 Milliarden Dollar mit Wachstumsraten von gut 25 Prozent bis 2032. Perowskit könnte alles noch beschleunigen und die Energieausbeute verbessern. Der 34-jährige Lang ist einer, der das Thema am Institut für Physik und Astronomie in Potsdam vorantreibt. Dafür hat die Volkswagenstiftung im Zuge eines Freigeist-Stipendiums 1,8 Millionen Euro über fünf Jahre bereitgestellt.

    Perowskit wurde erstmals im 19. Jahrhundert im Ural gefunden und nach dem russischen Adligen und Staatsmann Lew Alexejewitsch Perowski benannt. Es ist ein Kristall mit einer charakteristischen würfelartigen Struktur und besteht aus einem Gemisch verschiedener Salze. Die Struktur ist das Besondere. „Perowskit ist ein bisschen wie Wackelpudding“, sagt Lang. „Die Atome sind in Gittern angeordnet, können sich aber bewegen.“

    Das macht es als Material besonders fürs All interessant, wo es starke Strahlung gibt, die vieles zerstört – herkömmliche Solarzellen zum Beispiel. „Strahlung kann chemische Bindungen brechen und Atome aus ihrer perfekten Kristall-Ordnung schlagen“, sagt Lang. „In Silizium gibt das einen Defekt. In Perowskit bewegt sich das Atom zurück. Die Solarzelle heilt sich praktisch selbst.“

    Weitere Vorteile: Es ist recht unempfindlich gegen Kälte, hält Temperaturen bis minus 193 Grad Celsius aus. Und es funktioniere auch im dreckigen Zustand, sagt der Experte. „Selbst wenn man beim Mischen der Perowskit-Grundstoffe zehn Prozent von den idealen Mengen abweicht, hat die Solarzelle aus dem Material immer noch 26 Prozent Wirkungsgrad.“ Effiziente Silizium-Solarzellen dürften nur weniger als 0,0001 Prozent verunreinigt sein.

    Ganz entscheidend ist bei Solarzellen der Preis. Und auch da kann Perowskit offenbar punkten. „Die Basismaterialien sind im Vergleich zu Silizium billig und praktisch überall verfügbar“, sagt Lang. „Es ist auch unempfindlicher zu verarbeiten.“ Hier im Potsdamer Labor werden die Salze bei Zimmertemperatur gemischt. Der Mix wird auf eine Glasplatte hauchdünn aufgetragen, dann erhitzt. Perowskit kristallisiert nicht wie Silizium bei 1000, sondern bei etwa 100 Grad. Es ist in der Regel schwarz, kann aber auch rot oder grün sein, je nach verwendeten Salzen und Lichtwellenlänge, die gefangen werden soll.

    Denn mit Perowskit lassen sich besondere Solarzellen herstellen, praktisch zwei in einer. „Bei einer Tandemsolarzelle schlucken zwei Filter unterschiedliche Wellenlängen von Licht. So lässt sich mehr Energie gewinnen als mit einer einfachen Solarzelle“, sagt der Forscher. „Silizium-Solarzellen haben einen Wirkungsgrad von etwa 26 Prozent. Seit zehn, zwanzig Jahren gibt es kaum noch Fortschritte. Der Perowskit-Rekord liegt derzeit bei 26 Prozent und im Tandem bei 33 Prozent. Mehr ist möglich.“ Lang gerät ins Schwärmen, während er durch die Labors geht. Doch das Material hat auch seine Tücken. So ist es wasserempfindlich. Deshalb arbeiten sie am Institut nur in einer Stickstoffumgebung, bis eine Testsolarzelle wasserdicht beschichtet ist.

    Ob Perowskit sich im All so verhält, wie im Labor, wird gerade getestet. An Bord eines Satelliten der TU Berlin, den die Ariane 6 im Juli in den Weltraum beförderte, sind zwei kleine Tandemsolarzellen, bei denen eine Schicht aus Perowskit, eine aus Silizium besteht. Dafür hat Langs Team mit dem Helmholtz-Zentrum Berlin zusammengearbeitet. Ein eigener Satellit mit zehn Zentimeter Kantenlänge soll bald prüfen, wie Solarzellen aus jeweils zwei Perowskit-Schichten mehrere hundert Kilometer über der Erde funktionieren. Partner sind die TU Berlin und Quantum Galactics. Der Satellit soll er mit der ersten Rakete der Münchener Isar Aerospace abhaben, vermutlich 2025.

    Lang kann sich mehr vorstellen: „Künftig könnte Perowskit auf leichten Folien aufgebracht werden. Die könnte aufgerollt ins All transportiert und dort entfaltet werden. Solche Folien sparen Gewicht und damit Startkosten.“ Der Strom könnte über Mikrowellen sogar auf die Erde übertragen werden. Und der Physiker fragt sich: „Kann man Perowskit auf dem Mond herstellen?“ Vor allem die chinesischen Solarpanel-Hersteller arbeiten daran, Perowskit in großem Maßstab auf der Erde zu nutzen. Reine Perowskit-Solarzellen liefert bereits das Start-up Saule Tech aus Polen – im Format einer halben Scheckkarte für digitale Preisschilder. Bis die Zellen für Hausdächer geeignet sind, wird es noch dauern.

  • Wenn Trump die Wirtschaft einmauert

    Was Zölle für Deutschland, die EU und die USA bedeuten

    Im kommenden Jahr wird sich die Weltwirtschaft dramatisch ändern. Donald Trump hat angekündigt, in großem Umfang Zölle erheben zu wollen, wenn er als Präsident der USA vereidigt ist.

    Was sind Zölle?

    Zoll ist eine Abgabe auf Waren, die in ein Land eingeführt werden. Er wird eher willkürlich festgelegt. Früher diente er vor allem dazu, heimische Betriebe zu schützen oder feudale Kleinstaaten zu finanzieren. Manch Burgherr am Rhein erhob auch einen Wegezoll von Händlern, die Waren den Fluss entlang transportierten. Inzwischen werden Zölle vor allem als politisches Druckmittel genutzt. In den vergangenen Jahrzehnten versuchten viele Länder und Wirtschaftsblöcke, Zölle zu streichen, um den gegenseitigen Handel zu befördern. Im EU-Binnenmarkt werden zum Beispiel keine Zölle erhoben.

    Warum plant Donald Trump Zölle?

    Der designierte US-Präsident will, dass wieder mehr in den USA produziert wird. Das ist in vielen Fällen teurer, als zum Beispiel in China oder Südkorea zu fertigen. Deshalb will Trump die Produkte aus dem Ausland künstlich verteuern. Im Wahlkampf sprach er von 60 Prozent Zoll auf Produkte aus China und bis zu 20 Prozent Zoll auf andere ausländische Waren. Wer im großen US-Markt weiter günstig verkaufen will, braucht dann Fabriken vor Ort. Ein anderer Grund für US-Zölle, die vor allem Deutschland treffen könnten: Der Wert der Waren, die die USA in der Bundesrepublik einkaufen, übersteigt seit mehr als 30 Jahren den der Waren, die Amerika nach Deutschland liefert. Diesen Wert will Trump gegen Null senken.

    Wie wird sich Trumps Plan auswirken?

    Weil Waren aus dem Ausland sofort teurer werden, entsprechende US-Produktion aber fehlt, steigen die Preise vieler Produkte in den USA unmittelbar. Die Amerikaner müssen mehr bezahlen. Denn neue Fabriken zu bauen, dauert von der Planung bis zum Produktionsstart mitunter Jahre. Und andere Länder könnten ihrerseits mit Zöllen auf US-Produkte reagieren und sie verteuern. Das erschwert den US-Firmen den Export.

    Was bedeuten US-Zölle für die deutsche Wirtschaft?

    Deutschland ist sehr exportorientiert, liefert in die ganze Welt. Die USA sind nach China der zweitwichtigste Markt. Zölle würden die hiesige Wirtschaft also treffen, mindestens kurzfristig. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel schätzt, dass Deutschland ein Prozent Wirtschaftsleistung verlieren könnte. Das wären rund 41 Milliarden Euro, gemessen am Bruttoinlandsprodukt von 2023. Vor allem die deutsche Autoindustrie bekommt Probleme. Sie produziert bereits in den USA, wird aber die gesamte US-Nachfrage nicht ohne neue Fabriken bedienen können. Zudem ist die Industrie arbeitsteilig aufgestellt, nicht jedes Fahrzeug wird in jedem Land hergestellt. So produziert BMW SUV in den USA für die Welt.

    Wie reagieren China und die EU als größte Wirtschaftsblöcke neben den USA?

    China könnte seinerseits schnell Zölle erheben und es auf einen Handelskrieg ankommen lassen. Die USA sind bisher stärker von China abhängig als die Chinesen von den USA. Und bei vielen Produkten wie bei Elektroautos oder einige Mobiltelefone sind die Chinesen inzwischen besser als die Amerikaner. Auch die EU könnte recht schnell Zölle auf US-Waren erheben. Möglicherweise bringen Trumps Zölle die EU auch dazu, langfristig noch enger zusammenzurücken, einheitlicher aufzutreten und Hemmnisse zwischen den Ländern zu beseitigen. Das Ifo Institut in München geht davon aus, dass sich die Bruttowertschöpfung in der EU deshalb um rund 353 Milliarden Euro erhöhen könnte, eine enorme Summe. Die Staatengemeinschaft würde stärker und könnte den USA mehr entgegensetzen.

    Werden die Levis 501 oder das iPhone teurer?

    Das hängt davon ab, ob die EU mit Zöllen auf US-Waren reagiert. Sollten Textilien betroffen sein, könnten Jeans aus den USA teurer werden und damit auch Produkte der Marke Levis. Beim iPhone, dem Mobiltelefon von Apple, ist die Lage etwas anders. Die Geräte werden vor allem in Asien nach Vorgaben aus den USA hergestellt. Sie werden in der Regel direkt aus den Fabriken nach Europa geliefert, unterliegen damit keinen Zöllen – außer, die EU entschließt sich, welche auf Waren aus Asien zu erheben.

    Was lehrt die Geschichte?

    Drei Beispiele: Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Deutschland etwa 1800 Zollgrenzen. Selbst in Preußen wurden Waren zwischen Königsberg und Köln gut 80 Mal kontrolliert und Zölle erhoben. Erst mit dem Deutschen Zollverein wurden sie abgeschafft – der Aufstieg Deutschlands als Industrienation begann.

    Zölle schaden, wie eine Studie der Forscher Christopher M. Meissner von der University of California und Alexander Klein von der britischen University of Sussex zeigt. Sie untersuchten US-Daten aus der Hochzollphase zwischen 1870 und 1900. Danach hatten Firmen damals wenig Interesse zu investieren, sie waren schließlich durch hohe Zölle vor Wettbewerb geschützt. Es wurde weniger geforscht, technologisch waren viele US-Firmen im internationalen Vergleich abgehängt. Manche Unternehmen blieben im Geschäft, obwohl sie ineffizient waren.

    Der Ausstieg Großbritannien aus dem EU-Binnenmarkt und die Einführung neuer Zölle hat das Land bisher bis zu sechs Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung gekostet, wie die Experten von Cambridge Econometrics im Januar berichteten. Das entspricht rund 168 Milliarden Euro im Jahr 2023. Berücksichtigt sind allerdings nicht nur Zölle.

  • Die Software-Retter

    Ein deutscher Fonds will Open-Source-Ausfälle verhindern

    Am 17. Dezember 2021 erwischt es den Bundesfinanzhof. Das hohe Gericht muss seine Internetseite nach einem Hackerangriff vom Netz nehmen. Die Täter nutzen eine Lücke in einer Software namens log4j, um Zugriff auf Rechner zu bekommen. Es trifft damals weltweit auch andere, etwa das belgische Militär. Das Programm ist klein, die Gefahr groß. Auch wenn die Lücke geschlossen werden kann, zeigt sich, wie anfällig die Systeme sind. Hier setzt der staatliche deutsche Sovereign Tech Fund mit einem einzigartigen Konzept an.

    Log4j ist weltweit de facto Standard. Die Software ist kostenlos und steht allen zur Verfügung. Open Source werden solche Programme genannt, was so viel wie freie Quelle heißt. Oft sind sie klein, aber die praktikabelste Lösung für ein Problem – log4j zum Beispiel für bestimmte Anmelderoutinen. Oder, um präzise die Zeit zu messen und zu synchronisieren, wichtig im Finanzwesen, beim Rundfunk, Telekommunikation in Sicherheitsprotokollen.

    „Open-Source-Software steckt überall drin, in Autos, Heizungsreglern, Mobiltelefonen, Ampeln“, sagt Fiona Krakenbürger. „Auch große Softwarefirmen nutzen sie.“ Und Adriana Groh ergänzt: „Es geht um die unsichtbare Technologie, die die Welt am Laufen hält.“ Die beiden haben den Sovereign Tech Fund mit Sitz in Berlin 2022 initiiert und leiten ihn. Während viele Stiftungen und Firmen Geld geben, um neue Open-Source-Software zu entwickeln, geht es dem Sovereign Tech Fund um anderes.

    „Vor allem die Wartung der Software muss signifikant unterstützt werden“, sagt Krakenbürger. Sonst fällt im schlimmsten Fall etwas aus oder Hacker nutzen Lücken – mit teuren Folgen. „Es ist wirtschaftlich wichtig, dass kritische Software weiter funktioniert“, sagt Groh. „Wie bei Straßen und Schienen und anderer Infrastruktur muss sich der Staat auch bei der digitalen Daseinsvorsorge kümmern.“

    Aufgehängt ist der Fund bei der Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) in Leipzig. Sie soll Ideen und Entwicklungen fördern, die die Welt verändern können. Und sie sorgt jetzt indirekt dafür, dass die Softwarewelt weiter funktioniert. Finanziert wird der Fund aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

    Das Besondere vieler Open-Source-Software: Oft hat sie jemand in der Freizeit programmiert. Geld gab es meist nicht. Vieles ist nicht dokumentiert und abhängig davon, dass die Person, die programmiert hat, sich auch Jahre später noch um solche Software kümmert. Gleichwohl ist solche Software weit verbreitet, wie sich an log4j sehen lässt.

    Oder an Curl: Die Software, die Datenübertragung ermöglicht, läuft auf Millionen von Spielekonsolen, Mobiltelefonen und Fernsehern. Sie steckt in Autos und Druckern. Apples und Microsofts Betriebssysteme verwenden sie. Einige Experten nennen die Software eine der wichtigsten überhaupt. Ein Ausfall wäre dramatisch. Der Sovereign Tech Fund gab Geld, um Fehler zu beheben. 122 waren bekannt, den Programmierern fehlte aber Zeit und finanzielle Hilfe.

    Die Probleme tauchen vor allem auf, weil Software nie richtig fertig ist. Die Technologie ändert sich, was eben noch sicher war, ist es wie bei log4j plötzlich nicht mehr. Bei Open-Source-Software kann es passieren, dass sich niemand mehr zuständig fühlt, die Person, die sie programmiert hat, ausgefallen ist. Wird die Software nicht aktualisiert, sind dann ganze Systeme gefährdet. Vergleichbar ist das mit einem aufwändigen Gebäude aus Bauklötzen. Wenn unten rechts einer herausgezogen wird, bricht es zusammen.

    Die Programme sind oft klein, das Problem ist dagegen sehr groß. „Es gibt weltweit Tausende kritische Open-Source-Programme“, sagt Krakenbürger. Eine genaue Zahl lässt sich kaum angeben, die Menge zu unübersichtlich ist. Der Fund hat bisher 195 unterstützungswürdige Technologien ermittelt. Für insgesamt 60 verschiedene Projekte gab er bisher Geld. Und der Bundestag, der dem Fund das Geld bewilligt, ist von der Arbeit offenbar überzeugt. Der Etat stieg von 11,5 Millionen Euro 2023 auf 15 Millionen Euro in diesem Jahr. Für das kommende Jahr waren 19 Millionen Euro vorgesehen. Allerdings wird der Bundeshaushalt 2025 wegen der Regierungskrise wohl nicht mehr verabschiedet.

    Für finanzielle Hilfe können Programmierer oder Projekte beim Fund beantragen. Die derzeit 14 Beschäftigten bewerten die Anträge, bei der Auswahl hilft eine Jury aus externen Experten. Dann schließt der Fund Dienstleistungsverträge mit den Programmierern, die nicht in Deutschland arbeiten müssen. Open-Source-Software wird weltweit entwickelt, die Urheber kritischer Software können in den USA, Malaysia oder Schweden sitzen.

    Seit Anfang November ist der Fund Teil der Sovereign Tech Agency mit Sitz in Berlin. Die neue Agentur kümmert sich nicht mehr nur darum, Entwickler zu unterstützen, die kritische, frei verfügbare Software warten, aktualisieren und dokumentieren. Die Agentur bietet auch Fehlersuche an. Und Programmierer von Open-Source-Technologien sollen gezielt gefördert werden.

    Deutschland rettet also gerade ein bisschen die Computerwelt. „Es müsste weit mehr Engagement für Open Source und die Wartung der Komponenten geben. Wir als Sovereign Tech Agency können und sollten das nicht allein stemmen. Aber wir machen vor, wie es gehen kann“, sagt Krakenbürger. Der Fund sei offen für Kooperationen, ergänzt Groh. „Erste Gespräche dazu laufen in einem European Infrastructure Consortium.“

  • Anpacken

    Kommentar zum Sozialbericht 2024

    Wer wissen möchte, was die Bundesrepublik zusammenhält, wie sich die Einwohner fühlen, wo es gut läuft, wo es hakt, findet etwas im Sozialbericht. Auf 440 Seiten liefert er einen recht umfassenden Blick auf Deutschland. Die Fülle an Zahlen und Fakten kann überfordern, einige Daten sind nicht besonders aktuell. Aber jeder kann nachsehen, wie es steht. Leider tun das offenbar zu wenige. Stattdessen greift zunehmend schlechte Laune um sich.

    Der Bericht zeigt, dass die Vermögen gestiegen sind, gleichzeitig zeigt er wie ungleich sie verteilt sind. Und dass sich daran wenig geändert hat. Es gibt Informationen zu Armutsrisiken nach Alter, Bildung und Region, und dass sie gestiegen sind. Der Bericht räumt mit dem Vorurteil auf, dass Familien mit Migrationshintergrund Kinder lieber selbst betreuen. Dabei ist ihre Nachfrage nach Betreuung hoch, doch fehlen Plätze – oder sie bekommen keine Zusage.

    Die Daten lassen erkennen, wie dramatisch der demografische Wandel Deutschland treffen wird. Dass es ohne hohe Nettozuwanderung in wenigen Jahren wirtschaftlich richtig schwierig wird. Dass Menschen, die zu uns kommen, wesentlich jünger sind als der Altersschnitt derjenigen, die bereits hier sind. Und dass die, die jetzt kommen, deutlich höher qualifiziert sind als die, die vor 1980 einwanderten. Gleichzeitig werden die Probleme der Personen mit Migration kaum angegangen.

    Und auch wenn die Stimmung im Land schlecht sein mag, weil die Regierung uneins ist, die Wirtschaft schwächelt, in der Ukraine ein Krieg tobt und in den USA ein unberechenbarer Egoist Präsident wird: Deutschland ist dem Sozialbericht zufolge ein Land mit hoher Lebensqualität. Aber es muss etwas getan werden. Und das bedeutet: Weniger meckern, mehr freuen und mehr anpacken.

  • Betreuung gegen Fachkräftemangel

    Sozialbericht 2024: Mütter wollen mehr arbeiten, als sie können

    Wie tickt Deutschland? Alle drei Jahre liefert der Sozialbericht umfangreiche Daten zu Arbeit und Bildung, Familie und Gesundheit, Vermögen, Werten und Zufriedenheit der Bundesbürger mit ihrem Leben. Letztere ist erstaunlich gut, wie die neueste Ausgabe zeigt. Die Deutschen sind auch vermögender geworden. Und die Experten haben ein enormes Potenzial entdeckt, um den Fachkräftemangel zu mildern.

    Zufriedenheit: Mit ihrem Leben sind die Bundesbürger sehr zufrieden. Auf einer Skala von 0 „vollkommen unzufrieden“ bis 10 „vollkommen zufrieden“ liegen die Werte um die 7,4. Philip Wotschack vom Wissenschaftszentrums Berlin (WZB), das den Sozialreport mit herausgibt, sprach von einem allgemein hohen Niveau. Seit 2004 ging es deutlich aufwärts, wie Zahlen des Sozioökonomischen Panels zeigen. Allerdings gab es 2021 einen Knick nach unten.

    Für das Panel befragt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin jährlich wiederkehrend dieselben Haushalte umfangreich zu ihrer Lebenssituation. Aufwärts ging es beim Einkommen und bei der eigenen Wohnung. Hier sind die Bundesbürger deutlich zufriedener mit ihrer Situation als vor mehr als zehn Jahren. Die neuesten Daten stammen von 2021. Neuere sind im Sozialbericht nicht erfasst, das politische Hickhack der Ampelregierung, die teils stark gestiegenen Preise im Zuge des Ukraine-Krieges und die Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank flossen nicht ein. Allerdings auch nicht die hohen Lohnzuwächse der vergangenen Jahre.

    Fachkräfte: Um den Fachkräftemangel zu mildern, eines der großen Probleme der deutschen Wirtschaft, schlagen Experten seit Jahren vor, Frauen stärker einzubinden. Der Sozialbericht liefert belastbare Zahlen, wie groß das Potenzial allein bei Familien ist. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Bib) hat untersucht, wie viel Mütter und Väter je nach Alter des jüngsten Kindes gern arbeiten würden und das mit den echten Arbeitszeiten verglichen. Vor allem Frauen würden danach gern mehr tun. Wäre das möglich, stünden dem Arbeitsmarkt rein rechnerisch 645.000 Vollzeitkräfte zusätzlich zur Verfügung, wie Martin Bujard vom Bib ausgerechnet hat.

    Ein Grund dafür, dass Frauen nicht so viel arbeiten können, wie sie wollen: fehlende Ganztagsbetreuung an Kitas und Schulen. Sie sollte aus Sicht der Experten ausgebaut werden. Auch sollten die Arbeitgeber flexiblere Arbeitszeitmodelle anbieten und so Mütter fördern. „Das wäre für den Arbeitsmarkt im Fachkräftemangel hilfreich, sagte Bujard. „Das sind alles hochqualifizierte Frauen.“

    Es gibt auch Zahlen zu Vätern. Die arbeiten danach deutlich mehr, als sie eigentlich wollen. Könnten sie die aus ihrer Sicht ideale Zahl von Stunden arbeiten, verlöre der Arbeitsmarkt grob 320.000 Vollzeitkräfte. Das Bib befragte in Deutschland rund 30.000 Erwachsene zwischen 20 und 80 zu dem Thema.

    Vermögen: Ihre Vermögen haben die Bundesbürger zwischen 2011 und 2021 um 62 Prozent erhöht. Danach besaß jeder Haushalt zuletzt im Schnitt 316.500 Euro. Getrieben wurde das Plus ganz wesentlich von den Preisen für Häuser und Wohnungen, die in der betrachteten Zeit um 39 Prozent zulegten. Die Vermögen sind allerdings dem WZB-Experten Wotschack zufolge ungleich verteilt. Zehn Prozent der reichsten Bundesbürger besitzen 55,5 Prozent des Gesamtvermögens – viel im europäischen Vergleich. Im Schnitt gehört den Reichsten nach Zahlen der Europäischen Zentralbank von 2021 rund 53,4 Prozent des Gesamtvermögens.

    Und während in Ostdeutschland jeder Haushalt im Schnitt 151.000 Euro besitzt, sind es im Westen 360.000 Euro. Als Gründe nennen die Experten geringere Löhne im Osten, einen schwachen Immobilienmarkt und die Geschichte: In der DDR ließ sich kaum Vermögen aufbauen. Im Westen wird dagegen viel altes Vermögen vererbt, etwa Immobilien. Im Schnitt wohnen 41,8 Prozent der Bundesbürger in einer eigenen Immobilie. In Berlin und Hamburg sind es mit 16 und 20,1 Prozent am wenigsten, im Saarland mit 59,5 Prozent am meisten.

    Erfasst beim Vermögen sind neben Immobilien, Autos, privater Altersvorsorge, Geldanlagen, Hypotheken und andere Kredite. Nicht erfasst sind zum Beispiel Ansprüche auf staatliche Rente, Pensionen oder eine Betriebsrente. Würden sie einbezogen, dürfte sich das Nettovermögen verdoppeln, sagte Markus Grabka vom DIW. Solche Ansprüche lassen sich aber anders als Wohnungen oder Aktien nicht beleihen oder verkaufen, weshalb sie in den Statistiken zum Vermögen üblicherweise nicht eingerechnet werden.

    Demokratie: In Westdeutschland hielten 87 Prozent der Bundesbürger die Demokratie 2022 für die beste Staatsform, wie der Sozialbericht zeigt, in Ostdeutschland sind es 80 Prozent. So richtig begeistert sind aber nicht alle davon, wie sie funktioniert. 72 Prozent der Westdeutschen und nur 42 Prozent der Ostdeutschen sagten Anfang 2023, sie seien ziemlich oder vollkommen zufrieden. Der Schnitt in Osteuropa sind 48 Prozent, in Westeuropa 65 Prozent. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für die politische Bildung, bezeichnete die schwachen Werte vor allem im Osten als dramatisch.

    Den Sozialbericht gibt die Bundeszentrale für politische Bildung zusammen mit dem Statistischen Bundesamt, dem WZB und dem Bib heraus. Die aktuelle Ausgabe bildet die Bundesrepublik auf 440 Seiten und unter www.sozialbericht.de in Zahlen ab. Zuletzt erschien der Bericht 2021, damals als Datenreport.

  • Armut geht leicht zurück

    Laut Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung sinkt der Anteil der Armen, weil sich unter anderem die Lage von Alleinerziehenden verbessere. Gewerkschaftsstiftung beklagt dagegen zunehmende Armut.

    Im Gegensatz zu den unerquicklichen Nachrichten, die momentan die Wirtschaftsentwicklung dominieren, steht ein positiver Befund. Die Armut in Deutschland scheint seit 2021 abgenommen zu haben. Darauf deuten drei Indikatoren hin, unter anderem der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes. Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wertet das als „Trendbruch“ angesichts der früher oft steigenden Armutszahlen.

    Die Armutsrisikoquote derjeinigen Personen in Deutschland, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, ist im Mikrozensus von 16,9 Prozent (2021) auf 16,6 Prozent 2023 zurückgegangen. In einer europäischen Datenreihe (EU-SILC) ist sie von 16,8 Prozent (2020) auf 14,4 Prozent in 2022 gesunken. Eigene Zahlen des DIW deuten ebenfalls in diese Richtung. Die bislang unveröffentlichte Auswertung liegt dieser Zeitung vor. Sie widerspricht einem Bericht, den die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung an diesem Montag präsentierte. Demnach wächst die Armut weiter.

    Die Armutsgrenze liegt für einen Privathaushalt mit einer Person beispielsweise bei 1.350 Euro netto. Dass ein geringerer Anteil die Bürgerinnen und Bürger mit solch niedrigen Einkommen zurechtkommen muss, beruht Markus Grabka zufolge unter anderem auf der besseren wirtschaftlichen Situation von Alleinerziehenden. Für diese Gruppe sei ein „starker Rückgang“ der Armut zu verzeichnen.

    Als Ursache nennt der Soziologe etwa den Ausbau von Kindertagesstätten, wodurch alleinerziehende Eltern mehr arbeiten können. Auch die Unterhaltszahlungen seien angehoben worden, so Grabka. Eine große Rolle spielt zudem die insgesamt positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt während der vergangenen Jahre. Die Zahl der Beschäftigten stieg permanent, und der gesetzliche Mindestlohn erhöhte die Verdienste.

    Diese positiven Entwicklungen hat das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung in seinem neuen „Verteilungsbericht“ möglicherweise nicht komplett erfasst, weil die von ihm verwendeten Zahlen des sozio-oekonomischen-Panels nur bis 2021 reichen. Den Böckler-Daten zufolge ist die Armutsrisikoquote zwischen 2016 und 2021 von 16,1 auf 17,8 Prozent gestiegen. Wobei die abweichenden Ergebnisse solcher Befragungen und Auswertungen teilweise auch mit unterschiedlichen Methoden zusammenhängen. Einig sind sich die beiden Institute jedoch darin, dass der Gini-Koeffizient weiter leicht steigt. Diese Größe ist ein Maß der sozialen Ungleichheit: Reiche profitieren mehr von der Entwicklung als Arme – selbst wenn sich deren soziale Lage ebenfalls verbessert.

    Böckler-Forscherin Bettina Kohlrausch kritisierte „die Zunahme sozialer Ungleichheit und die Verfestigung von Armut“. Materielle Sorgen grassierten nicht nur in Haushalten mit wenig Geld, sondern würden auch in wohlhabenderen Kreisen um sich greifen. „Deutlich mehr als die Hälfte der Menschen in der unteren Einkommenshälfte, aber auch knapp 47 Prozent in der oberen Mittelschicht fürchteten im vergangenen Jahr, ihren Lebensstandard zukünftig nicht mehr halten zu können“, heißt es im Verteilungsbericht. Als mögliche Ursachen wurden die steigenden Wohnungskosten genannt.

    „Der Staat löst sein Teilhabeversprechen nicht mehr ein“, beklagte Kohlrausch. In breiten Schichten der Bevölkerung machten sich „Statusängste“ breit. So würden Arbeitslose beschimpft, weil sie angeblich zu viel Bürgergeld erhielten. Radikale Rechte würden diese Missstimmung für ihre Interessen ausbeuten, befürchtet die Böckler-Stiftung.

    Als Therapie gegen zunehmende Armut empfehlen die Forscherinnen und Forscher eine stabilere soziale Grundsicherung und Infrastruktur. Die Bundesregierung solle darauf hinwirken, dass Unternehmen ausreichende Löhne zahlten. Als ein Mittel in dieser Richtung nannte Bettina Kohlrausch eine stärkere Tarifbindung: Firmen müssten dahingehend beeinflusst werden, Tarifverträge anzuwenden, die mit Gewerkschaften ausgehandelt würden.

  • Die Gipslücke

    Gips gibt es nicht mehr, zumindest nicht mehr in der Menge wie bisher. Das hängt mit dem Kohleausstieg zusammen. Er stellt die Bauindustrie vor eine überraschend neue Situation. Denn sie braucht große Mengen des Rohstoffs und bisher kamen bis zu sechzig Prozent des Gipses in Deutschland aus der Reinigung der Abgase von Kohlekraftwerken, genauer: aus deren Rauchgas-Entschwefelungsanlagen. Spätestens 2038 ist damit ganz Schluss, bis dahin soll nach und nach alle Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Nun gibt es Streit.

    Die Gipsindustrie will die natürlichen Gipsvorkommen in Deutschland stärker abbauen. Die ziehen sich von Rottweil und Schwäbisch-Hall in Baden-Württemberg nach Nordbayern und dann über Nordhessen bis zum Gipsgürtel im Südharz. Der Gips – chemisch ein Calciumsulfat – ist vor vielen Millionen Jahren entstanden, zu Zeiten als dort tropische Flachmeere in heiß-trockenem Klima austrockneten. Umweltschützer fürchten allerdings, dass einzigartige Landschaften mit zahlreichen Höhlen zerstört werden, derzeit etwa im Südharz.

    Dort will die Firma Knauf mit Probebohrungen nach Gips suchen, auch im Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz in Sachsen-Anhalt. Alle Mitglieder des Deutschen Naturschutzring DNR, des Dachverbands der deutschen Natur-, Tier- und Umweltschutzorganisationen haben sich nun gemeinsam dagegen ausgesprochen. Umweltschützer fordern schon seit längerem, stattdessen zum Beispiel das Recycling von Gips auszuweiten. Was ist da machbar?

    Nachfrage bei Jörg Michael Bunzel, der die Technologieentwicklung des Unternehmens MUEG, Mitteldeutsche Umwelt und Entsorgung nahe Leipzig leitet. Schon vor zehn Jahren hat er mit seinen Kollegen dort eine Anlage entwickelt, in der aus altem Gips neuer gemacht wird. Sie waren damit die ersten in Deutschland. Ihr Geschäftsfeld sei wegen der kommenden Gipslücke „zukunftsträchtig“, sagt Bunzel. Nur: „Es wird mehr Gips gebraucht als wir anbieten können.“

    Er beruhigt sogleich. Wer sich ein Bein oder Arm gebrochen habe, bekäme heute nur noch selten einen Gips, eher eine Schiene. Zahnabdrücke aus Gips oder Gipsformen, in denen Dachziegel gebrannt würden – auch darum gehe es weniger. Doch würden in Deutschland pro Jahr etwa zehn Millionen Tonnen Gips verbaut, krisele die Baukonjunktur wie derzeit sei das etwas weniger, in einem Boom mehr. Grob gerechnet brauche es aber für sechs Millionen Tonnen Gips Ersatz, die aus den Kohlekraftwerke gekommen sind.

    Er falle dort seit den 1980er Jahren an. Damals seien die Kohlekraftwerke in der alten Bundesrepublik mit den Rauchgas-Entschwefelungs-Anlagen, kurz: REA, ausgerüstet worden, nach der Wende 1990 dann auch im 0sten. Der saure Regen, der das Waldsterben verursachte, sollte damit eingedämmt werden. Den entscheidende Ausgangsstoff fürs Gipsrecycling könne nun nur der Sektor liefern, der den Ersatz für den REA-Gips besonders brauche: der Baussektor mit seinem Bauschutt.

    In Häusern sind zahlreiche Gipskartonplatten verbaut, als Trennwände, Raumteiler. Sie bestehen aus einem Kern aus Gips, umgeben von zwei Kartons. Werden die Gebäude abgerissen, müssen diese entsorgt werden. Steckdosen, Kabel, Tapeten, die ein oder andere Fliese – alles wird abgelöst. Kommen sie bei Bunzel und seinen Kollegen an, der Karton wird vom Gips getrennt, der Gips zerkleinert, so dass aus alt wieder neu werden kann. Das hört sich alles einfach an.

    Noch ist das allerdings selten. Das meiste landet noch immer auf Deponien. Das ist bislang billiger als die Baustoffe zu recyceln. Skandinavien, Belgien, die Niederlande, alles Länder ohne große Gipsvorkommen, regeln das anders. Dort seien die Gebühren fürs Deponieren höher, erklärt das Umweltbundesamt, rechne sich das Recycling eher. Allerdings ist es auch nicht allein das Geld. „Es gibt gar nicht so viel zu recycelndes Material, allenfalls kommen laut offiziellen Schätzungen ab 2030 jedes Jahr 1,3 Millionen Tonnen Gipsabfall zusammen“, sagt Bunzel. So kämen am Ende vielleicht gut zehn Prozent des Gipses, der in Deutschland gebraucht werde, aus dem Recycling.

    Auch in sogenannten Phosphorgipsen, die bei der Düngerherstellung weltweit in großen Mengen anfallen und auf Halde liegen, sieht Bunzel keine Alternative: „Sie werden gerne ins Spiel gebracht, enthalten aber schwach radioaktive Bestandteile. Das sind Spuren von Uran oder Radium, die in den Ausgangsstoffen stecken. Radionuklide sind in der Natur ja überall, grundsätzlich ist die von ihnen ausgehende Strahlung auch nicht gefährlich. Aber wer will das in seinem Haus haben?“

    Also doch im Südharz bohren? CDU, SPD und FDP in Sachsen-Anhalt haben sich in ihrem Koalitionsvertrag dafür ausgesprochen, dass die „Gips-Lagerstätten in Sachsen-Anhalt
    gesichert sowie deren umweltverträgliche Gewinnung ermöglicht werden.“ Hans-Jörg Kersten, der die Umweltabteilung des Bundesverbandes der Gipsindustrie leitet, sagt: „Gips ist ein Baustoff, der viel weniger Energie bei der Herstellung benötigt als etwa Zement oder Kalk.“ Und: „Wird der Abbau in Deutschland verhindert, wird Spanien profitieren. Spanien ist europaweit der größte Exporteur. Dort gibt es so viel Gips wie in Deutschland Lehm.“

    Kai Niebert, Nachhaltigkeitsforscher und Präsident des Deutschen Natruschutzrings hingegen fordert ein Umdenken: „Deutschland konsumiert mehr Gips als jedes andere europäische Land. Die deutsche Wirtschaft muss innovationsfreundlicher werden, stärker in Kreisläufen denken, also Stoffe mehrfach verwenden und dabei auch neue Materialien verwenden. Die alten Gipskartonwände lassen sich mittlerweile gut durch nachwachsende Rohstoffe ersetzen.“ Längst gebe es Firmen, die zum Beispiel Wände aus Strohfasern herstellten. Stroh sei gut verfügbar, sorge für ein angenehmes Raumklima, und in hochverdichteter Form sei es auch feuerfest.

  • Im Rausch der Goldbären

    Für Haribo ist Südkorea ein Wachstumsmarkt

    So also sieht ein südkoreanischer Haribo-Superfan aus: Dunkle Haare, runde Goldrandbrille, schwarzes Leinenhemd, Slipper. Mike Lee lächelt. Vielleicht, weil auf dem Unterwasserbild in diesem zehn Meter langen Videotunnel gerade ein Seepferdchen vorbeischwebt, das sehr nach Fruchtgummi aussieht. Sehr wahrscheinlich aber lächelt er, weil die Besucher aus Deutschland so beeindruckt sind. Südkorea ist für Haribo ein Wachstumsmarkt, der Goldbär wohlgelitten. Aber dass jemand aus eigenem Antrieb und auf eigene Rechnung eine Hightech-Ausstellung über den deutschen Süßwarenhersteller organisiert, ist schon einmalig.

    Es ist warm auf Jeju und feucht. Wolken verdecken den Vulkankegel, der die beliebte südkoreanische Ferieninsel überragt. Hier, nur eine Flugstunde von der Hauptstadt Seoul entfernt, locken Sandstrände, Wasserfälle, subtropische Sonnenuntergänge mit Zikadengesang und jetzt auch die Happy World of Haribo. Dafür hat das südkoreanische Unternehmen Peopully, für das Mike arbeitet, eine Skate-Halle umgebaut. „Wir haben rund vier Millionen Euro investiert“, sagt er, während er auf der Ausstellungs-App zeigt, wie sich in der gut klimatisierten „Fruchtgummiküche“ virtuelle Goldbären finden und fotografieren lassen. Die Summe ist ein Vielfaches dessen, was Haribo 2022 für die Deutschlandtour zum 100. Geburtstag des Kernprodukts ausgegeben hat.

    Das Geld steckte Peopully nicht nur in die Technik. „Wir haben historisches Material zu Haribo über Ebay gekauft oder Sammler überzeugt, etwas auszuleihen“, sagt Mike – Modellbausätze, Spiele, Bettwäsche, alte Anzeigen. Einiges, was ausgestellt ist, fehlt sogar im Haribo-Archiv. Für Peopully ist das hier ein großes Risiko. Für den deutschen Konzern aus Grafschaft bei Bonn ist es ein Glücksfall.

    Seoul. Im kühlen 35. Stock eines Hotels im Hochhausstadtteil Gangnam sitzt Kostas Vlachos. Er ist bei Haribo für jene Länder zuständig, in denen sich das Geschäft kräftig entwickelt. „Südkorea ist der größte Markt außerhalb Europas und den USA. Innerhalb des Unternehmens liegt er in den Top Ten“, sagt er. Rund 150 Millionen Euro setzten alle Anbieter zuletzt mit Fruchtgummi in Südkorea um. Haribos Marktanteil liegt bei 42 Prozent, Tendenz steigend. Das Geschäft ist noch nicht groß angesichts der geschätzt weit mehr als drei Milliarden Euro Konzernumsatz, aber das hier ist aussichtsreiches Goldbären-Entwicklungsland, Teil der globalen Wachstumsstrategie, gut 52 Millionen Einwohner, sehr viele Fans.

    „Wir haben eine Figur als Markenbotschafter, die die Menschen hier anspricht. Das hilft im Markt schon sehr“, sagt Nikolay Karpuzov, der das Asiengeschäft verantwortet. Vlachos sagt noch: „Wir sind in Südkorea profitabel.“ Es läuft also in diesem Land, in dem sie Comics lieben und Croissants mit Bockwurst, Chili und Käse angeboten werden. In dem Manager im Einkaufszentrum am Werbestand eines Onlinespiels Tischtennisbälle mit Pfannen schlagen und die Hände des Rappers Psi als fünf Meter große Statue in Gold Touristen locken.

    Seit 2000 tummelt sich der Goldbär bereits in Südkorea. „Als wir gestartet sind, gab es hier nur wenig Fruchtgummi, sondern Bonbons. Die sind einfacher herzustellen und billiger“, sagt Vlachos. Das Land entwickelte sich, beliefert die Welt heute mit Mobiltelefonen, Computerchips, Bildschirmen, Autos, Containerschiffen, wandelte sich zum Industrieland. Mit der Kaufkraft stieg das Interesse für Neues. „Unser Fruchtgummi lieferte andere Geschmacksrichtungen. Das war aufregender.“ Doch einfach nur Tüten mit Goldbären per Container in den Häfen von Seoul oder Busan anzulanden und auf die Kraft der Marke zu vertrauen, reicht nicht. „Südkorea ist sehr wettbewerbsintensiv. Das sieht man bei Smartphones, Autos und auch bei Fruchtgummi“, sagt Karpuzov. Als der Markt wuchs, witterten plötzlich auch einheimische Anbieter ein Geschäft.

    Die Konkurrenten heißen Orion (20 Prozent Marktanteil) oder Lotte (sechs Prozent), sind, wie viele andere große südkoreanische Firmen Mischkonzerne. Sie verkaufen zum Beispiel halbkugelförmiges Kiwi-Fruchtgummi oder welches mit Traubengeschmack. Der ist in Asien so beliebt, dass auch Haribo entsprechendes Fruchtgummi im Programm hat – sonst ist es nicht zu bekommen.

    Wie fast überall in der Haribo-Welt sind auch in Südkorea die klassischen Goldbären am beliebtesten, gefolgt vom Starmix und Fruity Bussi, einem Fruchtgummi mit flüssiger Füllung. Die Produkte kommen aus Fabriken in Deutschland, Österreich, Ungarn und der Türkei. In die Supermärkte und vor allem die rund um die Uhr geöffneten rund 45.000 kleinen Läden im Land liefert ein örtlicher Partner, wie Haribo ein Familienunternehmen.

    Ausstellungsmacher Mike entdeckte die Goldbären 2007 in Deutschland. Damals half er seiner Mutter in Berlin bei einem Kunstprojekt zum Mauerfall. „Wir wohnten in Potsdam, hatten wenig Geld, das Fruchtgummi war günstig“, erinnert er sich, während er in der Ausstellung vor einer mehrere Meter großen Haribo-Tüte steht, aus der sich knallbunte Riesenbären in den Raum ergießen. Im Hintergrund fotografieren Eltern ihre Kinder, versuchen sich an Videospielen.

    Seit Potsdam ließ ihn Haribo nicht mehr los. „In Korea ändern sich Dinge schnell, auch das Design“, sagt er. „Bei Haribo hat sich nur sehr wenig in mehr als 100 Jahren verändert. Diese Philosophie und das Erbe haben mich interessiert.“ So sehr, dass er eine Ausstellung in Seoul organisieren wollte. Er reiste sogar zur Haribo-Zentrale, blitzte mit seiner Idee aber ab. Die Ausstellung machte er 2023 dennoch, überzeugte auch Haribo. Und dann legte er richtig los.

    „Es ist sehr selten, dass eine Marke eine solche Ausstellung unterstützt. Sie ist eine einmalige Marketing-Chance“, sagt Vlachos über den Dächern von Seoul. Kostas ergänzt: „Die Ausstellung auf Jeju zeigt nicht das Produkt, sondern das Gefühl von Haribo.“ Das Unternehmen genehmigte, Schriftzug und Produkte zu nutzen, und lizenzierte Nicht-Fruchtgummiprodukte. Und so wartet am Ende der Ausstellung auf Jeju der Shop, denn ohne den Verkauf von Handtüchern mit Bärenmotiv, Eiswürfelformen oder T-Shirts rechnet sich die Ausstellung nicht, trotz der Eintrittspreise. Bisher lief es: In den ersten zweieinhalb Monaten kamen mehr als 100.000 Besucher, wie Mike sagt. Er lächelt. Laufen soll sie drei Jahre.

    Zurück in Seoul geht es auf den Gwangjang-Markt. An diesem Abend drängen sich die Menschen zwischen den Ständen mit scharf gekochten Schweineinnereien, dampfenden Dumplings und Gemüsepfannkuchen. Sehr bodenständig alles. Bis eine ältere Verkäuferin in knallroter Schürze den goldfarbenen Plüschbären entdeckt, der an einem Rucksack der deutschen Besucher hängt. „Haribo!“ schreit sie. Tier wird geherzt, geküsst, soll für Fotos posieren – und adoptiert das Tier.

  • Unklare Finanzierung

    Kommentar zum Deutschlandfonds

    Für die deutsche Wirtschaft sieht der Ausblick gerade schlecht aus. Zum zweiten Mal in Folge wird sie schrumpfen. Ein Problem sind fehlende Investitionen. Die Bundesregierung versucht es da gern mit Subventionen, etwa für den US-Chiphersteller Intel. Jetzt schlägt Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck eine neue Form vor, verpackt als Deutschlandfonds. Wer investiert, bekommt einen Teil vom Staat erstattet. Das Konzept ist immerhin kreativer als der übliche Vorschlag, die Unternehmenssteuern zu senken.

    Nach dem Plan soll jedes Unternehmen in Deutschland, das investiert, zehn Prozent dieser Summe von der Steuerschuld abziehen können. Firmen, die keine Steuern zahlen, wird Geld überwiesen. So bekommen nur jene, die investieren, auch staatliche Subventionen. Bei einer Steuersenkung profitieren dagegen alle, die Gewinn machen, selbst wenn sie kein Geld in die Zukunft der Firma stecken. Und wer sein Geschäft gerade aufbaut, geht ohnehin leer aus. Das Ganze über die Steuererklärung laufen zu lassen, ist unbürokratisch und erspart zusätzliche Anträge und Kontrollen.

    Was das Konzept nicht löst: Wer kein Geld zum Investieren hat, weil die Lage schlecht ist, wird sich nicht anregen lassen. Zu sehen ist das auch bei Intel. Obwohl der deutsche Staat ein Drittel der 30 Milliarden Euro übernehmen wollte, die das neue Werk bei Magdeburg kosten soll, wird bis auf Weiteres nicht gebaut. Denn Intel schlingert.

    Der Deutschlandfonds für Investitionen hat zudem ein grundlegendes Problem: Es ist unklar, wie er finanziert werden soll. Habeck deutet an, mehr Schulden seien eine Lösung. Vielleicht sollte die Bundesregierung die Ausgaben durchforsten und unproduktive streichen. Subvention könnten auch fallen. Dann hätte der Staat Geld zum Investieren und brauchte nicht einmal einen extra Fonds.