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  • Wenn der Roboter die Regale bringt

    ZU Besuch im modernsten Logistikzentrum Amazons

    Von außen wirkt das grau-blaue Gebäude im Nordosten Erfurts unscheinbar, zumal es an diesem Nachmittag noch nieselt und der Wind kalt von der nahen Autobahn herüberweht. Doch im Innern ist der neueste Stand der Logistik zu sehen. Regale, Roboter, ein ausgeklügeltes Steuersystem und einiges an Chaos helfen dem Online-Händler Amazon hier, schneller und effizienter als die Konkurrenz zu sein.

    Der Clou: Die Lagerregale kommen zu den Beschäftigten, die die Bestellungen der Kunden bearbeiten. Früher war es umgekehrt. „Die Technik macht es für die Mitarbeiter einfacher“, sagt Silvana Specht, die den Standort, ERF 1 genannt, leitet. Die Laufwege entfielen im Vergleich zum klassischen Logistikzentrum mit langen Regalreihen. „Das übernehmen die Transportroboter. Die Mitarbeiter arbeiten an festen ergonomischen Arbeitsstationen.“

    ERF 1 ist eines von zwölf Robotik-Logistikzentren Amazons in Deutschland und das größte und modernste des Konzerns in Europa. 80.000 Regale und 3600 Roboter auf drei Etagen, dazu insgesamt 15,4 Kilometer Transportbänder, vor allem im Erdgeschoss, wo Waren angeliefert und Pakete versandt werden. Und alles wartet darauf, dass die Kunden in Berlin, Bremen, Dresden Hamburg, Frankfurt, Mainz oder München per Mobiltelefon oder Computer Waren bestellen.

    Specht steht auf Etage 2 an einer der Arbeitsstationen. Bildschirm, Scanner, mehrere schwarze Kisten. Und eine Lücke im Zaun, der sich mehr als zwei Meter hoch um den gesamten Innenraum der Etage zieht. Hinter dem Zaun beginnt das Reich der Roboter und Regale, das, was dieses Logistikzentrum so besonders macht. Betreten streng verboten. Der Mensch brächte zu viel durcheinander. Um zu verstehen, was hinter dem Zaun passiert, ist ein kurzer Blick auf die einzelnen Elemente nötig.

    Das System: Es ist das Gehirn der Anlage. Es weiß, was wo gelagert ist, steuert die Roboter, passt sich immer wieder an, je nach Bestellungen, neuer Ware, Zahl der Roboter im Einsatz. „Das System organisiert sich selbst“, sagt Ahmad Khan, Bereichsleiter Technik. „Wir Techniker schauen permanent, dass die Technologie funktioniert.“

    Die Regale: Sie haben einen quadratischen Grundriss, sind vielleicht 2,5 Meter hoch, auf allen vier Seiten mit Waren gefüllt und stehen auf hohen Füßen. Dicht an dicht reihen sie sich auf der riesigen Fläche innerhalb des Zauns aneinander. Insgesamt knapp 25.000 Stück stehen hier je Etage. Jedes Regal, jedes Fach ist mit einem QR-Code versehen. Vollbepackte Regale können schon mal 450 Kilogramm wiegen.

    Die Roboter: Sie ähneln zu groß geratenen Staubsaugerrobotern, sind mit rund 140 Kilogramm aber deutlich schwerer. Amazon hat sie selbst entwickelt. Sie können bis zu 480 Kilogramm heben, auf der Stelle wenden und fahren im Schnitt Tempo 6, nicht ganz zwei Meter pro Sekunde. Die Akkus erlauben gut sechs Stunden Fahrzeit. Und auch die Ladezeit von vier Minuten von 30 auf 80 Prozent zeigt, dass die Geräte nur entfernt mit Saugrobotern zu tun haben. In Erfurt sind sie seit Anfang Mai im Einsatz, als ERF 1 offiziell eröffnet hat.

    Die Lagerflächen: Hier stehen die Regale in Blöcken. Dazwischen gibt es lange freie Straßen, sogenannte Highways, Autobahnen, auf denen die Roboter die Regale durch die Halle transportieren können. Auf je gut acht Fußballfeldern Fläche lagern auf den Etagen 1 bis 3 Waren, selbst mit einem Blick entlang eines Highways ist die Größe nicht zu begreifen. „Das ist wie ein ganz großes Schachbrett, auf dem jedes Feld einen QR-Code hat“, sagt Khan. Die quadratischen Codes sind auf den Boden geklebt. „So weiß der Roboter immer, wo er ist.“ Die Struktur wandelt sich ununterbrochen, weil die Roboter Regale abholen, umparken, abstellen. Nur das System hat einen Überblick.

    Wie kommen die Waren in die Regale? Im Erdgeschoss liefern Lastwagen große Pakete an. Sie werden ausgepackt, die Waren in schwarze Plastikkisten gelegt. Alles, was in ERF 1 eingelagert wird, ist höchstens so groß wie eine Microwelle, meist kleiner. Für Waschmaschinen oder Staubsauger sind andere der insgesamt 23 deutschen Amazon-Logistikzentren zuständig. Ein Transportband bringt die schwarze Kiste – insgesamt sind rund 40.000 hier im Einsatz – nach oben zu einer Arbeitsstation. Dort fährt ein Roboter ein Regal an der Lücke vor. Die Mitarbeiterin an der Station scannt den Artikel, legt ihn ins Fach, scannt den QR-Code des Faches. Jetzt weiß das System, wo der Artikel ist. Der Roboter taucht mit dem Regal dezent pfeifend in die Tiefe der Etage ab.

    Eingelagert wird nach dem Prinzip Chaos. „Da kann Zahnpasta zwischen Plüscheinhörnern und einem Wasserkocher liegen“, sagt Standortleiterin Specht. Und: Die gleiche Zahnpasta könne an unterschiedlichen Stellen in mehreren Etagen lagern. „So sind wir schneller, als wenn die Zahnpasta an einem einzigen Ort in Etage 2 läge.“ Die Wege wären dann länger, manche Bestellungen nur mit Waren aus verschiedenen Etagen zu bestücken. Auch das kostet Zeit.

    Bestellt jemand jetzt ein Plüscheinhorn und einen USB-Stick, läuft sehr vereinfacht Folgendes: Das System nimmt die Bestellung an. Es weiß, in welchen Regalen auf welcher Ebene die Kuscheltiere liegen und wo sich USB-Sticks befinden. Es stellt fest, welches der Regale bald frei steht und abholbereit ist. Es schickt zwei Roboter los, die pfeifend einen Highway entlangflitzen, an den richtigen Ecken abbiegen, unter die Regale fahren, sie anheben und dann zu einer Arbeitsstation bringen.

    Zum Beispiel zu der auf Etage 2, an der Standortleiterin Specht steht. Dort erscheint der Auftrag auf dem Computerschirm. Das Regal fährt vor, das Fach mit dem Plüscheinhorn wird beleuchtet. Der Mitarbeiter an der Station nimmt das Tier, scannt es und legt es in die zum Auftrag gehörende schwarze Kiste. Dann kommt das zweite Regal mit dem Stick. Nehmen, scannen, ab in die Kiste, die dann per Band zur Packstation ins Erdgeschoss fährt. Die Roboter parken derweil die Regale irgendwo im System.

    Ganz ohne Menschen geht es also nicht. 2000 Beschäftigte aus 70 Nationen arbeiten hier. Gearbeitet wird in zwei Schichten von 9 bis 5 Uhr, vier Tage die Woche bei 40 Stunden. In den Morgenstunden pausieren auch die Roboter und Transportbänder, wird das System gewartet. Jetzt in der Vorweihnachtszeit allerdings surrt, pfeift und brummt es rund um die Uhr, helfen 150 Studenten aus, die Bestellmenge zu bewältigen.

    Einmal von Hand eingepackt, laufen die Pakete im Erdgeschoss über Bänder, werden automatisch mit Adresse beklebt und nach Postleitzahlen vorsortiert. Zum Schluss werden sie in Container verladen. Rund 500.000 Artikel verlassen täglich ERF 1. Lastwagen bringen die Container in ein Amazon-Verteilzentrum. Und von dort aus wird dann zugestellt – persönlich.

  • Ende der Billigvorwahlen

    Call-by-Call wird nach 27 Jahren abgeschaltet

    Ein äußerst beliebtes Verfahren zum günstigen Telefonieren wird abgeschaltet. Zum Jahresende 2024 ist Call-by-Call nach mehr als 25 Jahren Geschichte. Wir erklären, was hinter dem Aus steht und wie Kunden sich jetzt verhalten sollten.

    Was ist Call-by-Call?

    Hinter dem englischen Begriff (etwa von Anruf zu Anruf) steckt ein Verfahren, mit dem man über einen anderen Anbieter telefonieren kann als denjenigen, der das Telefon angeschlossen hat. Bis 1997 stellte in Deutschland im Wesentlichen die Deutsche Telekom als Monopolist die Anschlüsse und das Netz bereit. Sie kassierte auch die Telefongebühren. Call-by-Call eröffnete anderen Anbietern die Chance, das Festnetz der Telekom zu nutzen, aber günstigere Tarife anzubieten. Der Bundestag hatte die Gesetze entsprechend geändert. Ziel war, das Monopol der Telekom zu brechen und mehr Wettbewerb zuzulassen. In der Folge sollte Telefonieren günstiger und besser werden. Das Verfahren galt zunächst nur für Fern-, später dann auch für Ortsgespräche.

    Wie funktionierte das Verfahren?

    Um günstig über einen Call-By-Call-Anbieter zu telefonieren, musste man vor der normalen Nummer die fünf- oder sechsstellige Vorwahl des entsprechenden Anbieters wählen (010xy oder 0100xy) oder eine entsprechende Nummer fest voreinstellen. Dann lief das Gespräch zu dessen Konditionen. Abgerechnet wurde meist über die Telefonrechnung der Telekom.

    Warum waren die Telekom-Konkurrenten so günstig?

    „Die alternativen Anbieter konnten ihren Kunden vor allem durch effiziente und schlanke Strukturen einen äußerst günstigen Minutenpreis anbieten“, sagt Frederic Ufer, Geschäftsführer des VATM. In dem Verband sind die Konkurrenten der Telekom organisiert. „Dazu kauften sie zu einem regulierten Minutenpreis bei der Deutschen Telekom ein und gaben diesen mit einem minimalen Aufschlag an ihre Kunden weiter. Attraktiv wurde dieses Geschäftsmodell durch das große Kundeninteresse und entsprechend hohe Margen.“ Den regulierten Preis setzte die Bundesnetzagentur fest.

    Warum wird Call-by-Call abgeschaltet?

    Weil Call-by-Call sehr erfolgreich war, ist es jetzt überflüssig. Nach Zahlen der Bundesnetzagentur fiel der Preis pro Minute Ferngespräch von 30,5 Cent tagsüber 1997 binnen sieben Jahren auf 1,7 Cent. Für Auslandsgespräche sank er in der Zeit von 50 auf unter zwei Cent. 2004/5 nutzten die Kunden für gut ein Drittel aller Gesprächsminuten über das Festnetz eine Call-by-Call-Nummer, 2023 waren es nur noch 1,56 Prozent. Zudem setzten sich zunehmend Pauschaltarife, sogenannte Flatrates, durch: Im Monatspreis sind dabei unbegrenzt Freiminuten enthalten. Das macht Call-By-Call unattraktiv. Bereits 2019 hatte die Bundesnetzagentur die Telekom aus der Regulierung entlassen, der VATM handelte mit dem ehemaligen Monopolisten dann noch Verträge aus. Die letzte Verlängerung endet am 31. Dezember um 23.59 Uhr.

    Was passiert, wenn ich am 1. Januar eine Call-by-Call-Vorwahl nutze?

    Die entsprechenden Anbieter, zuletzt waren es um die 50, schalten ihre Vorwahlnummern ab. Wer eine der Nummern wählt, „wird per Telefonansage darüber informiert, dass dieser Dienst nicht mehr zur Verfügung steht“, sagt VATM-Geschäftsführer Ufer. Gespräche werden nicht mehr verbunden. Die Telekom empfiehlt deshalb, die Call-by-Call-Vorwahlen aus dem Telefonbuch des Telefons, des Internetrouters oder der Telefonanlage zu löschen. Direkte Gespräche ohne die besonderen Vorwahlen sind wie üblich möglich – zu Telekom-Konditionen.

    Und jetzt?

    Überprüfen Sie Ihren Telefonvertrag. Sie sollten ohnehin alle paar Jahre schauen, ob die Konditionen noch die richtigen für Sie sind. In manchen sehr alten Verträgen aus Bundespost-Zeiten ist noch eine Telefonmiete vereinbart, die weiterläuft, solange man den Vertrag nicht kündigt – unabhängig davon, ob man tatsächlich noch ein Bundespost-Tastentelefon nutzt. Und wenn, sollte es inzwischen abbezahlt sein. Sowohl die Telekom als auch Konkurrenten wie Vodafone, 1&1 und Kurpfalztel bieten Verträge mit Pauschalpreisen für Telefonate ins Festnetz und auch ins Mobilfunknetz an. Oft eingeschlossen sind einzelne Nummern ins Ausland, die man dann kostenlos anrufen kann – etwa die Nummer der Tochter in Straßburg oder des Enkels in Rom. Möglicherweise lässt sich bei Bedarf auch für weitere Auslandsnummern ein Pauschalpreis aushandeln. Manche Verträge verknüpfen zudem Telefon, Internet und Fernsehen, was insgesamt günstiger sein kann, als einzelne Verträge abzuschließen.

    Welche anderen Möglichkeiten gibt es?

    Manchmal rechnet es sich auch, nur ein Mobiltelefon zu nutzen und ganz auf das Festnetz zu verzichten. Viele Mobilfunkfirmen bieten dafür Pauschalraten. Zudem ist man immer und überall unter derselben Nummer erreichbar. Moderne Mobiltelefone können allerdings mehrere hundert Euro kosten. Dann gibt es noch verschiedene Programme, die auf Computer, Tablet und Mobiltelefon laufen, und über die man kostenlos telefonieren kann, sogenannte Kurznachrichtendienste wie Whatsapp, Telegram, Signal und Facetime etwa. Dafür ist ein Internetzugang nötig. Zudem lassen sich Videotelefonate über Programme wie Teams, Webex oder Zoom führen – von Mannheim nach Heidelberg oder rund um den Globus, immer kostenlos. Nicht alle lassen Dauer(video)telefonate zu: Manche dieser Programme beschränken, wie lange man sie nutzen kann.

  • Telefon als Bargeldbörse

    Der digitale Euro nimmt langsam Formen an

    Es klingt sehr einfach. Der Euro wird digital, steckt statt in der Geldbörse in einer Wallet auf dem Mobiltelefon. Brötchen beim Bäcker lassen sich damit ebenso bezahlen wie Blumen oder die Tankfüllung – anonym, sicher, zuverlässig und überall in der Euro-Zone. Die Europäische Zentralbank arbeitet an dem Prestigeprojekt, das noch einige Tücken hat, vor allem technische und politische. Und insgesamt ist unklar, ob die Europäer den digitalen Euro überhaupt haben wollen.

    Verhandelt wird schon länger. Seit 2021 beschäftigen sich Experten damit, die Gemeinschaftswährung ins Digitale zu bringen. Im Juni 2023 schlug die EU-Kommission ein entsprechendes Gesetz vor, ohne das nichts geht. Seither ist politisch wenig passiert. Der Rat der Finanzminister muss sich damit beschäftigen, das EU-Parlament ebenfalls. Die EU-Wahl hat das Verfahren zusätzlich ausgebremst. Die neue Kommission will jetzt beschleunigen.

    Immerhin bereitet sich die Europäische Zentralbank (EZB) schon auf den digitalen Euro vor. Er wird eine Art Bargeld, nur eben virtuell. Eingeführt werden soll er, weil die Verbraucherinnen und Verbraucher zunehmend digital bezahlen. Dabei dominieren bisher US-Firmen wie die Kreditkartenunternehmen Mastercard und Visa oder Bezahldienste wie Apple Pay, Google Pay und Paypal. Deshalb will die EZB eine schnelle, sichere europäische Möglichkeit anbieten, um digital zu bezahlen.

    Nach jetzigem Stand soll der digitale Euro in eigene Wallets (englisch für Geldbörse) der Banken- und Sparkassen-Apps für Mobiltelefone gesteckt werden. Für Kreditinstitute, die keine eigene Banking-App haben, will die EZB eine entsprechende Software bereitstellen – was nicht alle Geschäftsbanken gut finden, verlieren sie doch etwas Kontrolle.

    Klingt sehr technisch? Ist es nicht. Wer bisher schon mit seinem Mobiltelefon bezahlt, weil er eine Karte etwa bei Apple oder Google Pay hinterlegt hat, weiß wie es geht: Karte am Telefon aufrufen, Telefon an Bezahlterminal im Geschäft halten, fertig. Nur, dass eben dann nicht von einem Konto abgebucht, sondern bar bezahlt wird, virtuell ohne Scheine und Münzen. Dass das Telefon wie eine Bargeldbörse funktioniert, macht es zusätzlich kompliziert, schließlich muss zum Beispiel Geldwäsche ausgeschlossen werden. Und es muss klar sein, dass das digitale Bargeld auch wirklich echt ist.

    Umstritten ist bisher vor allem, wie viel digitales Bargeld jeder virtuell einstecken darf. Sind es 500 Euro oder doch 3000 Euro? Und wer legt das fest, die EZB oder die EU als Gesetzgeber? Immerhin: Die Summe soll pro Person gelten, was alles komplizierter macht. Hat jemand mehrere Konten, muss das System erkennen, wenn die Grenze überschritten ist. Klar ist bereits: Bekommt jemand mehr digitale Euro, als er oder sie halten darf, wird das Geld automatisch auf einem vorher genannten Konto gut geschrieben.

    Nötig für den digitalen Euro ist eine einheitliche europäische Lösung, die es so bisher nicht gibt – ein riesiges europäisches IT-Projekt. Den Kern, die Zahlungsabwicklung, sollen EZB und nationale Zentralbanken selbst programmieren, für viele andere Elemente wie App und Betrugskontrolle sind Angebote eingeholt, die gerade geprüft werden. Im Frühjahr 2025 soll klar sein, wer an der Lösung mitarbeiten darf. Von Herbst an wollen alle bereit sein. Gestartet wird, sobald die EU das Gesetz dafür vorlegt.

    Digitale Währungen gibt es unter anderem in Nigeria und in China. Dort haben sich allein mehrere hundert Millionen Nutzer die entsprechende App heruntergeladen. Wie stark der digitale Renminbi tatsächlich genutzt wird, ist unklar. Offiziell handelt es sich offenbar um eine breit angelegt Pilotphase. In China sind die Bezahl-Apps Alipay und Wechat Pay sehr weit verbreitet, digitales Geld der Zentralbank muss sich da im Wettbewerb erst beweisen.

    Und auch deshalb sind nach Ansicht der EZB noch viele Diskussionen in Europa nötig, um überraschende Risiken zu verhindern und alle Vorzüge zu erkennen. Tests laufen, eine großangelegte Umfrage wird vorbereitet. Denn bei all dem Aufwand ist immer noch unklar, ob die Europäer das neue unsichtbare Geld auch nutzen werden.

  • Selbstheilende Solarzellen

    Perowskit könnte teures Silizium ersetzen

    Wie ein Wunderstoff sieht es nicht aus. Das dünne Glas, das Felix Lang hält, ist schwarz beschichtet, etwa 2,5 mal 2,5 Zentimeter groß. Unspektakulär. Doch für den Physiker der Universität Potsdam ist es ein Modell einer innovativen Solarzelle, die das Zeug hat, die Stromversorgung im All zu revolutionieren und in der Folge wohl auch die auf Erden zu verändern.

    Der Stoff heißt Perowskit. Lang glaubt, dass er sich ideal für Solarpaneele im Weltraum eignet. Er ist günstig, unempfindlich, lässt sich leicht verarbeiten und hat einen besseren Wirkungsgrad als klassisches Silizium. Und Perowskit spart, gedruckt auf Folie, Gewicht – kritisch bei der ziemlich beschränkten Last, die eine Rakete ins All befördern kann. Und sollte es dort funktionieren, könnte es auch auf der Erde in großem Stil eingesetzt werden. Ähnlich wie Solarpaneel an sich, die zunächst für die Raumfahrt entwickelt wurden.

    Den irdischen Markt für Solarzellen schätzen Analysten von Fortune Business Insights für 2024 auf rund 400 Milliarden Dollar mit Wachstumsraten von gut 25 Prozent bis 2032. Perowskit könnte alles noch beschleunigen und die Energieausbeute verbessern. Der 34-jährige Lang ist einer, der das Thema am Institut für Physik und Astronomie in Potsdam vorantreibt. Dafür hat die Volkswagenstiftung im Zuge eines Freigeist-Stipendiums 1,8 Millionen Euro über fünf Jahre bereitgestellt.

    Perowskit wurde erstmals im 19. Jahrhundert im Ural gefunden und nach dem russischen Adligen und Staatsmann Lew Alexejewitsch Perowski benannt. Es ist ein Kristall mit einer charakteristischen würfelartigen Struktur und besteht aus einem Gemisch verschiedener Salze. Die Struktur ist das Besondere. „Perowskit ist ein bisschen wie Wackelpudding“, sagt Lang. „Die Atome sind in Gittern angeordnet, können sich aber bewegen.“

    Das macht es als Material besonders fürs All interessant, wo es starke Strahlung gibt, die vieles zerstört – herkömmliche Solarzellen zum Beispiel. „Strahlung kann chemische Bindungen brechen und Atome aus ihrer perfekten Kristall-Ordnung schlagen“, sagt Lang. „In Silizium gibt das einen Defekt. In Perowskit bewegt sich das Atom zurück. Die Solarzelle heilt sich praktisch selbst.“

    Weitere Vorteile: Es ist recht unempfindlich gegen Kälte, hält Temperaturen bis minus 193 Grad Celsius aus. Und es funktioniere auch im dreckigen Zustand, sagt der Experte. „Selbst wenn man beim Mischen der Perowskit-Grundstoffe zehn Prozent von den idealen Mengen abweicht, hat die Solarzelle aus dem Material immer noch 26 Prozent Wirkungsgrad.“ Effiziente Silizium-Solarzellen dürften nur weniger als 0,0001 Prozent verunreinigt sein.

    Ganz entscheidend ist bei Solarzellen der Preis. Und auch da kann Perowskit offenbar punkten. „Die Basismaterialien sind im Vergleich zu Silizium billig und praktisch überall verfügbar“, sagt Lang. „Es ist auch unempfindlicher zu verarbeiten.“ Hier im Potsdamer Labor werden die Salze bei Zimmertemperatur gemischt. Der Mix wird auf eine Glasplatte hauchdünn aufgetragen, dann erhitzt. Perowskit kristallisiert nicht wie Silizium bei 1000, sondern bei etwa 100 Grad. Es ist in der Regel schwarz, kann aber auch rot oder grün sein, je nach verwendeten Salzen und Lichtwellenlänge, die gefangen werden soll.

    Denn mit Perowskit lassen sich besondere Solarzellen herstellen, praktisch zwei in einer. „Bei einer Tandemsolarzelle schlucken zwei Filter unterschiedliche Wellenlängen von Licht. So lässt sich mehr Energie gewinnen als mit einer einfachen Solarzelle“, sagt der Forscher. „Silizium-Solarzellen haben einen Wirkungsgrad von etwa 26 Prozent. Seit zehn, zwanzig Jahren gibt es kaum noch Fortschritte. Der Perowskit-Rekord liegt derzeit bei 26 Prozent und im Tandem bei 33 Prozent. Mehr ist möglich.“ Lang gerät ins Schwärmen, während er durch die Labors geht. Doch das Material hat auch seine Tücken. So ist es wasserempfindlich. Deshalb arbeiten sie am Institut nur in einer Stickstoffumgebung, bis eine Testsolarzelle wasserdicht beschichtet ist.

    Ob Perowskit sich im All so verhält, wie im Labor, wird gerade getestet. An Bord eines Satelliten der TU Berlin, den die Ariane 6 im Juli in den Weltraum beförderte, sind zwei kleine Tandemsolarzellen, bei denen eine Schicht aus Perowskit, eine aus Silizium besteht. Dafür hat Langs Team mit dem Helmholtz-Zentrum Berlin zusammengearbeitet. Ein eigener Satellit mit zehn Zentimeter Kantenlänge soll bald prüfen, wie Solarzellen aus jeweils zwei Perowskit-Schichten mehrere hundert Kilometer über der Erde funktionieren. Partner sind die TU Berlin und Quantum Galactics. Der Satellit soll er mit der ersten Rakete der Münchener Isar Aerospace abhaben, vermutlich 2025.

    Lang kann sich mehr vorstellen: „Künftig könnte Perowskit auf leichten Folien aufgebracht werden. Die könnte aufgerollt ins All transportiert und dort entfaltet werden. Solche Folien sparen Gewicht und damit Startkosten.“ Der Strom könnte über Mikrowellen sogar auf die Erde übertragen werden. Und der Physiker fragt sich: „Kann man Perowskit auf dem Mond herstellen?“ Vor allem die chinesischen Solarpanel-Hersteller arbeiten daran, Perowskit in großem Maßstab auf der Erde zu nutzen. Reine Perowskit-Solarzellen liefert bereits das Start-up Saule Tech aus Polen – im Format einer halben Scheckkarte für digitale Preisschilder. Bis die Zellen für Hausdächer geeignet sind, wird es noch dauern.

  • Wenn Trump die Wirtschaft einmauert

    Was Zölle für Deutschland, die EU und die USA bedeuten

    Im kommenden Jahr wird sich die Weltwirtschaft dramatisch ändern. Donald Trump hat angekündigt, in großem Umfang Zölle erheben zu wollen, wenn er als Präsident der USA vereidigt ist.

    Was sind Zölle?

    Zoll ist eine Abgabe auf Waren, die in ein Land eingeführt werden. Er wird eher willkürlich festgelegt. Früher diente er vor allem dazu, heimische Betriebe zu schützen oder feudale Kleinstaaten zu finanzieren. Manch Burgherr am Rhein erhob auch einen Wegezoll von Händlern, die Waren den Fluss entlang transportierten. Inzwischen werden Zölle vor allem als politisches Druckmittel genutzt. In den vergangenen Jahrzehnten versuchten viele Länder und Wirtschaftsblöcke, Zölle zu streichen, um den gegenseitigen Handel zu befördern. Im EU-Binnenmarkt werden zum Beispiel keine Zölle erhoben.

    Warum plant Donald Trump Zölle?

    Der designierte US-Präsident will, dass wieder mehr in den USA produziert wird. Das ist in vielen Fällen teurer, als zum Beispiel in China oder Südkorea zu fertigen. Deshalb will Trump die Produkte aus dem Ausland künstlich verteuern. Im Wahlkampf sprach er von 60 Prozent Zoll auf Produkte aus China und bis zu 20 Prozent Zoll auf andere ausländische Waren. Wer im großen US-Markt weiter günstig verkaufen will, braucht dann Fabriken vor Ort. Ein anderer Grund für US-Zölle, die vor allem Deutschland treffen könnten: Der Wert der Waren, die die USA in der Bundesrepublik einkaufen, übersteigt seit mehr als 30 Jahren den der Waren, die Amerika nach Deutschland liefert. Diesen Wert will Trump gegen Null senken.

    Wie wird sich Trumps Plan auswirken?

    Weil Waren aus dem Ausland sofort teurer werden, entsprechende US-Produktion aber fehlt, steigen die Preise vieler Produkte in den USA unmittelbar. Die Amerikaner müssen mehr bezahlen. Denn neue Fabriken zu bauen, dauert von der Planung bis zum Produktionsstart mitunter Jahre. Und andere Länder könnten ihrerseits mit Zöllen auf US-Produkte reagieren und sie verteuern. Das erschwert den US-Firmen den Export.

    Was bedeuten US-Zölle für die deutsche Wirtschaft?

    Deutschland ist sehr exportorientiert, liefert in die ganze Welt. Die USA sind nach China der zweitwichtigste Markt. Zölle würden die hiesige Wirtschaft also treffen, mindestens kurzfristig. Bundesbank-Präsident Joachim Nagel schätzt, dass Deutschland ein Prozent Wirtschaftsleistung verlieren könnte. Das wären rund 41 Milliarden Euro, gemessen am Bruttoinlandsprodukt von 2023. Vor allem die deutsche Autoindustrie bekommt Probleme. Sie produziert bereits in den USA, wird aber die gesamte US-Nachfrage nicht ohne neue Fabriken bedienen können. Zudem ist die Industrie arbeitsteilig aufgestellt, nicht jedes Fahrzeug wird in jedem Land hergestellt. So produziert BMW SUV in den USA für die Welt.

    Wie reagieren China und die EU als größte Wirtschaftsblöcke neben den USA?

    China könnte seinerseits schnell Zölle erheben und es auf einen Handelskrieg ankommen lassen. Die USA sind bisher stärker von China abhängig als die Chinesen von den USA. Und bei vielen Produkten wie bei Elektroautos oder einige Mobiltelefone sind die Chinesen inzwischen besser als die Amerikaner. Auch die EU könnte recht schnell Zölle auf US-Waren erheben. Möglicherweise bringen Trumps Zölle die EU auch dazu, langfristig noch enger zusammenzurücken, einheitlicher aufzutreten und Hemmnisse zwischen den Ländern zu beseitigen. Das Ifo Institut in München geht davon aus, dass sich die Bruttowertschöpfung in der EU deshalb um rund 353 Milliarden Euro erhöhen könnte, eine enorme Summe. Die Staatengemeinschaft würde stärker und könnte den USA mehr entgegensetzen.

    Werden die Levis 501 oder das iPhone teurer?

    Das hängt davon ab, ob die EU mit Zöllen auf US-Waren reagiert. Sollten Textilien betroffen sein, könnten Jeans aus den USA teurer werden und damit auch Produkte der Marke Levis. Beim iPhone, dem Mobiltelefon von Apple, ist die Lage etwas anders. Die Geräte werden vor allem in Asien nach Vorgaben aus den USA hergestellt. Sie werden in der Regel direkt aus den Fabriken nach Europa geliefert, unterliegen damit keinen Zöllen – außer, die EU entschließt sich, welche auf Waren aus Asien zu erheben.

    Was lehrt die Geschichte?

    Drei Beispiele: Ende des 18. Jahrhunderts gab es in Deutschland etwa 1800 Zollgrenzen. Selbst in Preußen wurden Waren zwischen Königsberg und Köln gut 80 Mal kontrolliert und Zölle erhoben. Erst mit dem Deutschen Zollverein wurden sie abgeschafft – der Aufstieg Deutschlands als Industrienation begann.

    Zölle schaden, wie eine Studie der Forscher Christopher M. Meissner von der University of California und Alexander Klein von der britischen University of Sussex zeigt. Sie untersuchten US-Daten aus der Hochzollphase zwischen 1870 und 1900. Danach hatten Firmen damals wenig Interesse zu investieren, sie waren schließlich durch hohe Zölle vor Wettbewerb geschützt. Es wurde weniger geforscht, technologisch waren viele US-Firmen im internationalen Vergleich abgehängt. Manche Unternehmen blieben im Geschäft, obwohl sie ineffizient waren.

    Der Ausstieg Großbritannien aus dem EU-Binnenmarkt und die Einführung neuer Zölle hat das Land bisher bis zu sechs Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung gekostet, wie die Experten von Cambridge Econometrics im Januar berichteten. Das entspricht rund 168 Milliarden Euro im Jahr 2023. Berücksichtigt sind allerdings nicht nur Zölle.

  • Die Software-Retter

    Ein deutscher Fonds will Open-Source-Ausfälle verhindern

    Am 17. Dezember 2021 erwischt es den Bundesfinanzhof. Das hohe Gericht muss seine Internetseite nach einem Hackerangriff vom Netz nehmen. Die Täter nutzen eine Lücke in einer Software namens log4j, um Zugriff auf Rechner zu bekommen. Es trifft damals weltweit auch andere, etwa das belgische Militär. Das Programm ist klein, die Gefahr groß. Auch wenn die Lücke geschlossen werden kann, zeigt sich, wie anfällig die Systeme sind. Hier setzt der staatliche deutsche Sovereign Tech Fund mit einem einzigartigen Konzept an.

    Log4j ist weltweit de facto Standard. Die Software ist kostenlos und steht allen zur Verfügung. Open Source werden solche Programme genannt, was so viel wie freie Quelle heißt. Oft sind sie klein, aber die praktikabelste Lösung für ein Problem – log4j zum Beispiel für bestimmte Anmelderoutinen. Oder, um präzise die Zeit zu messen und zu synchronisieren, wichtig im Finanzwesen, beim Rundfunk, Telekommunikation in Sicherheitsprotokollen.

    „Open-Source-Software steckt überall drin, in Autos, Heizungsreglern, Mobiltelefonen, Ampeln“, sagt Fiona Krakenbürger. „Auch große Softwarefirmen nutzen sie.“ Und Adriana Groh ergänzt: „Es geht um die unsichtbare Technologie, die die Welt am Laufen hält.“ Die beiden haben den Sovereign Tech Fund mit Sitz in Berlin 2022 initiiert und leiten ihn. Während viele Stiftungen und Firmen Geld geben, um neue Open-Source-Software zu entwickeln, geht es dem Sovereign Tech Fund um anderes.

    „Vor allem die Wartung der Software muss signifikant unterstützt werden“, sagt Krakenbürger. Sonst fällt im schlimmsten Fall etwas aus oder Hacker nutzen Lücken – mit teuren Folgen. „Es ist wirtschaftlich wichtig, dass kritische Software weiter funktioniert“, sagt Groh. „Wie bei Straßen und Schienen und anderer Infrastruktur muss sich der Staat auch bei der digitalen Daseinsvorsorge kümmern.“

    Aufgehängt ist der Fund bei der Bundesagentur für Sprunginnovationen (Sprind) in Leipzig. Sie soll Ideen und Entwicklungen fördern, die die Welt verändern können. Und sie sorgt jetzt indirekt dafür, dass die Softwarewelt weiter funktioniert. Finanziert wird der Fund aus dem Bundeswirtschaftsministerium.

    Das Besondere vieler Open-Source-Software: Oft hat sie jemand in der Freizeit programmiert. Geld gab es meist nicht. Vieles ist nicht dokumentiert und abhängig davon, dass die Person, die programmiert hat, sich auch Jahre später noch um solche Software kümmert. Gleichwohl ist solche Software weit verbreitet, wie sich an log4j sehen lässt.

    Oder an Curl: Die Software, die Datenübertragung ermöglicht, läuft auf Millionen von Spielekonsolen, Mobiltelefonen und Fernsehern. Sie steckt in Autos und Druckern. Apples und Microsofts Betriebssysteme verwenden sie. Einige Experten nennen die Software eine der wichtigsten überhaupt. Ein Ausfall wäre dramatisch. Der Sovereign Tech Fund gab Geld, um Fehler zu beheben. 122 waren bekannt, den Programmierern fehlte aber Zeit und finanzielle Hilfe.

    Die Probleme tauchen vor allem auf, weil Software nie richtig fertig ist. Die Technologie ändert sich, was eben noch sicher war, ist es wie bei log4j plötzlich nicht mehr. Bei Open-Source-Software kann es passieren, dass sich niemand mehr zuständig fühlt, die Person, die sie programmiert hat, ausgefallen ist. Wird die Software nicht aktualisiert, sind dann ganze Systeme gefährdet. Vergleichbar ist das mit einem aufwändigen Gebäude aus Bauklötzen. Wenn unten rechts einer herausgezogen wird, bricht es zusammen.

    Die Programme sind oft klein, das Problem ist dagegen sehr groß. „Es gibt weltweit Tausende kritische Open-Source-Programme“, sagt Krakenbürger. Eine genaue Zahl lässt sich kaum angeben, die Menge zu unübersichtlich ist. Der Fund hat bisher 195 unterstützungswürdige Technologien ermittelt. Für insgesamt 60 verschiedene Projekte gab er bisher Geld. Und der Bundestag, der dem Fund das Geld bewilligt, ist von der Arbeit offenbar überzeugt. Der Etat stieg von 11,5 Millionen Euro 2023 auf 15 Millionen Euro in diesem Jahr. Für das kommende Jahr waren 19 Millionen Euro vorgesehen. Allerdings wird der Bundeshaushalt 2025 wegen der Regierungskrise wohl nicht mehr verabschiedet.

    Für finanzielle Hilfe können Programmierer oder Projekte beim Fund beantragen. Die derzeit 14 Beschäftigten bewerten die Anträge, bei der Auswahl hilft eine Jury aus externen Experten. Dann schließt der Fund Dienstleistungsverträge mit den Programmierern, die nicht in Deutschland arbeiten müssen. Open-Source-Software wird weltweit entwickelt, die Urheber kritischer Software können in den USA, Malaysia oder Schweden sitzen.

    Seit Anfang November ist der Fund Teil der Sovereign Tech Agency mit Sitz in Berlin. Die neue Agentur kümmert sich nicht mehr nur darum, Entwickler zu unterstützen, die kritische, frei verfügbare Software warten, aktualisieren und dokumentieren. Die Agentur bietet auch Fehlersuche an. Und Programmierer von Open-Source-Technologien sollen gezielt gefördert werden.

    Deutschland rettet also gerade ein bisschen die Computerwelt. „Es müsste weit mehr Engagement für Open Source und die Wartung der Komponenten geben. Wir als Sovereign Tech Agency können und sollten das nicht allein stemmen. Aber wir machen vor, wie es gehen kann“, sagt Krakenbürger. Der Fund sei offen für Kooperationen, ergänzt Groh. „Erste Gespräche dazu laufen in einem European Infrastructure Consortium.“

  • Anpacken

    Kommentar zum Sozialbericht 2024

    Wer wissen möchte, was die Bundesrepublik zusammenhält, wie sich die Einwohner fühlen, wo es gut läuft, wo es hakt, findet etwas im Sozialbericht. Auf 440 Seiten liefert er einen recht umfassenden Blick auf Deutschland. Die Fülle an Zahlen und Fakten kann überfordern, einige Daten sind nicht besonders aktuell. Aber jeder kann nachsehen, wie es steht. Leider tun das offenbar zu wenige. Stattdessen greift zunehmend schlechte Laune um sich.

    Der Bericht zeigt, dass die Vermögen gestiegen sind, gleichzeitig zeigt er wie ungleich sie verteilt sind. Und dass sich daran wenig geändert hat. Es gibt Informationen zu Armutsrisiken nach Alter, Bildung und Region, und dass sie gestiegen sind. Der Bericht räumt mit dem Vorurteil auf, dass Familien mit Migrationshintergrund Kinder lieber selbst betreuen. Dabei ist ihre Nachfrage nach Betreuung hoch, doch fehlen Plätze – oder sie bekommen keine Zusage.

    Die Daten lassen erkennen, wie dramatisch der demografische Wandel Deutschland treffen wird. Dass es ohne hohe Nettozuwanderung in wenigen Jahren wirtschaftlich richtig schwierig wird. Dass Menschen, die zu uns kommen, wesentlich jünger sind als der Altersschnitt derjenigen, die bereits hier sind. Und dass die, die jetzt kommen, deutlich höher qualifiziert sind als die, die vor 1980 einwanderten. Gleichzeitig werden die Probleme der Personen mit Migration kaum angegangen.

    Und auch wenn die Stimmung im Land schlecht sein mag, weil die Regierung uneins ist, die Wirtschaft schwächelt, in der Ukraine ein Krieg tobt und in den USA ein unberechenbarer Egoist Präsident wird: Deutschland ist dem Sozialbericht zufolge ein Land mit hoher Lebensqualität. Aber es muss etwas getan werden. Und das bedeutet: Weniger meckern, mehr freuen und mehr anpacken.

  • Betreuung gegen Fachkräftemangel

    Sozialbericht 2024: Mütter wollen mehr arbeiten, als sie können

    Wie tickt Deutschland? Alle drei Jahre liefert der Sozialbericht umfangreiche Daten zu Arbeit und Bildung, Familie und Gesundheit, Vermögen, Werten und Zufriedenheit der Bundesbürger mit ihrem Leben. Letztere ist erstaunlich gut, wie die neueste Ausgabe zeigt. Die Deutschen sind auch vermögender geworden. Und die Experten haben ein enormes Potenzial entdeckt, um den Fachkräftemangel zu mildern.

    Zufriedenheit: Mit ihrem Leben sind die Bundesbürger sehr zufrieden. Auf einer Skala von 0 „vollkommen unzufrieden“ bis 10 „vollkommen zufrieden“ liegen die Werte um die 7,4. Philip Wotschack vom Wissenschaftszentrums Berlin (WZB), das den Sozialreport mit herausgibt, sprach von einem allgemein hohen Niveau. Seit 2004 ging es deutlich aufwärts, wie Zahlen des Sozioökonomischen Panels zeigen. Allerdings gab es 2021 einen Knick nach unten.

    Für das Panel befragt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin jährlich wiederkehrend dieselben Haushalte umfangreich zu ihrer Lebenssituation. Aufwärts ging es beim Einkommen und bei der eigenen Wohnung. Hier sind die Bundesbürger deutlich zufriedener mit ihrer Situation als vor mehr als zehn Jahren. Die neuesten Daten stammen von 2021. Neuere sind im Sozialbericht nicht erfasst, das politische Hickhack der Ampelregierung, die teils stark gestiegenen Preise im Zuge des Ukraine-Krieges und die Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank flossen nicht ein. Allerdings auch nicht die hohen Lohnzuwächse der vergangenen Jahre.

    Fachkräfte: Um den Fachkräftemangel zu mildern, eines der großen Probleme der deutschen Wirtschaft, schlagen Experten seit Jahren vor, Frauen stärker einzubinden. Der Sozialbericht liefert belastbare Zahlen, wie groß das Potenzial allein bei Familien ist. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (Bib) hat untersucht, wie viel Mütter und Väter je nach Alter des jüngsten Kindes gern arbeiten würden und das mit den echten Arbeitszeiten verglichen. Vor allem Frauen würden danach gern mehr tun. Wäre das möglich, stünden dem Arbeitsmarkt rein rechnerisch 645.000 Vollzeitkräfte zusätzlich zur Verfügung, wie Martin Bujard vom Bib ausgerechnet hat.

    Ein Grund dafür, dass Frauen nicht so viel arbeiten können, wie sie wollen: fehlende Ganztagsbetreuung an Kitas und Schulen. Sie sollte aus Sicht der Experten ausgebaut werden. Auch sollten die Arbeitgeber flexiblere Arbeitszeitmodelle anbieten und so Mütter fördern. „Das wäre für den Arbeitsmarkt im Fachkräftemangel hilfreich, sagte Bujard. „Das sind alles hochqualifizierte Frauen.“

    Es gibt auch Zahlen zu Vätern. Die arbeiten danach deutlich mehr, als sie eigentlich wollen. Könnten sie die aus ihrer Sicht ideale Zahl von Stunden arbeiten, verlöre der Arbeitsmarkt grob 320.000 Vollzeitkräfte. Das Bib befragte in Deutschland rund 30.000 Erwachsene zwischen 20 und 80 zu dem Thema.

    Vermögen: Ihre Vermögen haben die Bundesbürger zwischen 2011 und 2021 um 62 Prozent erhöht. Danach besaß jeder Haushalt zuletzt im Schnitt 316.500 Euro. Getrieben wurde das Plus ganz wesentlich von den Preisen für Häuser und Wohnungen, die in der betrachteten Zeit um 39 Prozent zulegten. Die Vermögen sind allerdings dem WZB-Experten Wotschack zufolge ungleich verteilt. Zehn Prozent der reichsten Bundesbürger besitzen 55,5 Prozent des Gesamtvermögens – viel im europäischen Vergleich. Im Schnitt gehört den Reichsten nach Zahlen der Europäischen Zentralbank von 2021 rund 53,4 Prozent des Gesamtvermögens.

    Und während in Ostdeutschland jeder Haushalt im Schnitt 151.000 Euro besitzt, sind es im Westen 360.000 Euro. Als Gründe nennen die Experten geringere Löhne im Osten, einen schwachen Immobilienmarkt und die Geschichte: In der DDR ließ sich kaum Vermögen aufbauen. Im Westen wird dagegen viel altes Vermögen vererbt, etwa Immobilien. Im Schnitt wohnen 41,8 Prozent der Bundesbürger in einer eigenen Immobilie. In Berlin und Hamburg sind es mit 16 und 20,1 Prozent am wenigsten, im Saarland mit 59,5 Prozent am meisten.

    Erfasst beim Vermögen sind neben Immobilien, Autos, privater Altersvorsorge, Geldanlagen, Hypotheken und andere Kredite. Nicht erfasst sind zum Beispiel Ansprüche auf staatliche Rente, Pensionen oder eine Betriebsrente. Würden sie einbezogen, dürfte sich das Nettovermögen verdoppeln, sagte Markus Grabka vom DIW. Solche Ansprüche lassen sich aber anders als Wohnungen oder Aktien nicht beleihen oder verkaufen, weshalb sie in den Statistiken zum Vermögen üblicherweise nicht eingerechnet werden.

    Demokratie: In Westdeutschland hielten 87 Prozent der Bundesbürger die Demokratie 2022 für die beste Staatsform, wie der Sozialbericht zeigt, in Ostdeutschland sind es 80 Prozent. So richtig begeistert sind aber nicht alle davon, wie sie funktioniert. 72 Prozent der Westdeutschen und nur 42 Prozent der Ostdeutschen sagten Anfang 2023, sie seien ziemlich oder vollkommen zufrieden. Der Schnitt in Osteuropa sind 48 Prozent, in Westeuropa 65 Prozent. Thomas Krüger, Präsident der Bundeszentrale für die politische Bildung, bezeichnete die schwachen Werte vor allem im Osten als dramatisch.

    Den Sozialbericht gibt die Bundeszentrale für politische Bildung zusammen mit dem Statistischen Bundesamt, dem WZB und dem Bib heraus. Die aktuelle Ausgabe bildet die Bundesrepublik auf 440 Seiten und unter www.sozialbericht.de in Zahlen ab. Zuletzt erschien der Bericht 2021, damals als Datenreport.

  • Armut geht leicht zurück

    Laut Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung sinkt der Anteil der Armen, weil sich unter anderem die Lage von Alleinerziehenden verbessere. Gewerkschaftsstiftung beklagt dagegen zunehmende Armut.

    Im Gegensatz zu den unerquicklichen Nachrichten, die momentan die Wirtschaftsentwicklung dominieren, steht ein positiver Befund. Die Armut in Deutschland scheint seit 2021 abgenommen zu haben. Darauf deuten drei Indikatoren hin, unter anderem der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes. Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) wertet das als „Trendbruch“ angesichts der früher oft steigenden Armutszahlen.

    Die Armutsrisikoquote derjeinigen Personen in Deutschland, die weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens zur Verfügung haben, ist im Mikrozensus von 16,9 Prozent (2021) auf 16,6 Prozent 2023 zurückgegangen. In einer europäischen Datenreihe (EU-SILC) ist sie von 16,8 Prozent (2020) auf 14,4 Prozent in 2022 gesunken. Eigene Zahlen des DIW deuten ebenfalls in diese Richtung. Die bislang unveröffentlichte Auswertung liegt dieser Zeitung vor. Sie widerspricht einem Bericht, den die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung an diesem Montag präsentierte. Demnach wächst die Armut weiter.

    Die Armutsgrenze liegt für einen Privathaushalt mit einer Person beispielsweise bei 1.350 Euro netto. Dass ein geringerer Anteil die Bürgerinnen und Bürger mit solch niedrigen Einkommen zurechtkommen muss, beruht Markus Grabka zufolge unter anderem auf der besseren wirtschaftlichen Situation von Alleinerziehenden. Für diese Gruppe sei ein „starker Rückgang“ der Armut zu verzeichnen.

    Als Ursache nennt der Soziologe etwa den Ausbau von Kindertagesstätten, wodurch alleinerziehende Eltern mehr arbeiten können. Auch die Unterhaltszahlungen seien angehoben worden, so Grabka. Eine große Rolle spielt zudem die insgesamt positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt während der vergangenen Jahre. Die Zahl der Beschäftigten stieg permanent, und der gesetzliche Mindestlohn erhöhte die Verdienste.

    Diese positiven Entwicklungen hat das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut der Hans-Böckler-Stiftung in seinem neuen „Verteilungsbericht“ möglicherweise nicht komplett erfasst, weil die von ihm verwendeten Zahlen des sozio-oekonomischen-Panels nur bis 2021 reichen. Den Böckler-Daten zufolge ist die Armutsrisikoquote zwischen 2016 und 2021 von 16,1 auf 17,8 Prozent gestiegen. Wobei die abweichenden Ergebnisse solcher Befragungen und Auswertungen teilweise auch mit unterschiedlichen Methoden zusammenhängen. Einig sind sich die beiden Institute jedoch darin, dass der Gini-Koeffizient weiter leicht steigt. Diese Größe ist ein Maß der sozialen Ungleichheit: Reiche profitieren mehr von der Entwicklung als Arme – selbst wenn sich deren soziale Lage ebenfalls verbessert.

    Böckler-Forscherin Bettina Kohlrausch kritisierte „die Zunahme sozialer Ungleichheit und die Verfestigung von Armut“. Materielle Sorgen grassierten nicht nur in Haushalten mit wenig Geld, sondern würden auch in wohlhabenderen Kreisen um sich greifen. „Deutlich mehr als die Hälfte der Menschen in der unteren Einkommenshälfte, aber auch knapp 47 Prozent in der oberen Mittelschicht fürchteten im vergangenen Jahr, ihren Lebensstandard zukünftig nicht mehr halten zu können“, heißt es im Verteilungsbericht. Als mögliche Ursachen wurden die steigenden Wohnungskosten genannt.

    „Der Staat löst sein Teilhabeversprechen nicht mehr ein“, beklagte Kohlrausch. In breiten Schichten der Bevölkerung machten sich „Statusängste“ breit. So würden Arbeitslose beschimpft, weil sie angeblich zu viel Bürgergeld erhielten. Radikale Rechte würden diese Missstimmung für ihre Interessen ausbeuten, befürchtet die Böckler-Stiftung.

    Als Therapie gegen zunehmende Armut empfehlen die Forscherinnen und Forscher eine stabilere soziale Grundsicherung und Infrastruktur. Die Bundesregierung solle darauf hinwirken, dass Unternehmen ausreichende Löhne zahlten. Als ein Mittel in dieser Richtung nannte Bettina Kohlrausch eine stärkere Tarifbindung: Firmen müssten dahingehend beeinflusst werden, Tarifverträge anzuwenden, die mit Gewerkschaften ausgehandelt würden.

  • Die Gipslücke

    Gips gibt es nicht mehr, zumindest nicht mehr in der Menge wie bisher. Das hängt mit dem Kohleausstieg zusammen. Er stellt die Bauindustrie vor eine überraschend neue Situation. Denn sie braucht große Mengen des Rohstoffs und bisher kamen bis zu sechzig Prozent des Gipses in Deutschland aus der Reinigung der Abgase von Kohlekraftwerken, genauer: aus deren Rauchgas-Entschwefelungsanlagen. Spätestens 2038 ist damit ganz Schluss, bis dahin soll nach und nach alle Kohlekraftwerke abgeschaltet werden. Nun gibt es Streit.

    Die Gipsindustrie will die natürlichen Gipsvorkommen in Deutschland stärker abbauen. Die ziehen sich von Rottweil und Schwäbisch-Hall in Baden-Württemberg nach Nordbayern und dann über Nordhessen bis zum Gipsgürtel im Südharz. Der Gips – chemisch ein Calciumsulfat – ist vor vielen Millionen Jahren entstanden, zu Zeiten als dort tropische Flachmeere in heiß-trockenem Klima austrockneten. Umweltschützer fürchten allerdings, dass einzigartige Landschaften mit zahlreichen Höhlen zerstört werden, derzeit etwa im Südharz.

    Dort will die Firma Knauf mit Probebohrungen nach Gips suchen, auch im Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz in Sachsen-Anhalt. Alle Mitglieder des Deutschen Naturschutzring DNR, des Dachverbands der deutschen Natur-, Tier- und Umweltschutzorganisationen haben sich nun gemeinsam dagegen ausgesprochen. Umweltschützer fordern schon seit längerem, stattdessen zum Beispiel das Recycling von Gips auszuweiten. Was ist da machbar?

    Nachfrage bei Jörg Michael Bunzel, der die Technologieentwicklung des Unternehmens MUEG, Mitteldeutsche Umwelt und Entsorgung nahe Leipzig leitet. Schon vor zehn Jahren hat er mit seinen Kollegen dort eine Anlage entwickelt, in der aus altem Gips neuer gemacht wird. Sie waren damit die ersten in Deutschland. Ihr Geschäftsfeld sei wegen der kommenden Gipslücke „zukunftsträchtig“, sagt Bunzel. Nur: „Es wird mehr Gips gebraucht als wir anbieten können.“

    Er beruhigt sogleich. Wer sich ein Bein oder Arm gebrochen habe, bekäme heute nur noch selten einen Gips, eher eine Schiene. Zahnabdrücke aus Gips oder Gipsformen, in denen Dachziegel gebrannt würden – auch darum gehe es weniger. Doch würden in Deutschland pro Jahr etwa zehn Millionen Tonnen Gips verbaut, krisele die Baukonjunktur wie derzeit sei das etwas weniger, in einem Boom mehr. Grob gerechnet brauche es aber für sechs Millionen Tonnen Gips Ersatz, die aus den Kohlekraftwerke gekommen sind.

    Er falle dort seit den 1980er Jahren an. Damals seien die Kohlekraftwerke in der alten Bundesrepublik mit den Rauchgas-Entschwefelungs-Anlagen, kurz: REA, ausgerüstet worden, nach der Wende 1990 dann auch im 0sten. Der saure Regen, der das Waldsterben verursachte, sollte damit eingedämmt werden. Den entscheidende Ausgangsstoff fürs Gipsrecycling könne nun nur der Sektor liefern, der den Ersatz für den REA-Gips besonders brauche: der Baussektor mit seinem Bauschutt.

    In Häusern sind zahlreiche Gipskartonplatten verbaut, als Trennwände, Raumteiler. Sie bestehen aus einem Kern aus Gips, umgeben von zwei Kartons. Werden die Gebäude abgerissen, müssen diese entsorgt werden. Steckdosen, Kabel, Tapeten, die ein oder andere Fliese – alles wird abgelöst. Kommen sie bei Bunzel und seinen Kollegen an, der Karton wird vom Gips getrennt, der Gips zerkleinert, so dass aus alt wieder neu werden kann. Das hört sich alles einfach an.

    Noch ist das allerdings selten. Das meiste landet noch immer auf Deponien. Das ist bislang billiger als die Baustoffe zu recyceln. Skandinavien, Belgien, die Niederlande, alles Länder ohne große Gipsvorkommen, regeln das anders. Dort seien die Gebühren fürs Deponieren höher, erklärt das Umweltbundesamt, rechne sich das Recycling eher. Allerdings ist es auch nicht allein das Geld. „Es gibt gar nicht so viel zu recycelndes Material, allenfalls kommen laut offiziellen Schätzungen ab 2030 jedes Jahr 1,3 Millionen Tonnen Gipsabfall zusammen“, sagt Bunzel. So kämen am Ende vielleicht gut zehn Prozent des Gipses, der in Deutschland gebraucht werde, aus dem Recycling.

    Auch in sogenannten Phosphorgipsen, die bei der Düngerherstellung weltweit in großen Mengen anfallen und auf Halde liegen, sieht Bunzel keine Alternative: „Sie werden gerne ins Spiel gebracht, enthalten aber schwach radioaktive Bestandteile. Das sind Spuren von Uran oder Radium, die in den Ausgangsstoffen stecken. Radionuklide sind in der Natur ja überall, grundsätzlich ist die von ihnen ausgehende Strahlung auch nicht gefährlich. Aber wer will das in seinem Haus haben?“

    Also doch im Südharz bohren? CDU, SPD und FDP in Sachsen-Anhalt haben sich in ihrem Koalitionsvertrag dafür ausgesprochen, dass die „Gips-Lagerstätten in Sachsen-Anhalt
    gesichert sowie deren umweltverträgliche Gewinnung ermöglicht werden.“ Hans-Jörg Kersten, der die Umweltabteilung des Bundesverbandes der Gipsindustrie leitet, sagt: „Gips ist ein Baustoff, der viel weniger Energie bei der Herstellung benötigt als etwa Zement oder Kalk.“ Und: „Wird der Abbau in Deutschland verhindert, wird Spanien profitieren. Spanien ist europaweit der größte Exporteur. Dort gibt es so viel Gips wie in Deutschland Lehm.“

    Kai Niebert, Nachhaltigkeitsforscher und Präsident des Deutschen Natruschutzrings hingegen fordert ein Umdenken: „Deutschland konsumiert mehr Gips als jedes andere europäische Land. Die deutsche Wirtschaft muss innovationsfreundlicher werden, stärker in Kreisläufen denken, also Stoffe mehrfach verwenden und dabei auch neue Materialien verwenden. Die alten Gipskartonwände lassen sich mittlerweile gut durch nachwachsende Rohstoffe ersetzen.“ Längst gebe es Firmen, die zum Beispiel Wände aus Strohfasern herstellten. Stroh sei gut verfügbar, sorge für ein angenehmes Raumklima, und in hochverdichteter Form sei es auch feuerfest.

  • Im Rausch der Goldbären

    Für Haribo ist Südkorea ein Wachstumsmarkt

    So also sieht ein südkoreanischer Haribo-Superfan aus: Dunkle Haare, runde Goldrandbrille, schwarzes Leinenhemd, Slipper. Mike Lee lächelt. Vielleicht, weil auf dem Unterwasserbild in diesem zehn Meter langen Videotunnel gerade ein Seepferdchen vorbeischwebt, das sehr nach Fruchtgummi aussieht. Sehr wahrscheinlich aber lächelt er, weil die Besucher aus Deutschland so beeindruckt sind. Südkorea ist für Haribo ein Wachstumsmarkt, der Goldbär wohlgelitten. Aber dass jemand aus eigenem Antrieb und auf eigene Rechnung eine Hightech-Ausstellung über den deutschen Süßwarenhersteller organisiert, ist schon einmalig.

    Es ist warm auf Jeju und feucht. Wolken verdecken den Vulkankegel, der die beliebte südkoreanische Ferieninsel überragt. Hier, nur eine Flugstunde von der Hauptstadt Seoul entfernt, locken Sandstrände, Wasserfälle, subtropische Sonnenuntergänge mit Zikadengesang und jetzt auch die Happy World of Haribo. Dafür hat das südkoreanische Unternehmen Peopully, für das Mike arbeitet, eine Skate-Halle umgebaut. „Wir haben rund vier Millionen Euro investiert“, sagt er, während er auf der Ausstellungs-App zeigt, wie sich in der gut klimatisierten „Fruchtgummiküche“ virtuelle Goldbären finden und fotografieren lassen. Die Summe ist ein Vielfaches dessen, was Haribo 2022 für die Deutschlandtour zum 100. Geburtstag des Kernprodukts ausgegeben hat.

    Das Geld steckte Peopully nicht nur in die Technik. „Wir haben historisches Material zu Haribo über Ebay gekauft oder Sammler überzeugt, etwas auszuleihen“, sagt Mike – Modellbausätze, Spiele, Bettwäsche, alte Anzeigen. Einiges, was ausgestellt ist, fehlt sogar im Haribo-Archiv. Für Peopully ist das hier ein großes Risiko. Für den deutschen Konzern aus Grafschaft bei Bonn ist es ein Glücksfall.

    Seoul. Im kühlen 35. Stock eines Hotels im Hochhausstadtteil Gangnam sitzt Kostas Vlachos. Er ist bei Haribo für jene Länder zuständig, in denen sich das Geschäft kräftig entwickelt. „Südkorea ist der größte Markt außerhalb Europas und den USA. Innerhalb des Unternehmens liegt er in den Top Ten“, sagt er. Rund 150 Millionen Euro setzten alle Anbieter zuletzt mit Fruchtgummi in Südkorea um. Haribos Marktanteil liegt bei 42 Prozent, Tendenz steigend. Das Geschäft ist noch nicht groß angesichts der geschätzt weit mehr als drei Milliarden Euro Konzernumsatz, aber das hier ist aussichtsreiches Goldbären-Entwicklungsland, Teil der globalen Wachstumsstrategie, gut 52 Millionen Einwohner, sehr viele Fans.

    „Wir haben eine Figur als Markenbotschafter, die die Menschen hier anspricht. Das hilft im Markt schon sehr“, sagt Nikolay Karpuzov, der das Asiengeschäft verantwortet. Vlachos sagt noch: „Wir sind in Südkorea profitabel.“ Es läuft also in diesem Land, in dem sie Comics lieben und Croissants mit Bockwurst, Chili und Käse angeboten werden. In dem Manager im Einkaufszentrum am Werbestand eines Onlinespiels Tischtennisbälle mit Pfannen schlagen und die Hände des Rappers Psi als fünf Meter große Statue in Gold Touristen locken.

    Seit 2000 tummelt sich der Goldbär bereits in Südkorea. „Als wir gestartet sind, gab es hier nur wenig Fruchtgummi, sondern Bonbons. Die sind einfacher herzustellen und billiger“, sagt Vlachos. Das Land entwickelte sich, beliefert die Welt heute mit Mobiltelefonen, Computerchips, Bildschirmen, Autos, Containerschiffen, wandelte sich zum Industrieland. Mit der Kaufkraft stieg das Interesse für Neues. „Unser Fruchtgummi lieferte andere Geschmacksrichtungen. Das war aufregender.“ Doch einfach nur Tüten mit Goldbären per Container in den Häfen von Seoul oder Busan anzulanden und auf die Kraft der Marke zu vertrauen, reicht nicht. „Südkorea ist sehr wettbewerbsintensiv. Das sieht man bei Smartphones, Autos und auch bei Fruchtgummi“, sagt Karpuzov. Als der Markt wuchs, witterten plötzlich auch einheimische Anbieter ein Geschäft.

    Die Konkurrenten heißen Orion (20 Prozent Marktanteil) oder Lotte (sechs Prozent), sind, wie viele andere große südkoreanische Firmen Mischkonzerne. Sie verkaufen zum Beispiel halbkugelförmiges Kiwi-Fruchtgummi oder welches mit Traubengeschmack. Der ist in Asien so beliebt, dass auch Haribo entsprechendes Fruchtgummi im Programm hat – sonst ist es nicht zu bekommen.

    Wie fast überall in der Haribo-Welt sind auch in Südkorea die klassischen Goldbären am beliebtesten, gefolgt vom Starmix und Fruity Bussi, einem Fruchtgummi mit flüssiger Füllung. Die Produkte kommen aus Fabriken in Deutschland, Österreich, Ungarn und der Türkei. In die Supermärkte und vor allem die rund um die Uhr geöffneten rund 45.000 kleinen Läden im Land liefert ein örtlicher Partner, wie Haribo ein Familienunternehmen.

    Ausstellungsmacher Mike entdeckte die Goldbären 2007 in Deutschland. Damals half er seiner Mutter in Berlin bei einem Kunstprojekt zum Mauerfall. „Wir wohnten in Potsdam, hatten wenig Geld, das Fruchtgummi war günstig“, erinnert er sich, während er in der Ausstellung vor einer mehrere Meter großen Haribo-Tüte steht, aus der sich knallbunte Riesenbären in den Raum ergießen. Im Hintergrund fotografieren Eltern ihre Kinder, versuchen sich an Videospielen.

    Seit Potsdam ließ ihn Haribo nicht mehr los. „In Korea ändern sich Dinge schnell, auch das Design“, sagt er. „Bei Haribo hat sich nur sehr wenig in mehr als 100 Jahren verändert. Diese Philosophie und das Erbe haben mich interessiert.“ So sehr, dass er eine Ausstellung in Seoul organisieren wollte. Er reiste sogar zur Haribo-Zentrale, blitzte mit seiner Idee aber ab. Die Ausstellung machte er 2023 dennoch, überzeugte auch Haribo. Und dann legte er richtig los.

    „Es ist sehr selten, dass eine Marke eine solche Ausstellung unterstützt. Sie ist eine einmalige Marketing-Chance“, sagt Vlachos über den Dächern von Seoul. Kostas ergänzt: „Die Ausstellung auf Jeju zeigt nicht das Produkt, sondern das Gefühl von Haribo.“ Das Unternehmen genehmigte, Schriftzug und Produkte zu nutzen, und lizenzierte Nicht-Fruchtgummiprodukte. Und so wartet am Ende der Ausstellung auf Jeju der Shop, denn ohne den Verkauf von Handtüchern mit Bärenmotiv, Eiswürfelformen oder T-Shirts rechnet sich die Ausstellung nicht, trotz der Eintrittspreise. Bisher lief es: In den ersten zweieinhalb Monaten kamen mehr als 100.000 Besucher, wie Mike sagt. Er lächelt. Laufen soll sie drei Jahre.

    Zurück in Seoul geht es auf den Gwangjang-Markt. An diesem Abend drängen sich die Menschen zwischen den Ständen mit scharf gekochten Schweineinnereien, dampfenden Dumplings und Gemüsepfannkuchen. Sehr bodenständig alles. Bis eine ältere Verkäuferin in knallroter Schürze den goldfarbenen Plüschbären entdeckt, der an einem Rucksack der deutschen Besucher hängt. „Haribo!“ schreit sie. Tier wird geherzt, geküsst, soll für Fotos posieren – und adoptiert das Tier.

  • Unklare Finanzierung

    Kommentar zum Deutschlandfonds

    Für die deutsche Wirtschaft sieht der Ausblick gerade schlecht aus. Zum zweiten Mal in Folge wird sie schrumpfen. Ein Problem sind fehlende Investitionen. Die Bundesregierung versucht es da gern mit Subventionen, etwa für den US-Chiphersteller Intel. Jetzt schlägt Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck eine neue Form vor, verpackt als Deutschlandfonds. Wer investiert, bekommt einen Teil vom Staat erstattet. Das Konzept ist immerhin kreativer als der übliche Vorschlag, die Unternehmenssteuern zu senken.

    Nach dem Plan soll jedes Unternehmen in Deutschland, das investiert, zehn Prozent dieser Summe von der Steuerschuld abziehen können. Firmen, die keine Steuern zahlen, wird Geld überwiesen. So bekommen nur jene, die investieren, auch staatliche Subventionen. Bei einer Steuersenkung profitieren dagegen alle, die Gewinn machen, selbst wenn sie kein Geld in die Zukunft der Firma stecken. Und wer sein Geschäft gerade aufbaut, geht ohnehin leer aus. Das Ganze über die Steuererklärung laufen zu lassen, ist unbürokratisch und erspart zusätzliche Anträge und Kontrollen.

    Was das Konzept nicht löst: Wer kein Geld zum Investieren hat, weil die Lage schlecht ist, wird sich nicht anregen lassen. Zu sehen ist das auch bei Intel. Obwohl der deutsche Staat ein Drittel der 30 Milliarden Euro übernehmen wollte, die das neue Werk bei Magdeburg kosten soll, wird bis auf Weiteres nicht gebaut. Denn Intel schlingert.

    Der Deutschlandfonds für Investitionen hat zudem ein grundlegendes Problem: Es ist unklar, wie er finanziert werden soll. Habeck deutet an, mehr Schulden seien eine Lösung. Vielleicht sollte die Bundesregierung die Ausgaben durchforsten und unproduktive streichen. Subvention könnten auch fallen. Dann hätte der Staat Geld zum Investieren und brauchte nicht einmal einen extra Fonds.

  • Immerhin versucht

    Kommentar zu US-Techkonzernen und Atomstrom

    In den USA stecken einige große Technologiekonzerne Millionen in Atomenergie. Amazon und Google fördern in kleine Unternehmen, die versprechen, mit neuartigen Konzepten günstig und sicher Strom zu erzeugen. Microsoft lässt ein altes Akw wieder hochfahren. Das ist keine umfangreiche Wiedergeburt der Atomenergie, sondern der unternehmerische Versuch, sich möglichst viel Zugriff auf CO2-freie Energie zu sichern.

    Alle drei Konzerne investieren groß in künstliche Intelligenz. KI soll Leben und Arbeiten für Menschen einfacher, leichter und besser machen. Doch der Energiehunger der KI-Rechenzentren ist gewaltig. Gleichzeitig wollen die US-Tech-Riesen klimaneutral werden. Schon jetzt beziehen sie gewaltige Mengen Strom aus erneuerbaren Quellen wie Sonne, Wasser und Wind. Allerdings wächst das Angebot wohl nicht in dem Maße, wie der grüne Strom benötigt wird. Die Unternehmen sind geradezu gezwungen, auch andere CO2-neutrale Quellen wie die Mini-Reaktoren anzuzapfen. Vor allem, wenn sie direkt an den Rechenzentren aufgestellt werden können.

    Allerdings sind die Strommengen, die Akw liefern sollen, sehr gering im Vergleich zu denen, die die Konzerne von Windturbinen und Solaranlagen beziehen. Und die neuartigen Reaktoren existieren meist nur auf Papier. Ob sie je gebaut werden und günstigen Strom liefern, ist unsicher, die Endlagerfrage nicht beantwortet.

    Die Investitionen von Amazon, Google und Microsoft mögen groß sein. Vielleicht bringt das Geld sogar den Durchbruch bei den Mini-Kraftwerken, dann profitieren auch andere. Wahrscheinlicher ist, dass sie scheitern werden. Dann haben die Tech-Konzerne es immerhin versucht. Und sie können sich solche Versuche mit ihren Multimilliarden-Umsätzen auch leisten.

  • Google unter Atomstrom

    US-Tech-Konzerne investieren in neue Reaktorkonzepte

    Amazon, Google und Microsoft wollen auch auf Atomenergie setzen. Sie investieren hunderte Millionen Dollar. Was hinter den Plänen steckt und wie wahrscheinlich sie sind.

    Warum brauchen Amazon, Google und Microsoft so viel Energie?

    Die drei US-Technologieunternehmen investieren viel Geld in künstliche Intelligenz. Solche Anwendungen verändern ganze Berufsbilder, sollen das Arbeiten erleichtern. Die Möglichkeiten der Technologie scheinen unbegrenzt. Allerdings benötigt zum Beispiel die Suche mit einem KI-Programm wie ChatGPT ein Vielfaches des Stroms einer normalen Google-Suche. Weil der KI-Bereich wächst, brauchen die Rechenzentren der Amazon-Tochter AWS, von Google und Microsoft, deutlich mehr Energie als bisher. Experten von Schneider Electric schätzen, dass sich der Energiebedarf für KI-Anwendungen von derzeit 4,5 auf 19 Gigawatt in vier Jahren erhöhen wird – das entspricht zwölf bis 16 herkömmlichen Atomkraftwerken (Akw).

    Was planen Amazon, Google und Microsoft?

    Die drei US-Technologieriesen wollen Strom aus Akw beziehen. Solche Anlagen liefern gleichmäßig Strom, der CO2-frei ist. Wichtig, weil die Unternehmen klimaneutral werden wollen.

    Wie geht Microsoft vor?

    Microsoft hat einen Vertrag mit Constellation Energy geschlossen. Das Unternehmen soll 20 Jahre lang Strom liefern und will deshalb Block 1 des Akw Three Mile Island wieder ans Netz bringen. Die Anlage in der Nähe von Harrisburg, Pennsylvania, ist seit 2019 abgeschaltet und sollte abgerissen werden. In Block 2 kam es 1979 zu einer teilweisen Kernschmelze, der schlimmste Zwischenfall in der kommerziellen Atomenergienutzung der USA.

    Lässt sich ein Atomkraftwerk grundsätzlich wieder hochfahren?

    Im Prinzip ja, sogar in Deutschland. Je nach Zustand der Anlage kostet das allerdings viel Geld. Möglicherweise so viel, dass sich ein Neubau eher lohnt. In Deutschland müsste der Bundestag das Atomgesetz ändern. Auf jeden Fall muss die Anlage neu genehmigt werden. Dabei wird auch die Bevölkerung beteiligt. Auch die Atomaufsicht muss zustimmen. Die Verfahren können sich über mehrere Jahre hinziehen.

    Welchen Weg gehen Amazon und Google?

    Google hat beim US-Unternehmen Kairos Power sieben Mini-Reaktoren bestellt. Es ist der erste Auftrag dieser Art überhaupt. Kairos arbeitet an einem Small Modular Reactor (kleiner modularer Reaktor, SMR). Eine Testanlage soll 2027 in Betrieb gehen. Google will Strom aus einer regulären Anlage bereits von 2030 an beziehen. Über finanzielle Einzelheiten schwiegen sich beide Seiten aus.

    Amazon überweist dem Start-up X-Energy 500 Millionen Dollar für den Bau eines SMR-Prototypen. Sollte es etwas werden, geht der Strom an Amazon. Anfang des Jahres kaufte der Konzern bereits für 650 Millionen Dollar ein Rechenzentrum auf dem Gelände eines klassischen Atomkraftwerks. Auch finanziert der Amazon Northwest Energy die Entwicklung von vier SMR, die rund 770.000 Haushalte versorgen sollen.

    Was sind SMR?

    Unter dem Begriff sind kleinere Atomreaktoren mit einer Leistung von bis zu 350 Megawatt zusammengefasst. Das größte deutsche Akw Isar 2 hatte 1485 MW elektrische Leistung. Neue Reaktoren wie im finnischen Olkiluotu haben 1600 MW. Die Idee hinter den Mini-Reaktoren: Statt ein großes Akw zu bauen, sollen viele kleine, standardisierte in großen Mengen hergestellt werden, was die Kosten senkt. SMR sollen auch sicherer sein. Eingesetzt wird zum Teil neue Technologie. Kairos etwa arbeitet an einem Reaktor, in dem geschmolzenes Salz statt Wasser den radioaktiven Brennstoff kühlt. Die deutsche Firma Dual Fluid setzt auf flüssiges Uran und flüssiges Blei. Herkömmliche Reaktoren nutzen feste Brennstäbe und Wasser als Kühlmittel.

    Wie wahrscheinlich sind die Pläne?

    Was gut klingt, ist bisher nur Theorie. „Die Lücke zwischen Hype und Realität der SMR wächst weiter“, heißt es im aktuellen World Nuclear Industry Status Report, eine Art Standardwerk zum Stand der Atomindustrie weltweit. Staatliche wie private Programme reichen zurück bis 2012. Ideen gibt es viele, funktionierende Anlagen fehlen. Nur in Russland produzieren zwei SMR – verkleinerte herkömmliche Reaktoren – auf einem Schiff Strom.

    Rechnet sich das?

    Bei den SMR ist die Lage klar: Es rechnet sich nicht. Im Herbst 2023 beendete das US-Unternehmen Newscale ein Kraftwerksprojekt – trotz genehmigtem Prototypen Der Strom wäre um ein Vielfaches teurer gewesen als etwa aus erneuerbaren Quellen oder konventionellen Akw. Auch die große Stückzahl, die nötig ist, um die Kosten der SMR zu drücken, lässt sich wohl nicht erreichen. Zulassungs- und Genehmigungsverfahren können sich Jahre hinziehen. Experten halten es insgesamt für Wunschdenken, dass Anfang der 30er Jahre funktionierende SMR laufen. Auch Endlagerkosten sind meist nicht einkalkuliert.

    Wie wichtig ist Atomkraft für die Techkonzerne?

    Angesichts des Gigawatt-Bedarfs sind die Mengen übersichtlich: Kairos etwa soll Google bis zu 500 MW Atomstrom pro Jahr liefern. Das ist eher ein Zusatz zum Energiemix. Alle drei Techkonzerne investieren umfangreich in erneuerbare Energien. Microsoft etwa will hier weltweit rund 10,5 Gigawatt Leistung aufbauen. Die Kosten schätzt der Konzern auf zehn Milliarden Dollar. Amazon nutzte 2023 mehr als 20 Gigawatt Strom aus Solar-, Wasser und Windkraftwerken. Google wollte in den vergangenen drei Jahren rund vier Milliarden Dollar in erneuerbare Energien stecken.

  • Der Handel feiert mit

    Ist das eine Erfindung der Wirtschaft? Noch nicht so viele Jahre her, da sprach in Deutschland kaum jemand von Halloween. Und nun spuken am 31. Oktober Kinder als Hexen, kleine Gespenster oder Monster durch die Nachbarschaft, klingeln an Haustüren, fordern Süßigkeiten, rufen dazu „Süßes oder Saures“. Erwachsene treffen sich zu Partys, ebenfalls kostümiert, hängen kürbisfarbene Lampions, Gespenster-Spinnennetz-Skelett-Deko auf. Und der Handel feiert bei diesem Gruselfest mit.

    Denn: Sonst mögen sich die Deutschen derzeit beim Konsum eher zurückhalten, für Halloween geben sie immer mehr Geld aus. Das zeigen Daten, die der Handelsverband Deutschland, HDE, für diese Zeitung zusammengestellt hat. Demnach ist der Umsatz des Einzelhandels in den vergangenen fünf Jahren um 23 Prozent gestiegen. Dabei schlägt auch die Inflation zu Buche, alle Produkte sind teurer geworden. Entscheidend aber: Die Umsätze zu Halloween sind seit 2019 deutlich stärker gestiegen – um knapp 69 Prozent.

    2019 gaben die deutschen für Halloween 320 Millionen Euro aus, in diesem Jahr rechnet der Einzelhandel mit 540 Millionen Euro. Das ist im hunderte Milliarden Euro großen Gesamtumsatz des Einzelhandels noch immer eine kleine Summe. Doch sticht Halloween unter den Tagen heraus, die als besondere Anlässe für den Einkauf gelten. Denn im Vergleich zu 2019, so rechnet der HDE vor, gaben die Deutschen in diesem Jahr zu Muttertag zum Beispiel 20 Prozent, zur Einschulung 21 Prozent mehr aus. Das ist wenig auffällig, liegt im Trend der Umsatzentwicklung insgesamt. Halloween entwickelt sich derweil zum besonderen Tag, auch des Handels.

    Aber, so Stefan Hertel, der für den HDE spricht „Halloween hat der deutsche Einzelhandel nicht erfunden. Es ist eine Tradition aus einem anderen Land, die hier immer beliebter wird.“ Tatsächlich begann alles in Irland mit dem Fest Samhain am 31. Oktober: In vorchristlicher Zeit feierten damit die Kelten ihre Ernte und läuteten den Winter ein.

    Die Kelten glaubten, dass sich an diesem Tag auch die Toten auf die Suche nach jenen machen könnten, die im Jahr darauf sterben sollten. Sie wollten böse Mächte durch furchterregende Kostüme abschrecken und durch kleine Gaben besänftigen. Im 19. Jahrhundert brachten Irische Einwanderer den Brauch, der sich da schon mit christlichen Traditionen vermischt hatte, mit in die USA. Erst dort entwickelt er sich dann zu einem Party-Event. Und heute?

    „Halloween oder auch der Valentinstag treffen offenbar einen Nerv auch in Deutschland“, meint Hertel, „und der Handel bedient das, was die Menschen haben wollen.“ Den Valentinstag, das Fest der Liebe am 14. Februar, heißt es gerne, hätten sich Floristen ausgedacht, weil ihr Geschäft dann besonders gut läuft, Paare füreinander Rosen kaufen. Doch kam der Valentinsbrauch schon im späten 14. Jahrhundert in Frankreich und England auf. Allerdings: Die Geschäftsleute rechnen mit diesen Tagen.

    Hertel sagt: „Diese Tage sind ein wichtiger Impuls für den Handel. Denn sie schaffen Anlässe für die Kunden in die Geschäfte zu kommen. Oft kaufen sie dann nicht nur das, was auf ihrem Zettel steht, sondern auch Dinge links und rechts davon.“ So ist nun jeden Oktober reichlich Grusel-Material im Angebot.

  • „Bremsen ist die wahre Kunst“

    Wenn die Vorständin den Zugführerschein macht

    Schon das Einsteigen ist sportlich. Der Zug steht nicht am Bahnsteig, der Tritt ist in Hüfthöhe. Kein Problem, zumindest nicht für Evelyn Palla. Im Hauptberuf ist sie im Konzernvorstand der Deutschen Bahn zuständig für den Regionalverkehr, an diesem Herbstnachmittag nimmt sie eine Fahrstunde mit einem dreiteiligen ET 442 Talent2, wie der rote Regionalzug offiziell heißt. Es geht vom Betriebsbahnhof Berlin-Lichtenberg zum Bahnhof Grunewald.

    Innen ist es etwas frisch, obwohl die Sonne auf den Zug scheint, aber heute sollen auch keine Fahrgäste mitfahren. Bevor es losgeht: Wie kommt die Bahn-Vorständin in den Führerstand? „Das Thema Lokführerschein hat mich fasziniert, seit ich bei der Bahn arbeite“, sagt sie. „Ich wollte wissen, wie es sich anfühlt, im Führerstand zu sitzen. Und auch verstehen, was unsere Mitarbeitenden täglich leisten und was unser Geschäft ausmacht.“

    Was für Fahrgäste immer so einfach aussieht – anhalten, Türen auf, Türen zu, anfahren – wirkt ganz anders, wenn man im Führerstand sitzt. Der Zug hat eine ziemlich große Schnauze, die Sicht ist etwas eingeschränkt und im Cockpit gibt es zahlreiche Knöpfe, Schalterm, Displays und Hebel. Dazu der Fußtaster, der während der Fahrt regelmäßig getreten werden muss als Zeichen, dass die Person im Führerstand noch aufmerksam ist. Links vorn der Hebel, mit dem Gas gegeben werden kann.

    Der Lokführerschein hat Scheckkartenformat und ähnelt dem Führerschein fürs Auto. Er berechtigt dazu, Loks zu fahren. Aber wer einen hat, muss sich für jeden Zugtyp und für jede Strecke zusätzlich qualifizieren. Deshalb wird Palla heute den ET 442 steuern. Es geht um die Besonderheiten des Führerstands, Diesel- oder Elektroantrieb, um Reibung, Fahr- und Bremsverhalten. „Bremsen ist das Schwierigste, die wahre Kunst des Lokführers“, sagt die Fahrschülerin.

    Palla kam 2019 von den Österreichischen Bundesbahnen zur Deutschen Bahn, zunächst als Finanzvorständin für Fernverkehr. Seit Juli 2022 leitet die energische Managerin die Sparte DB Regio und arbeitet im Konzernvorstand. Der Aufsichtsrat hat ihren Vertrag gerade um fünf Jahre verlängert.

    Sie ist jetzt eine von fast 20.000 Bahnbeschäftigten, die Züge steuern. Das Gros, etwa 12.800 von ihnen, arbeitet für die bei der Regionalsparte DB Regio, 3700 fahren Güterzugloks bei DB Cargo. Rund 3100 sind in ICE und IC im Fernverkehr unterwegs. Der Frauenanteil betrug Mitte des Jahres 5,3 Prozent.

    Unter den Vorstandskollegen ist Palla die einzige mit der Lizenz zum Fahren. Jahrelang beklagte sich etwa die Lokführergewerkschaft darüber, dass das Management an der Spitze des Unternehmens keine Ahnung habe, was unten geleistet werde. Die Chefin fürs Regionalgeschäft weiß es jetzt.

    „Die Lokführerausbildung dauert drei Jahre. Quereinsteiger lernen rund ein Jahr“, sagt Palla. Zwischen 900 und 1200 kommen aus anderen Berufen zur Bahn, um künftig Züge zu fahren. „Wir haben unter anderem Ärzte, Mitarbeitende aus der Gastronomie, Menschen, die ihr Leben lang Bahnfans sind und irgendwann tatsächlich ihre Leidenschaft zum Beruf machen.“

    Bevor es richtig losgeht, werden alle Bewerberinnen und Bewerber genau geprüft. „Nach dem Eignungstest für physische Fitness, Hör- und Sehvermögen kommt ein Test der geistigen Fitness: Eine vierstündige Prüfung dazu, wie gut man sich konzentrieren kann, zu Merk- und Reaktionsfähigkeit“, erinnert sich Palla. „Die Prüfung ist wirklich hart, muss es aber auch sein. Als Lokführerin hat man schließlich Verantwortung für die Fahrgäste.“ Sonderregeln für die Vorstandsfrau gab es jedenfalls nicht.

    Palla hat den Führerschein berufsbegleitend gemacht, eher untypisch bei der Bahn, aber auch der Tatsache geschuldet, dass sie als Mitglied des Konzernvorstands nicht einfach zwölf Monate Auszeit nehmen konnte. Die Arbeit bleibt ja sonst liegen. „Es braucht sehr viel Disziplin und starken Willen, um den Führerschein nebenbei zu machen“, sagt sie. „Das hat die Abende und Wochenenden gefressen. Aber ich habe es wirklich gern gemacht.“ Gelernt und Fahrpraxis gewonnen hat die Vorstandsfrau in und um Frankfurt/Main, wo die Zentrale der Bahn-Nahverkehrssparte sitzt.

    Die DB-Regio-Chefin bezieht ein Konzernvorstandsgehalt, zusätzlich Geld gibt es nicht, wenn sie sich in den Führerstand setzt. Wer hauptberuflich als Lokführer arbeitet, verdient im Staatskonzern zwischen 45.000 und 56.000 Euro einschließlich Zulagen, je nach Berufserfahrung und ob sie im internationalen Verkehr fahren oder als Ausbilder eingesetzt werden. Ein Azubi bekommt je nach Lehrjahr zwischen knapp 13.500 Euro und 17.200 Euro im Jahr, dazu können Zulagen kommen. Letztere gibt es zum Beispiel für Wochenenddienste oder Nachtschichten. Und die Bahn garantiert die Übernahme, denn Lokführer sind gefragt.

    Um weiter fahrfähig zu bleiben, müssen alle Führerscheinbesitzer jedes Jahr mindestens 100 Stunden oder zwölf Schichten mit dem Zug unterwegs sein sowie regelmäßige trainieren, auch am Simulator. Alle drei Jahre prüft der Betriebsarzt die Tauglichkeit, wer älter als 55 Jahre ist, wird jährlich gecheckt. Diese Regeln gelten auch für Palla.

    Aber jetzt geht es erst einmal auf die Strecke mit dem roten ET 442, 56 Meter lang, 114 Tonnen Gewicht, Höchstgeschwindigkeit 160 Kilometer pro Stunde. Nach Grunewald. Auf welchen Strecken die Vorständin demnächst unterwegs sein könnte, womöglich mit Fahrgästen, hat die Bahn nicht verraten.

  • Wo wir künftig Urlaub machen

    Extremwetter trifft Deutschlands liebste Reiseziele. Alternativen sind rar

    Hitzewellen von mehr als 40 Grad in Italien, auf Mallorca und dem spanischen Festland, Waldbrände in Griechenland, Kroatien und Portugal – dieser Sommer bot in vielen klassischen Tourismusregionen nicht gerade das, was sich Urlauber aus Deutschland so wünschen. Der Klimawandel ändert auch das Wetter am Mittelmeer, begünstigt extreme Temperaturen, Dürre. Und das könnte sich in den kommenden Jahren fortsetzen. Nur, wenn Spanien, der Deutschen liebstes Reiseziel, im Sommer kaum noch erträglich ist, wohin dann reisen? Ist Island gar das neue Mallorca?

    Nordeuropa sieht tatsächlich große Chancen. Zum Beispiel die Aland-Inseln zwischen Schweden und Finnland: Sie bieten die meisten Sonnenstunden in Skandinavien, wenn die Tourismusoffiziellen dort recht haben. 6757 größere Inseln, noch einmal etwa 20.000 kleinere sowie Felsen, 30.500 Einwohner, ruhiges Wasser, spektakuläre Sonnenuntergänge. Und natürlich moderate Temperaturen. Oder etwa Achmelvich Beach, ein Strand in Nordwest-Schottland: Hier führt feiner weißer Sand in türkisfarbenes Wasser. Und abends färbt sich der Himmel im Westen glutrot.

    Selbst abgelegene Strände auf den Lofoten, einer Inselgruppe vor der norwegischen Westküste und bisher vor allem bei Surfern bekannt, könnten plötzlich im großen Stil Ziel deutscher Touristen werden. Coolcation nennt sich der Trend, eine Zusammensetzung aus den englischen Worten cool für kalt und vacation für Urlaub. Kühl ist es auf den Lofoten auf jeden Fall. Die Inseln liegen nördlich des Polarkreises. Dafür ist es im Sommer rund um die Uhr hell. Liegt hier die Zukunft des deutschen Massenurlaubs? Und wenn ja, wie teuer wird es?

    Beim zweitgrößten deutschen Reiseanbieter, Dertour in Köln, sind sie noch zurückhaltend. „Die Buchungen für Reisen in die Nordischen Länder haben zugenommen, dies liegt aber nicht zwingend an den Temperaturveränderungen“, sagt Sven Schikarsky, Produktchef. Man beobachte die Entwicklung und passe das Angebot gegebenenfalls an. Und: „Wir können an den aktuellen Buchungen derzeit keinen Trend zu einem veränderten Reiseverhalten feststellen.“

    2023 reisten 4,8 Prozent der Deutschen nach Skandinavien, 2022 waren es 3,9 Prozent, wie die Tourismusanalyse der Stiftung für Zukunftsfragen ergab. An der Spitze: Spanien (9,1 Prozent) und Italien (7,0 Prozent), jeweils mit leichtem Plus. 37,1 Prozent reisten innerhalb Deutschlands, ein leichtes Minus.

    Jürgen Schmude ist da klarer. „Coolcation kann man vergessen“, sagt der Professor für Tourismusforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. „Tatsächlich sind die Zahlen für Skandinavien gestiegen, die für Spanien und Italien aber auch“, sagt er. Es gebe immer noch einen kleinen Erholungseffekt nach Corona. „Außerdem wächst der Tourismus weltweit, davon profitieren auch Spanien, Italien und die Türkei.“ Mehr Menschen können sich Urlaub leisten. Und sie konkurrieren mit den Deutschen um die Unterkünfte, was tendenziell steigende Preise bedeutet.

    Zudem scheint Hitze viele Menschen im Urlaub doch nicht zu stören. „Wir beobachten sogar, dass teilweise Destinationen mit hohen Temperaturen in der Beliebtheit steigen: So hat sich zum Beispiel Dubai in den letzten Jahren auch als Sommerziel etabliert“, sagt Dertour-Experte Schikarsky. „Dies deutet darauf hin, dass für Reisende vor allem Faktoren wie das Preis-Leistungsverhältnis, Komfort und Service relevant sind.“ Im Wüstenemirat Dubai liegt die Durchschnittstemperatur übers Jahr bei 33 Grad, im Juli und August ist es meist über 40 Grad warm.

    Und dann ist da noch etwas, was die Chancen für Nordeuropa deutlich schmälert: „Den skandinavischen Länder fehlt die Infrastruktur, etwa die Übernachtungskapazitäten, um so viele Touristen aufzunehmen wie etwa Spanien“, sagt LMU-Professor Schmude. Das gilt für Island, die Aland-Inseln wie für die Lofoten und auch für Schottland. Der Strand von Achmelvich mag spektakulär sein, aber es gibt nur einen Campingplatz und eine kleine einfache Jugendherberge. Die Anreise vom Flughafen Edinburgh dauert fast fünf Stunden und führt teilweise über einspurige Straßen mit Ausweichstellen.

    Große Hotels mit Strandzugang und Pool sind jedenfalls in Nordeuropa sehr selten. Wo aber Hotels, Flughäfen, Leihwagen für große Urlauberzahlen fehlen, herrscht wenig Wettbewerb. Das bedeutet höhere Preise. Tourismusfirmen können deshalb kaum günstige Reisen anbieten. Schon von 2022 auf 2023 stiegen die Ausgaben der Deutschen für einen Urlaub der Tourismusanalyse zufolge im Schnitt um 19 Prozent. In Spanien betrug das Plus sogar 35 Prozent.

    Möglicherweise ändert sich aber etwas auf lange Sicht. Zumindest beschäftigen sich Tourismusexperten damit. Harald Zeiss, Direktor des Instituts für Tourismusforschung der Hochschule Harz und früher Topmanager bei TUI, dem größten Reisekonzern Europas, sagt, es gebe noch keine belastbaren Studienergebnisse, wie sich die Touristenströme wegen des Klimawandels in Europa verändern. Man könne nur mutmaßen.

    „Plausibel erscheint, dass sich die Erkenntnis durchsetzen wird, dass es vor allem für Familien im Sommer am Mittelmeer zu heiß werden wird. Und die Nutzung des Flugzeugs wird gesellschaftlich auch immer problematischer gesehen“, sagt Zeiss. „Daher könnte ich mir vorstellen, dass Reiseziele rund um Nord- und Ostsee, aber vielleicht auch in den Mittelgebirgen, die ,Gewinner‘ der Klimakrise sein werden.“ Das könnte eine Renaissance von Bayerischem Wald, Fichtelgebirge und Sauerland bedeuten – deutschen Regionen, die vor allem in den Wirtschaftswunderjahren und kurz danach beliebt waren. Und an der deutschen Küste könnte es noch voller werden als ohnehin schon, was ebenfalls auf höhere Preise deutet.

    Möglicherweise ändert sich auch, wann die Deutschen in Urlaub fahren. „Ich kann mir vorstellen, dass sich in Deutschland in einigen Jahren die Ferienzeiten ändern: längere Pfingst- und Herbstferien, kürzere Sommerferien“, sagt Tourismusprofessor Schmude von der LMU. „Dann können die, die die Hitze nicht so mögen, in kühleren Zeiten Urlaub machen.“ Bisher zeichnet sich das nicht ab, Ferien sind Ländersache, die Kultusministerkonferenz legt sie Jahre im Voraus fest.

    Der Trend lässt sich aber jetzt schon erahnen. „Viele Urlauber sind an Ferienzeiten wie Sommerferien gebunden. Daher wird sich die Hauptreisezeit nicht verändern“, sagt Dertour-Spezialist Schikarsky. „Dennoch werden für Familien die Herbstferien als Reisezeit zunehmend relevanter.“ Auch seien die Randzeiten und die Nebensaisons schon jetzt sehr beliebt bei allen, die ihre Urlaube unabhängig von Ferienzeiten planen könnten. „Viele Ferienregionen werben konkret mit der Nebensaison, so zum Beispiel Mallorca für den Winter.

    „Spanien und Italien sind seit langer Zeit auf den ersten Plätzen. Daran haben alle Krisen der vergangenen Jahrzehnte nichts geändert. Das wird auch in Zukunft so bleiben“, sagt LMU-Professor Schmude. Eher ändert sich das Verhalten der Urlauber. „Ziele, an denen es heißer ist, bereiten die Urlauber heute schon vor, raten dazu, in der Mittagshitze Siesta zu machen. Solche Hinweise werden zunehmen.“ Es wird sich also doch etwas ändern, doch nicht so schnell, wie Schmude sagt: „Das dauert sehr lange, ist wie der Klimawandel ein schleichender Prozess.“

  • Allzeithoch im Kühlregal

    Wetter, Käse und Höfesterben treiben die Butterpreise

    Wer hätte das gedacht: Deutschlands Käsefans treiben den Butterpreis auf bisher nie dagewesene Höhen. 2,39 Euro kostet ein 250-Gramm-Stück der Eigenmarken bei den Discountern zuletzt – ein Rekordwert. Markenbutter ist noch teurer. Und alles, weil die Molkereien lieber Käse herstellen als Butter. Käse ist das wichtigste deutsche Milchprodukt, die Nachfrage gerade besonders groß.

    Der hohe Butterpreis ist ein Beispiel, wie der Markt funktioniert. Am wenigsten Einfluss haben die Bauer, die die Molkereien beliefern. Die Verarbeiter dort entscheiden, wofür sie das Fett aus der Milch verwenden. Bestellt der Einzelhandel bei ihnen viel Käse, weil der sich gerade sehr gut verkauft und entsprechend Gewinn verspricht, produzieren die Molkereien mehr davon. Entsprechend weniger ist Fett steht dann für Butter zur Verfügung. Selbst wenn etwas weniger Butter als bisher gekauft wird, das Angebot aber stärker sinkt, steigt der Preis.

    Doch nicht nur der Käsehunger beeinflusst den Butterpreis. So ist der Rohstoff Milch derzeit knapper als in den Vorjahren. Seit Jahren sinkt die Zahl der Milchbauern und Milchkühe. Zuletzt waren es gut 3,66 Millionen Tiere und etwas weniger als 50.000 Betriebe, nach 3,92 Millionen Tieren und gut 57.000 Betrieben 2020. Und obwohl die Leistung pro Kuh gestiegen ist: „Die Milchanlieferung der Landwirte in Deutschland liegt für dieses Jahr etwas unter dem Vorjahr“, heißt es beim Milchindustrieverband.

    Hinzukommt, dass die Rohmilch gerade einen geringeren Fettanteil hat. Der schwankt über das ganze Jahr – je nach Wetter. Denn Sonne und Regen beeinflussen das Gras auf der Weide und die Grundfutterqualitäten im Stall. Im Herbst ist die Milch tendenziell weniger fett. „In Summe steht damit weniger Milchfett auch für die Herstellung von Butter zur Verfügung“, erklärt der Milchindustrieverband.

    Normalerweise würde die Industrie in einer solchen Lage Milch aus dem Ausland kaufen, aus Frankreich zum Beispiel oder den Niederlanden. Dort sieht die Situation allerdings ähnlich aus – weniger Fettgehalt, weniger Angebot. Derzeit liegt die Milchmenge, die aus anderen EU-Staaten aus Deutschland eingeführt wird, nach Zahlen des Industrieverbands um gut ein Fünftel niedriger als 2023.

    Üblicherweise produzieren die Molkereien eine gewisse Menge Butter auf Vorrat, um Lieferschwankungen oder Nachfragespitzen auszugleichen. Weil die Lage jedoch schon etwas länger eng ist, gibt es praktisch keine Lagerbestände. Auch das macht sich beim Preis bemerkbar.

    Lange Jahre kostete die günstigste Butter meist zwischen 1,29 und 1,59 Euro. Manchmal gab es mit 0,99 Euro oder 1,79 Euro Ausreißer nach unten und oben. Doch mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 stiegen die Energiepreise drastisch. In der Folge verteuerte sich auch Butter. Teils kostete ein Standardpäckchen beim Discounter 2,29 Euro. Im vergangenen Jahr fiel der Preis dann wieder deutlich auf die langjährigen Werte. Und jetzt also das Allzeithoch im Kühlregal.

    Dem Statistischen Bundesamt zufolge, das 687 Produkte und Dienstleistungen beobachtet, haben die Bundesbürger im September 46,9 Prozent mehr für ein Stück Butter bezahlt als 2020. Im Vergleich zu September 2023 waren es 33,3 Prozent. Die Werte beziehen sich nicht auf Discounterbutter allein. Lebensmittel insgesamt kosteten nur 1,6 Prozent mehr. Wer also viel Butter ist, gibt beim Einkauf deutlich mehr aus als jemand, der exakt jene Produkte einkauft, nach denen die Statistiker die Inflation berechnen.

    Und wie entwickeln sich die Preise? Beim Bundesverband Deutscher Milchviehhalter können sie sich vorstellen, dass Butter sogar noch teurer wird. Schließlich steht das Weihnachtsgeschäft bevor – da wird reichlich gebacken und viele Keks- und Kuchenrezepte enthalten Butter. Doch es kann auch anders kommen. Denn an der Börse hat sich Butter bereits wieder verbilligt. Der Butterindex der Börse EEX jedenfalls ist binnen einer Woche gefallen, von 8500 auf 8075 Euro je Tonne. Der Index bildet ab, was aktuell für das Streichfett an Handelsplätzen bezahlt wird. Vor einem Jahr wurde die Tonne für 4700 Euro verkauft. Einen Hinweis für die nächsten Monate gibt der Terminmarkt. Dort kostet Butter, die im Dezember geliefert wird, zum Beispiel 7000 Euro je Tonne. Es wird günstiger

    Wie viel vom hohen Butterpreis bei den Milchbauern landet, lässt sich noch nicht genau sagen. Denn Bauern bekommen in der Regel keinen Fixpreis. Das Abrechnungssystem ist kompliziert und richtet sich danach, welchen Endpreis bestimmte Produkte im Einzelhandel erzielen. Danach wird, vereinfacht gesagt, zurückgerechnet.

    Wer übrigens denkt, Margarine zwischen Käse und Brötchen sei günstiger, wird enttäuscht. Im September kostete sie 56 Prozent mehr als 2020, allerdings 4,9 Prozent weniger als vor einem Jahr. Das Streichfett wird meist aus Pflanzenölen wie Sonnenblumenöl hergestellt. Und die haben sich im Zuge des Ukraine-Kriegs deutlich verteuert. Das Land ist wie auch Angreifer Russland einer der größten Sonnenblumenöl-Lieferanten der Welt.