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  • Toyota belegt alle Medaillenränge

    Die umweltfreundlichsten Autos kommen aus Japan / Deutsche Hersteller bei größeren Modellen Spitze

    Der Autokonzern Toyota hat seine Spitzenstellung beim Bau umweltfreundlicher Autos ausgebaut. Auf der aktuellen Umweltliste des Verkehrsclubs Deutschland (VCD) belegt das japanische Unternehmen die Plätze eins bis drei. Mit den Modellen Auris Hybrid und Prius Hybrid teilen sich zwei Fahrzeuge den ersten Platz. Bestes deutsches Fabrikat ist auf Rang fünf der VW Polo 1.2 TDI Blue Motion. In die Gesamtnote fließen neben dem Verbrauch auch die Lärm- und Schadstoffbelastung der Autos ein.

    „Die deutsche Industrie schneidet bei großen Fahrzeugen relativ gut ab“, berichtete VCD-Verkehrsexperte Gerd Lottsiepen. Das zeigt sich besonders stark bei den Siebensitzern, wo drei Varianten des VW Touran die Medaillenränge erobert haben. Dahinter folgen zwei Opel Zafira. Bei den Familienautos und in der Kompaktklasse liegt wiederum Toyota mit dem Prius oder der kleineren Ausgabe Auris vorn.

    Die für den Klimaschutz besten Autos werden unter einem deutschen Logo gefertigt. Mit 86 Gramm CO2-Ausstoß liegt der Smart fortwo cdi auc Coupé und in der Cabrio-Version vorn, knapp gefolgt vom VW Polo 1.2 TDI Blue Motion mit 87 Gramm. Insgesamt hat der ökologisch ausgerichtete Verkehrsclub 350 gängige Pkw-Modelle untersucht, die derzeit im Handel sind. Ausgenommen wurden von vornherein Fahrzeuge mit einem sehr hohen Spritverbrauch.

    Trotz des insgesamt passablen Abschneidens der heimischen Unternehmen sieht der VCD keine großen Fortschritte auf dem Weg zu einer besseren Umweltbilanz. Mit dem VW Lupo und dem Audi A2 hätten es bereits zu Beginn des Jahrzehnts zwei Fahrzeuge auf nur 81 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilometer gebracht, kritisiert Lottsiepen, „dagegen nehmen sich die jetzigen Spitzenwerte bescheiden aus.“ Der Fachmann wirft der Industrie eine Verweichung der europäischen Klimaziele vor. Der für das Jahr 2020 EU-weit vorgesehene Durchschnittswert von 95 Gramm CO2 sei schon mit der heute vorhandenen Technik erreichbar. Der Verband fordert deshalb mit nur noch 80 Gramm eine anspruchsvollere Marke.

    Ein Lob hat der VCD aber auch parat. Mit den Normen Euro 5 und Euro 6 beim Schadstoffausstoß spielen diese einst als gesundheitsschädlich eingestuften Hinterlassenschaften einer Autofahrt keine Rolle mehr. Es muss auch nicht mehr teurer sein, als Autofahrer etwas für die Umwelt zu tun. Modelle aus der Spitzengruppe sind zum Teil bereits für einen Neupreis unter 10.000 Euro erhältlich.

    E-Mobile sind in der Auto-Umweltliste auch in diesem Jahr nicht aufgeführt. „Von den großen Herstellern hat kein einziger ein Elektroauto für die Liste gemeldet“, bedauert der VCD. Bei den kleinen Produzenten ist der Verband nach eigenen Angaben auf wenig verlässliche Hersteller gestoßen. Mal wurde der versprochene Verkaufsstart nicht eingehalten, mal änderten sich plötzlich die Preisangaben. Auch fehlten oft Aussagen zum Energieverbrauch der Elektroautos. Der VCD rät Privathaushalten derzeit vom Kauf eines E-Mobils ab. Die Reichweite sei zu gering, die Wiederkaufswerte gering und die Anschaffungspreise zu hoch. „Das E-Auto ist in absehbarer Zeit für den Privatbesitz nicht geeignet“, urteilt der Club.

    Bei den Verbrauchsangaben mogeln die Hersteller der Autos nach Einschätzung des VD kräftig. Gemessen wird der Verbrauch danach bei einer Außentemperatur von 30 Grad Celsius. Bei dieser Wärme benötigen Verbrennungsmotoren weniger Sprit. Zudem erfasst die Industrie die Daten nur bei einer Höchstgeschwindigkeit von 120 Kilometern in der Stunde, statt auch das auf deutschen Autobahnen erlaubte höhere Tempo zu berücksichtigen. Schließlich bleibt beim Verbrauchstest die Klimaanlage abgestellt. Dabei erhöht die Temperaturregelung den Benzindurst der Autos erheblich. Der VCD fordert deshalb einheitliche und realistische Messverfahren.

    Die VCD Auto-Umweltliste kann für 5,90 Euro entweder per E-Mail unter der Adresse bestellung@vcd.org, per Telefon unter der Nummer 02962 845865 oder Fax 02962 800155 bestellt werden.

  • Hoffnung reicht nicht

    Kommentar

    Für viele Konsumenten spielt der Umweltschutz beim Autokauf nur eine untergeordnete Rolle. Zunächst geht es um den praktischen Nutzen, die Kosten und vielleicht auch den Fahrspaß oder das Aussehen des gewünschten Modells. Weder die mittlerweile auffallende Klimaveränderung, noch teurer Sprit oder gar ein Appell an die Vernunft haben beim Kaufverhalten massive Veränderungen bewirkt. Das vergangene Jahr war eine Ausnahme. Die Abwrackprämie und der Nachhall extrem hoher Benzinpreise 2008 haben nur einen kurzfristigen Trend zum Sparmobil bewirkt.

    Dabei könnte jeder einzelne Autokunde etwas zum Klimaschutz beitragen, ohne dass Einbußen bei der Ausstattung oder Motorisierung hingenommen werden müssten. In fast jeder Fahrzeugklasse gibt es ökologisch vertretbare Modelle. Die Verbraucher müssen sie nur kaufen. Das tun noch immer viel zu wenige und daran wird die jüngste Umweltliste nichts ändern. Nötig ist sie dennoch, denn mit dem Erscheinen der Rangliste bleibt das Thema öffentlich präsent und das setzt die Industrie unter Druck, sparsamere Fahrzeuge zu entwickeln.

    Die Hoffnung auf eine ausreichende Einsicht bei Käufern und Verkäufern reicht nicht aus. Das Tempo der freiwilligen Veränderung ist viel zu gering, angesichts der Gefahren für das Weltklima. Deshalb sind klare und ehrgeizige politische Vorgaben zum Verbrauch und Schadstoffausstoß unumgänglich. Bislang konnte die Industrie aus ihrer Sicht allzu ambitionierte Ziele vermeiden. Mit dem Verweis auf die in den Herstellerländern so wichtigen Arbeitsplätze haben deren Lobbyisten eine konsequent klimaorientierte Verkehrspolitik bisher erfolgreich verhindert. Angesichts der immer extremeren Wetterbedingungen sollten sich die Politiker national wie international fragen, ob der Druck zum technischen Wandel nicht deutlich erhöht werden müsste.

  • Das wundersame Wachstum

    Raus aus der Krise: Wirtschaft erlebt den größten Sprung seit 20 Jahren

    So schockierend schnell sich die Wirtschaftskrise vor anderthalb Jahren ausbreitete, so rasant setzt jetzt ein Boom ein. Entgegen allen Erwartungen der Fachleute wuchs die deutsche Wirtschaftsleistung von April bis Juni im Vergleich zum ersten Quartal 2010 um 2,2 Prozent. „Ein solches Wachstum gab es noch nie im vereinigten Deutschland“, stellten die Experten vom Statistischen Bundesamt am Freitag erstaunt fest.

    Im Vergleich zum zweiten Quartal des Krisenjahres 2009 betrug das Wachstum sogar 4,1 Prozent. Der Grund ist einfach beschrieben: Alle wichtigen Größen sind positiv. Die deutschen Firmen können sich vor Aufträgen aus dem Ausland nicht retten, aber auch im Inland wird investiert, was das Zeug hält. Nach dem harten Winter, in dem die Bauunternehmen monatelang am gefrorenen Boden scheiterten, haben sie jetzt mehr zu tun als in normalen Sommern. Weil weniger Beschäftigte als befürchtet arbeitslos wurden, geben außerdem die privaten Verbraucher so viel Geld aus, dass die Binnennachfrage zunimmt.

    Auch die staatlichen Konjunkturprogramme, die auf dem Höhepunkt der Krise beschlossen wurden, entfalten nun ihre Wirkung – in Deutschland, in den USA und anderen Staaten. Keynesianisch orientierte Ökonomen wie Wirtschaftsweiser Peter Bofinger oder Gustav Horn vom gewerkschaftsnahen Institut für Makroökonomie betonten deshalb die Rolle der aktiven Politik. Gleichzeitig warnten sie davor, die Programme zu schnell zu beenden und die Staatsausgaben massiv zu kürzen.

    Die wichtigste Rolle allerdings spielte der Export. Die Ausfuhr von Fahrzeugen und Autoteilen nahm beispielsweise im Mai diesen Jahres gegenüber Mai 2009 um 41 Prozent zu. In nur einem Monat verkauften die deutschen Hersteller Fahrzeuge im Wert von 13 Milliarden Euro. Die Maschinenbau-Firmen verbuchten elf Milliarden Euro. Ihr Absatz stieg um 19 Prozent. „Das deutsche Geschäftsmodell ist extrem erfolgreich“, sagte Folker Hellmeyer, Analyst bei der Bremer Landesbank.

    Vor diesem Hintergrund könnte sich nun die internationale Debatte der vergangenen Monate neu entzünden. Vor allem die Regierungen der USA und Frankreichs hatten Deutschland vorgeworfen, auf Kosten anderer Staaten zu leben. Die größte Wirtschaft Europas exportiere zuviel und importiere zu wenig, hieß es. Darunter würden die Nachbarn leiden, hatte unter anderem Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde argumentiert.

    Die Kritiker verweisen auf den hohen deutschen Außenhandelsüberschuss. Im vergangenen Jahr überstiegen die deutschen Exporte die Importe um 134 Milliarden Euro. Allerdings nimmt die Kraft des Arguments ab. Denn nach seinem Höhepunkt von 195 Milliarden 2007 ist der Exportüberschuss seitdem kontinuierlich gesunken. Diese Tendenz zeigte sich auch im Juni 2010: Die Importe nahmen schneller zu als die Exporte. Setzt sich diese Entwicklung fort, ist Deutschland auf dem Weg zu einem etwas ausgeglicheneren Modell.

    IMK-Forscher Horn kündigte am Freitag an, die Prognose für das Wachstum des gesamten Jahres 2010 auf 2,5 bis drei Prozent heraufzusetzen. Liegt er richtig und bricht der Aufschwung im kommenden Jahr nicht zusammen, könnte Deutschland Ende 2011 ungefähr wieder das Vorkrisen-Niveau des Jahres 2008 erreichen. Dann hätte die größte Krise der Weltökonomie seit 1920er Jahren – 2009 sank die Wirtschaftsleistung um 4,7 Prozent – hierzulande nur drei Jahre gedauert und wäre ziemlich glimpflich verlaufen.

    Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) lieferte am Freitag den Begriff zur überraschenden Entwicklung – und distanzierte sich gleichzeitig von ihm, um nicht als überheblich zu gelten. „Von einem Wachstumswunder kann man nicht sprechen, aber von einem Aufschwung XL“, sagte der oberste Interpretator der Ökonomie.

  • Grober Unfug

    Kommentar

    Mit aller Macht will die Europäische Kommission den Bürgern neue Kontonummern aufzwingen. Dieses zentralistische Gehabe ist völlig überflüssig. Es kostet die Verbraucher Geld und Nerven. Daueraufträge und Lastschriften müssen erneuert, womöglich auch Briefbögen neu gestaltet und gedruckt werden. Alte Menschen sollen sich eine Kontonummer mit 22 Stellen merken. Das sind Überweisungsfehler vorprogrammiert. Von der Verunsicherung der Bankkunden einmal ganz abgesehen. Es gehört eigentlich kein großer Menschenverstand dazu, diesen Plan als groben Unfug zu qualifizieren.

    Ein einheitliches Zahlungssystem in der EU mag ja im Sinne des europäischen Zusammenwachsens sinnvoll sein. Der Wirtschaft wird es das Leben erleichtern. Für die privaten Haushalte bringt die Umstellung hingegen so gut wie gar nichts. Das Argument einer besseren Bargeldversorgung auf Reisen ist ebenso ein Randthema wie der grenzüberschreitende Zahlungsverkehr. Kaum ein Konsument kauft Waren in anderen EU-Staaten und bezahlt sie per Banküberweisung. Aus Sicht der Verbraucher ist das Zahlungssystem schlicht überflüssig.

    Technisch dürfte es zudem gar kein Problem sein, dass die Bürger weiter mit den ihnen vertrauten Bankdaten ihre Geschäfte abwickeln. Eine gute Software kann sicher zweigleisig fahren und die gute alte Kontonummer für den internen Bankverkehr in die umstrittene neue Kombination umwandeln. Man kann nur hoffen, dass der Bundesfinanzminister sich in Brüssel mit seinem Widerstand gegen das Kommissionsplan durchsetzt und in der alltäglichen Praxis für die Verbraucher alles beim alten bleibt.

  • Kind krank – und jetzt?

    Eltern können zuhause bleiben, wenn der Sprössling mit Fieber im Bett liegt/ Ob sie weiterhin Lohn erhalten, bestimmt der Arbeits- oder Tarifvertrag

    Maximilian ist drei Jahre alt und Leonie ist neun. Wenn einer der beiden Knirpse Schnupfen oder Husten hat und deswegen nicht in die Kita oder zur Schule gehen kann, bleibt  Mama Heike zuhause. „Als Elternteil willst du immer zuhause bleiben, wenn dein Kind krank ist“, sagt die 37-Jährige Mannheimerin und ist froh, dass sie in solch einem Notfall nicht ihre wertvollen Urlaubstage opfern muss. Denn laut Gesetz sind Arbeitgeber verpflichtet, ihren Mitarbeitern einige Tage im Jahr freizugeben, wenn deren Sprösslinge krank das Bett hüten müssen.

    Kann das Kind wegen Bauchschmerzen nicht in den Kindergarten gehen, steht die eigene Hochzeit an oder muss ein Gerichtstermin wahrgenommen werden, können sich Arbeitnehmer für kurze Zeit frei nehmen. Den Lohn zahlt das Unternehmen solange weiter. Das regelt Paragraph 616 des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB). Kurze Zeit heißt im Falle eines kränkelnden Kindes unter acht Jahren ungefähr fünf Tage. Das sagt die aktuelle Rechtssprechung. Eltern können die bezahlte Freistellung allerdings nur mit ärztlichem Attest in Anspruch nehmen und wenn die Betreuung durch eine andere Person, die im Haushalt lebt, nicht möglich oder zumutbar ist. Auch Tarif- oder Arbeitsverträge spielen eine Rolle. „Die Regelung kann vertraglich ausgeschlossen sein“, erläutert Brigitta Mehring von der Rechtsschutzversicherung ARAG.

    Schließt der Arbeitsvertrag die bezahlte Freistellung aus, haben Eltern dennoch nicht das Nachsehen. Denn in diesem Fall können sie sich unbezahlt von der Arbeit freistellen lassen – vorausgesetzt das Kind ist jünger als zwölf Jahre alt oder behindert und hilfebedürftig. Weitere Bedingung ist auch hier, dass keine andere im Haushalt lebende Person die Betreuung übernehmen kann.

    Heike Rentsch kann sich zehn Tage im Jahr frei nehmen, wenn Leonie oder Maximilian Grippe oder Bauchweh haben. Auch ihr Mann kann genauso lange der Arbeit fern bleiben, um sich um die erkrankten Kinder zu kümmern. Elternpaare, das schreibt der Gesetzgeber vor, können pro Kind und Elternteil zehn Arbeitstage im Kalenderjahr ohne Bezahlung frei nehmen. Bei mehreren Kindern sind es maximal 25 Tage je Elternteil. Für Alleinerziehende gelten doppelt so viele freie Tage: Pro Kind sind es hier 20 Arbeitstage, bei mehreren Kindern maximal 50. Eltern kommt der Gesetzgeber noch ein Stück weiter entgegen. Sie können sich die jeweiligen Ansprüche gegenseitig übertragen. So können sich Heike und ihr Ehemann, gegenseitig die Betreuungstage „abtreten“.

    Gesetzlich Versicherte haben in der vom Arbeitgeber unbezahlten freien Zeit Anspruch auf Kinderkrankengeld. „Die Höhe des Kinderkrankengeldes bemisst sich ebenso wie das Krankengeld, wenn der Versicherte selbst erkrankt ist“, sagt ARAG-Expertin Mehring. „Es beträgt 70 Prozent des Bruttoeinkommens, jedoch nicht mehr als 90 Prozent des Nettoeinkommens“, so Mehring.

    Außerhalb der gesetzlichen Krankenkasse gelten andere Regeln. „Privat Krankenversicherte haben keinen Anspruch auf Kinderkrankengeld“, erläutert Dirk Lullies vom Verband der privaten Krankenversicherung (PKV). „Sie sind der Regel nur für den Fall der eigenen Arbeitsunfähigkeit abgesichert“, sagt der PKV-Pressereferent. Jedoch gebe es auch Tarife, bei denen ein Kinderkrankengeld Teil des Versicherungsschutzes ist.

    Mit der freien Zeit, die Heike Rentsch für die Pflege ihrer beiden Kinder zusteht, ist sie ganz zufrieden. „Die Tage reichen eigentlich aus“, sagt sie. Problematisch ist es nur einmal im vergangenen Juli geworden. Damals haben die Mannheimer Kitas elf Tage lang gestreikt. Maximilan ging da noch in die evangelische Krippe, die nicht bestreikt wurde. Er war tagsüber also gut untergebracht. Für Leonie sah es hingegen schlecht aus. Nach der Schule besuchte sie eigentlich noch den Kita-Hort – solange bis Mama Heike Feierabend hatte. Plötzlich war der Hort aber zu. Der Notfallplan hieß Eltern und Schwiegereltern, die extra von weit her einreisen mussten. An einem Tag jedoch, war keiner da, der sich um die Kleine hätte kümmern können. Und einfach Urlaub nehmen ging bei Heike nicht: Es war Hochsommer, also Urlaubszeit und das Büro knapp besetzt.

    In einer solchen Situation stecken arbeitende Eltern in einer Zwickmühle. Wohin mit dem Kind? Gibt es vielleicht Freunde oder Nachbarn, die aushelfen können? Mama Heike hatte Glück. Ihr Arbeitgeber zeigte sich verständnisvoll und die kleine Leonie durfte an diesem einen Nachmittag mit zu Mama auf Arbeit. „Sie hat dann brav ihre Hausaufgaben erledigt und danach gemalt“, sagt Heike.

  • Im Extremfall die Kontonummer ändern

    Immer wieder buchen unseriöse Firmen kleinere oder größere Beträge von den Konten nichts ahnender Bankkunden ab. Ob die fiesen Machenschaften ein Ende nehmen, wenn die neuen internationalen Kontonummern Pflicht werden, weiß Christian Gollner. Im Gespräch

    Mandy Kunstmann: Herr Gollner, wird Gaunern, die im Besitz von Bankdaten sind, das Handwerk gelegt, wenn die alten Kontonummern auf die neuen internationalen Kontonummern umgestellt werden?

    Christian Gollner: Nein, überhaupt nicht. Wenn ich die nationalen Kontodaten habe, kann ich daraus die internationalen Daten generieren. Die Kontonummer ändert sich ja nicht, sondern sie wird nur anders dargestellt – im Zusammenhang mit der alten Bankleitzahl, dem Ländercode und einer Prüfziffer.

    Kunstmann: Wie kommen die Abzocker an die Kontodaten?

    Gollner: Wir vermuten, dass die Angaben größtenteils aus illegalem Datenhandel stammen. Es sind Fälle bekannt geworden, in denen Mitarbeiter im großen Stil Kundendaten aus ihrem Unternehmen entwendet haben. Kontonummer und Bankleitzahl erfragen unseriöse Unternehmen auch bei unerlaubten Telefonanrufen und schieben den überraschten Bürgern unter Vorwand dazu noch Verträge unter.

    Kunstmann: Was sind das denn für Vorwände?

    Gollner: Der Anrufer am anderen Ende tischt dem überrumpelten Verbraucher eine Lügengeschichte auf. „Hallo, hier ist die Datenschutzzentrale“ heißt es dann zum Beispiel, „drei Unternehmen wollen bei Ihnen illegale Abbuchungen durchführen. Für nur einmalig 59,95 Euro können wir das stoppen.“

    Kunstmann: Welcher Schaden tragen die Bürger durch unseriöse Abbuchungen davon?

    Gollner: Um 40 bis 60 Euro werden die Betroffenen im Schnitt bei einer Abbuchung gebracht. Es gibt aber auch Bürger, denen mehrere Hundert Euro monatlich vom Konto abgehen, weil gleich diverse „Dienstleister“ bei ihnen abkassieren.

    Kunstmann: Und wie wehren sich Verbraucher gegen die Kontoplünderung?

    Gollner: Wir raten dazu, sparsam bei der Angabe von Daten zu sein. Preisausschreiben von Unternehmen zum Beispiel, dienen oft vorrangig dem Ziel, Daten für Werbung einzusammeln. Bankkunden sollten regelmäßig ihre Kontoauszüge durchschauen und unbekannte Beträge von der Bank zurückbuchen lassen. Im Extremfall hilft es, die Kontonummer zu wechseln. Das ist zwar zweitaufwendig und kostet etwas, doch manchmal ist es die einzige Lösung.

    Bio-Box: Christian Gollner ist Jurist und seit April 2010 als Telekommunikationsexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg beschäftigt. Davor ist er für die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz tätig gewesen.

  • Aus 32 mach 1

    Ein einheitliches Zahlungssystem soll in der EU Pflicht werden/ Mehr als 500 Millionen Bankkunden sind davon betroffen

    Im Herbst entscheidet die Europäische Kommission, wann ein einheitlicher Euro-Zahlungsraum (SEPA) geschaffen wird. Doch warum verpflichtet die EU Kommission die Länder zu einem einzigen Zahlungssystem?
    Wer beteiligt sich daran und was bedeutet das für Bankkunden?

    Eigentlich ist der einheitliche Euro-Zahlungsverkehrsraum – die „Single Euro Payments Area“ (SEPA) schon seit Januar 2008 Realität. Damals hat die EU Kommission eine Richtlinie verabschiedet, die zum Ziel hatte, grenzüberschreitende Zahlungen in der Europäischen Union einfach und effizient zu machen. Freiwillig, so hoffte die EU-Behörde, würden alle Mitgliedstaaten in absehbarer Zeit ihre Bezahlsysteme auf die internationalen Standards umstellen. Doch entgegen dieser Hoffnung verlief die Umstellung nur schleppend. So hat man sich entschieden, den Ländern per Gesetz ein Ultimatum für die Umstellung der nationalen Systeme zu stellen.

    SEPA umfasst die 27 Mitgliedstaaten der Europäischen Union sowie Island, Liechtenstein, Monaco, Norwegen und die Schweiz. In diesen Ländern werden heute 32 verschiedene Zahlungssysteme betrieben. Insgesamt mehr als 500 Millionen Bürger sind von der Umstellung auf den Euro-Zahlungsverkehr betroffen.

    Mit dem SEPA-Verfahren werden sowohl inländische als auch grenzüberschreitende Zahlungen in Euro einheitlich ausgeführt. Dafür bekommen alle Bankkunden einheitliche Kontonummern und Bankleitzahlen. Damit funktioniert zum Beispiel eine Überweisung innerhalb von Deutschland genauso wie eine Überweisung nach Norwegen, Polen oder Frankreich. Bei Lastschriften soll es genauso sein. Neu ist auch, dass Kunden ihre EC-Karte künftig in der gesamten SEPA am Geldautomaten und im Handel einsetzen können. Denn nicht jede Karte funktioniert derzeit an jedem Geldautomaten oder in jedem Geschäft.   

  • Neue Zahlen braucht das Land

    Bald sind internationale Kontonummern Pflicht/ Das könnte manch einem Bankkunden den letzten Nerv rauben

    Bankkunden müssen sich in naher Zukunft auf längere Kontonummern einstellen. Die 22-stelligen Nummern sollen den Zahlungsverkehr in Europa einheitlich und damit leichter machen. Schon heute sind die langen Ziffernreihen Pflicht – bei Überweisungen ins europäische Ausland. Das neue System wird frühestens Ende 2011 in Kraft treten. Die Umstellung bringt Probleme mit sich.

    Einen einheitlichen europäischen Zahlungsraum soll es künftig geben. SEPA (engl.: Single Euro Payments Area) nennen ihn die Brüssler Parlamentarier. Für Bankkunden bedeutet SEPA neue Kontonummern und Bankleitzahlen. Wann alle Europäer letztendlich mit den neuen Nummern Bankgeschäfte tätigen müssen, entscheidet sich im Herbst. Dann wird die EU-Kommission einen entsprechenden Vorschlag für ein gesetzliches Ultimatum machen.

    IBAN, also International Bank Account Number, heißen die neuen Kontonummern. Sie bestehen aus einer 22-stelligen Buchstaben- und Ziffernkombination, die sich aus der bisherigen Bankleitzahl und der gewohnten Kontonummer, der Länderkennung (zum Beispiel DE für Deutschland, FR für Frankreich) und einer zweistelligen Prüfziffer zusammensetzt. Wer schon einmal mit dem Einprägen anfangen möchte, wirft einfach einen Blick auf den letzten Kontoauszug. Schon seit 2003 drucken deutsche Banken die IBAN auf die Finanzübersicht. Die Bankleitzahl nennt sich übrigens künftig BIC (Bank Identifier Code) und ist elfstellig. 

    Die Umstellung auf SEPA wird in Schritten erfolgen: zuerst werden die neuen Nummern für alle Überweisungen gelten, voraussichtlich ein Jahr später auch für Lastschriften. Frühestens Ende 2011 rechnet der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) mit der flächendeckenden Einführung der SEPA-Überweisung. Im Europäischen Verbraucherzentrum (EVZ) in Kehl geht man davon aus, dass Bankkunden frühestens Anfang 2012 das einheitliche Formular benutzen müssen. Warum ein einheitlicher europäischer Zahlungsverkehr sinnvoll ist, erklärt der Kehler Verbraucherschützer André Schulze-Wethmar: „Derzeit existieren in Deutschland drei Systeme für Überweisungen: die Inlandsüberweisung, die SEPA-Überweisung und die EU-Überweisung“, so der EVZ-Jurist. Das sei ineffizient und wäre genauso, als wenn man neben Euro noch in D-Mark bezahlen könne.

    Auf Verbraucher könnten durch die Vereinheitlichung des europäischen Zahlungsverkehrs durchaus Probleme zurollen.
    Beim Bundesverband der Verbraucherschützer (vzbv) sorgt man sich darum, dass die Pflicht-Umstellung samt neuer Kontonummern, Bankleitzahlen und Überweisungsträgern etwas zu schnell erfolgt. „Zu kurze Übergangsfristen könnten zum Chaos führen“, so Bankenreferent Christian Pauli. „Verbraucher müssen Zeit haben, das neue System zu trainieren. Vor allem ältere und sehbehinderte Menschen werden Probleme mit den langen Zahlenreihen haben.“

    Das neue Bezahlsystem dürfte so manch einem Bankkunden den letzten Nerv rauben. Sämtliche Daueraufträge, sei es der für die Miete, für das Telefon, die Gaszahlung bis hin zum Beitrag für den Sportverein, müssen auf die neuen Angaben umgestellt werden. Damit niemand in Verzug gerät, wollen die Banken alle Haushalte aber rechtzeitig informieren.

    Auch für Unternehmen bleibt die Umstellung nicht folgenlos. Firmen, die per Lastschriftverfahren arbeiten wie zum Beispiel Stromkonzerne oder Telekommunikationsanbieter, benötigen von jedem Kunden ein neues SEPA-Mandat, also eine neue Einwilligung für das veränderte, europaweite Lastschriftverfahren. „Rein rechtlich dürfen sie die bisherigen Einwilligungen nicht einfach
    umdeuten“, erklärt Michaela Roth
    vom Deutschen Sparkassen- und Giroverband (DSGV).  

    Längere Kontonummern und Bankleitzahlen bergen darüber hinaus die Gefahr, dass sich Fehler beim Eintippen der Daten am Überweisungsautomaten oder beim Ausfüllen der Überweisungsformulare einschleichen. Vor kleinen Zahlendrehern müssen Bankkunden aber keine Angst, haben, denn die sind nicht dramatisch. „Selbst wenn das Geld auf einem falschen Konto landet, kommt es in den meisten Fällen zurück, weil die falsche Kontonummer gar nicht existiert“, sagt EVZ-Experte Schulze-Wethmar. Im Fall, dass doch einmal etwas richtig schief geht und ein Fremder die Überweisung erhält, sieht es mit der Rückerstattung allerdings schwierig aus. Dann müssen sich die Betroffenen über die Hausbank mit dem Empfänger in Verbindung setzen.

    Grenzüberschreitende Überweisungen machen hierzulande ein bis zwei Prozent aller Überweisungen aus. Für den normalen Verbraucher bringt die Umstellung auf SEPA also eher Nachteile mit sich. 

  • Lieber Arbeit als Langeweile

    Rente mit 67 – Pro von Hannes Koch

    Daran, dass die Deutschen bald länger arbeiten, führt kein Weg vorbei. Die Rente mit 67 oder gar mit 70 wird in einigen Jahrzehnten völlig normal sein und niemanden mehr aufregen. Denn die Entwicklung läuft in diese Richtung: Die Menschen werden älter und nehmen länger als früher die Rentenkasse in Anspruch. Deshalb erscheint es nur plausibel, wenn wir auch einige Jahre mehr arbeiten. Andere Staaten wie Dänemark oder Finnland führen bereits vor, dass dies möglich ist.

    Damit die Verlängerung der Lebensarbeitszeit aber sozial verträglich gestaltet wird, muss die Politik die Probleme derjenigen berücksichtigen, die harte Jobs erledigen. Weil ihr strapazierter Körper nicht mehr mitmacht, schaffen es Handwerker, Bauarbeiter oder Krankenpflegerinnen oft nicht, bis 65 oder 67 zu arbeiten. Diese Beschäftigten sollten die Möglichkeit bekommen, rechtzeitig auf Tätigkeiten umzuschulen, die weniger anstrengend sind.

    Wenn das gelingt, gibt es keinen Anlass, das Grundprinzip der Rente mit 67 zu ändern: Wer die Lohnarbeit zu diesem Zeitpunkt beendet, erhält die volle Alterssicherung. Wer früher geht, kann das tun, muss aber Abschläge in Kauf nehmen. Diese Regelung setzt natürlich die Beschäftigten unter Druck, tatsächlich länger zu arbeiten. Aber sie dürfte auch zu einem Umdenken in den Unternehmen beitragen. Ältere werden in einigen Jahrzehnten viel bessere Berufsmöglichkeiten erhalten als heute – auch wegen des relativen Mangels an gut ausgebildeten Fachkräften angesichts der schrumpfenden Bevölkerung.

    Abgesehen von den Notwendigkeiten der Ökonomie und Demografie kann es aber auch eine Freude sein, länger zu arbeiten. Denn an bezahlter Tätigkeit hängt in unserer Gesellschaft Lebensinn und Bestätigung. Wer mit 70 noch arbeiten und Geld verdienen kann, mag dies durchaus als Bereicherung empfinden. Jahrelang den Schrebergarten zu pflegen, wird irgendwann langweilig.

  • Rente darf nicht arm machen

    Rente mit 67 – Contra von Wolfgang Mulke

    Die Rente mit 67 ist nicht mehr als eine verkappte Rentenkürzung. Sie löst das Finanzierungsproblem der Rentenkasse, mehr aber auch nicht. Das dringlichste Problem der Alterssicherung wird einfach beiseite geschoben. Das ist die Angst vor Altersarmut, die völlig berechtigt in vielen Arbeitnehmerhaushalten grassiert. Es muss deshalb ein anderer Weg gefunden werden, der beides im Auge hat, die Finanzierbarkeit und eine gerechte Würdigung der Lebensleistung.

    Wir sollten das Prinzip umkehren. Wer länger arbeitet, wird durch eine höhere Rentenzahlung belohnt. Gleichzeitig wird das Rentenniveau weiter abgesenkt, damit die Ruhegelder insgesamt bezahlbar bleiben. So verteilt sich die Last der bald überalterten Gesellschaft auf alle Arbeitnehmer. Es muss zudem sichergestellt werden, dass die übliche Rente oberhalb der Armutsgrenze liegt. Die private und betriebliche Altersvorsorge sorgt dann dafür, dass die Alterssicherung insgesamt auf einem hohen Niveau bleibt. Das wäre viel gerechter, als ausgerechnet die körperlich kaputten Frührentner, deren Lebenserwartung viel niedriger liegt als die der lange arbeitsfähigen Akademiker, durch Abschläge beim Berufsausstieg auch noch in die Armut zu treiben.

    Für viele junge Leute klingt die Diskussion über eine längere Lebensarbeitszeit sogar zynisch. Ihre Erfahrung ist, dass die älteren Beschäftigten an ihren Posten nur noch länger kleben wollen, statt Platz für den Nachwuchs zu schaffen. Momentan ist an dieser Kritik viel dran. Noch stehen viele Bewerber nach der Ausbildung oder dem Studium vor verschlossenen Türen und hangeln sich über Praktika und irgendwelche Jobs durch das Leben. Auch von dieser Seite her ist der Arbeitsmarkt für die Rente mit 67 noch nicht vorbereitet. Aus Sicht der Älteren ist die Situation genau so zweifelhaft. Es gibt nicht genügend altersgerechte Stellen. Da müssen die Betriebe erst einmal in Vorleistung gehen und entsprechende Angebote schaffen.

  • „Der Rentenbeitrag ist kein Dogma“

    Die Sozialbeiträge für Beschäftigte könnten steigen, um die Finanzlöcher der Rente zu stopfen, sagt Ursula Engelen-Kefer vom Sozialverband. Die Rente mit 67 lehnt sie dagegen kategorisch ab

    Hannes Koch: Ökonom Michael Hüther fordert, dass die Beschäftigten nicht nur bis zum 67., sondern bis zum 70. Geburtstag arbeiten. Ist das realistisch?

    Ursula Engelen-Kefer: Herr Hüther wollte wohl das politische Sommerloch füllen. Ihm und den Unternehmen rate ich: Die Betriebe sollten zunächst mehr Möglichkeiten für lebenslanges Lernen schaffen und die Arbeitnehmer auch jenseits der 60 Jahre weiterbeschäftigen. Dann können wir auch über die Rente mit 67 reden, vorher nicht. 2012 darf man sie keinesfalls einführen.

    Koch: Muss nicht beides Hand in Hand gehen – die Einführung der Rente mit 67 und die allmähliche Verlängerung der Lebensarbeitszeit?

    Engelen-Kefer: Nein, das funktioniert nicht. Heute arbeitet ja nur ein Fünftel der Menschen überhaupt noch länger als 63 Jahre. Führt man die Rente mit 67 schon 2012 ein, erleidet ein großer Teil der Arbeitnehmer Rentenkürzungen. Vielmehr muss die Zwangsverrentung für Langzeitarbeitslose mit 63 abgeschafft werden. Denn dies bedeutet Kürzungen bei der Rente von 7,2 Prozent.

    Koch: Angesichts des demografischen Wandels – weniger Kinder, mehr Ältere – argumentiert die Regierung, es sei nicht genug Geld da, um die Renten in der heutigen Höhe weiterzuzahlen. Sie bezweifeln das. Warum?

    Engelen-Kefer: Die Rente mit 67 bringt gerade einmal eine Verringerung der Beiträge um 0,5 Prozent – dass sind etwa vier Milliarden Euro pro Jahr. Die Regierung müsste bloß die Subventionierung der Riester- und Rürup-Renten eingrenzen, von denen vornehmlich die Besserverdienenden profitieren. Das brächte einen zusätzlichen Spielraum von 12,5 Milliarden Euro. Dann könnte man sich die Rente mit 67 und auch alle weiteren Rentenkürzungen sparen.

    Koch: Trotzdem wird die Finanzierung der Renten später nicht einfacher. Sollten die Beiträge über die heute gültigen 19,5 Prozent des Lohns hinaus steigen?

    Engelen-Kefer: 19,5 Prozent sind kein Dogma. Erforderlich ist zudem die Abschaffung der 400- und 1-Euro Jobs. Grundsätzlich müssen alle Arbeitsverhältnisse in die Sozialversicherungspflicht. Außerdem sind alle Erwerbstätigen in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen. Dann sind Beitragserhöhungen überhaupt nicht erforderlich.

    Info-Kasten

    Rente mit 67

    Auf Initiative von Ex-Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) beschloss die große Koalition aus Union und SPD die Rente 67. Ab 2012 steigt der Zeitpunkt der individuellen Verrentung in monatlichen Schritten bis 2029 von derzeit 65 auf 67 Jahre. Wer früher aufhört zu arbeiten, muss mit weniger Rente zurecht kommen.

    Bio-Kasten

    Ursula Engelen-Kefer (67) sitzt im Vorstand der bayerischen SPD und leitet den Arbeitskreis Sozialversicherung beim Sozialverband Deutschland. Früher war sie Vize-Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes und Mitglied des Bundesvorstandes der SPD.

  • Frisöre schaffen am längsten

    Kaum ein Erwerbstätiger hält bis 65 durch

    Friseure verdienen zwar vergleichsweise wenig Geld, doch hat der Beruf offenkundig andere Vorteile. Keine Berufsgruppe erträgt den Arbeitsalltag. Fast jeder zweite von ihnen geht erst mit 65 Jahren in den Ruhestand. Das ist ein Rekordwert unter allen von der Deutschen Rentenversicherung (DRV) erfassten Berufsgruppen. Ihre weiblichen Kollegen halten nicht so lange durch. Knapp 30 Prozent der Friseurinnen geht mit 60 in Rente, ein Viertel verabschiedet sich im Alter von 61 bis 64 Jahren.

    Dagegen müssen viele Arbeiter in körperlich schweren Berufsgruppen schon früh aus dem Erwerbsleben scheiden. Spitzenreiter sind hier die Bergleute, von denen fast die Hälfte vor dem 60. Lebensjahr eine Erwerbsminderungsrente beantragt. Nur jeder neunte schafft das Regelrentenalter von 65 Jahren. Im Bundesdurchschnitt lag das Rentenzugangsalter laut DRV 2009 bei 63,2 Jahren. Männer arbeiten dabei ein halbes Jahr länger als Frauen und in den neuen Ländern gehen die Arbeitnehmer etwas früher in den Ruhestand.

    Eines ist aber überall in Deutschland ähnlich. Bis zum neuen Rentenalter von 67 Jahren schafft es eine Mehrheit der heute älteren Beschäftigten nicht. Deshalb will die SPD die Rente mit 67 auch erst einmal aussetzen und nach besseren Übergangslösungen für besonders betroffene Berufsgruppen suchen. Der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck plädiert zum Beispiel für ein zusätzliches Rentenkonto. Dieses Guthaben sollen Arbeitnehmer und Arbeitgeber während des Berufslebens anlegen. Wenn ein Dachdecker dann beispielsweise schon mit 60 in den Ruhestand geht, können die dann fälligen Rentenabschläge dann ausgeglichen werden.

    Denkbar sind auch andere Varianten, die Verluste durch einen zu frühen Renteneintritt auszugleichen. In der Chemiebranche gibt es bereits eine Regelung, bei der die Arbeitgeber für ihre Beschäftigten freiwillig höhere Beiträge an die Rentenversicherung bezahlen und so spätere Abschläge ausgleichen. Eine Sonderregel gilt schon jetzt für alle, die 45 Jahre lang Beiträge zur Rentenkasse entrichtet haben. Sie dürfen sich ohne Abzug vorzeitig aus dem Erwerbsleben verabschieden.

    Doch alle sozialen Stützen führen nicht daran vorbei, dass die Deutschen tatsächlich länger arbeiten müssen. Dazu fehlen allerdings noch die entsprechenden Jobs. „Es wird niemals genügend altersgerechte Arbeitsplätze geben“, warnt der Chef der Baugewerkschaft, Klaus Wiesehügel, vor Illusionen. Der Blick auf seine Branche lässt tatsächlich Zweifel daran aufkommen. 40 Prozent der Bauleute, die 2009 aufhörten, gingen wegen Erwerbsminderung frühzeitig in den Ruhestand. Deshalb begrüßt die Gewerkschaft die SPD-Forderung, die Rente mit 67 auf Eis zu legen. Doch auch die Sozialdemokraten sind sich in dieser Frage nicht einig, haben sie die Reform doch damals selbst eingeführt.

    Arbeitsministerin Ursula von der Leyen will an der späteren Rente nicht rütteln. „Die Rente mit 67 kommt auf jeden Fall“, stellt das Ministerium klar. Im November wird von der Leyen einen Zwischenbericht über die Entwicklung der Beschäftigung älterer Arbeitnehmer vorlegen. Dann soll über Nachbesserungen nachgedacht werden. Der erschwerte Berufsausstieg, etwas durch neue Altersteilzeitregelungen, macht sich immerhin schon bemerkbar. In den vergangenen fünf Jahren stieg die Erwerbsquote bei den 60- 64-jährigen von 28 Prozent auf 40 Prozent an, mit weiter steigender Tendenz. Und auch die demographische Entwicklung spricht für neue Beschäftigungsmöglichkeiten der über 60-jährigen. Denn der deutschen Wirtschaft gehen die Fachkräfte aus. Das Interesse der Unternehmen an guten Leuten steigt damit unabhängig von deren Alter. Doch an altersgerechten Jobangeboten mangelt es noch. Es gibt zu wenige flexible Beschäftigungsmöglichkeiten, die den Fähigkeiten Älterer gerecht werden.

  • Die ungeliebte Rente

    Schuften bis 67

    Ab 2012 wird die Regelaltergrenze in der gesetzlichen Rentenversicherung schrittweise angehoben. Derzeit liegt sie bei 65 Jahren. Wer 1960 geboren wurde, muss beispielsweise bis zum Alter von 66 Jahren und zwei Monaten arbeiten. Alle, die ab 2029 in den Ruhestand gehen, dürfen dies erst mit 67 Jahren. Wer früher geht, wird durch hohe Abschläge bei der Rentenzahlung bestraft. Für jeden Monat früher, zieht die Rentenkasse 0,3 Prozent der Rente ab. Das summiert sich schnell auf stattliche Einbußen.

    Die Rente mit 67 wurde eingeführt, damit das System finanzierbar bleibt. Denn die Menschen leben immer länger und erhalten daher insgesamt viel höhere Rentenzahlungen als früher. Durch die längere Beitragszahlung und der verminderte Rentendauer wird die höhere Lebenserwartung ausgeglichen. Die meisten Vorsorgeexperten halten diese Reform für unumgänglich

  • Ökostrom kann Atomstrom ersetzen

    Debatte um längere Laufzeiten von Atomkraftwerken: Deutschland kommt gut zurecht ohne die nukleare Energie

    Der Ton im Atomstreit wird schärfer. Nach dem Ende der parlamentarischen Sommerpause will die Union festlegen, um wieviele Jahre die Laufzeit der Atomkraftwerke verlängert werden soll. Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) plädiert dabei für eine moderate Ausdehnung von etwa acht Jahren pro Kraftwerk, unter anderem Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) will aber deutlich mehr durchsetzen.

    Eine zentrale Frage, die Befürworter und Gegner längerer Laufzeiten öffentlich diskutieren, lautet: Braucht Deutschland überhaupt Atomkraftwerke, um seine Stromversorgung auch in Zukunft zu sichern?

    Anhänger einer umweltfreundlichen Stromversorgung wie Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin sagen: „Nein“. Die Erneuerbaren Energie Wind, Sonne, Biomasse und andere würden die nuklearen Stromproduzenten in den kommenden Jahrzehnten überflüssig machen. Trittin stützt sich auf neueste Prognosen, die sich auch Umweltminister Röttgen zu eigen gemacht hat.

    Der Anteil der sauberen Stromquellen steigt demnach in Deutschland von gegenwärtig 16 Prozent auf rund 40 Prozent in 2020. Demgegenüber erwirtschaften die Atomkraftwerke heute einen Stromanteil von etwa 20 Prozent, der infolge des unter Rot-Grün geplanten Ausstiegs in den kommenden 15 Jahren komplett wegfallen soll. Die Addition von 24 Prozent Zuwachs sauberen Stroms und 20 Prozent Wegfall des Atomstroms ergibt eine positive Bilanz von vier Prozent. Die klare Botschaft: Öko-Strom kann Atomstrom mehr als ersetzen. Dieses Modell beruht unter anderem auf der Annahme, dass der Stromverbrauch trotz der massenhaften Einführung von Elektroautos insgesamt nicht steigt, weil sparsame Geräte und Motoren den Verbrauch reduzieren.

    Die Zahlen der Ökologen bestreitet Hubertus Bardt vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln nicht. Trotzdem nennt er zwei Argumente für längere Laufzeiten von Atomkraftwerken. Erstens schwanke das Stromangebot aus den riesigen Windparks der Zukunft wegen des Wetters stark. Ökoenergie sei also nicht so verlässlich wie Atomstrom, der in jedem Fall fließe, sagt Bardt. Und zweitens biete die Kernenergie einen ökonomischen Vorteil: Wenn man die Anlagen am Netz lasse und stattdessen einige alte, klimaschädliche Kohlekraftwerke abschalte, so Barth, profitiere Deutschland von einem extrem kostengünstigen Klimaschutz-Programm. Der Ausstoß von Kohlendioxid sinke rapide, ohne dass man neue, saubere, aber auch teure Gaskraftwerke als Ersatz für die alten Kohleanlagen errichten müsse.

    Das Umweltbundesamt weist diese Argumente des IW freilich zurück. In seinem Szenario „Energieziel 2050“ hat das UBA jüngst dargelegt, dass der Ausbau der Stromnetze und ein modernes Management der Stromverteilung etwaige Lieferengpässe ausschließen können. Und zum angeblich überflüssigen Neubau sauberer Gaskraftwerke heißt es beim UBA: Der ökonomische Vorteil dieser Variante werde unter anderem in Frage gestellt durch die höheren Entsorgungskosten für Atommüll, die beim längeren Betrieb der Atomkraftwerke entstünden.

    Einen entscheidenden Vorteil bieten längere Laufzeiten aber in jedem Fall – für die Betreiber der nuklearen Kraftwerke. Die Gewinne aus den AKW fließen weiter, auch deshalb, weil der Strom, den Deutschland nicht mehr braucht, ins Ausland exportiert werden kann.

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    AKW-Kompromiss

    Für die Bundesregierung könnte ein möglicher Ausweg aus ihrem Atomstreit so aussehen: Die deutschen Atomkraftwerke erhalten eine durchschnittliche Laufzeitverlängerung. Die Zahl der Jahre liegt bei etwa zehn pro Anlage. Unsichere, alte Kraftwerke werden bald abgeschaltet, neuere dürfen dafür aber sehr viel länger laufen. Dies könnte die Laufzeit einzelner AKW bis 2040 ausdehnen.

  • Vorsorgen statt nachsorgen

    Spenden von Milliardären sind gut und schön. Besser wäre es freilich, wenn die horrenden Gewinne erst gar nicht entstünden

    Wenn Milliardäre Milliarden spenden, ist das ein feiner Zug. Software-Unternehmer Bill Gates, Investor Warren Buffet, Banker David Rockefeller und andere Steinreiche der USA habe gerade angekündigt, mindestens die Hälfte ihres Privatvermögens für gute Zwecke spenden zu wollen. Sie würden damit der Gesellschaft einen Teil des Geldes zurückgeben, das sie mit Hilfe des Staates und vieler anderer Menschen erwirtschaftet haben. Besser allerdings wäre es, wenn die horrenden Vermögen, die mittels Spenden teilweise umverteilt werden, gar nicht erst entstünden.

    Denn womit verdienen Leute wie Gates, Buffet und Rockefeller ihr Geld? Gates Firma Microsoft beispielsweise lässt auch in China produzieren, wo sich die Löhne der Arbeiter an den niedrigen staatlichen Mindestlöhnen orientieren. Diese liegen nicht selten in der Größenordnung von 130 Euro pro Monat und reichen nicht aus, um den nötigsten Lebensstandard der Arbeiterfamilien zu finanzieren.

    Investor Buffet verdient unter anderem Geld mit der Ölpest, die der Konzern BP in Golf von Mexiko angerichtet hat. Eine Firma, an der Buffet beteiligt ist, liefert die umstrittene Chemikalie, die das ausgelaufene Erdöl unter die Meeresoberfläche drückt. Und Rockefeller als ehemaliger Chef der Chase Manhattan Bank mehrte sein Vermögen, indem er mit Aktien von BP und anderen Mineralölkonzernen spekulierte, ohne dass ihn die möglichen Umweltschäden interessierten.

    Das Verhalten der reichen Spender ist ein Beispiel für die Herrschaft des Prinzips der Gewinnmaximierung. Manager und Vorstände setzen den Gewinn ihrer Unternehmen absolut. Sie ordnen ihm alles andere unter. Werte wie der faire Umgang mit Beschäftigten und Umwelt spielen in ihren strategischen Überlegungen eine viel zu geringe Rolle. Ihrem Denken fehlt die Balance.

    Vor diesem Hintergrund ist es an der Zeit, dass sich die Bürger und die Zivilgesellschaft kritisch mit der Kategorie des Gewinns auseinandersetzen. Dieser wirkt oft als Treiber für Verantwortungslosigkeit. Zugleich ist der Profit sakrosankt, durch ein Tabu geschützt. Kaum jemand wagt, dieses Basisprinzip in Frage zu stellen.

    Das aber dürfen wir den Managern nicht länger durchgehen lassen. Es gibt schlechte Gewinne, die auf Kosten der Allgemeinheit erwirtschaftet wurden, und gute Gewinne, die sich im Rahmen halten. Der Satz „der Gewinn dieses Unternehmens ist zu hoch“ muss eine ernstzunehmende Aussage werden, die die Vorstände unter Rechtfertigungsdruck setzt.

    Wann aber ist ein Gewinn in Ordnung, und wann ist er zu hoch?

    Fast alle Unternehmer und Manager betonen heute, dass ihre Firmen von Jahr zu Jahr mehr Umsatz und Gewinn machen müssten, um zu überleben. Diese Argumente sind zum Teil plausibel. Denn die Unternehmen stehen unter Druck, Kosten zu finanzieren, die tendentiell wachsen. Im Zuge der normalen Inflation können Rohstoffe und Vorprodukte teurer werden und die Löhne steigen.

    Wer außerdem neue, gute Produkte verkaufen will, muss ständig forschen, entwickeln und investieren – und zwar mindestens so viel, dass die Firma gegenüber der Konkurrenz nicht zurückfällt. Kann eine Firma nicht mithalten, sinkt ihr Marktanteil. Dann schwebt sie in der Gefahr, in die Verlustzone zu geraten und von einem Wettbewerber geschluckt zu werden.

    Wenn alle Kosten finanziert und gute Produkte am Markt sind, sollte die Firma zudem einen Gewinn für die Eigentümer und Aktionäre abwerfen. Denn die wollen berechtigterweise von ihrem Eigentum profitieren.

    Zu diesem Punkt sagt der deutsche Drogerie-Unternehmer Dirk Roßmann, dass er mit drei Prozent Rendite im Verhältnis zum Umsatz zufrieden sei. Bei rund drei Milliarden Euro Umsatz erwirtschaftete die drittgrößte Drogerie-Kette Deutschlands 2009 etwa 90 Millionen Euro Gewinn vor Steuern.

    Rossmann ist ein erfolgreiches Unternehmen, es expandiert, ist konkurrenzfähig, und bezahlt seinen Beschäftigten anständige Löhne, was man nicht von allen Drogisten und Discountern behaupten kann.

    Das zeigt: Es ist für Unternehmen nicht notwendig, mit Supergewinnen auf Platz Eins der Branchen-Hitliste zu stehen. Niemand ist gezwungen, der dickste Hirsch auf der Lichtung zu werden.

    Wenn BP 2009 eine Umsatzrendite (Gewinn im Verhältnis zum Umsatz) von 6,9 Prozent erwirtschaftete, der Energiekonzern E.ON von 10,3 Prozent, Hennes & Mauritz von 16,2 Prozent, das Pharma-Unternehmen Sanofi-Aventis von 18 Prozent und Apple von fast 20 Prozent, dann sollten wir misstrauisch werden. Diese Gewinne sind zu hoch.

    Derartige Margen sind nur möglich, weil die Firmen ihren Arbeitern einen fairen Anteil an der Wertschöpfung vorenthalten, ihren Lieferanten zu wenig bezahlen, mit der Umwelt zu sorglos umgehen oder den Verbrauchern zu hohe Preise abknöpfen. All das bedeutet: Sie leben auf Kosten ihrer Umgebung, also auch auf unser Kosten.

    Die Bürger sollten über diese Gewinne der Unternehmen sprechen und sie damit enttabuisieren. Das erste Ziel könnte sein, die Legitimität zu hoher Profite in Frage zu stellen. Außerdem müssen wir von den Unternehmen verlangen, einen nennenswerten Teil der hohen Gewinne an die Gesellschaft zurückzugeben. Wir können die Vorstände nerven – mit Kampagnen, Aktionen und jeder einzelnen Konsumentscheidung.

    Eine Variante, das große Geld zu resozialisieren, sind freiwillige Spenden. Indem Bill Gates einen guten Teil seines Privatvermögens an seine wohltätige Stiftung überschrieben hat, fördert er sinnvolle medizinische Entwicklungen im Kampf gegen Aids und Malaria.

    Derartige Spendenbereitschaft hat aber auch einen entscheidenden Nachteil. Die riesigen Vermögen bleiben in der Hand einer sehr kleinen Zahl sehr einflussreicher Personen. Diese können ihr Geld nach eigenem Gutdünken verwenden und brauchen sich nicht an den Wünschen der Mehrheit oder der Politik zu orientieren. Das kann gut gehen, mag aber auch zu einer demokratisch nicht legitimierten Quasi-Politik führen, die nicht im öffentlichen Interesse ist.

    Das sicherste Mittel, das große Geld vernünftigen Aufgaben zuzuführen, wären deshalb höhere Steuern auf Kapital – am besten auf internationaler Ebene. In diesem Sinne hat EU-Haushaltskommissar Janusz Lewandowski gerade vorgeschlagen, eine Transaktionssteuer auf Finanzgeschäfte zu erheben, die in die Kassen der EU fließen könnte.

  • „Ohne Einwanderer geht Wohlstand verloren“

    Deutschland brauche dringend Fachkräfte aus dem Ausland, sagt Reiner Klingholz, der Chef des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. „Zuwanderung animiert den Wettbewerb“

    Hannes Koch: Viele Unternehmen würde gerne Ingenieure aus dem Ausland holen, weil sie in Deutschland zu wenige finden. Kanzlerin Merkel aber lehnt mehr Einwanderung ab. Brauchen wir ausländische Arbeitskräfte oder können wir ohne sie auskommen?

    Reiner Klingholz: Schon heute benötigt Deutschland gut ausgebildete Zuwanderer – in Zukunft aber noch viel mehr.

    Koch: Wenn Menschen aus fremden Ländern zu uns kommen, beschleicht manchen Einheimischen ein ungutes Gefühl. Wie antworten Sie auf solche Vorbehalte?

    Klingholz: Wir Deutsche haben historisch gesehen mit Einwanderung sehr gute Erfahrungen gemacht. Berlin und Brandenburg hätten sich ohne die Hugenotten aus Frankreich viel schlechter entwickelt. Und das Ruhrgebiet war auf die Schimanskis und Koslowskis aus Osteuropa angewiesen, um zum industriellen Herz Deutschlands zu werden. Länder wie die USA, Kanada und Neuseeland profitieren massiv von der Einwanderung. Deutschland verzichtet heute leider auf diese positiven Effekte.

    Koch: Welche Vorteile brächte es, Einwanderer einzuladen?

    Klingholz: Zur Zeit sind 60.000 bis 70.000 Stellen für Ingenieure und Computerspezialisten in deutschen Unternehmen nicht besetzt. Die Firmen leisten deshalb weniger, als sie erwirtschaften könnten. Deshalb schaffen sie auch weniger neue Arbeitsplätze. Das heißt: Ohne gut ausgebildete Einwanderer geht uns allen Wohlstand verloren.

    Koch: Wieviele Einwanderer braucht Deutschland pro Jahr?

    Klingholz: Zahlen des Statistischen Bundesamtes zufolge wird die deutsche Bevölkerung infolge des demografischen Wandels bis 2050 um rund 13 Millionen Menschen abnehmen. Und das, obwohl unter dem Strich eine jährliche Zuwanderung von 100.000 bis 200.000 Menschen einkalkuliert ist. Heute jedoch ziehen mehr Menschen aus Deutschland weg, als neu hinzukommen. Wenn die Bundesregierung so weitermacht wie bisher, trägt sie eine Mitverantwortung dafür, dass wir später in einem schönen, aber leeren Land leben.

    Koch: Wir haben über drei Millionen Arbeitslose. Muss man die nicht erst einmal besser ausbilden, bevor man Migranten holt?

    Klingholz: Wenn wir die Beschäftigungs- und Bildungsmaßnahmen der Arbeitsagenturen einkalkulieren, haben wir sogar fünf Millionen Erwerbslose. Theoretisch ist es richtig, diese zu qualifizieren, damit sie die freien Stellen besetzen. Praktisch allerdings scheinen sich nur extrem wenige Arbeitslose für die offenen Stellen etwa beim Flugzeughersteller Airbus zu eignen. Aus einem jungen Menschen ohne Hauptschulabschluss machen sie eben keinen Triebwerksspezialisten. Und selbst, wenn es gelänge, wären dafür über zehn Jahre nötig. Die Unternehmen müssen ihre Stellen aber jetzt besetzen – sonst werden die Triebwerke anderswo gebaut.

    Koch: Warum bilden wir dann nicht mehr Akademiker aus? Künftig werden auch viel mehr Frauen arbeiten als heute.

    Klingholz: Richtig, die Erwerbsquote der Frauen wird steigen. Aber auch das reicht nicht aus. Denken Sie an den demografischen Wandel: mehr Alte, weniger Kinder. Wenn die erwerbsfähige Bevölkerung schrumpft, fehlen einer Hochleistungswirtschaft wie der deutschen schlicht und einfach qualifizierte Arbeitskräfte.

    Koch: Könnte denn die Integration der Migranten helfen, die bereits hier leben?

    Klingholz: Heute leisten wir uns, dass 20 Prozent aller Jugendlichen marginalisiert werden. Sie verlassen die Schule ohne Abschluss oder gelten als nicht ausbildungsfähig. Unter ihnen sind besonders viele Migranten. Da muss man massiv gegensteuern. Aber auch hier dauert es im besten Fall Jahre, bis aus einem Problemfall eine Fachkraft wird.

    Koch: Sie akzeptieren, dass es trotz Arbeitslosigkeit auch Einwanderung geben wird?

    Klingholz: Ja, und ich behaupte außerdem, dass die Zuwanderung ein sinnvoller Anreiz ist, um den Wettbewerb zu animieren.

    Koch: Sie wollen die Arbeitslosen unter Druck setzen?

    Klingholz: Es herrscht Globalisierung. Wer die weltweite Konkurrenz der Arbeitskräfte ausblendet, tut sich keinen Gefallen. Eine Firma wie Siemens wird sich in jedem Fall für den besseren Ingenieur entscheiden – egal wo er herkommt. Am Ende stellt sich doch die Frage: Ist die indische Fachkraft in Mumbai oder in München produktiv? Letzteres wäre besser für unsere Volkswirtschaft.

    Koch: Damit nehmen Sie in Kauf, dass auch die Angst vor der Einwanderung zunimmt.

    Klingholz: Nicht unbedingt. Wir müssen vermitteln, dass qualifizierte Zuwanderung viele Vorteile hat. Diese Erfahrung haben die Deutschen nach dem Anwerbestopp für Gastarbeiter nicht immer gemacht. Die Einwanderung wurde zu wenig dahingehend gesteuert, welche Qualifikationen auf unserem Arbeitsmarkt gebraucht wurden.

    Koch: Welche Staaten sind heute besonders geschickt bei der Steuerung der Migration?

    Klingholz: Beispielsweise Kanada und Neuseeland. Die fragen ihre Unternehmen, welche Arbeitskräfte sie brauchen und schreiben dann gezielt für diese Qualifikationen Einwanderungsquoten aus. Die Familien dürfen mitkommen. So fühlen sich die Neubürger wohl und investieren in ihre Zukunft und die ihrer Kinder. Die zweite Generation asiatischer Zuwanderer in Kanada hat bereits doppelt so viele High-School-Absolventen wie der kanadische Durchschnitt. Das ist ein dramatischer Gewinn für das ganze Land.

    Koch: Sollte man auch das Asylrecht zur ökonomisch motivierten Steuerung der Einwanderung nutzen?

    Klingholz: Auf keinen Fall. Beim Asyl geht es um eine humanitäre Frage, und nicht um den Bedarf auf dem Arbeitsmarkt.

    Koch: Kennen Sie irgendwo auf der Welt ein mit Deutschland vergleichbares Land, das prosperiert und trotzdem ohne wesentliche Zuwanderung auskommt?

    Klingholz: Vielleicht Südkorea – aber nur weil es noch eine junge Bevölkerung hat. Als abschreckendes Beispiel kann man Japan heranziehen. Die dortige Bevölkerung wird extrem schrumpfen, es gibt praktisch keine Zuwanderung und die Staatsverschuldung liegt schon heute etwa beim Doppelten der Wirtschaftsleistung. Dieses Land wird ökonomisch scheitern.

    Reiner Klingholz (56) leitet das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung. Er ist ausgebildeter Chemiker und Molekularbiologe.

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    Zuwanderung

    Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hat vorgeschlagen, ausländischen Fachkräften ein „Begrüßungsgeld“ zu zahlen, damit diese nach Deutschland kommen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) will die Einwanderung dagegen nicht verstärken. Im Jahr 2009 kamen rund 10.000 hochqualifizierte Ausländer nach Deutschland, um hier zu arbeiten. Den Bedarf der Wirtschaft deckt dieser Zuzug nicht.

  • 615 Euro im Jahr für Unterhaltungselektronik

    Funkausstellung meldet Rekordbeteiligung / WM bescherte der Branche Sonderkonjunktur

    Berlin (wom) – Die Bundesbürger lassen sich das Heimkino, das Musikhören oder das digitales Fotografieren immer mehr kosten. Rechnerisch gibt jeder Haushalt 615 Euro im Jahr für Unterhaltungselektronik aus. Vor zehn Jahren waren es gerade einmal 500 Euro. Dabei sind die realen Einkommen im letzten Jahrzehnt kaum gewachsen. Offenkundig ist der Kaufanreiz durch viele Neuentwicklungen wie die Flachbildfernsehgeräte deutlich angestiegen.

    Insgesamt erwartet die Gesellschaft für Unterhaltungselektronik (GfU) in diesem Jahr 25 Milliarden Euro Umsatz, 1,5 Milliarden Euro mehr als im vergangenen Jahr. GfU-Chef Joachim Kamp freut sich vor allem über ein „herausragendes“ Geschäft mit TV-Geräten, die vor der Fußballweltmeisterschaft wie warme Semmeln weggingen. In dieser Sparte setzte die Branche 34 Prozent mehr um als 2009. „Wir sind zuversichtlich, dass die Hersteller weiteres Wachstum generieren können“, sagte Kamp am Mittwoch. Dafür ist die Internationale Funkausstellung (IFA) ein wichtiger Termin. Die größte Messe der Branche findet vom 3. bis 8. September in Berlin statt. Im letzten Jahr wurden dort Verträge im Gesamtwert von gut drei Milliarden Euro abgeschlossen.

    Die 50. Funkausstellung steuert auf eine neue Rekordbeteiligung zu. Nach Angaben der Messegesellschaft wird die Zahl der zuletzt 1164 Aussteller noch einmal um zehn Prozent wachsen. Auch die Ausstellungsfläche wird mit 122.000 Quadratmetern erneut erweitert. „Ausgebucht“, meldet Messe-Chef Christian Göke.

    Im Mittelpunkt der Schau stehen weiterhin die Verschmelzung von TV-Geräten mit dem Computer sowie mobile Medien. Auch will die Industrie sparsamere Geräte vorstellen. Zu den Highlights gehört zum Beispiel das von der Firma LG entwickelte dreidimensionale Fernseherlebnis. Eine fast intelligente Waschmaschine kommt von Miele. Das Gerät schaltet sich ein, wenn der Strompreis des jeweiligen Versorgers am niedrigsten ist. Denn ab 2011 müssen die Stromanbieter unterschiedlich Tarifzeiten anbieten.

    Rund um die Technik werden sich auf der Ifa auch wieder Stars und Sternchen präsentieren. Die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten produzieren live Sendungen wie die Tagesschau. So sollen wieder viele Zuschauer auf das Messegelände gelockt werden. Im vergangenen Jahr kamen knapp 230.000 Besucher.

  • Hilfe gegen das KiK-Syndrom

    Um Niedriglöhne wie beim Textil-Discounter KiK zu verhindern, wollen Einzelhandelsverband und Gewerkschaft einen Mindestlohn für die Branche vereinbaren. Neue Vorwürfe gegen Billigkette

    Lohndumping wie beim Textil-Diskounter KiK wollen der Einzelhandelsverband und die Gewerkschaft Ver.di künftig unterbinden. Demnächst werde man sich auf eine gemeinsame Lohnuntergrenze einigen, die dann für alle Unternehmen der Branche gelten soll, erklärten die Tarifpartner. Sie reagierten damit auf einen neuen Bericht der NDR-Redaktion „Panorama“ über schlechte Arbeitsbedingungen bei KiK, der am Mittwoch Abend ausgestrahlt wurde.

    Der neue Mindestlohn wird erheblich über den 6,50 Euro liegen, die KiK den NDR-Recherchen zufolge seinen Aushilfen zahlt. „Der Einzelhandel ist keine Niedriglohnbranche“, sagte Stefan Genth, der Hauptgeschäftsführer des Einzelhandelsverbandes, gegenüber dieser Zeitung. „Lohndumping schadet der Branche.“ Mit der Gewerkschaft Ver.di führe der Verband deshalb intensive Gespräche, um bis zum nächsten Frühjahr einen „allgemeinverbindlichen Basislohn“ zu definieren. Zu dessen Höhe wollte Genth sich nicht äußern, sagte aber, dass die unterste Bezahlung der geltenden Tarifverträge heute um die sieben Euro pro Stunde betrage.

    Diese Größenordnung reicht der Gewerkschaft nicht aus. Dort wünscht man sich einen Mindestlohn im Umkreis von zehn Euro. „Die durchschnittlichen Tariflöhne für Vollzeitverkäuferinnen liegen heute bei 12 bis 13 Euro brutto pro Stunde“, so Ver.di-Sprecherin Cornelia Haß. Trotzdem ist sie optimistisch, dass „wir mit dem Einzelhandelsverband zu einem guten Ergebnis kommen“. Nach der Einigung auf den Mindestlohn werde es Unternehmen wie KiK künftig nicht mehr möglich sein, niedrigere Gehälter zu zahlen. Die neue Untergrenze soll ab kommendem Jahr für die rund 2,9 Millionen Beschäftigten des deutschen Einzelhandels gelten.

    Im Panorama-Beitrag kommen Beschäftigte von Kik zu Wort, die 4,75 Euro oder fünf Euro pro Stunde verdienten. Augenblicklich betrage der Lohn 6,50 Euro. Neben diesen Gehältern auf Hartz-IV-Niveau beschreibt der Bericht die Arbeitsverhältnisse in Zulieferfirmen von KiK in Bangladesh. Dort würden die Arbeiterinnen, die die Kleidung für den Textildiscounter nähten, umgerechnet 20 bis 35 Euro pro Monat verdienen. Selbst in einem armen Land wie Bangladesh könnten sie sich damit das Nötigste nicht leisten, beklagen die Arbeiterinnen.

    In einer Erklärung schlug die KiK-Zentrale in Bönen bei Hamm am Mittwoch erstmals einen versöhnlichen Ton an: "In der starken Wachstumsphase haben wir uns ganz auf unser Kerngeschäft konzentriert und sicher Fehler gemacht. Dies bedauern wir außerordentlich. Wir haben aus der Vergangenheit gelernt und werden zukünftig anders agieren." So hat KiK nach Informationen des NDR nun den ehemaligen Otto-Manager Michael Arretz eingestellt. Otto ist bekannt für seine vergleichsweise sozial- und umweltverträgliche Unternehmenspolitik.

    Info-Kasten I

    KiK

    Der Textildiscount gehört zur Unternehmensgruppe Tengelmann. 1994 gegründet, bietet die Firma Kleidung zum „vergleichbar günstigsten Preis“ in fast 3.000 Filialen in Deutschland, Österreich und Südosteuropa an. Bald sollen es 5.000 Geschäfte sein.

    Info-Kasten II

    Löhne in Bangladesh

    Die Industrielöhne in Bangladesh gehören zu den niedrigsten der Welt. Zulieferer von Unternehmen wie KiK, die dort Kleidung produzieren lassen, zahlen ihren Beschäftigten oft umgerechnet nur 20 oder 30 Euro monatlich. Mit Streiks wollen die Arbeiter, meist junge Frauen, jetzt eine Lohnuntergrenze von 5.000 Taka pro Monat durchsetzen (etwa 53 Euro). Die Regierung bietet 3000 Taka an (32 Euro).