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  • Der Weg aus der Erdöl-Falle

    Ölkatastrophe im Golf von Mexiko: Erdöl ist ersetzbar. Musikinstrumente beispielsweise kann man aus pflanzlichem Kunststoff fertigen. Fossiler Rohstoff ist nicht notwendig

    Der Ton der Blockflöte klingt warm und klar. Die Oberfläche des Instruments schimmert wie poliertes Holz. Das aber ist ein Trugschluss. Das Material heißt „Arboform“ – ein Kunststoff, der aus Pflanzen gewonnen wird.

    Jürgen Pfitzer, Chef der Firma Tecnaro aus der Nähe von Heilbronn, schwärmt für das „flüssige Holz“. Der Kunststoff auf Pflanzenbasis sei leicht zu verarbeiten, trotzdem sehr hart und deshalb extrem präzise zu formen. „In Sekunden kann man eine hochwertige Flöte pressen.“

    Arboform ist ein gutes Beispiel dafür, dass es einen Weg aus der Erdöl-Falle geben kann – wenn man ihn nur sucht. Moderne Blockflöten beispielsweise werden häufig aus Kunststoff auf Erdölbasis gefertigt ist. Doch dieses Ausgangsmaterial ist grundsätzlich in vielen Bereichen ersetzbar. Darauf wies die deutsche Agentur für Erneuerbare Energien am Dienstag aus Anlass der Öl-Katastrophe im Golf von Mexiko hin und warb für den verstärkten Ausbau der Bioenergien. Die AEE, die unter anderem vom Bundesumweltministerium und Öko-Firmen getragen wird, macht Lobbyarbeit für Energie aus Wind, Sonne, Wasser, Biomasse und Erdwärme.

    Ein Schwerpunkt der AEE liegt im Verkehrsbereich. „Das Ziel muss sein, Erdöl zunehmend durch Biokraftstoffe zu ersetzen“, sagte Mitarbeiterin Undine Ziller. Nach Angaben der Agentur stammten 2009 erst 5,5 Prozent des Kraftstoffverbrauchs im deutschen Verkehr aus nachwachsenden Quellen, darunter Bioethanol aus Zuckerrüben und Biodiesel aus Raps. 2,5 Millionen Tonnen Biodiesel wurden in den Motoren verbrannt, während insgesamt 49 Millionen Tonnen fossilen Diesels und Benzins in die Fahrzeugtanks flossen. Künftig erreichbar sei aber ein viel höherer Anteil des Biotreibstoffs, sagte AEE-Mitarbeiter Jörg Mühlenhoff. Die Agentur hält rund 20 Prozent bis 2020 für realistisch.

    Ähnlich ehrgeizige Ziele formuliert die Agentur für die Bioenergien insgesamt. Bis zu einem Drittel des Weltenergiebedarfs könnten künftig aus nachwachsenden Quellen kommen, heißt es. Der Wissenschaftliche Beirat der Bundesregierung zu Globalen Umweltveränderungen (WBGU) ist da allerdings weniger optimistisch: Die Berater nennen einen mittelfristigen Anteil der Bioenergien von zehn Prozent.

    In jedem Fall aber hat die Politik einen Einfluss auf die Entwicklung – auch das will die Agentur unterstreichen. So plädierte man dafür, die Beimischungsquote für Biotreibstoff zum normalen Sprit zu erhöhen. „Die Unabhängigkeit vom Erdöl würde zunehmen“, sagte Mühlenhoff. Allerdings ist der Bio-Lobby auch klar: „Wir können die fossilen Energieträger nicht komplett ersetzen.“

    Das hat unter anderem mit Problemen zu tun, die aus der Verwendung der Biokraftstoffe selbst erwachsen. Es gibt immer wieder Streit über die vermeintlichen Vor- und Nachteile. Die AEE stellt die Sache so dar: „Die Emissionen bleiben stets unter denen von Diesel und Benzin.“ Umweltorganisationen sehen das jedoch anders. Mitunter erzeugten intensiver Anbau, Transport und Verarbeitung der Energiepflanzen ähnliche Klimaschäden wie die Ausbeutung und Verwendung des Erdöl.

    Ein Vorteil der Bioenergien und pflanzlichen Kunststoffe aber ist unbestritten: Man muss das Basismaterial nicht aus der Tiefsee an die Oberfläche pumpen und dabei die Verseuchung ganzer Meere riskieren.

    Info-Kasten I

    Erdöl

    Mit 42 Prozent am Endenergieverbrauch ist Erdöl der wichtigste Energieträger der Welt (Angaben der Internationalen Energieagentur IEA). Der Höhepunkt der Förderung ist bereits überschritten oder wird bis 2020 erreicht sein. Dann geht die geförderte Menge zurück.

    Info-Kasten II

    Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hat deutlich größere Ausmaße als bisher angenommen. US-Wissenschaftler veröffentlichten in der Nacht zum Dienstag neue Daten zur Ölmenge, die bis zum vorübergehenden Verschluss des Bohrlochs Mitte Juli in das Meer gelangt ist. Demnach soll es sich um fast fünf Millionen Barrel handeln statt der vier Millionen, die BP bislang für seine Kostenkalkulationen herangezogen hatte (Reuters).

    Grafik

    http://www.unendlich-viel-energie.de/uploads/media/38_Renews_Spezial_Biokraftstoffe_aug10_online.pdf

    z.B. Seite 6

  • Leichtes Spiel

    Kommentar

    Die großen Stromunternehmen verdienen ihr Geld immer noch viel zu leicht. Insbesondere die privaten Kunden werden kräftig zur Kasse gebeten, obwohl die Preise an der Strombörse schon länger auf dem Rückzug sind. Ob dabei tatsächlich die von den Grünen unterstellten ungerechtfertigten Milliardensummen zusammenkommen, ist dabei nicht so wichtig wie die Frage, ob die Kunden nicht ein gehöriges Maß Mitschuld an der Situation tragen. Denn es gibt durchaus Alternativen zum überteuerten Strom. Doch viele Verbraucher scheuen den Aufwand eines Anbieterwechsels. Solange aber von dieser Seite kein Druck auf die Stromanbieter ausgeübt wird, werden RWE, E.on und die anderen Konzerne ihre Preise weiter mit Blick auf einen möglichst hohen Ertrag gestalten.

    Rechtlich ist den Versorgern an dieser Stelle kaum beizukommen. Die Kartellbehörden haben keine Handhabe, weil es eben günstigere Stromfirmen gibt. Und die oft vermuteten Preismanipulationen an der Elektrizitätsbörse sind auch nicht nachweisbar. Die großen Schwankungen auf diesem Markt sprechen eher für ein funktionierendes Hin und Her von Angebot und Nachfrage. Es gibt also Wettbewerb, doch führt er in diesem Falle nicht zu günstigeren Preisen für die Verbraucher.

    Hier zeigt sich ein elementares Problem, das sich auch in anderen Branchen beobachten lässt. Der überforderte Verbraucher zahlt eher mehr, als dass er sich andauernd mit Tarifen, neuen Anbietern oder Leistungsvergleichen befasst. In der immer größer werdenden Zahl der Wahlmöglichkeiten verliert sich der Bürger. Die Freiheit ist nur Schein, denn optimale Entscheidungen kann faktisch niemand mehr überall treffen. Das gilt für das Telefonieren ebenso wie den Abschluss eines Rentenvertrages, bald auch die Mitgliedschaft in einer Krankenkasse oder eben die Lieferung von Strom. Die Macht der Kunden steht deshalb am Ende nur auf dem Papier.

  • Stromkunden zahlen zu viel

    Verbraucherzentralen rufen zum Anbieterwechsel auf

    Die großen Energiekonzerne geben die Preissenkungen auf dem Strommarkt nicht an ihre Kunden weiter. Die Haushalte in Deutschland zahlen deshalb in diesem Jahr eine Milliarde Euro mehr als nötig für ihre Elektrizität. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die die Grünen in Auftrag gegeben haben. „Die stark gesunkenen Einkaufspreise an der Börse müssen endlich von den Energieversorgern an die Kunden weiter gegeben werden“, verlangt die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, Bärbel Höhn.

    Der Autor der Studie, der Energiewirtschaftler Gunnar Harm, hat sich die Entwicklung der Preise an der Leipziger Strombörse angeschaut. Seit 2008 sind die Ankaufkosten dort Harms zufolge um 30 bis 40 Prozent gesunken. Gewerbe- und Industriekunden können sich seither über teils Preissenkungen von teilweise mehr als zehn Prozent freuen. Dagegen stieg der Strompreis für die private Kundschaft um sieben Prozent an. Diese Erhöhungen „sind nnicht mit gestiegenen Beschaffungskosten und nur sehr begrenzt mit der gestiegenen Umlage für die Einspeisung erneuerbarer Energien (EEG) zu begründen“, stellt der Experte fest.

    Konkret hat sich Harms das Unternehmen RWE vorgeknöpft, dessen Vertriebsgesellschaft zum 1. August den Strompreis für rund zwei Millionen Kunden um 7,3 Prozent angehoben hat. Die Begründungen dafür seien nicht gerechtfertigt, schreibt der Fachmann. Angemessen wäre eine Preissenkung um knapp einen Cent pro Kilowattstunden gewesen. Stattdessen erziele das Unternehmen einen Mehrerlös von 100 Millionen Euro. RWE weist diesen Vorwurf zurück. Die Elektrizität werde über Zeiträume von bis zu drei Jahren beschafft, sagt ein Sprecher des Konzerns. Daher seien im aktuellen Preis noch die hohen Stromkosten des Jahres 2007 enthalten. Außerdem verweist RWE auf die gestiegene Abgabe für den Ökostrom.

    Wie die einzelnen Unternehmen kalkulieren, ist ein wohl gehütetes Geheimnis. So lassen sich die Vorwürfe auch nicht überprüfen. Höhn sieht in der Entwicklung den Beleg dafür, dass der Wettbewerb immer noch nicht richtig funktioniert. „Dringend muss die Marktmacht von RWE und E.on gebrochen werden“, fordert die Politikerin. Der Gesetzgeber müsse die Unternehmen zum Verkauf von Kraftwerken anhalten. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) wirft Harm dagegen vor, ein falsches Bild des Marktes zu zeichnen und verweist auf 1.100 Stromunternehmen in Deutschland. „Keiner kann es sich erlauben, überhöhte Preise zu verlangen“, versichert BDEW-Chefin Hildegard Müller.

    Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) sieht vor allem die Privathaushalte in der Pflicht. „Wenn die Kunden nicht in großem Stile weglaufen, kann ich meine Preise beibehalten“, erläutert vzbv-Experte Holger Krawinkel die Strategie der Anbieter. Genügend günstigere Stromlieferanten gebe es, so dass ein Haushalt zwischen 50 und 100 Euro im Jahr sparen könne.

    Der vzbv ruft zum Wechsel des Stromanbieters auf, wenn dieser ungerechtfertigt die Preise anhebt. Verbands-Chef Gerd Billen warnt jedoch vor unseriösen Anbietern auf dem Markt. Die Kunden sollten keine Vorkasse oder Kaution leisten. Für ratsam hält Billen auch eine zwölfmonatige Preisgarantie beim neuen Lieferanten. Der Wechsel selbst ist einfach. Es muss kein neuer Zähler installiert werden und die Lieferung der Elektrizität ist auch gewährleistet, wenn der neue Versorger wieder vom Markt verschwindet. Allerdings erschwert eine wachsende Zahl unterschiedliche Tarife die Auswahl.

  • Neue Gerechtigkeitslücke bei Hartz IV

    Bundesregierung plant Reform des Arbeitslosengeldes: Das steigt dann eventuell schneller als die Rente. Arbeitsministerin von der Leyen muss die Preissteigerung bei Konsumgütern besser berücksichtigen

    Seit Hartz IV vor fünf Jahren eingeführt wurde, gilt das Arbeitslosengeld II vielen Bundesbürgern als Inbegriff der sozialen Ungerechtigkeit. Nun hat diese Debatte auch die Berliner Regierungskoalition erreicht. Union und FDP diskutieren darüber, ob man den Regelsatz von heute 359 Euro erhöhen sollte, oder ob dies schädliche Wirkungen mit sich brächte.

    „Ich warne davor, die Hartz-IV-Sätze entsprechend der Inflation anzuheben“, sagte CSU-Sozialexperte Max Straubinger gegenüber dieser Zeitung. Dies hätte zwei Nachteile, meinte der CSU-Politiker: Zum einen könnte sich durch das höhere Arbeitslosengeld der Anreiz für Arbeitslose verringern, eine neue bezahlte Stelle zu suchen. Zweitens dürfe man die Arbeitslosen nicht gegenüber den Rentner bevorteilen, deren Altersbezüge nicht regelmäßig stiegen.

    CDU-Sozialpolitiker Johann Wadephul sagte dagegen: „Ich würde höhere Regelsätze nicht ablehnen“. Die jährliche Preissteigerung sei durchaus ein Element, das die Lebenshaltungskosten von Erwerbslosen beeinflusse.

    Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) lässt gegenwärtig eine neue Berechnungsmethode für das Arbeitslosengeld II entwickeln. Dazu hatte sie das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom Februar 2010 verpflichtet. Die Richter hatten geurteilt, dass der Hartz-IV-Satz bisher „nicht sachgerecht“ festgelegt worden sei.

    Nach Berechnungen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes müssten erwachsene Hartz-IV-Empfänger einen Regelsatz von rund 420 Euro im Monat erhalten, um ihre Lebenshaltungskosten bestreiten zu können. Zu einem ähnlichen Ergebnis kämen Vergleichsrechnungen des Bundesarbeitsministeriums, berichtet der Spiegel. Ein Sprecher von der Leyens dementierte allerdings am Montag, dass bereits belastbare Zahlen vorlägen. Die genaue Berechnungsmethode werde man erst „im Herbst“ ausarbeiten. Bis zum 31. Dezember diesen Jahres müsse das Gesetz fertig sein.

    Die Frage ist nun, wie die neue Berechnung aussehen soll. Bislang basierte die Definition des Regelsatzes auf der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamtes. Weil diese nur alle paar Jahre aktualisiert wird, ziehen die Experten zwischendurch die Entwicklung der Altersrenten als Maßstab heran. Unter anderem die Orientierung an den Renten hatte das Verfassungsgericht aber als „sachwidrig“ kritisiert.

    Ein Grund: In der Rentenberechnung ist unter anderem der so genannte Nachhaltigkeitsfaktor enthalten, der die Rentenerhöhung schmälert, wenn die Zahl der Beschäftigten sinkt. Dieser Nachhaltigkeitsfaktor habe mit den Lebenshaltungskosten von Erwerbslosen nichts zu tun, erklärten die Verfassungsrichter.

    Sie empfahlen stattdessen, die Regelsätze stärker an den Lebenshaltungskosten, also auch die Preissteigerungen für Konsumgüter zu binden. Je nachdem, wie die Bundesregierung diese Vorgabe umsetzt, könnte dies dazu führen, dass das Arbeitslosengeld II künftig stärker zunimmt als die Alterssicherung. In diesem Jahr beispielsweise stagnieren die Rentenzahlungen. Und auch in den kommenden Jahren wächst die Rente möglicherweise nur wenig, weil mehrere dämpfende Faktoren in der Rentenformel die Erhöhung begrenzen.

    Um diesen neuen, für die Regierung problematischen Gerechtigkeitskonflikt zu befrieden, sagt CSU-Sozialpolitiker Straubinger: „Ich plädiere dafür, die Anknüpfung an die Renten beizuhalten. Um dem Urteil des Verfassungsgerichts Rechnung zu tragen, könnte man aber den Nachhaltigkeitsfaktor aus der Berechnung herausnehmen“. Dann würde Hartz IV eventuell etwas schneller zunehmen als die Rente, aber nicht so stark wie bei der kompletten Abschaffung der Bindung.

    Info-Kasten I

    Kinder und Hartz-IV

    Kinder in Hartz-IV-Familien sollen „Teilhabegutscheine“ vom Amt erhalten, um damit kostenlos an Sport- und Bildungsveranstaltungen teilzunehmen. Mit dieser Reform der Hartz-Reform will Arbeitsministerin von der Leyen das Bildungsdefizit in armen Familien bekämpfen.

    Info-Kasten II

    Ausgaben

    Um Mehrausgaben bei Hartz IV infolge des Verfassungsgerichtsurteils zu finanzieren, hat Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) 480 Millionen Euro für 2011 zusätzlich in den Haushaltsplan aufgenommen. Dieser Betrag wird kaum ausreichen, wenn die Sätze auf 400 Euro oder ähnliche Summen steigen sollten.

  • Das heikle Thema Zuwanderung steht wieder zur Debatte

    Fachkräftemangel in Deutschland

    Gehen der Wirtschaft tatsächlich die Fachkräfte aus?

    Fakt ist, dass zunehmend ältere Spezialisten aus dem Berufsleben ausscheiden und nicht genügend junge Hochschul- oder Fachhochschulabsolventen in das Berufsleben einsteigen. Im letzten Aufschwung 2008 fehlten nach Berechnungen des Branchenverbands Bitkom alleine in der Informationstechnologie 45.000 Stellen unbesetzt. Und der Verband Deutscher Ingenieure (VDI) geht von davon aus, dass derzeit 36.000 Ingenieure fehlen. „Der Fachkräftemangel wird sich aufgrund der demographischen Entwicklung weiter verschärfen“, warnt VDI-Direktor Willi Fuchs. Jeder fünfte Ingenieur in Deutschland ist älter als 56 Jahre. Der Verlust weiterer Experten ist also absehbar.

    Kann dieses Problem bei über drei Millionen Arbeitslosen nicht ohne Zuwanderung gelöst werden?

    Die Arbeitslosen können die freien Stellen aufgrund fehlender Qualifikationen zumeist nicht besetzen. Das ist die eine Wahrheit. Die andere ist unangenehmer. Denn die Altersentwicklung ist schon lange bekannt. „Der Fachkräftemangel ist nicht vom Himmel gefallen“, kritisiert DGB-Bildungsexperte Thomas Giessler die Politik der letzten Jahrzehnte und die zu geringen Qualifizierungsanstrengungen vieler Betriebe. Nach Ansicht der Gewerkschaften kann ein massiver Ausbau der Bildungs- und Weiterbildungsangebote den Bedarf an ausländischen Experten vermindern. Giessler verweist auf 1,5 Millionen junge Leute, die nicht einmal einen Berufsabschluss haben. Die benötigten Spezialisten will der DGB aus den Reihen der Facharbeiter gewinnen, in dem ihnen der Zugang zu Hochschulen erleichtert wird. Auch der Chef der Bundesagentur für Arbeit (BA), Frank Jürgen Weise, will erst einmal die eigenen Kräfte mobilisieren. „Wir können nicht zulassen, dass Menschen in Arbeitslosigkeit sind, nur weil ihre Talente nicht genutzt werden“, sagt Weise. Er wirft auch den Unternehmen vor, dass sie möglichen Kandidaten zu wenig bieten, zum Beispiel an familienfreundlichen Arbeitsbedingungen. Die meisten Bildungsexperten bezweifeln jedoch, dass der Mangel ausschließlich aus eigener Kraft behoben werden kann, weil es einfach nicht genügend Hochbegabte gibt.

    Wie ist der Zuzug von Spezialisten derzeit geregelt?

    Die Einwanderung von begehrten Arbeitskräften wurde zwar nach und nach gelockter, wird aber immer noch streng gehandhabt. Eine Arbeitsgenehmigung erhält nur, wenn das Jahressalär für die Stelle wenigstens 66.000 Euro beträgt. Das ist viel mehr Geld, als beispielsweise viele Hochschulprofessoren verdienen. Ansonsten bekommen ausländische Experten nur einen Job, wenn die Arbeitsagentur drei Monate lang vergeblich nach einem geeigneten deutschen Bewerber Ausschau gehalten hat.

    Wie erfolgreich war die Greencard?

    Die Greencard wurde im August 2000 eingeführt. Sie sollte den Expertenmangel in der Computerbranche beheben. Deren Branchenverband Bitkom zieht eine positive Bilanz. „Seitdem sind 33.000 IT-Experten auf diesem Weg nach Deutschland gekommen“, berichtet Verbands-Chef August-Wilhelm Scheer. Allerdings seien die Regelungen noch immer zu restriktiv, kritisiert Scheer und fordert eine Lockerung des Zuzugs.

    Welche Verbesserungsvorschläge gibt es?

    Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hat eine Lockprämie für besonders gesuchte Fachleute ins Spiel gebracht. Das Begrüßungsgeld soll aber allein von der Wirtschaft aufgebracht werden. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) dankt über ein Absenkung des Mindestgehalts für einen problemlosen Zuzug auf nur noch 40.000 Euro im Jahr nach. Bitkom schlägt vor, dass die Arbeitsagenturen bei Engpässen in einzelnen Berufsgruppen auf die monatelange Suche nach deutschen Kandidaten verzichten. Außerdem plädiert der Verband auf die Gründung einer Kommission, die Kriterien für die erwünschte Zuwanderung ausarbeitet. Das könnten beispielsweise berufliche Fähigkeiten oder Sprachkenntnisse sein, die mit Punkten bewertet werden. Wer genügend Punkte hat, darf dann nach Deutschland kommen.

    Warum sieht die Kanzlerin derzeit keinen Handlungsbedarf?

    Bundeskanzlerin Angela Merkel will am bestehenden Regelwerk vorerst nichts ändern. Das Kanzleramt verweist einerseits auf die letzte Lockerung des Gesetzes Anfang 2009, andererseits auf die angekündigte Bildungsoffensive. Mit zusätzlichen zwölf Milliarden Euro
    Im Jahr für Bildung und Forschung sollen die Deutschen fit für die Spitzenjobs gemacht werden. Außerdem will Merkel die für die ganze EU einheitlich in einer Richtlinie festgelegten Zuwanderungsregelungen abwarten. Die so genannte Bluecard soll in den nächsten Jahren eingeführt werden.

  • Umstrittene Kohle für deutschen Strom

    Menschenrechtler kritisieren Steinkohle-Importe aus Kolumbien. Unternehmen wie E.ON und RWE weisen Vorwürfe unsozialer und unökologischer Produktionsbedingungen in der Mine El Cerrejon zurück

    Menschenrechtsorganisationen erheben schwere Vorwürfe unter anderem gegen RWE und E.ON. Die Konzerne würden Steinkohle aus einem umstrittenen Bergwerk in Kolumbien für die Stromproduktion in deutschen Kraftwerken verwenden, erklärt Sebastian Rötters vom FoodFirst Informations- und Aktionsnetzwerk (FIAN) in Köln. Die schlechten sozialen und ökologischen Produktionsbedingungen in der Mine El Cerrejon kritisiert auch die dänische Organisation DanWatch in ihrer aktuellen Studie „Der Fluch der Kohle“.

    Rechercheure von DanWatch haben den größten Steinkohle-Tagebau der Welt im Norden Kolumbiens im Herbst 2009 besucht. Sie werfen der Minenfirma vor, durch die permanente Ausdehnung des Abbaus die Bewohner benachbarter Dörfer von ihrem Land vertrieben zu haben. In vielen Fällen seien keine Entschädigungen gezahlt worden, sagt Peter Bengtsen von DanWatch.

    Außerdem führe die hohe Konzentration von Kohlestaub in der Luft zu Atemwegserkrankungen bei Arbeitern und Anwohnern der kolumbianischen Mine, so Bengtsen. Sogar Todesfälle würden örtliche Ärzte mit der Verschmutzung in Verbindung bringen.

    Mit den Vorwürfen konfrontiert, räumt E.ON ein, Steinkohle aus dem umstrittenen Bergwerk für die Stromproduktion in Deutschland zu verwenden. Das Unternehmen „kauft jährlich durchschnittlich rund vier Millionen Tonnen aus Kolumbien, wovon ein großer Teil aus Cerrejon stammt“, erklärt E.ON-Sprecherin Julia Harms gegenüber dieser Zeitung.

    RWE-Sprecher Jürgen Frech verweist darauf, dass die „Lieferbeziehungen“ zu anderen Firmen „vertraulich“ seien. Dennoch hält es Kritiker Rötters für erwiesen, dass auch RWE in Cerrejon einkaufe. Thomas Schmidt, der Sprecher des Großkraftwerks Mannheim, an dem RWE und EnBW beteiligt sind, bestätigt denn auch, dass man Kohle aus der kritisierten Mine beziehe.

    Und Trianel, ein Zusammenschluss von Stadtwerken mit Sitz in Aachen, will bald unter anderem Kohle aus Kolumbien in seinem neuen Kraftwerk im nordrhein-westfälischen Lünen verwenden. Wahrscheinlich wird auch Brennstoff aus Cerrejon dabei sein.

    Die Kritik an den dortigen Produktionsbedingungen ist den deutschen Unternehmen durchaus bekannt. Der Tenor ihrer Stellungnahmen lautet aber: Die Vorwürfe gegen Cerrejon seien unbegründet.

    So erklärt E.ON-Sprecherin Harms zwar, dass „es in der Vergangenheit in der Tat problematische Bedingungen für die Anwohner und Mitarbeiter der Cerrejon-Mine gab“. Mittlerweile aber erfülle das Bergwerk „die Kriterien bezüglich Einhaltung der Menschenrechte, Arbeitssicherheit und Umweltschutz-Standards bereits zu einem großen Teil“.

    Die Hinweise von RWE zielen in eine ähnliche Richtung. Man gehe Geschäftsbeziehungen zu anderen Unternehmen nur dann ein, wenn eine strenge Risikoüberprüfung keine sozialen und ökologischen Probleme erkennen lasse.

    Auch der Chef des Unternehmens Cerrejon, Leon Teicher, weist die Vorwürfe gegenüber dieser Zeitung zurück. Man sei bemüht, alte Konflikte mit den Anwohnern auszuräumen, habe Entschädigungen gezahlt und beteilige sich am Wiederaufbau umgesiedelter Dörfer. Teicher räumt freilich ein, dass der Wiederaufbau an neuem Ort in vielen Fällen bislang nur geplant, nicht aber umgesetzt worden sei.

    ((Fraglich ist, ob das Unternehmen genug Anstrengungen unternimmt, um die Umweltbelastung zu verringern. Aus der offenen Mine, von den riesigen Baggern und Lkw, treibt ständig Staub über das Land. Dem Bericht von DanWatch zufolge berichten Arbeiter, Anwohner und Ärzte über häufige Fälle von Asthma und Lungeninfektionen. Cerrejon-Vorstand Teicher dagegen betont, dass die Feinstaub-Konzentration in der Luft den nationalen Grenzwert nicht überschreite.))

    Aus der Ferne betrachtet steht Aussage gegen Aussage – eine Situation, die bei den deutschen Unternehmen ein gewisses Unwohlsein hinterlässt. Deshalb erklärt der Sprecher des Kraftwerks Mannheim: Sollten sich die Vorwürfe doch bestätigen, werde man „die Geschäftsbeziehungen mit den entsprechenden Mininbetreibern überprüfen und gegebenenfalls beenden“.

    ((Kürzungsvorschlag))

    Info-Kasten

    Kohle aus Kolumbien

    El Cerrejon im Norden Kolumbiens unweit der karibischen Küste ist der größte Steinkohle-Tagebau der Welt. Er gehört den Konzernen Anglo American, BHP Billiton und Xstrata. Nach eigenen Angaben hält die Mine die zehn Prinzipien für Menschenrechte und Umweltschutz des Global Compact ein, des Netzwerks der Vereinten Nationen für Verantwortung in der Wirtschaft.

  • Ein paar Bonuspunkte für viele pikante Details

    Anbieter von Kundenkarten sammeln fleißig Daten über ihre Mitglieder/ Was mit den persönlichen Informationen passiert, bleibt häufig unklar

    Payback, Ikea Family oder Douglas Card heißen die kleinen schillernd bunten Plastikkärtchen, von denen sich ihre Besitzer kräftige Rabatte erhoffen. Im Gegenzug für Kundenkarte samt ersehnter Geldersparnis, geizen Verbraucher beiweilen nicht mit der Herausgabe von persönlichen, teils sogar sensiblen Angaben. Dass  der finanzielle Vorteil häufig eher mickrig ausfällt und es die Anbieter im Gegenzug mit den Datenschutzregelungen im Kleingedruckten oft nicht so genau nehmen, zeigt eine neue Untersuchung der Stiftung Warentest.

    Wie die ideale Kundenkarte aussehen sollte, haben sich die Verbraucherschützer im Vorfeld des Test überlegt: Sie bietet regelmäßig mindestens drei Prozent Rabatt, wobei der Preisnachlass möglichst schnell mit dem Einkauf verrechnet wird. Dazu werden die Bonusbedingungen verständlich beschrieben, und der Anbieter hält sich an die Datenschutzbestimmungen.

    Das optimale Bonuskärtchen, so das Fazit der Warenprüfer, gibt es aber nicht: Keines der 29 Kundenbindungsprogramme im Test (Finanztest 8/10) erfüllt die vorgegebenen Bedingungen. „Nur selten gibt es regelmäßig über drei Prozent Nachlass“, sagt Finanztest-Redakteurin Kerstin Backofen. Höhere Rabatte seien meist erst für einen hohen Mindestumsatz drin. Allein die Kundenkarte der Modefirma Adler kommt dem Ideal der Verbraucherschützer am nächsten: „Beim Einsatz der Karte bekommen Käufer einen Bonus von drei Prozent gutgeschrieben – egal wie viel die erstandenen Waren kosten“, so Backofen. Die Gutschrift könnten Kunden beim Einkauf direkt einlösen, oder sich in bar auszahlen lassen. Nur in den Regelungen zum Datenschutz stellten die Tester geringe Mängel fest.

    Marktführer unter den Kundenbindungsprogrammen sind DeutschlandCard, Miles&More sowie die Payback Karte –
    mit insgesamt 75 Millionen Karten. „Das ist kein Wunder“, erklärt Redakteurin Backofen, „denn im Gegensatz zu den vielen hundert Karten einzelner Firmen stecken hinter diesen drei Karten Multipartnerprogramme. Kaufhäuser, Lebensmittelhändler, Fluggesellschaften Touristikfirmen und Möbelhäuser haben sich ihnen angeschlossen.“

    Ob sich die Multipartnerprogramme finanziell auszahlen, konnten die Warentester nur schwer beurteilen. Redakteurin Backofen erklärt warum: „Jedes Partnerunternehmen kann selbst bestimmen, wie viele Punkte es für welchen Umsatz gutschreibt.“ Außerdem gebe es übers Jahr verteilt Sonderaktionen mit höheren Rabatten oder mehr Punkten als üblich. Wie kompliziert die Berechnung der Ersparnis ausfällt zeigt sich am Beispiel von Payback. Für 2299 Punkte – das entspricht 22,99 Euro – erhielten Kunden im Juni die Umhängetasche „Fußballfeld“. Je nachdem ob die Unternehmen, Punkte mit einem Rabattwert von 0,5 Prozent, 1 Prozent oder 5 Prozent gewährten, mussten Interessiert Produkte im Wert von 460 Euro bis hin zu 4.600 Euro erwerben. 

    Nur die DeutschlandCard, die Bahn mit ihrem bahn.bonus-Programm, Payback und Yves Rocher konnten in punkto Datenschutz überzeugen. „Diese Unternehmen halten sich an die Gesetze“, so Backofen. Und die sehen vor, dass Betreiber von Rabatt- oder Bonussystemen die Daten der Kunden speichern dürfen, die für die Abwicklung des Programms erforderlich sind: Name, Anschrift, Geburtsdatum, aber auch Einkaufsdaten wie Umsatz, Ort, Datum und Zeit des Einkaufs und die bezogenen Waren und Dienstleistungen. Für Werbung per Email oder Telefon dürfen die Daten der Kunden grundsätzlich nur verwendet werden, wenn diese zugestimmt haben.

    Insgesamt sieben Anbietern bescheinigt der Test erhebliche Mängel in ihren Datenschutzregeln.
    „So beliebte Firmen wie die Parfümerie Douglas und Ikea fielen mit ihren Kundenbindungsprogrammen durch“, sagt die Finanztest-Redakteurin. So hätten die Unternehmen zum Beispiel mehr als nur die Pflichtdaten erfragt. Douglas indes weist diese Kritik von sich: „Die Douglas Card ist eine Kundenkarte mit Zahlungsfunktion“, sagt ein Firmensprecher. Um diesen Service anbieten zu können, sei das Unternehmen verpflichtet, gewisse bankübliche Daten zu erheben. Bei Ikea verweist man darauf, dass im Kundengespräch geklärt werde, warum zusätzliche Angaben abgefragt werden. Zum Beispiel, dass man bei Kindern nach dem Geburtsdatum frage, weil diese eine kleine Überraschung zum Ehrentag bekommen. In den gedruckten Anträgen werde das Unternehmen aber nachbessern.

    Kundenkartenbesitzer sollten sich trauen, beim Anbieter der Nutzung ihrer Daten für Werbezwecke zu widersprechen. „Machen Sie nur die Angaben, die Sie preisgeben wollen“, rät Expertin Backofen. Verlange ein Unternehmen mehr, solle man überlegen, ob die Vorteile das wert sind. Auch nachträglich können Kunden die Zustimmung zur Werbung zurücknehmen: per formlosem Brief an die im Antrag angegebene Adresse.

  • Schlechte Geschäfte

    Echte Rabatte können Kunden nur schwer erkennen/ Häufig werden sie mit Mondpreisen hinters Licht geführt

    Beim Kauf der Kaffeemaschine, des Haartrockners oder der Stretch-Jeans gab es vor zehn Jahren maximal drei Prozent Nachlass im Geschäft. Das regelte das Rabattgesetz. Im Sommer 2001 wurde die Verordnung nach jahrzehntelangem Streit abgeschafft. Die Befürworter freien Handelns hofften auf sinkende Preise für die Verbraucher. Die Gegner befürchteten Zustände wie auf einem orientalischen Basar, bei dem bis zuletzt gefeilscht wird. Nichts davon ist eingetreten.

    „Seit der Lockerung des Rabattgesetzes haben die Händler mehr Freiheit für kreative Rabatte und Zugaben“, sagt die Sprecherin des Deutschen Einzelhandelsverbands Ulrike Hörchens. Welche Auswirkungen diese erfreuliche Botschaft für die Käufer mit sich brachte, wissen  die Verbraucherschützer: „Zum einen können Kunden seither mehr feilschen“, sagt die Juristin der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg Ulrike Weingand. „Zum anderen hat die Öffnung Mondpreisen Tür und Tor geöffnet.“

    Augen auf beim Einkauf heißt es also. Denn wirbt das Preisschild mit „Jetzt nur 499 Euro statt vorher 1.100 Euro“, heißt das noch lange keinen Preisvorteil für den Käufer. „Die meisten Rabatte sind keine echten Rabatte“, warnt Edda Castelló von der Verbraucherzentrale Hamburg. Kunden könnten praktisch nicht nachvollziehen, ob es sich wirklich um eine Ermäßigung handelt. Schließlich wissen sie in den meisten Fällen nicht, ob der Verkäufer den ursprünglichen Preis jemals verlangt hat. „Da muss man schon mehrere Wochen neben der Polstergarnitur stehen und sich die Preisentwicklung anschauen“, scherzt Castelló.

    Wo Rabatt draufsteht ist auch Rabatt drin: Das zumindest denken unsere Gehirne. Um sie zum umdenken zu bewegen, hilft ein Blick in die „Mogelpackungsliste“ der Verbraucherzentrale Hamburg. Heimliche dreiste Preiserhöhungen von Nudelfabrikanten, Joghurtherstellern oder Babywindelproduzenten werden hier mit Beweisfotos offen gelegt. Im Internet unter www.vzhh.de (Stichwort „versteckte Preiserhöhungen“) ist die Auflistung zu finden.

  • „Sogar die öffentliche Verwaltung verkauft Daten“

    Interview

    In Aussicht auf den Trip nach Monaco, das schlüsselfertige Einfamilienhaus oder den PS-starken Geländewagen verraten Gewinnspielteilnehmer beiweilen pikante private Detail. Doch dürfen Unternehmen so viele Daten sammeln? Und was können sie mit den Angaben der Kunden alles tun? Die Antworten darauf verrät die Sprecherin der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg Evelyn Keßler.

    Kunstmann: Frau Keßler, welche Daten dürfen Unternehmen von Kunden erfragen?

    Evelyn Keßler: Firmen dürfen alles abfragen. Und Verbraucher können selbst bestimmen, welche Daten sie preisgeben. Einer der größten Adresshändler Deutschlands schickt zum Beispiel regelmäßig Lifestyleumfragen an Haushalte. Wer die etwa 160 Fragen beantwortet, verrät unter anderem wie viele Kinder im Haus leben, welches Alter und Geschlecht diese haben, oder welcher Whisky am liebsten getrunken wird.

    Kunstmann: Haben die Firmen das Recht, die Adressdaten an Dritte weiter zu gegeben?

    Keßler: Die Unternehmen haben sich bei der Reform des Datenschutzrechts im vergangenen Jahr das so genannte Listenprivileg erhalten können. Sie dürfen Adressenlisten mit Name, Anschrift, Geburtsjahr, Beruf und einem weiteren Merkmal, zum Beispiel ob jemand eine Katze besitzt, speichern und weitergeben – wohlgemerkt ohne ausdrückliche Erlaubnis der Kunden. Besonders schutzwürdige Merkmale wie etwa Religions- oder Parteizugehörigkeit, dürfen jedoch nicht ohne Zustimmung weitergegeben werden. Käufer können die erworbenen Daten zu Werbezwecken nutzen.

    Kunstmann: Wie erkenne ich, dass mit meinen Daten gehandelt wurde?

    Keßler: Flattert ein persönlich adressierter Brief von einem unbekannten Absender ins Haus, ist das ein Anzeichen für die Datenweitergabe. Immer noch werden Verbraucher mit Werbung zugeschüttet – auch mit unerlaubter telefonischer Werbung, bei der die Daten teilweise illegal beschafft worden sind.

    Kunstmann: Was kann gegen ungewünschte Post unternommen werden?

    Keßler: Hundertprozentig verhindern können Verbraucher die Adressweitergabe nicht. Sogar die öffentliche Verwaltung verkauft Daten. Bürger sollten auf Verträgen ausdrücklich notieren, dass sie der Speicherung und Weitergabe ihrer Daten zu Werbezwecken widersprechen – und eine Kopie davon behalten. Steckt Reklame von einer unbekannten Firma im Briefkasten, haben die Angeschriebenen das Recht, zu erfahren, woher der Absender die Daten hat. Ist der Adresshändler ausfindig gemacht, kann man ihm die Nutzung und Weitergabe untersagen – per Einschreiben und Rückschein hat man einen Beweis. Gewinnspiele sollten gemieden werden – sie dienen in erster Linie zum Daten sammeln.

    Kunstmann: Die Aussicht auf einen Preis ist manchmal ganz schön verlockend. Für einen Luxuswagen kann man doch schon mal ein paar mehr Informationen preisgeben.

    Keßler: Ob das Edelauto wirklich verlost wird, lässt sich schwer nachvollziehen. Die im Einkaufszentrum verlockend ausgestellte Luxuskarosse kann ebenso nur gemietet sein. Oder die Gewinnspielbetreiber touren mit dem Wagen solange durch Deutschland, bis sie so viele Daten gesammelt haben, dass deren Verkauf die Kosten für den Gewinn locker abdeckt. Die Aussicht auf den Gewinn ist in dem Fall verschwindend gering.

  • Streiks bei der Bahn sind vorerst unwahrscheinlich

    Die wichtigsten Fragen und Antworten zu den Tarifverhandlungen bei der
    Bahn

    Wird bei den Bahnen in den Ferien gestreikt?

    In den kommenden Wochen wird es wahrscheinlich keine Warnstreiks geben.
    Denn diese Tarifrunde wird lange dauern und noch gibt es auf allen Seiten
    Anzeichen für eine Kompromissbereitschaft. Mit Streiks ist erst zu rechnen,
    wenn sich die Fronten verhärten.

    Worum geht es bei den Tarifverhandlungen?

    Verhandelt werden drei unterschiedliche Themen. Erstens geht es um mehr
    Geld für rund 165.000 Beschäftigte. Die Lokführergewerkschaft GdL verlangt
    fünf Prozent höhere Entgelte, die Tarifgemeinschaft der beiden großen
    Bahngewerkschaften Transnet und GDBA fordern sechs Prozent. Die Arbeitgeber
    haben ihrerseits noch kein Angebot vorgelegt.
    Gleichzeitig streben die Tarifparteien flächendeckende Mindestbedingungen
    bei den Einkommen der Bahner an. Denn die Lohnunterschiede zwischen den
    privaten Bahngesellschaften und der Deutschen Bahn betragen im
    Nahverkehr bis zu 30 Prozent. Selbst innerhalb des Konzerns gibt es sehr
    unterschiedliche Lohnniveaus, denn die Bahn hat Regionalgesellschaften
    gegründet, in denen schlechter bezahlt wird als im Mutterhaus. So will sich
    der Riese im Wettbewerb behaupten. Schließlich geht es auch noch um eine
    Fortführung des Ende 2010 auslaufenden Beschäftigungspakts bei der
    Deutschen Bahn. Darüber wird aber erst gesprochen, wenn die anderen Themen
    erledigt sind.

    Wer hat Schuld an der Lohndrückerei?

    Die Wettbewerbssituation im Nahverkehr hat zu einem enormen Preisdruck
    geführt. Kommunen oder Länder schreiben Zugverbindungen aus und entscheiden
    sich in der Regel für das billigste Angebot. Soziale Standards spielen
    dabei eine untergeordnete Rolle. Diesen Druck geben die Bahnunternehmen an
    ihre Beschäftigten weiter. Die Deutsche Bahn selbst konnte mit ihren
    vergleichsweise hohen Personalkosten bei Ausschreibungen oft nicht mehr
    mithalten. Über neu gegründeten Tochterunternehmen mit geringeren Löhnen
    hat sie den Anschluss wieder gefunden. Aus der Abwärtsspirale bei den
    Preisen für den Nahverkehr wollen alle Unternehmen aber gerne herauskommen.
    Einfach ist das allerdings nicht.

    Was macht die Verhandlungen kompliziert?

    Die großen Gewerkschaften bestehen darauf, die Lohnerhöhungen zusammen mit
    dem angestrebten Branchentarifvertrag für den Nahverkehr auszuhandeln.
    Würde man sich bei den Entgelten einig, begänne anschließend eine
    Friedenspflicht. Dann wären Streiks für den Branchentarif nicht mehr
    erlaubt. Die GdL besteht auf einem Flächentarifvertrag nur für Lokführer,
    der neben dem Nahverkehr auch alle anderen Bahnsparten umfassen soll.
    Leicht ist die Lage auch auf der anderen Seite nicht gerade. Es gibt drei
    Arbeitgeberverbände und die fünf großen Privatbahnen sitzen höchstselbst
    mit am Verhandlungstisch. Deshalb rechnen alle Beteiligten erst zum Ende
    des Jahres mit einer Einigung.


    Werden sich die privaten Konkurrenten der Deutschen Bahn darauf einlassen?

    Es gibt zumindest Anzeichen dafür. Denn am Mittwoch haben sich die
    Vertreter der Nahverkehrsunternehmen mit den großen Gewerkschaften auf
    ernsthafte Verhandlungen über einen Branchentarifvertrag geeinigt, der auf
    Mindestlöhne bei den Schienenunternehmen hinaus laufen würde. Die
    Privatbahnen wollen den Wettbewerb über bessere Leistungen gewinnen. Die
    Lohnkosten seien nicht der einzige Faktor, betont der Sprecher des
    Unternehmens BeNex, das mitverhandelt. Auch die Deutsche Bahn will
    mitspielen. Im Weg stehen noch knifflige Probleme. Die Privatbahnen wollen
    zum Beispiel regional unterschiedliche Mindestentgelte durchsetzen, das
    Personal also im Osten zum Beispiel schlechter bezahlen als im Süden. Auch
    müssen Übergangslösungen gefunden werden. Denn die laufenden
    Verkehrsverträge basieren auf Kalkulationen, die von niedrigen Löhnen
    ausgehen.

    Wie geht es weiter?

    Am 20. August gehen die Verhandlungen in die nächste unde. Wie viele
    Termine bis zu einer Einigung notwendig sein werden, vermag derzeit keiner
    der Teilnehmer abzuschätzen.





     




  • Probleme von gestern

    Kommentar zur Arbeitslosigkeit von Hannes Koch

    Entspannen wir uns mal. Vielleicht hat uns das Phänomen der Arbeitslosigkeit lange genug gequält. In den kommenden 15 Jahren könnte sie – dank abnehmender Kinderzahl und anhaltendem Wachstum – in einen relativen Mangel an Arbeitskräften umschlagen. Die Chancen für viele Menschen steigen, nach der Ausbildung auch einen Beruf zu ergreifen, der sie ernährt.

    An dieser einen guten Nachricht hängen mehrere andere. Der Streit über die mangelhafte soziale Absicherung der Erwerbslosen durch den Staat wird unwichtiger, wenn die Zahl der Arbeitslosen zurückgeht. Und auch die finanzielle Lage des Sozialstaates könnte sich bessern. Verdienen die Menschen ihr Geld selbst, werden die öffentlichen Kassen geschont. Außerdem darf man hoffen, dass die Deutschen und ihre Politiker lockerer werden gegenüber der Einwanderung aus armen Staaten. Findet mehr oder weniger jeder Einheimische einen Job, muss man sich nicht aus Angst vor Arbeitsplatz-Räubern gegen das Ausland abschotten. Im Sinne einer ausgleichenden Gerechtigkeit zwischen armen und reichen Weltregionen wäre dies durchaus zu begrüßen.

    Aber die Entwicklung birgt auch Risiken. Dem Mangel an ausgebildeten Fachleuten werden vor allem die Produktionsunternehmen begegnen, indem sie gut bezahlte Stellen wegrationalisieren. Andererseits wächst der Dienstleistungssektor mit seinen oft schlecht dotierten und unregulierten Jobs. Wollten die Regierungen die Gunst der kommenden Jahrzehnte nutzen, müssten sie eine Politik gegen die soziale Spaltung praktizieren. Ein Element: Mindestlöhne, um den Verfall der Bezahlung in den Dienstleistungsbranchen zu bremsen.

  • Abschied von der Arbeitslosigkeit

    Unabhängig von kurzfristigen Schwankungen könnte die Zahl der Erwerbslosen langfristig stark abnehmen.

    Den Deutschen geht die Arbeit nicht aus. Im Gegenteil: Es gibt so viel davon, dass die Erwerbslosigkeit in den kommenden Jahrzehnten stark abnehmen wird. Das prognostiziert nicht nur das Forschungsinstitut der Bundesagentur für Arbeit, sondern auch Klaus Zimmermann, der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW).

    Schon die aktuellen Zahlen zeigen, dass Deutschland die Finanz- und Wirtschaftskrise erstaunlich gut überstanden hat. Im Juli stieg die Zahl der Erwerbslosen zwar um 39.000 Personen leicht an. 3,192 Millionen Arbeitslose waren registriert. Die Quote nahm von 7,5 Prozent im Juni auf 7,6 Prozent zu.

    Dieser Stand der Arbeitslosigkeit ist aber wesentlich niedriger als in vielen vergleichbaren Staaten. In den USA suchten im Juni 9,5 Prozent der Erwerbspersonen eine Stelle. Die Durchschnitt der Europäischen Union lag im Mai bei zehn Prozent.

    Langfristig wird sich der positive Trend in Deutschland deutlich verstärken. Dies belegt eine aktuelle Untersuchung des Instituts für Arbeitsmarktforschung (IAB) der Bundesagentur. „Die gesamte Unterbeschäftigung könnte bis 2025 auf unter 1,5 Millionen Personen sinken“, schreiben Johann Fuchs und Gerd Zika vom IAB. Die Arbeitslosigkeit würde damit im Vergleich zu heute mehr als halbiert und auf Werte um die zwei Prozent zurückgehen. Wie Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) hält auch DIW-Präsident Klaus Zimmermann für möglich, dass ein Zustand erreicht wird, den man als „Vollbeschäftigung“ bezeichnen kann.

    Die wichtigste Erklärung für diese Entwicklung bietet die Demografie. Die Menschen in Deutschland zeugen weniger Kinder, dementsprechend wachsen weniger junge Arbeitskräfte nach. Gleichzeitig gehen die geburtenstarken Jahrgänge in Rente und Pension. Das Ergebnis: Die Zahl der Erwerbspersonen, die überhaupt arbeiten können, sinkt – von heute 44,7 Millionen Menschen auf 41,1 Personen in 2025.

    Gleichzeitig aber wird die Wirtschaft vermutlich weiter um durchschnittlich 1,7 Prozent pro Jahr wachsen. Die Unternehmen und Verwaltungen brauchen auch in den kommenden Jahrzehnten mindestens so viele Beschäftigte wie heute. Das bedeutet: Die Notwendigkeit, Arbeitslose zu beschäftigten, nimmt zu – sonst blieben die freien Stellen unbesetzt.

    Aber wohlgemerkt: Die Beschreibung dieses Trend beruht auf bestimmten Annahmen wie etwa dem Wachstum. Fiele dieses wegen einer neuen Finanzkrise oder anderer externer Schocks eine Zeit aus, würde auch die langfristige Entwicklung einen anderen Verlauf nehmen.

    Besonders in Ostdeutschland könnte die Arbeitslosigkeit bis 2025 auf wenige hunderttausend Menschen sinken, prognostizieren Fuchs und Zika. Das hat aber auch eine dunkle Seite: Der Abbau der Unterbeschäftigung in den östlichen Ländern ist eine Folge des Geburtenausfalls nach der Wende und der Abwanderung nach Westen.

    Die Industrie wird den zunehmenden relativen Arbeitskräftemangel durch Rationalisierungen und Stelleneinsparung kompensieren. Andere Branchen wie die unternehmensnahen Dienstleistungen (zum Beispiel Software und Beratung) und die sozialen Berufe verzeichnen dagegen einen deutlichen Zuwachs.

    Info-Kasten

    7,6 Prozent Arbeitslose

    Die Arbeitslosigkeit im Juli 2010 lag bei 7,6 Prozent oder 3,192 Millionen Menschen in Deutschland. Wegen der traditionellen Sommerpause stiegen die Zahlen leicht an. Gegenüber dem Krisenjahr 2009 hat sich die Lage stark gebessert – damals waren 271.000 Personen mehr arbeitslos. Die Quote in Westdeutschland im Juli 2010 betrug 6,6 Prozent, in Ostdeutschland dagegen 11,6 Prozent.

  • Die Bahn fährt aus der Krise

    Konjunkturerholung sorgt für mehr Güterverkehr / Mehr als 5.600 Hitzeopfer entschädigt

    Die Erholung der Weltwirtschaft erreicht nun auch die Deutsche Bahn. Nach einem heftigen Einbruch bei den Gütertransporten im vergangenen Jahr geht es mit der Logistiksparte wieder aufwärts. Vor allem dieser Rückenwind sorgte im ersten Halbjahr für ein Umsatzplus von gut zwölf Prozent bei der Bahn. 16,1 Milliarden Euro setzte der Konzern bis Ende Juni um. „Unser Optimismus ist noch gedämpft“, warnte Bahnchef Rüdiger Grube bei der Vorstellung der Zahlen am Mittwoch vor den Unwägbarkeiten der Weltwirtschaft.

    Die vielen Pannen beim ICE und bei der Berliner S-Bahn haben dem Konzern Millioneneinbußen beschert. 70 Millionen Euro kosteten Grube zufolge die technischen Schwierigkeiten während des strengen Winters. Wie teuer die Hitzewelle am Ende sei wird, ließ er offen. Bislang haben mehr als 5.600 Fahrgäste eine Entschädigung für Saunatemperaturen im ICE erhalten. 374.000 Euro gab die Bahn dafür aus. Das Schmerzensgeld von 500 Euro wird dagegen nur selten beantragt. Lediglich 51 Passagiere ließen sich damit bisher entschädigen. Die technischen Probleme haben am Gewinn gezehrt. Der Ertrag nach Abzug der Steuern lag mit 392 Millionen Euro um fast 30 Prozent unter dem Vorjahreswert. Allerdings konnte die Bahn im Vorjahr noch einen Sonderertrag verbuchen.

    Aus den Fehlern will das Unternehmen Lehren ziehen und sowohl die Technik als auch den Kundenservice verbessern. „Wir betreiben hier keine Kosmetik“, versprach der Vorstand. In München testet die Bahn ab August neue Ansagen am Bahnhof, die für eine schnellere Information der Kunden sorgen soll. Das Servicepersonal wird mit 9.000 Smartphones ausgerüstet. Damit können sich auch die Zugbegleiter auf dem Laufenden halten. Schließlich will Grube 21 Millionen Euro in eine einheitliche und durchgängige Reiseinformation an den Stationen investieren.

    Darüber hinaus drängt die Bahn bei den Zugherstellern auf die vertragliche Verpflichtung zur Einhaltung bestimmter Qualitätsmerkmale. In den kommenden fünf Jahren werden 41 Milliarden Euro in neue Züge, die Modernisierung bestehender Fahrzeuge sowie Trassen und Bahnhöfe ausgegeben.

    Grube ließ offen, ob die Ticketpreise mit dem Fahrplanwechsel im Dezember erneut angehoben werden. Dies hänge von verschiedenen Einflüssen ab, etwa den anstehenden Tarifabschlüssen. „Ich möchte das mit Augenmaß betreiben“, versicherte der Manager.

    Die Tarifverhandlungen mit allen Gewerkschaften werden an diesem Donnerstag fortgesetzt. Ein Hauptziel ist dabei ein Flächentarifvertrag für alle Bahnen. „Es zeichnet sich inzwischen eine gewisse Bereitschaft anderer Bahnunternehmen ab, in Gespräche über eine branchenübergreifende Lösung mit den Gewerkschaften einzutreten“, sagte Grube. Der Vorstand hofft, dass diese Tarifrunde ohne Streiks auskommen wird.

    Hoffnung hat die Bahn auch noch auf die Wirksamkeit des auf Eis liegenden Vertrags mit dem Verkehrsverbund Rhein Ruhr. Das Düsseldorfer Oberlandesgericht hat die Vergabepraxis ohne Ausschreibung auf die Einwände einer Konkurrenzfirma hin kassiert. Nun soll der Bundesgerichtshof die Zulässigkeit der Übereinkunft prüfen, die der Bahn den Betrieb der Verbundlinien über weitere fünf Jahre ermöglichen würde. „Wir gehen davon aus, dass die Vereinbarung wie geplant durchgeführt werden kann“, teilte ein Sprecher mit. Die Bahn kündigte in diesem Falle Investitionen von 215 Millionen Euro für 34-neue S-Bahn-Fahrzeuge an.

  • Der Aufschwung aus dem Nichts

    Die Konjunktur brummt und niemand wollte es merken

    Seit gut einem Jahr wächst die Wirtschaft wieder. Doch dem Aufschwung wollten bisher nur wenige trauen, auch wenn die Experten, von den Forschern bis hin zur Bundesregierung ihre Prognosen nach und nach immer weiter erhöhten. Jetzt spricht Wirtschaftsminister Rainer Brüderle gar schon von mehr als zwei Prozent Wachstum in diesem Jahr. Bisher haben seine Beamten mit einem Drittel weniger gerechnet.

    Auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) ist optimistisch. „Wir warnen jedoch vor Übermut“, sagt Hauptgeschäftsführer Werner Schnappauf. Denn weltweit laufen die gigantischen Konjunkturprogramme aus und die Staaten gehen wieder auf Sparkurs. Noch immer sind Skeptiker wie der Verband in der Mehrheit.

    Dabei sind die Rahmendaten mehr als erfreulich. Der Export läuft auf Hochtouren. Ein Plus von acht Prozent ist für Deutschland in diesem Jahr drin. Mehr und mehr werden nicht mehr nur Vorleistungen wie Stahl bestellt, sondern auch Investitionsgüter. Das heißt, die Unternehmen glauben weltweit wieder an eine positive Entwicklung und schaffen sich neue Maschinen an. Selbst der Konsum läuft in Deutschland besser als erwartet. Das liegt vor allem an der Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt. Statt der ursprünglich befürchteten Massenarbeitslosigkeit hinterließ die Krise keinen nachhaltigen Einbruch auf dem Stellenmarkt. Im Juni wurden mehr als 250.000 Arbeitslose weniger gezählt als vor einem Jahr.

    Die Optimisten sehen sich nun bestätigt. Dazu gehört zum Beispiel der Analyst der Bremer Landesbank, Folker Hellmeyer, der von einem anhaltenden Aufschwung ausgeht und dies auch gut begründen kann. „In der Krise wurden die Lager abgebaut“, erläutert der Experte. Weltweit stocken die Unternehmen nun wieder ihre Lager auf. Zweiter Antrieb sind die Investitionen der Wirtschaft. Mit Beginn der Finanzkrise kappten viele Firmen die Etats dafür. Nun müssen sie verstärkt alte Anlagen ersetzen oder neue anschaffen. Schließlich beobachtet Hellmeyer einen stabilen Konsum. Alles zusammen ergibt ein kräftiges Wachstum. „Das sind physikalische Gesetze der Ökonomie“, sagt der Bremer.

    In den USA sieht es weitaus schlechter aus. Die US-Notenbank schließt eine neuerliche Rezession nicht aus. Die Arbeitslosigkeit bleibt hoch und die Verschuldung hat gigantische Ausmaße angenommen. Mehr als zehn Prozent der Wirtschaftsleistung nimmt Präsident Barrack Obama an neuen Schulden auf, um die Wirtschaft anzufachen. Die Leute haben weniger Geld für den Konsum als wichtigste Stütze der Wirtschaft. Diese Entwicklung wird an den Börsen auch als Gefahr für die Weltkonjunktur angesehen. Doch die Zeiten haben sich geändert, die USA verlieren an Bedeutung.

    „Sie sind nicht mehr die entscheidende Konjunkturlokomotive“, sagt Hellmeyer. Der Anteil der USA an der Weltwirtschaft liegt bei nur noch 18 Prozent. Die Hälfte der globalen Wirtschaftsleistung wird mittlerweile in den Schwellenländern erbracht, allen voran China heizt die Weltwirtschaft mit einem Wachstum von rund neun Prozent an. Weitere 25 Prozent steuern traditionelle Industrienationen wie die europäischen Staaten, Australien und Kanada  bei.

    Die Krisenländer in der „Knoblauchzone“, wie Hellmeyer Griechenland, Spanien oder Portugal gerne bezeichnet, sind gerade einmal mit drei Prozent an der Weltwirtschaft beteiligt. Deshalb werde die Gefahr des Krisenherds auch überzeichnet, stichelt der Analyst gegen die Skeptiker, „die Mehrheit der Kollegen hat auch durch diesen handwerklichen Fehler die größte Konjunkturerholung in der jüngeren Geschichte voll verpasst.“

  • „Die Sonne kann den Heizkessel komplett ersetzen“

    Immer mehr Haushalte nutzen Sonnenkollektoren, um warmes Wasser zu produzieren. Wo der beste Platz für die Solarthermieanlage ist und worauf Bauherren beim Kauf unbedingt achten sollten, weiß Carsten Körnig, Geschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtsch

    Kunstmann: Herr Körnig, sind alle Häuser für eine Solarthermieanlage geeignet?

    Carsten Körnig: Die Anlagen sind prinzipiell überall dort geeignet, wo die Sonne scheint – unabhängig ob im Neubau oder im bereits bestehenden Eigenheim. Der Umstieg auf solares Heizen bietet sich besonders an, wenn die Sanierung der Heizung oder des Daches ansteht. Jeder Einzelfall sollte vor Ort durch Experten von Fachbetrieben begutachtet werden.

    Kunstmann: Wo ist der beste Platz für die Anlage?

    Körnig: Optimal ist eine nach Süden ausgerichtete Dachfläche mit einem Winkel von 45 bis 60 Grad, auf die kein Schatten fällt. Solarkollektoren können aber durchaus an der Fassade angebracht oder im Garten aufgestellt werden. Bei der Standortwahl ist es wichtig, darauf zu achten, dass dort die Sonneneinstrahlung auch in den nächsten Jahren gewährleistet ist. Wie groß werden die Bäume in 20 Jahren sein? Schließlich kann eine gute Solarthermieanlage mehrere Jahrzehnte betrieben werden.

    Kunstmann: Solarthermieanlagen produzieren nicht nur warmes Wasser. Mit ihnen lässt sich auch das Haus beheizen. Kann ein Haushalt seinen kompletten Warmwasser- und Heizbedarf mit einer Anlage abdecken?

    Körnig: Die Sonne kann den Heizkessel komplett ersetzen. Inzwischen gibt es bezahlbare Sonnenhäuser, die bis zu 100 Prozent der benötigten Wärme aus Solarenergie decken können. Die solar erzeugte Wärme kann in speziellen Wasserspeichern über Wochen gehalten werden. Möglich ist aber auch die Kombination mit anderen Heizungssystemen wie Pellet- oder Kaminöfen, Öl- oder Gasheizungen.

    Kunstmann: Wie groß ist der Klimaeffekt?

    Körnig: Heute verbrauchen wir einen Löwenanteil der fossilen Energie zum Erwärmen von Gebäuden. Dazu kommt, dass ein Großteil der deutschen Heizungen technologisch veraltet ist. Wenn wir beim Heizen auf die Kraft der Sonne setzen, entlastet das die Umwelt und schützt zugleich vor steigenden Öl- und Gaspreisen.

    Kunstmann: Worauf kommt es beim Kauf an?

    Körnig: Wie überall lautet auch hier die Devise, Angebote zu vergleichen. Am besten holt sich der Interessent mehrere Offerten von Fachbetrieben in der Region ein. Kluge Kunden prüfen, ob die in Frage kommenden Betriebe auf Solartechnik spezialisiert sind und ob sie Referenzanlagen zeigen können. Kunden sollten auch darauf achten, ob der Anbieter auf Vor- und Nachteile verschiedener Anlagenkonzepte hinweist und ob eine schriftliche Ertragsvorschau der einsparbaren Heiz- und/oder Warmwasserkosten vorliegt.

  • Solarinfos

    Für Fragen rund um das Marktanreizprogramm für erneuerbare Energien (MAP) hat das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) eine Hotline geschaltet. Unter der Telefonnummer 06196/908625 (normaler Telefontarif) sind die Experten zu erreichen.

     

    „Zukunft Altbau“ heißt die Informationskampagne des Umweltministeriums Baden-Württemberg. Im Internet unter www.zukunftaltbau.de oder unter der kostenlosen Hotline 08000/123333 finden Interessierte Antworten auf  Fragen rund um das Thema energieeffiziente Gebäudesanierung. 

     

    Nicht nur der Bund, sondern auch Länder und Kommunen unterstützen klimafreundliche Bauvorhaben. Auf der Webseite www.solarfoerderung.de des BSW-Solar können sich Bauherren anzeigen lassen, wie es um die Fördermöglichkeiten für ihr Projekt bestellt ist.

     

    Auch die regionalen Energieagenturen sind ein guter Ansprechpartner, wenn es um Fragen zu den erneuerbaren Energien geht und bieten auch privaten Bauherren eine unabhängige Beratung an. Wo sich die nächste Anlaufstelle befindet, verrät die Klimaschutz- und Energieagentur Baden-Württemberg online unter www.keabw.de.

     

     

     

     

     

     

  • Klimafreundlich Heizen

    Eigenheimbesitzer können aufatmen. Das totgesagte Marktanreizprogramm für erneuerbarer Energien lebt länger. Wer fortan auf die Kraft der Sonne zum Beheizen der eigenen vier Wände vertraut, dem greift der Staat wieder finanziell unter die Arme. Anfang Mai

    Für die staatliche Finanzspritze gelten inzwischen strengere Regeln. Geld gibt es heute nur noch für Solarthermieanlagen die  warmes Wasser produzieren und gleichzeitig die Heizung unterstützen – also für so genannte Kombi-Anlagen. Sonnenkollektoren die nur zur Warmwasserbereitung dienen, fallen aus der Förderung heraus. Und auch für Kollektoren, die auf Neubauten errichtet werden, gibt es keine Beihilfen mehr.

     

    90 Euro pro Quadratmeter Solar-Kollektorfläche können sich private Investoren vom Staat wiederholen. Allerdings darf die Fläche – je nach verwendeter Kollektorart – eine Mindestgröße  nicht unterschreiten und nicht mehr als 40 Quadtratmeter betragen. Für jeden Quadratmeter der darüber hinausgeht, gibt es die Hälfte des Geldes. Wer zusätzlich seinen alten Heizungskessel gegen einen besonders effizienten Wasserkessel tauscht, bekommt bis Ende dieses Jahres einen Bonus von 400 Euro. Den Geldsegen gibt es allerdings nur auf Antrag. Diesen müssen Bauherren beim Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (BAFA) stellen. Informationen und Formulare gibt es im Internet unter www.bafa.de. Dort erfahren Interessierte auch, welche weiteren Maßnahmen zur Nutzung erneuerbarer Energien das Marktanreizprogramm unterstützt.

     

    Kombi-Anlagen sind deutlich teurer, als Anlagen die zur bloßen Warmwassergewinnung dienen. „Nur für die Warmwasserbereitung benötigt ein 4-Personen-Haushalt ungefähr sechs Quadratmeter Kollektorfläche und einem 300- bis 400-Liter-Speicher zum

    Komplettpreis von etwa 5.000 Euro“, rechnet Hartmut Will von der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS) vor. „Für das Heizen werden in einem 100-Quadratmeter-Haus zusätzlich zehn Quadtratmeter Kollektor benötigt und ein viel größeres Speichervolumen“, so der Vorsitzende der DGS-Sektion Oberbayern. Das koste dann zusammen leicht 14.000 Euro. Ist das Haus gut gedämmt und hat Wärmeschutzfenster, dann fällt sein Wärmebedarf viel geringer aus. Und auch die solare Kombianlage kann kleiner und billiger werden. „Je nach Fall betragen dann die Kosten für Beides, also Warmwasser und Heizung nur noch 10.000 Euro“, erläutert Will.

     

    Wie effektiv eine Kombi-Solarthermianlage ist und wie viel Geld sich damit sparen lässt, hängt von vielen Faktoren ab. Zum Beispiel sollte die klimafreundliche Technik optimal  auf das Nutzungsprofil des oder der Hauseigentümer eingestellt sein. Hat die Familie zwei kleine Kinder, die täglich gebadet werden müssen? Steht das Haus im Winter leer, weil die Finka auf Mallorca zu dieser Jahreszeit ein verlockenderes Plätzchen ist? Wird tagsüber geheizt oder nur am Abend, weil beide Partner berufstätig sind? „Ein guter Installateur schaut auf das Verbraucherverhalten“, sagt der Sprecher des Bundesverbands der Solarwirtschaft (BSW

  • Mit der Sonne Geld verdienen

    Auch angesichts sinkender Einspeisepreise sind Solarstromanlagen eine gute Einnahmequelle

    Das eigene kleine Kraftwerk auf dem Dach ist und bleibt eine erstklassige Kapitalanlage. Zwar gibt es für Photovoltaikanlagen, die seit dem 1. Juli ans Netz gehen, weniger Geld. Dennoch zahlt sich die Investition in die umweltfreundliche Stromproduktion aus.

    Nunmehr 34,05 Cent bekommen Hauseigentümer vom  Netzbetreiber, wenn sie Solarstrom einspeisen. Vorher waren es noch  39,14 Cent pro Kilowattstunde (kWh). Ab Oktober sinkt die Einspeisevergütung sogar nochmals – um drei Prozent. Dass sich Solarstromanlagen trotz dieser Kürzung bezahlt machen, zeigen Berechnungen der Stiftung Warentest: Renditen von 5 bis 9 Prozent sind auch für Anlagen drin, die im zweiten Halbjahr 2010 installiert werden (Finanztest 8/2010).

    Damit sich die Investition in die Sonnenenergie jedoch bezahlt macht, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein. So sollte das Dach möglichst nach Süden ausgerichtet und nicht durch Bäume verschattet sein. Stimmt die Ausrichtung, können Eigentümer je nach Standort 750 bis 1000 kWh Anlagenleistung ernten, so die Verbraucherschützer. In sonnenreichen Gegenden, wie in Bayern oder Baden-Württemberg, ließen sich sogar zweistellige Solarrenditen einfahren. Wie viel Strom eine geplante Anlage produziert, können Hauseigentümer auf der Webseite www.solarserver.de (Reiter „Service&Tools“) berechnen.

    Die Preise für Solarstromanlagen sind in den vergangenen Jahren drastisch gesunken. Inzwischen, so Erhebungen des Bundesverbands der Solarwirtschaft, kostet eine fertig installierte Aufdachanlage bis 100 Kilowatt Spitzenleistung nur noch rund 2.900 Euro. Das sind 40 Prozent weniger als noch im Jahr 2006. Damals mussten Käufer für die Technik noch 5.000 Euro aufbringen. In dieser Berechnung ist die Umsatzsteuer nicht enthalten. Schließlich können sich Investoren die Steuern vom Finanzamt zurückholen.

    Auch künftig können sich Kunden über purzelnde Preise freuen: Lediglich in den vergangenen Monaten ist der Preisrutsch gebremst worden, weil die Kürzungspläne der Bundesregierung einen Nachfrageboom ausgelöst hatten, so die Stiftung Warentest. Viele Hauseigentümer wollten sich vor dem Stichtag 1. Juli die alte Vergütung sichern.