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  • Viele denken, sie dürften keine Schwäche zeigen

    Arbeitnehmer lassen sich in Krisenzeiten seltener krankschreiben, weil sie um ihren Job bangen. Sobald es mit der Wirtschaft bergauf geht, wird dann wieder ordentlich krankgefeiert. Das wird zumindest immer wieder behauptet. Ob es wirklich einen Zusammenh

    Kunstmann: Stimmt es, dass die Menschen häufiger krank sind, wenn die Konjunktur brummt?

    Christine Richter: Das ist eine Mär. Wir führen selbst regelmäßig Untersuchungen zum Krankenstand durch. Die Zahlen geben das nicht her. Es stimmt aber, dass enormer externer Druck gesundheitliche Auswirkungen hat. Wenn zum Beispiel über den Mitarbeitern das Damoklesschwert schwebt und sie wissen, dass ihre Firma demnächst schließt, sie aber noch bis zum Schluss die volle Leistung bringen sollen, kann das psychisch krank machen. In Krisenzeiten denken dazu viele, dass sie am Arbeitsplatz keine Schwäche zeigen dürfen. Sie übernehmen immer mehr Aufgaben, ohne sich Grenzen zu setzen. Hier droht der Burn-out.

    Kunstmann: Es wird gesagt, dass Burn-out eher Manager betrifft. Stimmt das?

    Richter: Das seelische „Ausgebranntsein“ ist nicht nur ein Managersyndrom. Gerade diejenigen, die bei der Arbeit ständig Druck haben, kaum Anerkennung bekommen und wenig selbst entscheiden können, sind gefährdet. Doch auch Mütter, die Familie und Beruf unter einen Hut bringen müssen und dabei oft an sich selbst zu hohe Anforderungen stellen, können gefährdet sein.

    Kunstmann: Wie kann der Einzelne dem Burn-out vorbeugen?

    Richter: Ausspannen ist ganz wichtig. Die gesetzlichen Krankenkassen bezuschussen zum Beispiel Kurse in denen die Mitglieder Entspannungstechniken erlernen. Außerdem sind Bewegung und Sport sehr gute Katalysatoren, um den Kopf frei zu bekommen. Wichtig ist, nach der Arbeit „abzuschalten“. Und das gilt im digitalen Zeitalter im wörtlichen Sinne: Zum Beispiel muss das Dienst-Blackberry nach der Arbeit vielleicht nicht unbedingt eingeschaltet bleiben. Mitarbeiter müssen immer mehr Informationen verarbeiten. Das verursacht bei vielen Menschen Stress und kann eben auch im Burn-out enden.

    Kunstmann: Woran erkenne ich, dass ich Gefahr laufe am Burn-out zu erkranken?

    Richter: Anzeichen können zum Beispiel sein, dass man morgens lustlos zur Arbeit geht, sich nach dem Schlafen wie zerschlagen fühlt oder sich von den  Mitmenschen genervt fühlt. Warnsignale sind auch, wenn man sich öfter gereizt und selbst nach einem Urlaub oder Wochenende nicht richtig erholt fühlt. Vorboten der Krankheit sind ebenso häufige Erkältungen oder Magen-, Kopf- oder Rückenschmerzen und Kreislaufprobleme.

    Kunstmann: Früher wurden psychische Erkrankungen weit aus seltener diagnostiziert. Schauen die Ärzte heute genauer hin?

    Richter: Zum einen tun sie das. Wenn ein Arzt keine körperlichen Ursachen für den hohen Blutdruck oder die Rückenschmerzen finden kann, wird er vielleicht den Patienten nach seinen Problemen im Job oder im Privatleben befragen. Zum andern nehmen psychische Erkrankungen unter Arbeitnehmern zu, weil die Arbeitsdichte ansteigt, dazu kommt oft hoher Termindruck. Aber der Job ist nicht die alleinige Ursache: Nicht ausreichend verarbeitete Schicksalsschläge im persönlichen Bereich können die Seele auch krank machen.

    Kunstmann: Sollten sich die Betriebe mehr darum kümmern, dass es ihren Mitarbeitern gut geht?

    Richter: Ich sehe die Firmen durchaus in der Führsorgepflicht. Sie sollten ihren Angestellten aktiv helfen, mit dem Stress im Beruf umzugehen.

    Kunstmann: Und wie können Betriebe ihre Mitarbeiter dabei unterstützen, mit dem Stress klarzukommen?

    Richter: Unternehmen können Führungskräfte im Umgang mit Problemen von Angestellten schulen. Stresssymptome erkennen sie dann leichter und können die Betroffenen direkt darauf ansprechen und ihnen helfen, professionelle Hilfe zu finden. Die Bahn zum Beispiel, unterstützt ihr Personal im Umgang mit extremen Erfahrungen. Ein Lokführer, der in einen Personenunfall verwickelt war, muss diese Erfahrung irgendwie verarbeiten. Sollte sich nach einiger Zeit herausstellen, dass er traumatisiert sein könnte, braucht er hoch spezialisierte professionelle Hilfe. Dafür haben die BAHN-BKK und die Deutsche Bahn ein vorbildliches Ersthelferkonzept und Therapieprojekt entwickelt.
    Dies ist nur ein Beispiel von vielen aus der Arbeitswelt.

    Bio-Box: Christine Richter (52) ist seit dem 1. Juni 2008 Pressesprecherin des BKK Bundesverbandes. Die diplomierte Juristin und Pädagogin arbeitet bereits seit 17 Jahren für die Betriebskrankenkassen.

  • Für die Bahn wird die Hitze teuer

    Die Ursachen des Klimadesasters konnte auch ein Treffen im Bundestag nicht klären

    Der Ausfall der Kühlung in der ICE-II-Flotte wird für die Bahn teuer. Nach einem Klimagipfel der anderen Art im Verkehrsausschuss des Bundestags verbesserte Bahnchef Rüdiger Grube das Schadenersatzangebot an die vom Ausfall der Klimaanlagen betroffenen Fahrgäste noch einmal. Nun erhält jeder Passagier, der durch zu hohe Temperaturen im Zug gesundheitlich beeinträchtigt wurde, 500 Euro Schmerzensgeld. Ein ärztliches Attest ist dafür im Gegensatz zum ersten Angebot nicht nötig.

    Außerdem will das Unternehmen eine kostenlose Hotline für die Fahrgäste schalten und die Informationen für Reisende verbessern. „Die Weichen sind auf mehr Verbraucherschutz gestellt“, sagte der verbraucherpolitische Sprecher der FDP, Michael Goldmann, der im ICE selbst zwei Mal kräftig ins Schwitzen geriet.

    „Wir haben eine schnelle, unbürokratische Wiedergutmachung geregelt“, versicherte Grube im Anschluss an die Sitzung. Wie hoch der wirtschaftliche Schaden für das Unternehmen am Ende sein wird, kann der Vorstand noch nicht beziffern. Es dürfte ein Millionenbetrag zusammenkommen. Denn neben Entschädigungen steht wohl auch eine Generalüberholung der Klimaanlagen an.

    Das Problem selbst hat die Bahn mittlerweile weitgehend im Griff. In den letzten Tagen fielen nur noch zwei Klimaanlagen aus. Dazu haben nach Angaben eines Sprechers auch genauere Anweisungen an das Zugpersonal beigetragen. So sollen die Zugbegleiter die Anlagen schon früh am Tage auf warme Außentemperaturen einstellen, damit die Anlagen nicht erst spät anlaufen und dann schnell überlastet sind. Auch werden bei großer Hitze und längeren Wartezeiten die Türen auch am Bahnhof geschlossen, damit es in den Waggons kühl bleibt.

    Der politische Bahngipfel kam den Gründen des neuerlichen Desasters auf der Schiene nicht auf die Spur. „Es sind nicht alle Ursachen geklärt“, bedauerte der Ausschussvorsitzende Winfried Hermann (Die Grünen), der teilweise ausweichende Antworten beklagte. Die Grünen halten die gravierenden Auswirkungen des Kühlproblems für ein Resultat des Sparkurses der Bahn auf dem Weg zum Börsengang. „Bei der Wartung ist extrem geschlampt worden“, glaubt der verkehrspolitische Sprecher der Partei, Anton Hofreiter. Die Hersteller der Züge hätten den ICE bei Außentemperaturen von 42 Grad getestet, ohne dass Mängel an der Klimatechnik beobachtet wurden. Außerdem halte die Bahn zu wenige Reservekapazitäten bereit, die im Notfall eingesetzt werden können.

    Die Industrie selbst weist jede Schuld von sich, weil die Bahn die Wartung des rollenden Materials selbst übernimmt. Einen offenen Streit um die Qualität der gelieferten Technik vermeiden beide Seiten aber noch. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) will in den kommenden Monaten das Eisenbahngesetz ändern. Die Verantwortung für die Technik soll dann nicht mehr allein bei der Bahn liegen. Die Zusammenarbeit zwischen Bahn, Herstellern, Verkehrsministerium und Eisenbahnbundesamt müsse besser werden, sagte der Minister.

    Auch Ramsauer hatte zuletzt den früheren Bahnchef Hartmut Mehdorn und dessen Börsenpläne für die Schwierigkeiten verantwortlich gemacht. Um die Bilanz aufzupolieren, habe die Bahn an der Wartung gespart. Dieser Vorwurf wurde in den vergangenen Jahren immer wieder laut und nach Aussage der Grünen auch häufig von Mitarbeitern anonym beklagt.

    Tatsächlich ist es nicht ganz lauter, Mehdorn im Nachhinein als Alleinschuldigen darzustellen. Die Bahnreform wurde 1994 von der Union auf das Gleis geschoben. Die Vorgabe lautete seit dem. Die Bahn muss wirtschaftlich arbeiten und soll später privatisiert werden. Es waren schließlich Verkehrsminister der SPD, die den Börsengang anschoben. Allen voran Wolfgang Tiefensee während der großen Koalition. Den wachsenden Gewinn lobten die großen Parteien gerne. Über die Kritik sahen sie oft hinweg. Als Eigentümervertreter hätte der Bund Mehdorn schon früh auf die Finger klopfen können. Das unterblieb.

    Nun mehren sich die Stimmen in der Regierung, die mehr Investitionen der Bahn in moderne Technik fordern. Zugleich hat die Koalition aber beschlossen, dem Konzern jährlich eine halbe Milliarde Euro als Pflichtdividende zu entziehen.

  • Die Blitzableiter

    Kommentar

    Allmählich nimmt die Diskussion um die Kühlprobleme der Bahn absurde Züge an. Der Sache angemessen ist die scharfe Kritik schon seit Tagen nicht mehr. Wer mehr Verkehr auf die Schiene bringen will, darf das Verkehrsmittel nicht aus kurzfristigem politischem Kalkül beschädigen. Genau dies ist aber nun passiert.

    Die Bahn ist natürlich nicht unschuldig an der Entwicklung. Zu spät wurde zu halbherzig und unsensibel reagiert. Deshalb stand das Unternehmen zu Recht am Pranger. Da halfen auch die angebotenen Kulanzregelungen in Form von Ticketgutscheinen nichts mehr. Mittlerweile hat die Bahn die Technik weitgehend im Griff. Die Vorwürfe blieben bestehen. Selbst 500 Euro Schmerzensgeld für durch Hitze im ICE notwendig gewordenen Arztbesuch reichen Kritikern nicht. Nun beugt sich die Bahn und zahlt auch, wenn keine Praxis aufgesucht werden musste. Die Anspruchshaltung gegenüber dem Unternehmen ist völlig überzogen. Letztlich ist es das Geld des Steuerzahlers, das hier einer besseren Reputation geopfert wird. Denn es ist seine Bahn.

    Noch ärgerlicher ist die Doppelzüngigkeit der Politik. Den Sparkurs der Bahn mit seinen Folgen haben beide großen Parteien über Jahre stillschweigend hingenommen. Aber immer wenn sich die öffentliche Meinung gegen die Bahn wendet, hauen dieselben Politiker munter und fröhlich mit auf das Unternehmen als Blitzableiter ein. Es wäre besser, wenn der Bund als Eigentümer klar, deutlich und transparent seine Erwartungen an die Bahn formulieren und durchsetzen würde. Das kann auch ohne laute Fanfarenklänge als Begleitmusik geschehen und wäre vermutlich erfolgreicher.

    Mitleid muss man mit Bahnchef Rüdiger Grube dennoch nicht haben. Wartungsintervalle, Reparaturetats oder die Schulung des Personals für Notfälle hat er letzten Endes zu verantworten. Aber die Kritik und die Bewertung der Vorfälle sollte sich wieder zu angemessenen Ansprüchen zurückkehren.

  • Piraterie lohnt sich offenkundig

    Somalia entwickelt sich durch erpresste Gelder wirtschaftlich

    Die Piraten vor der somalischen Küste helfen dem vom Bürgerkrieg zerrütteten Land wirtschaftlich etwas auf die Beine. Rund um die Kaperung von Frachter oder Tankern hat sich eine kleine Industrie herausgebildet. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). „Ich sehe ein Geschäft für viele, nicht nur für Somalia“, sagt die Autorin der Studie, Anja Shortland.

    Am meisten profitieren die Boat-Nepper selbst. Für eine erfolgreiche Kaperung kassiert jeder Pirat zwischen 10.000 und 15.000 Dollar. Bei einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 300 Dollar im Jahr ist der Job in der ansonsten von Arbeitslosigkeit geprägten Küstenregion am Horn von Afrika höchst attraktiv. Die Seeräuber bringen Schiffe in ihre Gewalt, verteilen die Seeleute an Land auf viele Haushalte und kassieren dann ein Lösegeld, das Shortland auf Beträge zwischen einer und fünf Millionen Dollar pro Schiff veranschlagt. Bei fast 50 derartigen Überfällen im vergangenen Jahr summieren sich die Einnahmen der Piraten auf geschätzte 120 Millionen Dollar.

    Die Kriminalität auf See schafft auch an Land neue Arbeit. Es wird Wachpersonal für die gekaperten Frachter benötigt, Familien beherbergen gegen Entgelt Geiseln, Unterhändler und Übersetzer wickeln die Rückgabe der entführten Schiffe ab. Laut Shortland entwickeln sich mittlerweile weitere neue Märkte, zum Beispiel für Rinder oder Ziegen. Selbst eine positive Wirkung für die Umwelt springt durch die Gewalttäter heraus. Durch die Piratenpräsenz meiden Fischtrawler die Fanggründe vor Somalia und es wird weniger Giftmüll illegal im Meer entsorgt. „Die Fischgründe regenerieren sich“, beobachtet die Expertin. Damit entstehen für die heimischen Fischer neue Existenzchancen.

    Aber auch im Ausland gibt es der Studie zufolge einen großen Gewinner. Shortland vermutet, dass die Versicherungen mit der Gefahr von Überfällen beste Geschäfte machen. 30.000 Dollar kostet die Police pro Passage vor Somalia. Da nicht einmal jedes Tausendste Schiff tatsächlich abgefangen wird, geht die Forscherin von beträchtlichen Gewinnen der Branche aus.

    Profiteure anderer Art sind mit dem Schutz der internationalen Seefahrt beschäftigt. Die eingesetzte europäische Marineflotte verhinderte allein 2009 in 50 Fällen eine Kaperung. So bleibt der tatsächliche Schaden durch die Piraten überschaubar und die Expansion des Geschäftszweiges Seeräuberei verläuft gebremst. Denn mit dem erbeuteten Geld rüsten die Kriminellen ihre Boote und Waffenarsenale auf. Mittlerweile besteht eine Art Gleichgewicht zwischen Angreifern und Verteidigern. Selbst politische Vorteile kann Shortland entdecken. Die Macht der Piraten in Somalia trage dazu bei, dass islamische Terrorgruppen in Schach gehalten werden. „Von mir aus kann alles so bleiben wie es ist“, erläutert die Volkswirtin.

    Eine Alternative zur kriminellen Entwicklung hat die Forscherin aber auch im Blick. Danach könnte die Staatengemeinschaft den Aufbau einer effizienten Küstenwache durch Somalia selbst finanzieren, statt der Marineeinsätze und der Schäden durch die Piraten. Lokale Clanchefs sollen für die notwendigen Strukturen aufbauen und kontrollieren. Sie seien die einzig existenten Machtzentren in Somalia, glaubt Shortland.

  • Banken missachten flächendeckend Gesetze

    Viele Institute verweigern das Beratungsprotokoll

    Bei vielen Banken und Sparkassen werden die Kunden nach wie vor schlecht beraten. Zu diesem Ergebnis kommt die Zeitschrift Finanztest, die 146 Testkunden in die Filialen von 21 Kreditinstituten geschickt hat. „Die Situation ist für den Verbraucher nicht besser geworden, im Gegenteil“, sagte Stephanie Pallasch, Finanzexpertin bei der Stiftung Warentest.

    „Mangelhaft“, lautet das Urteil gleich  bei sechs Unternehmen, der HypoVereinsbank, der Postbank, der Targobank, der Nassauischen Sparkasse, der Volksbank Mittelhessen sowie der BW Bank. Die Beratung bei zwölf Banken wurde als „ausreichend“ eingestuft. Am besten schnitten drei Sparkassen aus Hamburg, Hannover und Köln ab. Über die Note „befriedigend“ kamen aber auch diese Institute nicht hinaus.

    „Verantwortlich für die schlechten Noten sind flächendeckende Verstöße gegen das Wertpapierhandelsgesetz“, erläuterte Finanztest-Chefredakteur Hermann-Josef Tenhagen. In 126 Testgesprächen ging es um Wertpapierkäufe. Bei diesem Thema muss das Beratungsgespräch seit Jahresbeginn protokolliert werden. „In der Hälfte der Fälle kam der Berater dieser Pflicht nicht nach“, berichtete Tenhagen. Dabei haben die Kunden von sich aus ein Beratungsprotokoll erwünscht.

    Postbank, Targobank, SEB und die meisten Sparkassen verlangen eine Unterschrift des Anlegers unter dem Protokoll, obwohl dies gar nicht im Gesetz steht. Finanztest rät dringend vor einer Signatur ab, weil dies im Streitfall als Zustimmung zur Beratung ausgelegt werden könnte. Mitunter wollten Banken das Protokoll verbotenerweise nur bei einem Geschäftsabschluss aushändigen. Die Nassauische Sparkasse und die Volksbank Mittelhessen verweigerten sogar allen sechs Testkunden eine Mitschrift. Keine Bank gab allen Testern das Protokoll heraus. Das führte zu einer generellen Abwertung bei den Noten.

    Bei den anderen Prüfkriterien schnitten die Berater etwas besser ab als beim letzten Test vor einem Jahr. Der Kunde wollte 35.000 Euro für zehn Jahre anlegen und am Ende wenigstens das eingesetzte Kapital sicher zurück erhalten. Der beste Rat wäre hier, einen Großteil des Geldes sehr sicher unterzubringen und einen kleineren Teil in ertrag- aber auch risikoreichere Anlagen zu stecken. Im Durchschnitt verbesserten sich die Empfehlungen um eine Note. Doch manche Banken rieten wieder zu übermäßig riskanten oder zu teuren Produkten. Die SEB empfahl Aktienfonds und sogar ein Expresszertifikat. Die Sparda-Bank wollte kostspielige Rentenversicherungen verkaufen und die Deutsche Bank Bausparverträge, die vor allem Provisionen einbringen.

    Defizite entdeckte Finanztest auch beim Wissensdurst der Berater. Nur die Berliner Sparkasse fragte vorbildlich alle wichtigen Statusinformationen ab. Dazu gehören zum Beispiel das Einkommen des Kunden, seine Ausbildung oder die persönlichen und finanziellen Verhältnisse. Das Fazit von Finanztest fällt für die Branche vernichtend aus. „Die Blamage geht weiter“, titelt das Magazin diese Geschichte. 
    Die Gesetzesverstöße rufen laute Kritik hervor. Die Stiftung Warentest fordert mehr Kontrollen und Sanktionen bei einer Verletzung der Protokollpflicht. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) sieht im Besserungsversprechen der Finanzbranche leere Worthülsen. „Ohne klare gesetzliche Vorgaben und effektive Kontrollen wird sich an der Qualität der Anlageberatung nichts ändern“, sagt vzbv-Chef Gerd Billen.

    Die Banken selbst sind mit dem Testergebnis weitgehend zufrieden, weil sich die Noten ohne die Abwertung durch Gesetzesverstöße fast überall verbessert hätten. „Die Anstrengungen zur Verbesserung der Kundenberatung zeigen Wirkung“, teilte der Zentrale Kreditausschuss (ZAK) mit. Bei der Handhabung der Protokollpflicht gebe es aber offenbar noch deutlichen Nachholbedarf.

  • Stiefkinder

    Kommentar

    Die Interessen der Kleinanleger und Sparer zählen in der großen Politik wenig. Die Finanzlobby verhindert immer wieder erfolgreich bessere Gesetze zum Anlegerschutz. Und die Aufsichtsbehörden schauen in der Regel auch nicht so genau hin, was sich in den Bankfilialen tut. Die Finanzaufsicht sieht sich eher als Wächter über die Funktionsfähigkeit des großen Rades, an dem die Branche gerne dreht. Der Verbraucher wird stiefmütterlich behandelt. So erklären sich die Ergebnisse des jüngsten Tests der Bankberater, der wieder einmal verheerend ausfiel. Dass sich die Institute oft nicht einmal um geltende Gesetze scheren, zeigt wie unangreifbar sich die Banker fühlen. Es sind nicht die Beschäftigten in den Filialen, die daran Schuld tragen. Es ist ein System, dass sich überlebt hat und schleunigst geändert werden muss.

    Eine Aufgabe kommt dabei dem Finanzministerium zu. Dort muss das Thema Anlegerschutz als Politikziel in den Köpfen verankert werden. Die Verbraucherministerin, die gerne mit Forderungen vorprescht, hat in der praktischen Umsetzung wenig zu sagen. Im Ergebnis werden gute Regelungen verwässert und damit nutzlos. Was hilft zum Beispiel die Pflicht zu einem Beratungsprotokoll, wenn Verstöße dagegen nicht sanktioniert werden? Ein weiteres Beispiel wird heute im Bundeskabinett verabschiedet. Zwar müssen die Banken künftig eine Art Beipackzettel für Finanzprodukte verfassen. Doch der Finanzminister will weder eine einheitliche Form noch eine jedermann leicht zugängliche Veröffentlichung des Produktblattes. Der Verbraucher soll wohl keine Vergleiche anstellen. Da hat die Lobby wieder einmal gut gearbeitet.

    Dabei hat der Finanzminister durchaus ein Eigeninteresse in dieser Angelegenheit. Jährlich schießt der Staat Milliarden an Förderung für die Riester-Rente zu. Von vielen Verträgen profitieren vornehmlich die Anbieter, nicht aber die Sparer. Womöglich ließe sich dort eine Menge Geld sparen, oder zumindest besser anlegen, wenn es mehr Transparenz bei den Produkten gäbe. Am Dienstsitz in der Wilhelmstraße ist dies noch nicht angekommen. Noch ein zweites Argument hat Gewicht. Die Bürger sollen mehr Eigenvorsorge betreiben und müssen ihr Erspartes deshalb möglichst gut anlegen. Der Staat hat ein Interesse an einem möglichst effizienten Einsatz dieses Geldes, weil dies in späteren Zeiten die Zahlung von Transferleistungen vermindert. Das alles sind gute Gründe für den Ausbau des finanziellen Verbraucherschutzes.

    Schließlich sind auch die Bankkunden selbst gefragt. Die Bankberater haben das ihnen einst entgegengebrachte Urvertrauen nicht verdient. Wer sein Geld gut und den eigenen Zielen gemäß anlegen will, muss sich informieren oder einen professionellen Berater aufsuchen. Die Kosten dafür kommen durch höhere Erträge oder geringere Verluste schnell wieder herein. Am Bewusstsein für die eigene Verantwortung mangelt es noch häufig.

  • Die besten Zutaten für den Erfolg

    Wer es als Koch nach ganz oben schaffen möchte, braucht Unterstützung und ein Ziel vor Augen

    Beim Gedanken an ein trocken gebratenes Hühnchenfilet beschleicht sie das Grauen. Mit labberigen Möhren kochen sie nicht. Und gekörnte Brühe kommt ihnen nicht in die Suppe. Anstelle dessen kreieren sie aus einfachen Zutaten wahre Gaumenfreuden und schwingen Töpfe, Messer und Pfannen mit Leichtigkeit. Spitzenköche vermögen es, mit wahrlich schmackhaften Gerichten ein zufriedenes Lächeln in die Gesichter ihrer Gäste zu zaubern. Doch wie wird man eigentlich zum Meisterkoch?

    „Wie bei einer guten Soße kommt es auch bei einem guten Koch auf die Basis an“, sagt Axel Rühmann, Präsident des Verbands der Köche (VDK). „Für ersteres braucht es einen guten Fond, für letzteres eine solide Ausbildung“, so Rühmann. Auf eine solide Ausbildung kann auch Martin Baumgärtel zurückblicken. Der 47 jährige kocht heute im idyllisch gelegenen Strandhotel Löchnerhaus auf der Insel Reichenau im Bodensee. Drei Jahre lernte er als Jugendlicher im Hotel „Vier Jahreszeiten“ in München. Danach ging er an die Hotelfachschule und erwarb den  Titel des Küchenmeisters. „Während der Studienzeit habe ich bei der Lufthansa gekocht“, sagt der Küchenchef, „anschließend kam das Maritim Hannover und danach der Betrieb der Schwiegereltern in Norddeutschland.“

    Heute, auf Reichenau, serviert Baumgärtel Felchencarpaccio oder Zanderfilet auf warmen Salatgurken. Seine Küche ist kreativ. Und Kreativität braucht es, um zu den besten des Fachs zu gehören. „Einfallslosigkeit ist fehl am Platz“, sagt der Gastronom. Man müsse mit offenen Augen durch die Märkte gehen, dann finde man die Inspiration.

    Der Weg nach oben will gut durchdacht sein. „Wer Karriere machen möchte, muss sich Ziele setzten und gut planen“, erklärt VDK-Chef Rühmann. In zwei bis vier guten Betrieben sollten sich Jungköche nach der Ausbildung fortbilden und Erfahrungen sammeln. Und die Küchenmeisterprüfung dürfe auch nicht fehlen. „Während der Ausbildung lernen die Köche auch kaufmännische Dinge oder wie man Mitarbeiter führt“, so Rühmann. Dass ein Spitzenkoch nicht ständig am Herd steht, weiß auch Martin Baumgärtel. „Ich sorge dafür, dass uns die Zutaten nicht ausgehen“, sagt er. „Selbst spät am Abend faxe ich noch die Gemüsebestellung für den nächsten Morgen raus.“

    Spitzenköche arbeiten hart. Sieben Tage zählt Baumgärtels Arbeitswoche. Wenn das Geschäft  normal läuft, kommt er vor 22 oder 23 Uhr nicht aus dem Büro heraus. Da hat er Glück, dass er das Haus auf der Insel zusammen mit seiner Frau Maren betreibt. So sehen sich die beiden häufig. „Mit einer  Beziehung außerhalb der Gastronomie haben es Köche schwer“, sagt der Gastronom. „Schließlich verdienen wir unser Geld am Wochenende.“

    Apropos Geld: Koch ist mit Sicherheit nicht der best bezahlte Job. Gerade während und kurz nach der Ausbildung steht es um die Verdienstmöglichkeiten nicht allzu rosig. Dies ist wohl auch ein Grund dafür, dass ungefähr zehn Prozent der Ausbildungsplätze derzeit nicht besetzt sind. Wer den Beruf ergreifen möchte, hat also gute Chancen. Die Möglichkeit andere Kulturen und damit Küchen kennen zu lernen, ist dabei groß „Köche aus Deutschland, der Schweiz und Österreich sind in der Welt sehr hoch angesehen“, freut sich Küchenmeister Baumgärtel.

    Martin Baumgärtel hat keinen, Alfons Schubeck einen und Eckart Witzigmann gleich drei: Muss an der Restauranttür eines Spitzenkochs unbedingt ein Stern prangen? Nein, meint  VDK-Präsident Rühmann. Auf diese Auszeichnung kommt es nicht an. Dennoch sollten sich Köche Herausforderungen stellen und an Kochwettbewerben teilnehmen, wenn sie Karriere machen möchten.

    „Wer nach oben möchte, muss sein Können nach außen tragen“, so Rühmann. Dabei fällt ihm gleich der 22-jährige Michael Kübler vom Burgrestaurant Staufeneck in Salach ein, der kürzlich mit dem Titel „Bester Jungkoch Deutschlands“ ausgezeichnet wurde. Mit Saibling-Tatar, Ravioli von Pfifferlingen und Spargel, einer Roulade von der Perlhuhnbrust und einem lauwarmer Schokoladenkuchen konnte der Lehrling die Jury von seinem Können überzeugen.

    Freilich, wer an einem Kochwettbewerb teilnehmen möchte braucht Unterstützung –
    und die bietet nur ein guter Lehrbetrieb. „Wer Kochprofi werden möchte, sollte in zwei oder drei Unternehmen hineinschnuppern, bevor er die Lehre antritt und darauf achten, dass der Betrieb ein anerkannter Ausbildungsbetrieb ist“, so VDK-Präsident Rühmann.

    Schon Martin Baumgärtels Vater ist Küchenmeister gewesen, ebenso ist dies sein Onkel, der auf den Namen Axel Rühmann hört und quasi der Chef der deutschen Köche ist. Ebenso hat es  Baumgärtels Mutter gelernt, leckere Speisen auf den Teller zu zaubern: Auch sie ist Köchin. Da stellt sich abschließend die Frage, ob einem die Leidenschaft für leckeres Essen vielleicht mit in die Wiege gelegt werden kann. „Man ist da irgendwie auch infiziert“, scherzt Baumgärtel. 

  • Junge Seelen nicht überfordern

    Eigentlich sollten Schüler in den Ferien die Seele baumeln lassen. Doch viele nutzen die Freizeit und verdienen sich ein paar Euro dazu. Ob das sinnvoll ist, weiß die Psychotherapeutin für Kinder und Jugendliche Christiane Lutz.

    Kunstmann: Frau Lutz, ist es eigentlich gut, wenn Kinder Jobs annehmen?

    Christiane Lutz: Wenn Kinder arbeiten haben, sie die Chance selbständiger zu werden. Sie lernen Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen und erleben das gute Gefühl von Eigenständigkeit und eigener Initiative. Eigenes Geld zu verdienen, bedeutet für sie Erfolg und Anerkennung. Unsere Kinder laufen heute eher Gefahr, zu selbstverständlich passiv zu konsumieren. Da ist die aktive Beschäftigung eine wichtige Erfahrung. Sie fördert den Realitätssinn und den Mut, sich auf sich selbst verlassen zu können.

    Kunstmann: Wie viel sollten Kinder höchstens neben der Schule arbeiten?

    Lutz: Die schulische Belastung, darf nicht unterschätzt werden. Zählt man die Hausaufgaben mit zur Schulzeit, haben Kinder locker eine 40-Stundenwoche. Zusätzliche Aktivitäten wie Sport oder Musikunterricht sind da noch nicht mit eingerechnet. Schüler brauchen Zeit zum Erholen. Da ist Arbeiten in der Schulzeit nicht sinnvoll.

    Kunstmann: Viele Schüler arbeiten die  ganzen Ferien über. Ist das gut? 

    Lutz: Ferienzeiten sind dringend notwendige Erholungszeiten. Hier kann sich der Lehrstoff setzen und die Kinder können Abstand gewinnen. So schöpfen sie neue Motivation zum Weiterlernen. Da ist es nicht ratsam, die ganze Zeit zu arbeiten. Eine Ausnahme sind die langen Sommerferien: Je nach Alter, Belastung und körperlicher Konstitution können kurze Ferienjobs durchaus in Ordnung sein.

    Kunstmann: Ab 13 Jahren dürfen Schüler arbeiten. Sind sie in diesem Alter schon bereit dafür?

    Lutz: Kinder sind heute zwar körperlich früher reif. Dafür sind sie emotional weniger entwickelt. Mit 13 Jahren können sie Arbeit und Spiel oft noch nicht klar unterscheiden. Wer so jung kontinuierlich arbeitet, kann sich seelisch überfordern. Nur spürbare materielle Not würde die Arbeit rechtfertigen.

    Bio-Box: Christiane Lutz ist niedergelassene Kinder- und Jugendpsychotherapeutin sowie Paar- und Familientherapeutin in Stuttgart. Die  67-Jährige unterrichtet am C. G. Jung-Institut und an der Akademie für Tiefenpsychologie der Landeshauptstadt und ist Autorin zahlreicher Bücher.

  • Ferienjobs verstecken sich

    Wer sich in der schulfreien Zeit Geld dazu verdienen möchte, muss die Unternehmen häufig einzeln abklappern

    Taschengeld ansparen ist mühsam. Viele Schüler freuen sich deshalb auf den Sommer. Denn die schulfreie Zeit verspricht Aussicht auf einen Ferienjob. Schnell lässt sich so das nötige Bargeld für den brandneuen MP3-Player, die angesagten Sneakers oder die hippe Katy Perry CD hinzuverdienen. Doch die begehrten Nebentätigkeiten lassen sich nur schwer ergattern. 

    In Anzeigen sind Ferienjobs kaum zu finden. „Annoncen sind eher die Ausnahme“, sagt Wilfried Malcher vom Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE). „Viele Unternehmen entscheiden sich spontan und schreiben die Stellen im Geschäft aus.“ Schüler sollten deshalb direkt im Unternehmen nachfragen, empfiehlt der  Berufsbildungsexperte. Die Vorgehensweise ist zwar mühsam, hat aber einen entscheidenden Vorteil: Vor Ort können sich die Jugendlichen einen guten Überblick über den Supermarkt, das Elektrofachgeschäft oder die Bäckerei machen. „Da kann man gut spüren, wie das Bertiebsklima ist“, sagt Malcher.

    Kinderbetreuer, Maschinenteilreiniger, Produktionshelfer oder Küchenhilfe: Die baden-württembergische Regionaldirektion der Arbeitsagentur weiß, welche Ferienjobs Unternehmen derzeit anbieten. Viel Mut können die Arbeitsmarktexperten Schülern jedoch nicht machen. Gerade einmal etwas über 850 Jobs zählt die Liste der Behörde. Vor zwei Jahren waren es fast zehn Mal so viel, nämlich 8.000. Warum die Unternehmen so wenig Jobs offiziell ausschreiben weiß die stellvertretende Sprecherin Julia Stump: „Viele Jobs werden über Mitarbeiter Kinder und Bekannte abgedeckt ohne das die Agenturen vor Ort eingeschaltet werden“, erläutert sie. „Vitamin B“ heißt wohl der beste Weg zum Sommerjob. Zwar haben auch die studentischen Stellenvermittlungen zum Teil Tätigkeiten für Schüler im Angebot, wie die der Ludwig-Maxmilian-Universität in München. Doch nicht jede Uni-Arbeitsbörse ist Anlaufstelle für die Jugendlichen. Der Career Service der Universität Stuttgart beispielsweise, bietet kaum Beschäftigungsmöglichkeiten für Schüler. Die angebotenen Jobs sind eher für Studenten geeignet. „In der Regel reicht die Qualifikation der Schüler für die Jobs nicht aus“, sagt eine Mitarbeiterin.  

    Den Unternehmen ist der Engpass auf dem Arbeitsmarkt durchaus bekannt. Unseriöse Anbieter wittern da ein gutes Geschäft. Bestes und typisches Abzock-Beispiel: 999 Euro und als Draufgabe ein Nokia-Handy versprach eine Firma im Jahr 2005 für den Zusammenbau von ‚WM-Kugelschreibern’. Die Sache hatte leider einen Haken. Interessenten sollten vorab 200 Euro für die Zusendung der Kugelschreiberteile zahlen.

    Die Verbraucherzentrale Hessen warnt vor unseriösen Nebenjobs. „Wenn der Jobsuchende zunächst zur Kasse gebeten werden, die Arbeit nicht näher beschrieben ist, aber mit exorbitanten Einkünften geworben wird, sollte man besser die Finger von diesen Angeboten lassen“, raten die Verbraucherschützer. Typisch für unseriöse Jobangebote sei auch, dass versprochen wird, viel Geld leicht nebenbei zu verdienen. Dabei weiß doch eigentlich jeder, dass sich das Geld nicht so leicht verdient.

    „Sofort handeln!“, „zeitlich begrenzt“ oder „Sensationelle Verdienstmöglichkeit“: Hinter reißerisch formulierten Anzeigentexten lauern die schwarzen Schafe. Ein Indiz für ein betrügerisches Angebot ist es auch, wenn die Nebenjobber weitere Personen für die Tätigkeit anwerben müssen. Die Verbraucherzentralen raten deshalb, sich auf jeden Fall über die Firma zu informieren und nicht voreilig einen Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Und wer Opfer eines Betrugs geworden ist, sollte unbedingt Strafanzeige erstatten.

    Rund 160.000 Schüler besuchen in Baden-Württemberg die Oberstufe. Das ist recht viel im Vergleich zu den 800 offiziell ausgeschriebenen Ferienjobs. Von Glück können also jene Jugendliche reden, die eine bezahlte Beschäftigung erhaschen können. Für einige dürfte sich dieses Glück sogar doppelt bezahlt machen: „Manchmal macht der Ferienjob auch den Weg in die Berufswelt frei“, sagt HDE-Experte Malcher. Denn einige Unternehmen schreiben die Stellen gezielt aus, um Auszubildende zu gewinnen

  • So viel Arbeit ist erlaubt

    Ein Ferienjob ist ein guter Weg, das Taschengeld aufzubessern. Doch für die Nebentätigkeiten gibt es Regeln. Schüler dürfen nicht jede Arbeit annehmen. Und auch wie lange sie schaffen dürfen, hat der Gesetzgeber festgelegt. Hier die wichtigsten Punkte: 

    Mindestalter:
    Für Schüler unter 13 Jahren gilt striktes Arbeitsverbot. Wie so häufig gibt es jedoch Ausnahmen, zum Beispiel für Film- oder Werbeaufnahmen. Ab 13 Jahren dürfen sie einer Beschäftigung nachgehen – vorausgesetzt, die Eltern haben nichts dagegen und es handelt sich um eine leichte, kindgerechte Tätigkeit.

    Beschäftigungsdauer:
    Höchstens zwei Stunden dürfen Kinder ab 13 Jahren Babysitten, Zeitungen austragen oder Nachhilfe geben. Schulpflichtige Jugendliche ab 15 Jahren dürfen ganztags zwischen 6 Uhr morgens und 20 Uhr abends arbeiten. Der Ferienjob darf jedoch 40 Wochenstunden nicht überschreiten und ist auf maximal vier Wochen pro Jahr beschränkt. Zudem müssen zwischen den einzelnen Schichten zwölf Stunden Freizeit liegen. Für Jugendliche, die bereits einen Schulabschluss besitzen, gilt: höchstens 50 Tage pro Kalenderjahr oder zwei Monate hintereinander jobben. Volljährige Schüler dürfen sowohl in den Ferien, als auch neben der Schulzeit einen Minijob ausüben – vorausgesetzt die Tätigkeit beeinträchtigt ihre schulischen Leistungen nicht. Minijobs auf 400-Euro-Basis sind dazu steuerfrei.

    Sozialabgaben:
    Wer den 18. Geburtstag schon gefeiert hat, muss vom Verdienst Sozialabgaben zahlen. Wer nicht will, dass der Staat die Beiträge einkassiert, darf die Grenze von zwei Monaten oder 50 Arbeitstagen pro Jahr nicht überschreiten.

    Ferienjob und Kindergeld:
    Überschreitet das verdiente Geld den Freibetrag für das Kindergeld, entfällt der Anspruch auf die staatliche Hilfe und es muss zurückgezahlt werden. Bei Kindern von Hartz IV-Empfängern  beträgt die Freibetragsgrenze 1.200 Euro. Alle anderen dürfen bis zu 8.004 Euro hinzuverdienen. 

  • Anlageberatung gleicht Lotteriespiel

    Anlegerschutzgesetz wird schon wieder verwässert

    Auch knapp zwei Jahre nach der Pleite der Lehman-Bank hat sich die Anlageberatung der Banken nur stellenweise verbessert. Gesetzlich wurde bislang entgegen den Zusagen der Bundesregierung gerade einmal die Haftung für Falschberatung verbessert. „Die Anlageberatung gleicht einem Lotteriespiel“, kritisiert der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv), Gerd Billen deshalb die Politik. In weiten Teilen des Finanzmarktes herrschten Zustände wie im wilden Westen.

    Die Bundesregierung will in der kommenden Woche zwar ein Gesetz für den besseren Schutz der Sparer beschließen. Doch nach Billens Ansicht ist der Entwurf mittlerweile stark verwässert worden. Der von Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) durchgesetzte Beipackzettel für einzelne Finanzprodukte sorgt demnach nicht für mehr Transparenz. Im Gesetz fehlen zum Beispiel Vorgaben für eine einheitliche Gestaltung der Risiken und Kosten der Produkte. Auch werden die Kosten nicht nach Provisionen und Verwaltungskosten aufgeschlüsselt. Am meisten ärgert Billen, dass das Informationsblatt erst vor dem Abschluss eines Vertrags übergeben werden muss und nicht, wenn ein Finanzprodukt auf den Markt kommt. Ein Vergleich verschiedener Offerten, zum Beispiel im Internet, ist für den Sparer daher nicht möglich. Der vzbv fordert die Verbraucherministerin nun auf, das Gesetz noch einmal zu verbessern.

    Auch die in diesem Jahr neu eingeführten Beratungsprotokolle lassen laut Verband zu wünschen übrig. Die Bankberater müssen die wesentlichen Inhalte der Kundengespräche aufzeichnen. So soll die Beweisführung bei einer falschen Beratung erleichtert werden. Doch eine Untersuchung der Finanzaufsicht ergab, dass bei zwei Dritteln der Protokolle notwendige Angaben fehlten. Oft müssen die Kunden das Protokoll unterschreiben, obwohl der Gesetzgeber genau dies nicht wollte. „Die Protokolle lassen meist nicht erkennen, wie das Beratungsgespräch abgelaufen ist“, urteilen die Verbraucherschützer und verlangen eine Umkehr der Beweislast. Dann müssten die Institute nachweisen, dass sie ihre Sparer richtig informiert haben.

    Einen weiteren Mangel haben die Verbraucher selbst zu verantworten. Viele Sparer kennen den Zusammenhang zwischen Risiko und Ertrag bei der Geldanlage nicht. Ein Forschungsprojekt der Uni Mannheim soll da Abhilfe schaffen. Professor Martin Weber hat dafür ein Programm ins Internet gestellt. Unter der Webadresse www.behavioral-finance.de/risiko können Sparer ihre Risikoneigung ermitteln. „Wenn sie das Risiko nicht erleben, kommt es nicht im Kopf an“, sagt Weber und hofft auf möglichst viele Teilnehmer an dem wissenschaftlichen Versuch.

  • 50 Euro weniger zum Leben

    Staat plant Wohngeldkürzung/ Mieterbund und Opposition kritisieren das Vorhaben

    Der Deutsche Mieterbund (DMB) befürchtet drastische Kürzungen beim Wohngeld. Ab 2011 will die Bundesregierung die Ausgaben für die staatliche Hilfe um 40 Prozent reduzieren. „Die Sparpläne im Wohnungsbereich sind ein sozialpolitischer Kahlschlag“, sagte der Präsident des Verbands, Franz-Georg Rips, am Dienstag in Berlin.

     

    Der DMB schätzt, dass der Bund in Zukunft anstelle von etwa 800 Millionen Euro nur noch 491 Millionen Euro zum Wohngeld beisteuern wird. Empfänger des Zuschusses müssten dann mit im Durchschnitt 40 bis 50 Euro weniger im Monat auskommen – vorausgesetzt die Mittel würden bei allen Bedürftigen gekürzt. Denn wer von der Einsparung betroffen sein wird, so der DMB, sei noch völlig unklar. Vorstellbar wäre zum Beispiel auch, dass insgesamt weniger Haushalte von der staatlichen Hilfe profitieren.

     

    Etwa 800.000 bis 900.000 Haushalte in Deutschland beziehen Wohngeld. Im Durchschnitt 140 Euro im Monat erhalten Wohngeldempfänger vom Staat – schätzt der Mieterbund. Das durchschnittliche Einkommen von Haushalten, die den Zuschuss bekommen liegt bei 822 Euro. DMB-Präsident Rips bezeichnet die Kürzung als „völlig inakzeptabel“. Dass die Bundesregierung gerade auf dem Rücken der einkommensschwächsten Haushalte sparen will, sei ein Akt der sozialen Kälte.

     

    Auch aus den Reihen der Opposition hagelt es Kritik. „Diese Maßnahme der Regierung ist jämmerlich“, sagt die sozialpolitische Sprecherin der SPD, Anette Kramme. Sie werde nur dazu führen, dass die Zahl der Hartz IV-Empfänger ansteige. So sehen es auch die Grünen. „Das ist eine Kostenverlagerung auf die Kommunen“, sagt ein Fraktionssprecher. Würden mehr Menschen durch die Wohngeldkürzung in Hartz IV abrutschen, hieße das eine stärkere Belastung der Gemeinden. Denn sie kommen für einen Teil der Grundsicherung auf und finanzieren den Großteil der Unterkunftskosten.

     

    Sparen will die Bundesregierung noch an weiteren Stellen. So sollen die Mittel für die Städtebauförderung auf rund 305 Millionen Euro gekürzt und somit fast halbiert werden. Dies hat zum Beispiel Einsparungen bei den Programmen Stadtumbau Ost und Stadtumbau West zur Folge. Auch Haus- oder Wohnungseigentümer sind von den Sparplänen betroffen: Denn ebenso werden die Fördermittel für die energetische –

     und somit klimafreundliche –

    Gebäudesanierung zurück gefahren.   

     

    Noch sind die schwarz-gelben Sparpläne nicht in Sack und Tüten und müssen noch vom Bundestag beschlossen werden. Beim Wohngeld hat darüber hinaus auch der Bundesrat ein Mitspracherecht. Deshalb, so der Mieterbund, bestehe noch Hoffnung, dass zumindest dieses Vorhaben noch gestoppt werde.

     

     

     

     

     

     

     

  • Komplizierter Sozialausgleich

    Bei den Steuerzuschüssen für Zusatzbeiträge sind viele Fragen offen

    Gerecht, stabil und sozial soll die neue Finanzierungsbasis der Krankenversicherung sein. So verspricht es Gesundheitsminister Philipp Rösler. Die Eckpunkte des Gesetzes lesen sich auch flüssig. Künftige Kostensteigerungen werden über Zusatzbeiträge den Mitgliedern der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) aufgebrummt. Steigt der Zusatzbeitrag im Einzelfall auf mehr als zwei Prozent des Einkommens, übernimmt der Steuerzahler die Bezahlung des über den Grenzwert hinausgehenden Betrag.

    Die Beamten im Gesundheitsministerium brüten derzeit über dem detaillierten Gesetzestext. Dabei müssen harte Nüsse geknackt werden. So ist zum Beispiel noch weitgehend unklar, wie mit den Langzeitarbeitslosen verfahren wird. Für Hartz-IV-Empfänger bezahlen die Jobcenter einen festen Beitrag in Höhe von 126 Euro an den Gesundheitsfonds. Zusatzbeiträge müssen die Betroffenen aus eigener Tasche bezahlen oder zu einer Kasse ohne Extrabeitrag wechseln. Nur in begründeten Ausnahmefällen übernehmen die Jobcenter die Zusatzbeiträge. Noch ist das kein großes Problem, weil nur wenige Krankenkassen einen Aufschlag erheben. Doch die Reform ist so angelegt, dass es spätestens 2012 flächendeckende Zusatzbeiträge geben wird und der Wechsel zu einer zuschlagsfreien Kasse unmöglich wird. Die Regierung rechnet 2012 mit durchschnittlich acht Euro, 2014 schon mit 16 Euro pro Monat.

    Der Sozialausgleich soll eine übermäßige Belastung der finanziell Schwachen verhindern. Wie schwierig eine gerechte Lösung wird, zeigen einige Modellfälle. Ein arbeitsloses Ehepaar mit zwei Kindern und etwa 1.500 Euro Regelleistung und Wohnkosten müsste zwei Prozent des Einkommens, also 30 Euro, als Zusatzbeitrag zur Familienversicherung selbst tragen. Sind die Partner nicht verheiratet, bestehen zwei Versicherungen und die Leistungen würden theoretisch jeweils zur Hälfte mit 750 Euro angerechnet. Beide müssten bei der zweiprozentigen Obergrenze je bis zu 15 Euro aus eigener Tasche bezahlen. Für 2014 bedeutet dies, dass das Ehepaar den gesamten Zusatzbeitrag von 16 Euro alleine tragen muss, die Partner ohne Trauschein zusammen aber 30 Euro. Die Experten zerbrechen sich nun über Wege zur Gleichbehandlung den Kopf.

    Theoretisch könnten sogar reiche Haushalte in den Genuss des Sozialausgleiches kommen. Verdient bei einem unverheirateten Paar ein Partner extrem viel, der andere in einem sozialversicherungspflichtigen Job aber zum Beispiel nur 600 Euro, wäre die Belastungsobergrenze für den Geringverdiener bei zwölf Euro im Monat. 2014 bekäme der Haushalt monatlich noch vier Euro vom Staat dazu. Zahlenmäßig dürfte diese Konstellation nicht ins Gewicht fallen. Sie zeigt jedoch, dass die Reform im Detail noch schwierig wird.

    Eine weitere Hürde stellt die Berechnung des Sozialausgleichs und dessen Auszahlung dar. Bei den Arbeitnehmern scheint die Aufgabe gut lösbar. Der Arbeitgeber prüft, ob die Voraussetzungen erfüllt sind, zieht einen Sozialausgleich von den Versicherungsbeiträgen ab und überweist dem Beschäftigten den einbehalten Betrag mit dem Lohn. Bei Hartz-IV-Empfängern würden die Jobcenter den Ausgleich wohl mit dem Regelsatz auszahlen. Das bereitet den Krankenkassen Unbehagen. Drei oder vier Euro mehr würden schnell ausgegeben, statt wie geplant an die Krankenkasse überwiesen, heißt es bei einer großen Kasse. In diesem Falle müssten die Versicherungsträger die Zusatzbeiträge aufwändig bei Mitgliedern eintreiben, bei denen in der Regel nichts mehr zu holen ist.

    Auch bei den Rentnern deuten sich Probleme an. Eine Stelle muss das gesamte beitragspflichtige Einkommen der Rentner überblicken. Sonst kann nicht festgestellt werden, ob ein Rentner Anrecht auf den Sozialausgleich hat. Das soll die Deutsch Rentenversicherung (DRV) übernehmen. Jene aber sträubt sich. „Wir sind für diese Aufgabe denkbar ungeeignet“, warnte DRV-Chef Herbert Rische kürzlich. Das Gesundheitsministerium will nun alle Klippen unbürokratisch umfahren. So lautet zumindest die Zusage.

  • Wenn der Zug zur Sauna wird

    Am Wochenende haben sich in Zügen der Deutschen Bahn dramatische Szenen ereignet: Etliche Fahrgäste kollabierten, weil die Temperaturen in den Abteilen Berichten zufolge auf bis zu 50 Grad anstiegen. Ursache war der Ausfall von Klimaanlagen. Hier die wich

    Frage: Wie viele Züge waren insgesamt betroffen?

    Antwort: Die Bahn selbst spricht von drei betroffenen ICE-Zügen und rund 1.000 Passagieren. Vorstand Ulrich Homburg entschuldigte sich und sagte, das Unternehmen bedauere es sehr, dass einzelne Fahrgäste auch gesundheitliche Beeinträchtigungen erlitten und im Krankenhaus hätten behandelt werden müssen. Mittlerweile häufen sich Berichte, nach denen es auch in Intercity-Zügen zu Ausfällen der Klimaanlage gekommen ist. Dass es in Zukunft weitere Vorfälle dieser Art geben wird, ist nicht auszuschließen.

    Frage: Warum sind die Lüftungen ausgefallen?

    Antwort: Im ICE sorgen zwei voneinander unabhängige Systeme für ein angenehmes Klima. In den Problemzügen sind nach Einschätzungen des Bahnexperten der Technischen Universität Berlin, Marcus Hecht, beide gleichzeitig ausgefallen. Dafür kommen mehrere Ursachen in Frage. Es kann sich um Wartungsmängel handeln, so dass Filter verstopfen oder Pumpen versagen. Womöglich sind die ICE auch gar nicht für so hohe Temperaturen ausgelegt. Es fehlen die Klappnotbelüftungen, kritisiert der Professor. Damit könnte der Fahrtwind eine Überhitzung der Züge verhindern. Für den Fahrgastverband Pro Bahn ist der Hitzekollaps auf der Schiene eine Folge des Sparkurses bei der Bahn. Eine Generalüberholung der 15 Jahre alten Züge sei überfällig.

    Frage: Können die Passagiere auf Entschädigungen hoffen?

    Antwort: Laut Bahn sollen Kunden für die hitzebedingten Verzögerungen entschädigt werden. Für eine Verspätung von mehr als einer Stunde gibt es 25 Prozent des Fahrpreises zurück, bei mehr als zwei Stunden 50 Prozent. Für Betroffene hat die Bahn eine zentrale Anlaufstelle eingerichtet. Per Email an  hitzewelle@deutschebahn.com oder schriftlich über die Adresse DB Fernverkehr AG, Kundendialog, Stichwort „Hitzewelle“, Postfach 10 06 13, 96058 Bamberg, ist sie zu erreichen. Fahrgäste können sich  auch an das DB-Kundenportal mit der Telefonnummer
    01805/ 996633 wenden.

    Frage: Wird die Hitzeschlacht in Zügen der Deutschen Bahn ein Nachspiel haben?

    Bahn-Chef Rüdiger Grube hat angekündigt, die Vorfälle im Zusammenhang mit den ausgefallenen ICE-Zügen lückenlos aufzuklären. Das Bundesverkehrsministerium verlangt vom Konzern, die technischen Mängel bei der nächsten ICE-Generation zu beseitigen. Dazu gebe es Gespräche mit dem Eisenbahnbundesamt, der Bahn und den Herstellern. Das Eisenbahnbundesamt will die defekten Züge nun überprüfen. Ärger droht der Bahn auch von der Bundespolizei, die ein Ermittlungsverfahren gegen das Unternehmen eingeleitet hat. Dabei geht es um den Verdacht der fahrlässigen Körperverletzung sowie der unterlassenen Hilfeleistung. Sollte sich diese Vermutung bestätigen, wären weitere Forderungen gegen die Bahn denkbar – etwa Schmerzensgeld oder Schadenersatz.

  • Verkehrminister fordert sicherere Züge

    Bundespolizei ermittelt nach Klimaanlagenausfall bei der Bahn / Unternehmen will Fahrgäste entschädigen

    Die Hitzeschlacht in Zügen der Deutschen Bahn am Wochenende hat ein Nachspiel. Das Bundesverkehrsministerium verlangt vom Konzern, die technischen Mängel bei der nächsten ICE-Generation zu beseitigen. Dazu gebe es Gespräche mit dem Eisenbahn-Bundesamt, der Bahn und den Herstellern, sagte eine Sprecherin des Ministers, „der Aufsichtsrat wird sich auf seiner nächsten Sitzung damit beschäftigen. Am Wochenende gab es in einigen Zügen chaotische Zustände, weil die Klimaanlagen ausfielen. Am schlimmsten verlief eine ICE Fahrt zwischen Hannover und Bielefeld. In dem prall gefüllten Zug wurde es extrem heiß. Schüler brachen zusammen und mussten ins Krankenhaus gebracht werden, nachdem der ICE in Bielefeld schließlich gestoppt wurde und die Fahrgäste den defekten Zug verlassen durften. Mittlerweile häufen sich Berichte, nach denen es auch in Intercity-Zügen zu Ausfällen der Klimaanlage gekommen ist.

     

    Die Bahn selbst spricht von drei betroffenen ICE-Zügen und rund 1.000 Passagieren. „Wir bedauern sehr, dass einzelne Fahrgäste auch gesundheitliche Beeinträchtigungen erlitten und sogar im Krankenhaus behandelt werden mussten“, entschuldigte sich der zuständige Vorstand Ulrich Homburg bei den Fahrgästen. Die Kunden sollen nun entschädigt werden. Für Verspätungen von mehr als einer Stunde gibt es 25 Prozent des Fahrpreises zurück, bei mehr als zwei Stunden 50 Prozent. Der Konzern ließ offen, ob die Hitzeopfer darüber hinaus noch mit zusätzlichen Ersatzleistungen rechnen können.

     

    Das Eisenbahnbundesamt will die defekten Züge nun überprüfen. Ärger droht der Bahn auch von der Bundespolizei, die ein Ermittlungsverfahren gegen das Unternehmen eingeleitet hat. Dabei geht es um den Verdacht der fahrlässigen Körperverletzung sowie der unterlassenen Hilfeleistung. Sollte sich diese Vermutung bestätigen, wären weitere Forderungen gegen die Bahn denkbar, Schmerzensgeld oder Schadenersatz.

     

    Die Hersteller wollen mit dem neuerlichen Debakel bei der Bahn nichts zu tun haben. Für den technischen Zustand sei der Betreiber der Züge verantwortlich, stellt ein Sprecher von Siemens fest. Die Münchner führen das Industriekonsortium an, das die Hochgeschwindigkeitszüge herstellt. Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) will mit einer Gesetzesänderung bald für eine andere Verteilung der Verantwortung sorgen und die Industrie stärker in die Pflicht nehmen. Schon beim Chaos rund um die unsicheren Achsen des Schnellzuges gab es Streit um die Zuständigkeiten, der schließlich mit einer Teilung der Kosten für den Austausch endete.

     

    Für den Fahrgastverband Pro Bahn ist der Hitzekollaps auf der Schiene eine Folge des Sparkurses bei der Bahn. Eine Generalüberholung der 15 Jahre alten Züge sei überfällig. Kritik gibt es auch wieder einmal am Zugpersonal. Reisende berichteten von überforderten Zugbegleitern. Die Bahn selbst verwies darauf, dass bereits vor der Hitzewelle die Vorräte an Wasser und Limonaden in den Zügen aufgestockt wurden. Dem Vorsitzenden des Verkehrsauschusses im Bundestag, Winfried Hermann (Die Grünen) reicht diese Erklärung nicht aus. „Die Deutsche Bahn braucht für Ausnahmesituationen endlich einen gut einstudierten Plan B, damit den Reisenden schnell und unbürokratisch geholfen werden kann“, verlangt der Politiker. Hermann vermutet hinter dem Ausfall der Klimaanlagen ebenfalls Unzulänglichkeiten bei der Wartung der Züge.

     

     

     

     

     

     

  • Doppelter Flop

    Ausfall der Klimaanlagen:

    Im ICE sorgen zwei voneinander unabhängige Systeme für ein angenehmes Klima. In den Problemzügen sind nach Einschätzung des Bahnexperten der Technischen Universität Berlin, Markus Hecht, beide gleichzeitig ausgefallen. Dafür kommen mehrere Ursachen in Frage. Es kann sich um Wartungsmängel handeln, so dass Filter verstopften oder Pumpen versagten. Womöglich sind die ICE auch gar nicht für so hohe Temperaturen ausgelegt. „Es fehlen die Klappnotbelüftungen“, kritisiert der Professor. Damit könnte der Fahrtwind eine Überhitzung der Züge verhindern. Nach dem Unglück von Eschede wurden die Fenster der Baureihe ausgetauscht, um in ähnlichen Notfällen leichter von außen helfen zu können. Dumm nur ist, dass die neuen Fenster nicht mehr geöffnet werden können. Der Forscher ist für eine stärkere Kontrolle der Bahn durch den Bund. „Der Eigentümer muss mehr auf Seriosität achten“, fordert Hecht.

  • Der Bund muss durchgreifen

    Kommentar

    Die Pannenserie bei der Bahn reißt nicht ab. Die Fahrgäste verlieren allmählich das Vertrauen in die Technik und das Unternehmen. Offenkundig wird bei der Bahn doch auf Kosten den Kunden gespart. Das muss der Verkehrsminister als Vertreter des Eigentümers Bund unterbinden.

    Der zuständige Vorstand spricht von Unannehmlichkeiten und untertreibt damit fast schamlos. Den vom Ausfall der Kühlsysteme betroffenen Passagieren werden treffendere Bezeichnungen einfallen. Es verantwortungslos, Menschen längere Zeit so hohen Temperaturen zuzumuten. Wer dies tut, nimmt Gesundheitsschäden seiner Kunden in Kauf. Diese Einsicht ist an der Spitze der Bahn wohl nicht verbreitet. Das ist die eine der beiden wichtigen Dimensionen des Falles.

    Die zweite richtet den Blick auf die Ursachen der Defekte. Die Vielzahl der nicht richtig funktionierenden Züge legt den Verdacht auf Wartungsmängel nahe. Bei der letzten Generalrevision der ICE-Reihe wurden vor allem weniger wichtige Dinge erledigt. Es gab neue Sitze, Steckdosen und Klarlack auf der Außenhaut. An Notbelüftungen hat niemand gedacht oder der Einbau war der Bahn schlicht zu teuer. Wenn aus Kostengründen tatsächlich Nachlässigkeiten geduldet werden, hat die Bahn ein Problem. Dass die Sicherheit zuerst kommt, glaubt bald niemand mehr.

    Die Bahn muss wieder besser werden, auch wenn der Milliardengewinn dadurch etwas schmaler ausfällt. Der Eigentümer kann dies durchsetzen, wenn er will. Wenn Verkehrsminister Peter Ramsauer nun Gespräche mit der Industrie und der Aufsichtsbehörde ankündigt, lenkt dies nur von seiner Verantwortung ab. Da müssen einfach klare Direktiven her.

  • Bürgerarbeit startet am 15. Juli

    Die Hälfte der Jobcenter macht mit

    Langzeitarbeitslose sollen als Bürgerarbeiter in Sportvereinen aushelfen, alten Menschen etwas vorlesen oder die Landschaft pflegen. Das sieht das Konzept von Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen vor. Am 15. Juli startet das neue Programm, an dem allerdings wenig wirklich neu ist. „Aktiv zu sein ist immer besser als zuhause auf ein Jobangebot zu warten“, stellt die Ministerin fest.160.000 Arbeitslose werden zunächst an diesem Programm teilnehmen. Fast 200 Jobcenter aus allen Bundesländern haben sich dafür angemeldet. Das ist die Hälfte der Agenturen. Jedes Jobcenter hat eigene Zielgruppen für die Bürgerarbeit herausgesucht. Mal sind es Alleinerziehende, mal die Arbeitslosen eines Problembezirks, mal Behinderte oder ältere Menschen. Zunächst schließen die Arbeitsagenturen mit dem Erwerbslosen eine Zielvereinbarung ab, an die sich beide halten müssen. Der Vertrag kann beispielsweise Qualifizierungen beinhalten. Danach kümmert sich das Jobcenter ein halbes Jahr lang intensiv um die Teilnehmer. Erst wenn innerhalb dieser Zeitspanne keine reguläre Stelle gefunden wird, verpflichtet die Agentur den Arbeitslosen zur Bürgerarbeit. Insgesamt stehen dann ab Januar nächsten Jahres  64.000 Teilzeitarbeitsplätze für die besonders schwer vermittelbaren Fälle bereit. Im Gegensatz zum Ein-Euro-Job ist die Bürgerarbeit eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung. Die Betroffenen erhalten einen Arbeitsvertrag und verdienen bei einer 30-Stunden-Woche 1.080 Euro. Es kommen nur Tätigkeiten in Frage, die sonst niemand bezahlen würde. So wird ein Wettbewerb mit dem örtlichen Handwerk vermieden. „Wer angebotene Arbeit ohne triftigen Grund ablehnt, dem kann die Regelleistung gekürzt werden“, erläutert von der Leyen, die Bürgerarbeit als eine neue Form des Förderns und Forderns verstanden wissen will.Dem Vorhaben gingen erfolgreiche Modellversuche in Sachsen-Anhalt voraus. Nach Angaben des Landeswirtschaftsministers Reiner Haseloff konnte die Arbeitslosigkeit in den Versuchsgemeinden um die Hälfte reduziert werden. Jeder vierte Arbeitslose hat sich bereits in den ersten Wochen, der so genannten Aktivierungsphase, abgemeldet. Jeder zehnte fand schließlich aus der direkten Bürgerarbeit heraus wieder einen neuen Job.Das Programm läuft zunächst drei Jahre lang. Die Kosten in Höhe von 1,3 Milliarden Euro übernimmt zu etwas mehr als die Hälfte der Bund. Das restliche Geld kommt aus dem Europäischen Sozialfonds.