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  • Kneifende Latzhosen stören das Betriebsklima

    Wenn sich Mitarbeiter nicht in ihrer Arbeitskleidung wohl fühlen, leidet die Atmosphäre/ Berufsoutfits dürfen heute längst modisch und bequem sein

    Jeden Ziegelstein verfluchte Maurer Meier. Die Wut, kam in ihm auf. Meier maulte den ganzen Tag, aber nicht wegen seiner Arbeit. Vielmehr brachte ihn seine grüne Latzhose zur Weißglut. Schon seit dem frühen Morgen scheuerte sie an einer höchst unangenehmen Stelle. Dies bekamen seine Kollegen nun durch schlechte Laune zu spüren. So wirkt sich ungeeignete Berufskleidung schnell negativ auf das Betriebsklima aus. Das wissen die Hersteller von Arbeitstextilien und setzen deshalb auf angenehm tragbare Materialien und modische Kollektionen. Stretchstoffe verhindern Hautabschürfungen und Strasssteinchen machen aus langweiligen Arztkitteln fesche Hingucker.

    „Betriebskleidung ist hoch emotional“, erklärt der Marketingleiter des Berufskleidungsherstellers Bierbaum-Proenen, Jahn Werner.
    „Menschen identifizieren sich heute mehr als früher mit ihrer Garderobe und wollen sich wohl fühlen.“ Wurde Arbeitskleidung früher vornehmlich unter dem Aspekt „Schutz vor Schmutz“ produziert, so geht sie heutzutage ganz mit der Mode. Vorbei sind die Zeiten monotoner Einheitsgrößen. Spezielle Damen-, Herren- oder Unisexpassformen bereichern den Markt. Auch das klassische Königs-Blau wird immer weniger Belegschaften aufgebrummt. „Heute präsentieren sich Unternehmen öfter in Grau oder Schwarz“, so Werner. „Die Mitarbeiter tragen Polos und Shirts unter dem Blouson, der Weste oder dem Mantel.“

    Immer individueller wird die Welt der Berufsmode. Mediziner treten heute nicht mehr länger ganz im sterilen Weiß auf. Bunte Kontrastnähte, Stickereien oder gar Strassbändchen zieren ihre Kittel. Und Bauarbeiter werkeln inzwischen schon mal in Streetwear-Optik. Voll im Trend liegen sie, wenn sie im angesagten Jeanslook ihre Schaufeln und Hämmer schwingen. „Eigentlich eignet sich Jeansstoff nicht für Arbeitskleidung, weil er aus Baumwolle und nicht robust genug ist“, so Marketingchef Werner. Doch habe das Unternehmen einen jeansähnlichen Stoff aus Mischgewebe entwickeln können. Eine Erfindung, die reißenden Absatz findet.

    Neuartige Stoffe und besondere  Schnitte: Firmenchefs haben eine immer größere Auswahl, wenn sie Mitarbeiter für Jobs ausstaffieren möchten. Gleichzeitig setzen die Unternehmensbosse immer mehr auf ein einheitliches Erscheinungsbild. Corporate Design wird bei Betriebskleidung immer wichtiger. Konzerne lassen heute nicht mehr länger nur das  Briefpapier mit dem hauseigenen Logo versehen. Auch die Beschäftigten bekommen das Emblem an den Hemd- oder Blusenkragen gestickt. „Mit den richtigen Farben und dem sichtbar angebrachten Firmen-Logo werden die Unternehmen als Marke wahrgenommen“, so Werner. Die Träger der Kleidung wiederum, fühlen sich als Bestandteil des Unternehmens. Das stiftet  Identität.

    Modisch soll sie heute also sein, die Berufskleidung. Doch wie treten Beschäftigte perfekt auf, wenn sie freie Wahl beim Arbeitsoutfit haben? Elke Giese, Ressortleiterin für Mode und Interior beim Deutschen Modeinstitut in Köln, kennt die Spielregeln für ein korrektes Erscheinungsbild: Gedeckte Farben, gerade Schultern und Schnitte, die nicht zu leger daherkommen. „Grellbunt wirkt nicht sehr Respekt einflößend“, so die Modeexpertin. Und wer gerade Schultern zeige, dem werde mehr zugetraut. Schließlich suggeriere ein solches Auftreten: ,Das kann ich schultern’. Und noch einen weiteren Spruch weiß Giese in die Modewelt einzuordnen. „ ,Eine weiße Weste haben’ funktioniert auch bei Hemden, denn helle Farben strahlen Vertrauen aus.“

    Freilich hängt es von der Branche und vom Arbeitgeber ab, wie leger Mann oder Frau sich gegenüber den Kollegen präsentieren darf. Wenn ein Rechtsanwalt seine Kunden in roten Socken und braunen Hochwasserhosen begrüßt, dürften diese sich weniger erfreut zeigen. Ein Stararchitekt, der im selben Outfit seinen neusten Entwurf präsentiert, unterstreicht damit hingegen seine Kreativität. Businesskleidung verlangt Fingerspitzengefühl. Expertin Giese gibt zu Bedenken: „Wer zu leger und zu sehr ,aus der Form’ auftritt, strahlt wenig Autorität aus.“ Für Frauen hat die Modeexpertin einen ganz besonderen Tipp: Kleid und Blazer liegen derzeit voll im Trend – als Alternative zu Hosenanzug oder Kostüm.

  • Ein zu kleiner Schritt

    Kommentar zur Bankenabgabe von Hannes Koch

    Den Banken eine Krisenabgabe aufzuerlegen, ist für die tendenziell wirtschaftsfreundliche Bundesregierung ein großer Schritt – für das Gemeinwesen allerdings ein viel zu kleiner. Die Abgabe mag zwar den Zweck erfüllen, den Gerechtigkeitssinn vieler Bürger zufriedenzustellen. Auf den zweiten Blick allerdings zeigt sich, dass die Regierung die Banken schont. Die Abgabe beinhaltet mehr Symbolik als eine wirklich Beteiligung an den Kosten der Finanzkrise.

    Schauen wir zurück. Der Ausgangspunkt der Diskussion war dieser: Die großen Banken sollten über ihre unternehmerischen Verluste hinaus auch einen Teil der gigantischen öffentlichen Defizite ausgleichen, die sie verursacht haben. Diese betragen in den großen Wirtschaftsnationen mindestens hunderte Milliarden Euro. Wenn man die Gesamtkosten inklusive der Wachstumseinbußen, sowie Ausgaben für Arbeitslosigkeit und öffentliche Schulden einkalkuliert, gehen die Belastungen für die Staaten möglicherweise in die Billionen.

    Nun aber soll sich die Abgabe den Vorschlägen der Bundesregierung zufolge darauf beschränken, dass die Banken mit einer bescheidenen Milliarde Euro pro Jahr einen Vorsorge-Fonds füllen, um auf künftige Krisen besser vorbereitet zu sein. Die horrenden Kosten der gegenwärtigen Krise spielen merkwürdigerweise keine Rolle mehr.

    Würde die Regierung dagegen auf die Finanzmarktsteuer setzen, die auch Frankreich debattiert, sähe die Sache anders aus. Mehrere europäische Regierungen und Parlamente plädieren mittlerweile dafür, jedes Finanzgeschäft, das Banken tätigen, mit einer sehr kleinen Steuer zu belegen. Wegen des lebhaften Finanzhandels kämen dadurch trotzdem große Summen zusammen. Und die Bankaufsicht könnte verhindern, dass die Institute die Steuer auf ihre Kunden abwälzen. So würde es gelingen, die Verursacher der Krise dazu heranzuziehen, die gigantische öffentliche Verschuldung im Zeitraum einer Generation wenigstens teilweise zu tilgen.

  • Abgabe oder Finanzsteuer – die große Frage

    Die Bundesregierung begnügt sich mit einer bescheidenen Krisenabgabe für Banken. Paris prüft dagegen eine umfassende Finanzmarktsteuer

    Die deutsche und französische Regierung sind uneins, ob die umstrittene Bankenabgabe die einzig richtige Antwort auf die Finanzkrise ist. Nachdem das Bundeskabinett am Mittwoch eine solche Abgabe beschlossen hat, sagte die französische Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde, Frankreich prüfe außerdem die Einführung einer Steuer auf Finanztransaktionen.

    „Wir planen eine maßvolle Abgabe, die sich an den Risiken der Bankgeschäfte orientiert“, erklärte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble während der gemeinsamen Pressekonferenz mit Lagarde. Die französische Ministerin hatte zuvor als erstes ausländisches Regierungsmitglied an einer Kabinettssitzung in Berlin teilgenommen. Der deutsche Bankensektor inklusive der Sparkassen und Volksbanken solle pro Jahr „bis zu 1,2 Milliarden Euro“ aufbringen, so Schäuble. Dieses Geld werde in einen Fonds fließen, um für die Finanzkrisen der Zukunft vorzusorgen. Damit will die Regierung verhindern, dass die Steuerzahler für sämtliche Kosten von Spekulationskrisen aufkommen müssen. Bis zur Sommerpause soll ein entsprechender Gesetzentwurf vorliegen.

    Die französische Ministerin begrüßte einerseits „die Stabilitätsabgabe“. Andererseits sagte sie aber auch, dass die französische Regierung weiterdenke. „Ich will das bestmögliche Instrument“, so Lagarde. Das sei möglicherweise nicht die Bankenabgabe, sondern eine Steuer auf bestimmte Finanztransaktionen, die Lagarde gegenwärtig prüfen lässt. Als Vorteile einer Steuer nannte sie, dass nicht nur Banken, sondern auch andere Finanzinvestoren wie Hedgefonds erfasst würden. Außerdem würden die Einnahmen nicht nur in einen Fonds für die Zukunft fließen, sondern sehr bald im Staatshaushalt zur Verfügung stehen. Lagarde betonte, die Regierungen müssten „innovative Finanzierungsquellen“ finden, um den globalen Klimaschutz und die Entwicklungshilfe zu bezahlen.

    International geht die Diskussion hin und her. Die österreichische Regierung plädiert für die Einführung einer internationalen Transaktionssteuer auf eine Vielzahl von Finanzgeschäften. Das belgische Parlament hat vor Jahren bereits ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. Und im November sprach sich selbst der britische Premier Gordon Brown für die Steuer aus. US-Finanzminister Timothy Geithner ist dagegen, Präsidentenberater Paul Volcker, wie man hört, aber dafür. Der Internationale Währungsfonds wird demnächst einen Bericht zu den unterschiedlichen Varianten vorlegen. Die EU plant ein gemeinsames Vorgehen, eine Lösung ist aber noch nicht in Sicht.

    Vor diesem Hintergrund forderte SPD-Fraktionsvize Joachim Poß die Bundesregierung auf, ebenfalls eine Finanzmarktsteuer einzuführen. Diese könne bis zu zehn Milliarden Euro jährlich allein für den deutschen Staatshaushalt erbringen. Wirtschaftsverbände, sowie die Sparkassen und Volksbanken kritisierten dagegen selbst die Abgabe von einer Milliarde Euro. Die kleinen Institute gehörten nicht zu den Verursachern der Finanzkrise, argumentierte Uwe Fröhlich, der Präsident des Bundesverbands der Volks- und Raiffeisenbanken.

    Einig sind sich die französische und deutsche Regierung darin, ein „Abwicklungsregime“ für marode Banken zu entwickeln. Auch das will die Bundesregierung in einem Gesetzentwurf regeln. Im Krisenfall müsse es leichter werden, Pleite-Banken „entweder zu restrukturieren oder abzuwickeln“, sagte Schäuble. Die Bankenaufsicht wird mehr Eingriffsrechte erhalten, um die Teile von Instituten, die für das Funktionieren des gesamten Systems wichtig sind, zu verstaatlichen und zu sanieren. Die Rechtsposition der Anteilseigner und Gläubiger der jeweiligen Bank wird beschnitten, die Haftung der Vorstände verstärkt. Die Aufteilung, Abwicklung und Sanierung von bankrotten Instituten soll künftig in der Hand der Bundesanstalt für Finanzmarktkstabilisierung liegen, die heute schon den Bankenrettungsfonds Soffin verwaltet.

  • Mehr Offenheit von Schufa & Co

    Ab heute kostenlose Auskünfte

    Was ändert sich heute?

     

    Ab dem 1. April 2010 gilt ein neues Datenschutzrecht. Für Verbraucher bringt dies eine wichtige Neuerung. Wirtschaftsauskunfteien wie die Schufa müssen allen Bürgern auf Anfrage einmal jährlich eine kostenlose Aufstellung der von ihnen gespeicherten Daten übermitteln. Mitgeteilt wird auch, woher die Informationen stammen und an wen sie weitergegeben wurden. Schließlich muss der Scorewert und wie er zustande kommt offen gelegt werden. Die Auskunfteien sind gehalten, ihre Mitteilungen verständlich zu formulieren.

     

    Was bedeutet der Begriff Scoring?

     

    Scoring ist eine mathematische Methode, mit der die Zahlungsfähigkeit von Kunden ermittelt wird. Es ist eine Wahrscheinlichkeitsrechnung. Am Ende steht ein Scorewert, der die Gefahr eines Zahlungsausfalls darstellt. Der Idealwert 100 bedeutet, dass die Bonität absolut sicher ist. Ein Wert von Null wäre der gesichert anzunehmende Ausfall des Schuldners. ermittelt.

     

    Welchen Einfluss haben Bonitätsprüfungen?

     

    Vom Scorewert hängt bei vielen Unternehmen die Bonitätseinschätzung ihrer Kunden ab. Das kann bei einem Kreditantrag, beim Kauf im Versandhandel, beim Strom- und Gasvertrag oder beim Wechsel des Mobilfunkanbieters eine Rolle spielen. Je schlechter der Scorewert, desto teurer kann zum Beispiel der Kredit werden, wenn das Darlehen nicht ganz verweigert wird.

     

    Welche Daten werden von Auskunfteien gesammelt?

     

    Es werden viele Angaben gespeichert, die mit dem Abschluss von Verträgen zusammenhängen. Dazu gehören Kontoverbindungen, Leasing- und Ratenkreditverträge, die Adresse, mögliche Zahlungsausfälle oder -rückstände. Eine Studie Verbraucherministeriums vom letzten Sommer hat den Auskunfteien viele Fehler nachweisen können. 45 Prozent der gespeicherten Daten erwiesen sich als unvollständig oder gar falsch. 

     

    Warum sollten Verbraucher ihre Scoring-Werte kennen?

     

    Wer seinen Scoring-Wert und die ihm zugrunde liegenden Daten kennt, kann erstens sicher stellen, dass keine falschen Informationen über ihn verbreitet werden, zweitens feststellen, wie der Scorewert verbessert werden kann und dadurch drittens eine höhere Kreditwürdigkeit bei der Bank erlangen. Das schlägt sich dann in besseren Darlehenskonditionen nieder.

     

    Wie erhalten die Bürger diese Auskünfte?

     

    Ein einfaches Schreiben an das jeweilige Unternehmen genügt. Einen Musterbrief dafür haben die Verbraucherzentralen unter der Internetadresse www.vzbv.de bereit gestellt.

     

    Kostet die Information etwas?

     

    Einmal jährlich ist die Datenauskunft gratis. Für weitere Anfrage dürfen die Unternehmen Gebühren verlangen. Die Schufa stellt zum Beispiel ab der zweiten Mitteilung 18,50 Euro in Rechnung.

     

    Welche Auskunfteien sammeln Kundendaten?

     

    Es gibt einige große Unternehmen in der Branche, die über den Löwenanteil der Daten verfügen. Die größte Auskunftei ist die Schufa. Aber auch Creditreform, Arvato Infoscore und Bürgel sind in diesem Geschäft zuhause. Zudem bieten etliche kleinere Firmen ihre Dienste an.

  • Wieder der Dumme

    Kommentar

    Die Änderungen beim Datenschutz gehen nicht weit genug. Im Ausgleich zwischen den Interessen der Wirtschaft und denen der Verbraucher haben die Kunden einmal mehr den Kürzeren gezogen.

     

    Grundsätzlich ist die Neuerung positiv. Seit Jahren sammeln Auskunfteien Daten über die Bürger, von der Adresse hin bis zum Zahlungsverhalten. Für fehlerhafte Informationen mussten die Verbraucher die Zeche zahlen, zum Beispiel über höhere Kreditzinsen. Insofern ist es gut, dass die Unternehmen die gespeicherten Informationen nun einmal jährlich kostenlos herausrücken und erklären müssen, auf welcher Basis eine Bonitätseinstufung der Kunden erfolgt. Doch die Regelung hat einen dicken Haken. Verbraucher müssen erst einmal einen gewissen Aufwand in Kauf nehmen, um an die über sie gesammelten Daten heranzukommen. Wer weiß schon, von welcher Auskunftei er erfasst wurde? Auf die Schufa werden die meisten Bürger noch kommen. Aber auf dem Markt tummeln sich noch viele andere Firmen. Zudem muss der Kunde selbst aktiv werden und die Übermittlung der Daten einfordern. Das kostet Zeit und auch noch Porto. Der Andrang wird daher nicht sonderlich groß sein.

     

    Die Verantwortung müsste umgekehrt werden. Die sammelnden Firmen sollten die entsprechenden Mitteilungen von sich aus allen Bürgern zusenden müssen, deren Daten sie sammeln. Schließlich verdienen sie mit den persönlichen Informationen gutes Geld und ihre Fehleranfälligkeit ist hinlänglich nachgewiesen. Natürlich würde dies hohe Kosten verursachen. Doch dies sollte ja wohl nicht das Problem der Verbraucher sein.

     

    Der Grundsatz sollte überall im Datenschutz eine stärkere Rolle spielen. Nur wenn das blinde Sammeln von Informationen etwas kostet, werden sich die beteiligten Unternehmen auf das Notwendigste beschränken und Fehlerquellen systematisch begegnen. Mit Blick auf die Arbeitsplätze in den betroffenen Branchen entscheidet die Politik leider grundsätzlich anders. Daher bleibt der Verbraucher am Ende stets der Dumme.

     

     

  • “Suchtmittel werden nicht eingesetzt”

    Experte im Interview

    Um Tiernahrung ranken sich immer wieder Legenden, weil niemand so recht weiß, was darin ist. Der Veterinärmediziner Prof. Jürgen Zentek von der Freien Universität Berlin ist Spezialist für die Ernährung der häuslichen Kleintiere. Neben der Uni ist Zentek auch im wissenschaftlichen Beirat des Verbands für das Deutsche Hundewesen und der Europäischen Gesellschaft für veterinärmedizinische Tierernährung tätig. Der 50-jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder. 

     

     

    Aus welchen Rohstoffen wird Tierfutter hergestellt?

     

    Jürgen Zentek: Für die Herstellung dürfen nur Materialien verwendet werden, die auch für den Menschen als Nahrung geeignet wären. Beim Schwein verwerten Menschen beispielsweise nur noch die Hälfte für sich selbst. Die zweite Hälfte wollen die Menschen nicht mehr. Erhebliche Teile davon werden dann zu Heimtiernahrung verarbeitet. Kadaver landen nicht im Tierfutter. Das Fleisch wird durch Zerealien, Gemüse und Getreide ergänzt.

     

    Immer wieder werden Zusatzstoffe und Geschmacksverstärker im Tierfutter beklagt. Auch über Suchtmittel wird immer wieder spekuliert, damit die Vierbeiner einer Marke treu bleiben. Treffen die Vorwürfe zu?

     

    Zentek: Zusatzstoffe dürfen nur eingesetzt werden, wenn sie europaweit zugelassen worden sind. Diese Erlaubnis gibt es nur, wenn der Nachweis erbracht wurde, dass sie keinen Schaden anrichten. Manche Zusatzstoffe sind lebensnotwendig, zum Beispiel Vitamine und Spurenelemente. Andere dienen der Haltbarkeit wie Antioxidationsmittel, ohne die Fette ranzig werden würden. Zutaten, die Hund oder Katze süchtig machen, werden nicht eingesetzt. Diese Geschichte gehört ins Reich der Legenden.

     

    Die Tiere kommen also von alleine auf den Geschmack…?

     

    Zentek: Letztlich ist die Rezeptur des jeweiligen Produktes entscheidend. Sie ist nicht umsonst ein gut gehütetes Betriebsgeheimnis. Letztlich müssen die Besitzer ausprobieren, was  ihrem

    Tier schmeckt und gut tut.

     

    Gibt es große Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Produkten?

     

    Zentek: Die meisten Produkte enthalten ausreichend viele Nährstoffe. Rein rational betrachtet ist auch preiswertes Futter genauso aus der Sicht der Nährstoffversorgung meistens zweckmäßig zusammengesetzt. Wenn Hersteller preiswert produzieren, haben sie bei der Rezeptur weniger Möglichkeiten als die Produzenten teurer Nahrung. So schwanken zum Beispiel Rohmaterialien und Rezepturanteile bei preiswertem Futter häufiger.

     

    Viele Hunde oder Katzen wirken zu dick. Wird beim Füttern des Guten zu viel getan?

     

    Zentek: Übergewicht ist tatsächlich verbreitet. Zwischen 20 und 30 Prozent der Hunde sind schätzungsweise zu dick. Die Besitzer sind für den Ernährungszustand selber verantwortlich. Sie sollten sich über den Kalorienbedarf ihrer Tiere bewusst werden. Heimtiere haben oft zu wenig Bewegung und verbrennen daher wenig Energie. Die Folgen von Übergewicht sind denen beim Menschen vergleichbar. Es steigt beispielsweise die Gefahr von Herz-Kreislauf-Krankheiten.

     

    Was hilft gegen das Übergewicht?

     

    Zentek: Notfalls hilft eine Diät. Die Futtermenge muss reduziert werden. Am besten wird dies zusammen mit dem Tierarzt geplant. En halbes Jahr sollte für die Kur eingeplant werden. Es könnte Diätfutter eingesetzt werden oder Produkte, die viele Ballaststoffe enthalten. Auf der anderen Seite sollten sich die Tiere mehr bewegen. Das sind im Grunde dieselben Rezepte, die auch für übergewichtige Menschen gelten.

  • Petersilie statt Maus

    Auch beim Tierfutter gibt es Trends

    Auch profane Gewürzkräuter können Gemüter erregen. Das ist bei einigen Fernsehzuschauern der Fall, wenn ein Werbespot für Katzenfutter anläuft. Am Ende legt die gepflegte Hand einer modernen jungen Frau ein paar Blättchen Petersilie zur Abrundung der Portion für das anschmiegsame Haustier auf den Teller und leckt sich hernach auch noch die Finger ab, als habe sie gerade den letzten Bissen eines Sterne-Menüs verschlungen.

     

    Doch Edles sieht die Industrie für Kätzchen in der Regel nicht gerade vor, wie der Journalist Hans-Ulrich Grimm feststellt. „Das ist 100 Prozent Show“, sagt der Ernährungsfachmann. Was nach Kaviar oder Hummer aussehe, sei schlicht Abfall. „Das kommt aus der Tierkörperbeseitigungsanlage“, sagt Grimm, der den Weg des Tierfutters in einem Buch nachgezeichnet hat. Dem Auto zufolge kommen vor allem Fleischreste zum Einsatz, die durch Zusatzstoffe und Geschmacksverstärker aufgepeppt werden. Von „Schlemmer-Terrinen“, wie eine andere Reklame weismachen will, kann danach beim Tierfutter nicht die Rede sein, jedenfalls aus menschlicher Sicht.

     

    Doch die Verwertung von Fleischresten für die putzigen Heimtiere ist nicht anrüchig. Seit Jahrtausenden werden Hunde oder Katzen mit den vom Menschen übrig gelassenen Essensresten abgespeist. Die meisten Experten haben gegen die Qualität der Fertignahrung wenig einzuwenden. Das gilt auch für die umstrittenen Beigaben. „Zusatzstoffe werden oft zu Unrecht verteufelt“, findet die Stiftung Warentest und verweist zum Beispiel auf die wichtigen Vitaminzusätze.

     

    Den Werbeagenturen geht es weniger um den Geschmack der Vierbeiner als um den von Frauchen und Herrchen. Die Besitzer sind es schließlich, die für das Futter tief in die Tasche greifen. Für Waldi oder Minka ist oft nichts zu teuer, wie der Industrieverbands Heimtierbedarf (IVH) weiß. „Das ist ein Familienmitglied und soll gut behandelt werden“, sagt Verbands-Sprecher Detlev Nolte. Statt Maus oder Spatz gibt es Huhn, Rind und Pute, eben das, was dem Besitzer schmeckt. Die Vierbeiner dürfen die Vorlieben des Halters teilen und werden beispielsweise mit Biokost oder aus der fair gehandelten Dose ernährt. Bisweilen droht den Fleischfressern auch ein garstiges Schicksal. So erkundigen sich einige überzeugte Vegetarier in einschlägigen Internetforen nach Möglichkeiten, ihre Katze allein pflanzlich zu ernähren. Dieser Versuch findet allerdings selbst unter Gleichgesinnten wenig Anklang. Voll im Trend liegen dagegen Produkte, die einen Zusatznutzen versprechen, etwa besonders gut auf junge und ältere Tiere abgestimmt oder weniger fettreich sind. „Die Trends sind dieselben wie im Lebensmittelbereich“, beobachtet Nolte.

     

    Die Industrie kann auch in Krisenzeiten auf eine treue Kundschaft bauen. „Heimtiere sind nicht konjunkturabhängig“, sagt der IVH-Sprecher. Der Milliardenmarkt erweist sich als Hort der Stabilität. Rund 2,6 Milliarden Euro geben die Deutschen jährlich allein für Tierfutter aus. Dazu kommen noch mehr als 900 Millionen Euro, die für das Zubehör auf den Tisch gelegt werden, also für das Katzenklo, das Aquarium oder den Vogelkäfig. Am meisten geben Katzenbesitzer für Fertignahrung aus. Mehr als ein Drittel der Haushalte in Deutschland hält sich wenigstens einen kleinen Freund. 8,2 Millionen Katzen – in jedem sechsten Haushalt eine – und 5,5 Millionen Hunde zählt der IVH. Dazu trällern 3,4 Millionen Vögel ihr Lied im Käfig. Zwei Millionen Aquarien bieten Zierfischen ein Zuhause. Weitere 6,2 Millionen Kleintiere, vom Kaninchen über das Meerschwein bis zur Maus erfreuen die Bundesbürger.

     

    Angesichts der prächtigen Umsätze mischen viele Firmen im Geschäft mit der Tiernahrung mit. Dabei sind auch internationale Riesenkonzerne wie das US-Unternehmen Mars, das mit Marken wie Whiskas, Kitekat, Pedigree, Frolic, Sheba, Chappi oder Cesar zu den Marktführern gehört. Der Schweizer Nestlè-Konzern ist dabei, aber auch viele kleinere Unternehmen. Auf bis zu 100.000 Jobs schätzt der IVH den Arbeitsmarkteffekt der Heimtierbranche. Im Vertrieb gibt es eine Art Aufgabenteilung. Der Futterverkauf wird zu zwei Dritteln vom Lebensmittelhandel dominiert. Der Rest entfällt auf Fachhändler. Beim Zoobedarf wiederum haben die kleinen Geschäfte die Nase weit vor.

     

    Das Krefelder Unternehmen Fressnapf zeigt, dass Fachmarktkonzepte nicht nur bei Heimwerkern oder Elektronikfans gut ankommen. Die Firma wächst seit Jahren kräftig und verzeichnete selbst im Krisenjahr 2009 ein Umsatzplus von über zwölf Prozent auf gut 830 Millionen Euro. Zu den bereits bestehenden 760 Filialen in Deutschland sollen allein in diesem Jahr 100 weitere dazu kommen. Fressnapf-Chef Torsten Toeller ist zuversichtlich, dass der Boom anhält. „Die Heimtierbranche ist eine relativ robuste Branche“, glaubt der Unternehmensgründer.

  • Regierung zwingt Banken zu Krisenvorsorge

    Institute sollen rund eine Milliarde Euro jährlich in einen Risikofonds einzahlen, damit die Steuerzahler künftige Krisen nicht alleine finanzieren müssen

    Rund eine Milliarde Euro pro Jahr sollen die Banken zurücklegen, um für künftige Finanzkrisen vorzusorgen. „Beitragspflichtig zu diesem Fonds sind alle deutschen Kreditinstitute“, heißt es in einem Regierungsentwurf mit dem Titel „Eckpunkte für die Finanzmarktregulierung“, der dieser Zeitung vorliegt. Leo Dautzenberg, der finanzpolitische Sprecher der Union im Bundestag, bestätigte die Größenordnung der geplanten Sondersteuer für Banken.

    Nachdem US-Präsident Barack Obama für sein Land eine ähnliche, wenngleich höhere Bankenabgabe angeregt hatte, stieg in den vergangenen Monaten auch der Druck auf die Bundesregierung, den hiesigen Banken einen sichtbaren Beitrag zur Krisenbewältigung abzuverlangen. Allerdings geht es nun nicht um die immensen Kosten der gegenwärtigen Krise, sondern nur um Vorsorge für eventuell kommende Unfälle.

    Gemessen an den Ausgaben für die aktuelle Finanz- und Wirtschaftskrise nimmt sich die Abgabe bescheiden aus. Innerhalb von 20 Jahren würden die Institute eine Rücklage von 20 Milliarden Euro ansparen. Zum Vergleich: Für die Rettung einer einzigen Bank, der maroden Münchner Hypo Real Estate, muss der deutsche Staat jetzt wohl zehn Milliarden Euro ausgeben. Und das krisenbedingte Defizit im Bundeshaushalt alleine des Jahres 2010 beträgt 80 Milliarden Euro.

    Wolfgang Wiegard, Wirtschaftsprofessor in Regensburg und Berater der Bundesregierung, hält die geplante Bankenabgabe trotzdem „für durchaus akzeptabel“. Die gegenwärtige Krise sei eine außergewöhnlich schwere und teure, argumentiert Wiegard. So etwas komme nur sehr selten vor. Deshalb sei es „bedenklich“, wenn man die Regierung die Banken zwingen würde, einen „sehr große Summen anzusparen“.

    Noch hat die Regierung nicht genau ausgearbeitet, welche Institute wieviel Geld auf welcher Berechnungsbasis zahlen sollen. Im Eckpunkte-Papier heißt es aber. „Die Beitragsbemessung wird am systemischen Risiko ausgerichtet sein.“ Das heißt: Den größten Teil der jährlichen Milliarde müssen die wichtigen Privatinstitute aufbringen, darunter die Deutsche Bank, die Commerzbank und die HypoVereinsbank. Unter anderem diese Institute betreiben risikoreiche Geschäfte auf den internationalen Finanzmärkten.

    Aber auch die öffentlichen Landesbanken, die Sparkassen und Volksbanken sollen einen gewissen Beitrag leisten. Dagegen haben die kommunalen und genossenschaftlichen Institute bereits Protest eingelegt. Sie argumentieren, sie hätten die Finanzkrise nicht verursacht. Das ist jedoch eine Behauptung, die zumindest im Falle der Sparkassen, denen die besonders betroffenen Landesbanken zum guten Teil gehören, in die Irre geht.

    Das Eckpunkte-Papier will das Bundeskabinett während seiner Sitzung am Mittwoch beschließen. Mit dabei sein wird Frankreichs Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde. Auch die französische Regierung arbeitet an einer Bankenabgabe. Lagarde und Bundesfinanzminister Wolfgang wollen die Bankenabgabe vorantreiben, um sie auf die Tagesordnung der G20-Gruppe der wichtigsten Wirtschaftsnationen zu setzen.

  • Deutsche Löcher im Schweizer Bankgeheimnis

    Die Schweiz verpflichtet sich, deutschen Finanzämtern künftig mehr Informationen über Steuerhinterzieher mitzuteilen. Außerdem soll eine höhere Abgeltungssteuer nach Deutschland fließen

    Diesen Vertrag werden nicht wenige Schweizer hassen. Er gilt ihnen als überflüssige Geste der Unterwerfung unter den Willen des großen, arroganten Nachbarn Deutschland. Auch mit Rücksicht auf diese Stimmung gab sich der Schweizer Finanzminister Hans-Rudolf Merz am Freitag zurückhaltend, was die Einzelheiten des neuen Steuerabkommens mit Deutschland betraf.

    Merz und sein deutscher Kollege Wolfgang Schäuble parafierten in Berlin den Entwurf des Abkommens. Obwohl wichtige Details noch nicht bekannt sind oder erst ausgehandelt werden müssen, ist klar: Das traditionelle Schweizer Bankgeheimnis gehört der Vergangenheit an. Künftig sind Behörden und Finanzinstitute der Alpenrepublik verpflichtet, deutschen Finanzämtern mehr Informationen über potenzielle Steuerhinterzieher und ihre in der Schweiz angelegten Vermögen mitzuteilen als bisher.

    Das Abkommen mit Deutschland ist ein weiterer Schritt der Abschaffung des strikten Schweizer Bankgeheimnisses. Im vergangenen Jahr bereits hatte die Regierung in Bern ihre langjährigen Vorbehalte gegen die Steuerstandards der Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) aufgegeben. Die Schweiz muss derartige Kompromisse eingehen, um nicht auf der OECD-Liste der Steueroasen zu landen. Staaten auf dieser Liste riskieren Strafen im internationalen Handel.

    Über viele Details des neuen Abkommens herrschen noch Differenzen zwischen Berlin und Bern. Im Bundesfinanzministerium sieht man einen zentralen Punkt so: Der Informationsaustausch zwischen beiden Ländern müsse künftig so einfach sein, „wie zwischen deutschen Finanzämtern“. Das hieße beispielsweise: Fragt das Kölner Finanzamt, welcher deutsche Name sich hinter einer Schweizer Kontonummer verberge, so müssten die Schweizer Kollegen helfen.

    Die Mitarbeiter von Bundesrat Merz vertreten dagegen eine andere Position. „Damit ein effektiver Informationsaustausch möglich wird, bedarf es auch künftig der zweifelsfreien Identifikation der betroffenen Steuerpflichtigen.“ Das könnte bedeuten: Deutsche Finanzämter bekommen nach wie vor keine ausreichenden Antworten auf ihre Fragen, und die Schweiz gewährt Steuerhinterziehern weiterhin Schutz.

    Merz betonte, dass es auch künftig keinesfalls einen „automatischen oder spontanen Austausch“ von Steuerinformationen zwischen den beiden Staaten geben werde. Und an einem weiteren Punkt bleibt die Regierung in Bern hart. Kauft Deutschland Bankdaten, die Schweizer Banken gestohlen wurden, leisten die Behörden des Alpenlandes keine Amtshilfe bei der dadurch ausgelösten Verfolgung der Steuerhinterzieher. Das gilt auch für die gegenwärtig in Deutschland laufenden Ermittlungen gegen tausende Steuerflüchtige.

    Eine gemeinsame Arbeitsgruppe soll in den kommenden Monaten weitere strittige Fragen klären. Schäuble legt Wert darauf, dass beide Länder ein Verfahren finden, um die in der Schweiz lagernden Vermögen deutscher Bürger nachzuversteuern. Schätzungen über die versteckten Vermögen belaufen sich auf 100 bis 200 Milliarden Euro. Außerdem geht es um eine Abgeltungssteuer, die die Schweiz künftig auf die Zinseinnahmen deutscher Vermögen erheben und teilweise nach Deutschland überweisen soll.

    Bis zur Unterzeichnung des Doppelbesteuerungsabkommens, das die ausgeweitete Informationspflicht umfasst, dürften noch einige Monate vergehen. Es ist nicht ausgeschlossen, dass die rechtspopulistische Schweizer Volkspartei eine Volksabstimmung gegen den Vertrag durchsetzt. Das dürfte ein Grund sein, warum Bundesrat Hans-Rudolf Merz den Ball am Freitag flach halten und nicht allzu viele Informationen über das künftig löchrige Schweizer Bankgeheimnis preisgeben mochte.

  • AltenpflegerInnen erhalten mindestens 7,50 Euro Lohn

    Auf neue Mindestlöhne in der Pflege haben sich Unternehmen und Gewerkschaft der Pflegebranche geeinigt. Minimum im Westen: 8,50 Euro

    Mit der Pflege bekommt bald eine weitere Branche in Deutschland Mindestlöhne. Für rund 750.000 Altenpflegerinnen und Pfleger gelten dann die Untergrenzen von 7,50 Euro in Ostdeutschland und 8,50 Euro im Westen. Darauf haben sich am Donnerstag die Arbeitgeberverbände, die Vertreter der Beschäftigten in kirchlichen Einrichtungen und die Gewerkschaft Ver.di geeinigt.

    Bundesarbeitsminister Ursula von der Leyen (CDU) hat bereits angekündigt, den neuen Mindestlohn für allgemeinverbindlich zu erklären. Weil Gesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) ebenfalls zustimmt, dürfte es auch im Bundeskabinett keine Probleme geben.

    Das bedeutet: Kein Betreiber von Pflegeheimen und ambulanten Diensten darf seine Beschäftigten künftig schlechter bezahlen. Die Mitarbeiter der Branche werden damit ein einklagbares Recht auf Mindestlohn erhalten. Heute dagegen sind Stundenlöhne von vier bis sieben Euro keine Seltenheit.

    „Ich begrüße den Mindestlohn außerordentlich“, sagte von der Leyen. Die Untergrenze trage dazu bei, die Qualität der Pflegeleistungen aufrechtzuerhalten. „Der Mindestlohn wirkt als Auffangnetz“, ergänzte Rainer Brückers, der die Verhandlungskommission im Auftrag von der Leyens leitete. Damit bestehe Hoffnung, die „Abwärtsspirale beim Lohn“, die seit 15 Jahren zu beobachten sei, zu stoppen.

    Die neue Untergrenze wird wahrscheinlich ab 1. Juli 2010 in Kraft treten. Nicht erfasst sind Praktikanten, Hauswirtschaftshelfer und aushelfende Demenzbetreuer. Zum 1. Januar 2012 und zum 1. Juli 2013 soll der Mindestlohn in zwei Stufen auf acht Euro im Osten und neun Euro im Westen steigen.

    Wo der Mindestlohn liegen sollte, war in den Verhandlungen der vergangenen Monate umstritten. Die Gewerkschaft Ver.di, die katholische Caritas und die Arbeitnehmerseite der evangelischen Diakonie wollten ihn bei etwa zehn Euro pro Stunde festlegen. Dagegen plädierte der Arbeitgeberverband Pflege, in dem viele private Betreiber zusammengeschlossen sind, und die Arbeitgeberseite der Diakonie für einen niedrigeren Mindestlohn auf der nun beschlossenen Höhe.

    Die jetzt definierte Untergrenze bedeutet, dass eine Pflegerin im Osten bei Vollzeit monatlich 1.200 Euro brutto verdient. Der Nettolohn dürfte oft unter 1.000 Euro pro Monat liegen. Pflegerinnen im Westen bekommen etwas mehr. „Im Vergleich zur Arbeit sind solche Verdienste nicht angemessen“, sagte Ver.di-Vertreterin Ellen Paschke. Trotzdem habe man schließlich zugestimmt, weil es ohne einen Konsens in der Verhandlungskommission überhaupt keinen Mindestlohn gegeben hätte.

    Manfred Freyermuth, der für die Beschäftigten der Diakonie verhandelte, bezeichnete die harte Haltung der Geschäftsführung der Diakonie als „großes Ärgernis“. Das Unternehmen Diakonie versuche, den Lohn unter das Niveau des existierenden Tarifvertrags drücken, der augenblicklich minimal 8,77 Euro pro Stunde vorsehe, so Freyermuth.

  • Offene Türen für Datenräuber

    Knapp ein Viertel der Deutschen ist regelmäßig in sozialen Online-Netzwerken unterwegs. Eine aktuelle Untersuchung der Stiftung Warentest hat jetzt gezeigt: Facebook, Stayfriends und Co. sind nicht sicher. Hier die Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um den Test.

    Welche sozialen Netzwerke wurden untersucht?

    Zehn Online-Plattformen haben die Verbraucherschützer unter die Lupe genommen: Alle deutschsprachigen Netze mit mehr als 100.000 Nutzern am Tag wie schülerVZ und studiVZ, sowie die amerikanischen Plattformen Facebook, LinkedIn und Stayfriends.

    Was hat die Untersuchung ergeben?

    Alle getesteten Netzwerke weisen  in Punkto Datensicherheit und Datenschutz Mängel auf. Besonders leichtfertig gehen die großen amerikanischen Netzwerke mit den Daten ihrer Nutzer um. Facebook, Myspace und LinkedIn schränken die Rechte der User ein, räumen sich selbst aber weitreichende eigene ein.  Besonders problematisch bei den Übersee-Portalen sehen die Warentester die Weitergabe privater Daten an Dritte.

    Warum ist es problematisch, wenn private Daten in die Hände von Dritten gelangen?

    Befinden sich die Dritten im  außereuropäischen Ausland, dann ist dem Missbrauch „Tür und Tor“ geöffnet, so die Warentester. Die User haben keine Kontrolle mehr darüber, wie ihre Daten genutzt und wohin sie verbreitet werden.

    Können persönliche Daten „geknackt“ werden?

    Die Tester haben einen Angriff auf die Netzwerke gestartet –
    als „Hacker mit Erlaubnis“, also mit Einverständnis der Anbieter. Bei einigen Portalen hat es nur wenige Tage gedauert, bis sie mit relativ einfachen Mitteln jedes beliebige Nutzerkonto übernehmen und auf die Daten zugreifen konnten. Auch studiVZ und schülerVZ erwiesen sich als manipulierbar. Der Test zeigt: Problemlos können Unbefugte Nutzername und Kennwort mitschneiden, wenn die Netzwerke über ein unverschlüsseltes WLan-Netz und ein Smartphone angesteuert werden.

    Gibt es noch weitere Sicherheitslücken?

    Bei Facebook haben sich die allseits beliebten Zusatzanwendungen, also Spiele wie „Farmville“ oder „Mafia Wars“, als Einfallstor für Datenmissbrauch erwiesen. Die Spiele werden von Dritten auf der Plattform angeboten. Wer mitspielt, hat keine Kontrolle mehr darüber, ob eigene Daten wie Beziehungsstatus oder politische Ansichten weitergegeben werden.  

    Können Nutzer einen Schaden davon tragen?

    Ja. Unbefugte können zum Beispiel unrichtige Daten über einen Nutzer verbreiten oder anstößige Bilder einstellen. Das kann für den Betroffenen einen Imageverlust bedeuten oder sogar schwerwiegendere Konsequenzen mit sich bringen. Im Test haben die Warentest-Hacker einem vermeintlichen Opfer die Identität eines Trinkers gegeben. In der Wirklichkeit hätte das für den User vielleicht den Verlust des Arbeitsplatzes bedeutet.

    Wie können Netzwerknutzer verhindern, dass ihre Daten missbraucht werden?

    Das Fazit der Stiftung Warentest lautet: Jeder Verbraucher ist sein eigener Datenschützer. Daten, die nicht ins Internet gestellt werden, können auch nicht zweckentfremdet werden.

  • Die besseren Plattformen

    Die Untersuchung der Stiftung Warentest hat auch Positives ans Licht gefördert. Im Umgang mit privaten Daten schneiden studiVZ und schülerVZ „sehr gut“ und „gut“ ab. Die Begründung der Tester: Beide Netzwerke bieten dem Nutzer Einflussmöglichkeiten auf die Verwendung seiner Daten, die Verwertungsrechte bleiben bei ihm, und sie geben kaum Daten an Dritte weiter.

    Nach früheren Problemen mit dem Datenschutz haben die VZ-Plattformen die Softwarequalität und Datensicherheit vom Tüv-Süd prüfen lassen. Auf der sicheren Seite sollten sich Netzwerknutzer deshalb dennoch nicht wägen. Denn wichtige Sicherheitsaspekte werden vom Tüv gar nicht überprüft.

  • Bahngewinn geht um ein Drittel zurück

    Passable Bilanz trotz Krise

    Die Deutsche Bahn will für mehr Sicherheit an Bahnhöfen und in den Zügen sorgen. Auch sollen die Reisenden besser über Probleme im Zugverkehr informiert werden. Dies kündigte Bahnchef Rüdiger Grube am Donnerstag auf der Bilanzpressekonferenz des Unternehmens an. Dafür will der Konzern mehr Personal einsetzen. Auch sollen die Bahnhöfe sauberer werden. Schließlich holt die Bahn derzeit die ICE-Flotte in die Werkstätten, wo kleinere Schäden behoben werden sollen. Diese Arbeiten wurden zuletzt aufgrund der gravierenden technischen Probleme an den Achsen unterlassen. „Wir werden alle Mängel von der Toilettenspülung bis hin zum defekten Klapptisch beheben“, versprach der Vorstand.

     

    Die Kunden sollen wieder zufriedener werden. Das ist ein Teil der Strategie der Bahn in der nächsten Zeit. Zu tun ist viel. Grube räumte ein, dass die Pünktlichkeit der Züge zu wünschen übrig lässt. Auch das Berliner S-Bahn-Debakel ist noch nicht ausgestanden. Erst im kommenden Jahr werden die Züge in der Hauptstadt wie gewohnt fahren. 220 Millionen Euro büßte der Konzern allein hier ein.

     

    Zweites Ziel der Bahn ist der wirtschaftliche Betrieb trotz Krise. Das ist Grube in seinem ersten Jahr als Vorstandsvorsitzender recht gut gelungen. Der Gewinn des Konzerns brach zwar um ein Drittel ein. Doch unter dem Strich blieb am Ende noch ein Überschuss von 830 Millionen Euro hängen, ein Minus von gut 37 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Auch der Umsatz verminderte sich um mehr als zwölf Prozent auf 29,3 Milliarden Euro. Vor allem im Güterverkehr machte sich die Krise bemerkbar. Die Sparte rutschte von über 300 Millionen Euro Gewinn mit einem Minus von 189 Millionen Euro tief in die Verlustzone. Angesichts des Umfeldes zeigt sich Grube mit den Ergebnissen zufrieden, zumal der Konzern auch mehr als 900 Millionen Euro Schulden abbauen konnte. Die rund 250.000 Beschäftigten erhalten einen Bonus von je 300 Euro, obwohl die tariflichen Schwellenwerte dafür nicht erreicht wurden.

     

    Im laufenden Jahr erwartet die Bahn wieder bessere Geschäfte. Der Umsatz werde um fünf Prozent steigen, sagte der scheidende Finanzvorstand Diethelm Sack. Grube hat sich einiges vorgenommen. Ein wichtiges Vorhaben sind die anstehenden Tarifverhandlungen. Ziel ist einerseits ein Tarifvertrag für alle Bahnunternehmen, um dem Dumpingwettbewerb im Regionalverkehr entgegen zu wirken. Andererseits wollen Bahn und Gewerkschaften die Ende 2010 auslaufende Beschäftigungsgarantie verlängern. „Voraussetzung ist allerdings, dass Leistung und Gegenleistung zueinander in einem ausgewogenen Verhältnis stehen“, verlangt Grube von den Gewerkschaften Zugeständnisse an anderen Stellen.

     

    Zweiter Schwerpunkt wird der internationale Ausbau des Geschäftes sein. Dabei hat die Bahn mehr Europa als den Rest der Welt im Visier. So will die Bahn in England das wichtige Bahnunternehmen Arriva einverleiben. Ob es zu einem Übernahmenangebot kommen wird, sei aber noch offen, hieß es. Auch soll der ICE bald von Deutschland aus durch den Kanaltunnel nach London rollen. Italien und Frankreich sind weitere Märkte, in die Grube eindringen will. Dahinter steht die Vermutung, dass der Konzentrationsprozess bei den europäischen Bahnen an Tempo gewinnen wird und am Ende nur noch fünf Unternehmen den Schienenverkehr auf dem Kontinent dominieren werden. Die Bahn will einer dieser Branchenriesen werden.

     

  • Geteilte Hilfe für Griechenland

    Der Internationale Währungsfonds und die Euro-Länder werden jeweils die Hälfte der Kredite geben, sollte Griechenland Geld brauchen. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Rettungsplan

    Das verschuldete Griechenland braucht möglicherweise eine Milliardenhilfe. Etwa die Hälfte des benötigten Geldes soll Athen vom Internationalen Währungsfonds (IWF) erhalten. Die andere Hälfte würden die Euro-Länder aufbringen. Der deutsche Anteil betrüge dabei etwa zwei Milliarden Euro. Dieses Paket zeichnet sich im Vorfeld des Europäischen Gipfels ab, der am Donnerstag in Brüssel beginnt.

    Die Ausgestaltung der Hilfen ist noch nicht beschlossen. Nach Informationen dieser Zeitung könnten sich die Länder der Euro-Gruppe darauf verständigen, dass „nach allen anderen Optionen“ auch der IWF hinzugezogen wird. Unter anderem die Europäische Zentralbank sieht die Beteiligung des IWF kritisch, Kanzlerin Angela Merkel treibt diese Variante aber voran.

    Wie würde die Hilfe insgesamt organisiert? Unsere Zeitung beantwortet die wichtigsten Fragen.

    Worin besteht die Aufgabe des Internationale Währungsfonds?

    Der Internationale Währungsfonds (IWF) in Washington springt mit Krediten ein, wenn Mitgliedsländer in großen Zahlungsproblemen stecken. Als Gegenleistung für die Hilfe stellt er den Schuldnern wirtschafts- und finanzpolitische Bedingungen. Dazu gehört typischerweise, den Staatsapparat zu verkleinern und die öffentlichen Ausgaben zu kürzen.

    Wieviel zahlt der IWF?

    Als Mitglied des Währungsfonds hält Griechenland augenblicklich 0,38 Prozent des Kapitals und der Stimmrechte des Fonds. Der Mittelmeerstaat verfügt damit etwa 800 Millionen Sonderziehungsrechte (SZR) die augenblicklich etwa eine Milliarde Euro wert sind. Die SZR sind die Währung des IWF. Auf dieser Basis berechnet könnte das Land einen Kredit von bis zu zwölf Milliarden Euro erhalten.

    Reicht das Geld des IWF aus?

    Nein, Griechenland muss bald alte Kredite zurückzahlen, die bis zu 25 Milliarden Euro ausmachen. Die Unterstützung des Währungsfonds würde etwa die Hälfte dieser Summe abdecken, wenn Athen nicht mehr in der Lage sein sollte, selbst Mittel auf dem Kapitalmarkt zu beschaffen.

    Woher kämen die übrigen Mittel?

    Die zweite Hälfte würden wohl die Euro-Staaten zur Verfügung stellen. Auf bilaterale Kredite und Garantien entfielen damit rund zwölf Milliarden Euro. Etwa ein Fünftel davon müsste nach den gängigen Verteilungsschlüsseln Deutschland übernehmen. Um direkte Kredite würde es sich dabei allerdings nicht handeln, sondern beispielsweise um Bürgschaften durch die öffentliche KfW-Bankengruppe.

    Wäre eine Rettungsaktion durch den IWF außergewöhnlich?

    Nein, Dutzende von Ländern wandten sich in den vergangenen Jahrzehnten hilfesuchend an den IWF. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise haben auch europäische Staaten Kredite des Fonds in Anspruch genommen – beispielsweise Lettland, Island und Ungarn. Noch nicht vorgekommen ist es, dass ein Mitglied der Euro-Gruppe einen Kredit des IWF erhielt.

    Warum sieht Finanzminister Schäuble die Hilfe des IWF kritisch?

    Wolfgang Schäuble hat vorgeschlagen, einen Europäischen Währungsfonds analog zum IWF zu gründen. Der Finanzminister will verhindern, dass sich der IWF, in dem die USA die mächtigste Position innehaben, in die europäische Wirtschafts- und Finanzpolitik einmischt. Weil der IWF zudem oft Vorgaben für die Politik der jeweiligen Notenbanken macht, würde auch die Unabhängigkeit der Europäischen Zentralbank in Frage gestellt.

    Warum drängt Kanzlerin Merkel darauf, den Fonds einzuschalten?

    Bundeskanzlerin Angela Merkel setzt sich im Gegensatz zu Schäuble für Hilfen des IWF ein. Sie will unter anderem Vorwürfe entschärfen, dass die ohnehin verschuldete Bundesregierung nun auch noch knappe Steuermittel an Griechenland verschwende.

    Was bedeutet das Griechenland-Problem für den Wert des Euro?

    Am Mittwoch verlor die europäische Währung an Wert, weil die Händler auf den Finanzmärkten den Euro-Ländern nicht zutrauten, die Griechenland-Krise ohne die Hilfe des IWF zu lösen. Außerdem stufte die Rating-Agentur Fitch die Kreditwürdigkeit Portugals herunter, eines ebenfalls hoch verschuldeten Euro-Landes. Der Wert des Euro sinkt, wenn die Staaten der Euro-Gruppe die Krise nicht selbst und wirksam lösen.

  • BGH schränkt Koppelung vom Öl- und Gaspreis ein

    Nur wenige Kunden profitieren vom Urteil

    Der Bundesgerichtshof (BGH) hat ein womöglich folgenreiches Urteil zu den Gaspreisen für Verbraucher gefällt. Die Richter entschieden am Mittwoch zugunsten zweier Kläger, dass Versorgungsunternehmen ihren Gaspreis nicht einfach an die Preisentwicklung beim Heizöl koppeln dürfen. Die Vertragsklauseln würden die Kunden unangemessen benachteiligen, stellte das Gericht fest. Das Urteil wird alle Haushalte freuen, die entsprechende Formulierungen in ihren Lieferverträgen finden. „Diese Kunden sollten auf jeden Fall das  zuviel bezahlte Geld zurückfordern“, rät der Chef des Bunds der Energieverbraucher, Aribert Peters. Der Verband hatte die Klagen der Verbraucher unterstützt. Allerdings räumt Peters ein, dass von dem Karlsruher Richterspruch nur wenige Gaskunden betroffen sind, weil derartige Erdgas-Sonderkundenverträge kaum noch abgeschlossen werden. Auch auf eine generelle Preissenkung sollten die Verbraucher nicht hoffen. „Wer aufgrund des BGH-Urteils sinkende Preise erwartet, dürfte enttäuscht werden“, glaubt die Energieexpertin der Grünen, Bärbel Höhn.

     

    Im vorliegenden Fall ging es um die Lieferverträge des Anbieters Rheinenergie und der Stadtwerke Dreieich. Die Bedingungen sahen eine Koppelung des Gaspreises an den des leichten Heizöls vor. Wird Heizöl teurer, steigt also auch der Gaspreis. Bei der Preisentwicklung müssen laut BGH aber auch andere Faktoren berücksichtigt werden. Sonst könnten die Unternehmen die Regelung nutzen, um ungerechtfertigte Gewinne zu erzielen. So könnten beispielsweise andere Kosten wie die Netz- und Vertriebsaufwendungen sinken, der Endverbraucherpreis jedoch in die Höhe schnellen. Dieser Benachteiligung der Verbraucher haben die Richter nun einen Riegel vorgeschoben.

     

    Die Versorger bleiben gelassen. „Wir glauben nicht, dass das Urteil bundesweit bedeutsam sein wird“, sagte ein Sprecher des Bundesverbands Energie, Wasser, Leben (BDEW). Außerdem verweist der Verband auf massiv sinkende Gaspreise im vergangenen Jahr und den langsam in Fahrt kommenden Wettbewerb. Inzwischen konkurrieren überregional sieben Gasanbieter miteinander. 740 Versorger gibt es insgesamt.

     

    Verbraucherschützer und Politiker halten die Entscheidung gleichwohl für richtungweisend. Denn die grundsätzliche Bindung von Öl- und Gaspreis gerät ins Wanken (siehe Kasten). „Die Ölpreisbindung hat in der Vergangenheit zu enormen Intransparenz geführt“, sagt der Chfe des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv), Gerd Billen. Stieg der Ölpreis, zog auch der Gaspreis an, wurde Öl billiger, gaben die Versorger die Preissenkung nur verzögert weiter. Billen hofft nun auf eine getrennte Betrachtung beider Märkte bei der Preisgestaltung. Den Schlüssel für sinkende Gaspreise sieht der vzbv allerdings nur in einem funktionierenden Wettbewerb zwischen den Anbietern. „Die Koppelung von Öl- und Gaspreis ist überholt“, heißt es auch beim Deutschen Mieterbund, der ebenfalls ein Interesse an mehr Transparenz bei der Preisgestaltung hat. Denn fast jede zweite Mietwohnung in Deutschland wird mit Erdgas geheizt. Von kräftigen Preisnachlässen im vergangenen Jahr kann laut Verband nicht die Rede sein. Der Ölpreis sei 2009 um 30 Prozent gefallen, der des Gases nur um 1,5 Prozent, kritisierte der Mieterbund.

     

    Die Bundesregierung zeigte sich mit dem Richterspruch zufrieden. „Die Anbieter müssen jetzt genau begründen, warum sie die Preise erhöhen“, stellte Verbraucherministerin Ilse Aigner fest. Die Kunden hätten einen Anspruch auf eine durchschaubare Darstellung der Kosten. Die FDP kündigte eine neue Gasnetzverordnung an, damit auf dem Markt mehr Wettbewerb einziehen kann.

     

     

     

     

     

  • Rauch ohne Feuer

    Kommentar

    Das Urteil des Bundesgerichtshofs zur Bindung von Öl- und Gaspreisen führt in die Irre. Es besagt lediglich, dass eine bestimmte Vertragsklausel nicht zulässig ist. Weder wird die auf dem Weltmarkt traditionelle  Koppelung beider Preise aufgehoben, noch können Verbraucher jetzt auch sinkende Preise hoffen. Die vielen Reaktionen auf das Urteil mögen einen anderen Eindruck vermitteln. Tatsächlich steigt hier jede Menge Rauch auf, ohne dass ein Feuer brennt.

     

    Gaskunden fühlen sich schon seit Jahren schon verschaukelt. Mit der Begründung steigender Ölpreise haben ihnen die Gasversorger hemmungslos in die Tasche gegriffen. Denn deren Preisgestaltung ist im Grunde nur begrenzt nachvollziehbar. Da sinkende Ölpreise sich bei weitem nicht im gleichen Umfang beim Gaspreis niederschlagen, legt die Vermutung ungerechtfertigter Profite nahe. An alldem wird das Karlsruher Urteil nichts ändern.

     

    Über die Koppelung beider Preise entscheidet auch kein deutsches Gericht. Letztlich werden wird darüber auf den Weltmärkten entschieden. Es gibt sogar Anzeichen für ein Ende der Parallelfahrt. Wünschenswert wäre dies allemal, denn mittlerweile entwickelt sich der Ölpreis weniger nach Angebot und Nachfrage als vielmehr aufgrund von Spekulationen oder Kartellabsprachen der Förderländer. Warum Gaskunden darunter leiden sollen, ist nicht einzusehen.

     

    Die hohen Preise für Erdgas in Deutschland haben neben den tatsächlich anfallenden Beschaffungskosten vor allem einen Grund. Es gibt noch keinen funktionierenden Wettbewerb beim Gas. So können die Versorger die Bedingungen immer noch weitgehend frei bestimmen und sich an den Verbrauchern schadlos halten. Wer niedrigere Gaspreise will, muss die Rahmenbedingungen für mehr Wettbewerb schaffen. Das ist zwar gerade beim Gas nicht leicht. Doch schien es bisher so, als fehle dazu auch der politische Wille.

     

     

  • Mindestlohn wird zum Modell

    Millionen Beschäftigte sind inzwischen durch Lohnuntergrenzen geschützt – und die Zahl wächst. Auch 600.000 Altenpflegerinnen bekommen bald einen Mindestlohn. Weitere Branchen werden folgen

    Die Verhandlungsführer haben ihre Pressemitteilungen bereits vorbereitet. Wenn der Mindestlohn in der Altenpflege beschlossen wird, wollen die Sozialverbände die Erklärungen sofort verschicken. Darauf, dass es bereits morgen (Donnerstag, 25.3.) soweit sein könnte, deutet einiges hin. „Es sieht nicht danach aus, dass es schiefgeht“, sagte einer der Verhandler gegenüber dieser Zeitung. Behält er Recht, sind bald 600.000 Altenpflegerinnen und Pfleger in Deutschland durch einen Mindestlohn geschützt.

    Die Lohnuntergrenze wird vorläufig bei gut 8,50 Euro pro Stunde liegen. Vereinbaren wollen die evangelische Diakonie, die katholische Caritas, die privaten Heimbetreiber, weitere Verbände, sowie die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di aber auch einen Stufenplan, damit die Untergrenze nach und nach ansteigt.

    Alle Betreiber von Pflegeheimen und ambulanten Diensten in ganz Deutschland sind dann künftig an diesen Tarif gebunden, alle Beschäftigten haben im Gegensatz zu heute ein einklagbares Recht auf den Mindestlohn. Gegenwärtig kommt es oft vor, dass Pflegerinnen nur fünf oder sechs Euro pro Stunde erhalten, in Ostdeutschland vielfach noch weniger.

    Am Donnerstag treffen sich die Tarifparteien der Altenpflege zu ihrer wahrscheinlich letzten Sitzung. Danach prüft der Tarifausschuss beim Bundesarbeitsministerium den Vorschlag. Stimmt auch dieser erweiterte Kreis aus Verbänden und Gewerkschaften zu, wird Ministerin Ursula von der Leyen (CDU) den Mindestlohn für allgemeinverbindlich erklären. Selbst die notorisch regulierungsfeindliche FDP hat in Gestalt von Gesundheitsminister Philipp Rösler ihre Zustimmung erteilt.

    In den vergangenen Wochen hatten bereits 800.000 Gebäudereiniger, 80.000 Dachdecker und 180.000 Wachleute Mindestlöhne erhalten. Zusammen mit der Baubranche und einigen anderen kleineren Branchen schützen die Lohnuntergrenzen nun etwa 2,5 Millionen Beschäftigte.

    Und weitere Branchen kommen bald hinzu. Diese Woche noch wollen die kleinen Christlichen Gewerkschaften den Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und die Branchenverbände auffordern, einen Mindestlohn für die Zeitarbeitsfirmen zu vereinbaren. Dort arbeiten rund 800.000 Beschäftigte.

    In der vergangenen Legislaturperiode war der allgemeinverbindliche Mindestlohn in der Zeitarbeit noch am Widerstand der Union gescheitert. Denn es gab zwei konkurrierende Tarifverträge. Die CDU berief sich auf den niedrigen Tarif, den die Christlichen Gewerkschaften mit dem Arbeitgeberverband AMP abgeschlossen hatten. Die SPD dagegen wollte den höheren Mindestlohn des DGB und der beiden großen Verbände BZA und IGZ durchsetzen.

    Nach neuen Verhandlungen liegen die Mindestlohn-Vorschläge beider Seiten nun jedoch auf ähnlicher Höhe – 7,60 Euro pro Stunde im Westen und rund 6,50 Euro im Osten. Gemeinsamen Gesprächen, die von der Leyen fordert, stünde nichts im Wege, wenn auch der DGB mitmachen würde. Noch aber weigert sich die große Gewerkschaft. DGB-Vorstand Reinhard Dombre ist sauer auf die kleinen Konkurrenzorganisationen, die ihn jahrelang genervt haben. Das allerdings wird sich ändern. Dem allgemeinverbindlichen Mindestlohn in der Zeitarbeit wird sich der DGB am Ende nicht verweigern.

    Der Grund für die allgemeine Bewegung ist einfach zu benennen: Er hängt vor allem mit einem schlichten Termin zusammen: Ab dem 1. Mai 2011 herrscht Freizügigkeit für die meisten Arbeitnehmer der Europäischen Union. Dann dürfen Beschäftigte aus Polen, der Slowakei, den baltischen Staaten und anderen Ländern problemlos in Deutschland arbeiten. Damit wird die Konkurrenz gerade in einfachen, ohnehin schlecht bezahlten Tätigkeiten zunehmen.

    Um Billigkonkurrenz aus dem Osten zu erschweren, werden sich die Tarifpartner deshalb nicht nur in der Zeitarbeit zusammenraufen. Neue Vereinbarungen über Mindestlöhne stehen auch im Einzelhandel und bei der Post auf der Tagesordnung. Schließlich würden damit rund sechs Millionen Beschäftigte in Deutschland durch Lohnuntergrenzen abgesichert – etwa 15 Prozent aller Erwerbspersonen.

  • Der Boom der befristeten Jobs

    Weiterhangeln von Stelle zu Stelle: Für viele Beschäftigte in Deutschland gehört das mittlerweile zum beruflichen Alltag. Befristete Jobs von einer Woche, drei Monaten oder einem Jahr nehmen stark zu. Sichere, unbefristete Arbeitsplätze sind in manchen Br

    Fast jeder zweite Arbeitnehmer, der eine neue Stellen findet, bekommt heute einen befristeten Arbeitsvertrag. Das geht aus Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt in Nürnberg (IAB) hervor. Und insgesamt arbeiten rund 2,7 Millionen von etwa 30 Millionen abhängig Beschäftigten in Deutschland auf zeitlich begrenzten Stellen. Wie das Statistische Bundesamt bekanntgab, betrug der Anteil befristeter Arbeitsplätze im Jahr 2008 bereits 8,9 Prozent betrug. 1991 waren erst 5,7 Prozent der Arbeitsplätze befristet.

    Viele Beschäftigte leiden unter dieser Situation. Sie beklagen, angesichts der beruflichen Unsicherheit weder ihrem Kinderwunsch nachgeben, noch an ihre finanzielle Lebensplanung denken zu können. Andere Beschäftigte sind mit der neuen Lage aber auch ganz zufrieden – in Agenturen und Designbüros ist befristete Beschäftigung völlig normal. Die Unternehmen preisen die Vorteile: Befristete Beschäftigte wird man leichter los. Sie verursachen weniger Kosten.

    Und die Bundesregierung plant, die befristete Beschäftigung weiter auszudehnen. Das Vorhaben steht im Koalitionsvertrag, ein Gesetz ist in Vorbereitung. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) betont, dass die Flexibilität der Arbeitnehmer dazu beitrage, die Arbeitslosigkeit zu verringern. Wenn dieses Modell allerdings „zum Standard wird, ist das für die Entwicklung unserer Gesellschaft verheerend“, sagt Frank-Jürgen Weise, der Chef der Bundesagentur für Arbeit.

    Wie gehen die Beschäftigten mit der Situation um, wie sieht befristete Beschäftigung konkret aus? Und was sagen die Arbeitgeber? Hier einige individuelle Fälle.

    Arbeitnehmer

    Kathrin Fuchss Portela, Physikerin

    Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen

    Die 33jährige Physik-Doktorin Kathrin Fuchss Portela hangelt sich trotz bester Zeugnisse von einer befristeten Arbeitsstelle zu nächsten. Ihre beiden letzten Jobs: Über eine Zeitarbeitsfirma arbeitete sie befristet bei Carl Zeiss SMT AG, nun hat sie eine Stelle als Post-Doktorandin an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen.

    Fuchss Portela hat den Eindruck, dass „die meisten Stellen für Physiker befristet sind. Das ist eine sehr bedenkliche Entwicklung.“ Die Naturwissenschaftlerin beklagt, dass sie und ihr Ehemann, ein Physiker brasilianischer Nationalität, sich nicht um ihre Lebensplanung kümmern könnten. „Es ist schwierig, uns für Kinder zu entscheiden, den Kauf eines Hauses zu planen oder eine private Rentenversicherung abzuschließen. Wir haben keine Arbeitsplätze, auf die wir uns verlassen könnten.“ Ihnen fehlt ein dauerhaftes Zuhause in einer mehr als provisorisch eingerichteten Wohnung. „Wenn der nächste Arbeitsplatzwechsel und Umzug ja sowieso schon wieder absehbar sind, wozu soll man dann die Bilder aufhängen?“ Außerdem ist das Geld knapp: Die Bezahlung nehme von Stelle zu Stelle ab, sagt Fuchss Portela.

    „Ich glaube, in Deutschland ist die Hürde des Kündigungsschutzes zu hoch“, meint die Wissenschaftlerin. Viele Unternehmen würden Beschäftigte nur befristet einstellen, weil sie Angst hätten, sie im Falle wirtschaftlicher Probleme nicht kündigen zu können. In den USA, wo Fuchss Portela eine zeitlang auf einer unbefristeten Stelle gearbeitet hat, sei das ihrer Meinung nach besser geregelt. Dort gebe es so gut wie keinen Kündigungsschutz, allerdings würden junge Wissenschaftler auch viel leichter unbefristete Arbeitsverträge erhalten.

    Daniel Hausmann, Projektmanager

    Werbeagentur, Peking

    Daniel Hausmann (27, Name geändert) arbeitet in der Niederlassung einer großen deutschen Werbe- und Design-Agentur in Peking. Der Projektmanager begann seine Tätigkeit vor zweieinhalb Jahren und erhielt damals zunächst einen Vertrag, der auf ein Jahr befristet war. Für die Zeit danach wurde ihm ein unbefristeter Vertrag in Aussicht gestellt.

    Doch dazu sollte es einstweilen nicht kommen. Stattdessen bot ihm die Firma einen weiteren Jahresvertrag an, den Hausmann akzeptierte. Dann war es schließlich soweit. Er bekam einen neuen Arbeitsvertrag ohne Zeitbegrenzung.

    „Ich weiß nicht, ob ich mich jetzt viel sicherer fühle als vorher“, sagt Hausmann, „wenn die Firma will, kann sie auch diesen Vertrag schnell beenden“. Aber die gewisse Unsicherheit schreckt ihn nicht. Er ist optimistisch: „Ich würde dann zu einer anderen Agentur wechseln“. In der Werbebranche und in seinem Alter zumal sei es sowieso nicht üblich, lange bei einem Arbeitgeber zu bleiben.

    Mona Frias, Betriebsrätin
    Schlecker, Berlin

    Mona Frias arbeitet seit 1995 als Betriebsrätin bei der Drogerie-Discount-Kette Schlecker in Berlin. Neue Mitarbeiter würden als Aushilfen ausschließlich auf befristeter Basis eingestellt, sagt Frias. Schlecker vergebe Arbeitsverträge beispielsweise an Verkäuferinnen mit nur einer Woche Laufzeit. Danach würde der Arbeitsvertrag je nach Bedarf erneuert. Der Betriebsrat lehne dieses Verfahren regelmäßig ab, könne sich juristisch gegen das Unternehmen aber nicht durchsetzen.

    Frias kennt Mitarbeiterinnen, die mit Wochenverträgen seit sechs Jahren bei Schlecker arbeiten. Das Gesetz erlaubt dagegen befristete Arbeitsverträge grundsätzlich nur bis zu zwei Jahren. Schlecker erklärt, dass „Befristungen auch mit kurzen Laufzeiten vorkommen“. Auch die gesetzlich nicht vorgesehene Aufeinanderfolge von „mehr als vier solcher befristeten Arbeitsverträge“ werde praktiziert. „In diesem Zusammenhang darf nicht übersehen werden, dass es Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer gibt, die aus individuellen Motiven ganz bewusst und gezielt auch über längere Zeiträume hinweg immer wieder solche befristeten Arbeitsverträge annehmen, weil dies ihrer Lebenssituation entgegenkommt“, sagt Schlecker-Sprecher Florian Baum.

    Betriebsrätin Frias weist die betroffenen Mitarbeiter immer wieder daraufhin, dass sie infolge der aufeinanderfolgenden Kurzzeitverträge eigentlich Anspruch auf unbefristete Arbeitsverträge hätten. "Aber die wenigsten klagen sich ein", sagt Frias. Als Grund nennt sie Angst vor Schikanen durch das Unternehmen und vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. In der Vergangenheit, so erinnert sich die Betriebsrätin, habe Schlecker Mitarbeiterinnen aus Berlin nach Brandenburg versetzt, weil sie sich gewehrt hätten.

    Heike Lubitsch, Arbeitsberaterin

    Bundesagentur für Arbeit, Freiburg

    Die Sozialpädagogin Heike Lubitsch (45, Name geändert) arbeitete in den Jahren 2005 bis 2007 mehrfach als Arbeitsberaterin bei der Bundesagentur für Arbeit in Freiburg, wo sie Erwerbslose und Unternehmen betreute. Ihre Tätigkeit bei der öffentlichen Arbeitsvermittlung begann auf der Basis eines befristeten Vertrages mit der Laufzeit von einem Jahr. Im Anschluss erhielt Lubitsch einen weiteren Arbeitsvertrag mit derselben Laufzeit.

    Dann war erstmal Schluss. Das Teilzeitgesetz sieht längere Befristungen als zwei Jahre nur unter bestimmten Bedingungen vor. Lubitsch machte also eine Zwangspause – und erhielt nach vier Monaten abermals einen Kurzfrist-Vertrag bei der Bundesagentur. Dieser lief freilich nur noch acht Monate. Man stellte ihr die Verlängerung ins Jahr 2008 in Aussicht. „Kurz vor Weihnachten bekam ich einen Anruf“, berichtet Lubitsch, „man sagte mir, der Vertrag könne wegen Geldmangels nicht verlängert werden“. Danach war sie selbst fünf Monate arbeitslos und fand schließlich eine neue Stelle bei einem privaten Qualifizierungsträger.

    In der vergangenen Woche hat das Bundesarbeitsgericht die damalige Praxis der Bundesagentur, Arbeitsplätze teilweise bis zu drei Jahre zu befristen, als unrechtmäßig beurteilt. Wer damals eine solchen Vertrag hatte und klagte, kann nun auf Nachzahlung hoffen.

    Arbeitgeber

    Christoph Humberg, Personalleiter

    MTU Maintenance, Hannover

    Die MTU Maintenance Hannover am Flughafen Langenhagen überholt Flugzeug-Triebwerke und beschäftigt regelmäßig befristete Arbeitskräfte. Das Unternehmen stellt neue Beschäftigte zunächst als Zeitarbeiter ein, dann folgen befristete Arbeitsverträge, danach kommt es häufig zur Festanstellung. „Die Chancen, schließlich einen unbefristeten Arbeitsvertrag zu erhalten, sind hoch“, sagt Personalchef Christoph Humberg (40). In den vergangenen drei Jahren habe er rund 200 Beschäftigten, die als Zeitarbeiter angefangen hätten, feste Verträge gegeben.

    MTU Maintenance nutze befristete Verträge, um flexibel zu bleiben, sagt Humberg. Es sei dann leichter möglich, die Kosten anzupassen und das Unternehmen auf die schwankende Auftragslage einzustellen. „Ich habe eine Verantwortung für den Erhalt des Standorts“, begründet Humberg.

    Bei der MTU beruhen die befristeten Arbeitsverträge nicht nur auf dem Teilzeitgesetz, dass die Befristung in der Regel auf 24 Monate begrenzt. Zusätzlich haben die Gewerkschaft IG Metall und der Arbeitgeberverband NiedersachenMetall die gesetzliche Öffnungsklausel genutzt und einen Tarifvertrag abgeschlossen, der Kurzzeit-Verträge bis zu vier Jahren pro Beschäftigtem erlaubt. In der Wirtschaftskrise des Jahres 2009 sollte diese Regelung helfen, Jobs zu sichern. Sie gilt jetzt allerdings weiter – auch im Aufschwung.

    Holger Koch, Geschäftsführer

    Trendence Institut GmbH, Berlin

    Das Berliner Trendence Institut hat sich auf „Employer Branding“ spezialisiert – es berät Unternehmen, ihr Image als Arbeitgeber zu verbessern. Von 54 Beschäftigten arbeiten zehn mit befristeten Verträgen.

    „Der Grund liegt in der Projektstruktur unserer Arbeit“, sagt Trendence-Geschäftsführer Holger Koch (40). Die Beratungsaufträge für Kunden nehmen typischerweise drei, vier oder auch sechs Monate in Anspruch. Dafür braucht Trendence oft Mitarbeiter mit speziellen Sprachkenntnissen, beispielsweise Japanisch oder Indonesisch. Diese stellt Koch deshalb für den jeweiligen Auftrag befristet ein. „Weil die Dauer der Arbeit begrenzt ist, hat es keinen Sinn, unbefristete Verträge abzuschließen“, so Koch.

    Die Mitarbeiter der Stammbelegschaft, die im Jahresdurchschnitt mit Arbeit ausgelastet sind, haben aber alle unbefristete Arbeitsverträge. „Auch bei Neuneinstellungen vergeben wir immer Verträge ohne Begrenzung“, so Koch.

    Beate Niemann, Abteilungsleiterin Personal

    Technische Universität Berlin

    Wissenschaftliche Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen werden an der TU Berlin meist befristet eingestellt. Diese Regel beispielsweise für Doktoranden und Post-Doktoranden praktizieren auch andere Hochschulen. So weist die Freie Universität Berlin daraufhin, dass auch Juniorprofessoren Zeitverträge erhalten.

    Beate Niemann (43), die Leiterin der Abteilung Personal und Recht, begründet: „In ihrer Qualifikationsphase müssen viele Wissenschaftler die Möglichkeit haben, sich zu profilieren“. Würden stattdessen unbefristete Stellen vergeben, sei die Universität für den Nachwuchs nicht durchlässig. Dieses „Erneuerungsinteresse“ der Hochschulen spiegelt sich im Wissenschaftszeitvertragsgesetz. Dort ist festgelegt, dass Nachwuchswissenschaftler bis zu zwölf Jahren mit befristeten Verträgen beschäftigt werden dürfen.

    Verträge mit begrenzter Laufzeit haben auch deshalb zugenommen, weil die Universitäten viele Forschungsprojekte mit Drittmitteln der Wirtschaft finanzieren. Die Zusagen sind in der Regel an bestimmte Vorgaben und Ziele geknüpft, die in einer definierten Zeit erreicht werden müssen. Danach ist Schluss – auch mit den Stellen. Vor 20 oder 30 Jahren war diese Kurzfristorientierung an den Hochschulen weniger stark ausgeprägt, da mehr Geld aus öffentlichen Töpfen kam.

    Carsten Weißelberg, Technischer Geschäftsführer

    Harz Guss Zorge GmbH

    Als die Wirtschaftskrise des Jahres 2009 kam, beschäftigte die Eisengießerei im Harz 453 Mitarbeiter, davon rund 80 mit befristeten Verträgen. „Das hilft uns, auf Marktschwankungen zu reagieren“, begründet Carsten Weißelberg (53), Technischer Geschäftsführer der Firma, die unter anderem Gussteile für Nutzfahrzeuge herstellt. In den vergangenen 15 Jahren sei der Markt dynamischer geworden. Auftragsspitzen und ruhige Phasen wechselten sich schneller ab, sagt Weißelberg. Um bei geringer Auftragslage nicht in wirtschaftliche Schieflage zu geraten, greift Harz Guss zu befristeten Verträgen – dann können Personalkosten schnell der wirtschaftlichen Situation angepasst werden.

    Viele der befristet Beschäftigten mit Verträgen von sechs Monaten oder einem Jahr machen körperlich harte Arbeit. Sie bedienen die Formanlage oder schleifen die überstehenden Grate von den Gussteilen. Etwa 40 Prozent der Kurzzeit-Mitarbeiter werde im Anschluss in unbefristete Verträge übernommen, schätzt Weißelberg, „wir konnten vielen Beschäftigten eine Perspektive bieten, weil der Betrieb permanent wuchs.“

    Der Geschäftsführer plädiert dafür, die Befristung über die im Gesetz vorgesehene dreimalige Verlängerung hinaus auszudehnen. Begründung: In der Krise habe Harz Guss alle Arbeitsverträge mit Befristungen auslaufen lassen. Die erneute befristete Einstellung sei rechtlich oft schwierig bis unmöglich. So stehe die Firma nun vor der Situation, im Aufschwung neue flexible Mitarbeiter zu brauchen, auf die erfahrenen, ehemals befristeten Mitarbeiter des vergangenen Jahres aber nicht mehr zurückgreifen zu können. "Wenn die Bundesregierung die Zahl der aueinanderfolgenden befristeten Arbeitsverhältnisse erhöhen würde, könnte man solche engpässe künftig vermeiden, sagt Weißelberg.