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  • Ost-Renten im freien Fall

    Arbeitslosigkeit drückt Rente unter die Grundsicherung

    Die jüngeren Ostdeutschen müssen sich auf eine dramatisch sinkende Rente einstellen. Dies ergibt sich aus einer Langzeitstudie, die das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) für die Deutsche Rentenversicherung angefertigt hat. Die mittlere Rente der Altersjahrgänge von 1942 bis 1946 liegt in den neuen Ländern noch bei 1031 Euro im Monat. Die zwischen 1967 und 1971 geborenen Männer müssen sich später mit 624 Euro begnügen. Bei den Frauen sinkt die Monatszahlung von 790 Euro auf 536 Euro

     

    Im Westen bleiben die Ruhestandsgelder dagegen fast stabil. Die heutigen Rentner erhalten im Mittel 1133 Euro, heute 40-jährige können mit einer Zahlung von 1053 Euro rechnen. Durch die höhere Erwerbstätigkeit steigen die Renten der Frauen in den alten Ländern sogar leicht von 556 Euro auf 634 Euro an. Die Zahlen sind um Einflüsse wie die Inflation oder Lohnsteigerungen bereinigt, damit die verschiedenen Jahrgänge überhaupt miteinander verglichen werden können.

     

    Für die Entwicklung im Osten sieht der DIW-Forscher Viktor Steiner vor allen zwei Ursachen. „Gründe sind die hohe Arbeitslosigkeit seit der Wiedervereinigung und die Rentenabsenkung“, berichtet der Forscher. Die Verteilung der Renten zeigt das Ausmaß des Problems. Bei den zwischen 1937 und 1951 geborenen West-Männern kommen 36 Prozent auf mehr als 1200 Euro Rente. Im Osten liegt dieser Anteil nur bei elf Prozent. Dort erhält fast jeder zweite weniger als 900 Euro. Bei den jüngeren spitzt sich die Situation deutlich zu. Nur ein Prozent der nach 1952 geborenen Ostdeutschen kann auf mehr als 1200 Euro Altersgeld hoffen. Knapp 52 Prozent werden bis zu 900 Euro bekommen, nahezu ein Drittel rutscht unter die Grundsicherungsmarke von 600 Euro. In den alten Ländern sieht es ungleich besser aus. Bei den jüngeren Frauen ist die Verteilung der Rentenansprüche dagegen fast identisch.

     

    Den wichtigsten Ansatzpunkt für Reformen sieht das DIW in einer Förderung sozialversicherungspflichtiger Arbeit. Außerdem plädiert das Institut dafür, das Renteneintrittsalter an der steigenden Lebenserwartung auszurichten. Zudem sollen die private Altersvorsorge bis zum Grundsicherungsniveau verpflichtend und Renten von Geringverdienern aus Steuermitteln aufgestockt werden.

     

     

     

  • Bahngewerkschaften fordern sechs Prozent

    Auch Beschäftigungssicherung wird verhandelt

     

    Die beiden Gewerkschaften Transnet und GDBA wollen bei den anstehenden Tarifverhandlungen mit der Bahn eine Einkommenserhöhung von sechs Prozent durchsetzen. Davon solle aber nur ein Teil in höhere Löhne fließen. Auch bei den Arbeitszeiten und den Zulagen soll der Konzern Zugeständnisse machen. „Eine Lohnpause wäre in der aktuellen Situation das völlig falsche Signal“, stellte Transnet-Chef Alexander Kirchner klar.

     

    Die Tarifverträge der beiden großen Bahngewerkschaften für rund 165.000 Beschäftigte im Konzern laufen Ende Juli aus. Die Lokführergewerkschaft GdL sitzt nicht mit im Boot, sondern verhandelt seit der letzten Tarifrunde eigenständig. Transnet und GDBA peilen ein Gesamtpaket an. Auch in der gegenwärtigen Krise halten beide Organisationen die Forderung für vertretbar. Der Konzern werde in der kommenden Woche wieder einen Milliardengewinn bekannt geben, begründeten die Gewerkschaften ihren Anspruch.

     

    Außerdem wollen Bahn und Gewerkschaften zeitgleich einen neuen Beschäftigungspakt aushandeln. Ende 2010 läuft die geltende Vereinbarung aus. Bis dahin sind betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen. „Dieser Tarifvertrag hat sich bewährt“, sagte Kirchner. Er müsse jedoch durch neue Regelungen für Nachwuchskräfte und ältere Arbeitnehmer ergänzt werden.

     

    Auf der Tagesordnung steht ferner ein Flächentarifvertrag für die Bahnbranche. Dazu müssten allerdings die nicht zur Deutschen Bahn gehörenden Privatbahnen mit an den Tisch. Deren Bereitschaft, die vergleichsweise hohen Tarife des Staatskonzerns zu bezahlen, ist allerdings gering. Der Branchenprimus unterstützt die Forderung aus eigenem Interesse. Das Unternehmen will die Gewerkschaftsforderungen derzeit nicht kommentieren.

     

     

     

     

  • Gabriels Spiel mit der Angst

    Kommentar zur SPD-Hartz-Reform von Hannes Koch

    Hartz macht Angst. Die harte Reform der Schröder-Jahre lässt auch Berufstätige ahnen, wie schnell der Abstieg auf Sozialhilfe-Niveau geschehen kann. Die daraus resultierende Sorge vieler Bürger ist ein wesentlicher Grund für die schlechten Wahlergebnisse der SPD, die Identitätskrise der Partei und den Aufstieg der Linken.

    Gegen diese Furcht setzt SPD-Chef Sigmar Gabriel nun die Korrektur der Hartz-Gesetze. Dieser Versuch ist einerseits überfällig, denn die Union und selbst die FDP arbeiten mit Erfolg daran, das SPD-Markenimage der sozialen Gerechtigkeit mit eigenen Konzepten zu schwächen. Andererseits schießt Gabriel über das Ziel hinaus. Die SPD plant nun nichts weniger, als das Arbeitslosengeld bis zu 36 Monate zu zahlen. CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl war 1987 im Vergleich dazu bescheiden: Er ließ die Unterstützung nur auf 32 Monate verlängern.

    Gabriels Ansage ist reine Oppositionspolitik, die niemals realisiert wird. Sollte die SPD ab 2013 oder 2017 im Bund wieder reagieren, wird die Partei feststellen, dass ihr Versprechen ziemlich teuer kommt. Das dürfte auch der Grund sein, warum die Sozialdemokraten die Kosten lieber erst gar nicht ausgerechnet haben. Dieses Verfahren erscheint im heutigen Politikbetrieb zwar normal, doch gleichwohl unseriös und unehrlich. Das ist keine Politik gegen, sondern ein Spiel mit der Angst der Bürger.

  • Arbeitslosengeld länger als unter Kohl

    Die SPD korrigiert Schröders Agenda 2010 und verspricht den Erwerbslosen Arbeitslosengeld für drei Jahre. Unter der früheren CDU-Regierung wurde es höchstens 32 Monate gezahlt

    Die SPD will das Arbeitslosengeld auf maximal drei Jahre verlängern. Das erklärte SPD-Chef Sigmar Gabriel am Montag in Berlin anlässlich der Präsentation des Konzeptes „Fairness auf dem Arbeitsmarkt“. Sollte eine Bundesregierung das Konzept jemals realisieren, würde das Arbeitslosengeld dann länger gezahlt, als vor den Hartz-Reformen.

    Nach den anderen Parteien hat damit auch die SPD eine Korrektur der Hartz-Gesetze vorgelegt. Diese Änderung ist für die SPD besonders wichtig und zugleich schmerzhaft, weil die Agenda 2010 ein Produkt der rot-grünen Ära unter Bundeskanzler Gerhard Schröder war. Die umstrittenen Hartz-Gesetze sind dafür verantwortlich, dass die Sozialdemokraten in den vergangenen Jahren in Umfragen auf 25 Prozent absackten.

    Heute ist das Arbeitslosengeld I, das die Bundesagentur als Versicherungsleistung auszahlt, auf maximal zwei Jahre begrenzt. Danach rutschen die Erwerbslosen in jedem Fall auf das niedrige Arbeitslosengeld II ab (Hartz IV). Unter bestimmten Bedingungen will der SPD-Vorstand die Bezugsdauer nun auf „bis zu 36 Monate ausdehnen“, wie Gabriel sagte. In den Genuss der längeren Zahlung sollen ältere Erwerbslose kommen, wenn sie eine anerkannte, hochwertige Qualifizierungsmaßnahme absolvieren. Über diesen Beschluss soll der SPD-Parteitag im September abstimmen.

    Die SPD-Führungsriege aus Gabriel, Frank-Walter Steinmeier, Olaf Scholz und Andrea Nahles schlägt auch ein höheres Arbeitslosengeld II vor. Wenn sie von ALG I auf ALG II sinken, erhalten Erwerbslose heute ein zusätzliches Übergangsgeld von maximal 160 Euro. Die SPD will diese Extrazahlung anheben, allerdings in Abhängigkeit von der früheren Beschäftigungsdauer des Betroffenen. Details hat der Parteivorstand noch nicht ausgearbeitet.

    Außerdem soll das Vermögen von Erwerbslosen nicht mehr auf die Hartz-IV-Leistungen angerechnet werden. Bisher müssen Langzeitarbeitslose den großen Teil ihres angesparten Kapitals aufbrauchen, bevor sie Arbeitslosengeld II erhalten. Um diese von vielen als unfair empfundene Regelung abzumildern, hat die schwarz-gelbe Regierung unlängst die Grenze für das sogenannte Schonvermögen angehoben. Von dieser Verbesserung sind freilich nur wenige Arbeitslose betroffenen, da die meisten nicht viel Geld angespart haben.

    Wie Nordrhein-Westfalens SPD-Chefin Hannelore Kraft in der vergangenen Woche bereits angedeutet hat, will die SPD auch den öffentlichen Arbeitsmarkt für diejenigen ausbauen, die keine Chancen auf eine reguläre Stelle haben. 200.000 soziale Arbeitsplätze in Städten und Gemeinden sollen zusätzlich entstehen. Nach Berechnungen der Sozialdemokraten würde das rund drei Milliarden Euro pro Jahr kosten.

    Über die Kosten des höheren Arbeitslosengeldes und der anderen Maßnahmen wollten Gabriel und Scholz keine Angaben machen. Die SPD-Chef sprach sich aber dafür aus, den Arbeitslosenbeitrag nach der Krise nicht wieder zu senken, sondern die Einnahmen für die Arbeitsmarktpolitik auszugeben. Der Wirtschaft stellen die Sozialdemokraten weiterhin in Aussicht, einen bundesweiten, gesetzlichen Mindestlohn von rund 8,50 Euro festzulegen.

    Die SPD hat ihre Vorschläge auch deshalb jetzt vorgelegt, weil sie damit in den Wahlkampf für die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen Anfang Mai eingreifen will. NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) hat eine Überarbeitung der Agenda 2010 gefordert. Auch er spricht über ein längeres Arbeitslosengeld I.

    Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts muss die Bundesregierung zudem die Hartz-IV-Leistungen für Kinder verbessern. Dazu sagte Gabriel, dass seiner Meinung nach die Regelsätze steigen müssten. Ferner will die Bundesregierung den Erwerbslosen zu gestatten, mehr eigenen Lohn zum Arbeitslosengeld II hinzuzuverdienen.

    Eine weitere Ebene der Debatte haben in den vergangenen Wochen Hessens Ministerpräsident Roland Koch (CDU), FDP-Chef Guido Westerwelle und CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt bestritten. Sie verlangten, dass Hartz-IV-Empfängern schärfere Sanktionen drohen müssten, sollten sie angebotene Arbeiten verweigern.

  • CSU will Solarförderung nachbessern

    Der Neubau auf bestimmten Ackerflächen soll möglich bleiben, der Zuschuss für Solarstrom weniger stark sinken

    Bei der Förderung von Solaranlagen wird es wohl nicht zu der umstrittenen Absenkung kommen, die CDU-Umweltminister Norbert Röttgen plant. Georg Nüßlein, der wirtschaftspolitische Sprecher der CSU-Landesgruppe im Bundestag, stellte in Aussicht, dass die Flächenbeschränkung gelockert die finanzielle Förderung weniger stark reduziert werde. Röttgens Pläne, die das Bundeskabinett bereits abgesegnet hat, gingen „entschieden zu weit“, sagte auch Bayerns Wirtschaftsminister Martin Zeil.

    Am Freitag trafen sich Zeil und Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) in München mit den Vertretern von Solarfirmen und ihren Verbänden. Wie die Länder Thüringen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und andere befürchten auch bayerische Landespolitiker Schaden für die heimische Solarindustrie und Landwirtschaft. Um die vermeintlich zu hohe Förderung von Solarstrom zu reduzieren, will Röttgen die Zuschüsse dieses Jahr um weitere 16 Prozent kürzen und den Neubau von großen Solaranlagen auf Ackerflächen verbieten.

    Besonders über das geplante Verbot ist Zeil erzürnt: „Diese Regelung würde faktisch das Aus für die Freiflächen-Photovoltaik in Deutschland bedeuten.“ Kompromisslösungen lägen bereits vor, sagte Zeil. Laut Nüßlein denkt man beispielsweise darüber nach, Solaranlagen im Umkreis von Gewerbegebieten zu genehmigen. Dabei dürfe es aber nicht zur „Zersiedlung der Landschaft“ kommen.

    Auch die geplante starke Degression der Einspeisevergütung für Solarstrom stellt die CSU in Frage. Der Zuschuss, den alle Stromverbraucher tragen, sank Anfang 2010 turnusgemäß um acht Prozent. 2011 würde er um weitere zehn Prozent abnehmen. Zusätzlich plant Röttgen nun eine Verringerung von 15 bis 16 Prozent. Dazu sagte Wirtschaftsminister Zeil: „Die geplante Absenkung der Einspeisevergütung von insgesamt rund 35 Prozent binnen eines Jahres könnte zu einem übermäßigen Einbruch des Photovoltaikmarktes führen.“ Ein Kompromiss könnte darin bestehen, den Degressionsschritt zu Beginn des kommenden Jahres zu mildern oder hinauszuschieben. Die FDP-Fraktion im Bundestag zeigte sich „offen“ für eine Änderung des Röttgen-Plans. Im April berät der Bundestag über das Vorhaben.

  • Schäuble: Verschuldete Euro-Länder notfalls ausschließen

    Damit der Euro so hart bleibt, wie es die D-Mark war, will der Bundesfinanzminister einen Europäischen Währungsfonds gründen. „Staatsbankrott muss möglich bleiben“

    Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) hat sich dafür ausgesprochen, hoch verschuldete Staaten notfalls aus der Eurozone auszuschließen. Dies müsse das letzte Mittel sein, wenn auch die Regeln eines neuen Europäischen Währungsfonds nicht mehr wirkten, schrieb der Minister in einem Gastbeitrag für die Freitag-Ausgabe der Financial Times.

    Vor dem Treffen der europäischen Finanzminister am kommenden Dienstag hat die Bundesregierung damit einen Pflock eingeschlagen: Sie peilt die Gründung eines Europäischen Währungsfonds an, der wie der Internationale Währungsfonds (IWF) Ländern mit Zahlungsbilanzdefiziten Kredite geben soll. Ausgelöst wurde die Debatte durch die hohe Verschuldung Griechenlands und den vorübergehend sinkenden Wert des Euro. Schäuble lehnt es ab, den IWF zu Hilfe zu holen – Europa müsse seine Probleme selbst lösen können. Sein Plädoyer für einen Europäischen Währungsfonds (EWS) ist außerdem ein Signal an die Bundesbürger: Wir tun alles dafür, dass der Euro so hart bleibt, wie es die D-Mark früher war.

    Der EWS soll an verschuldete Ländern Notkredite auszahlen können, schreibt Schäuble in seinem FT-Beitrag. Dadurch bekämen sie die Möglichkeit, ihre Staatsfinanzen wieder ins Lot zu bringen. Parallel zur finanziellen Unterstützung solle der Fonds aber harte und wirksame Maßnahmen durchsetzen, damit das betreffende Euro-Land seine Verschuldung reduziere und die gemeinsame Währung nicht in Gefahr bringe. Eine Sanktion könne sein, so Schäuble, den betroffenen Staat vorübergehend aus den Entscheidungsprozessen der Eurozone auszuschließen. Am Ende müsse die Drohung stehen, ihm die Mitgliedschaft in der gemeinsamen Währung zu entziehen. „Im Prinzip muss es auch möglich bleiben, dass ein Staat bankrott geht“, schreibt Schäuble. Nur durch derartige Hartherzigkeit lasse sich der unsoliden Wirtschaftspolitik mancher Regierung vorbeugen.

    Was von diesen Vorschlägen schließlich umgesetzt wird, muss man sehen. Die französische Regierung unterstützt die Fonds-Idee, die Bundesbank hat sich skeptisch geäußert, und die Europäische Zentralbank zurückhaltend.

    Im Umkreis der Debatte hatte das Handelsblatt berichtet, Schäuble trete Merkel zu forsch auf. Bei der Regierungspressekonferenz am Freitag wiesen die SprecherInnen des Kanzleramtes und des Finanzministeriums die These vom Streit zwischen Merkel und Schäuble allerdings zurück.

  • Der Druck, eine saubere Jugendbiografie abzuliefern

    Abschluss in der Tasche und hinaus in die Welt der Erwachsenen: Nach der Schule fängt für Jugendliche ein neuer Lebensabschnitt an. Soziologe Wolfgang Gaiser vom Deutschen Jugendinstitut (DJI) in München erklärt, welche Probleme Berufs- und Studienanfänge

    Mandy Kunstmann: Herr Gaiser, die Schule ist endlich aus, das Abschlusszeugnis in der Hand. Welche Schwierigkeiten kommen auf Jugendliche dann zu?

    Wolfgang Gaiser: Das hängt ganz davon ab, welchen Abschluss die Schüler in der Tasche haben. Hauptschüler haben Probleme damit, ihre Wunschausbildung zu bekommen. Sie wollen einen zukunftsträchtigen Beruf erlernen. Sie möchten zum Beispiel KfZ-Mechaniker bei BMW werden und nicht irgendwo in einer langweiligen Werkstatt auf dem Lande arbeiten, wo sie nach der Ausbildung keine Stelle bekommen. Die großen Betriebe sieben jedoch extrem aus.

    Kunstmann: Und wie geht es den Abiturienten?

    Gaiser: Abiturienten stehen unter Stress. In den Bundesländern, in denen die Gymnasialzeit von neun auf acht Jahre verkürzt worden ist, müssen die Schüler den Stoff schließlich in kürzerer Zeit packen. Wenn sie dann die auf die Universität gehen wollen, müssen sie heute in ein verschultes System einsteigen, das wiederum Druck ausübt.

    Kunstmann: Schadet der Bachelor, also das Kurzstudium, den jungen Leuten?

    Gaiser: Es ist fraglich, ob das Bachelor-System mit seiner Verdichtung und Formierung den jungen Leuten wirklich zugute kommt. Die Zeit, in der das Studium eine schöne Phase des sich Ausprobierens war, ist vorbei.

    Kunstmann: Wie groß ist der Druck, den unsere Gesellschaft auf die jungen Menschen ausübt?

    Gaiser: Der ist enorm. Junge Menschen stehen heute gänzlich unter öffentlicher Kontrolle. Von ihnen wird erwartet, mit 25 Jahren eine saubere Jugendbiografie abzuliefern. Alles ist heutzutage schließlich mit Zeugnissen versehen. An der Schule gibt es Noten, an der Uni Scheine oder Praktika-Beurteilungen und sogar das freiwillige soziale Jahr wird bewertet.

    Kunstmann: Ist dieser Leistungsdruck schädlich?

    Gaiser: Tatsächlich kann zu viel Druck schaden. Wir beobachten, dass Depressionen unter Jugendlichen zunehmen. Zornausbrüche oder Rückzugstendenzen treten auch immer häufiger auf.

    Kunstmann: Gibt es Jugendliche, die besonders gefährdet sind.

    Gaiser: Nicht jeder wird in Depression verfallen oder an Wutausbrüchen leiden. Ein starker Familienzusammenhalt oder ein guter Freundeskreis können die Belastungen auffangen.

    Kunstmann: Nicht jeder ist mit einem starken sozialen Umfeld gesegnet…

    Gaiser: … und die Schere zwischen denen, die auf der Strecke bleiben und denen, die eine internationale Karriere hinlegen, weil sie genügend Unterstützung haben, wird immer breiter.

    Bio-Box: Wolfgang Gaiser arbeitet seit 1972 beim Deutschen Jugendinstitut (DJI). Der 63-Jährige Diplom-Soziologe und Doktor der Sozialwissenschaften ist bei dem Münchner Institut Grundsatzreferent für Jugendforschung.

  • Bloß nicht Abwarten

    Wer kurz vor dem Abitur noch nicht weiß, welchen Weg er danach einschlagen soll, riskiert unnötige Enttäuschungen/ Für die Entscheidungsfindung gibt es Tricks

    „Ich hätte damals sogar Medizin studieren können“, erzählt Ina Walter. „Doch ich wusste nicht, dass mir die Zeit nach dem Abi als Wartezeit angerechnet wird.“ Gänzlich unvorbereitet stürzte sich die 32-Jährige Wahlberlinerin damals in das Unileben. Letztendlich entschied sie sich für den Studiengang Lebensmitteltechnik. Mittlerweile sechs Jahre studiert sie das Fach und ist sich immer noch nicht ganz sicher, ob das der richtige Weg ist. So wie Ina Walter geht es vielen jungen Menschen. Ohne genau zu wissen, welcher Job für sie der richtige ist, gehen sie nach dem Abi der Arbeitswelt entgegen.

    Aufschieben und bloß nicht an später denken, das scheint unter deutschen Oberstufenschülern eine gängige Strategie – zumindest was die Berufsplanung angeht. Knapp jeder zweite Schüler macht sich erst im letzten Jahr vor dem Abschluss darüber Gedanken, wie der weitere Bildungswegs aussehen soll. Jeder Zehnte hat sich sogar ein halbes Jahr vor den Abi-Prüfungen noch nicht mit dem Thema beschäftigt. Das hat eine Befragung des Hochschul-Informations-Systems (HIS) ergeben. Dabei riskieren Jugendliche, die sich unvorbereitet ins Berufsleben begeben, unnötige Enttäuschungen.

    „Viele Studienabbrüche und manches Unglück kann man vermeiden, wenn man zumindest in etwa die Zielrichtung weiß“, sagt die Münchner Karriereberaterin Madeleine Leitner. „Natürlich hat die Abiprüfung Priorität, aber man sollte sich möglichst bald und intensiv mit der Zeit danach beschäftigen.“ Schließlich gehe es ja um den Rest des Lebens.

    Jugendlichen, die auf der Suche nach dem passenden Job sind, empfiehlt die Diplom-Psychologin zuerst einmal drei bis fünf Jobideen zu entwickeln und diese dann auf ihre Realität zu prüfen. Wer in die Betriebe hineinhört und Gespräche mit den Menschen die dort arbeiten führt, erfährt, wie der berufliche Alltag aussieht, welche Aufstiegschancen es gibt oder welche Ansprüche mit dem Job verbunden sind. Informationsveranstaltungen an den Universitäten findet Leitner weniger hilfreich. „Dort ist häufig nur Hochschulpersonal anwesend“, bemängelt die Beraterin. „Die wenigsten möchten doch aber Dekan oder Professor werden.“

    Vielen jungen Menschen fällt es schwer sich zu entscheiden, welchen beruflichen Weg sie einschlagen sollen. Nur sieben Prozent der Jugendlichen gaben bei der HIS-Befragung an, keine besonderen Schwierigkeiten bei der Wahl des künftigen Werdegangs zu haben. Wer auf der Suche nach dem Traumjob ist, sollte zu allererst genau wissen, wo die eigenen Talente liegen. „Erst wenn ich meine Fähigkeiten kenne kann ich auf Jobsuche gehen“, erklärt Leitner. Wo die eigenen Stärken liegen, lässt sich jedoch nicht immer einfach herausfinden. „Menschen sind oft besonders betriebsblind für das, was sie am besten können“, so die Psychologin. „Was sie gut können ist für sie so selbstverständlich, dass es ihnen gar nicht auffällt.“

    Auf die Suche nach den eigenen Talenten müssen sich Schüler nicht alleine begeben. Unterstützung bekommen sie von Berufs- oder Studienberatern. Und auch im Internet gibt es Hilfe. Eine gute Möglichkeit die eigenen Fähigkeiten ausfindig zu machen, ist der kostenlose Online-Test Borakel der Universität Bochum. Im Internet unter www.ruhr-uni-bochum.de/borakel/ ist er zu finden. Auch das Internet-Tool Explorix (www.explorix.de) hilft die eigenen Stärken zu erkennen. Die Teilnahme kostet 11,50 Euro.

    Studentin Ina steuert möglicherweise an ihrem Traumjob vorbei. „Ich glaube, ich hätte lieber Chemie studieren sollen“, gibt sie zu bedenken. Karriere-Expertin Leitner rät jedem, der merkt, dass er die falsche Richtung eingeschlagen hat, möglichst bald die Strategie zu ändern. „Menschen, die auf einem falschen Weg sind, tendieren dazu, noch mehr ins Abseits zu gehen.“
    Wer glaube, wenn er erst einmal zu Ende studiert habe, werde er schon eine Lösung finden, liege meist falsch.

    Welches die starken Seiten ihrer Klienten sind, erfährt die Beraterin übrigens indem sie deren Lebensgeschichten analysiert. „Meine Kunden schreiben Episoden aus ihrem Leben auf in denen sie etwas besonders gut gemacht oder die ihnen Freude bereitet haben“, sagt sie. Ein unglücklicher Jurist habe so zum Beispiel von seinem Vertriebstalent erfahren. Als Student hatte er einmal eine Konferenz organisiert. Mühelos ist ihm die Finanzierung gelungen – so mühelos, dass ihm das verborgene Talent gar nicht aufgefallen war. Heute ist der studierte Jurist Unternehmensberater für Anwaltskanzleien und um einiges glücklicher.  

  • Hier gibt es Geld für die Ausbildung

    Studiengebühren, Lernmaterialien, Miete und Taschengeld: Eine gute Ausbildung kostet Geld. Nicht nur mithilfe der Eltern oder einem Nebenjob lässt sich der Besuch einer Schule oder Universität finanzieren. Auch vom Staat und von privaten Unternehmen gibt es finanzielle Hilfen.

    Stipendien: Am kostengünstigsten finanziert sich eine Ausbildung durch ein Stipendium. Zuwendungen für Auslandssemester gibt es zum Beispiel vom Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD). Der Markt an Stipendiengebern ist vielfältig. Das sind auch die Voraussetzungen für die Förderung. Überdurchschnittliche Leistungen, finanzielle Bedürftigkeit oder besonderes Engagement sind nur einige Beispiele. Bei der Suche nach einem geeigneten Programm hilft das Bundesministerium für Bildung. Unter   www.stipendienlotse.de finden interessierte Angebote von 462 Anbietern.

    BAföG: Die staatliche Zuwendung gibt es nicht nur für das Studium an Hochschulen. Auch Ausbildungen an allgemein- und berufsbildenden Schulen, an Kollegs, Akademien oder Fernunterrichtslehrgänge werden unterstützt. Allerdings existiert eine Altersgrenze. BAföG erhalten junge Menschen, die bei Beginn der Ausbildung das 30. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Ebenso für Schuljahre oder Praktika im Ausland gibt es die Mittel, denn auf Deutschland ist die staatliche Unterstützung nicht beschränkt. Wie hoch die Zahlungen ausfallen, hängt davon ab, ob Auszubildende bei ihren Eltern wohnen und für welche Ausbildung sie sich entschieden haben. Schüler bekommen das Geld in der Regel, solange sie die Bildungsstätte besuchen. Sie müssen es nicht zurückzahlen. Studenten werden in der Regelstudienzeit unterstützt. Sie müssen die Hälfte der Summe später in niedrigen Raten begleichen. Unter www.das-neue-bafoeg.de gibt es weitere Informationen.

    Bildungskredit: Volljährige Schüler und Studenten können unter bestimmten Voraussetzungen auch den zinsgünstigen Bildungskredit der KfW in Anspruch nehmen. Älter als 35 Jahre dürfen sie allerdings nicht sein. In monatlichen Raten von 100 Euro, 200 Euro oder 300 Euro wird das Darlehen ausgezahlt. Bis zu 7.200 Euro können innerhalb eines Ausbildungsabschnittes gewährt werden. Nach Ablauf einer tilgungsfreien Zeit von vier Jahren muss der Kredit in monatlichen Raten von 120 Euro zurückgezahlt werden. Auch andere Banken bieten Darlehen. Vor dem Kreditabschluss empfiehlt es sich mehrere Angebote zu vergleichen. einen Studienkreditrechner hält die Verbraucherzentrale Baden-Württemberg im Internet unter www.vz-bawue.de bereit.

  • Lesenswert

    Literatur für den Berufserfolg

    Strategische Berufsberatung: Wer nicht nur irgendeinen Job, sondern den Traumjob sucht, bekommt vom amerikanischen Buchautor Richard Nelson Bolles Unterstützung. In seinem Bestseller „Durchstarten zum Traumjob. Das ultimative Handbuch für Ein-, Um- und Aufsteiger“ zeigt er, wie jeder den passenden Arbeitsplatz finden kann. Das Buch erklärt, warum die konventionellen Methoden der Arbeitssuche oft ergebnislos bleiben und welche Strategien wirklich zum Erfolg führen. 

    Praktische Selbstanalyse: Wer nicht nur irgendeinen, sondern seinen Traumjob sucht, muss seine Talente und Fähigkeiten genau kennen. Nur dann lässt sich herausfinden, welcher Beruf am besten zu einem passt. Mit dem Arbeitsbuch „Durchstarten zum Traumjob – Das Workbook“ hilft Bolles Jobsuchenden ihre eigenen Stärken zu erkennen. Das eigenständige Buch zur Berufsorientierung konzipiert, eignet sich aber auch als Ergänzung zu „Durchstarten zum Traumjob. Das ultimative Handbuch für Ein-, Um- und Aufsteiger“.

    „Durchstarten zum Traumjob. Das ultimative Handbuch für Ein-, Um- und Aufsteiger“ (2009, 9. aktualisierte Auflage) ist für 24,90 Euro im Buchhandel erhältlich. Das Arbeitsheft „Durchstarten zum Traumjob – Das Workbook“ (2007, 3. aktualisierte Auflage) gibt es für 17,90 Euro. Beide Bücher sind im Campus-Verlag erschienen.

  • Karriere als Kreuzfahrer

    An Bord eines Cruisers lockt der schnelle berufliche Aufstieg/ Die Voraussetzungen für die Jobs auf See sind jedoch hoch

    „Ich selbst will später unbedingt in die Kreuzfahrtbranche“, erklärt das blonde zierliche Mädchen im Hosenanzug. „Da kommt man in relativ kurzer Zeit sehr weit rum.“ 20 Jahre ist Udine Handorf alt und studiert im zweiten Semester Tourismusmanagement an der Karlshochschule International University in Karlsruhe. In Halle 5.1 der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin erklärt sie Schülern, welche beruflichen Möglichkeiten sich hinter ihrem Studiengang verbergen. Mit dem Plan, später einmal auf einem Kreuzliner zu arbeiten, hat sie selbst schon einen Schritt in Richtung einer viel versprechenden Berufslaufbahn gemacht. Denn die Arbeit an Bord gilt als Karrieresprungbrett im Reisesektor.

    Die Palette der gefragten  Berufe ist groß. An Bord werden Kabinenstewards, Konditoren, Köche Barkeeper, Schiffsingenieure, Fitnesstrainer,  Animateure oder Physiotherapeuten gebraucht.

    „Wer in seinem Lebenslauf eine Referenz aus der Kreuzfahrt vorweisen kann, hat einen enormen Marktwert“, erklärt Frank Fleischmann. Der Pressesprecher der Suhler Agentur für Arbeit weiß, welche Vorteile eine Anstellung auf See mit sich bringt. „Auf einem Schiff gewinnen die Leute hochwertige Kenntnisse“, sagt er. „Die Tätigkeit ist vergleichbar mit der Arbeit in einem Vier- oder Fünf-Sterne Hotel.“ Zudem gebe es auf den schwimmenden Herbergen flache Hierarchien und weniger Personal als an Land. Da falle es eher auf, wenn jemand gute Leistungen bringe. „Da sind auch die Chancen für einen Aufstieg höher“, so Fleischmann.

    Regelmäßig organisieren die Arbeitsvermittler die Jobbörse „Meer Arbeit“. „Wir wollen motivierte Bewerber und angebotsstarke Unternehmen auf unkomplizierte Weise zusammenzubringen“, sagt Sprecher Fleischer. Auch wenn die Treffen zwischen Firmen und potentiellen Mitarbeitern in dem Thüringer Städtchen stattfinden, regional beschränkt ist die Vermittlung nicht. Jeder, der an einem Job in der Kreuzfahrtbranche interessiert ist, kann vorbeikommen und Unternehmen wie AIDA Cruises, die Peter Deilmann Reederei oder TUI kennen lernen. Die Chancen durch das persönliche Treffen eine Tätigkeit an Bord zu ergattern, stehen gut. „Von den rund 1.000 Besuchern interessieren sich 500 tatsächlich für einen Job“, erläutert Fleischmann. Zuletzt habe man über 150 Stellen vermitteln können.

    Für die Arbeit auf See gibt es allerdings hohe Voraussetzungen. Nur wer entsprechende Vorkenntnisse mitbringt, hat Aussicht auf die berufliche Weltreise. Eine Ausbildung im Tourismusbereich und Arbeitserfahrung sind Pflicht. Optimal sollten die Bewerber ein halbes bis eineinhalb Jahre in einem Hotel, Restaurant oder vielleicht einem Freizeitpark gearbeitet haben. Und wen es auf ein Hochseeschiff zieht, der sollte möglichst schon Erfahrungen auf einem Flussschiff gesammelt haben.     

    Die hohen Anforderungen in der Hotellerie und Gastronomie kennt auch Michaela Spiegel. Auf der ITB ist sie Karriereberaterin am Stand der Internet-Jobbörse YourCareerGroup (www.ycg.de). Im beruflichen Alltag ist die 37-Jährige Personaldirektorin bei ArabellaStarwood Hotels. „Ausbildung, Auslandserfahrung und Englischkenntnisse sind Grundvoraussetzungen“, erzählt sie. Eigentlich findet sie, sollte die Branche in dieser Hinsicht flexibler werden. Auch Quereinsteiger verdienten es, berücksichtigt zu werden, weil sie oftmals viel motivierter seien. „Ein KfZ-Mechaniker, der schon lange mit einem Job als Koch liebäugelt, bringt vielleicht mehr Leidenschaft mit als jemand mit einer Ausbildung.“   

    Der Kreuzfahrtenmarkt gehört zu den am stärksten wachsenden touristischen Segmenten. Laut Deutschem Reiseverband (DRV) hat sich die Passagierzahl allein bei den Fahrten auf den Weltmeeren in den vergangenen zehn Jahren verdreifacht. 2009 wurde erstmals die Zahl von über einer Million Hochseekreuzfahrern überschritten.

    Der Trend geht also hin zum Urlaub auf dem „schwimmenden Hotel“. Bei der Online-Stellenvermittlung Joborama (www.joborama.de) beobachten die Mitarbeiter noch eine weitere Entwicklung – und zwar mit Sorge. „Es werden immer mehr Praktika ausgeschrieben“, bemängelt der Leiter der auf die Bereiche Sport, Fitness, Wellness, Tourismus, Hotellerie und Gastronomie spezialisierten Börse, Uwe Wasserloos. Udine, der blonden Studentin im adretten Anzug, und ihren Kommilitonen empfiehlt er, bloß nicht zu viele Praktika zu machen. Ein einziges könne schließlich reichen, „um den Fuß in die Tür zu kriegen“. 

  • Brüderles laues Lüftchen

    Kommentar zu Rainer Brüderle von Hannes Koch

    Wer Rainer Brüderle wohlwollend betrachtet, wird sagen, dass der Wirtschaftsminister der FDP bislang keine Fehler gemacht habe. Wer den rheinland-pfälzischen Politiker kritisch sieht, urteilt dagegen, man könne gar nicht erkennen, was Brüderle so treibe.

    Das stimmt nicht. Wahrnehmbar war Brüderle als einer der Mitwirkenden am Wachstumsgesetz der schwarz-gelben Koalition und der darin enthaltenen Steuersenkung für Hotels. Außerdem hat er ein Entflechtungsgesetz für Konzerne angekündigt, um deren Macht im Extremfall einzudämmen. Und drittens hat er einen Kreditmediator berufen, der unter gutem Zureden Banken davon überzeugen soll, Unternehmen Geld zu leihen. Der Erfolg dieser Mission ist bislang offen.

    Ist das die überzeugende Halbjahresbilanz eines Wirtschaftspolitikers, der jahrelang darauf warten musste, endlich wieder regieren zu können? Wer Brüderle neutral beobachtet, ist erstaunt über die Gemütlichkeit seines Handelns und die Leere seiner Statements. Mehr als das einförmige Bekenntnis zu Wachstum und Marktfreiheit ist da nicht zu hören. Vielleicht besteht in dieser Nicht-Politik aber die eigentliche Raffinesse. Wer nichts tut, unterstützt diejenigen, die ohnehin profitieren.

  • Banken sollen Mittelstand besser unterstützen

    Kreditgipfel: Öffentliche KfW-Bankengruppe verlängert Export-Kreditprogramm. Vermittler Metternich nimmt bald Anfragen von hilfesuchenden Betrieben entgegen. Wirtschaftsminister Brüderle fordert Banken zum Handeln auf

    Noch ist das Büro von Hans-Joachim Metternich nicht zu erreichen. Stattdessen meldet sich ein Callcenter, das verspricht, eine Nachricht weiterzureichen. Mittelständler, die dringend einen Kredit brauchen, ihn von der Bank aber nicht bekommen, müssen sich also noch etwas gedulden. Ab Ende des Monats erst nimmt Kreditmediator Metternich Anträge von hilfesuchenden Firmen entgegen.

    Im Auftrag von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) soll Metternich, der ehemalige Chef der rhein-pfälzischen Investitionsbank, vermitteln, wenn Banken den Kreditwunsch einer Firma ablehnen. Noch allerdings ist die Beratung nicht angelaufen. „Es ist schwierig, das Verfahren umzusetzen“, heißt es beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Fraglich ist unter anderem, wie Metternichs Mitarbeiter die notwendigen Informationen erhalten, um die tatsächliche Kreditwürdigkeit der Hilfesuchenden zu beurteilen.

    Damit die Zusammenarbeit möglichst schnell vorankommt, trafen sich beim DIHK in Berlin am Donnerstag Metternich und Brüderle mit den Spitzenverbänden der Wirtschaft und der Banken. „Alle Beteiligten unterstützten den Kreditmediator bei seinen Bemühungen, Lösungen für Unternehmen zu finden“, hieß es in der vorbereiteten Erklärung.

    Angesichts der Wirtschaftskrise scheinen zumindest einige Unternehmen einer gewissen Hilfe zu bedürfen. Einer aktuellen Umfrage des DIHK zufolge beklagen 28 Prozent der Firmen Finanzierungsprobleme. 25 Prozent berichten von schlechteren Kreditbedingungen als vor der Krise. Dazu gehören etwa höhere Zinsen oder das Verlangen der Banken nach größeren Sicherheiten. Betroffen sind nicht zuletzt größere Mittelständler, deren Finanzierungsbedarf die Möglichkeiten von Sparkassen und Volksbanken übersteigen. Gerade die großen Finanzinstitute sind infolge der Krise vorsichtiger geworden.

    Eine „flächendeckende Kreditklemme“ sehe er zwar nicht, sagte Brüderle, „aber es zeichnen sich erste Engpässe ab. Die Banken können mehr als sie bisher tun.“ Bundestagsopposition und Gewerkschaften haben wiederholt kritisiert, dass die Notenbanken den großen privaten Instituten billiges Geld zu Verfügung stellten, diese die Mittel aber zu wenig an die Wirtschaft weiterreichten.

    Wie am Donnerstag bekannt wurde, hat gerade die öffentliche KfW-Bankengruppe ein Kreditprogramm bis Ende des Jahres verlängert, das Exportunternehmen unterstützt. Dabei kauft die KfW Finanzinstituten Unternehmenskredite ab. Sie verschafft den Banken damit liquide Mittel und ermöglicht ihnen so, weitere Kredite an Firmen auszureichen.

    Weiterhin wird daran gedacht, den Zugang der Banken zu so genannten Globalkrediten der KfW zu erleichtern. Die öffentliche Bank könnte künftig einen größeren Teil der Haftung übernehmen. Ferner prüft Brüderles Ministerium, ob der Staat eine Haftung für die Verbriefung von Unternehmenskrediten übernehmen könnte. Über diese Maßnahmen ist freilich noch nicht entschieden.

    Die grüne Mittelstandsbeauftragte Christine Scheel forderte, „die PR-Veranstaltung Kreditmediator zu beenden“. Das Geld könne „effektiver an anderer Stelle verwendet werden“, so Scheel. Die Bundesregierung solle mittleren und kleineren Firmen vor allem besseren Zugang zu Krediten für Betriebsmittel wie beispielsweise Maschinen verschaffen.

  • Bund will pünktliche Bahn

    Regierung bestimmt neuen Aufsichtsratschef / Bahn wird Chefsache

    Die Bahn soll sich künftig mehr um ihr Kerngeschäft kümmern und wieder pünktlicher, kundenfreundlicher und zuverlässiger werden. Diese Aufgabe will der angehende Vorsitzende des Aufsichtsrats des Unternehmens, Utz-Hellmuth Felcht, durch den Bahnvorstand zuvorderst gelöst wissen. Erst wenn der gute Ruf der Bahn wieder hergestellt sei, könne an andere Ziele wie einen Börsengang gedacht werden, sagte der Chefkontrolleur am Mittwoch in Berlin.

    Kurz zuvor hatte das Bundeskabinett die Berufung des studierten
    Chemikers bestätigt. Der Manager übernimmt in zwei Wochen den Posten von Werner Müller, der sich nicht mehr um eine Vertragsverlängerung bemühen wollte. Felcht gilt als guter Bekannter von Verkehrsminister Peter Ramsauer, der dessen "absolute Zuverlässigkeit und Gradlinigkeit" lobte.

    Der CSU-Politiker will die Bahn zur Chefsache machen und sich intensiv um die Weiterentwicklung des Unternehmens kümmern. Dabei geht es auch um einige wichtige Entscheidungen des Eigentümers Bund. Insbesondere die Zukunft des Schienennetzes muss noch geklärt werden. Eine Trennung von Netz und Betrieb ist derzeit nicht die favorisierte Lösung. Eher wird der Bund dafür sorgen, dass die mit den Trassen erwirtschafteten Gewinne vom Konzern wieder in das Schienennetz gesteckt werden.

    Neben Felcht wurden fünf weitere Aufsichtsräte vom Bundeskabinett
    ausgetauscht. Die Neuorientierung der Bahn erfordere auch diese
    personellen Wechsel, sagte Ramsauer. Im Unternehmen selbst wurden bereits fast alle alten Vorstandsmitglieder durch andere Manager ersetzt. "Viele Träume haben sich als Schäume erwiesen", kritisierte Ramsauer den früheren Börsenkurs des Konzerns.

    Die Teilprivatisierung bleibt für die schwarzgelbe Koalition allerdings
    ein langfristiges Ziel. Auch an der Unternehmensstrategie wird sich nur wenig ändern. Das Unternehmen wird weiterhin im weltweiten
    Transportgeschäft tätig bleiben und will in Europa kräftig expandieren. "Mit diesem Mix hat sich die Bahn als weitgehend erfolgreich erwiesen", stellte der designierte Aufsichtsratschef fest. Längere Gespräche mit Ramsauer und Bahnvorstand Rüdiger Grube über die zukünftige Entwicklung seien übereinstimmend verlaufen.

    Die Bahngewerkschaften Transnet und GDBA forderten Felcht auf, sich auch als Sachwalter der Beschäftigten zu verstehen. Außerdem müsse der Vorsitzende ein klares Bekenntnis zum integrierten Konzern abgeben, forderten die Gewerkschaftsvorsitzenden Alexander Kirchner und Manfred Hommel.

    Kasten Vita:

    Der Chemiker

    Der designierte Aufsichtsratsvorsitzende der Bahn kommt aus der
    Chemiebranche. Utz-Hellmuth Felcht hat es als Chemiker bis zum Professor gebracht. Seit 1977 ist der heute 63-jährige in der Wirtschaft tätig. Der Westfale stieg in den Vorstand der Hoechst AG auf und wurde später Vorstandschef des Chemieunternehmens SKW Trostberg. Den wichtigsten Posten erreichte er 2001 als Chef der Degussa AG. Das Unternehmen ging im Mischkonzern Evonik auf, der maßgeblich vom bisherigen Aufsichtsratschef der Bahn, Werner Müller, gebildet wurde. Beide Manager konnten nicht miteinander. Im internen Machtkampf unterlag Felcht, der seinen alten Widersacher nun bei der Bahn beerbt.

    Der künftige Aufsichtsratsvorsitzende muss mit einem Makel sein Amt antreten. Die von der Bundesregierung zunächst auserkorenen Kandidaten konnten oder wollten die Bahn nicht kontrollieren.

  • Der Währungsfonds, das unbekannte Wesen

    Griechenland-Krise: Viele reden über den Europäischen Währungsfonds, ohne viel zu wissen. Manche in der Regierung wollen den Ball lieber flach halten

    Ein neuer Europäischer Währungsfonds könnte Staaten wie Griechenland aus der Krise helfen. Seit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble diese umstrittene Idee am Wochenende geäußert hat, ist die Debatte in vollem Gange. Aus der Regierung ist derweil zu hören, dass der vermeintliche Plan zur Gründung eines Fonds auf einer missverständlichen Interpretation beruhe.

    Keinesfalls gehe es darum, eine neue Institution zu gründen, die in Konkurrenz zum Internationalen Währungsfonds treten solle, heißt es aus Regierungskreisen. Gedacht werde eher an einen Kreditausschuss mit wenigen Mitarbeitern, die dem Rat der Finanzminister der Euro-Gruppe zuzuordnen sei. Es könne sich um ein Sekretariat oder eine Agentur handeln, in der auch Vertreter der europäischen Zentralbank säßen.

    Finanzminister Schäuble (CDU) hatte in einem Interview mit der Welt am Sonntag gesagt: „Wir sollten in Ruhe darüber diskutieren, welche Konsequenzen aus der Griechenland-Krise zu ziehen sind. Dabei sollten wir keine Vorschläge von vornherein ausschließen, auch nicht die Einrichtung eines Europäischen Währungsfonds.“ Damit bezog sich Schäuble auf den in Washington ansässigen Internationalen Währungsfonds (IWF), dem 186 Staaten angehören. Der IWF springt mit Krediten ein, wenn Mitgliedsländer in Zahlungsproblemen stecken, und legt ihnen im Gegenzug Bedingungen für ihre Wirtschaftspolitik auf.

    Im Gegensatz zu der mächtigen Washingtoner Institution denkt man in Berlin eher über einzelne Instrumente nach. Im Hinblick auf Staaten, die wie Griechenland von Überschuldung bedroht seien, müsse man zwei Fragen beantworten: Woher könne diese Länder Kredite zu akzeptablen Zinsen erhalten, und welche Bedingungen müssen sie als Gegenleistung erfüllen?

    Der Hilfsmechanismus könne in Anlehnung an ein Verfahren stattfinden, das die Europäische Kommission schon heute praktiziere, heißt es. Dabei würden Kredite aufgenommen, um notleidenden Ländern zu helfen. Anders als beim IWF würden die Staaten der Euro-Gruppe keine Beiträge in den Fonds einzahlen. Letzteres hat am Mittwoch Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) gefordert und sich für schnelle Vorbereitungen ausgesprochen.

    Die Kreise betonten, dass man nur ein Instrument plane, das als letzte Möglichkeit eingesetzt werden solle. Normale Kredite bei Zahlungsbilanzproblemen, wie sie der IWF ausreiche, stünden nicht zur Debatte. Die Drohung der Zahlungsunfähigkeit gegenüber Staaten der Eurozone müsse erhalten bleiben, um die jeweilige Regierung zur Verringerung ihrer Verschuldung zu bewegen.

    Um einen neuen Mechanismus gegen die Überschuldung von Euroländern zu schaffen, müssten europäische Verträge geändert werden, sagte am Mittwoch Regierungssprecher Christoph Steegmanns. Es gehe um eine „Härtung des Stabilitätspaktes“, ergänzte Schäubles Sprecher Michael Offer. Politiker der Fraktionen von Union und FDP im Bundestag äußerten sich derweil kritisch zur Idee des Währungsfonds. Auch Bundesbank-Chef Axel Weber hält ein solches Instrument für problematisch. Für die Lösung der Griechenland-Krise käme es ohnehin zu spät – die Planungen dürften einige Zeit in Anspruch nehmen.

  • Der freundliche Herr Grube

    Der Bahnchef macht fast alles anders als sein Vorgänger / Porträt eines
    arbeitswütigen Vorstands

    Tief im Tunnel unter einem Bergmassiv im sachsen-anhaltinischen Ort
    Saubach hallen die Sirenen noch nach, als Bahnchef Rüdiger Grube zum Gewaltschlag ausholt. Per Knopfdruck jagt der Bauherr 90 Kilogramm Dynamit und damit jene Felswand in die Luft, die zwei ICE-Tunnelstücke noch voneinander trennt. Die Detonation lässt den Berg und die versammelten Ehrengäste erzittern. Kurz darauf taucht der Begrüßungstrupp der Arbeiter von der anderen Seite der Baustelle aus der alles bedeckenden Staubwolke auf. Das bedeutet, der Bau der umstrittenen Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen München und Berlin ist wieder ein Stück weit vorangekommen. Milliarden gibt der Bund für die Prestigeverbindung aus, die in den ersten Einheitstagen geplant wurde und vermutlich nie wirtschaftlich betrieben werden kann. Anderswo fehlt das Geld für die Beseitigung kleiner Engpässe im Netz dringend. Doch Grube meckert nicht. Er tut seinen Dienst im Auftrag der Bundesregierung, stets freundlich, überaus höflich, immer dezent und trotzdem präsent.

    Der 58-jährige verkörpert das krasse Gegenstück zu seinem Vorgänger, dem verbalen Raufbold Hartmut Mehdorn. Vor 312 Tagen hat der frühere Daimler-Manager einen der schwierigsten Spitzenjobs übernommen, den die deutsche Wirtschaft zu bieten hat. "Ich habe es unterschätzt", bekennt das meist lächelnde Arbeitstier, den die Verhältnisse zum Workoholic gemacht haben. Vier Stunden Schlaf langen Grube. Abends um zehn verabschiedet er sich von offiziellen Veranstaltungen. Zuhause wird dann noch die Post erledigt. Die Familie spielt da mit. Dafür verbringt der zweifache Vater die verbleibende Zeit am Wochenende mit seiner Frau und den beiden schon fast erwachsenen Kindern.

    Die viele Arbeit ist Grube gewohnt, die vielen Probleme im Unternehmen nicht. Zunächst musste der Datenskandal der Bahn aufgeklärt werden. Dann stellte sich heraus, dass der Konzern mit gekauften PR-Leuten die öffentliche Meinung beeinflusst hat. Es folgte die Entdeckung von Listen mit den Krankheiten einzelner Beschäftigter. Anschließend standen erhebliche technische Probleme auf der Tagesordnung. Ein großer Teil der ICE-Flotte fällt schon lange aus. Schließlich blamierte sich die Bahn mit einem teilweisen Ausfall der Berliner S-Bahn bis auf die Knochen und ruinierte gleichzeitig den ohnehin schlechten Ruf noch weiter. Von der Wirtschaftskrise, die über den nachlassenden Güterverkehr auf der bahn lastet, ganz zu schweigen. Trotzdem wird Grube Ende März eine Bilanz vorlegen, die sich mit einem Gewinn von mehr als 1,5 Milliarden Euro sehen lassen kann.

    Das hat wohl auch mit der zupackenden Art des Vorstands zu tun. Hinter der freundlichen Fassade verbirgt sich ein knallharter Chef, wenn etwas schief läuft. Vom System Mehdorn ist nicht viel geblieben, weil Grube ohne Umschweife mit der Kehrmaschine durch die Chefetage gerast ist. Statt Börsengang und Gewinnmaximierung ohne Rücksicht lautet die Parole nun, Konzentration auf das Brot- und Buttergeschäft mit der guten alten Eisenbahn. Grube muss den Namen Mehdorn nicht einmal in den Mund nehmen, um sich von ihm zu distanzieren. Das wäre auch unhöflich. Er verweist nur auf die Fakten. "Ich haben nicht ohne Grund fast alle Vorstände ausgetauscht", erwidert er auf die Frage nach Fehlern der Vergangenheit. Nur einer durfte bleiben und führt nun geräuschlos das Logistikgeschäft, mit dem Mehdorn einst die Welt erobern wollte. Dafür kam ein Vorstand für die immer wieder versagende Technik hinzu und einer für den richtigen Umgang mit Daten und dem Recht. Der früher für den Datenschutz zuständige Vorstand habe nicht einmal gewusst, dass er für diese Aufgabe verantwortlich war, erinnert sich Grube. Das lässt tiefe Einblicke in die Ära Mehdorn zu.

    Mit dem Blick zurück hält sich Grube nicht gerne auf. Dabei ist sein
    Karriereweg ebenso beeindruckend wie selten. Der Sohn eines Landwirts wächst im Hamburger Land auf und absolviert zunächst nur die Hauptschule. Er wurde Flugzeugbauer und absolvierte später erst ein Fachhochschul-, dann noch ein Universitätsstudium und wurde
    Berufsschullehrer. Erst mit Ende dreißig begann Grubes Managerkarriere beim Flugzeugbauer Dornier, der steil aufwärts führte und ihm bei der Bahn den bislang wichtigsten Posten einbrachte.

    Dieser Werdegang erklärt auch den immensen Fleiß des Managers, der sich mit 15-Kilometer-Läufen am Wochenende fit hält. "Ich bin kein Überflieger, ich musste mir alles erarbeiten", gibt Grube zu. Dieses Erarbeiten müssen ging dann in Fleisch und Blut über. Er wurde der Mann für die schwierigen Verhandlungen, löste für Daimler die Welt-AG mit Chrysler und Mitsubishi auf, handelte einen Umbau der Spitze des europäischen Gemeinschaftsunternehmens EADS auf. Letzteres mussten die Regierungschefs von Deutschland und Frankreich absegnen. So lernte Grube Angela Merkel kennen, die ihn danach, lange vor Mehdorns Abgang fragte, ob er sich den Spitzenposten bei der Bahn vorstellen könne.

    Geschickt agiert Grube in der für die Bahn so wichtigen Politik. Mehdorn betrachtete den Bundestag und das Verkehrsministerium von oben herab und ließ keine Gelegenheit aus, die Volksvertreter und den Eigentümer zu brüskieren. Grube macht sich überall Freunde. "Das ist ein sympathischer, einnehmender Typ", sagt Dirk Flege vom Lobbyverband Allianz pro Schiene. Auch die grünen Abgeordneten, die eine grundsätzlich andere Bahnpolitik fordern, sind vom Auftreten Grubes angetan. Allerdings müssten den Worten jetzt auch Taten folgen, verlangt der Abgeordnete Hofreiter.

    Bislang war Aufräumen im Bahnkonzern angesagt. Jetzt muss eine
    Vorwärtsstrategie her. Grube überlässt die Vorgaben dafür
    Verkehrsminister Peter Ramsauer. Der wiederum hat außer Bekenntnissen zum Schienenverkehr noch nicht viel zuwege gebracht. In den nächsten Jahren fehlen mehr als zwanzig Milliarden Euro, um die Schienenwege wie geplant auszubauen. Von der Finanzierung der Infrastruktur hängt viel ab, wenn mehr Verkehr von der Straße auf die Schiene geholt werden soll.

    Grube selbst hat eine Strategie entwickelt, die viele Bahnkunden hoffen lassen kann. Die alten Ziele, eine Teilprivatisierung und das weltweite Transportgeschäft, rücken in den Hintergrund. Stattdessen setzt Grube auf das Kerngeschäft Eisenbahn. Zunächst will die Bahn
    kundenfreundlicher werden. Der Vorstand geht schon mal voran. Jeden Tag ruft Grube ein paar unzufriedene Kunden an, die sich bei ihm persönlich beschwert haben. Mitunter glaubt ihm dann niemand, dass er wirklich der Bahnchef ist und er muss ein paar biographische Fragen beantworten, die am anderen Ende der Leitung schnell gegoogelt werden. Auch bei der Schülerin aus Brandenburg, die in bitterkalter Winternacht wegen einen angeblich ungültigen Fahrscheins aus dem Zug geworfen wurde, hat der
    Vorstand angerufen und sich mit Freifahrschein und Blumen entschuldigt.

    Vier Punkte stehen auf der Wunschliste der Bahn obenan. Eine
    Kundenoffensive soll für zufriedene Fahrgäste sorgen. Dazu gehört zum Beispiel eine Änderung der Abo-Regelung bei der Bahncard, die für viel Verärgerung gesorgt hat. Die Technik soll sicherer werden. Da verspricht Ramsauer Rückendeckung, der die Hersteller der Züge verstärkt für Fehler mit in die Haftung nehmen will. Drittens will Grube ins rollende Material investieren und 300 neue Züge bestellen. Schließlich, das wird der für das Unternehmen vielleicht wichtigste Schritt sein, will die Bahn verstärkt andere europäische Märkte erobern und Verbindungen in die Nachbarländer aufbauen. Zugverbindungen nach Lyon, Palermo oder London
    stehen auf der Wunschliste.

    Nur eines mag Grube gar nicht. Das ist die Diskussion um eine Trennung des Schienennetzes von den Transportsparten. Wenn der Konzern nicht als Ganzes erhalten bleibt, will er das Handtuch werfen. "Das ist mit mir nicht zu machen", droht der Bahnchef mit Rücktritt.

  • Einmal um die ganze Welt

    ITB-Infokasten

    Die 44. Internationale Tourismusbörse (ITB) wird heute für das 
    Fachpublikum eröffnet und dauert bis zum kommenden Sonntag. An den
    beiden Wochenendtagen ist die weltgrößte Leistungsschau der
    Reisewirtschaft auch für das normale Publikum geöffnet. Die Tageskarte
    kostet 14 Euro. Geöffnet ist von 10-18 Uhr.

    Auf rund 160.000 Quadratmetern zeigen die Aussteller die neuesten Trends
    beim Urlaub. Zielregionen aus fast allen Ländern der Welt stellen sich
    auf den oft phantasievoll gestalteten Ständen vor.

  • Reisen in diesem Jahr günstiger

    Urlaubsindustrie kommt gut durch die Krise / Griechenland-Krise
    weitgehend folgenlos

    Urlaubsreisen werden in diesem Jahr preiswerter. "Die 
    Reisepreise sind deutlich gesunken", sagte der Chef des Deutschen
    Reiseverbands (DRV), Klaus Laepple, kurz vor der Eröffnung der
    Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin. Den von
    Schnäppchenjägern erhofften Preiskampf werde es allerdings nicht geben.
    Für den Nachlass bei den Offerten sorgt die Wirtschaftskrise. In einigen
    Zielgebieten ist die Zahl der Gäste aus den besonders gebeutelten
    Ländern stark gesunken. Die schwache Nachfrage nutzen die Veranstalter
    aus und setzen bei den Hoteliers niedrigere Zimmerraten durch. Außerdem
    ist Flugbenzin nicht mehr so teuer. Laut Laepple geben die Unternehmen
    die Kostenvorteile an die Kundschaft weiter.

    Insgesamt blickt die Branche zuversichtlich auf die anstehende
    Sommersaison. In diesem Jahr rechnet der DRV mit stabilen
    Teilnehmerzahlen bei den organisierten Ferientrips. Damit kommt die
    Industrie vergleichsweise günstig wieder aus der Krise heraus. 2009
    mussten die Veranstalter ein Umsatzminus von drei Prozent verkraften.
    Dem ging allerdings ein Rekordjahr voraus. Mit fast 21 Milliarden Euro
    erwirtschafteten die Anbieter immer noch einen Spitzenwert. "Wir sind
    mit einem blauen Auge davon gekommen", atmet Laepple auf. Schwer
    gelitten haben jedoch die auf Geschäftsreisen spezialisierten
    Vermittler. Ihnen ging ein Viertel des Umsatzes verloren.

    Ferienreisen stehen bei den Bundesbürgern weiterhin hoch im Kurs.
    Deutschland bleibt das beliebteste Reiseziel und konnte seinen
    Spitzenplatz sogar noch ausbauen. Von den 76 Millionen Urlaubsfahrten
    führten 40 Prozent an ein Ziel im Heimatland. Zieht es die Urlauber ins
    Ausland, rangiert Spanien wieder vorne, gefolgt von Italien und
    Österreich. Am meisten neue Gäste konnte die Türkei gewinnen, vor allem
    aufgrund vielfältiger All-Inklusiv-Angebote. Bei den Fernreisen erleben
    mit Kenia, Sri Lanka und Thailand altbekannte Ziele eine Renaissance.

    Die Finanzkrise Griechenlands wird nach Einschätzung des DRV kaum
    Auswirkungen für den Tourismus haben. Betroffen sein könnten jedoch
    Individualreisende, die sich auf höhere Preise einstellen müssen, weil
    die Regierung in Athen Steuern erhöhen muss. Pauschalurlauber sind nach
    Verbandsangaben nicht davon betroffen, weil sie zu festen Katalogpreisen
    buchen.

    Die Wirtschafts- und Finanzkrise wirkt sich laut Laepple an unvermuteter
    Stelle auf den Tourismus aus. "Die Werteorientierung der Verbraucher hat
    sich verändert", stellt der Experte fest. Die Urlauber setzen auf
    Markenanbieter und individuell ausgefeilte Produkte. Zudem steigt die
    Nachfrage nach sinnstiftenden Reisen, zum Beispiel Urlaub mit sozialer
    Arbeit oder Entdeckertouren.

    Die gute Branchenstimmung spiegelt sich auch auf der ITB wieder. Mit
    11.127 Ausstellern auf 187 Ländern ist die Leitmesse der Touristik
    erneut ausgebucht. Alle wichtigen Anbieter sind in den Berliner
    Messehallen vertreten. Im vergangenen Jahr zählte die Messegesellschaft
    fast 180.000 Besucher. Partnerland ist in diesem Jahr die Türkei, die
    mit Istanbul als Kulturhauptstadt Europas, den historischen Stätten
    sowie den Badezielen am Mittelmeer auf Gästefang geht.