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  • Unpopulär

    Kommentar zur Maut

    Autofahrer können aufatmen. Denn eine Pkw-Maut wird es vorerst nicht geben. Die technischen Hürden für eine Einführung sind zu groß, als dass so ein Vorhaben schnell umgesetzt werden könnte. Das Mautsystem für Lkw kann nicht einfach auf den Autoverkehr ausgeweitet werden. Zwei Zahlen verdeutlichen das Ausmaß dieser Aufgabe. Zurzeit werden auf 12.000 Kilometer Autobahn Gebühren erhoben. Soll jede Straße einbezogen werden, müssten 600.000 Kilometer technisch ausgestattet und kontrolliert werden.

    Doch die Erleichterung wird nicht lange anhalten. Auf Dauer müssen die Nutzer der Verkehrswege auch für deren Bau und Erhalt zu viel größeren Teilen aufkommen als bisher. Da die Kassen des Staates auch noch leer sind, wird an höheren Kosten für die Autofahrer auf Dauer kein Weg vorbei führen. Außerdem muss die Umweltbelastung durch den Verkehr gesenkt werden. Viel fahren sollte daher viel kosten. Nichts anderes hat auch der Bundespräsident mit seiner Forderung nach höheren Spritpreisen kürzlich festgestellt.

    Die Frage ist nur, wann und wie an der Preisschraube gedreht wird. Die einfachste Lösung wäre sich eine Anhebung der Mineralölsteuer. Dagegen spricht jedoch der gravierende Preisunterschied beim Benzin in Europa. Tanktourismus und Grauimporte würden den erhofften Effekt zu sehr schmälern, solange nicht alle EU-Staaten eine gemeinsame Strategie verfolgen. Und Ausländer könnten weiterhin vor der Grenze tanken und kostenlos das deutsche Straßennetz benutzen. Diese Schwächen sprechen gegen das Instrument Steuer. Deshalb wird die Maut wohl in gewissen Abständen immer wieder ins Spiel kommen. Denn deren Vorteile sind immens, sofern die technischen Fragen gelöst sind. Die Nutzer zahlen, der Verkehr kann im Sinne von Umwelt und Effizienz gelenkt werden. Die Vorzüge kennen natürlich auch die Verkehrsminister. Nur die Angst vorm Zorn der Wähler hält sie von der unpopulären aber richtigen Weichenstellung ab.

  • „Nicht auf den Mindestlohn konzentrieren“

    Nur eine Lohnuntergrenze für die Beschäftigten im Einzelhandel zu definieren, sei der falsche Weg, sagt Erich Harsch, Geschäftsführer von dm-drogerie markt. Der gesamte Tarifvertrag müsse Gesetzeskraft erhalten

    Hannes Koch: Herr Harsch, Ihr Unternehmen dm-drogerie markt gilt als sozial engagiert. Eigentümer Götz Werner propagiert das bedingungslose Grundeinkommen für alle. Sie aber wenden sich dagegen, einen Mindestlohn für Verkäuferinnen und Regaleinräumer festzulegen. Warum?

    Erich Harsch: Die Gewerkschaft Ver.di und der Handelsverband peilen einen Mindestlohn an, den Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen für alle Unternehmen in Kraft setzen soll. Diese Initiative ist nicht ausreichend und geht deshalb in die falsche Richtung. Man darf sich nicht auf das Minimum der Bezahlung konzentrieren. Von tausend Euro im Monat kann eine Familie ja nicht vernünftig leben. Stattdessen sollten wir die Einkommen so gestalten, dass die Beschäftigten ein solides Auskommen haben. Wir plädieren daher dafür, den gesamten Entgelttarifvertrag inklusive der höheren Gehaltsstufen für allgemeinverbindlich zu erklären, nicht nur eine Untergrenze. Damit könnte man Lohndumping wirklich verhindern.

    Koch: Befürchten Sie, dass höhere Tariflöhne absinken, wenn eine politisch definierte Untergrenze eingeführt würde?

    Harsch: Das kann passieren. Der Mindestlohn übt einen Sog nach unten aus. Manche Unternehmen überlegen sich dann, ob sie mehr bezahlen müssen als das Minimum. Und das genau ist nicht Sinn der Sache. Eigentlich müssen wir ja weg von der Logik eines Existenzminimums, das nur das nackte Überleben sichert.

    Koch: Welches ist der niedrigste Lohn, den dm seinen Beschäftigten zahlt?

    Harsch: Bei dm erhalten die Mitarbeiter garantiert mindestens Tarif. Die untere Tarifgrenze für ungelernte Berufsanfänger liegt in Niedersachsen bei rund sieben Euro pro Stunde. Was dm betrifft, sind solche Löhne aber seltene Ausnahmen. Die weitaus meisten Beschäftigten erhalten viel mehr, weil sie gut ausgebildet oder langjährig bei uns tätig sind. Der Durchschnitt liegt bei uns bei zwölf bis 13 Euro pro Stunde.

    Koch: Falls es zu einem allgemeinverbindlichen Mindestlohn im Einzelhandel kommen sollte, wird dieser eventuell bei acht Euro liegen. Wenden Sie sich gegen eine solche Untergrenze, weil auch dm dann manchen Beschäftigten mehr zahlen müsste?

    Harsch: Nein, das ist nicht der Punkt. Unser Anliegen ist es, vernünftige Löhne durchzusetzen, nicht Niedriglöhne. Wenn alle mehr bezahlten, würde das keinen Nachteil darstellen, und es wäre außerdem gut für das Image des Handels.

    Koch: Die Wirklichkeit geht in die andere Richtung. Viele Firmen drücken die Löhne und bieten ungeregelte Jobs an. Um diesen Verfall zu bremsen, ist der Mindestlohn ein realistisches und politisch durchsetzbares Mittel. Die Forderung, den gesamten Tarifvertrag für allgemeinverbindlich zu erklären, klingt dagegen ziemlich illusorisch.

    Harsch: Nein, das glaube ich nicht. Billiganbieter, die ihre Beschäftigten schlecht behandeln, haben keine Zukunft. Denn die Verbraucher legen zunehmend Wert auf Nachhaltigkeit im Wirtschaften und vernünftige Arbeitsbedingungen. Wer gegen diese neue Einkaufskultur verstößt, wird von den Konsumenten bestraft. Die Dinge werden gut, glauben Sie mir!

    Koch: Hoffen wir das Beste. Andererseits haben zweifelhafte Billigketten wie Schlecker, Lidl und KiK jahrelang Marktanteile gewonnen. Auch Lohndumping führt unter bestimmten Umständen zum Erfolg.

    Harsch: Viele Billiganbieter verfolgen die Strategie, niedrige Preise mit schlechten Arbeitsbedingungen zu erwirtschaften. dm macht das anders. Wir erhöhen die Produktivität, indem wir beispielsweise in die Ausbildung und Motivation unserer Beschäftigten investieren. Dann kann man auch auskömmliche Löhne zahlen und trotzdem günstige Preise anbieten. Das sollte die Politik unterstützen.

    Bio-Kasten

    Erich Harsch (Jg. 1961) arbeitet seit Mai 2008 als Vorsitzender der Geschäftsführung von dm-drogerie markt. Mit fünf Milliarden Euro Umsatz und 1.700 Filialen ist das Unternehmen einer der Marktführer.

    Info-Kasten

    Mindestlohn

    Mindestlöhne sollen verhindern, dass die Bezahlung der Beschäftigten zu weit absinkt. Unter bestimmten Umständen kann die Bundesregierung eine Untergrenze festlegen. Eine Voraussetzung ist in der Regel, dass Arbeitgeber und Gewerkschaften sich zuvor auf einen gemeinsamen Mindestlohn geeinigt haben. Für die 2,6 Millionen Beschäftigten des Einzelhandels streben das der Handelsverband und die Gewerkschaft Ver.di an. Weil ab Mai 2011 Arbeitnehmer aus Polen und anderen EU-Staaten ohne Beschränkungen in Deutschland arbeiten können, bekommt die Debatte jetzt eine neue Dynamik. Die CDU ist bereit, Mindestlöhne in einigen Branchen festzusetzen, die FDP lehnt das eher ab.

  • Geringere Steuern für mittlere Einkommen

    Das FDP-Modell würde zur Entlastung von Beschäftigten führen, die bis zu 4.400 Euro pro Monat verdienen. Offene Frage: Woher kommen die 16 Milliarden?

    Im Gegensatz zum gegenwärtigen Steuersystem will die FDP fünf Stufen einführen. Während der Steuersatz heute allmählich ansteigt, soll er nach den Vorstellungen der FDP künftig bei bestimmten Einkommenshöhen einen großen Sprung nach oben machen.

    Konkret könnte das so aussehen: Bis 8.004 Euro würde ein Single ohne Kinder wie heute keine Steuer zahlen. Verdient er zwischen 8.005 und 12.500 Euro pro Jahr, müssten er oder sie 14 Prozent Steuer entrichten. Für zusätzliches Einkommen bis zu 35.000 Euro wird ein Steuersatz von 25 Prozent fällig. Die weiteren Stufen: 35 Prozent bis 53.000 Euro, 42 Prozent bis 250.000 Euro, darüber 45 Prozent.

    Der Spitzensteuersatz bei Verdiensten über 53.000 Euro (etwa 4.400 zur versteuerndes Einkommen pro Monat) bliebe im Vergleich zu heute gleich. Die FDP hat sich an dieser Stelle davon verabschiedet, Wohlhabende und Reiche zusätzlich zu begünstigen. Deren Durchschnittssteuersatz sänke aber nichstdestoweniger.

    Entlastet würden auch kleine und mittlere Einkommen. So sparte ein Single mit 30.000 Euro zu versteuerndem Jahreseinkommen rund 600 Euro. Wobei die Steuerbelastung schon heute nicht besonders hoch ist – der Beschäftigte hat einen Steuersatz von 23 Prozent. Ein Single mit 50.000 Euro Jahreseinkommen müsste statt heute rund 12.800 nur 11.500 Euro zahlen – Einsparung: 1.300 Euro. Und ein Paar mit zwei Kindern (60.000 Euro) sparte rund 1.300 Euro im Jahr. Heute schon beträgt deren Steuersatz nur etwa elf Prozent.

    Die FDP verbindet mit ihrem Modell das Versprechen, besonders die Mittelschicht zu entlasten und den sogenannten Mittelstandsbauch abzuflachen. Ist diese Argumentation haltbar? Als „Mittelstandsbauch“ bezeichnet man den relativ schnellen Anstieg der Steuersätze oberhalb des Grundfreibetrages – eine gefühlte Ungerechtigkeit. Und im Gegensatz zur starken Progression bei den mittleren Einkommen steigen auch die Steuersätze bei hohen Einkommen jenseits von 53.000 Euro kaum noch. Der Bauch ist das Ergebnis vergangener Steuerreformen: Rot-Grün und die große Koalition haben vor allem sehr niedrige und hohe Einkommen entlastet, die Mitte eher wenig. Dies will die FDP nun nachholen

    Allerdings wäre auch ein anderer Weg möglich, um wieder Steuergerechtigkeit herzustellen. In diesem Fall müsste die Belastung hoher Gehälter und Kapitaleinkommen stark steigen – angesichts der horrenden Staatsverschuldung infolge der Wirtschaftskrise auch über den Spitzensteuersatz von früher 53 Prozent hinaus.

    Neben der Entlastung wirbt die FDP auch mit dem Argument der „Transparenz“. „Jeder kann das Modell verstehen“, sagte am Dienstag FDP-Steuerexperte Hermann Otto Solms. Das stimmt teilweise: Auf den ersten Blick durchschaut man auch die FDP-Steuer zwar nicht, aber die Berechnung der eigenen Belastung gestaltet sich etwas einfacher.

    Spannend dürfte werden, wie die gelb-schwarze Koalition die rund 16 Milliarden Euro erwirtschaften will, die die FDP-Reform kostete. NRW-Minister Andreas Pinkwart hofft auf Wachstum und setzt auf den Selbstfinanzierungseffekt in der Größenordnung von knapp sechs Milliarden Euro: Wenn die Leute mehr Geld zur Verfügung hätten, würden sie mehr einkaufen, was dem Staat mehr Einnahmen brächte. Außerdem will die FDP unter anderem Steuersubventionen streichen – was man auch als Steuererhöhung bezeichnen kann.

  • Kein Gespür für Gerechtigkeit

    Kommentar

    Die von der FDP geplante Steuerentlastung ist völlig überflüssig. Ihr Wahlversprechen einzuhalten, zählt den Liberalen mehr als das Wohl des Landes. Der Staat kann sich großzügige Geschenke an seine Bürger nicht leisten. Über die Griechen schimpfen viele, weil sie jahrelang über ihre Verhältnisse lebten. Deutschland gibt derzeit das Geld genauso mit vollen Händen aus. Weitere Entlastungen verschärfen die Lage nur. Die Staatspleite droht hierzulande zwar nicht, doch von einem seriösen Umgang mit den öffentlichen Finanzen ist die FDP weit entfernt.

     

    Einen guten Ansatzpunkt hat das Konzept allerdings. Es ist einfach und verständlich und bügelt eine Schwäche des bisherigen Tarifverlaufs aus, weil Lohnerhöhungen nicht automatisch durch die Steuerprogression aufgefressen werden. Auch die Vorschläge zur Vereinfachung vieler Sonderregelungen im Steuerrecht weisen in die richtige Richtung. Die einfache Gleichung, weniger Steuern gleich mehr Leistungsgerechtigkeit, geht jedoch nicht auf. Denn die große Unzufriedenheit im Lande über das Abgabensystem hat andere Ursachen. Der Politik ist das Gespür für eine gerechte Verteilung der Lasten abhanden gekommen. Eine angemessene Beteiligung aller, auch der Reichen, täte dem gesellschaftlichen Klima besser als ein paar Euro mehr in der Tasche jener, die überhaupt Einkommensteuer bezahlen.

     

    Einstweilen können die Bürger die Reformpläne getrost im Hinterkopf zwischenlagern. Mehr Netto vom Brutto wird es auch mit der FDP nicht geben. Selbst wenn die Einkommensteuer für kleine und mittlere Einkommen in zwei Jahren leicht gesenkt wird, müssen die Steuerzahler sicher anderswo tiefer in die Tasche greifen. Nach der Wahl in Nordrhein-Westfalen wird die Bundesregierung die Katze aus dem Sack lassen müssen und sagen, wo gespart und wo mehr eingenommen werden soll. Da werden gewiss bittere Pillen gereicht.

  • Abschied vom Wirtschaftswunder

    Bizarrer Widerspruch: Angeblich kümmern wir uns darum, die öffentlichen Schulden zu verringern. Trotzdem steigen sie seit 60 Jahren ungebremst. Griechenland zeigt nun, dass es auch hier allmählich eng wird

    Staatsschulden? Kommt dieses Thema auf, wendet sich nicht nur die Linkspartei desinteressiert ab. Auch viele Liberale und Konservative beschäftigen sich höchstens theoretisch mit den offenen Rechnungen des Gemeinwesens. Die gemeinsamen Schulden spielen eine sehr geringe Rolle, wenn die Linkspartei mehr Jobs im öffentlichen Dienst fordert oder die FDP die Steuern senken will.

    Die Schulden sind halt da, sie nehmen eben zu. Nur Populisten und Nervensägen wie der Bund der Steuerzahler kommen auf die Idee, eine Schulden-Uhr an die Fassade ihres Hauses zu montieren. Am Montagabend verzeichnete die Anzeige in der Französischen Straße in Berlin 1.691 Milliarden Euro. Am Dienstagmorgen waren es bereits 1.694 Milliarden Defizit. Diese Summe haben sich die deutschen Regierungen in unserem Namen seit 60 Jahren zusammengeliehen.

    Wie die Forderung nach Wirtschaftswachstum gehört auch die öffentliche Verschuldung zu den kulturellen Konstanten dieses Landes. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir uns ständig mehr wünschen können. Dabei steigt das Niveau der materiellen Bedürfnisse und ihrer Befriedigung schneller, als die ökonomische Kraft. Seit 1950 nahm die Wirtschaftsleistung Deutschlands von 50 auf rund 2.500 Milliarden Euro zu – das Fünfzigfache. Die Schulden der öffentlichen Hand wuchsen im selben Zeitraum aber von umgerechnet neun Milliarden Euro auf das 175fache. Was wir nicht erwirtschaften, pumpen wir uns dazu.

    Nun allerdings wird die Nonchalance etwas erschüttert. Ein wesentlicher Quell der Beunruhigung liegt ein paar Tausend Kilometer in südöstlicher Richtung. Griechenland steht kurz davor, dass der Staat die zunehmende Schuldenlast und ihre wachsenden Kosten nicht mehr tragen kann. Wenn es soweit käme, würde die Regierung erklären, dass sie die Zinsen ihrer Staatsanleihen nicht mehr bedient. Athen wäre dann zahlungsunfähig und könnte keine Schuldpapiere mehr verkaufen, um zusätzliches Geld zu leihen. Diesen Fall will die Europäische Union unbedingt verhindern, weil damit der Wert des Euro in Gefahr geriete.

    Die Einschläge kommen also näher, wie man so schön sagt. Diesen Eindruck unterstützt das Buch „This Time is Different“ („Dieses Mal ist alles anders“), das die US-Ökonomen Carmen Reinhart und Kenneth Rogoff geschrieben haben. Es trägt den Untertitel „Acht Jahrhunderte finanzieller Torheit“, analysiert die weltweite Geschichte der Staatsbankrotte und Bankenkrisen seit dem 14. Jahrhundert und präsentiert Zahlen wie diese: Seit 1800 konnten deutsche Regierungen acht Mal ihre Schulden nicht bezahlen, das letzte Mal 1948. Griechenland ging in dieser Zeit nur fünf Mal bankrott, zuletzt 1932.

    Das Buch enthält ein paar nützliche Hinweise, die die Ignoranz gegenüber dem Schuldenproblem in Frage stellen. Erstens: Die krisenbedingte Verschuldung des deutschen Staates hat möglicherweise noch lange nicht ihren Höhepunkt erreicht. Reinhart und Rogoff schreiben: "Im Durchschnitt steigen die Regierungsschulden in den drei Jahren nach einer Bankenkrise um 86 Prozent." Deutschland hat dagegen seinen Schuldenberg seit 2007 erst um zehn Prozent erhöht.

    Zweitens: Nach anderen Bankenkrisen gehen die Staatseinnahmen normalerweise drei Jahre lang zurück. Die Bundesregierung rechnet dagegen bereits nächstes Jahr wieder mit mehr Steuergeld. Und drittens: Im Verhältnis zu den Staatseinnahmen eines Jahres hat die Staatsschuld in Deutschland schon heute die knapp vierfache Größe erreicht – eine Dimension, die in vielen anderen Fällen die Zahlungsunfähigkeit verursachte.

    Das muss alles nichts heißen, denn die Geschichte wiederholt sich nicht. Reinhart und Rogoff schreiben mit einem gewissen Erstaunen, dass es einigen reichen Staaten, darunter Spanien, Frankreich und auch Deutschland, gelungen zu scheint, ihrer Geschichte des wiederholten Staatsbankrotts vorerst zu entkommen. Andererseits ist es die erklärte Absicht der beiden Ökonomen, vor zu großer Selbstsicherheit zu warnen. Unter der Devise "dieses Mal ist alles anders" hätten Regierungen und Banken schon immer plausible Erklärungen produziert, warum die horrende Verschuldung überhaupt kein Anlass zur Sorge sei. Und doch kam in hunderten Fällen ganz überraschend der große Knall. Aus irgendwelchen Gründen verloren die Geldgeber das Vertrauen und die Gläubiger, seien es Staaten oder Banken, saßen plötzlich auf dem Trockenen.

    Was ist zu tun, um dieser Falle zu entgehen? Wir müssen uns von der Lebenslüge des Wirtschaftswunders verabschieden. Der Wachstumsglaube, der in jeder Regierungserklärung vorkommt, hat in der Praxis noch nie funktioniert – jedenfalls nicht langfristig. Selbst in den größten Boomphasen der Nachkriegszeit konnte Deutschland aus seinen Schulden nicht herauswachsen – das Defizit stieg mehr als die Wirtschaftskraft. Eine Politik, die dieser Erkenntnis Rechnung trägt, wurde bislang nicht erfunden.

    Künftig könnte die wahrscheinliche Lösung so aussehen: Die Bundesregierung – egal ob Mitte-Rechts oder Mitte-Links – wird eine Mischung wählen aus der Kürzung von Ausgaben, die von vergleichweise schwachen Lobbygruppen verteidigt werden, einer Verlagerung von bislang öffentlichen Kosten in den privaten Bereich (Zusatzbeiträge für die Krankenkasse) und der massiven Erhöhung von Steuern. Der Spitzensteuersatz dürfte wieder über 50 Prozent steigen. Hinzu kommen höhere Abgaben auf Vermögen, besonders die bislang gering besteuerten Immobilien, die nicht auswandern können. Die Mehrwertsteuer wird ebensowenig ein Tabu sein wie ihre grüne Variante, die Ökosteuer. Diese Eingriffe werden massiv ausfallen, denn erstmals müssen sie die bisherige Differenz zwischen leicht steigendem Bruttoinlandsprodukt und stark steigenden Schulden ausgleichen.

    Was das heißt, ist kaum zu überschätzen. Es bedeutet die Abkehr von einem seit 1949 von vier Generationen eingeübten Verhalten. Das den Bürgern zur Verfügung stehende materielle Niveau wird insgesamt nicht mehr zunehmen, sondern allenfalls stagnieren. Die Angehörigen der Mittelschicht werden sich von ihrer – jedenfalls finanziellen – Aufstiegshoffnung verabschieden müssen. Dieses Opfer dürften sie allerdings nur bereit sein zu bringen, wenn die Oberklasse ebenfalls Zugeständnisse macht. Ein so großer Zuwachs von Gewinnen und Vermögenseinkomen wie in den vergangenen 20 Jahren wird künftig nur noch um den Preis massiver sozialer Auseinandersetzungen möglich sein.

    Und wie sähe, nur mal rein theoretisch, die schlechtere Variante aus? Wie wäre es, wenn die Staatsschulden weiter zunähmen und Deutschland schließlich die Zahlungsunfähigkeit ereilte? Am Beispiel Argentiniens im Jahr 2001 sind die möglichen Folgen zu besichtigen. Banken schlössen ihre Geldautomaten, Firmen und Privatleute könnten nicht mehr wirtschaften, die Arbeitslosigkeit grassierte und schließlich würden die Gläubiger des Staates partiell enteignet. Wer in der Vergangenheit die absolut sicheren Bundesobligationen und Schatzbriefe gekauft hat, bekäme vielleicht noch ein Drittel des ursprünglichen Wertes zurück. Damit löste sich die Altersversorgung von Millionen Menschen in Wohlgefallen auf.

    Natürlich wird dieser Fall beim langjährigen Exportweltmeister, im Land von Fischer-Dübel, PistenBully und Kärcher-Spritzen niemals eintreten. Auch wenn die FDP gerade dabei ist, mit ihrer Steuersenkung von 16 Milliarden Euro das jährliche Defizit um einige Milliarden zu erhöhen.

  • So wird das Hilfspaket geschnürt

    Für Deutschland muss die KfW ran

     

     

    Der Rettungsschirm für die hoch verschuldeten Griechen steht weitgehend. Die finanzielle Hilfe soll nach Angaben der Bundesregierung jedoch nur im äußersten Notfall gewährt werden. Regierungssprecher Christoph Steegmans verglich das von der EU beschlossene Paket mit dem Brandschutz. „Die meisten Feuerlöcher werden nach zwei Jahren neu aufgefüllt, ohne das etwas passiert ist“, sagte der Sprecher.

     

    Das wichtigste Ziel haben die EU-Länder zunächst erreicht. Zu Wochenbeginn sanken die Zinsen für griechische Staatsanleihen auf gut 6,6 Prozent und der Euro gewann an Wert. Das deutet auf ein gestiegenes Vertrauen in die Zahlungsfähigkeit der Athener Regierung hin. Denn Ende letzter Woche verlangten die Anleger noch 7,4 Prozent Zinsen. Die Nagelprobe für Griechenland steht heute bevor. Das Land will zwei neue Staatsanleihen herausgeben und muss dafür Käufer finden. Bislang ist dies trotz der rund 300 Milliarden Euro hohen Verschuldung auch gelungen. Nur sind die Risikozuschläge in den letzten Monaten dramatisch in die Höhe geschnellt.

     

    Der von den Euro-Finanzministern beschlossene Notfallplan wird durchgeführt, wenn es Griechenland seine Anleihen nicht mehr zu akzeptablen Bedingungen auf den Finanzmärkten unterbringen kann. Dann springen die Partnerländer mit bis zu 30 Milliarden Euro und der Internationale Währungsfonds (IWF) mit bis zu 15 Milliarden Euro ein und kaufen die Anleihen. Deutschland müsste als stärkstes EU-Land rund acht Milliarden Euro beisteuern. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums würde die bundeseigene Förderbank KfW mit der Hilfsaktion betraut. Die KfW würde im Notfall griechische Staatsanleihen erwerben. Dafür müsse sich die Bank wiederum selbst Geld leihen. Für dieses Darlehen garantiert dann wieder der Bund. So könnte die Rettungsaktion sogar noch zum Geschäft für Deutschland werden. Denn der Zins, den die KfW bezahlen müsste liegt unter dem, den die Griechen für die Staatsanleihen aufbringen müssten.

     

    Nach heutigem Stand soll Griechenland etwa 5,5 Prozent für die drei Jahre laufenden Anleihen bezahlen. Zum Vergleich: Für Bundesschatzbriefe rückt der Finanzminister derzeit bei gleicher Laufzeit 1,75 Prozent Zinsen heraus. Der Zinssatz für die Griechen setzt sich aus drei Posten zusammen. Als Basis dient der durchschnittliche Zinssatz, den die Banken im Handel untereinander in den letzten drei Monaten berechnet haben. Darauf schlagen die Retter drei Prozent für das Risiko auf. Schließlich wird ein halber Prozentpunkt als Verwaltungsgebühr erhoben, wenn die Hellenen tatsächlich nach dem Feuerlöcher greifen wollen.

     

    Nicht ganz klar ist, nach welchen Kriterien die Hilfe gewährt wird. Das Verfahren ist mehrstufig. Zunächst muss die griechische Regierung der EU-Kommission erklären, dass das Land sich nicht mehr über die Kapitalmärkte finanzieren kann. Die Europäische Zentralbank und die EU-Kommission prüfen dann, ob dies tatsächlich der Fall ist. Welche Maßstäbe dabei angesetzt werden, ließ die Bundesregierung am Montag offen. Stimmen die europäischen Spitzen einer Hilfsaktion zu, müssen noch die Regierungschefs und je nach Landesrecht auch die Parlamente der Euroländer das Vorhaben abnicken. Zugleich schickt der IWF ein Expertenteam nach Athen, dass die Notlage ebenfalls überprüft und dann eine Empfehlung an die Leitung des Fonds ausspricht. Abschließend könnten die Europäer die Anleihen erwerben und den Griechen damit aus der Patsche helfen.

     

     

     

     

     

  • Angeklagte Angela Merkel verurteilt

    Bankentribunal von Attac: Die Globalisierungskritiker inszenierten eine fiktive Gerichtsverhandlung, um die vermeintlichen Verantwortlichen für die Finanzkrise zu identifizieren. Auch Deutsche-Bank-Chef Ackermann kam nicht gut weg

    Schließlich kam es, wie es kommen musste: Die Angeklagte Angela Merkel wurde verurteilt. Die Kanzlerin, so befand das Gericht, sei dafür verantwortlich, dass „die Kosten der Finanzkrise den Steuerzahlern aufgebürdet werden“, und nicht den Banken. Auf ein Strafmaß für Merkel wollten sich die Richter freilich nicht festlegen. Die vorsitzende Richterin sinnierte während der Urteilsverkündung darüber, ob man Merkel mit „16 Jahren Opposition“ oder „16 Jahren Regierung“ bestrafen solle, damit „sie die Suppe selbst auslöffelt“.

    Am Sonntagvormittag endete das Banken-Tribunal, das die globalisierungskritische Organisation Attac in der Berliner Volksbühne veranstaltete. In Form einer inszenierten Gerichtsverhandlung war seit Freitag Abend eine Art zivilisierter Schauprozess abgelaufen. Das Gericht erforschte vor 800 Zuschauern, welche Verantwortung die folgenden Personen für die Finanzkrise tragen: Merkel, Altkanzler Gerhard Schröder, Ex-Finanzminister Peer Steinbrück, der ehemalige Bundesbank-Chef Hans Tietmeyer und Josef Ackermann, Vorstand der Deutschen Bank. Selbstredend waren die Angeklagten nicht zur Verhandlung erschienen. Aber das hatte auch keiner erwartet.

    Denn man tut den Organisatoren des Tribunals nicht unrecht, wenn man sagt, dass das kritische Urteil von Anfang an feststand. Schließlich vertraten alle an der Verhandlung beteiligten Akteure – Richter, Ankläger, Verteidiger, Zeugen und Publikum – im wesentlichen dieselbe Meinung.

    Die Ankläger, darunter der emeritierte Professor Elmar Altvater, betrachteten die Finanz-, Banken- und Schuldenkrise als logisches Ergebnis des „Neoliberalisumus“ der vergangenen 30 Jahre. Alle Bundesregierungen seit der Zeit Helmut Kohls hätten die Spaltung zwischen Arm und Reich verstärkt, die prosperierenden Bevölkerungsschichten durch Steuersenkungen begünstigt und dafür gesorgt, dass mehr Kapital in Finanzspekulationen floss. Außerdem unternähme auch die gegenwärtige Regierung nicht genug, um die möglicherweise nächste Krise zu verhindern.

    Im Rahmen der fiktiven Verhandlungen kam es trotzdem zu interessanten Kontroversen. Besonders Verteidiger Wolfgang Kaden, der ehemalige Chefredakteur des Spiegel, nahm seine Rolle ernst. „Die Anklage ist einseitig und naiv, aber nicht gerecht“, sagte Kaden. Die Finanzkrise sei nicht einzelnen Personen und den von ihnen vertretenen Institutionen anzulasten, sondern einer Gesellschaft, die ohne permanentes Wachstum und den damit einhergehende Übertreibungen nicht leben könne. Für solche Einschätzungen erhielt Kaden viel Beifall, musste sich aus dem Publikum aber auch als „Zyniker“ beschimpfen lassen.

    In Bezug auf die Rettung der maroden Münchner Bank Hypo Real Estate brach Kaden einen Stab ebenfalls für die Regierung und Deutsche-Bank-Chef Ackermann. „Ja, auch die Deutsche Bank hat von der Rettung der HRE profitiert“, so Kaden. Aber was sei die Alternative gewesen? Hätte die Bundesregierung nicht rund 100 Milliarden Euro bereitgestellt, um die HRE aufzufangen, wäre das Institut pleitegegangen, befürchtete Kaden. Die möglichen Folgen: weitere Bankrotte und der Zusammenbruch des Finanzsektors.

    Das sah Zeuge Harald Schumann, Journalist des Berliner Tagesspiegel, ziemlich anders. Die Notwendigkeit, die HRE aufzufangen, bezweifelte er zwar nicht. Die konkrete Umsetzung der Rettungsaktion beinhalte aber ein für die Steuerzahlen extrem teures Geschenk an die Deutsche Bank und andere Institute. Schumann argumentierte, die Bundesregierung hätte die Gläubiger der HRE, darunter die Deutsche Bank, viel stärker an den Kosten der Rettung beteiligen müssen.

    Solche Thesen waren es denn auch, die Attac mittels des Tribunals in die Öffentlichkeit bringen wollte. Und natürlich die grundsätzliche Botschaft: Wer die nächste Krise verhindern wolle, müsse den Banken, Hedgefonds und Investoren eine viel striktere politische Regulierung auferlegen, als sie die Bundesregierung zur Zeit betreibe.

  • Das Eigenheim als Schlummer-Rente

    Der Tausch Haus gegen Rente gilt als Zukunftsmodell

    Das Haus ist abbezahlt, und trotzdem ist das Geld knapp. Viele Rentner kommen gerade so über die Runden. Dabei wissen die Senioren häufig gar nicht, dass sie sich eine zusätzliche Einnahmequelle erschließen können. Das gilt zumindest für Eigenheimbesitzer. Denn die Immobilie kann versilbert werden, ohne dass der Eigentümer gleich ausziehen müssen. In den USA oder Großbritannien ist das schon lange üblich.

    Umkehrhypothek lautet das Fachwort. Die Idee ist einfach: Eigenheimbesitzer beleihen ihre Immobilie und bekommen einen Kredit, den sie sich als Einmalzahlung oder in monatlichen Raten von der Bank auszahlen lassen. Dazu erhalten sie lebenslanges Wohnrecht. Zinsen oder Tilgung müssen Darlehensnehmer während der Laufzeit nicht zahlen. Die Kreditsumme nebst anfallenden Zusatzkosten wird erst fällig, wenn der Hauseigner stirbt oder auszieht. Der Kredit wird dann aus dem Verkaufserlös der Immobilie zurückgezahlt. 

    Seit einem Jahr ist die Grünwalder Immokasse mit der Umkehrhypothek „Immo-Renten-Plus“ auf dem Markt. Das private Unternehmen bietet Kreditnehmern bisher nur die Möglichkeit einer Einmahlzahlung. Der Finanzanbieter tüftelt aber bereits an einem „Rentenmodell“ mit monatlichen Ratenzahlungen. Von der Zukunftsträchtigkeit der Seniorenhypothek ist die Firma überzeugt. „Angesichts drohender Altersarmut entscheiden sich immer mehr ältere Menschen, ihre Immobilie in Bargeld umzuwandeln“, sagt Geschäftsführer Lutz Delius.

    Ganz so leicht wie den Nachbarn aus Übersee fällt es den Deutschen jedoch nicht, sich von ihrem Hab und Gut zu trennen. „Die Briten zum Beispiel, sehen ihr Eigenheim als ganz normale Kapitalanlage“, so der Chef der Immokasse. „Für sie macht es keinen Unterschied, ob sie eine Aktie oder ihr Haus verkaufen.“ Deutsche Hausbesitzer seien da nicht so emotionslos und würden an den eigenen vier Wänden hängen.

    65 Jahre alt müssen Eigentümer sein, um den Kredit bei der Immokasse zu bekommen. Die Immobilie muss dazu schuldenfrei oder nur gering belastetet sein. Von der Höhe des Darlehens dürften viele Interessenten jedoch enttäuscht sein. Zwischen 15 und 35 Prozent des Verkehrswertes des Eigenheims erhalten Senioren, bei einem Zinssatz von 6,9 Prozent. Auch für die Stundung der Zinsen fällt eine jährliche Pauschale von mehreren Hundert Euro an. Maximal 45.000 Euro Kredit bekommen 65-Jährigere für ein Haus im Wert von 300.000 Euro. Mit 75 Jahren sind es knapp 85.000 Euro.

    Als „teuren Spaß“ bezeichnet der Chefredakteur von Finanztest, Hermann-Josef Tenhagen die Umkehrhypotheken. Und Volkswirt Gunnar Lang vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) in Mannheim rät angehenden Kreditnehmern, genau auf die Kosten des Darlehens zu schauen. „Es fallen nicht nur Zinsen, sondern eventuell auch Abschlussgebühren an“, so der Finanzexperte. Weil sich auf dem Kapitalmarkt immer auch schwarze Schafe tummeln, empfiehlt er Verbrauchern, genau darauf zu achten, dass es sich auch wirklich um ein Kreditgeschäft handelt, und dass sie auch tatsächlich Eigentümer der Immobilie bleiben. Lang empfiehlt, sich vorliegende Angebote vor einem Vertragsabschluss zusätzlich durch einen vertrauenswürdigen unabhängigen Experten kritisch beurteilen zu lassen.

    Noch bieten nur wenige deutsche Institute eine Umkehrhypothek an. Doch das könnte sich schnell ändern. „Viele Banken sind an dem Produkt interessiert“, berichtet ZEW-Mitarbeiter Lang. „Die Institute sehen, dass sich in anderen europäischen Ländern ein Markt entwickelt hat, und dass das Produkt dort gut ankommt.“  Interessierte sollten deshalb mit einem Vertragsabschluss noch etwas warten, um die Angebote mehrerer Unternehmen vergleichen zu können.

    In wenigen Wochen will die Investitionsbank Schleswig- Holstein mit ihrer eigens entwickelten „IB-Immorente“ an den Start gehen. Nicht immer muss es jedoch gleich der Weg zum Kreditinstitut sein, wenn das Häuschen in Bares umgewandelt werden soll. „Möglicherweise kann es eine Alternative sein, vorab die Erben zu fragen, ob sie das Haus nicht für eine bestimmte Summe erstehen möchten“, sagt Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Die Erben würden in diesem Fall zwar draufzahlen, jedoch nicht leer ausgehen. Schließlich verbleiben Hab und Gut bei ihnen und nicht bei der Bank.

  • Die rätselhafte Rentenlücke

    Das richtige Maß an Vorsorge lässt sich nur schwer ermitteln

    Die 26-jährige Anja hat Glück. Gerade hat sie ihr Studium beendet und gleich einen gut bezahlten Job in einem Industriekonzern gefunden. Nun überlegt sie, wie viel sie jetzt schon für das Alter sparen muss. Die Rechnung fällt erstaunlich positiv aus. Bei ihrem Jahreseinkommen von 43.000 Euro kann sie später mit einer Gesetzlichen Rente von gut 2.000 Euro rechnen. Dazu kommen noch über 800 Euro aus der Riester-Rente und der betrieblichen Altersvorsorge. Im Vergleich zu ihrem jetzigen Nettolohn fehlen gerade einmal 139 Euro. Um diese verbleibende „Rentenlücke“ auszugleichen, müsste sie monatlich gerade einmal 40 Euro beiseite packen.

     

    Ganz anders verhält es sich bei ihrem 50-jährigen Onkel, der zwar immer gearbeitet, doch lange wenig verdient hat. Nur 760 Euro Altersrente kann er erwarten. Zusammen mit der Riester-Rente und einer privaten Vorsorge kommt er auf 1.500 Euro im Monat. Im Vergleich zum derzeitigen Nettolohn fehlen später fast 600 Euro. Um diese Differenz auszugleichen, müsste er monatlich mehr als 900 Euro sparen, ein kaum mögliches Unterfangen.

     

    Aus den Beispielen wird schon klar, dass der Bedarf an privater Vorsorge für das Alter bei jedem unterschiedlich ist. Nun heißt es rechnen. Die erste große Frage ist, wie hoch das Einkommen im Alter sein sollte. Als Anhaltspunkt kann dafür das heutige Nettoeinkommen herangezogen werden. Die meisten Experten nehmen davon noch einen Abschlag vor, weil Rentner in der Regel weniger ausgeben müssen.

     

    Zweiter Schritt ist eine Bilanz der schon bestehenden Altersvermögen. Die gesetzliche Rente ist bei Arbeitnehmern hier die wichtigste Säule. Anhand der jährlichen Schätzung der Rentenversicherung kann die Lücke zwischen Bedarf und Rentenanspruch errechnet werden. Die Riester-Rente und die eventuell vorhandene betriebliche Altersvorsorge vermindern die Lücke schon einmal. Zudem sollten andere Vermögenswerte mit berücksichtigt werden. Anstehende Erbschaften gehören dazu oder Kapitalvermögen aus anderen Sparanlagen.

     

    Im Internet finden sich viele Rechner zur Ermittlung der Rentenlücke. Doch Vorsicht ist geboten. Dahinter stehen meist Versicherungen oder Finanzvermittler, die ihre Vorsorgeprodukte verkaufen wollen. Ost steht unter dem Strich ein höherer Vorsorgebedarf als tatsächlich nötig. Zwei Online-Helfer bieten allerdings gute Resultate. Das Deutsche Institut für Altersvorsorge unter der Adresse www.dia-vorsorge.de und die Stiftung Warentest unter www.test.de .

     

    Am Ende dieser Rechnung steht bei vielen Arbeitnehmern noch immer eine Differenz zwischen dem erwarteten Alterseinkommen und dem letzten Nettolohn. Dann bleiben zwei Möglichkeiten. Mancher kann sich mit dem Gedanken an Abstriche vom gewohnten Lebensstandard anzufreunden. Wer später nicht verzichten will, muss es heute tun und zusätzlich so viel beiseite legen, dass am Ende noch eine Zusatzrente herausspringt.

     

     

     

  • „Alarmglocke nicht zu stark schlagen“

    Immer wieder ist von der drohenden Rentenlücke die Rede. Wie stark das Loch in der Kasse ist und wie Arbeitnehmer darauf reagieren sollten weiß Hermann-Josef Tenhagen. Der 47-jährige ist Chefredakteur der Zeitschrift Finanztest.

    Frage: Nichts ist unsicherer als die Zukunft. Lässt sich der spätere Versorgungsbedarf überhaupt verlässlich abschätzen?

     

    Hermann-Josef Tenhagen: Sicher ist nur, dass Arbeitnehmer aus der gesetzlichen Rente in Zukunft deutlich weniger erwarten können als heutige Rentnergenerationen. Das bedeutet, dass ich zusätzlich sparen muss, wenn ich meinen Lebensstandard halten will. Die Größe die Lücke zwischen Bedarf und gesetzlicher Rente ist individuell verschieden. Einen Anhaltspunkt dafür liefert die jährliche Prognose der Rentenversicherung, die jeder Versicherte zugeschickt bekommt. Die dort angegebene Rentenschätzung ohne Berücksichtigung denkbarer Rentensteigerungen vergleicht man  mit dem heutigen Nettolohn. Der Unterschied zwischen beiden Summen signalisiert den Handlungsbedarf.

     

    Frage: Übertreibt die Finanzbranche die Gefahr der Rentenlücke nicht, um möglichst viele ihrer Produkte zu verkaufen?

     

    Tenhagen: Da ist etwas dran. Mitunter rechnen die Unternehmen nicht ganz lauter und haben die zu erwartenden Renditen ihrer Produkte heraufgespielt, bei der gesetzlichen Rente wurde dann gleichzeitig mit Null-Steigerungen argumentiert. Dabei sollte das demografische Problem ab 2015  umgekehrt tendenziell für Arbeitskräftemangel sorgen. Die Löhne würden dann wahrscheinlich eher steigen als fallen. Das wirkt sich dann auch auf die gesetzlichen Renten aus, die sich ebenfalls erhöhen.

     

    Frage: Also Entwarnung?

     

    Das nun auch nicht. Die Lücke zwischen dem letzten Einkommen und der späteren Rente wird für viele Beschäftigte gravierend sein. Denn es kommen zwei Entwicklungen zusammen. Erstens steigen die Renten nicht so stark wie die Teuerungsrate und verlieren so an Wert. Zweitens sind viele aktuelle Erwerbsbiographien nicht mehr durchgängig. Es werden weniger Beiträge bezahlt. Entsprechend geringer fallen die späteren Ansprüche aus. Ein Teil der künftigen Rentner hat noch andere Rücklagen, die trifft das nicht so hart. Sie erben Papas Eigenheim. Das ist auch ein Vermögen. Und die Erbschaften fallen immer häufiger zu einem Zeitpunkt an, an dem die Erben selbst schon ins Rentenalter kommen. Man sollte die Alarmglocke also nicht zu stark schlagen.

     

    Frage: Welche Vorsorgeinstrumente sind sinnvoll, welche nicht?

     

    Tenhagen: Für Arbeitnehmer bieten sich neben der gesetzlichen Rente zunächst zwei Instrumente an. Empfehlenswert ist eine betriebliche Altersvorsorge, wenn der Chef etwas drauf packt. Da die Beiträge bei der Gehaltsumwandlung soziaversicherungsfrei sind, kann er das problemlos tun. Das lohnt sich vor allem, wenn man länger als fünf Jahre im gleichen Betrieb bleiben will.. Zweitens lohnt sich trotz der ärgerlich hohen Abschlusskosten eine Riester-Rente. Der Staat hilft hier mit Zulagen und Steuervorteilen. Sie hat sogar eine bedeutende Sozialkomponente, weil die Zuschüsse für jedes Kind gezahlt werden, Die gibt es bei der Betriebsrente nicht.

    Eine Kapitallebensversicherung oder eine aufgeschobene Privatrente als zusätzliche Altersvorsorge würde ich nicht abschließen, weil die Verträge extrem lange laufen und durchgehalten werden müssen. Aber 70 Prozent der Policen enden vorzeitig, weil sich die Lebensumstände ändern und das Geld für die Prämie nicht mehr reicht. Eine eigene Immobilie ist nur dann ein guter Vorsorge-Baustein, wenn ich im Alter ohnehin genug Geld zur Verfügung habe. Ich muss die Immobilie auch unterhalten. Stein für Stein abtragen für den laufenden Lebensunterhalt – das geht ja nicht.

     

    Frage: Können steigende Inflationsraten nicht die Vorsorgeplanung schnell zunichte machen?

     

    Tenhagen: Das stimmt nur zum Teil. Die gesetzliche Rente ist umlagefinanziert, und deshalb gegen Inflation weitgehend geschützt. Bei privaten Rentenversicherungen gilt dies in der Ansparphase auch ein Stück weit, dann steigt die Verzinsung  Im Rentenbezug ist sie allerdings empfindlich. Der Wert von Sparverträgen mit festen Zinsen, der schrumpft ganz sicher mit der Inflation.. Von einer ganz großen Inflation gehe ich aber nicht aus. Dagegen können sich Sparer durch Sachanlagen schützen, zum Beispiel Aktien und Immobilien. Gold ist zwar auch gegen Inflation gefeit, doch es nützt im Alltag wenig. Wenn Kleinsparer im Ernstfall nur sicher über die Runden kommen wollen, sollte sie sich eher einen Schrebergarten kaufen.

     

     

     

  • Doch, sie sind blöd!

    Kommentar zu Lidl von Hannes Koch

    Deutschland ist Discountland. In kaum einem unserer Nachbarstaaten ist die Marktmacht der Billigläden so groß wie hier. Woran das liegt, müssen die Kulturhistoriker noch erforschen. Klar erscheint aber: Irgendwer trägt immer die hohen sozialen und ökologischen Kosten billiger Produkte. Auf diesen Umstand verweisen nun Verbraucherschützer und Menschenrechtsaktivisten mit ihrer Klage gegen die Discountkette Lidl. Die Firma soll irreführende Werbung unterlassen, mit der sie ihre Produkte als sozialverträglich anpreist.

    Denn um hierzulande Hosen für 5,99 Euro verkaufen zu können, zahlt Lidl den Arbeitern seiner Zulieferbetriebe in Bangladesh quasi nichts. Monatslöhne von unter 30 Euro reichen selbst in einem Entwicklungsland kaum dafür aus, eine Familie durchzubringen. Und Lidl ist kein Einzelfall – ein guter Teil der Billig-Waren entsteht unter derartigen Arbeitsbedingungen.

    Wer diese Dinge kauft, unterstützt die miesen Verhältnisse bei der Produktion. Dabei muss die Mehrheit der Menschen in diesem Lande nicht billig konsumieren. Sie kann es sich leisten, auf soziale und ökologische Qualität zu achten. Und wir müssen uns klarmachen: Wenn wir selbst gute Gehälter erwarten, sollten wir Kleidung kaufen, für die vernünftige Löhne gezahlt wurden. Denn das Lidl-System drückt die Arbeitskosten nicht nur in Bangladesh, sondern auch hier. Man kann es so sagen: Wer die Ich-bin-doch-nicht-blöd-Produkte kauft, hat den Schuss nicht gehört.

  • Hungerlohn-Klage gegen Lidl

    Die Discountkette Lidl wirbt offensiv damit, dass die Arbeiter ihrer Zulieferbetriebe in der 3. Welt vernünftige Löhne bekommen und gute Arbeitsbedingungen genießen. Weil diese Botschaft nicht der Wahrheit entspreche, haben Verbraucherschützer und Bürgerr

    Die deutsche Mittelstandsfamilie schaut wohlgelaunt und gutaussehend in die Kamera. Auf der Internetseite von Lidl bezeugen Oma, Opa, Mutter, Vater und zwei Kinder mit ihrem Lachen, dass die Werbebotschaft der Discountkette stimmt. „Lidl setzt sich für sozialverträgliche Arbeitsbedingungen ein“, ist dort zu lesen.

    Das Versprechen des Unternehmens gilt auch für die Arbeiterinnen und Arbeiter, die in Bangladesh T-Shirts, Hosen, Jacken und Unterwäsche für Lidl herstellen. „Vor allem in den Entwicklungs- und Schwellenländern“ will man nach eigenem Bekunden „einen Beitrag zur Verbesserung der Bedingungen in der weltweiten Lieferkette“ leisten. Lidl bekennt sich zu einem Verhaltenskodex, der unter anderem auf den Grundsätzen der Vereinten Nationen beruht. Überlange Arbeitszeiten, Hungerlöhne und Kinderarbeit sind darin verboten.

    Was aber passiert wirklich in den Fabriken in Bangladesh, die für Lidl arbeiten? Kontrolleure im Auftrag von Menschenrechtsorganisationen besuchten drei Textilfirmen im Umkreis der Hauptstadt Dhaka. Was sie herausfanden, lässt die wohlklingenden Werbesprüche von Lidl in einem anderen Licht erscheinen. Die befragten Arbeiter berichteten, dass beispielsweise die Arbeitszeit oft viel länger und die Löhne geringer seien als erlaubt.

    Auf der Basis dieser Untersuchung hat die Verbraucherzentrale Hamburg, unterstützt vom European Center for Constitutional and Human Rights und der Kampagne für Saubere Kleidung, eine Klage gegen Lidl beim Landgericht Heilbronn eingereicht. In der Klageschrift heißt es, die Werbung der Handelskette sei „im höchsten Maße unlauter“. Sie „suggeriert den Verbrauchern, dass Mindeststandards in den Zulieferbetrieben tatsächlich eingehalten werden. Dies ist nicht der Fall.“ Das Gericht solle dem Unternehmen deshalb untersagen, seine Werbung weiter zu veröffentlichen.

    Es ist die erste Klage dieser Art in Deutschland. Juristisch ist es sehr kompliziert, hiesige Unternehmen für die Arbeitsbedingungen in anderen Teilen der Welt haftbar zu machen.

    Die Kontrolleure haben bei ihren Fabrikbesuchen unter anderem festgestellt, dass die Näher und Näherinnen weitaus länger arbeiten, als die Konventionen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) gestatten. Nach sechs Arbeitstagen muss eigentlich ein freier Tag folgen. Von einigen Ausnahmen abgesehen, würde diese Regel nicht eingehalten. Sieben Tage Arbeit pro Woche seien normal.

    Außerdem betrage die Arbeitszeit bei den Lidl-Zulieferern pro Woche bis zu 80 Stunden, argumentieren die Kritiker. Erlaubt sind dagegen maximal 48 Stunden. Zusätzlich sehen die internationalen Standards höchstens zwölf freiwillige Überstunden wöchentlich vor. Auch diese Grenze werde in den Textilfabriken häufig überschritten. Die Arbeiterinnen würden zudem oft zu den Überstunden gezwungen – von Freiwilligkeit könne keine Rede sein.

    Auch beim Lohn seien Verstöße gegen die internationalen Standards an der Tagesordnung. So würde den Arbeiterinnen oft ein Teil des Lohnes zur Strafe für scheinbare oder tatsächliche Vergehen abgezogen. Dieses Verfahren ist laut ILO-Konventionen ebenfalls nicht gestattet. Besonders über eine der drei Zulieferfirmen schreiben die Kritiker: „Der Lohn reicht nicht aus, um eine durchschnittliche Familie zu ernähren. So berichtet etwa ein Arbeiter, dass seine Kinder abends ohne Essen schlafen gehen müssen.“

    Die Arbeiterinnen erhalten im Monat beispielsweise 2.700 Taka, der Währung von Bangladesh. Das entspricht 27 Euro. Umgerechnet auf eine Arbeitszeit von 60 Stunden pro Woche ergibt dies einen Stundenlohn von elf Euro-Cent. Unter anderem derart geringe Löhne machen es möglich, dass Lidl in seinen deutschen Filialen Kleidungsstücke zu Minipreisen anbieten kann. So findet man in den Läden Herrenhemden für 3,99 Euro und Hosen für 5,99 Euro.

    Damit ist die Liste der kritisierten Missstände bei den Zulieferern aber nicht zu Ende. Die Verbraucherschützer und Menschenrechtler werfen Lidl vor, dass die Arbeiter entgegen internationalen Standards keine Möglichkeiten hätten, sich einer Gewerkschaft anzuschließen und mit ihrer Firma kollektiv über den Lohn zu verhandeln. Stattdessen gehörten Beleidigungen, Schläge und andere Diskriminierungen zum Alltag. „In den Produktionsstätten herrscht eine allgemeine Atmosphäre der Unterdrückung und Erniedrigung“, heißt es in der Klageschrift. So würden Frauen gezwungen, ihren Job aufzugeben, wenn sie schwanger seien. Dadurch sparten die Zulieferer Kosten.

    Lidl-Sprecherin Petra Trabert äußerte sich nicht zu den konkreten Vorwürfen. Sie erklärte, dass das Handelsunternehmen in der Vergangenheit Berichten über verschiedene Missstände nachgegangen sei. Die Zulieferfirmen hätten dann „Verbesserungen umgesetzt“. Zur aktuellen Kritik durch die Verbraucherzentrale könne man erst Stellung nehmen, wenn weitere Kontrollen in Bangladesh stattgefunden hätten. „In diesem Rahmen werden wir die von der Verbraucherzentrale angesprochenen Punkte eingehend überprüfen lassen“, so Trabert.

    Der Ruf des Unternehmens Lidl hat in den vergangenen Jahren gelitten. Medien berichteten darüber, wie der Einzelhändler seine Beschäftigten in Deutschland ausspionierte. Gewerkschaften kritisierten, dass Lidl kaum Betriebsräte in seinen Filialen dulde. Um sein Image aufzumöbeln, ist das Unternehmen vor geraumer Zeit in die Offensive gegangen. Mittlerweile findet man einige fair gehandelte Waren in den Regalen, ein Anwalt nimmt sich der Beschwerden von Beschäftigten an, und der Chef des Aufsichtsrates schlug unlängst vor, einen Mindestlohn für den Einzelhandel zu vereinbaren.

    Um zu belegen, dass sein Engagement für bessere Arbeitsbedingungen bei den Zulieferern in der 3. Welt ernst gemeint sei, weist Lidl auf seine Mitgliedschaft im „Europäischen Programm für Sozialstandards“ (BSCI) hin. Diesem gehören hunderte Textil- und Handelsunternehmen an, beispielsweise auch Metro und Otto. Ihr gemeinsames Ziel ist es, minimale Sozial- und Ökostandards in den weltweiten Zulieferketten durchzusetzen, unter anderem das Verbot von Kinder- und Zwangsarbeit.

    Mit der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), einer bundeseigenen Entwicklungsorganisation, betreibt Lidl außerdem ein Kooperationsprojekt in Bangladesh. Der Discounter hat die GTZ beauftragt, die Arbeitsbedingungen in 73 Zulieferfirmen zu verbessern. Darunter sind auch mindestens zwei der drei Firmen, wegen derer die Verbraucherzentrale jetzt klagt.

    „Lidl hat ein Interesse daran, die Schwächen abzustellen“, sagt GTZ-Sprecher Hans Stehling. „Wenn schon alles in Ordnung wäre, müsste die GTZ nichts tun“. Außerdem, so Stehling, könne man nicht jedes Problem dem Unternehmen anlasten. So müssten und wollten die Näherinnen in den Zulieferbetrieben erfahrungsgemäß möglichst viele Überstunden ableisten, um mehr Geld für ihre Familien nach Hause zu bringen..

    www.vzhh.de

    www.ecchr.org

    www.saubere-kleidung.de

    www.lidl.de/cps/rde/xchg/lidl_de/hs.xsl/6432.htm

  • Kneifende Latzhosen stören das Betriebsklima

    Wenn sich Mitarbeiter nicht in ihrer Arbeitskleidung wohl fühlen, leidet die Atmosphäre/ Berufsoutfits dürfen heute längst modisch und bequem sein

    Jeden Ziegelstein verfluchte Maurer Meier. Die Wut, kam in ihm auf. Meier maulte den ganzen Tag, aber nicht wegen seiner Arbeit. Vielmehr brachte ihn seine grüne Latzhose zur Weißglut. Schon seit dem frühen Morgen scheuerte sie an einer höchst unangenehmen Stelle. Dies bekamen seine Kollegen nun durch schlechte Laune zu spüren. So wirkt sich ungeeignete Berufskleidung schnell negativ auf das Betriebsklima aus. Das wissen die Hersteller von Arbeitstextilien und setzen deshalb auf angenehm tragbare Materialien und modische Kollektionen. Stretchstoffe verhindern Hautabschürfungen und Strasssteinchen machen aus langweiligen Arztkitteln fesche Hingucker.

    „Betriebskleidung ist hoch emotional“, erklärt der Marketingleiter des Berufskleidungsherstellers Bierbaum-Proenen, Jahn Werner.
    „Menschen identifizieren sich heute mehr als früher mit ihrer Garderobe und wollen sich wohl fühlen.“ Wurde Arbeitskleidung früher vornehmlich unter dem Aspekt „Schutz vor Schmutz“ produziert, so geht sie heutzutage ganz mit der Mode. Vorbei sind die Zeiten monotoner Einheitsgrößen. Spezielle Damen-, Herren- oder Unisexpassformen bereichern den Markt. Auch das klassische Königs-Blau wird immer weniger Belegschaften aufgebrummt. „Heute präsentieren sich Unternehmen öfter in Grau oder Schwarz“, so Werner. „Die Mitarbeiter tragen Polos und Shirts unter dem Blouson, der Weste oder dem Mantel.“

    Immer individueller wird die Welt der Berufsmode. Mediziner treten heute nicht mehr länger ganz im sterilen Weiß auf. Bunte Kontrastnähte, Stickereien oder gar Strassbändchen zieren ihre Kittel. Und Bauarbeiter werkeln inzwischen schon mal in Streetwear-Optik. Voll im Trend liegen sie, wenn sie im angesagten Jeanslook ihre Schaufeln und Hämmer schwingen. „Eigentlich eignet sich Jeansstoff nicht für Arbeitskleidung, weil er aus Baumwolle und nicht robust genug ist“, so Marketingchef Werner. Doch habe das Unternehmen einen jeansähnlichen Stoff aus Mischgewebe entwickeln können. Eine Erfindung, die reißenden Absatz findet.

    Neuartige Stoffe und besondere  Schnitte: Firmenchefs haben eine immer größere Auswahl, wenn sie Mitarbeiter für Jobs ausstaffieren möchten. Gleichzeitig setzen die Unternehmensbosse immer mehr auf ein einheitliches Erscheinungsbild. Corporate Design wird bei Betriebskleidung immer wichtiger. Konzerne lassen heute nicht mehr länger nur das  Briefpapier mit dem hauseigenen Logo versehen. Auch die Beschäftigten bekommen das Emblem an den Hemd- oder Blusenkragen gestickt. „Mit den richtigen Farben und dem sichtbar angebrachten Firmen-Logo werden die Unternehmen als Marke wahrgenommen“, so Werner. Die Träger der Kleidung wiederum, fühlen sich als Bestandteil des Unternehmens. Das stiftet  Identität.

    Modisch soll sie heute also sein, die Berufskleidung. Doch wie treten Beschäftigte perfekt auf, wenn sie freie Wahl beim Arbeitsoutfit haben? Elke Giese, Ressortleiterin für Mode und Interior beim Deutschen Modeinstitut in Köln, kennt die Spielregeln für ein korrektes Erscheinungsbild: Gedeckte Farben, gerade Schultern und Schnitte, die nicht zu leger daherkommen. „Grellbunt wirkt nicht sehr Respekt einflößend“, so die Modeexpertin. Und wer gerade Schultern zeige, dem werde mehr zugetraut. Schließlich suggeriere ein solches Auftreten: ,Das kann ich schultern’. Und noch einen weiteren Spruch weiß Giese in die Modewelt einzuordnen. „ ,Eine weiße Weste haben’ funktioniert auch bei Hemden, denn helle Farben strahlen Vertrauen aus.“

    Freilich hängt es von der Branche und vom Arbeitgeber ab, wie leger Mann oder Frau sich gegenüber den Kollegen präsentieren darf. Wenn ein Rechtsanwalt seine Kunden in roten Socken und braunen Hochwasserhosen begrüßt, dürften diese sich weniger erfreut zeigen. Ein Stararchitekt, der im selben Outfit seinen neusten Entwurf präsentiert, unterstreicht damit hingegen seine Kreativität. Businesskleidung verlangt Fingerspitzengefühl. Expertin Giese gibt zu Bedenken: „Wer zu leger und zu sehr ,aus der Form’ auftritt, strahlt wenig Autorität aus.“ Für Frauen hat die Modeexpertin einen ganz besonderen Tipp: Kleid und Blazer liegen derzeit voll im Trend – als Alternative zu Hosenanzug oder Kostüm.

  • Ein zu kleiner Schritt

    Kommentar zur Bankenabgabe von Hannes Koch

    Den Banken eine Krisenabgabe aufzuerlegen, ist für die tendenziell wirtschaftsfreundliche Bundesregierung ein großer Schritt – für das Gemeinwesen allerdings ein viel zu kleiner. Die Abgabe mag zwar den Zweck erfüllen, den Gerechtigkeitssinn vieler Bürger zufriedenzustellen. Auf den zweiten Blick allerdings zeigt sich, dass die Regierung die Banken schont. Die Abgabe beinhaltet mehr Symbolik als eine wirklich Beteiligung an den Kosten der Finanzkrise.

    Schauen wir zurück. Der Ausgangspunkt der Diskussion war dieser: Die großen Banken sollten über ihre unternehmerischen Verluste hinaus auch einen Teil der gigantischen öffentlichen Defizite ausgleichen, die sie verursacht haben. Diese betragen in den großen Wirtschaftsnationen mindestens hunderte Milliarden Euro. Wenn man die Gesamtkosten inklusive der Wachstumseinbußen, sowie Ausgaben für Arbeitslosigkeit und öffentliche Schulden einkalkuliert, gehen die Belastungen für die Staaten möglicherweise in die Billionen.

    Nun aber soll sich die Abgabe den Vorschlägen der Bundesregierung zufolge darauf beschränken, dass die Banken mit einer bescheidenen Milliarde Euro pro Jahr einen Vorsorge-Fonds füllen, um auf künftige Krisen besser vorbereitet zu sein. Die horrenden Kosten der gegenwärtigen Krise spielen merkwürdigerweise keine Rolle mehr.

    Würde die Regierung dagegen auf die Finanzmarktsteuer setzen, die auch Frankreich debattiert, sähe die Sache anders aus. Mehrere europäische Regierungen und Parlamente plädieren mittlerweile dafür, jedes Finanzgeschäft, das Banken tätigen, mit einer sehr kleinen Steuer zu belegen. Wegen des lebhaften Finanzhandels kämen dadurch trotzdem große Summen zusammen. Und die Bankaufsicht könnte verhindern, dass die Institute die Steuer auf ihre Kunden abwälzen. So würde es gelingen, die Verursacher der Krise dazu heranzuziehen, die gigantische öffentliche Verschuldung im Zeitraum einer Generation wenigstens teilweise zu tilgen.

  • Abgabe oder Finanzsteuer – die große Frage

    Die Bundesregierung begnügt sich mit einer bescheidenen Krisenabgabe für Banken. Paris prüft dagegen eine umfassende Finanzmarktsteuer

    Die deutsche und französische Regierung sind uneins, ob die umstrittene Bankenabgabe die einzig richtige Antwort auf die Finanzkrise ist. Nachdem das Bundeskabinett am Mittwoch eine solche Abgabe beschlossen hat, sagte die französische Wirtschafts- und Finanzministerin Christine Lagarde, Frankreich prüfe außerdem die Einführung einer Steuer auf Finanztransaktionen.

    „Wir planen eine maßvolle Abgabe, die sich an den Risiken der Bankgeschäfte orientiert“, erklärte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble während der gemeinsamen Pressekonferenz mit Lagarde. Die französische Ministerin hatte zuvor als erstes ausländisches Regierungsmitglied an einer Kabinettssitzung in Berlin teilgenommen. Der deutsche Bankensektor inklusive der Sparkassen und Volksbanken solle pro Jahr „bis zu 1,2 Milliarden Euro“ aufbringen, so Schäuble. Dieses Geld werde in einen Fonds fließen, um für die Finanzkrisen der Zukunft vorzusorgen. Damit will die Regierung verhindern, dass die Steuerzahler für sämtliche Kosten von Spekulationskrisen aufkommen müssen. Bis zur Sommerpause soll ein entsprechender Gesetzentwurf vorliegen.

    Die französische Ministerin begrüßte einerseits „die Stabilitätsabgabe“. Andererseits sagte sie aber auch, dass die französische Regierung weiterdenke. „Ich will das bestmögliche Instrument“, so Lagarde. Das sei möglicherweise nicht die Bankenabgabe, sondern eine Steuer auf bestimmte Finanztransaktionen, die Lagarde gegenwärtig prüfen lässt. Als Vorteile einer Steuer nannte sie, dass nicht nur Banken, sondern auch andere Finanzinvestoren wie Hedgefonds erfasst würden. Außerdem würden die Einnahmen nicht nur in einen Fonds für die Zukunft fließen, sondern sehr bald im Staatshaushalt zur Verfügung stehen. Lagarde betonte, die Regierungen müssten „innovative Finanzierungsquellen“ finden, um den globalen Klimaschutz und die Entwicklungshilfe zu bezahlen.

    International geht die Diskussion hin und her. Die österreichische Regierung plädiert für die Einführung einer internationalen Transaktionssteuer auf eine Vielzahl von Finanzgeschäften. Das belgische Parlament hat vor Jahren bereits ein entsprechendes Gesetz verabschiedet. Und im November sprach sich selbst der britische Premier Gordon Brown für die Steuer aus. US-Finanzminister Timothy Geithner ist dagegen, Präsidentenberater Paul Volcker, wie man hört, aber dafür. Der Internationale Währungsfonds wird demnächst einen Bericht zu den unterschiedlichen Varianten vorlegen. Die EU plant ein gemeinsames Vorgehen, eine Lösung ist aber noch nicht in Sicht.

    Vor diesem Hintergrund forderte SPD-Fraktionsvize Joachim Poß die Bundesregierung auf, ebenfalls eine Finanzmarktsteuer einzuführen. Diese könne bis zu zehn Milliarden Euro jährlich allein für den deutschen Staatshaushalt erbringen. Wirtschaftsverbände, sowie die Sparkassen und Volksbanken kritisierten dagegen selbst die Abgabe von einer Milliarde Euro. Die kleinen Institute gehörten nicht zu den Verursachern der Finanzkrise, argumentierte Uwe Fröhlich, der Präsident des Bundesverbands der Volks- und Raiffeisenbanken.

    Einig sind sich die französische und deutsche Regierung darin, ein „Abwicklungsregime“ für marode Banken zu entwickeln. Auch das will die Bundesregierung in einem Gesetzentwurf regeln. Im Krisenfall müsse es leichter werden, Pleite-Banken „entweder zu restrukturieren oder abzuwickeln“, sagte Schäuble. Die Bankenaufsicht wird mehr Eingriffsrechte erhalten, um die Teile von Instituten, die für das Funktionieren des gesamten Systems wichtig sind, zu verstaatlichen und zu sanieren. Die Rechtsposition der Anteilseigner und Gläubiger der jeweiligen Bank wird beschnitten, die Haftung der Vorstände verstärkt. Die Aufteilung, Abwicklung und Sanierung von bankrotten Instituten soll künftig in der Hand der Bundesanstalt für Finanzmarktkstabilisierung liegen, die heute schon den Bankenrettungsfonds Soffin verwaltet.

  • Mehr Offenheit von Schufa & Co

    Ab heute kostenlose Auskünfte

    Was ändert sich heute?

     

    Ab dem 1. April 2010 gilt ein neues Datenschutzrecht. Für Verbraucher bringt dies eine wichtige Neuerung. Wirtschaftsauskunfteien wie die Schufa müssen allen Bürgern auf Anfrage einmal jährlich eine kostenlose Aufstellung der von ihnen gespeicherten Daten übermitteln. Mitgeteilt wird auch, woher die Informationen stammen und an wen sie weitergegeben wurden. Schließlich muss der Scorewert und wie er zustande kommt offen gelegt werden. Die Auskunfteien sind gehalten, ihre Mitteilungen verständlich zu formulieren.

     

    Was bedeutet der Begriff Scoring?

     

    Scoring ist eine mathematische Methode, mit der die Zahlungsfähigkeit von Kunden ermittelt wird. Es ist eine Wahrscheinlichkeitsrechnung. Am Ende steht ein Scorewert, der die Gefahr eines Zahlungsausfalls darstellt. Der Idealwert 100 bedeutet, dass die Bonität absolut sicher ist. Ein Wert von Null wäre der gesichert anzunehmende Ausfall des Schuldners. ermittelt.

     

    Welchen Einfluss haben Bonitätsprüfungen?

     

    Vom Scorewert hängt bei vielen Unternehmen die Bonitätseinschätzung ihrer Kunden ab. Das kann bei einem Kreditantrag, beim Kauf im Versandhandel, beim Strom- und Gasvertrag oder beim Wechsel des Mobilfunkanbieters eine Rolle spielen. Je schlechter der Scorewert, desto teurer kann zum Beispiel der Kredit werden, wenn das Darlehen nicht ganz verweigert wird.

     

    Welche Daten werden von Auskunfteien gesammelt?

     

    Es werden viele Angaben gespeichert, die mit dem Abschluss von Verträgen zusammenhängen. Dazu gehören Kontoverbindungen, Leasing- und Ratenkreditverträge, die Adresse, mögliche Zahlungsausfälle oder -rückstände. Eine Studie Verbraucherministeriums vom letzten Sommer hat den Auskunfteien viele Fehler nachweisen können. 45 Prozent der gespeicherten Daten erwiesen sich als unvollständig oder gar falsch. 

     

    Warum sollten Verbraucher ihre Scoring-Werte kennen?

     

    Wer seinen Scoring-Wert und die ihm zugrunde liegenden Daten kennt, kann erstens sicher stellen, dass keine falschen Informationen über ihn verbreitet werden, zweitens feststellen, wie der Scorewert verbessert werden kann und dadurch drittens eine höhere Kreditwürdigkeit bei der Bank erlangen. Das schlägt sich dann in besseren Darlehenskonditionen nieder.

     

    Wie erhalten die Bürger diese Auskünfte?

     

    Ein einfaches Schreiben an das jeweilige Unternehmen genügt. Einen Musterbrief dafür haben die Verbraucherzentralen unter der Internetadresse www.vzbv.de bereit gestellt.

     

    Kostet die Information etwas?

     

    Einmal jährlich ist die Datenauskunft gratis. Für weitere Anfrage dürfen die Unternehmen Gebühren verlangen. Die Schufa stellt zum Beispiel ab der zweiten Mitteilung 18,50 Euro in Rechnung.

     

    Welche Auskunfteien sammeln Kundendaten?

     

    Es gibt einige große Unternehmen in der Branche, die über den Löwenanteil der Daten verfügen. Die größte Auskunftei ist die Schufa. Aber auch Creditreform, Arvato Infoscore und Bürgel sind in diesem Geschäft zuhause. Zudem bieten etliche kleinere Firmen ihre Dienste an.

  • Wieder der Dumme

    Kommentar

    Die Änderungen beim Datenschutz gehen nicht weit genug. Im Ausgleich zwischen den Interessen der Wirtschaft und denen der Verbraucher haben die Kunden einmal mehr den Kürzeren gezogen.

     

    Grundsätzlich ist die Neuerung positiv. Seit Jahren sammeln Auskunfteien Daten über die Bürger, von der Adresse hin bis zum Zahlungsverhalten. Für fehlerhafte Informationen mussten die Verbraucher die Zeche zahlen, zum Beispiel über höhere Kreditzinsen. Insofern ist es gut, dass die Unternehmen die gespeicherten Informationen nun einmal jährlich kostenlos herausrücken und erklären müssen, auf welcher Basis eine Bonitätseinstufung der Kunden erfolgt. Doch die Regelung hat einen dicken Haken. Verbraucher müssen erst einmal einen gewissen Aufwand in Kauf nehmen, um an die über sie gesammelten Daten heranzukommen. Wer weiß schon, von welcher Auskunftei er erfasst wurde? Auf die Schufa werden die meisten Bürger noch kommen. Aber auf dem Markt tummeln sich noch viele andere Firmen. Zudem muss der Kunde selbst aktiv werden und die Übermittlung der Daten einfordern. Das kostet Zeit und auch noch Porto. Der Andrang wird daher nicht sonderlich groß sein.

     

    Die Verantwortung müsste umgekehrt werden. Die sammelnden Firmen sollten die entsprechenden Mitteilungen von sich aus allen Bürgern zusenden müssen, deren Daten sie sammeln. Schließlich verdienen sie mit den persönlichen Informationen gutes Geld und ihre Fehleranfälligkeit ist hinlänglich nachgewiesen. Natürlich würde dies hohe Kosten verursachen. Doch dies sollte ja wohl nicht das Problem der Verbraucher sein.

     

    Der Grundsatz sollte überall im Datenschutz eine stärkere Rolle spielen. Nur wenn das blinde Sammeln von Informationen etwas kostet, werden sich die beteiligten Unternehmen auf das Notwendigste beschränken und Fehlerquellen systematisch begegnen. Mit Blick auf die Arbeitsplätze in den betroffenen Branchen entscheidet die Politik leider grundsätzlich anders. Daher bleibt der Verbraucher am Ende stets der Dumme.

     

     

  • “Suchtmittel werden nicht eingesetzt”

    Experte im Interview

    Um Tiernahrung ranken sich immer wieder Legenden, weil niemand so recht weiß, was darin ist. Der Veterinärmediziner Prof. Jürgen Zentek von der Freien Universität Berlin ist Spezialist für die Ernährung der häuslichen Kleintiere. Neben der Uni ist Zentek auch im wissenschaftlichen Beirat des Verbands für das Deutsche Hundewesen und der Europäischen Gesellschaft für veterinärmedizinische Tierernährung tätig. Der 50-jährige ist verheiratet und hat zwei Kinder. 

     

     

    Aus welchen Rohstoffen wird Tierfutter hergestellt?

     

    Jürgen Zentek: Für die Herstellung dürfen nur Materialien verwendet werden, die auch für den Menschen als Nahrung geeignet wären. Beim Schwein verwerten Menschen beispielsweise nur noch die Hälfte für sich selbst. Die zweite Hälfte wollen die Menschen nicht mehr. Erhebliche Teile davon werden dann zu Heimtiernahrung verarbeitet. Kadaver landen nicht im Tierfutter. Das Fleisch wird durch Zerealien, Gemüse und Getreide ergänzt.

     

    Immer wieder werden Zusatzstoffe und Geschmacksverstärker im Tierfutter beklagt. Auch über Suchtmittel wird immer wieder spekuliert, damit die Vierbeiner einer Marke treu bleiben. Treffen die Vorwürfe zu?

     

    Zentek: Zusatzstoffe dürfen nur eingesetzt werden, wenn sie europaweit zugelassen worden sind. Diese Erlaubnis gibt es nur, wenn der Nachweis erbracht wurde, dass sie keinen Schaden anrichten. Manche Zusatzstoffe sind lebensnotwendig, zum Beispiel Vitamine und Spurenelemente. Andere dienen der Haltbarkeit wie Antioxidationsmittel, ohne die Fette ranzig werden würden. Zutaten, die Hund oder Katze süchtig machen, werden nicht eingesetzt. Diese Geschichte gehört ins Reich der Legenden.

     

    Die Tiere kommen also von alleine auf den Geschmack…?

     

    Zentek: Letztlich ist die Rezeptur des jeweiligen Produktes entscheidend. Sie ist nicht umsonst ein gut gehütetes Betriebsgeheimnis. Letztlich müssen die Besitzer ausprobieren, was  ihrem

    Tier schmeckt und gut tut.

     

    Gibt es große Qualitätsunterschiede zwischen den einzelnen Produkten?

     

    Zentek: Die meisten Produkte enthalten ausreichend viele Nährstoffe. Rein rational betrachtet ist auch preiswertes Futter genauso aus der Sicht der Nährstoffversorgung meistens zweckmäßig zusammengesetzt. Wenn Hersteller preiswert produzieren, haben sie bei der Rezeptur weniger Möglichkeiten als die Produzenten teurer Nahrung. So schwanken zum Beispiel Rohmaterialien und Rezepturanteile bei preiswertem Futter häufiger.

     

    Viele Hunde oder Katzen wirken zu dick. Wird beim Füttern des Guten zu viel getan?

     

    Zentek: Übergewicht ist tatsächlich verbreitet. Zwischen 20 und 30 Prozent der Hunde sind schätzungsweise zu dick. Die Besitzer sind für den Ernährungszustand selber verantwortlich. Sie sollten sich über den Kalorienbedarf ihrer Tiere bewusst werden. Heimtiere haben oft zu wenig Bewegung und verbrennen daher wenig Energie. Die Folgen von Übergewicht sind denen beim Menschen vergleichbar. Es steigt beispielsweise die Gefahr von Herz-Kreislauf-Krankheiten.

     

    Was hilft gegen das Übergewicht?

     

    Zentek: Notfalls hilft eine Diät. Die Futtermenge muss reduziert werden. Am besten wird dies zusammen mit dem Tierarzt geplant. En halbes Jahr sollte für die Kur eingeplant werden. Es könnte Diätfutter eingesetzt werden oder Produkte, die viele Ballaststoffe enthalten. Auf der anderen Seite sollten sich die Tiere mehr bewegen. Das sind im Grunde dieselben Rezepte, die auch für übergewichtige Menschen gelten.