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  • Kündigungen durch Lohnsenkung verhindern

    Mit Unterstützung von NRW-Ministerpräsident Rüttgers bietet die IG Metall Arbeitszeitverkürzung auf 28 Stunden pro Woche. Das soll Entlassungen verhindern. Einbußen für Beschäftigte im Vergleich zur Kurzarbeit

    Lohnreduzierung gegen Sicherheit des Arbeitsplatzes – dieses Geschäft bietet die Gewerkschaft IG Metall den Unternehmen an. Um Kündigungen von Beschäftigten angesichts der Wirtschaftskrise zu verhindern, könne die wöchentliche Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden pro Woche sinken, wobei nur ein teilweiser Lohnausgleich gezahlt würde. Diesen Vorschlag unter anderem des nordrhein-westfälischen IG-Metall-Chefs Oliver Burkhard hat am Dienstag auch NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers unterstützt.


    „Es macht ökonomisch Sinn, die vorgesehenen Steuersenkungen um ein Arbeitsplatzzukunftspaket zu ergänzen“, sagte Rüttgers dem Handelsblatt. Der CDU-Politiker, der sich mit arbeitnehmerfreundlichen Positionen für die NRW-Landtagswahl 2010 in Stellung bringt, stieß damit auf Skepsis der Bundeskanzlerin. „Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in Dauersubventionen reinrutschen, aus denen wir nie wieder rauskommen“, so Angela Merkel beim Arbeitgebertag der Wirtschaftsverbände. Für die Arbeitszeitverkürzung, an deren Finanzierung sich der Staat beteiligen soll, plädiert auch der Präsident des Industrieverbandes Gesamtmetall, Martin Kannegießer. Arbeits- und Sozialminister Franz-Josef Jung (CDU) dagegen weiß noch nicht genau, was er von der Idee halten soll. Erst lehnte er sie ab, nun soll ein Gespräch mit Kannegießer stattfinden.


    Gewerkschaft und Industrieverband sehen die Arbeitszeitverkürzung als Ergänzung zu den bestehenden Kurzarbeiterregelungen. Diese will die Regierung heute zwar voraussichtlich um 18 Monate bis 2011 verlängern. Doch die kürzere Arbeitszeit würde den Unternehmen mehr Geld sparen.


    Im Rahmen der gegenwärtigen Kurzarbeit übernimmt die Bundesagentur für Arbeit zur Zeit 60 Prozent des Lohnes, auf den die Beschäftigten verzichten. Auch die nicht gezahlten Sozialbeiträge trägt die Bundesagentur und entlastet auf diese Weise die Unternehmen und Arbeitnehmer. Diese großzügigen Regelungen sind der Grund dafür, warum bislang trotz Wirtschaftskrise so wenige Beschäftigte entlassen wurden. Allerdings müssten die Firmen Urlaubs- und Weihnachtsgeld weiterzahlen, auch wenn Kurzarbeit stattfindet, erklären sowohl IG Metall als auch Gesamtmetall.


    Dies wäre im Falle der Arbeitszeitverkürzung auf 28 Stunden nicht so. Wenn die tarifliche Arbeitszeit sinkt, verringern sich die Sonderzahlungen entsprechend. Um das zu ermöglichen, will die IG Metall den alten Tarifvertrag zur Beschäftigungssicherung von 1994 verändern. Die wöchentlich Arbeitszeit könnte dann auf 28 Stunden sinken, und die Beschäftigten würden für den zusätzlichen Ausfall nur 25 Prozent Lohnersatz erhalten – im Falle der Kurzarbeit sind es 60 Prozent. Damit die Arbeitnehmer das verschmerzen, soll der Staat einen Beitrag leisten, sagen die IG Metall und Rüttgers. Sie fordern, den Lohnersatz von Steuern und Sozialabgaben zu befreien. Machen viele Unternehmen mit, könnte das den Staat leicht einige hundert Millionen Euro kosten.


    Die Lohneinbußen seien gerechtfertigt, heißt es bei der IG Metall. Sonst stehe zu befürchten, dass die Unternehmen im kommenden Jahr viele Beschäftigte entließen. Denn neben den höheren Kosten habe die Kurarbeiterregelung einen weiteren entscheidenden Nachteil. Trotz der Verlängerung um 18 Monate könnten die Firmen sie nicht unbegrenzt wahrnehmen, so Wolfgang Nettelstroth, Sprecher der IG-Metall NRW. In vielen Betrieben sei 2010 definitiv Schluss. Dann brauche man dringend eine Ersatzregelung.

  • Nachhaltigkeit ernst nehmen

    Kommentar von Hannes Koch

    „Nachhaltigkeit“ ist ein Modewort. Von der eigentlichen Bedeutung haben die, die es verwenden, oft keine Ahnung. Ursprünglich sagt der Begriff: Jede Generation soll nur so viele Ressourcen verbrauchen, dass die nachfolgenden Generationen ihre legitimen Bedürfnisse nach Wohlstand und Lebensqualität ebenfalls noch befriedigen können. Daran hat der Nachhaltigkeitsrat die Bundesregierung am Montag zu Recht erinnert.


    Denn bisher gibt es keinen Plan, wie Deutschland die Reduzierung des Kohlendioxid-Ausstoßes um 80 oder 90 Prozent bis 2050 bewerkstelligen soll. Dies wäre angezeigt, um einen deutschen Beitrag zur Verlangsamung des Klimawandels zu leisten. Vor allem existiert keine Antwort auf eine entscheidende Frage: Wie kommen wir mit weniger Wirtschaftswachstum aus? Denn das wird wahrscheinlich notwendig sein. Vermutlich wird es uns nicht gelingen, eine Wirtschaft ohne CO2-Ausstoß zu organisieren und gleichzeitig die bisherige Wachstumsmaschine mit der bislang üblichen Verdoppelung der Produktion in innerhalb von 30 Jahren aufrechtzuerhalten. Die Gefahr: Wenn es sehr viele spritsparende Autos gibt, verbrauchen diese möglicherweise mehr als die alte Armada der Spritfresser.


    Niedrigere Wachstumsraten bei gleichzeitigem Anstieg der Kosten für Gesundheit, Alter und Pflege bedeuten aber: Irgendwie müssen wir uns beschränken – auch in unseren individuellen Bedürfnissen. Unser perpetuum mobile der Finanzierung dauernden Zuwachses für die Mehrheit aus dem selbstverständlichen Anstieg des Bruttoinlandprodukts wird nicht ewig funktionieren.


    Das Verteilungsmodell der Zukunft könnte eher so aussehen: Der Kuchen wird nicht mehr größer. Will man ein zusätzliches Stück herausschneiden, müssen andere kleiner werden. Das bedeutet nicht automatisch Armut – wohl aber eine andere Definition von Lebensqualität. Nachhaltig zu leben könnte beispielsweise bedeuten, weniger mobil zu sein. Unsere Kinder reisen vielleicht mehr per Internet, während wir noch mit Auto und Flugzeug unterwegs waren.

  • Rüffel für mangelnde Nachhaltigkeitspolitik

    Internationale Experten fordern die Einrichtung eines Bundesministeriums für Energie und Klima. Ansonsten drohe Gefahr für Öko-Arbeitsplätze in Deutschland

    Politiker aller Couleur verlassen sich gerne darauf, dass deutsche Produkte auf den Weltmärkten sowieso Käufer fänden – besonders, wenn sie etwas mit Ökologie zu tun haben. Windkraftwerke, Solarzellen, Abgasfilter: Deutschland sei Spitzenreiter, verkünden ehemalige und gegenwärtige Umweltminister wie Sigmar Gabriel (SPD) und Norbert Röttgen (CDU). Davor, dass dies ein folgenschwerer Trugschluss sein könnte, warnte am Montag Björn Stigson, der Leiter des Weltwirtschaftsrates für nachhaltige Entwicklung. „Deutschland kann seine führende Position verteidigen, es kann sie aber auch verlieren“, so Stigson.


    Die Bundesregierung hatte den schwedischen Manager eingeladen, die deutsche Nachhaltigkeitspolitik zu überprüfen. Anlässlich der Jahrestagung des Rates für Nachhaltige Entwicklung legte Stigson gestern seinen Bericht vor. Das Ergebnis: Deutschland fehlt eine langfristige, bis 2050 reichende Strategie für den Umbau zu einer Wirtschaft, die nahezu ohne den Ausstoß von Kohlendioxid auskommt. Stigson beklagte den „Mangel einer Vision“. Japan, die USA, aber auch China seien Deutschland bei der technischen Entwicklung und Forschung dicht auf den Fersen. Strenge man sich hierzulande nicht an, werde die Öko-Technologie in einigen Jahrzehnten in anderen Teilen der Welt Arbeitsplätze schaffen – und nicht mehr in Deutschland.


    Stigson, der dem Weltwirtschaftsrat aus 200 internationalen Unternehmen vorsitzt (World Business Council für Sustainable Development, WBCSD), mahnte vor allem institutionelle Verbesserungen an. Der Mangel eines langfristigen Planes zur Reduktion der CO2-Emissionen rühre auch daher, dass die Zuständigkeiten in Deutschland zu schwach und zersplittert seien. Stigson regte an, ein Bundesministerium für Energie und Klima zu gründen. Außerdem solle ein zusätzlicher Minister im Kanzleramt die Nachhaltigkeitspolitik koordinieren. Heute, so Stigson, seien die entsprechenden Aufgaben auf sieben Bundesministerien verteilt.


    Deutschland besitzt zwar eine Nachhaltigkeitsstrategie, die die frühere rot-grüne Regierung 2002 formulierte. Bis 2020 will die Bundesregierung die CO2-Emissionen um 30 bis 40 Prozent verringern. Ein festes Reduktionsziel bis 2050 existiert bislang aber nicht. Die Regierung orientiert sich an dem, was die Wissenschaft für erforderlich hält. Demnach müssen die Industrieländer ihren Kohlendioxid-Ausstoß bis 2050 um 80 bis 90 Prozent verringern, damit die Erdatmosphäre nicht mehr als zwei Grad wärmer wird.


    Diese lockere Orientierung reiche nicht, kritisieren Stigson und seine Kollegen. „Deutschland muss Wirtschaftssektor für Wirtschaftssektor durchbuchstabieren, welche Maßnahmen notwendig sind“, sagte Jennifer Morgan, die der Expertengruppe ebenfalls angehört. Die Direktorin des Klimaprogramms des World Ressources Institutes (WRI) hält es für problematisch, dass Deutschland weiter Kohlekraftwerke mit hohem CO2-Ausstoß baue, anstatt die Erneuerbaren Energie stärker zu fördern. Volker Hauff, Vorsitzender des Nachhaltigkeitsrats, sagte, die Bundesregierung müsse sich von einer „undifferenzierten Wachstumspolitik verabschieden“.


    Klaus Töpfer, Ex-Umweltminister und gegenwärtig Vize-Chef des Nachhaltigkeitsrates, unterstützte die Idee einer langfristigen Strategie. Er verwies allerdings auch auf die Schwierigkeiten: „Es ist nicht immer leicht, in Deutschland ein Visionär zu sein“. Ähnliches hat wohl Björn Stigson erlebt. Als er in Bundes- und Landesministerien nach einer Strategie für 2050 fragte, bekam er zu hören: „Wir wollen keine Planwirtschaft wie in der Sowjetunion“. Das waren Äußerungen, die den einstigen Vorstand des Kraftwerksbauers ABB erstaunten. „Was ist gegen einen langfristigen Geschäftsplan einzuwenden?“, fragte sich der Manager.

  • „Wer vertraut, ist der Dumme“

    Die Wissenschaft hat das Verhalten der Anleger als Forschungsfeld entdeckt. Professor Christian Wey befasst sich beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) mit der Frage, warum der mündige Verbraucher eine Mär ist und Sparer oft unvernünftig h

    Frage: Alle Sparer wissen, dass man Angebote vergleichen muss und hohe Zinsen auch mit einem hohen Risiko verbunden sind. Trotzdem fallen Anleger immer wieder auf Versprechen herein. Sind die Menschen nicht lernfähig?

    Christian Wey: Das ist zu pauschal. Einige Anleger sind bestens informiert und treffen sehr gute Entscheidungen. Problematisch sind die Leute, die weder über Anlagemöglichkeiten noch über Risiken Bescheid wissen. Gerade bei der Altersvorsorge geht es um langfristige Verträge und langfristige Risiken. Da gibt es verhaltenswissenschaftliche Probleme aus denen oft irrationale Entscheidungen erwachsen. Ein Beispiel ist die extreme Aversion gegen Unsicherheiten. Diese Verbraucher versichern sich gegen alles Mögliche und sparen übermäßig für das Alter. Ein anderes psychologisches Phänomen ist die so genannte hyperbolische Diskontierung, das heißt, die Zukunft wird extrem gering bewertet, zum Beispiel das Risiko von Altersarmut gravierend unterschätzt. Ein weiteres großes Problem ist das Misstrauen. Zu viele bleiben dem Anlagemarkt fern, weil sie den Angeboten und den Beratern nicht trauen. Das ist auch berechtigt. Wer vertraut und nicht nachprüfen kann, ist sicher der Dumme.

    Frage: Kaum jemand befasst sich gerne mit Finanzthemen. Aber jeder müsste vorsorgen. Sind Finanzprobleme im Alter dadurch vorprogrammiert?

    Wey: Vielen ist ein Auto heute wichtiger als 1000 Euro mehr in 30 Jahren. Psychologisch ist der spätere Gewinn nichts wert. Deshalb sind Sozialsysteme übrigens meistens Zwangssysteme. Der Staat zieht sich aus der Altersvorsorge zurück. Damit ist eine massive Altersarmut absehbar. Denn der Staat wird sein Versprechen nicht halten können, dass jeder Rentner ein auskömmliches Einkommen haben wird. Aber hier kommt wieder die Psychologie ins Spiel. Der Mensch orientiert sich in seinen Erwartungshaltungen an heutigen Zuständen und der Vergangenheit. Jeder kann zum Arzt gehen, hat eine Wohnung und ein Auto. Doch die fette Ente Westdeutschland gibt es nicht mehr. Wir werden relativ immer ärmer und sollten daher mit Versprechen vorsichtig sein. Im letzten Jahrhundert ist unser Staat drei Mal zusammengebrochen und viele haben alles verloren. Es muss nicht so kommen, aber Sicherheit gibt es nicht.

    Frage: Misstrauen, Unkenntnis und drohende Altersarmut sind eine unheilvolle Mischung. Wie können die Bürger zu einer angemessenen Vorsorge animiert werden?

    Wey: Es muss den Menschen klar gemacht werden, was Altersarmut bedeutet und dabei an das Verantwortungsgefühl appellieren. Denn letztlich liege ich meinen Kindern auf der Tasche, wenn das Einkommen nicht reicht. Auch der Statusverlust muss klar gemacht werden. Man fällt ohne ausreichende Vorsorge gleich drei Etagen tiefer.

    Außerdem muss der Staat standardisierte Produkte durchsetzen. Dies funktioniert bei anderen Produkten ganz gut. Über Windows meckert auch jeder und nutzt es trotzdem. Bei den Lebensmitteln wurden die Verpackungsgrößen jetzt abgeschafft. Was für ein Unsinn. Niemand kann mehr die Angebote leicht vergleichen. Eine Expertenkommission sollte wenige Finanzprodukte zertifizieren, die leicht verständlich und einfach gestrickt sind. Das würde auch den Wettbewerb zwischen den Banken verstärken, weil die Angebote vergleichbar sind, und es würde neues Vertrauen entstehen. Das ist der einzige gangbare Weg.

    Frage: Was können Anleger aus der Finanzkrise lernen?

    Wey: Die wichtigste Lehre ist, dass es ein Ausfallrisiko gibt, eine Bank Pleite gehen kann. Das hat man bisher nicht wahrgenommen. Diese Erfahrung führt aber wiederum zu einer gegensätzlichen Überreaktion, weil die Unsicherheit übertrieben wird. Der Staat sichert die Risiken daher ab. Das sollte auch jeder einzelne tun, in dem er seine Anlagen auf verschiedene Positionen verteilt.

  • Wie der Verstand zum Sieger werden kann

    Arzt und Supermarkt – damit vergleichen Fachleute den Besuch beim Bankberater gerne. Denn die Situationen gleichen sich teilweise. Der Patient verfügt nicht über das Fachwissen des Mediziners und muss sich daher auf dessen Urteil und Rat verlassen. Beim Einkauf werden die Produkte wiederum im schönsten Lichte präsentiert. Was gekauft werden soll, liegt auf Augenhöhe bereit. In der Bank kommt beides zusammen. Der Kunde wird von den vollmundigen Werbeversprechen der Institute angelockt und ist selbst kaum in der Lage, die Qualität der Produkte zu bewerten. Am Ende entscheidet oft mehr das Gefühl als der Verstand über den Abschluss eines Kreditvertrags oder der Rentenversicherung. „Das Marketing ist extrem auf Emotionen angelegt“, warnt der Bamberger Wirtschaftsprofessor Andreas Oehler.

    Doch die Anleger sind keineswegs hilflos, auch wenn sie mit der Materie wenig vertraut sind. Allerdings müssen sie auch etwas Zeit für ein gutes Ergebnis aufwenden. Am besten schützt eine gute Vorbereitung vor unnützen Geschäften. „Was will ich mit dem Geld wirklich machen?“, ist die wichtigste Frage im Vorfeld. Oehler rät dazu, auch die bereit stehende Summe festzulegen, den Zeitpunkt, an dem das Geld wieder benötigt wird und die gewünschte Höhe des Ertrags. Ohne diese Vorbereitung hat der Berater leichtes Spiel. „Dann sind alle Flanken offen“, beobachtet Oehler.
    Der Mannheimer Wirtschaftsforscher Martin Weber hat einfache Regeln parat, die Sparer vor falschen Entscheidungen bewahren können. So gibt es erstens ohne großes Risiko keine hohe Verzinsung. Zweitens sollten die Spargroschen auf verschiedene Produkte verteilt werden, damit das Risiko insgesamt sinkt. Und drittens sollte dem Berater die Frage nach den Kosten einer Anlage gestellt werden, auch die nach den Gebühren in den ersten fünf Jahren. Außerdem empfehlen die Fachleute, sich bei mehreren Anbietern nach deren Ratschlag zu erkundigen. „Wurst kann man schließlich auch mal bei einer anderen Fleischerei probieren“, sagt Weber.

    Die Beratung bei einer Bank kann auch gut sein. Die meisten Kunden haben aber zu wenig Erfahrung, um ein Gefühl für die Trennung in glaubwürdige und weniger seriöse Darstellungen. Die Frage nach den Kosten ist ein Indiz, ob der Berater eher im Interesse des Kunden oder eher für die eigenen Belange spricht. Wegen dieser Unsicherheit raten Verbraucherorganisationen zum Besuch einer unabhängigen Beratung, zum Beispiel bei den Verbraucherzentralen. Die Auskünfte kosten zwar etwas, doch rechnet sich der Aufwand schnell. 100 Euro fallen kaum ins Gewicht, wenn damit beim Hausbau ein paar Tausender gespart werden können oder die Rentenversicherung später monatlich 50 Euro mehr einbringt. Außerdem ist auch die Bankberatung nicht kostenlos. Den Aufwand ziehen die Institute nur erst später ein, in dem sie einen Teil des Anlagegewinns einbehalten.

    Übung macht Oehler zufolge den Meister in Finanzverhandlungen. Der Forscher rät, Kinder schon in der Schule oder im Elternhaus mit Anlageentscheidungen vertraut zu machen, spielerisch Verträge auszuhandeln oder mit geringem Einsatz zu spekulieren. Das kann auch den Erwachsenen helfen. Denn die Finanzbildung ist in Deutschland nicht nur beim Nachwuchs schwach ausgeprägt.

  • Buchtipps

    Bis zu 30 Milliarden Euro büßen die deutschen Sparer alljährlich ein, weil sie schlecht beraten werden. Damit geht etwa jeder zehnte Spargroschen unnütz verloren. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Bundesverbraucherministeriums. Per Gesetz will die schwarzgelbe Regierung nun die Qualität der Beratungen verbessern.

    Kaum ein Laie findet  leicht einen Weg durch den Dschungel der Finanzanlagen und oft spielt bei der Anlageentscheidung das Gefühl eine größere Rolle als der Verstand. Der Mannheimer Wirtschaftsprofessor Martin Weber erforscht schon lange die menschliche Seite des Sparens. Sein vom Campus-Verlag veröffentlichter Ratgeber „Genial einfach investieren“ zum Preis von 24,90 Euro befasst sich mit den Schwächen des Homo Oeconomicus und steht dem Anleger mit vielen Hinweisen beiseite.

    Die Stiftung Warentest hat sich die Kreditwirtschaft vorgeknöpft. „Bankentricks …und was Sie dagegen tun können“ lautet der Titel des Buches, das jeder vor dem Besuch beim Bankberater gelesen haben sollte. 12,90 Euro kostet der nützliche Ratgeber, der erklärt, was sich hinter den Versprechen der Anbieter tatsächlich verbirgt.

    Der frühere Bundesinnenminister Gerhard Baum arbeitet nun als Rechtsanwalt und ist auf Fälle geschädigter Anleger spezialisiert. Unter dem Titel „Abkassiert“ berichtet der Ex-Politiker, mit welchen Methoden die Abzocker der Finanzbranche ihre Kunden ausnehmen und wie schwer es ist, ihnen das Handwerk zu legen. 16,90 Euro kostet das bei Rowohlt erschienene Buch.

  • Der Bauch entscheidet mehr als der Kopf

    Lottospieler verhalten sich nach Ansicht des Forschers Christian Wey alles andere als normal. Die geringe Gewinnwahrscheinlichkeit sollte kluge Rechner von der Abgabe eines Scheins eigentlich abhalten. Doch vor allem weniger Gebildete suchen preiswert aber vergeblich die Minichance auf den großen Geldregen. „Das ist nichts anderes als eine Steuer für Arme“, glaubt der Wissenschaftler vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Immerhin landen die Einsätze in den öffentlichen Kassen und werden guten Zecken zugeführt.

    Die Zocker sind nur ein Beispiel für unvernünftiges menschliches Verhalten. Der Verbraucher tickt nicht rational, der Geldanleger schon gar nicht. Auch die gut gebildeten Bankkunden wählen häufig schlechte Produkte aus. „Sie machen systematische Entscheidungsfehler, bereuen diese später und begehen nicht selten den gleichen Fehler erneut“, stellt der Bamberger Betriebswirtschaftsprofessor Andreas Oehler fest. Die Symptome kennen viele Anleger aus eigener Erfahrung, so wie der Lehrer Detlef M., der auf dem Höhepunkt der Euphorie am Neuen Markt vor zehn Jahren 25.000 Euro in einen Hightechfonds steckte und später zum Tiefstkurs wieder verkaufte. Falsche Entscheidungen wie die des Pädagogen sind an der Tagesordnung.

    Verwirrt über das überbordende Angebot an Informationen über Rentenversicherungen entscheidet sich mancher Kunde am Ende aus dem Bauch heraus für einen Vertrag. „Es ist langweilig, sich damit zu beschäftigen“, begründet Apothekerin Christine S. den Hang zur zweit- oder drittbesten Lösung. Auch die Selbsteinschätzung bereitet Probleme. Bringt eine Anlage viel ein, hält sich dies der Verbraucher zugute, bei Verlusten sind andere Faktoren schuld. „Den mündigen Verbraucher gibt es eher nicht“, bedauert die DIW- Finanzexpertin Dorothea Schäfer.

    Eine kleine Schar von Experten befasst sich mit dem Unberechenbaren in der Verbraucherseele und kommt zu verblüffenden Ergebnissen. So sind mehr Wettbewerb und ein größeres Angebot nicht unbedingt gut für die Kunden. „Konsumentscheidungen sind belastend, sie kosten Zeit und Energie“, sagt Oehler. Bei zu vielen Wahlmöglichkeiten geben die meisten deshalb irgendwann den Vergleich auf und schließen den nächstbesten, oft nicht den besten Vertrag ab.

    Der Mannheimer Forscher Martin Weber kann den Hang zur Selbstüberschätzung aus der Evolution heraus gut erklären. „Das morgendliche Selbstlob vor dem Spiegel hilft mir, gut durch das Leben zu gehen“. Gegen Verstimmungen hilft diese Haltung wohl, doch für den Erfolg an der Börse ist sie Gift. Denn Webers Studien zeigen, dass der Privatanleger in Wirklichkeit nur Mittelmaß ist. Besser als der Gesamtmarkt schneidet danach kaum ein Anleger ab.

    Gar nicht rational ist die geringe Bereitschaft vieler Sparer, sich intensiv mit den Angeboten zu befassen. Viele Informationen sind deshalb kein Garant für eine optimale Anlageentscheidung. Im Gegenteil. Der US-Konsumforscher George Miller hat bereits vor 50 Jahren herausgefunden, dass der Mensch in der Regel lediglich sieben Informationen gleichzeitig verarbeiten kann. Viele Finanzverträge haben deutlich mehr Aspekte. Die Kapitulation der Verbraucher ist also vorprogrammiert.

    Ein zweites Phänomen kommt hinzu. Nur wenige befassen sich leidenschaftlich mit Finanzthemen. Dabei kann die Spanne zwischen einem guten Rentenvertrag und einem schlechten schnell einen fünfstelligen Betrag ausmachen. Während der Autokauf wochenlang bis ins Detail geplant wird, muss die viel wichtigere Altersvorsorge mit wenigen Stunden Nachdenken vorlieb nehmen. „Autofahren macht mehr Spaß“, begründet Weber die irrational gesetzten Prioritäten. Die Psyche bremst die Vernunft noch weiter aus. Bei mehreren Jahrzehnte laufenden Verträgen können die Anleger deren Güte laut DIW nicht mehr einschätzen und sie vertagen die Bewertung auf einen späteren Zeitpunkt. Auch hat sich das Problembewusstsein für mehr Eigenvorsorge noch nicht flächendeckend herausgebildet. Noch immer setzen viele Haushalte auf den vorsorgenden Staat.

    Der nächste Stolperstein ist der Glaube an das Gute im Berater. Vertraut der Kunde dem Fachmann, folgt er selbst schlechten Ratschlägen. Der Bauch beherrscht den Kopf. Das wissen die Profis auf der anderen Seite des Tresens. Geschult können sie alle Argumente des Laien in ihrem Sinne bewerten. Von der Einrichtung des Beratungsraumes bis zur Betonung bestimmter Produkteigenschaften ist das Verkaufsgespräch genau geplant. „Gegen das Marketing kann sich kaum jemand wehren“, fürchtet Forscher Weber.

    Das böse Erwachen kam für viele mit dem Börsencrash Anfang des Jahrzehnts und mit der Finanzkrise. Zigtausende Sparer haben beispielsweise auf Anraten ihrer Bank Zertifikate der Lehman-Brothers gekauft und ihr Geld vermutlich ganz verloren. Die „Währung Vertrauen“, von der der Chef des Bundesverbands der Verbraucherzentralen (vzbv), Gerd Billen, bei Geldanlagen gerne spricht, hat dramatisch an Wert verloren.

    Die Verbraucherforschung steckt trotz einiger Erkenntnisse noch in den Kinderschuhen. Doch über einige Forderungen zum Ausgleich des Vernunftsdefizits des Konsumenten sind sich die Wissenschaftler einig. Noch mehr Informationen halten die Experten für nutzlos. Wenige, leicht verständliche Kerndaten reichen aus. Anstelle der durch Verkaufsprovisionen finanzierten Gespräche mit dem Bankangestellten sollen sich die Kunden möglichst an unabhängige Berater wenden, zum Beispiel die Verbraucherzentralen. Auch eine Art Finanz-Tüv, der die angebotenen Produkte auf Tauglichkeit prüft, findet Zuspruch. Weber plädiert beispielsweise für die Auswahl von zehn geeigneten Produkten, die staatlicherseits empfohlen werden. Wer sich dafür entscheidet, steht auf der sicheren Seite. Alle anderen müssen das Risiko der Geldanlage selbst abschätzen und verantworten. Schließlich plädieren die Fachleute für eine verstärkte Verbraucherbildung, ohne die sich kein Anleger zurechtfinden kann. Denn schon an den Grundrechnungsarten scheitern viele Sparer, wie Oehler weiß: „Wenn fünfzig Prozent nicht wissen, was fünfzig Prozent sind, dann sind viele Informationsangebote für Verbraucher für einen großen Teil der Zielgruppe nicht geeignet.“

  • Neue Netze kosten über 200 Milliarden Euro

    Greenpeace für schnelleren Ausbau der Erneuerbaren Energien und Verstaatlichung der Stromnetze

    Ginge es nach Greenpeace, könnte Europa im Jahr 2050 fast ausschließlich mit Ökostrom versorgt werden. „Ein Strommix aus 90 Prozent erneuerbaren Energien ist möglich“, sagte Sven Teske, Energieexperte von Greenpeace International, anlässlich der Vorstellung einer Zukunfts-Studie am Freitag in Berlin. Um jedoch auf Kohle-, Gas-, und Uranimporte verzichten zu können, müssten zuerst einmal die Netze modernisiert werden – für 209 Milliarden Euro.  

    Gleich mehrere Hunderttausende oder gar Millionen Solaranlagen sehen die Umweltschützer in der Mitte des Jahrzehnts auf deutschen Dächern prangen, sogar Solaranlagen mit Windparks miteinander kommunizieren. Intelligent sollen die Stromnetze werden und sich über Versorgungsengpässe oder Überproduktion austauschen können. Auch seltenen Extremwettersituationen, wie zum Beispiel wenig Sonne und Wind auf der einen, ein hoher Stromverbrauch auf der anderen Seite, könnte das „Stromnetz der Zukunft“ problemlos überstehen.

    Laut der Studie „Erneuerbare Energieversorgung 24/7“, die das Ingenieurbüro Energynautics für Greenpeace erstellt hat, müssten zur Verwirklichung dieser Vision  EU-weit etwa 6.000 Kilometer neue Kabel und zwischen Europa und Afrika noch einmal so viele Leitungen verlegt werden. Dazu müssten rund 10.000 Kilometer Kabel in den europäischen Ländern technisch aufgerüstet werden. Bis 2050 würden diese Maßnahmen jährlich fünf Milliarden Euro kosten. Laut der Umweltorganisation würde das, umgelegt auf den Strompreis, Mehrkosten von 0,15 Cent pro Kilowattstunde, also weniger als ein Prozent, bedeuten. 

    Von der Politik fordert man Unterstützung für das Zukunftsnetz. „Die deutsche Regierung muss für den weiteren Ausbau Erneuerbarer Energien dringend den Netzumbau beschleunigen“, sagt Andree Böhling, Energieexperte von Greenpeace Deutschland. Auch um eine Verstaatlichung der Netze komme man nicht herum. „Die Übertragungsnetze müssen in eine unabhängige Netz AG mit staatlicher Beteiligung überführt werden.“ Mögliche Blockaden der Energiekonzerne könnten so aufgelöst werden.

    Langfristig, so die Umweltaktivisten, muss die Stromversorgung zu Hundert Prozent aus natürlichen Energiequellen, wie Sonne und Wind, bestritten werden – sprich rund um die Uhr, also 24 Stunden am Tag und 7 Tage die Woche,  24/7 halt.

  • Mehr Sorgfalt

    Kommentar

    Chancen und Risiken liegen oft eng beieinander. Bei den Kreditkarten ist es nicht anders. Einerseits können Kunden damit weltweit leicht bezahlen oder problemlos im Internet auf Einkaufstour gehen. Andererseits sind die vielen Daten angesichts von über 100 Millionen Transaktionen pro Jahr kaum mehr verlässlich zu schützen. Betrügereien nehmen daher zwangsläufig zu.

    Allzu groß müssen die Sorgen der betroffenen Kunden nicht sein. Denn die Banken haften für Schäden, die durch den kürzlich entdeckten Datenklau möglicherweise entstanden sind. Beruhigen ist das, was bislang über das Sicherheitsleck in einer spanischen Firma bekannt wurde, jedoch keineswegs. Denn es bedeutet zwangsläufig Arbeit für die Kreditkartenbesitzer. Es führt kein Weg mehr daran vor, ständig Kontoauszüge und Abrechnungen zu überprüfen. Nur so lässt sich sicherstellen, dass kein Krimineller Zugriff auf das Guthaben nimmt. Der Aufwand bleibt an den Verbrauchern, auch wenn sie keinen finanziellen Verlust erleiden, kleben. Vielleicht ist das der Preis der Freiheit, mit einem kleinen Plastikkärtchen einkaufen zu dürfen.

    Allein mit dem Verweis auf ihre Haftung machen es sich die Banken allerdings viel zu leicht. Denn das ist nur die halbe Wahrheit. Ganz offensichtlich werden noch nicht die sichersten Systeme eingesetzt, die es technisch gibt. Möglicherweise von Betrug betroffene Kunden wurden auch oft erst sehr spät informiert. Das ist besonders ärgerlich, weil die Verbraucher am Ende doch für den Schaden aufkommen müssen, nur nicht allein, sondern als Kollektiv über die Gebühren für die Karte oder die Bankgebühren allgemein. Daher ist die Forderung nach mehr Sorgfalt bei der Sicherheit mehr als begründet. Hundertprozentige Gewissheit hat allerdings nur, wer auf die Bezahlung mit Karten ganz verzichtet.

  • Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Kreditkartenmissbrauch

    Ist das Bezahlen mit Kreditkarten sicher?

    Es war nie absolut sicher und wird es vermutlich auch nie, mit einer Kreditkarte zu bezahlen. Darauf weist auch der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) hin. Denn wo immer die Karte eingesetzt wird, erhält ein Dritter die wichtige Nummer der Karte, mit der schon Schindluder getrieben werden kann. Schließlich klauen organisierte Banden systematisch Datenbestände, kaufen mit fremden Kreditkartendaten ein oder verkaufen die Informationen auf dem Schwarzmarkt weiter. Das ist offenkundig im jetzt bekannt gewordenen Sicherheitsleck der Fall. Es gibt also viele Schwachstellen im System. Immer häufiger werden auch private PC ausgespäht. Das ist vor allem ein Problem der Herausgeber der Karten. Für den Kunden ist das System weitgehend sicher, wenn alle Vorsichtsregeln beachtet werden.

    Welche Methoden wenden die Gauner an?

    Es gibt vor allem zwei Varianten des Missbrauchs von Kreditkarten. Im ersten Fall verliert der rechtmäßige Eigentümer die Karte, entweder durch Unachtsamkeit oder Diebstahl. Der neue „Besitzer“ kann dann damit Waren bestellen oder in Geschäften bezahlen, bis die Karte gesperrt ist. Im zweiten Fall, der jetzt die Gemüter erhitzt, stehlen Hacker oder firmeninterne Diebe die Datensätze von Kreditkartenkunden. Allein mit diesen Informationen können die Kriminellen Leistungen oder Waren, zunächst auf Kosten des rechtmäßigen Eigentümers, im Internet bestellen. Da die Karte selbst nicht verschwunden ist, wird der Schaden erst bemerkt, wenn es längst zu spät ist.

    Wer haftet im Schadensfall?

    Der Kunde kommt in der Regel mit dem Schrecken davon. Solange er nicht grob fahrlässig handelt und beispielsweise seine Kreditkarte irgendwo liegen lässt, den Verlust jedoch später nicht meldet, haftet die Bank oder das Kreditkartenunternehmen. Das gilt auch, wenn die Daten ohne Schuld und Wissen des Verbrauchers missbraucht werden. Ließe sich der Schaden leicht vermeiden, kann der Kunde beteiligt werden. Seit Ende Oktober gibt es eine weitere Regelung. Danach können Banken in ihren Geschäftsbedingungen eine Mithaftung des Kunden bis zu einer Höhe von 150 Euro festlegen. Sobald die Karte gesperrt ist, braucht der Verbraucher aber keinerlei Schaden zu befürchten. Auf dem Schaden durch den Schrecken und den Zeitaufwand, unrechtmäßige Abbuchungen rückgängig zu machen, bleibt der Verbraucher jedoch sitzen.

    Können sich Verbraucher gegen den Missbrauch ihrer Kartendaten schützen?

    Der wichtigste Rat ist die regelmäßige Kontrolle der Kreditkartenabrechnung und der Kontoauszüge. Wird dort ein Betrag zu Unrecht abgebucht, muss der Kunde dies bei der Bank melden, damit die Buchung rückgängig gemacht wird. Sonst bleibt er auf dem Schaden meist sitzen. Grundsätzlich sollte mit den Kreditkartennummern vorsichtig umgegangen werden. So darf die Pin-Nummer nie zusammen mit der Karte aufbewahrt werden. Auch raten die Experten zur Vorsicht beim Einkauf im Internet. Es gibt unseriöse Online-Shops. Ein Blick in das Impressum hilft beim Erkennen dubioser Anbieter. Wenn dort keine komplette Anschrift angegeben ist und es beim Einkauf überdies keine klar verständlichen Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) gibt, ist höchst Vorsicht angezeigt. Außerdem sollten die Kartennummern nur bei verschlüsselten Verbindungen angegeben werden. Dies erkennt der Kunde an der Zeichenfolge „https“ in der Adresszeile der Internetseite. Unten rechts auf dem Monitor zeigt ein kleines Schlosssymbol die sichere Verbindung an. Seriöse Firmen fragen Konto- oder Kartendaten auch niemals per E-Mail ab. Solche Mails stammen mit großer Wahrscheinlichkeit von Betrügern.

    Wer kann und darf auf meine Kartendaten zugreifen und die Nummer speichern?

    In Deutschland sind etwa 25 Millionen Kreditkarten im Umlauf. Insbesondere beim Internethandel kommen die Karten zum Einsatz. Wer mit der Karte im Onlineshop einkauft oder eine Reise bucht, muss seine Daten angeben. Wie das Unternehmen damit verfahren kann, geht aus den AGB hervor. Dort steht beispielsweise, ob die Informationen vom Unternehmen gespeichert werden.

    Was sollten Verbraucher im Ernstfall tun?

    Sobald eine Karte verloren geht, oder ersichtlich das Konto durch unrechtmäßige Abbuchungen belastet wird, sollten die Bankkunden ihre Kreditkarte sperren lassen. Dafür git es eine zentrale Hotline mit der Rufnummer 116 116. Außerdem sollten die Verbraucher sich an ihre Bank wenden, damit abgebuchte Beträge wieder gut geschrieben werden. Die Karte wird dann ausgetauscht.

    Nimmt der Kreditkartenbetrug zu?

    Nach Auskunft des Bundeskriminalamts ist die Computerkriminalität weiter auf dem Vormarsch. Insbesondere das so genannte Datenphishing nimmt, nach einer zeitweiligen Trendwende durch bessere Verschlüsselungstechniken, wieder zu.

  • Massenrückruf bei Kreditkarten

    Sicherheitsleck in Spanien alarmiert Banken / Zahlreiche Kunden und Institute betroffen

    Banken, Sparkassen und Volksbanken tauschen derzeit Zehntausende Kreditkarten aus, deren Daten womöglich Kriminellen in die Hände gefallen sind. „Wir haben Kenntnis erlangt über Verdachtsmomente, die mit Kreditkartentransaktionen in Spanien zusammenhängen“, teilte der Herausgeber der Visa-Karte am Mittwoch mit. Das Institut hat wie andere Branchenfirmen auch die Kreditwirtschaft gewarnt, die nun ihrerseits zahlreiche Kunden anschreibt und deren Karten austauschen will.

    Hintergrund des Massenrückrufs ist ein Sicherheitsleck bei einem spanischen Unternehmen, das Transaktionen mit den Karten verarbeitet. Laut Visa geht es um den „kriminellen Handel mit vertraulichen Daten“. Ob Hacker das Sicherheitsnetz der Firma durchdrungen haben, oder Beschäftigte die sensiblen Informationen weiter gegeben haben, wollen die Beteiligten derzeit nicht verraten und berufen sich auf laufende Ermittlungen.

    Schon vor Wochen hatte die KarstadtQuelle Bank mehr als zehntausend Kunden angeschrieben, deren Kreditkartendaten möglicherweise illegal kopiert wurden. Nun haben andere Institute nachgezogen, darunter Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken, die Barclays Bank und andere. Ein Risiko sah KarstadtQuelle vor allem bei Kunden, die jüngst in Spanien waren und dort mit ihrer Karte bezahlt haben. Es ist aber wohl auch nicht ausgeschlossen, dass die Daten anderer Kunden geknackt wurden, falls die betroffene Firma auch für andere Gebiete die Abrechnung der Transaktionen übernimmt.

    Die Kunden müssen sich keine Sorgen machen. Sollten Betrüger mit den Daten Schäden verursachen, haftet dafür die Bank, die die Karte herausgegeben hat. Allerdings sollten die Verbraucher ihre Abrechnungen und Kontoauszüge auf unrechtmäßige Abbuchungen hin überprüfen. Das Bundeskriminalamt ist über den Datenklau in Spanien informiert, ermittelt aber bisher nicht selbst in diesem Fall. Ob und in welchem Umfang Schäden entstanden sind, ist noch nicht bekannt.

    Der Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) weist auf die Haftung der Kreditinstitute hin. Der Verband kritisiert die späte Information der Kunden. Visa und Mastercard hätten die Branche bereist vor vier Wochen über die Probleme informiert, sagte der vzbv-Experte Manfred Westphal, „Aufklärung, Austausch und Ausgleich sind das Gebot der Stunde.“

  • An die eigene Nase fassen

    Korruption ist auch in Deutschland kein Fremdwort

    Gern lästert der Reisende über bisweilen chaotische Zustände in fernen, weniger entwickelten Ländern. Manche Grenze darf nur passiert werden, wenn der Grenzbeamte mit einem kleinen Betrag gewogen gestimmt wird. Das schönere Hotelzimmer rückt das Personal in manchen Hotels erst gegen ein sattes Trinkgeld heraus. Und mitunter wird nach einem kleinen oder großen Unfall der zuerst behandelt, der dem Arzt ein paar Scheine in die Hand drückt. Das Prinzip kennt jeder und es handelt sich schlicht um Bestechung, eine Straftat.

    Und wer genauer darüber nachdenkt, stellt fest, dass es diese Art des Gebens und Nehmens auch hier in Deutschland gibt. Das Phänomen erscheint harmlos. Da nutzen ein paar kleine Leute halt die wenigen Chancen ihr Gehalt aufzubessern, mag der eine oder andere Denken. Soll doch erst einmal die Korruption an der Spitze bekämpft werden. Die treiben es doch viel doller. In einer Hinsicht stimmt der Einwand: Der Fisch stinkt vom Kopfe her. Wenn die Eliten auch nur den Eindruck erwecken, sie würden ihre Posten zur Vorteilsnahme nutzen, färbt dies nach unten ab. Kommt diese Entwicklung erst einmal in Gang, ist das Ergebnis höchst gefährlich. Wo geschmiert wird, profitieren einzelne auf Kosten der Konkurrenten, der Steuerzahler oder der Kunden. Irgendjemand muss den Preis des Schmiergelds schließlich bezahlen. Deshalb ist es richtig und wichtig, Korruption möglichst wirksam zu bekämpfen.

    Spätestens mit der Schwarzgeldaffäre beim Konzern Siemens hat in Deutschland ein Sinneswandel begonnen. Doch tut es immer noch Not, noch weiter vor der eigenen Tür zu kehren. Die Politik muss stärker als bisher mit gutem Beispiel vorangehen und durch eine klare Abgrenzung den Anschein vermeiden, dass finanziell besonders starke Interessengruppen bevorzugt oder Posten untereinander vergeben werden. Auch fehlt es an Transparenz bei der Entscheidungsfindung, zum Beispiel bei Ausschreibungen. Es gibt also auch im eigenen Land noch gut zu tun, auch wenn Deutschland von den Zuständen in den Bananenrepubliken der Welt weit entfernt ist.

  • Somalia und Afghanistan am korruptesten

    Deutschland auf Rang 14 der saubersten Länder / Transparency mahnt verstärkten Kampf gegen Bestechung an

    In Venezuela haben Reisende bei den häufigen Militärkontrollen auf den Fernstraßen häufig die Wahl. Entweder sie beglücken die bewaffneten Kontrolleure mit ein paar Zigaretten oder der Wagen wird erst einmal gründlich inspiziert, was einige Zeit dauert. Da entscheiden sich viele für die vergleichsweise preiswerte Bestechungsgabe, die viel Zeit spart. Auf kleinem Terrain spielt sich überall auf der Welt Korruption genauso ab, wie auf dem großen Feld, wo für Millionenaufträge Schmiergelder fließen. Bekannt wird nur ein kleiner Teil der Fälle.

    Die Organisation Transparency International (TI) hat sich dem Kampf gegen kleine und große Gauner verschrieben. Jährlich misst TI das Ausmaß der Korruption in allen Teilen der Welt und erstellt daraus einen Index. Die schlechtesten Noten erhält in diesem Jahr Somalia, das von den für die Rangliste befragten Geschäftsleuten und Landeskennern für durch und durch korrupt gehalten wird. In Afghanistan, Myanmar, dem Sudan und im Irak geht es nicht viel ehrlicher zu. All diese Länder schrammten nur wenig am schlechtesten Punktwert eins vorbei.

    Die beste Note erhielt Neuseeland, gefolgt von Dänemark, Singapur, Schweden und der Schweiz. Deutschland findet sich auf dem 14. Platz der am wenigsten korrupten Staaten. Den schon deutlichen Abstand zu den Spitzenreitern erklärt TI-Vorsitzende Sylvia Schenk mit dem Hang zur preußischen Geheimniskrämerei. „Offensichtlich hat Transparenz in den skandinavischen Ländern eine andere Tradition“, erläuterte Schenk bei der Vorstellung des Index am Dienstag in Berlin. Ämterpatronage und den Einfluss der Lobby, zum Beispiel beim Verfassen von Gesetzen, nennt die Expertin als schlechte Beispiele in Deutschland. Folglich sieht TI die Bundesregierung in der Pflicht. „Wir haben direkt vor der Haustür noch einiges zu klären, sagte Schenk. So müsse der Tatbestand der Abgeordnetenbestechung endlich verschärft und der Schutz von Tippgebern verbessert werden. TI zufolge hat sich die Lage allerdings nach dem Schwarzgeldskandal bei Siemens verbessert. Insbesondere große Unternehmen würden sich um die Korruptionsbekämpfung kümmern. Im Mittelstand sei das Problembewusstsein allerdings nach wie vor ungenügend.

    Eine exakte Analyse, wo und wer geschmiert wird, gibt es naturgemäß nicht, weil diese Straftaten im Dunklen liegen. Laut TI ist der Bausektor besonders anfällig, weil sich hier verdeckte Zahlungen am besten verstecken ließen. Aber auch bei der Vergabe von Konzessionen oder Führerscheinen wird gemogelt.

    Korrupte Staaten finden sich nicht nur in den Krisenregionen der Welt. Auch innerhalb der Europäischen Union geht es in einigen Ländern häufig nicht ganz sauber zu. „Griechenland bereitet uns Sorgen“, stellte Schenk fest. Dort haben sich die Indexwerte im Vergleich zur letzten Umfrage verschlechtert. Zusammen mit Rumänien und Bulgarien steht Griechenland unter den europäischen Ländern am schlechtesten da. Rumänien gilt gar als von Korruption zersetztes Land.

  • Die Renaissance der Vermögensteuer

    SPD-Chef Gabriel: nur für Millionäre. Juso-Chefin Drohsel: weiter ausdehnen. Ökonom Bach: Vorsicht vor Kapitalflucht

    Etwa 100 Bundesbürger besitzen mehr als eine Milliarde Euro Vermögen. Ungefähr 950.000 Haushalte in Deutschland verfügen über mindestens eine Million Euro. Und immerhin drei Millionen Haushalte, in denen rund 7,5 Millionen Personen leben, freuen sich über angesammeltes Kapital von mehr als 500.000 Euro.


    Um diese Bevölkerungsgruppe geht es, wenn Politiker – wie die SPD bei ihrem Parteitag am vergangenen Wochenende in Dresden – über eine neue Steuer auf Vermögen reden. Der neue SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hält eigentlich nicht viel von der Idee. Weil die Jungsozialisten in dieser Frage aber die Mehrheit des Parteitages hinter sich hatten, steht nun im Leitantrag: „Unser Steuerkonzept wird Vermögende, unter anderem durch die Wiedereinführung der Vermögensteuer, stärker in die Verantwortung für das Gemeinwohl nehmen“.


    Was das genau heißen könnte, weiß die SPD noch nicht genau. Gabriel plädierte beim Parteitag dafür, nur die Millionäre heranzuziehen. Juso-Vorsitzende Franziska Drohsel kann sich dagegen vorstellen, den Kreis der Steuerpflichtigen weiter auszudehnen. Neben der SPD sprechen sich auch Grüne und Linke für die höhere steuerliche Belastung von Vermögen aus.


    Attraktiv wäre es allemal, eine Vermögensteuer einzuführen. Der wichtigste Grund: Theoretisch lassen sich nennenswerte Einnahmen erzielen. Stefan Bach, Ökonom beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), rechnet mit Erträgen von „16 bis 21 Milliarden Euro“ pro Jahr, wenn Vermögen über 500.000 Euro mit einem Prozent belastet würden. In Deutschland summieren sich private Schätze dieser Größenordnung auf rund zwei Billionen Euro.


    Auch eine Rechtfertigung für diesen Schritt gäbe es. Hat doch die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit (OECD) Deutschland geraten, den Anteil vermögensbezogener Steuern zu erhöhen. Denn hierzulande liegen sie bisher nur bei knapp einem Prozent der Wirtschaftsleistung. In Ländern wie Luxemburg, Frankreich, Spanien und USA sind es drei, in Großbritannien sogar über vier Prozent.


    Ökonom Bach sieht allerdings auch Probleme: „Hohe Steuersätze lösen Ausweichreaktionen aus“ – sprich: Steuerhinterziehung und Kapitalflucht. Individuell mag mancher Vermögende dafür auch eine Begründung parat haben. Ein Beispiel: Wer eine Million besitzt, erzielt zur Zeit vielleicht eine Kapitalrendite von vier Prozent jährlich oder 40.000 Euro. Die Steuer von einem Prozent des Vermögens würde die Verzinsung um 10.000 Euro reduzieren. Hinzu käme noch die Abgeltungsteuer, die ohnehin 10.000 Euro ausmacht. Der Steuerpflichtige müsste also die Hälfte seiner Kapitalerträge an den Staat abführen.


    Einen Steuersatz von 50 Prozent aber hielt der ehemalige Bundesverfassungsrichter Paul Kirchhof für das Äußerste des Zumutbaren. Mit seinem Halbteilungsgrundsatz legte das Gericht 1995 fest, dass jeder Steuerbürger die Hälfte seines Einkommens behalten dürfe. Die aktuelle Relevanz dieses Grundsatzes ist unter Juristen und Politikern freilich umstritten. Das Bundesverfassungsgericht selbst hat ihn teilweise in Frage gestellt.


    Bestimmte Nachteile gibt es allerdings bei jeder Steuer. Einerseits stellt Ökonom Bach fest, dass viele andere Staaten besonders hohe Einnahmen mit der Grundsteuer erzielen. In Deutschland kommt auch dabei wenig herein, weil die Grundstücke noch auf Basis alter Berechnungen aus den 1960er, zum Teil sogar den 1930er Jahren bewertet werden. Hier wäre also Spielraum, um ein paar Milliarden Euro loszueisen. Andererseits trifft die Grundsteuer nicht nur die Immobilienbesitzer. Diese neigen dazu, ihre höheren Kosten an die Mieter und Durchschnittsverdiener durchzureichen.


    Wenn man die Vermögen- und Grundsteuer für zu problematisch und umstritten hält – was kann man dann tun, um Vermögen stärker zu besteuern? DIW-Forscher Stefan Bach plädiert dafür, die niedrige Abgeltungssteuer für Kapitalerträge (25 Prozent) wieder auf das höhere Niveau der Einkommensteuer anzuheben (bis zu 45 Prozent). Tatsächlich ist es sehr schwer zu begründen, warum Kapital neuerdings niedriger besteuert wird als Arbeit.

  • Riester-Rente ist Wachstumsbremse

    Gewerkschaftsnahes Institut gegen kapitalgedeckte Pflege und Rente

    Die private Altersvorsorge ist nach Einschätzung des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) kein erfolgreiches Modell. Mit Einführung der Riester-Rente habe sich die Sparleistung der Deutschen zwar deutlich erhöht. Doch fehle den Haushalten damit auch das Geld für Konsumausgaben, sagte IMK-Chef Gustav Horn am Montag in Berlin. Zwischen 2002 und 2007 sei die Wirtschaftsleistung deshalb um fast ein Prozent niedriger ausgefallen als es ohne Privatrente der Fall gewesen wäre.

    Horn hält die Einführung der Zusatzvorsorge auch für riskant. Danach ist es Versicherungen und Banken kaum möglich, auf Dauer höhere Zinserträge als die gesetzliche Rente zu erwirtschaften. In schlechten Börsenzeiten steigt das Risiko von Löchern in der Alterssicherung. In den USA mussten laut IMK alle über 45-jährigen durch die Finanzkrise Einbußen zwischen 17 und 25 Prozent bei ihren Pensionsplänen hinnehmen. Der Forscher warnt daher vor einer Ausweitung der privaten Rentenvorsorge. Auch die Einführung einer kapitalgedeckten Pflegeversicherung, wie es die Koalition anstrebt, warnt der Experte.

    Stattdessen plädiert Horn für eine Stärkung des Umlageverfahrens in der Rentenversicherung und die Wiedereinführung eines Rentenniveaus, das den Lebensstandard sichert. Die höheren Beiträge für Arbeitnehmer und Arbeitgeber würden das Wachstum nicht beeinträchtigen, glaubt Horn, weil die Tarifparteien dann künftig entsprechend geringere Lohnzuwächse vereinbaren. Außerdem spricht sich das IMK dafür aus, alle Erwerbstätigen in die gesetzliche Rente einzubeziehen, damit die Einnahmen der Rentenkasse steigen.

  • „Konsum für eine Minderheit“

    Wirtschaftsweiser Peter Bofinger kritisiert das Wachstumsbeschleunigungsgesetz der schwarz-gelben Bundesregierung

    Hannes Koch: Angela Merkel, Wolfgang Schäuble und Guido Westerwelle haben dem Bundestag ihr Wachstumsbeschleunigungsgesetz vorgelegt. Hält das Vorhaben, was es verspricht?

    Peter Bofinger: Dieses Gesetz ist Ausdruck der in unserer ganzen Gesellschaft vorherrschenden Mentalität des schnellen Geldes. Alle fragen sich nur, wie die Bürger möglichst schnell möglichst viel Geld vom Staat bekommen können, keiner denkt mehr  an die Zukunft. Was hilft es dem Wachstum, wenn der Staat die Mehrwertsteuer für Hotels senkt? Ähnlich sieht es beim höheren Kindergeld und Kinderfreibetrag aus. Es wäre zehnmal besser, das Geld in die Schulen und Kindertagesstätten zu investieren. Dort könnte man damit tatsächliche Verbesserungen finanzieren und wirkliche Investitionen für die Zukunft tätigen. Eine Regierung, die den Leuten nur Geld in die Taschen steckt, ignoriert die Zukunftsaufgaben.

    Koch: Mit dem Gesetz will Schwarz-Gelb das Wachstum anregen. Kann das funktionieren?

    Bofinger: Beim Sachverständigenrat haben wir noch nicht einmal ausgerechnet, welchen Wachstumsbeitrag das Gesetz auslöst. Seine Wirkung bleibt, zurückhaltend ausgedrückt, sehr begrenzt. Was sicher stattfindet: Bezieher höherer Einkommen profitieren vom höheren Kinderfreibetrag und werden davon den größten Teil sparen.  

    Koch: Aber auch Geringverdiener erhalten höheres Kindergeld. Halten Sie das Gesetz trotzdem für sozial unausgewogen?

    Bofinger: Ja. Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum Gutverdiener mehr Geld für ihre Kinder bekommen sollten, als Bürger mit mittleren oder kleinen Einkommen. Genau das aber ist das Ergebnis des höheren Kinderfreibetrages. Diesen Ansatz der Koalition halte ich für grundfalsch. Wenn der Staat schon Schulden macht, sollte er das Geld voll in Bildung investieren – nicht in den Konsum einer Minderheit.

    Koch: Indem sie die Steuern für Gutverdiener, Unternehmen und Erben senkt, möchte die Koalition die so genannten Leistungsträger anspornen. Ein tauglicher Versuch?

    Bofinger: Im historischen Vergleich liegt die Einkommensteuer schon jetzt sehr niedrig. Nur im Jahr 2005 war er geringer als heute. Unter Bundeskanzler Kohl betrug der Spitzensteuersatz 56 Prozent. Heute sind es 45 Prozent. Ich weiß nicht, wo das Problem liegen soll. Wohlhabende und Reiche strengen sich doch nicht mehr an, weil sie noch ein paar hundert Euro zusätzlich auf dem Konto haben.

    Koch: Welche Maßnahmen schlagen Sie der Regierung stattdessen vor?

    Bofinger: Sie sollte die niedrige Abgeltungsteuer von 25 Prozent abschaffen und die Kapitalerträge wieder der normalen, höheren Einkommensteuer unterwerfen. Es ist wirtschaftspolitisch sinnlos, Sparen in diesem Maße zu fördern und damit die Investitionstätigkeit zu beeinträchtigen. Was wir brauchen, sind Investitionen in den Unternehmen, die Arbeitsplätze schaffen. Die sollte man unterstützen, indem man die Abschreibung erleichtert.

    Koch: Wie beurteilen Sie die Absicht der schwarz-gelben Koalition, die Sozialbeiträge der Unternehmen einzufrieren und die Beiträge der Beschäftigten für die Pflege und die Krankenversicherung einseitig zu erhöhen?

    Bofinger: Das ist das Gegenteil von dem, was die Regierung tun müsste. Sie bricht damit auch ihr Versprechen. Wollte sie ihrer Ankündigung „mehr netto vom brutto“ für normale Arbeitnehmer gerecht werden, sollten die Sozialabgaben sinken, nicht steigen.

    Koch: Mit etwas Pech wachsen alleine die neuen Schulden des Bundes nächstes Jahr in Richtung 100 Milliarden Euro. Wie wollen Sie angesichts dessen niedrigere Sozialabgaben finanzieren?

    Bofinger: Indem wir neu über die Steuer- und Finanzpolitik nachdenken. Es ist eine grundsätzliche Fehlentscheidung, Vermögen und Kapital dermaßen zu begünstigen, wie es in Deutschland geschieht. Selbst marktliberale Länder wie die USA und Großbritannien nehmen dabei das Drei- beziehungsweise Vierfache der hiesigen Erträge ein. Im Vergleich zu Großbritannien verschenkt Deutschland damit rund 70 Milliarden Euro pro Jahr.

    Bio
    Peter Bofinger (55) lehrt und forscht als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Würzburg. Seit 2004 ist er Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung einer der fünf Wirtschaftsweisen, die die Bundesregierung ökonomisch beraten.

    Info
    In seinem am Freitag veröffentlichten Jahresgutachten schätzt der Sachverständigenrat das Wirtschaftswachstum 2010 auf 1,6 Prozent. Diese angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise erstaunlich optimistische Annahme kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die durchschnittliche Zahl der Arbeitslosen wahrscheinlich knapp vier Millionen und das gesamte Staatsdefizit rund 125 Milliarden Euro (5,1 Prozent des Bruttoinlandprodukts) erreicht.

  • Diese Versicherung ist völlig überflüssig

    Nicht nur durch den Wechsel zu einem günstigeren Autoversicherer können Fahrzeughalter sparen. Thorsten Rudnik, Vorstandsmitglied des Bundes der Versicherten (BdV), erklärt wie und verrät für welche Vertragsextras es sich lohnt, etwas mehr Geld auszugeben

    Mandy Kunstmann: Was raten sie Autofahrern, die günstig versichert sein wollen?

    Thorsten Rudnik: Kfz-Besitzer sollten regelmäßig ihren Vertrag überprüfen und schauen, ob sie die Kriterien der Police vielleicht nicht etwa übererfüllen. Bemerken Autofahrer zum Beispiel, dass sie viel weniger fahren als vertraglich vereinbart, sollten sie das der Gesellschaft sofort mitteilen. Das gleiche trifft auch zu, falls sie sich zwischenzeitlich eine Garage gebaut oder ein Car-Port angelegt haben und das Auto dort abstellen. Umgekehrt ist es aber auch wichtig zu melden, wenn man eine Bedingung nicht mehr erfüllt, also viel öfter mit dem Auto unterwegs ist, als ursprünglich angegeben. Kommen Versicherte nämlich den Vereinbarungen nicht nach, müssen sie im Schadensfall mit empfindlichen Vertragsstrafen rechnen.

    Kunstmann: Versicherer bieten immer öfter kostenpflichtige Zusatzangebote an … 

    Rudnik: Stimmt. Immer häufiger integrieren die Assekuranzen in ihre Kfz-Policen Extras, die die Kunden frei wählen können. Dahinter steckt eine Verwirrungsstrategie. Vor allem die großen Versicherer, die durch den starken Wettbewerb am Markt Kunden verloren haben, machen davon Gebrauch. Für Verbraucher bedeutet das im Umkehrschluss, dass sie es immer schwerer haben, die Angebote zu vergleichen.

    Kunstmann: Die Extras sind also nicht sinnvoll?

    Rudnik: Nein, das kann man so nicht sagen. Manche Zusatzangebote können durchaus von Vorteil sein. Zur Haftpflichtversicherung zum Beispiel, wird in der Regel immer eine Mallorca-Police angeboten. Dieser Schutz ist durchaus zu empfehlen. Denn wer im europäischen Ausland einen Leihwagen anmietet, unterwirft sich den dortigen Versicherungsregeln. Kommt es zum Schadensfall, gleicht die Mallorca-Police mögliche Differenzen zwischen ausländischen und deutschen Versicherungsschutz aus.

    Kunstmann: … und was ist mit Zusatzangeboten für die Vollkasko?

    Rudnik: Wer einen neuen Wagen versichert, sollte auf die Neuwerterstattung achten. Mittlerweile bieten einige Versicherer sogar an, bei Totalschäden 24 Monate lang den Neuwert des Wagens zu ersetzen. Das kommt einem Lottogewinn gleich. Üblich sind Fristen von sechs bis zwölf Monaten. Wichtig ist zum Beispiel auch, dass der Versicherer im Schadensfall auf den Einwand der „groben Fahrlässigkeit“ verzichtet.

    Kunstmann: Gibt es Angebote, von denen Sie dringend abraten?

    Rudnik: Tatsächlich, die gibt es. Viele Unternehmen bieten zusätzlich zu den normalen Kfz-Policen eine Insassenunfallversicherung an. Diese ist absolut überflüssig. Denn kommen Mitfahrer durch Verschulden des Fahrers zu Schaden, sind sie automatisch über dessen Haftpflichtversicherung abgesichert. Und bevor man eine Kfz-Rechtschutzversicherung abschließt, sollte man bedenken, dass diese sich erst bei einem hohen Streitwert lohnt. In diesem Fall muss man sowieso einen Anwalt beauftragen.   

    Zur Person: Thorsten Rudnik, Jahrgang 1964, gehört seit 1995 dem Bund der Versicherten (BdV) an. Seit 2004 ist er dort Pressesprecher und seit 2006 sitzt der studierte Betriebswirt im BdV-Vorstand.

  • Zeit für einen Wechsel

    Noch zwei Wochen lang können Fahrzeughalter ihre Autoversicherung kündigen und zu einem günstigeren Anbieter wechseln/ Tarife vergleichen wird immer schwieriger

    Bis zum 30. November haben Autobesitzer noch Zeit, ihren Kfz-Versicherer zu wechseln. „Fast jeder kann sparen“, sagt Michael Sittig von der Zeitschrift Finanztest, die in der aktuellen Ausgabe (11/2009) über 150 Tarife unter die Lupe genommen hat. „Die Spanne zwischen dem teuersten und billigsten Anbieter für Haftpflicht plus Vollkasko beträgt zum Teil sogar 1000 Euro pro Jahr“, so der Redakteur.

    Den günstigsten Tarif ausfindig machen, wird von Jahr zu Jahr schwieriger. Mit immer mehr Extras, die die Kunden frei wählen können, peppen Versicherungsgesellschaften ihre Policen auf. Ob Mallorcapolice, Rabattretter oder Chefarztbehandlung, durch die Zusatzangebote lassen sich die Leistungen in den unterschiedlichen Tarifen kaum noch vergleichen.

    Mit einer neuen Strategie wollen erste Anbieter den jährlichen Massenwechsel Ende November verhindern. Die Ergo Gruppe (D.A.S., Hamburg-Mannheimer, Victoria, Karstadt-Quelle-Versicherungen) und die Allianz bieten Verträge mit flexiblen Zahlungsterminen. Die Kunden können ab sofort wählen, ob sie die Versicherungssumme wie üblich am 1. Januar oder einem der elf anderen ersten Monatstage, etwa dem 1. Juni, begleichen wollen. Das hört sich toll an, hat aber Haken.

    Der Bund der Versicherten (BdV) bezeichnet die flexiblen Vertragslaufzeiten als einen „Trick“. „Verbraucher laufen Gefahr, den Wechseltermin zu verpassen – schon allein deswegen, weil der Versicherungswechsel zu dem Zeitpunkt garantiert kein
    Thema für die Medien sein wird“, erklärt Vorstandsmitglied Thorsten Rudnik. So würden betroffene Versicherte nicht durch Zeitungs- oder Fernsehberichte auf die Möglichkeit des Wechsels hingewiesen werden.

    Ergo und Allianz weisen die Kritik an der Flexibilisierung zurück. Schließlich könnten Kfz-Halter weiterhin den 1. Januar als Termin für die Hauptfälligkeit wählen. Beide Assekuranzen sehen darüber hinaus einen Vorteil in der finanziellen Entlastung der Kunden, gerade zum Jahresbeginn. Schließlich kämen auf Versicherte zu diesem Zeitpunkt in der Regel viele Verbindlichkeiten zu, und Beiträge für Rechtsschutz-, private Haftpflicht oder Hausratpolice würden beispielsweise fällig. „Obendrein fallen die Weihnachtsgelder auch nicht mehr so üppig aus wie in vergangenen Jahren“, fügt Allianz-Sprecherin Claudia Herrmann hinzu.

    Beim unabhängigen Onlinevergleichsportal check24.de sieht man in den flexiblen Laufzeiten noch ein ganz anderes Problem. „Möchten Kunden mit einem solchen Vertrag den Versicherer wechseln, könnten sie unter Umständen bei der Hochstufung in die nächst bessere Schadenfreiheitsklasse benachteiligt werden“, erläutert der Leiter der Unternehmenskommunikation Daniel Friedheim. Wechselt demnach ein Versicherter von einer Assekuranz mit üblicher Hauptfälligkeit am 1. Januar zu einem Versicherer, dessen Zahlungstermin beispielsweise im Juni ist, rutscht er möglicherweise erst ein halbes Jahr später in die nächst höhere Schadenfreiheitsklasse.

    Auch im Internet lauern auf Wechselwillige Fallen. Nicht alle Preisvergleichsportale sind so unabhängig, wie sie es den Surfern vorgaukeln. „Auf manchen Seiten tauchen nur bestimmte Versicherer auf, weil sie den Portalbetreibern Povisionen für die Kundenvermittlung zahlen“, erklärt BdV-Experte Rudnik. Vorsicht sei auch geboten, wenn zu viele persönliche Daten abgefragt werden, warnt Rudnik. Hier besteht die Gefahr, dass der Anbieter nur auf Datenfang aus ist.

    Auch die Verbraucherzentralen der einzelnen Bundesländer bieten Kfz-Versicherungschecks an. Unter der Nummer 0900-1-77 44 43 (1,75 Euro pro Minute aus dem deutschen Festnetz) zum Beispiel, stehen die Experten der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg mit Rat und Tat zur Seite, individuell günstige Angebote zu finden. Und für 16 Euro hilft die Stiftung Warentest, preiswerte Haftpflicht- und Kaskoversicherer ausfindig zu machen. Informationen gibt es im Internet unter www.test.de/themen/auto-verkehr/analyse.

    Finanztester Michael Sittig hat für Wechselwillige einen besonderen Tipp: „Die Basistarife der Direct Line, der Europa und der deutschen Internet  tauchen besonders oft in den Listen der günstigen Angebote auf.“ Jedoch könne man Direct Line und Europa nur per E-Mail, Telefon oder Post erreichen und die deutsche Internet ausschließlich online. Wenn man einen Versicherer mit Außendienst bevorzugt, findet man bei HUK-COBURG und DEVK günstige Angebote, verrät der Experte.