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  • Engpass am Kofferband

    Personalnot der Flugbranche

    Für viele Fluggesellschaften hat sich 2023 gerechnet: höhere Preise, mehr Gewinn. Für viele Passagiere ließ der Service zu wünschen übrig: standardisierte Formbriefe des Airline-Kundencenters, verschwundene Koffer. Die Branche verspricht den Kunden, 2024 besser zu werden und pünktlicher. Doch ein wesentliches Problem bleibt: Vor allem den Firmen, die die Flugzeuge be- und entladen, fehlt Personal.

    Aus dem Sommerchaos 2022 in Frankfurt und Düsseldorf hatte die Branche gelernt. Gemeinsam mit Behörden und Systempartnern bereitete sie sich intensiv auf 2023. Der Flugbetrieb lief vor allem im Sommer deutlich stabiler als ein Jahr zuvor. Ein Grund: Mehr Personal. Doch der Markt ist inzwischen, wie in vielen anderen Branchen auch, leer. Es „wird auch weiterhin Personal gesucht und eingestellt, was allerdings kein leichtes Unterfangen ist, da nahezu Vollbeschäftigung auf dem deutschen Arbeitsmarkt herrscht“, heißt es beim Branchenverband BDL.

    Das könnte für das neue Jahr Probleme bereiten. Denn von Dezember 2023 bis Mai 2024 wächst das Angebot der Fluggesellschaften an den deutschen Flughäfen nach Zahlen des Verbands um 14 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum auf dann 111,5 Millionen Sitzplätze. Besonders der Osterverkehr Ende März und Anfang April fordert die Branche. Dann streben binnen gut zwei Wochen Ferien viele Bundesbürger in die Sonne – nach Spanien, Griechenland, in die Türkei.

    Immerhin hat sich bei den Sicherheitskontrollen einiges geändert. In Frankfurt organisiert der Flughafen selbst die Kontrollen, in München ist eine Landesbehörde zuständig. An den beiden nach Passagierzahl größten Flughäfen werden auch CT-Scanner eingesetzt, die aus der Medizin bekannt sind. Am Flughafen durchleuchten sie Handgepäck schneller und genauer, was die Kontrollen deutlich beschleunigt. Solche Geräte sollen nach Angaben des BDL auch an anderen Flughäfen, an denen die Bundespolizei die Sicherheitskontrollen übernimmt, eingesetzt werden.

    So viel Angebot wie vor der Corona-Pandemie wird es in Deutschland auf absehbare Zeit wohl nicht geben. Der BDL ermittelt für die Monate bis Mai 84 Prozent dessen, was bis Mai 2019 buchbar war. Europaweit sind es bereits 98 Prozent. Vor allem der deutsche Inlandsverkehr schwächelt – Geschäftsreisende nutzen etwa die Bahn oder konferieren mit Geschäftspartnern gleich virtuell, ohne zu reisen. Wer in die Ferne strebt, in die USA oder nach Asien, kann dafür wieder unter fast so vielen Flügen wählen wie vor der Pandemie.

    Insgesamt gibt es also weniger Angebot an den Flughäfen als 2019 und dennoch liegt einiges im Argen. Das Berliner Rechts-Start-up Fine Legal rechnet für 2023 mit mehr als 120.000 neuen Klagen frustrierter Fluggäste. 2022, als es in Frankfurt und Düsseldorf nicht rund lief, gingen bei den Gerichten mehr als 63.000 Klagen ein. Vor allem geht es um Flugausfälle, verpasste Anschlussflüge und verschwundenes Gepäck.

    Und das sind nur die Fälle, die der Kundenservice oder der staatliche Ombudsmann nicht klären konnten. Auch letzterer meldete deutlich längere Bearbeitungszeiten wegen der Fülle an Beschwerden. Unter anderem die Lufthansa kämpft nach den harten Sparmaßnahmen mit schlechter Kundenkommunikation. Konzernchef Carsten Spohr kündigte Besserung an.

    Die meisten Klagen betrafen der Untersuchung zufolge die Flughäfen Berlin (15.600), Frankfurt (15.300) und Düsseldorf (11.100). Auf 10.000 Passagiere bezogen, liegen die drei allerdings mit 6,8 Prozent (Berlin), Düsseldorf (5,7) und Frankfurt (2,6) deutlich besser. Besonders klagefreudig sind offenbar Passagiere gewesen, die an den Flughäfen Dortmund (10,1), Memmingen (9,1) und Frankfurt/Hahn (9,0) gestartet und gelandet sind. Sie werden überwiegend von Firmen wie Ryanair, Easyjet und Wizz Air angeflogen.

    Insgesamt meiden die ehemaligen Billigflieger Deutschland eher. Sie bieten in den kommenden Monaten nur 65 Prozent der Sitzplätze verglichen mit der Zeit vor Corona an, wie eine Analyse des BDL zeigt. Europaweit sind es 119 Prozent. Offenbar ist der Markt nicht attraktiv genug. Vor allem Ryanair orientiert sich stark an den möglichen Gewinnen und streicht Strecken vergleichsweise schnell. Die Zahlen des BDL bedeuten deshalb auch, dass in anderen Ländern mehr zu verdienen ist als in Deutschland.

    Ein Grund sind die höheren Kosten in Deutschland. So gibt es nur hier eine Luftverkehrssteuer, die die Bundesregierung im kommenden Jahr erhöhen will. Der BDL rechnet deshalb damit, dass das Angebot weiter sinken wird: „Schon heute ist im europäischen Vergleich die Belastung des Luftverkehrs mit Steuern und Abgaben in Deutschland mit Abstand am höchsten. Erneute Erhöhungen werden Produktion in Deutschland kosten, Ertragssteuern und Wertschöpfung schmälern und die Luftverkehrsanbindung wichtiger Wirtschaftsregionen in Deutschland erheblich verschlechtern.“

    Vor allem gibt es weniger Wettbewerb, wenn Easyjet, Ryanair, Wizz Air und andere weniger in Deutschland fliegen. Vor Corona drückte der Wettbewerb die Flugpreise, weil alle um die Gunst der Passagiere buhlten. Hin- und Rückflüge waren innerhalb Europas zum Teil für unter 100 Euro möglich. Inzwischen sind die Preise kräftig gestiegen. Und so wird es auch 2024 weitergehen, wie der BDL vorhersagt: „Die steigenden Lohn- und Energiekosten und vor allem die hohen staatlichen Standortkosten werden sich auch in steigenden Ticketpreisen niederschlagen.“

  • Deutschland droht Stagnation

    Bankenverbandspräsident Sewing: Wirtschaftswachstum nahe null. Inflation wird sinken

    Nach dem sehr herausfordernden 2022 sollte es 2023 besser laufen in Deutschland. Doch die Folgen des russischen Angriffs auf die Ukraine belasten die Wirtschaft weiter. Hinzu kommt der Krieg in Gaza. Aber immerhin ist die Inflation gesunken. Wie wird 2024? Christian Sewing, Präsident des Bundesverbands deutscher Banken, antwortet.

    Konjunktur und Arbeitszeit

    Das kommende Jahr wird aus Sicht des Bankenverbandspräsidenten mau. „Eine rasche und kräftige wirtschaftliche Erholung ist nicht in Sicht“, sagt Sewing. „Wir erwarten, dass das Wirtschaftswachstum auch im nächsten Jahr nah an der Nulllinie liegen wird.“ Ähnlich sehen das andere Experten, die mit Werten zwischen plus 0,9 (Ifo-Institut München) Prozent und minus 0,5 Prozent (IW Köln) rechnen. Die Bundesbank kalkuliert mit 0,4 Prozent.

    Ein Lichtblick: „Sollten die wirtschaftlichen und geopolitischen Risiken im kommenden Jahr allmählich nachlassen und die Inflation weiter sinken, dürften der private Konsum und die Investitionen wieder anziehen“, erwartet Sewing. Und Investitionen, vor allem private, sind aus seiner Sicht unerlässlich, um die wichtigsten Herausforderungen zu bewältigen: Transformation der Wirtschaft in Richtung Nachhaltigkeit, Digitalisierung, Neujustierung der grenzüberschreitenden Produktions- und Lieferketten sowie den demografische Wandel.

    Wenig hält der Bankenverbandspräsident etwa von der Vier-Tage-Woche: „Arbeitszeitverkürzungen, wie sie mehrere Gewerkschaften aktuell fordern, wären hingegen ganz klar kontraproduktiv. Sie würden die Investitionsperspektiven der Unternehmen zusätzlich belasten und das Wachstumspotenzial insgesamt schwächen.“

    Inflation

    Auch im kommenden Jahr werden die Preise weiter steigen. Der Bankenverbandspräsident erwartet allerdings deutlich niedrigere Raten. „Im Jahresdurchschnitt sollte die Inflationsrate in Deutschland 2024 zwischen 2,5 und 3,0 Prozent liegen“, sagt Sewing. 2022 hatte die Teuerung zeitweise zehn Prozent erreicht, im Jahresschnitt waren es 6,9 Prozent. 2023 sank die Rate. Für November ermittelte das Statistische Bundesamt 3,2 Prozent.

    „Der Rückgang der Inflationsrate wird sich in den kommenden Monaten verlangsamen. Im Dezember und Januar könnte die jährliche Teuerungsrate sogar zeitweilig wieder steigen“, vermutet Sewing. Als Gründe nennt er statistische Effekte wie das Ende der Gas- und Strompreisbremse sowie die Tatsache, dass in der Gastronomie wieder der volle Mehrwertsteuersatz von 19 Prozent erhoben wird. Die Europäische Zentralbank strebt eine Inflationsrate von nahe zwei Prozent an

    Zinsen

    In einer beispiellosen Serie hat die Europäische Zentralbank die Leitzinsen seit September 2022 in zehn Schritten von null auf 4,5 Prozent angehoben. Zuletzt erhöhte sie sie nicht weiter. „Da wir bereits einen deutlichen Rückgang der Inflationsrate gesehen haben, halte ich die aktuelle Zinspause der EZB für richtig“, sagt Sewing, „zumal sich die Zinserhöhungen erst mit einer gewissen Verzögerung auf die Wirtschaft auswirken.“ Eine Zinsprognose für 2024 wagt er nicht.

    Sind die Leitzinsen vor allem für Banken wichtig, haben sie auch Folgen für jeden einzelnen. So bestimmen sie mit über die Guthabenzinsen. Sind die Leitzinsen höher, bekommen die Bankkunden in der Regel mehr Zinsen auf ihr Erspartes. „Gleichzeitig variieren die Zinssätze für Tagesgeld- und Sparkonten und Festgelder erheblich und hängen stark vom Geschäftsmodell der jeweiligen Institute ab“, sagt Sewing. Auch dies spiegele den ausgeprägten Wettbewerb im deutschen Markt wider. Zuletzt hatten Banken und Sparkassen in Aktionen teils bis zu vier Prozent jährlich auf Tagesgeld gewährt. Inzwischen sind die Zinsen wieder etwas gesunken.

    Immobilienmärkte

    In den vergangenen Jahren wurde überall in Deutschland gebaut, vor allem auf Kredit, der wegen der Niedrigzinsphase besonders günstig war. Vorbei. „Die in kurzer Zeit deutlich gestiegenen Zinsen und die schon seit längerem gestiegenen Baukosten wirken sich spürbar auf die Baubranche aus“, sagt Sewing. „Der Bauboom der vergangenen Jahre ist zu Ende.“ Die Kreditnachfrage bei Banken für Bau- und Sanierungsvorhaben sei deutlich zurückgegangen.

    Das jetzt viele Immobilienbesitzer angesichts der höheren Zinsen Probleme bekommen, glaubt der Bankenverbandspräsident nicht. So schützten die stabilen. Denn wer einen gut bezahlten Job hat, kann seinen Kredite auch bedienen. „Zudem haben sich viele Kunden in der Niedrigzinsphase den Zins über 15 oder 20 Jahre gesichert, so dass sie Planungssicherheit haben. Gleiches gilt für Kunden, die sich Zinsstabilität über einen Bausparvertrag gesichert haben.“

    Und für die, die eine Wohnung oder ein Haus besitzen und verkaufen wollen, hat Sewing eine gute Nachricht. „Die Nachfrage nach Wohnraum ist weiterhin hoch. Die Immobilienpreise dürften sich 2024 stabilisieren und im Anschluss wieder anziehen.“ Seit Jahresbeginn sind die Immobilienpreise gesunken, im dritten Vierteljahr 2023 nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes im Schnitt um 10,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum.

    Digitaler Euro

    In den kommenden beiden Jahren will die Europäische Zentralbank den digitalen Euro vorantreiben, eine Art schein- und münzloses Bargeld für die 27 Länder der Euro-Zone. „Es ist richtig, dass die EZB, wie auch andere Notenbanken, die Einführung einer digitalen Währung prüft“, sagt Sewing. Ein wichtiger Punkt aus seiner Sicht: die Souveränität des europäischen Geldsystems. Derzeit bestimmen bei digitalen Zahlungsvorgängen vor allem US-Unternehmen in Europa. Der digitale Euro soll das ändern.

    Dennoch ist der Bankenverbandspräsident zurückhaltend. Die EZB fokussiere sich derzeit stark auf ein neues Bezahlverfahren an der Ladenkasse, sagte Sewing. „Es kann nicht Aufgabe der Notenbank sein, ein Bezahlverfahren für Verbraucherinnen und Verbraucher zu betreiben. Zumal Banken und Finanzdienstleister ein breites und gut funktionierendes Angebot bereitstellen.“ Ein zusätzliches System der EZB würde den Wettbewerb verzerren und wäre zudem mit erheblichen Investitionen in eine neue Infrastruktur verbunden, die für Nutzerinnen und Nutzer keinen spürbaren Mehrwert brächten.

  • Überfällig

    Zur Reform des Postgesetzes

    Nach 25 Jahren wagt eine Bundesregierung eine Reform des Postgesetzes. Ein Punkt: Der Großteil der Briefe muss nach drei statt wie bisher nach zwei Tagen ankommen. Das kann man bedauern, doch der Bedarf, wie ihn der Gesetzgeber noch 1998 gesehen hat, existiert nicht mehr. Die Deutschen schreiben weniger Briefe, Zeitkritisches wird per E-Mail oder Kurznachricht gesandt. Dass Postflugzeuge nächtens nur halbvoll durch die Republik fliegen, ist nicht mehr zeitgemäß. Die Reform ist deshalb nicht nur bei den Zustellzeiten überfällig.

    Obwohl in vielen Städten inzwischen private Briefanbieter tätig sind, hat die Post einen Marktanteil von rund 85 Prozent. Als Universaldienstleister hat sie bestimmte Rechte, etwa steuerliche Vergünstigungen, aber auch Pflichten. So muss sie Briefe in eher entlegene Gebiete zustellen und darf sich nicht nur lukrative Städte heraussuchen. Lief es bisher mit der Zustellung nicht, konnten sich Kunden zwar beschweren, Sanktionen gegen den Monopolisten waren aber nicht möglich. Künftig kann die Bundesnetzagentur ein Bußgeld verhängen. Das dürfte deutlich wirksamer besseren Service liefern, als darum zu bitten, die Probleme zu lösen.

    Die Reform trifft vor allem den Briefverkehr. Tatsächlich ist es nicht so wichtig, ob ein Schreiben nach zwei oder drei Tagen ankommt. Hauptsache es kommt sicher an. Und das garantiert das neue Gesetz. Wichtig ist auch der Preis eines Briefes. Die Formel, nach der die Post bisher regelmäßig das Porto erhöhte, wird modernisiert. Ein einfaches Immer-mehr soll es nicht mehr geben. Recht so. Ein Monopolist soll nicht nur kassieren, sondern auch etwas leisten. Einziges Manko der Reform: Sie greift erst 2025. Mehr Pünktlichkeit wäre auch 2024 schön.

  • Angetreten!

    Zur Wehrpflichtdebatte

    Russlands Angriff auf die Ukraine hat die deutsche Politik aufgerüttelt. Die Bundeswehr ist nicht verteidigungsfähig. Sie braucht Material und vor allem Personal. Da klingt es natürlich einfach, die Wehrpflicht wieder einzuführen und alle ab 18 Jahren für eine Grundausbildung einzuziehen. Masse soll es richten. Richtig ist das nicht.

    Die jungen Menschen werden den Unternehmen fehlen. Einer der Gründe für das Ende des verpflichtenden Grundwehrdienstes war, das deutsche Jugendliche im europäischen Vergleich sehr spät auf den Arbeitsmarkt kamen – wegen langer Schulzeit und wegen des Wehrdienstes.

    Für die Bundeswehr nützt es auch nichts, Leute einzuziehen, die völlig unmotiviert sind. Einmal bei der Truppe wird es nicht besser. Als es die verpflichtende Grundausbildung noch gab, haben Rekruten aus Langeweile jeden zweiten Tag das Öl bei Lastwagen gewechselt, Gedichte auswendig gelernt und mehrfach täglich die Stube geputzt. Erst 18, dann 15, dann zwölf Monate lang. Für den späteren Lebensweg liefert das vor allem reichlich Stoff für absurde Anekdoten.

    2011 setzte  die Koalition aus Union und FDP auf Betreiben von Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), damals Verteidigungsminister, die Wehrpflicht für den Friedensfall aus. Die Bundeswehr sollte zu einer Freiwilligenarmee werden – zu einem Berufsheer mit allen Qualitäten und Soldaten, die gut ausgebildet, gut ausgestattet und motiviert sind und auch vernünftig bezahlt werden. Klasse statt Masse. Eine grundsätzlich richtige Idee, die andere Länder auch verfolgen. Dass es nicht gelungen ist, sie umzusetzen, hat nichts mit allgemeiner Wehrpflicht, aber viel mit politischem Rückhalt zu tun. Also: Angetreten, Bundesregierung!

  • Wie Barzahlen die Umwelt trifft

    EZB ermittelt die ökologischen Folgen des Einkaufens mit Euro-Scheinen. Vor allem Geldautomaten belasten

    Wer den Einkauf im Supermarkt mit einem 50-er bezahlt, denkt in der Regel nicht daran, wie sehr das gerade die Umwelt belastet. Die Experten der Europäischen Zentralbank (EZB) wollten es dennoch wissen. Schließlich sind große Mengen an Scheinen im Umlauf, sie sind aus speziellem Papier, bedruckt mit spezieller Tinte. Da kommt einiges zusammen. Wie groß also sind die ökologischen Folgen des Barzahlens?

    Überraschend gering. Im Schnitt liegt der jährliche Durchschnittswert für Barzahlungen mit Euro-Scheinen bei 101 Mikropunkten, wie die Experten errechnet haben. Das entspricht 0,01 Prozent des gesamten jährlichen Umweltfußabdrucks eines EU-Bürgers, den die EZB mit 1.003.686 Mikropunkten angibt. Einen ähnlich hohen Wert hat, acht Kilometer mit dem Auto zu fahren. Ein T-Shirt aus Baumwolle herzustellen und 52 Mal zu waschen, kommt auf fast die siebenfache Punktzahl.

    Den größten Einfluss auf die Umwelt haben die Geldautomaten, über die die meisten Menschen sich Bargeld beschaffen. Der Energieverbrauch der Geräte macht 37 Prozent der Belastung aus, der Transport der Geldscheine von den Druckereien zu den Lagern und dann später zu den Automaten steht für 35 Prozent. Die Produktion der Scheine selbst trägt nur 14 Prozent bei.

    Untersucht hat die EZB Daten von fünf Papiermühlen und sieben Rohstofflieferanten, elf Druckereien, Notenbanken und Geldautomaten. Betrachtet wurden Rohstoffe, etwa Baumwolle, Tinte, Folie für Sicherheitsstreifen, Energieverbrauch, Transport, Schreddern ungültiger Banknoten. Die Informationen stammen von 2019. Im Zuge der Pandemie haben einige Menschen ihr Zahlverhalten geändert, bezahlen lieber kontaktlos. Das ist nicht in die Untersuchung eingeflossen. Die EZB berücksichtigte auch die Umwelteffekte der Maschinen nicht, die zur Banknoten-Produktion nötig sind. Und sie ließ Münzen unbeachtet. Eine vergleichbare Untersuchung für digitale Bezahlmethoden etwa mit Karten oder Telefon gibt es bisher nicht. Für den digitalen Euro, an dem die EZB arbeitet, ist eine vorgesehen.

    Bereits 2004 hat die Notenbank Umweltfolgen der Euro-Scheine ermittelt. Die Ergebnisse von damals lassen sich wegen einer anderen Berechnungsgrundlage nur schlecht vergleichen. Zu sehen ist aber offenbar, dass etwa Geldautomaten deutlich effizienter und damit umweltfreundlicher geworden sind.

    Bargeld ist immer noch das wichtigste Zahlungsmittel in den derzeit 20 Ländern der Euro-Zone. Nach Angaben der EZB sind mehr als 29 Milliarden Scheine im Umlauf. Sie haben einen Gesamtwert von mehr als 1,5 Billionen Euro. Der häufigste Schein ist der 50-er, am meisten benutzt werden allerdings 5-er, 10-er und 20-er. Sie gehen auch am schnellsten kaputt. Im Schnitt verbraucht ein EU-Bürger rund zwölf Euro-Banknoten im Jahr. Mit Abstand am stärksten belastet ist der 20-er. Allein vier solcher Scheine pro Kopf muss die EZB jedes Jahr ersetzen. Dazu kommt der Tausch  von drei 10-ern.

    Auch wenn Barbezahlen die Umwelt nur gering beeinflusst, will die EZB die Banknoten umweltfreundlicher machen. So stammt die Baumwolle, aus der das Papier der Scheine gewonnen wird, seit diesem Jahr aus nachhaltigen Quellen. Künftig soll sie Bio-Qualität haben. 5-er, 10-er und 20-er sind inzwischen beschichtet, damit sie länger halten. Ist ein Schein nicht zu retten, wird er geschreddert und muss inzwischen recycelt werden. Die Schnipsel zu verbrennen oder auf Müllkippen zu bringen, ist seit 2022 verboten. Die neue Euro-Serie, an der die EZB gerade arbeitet, soll noch umweltfreundlicher werden.

  • Teure Würstchen

    Essen zum Fest kostet deutlich mehr. Verbraucherzentrale fordert Preisüberwachung

    Für viele ist es ein Klassiker zu Weihnachten: Kartoffelsalat mit Würstchen. Andere setzen alle Jahr wieder auf Rinderrouladen mit Rotkohl und Klößen. Auch dieses Jahr wird das Essen teuer – noch teurer als im vergangenen Jahr. Denn die Preise für Lebensmittel sind wieder gestiegen. Im Vergleich zu den Feiertagen 2021 beträgt das Plus sogar satte 27,3 Prozent.

    Dabei ist die Inflationsrate in den vergangenen Monaten deutlich gesunken. Im November lagen die Preise 3,2 Prozent höher als ein Jahr zuvor. Das bedeutet immer noch, dass die Verbraucherpreise im Schnitt gestiegen sind, nur nicht mehr so stark wie etwa vor einem Jahr. Im November 2022 lag die Rate bei 8,8 Prozent. Das Statistische Bundesamt ermittelt die Inflation anhand der Preise von rund 700 Produkten, wobei nicht jedes Produkt in gleichem Maße eingeht. So ist der Anteil von Eiern mit 0,204 Prozent deutlich geringer als der von Strom mit 2,45 Prozent. So wollen die Statistiker die Realität möglichst gut abbilden.

    Wenn der Preis für Strom oder Energie sinkt, kann auch die allgemeine Inflationsrate zurückgehen, und überdecken, das andere Produkte teurer geworden sind. So haben viele am Ende des Monats weniger Geld auf dem Konto als noch vor Jahresfrist, obwohl sie ihr Kaufverhalten kaum geändert haben. So läuft es seit Monaten. Vor allem Lebensmittel sind deutlich teurer geworden als andere Produkte. Die Statistiker haben berechnet, dass Olivenöl, Mehl, Brot und Konserven insgesamt binnen Jahresfrist 5,5 Prozent mehr kosten. Im Vergleich zu 2021 sind es sogar 27,3 Prozent.

    Wer also Kartoffelsalat mit Würstchen an Weihnachten essen möchte, muss für Würste aus der Dose 13,4 Prozent mehr bezahlen als vor einem Jahr. Für Kartoffeln werden 5,7 Prozent mehr verlangt. Gewürzgurken kosten 8,5 Prozent mehr. Bleibt die Frage nach der Soße: Mayonnaise (plus 10,7 Prozent) oder Essig/Öl (Sonnenblumenöl: minus 17,2 Prozent).

    Ähnlich sieht es bei Rouladen mit Rotkohl und Klößen aus. Während Rindfleisch nur zwei Prozent mehr kostet, müssen für Klöße 11,3 Prozent und für Kohl 9,8 Prozent mehr ausgegeben werden. Je nach Region gibt es noch Apfelmus dazu: Wer es nicht selbst macht, gibt 17,7 Prozent mehr aus als 2022. in den vergangenen zwei Jahren legte alles deutlich zweistellig zu. Essen, so sieht es aus, wird teurer. Oder vielleicht doch lieber Raclette? Schnittkäse ist binnen Jahresfrist um 4,2 Prozent günstiger geworden. Er kostet aber 35,8 Prozent mehr als Ende 2021.

    Warum sind gerade Lebensmittel deutlich teurer geworden? „Die Gründe dafür sind vielfältig“, sagt Silvia Monetti, Leiterin des Teams Ernährungsarmut bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Sie nennt gestiegene Kosten für Energie und Importgüter, Arbeitskräftemangel und höhere Personalkosten, den Klimawandel und Ernteausfälle. Und dann sind da „aber auch versteckte Preiserhöhungen sowie Mitnahmeeffekte durch Unternehmen in der Nahrungsmittelbranche“.

    Der Vorwurf: Die Hersteller und Händler nutzen die allgemeine Preissteigerung, um hier und da extra etwas aufzuschlagen und so ihre Einnahmen zu erhöhen. Nahrungsmittel seien seit März der Haupttreiber der Inflation. Die Verbraucherzentrale fordert eine Stelle, die Lebensmittelpreise überwacht. „Die Untersuchung von auffälligen, nicht nachvollziehbaren Verbraucherpreisen konkreter Produkte und Marken ist überfällig“, sagt Monetti. Sie fordert, nicht nur Sonderangebote, sondern auch Preiserhöhungen sollten klar erkennbar werden – am Regal und in der Werbung.

    Im vergangenen Jahr hat Deutschland mit 6,9 Prozent die höchste Preissteigerung seit 1973, dem Jahr der Ölkrise, erlebt (7,1 Prozent). Vor allem die Energiepreise stiegen dramatisch, unter anderem weil Deutschland kein Gas mehr aus Russland bekam – eine Folge des Ukraine-Kriegs, den Russland begonnen hatte. Die Europäische Zentralbank steuerte gegen und erhöhte in mehreren Schritten kräftig die Zinsen von null Prozent auf zurzeit 4,5 Prozent.

    Der Mechanismus funktioniert sehr vereinfacht so: Wenn Kredite teurer werden, nehmen Firmen und Menschen weniger auf und geben auch weniger aus. Weil Produkte weniger nachgefragt werden, senken Hersteller und Händler die Preise, um doch noch zu verkaufen. Ohnehin haben sich viele schon angesichts der hohen Preise beim Kauf zurückgehalten. Denn Löhne und Gehälter stiegen erst verzögert. Und für manche gab es bisher kaum mehr Geld.

    Allerdings ist für die EZB nicht die deutsche Inflationsrate maßgeblich, sondern die der Euro-Zone. Und die betrug im November 2,4 Prozent. Sie kommt jenen zwei Prozent schon nah, die die Notenbank als langfristiges Ziel hat. Erste Finanzexperten hoffen auf eine Zinssenkung im nächsten Frühjahr, was angesichts der hohen Inflation in Deutschland gefährlich wäre. Konjunkturexperten etwa vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin erwarten für Deutschland erst 2025 wieder niedrigere Inflationsraten.

    Und nun? Abwarten und Tee (plus 3,7 Prozent binnen Jahresfrist) trinken? Oder vielleicht Plätzchen backen. Butter immerhin ist fast 25 Prozent günstiger als im November 2022, Weizenmehl 1,2 Prozent. Eier kosten nur 2,1 Prozent mehr. Und Zucker? Plus 16,9 Prozent. Seit November 2022 ist er sogar um 72,3 Prozent teurer geworden und führt die Inflationsliste mit Abstand vor Fertigkeksen und Olivenöl an. Vielleicht ein Grund, etwas weniger zu nehmen oder anders zu süßen.

  • Nur die Schufa reicht nicht

    Firmen dürfen nicht ausschließlich auf Auskunftei setzen. EuGH stärkt Verbraucherrechte

    In einem wegweisenden Urteil hat der Europäische Gerichtshof in Luxemburg die Verbraucherrechte gestärkt. Es geht darum, wie Firmen die Bonitätsabfragen bei der privatwirtschaftlichen Auskunftei Schufa einsetzen dürfen, um über Verträge zu entscheiden. Zahlreiche Unternehmen müssen jetzt ihre Verfahren ändern.

    Was besagt das Urteil?

    Die Bonitätsbewertung der Schufa darf nicht maßgeblich sein, wenn ein Unternehmen über einen Vertrag entscheidet. Dass eine Bank etwa für einen Onlinekredit den Schufa-Score abfragt – was in der Regel automatisch geschieht – und dann sofort je nach Höhe für oder gegen den Antragsteller entscheidet, ist nach der europäischen Datenschutzgrundverordnung rechtlich nicht korrekt. Werden neben dem Score noch weitere Kriterien stärker genutzt, ist es zulässig. Der EuGH folgt damit im Wesentlichen dem Generalanwalt, der den Fall im März eingeschätzt hat.

    Welche Folgen hat das?

    Die Schufa hat in den vergangenen Monaten seine Kunden – etwa Banken, Händler, Mobilfunkunternehmen – befragt, wie sie die jeweiligen Scores verwenden. Danach nutzen die meisten die Bonitätsbewertungen zusätzlich zu anderen Faktoren. Hausbanken etwa haben in der Regel mehr und anderes Wissen über ihre Kunden als die Schufa. Eine Umfrage von Süddeutscher Zeitung und NDR zeigte allerdings, dass viele Schufa-Kunden sich auf den Score verlassen. Sehr wahrscheinlich werden alle Unternehmen, die sich maßgeblich auf die Schufa-Werte verlassen, ihre Verfahren anpassen. Sie könnten weitere Kriterien heranziehen oder den potenziellen Kunden auffordern, dass er dem automatisierten Verfahren zustimmt. Im ersten Fall entfällt das „maßgeblich“, im zweiten Fall verzichtet der Kunde darauf.

    Was ist ein Score?

    Die Schufa berechnet aus bis zu 100 verschiedenen Daten, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand einen Kredit zurückzahlt, einen Mobilfunkvertrag bedient oder etwas online Bestelltes auch bezahlt. Der sogenannte Score gibt an, wie zahlungsfähig eine Person ist. Der Wert kann zwischen 0 und 100 liegen. 97 gibt eine hohe Bonität an, 50 eine eher schlechte. Es gibt mehr als 160 verschiedene Scores, der wichtigste ist der Bankenscore. Wie die Werte errechnet werden, verrät die Schufa nicht – Betriebsgeheimnis.

    Was steht im Gesetz?

    Der EuGH musste auf Basis der Datenschutzgrundverordnung entscheiden. In Artikel 15 steht, dass jeder und jede ein Recht hat zu erfahren, ob personenbezogene Daten verarbeitet werden und welcher Art sie sind. Im Fall „einer automatisierten Entscheidungsfindung gemäß Artikel 22 Absätze 1 und 4“ muss ein Unternehmen auch „aussagekräftige Informationen über die involvierte Logik“ geben. Das bedeutet nach Ansicht von Schufa-Kritikern, dass das Unternehmen dann offenlegen muss, wie das Scoring berechnet wird.

    Muss die Schufa jetzt offenlegen, wie sie die Scores berechnet?

    Die Frage lässt sich nicht klar beantworten. Die Verbraucherzentrale NRW schreibt, „dass Verbraucher:innen nun mehr Transparenz von der Schufa verlangen können und das Recht haben, zu erfahren, wie der Wert ihres Schufa-Scores zustande kommt.“ Eindeutig ist das nicht. Das gilt nur, wenn der Score maßgeblich für die Vertragsentscheidung ist. Und diese Praxis ist nach dem Urteil wohl nicht zulässig.

    Warum hat sich der EuGH mit dem Thema beschäftigt?

    Das Verwaltungsgericht Wiesbaden hat den EuGH angerufen. Es behandelt die Klage eines Mannes gegen den hessischen Beauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit, die Aufsichtsbehörde der Schufa. Eine Bank hatte dem Mann mit Hinweis auf seinen Schufa-Score einen Kredit verweigert. Auf Nachfrage lieferte die Schufa dem Mann zwar seinen Score-Wert, nicht aber, wie er zustande gekommen war. Der Mann klagte deshalb.

    Wer ist die Schufa und warum ist sie wichtig?

    Die Schufa wurde 1927 als Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung gegründet und ist die größte und wichtigste Auskunftei dieser Art in Deutschland. Mehr als 10.000 Firmen fragen Bewertungen bei den Wiesbadenern ab, um einschätzen zu können, ob sie ein Geschäft mit einer Kundin oder einem Kunden machen wollen. Viele Abfragen laufen inzwischen standardisiert. Täglich sind es bei der Schufa etwa 300.000, an Spitzentagen wie dem Online-Rabatttag Black Friday auch bis zu einer Million. Die Schufa hat über die Jahre Daten von rund 68 Millionen Bundesbürgern und sechs Millionen Firmen gesammelt. Sie gehört zu jeweils mehr als einem Viertel den Genossenschaftsbanken und den Sparkassen. Den Rest halten vor allem Geschäftsbanken. Das Unternehmen beschäftigt rund 900 Mitarbeiter und setzte 2022 rund 267 Millionen Euro um. Scoring macht 13 Prozent des Geschäfts aus.

  • Die Risikospezialisten

    Scope nimmt es mit Moody’s und S&P auf

    Hier aus dem neunten Stock geht der Blick weit über den derzeit winterlichen Tiergarten Richtung Regierungsviertel. In den Büroräumen nahe des Potsdamer Platzes in Berlin sitzt die Zentrale der Ratingagentur Scope, die es mit den US-Größen S&P, Moody’s und Fitch aufnehmen will. Das Unternehmen hat gerade die entscheidende Nachricht bekommen: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat die Berliner anerkannt – als einzige Ratingagentur aus Europa.

    Wer ein Haus kaufen möchte, beschafft sich einen Kredit bei der Bank. Unternehmen, die eine Fabrik bauen wollen, können sich Geld auch bei Investoren holen. Letztere haben aber meist keinen große Abteilung, die ein Unternehmen genau durchleuchten kann. Das übernehmen Ratingagenturen. „Eine Ratingagentur geht ähnlich vor, wie die Kreditabteilung einer Bank“, sagt André Fischer von Scope. „Sie beantwortet die Frage, wie wahrscheinlich es ist, dass ein Schuldner seine Schulden zurückzahlt.“

    Das erinnert an die Arbeit der Auskunftei Schufa, die die Bonität von Privatpersonen bewertet. Nur, dass die Ratingagenturen, überwacht durch die europäische Wertpapieraufsicht ESMA, viel offener arbeiten. Das betrifft, welche Kriterien sie berücksichtigen und wie die Urteile entstehen. In ein Rating fließen Zahlen ein wie Gewinn, Umsatz und Schulden. Bewertet wird aber auch, wie ein Unternehmen geführt wird. Und vor allem, wie es sich die Zukunft vorstellt und wie die Ziele erreicht werden sollen.

    Bisher dominieren die drei großen US-Agenturen S&P, Moody’s und Fitch den Markt auch in Europa. Sie sind bereits bei der EZB anerkannt. Ihre Ratings bekommen damit eine Art offiziellen Status. Schon seit Jahren gibt es Kritik. Denn die Amerikaner orientieren sich bei ihren Bewertungen an US-Unternehmen. Dort ist zum Beispiel die Rechnungslegung anders. „Die starre US-zentrische Sichtweise kann das Risikoprofil von EU-Firmen verzerren“, sagt Fischer. „Wir nehmen eine europäische Perspektive ein und berücksichtigen regionale Besonderheiten, um zu einer präziseren Einschätzung der Kreditrisiken zu gelangen.“

    Es dauerte, bis die EZB Scope akzeptierte. Drei Jahre lang mussten die Berliner auf eigene Kosten einen vorgegebenen Teil des Marktes bewerten, um zu zeigen, dass sie es können. Dann folgte die offizielle Bewerbung bei der EZB und eineinhalb Jahre Prüfung – der Ratings, der IT, der Regeltreue im Unternehmen. „Die Eintrittsbarrieren in den Ratingmarkt sind hoch“, sagt Fischer. „Wir haben Jahre gearbeitet und investiert, um die Voraussetzungen für echten Wettbewerb am Ratingmarkt zu schaffen.“

    Der Wettbewerb wird nicht einfach. Bei der Aufsichtsbehörde ESMA sind derzeit 20 Ratingagenturen zugelassen, den größten Marktanteil hatten 2022 S&P mit 50,13 Prozent, Moody’s mit 23,79 Prozent und Fitch mit 10,05 Prozent. Scope kam auf 1,31 Prozent, Tendenz steigend. Die Berliner rechnen sich jetzt gute Chancen aus. „Viele Emittenten hatten schon vor Jahren Interesse an einem Scope Rating, aber durch die fehlende Anerkennung der EZB hatten unsere Ratings nicht den gleichen Wert, wie ihn die Ratings der amerikanischen Agenturen bieten“, sagt Fischer. „Dieser kleine, aber sehr relevante Unterschied ist nun verschwunden.“

    Üblicherweise wendet sich ein Unternehmen an eine Ratingagentur und lässt sich bewerten. Dafür zahlt es. Scope bewertet wie die anderen großen Agenturen auch Länder – in der Regel ohne Auftrag und unbezahlt. Zum einen ist das wichtig fürs Ansehen, zum anderen beeinflusst die Lage in einem Land auch die Ratings der Unternehmen vor Ort. So ist zum Beispiel die Frage, ob ein Staat in der Lage ist, im Notfall eine Bank zu retten, was wiederum wichtig ist für die Bewertung der Bank.

    Wie die anderen Ratingagenturen geht Scope nach einem Schema vor, dass von AAA für die beste Bonität bis zu D für Ramsch geht. Dazwischen gibt es feine Abstufungen wie A+ oder CC-. Je schlechter die Bewertung, desto schwerer und teurer wird es für Firmen oder Länder, Geld zu beschaffen. Das Rating ist nicht nur wichtig die, die Geld benötigt. In der Regel wird ein Schuldschein, etwa eine Anleihe, später an der Börse gehandelt. Auch da entscheidet die Höhe des Ausfallrisikos über den Wert. Dabei gilt immer: Ohne Rating wird es in der Regel teuer. Und: „Ein Rating ist eine Meinungsäußerung einer Ratingagentur“, sagt Fischer. „Investoren können sie für ihre Investmententscheidungen heranziehen, müssen es aber nicht.“

    Scope startete 2001 in Berlin, begann Fonds zu bewerten. 2011, an die Finanzkrise schloss sich gerade die Euro-Krise an, stiegen die Berliner dann ins Geschäft mit Kreditratings ein. Inzwischen beschäftigt Scope rund 300 Mitarbeiter, mehr als die Hälfte sind Analysten. Neben der Zentrale in Berlin gibt es weitere Büros an den wichtigen Börsenplätzen in Frankfurt, London und Madrid, in Mailand, Oslo und Paris.

    Über Umsatz, Gewinn oder Verlust schweigt sich das Unternehmen aus. In den vergangenen Jahren hat es allerdings kräftig in das Analystenteam investiert. Solche Spezialisten sind teuer. Ebenso die IT, die unter anderem wegen der Finanzaufsicht besonders sicher sein muss. Und auch das Zulassungsverfahren bei der EZB hat einiges gekostet.

    Zahlreiche Investoren steckten Geld in die Ratingagentur, etwa die Versicherer Axa aus Paris, Signal Iduna (Dortmund, Hamburg), Talanx (Hannover) und die Sparkassen-Versicherungsgruppe. Geld kam auch von der Bankengruppe BPCE aus Paris und der RAG-Stiftung in Essen. Ankerinvestoren sind Gründer Florian Schoeller und Stefan Quandt, laut „Forbes“-Magazin vierreichster Deutscher. Quandt hält unter anderem rund ein Viertel der BMW-Aktien.

  • Euro-Scheine werden flügge

    Vögel, Flüsse und europäische Kultur als neue Motive

    Welches Motiv haben die Euro-Banknoten? Die meisten Menschen müssen wahrscheinlich erst einmal nachsehen, so selbstverständlich nutzen sie die europäische Gemeinschaftswährung. Das Design mit Baustilen von Antike bis 19. Jahrhundert ist etwas statisch, jedenfalls will die Europäische Zentralbank (EZB) es überarbeiten. Seit dieser Woche sind zwar nicht die Motive klar, aber die Themen. Das neue Bargeld werden Motive europäischer Kultur sowie Vögel/Flüsse zieren. Das Ziel: Die Scheine sollen alle Menschen in Europa stärker ansprechen, wie EZB-Präsidentin Christine Lagarde sagte.

    Die EZB hat die Themen nach zwei Umfragen unter 22.619 und 365.000 Einwohnern der Euro-Zone und Bulgariens ausgewählt. Bulgarien will den Euro Anfang 2025 einführen. Von sieben Themen entschieden sich länderübergreifend die meisten Befragten für „europäische Kultur“, „Flüsse, Wasser des Lebens in Europa“ und „Vögel: frei, widerstandsfähig, anregend“. Die EZB legte zwei Themen dann zusammen. Als nächstes wird sich ein Beratergremium mit möglichen Motiven beschäftigen. Ende 2024 soll dann ein Designerwettbewerb starten. Voraussichtlich 2026 soll es eine Abstimmung über das endgültige Aussehen geben.

    Der Weg ist klar, der Inhalt klingt noch ein bisschen vage. Doch die Zentralbank will das Geld so gestalten, dass es möglichst vielen der 342 Millionen Menschen in der Euro-Zone auch gefällt. Das alte Design stammt noch von der Jahrtausendwende. Der Euro wurde zum 1. Januar 2002 als Bargeld eingeführt. Zwischen 2013 und 2019 wurden die Banknoten überarbeitet, der 500er abgeschafft. Und jetzt soll alles neu werden.

    Denn die Banknoten sollen nicht nur neue Motive bekommen, sondern auch länger halten, nachhaltiger werden und noch schwieriger zu fälschen sein. So denken die Notenbankexperten darüber nach, die Baumwolle für die Scheine ausschließlich aus nachhaltigem Anbau zu beziehen. Zudem sollen alte, nicht mehr verwendbare Scheine recycelt werden. Bisher werden sie entsorgt. Die aktuellen Euro-Banknoten überstehen schon mal eine Runde in der Waschmaschine, sind aber dennoch nach einiger Zeit reif für den Schredder. Fünf-Euro-Scheine früher als 100er, weil die kleinen Banknoten deutlich häufiger benutzt werden.

    Die Scheine bekommen auch neue Sicherheitsmerkmale. Unklar ist noch, welche. Als die EZB die Banknoten das letzte Mal überarbeitet hat, wurde zum Beispiel das Durchsichtfenster mit Bild der griechischen Göttin Europa eingeführt. Zudem gibt es Elemente, die nur unter speziellem Licht zu sehen sind. Allerdings rüsten auch Fälscher technisch auf, deshalb muss die EZB die Scheine stärker sichern.

    Inzwischen nutzen 20 der 27 EU-Mitglieder den Euro als Währung, zuletzt hat Kroatien ihn am 1. Januar 2023 eingeführt. In Montenegro und dem Kosovo gilt der Euro als offizielles Zahlungsmittel, ebenso im Pyrenäen-Staat Andorra. Alle drei Länder gehören nicht zur EU. Bosnien-Herzegowina hat seine Währung an den Euro gekoppelt, ebenso einige afrikanische Staaten. Derzeit sind rund 29 Milliarden Euro-Banknoten im Umlauf. Der häufigste Schein ist der 50er. Von ihm stecken insgesamt Noten mit einem Wert von rund 720,3 Milliarden Euro in Geldbörsen, Schließfächern und Spardosen.

    Vögel kennen keine Grenzen, Flüsse verbinden und auch die europäische Kultur haben die Länder des Euro gemeinsam. Es ist viel Symbolik dabei. Das Thema muss zudem übergreifend sein, damit nicht ein Mitgliedstaat herausgehoben wird. Deshalb sind die Bilder auf den aktuellen scheinen stilisiert und zeigen keine echten Bauwerke. Ob jetzt die Donau auf der Vorder- und der Kranich auf der Rückseite abgebildet werden oder Gänsegeier aus den Pyrenäen und das Rhone-Delta: alles offen. Unklar ist auch noch, wann die neuen Scheine eingeführt werden. Die EZB rechnet mit mehreren Jahren.

    Ob sich der Aufwand lohnt, wenn die Zentralbank gleichzeitig den digitalen, rein virtuellen und damit unsichtbaren Euro vorantreibt? Auch wenn die Bedeutung des Bargelds in der Euro-Zone ununterbrochen abnimmt, werden auf absehbare Zeit sehr viele Menschen mit Münzen und Scheinen bezahlen. Und die sollen zeitgemäß und ansprechend aussehen.

  • Es muss nicht immer Google Maps sein

    Der US-Konzern scheint bei Navigation das Maß der Dinge. Dabei nutzt die Industrie viel anspruchsvollere Karten europäischer Hersteller.

    Einsteigen, Adresse eingeben, losfahren: Fast jedes Auto hat heutzutage ein Navigationssystem, das mehr oder weniger kompliziert zu bedienen ist. Oft ist der Griff zum Mobiltelefon mit Google Maps schneller und gewohnter. Es wirkt, als habe der US-Konzern das Thema Straßennavigation weltweit fest im Griff, als seien seine Karten das Maß der Dinge. Doch das trügt: Vor allem in der Industrie sind andere wichtiger.

    In Deutschland lieferten Bosch und Blaupunkt in den 90er Jahren erste Navigationsgeräte, meist verbunden mit dem Autoradio. Später hießen die Hersteller Tomtom und Garmin, das Gerät hing gern mit einem Saugnapf befestigt in der Windschutzscheibe. Die Technik wanderte ins Bordsystem der Fahrzeuge. Und dann überrollte Google alles mit seiner einfach zu bedienenden Kartennavigation – dank Mobiltelefon überall verfügbar, wo es Netz gibt. Für Fußgänger und Autofahrer gleichermaßen geeignet.

    Und die Hersteller der ersten Stunde? Gibt es noch. US-Hersteller Garmin ist allerdings inzwischen vor allem mit Fitness- und Outdoor-Uhren im Geschäft. Tomtom aus den Niederlanden verkauft zwar noch Navigationsgeräte, liefert aber vor allem Karten. Und dann ist da noch ein Unternehmen, das vor allem Experten kennen, ohne dessen Karten aber in vielen Autos nichts geht: Here, mit Sitz in den Niederlanden und Entwicklung in Berlin.

    Mit reinen Straßenkarten haben die modernen Karten wenig zu tun. Sie liefern Informationen zu Spritpreisen, Staus, Schnee – in Echtzeit. Sie nutzen dafür nicht nur die Daten, die die Firmen mit eigenen Kamerawagen erheben, sondern auch Informationen aus anderen Fahrzeugen. Schalten zum Beispiel besonders viele Autos die Wischer in bestimmten Gebieten ein, wissen die Bordcomputer anderer Fahrzeuge, das sie auf eine Regenfront zusteuern.

    Präzise Karten werden immer wichtiger. Für effizientere Routenplanung, verbesserten Transport von Waren, autonomes Fahren. Experten schätzten den Markt für Navigation, Karten und Apps 2022 auf 15 bis 16 Milliarden Euro. 2027 sollen es 27 Milliarden Euro sein. Nur ein Beispiel: Mit intelligenten Karten kann der Weg eines Paketzustellers je nach Wetter und Verkehrssituation in Echtzeit optimiert werden. Im Idealfall wird weniger Sprit verbraucht und die Zustellzeit verbessert. Weltweit werden jede Sekunde angeblich 5000 Pakete zugestellt, da ist Zeit tatsächlich Geld.

    Obwohl der Markt lukrativ ist, gibt es im Wesentlichen nur fünf Anbieter, die digitale Karten selbst erstellen: Neben Google sind das Tomtom, Here und Apple. Etwas außer wirtschaftlicher Konkurrenz läuft das von der Gemeinschaft getragene Openstreetmap, bei dem Nutzer weltweit die Karten erstellen und ununterbrochen verbessern. Alle haben eigene Navigations-Apps für den normalen Endkunden.

    Tomtom beliefert besonders Kunden in der Autoindustrie. Neben klassischen Karten für die Navigation hat Tomtom auch solche mit Informationen zu Kurvenradien und Steigungen im Programm. Und Verkehrsdaten. Das Unternehmen setzte 2022 mit 3800 Beschäftigten 536,3 Millionen Euro um. Es ist börsennotiert, 44,7 Prozent halten noch die vier Gründer.

    Ein großer Kunde der Niederländer ist Apple. Der US-Konzern verwendet für seinen Kartendienst Echtzeitdaten von Tomtom, etwa zur Verkehrslage. Sonst vermisst Apple wie Google, Here und Tomtom auch mit eigenen Fahrzeugen die Straßen. Auch Personen mit Rucksackkamera sammeln Material, um etwa in der Kartenansicht am Rechner oder Smartphone bei Sehenswürdigkeiten eine Rundumsicht zu bieten. Das Apple-Angebot ist vor allem für den eigenen Kosmos, verkauft werden die Daten nicht.

    Hinter Here stehen Audi, BMW, Bosch, Continental, Mercedes, Intel, Mitsubishi, NTT und Pioneer. Das Unternehmen sieht sich selbst als Nummer 1 der Welt für Karten-Datenplattformen. 6100 Mitarbeiter setzten 2023 928 Millionen Euro um. Die Kamerafahrzeuge des Unternehmens erfassen nicht nur Bilder einer Straße, sondern mit einem speziellen Radar auch Punktwolken. Solche Daten sind für hochpräzise Spezialkarten nötig. Sie überforderten den normalen Autofahrer, sind für den rollenden Computer mit seinen Assistenzfunktionen aber unerlässlich.

    Ohne sogenannte HD-Karten (High Definition, hochauflösend) können Autos nicht autonom fahren. Eine solche Karten besteht nicht nur aus stilisierten Straßenzügen, sie enthält auch Informationen zu Bordsteinkanten, Bäumen, Schildern, Bebauung, dazu kommen eigene Sensordaten des Autos, Verkehrs- und Wetterinformationen sowie Daten anderer Autos. So nutzt die Mercedes S-Klasse für den Staupiloten eine HD-Karte von Here. Dabei fährt das Auto im Stau ohne Fahrer selbstständig, das sogenannte Level 3 von 5 beim autonomen Fahren.

    Garmin konzentriert sich vor allem auf Fitnessuhren und Geräte für Outdoornavigation. Auch im Programm: elektronische Fluginstrumente und Schiffsnavigation. Inzwischen gibt es auch Karten-Anwendungen für Autos. Der Bereich wächst kräftig. Insgesamt setzte Garmin, Zentrale in Kansas City, rechtlicher Sitz im Schweizer Schaffhausen, 4,86 Milliarden Euro um. 19.700 Beschäftigte arbeiten für das Unternehmen. Karten allerdings kauft Garmin weitgehend zu, etwa von Here.

    Und Google? Die Tochter des US-Konzerns Alphabet verdient Geld vor allem mit Werbung. Experten schätzen den Maps-Umsatz auf 4,3 Milliarden Dollar. Google selbst schweigt sich aus. In der Autoindustrie haben sich die Karten bisher nicht durchgesetzt. Allerdings navigiert der Mercedes-Bordcomputer für inzwischen mit Google Maps.

  • Die Banken sind sicher

    Finanzsystem in Deutschland hat Zinsanstieg gut verarbeitet. Dennoch mehr Rücklagen gefordert

    Neben all den bedrückenden Nachrichten über Kriege, steigende Preise und Haushaltsengpässe liefert die Bundesbank jetzt eine gute: Das Finanzsystem in Deutschland ist angesichts all der Unsicherheit stabil und hat gut verkraftet, dass die Leitzinsen in nie gekanntem Tempo gestiegen sind. Claudia Buch, Vizepräsidentin der Bundesbank, mahnte aber zugleich, die Institute müssten widerstandsfähiger werden.

    Das ist wichtig, weil Banken und Sparkassen unter anderem die Wirtschaft mit ihren Krediten am Laufen halten. Schwächeln die Institute, können viele Unternehmen nicht so viel investieren, etwa keine neuen Maschinen kaufen. Und wenn Privatleute den Banken und Sparkassen nicht mehr vertrauen, wollen sie ihr Geld abziehen – mit unabsehbaren Folgen. Deshalb haben die Aufsichtsbehörden im Zuge der Finanzkrise 2008 die Regeln und Vorgaben für den Finanzsektor verschärft. Die deutschen Banken, Sparkassen und Versicherer waren für Krisen entsprechend besser gewappnet.

    Weil die Inflation nach der Corona-Pandemie und dem Angriff Russlands auf die Ukraine kräftig stieg, hat die europäische Zentralbank die Leitzinsen drastisch erhöht. Das Niveau entspreche etwa dem von 2005, sagt Bundesbankvizepräsidentin Buch. Die Banken verdienen wieder mehr Geld mit Krediten, Versicherer können die von ihnen garantierte Mindestverzinsung etwa von Lebensversicherungen leichter erreichen. Und weil die Banken und Sparkassen die Zinsen nicht in voller Höhe an die Sparkunden weitergegeben haben, sind die Gewinne gestiegen. Die Bundesbank bezifferte die nicht weitergegebene Summe mit 29 Milliarden Euro.

    Allerdings müssen viele Institute ihre Anlagen neu bewerten, was der Bundesbank zufolge vielerorts die stillen Reserven aufgebraucht hat. In manchen Instituten schlummern jetzt stille Lasten – Verluste, die erst beim Verkauf etwa eines Wertpapiers sichtbar werden. Gleichzeitig nehmen wegen der hohen Zinsen und der Unsicherheit darüber, wie sich die wirtschaftliche Lage entwickelt, nicht mehr so viele Unternehmen oder Privatleute Kredite auf. Weil die Konjunktur in Deutschland schwächelt, wollen viele zudem kaum investieren, halten sich also auch bei Krediten zurück.

    Und dann ist da der Strukturwandel. Die konjunkturelle Schwäche mischt sich mit der Überalterung der Gesellschaft, Digitalisierung, dauerhaft hohen Energiepreisen und dem Zwang zur Klimawende. Neue Geschäftsmodelle entstünden, „wer genau die Gewinner der Transformation sind, wissen wir heute nicht“, sagte Buch. Die Unsicherheit sei hoch. Mit Folgen für Banken und Versicherungen: Fallen Kredite aus? Ist genug Geld zurückgelegt? Hinzu kommen aus Sicht der Bundesbank Risiken durch Cyberangriffe.

    Vor einiger Zeit hat die Europäische Zentralbank die Banken und Versicherungen einem sogenannten Stresstest unterzogen. Er prüfte die Widerstandskraft unter aus heutiger Sicht extremen Krisenannahmen. „Ein signifikanter Teil der deutschen Banken würde aufsichtliche Anforderungen an das Kapital unterschreiten“, sagte Buch. Anders gesagt: Ihnen fehlen Rücklagen. Sie müssen jetzt nachbessern.

    Untersucht hat die Bundesbank in einem weiteren Stresstest, wie der klimapolitische Wandel die Institute treffen würde. Die Risiken seien für die Branche verkraftbar, sagte Buch. „Die Sorge vor Verlusten im Finanzsektor sollte einer guten Klimapolitik nicht im Wege stehen.“ Sie sieht in einer geordneten und transparenten Energiewende einen Vorteil. Er könne den Finanzsektor vor größeren Verlusten bewahren.

    Insgesamt empfiehlt die Bundestagsvizepräsidentin den Banken und Versicherungen, sich widerstandsfähiger zu machen. Die Institute hätten jetzt Chancen, sich mehr Puffer aufzubauen. „Sie können jetzt die gute Situation nutzen, um ihre Resilienz zu stärken“, sagte Buch mit Blick auf die gestiegenen Gewinne.

    Die Europäische Zentralbank hatte zuvor gewarnt, die europäischen Finanzmärkte seien nach wie vor sehr anfällig. Die Finanzstabilität im Euro-Raum sei fragil. Die EZB nannte schwaches Wachstum, hohe Inflation und erhöhte geopolitische Spannungen bei gleichzeitig teureren Krediten und zunehmend strengerer Vergabe, was zunehmend die Wirtschaft belastet.

  • Das Geheimnis der Himbeere

    Haribo gönnt sich zum Geburtstag der Mix-Tüte Color-Rado eine Umfrage zum Naschverhalten der Deutschen

    Fast täglich erscheinen kuriose Umfragen. Zur Duschdauer oder zur Aufstehzeit der Deutschen zum Beispiel. Vieles will niemand wirklich wissen, es unterhält aber. Manches beeinflusst die Politik: Sachsen-Anhalt entwickelte einen Werbeslogan aus der Aufstehumfrage. Und jetzt kommt Haribo. Die Firma hat sich zum 60. Geburtstag von Color-Rado eine exklusive und repräsentative Umfrage gegönnt. Wer mag was aus der großen Mix-Tüte, die es in dieser Form nur in Deutschland gibt? Sauber sortiert nach Bundesländern und mit interessanten Parallelen zu regionalen Befindlichkeiten.

    Reine Werbung? Nun ja. Praktisch jeder Deutsche kennt das Produkt in der roten Tüte, kann etwas dazu sagen. Für Small Talk bei der Fortbildung taugt es genauso wie für einen Plausch im Fitnessstudio. Ganz abgesehen von einem tiefgreifenden Gespräch im ICE, wenn der Zug mal wieder irgendwo auf freier Strecke wartet. Zum Beispiel darüber, was absolut überflüssig in der Tüte ist. Ein bisschen (umfragegestütztes) Wissen kann da helfen.

    Haribo hat das Produkt 1963 erfunden. Geplant war es als Werkschau. Alles, was das Unternehmen so herstellte, sollte rein in die Tüte. Inzwischen gibt es deutlich mehr Produkte als jene 40 verschiedenen Teile, die da im Bonner Werk zusammengemischt werden. Der Mix im Beutel ist Zufall – und verschafft dem Kundenservice Arbeit. Denn dort beschweren sich die Fans, die ihre Lieblingssorte, etwa gelbe Frösche, nicht in ausreichendem Maße finden.

    Doch jetzt zum wirklich Wichtigen: Wer isst eigentlich diese furchtbaren Kokosstücke mit Lakritz? Und warum gibt es das kleine Obst aus Fruchtgummi nur in diesen Tüten und nicht sortenrein extra zu kaufen? Die zweite Frage ist einfach zu beantworten: Weil Haribo sie nur für den Mix herstellt und das nicht ändern will. Und auch die kleinen Vampire aus Lakritz und Fruchtgummi sind als extra Kaufanreiz gedacht. Was die Kokosstücke betrifft, ist die Antwort dank der Umfrage endlich klar: Bayern. Konfekt Kokos eckig, wie es offiziell im Firmenjargon heißt, ist dort die Lieblingssorte. Wie die Politik des Bundeslandes ist auch die erste Wahl aus der Haribo-Tüte ein Alleinstellungsmerkmal.

    Sonst ist die Himbeere klarer Favorit. In neun von 16 Bundesländern wird sie zuerst gegessen. In Bremen und Hamburg etwa, in Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Sachsen. Allerdings bleibt sie in neun von 16 Bundesländern auch bis zuletzt in der Tüte. Bremen ist da besonders extrem: 25 Prozent der Befragten greifen sofort zum zuckrigen Obstnachbau mit Gelee, bei 19 Prozent käme er am besten gar nicht in die Tüte. Eine Tauschbörse könnte sich hier vielleicht lohnen.

    Ebenfalls beliebt in einigen Bundesländern: Konfekt Schoko eckig. Etwa in Thüringen und Baden-Württemberg. Letztere können sich auch mit der Himbeere nicht anfreunden. Und in Bayern liegt Lakritz bis zuletzt in der Tüte. Dabei würde die Himbeere ohne Lakritz nicht so würzig schmecken. Jedenfalls behaupten das die Spezialisten des Familienunternehmens. Die Mischung macht’s offenbar.

    Was die Umfrage auch ergab: Die Mehrheit der Fans im Osten breitet gern den Tüteninhalt auf dem Tisch aus, bevor er gegessen wird. Vermutlich wird auch genau sortiert. Im Südwesten dagegen muss es effizienter sein. Dort reicht ein Griff in die Tüte. Der Norden und Nordrhein-Westfalen sind da konservativer und holen vor dem Naschen lieber die Porzellanschale raus.

    Auffällig: Die Schleswig-Holsteiner, die im Glücksatlas 2023 wie schon in den Vorjahren auf Platz 1 liegen sind Himbeer-Fans. Gibt es da vielleicht einen Zusammenhang? Die Ergebnisse für Mecklenburg-Vorpommern zeigen: nein. Die Einwohner, laut Umfrage die erneut unglücklichsten in Deutschland, lieben auch Himbeeren. Im gleichen Maße allerdings bleibt die Frucht bis zuletzt in der Tüte.

    Und das ehemalige Land der Frühaufsteher? Sachsen-Anhalt liebt den hellroten Goldbären und kann sich eher nicht für rote Vampire begeistern. Beide Ergebnisse der Haribo-Umfrage sind einzigartig. Ob das allerdings mit dem Slogan #moderndenken zu tun hat, mit dem das Land wirbt, oder mit Geschmacksverirrung, wäre ein Thema für den nächsten ICE-Stillstand kurz hinter Halle.

  • Das Kreuz mit den Schulden

    Weniger Bundesbürgern droht die Pleite. Doch die Zahlen der Statistiker täuschen

    Hohe Energiepreise, teure Lebensmittel, unsichere wirtschaftliche Zukunft: Die Bundesbürger haben es schwer, mit ihrem Geld auszukommen. Dennoch ist die Zahl der überschuldeten Personen gesunken – das fünfte Jahr in Folge, wie der Schuldneratlas 2023 von Creditreform zeigt. Dabei hatten die Experten im vergangenen Jahr einen hohen Anstieg erwartet. Und auch für 2024 sind sie pessimistisch.

    „Es wird mehr Überschuldete geben“, sagte Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform. Eine konkrete Zahl wollte er nicht nennen. Nach Ansicht von Creditreform gibt es zahlreiche Hinweise dafür, dass die Wende zum Schlechten kommt. So stehe vor allem der Mittelstand unter Druck, sagte Hantzsch. Die Corona-Pandemie, der Ukrainekrieg und seine Folgen, die Energiekrise, die Klimatransformation der Wirtschaft – all das belaste die Firmen und schlage sich in schlechten Konjunkturwerten nieder. In anderen Worten: Es läuft nicht rund, Arbeitsplätze sind in Gefahr. Und Arbeitslosigkeit ist der wichtigste Grund, warum Menschen überschuldet sind. Der Mittelstand stellt in Deutschland die Mehrzahl der Arbeitsplätze.

    Für 2023 geht Creditreform im 20. Schuldneratlas von 5,65 Millionen Menschen aus, die überschuldet sind, also ihre Kredite nicht bedienen, Rechnungen nicht bezahlen können. Das sind 233.000 weniger als 2022. Damit sind 8,15 Prozent der Bundesbürger zahlungsunfähig, der niedrigste Wert der vergangenen zehn Jahre. Und das, obwohl es seit Gründung der Bundesrepublik nie so viele Krisen auf einmal gegeben hat.

    Ein Grund: Während der Corona-Krise haben viele Menschen gespart, wegen der Ausgangsbeschränkungen war Einkaufen nur begrenzt möglich. Insgesamt handeln die Bundesbürger angesichts der unsicheren Zeiten offenbar deutlich verantwortungsvoller, als die Experten bisher gedacht haben. Außerdem milderten staatliche Eingriffe die Krisenfolgen. Hantzsch nannte unter anderem die kräftige Erhöhung des Mindestlohns, den die Ampel-Regierung verordnet hatte. Gleichzeitig stellte sich keine Energienotlage ein, von der die Creditreform-Experten noch 2022 ausgingen.

    Dennoch sind sie pessimistisch für 2024: Denn die Zahlen sehen vor allem wegen eines statistischen Effekts gut aus. Das hat mit der Datenbasis zu tun. Creditreform betrachtet 250.000 Personen weniger als in den vergangenen Jahren. Denn die Bonitätsauskunft speichert Daten zur sogenannten Restschuldbefreiung nur noch sechs Monate statt drei Jahre. Wie die Konkurrenz der Schufa reagiert sie damit auf ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs, der die lange Speicherdauer als unzulässig erachtete. Wer eine Privatinsolvenz durchlaufen hat, kann bei Null wieder anfangen, die Restschulden werden erlassen.

    Weil sich die Datenbasis geändert hat, scheinen die Creditreform-Zahlen positiver, „aber die Wirklichkeit ist nicht so“, sagte Michael Goy-Yun, Geschäftsführer von Boniversum, das zur Creditreform-Gruppe gehört. Nach alter Rechnung wäre die Zahl der Überschuldeten um 17.000 gestiegen, wie Wirtschaftsforscher Hantzsch sagte. Die Quote würde 8,51 Prozent betragen. Es wäre das erste Plus seit 2019.

    Auch anderes deutet aus Sicht der Experten darauf hin, dass mehr Personen künftig Probleme mit ihrem Geld bekommen. So unterscheidet Creditreform in harte und weiche Überschuldung. Bei ersterer steht praktisch der Gerichtsvollzieher vor der Tür, bei letzterer kann ein Schuldner mehrfach seine Rechnungen nicht zahlen, es gibt aber noch keine Klagen. Diese weiche Überschuldung ist deutlich gestiegen, laut Creditreform ein Zeichen, dass mehr Leute Probleme mit ihren Rechnungen bekommen werden.

    Vor allem bei denjenigen, die unter 30 Jahre alt sind, steigt die Überschuldung auch nach neuer Rechnung. Ein Grund könnte Goy-Yun zufolge der Trend zu „Buy now, pay later“ sein, wie Goy-Yun sagte. Onlineshops liefern dabei eine Bestellung, der Kunde kann beim Bezahldienstleister in Raten zahlen oder zu einem späteren Zeitpunkt – nichts anderes als ein Kreditgeschäft. Dabei kann der Kunde schon mal den Überblick über seine Finanzen verlieren.

    Auch sonst zeigen die aktuellen Zahlen nicht unbedingt, wie es wirklich aussieht. So sind zwar mehr Erwachsene im Alter von 18 bis 29 Jahren überschuldet als 2022, aber die Quote sank von 15,7 Prozent 2013 auf 6,73 Prozent 2023. Von denen die älter als 70 sind, sind 2023 weniger überschuldet als 2022. In den vergangenen elf Jahren stieg die Quote aber von 0,9 auf 2,96 Prozent. Für Boniversum-Geschäftsführer Goy-Yun ein Zeichen, dass Altersarmut ein wichtiges politisches Thema wird.

    In Ostdeutschland betrug die Schuldenquote 8,53 (Vorjahr 8,93) Prozent. Sie ist stärker geschrumpft als im Westen (8,08 zu 8,4 Prozent). Allerdings gibt es einen großen Unterschied zwischen Nord und Süd. Die Grenze verläuft sehr grob zwischen Bonn, Erfurt und Dresden. Die fünf Kreise und Städte mit der geringsten Überschuldungsquote liegen mit Werten zwischen 3,54 und 4,17 in Bayern.

    Am meisten Probleme mit dem Geld haben Menschen in Bremerhaven (19,02 Prozent), Pirmasens (Saarland, 16,72 Prozent) und Neumünster (Schleswig-Holstein, 16,62 Prozent). Insgesamt sind die Quoten nur in sechs der 400 Kreise und kreisfreien Städte gestiegen. Ein positives Zeichen. Doch bei der weichen Überschuldung ging es in mehr als 220 Kreisen und Städten nach oben. Für Boniversum-Geschäftsführer Goy-Yun ein weiteres Zeichen, dass es für viele Menschen schwieriger wird. Allerdings lagen die Experten ja auch in den vergangenen Jahren falsch.

  • Der Mann, der die Züge stoppen kann

    Der Chef der GDL ist ein begnadeter Stratege

    Claus Weselsky startet seine letzte Tarifrunde. Der Chef der GDL ist ein begnadeter Stratege.

    Von Björn Hartmann

    An diesem 9. November ist es wieder soweit. Die Tarifrunde zwischen Deutscher Bahn und der Gewerkschaft der Lokführer (GDL) startet offiziell. Schon jetzt ist klar: Es wird hart, Fahrgäste müssen sich auf Zugausfälle einstellen. Denn auf Gewerkschaftsseite arbeitet ein begnadeter Stratege, der wie schon in den Tarifrunden vorher das Beste für seine Mitglieder herausholen will und vor wenig zurückschreckt: Claus Weselsky. Bisher war er immer erfolgreich.

    Bereits im Juli hat der GDL-Chef angekündigt, die Gewerkschaft gründe eine eigene Leiharbeitsfirma für Lokführer – als Konkurrenz zur Bahn. Ende Oktober gab es dann einen Tarifforderungskatalog, den Bahn-Personalvorstand Martin Seiler als nicht darstellbar bezeichnete. 50 Prozent Plus hatte sein Team errechnet. Weselsky gab dann noch ein paar kämpferische Interviews, bei denen klar wurde: Die GDL könnte im wichtigen Weihnachtsverkehr streiken.

    Die Feiertage sind für den Gewerkschaftschef kein Grund, nicht zu streiken. Schon 2021, bei der letzten Tarifrunde, als gerade ein Hochwasser das Ahrtal verwüstet hatte, sagte Weselsky, wenn man danach ginge, sei nie der richtige Zeitpunkt für einen Streik. Bahnfahrer können sich also auf leere Bahnhöfe einstellen. Denn Weselsky ist niemand, der einfach einknickt.

    Kompromisslos in der Sache sei er, hört man immer wieder. Das bedeutet: Er will gewinnen. Das bedeutet auch, dass er erst aufhört, wenn die Gegenseite, vom Tarifpartner würde er wohl eher nicht reden, kapituliert. Das würde er allerdings nie so formulieren, er spricht dann eher von Einsicht.

    Wie das läuft, konnten Bahnfahrer und Konzern 2021 erleben und vor allem 2014/15. In elf Monaten gab es damals neun Streikwellen, 765 Stunden standen die Züge, hat das „Handelsblatt“ damals ausgerechnet. Eine gute halbe Milliarde Euro kostete der Arbeitskampf demnach die deutsche Volkswirtschaft. Weselsky war es vielleicht nicht egal, aber er nahm es in Kauf, schließlich ging es um die Lokführer, die er als GDL-Chef vertreten hat. Und um die Zugbegleiter, die er vertreten wollte. Und das Überleben der GDL neben der weitaus größeren Eisenbahnergewerkschaft EVG.

    Weselsky ist jedes tarifpolitisch effiziente Mittel Recht, und das bedeutet: Streik. Bis zum letzten. Auch wenn man angefeindet wird, als Buhmann der Nation da steht. Wenn man bedroht wird. Wenn man mehrere Kilo Gewicht verliert während des Ausstands, wie Weselsky der „Süddeutschen Zeitung“ erzählte, der er vor Jahren sein privates Fotoalbum öffnete. Dabei blieb Weselsky immer souverän. Geradezu legendär, wie er reagierte, als die Telefonnummer der GDL während der Streiks 2014/15 in der „Bild“ veröffentlicht wurde. Der Gewerkschaftschef schaltete die Rufumleitung ein – zum damaligen Bahnchef Rüdiger Grube.

    Weselsky wurde im Februar 1959 in Dresden als drittes Kind einer Arbeiterfamilie geboren. Aufgewachsen ist er in Kreischa bei Dresden. Er lernte Triebfahrzeugschlosser und wurde Lokführer für Diesel- und E-Loks bei der Reichsbahn. Die letzte steuerte er 1992 – durchs Elbtal bei Bad Schandau, für ihn eine der schönsten Strecken Deutschlands.

    1990 arbeitete Weselsky als Personal- und Betriebsrat, stieg dann in der GDL auf, 2006 wählten ihn die Mitglieder zum Vize-Vorsitzenden. Beim ersten Bahnstreik 2007/2008, als die GDL einen eigenen Tarifvertrag für die Lokführer erstritt, arbeitete er an der Strategie im Hintergrund, nach außen trat sein GDL-Chef Manfred Schell auf. Die harte Linie stammte von Weselsky, der dann 2008 Schells Nachfolger wurde.

    Seither hat er die Gewerkschaft auf sich zugeschnitten, manche sagen, er regiere autokratisch. Mit Schell hat er sich überworfen, der ehemalige Ehrenvorsitzende wurde aus der Gewerkschaft ausgeschlossen, ebenso einige weitere hohe Funktionäre. Je nach Seite ging es um nicht gezahlte Mitgliedsbeiträge und Intrigen oder das Entfernen störender Mitglieder. Schell jedenfalls verglich Weselskys Führungsstil mit dem von Diktatoren wie Assad und Mao.

    Die Gewerkschaft war die erste, die sich in der zerfallenden DDR 1990 wieder bildete. Die Lokführer schlossen sich ihr gern an. 1993 mit der Fusion von Reichsbahn (Ost) und Bundesbahn (West) kam die GDL zur Deutschen Bahn. Besonders hoch ist der Organisationsgrad im Osten. Und die Gewerkschaft hat den entscheidenden Vorteil einer Spartengewerkschaft: Ohne Lokführer steht die Bahn. Zu dieser Macht kommt das Talent Weselskys, unfassbar hartnäckig zu sein.

    Er vertrete nur die Mitglieder seiner Gewerkschaft, sagte Weselsky 2021. Und das klang sachlich korrekt. Aber irgendwie auch schräg. Dass es Weselsky nur um bessere Bedingungen für die Lokführer, Zugbegleiter und eigentlich auch alle anderen geht, nimmt man ihm nicht recht ab. Das liegt vor allem an der komplett aus der Zeit gefallenen Klassenkampfrhetorik, da der gierige Vorstand, hier die ausgebeuteten Lokführer. Dann ist er immer korrekt im Anzug gekleidet, das Haar gestutzt, der ergraute Oberlippenbart auch. Und: Er sächselt, mit Abstand der unbeliebteste Dialekt in Deutschland. Der Eindruck ist der eines Apparatschiks aus vergangener Zeit, der sich im Ton vergreift.

    Dabei ist Weselsky nichts ferner als sozialistische Politik. Er ist stolz, niemals in der SED gewesen zu sein, der Einheitspartei der DDR. Und 2007 trat er in die CDU ein, beschreibt sich selbst als konservativ. Weselsky ist in dem, was er sagt, klar auf das konzentriert, was er erreichen will: mehr Geld für die Mitglieder, mehr Macht für die Gewerkschaft. Und das wird er auch in dieser Tarifrunde versuchen – seiner wohl letzten. Er wird im Februar 65.

  • Karims langer Weg zur Schicht

    2026 nahmen wir einen jungen syrischen Geflüchteten bei uns auf. Der hilft mittlerweile mit, das Tesla-Werk in Brandenburg am Laufen zu halten.

    Wie soll ich Karim nennen? Meistens sage ich „unser ehemaliger Flüchtling“, wenn ich von ihm erzähle. Jetzt hält er das Land am Laufen.

    Wir treffen uns auf einem Gleis des Bahnhofs Ostkreuz in Berlin, wo die Regionalzüge nach Brandenburg abfahren. Karim, der eigentlich anders heißt, trägt eine graue Arbeitshose und feste Schuhe, unter der Regenjacke baumelt die Einlasskarte der Firma. Basecap mit Schirm nach hinten, Bart und Augenbrauen dunkel, er guckt wie immer ein bisschen finster. „Zur Arbeit jetzt, Scheiße“, sagt er, und dann: „Ich liebe meine Arbeit.“

    Im Zug fällt mir auf, dass einige der Passagiere ihre Schuhe ebenfalls mit roten Schnürsenkeln binden, wie Karim. Die gehören zur Arbeitsuniform des US-amerikanischen Autoherstellers Tesla. Eine halbe Stunde später hält der Zug in Fangschleuse, einem Dorf hinter der Berliner Stadtgrenze. Auf dem schmalen Bahnsteig drängeln sich nun zahlreiche junge Männer, die dasselbe tragen wie Karim. Sie streben zur Bushaltestelle. Zwei Gelenkbusse kommen. Im Nu sind sie voll. Es müssen an die 200 Arbeiter sein, die alle möglichen Sprachen sprechen, die meisten wohl zwischen 25 und 35 Jahren alt.

    Ein paar Minuten später an den Werkstoren treffen weitere Busse aus anderen Orten ein. Die jungen Leute drängeln sich durch die Drehkreuze auf das Fabrikgelände. Fast 14 Uhr: Gleich geht die Spätschicht los in Grünheide, wo Tesla Tag und Nacht seine Elektroautos baut.

    Zurzeit läuft wieder eine hitzige Debatte darüber, ob nicht zu viele Einwanderer nach Deutschland kommen. Manche Po­li­ti­ke­r:in­nen überbieten sich mit Forderungen, die Zahl der Ankommenden zu verringern. Während die Europäische Union höhere Zäune baut, herrscht hierzulande ein zunehmender Mangel an Arbeitskräften. Deshalb verlangt etwa der Deutsche Städte- und Gemeindebund, Geflüchtete sollten schneller Jobs annehmen dürfen, anstatt untätig herumzusitzen. Karims Geschichte ist ein Beispiel, wie Einwanderung, die viele als Problem empfinden, am Ende funktionieren kann.

    2016 kam Karim in meiner Familie an, aus dem Krieg in Syrien, auf der Flucht vor dem Islamischen Staat, seine Eltern tot, das Haus zerstört. Meine Tochter hatte ihn nachts in einem Club kennengelernt. Ihm zu helfen schien nötig. Wir nahmen ihn bei uns auf und versuchten, seinen Weg zu ebnen: Bürokratie, Papiere, Geld, Wohnung, Sprachkurs, ein bisschen Aufgehobensein. Er war oft müde, depressiv, ließ sich hängen, lag tagelang im Bett. Jedenfalls sahen wir das so. Sein Hineinfinden ins neue Leben im kalten Berlin ging uns nicht schnell genug. Wir waren überfordert.

    Nach einem knappen Jahr verschafften wir ihm woanders ein Zimmer, in das er zuerst nicht einziehen wollte. Er krallte sich an uns fest. Ich schrieb damals über unsere Kämpfe mit ihm. Der Artikel "Karim, ich muss Dich abschieben" erschien 2017.

    Danach ging es auf und ab. Manchmal strandete er fast auf der Straße – bis ein deutscher Freund eine kleine Wohnung für ihn fand, in der Karim sich wohlfühlte. Allmählich kam er auf die Füße. Diese Zeit ist beschrieben im Artikel "Sein Name an der Tür" von 2019.

    Später erzählte mir Karim, dass er einen Job gefunden habe in einer Filiale der Modekette Zara. Ich holte ihn dort ab: Nun war er einer der hippen Großstädter mit trickreich gefrästen Bärten, die Tou­ris­t:in­nen aus aller Welt bedienten. Er lud mich nach Neukölln in sein arabisches Lieblingsrestaurant ein. Sein Deutsch wurde besser, wir unterhielten uns, hatten Spaß.

    Einmal trafen wir uns nachts zufällig vor einem Club. Ich gehörte da eigentlich nicht mehr hin. Nach zwei Stunden Anstehen hätte mich die Türsteherin beinahe nach Hause geschickt. Karim rettete mich. Ohne ihn und seine Freunde, die den alten Mann adoptierten, wäre ich nicht reingekommen.

    Und jetzt Tesla. Ein unbefristeter Arbeitsvertrag mit allem Drum und Dran. Karim arbeitet am Band. In einer Schicht von acht Stunden müssen er und sein Team ungefähr 300 Fahrzeuge bearbeiten. Das bedeutet anderthalb Minuten Zeit, um die jeweiligen Teile einzubauen. Das ist harte, oft stressige Arbeit. Dafür bekommt Karim monatlich 2.200 Euro netto überwiesen.

    Das entspricht nach Angaben der Industriegewerkschaft Metall nicht dem Tarifgehalt. Für Karim bedeutet diese Bezahlung jedoch, dass er im deutschen Lebensstandard angekommen ist. Flucht- und Bittstellerstatus sind zu Ende. Per Whatsapp schreibt er mir: „Jetzt habe ich guten Job.“ Dann schickt er das listige Emoji mit der Sonnenbrille. „Ich bin auf der Suche neue Wohnung. Und will auch Familie machen vielleicht.“

    Manchen anderen in seinem Team geht es ähnlich. Mit zwei Deutschen arbeitet er zusammen, sagt Karim, außerdem mit acht Kollegen die Migrationshintergrund hätten, aber hier geboren seien. Und dann gäbe es noch die fünf jungen Männer, die wie er selbst seit 2015 eingetroffen seien, aus Afghanistan, Irak, Syrien. Das örtliche Büro der IG Metall berichtet, dass in den Beratungen „viele verschiedene Sprachen“ zu hören seien: Polnisch, Tschechisch oder auch Ukrainisch, Letzteres sprechen die neuen Kriegsflüchtlinge. Die migrantischen Arbeiter tragen einen guten Teil dazu bei, Tesla am Laufen zu halten. Ohne sie würde das Werk nicht funktionieren.

    Im Vergleich zu Benzinfahrzeugen seien die Elektro­autos von Tesla „gut für die Umwelt“, findet Karim. Außerdem meint er, dass Firmenchef Elon Musk „ein sehr kluger Mensch ist und sorgfältig nachdenkt, bevor er etwas unternimmt“. Die Einschätzungen über Musk und sein Unternehmen gehen weit auseinander. So berichtete der Stern kürzlich über viele Arbeitsunfälle und diverse Ökohavarien in Grünheide.

    Karim zu sehen, ist nun nicht mehr so einfach wie früher. Er hat jetzt einen eigenen Plan. Monatelang versuchen wir, einen Termin zu finden. Ist ein Treffen verabredet, kommt kurz vorher eine Whatsapp: „Keine Zeit, Arbeit macht mich richtig fertig.“ Beim nächsten Mal: „Freitag kann ich nicht. Müssen länger arbeiten, sagt Chef.“ Nervig, aber normal. Dann klappt es doch, in einem Schawarma-Grill in Kreuzberg. Karim kommt vorbei auf dem Weg zur nächsten Schicht. An der Theke bestellt er auf Arabisch. Er wählt aus den Speisen, die hinter der Glasscheibe auf der linken Seite der Auslage warten, rechts lässt er weg. Dort liegt das Gemüse. Er bestellt einen Riesenteller und bezahlt für mich mit.

    Beim Essen zeigt er ein Video. Holztisch, drumherum stämmige Jungs mit breiten Schultern und rasierten Nacken. Armdrücken, Karim gewinnt, großes Palaver. Ein deutscher Kollege habe ihn zum Grillen in den Garten eingeladen, erzählt er, „guter Mann“. Kürzlich verbrachte er mit einem Freund und dessen Mutter eine Urlaubswoche in Slowenien. Mit seinen Verwandten in Syrien telefoniert Karim kaum noch. Von dort gebe es fast nur schlechte Nachrichten, die wolle er sich vom Hals halten. Hier sei das Leben erfreulicher. Vermutlich wird es sehr lange dauern, bis er wieder in seine Heimat reisen kann, wenn überhaupt. Er hat Angst, dass sie ihn dort zum Militär einziehen und nicht mehr rauslassen.

    Für Januar 2024 habe er einen Termin beim Amt, berichtet er, um sich für den deutschen Pass zu bewerben. Dafür muss er unter anderem Deutschkenntnisse auf B2-Niveau nachweisen. Das ist die vierte von sechs Stufen beim Spracherwerb. „Das schaffe ich“, sagt Karim. Kann gut sein, dass er Recht behält.

  • Energiewende in Senegal

    Erdgas für Deutschland?

    Mit hoher Geschwindigkeit fährt das Marineschiff an den kleinen Fischerbooten vorbei. Das Geschütz auf dem Vorderdeck ist mit einer Plane abgedeckt. Die Motoren wühlen das Meerwasser auf zu einer Spur weißer Gischt. Soldaten auf der Brücke des zwei Stockwerke hohen Schiffes beobachten die Fischer. Der Abstand beträgt vielleicht 100 Meter.

    Diese Szene wurde vor einigen Monaten per Smartphone von einer der flachen Pirogen aus aufgenommen, mit denen die Fischer auf den Atlantik hinausfahren. Zu sehen ist ein Dutzend der bunt bemalten Boote. Das Bild springt hektisch hin und her. Das große Schiff wendet, kommt zurück. Die Fischer rufen, schreien, gestikulieren. Sie fühlen sich bedroht. Das beabsichtigt die Marine wohl auch. Sie will den Bootsbesatzungen den Weg blockieren.

    Vor der Küste des westafrikanischen Landes Senegal liegt unter dem Meeresboden ein bedeutendes Erdgasvorkommen, aus dem Anfang 2024 die Förderung beginnen soll. Um die Plattformen auf hoher See herum wurden Sperrgebiete eingerichtet, in denen keine Fischerei mehr stattfinden darf. Was zunächst nach einem lokalen Problem klingt, hat eine globale Dimension: Ist es angesichts der Klimaerwärmung jetzt noch ratsam, neue fossile Energiereserven zu erschließen? Auch Deutschland nimmt Einfluss auf den Konflikt: Bundeskanzler Olaf Scholz hat erklärt, Interesse am Import von Erdgas aus Senegal zu haben, um russische Lieferungen zu ersetzen. In Gesprächen mit Betroffenen in Senegal, Betreibern eines Solarkraftwerkes, Energie-ExpertInnen und PolitikerInnen will die taz klären, welche Auswirkungen die Gasstrategie mit sich bringt – und welche Alternativen es gäbe.

    Mame Moussé Ndiaye ist einer der Fischer, die in St.Louis leben, einer Küstenstadt im Norden, an der Grenze zu Mauretanien. Er ist aktiv in mehreren Berufsvereinigungen von Fischern – und nimmt sich Zeit für eine Bootstour in Richtung der Gasplattform, die der Küste am nächsten liegt.

    Die Piroge, das etwa zehn Meter lange, schmale Holzboot, wartet zwischen vielen anderen auf dem Sandstrand. Ndiaye und ein Freund schleppen Anker, Seile, Bojen, Tank und den 15-PS-Außenbordmotor herbei. Die äußeren Bordwände des Bootes sind in rot, blau, schwarz, gelb mit Schrift und Bildern verziert. Ein paar Jungs und Erwachsene helfen, die Piroge über Holzwalzen zum Wasser zu schieben. Als sie schwimmt, steigt man hinein, der Freund zieht mit dem Starterseil den Motor an, der hohe Bug bäumt sich über der ersten Brandungswelle auf. Dann Gas geben, das Boot taucht ins Wellental. Die nächste Schaumkrone bricht, im Nu ist man nass, was bei 23 Grad Wassertemperatur aber nichts macht. Drei, vier Mal geht das so, dann bleibt die Brandung hinter der Piroge zurück.

    Vielleicht einen Kilometer links fährt langsam das Marineschiff, anscheinend dasselbe wie im Video. „Sie passen auf, dass wir der Gasplattform nicht zu nahe kommen“, ruft Ndiaye gegen den Lärm des Windes und der Wellen an. Er steht in der Mitte der Piroge, bewegt sich kaum, gleicht alle Bewegungen des Bootes mit seinem Körper aus. Seine weiße Shorts ist klatschnass, die Zigarette in seiner Faust bleibt trocken.

    Ein paar Kilometer mit Vollgas raus aufs Meer – und die Häuser von St.Louis sind nur noch klein am Horizont zu sehen. Vorne aber, in westlicher Richtung, hebt sich allmählich eine längliche Struktur aus dem Dunst: die Gasplattform. Rot, gelb, weiß und grau schimmern hohe Schiffsaufbauten, Kräne, Schornsteine, Radaranlagen. Die Fabrik auf dem Meer besteht aus einem 1.200 Meter breiten stählernen Wellenbrecher und einem dahinter liegenden künstlichen Hafen, in dem die Pipelines aus der Tiefsee enden. Dort soll das Gas verflüssigt (LNG – liquified natural gas) und mit Tankern exportiert werden – vielleicht irgendwann auch nach Deutschland.

    Die Fabrik schwimmt nicht. Sie steht auf dem Meeresboden, der hier, so nahe der Küste, nur noch 30 Meter unter dem Wasserspiegel liegt. Diese Lösung wurde gewählt, um die Installationen zur Sicherheit fest zu verankern. Ausgerechnet hat man aber eine Stelle ausgewählt, wo sich ein ausgedehntes Riff aus Felsen und Korallen befindet. Der Fischreichtum ist groß. „Das Riff liefert alles“, sagt Ndiaye – nicht nur für den Verkauf, sondern auch für die täglichen Mahlzeiten der Fischerfamilien.

    Nun sind aber seit etwa zwei Jahren große Wasserflächen über dem Riff für die Fischer gesperrt. Die Marine verhindert die Arbeit dort. Die Verbotszone direkt vor St.Louis umfasst 500 Meter von der Gasplattform aus in alle Richtungen, was auf mehrere Quadratkilometer hinausläuft. Eine weitere Spreezone liegt weiter draußen auf dem Meer. Ndiaye: „Viele Boote fahren deshalb kaum noch raus.“ Manche Fischer verlören „ein Viertel ihres Einkommens, andere die Hälfte“, heißt es beim Nationalen Verband der Fischer.

    Kann das sein? Der Ozean dehnt sich schier unendlich. Spielen ein paar Quadratkilometer wirklich eine Rolle? „Da hinten“, sagt Ndiaye und weist vom Boot aus in die Ferne, „beginnt schon Mauretanien“. Dort im Norden der Stadt ist der Fischfang für senegalesische Boote untersagt, es sei denn, die Eigentümer leisten sich eine kostenträchtige Lizenz. Und im Süden von St.Louis seien die Fischvorkommen nicht so reichhaltig. Das ist vor allem ein Problem für die kleinen Pirogen, die für weite Strecken und die hohe See nicht taugen.

    Jetzt wendet das Boot, es geht zurück zum Ufer. Mit Vollgas setzt man auf den Sand. Motor hochklappen, die Jungs sind zur Stelle und ziehen die Piroge hoch ins Trockene. Alleine auf diesem Stück des Strandes liegen hunderte Gefährte dicht an dicht. Der Lebensunterhalt von rund 3.000 Familien hänge von ihnen ab, sagt die Fischer-Vereinigung. Auf der Langue de Barbarie, der nur über Brücken zu erreichenden, langgestreckten Halbinsel vor St.Louis, leben eigentlich fast alle Leute irgendwie vom Fisch – wenn sie selbst keinen fangen, mittelbar von den Einkünften der Fischer – als Händlerinnen, Bootsbauer, Mechaniker, Kneipiers. So mag es sein, dass schließlich zehntausende Einwohner:innen negativ vom Gasprojekt betroffen sein könnten.

    Grundsätzlich bietet die Regierung in der Hauptstadt Dakar den Geschädigten Kompensationen, Umschulungen und Ersatzarbeitsplätze in der Gasindustrie an. Bisher hätten sie aber keine Hilfen erreicht, sagen die Vertreter der Fischer. Von der Regierung ist dazu keine Auskunft zu bekommen. Deren politische Position sieht so aus: Für das ganze Land ist das Gas so wichtig, dass die Vorteile die möglichen Nachteile für die Fischer von St.Louis bei Weitem übersteigen.

    Die Probleme der lokalen Bevölkerung sind ein Teil einer größeren Auseinandersetzung. 2015 fand das US-Unternehmen Kosmos das Erdgas, nach dem es suchte – 125 Kilometer vor der senegalesischen Küste, unter dem dort 3.000 Meter tiefen Meeresboden. Heute gehören dem britischen Energiekonzern BP 56 Prozent, Kosmos 27 Prozent, dem staatlichen senegalesischen Unternehmen Petrosen 10 Prozent und Mauretanien 7 Prozent der Anteile. Das Vorhaben heißt jetzt Greater Tortue Ahmeyim (GTA). Von den Bohrungen in der Tiefsee führen nun Pipelines auf dem Meeresboden zu einem Schiff etwa 45 Kilometer vor der Küste, wo das Gas gereinigt werden soll. Von dort wird der Rohstoff in Unterwasserröhren zur Gasplattform vor St.Louis strömen.

    BP schätzt die gesamte Gasmenge auf etwa 400 Milliarden Kubikmeter. Zum Vergleich: Die bekannten Gasreserven Saudi-Arabiens betragen etwa sechs Billionen Kubikmeter. GTA ist im Weltmaßstab ein eher kleines Vorkommen, wobei das erst der Anfang der Gasökonomie im Senegal sein könnte. Südlich vor der Küste des Landes liegen zwei weitere Gasfelder, deren Ausbeutung geplant ist.

    Die Regierung des Senegal setzt große Hoffnungen in diese neue Art der Energieversorgung. „Die meisten Menschen auf dem Land nutzen noch Holzkohle“, sagt Mamadou Fall Kane. Als energiepolitischer Berater des senegalesischen Präsidenten ist er im Januar 2023 per Video in eine Ausschusssitzung des Bundestages zugeschaltet. Etwa ein Drittel der Bevölkerung habe bisher keinen Zugang zu Strom, erklärt Kane auf Französisch. Das Gas betrachtet die Regierung deshalb als einen Schlüssel zur Entwicklung des Landes. Geplante Schritte: Das bisher in Stromkraftwerken als Brennstoff verwendete Schweröl wird durch Gas ersetzt, wodurch der Ausstoß klimaschädlicher Abgase sinkt. Neue Gaskraftwerke sollen die gesamte Bevölkerung mit Strom versorgen. Gas aus Gasflaschen ersetzt dann Holzkohle beim Kochen, was der Entwaldung entgegenwirkt. Senegal könnte mit eigener Energie seine Industrie aufbauen, beispielsweise die Produktion von Dünger. Schließlich spart der Staat Geld für importiertes Öl, kann andererseits aber eigenes Gas exportieren, was zusätzliche Einnahmen für den Haushalt bringt.

    Die Klimaschutz-Organisation Fridays for Future (FFF) hält das Gegenteil für richtig. “Das Gas muss unter dem Meeresboden bleiben”, sagt Yero Sarr von FFF Senegal. Der Student der Physik und Chemie begründet das mit den potenziellen Schäden für die lokale Wirtschaft und das Weltklima. Unterstützung erhält er auch von der grünen Bundestagsabgeordneten und Energiepolitikerin Lisa Badum: „Senegal hat das Potenzial für eine Versorgung mit 100 Prozent erneuerbarer Energie.“ Eine aktuelle Studie von Germanwatch und New Climate Institute belegt, dass genug Sonnen- und Windenergie produziert werden können, um den Wohlstand im Senegal zu steigern – auch ohne Erdgas.

    Etwa 60 Kilometer südöstlich der am Meer liegenden Hauptstadt Dakar dehnt sich flaches, trockenes, wenig besiedeltes Land. Ockerfarbener, rötlicher Boden, einzelne Bäume, Sträucher, dazwischen große Neu- und Rohbauten, halbfertige Kreisverkehre, moderne Straßen – hier entsteht der neue Regierungssitz. Dann Strommasten, eine weiße Mauer, das Metalltor rollt zur Seite – Ankunft im Solarkraftwerk Diass.

    Mame Ndiémé Ndong arbeitet seit 2016 beim staatlichen Stromunternehmen Senelec. Sie hat in Dakar studiert, ist Elektroingenieurin, spezialisiert auf erneuerbare Energie. „Das ist innovativ“, sagt sie und führt in die Schaltzentrale. Auf drei Bildschirmen sieht man, wie viel Strom die Anlage gerade produziert. Wegen der intensiven Einstrahlung und vielen Sonnenstunden ist die Ausbeute um bis zu 70 Prozent höher als in Mitteleuropa – obwohl draußen der Wind die Module ständig einstaubt, so dass deren typische blaue Farbe kaum zu sehen ist. In hunderten Meter langen Reihen sind die Energieplatten auf Pfosten montiert und liefern Energie, ohne dass irgendeine Ressource aus der Erde geholt und verbrannt werden müsste. Ungefähr einen Kilometer lang und 400 Meter breit ist das Gelände. Finanziert hat das zum guten Teil die KfW, die Entwicklungsbank der Bundesregierung.

    „Da kommt der Traktor“, sagt Ndong. Sie trägt Jeans, weißes Kopftuch und dunkle Sonnenbrille gegen das brutal helle Licht. Rechts am Fahrzeug ist eine lange, rotierende Bürste angebracht, die die Photovoltaik-Module mit Wasser reinigt. Regelmäßig fährt ein Beschäftigter die Reihen ab, damit die Platten hohen Ertrag bringen.

    Heute machen die erneuerbaren Energien gut 30 Prozent der installierten Kapazität zur Stromerzeugung im Senegal aus. Das sind rund 400 MW (Megawatt, Millionen Watt), weniger als ein Prozent der deutschen Solaranlagen. Mehr wäre durchaus möglich, auch viel mehr. „Wir haben genug Sonne und genug Land. Senegal ist dünn besiedelt“, sagt Ndong. Und ein Schritt in diese Richtung wurde gerade verabredet. Frankreich, Deutschland und weitere Staaten wollen Senegal 2,5 Milliarden Euro geben, damit der Anteil der Ökoenergien auf 40 Prozent steigt. Aber die Regierung lege Wert darauf, beides zu machen, sagt Ndong – Ökostrom und Erdgas parallel. Das sei eine „politische Entscheidung“. Von Senegals Energieministerin Aissatou Sophie Gladima ist bekannt, dass sie meint, ihr Land müsse auf „zwei Beinen“ laufen.

    Braucht Senegal wirklich beides – Erdgas und erneuerbare Energie? Der ausschlaggebende Vorteil der Gasökonomie besteht in den zusätzlichen Erlösen, die anfangs 20 Prozent der Staatseinnahmen ausmachen könnten. Denn ein großer Teil der fossilen Ressourcen des GTA-Feldes soll erstmal exportiert werden, wie Präsidentenberater Kane in einer Mail an die taz betont. Die später zu erschließenden Felder seien dann eher für den Eigenbedarf bestimmt. Wobei neue Gaskraftwerke und Pipelines, die der Versorgung der eigenen Bevölkerung dienen könnten, bisher nur auf dem Papier existieren.

    „Großes Verständnis“ äußert SPD-Bundestagsabgeordneter Karamba Diaby, für das Interesse der Regierung, Geld einzunehmen, um es in Entwicklung zu investieren, in Schulen, Universitäten, Krankenhäuser, Straßen, Stromleitungen. Diaby wurde im Senegal geboren. Der dortige Wohlstand liegt, je nach Berechnung, bei drei bis acht Prozent des deutschen. „Der Begriff Energiewende bedeutet hier etwas anderes“, sagt Fabian Heppe, der Vertreter der grünen Heinrich-Böll-Stiftung in Dakar, „hier geht es zunächst um Energie für alle.“

    Die Nachteile der Gasstrategie: erstens mögliche Korruption und ungerechte Verteilung des Reichtums. Negative Beispiele sind Nigeria und Angola. Zweitens: Deutschland und viele reiche Staaten wollen ihren Gasverbrauch verringern, um bis Mitte des Jahrhunderts klimaneutral zu werden. Investiert Senegal also in eine sterbende Technologie? Der wesentliche Nachteil besteht aber im zusätzlichen Ausstoß klimaschädlicher Treibhausgase infolge der Ausbeutung des Erdgases.

    Der Verzicht darauf macht den entscheidenden Vorteil der erneuerbaren Energien aus. Außerdem würden Öko-Kraftwerke zusätzliche Arbeitsplätze für die einheimische Bevölkerung bringen, während die Gasökonomie die Fischerei bedrohe, erklärt FFF-Aktivist Sarr. Ein Nachteil der Erneuerbaren: Ökoenergie lässt sich auf absehbare Zeit höchstens in die Nachbarländer, nicht aber weltweit exportieren, was weniger Einnahmen im Vergleich zum Gas bedeutet.

    Und welche Rolle spielt nun Deutschland in diesem Konflikt? Als Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) im Mai 2022 nach Senegal reiste, kündigte er zusammen mit Präsident Macky Sall Kooperationen bei der Gasförderung an. Die Reise fand kurz nach dem russischen Angriff auf die Ukraine statt, Gas aus Osten sollte schnell ersetzt werden. Auch in diesem Jahr ist aus dem Bundeskanzleramt zu hören, dass der westafrikanische Staat ein potenzieller Flüssiggas-Lieferant sei. Präsidentenberater Kane schreibt, Senegal sei offen für Lieferungen nach Deutschland. Und laut ihrer geplanten, neuen Leitlinien für die staatliche Exportversicherung könnte die Bundesregierung Gasinfrastruktur in Senegal möglicherweise auch künftig finanziell fördern.

    Praktisch ist, soweit bekannt, bisher aber nichts passiert. Deutschland kann seinen Gasbedarf ohne Probleme aus anderen Quellen decken. Grünen-Politikerin Badum fordert, den „Gasdeal mit Senegal nun endlich zu beerdigen“. In einem Streitgespräch mit Diaby im Spiegel sagt sie: „Die Welt braucht keine neuen Gasfelder.“ Diaby antwortet hart darauf: „Das ist neokoloniales Denken.“ Er will von seiner Koalitionskollegin wissen, warum ein reicher Staat wie Katar Gas fördern dürfe, ein armer wie Senegal aber nicht? Diese Frage stellen sich auch MitarbeiterInnen des Entwicklungsministeriums (BMZ) in Berlin. Dort weiß man, dass die Bevormundung anderer Regierungen keine gute Idee ist. Faktisch lässt sich das SPD-geführte BMZ deshalb auf eine Doppelstrategie ein: Gas und Erneuerbare. Wobei eine BMZ-Sprecherin betont: “Mit deutschen Entwicklungsgeldern wird keine Gasinfrastruktur finanziert.”

    Nun könnte so weitergehen: Senegal beginnt bald, das Erdgas vor der Küste zu exportieren und gewisse Mengen selbst zu nutzen. Dabei spielt der kleine Anteil des Eigenverbrauchs für das Weltklima kaum eine Rolle. Denn das arme Land mit seinen 17 Millionen Menschen verursacht nur 0,07 Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen.

    Anders sieht es beim Export aus. Deutschland ist für etwa zwei Prozent der klimaschädlichen Abgase weltweit verantwortlich. Kaufen wir und andere reiche Staaten das Erdgas aus Westafrika, um das hiesige Wohlstandsmodell am Laufen zu halten, verschärft dies das Klimaproblem erheblich. So betrachtet liegt die Hauptverantwortung im Norden, nicht im Süden. Deshalb fordern viele Klimaaktivist:innen, dass die reichen Staaten ihren Verbrauch fossiler Energie deutlich und schnell einschränken müssten. Die Konsequenz dieser Forderung würde dann lauten: Das Gas des Senegal sollte eigentlich unter dem Meer bleiben. Daraus erwächst allerdings ein Dilemma: Mit den Exporteinnahmen fiele auch der Eigenverbrauch weg, denn mit diesem alleine lässt sich das teure Förderprojekt nicht finanzieren. Realistisch betrachtet wird das Gas also fließen.

    Dazu passt diese Erwägung: Was passierte wohl, wenn Deutschland jetzt ein riesiges Gasfeld unter der Lüneburger Heide entdeckte? Ließe man den begehrten Rohstoff dort schlummern? Hypothetische Fragen. Realistische Antwort: Auch in diesem Fall würde das Prinzip Gegenwart das Prinzip Zukunft schlagen.

    Zurück von der Bootstour in St.Louis wird nun der Außenbordmotor abgeschraubt und über den Strand nach Hause getragen. Indem er das Boot ausräumt, macht Moussé Ndiaye sich weiter Gedanken: „Für uns Fischer ist das Gas schlecht, für den Senegal aber ist es gut.“ Wenn man es jetzt schon gefunden habe, solle man es auch nutzen, meint der Mann, dessen Lebensunterhalt gefährdet ist.

    Allerdings sei der Staat dann auch gefordert, das Geld gut zu investieren, sagt Ndiaye. Die Fischer bräuchten Hilfe bei den Lizenzen für die Fangfahrten in mauretanischen Gewässern. Und am besten würde neben der Sperrzone im Meer ein künstliches Riff aufgeschüttet, um die Einkommen der Fischer zu sichern. Solche Wünsche stießen bei der Regierung und BP bisher aber auf taube Ohren. Einer der Nachbarn, die Moussé beim Ausladen helfen, sagt: „Die Fischerei hat hier keine Zukunft. Ich hoffe, dass meine Kinder Staatsdiener werden.“
     

  • Alles für die Katz – und den Hund

    Welche Versicherungen sinnvoll sind und wo sich sparen lässt

    Vom Guppi über Hamster und Siamkater bis zur Deutschen Dogge: Insgesamt 34,9 Millionen Haustiere lebten im vergangenen Jahr in deutschen Haushalten, darunter 15,2 Millionen Hunde und 10,6 Millionen Katzen. In der Regel bereiten die Tiere Freunde, zwingen Frauchen und Herrchen zu Spaziergängen oder beruhigen beim langen Blick aufs Aquarium. Doch was, wenn etwas schief geht? Auch Tiere lassen sich versichern, sollten sie Schäden anrichten oder krank werden. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Welche Versicherungen gibt es und welche brauche ich?

    Über zwei Versicherungen sollten Tierbesitzer nachdenken: Krankenversicherung und Haftpflicht. Die Krankenversicherung deckt Kosten für ärztliche notwendige Behandlungen ab. Eine Sonderform ist die OP-Versicherung, die in der Regel nur für stationäre Kosten und Nachbehandlung gilt. Eine Haftpflichtversicherung kommt für Schäden auf, die ein Haustier verursacht, und für die Folgekosten.

    Wann ist eine besondere Haftpflichtversicherung sinnvoll?

    Viele Tiere sind bereits in der privaten Haftpflichtversicherung mit erfasst, vor allem kleinere. Aber: „Anders als Katzen, Kaninchen oder Hamster sind Hunde nicht in der Privathaftpflicht mit abgedeckt“, sagt Michael Nischalke, Experte der Stiftung Warentest. „Der Halter haftet für alles, was der Hund tut. Und trotz aller Vorsorge kann immer etwas passieren. Das muss kein Biss sein, das Tier kann auch auf die Straße rennen und einen Unfall verursachen.“ Dann wird es richtig teuer. Der Verband der Versicherungswirtschaft (GDV) berichtet von mehr als 80.000 Fällen jährlich, in denen die Hundehalterhaftpflicht zahlt – im Schnitt 1000 Euro. Bei mehr als 100 Fällen jedes Jahr übersteigt die Schadenssumme sogar 50.000 Euro.

    Welche Sonderregeln gelten für Hunde?

    In Berlin, Hamburg, Niedersachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen ist eine Tierhalterhaftpflicht für alle Hunde zwingend vorgeschrieben. In den anderen Ländern bestehen Listen von Rassen, bei denen die Verwaltung annimmt, sie seien gefährlich, American Staffordshire-Terrier etwa, Bullterrier und Rottweiler. Wer sie hält, muss eine Versicherung abschließen. Nur in Mecklenburg-Vorpommern besteht keine Versicherungspflicht. Experte Nischalke empfiehlt: „Unabhängig davon, ob eine Tierhalterhaftpflicht vorgeschrieben ist, sollte ein Hundehalter unbedingt eine haben.“

    Was leistet eine Hundehalterhaftpflicht?

    Sie zahlt für Personenschäden, wenn der Hund jemanden beißt, die Behandlungskosten, Schmerzensgeld und für die Folgekosten, weil die Person zum Beispiel drei Monate nicht arbeiten kann. Versichert sind auch Sachschäden wie der zerfetzte Kamelhaarmantel. Und es gibt in der Regel Geld, wenn der Mischlingsrüde ungewollt eine Rassehündin deckt. Bezahlt werden zum Beispiel die Kosten, die entstehen, weil die Hündin nicht mehr zur Zucht verwendet werden kann. Die Versicherung hilft auch, unberechtigte Schadenersatzansprüche abzuwehren. Wichtig: Für eigene Schäden, etwa wenn der Hund ein Familienmitglied beißt, haftet die Versicherung nicht.

    Worauf sollte man achten?

    Die Experten der Stiftung Warentest empfehlen eine Versicherungssumme von mindestens zehn Millionen Euro. Geklärt werden muss, ob die Nachbarin versichert ist, wenn sie mit dem Hund rausgeht, und was im Fall eines Verstoßes gegen Halterpflichten passiert, etwa, weil der Hund keinen Maulkorb getragen hat. Und wer verreist, sollte auf einen Auslandsschutz achten.

    Was kostet eine Haftpflichtversicherung für den Hundehalter?

    „Gute Angebote gibt es schon ab 50 Euro“, sagt Warentest-Experte Nischalke. Vergleichsportale wie Check24 oder Verivox geben einen Überblick. Und bei einer Versicherung nachzufragen, lohnt sich immer.

    Wie ist das mit Pferden?

    Auch Pferde sind nicht in der Privathaftpflicht eingeschlossen. Anders als bei Hunden ist aber keine gesonderte Haftpflichtversicherung vorgeschrieben. Experten empfehlen sie allerdings. Die Tiere wiegen mehrere hundert Kilo. Wenn sie sich erschrecken und fliehen, können sie große Schäden anrichten. Wie beim Hund muss Halter oder Halterin dafür zahlen – auch wenn er oder sie kein Verschulden trifft. Wichtig: Nicht immer sind fremde Reiter mitversichert. Wer die Tochter von Freunden aufs Pferd lassen will, sollte das bei Abschluss der Police berücksichtigen.

    Und Echsen, Schlangen und Vogelspinnen?

    Auch solche eher exotischen Tiere sind in der Regel nicht in der Privathaftpflicht versichert. Auch hier haften Halter oder Halterinn vollständig für Schäden. Weil es im Vergleich zur Zahl der Hunde und Katzen recht wenig solcher Exoten gibt, fehlen meist Standardhaftpflichtverträge wie für Pferde. Der GDV empfiehlt, den eigenen Haftpflichtversicherer anzusprechen.

    Was zahlt eine Tierkrankenversicherung?

    Grundsätzlich trägt eine Tierkrankenversicherung die Kosten für Tierarzt, Behandlung, Operation und Medikamente. Dabei ist unerheblich, ob der Hund in eine Glasscherbe getreten ist oder die Nieren einer Katze ausfallen. Auch Impfungen übernimmt die Versicherung. Allerdings müssen Tierhalter meist doch noch etwas selbst zahlen, oft gibt es Ausschlüsse im Kleingedruckten. Grundsätzlich muss jeder Tierhalter die Behandlung bezahlen und die Rechnung dann bei der Versicherung einreichen.

    Wann lohnen sich Krankenversicherungen für Tiere?

    Ist das Haustier krank, kann es teuer werden, vor allem, wenn Hund oder Katze operiert werden müssen, etwa nach einem Knochenbruch. Da werden schnell mehrere tausend Euro fällig. Allerdings sind auch die Versicherungen nicht billig. Ende 2022 ermittelte Finanztest für eine sechs Monate alte Katze, die draußen herumzog, zwischen 65 und 192 Euro Beitrag im Jahr. Ist die Katze älter können es auch schon mal bis zu 592 Euro werden. Auch bei Hunden gibt es Unterschiede bei den Preisen der Policen. So haben manche Rassehunde absehbar Probleme: So neigen Boxer zu Herz-Kreislauferkrankungen, Dalmatiner haben es oft an den Ohren. Ältere Tiere sind teurer, weil anfälliger, größere auch. Wer ein Haustier krankenversichern will, muss also abwägen, ob sich die Ausgaben über die Lebensdauer des Tieres rechnen.

    Geht es auch günstiger?

    Manche Policen bieten eine Selbstbeteiligung an, das senkt die Kosten der Versicherung, man muss dann allerdings im Krankheitsfall auch zahlen. Manch Halter oder Halterin wählt einen anderen Weg: Jeden Monat einfach eine kleine Summe zum Beispiel über einen Sparplan zurücklegen. Auf das Geld kann man im Bedarfsfall zurückgreifen. Bleibt das Tier gesund, bildet sich nebenher noch eine nette Rücklage für später.

  • Pillen-Blockbuster aus Deutschland

    Wie Pharmafirmen am Standort D Hightech-Arzneien entwickeln

    Auch in diesem Herbst wird wieder über Medikamentenknappheit diskutiert. Es fehlen Antibiotika und Fiebersäfte. Dabei hat die hiesige Pharmabranche deutlich mehr zu bieten. Firmen forschen an Medikamenten gegen Alzheimer, Krebs, Sehverlust, entwickeln innovative Heilverfahren. Der Standort ist im internationalen Wettbewerb immer noch vorn dabei. Aus Deutschland kommen vielleicht keine Massenmedikamente mehr, dafür aber zahlreiche Hightech-Arzneien.

    In den vergangenen zehn Jahren entstanden unter anderem Medikamente gegen Diabetes Typ 2 (Altersdiabetes) und damit verbundene Herz-Kreislaufprobleme, gegen Lungenkrebs, Knorpeldefekte, Schuppenflechte und Brustkrebs in Deutschland sowie nicht zuletzt der wesentliche Impfstoff gegen das Corona-Virus. Auch das Verhütungspflaster ist eine maßgeblich deutsche Erfindung.

    Alle diese Medikamente werden international verkauft, zum Teil mit Umsätzen jenseits der Milliardengrenze – sogenannte Blockbuster. Aus Deutschland gingen 2022 Arzneimittel im Wert von 101,64 Milliarden Euro ins Ausland, das entspricht rund 6,5 Prozent aller deutschen Exporte. In der Branche arbeiteten 2022 fast 139.000 Beschäftigte in mehr als 600 pharmazeutischen Unternehmen. „Die pharmazeutische Industrie in Deutschland ist stark mittelständisch geprägt“, sagt Matthias Wilken Geschäftsführer für Märkte und Versorgung des Pharmaindustrieverbands BPI. „Viele Arzneimittel der Grundversorgung werden von kleinen oder mittleren Unternehmen produziert.“

    Bekannt sind jedoch vor allem Traditionsunternehmen wie Bayer, Boehringer Ingelheim, Merck und neue Firmen wie Biontech. Letztere ist zwar bekannt für den Corona-Impfstoff, arbeitet aber hauptsächlich an therapeutischen Impfstoffen gegen Krebs. Sie sollen verbunden mit anderen Medikamenten das Immunsystem des Menschen so anregen, dass es selbst gegen Tumorzellen vorgeht. Ansätze bisher versuchen, diese Zellen mit einem Medikament auszuschalten. Biontech arbeitet mit mRNA, einer Art Plan, nach der die menschliche Zelle dann die Abwehr zum Beispiel des Coronavirus baut. Bei dieser innovativen Technik ist Deutschland nach Angaben des Verbands der forschenden Arzneimittelhersteller (VFA) international besonders stark, sowohl bei der Forschung an Medikamenten als auch in der Herstellung.

    Arzneimittel zu entwickeln, dauert und ist teuer. Von der Idee bis zum fertigen Medikament rechnet die Branche im Schnitt mit 13,5 Jahren. Die Wirkstoffe müssen entdeckt und im Labor geprüft werden. Dann werden sie in drei verschiedenen Phasen getestet, zuletzt in aufwendigen klinischen Studien an sehr vielen Kranken in mehreren Krankenhäusern. Die Studien sollen zeigen, dass das Medikament auch wirklich hilft und die Nebenwirkungen im Rahmen bleiben. In der Regel schafft es nur eins von zehn Medikamenten an den Markt. Die Entwicklungskosten bezifferten die Berater von Deloitte zuletzt auf durchschnittlich rund 2,3 Milliarden Dollar (2,2 Milliarden Euro).

    Ist das Medikament am Markt, verdienen die Konzerne Geld. So setzte Boehringer Ingelheim allein mit dem Diabetes-Medikament Jardiance im vergangenen Jahr 5,8 Milliarden Euro um, Bayer mit dem Blutgerinnungshemmer Xarelto 4,52 Milliarden Euro. Dabei bleibt einiges an Gewinn übrig. Doch irgendwann läuft der Patentschutz aus, bis dahin muss ein Ersatzprodukt entwickelt werden. Sonst steckt ein Unternehmen in Schwierigkeiten. Deshalb gehört Pharma zu jenen Branchen, die besonders viel investieren.

    Boehringer Ingelheim steckte im vergangenen Jahr 4,58 Milliarden Euro in Forschung der Pharmasparte, Bayer 3,4 Milliarden Euro, Merck 1,7 Milliarden Euro. Insgesamt sind es in der deutschen Branche 16,5 Prozent des Umsatzes. Das Geld fließt aber nicht alles nach Deutschland. „Die pharmazeutische Industrie ist global aufgestellt. Die großen deutschen Hersteller forschen und produzieren inzwischen auch im Ausland. Umgekehrt betreiben viele Konzerne aus anderen Ländern Forschung und Werke in Deutschland“, sagt Wilken.

    So hat der der Schweizer Pharmakonzern Roche in Mannheim seinen drittgrößten Standort weltweit, produziert auch Medikamente gegen Krebs am Rhein. Der US-Konzern Abbvie im benachbarten Ludwigshafen arbeitet unter anderem an Medikamenten gegen Alzheimer und Parkinson. Und eines der Topmedikamente des Unternehmens gegen Schuppenflechte stammt ebenfalls aus deutscher Forschung – Boehringer hat es entwickelt. Die französische Sanofi forscht in Frankfurt. Der Stifterverband hat ausgerechnet, dass die gesamte Branche 2021 allein in Deutschland 8,54 Milliarden Euro ausgab.

    Doch der Pharmastandort D leidet. „Deutschland hat Stärken, bleibt aber hinter seinen Möglichkeiten“, sagt ein Manager, der nicht zitiert werden möchte. Unter den nach Umsatz größten Pharmakonzernen der Welt findet sich mit Bayer das erste deutsche Unternehmen auf Rang 6. Davor liegen vier US-Konzerne und die Schweizer Roche. Pfizer, die Nummer 1, ist fast doppelt so groß wie Bayer.

    Und auch bei klinischen Studien hat Deutschland verloren. Die Bundesrepublik lag mal auf Rang zwei hinter den USA. Inzwischen haben China, Großbritannien und Spanien überholt, wie es beim VFA heißt. Papierkram bremst. So dauert es bis zu einem Jahr, bis eine Studie genehmigt ist, zudem wird jede Studie einzeln ausgehandelt. Andere Länder arbeiten mit Standardverträgen.

    Und dann ist da noch die Politik. Aus Sicht der Branche ginge da deutlich mehr als bisher. Eine Sorge: Jede Bundesregierung schraubt an den Regeln des Gesundheitssystems. Oder wie BPI-Manager Wilken es formuliert: „Die Forschung und Entwicklung an neuen Arzneimitteln sind sehr risikoreich. Stabile und verlässliche politische Rahmenbedingungen sind daher sehr wichtig.“