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  • Es läuft so nicht mehr

    Leitungswasser hat anderen Getränken etwas voraus: Es ist ein erstklassiger, Kalorien freier Durstlöscher. Qualität: zu 99 Prozent top. Nur: So selbstverständlich ist das nicht. Nicht mehr. Mancher sagt, Wasser sei das Öl des 21. Jahrhunderts, vor allem seit den Hitzesommern, als an einigen Orten das Wasser knapp wurde. Soll heißen: Man muss gut darauf aufpassen. Aber es geht nicht allein um die Quantität.

    Die Belastungen der Wasservorräte mit Chemie sind bedenklich. Die Nitrate, die Rückstände von Arzneimitteln und neuerdings die PFAS, die auf ewig in der Natur verweilen und vor denen nun die Wasserversorger warnen. Dabei ist es gar nicht so sehr ihr Problem, sondern das ihrer Kunden. Denn die Stoffe müssen rausgefiltert werden. Dafür fehlt weniger die Technik, mehr das Geld.

    Derzeit zahlt der Verbraucher die Rechnung – über die Trinkwassergebühren. Das ist nicht fair. Es sollten diejenigen zur Kasse gebeten werden, die für den Schlamassel sorgen. Anders gesagt: Die Chemieindustrie verdient an den Stoffen, die Kosten fürs Aufräumen sollte sie nicht den Bürgern aufbürden. Für diesen Grundsatz gibt es einen Namen: Verursacherprinzip. Natürlich, da drängen sich „Ja, aber-Sätze“ auf.

    Ja, aber PFAS werden schon seit den 1940er Jahren produziert. Die Industrie wusste das doch alles nicht! Außerdem sind die Stoffe unschlagbar, sie sind hitzebeständig, weisen Fett und Schmutz ab. Es wird nicht ganz ohne gehen! Und: Die Chemieindustrie beklagt doch schon jetzt rückläufige Umsätze. Lasst sie in Ruhe! Das alles ist unbedingt zu besprechen.

    Doch sauberes Wasser ist kein Luxusproblem, das sich verschieben lässt auf bessere Zeiten. Die Politik muss die Chemieindustrie zügig in die Pflicht nehmen, zumindest für das, was kommt. So wie bisher läuft es nicht mehr.

  • Mit Rad in die Bahn

    Ein Fahrgast versucht sein Rad mit den Gepäcktaschen vom Bahnsteig die Stufen hinauf durch die Zugtür und dann um die enge Kurve in das Radabteil zu bugsieren. Puh, das lässt sich überall auf Bahnhöfen bobachten, die Anstrengung ist immer zu sehen. Geht die Fahrradmitnahme in der Bahn entspannter, reibungsloser, ja: ohne Fluchen? Der ein oder andere Trick sei nötig, so Fahrradexperte David Koßmann. Er arbeitet für den Pressedienst Fahrrad und weiß, wie sich bei üblichen nervenaufreibenden Szenen gegensteuern lässt.

    Szene 1: Der Zug fährt ein, plötzlich fängt jemand mit seinem Rad auf dem Bahngleis an zu rennen. Er steht am falschen Abschnitt, nicht dort wie das Radabteil ist.

    „Besser ist es zu wissen, wo das Radabteil ist“, sagt Koßmann. Das lässt sich zum Beispiel in der DB-App sehen, achten Sie aber auch auf Lautsprecherdurchsagen und Hinweise auf Anzeigetafeln zu möglichen Änderungen der Wagenreihung. Sie machen es sich zudem leichter, wenn Sie alle Gepäcktaschen vom Rad abnehmen. Die Bahn schreibt das in ihren Beförderungsbedingungen auch vor.

    Im Fernverkehr hängen Sie ihr Fahrrad dann aufrecht oder diagonal in Fahrradhaken ein. Dann schließen Sie es am besten ab. Im Nahverkehr hingegen müssen Räder ab und zu rangiert werden. Der Fahrradspezialist meint: „Suchen Sie sich da besser einen Sitz- oder Stehplatz in der Nähe Ihres Rads.“ Und: Bevorzugen Sie durchgehende Züge. Jedes Umsteigen: unbequem.

    Szene 2: „Die Fahrkarten bitte!“, ist eine freundliche Stimme zu hören. Und dann: „Wem gehört denn das Fahrrad hier, kann ich mal das Ticket sehen?“

    Für die Mitnahme des Rads ist in der Regel ein eigenes Ticket nötig. Im Fernverkehr innerhalb Deutschlands kostet es ab 7,50 Euro, ein deutschlandweit gültiges Tages-Ticket für den Nahverkehr 6,50 Euro. Inner­halb der regionalen Verbünde gelten unterschiedliche Tarife und Regeln. Kinder unter 14 Jahren können ihre Räder in vielen Verkehrsverbünden zum Beispiel kostenlos mitnehmen. „Informieren Sie sich vorab über die lokalen Regeln“, meint Koßmann, „manchmal gibt es auch Sperrzeiten für die Fahrradmitnahme, weil es etwa im Berufsverkehr schon voll genug ist.“

    Szene 3: Ein schöner sommerlicher Sonntag, warum nicht ein Ausflug ins Grüne? Tja, das dachten sich viele, nun stehen Menschen ratlos vor dem Zug, alle Abstellplätze für Räder sind belegt.

    Eine Mitnahmegarantie gibt es nicht. Experte Koßmann rät: „Achten Sie auf offizielle Übersichtsseiten, welche Züge an welchen Wochentagen und Uhrzeiten als überlastet gelten. Diese sollten Sie, wenn möglich, meiden.“ Anders als im Nahverkehr bestehe in Fernzügen, also in IC, EC und ICE, eine Reservierungspflicht. Die Zahl der Stellplätze sei begrenzt. „In ICE-Zügen gibt es maximal acht Plätze, die Plätze sind begehrt, buchen Sie so früh wie möglich!“ Das geht ab sechs Monaten vorher. Gehen Sie dazu in der Suchmaske zur Online-Reiseauskunft der DB auf Optionen. Setzen Sie dort das Häkchen bei „Fahr­radmitnahme“.

    Fällt der Zug kurzfristig aus oder wird durch einen Ersatzzug ersetzt, erlöscht die Reservierung ersatzlos, rückerstattungsfähig ist sie allerdings schon. Besonderheit für Gruppen ab sechs Personen: Die Fahrradmitnahme kann nicht online, sondern nur bei einer DB-Verkaufsstelle oder telefonisch unter 0302970 gebucht werden.

    Szene 4: „Los, jetzt lassen Sie mich doch noch rein, das passt doch noch“ – jemand fängt an zu drängeln und zu schieben.

    Schaffnerinnen und Schaffner können die Weiterfahrt des Zuges verweigern, wenn das Fahrradabteil überfüllt ist. „Fahrräder möglichst eng, versetzt oder mit entgegengesetzten Lenkern abzustellen, spart Platz“, sagt Koßmann. Doch wenn ein Abteil voll sei, sei es voll. Flucht- und Rettungswege müssten frei bleiben.

    In Nahverkehrszügen der Deutschen Bahn wird durch gelbe Markierungen am Boden angezeigt, wo die Räder stehen dürfen. In manchen Radabteilen steht auch eine Maximalanzahl mitzunehmender Räder an der Wand. Meistens sind die Abteile übrigens gar nicht nur für Räder vorgesehen: Da haben Rollstuhlfahrende den Vortritt, dann Kinderwagen, dann Radfahrende mit Kindern.

    Szene 5: Eine Schaffnerin steht im Radabteil und ruft: „Das Tandem muss hier raus, wem gehört das?“ Sie lässt nicht locker, beim nächsten Halt muss der Besitzer aussteigen.

    Nicht jedes Rad darf mit. „Tandem, Liegerad oder Dreirad können allenfalls in Zügen mit größerer Stellplatzkapazität mitgenommen werden“, so Koßmann. „Das schließt den Fernverkehr quasi aus.“ In Straßenbahnen oder Privatbahnen könne es allerdings Ausnahmen geben – „Fragen Sie in den Reisezentren nach.“ Auf der sicheren Seite sei, wer ein einsitziges Zweirad dabei habe, dessen Reifen bis zu 60 Millimeter breit sind, so dass sie in die Fahrradständer passen.

    Übrigens: Kinderräder mit einem Raddurchmesser von bis zu 16 Zoll sowie Falträder gelten als Gepäckstücke. Sie dürfen kostenlos im Gepäckregal mitreisen. Auch kostenlos: die Mitnahme eines Fahrradanhängers egal ob für Kind oder Hund. Er muss allerdings zusammengeklappt sein.

  • Skimpflation: ein saftiges Geschäft

    Zunächst fällt es beim Einkauf kaum auf. Nicht beim schnellen Griff ins Saftregal. Es hört sich oft auch gut an. Der deutsche Fruchtsafthersteller Eckes-Granini nennt ein Produkt jetzt zum Beispiel „hohes C Juicy Balance Orange“, vorne auf der Verpackung der Hinweis: „40 % weniger Zucker“. Sonst sieht alles dem Fruchtsaft mit dem Namen hohes C ähnlich, den das Unternehmen aus dem rheinland-pfälzischen Nieder-Olm schon seit 1958 herstellt. Er enthält 100 Prozent Fruchtsaft. Juicy Balance nicht. Darin stecken nur 59 Prozent. Der Rest: Wasser mit Aroma und Vitamin C.

    Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg beobachtet das Angebot in deutschen Supermärkten und Discountern genau. Er macht viele Methoden aus, wie Kundinnen und Kunden getäuscht werden bei Preisen und Qualität. Bei dem Saft handele es sich um eine besonders „unauffällige Masche“, „Skimpflation“ genannt. Das ist eine Wortschöpfung aus Inflation und dem englischen „to skimp“. Knausern heißt das, einsparen. Valet: „Da wird Orangensaft gespart, mit Wasser verdünnt.“

    Zählt nicht, dass weniger Zucker drin ist? Das habe nichts mit einer besseren Qualität zu tun, so Valet: „Im Gegenteil muss mit Aromen nachgeholfen werden, damit das Getränk noch nach echtem Fruchtsaft schmeckt.“ Und: Die Herstellungskosten gingen runter, doch nicht entsprechend der Preis. Auch Fleisch, passierte Tomaten, Rapsöl oder Marzipan würden durch günstigere Alternativen wie Wasser, Füllstoffe oder Aromen ersetzt, erklärt er. Und eben Saft, ausgerechnet.

    Die Deutschen sind Weltmeister im Safttrinken: 28 Liter Saft und Nektar trank jede und jeder im vergangenen Jahr, am meisten Orangensaft, dicht gefolgt von Apfelsaft. Doch Saftliebhaber müssen sich auf Änderungen einstellen. Die Zeiten sind nicht die besten, die Ware ist knapp.

    Beispiel Orangensaft: Rund 80 Prozent des global gehandelten Orangensafts stammen aus Brasilien. Er wird meist als Konzentrat exportiert, der frisch gepresste Fruchtsaft also bis auf einen kleinen Teil seines ursprünglichen Volumens eingedickt, der Transport wird so leichter, erst beim Safthersteller wird später das entzogene Wasser wieder zugesetzt. Die Produzenten in Brasilien kämpfen seit Jahren mit einem Bakterium, das eine Orangenkrankheit auslöst und so ganze Plantagen verwüstet. Citrus Greening heißt die Krankheit, auch bekannt als Gelber Drache.

    Auch in Florida macht sie sich breit. Dort hat der Hurrikan Ian der Orangenernte im September 2022 dann den Rest gegeben. „Die Plantagen in Florida werden nicht nachgepflanzt, sie werden jetzt eher zu lukrativerem Bauland“ erklärt Klaus Heitlinger, Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Fruchtsaft-Industrie. Und Orangensaft aus Spanien? „Dort fehlt Wasser,“ sagt Heitlinger. Der Einbruch in der Orangenproduktion habe dazu geführt, dass sich die Preise für die Rohware innerhalb der vergangenen drei Jahre verfünffacht hätten, er liege jetzt für einen Liter bei einem Euro. Dazu kämen Logistik, Verpackung, Handelsspanne und Mehrwertsteuer. So habe sich der Endpreis bei 2,49 bis 2,99 Euro pro konventionellem Liter eingependelt.

    Beispiel Apfelsaft: „Jeder zweite Apfelbaum steht in China“, sagt Heitlinger. Das Land sei der größte Produzent von Apfelsaftkonzentrat, gefolgt von Polen. Doch China habe die Apfelproduktion gedrosselt, seit der Volksrepublik durch den verdeckten Handelskrieg mit den USA dort Abnehmer fehlten. Zudem führten immer wieder Wetterkapriolen zu miesen Ernten, Auch in Deutschland fiel die Apfelernte 2023 darum mager aus. Allerdings wechselten sich schlechte und gute Jahre bei Äpfeln ab. Heitlinger erwartet in Deutschland 2024 mehr Äpfel. Doch mit der Lage auf dem Gesamtmarkt sei der Preis für Apfelsaft gestiegen.

    Und wie steht es etwa um Johannisbeersaft? Die kleinen Früchte kämen zumeist aus Polen, sagt Heitlinger, die Produktion sei stabil. Allerdings seien Johannisbeeren ohnehin teuer. Der Konsum sinkt. Die Deutschen sparten sich teuren Saft.

    „Sonderangebote, um Säfte anzupreisen, nehmen gerade zu“, sagt Heitlinger. Langfristig wird es aber kaum billiger werden. Heitlingers Prognose: „Der Anteil der 100-Prozent-Säfte wird abnehmen.“

    Marktführer Eckes-Granini erklärte zum Produkt „hohes C Juicy Balance Orange“ dieser Zeitung wie zuvor auch schon den Verbraucherschützern, die auf dem Portal lebensmittelklarheit.de mögliche Irreführungen beim Einkauf von Nahrungsmitteln sammeln: die Minderung des Zuckergehalts habe „eine besondere Priorität“, geachtet werde „auf die vielfältigen Wünsche der Konsument:innen“. Die höheren Preise begründet das Unternehmen mit den steigenden Rohstoffpreisen.

    Verbraucherschützer Valet rät den Saftfans: „Im puren Saft steckt viel Zucker. Es ist richtig, ihn mit Wasser zu trinken. Aber lassen Sie sich für Wasser nicht viel Geld von den Herstellern abknöpfen, verdünnen Sie den Saft zuhause einfach selbst. Das kostet Sie praktisch nichts.“ Und: „Achten Sie auf die Rezepturen.“ Längst würden zum Beispiel auch Mango- und Maracujasaft mit Wasser gestreckt oder stecke in Apfelschorlen weniger Apfelsaft als zuvor.

  • Ein Jahr ohne Akw

    Energie liefern vor allem Wind und Sonne

    Seit einem Jahr wird in Deutschland kein Atomstrom mehr erzeugt. Der Ausstieg war umstritten. Auch jetzt fordern Politiker immer wieder, die Anlagen ans Netz zu nehmen. Leidet der Verbraucher? Ein Blick auf die Lage am deutschen Strommarkt.

    Was ist passiert und warum?

    Am 15. April 2023 sind die drei letzten deutschen Atomkraftwerke Emsland, Isar 2 und Neckarwestheim 2 vom Netz gegangen. Es war der letzte Akt des Ausstiegs, der 2000 mit dem Atomkonsens der damals rot-grünen Bundesregierung begonnen hatte. 2011 beschloss die schwarz-gelbe Regierung das Aus bis Ende 2022. Die Ampel verlängerte die Laufzeit wegen Unsicherheit am Energiemarkt infolge des Ukraine-Kriegs bis Mitte April 2023.

    Wie sieht der deutsche Strommix jetzt aus?

    Erneuerbare Energieträger wie Wind und Sonne lieferten 2023 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 56 Prozent des eingespeisten Stroms, darunter Windkraft allein 31 Prozent. Unter den konventionellen Energieträgern kam Kohle auf 21,3 Prozent. Aus Atomkraft stammten 1,5 Prozent. 2022 stammten 46,3 Prozent aus erneuerbaren Quellen, Akw lieferten 6,4 Prozent.

    Wie hat sich der Strompreis entwickelt?

    Wie stark das Aus der Atomkraft den Strompreis beeinflusst hat, ist schwer zu sagen. Nach Zahlen des Energieverbands BDEW muss ein Haushalt, der rund 3500 Kilowattstunden Strom im Jahr verbraucht, in diesem Frühjahr rund 18,69 Cent je Kilowattstunde zahlen. 2023 waren es 23,83 Cent, 2022 gut 16,97 Cent. Hier machen sich die Folgen des Ukraine-Krieges bemerkbar. In den Jahren davor bewegte sich der Strompreis für Verbraucher zwischen sechs und acht Cent. Dazu kommen jeweils noch Netzentgelt, Umlagen, Steuern.

    Kann Deutschland genug eigenen Strom erzeugen?

    Deutschland ist eingebunden in das europäische Energienetz, das Schwankungen ausgleicht. So exportiert die Bundesrepublik manchmal Strom, manchmal importiert sie ihn. 2023 wurde mehr eingeführt als ausgeführt. Die Menge entsprach rund zwei Prozent des Bruttostromverbrauchs. Dieser Strom hätte nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums auch aus deutschen Kohle- oder Gaskraftwerken stammen können, die aber nicht hochgefahren wurden. Ein Grund: Strom aus dem Ausland etwa Dänemark war billiger.

    Ist die Gefahr eines Blackouts gestiegen?

    2022 – mit drei Atomkraftwerken – fiel der Strom nach Angaben aus dem Bundeswirtschaftsministerium im Schnitt 12,2 Minuten aus, der zweitniedrigste Wert seit 2006. Damals waren noch 17 Akw am Netz. Daten für 2023 liegen noch nicht vor. Bisher gleichen Stromnetz und konventionelle Kraftwerke Schwankungen aus. Sollte länger weder Wind wehen noch genug Sonne scheinen, wird es eng. Große Stromspeicher fehlen, das Netz muss ausgebaut werden.

    Was passiert mit den abgeschalteten Anlagen?

    Sie werden abgerissen. Das dauert wegen des radioaktiven Materials 15 Jahre oder mehr. Zurück bleibt ein neues Gewerbegebiet oder Natur.

    Lassen sich die letzten drei abgeschalteten Akw wieder hochfahren?

    Technisch wäre es wahrscheinlich möglich. Weil die Betreiber EnBW, Eon und RWE sich auf den Ausstieg eingestellt hatten, wurde kein neues Personal ausgebildet. Auch fehlen Brennstäbe. Zudem müssten alle Anlagen eine aufwendige Sicherheitsprüfung durchlaufen, was Jahre dauert. Für die Betreiber ist das Thema abgeschlossen – zu risikoreich, zu viel strahlender Abfall, zu teuer. Die US-Investmentbank Lazard bezifferte die Stromerzeugungskosten der Atomenergie 2021 auf rund 167 Dollar je Megawattstunde, für Wind und Solar lagen sie unter 50 Dollar. „Atomenergie“, sagt ein hochrangiger deutscher Manager im Hintergrund, „ist wirtschaftlich völlig uninteressant.“

    Wie sieht die Stromstrategie Deutschlands aus?

    Bis 2030 soll der Anteil erneuerbarer Quellen am Strommix auf mindestens 80 Prozent steigen. Die Bundesregierung hat das Vergaberecht beschleunigt. Inzwischen werden auch neue Stromtrassen zwischen Nord- und Süddeutschland gebaut. Die hatte vor allem Bayern jahrelang blockiert. Sie sind für die Wirtschaft wichtig, weil der meiste grüne Strom aus dem Norden stammt, im Süden dafür sehr viele Firmen sitzen, die die Energie brauchen. Das Problem wird verschärft, weil die Kohlekraftwerke in Deutschland abgeschaltet werden sollen.

    Frankreich und Großbritannien bauen neue Akw. Wäre das in Deutschland möglich?

    Die komplizierte Planung nebst zahlreichen Klagen dürfte neue Atomkraftwerke in Deutschland auf Jahre verhindern. Die durchschnittliche Bauzeit liegt nach Angaben des World Nuclear Industry Status Report bei gut zehn Jahren. Die Kosten sind hoch. Frankreichs staatlicher Stromkonzern EdF ist beim Vorzeigereaktor in der Normandie zwölf Jahre in Verzug, er soll jetzt 13,2 statt 3,3 Milliarden Euro kosten.

    Wie wahrscheinlich sind neuartige, auch kleinere Akw-Typen?

    Viele existieren bisher nur auf dem Papier. Experten wie Christian von Hirschhausen von der Technischen Universität Berlin erwarten marktreife Anlagen frühestens in vier Jahrzehnten. Und die meisten erzeugen ebenfalls Atommüll.

    Was passiert mit dem bestehenden Atommüll?

    Die rund 27.000 Kubikmeter hochradioaktiven Atommülls aus deutschen Akw sollen tief in der Erde sicher verstaut werden. Ein geeigneter Standort wird gesucht, er wird frühestens in 20 Jahren festliegen. Derzeit lagert der Atommüll von mehreren Jahrzehnten Akw-Betrieb an den Kraftwerken und in den Zwischenlagern Ahaus und Lubmin.

  • Die Gefahr der Klebezettel

    So sind sie sicherer digital unterwegs

    Auch wenn Deutschland im internationalen Vergleich langsam ist, setzen sich digitale Dienste durch. Geld zum Geburtstag der Enkelin lässt sich vom Sofa aus überweisen; das Ferienhaus in Spanien oder das Hotel ist per Mobiltelefon buchbar; wer auf der Autobahn unterwegs ist, bekommt automatisch aktuelle Staumeldungen und Tipps, sie zu umfahren. Möglich macht das das Internet. Und wie im echten Leben kann alles gut gehen oder das Schnäppchen erweist sich als teurer Fehlkauf, der freundliche Herr im Chat als fieser Trickser. 20 (vermeintliche) Wahrheiten für mehr Sicherheit im Internet.

    1. Je länger das Passwort, desto besser.

    Stimmt. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI) empfiehlt eine Länge von mindestens acht Zeichen. Je länger es ist, desto schwerer ist es herauszufinden. Verwendet werden sollten Groß- und Kleinbuchstaben, Ziffern und Sonderzeichen. Das Passwort sollte nicht im Wörterbuch vorkommen. 123456 oder qwertz, die Buchstaben der obersten Tastaturreihe, sind sehr leicht zu knacken. Das gilt auch für iloveyou oder den eigenen Geburtstag.

    2. Drei Passwörter reichen aus, eines für Geldgeschäfte, eines für Social Media, eines für Mails und alles andere.

    Falsch. Grundsätzlich gilt: Für jedes Online- oder Benutzerkonto sollte ein eigenes, sicheres Passwort eingerichtet werden. So ist nur ein Konto gefährdet, wenn jemand sich illegal ein Passwort verschafft.

    3. Komplizierte Buchstaben und Zahlenkombinationen, die ein Onlineanbieter als Passwort vorschlägt, sind sicher.

    Im Prinzip sind lange Passwörter aus Buchstaben und Zahlen sicher. Gibt ein Anbieter ein solches Passwort vor, empfiehlt das BSI, es dennoch sofort zu ändern. Zum einen, weil man es sich kaum merken kann, zum anderen, weil unsicher ist, ob jemand Zugriff auf das Passwort hatte.

    4. Passwörter sollen regelmäßig gewechselt werden.

    Stimmt. Es erhöht die Sicherheit. Sollten Diebe etwa bei einem E-Mail-Anbieter Daten gestohlen haben, wird das nicht immer öffentlich. Dass Passwort etwa alle sechs Monate zu wechseln, schützt davor.

    5. Ich darf Passwörter nicht aufschreiben.

    Passwörter auf einen Klebezettel zu schreiben und an den Computerbildschirm zu hängen, widerspricht dem Sinn des Schutzes. Eine Liste mit Passwörtern anzulegen ist möglich, sie sollte nur nicht offensichtlich herumliegen. Gute Möglichkeiten, Passwörter sicher zu speichern bieten auch Passwort-Manager im Internet. Für die ist dann nur ein Masterpasswort nötig.

    6. Zusätzlich zum Passwort per Mobiltelefon eine PIN, den Fingerabdruck oder die Gesichtserkennung abzufragen, ist Schikane.

    Falsch, auch wenn manche das so empfinden. Die sogenannte Zwei-Faktor-Authentifizierung macht zum Beispiel Onlineeinkauf und Bankgeschäfte im Internet sicherer. Haben sich Gauner Anmeldenamen und Passwort eines Kontos erschlichen, können sie immer noch nicht darauf zugreifen, wenn zusätzlich auf dem Mobiltelefon die Anmeldung freigegeben werden muss.

    7. Mails, die ich nicht bestellt habe, kann ich nicht verhindern.

    Falsch. Zumindest, wenn der Absender in Deutschland sitzt, lässt sich unerwünschte Werbung per E-Mail blockieren. Dafür gibt es Sperrlisten, in die sich jeder kostenlos eintragen kann. Beim Interessenverband Deutsches Internet findet sie sich unter www.robinsonliste.de, beim Deutschen Dialogmarketing Verband unter www.ichhabediewahl.de. Hier lässt sich auch unerwünschte Werbung per Mobiltelefon sperren.

    8. Ich bekomme Mails und SMS von Banken und Paketdiensten, die mich auffordern, Daten zu aktualisieren. Das ist gefährlich.

    Stimmt. Nicht jede Mail oder SMS ist gut gemeint. Meist sehen sie täuschend echt aus, kommen aber von Betrügern, die sich so Zugang zum Computer, Mobiltelefon oder gar Bankkonto verschaffen wollen. Grundsätzlich verschicken Banken und Versicherungen keine Mails oder SMS, die auffordern, zum Beispiel Passwörter oder PIN einzugeben.

    9. Nicht alles, was frei zugänglich ist, etwa die Google-Suche oder Kartendienste, Facebook oder Whatsapp, ist kostenlos.

    Stimmt. Wer zum Beispiel Facebook nutzt oder die Google-Suche, bezahlt nur nicht mit Geld, sondern mit Daten, etwa seinem Suchverhalten oder Informationen über die Internetseiten, die man ansteuert. Diese Informationen helfen den Unternehmen, Werbung gezielter abzustimmen – mehr Angebote für Kinderkleidung etwa bei jemandem, der sich Kinderwagen angesehen hat.

    10. Mein Rechner ist zehn Jahre alt und läuft noch gut.

    Stimmt vielleicht, sicher ist er dann aber nur, wenn die Software regelmäßig auf den neuesten Stand gebracht wird. Wer einen Computer mit sehr alten Programmen nutzt und damit auch ins Internet geht, macht sich angreifbar. Solche Programme enthalten oft noch Sicherheitslücken, die bei neueren Versionen geschlossen sind. Auch internetfähige Mobiltelefone und ihre Software sollten immer auf dem neuesten Stand sein.

    11. Mit Firewall und Virenschutz ist mein Rechner geschützt.

    Stimmt. Diese Programme schützen vor vielen Angriffen. Dennoch sollten Sie vorsichtig sein, welche Internetseiten Sie öffnen und wo Sie Programme Sie herunterladen. Die Seiten sollten verschlüsselt sein, was an der Abkürzung „https://“ oder einem Schlosssymbol in der Adresszeile zu erkennen ist. Sieht eine Seite unseriös aus, suchen sie über die Internetsuche Erfahrungsberichte.

    12. Das Wlan im Hotel oder der Bahn ist sicher.

    Nicht unbedingt. Öffentliches Wlan ist oft nicht verschlüsselt. Jeder, der das Netzwerk auch nutzt, könnte an Daten auf ihrem Rechner, Tablet oder Mobiltelefon kommen. Einen gewissen Schutz bieten den Verbraucherzentralen zufolge auch hier verschlüsselte Internetseiten, deren Adressen mit https beginnen. Um sicher zu gehen, sollten Sie zum Beispiel keine Bankgeschäfte über solch öffentliche Netze abwickeln.

    13. Cookies zu verweigern, bedeutet, weniger Werbung zu bekommen.

    Falsch. Cookies sind sehr kleine Dateien, die manche Internetseiten auf dem Rechner speichern, um schneller zu laden oder Videos abspielen zu können. Manche helfen, Werbung gezielt nach den Vorlieben der Person anzuzeigen, die eine Internetseite ansteuert. Wer alle Cookies blockiert, bekommt weiter Werbung, aber eben allgemeinere.

    14. Vergleichsportale, zum Beispiel für Stromverträge oder Kredite sind zuverlässig.

    Im Prinzip. Solche Portale sind Makler, die für einen Vertragsabschluss über ihre Seite Provision bekommen. Manche zeigen nur Angebote von Anbietern, mit denen sie einen Vertrag geschlossen haben. Die Verbraucherzentralen empfehlen, am besten bei mehreren Portalen zu suchen. So lässt sich der günstigste Anbieter finden.

    15. Hotels im Internet direkt zu buchen ist billiger als über Portale wie Booking.com, Hotels.de oder HRS.

    Stimmt oft, aber nicht immer. In der Regel vermitteln solche Portale nur Unterkünfte. Die Internetseite zu programmieren und aktuell zu halten, kostet Geld. Das muss ein Kunde mitbezahlen, wenn er einen solchen Dienst nutzt. Direkt beim Hotel zu buchen, kann deshalb günstiger sein. Dafür bieten die Portale eine große Auswahl und vor allem für Länder, deren Sprache man nicht versteht und deren Regeln man nicht kennt, eine mehr Sicherheit.

    16. Online-Einkauf im EU-Ausland ist kompliziert.

    Falsch. In der EU gelten einheitliche Regeln für den Onlinehandel, etwa eine 14-tägiges Widerrufsrecht. Über Zusatzkosten muss informiert werden, wie die Verbraucherzentralen berichten. Die Versandkosten können allerdings hoch sein, wenn die Ware etwa von Spanien nach Deutschland geschickt wird. Einfuhrzölle fallen in der Regel nicht an. Wer in den USA, Großbritannien oder China bestellt, muss mit Zöllen, hohen Versandkosten und zusätzlichen Steuern rechnen – ganz abgesehen von rechtlichen Bestimmungen, die von denen in der EU abweichen.

    17. Nicht jedes Schnäppchen im Internet ist ein Schnäppchen.

    Stimmt. Es gibt Internetseiten, die manche Produkte in großer Menge kaufen und deshalb günstiger verkaufen können. Stutzig werden sollte, wer Designerlampen, Luxuskleidung oder sehr hochwertige Kameras zum Drittel oder gar zur Hälfte des üblichen Preises angeboten sieht, der im nahen Geschäft gefordert wird. Betrüger fälschen ganze Internetseiten nebst Bewertungen und Bezahlmöglichkeiten. Die Suche nach Erfahrungen mit dem Shop etwa in Google bringen meist Hinweise, wie seriös der Anbieter ist.

    18. Mein Wlan-Router, über den ich Internet im Haus empfange, ist sicher.

    Stimmt, wenn er mit einem Passwort geschützt und die Verbindung verschlüsselt ist. Es sollte ebenfalls lang und kompliziert sein. Ohne einen solchen Schutz können andere den privaten Internetzugang kostenlos nutzen und im Zweifel Straftaten begehen, die auf diejenigen zurückfallen, die den Router angeschlossen haben.

    19. Meine Heizung hat eine Computersteuerung und kann deshalb gehackt werden.

    Nur, wenn der Heizungsrechner mit dem Internet oder eigenen Wlan verbunden und nicht verschlüsselt ist. Auch hier ist ein Passwort wichtig. Dass jemand absichtlich die Heizung im Winter herunterregelt, ist unwahrscheinlich. In der Regel greifen Profihacker Industrieanlagen an.

    20. Wenn ich sterbe, werden alle Konten im Internet automatisch gelöscht.

    Falsch. Die Hinterbliebenen erben alle Konten und müssen sie jeweils einzeln kündigen, Abonnements beenden. Es empfiehlt sich, eine Liste mit Internetseiten, Anmeldenamen und Passworten anzulegen und regelmäßig zu aktualisieren.

  • Zu früh

    Kommentar zu Zinssenkungen

    Für eine Zinssenkung ist es zu früh

    Die EZB hält sich zurück. Die Lage ist zu unübersichtlich für schnelles Handeln

    Von Björn Hartmann

    Ach, wäre das schön gewesen! Man stelle sich vor: Die Europäische Zentralbank senkt die Leitzinsen um 0,25 Prozentpunkte, wie sich viele auch deutsche Politiker das wünschen. Geld wird billiger, Kredite auch. Die Unternehmen investieren mehr. Die Wirtschaft wird ankurbelt. Allein: Die gesamtwirtschaftliche Realität in der Euro-Zone ist nicht so. Deshalb belässt die Notenbank den wichtigen Leitzins bei 4,5 Prozent – zu Recht.

    Die Aufgabe der EZB ist, die Preise möglichst stabil zu halten. Und zwar in der gesamten Euro-Zone, nicht nur in Deutschland. Für eine Zinssenkung steigen sie noch zu stark. In der Euro-Zone betrug die Inflationsrate im März 2,4 Prozent. Das ist deutlich weniger als der Spitzenwert von 10,6 Prozent aus dem Oktober 2022. Doch die EZB strebt nahe zwei Prozent an – ein Wert, der als richtig für gesundes Wirtschaftswachstum gilt.

    Die Zeit ist, wie Notenbank-Chefin Christine Lagarde sagt, noch nicht reif, die Zinsen zu senken. Die Notenbank möchte sicher gehen, dass die Inflation wirklich zurückgeht. Noch steigen europaweit die Löhne tendenziell, was mehr Nachfrage bedeutet und höhere Preise bedingen kann. Und die Kerninflation, bei der die derzeit fallenden Lebensmittel- und Energiepreise herausgerechnet sind, liegt bei 2,9 Prozent. Eine gewisse Sicherheit ist wesentlich für die EZB. Die Zinsen zu senken und sie dann wieder erhöhen zu müssen, weil die Notenbank die Lage falsch eingeschätzt hat und die Inflation wieder steigt, wäre gefährlich, weil es Vertrauen verspielt – eine wichtige Währung an den Finanzmärkten, ohne die die Wirtschaft nirgends richtig läuft.

    Und auch wenn die EZB unabhängig über die Leitzinsen entscheidet, blickt sie dennoch in die USA. Schon wegen des internationalen Finanzgefüges, in dem Euro und Dollar wichtig sind. In Washington hält die mächtige Notenbank Fed die Leitzinsen derzeit hoch. Auch dort ist die Inflation gesunken, doch die Wirtschaft läuft trotz der hohen Zinsen sehr gut – unter anderem wegen der staatlichen Subventionen im Zuge des Inflation Reduction Acts, der klimafreundliche Energien fördern soll. In dieser Situation die Zinsen zu senken, könnte die Teuerung befeuern, was die Fed verhindern will.

    Im Juni, bei der nächsten Sitzung des EZB-Rates mag sich die Lage stabilisiert haben, der Ausblick klarer sein. Die Notenbank könnte dann die Zinsen senken. Dass es jetzt nicht passiert, ist für die deutschen Sparer mit ihrem Hang zu Fest- und Tagesgeldkonten eine gute Nachricht. Die Banken würden die Sparzinsen sonst wahrscheinlich sofort senken. Für deutsche Politiker ist die Nachricht eher schlecht. So gern sie niedrigere Zinsen sähen, sie müssen die heimische Wirtschaft doch anders in Schwung bringen – zum Beispiel mit klareren Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie, finanzieller Entlastung.

  • Resteverwerter der Finanzkrise

    Seit 2010 wird die Hypo Real Estate abgewickelt

    Für die Bundesrepublik ist der Vorgang beispiellos: Ende März 2009 steigt der Staat bei der Hypo Real Estate (HRE) ein, wenige Monate später ist die Bank verstaatlicht. Und noch heute, 15 Jahre später, arbeiten in München mehrere hundert Beschäftigte daran, die Reste des einst mächtigen Kreditinstituts abzuwickeln. Ein Ende ist bisher nicht abzusehen.

    „Wir blicken auf ein sehr erfolgreiches Geschäftsjahr zurück“, sagt Christoph Müller, Vorstandssprecher der FMS-Wertmanagement, als er die Zahlen für 2023 vorlegt. FMS steht für Finanzmarktstabilität. Der etwas spröde Name bezeichnet genau, womit sich die Firma in München beschäftigt, seit sie der Staat 2010 gegründet hat: Das, was die HRE an Geschäft hatte, möglichst gewinnbringend zu verkaufen.

    175,7 Milliarden Euro war das Geschäft, mit dem die Abwickler starteten, auf dem Papier wert. Inzwischen sind es nur noch 44,4 Milliarden Euro. Allein im vergangenen Jahr verkauften sie Anlagen im Wert von fünf Milliarden Euro. Im laufenden Jahr sollen Papiere für weitere fünf bis sechs Milliarden Euro verkauft werden – an Investoren, die darin ein Geschäft sehen. Interessenten gebe es viele, sagt Vorstandsmitglied Carola Falkner.

    Die HRE hatte vor allem Kredite ausgegeben und Anleihen übernommen – weltweit: für Gewerbeimmobilien, für staatliche Infrastruktur wie Autobahnen, Brücken, Häfen, für Kommunen und Regionen. Sie beschaffte sich Geld, um die Kredite überhaupt vergeben zu können. Und sie sicherte die Kredite mit komplexen Finanzgeschäften ab. Klassisches Geschäft eben. Dann kommt die Krise.

    2008 sieht es sehr eng aus für das weltweite Finanzsystem. In den USA können viele ihre Immobilienkredite nicht mehr bezahlen, Banken geraten in Schieflage. Drei Institute hat die US-Regierung gerettet, die Investmentbank Lehman Brothers aber geht bankrott. Weltweit vertrauen sich Kreditinstitute nicht mehr, leihen sich kein Geld. In Deutschland trifft es die HRE. Der Bund verstaatlicht die Bank 2009, um Schlimmeres zu verhindern.

    Ursprünglich sollte die FMS sich bis 2020 überflüssig machen. Doch die Aufgabe war schwieriger als zunächst gedacht. Dann wurde über 2025 nachgedacht. derzeit sieht es aber aus, als bestünde das Abwicklungsunternehmen länger. Chef Müller spricht zwar von großen Fortschritten beim Verkauf, aber es wird eben auch immer schwieriger. Denn das, für das sich leicht Interessenten finden, ist bereits weg.

    Was noch da ist, hat eine komplizierte Struktur oder läuft sehr lange. Einiges wird erst nach 2060 fällig, teils 2078. Der Markt für solches Geschäft ist eher illiquide, wie Falkner sagt – im Klartext: Niemand will es haben. Dann ist da die Zeit, aus der die Produkte stammen: „Viele wurden vor der Finanzkrise erstellt, daran hängen komplizierte Sicherungsgeschäfte“, sagt Falkner. Investoren heute, gerade bei den hohen Zinsen, bevorzugten einfache Produkte.

    Müller, Falkner und das Team von rund 216 Beschäftigten arbeitet auch daran, das eigene Geschäft zu vereinfachen. Statt mit fast 3200 Kunden hat das Unternehmen nur noch mit 421 in 28 statt 66 Ländern zu tun, vor allem in der EU. Von Vorteil ist, dass die Schuldner größtenteils einen staatlichen Hintergrund haben, ihre Bonität gut oder sehr gut ist. Und das Unternehmen verdient Geld mit den alten HRE-Papieren.

    Allein 2023 betrug der Gewinn 96 Millionen Euro. Chef Müller rechnet mit weiterem Gewinnen in den kommenden Jahren. Seit 2012 kamen insgesamt rund 2,42 Milliarden Euro zusammen, die das Unternehmen in die Rücklagen steckte. Ob der Bund noch einmal Geld nachschießen muss oder die Reste der HRE zumindest eine schwarze Null liefern, ist offen. Denn in den Tiefen der Bücher schlummern noch stille Lasten von 9,6 Milliarden Euro – der Unterschied zwischen dem Wert, den bestimmte Papiere einmal hatten, und dem, der in den Büchern steht. Still sind die Lasten, weil sie erst zum Tragen kommen, wenn etwa die gesamte FMS an einen Käufer gehen sollte.

    Deshalb rechnet der Vorstand jetzt damit, dass die HRE-Reste auch die kommenden Jahre noch abgewickelt werden. Ein konkretes Enddatum will Müller nicht nennen. Dafür ist dann doch alles etwas unsicher.

  • Wette auf die grüne Zukunft

    Der größte Klimafonds Europas

    Linienstraße, Berlin-Mitte. Die Häuser hier könnten Farbe vertragen. Gegenüber dem Café ein verlorenes Rasenstück, um die Ecke die etwas anarchistische Volksbühne, der Neubau des Suhrkamp-Verlags, die U-Bahn. Doch der erste Eindruck täuscht. In den Altbauten hier sitzen zahlreiche Investoren und viele junge Firmen. Danijel Viševi? kommt mit einem etwas angestaubten Rad. Und auch er sieht nicht aus wie jemand, der den bisher größten Risikokapital-Klimafonds Europas aufgelegt hat: 300 Millionen Euro.

    Das Geld steckt in Firmen mit sehr unterschiedlichen Produkten. Sie reichen von Kakao- und Fleischersatz ohne Ackerbau über integrierte Solardächer bis Quantencomputer, von Batteriespeichern und -recycling über serielle Gebäudesanierung bis zu Fabriken im All. Alles junge Unternehmen, Start-ups, die im industriellen Maßstab arbeiten können, wenn das Produkt fertig ist, und deren Technologie die Chancen bietet, auf sehr viel klimaschädliches CO2 zu verzichten.

    Viševi? hat Volkswirtschaft studiert, für Zeitungen und Rundfunk gearbeitet. „Ich dachte, wenn ich als Journalist über Gründer berichte, die im Klimabereich besonders viel bewegen, rüttelt das die Menschen auf, mehr zu tun“, sagt er später im Café über einem Müsli. „Der wahre Hebel sind aber die Unternehmen, das Unternehmertum an sich.“ Und der technische Fortschritt. „Wir verfügen in Deutschland über führende Klimatechnologien, weil unsere Forschung führend ist. Und wir haben auch mit die meisten Gründungen weltweit in diesem Bereich. Was fehlt, ist die Finanzierung. Das Kapital.“

    Dabei geben viele spezialisierte Fonds, Anlagefirmen großer Familien, Business Angels genannte Einzelinvestoren jungen Unternehmen Geld. Auch der Staat finanziert Start-ups, etwa die Sprunginnovationsagentur der Bundesregierung, der Hightech-Gründerfonds HTGF und der Deep Tech and Climate Fonds. Insgesamt flossen 2023 rund 2,5 Milliarden Euro Risikokapital, in der Branche Venture Capital oder VC genannt, in deutsche Unternehmen, wie der Bundesverband Beteiligungskapital berichtet. 1,1 Milliarden Euro weniger als im Jahr davor. Der Bedarf ist seit Jahren höher.

    Mit dieser Erkenntnis taten sich Viševi?, Daria Saharova und Tim Schumacher 2020 zusammen, um das Geldproblem der jungen Technologiefirmen zumindest zu verringern und die Klimawende voranzutreiben. 2021 gründeten sie World Fund. Sitz ist Berlin, wo die meisten der derzeit 20 Beschäftigten arbeiten. Standorte hat das Unternehmen auch in Amsterdam, Köln und München. World Fund legte einen ersten Fonds auf, beschaffte Investoren, sucht die Start-ups, in die der Fonds investiert und dafür Firmenanteile bekommt.

    Mehr als 200 Investoren aus dem europäischen Mittelstand gaben Geld. Dabei sind auch ein deutscher Rückversicherer, eine Stiftung, eine deutsche und eine französische Bank, zwei britische und ein kroatischer Pensionsfonds und ein litauischer Energieversorger. Sie alle hoffen darauf, dass das Team von World Fund mit seinen Anlagen richtig liegt, idealerweise alle dieser Firmen durchstarten und die Anteile mit Gewinn verkauft werden können. Der Fonds von World Fund läuft zehn Jahre. Spätestens dann sollen die Beteiligungen verkauft werden.

    Die 300 Millionen Euro hat der Fonds noch nicht komplett investiert. Anteile hält er an 15 Firmen, zehn bis 15 weitere sollen hinzukommen Und: „Wir haben etwa zwei Drittel unseres Kapitals reserviert, um den Firmen in Folgerunden weitere zehn und bis 25 Millionen Euro bereitstellen zu können“, sagt Viševi?. Ein übliches Vorgehen in der Branche. Junge Firmen brauchen meist zum Start in der sogenannten Frühphase etwa eine Million Euro. Um ein Produkt zu entwickeln, einen Prototypen zu bauen, sind weitere fünf bis zehn Millionen Euro nötig. Danach hilft Kapital, um zu wachsen.

    Und wie findet World Fund die Start-ups, die eine Investition lohnen? „Viele Unternehmen kommen auf uns zu, wenn sie Geld brauchen“, sagt Viševi?. „Wir arbeiten aber auch mit Universitäten zusammen, etwa die RWTH in Aachen, die TU in München, die ETH in Zürich oder das KIT in Karlsruhe. Dort entstehen die Ideen.“ Zudem haben die Gründer von World Fund jede Menge Kontakte. „Wir sind tief drin im VC-System und seit Jahrzehnten sehr gut in der Gründerszene vernetzt“, sagt Viševi?, der unter Passanten vor dem Café immer wieder jemanden erkennt.

    Er selbst hat unter anderem für einen Wagniskapitalgeber gearbeitet. Saharova war beim VC-Arm des Heizungsbauers Viessmann, bevor sie World Fund mitgründete. Schumacher ist Business Angel und Mehrfachgründer. Craig Douglas aus dem Führungsteam hat Fonds-Erfahrung und berät die EU-Kommission in Energiefragen. Viele andere Mitarbeiter sind ebenfalls Gründer, kennen sich in der Szene aus. Zudem hilft ein Team von Beratern, etwa von der TU Berlin, Max-Planck-Instituten, Fraunhofer-Instituten, dem Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt DLR und dem Weltklimarat IPCC.

    Davon profitieren auch die Start-ups, die nicht nur Geld aus dem Fonds bekommen. Das World-Fund-Team berät auch und knüpft Kontakte, etwa zwischen Planet A Foods, die kakaofreie Schokolade entwickelt haben, und der Handelskette Rewe.

    Viševi? muss zum nächsten Termin und schwingt sich aufs Fahrrad. Der erste Fonds ist geschlossen, neue Investoren werden nicht mehr aufgenommen. Das World-Fund-Team arbeitet aber bereits am zweiten Fonds. Er soll noch größer werden.

  • Wie sich Wasser recyceln lässt

    Auf der Internationalen Weltraumstation ISS haben sie das Wassersparen perfektioniert. Die Astronauten recyceln sogar ihren gereinigten Urin. So weit muss es unten auf der Erde nicht gehen, doch auch Deutschland muss sich rüsten für Zeiten mit weniger Wasser.

    Wolf Merkel befasst sich mit neuen Ideen gegen Wassermangel, er ist Vorstand des Deutschen Vereins des Gas- und Wasserfaches (DVGW) und fordert: „Wir müssen mit der Ressource Wasser sorgsamer umgehen. Zwar lassen die Niederschläge der vergangenen Woche manche Felder unter Wasser stehen. Das heißt aber nicht, dass wir uns einfach zurücklehnen können. Wir müssen uns auf trockenere Zeiten einstellen.“

    Mit dem Klimawandel werden die Sommer heißer, der Regen fällt immer öfter sturzflutartig, dann wieder gar nicht. Zugleich ändert sich die industrielle Landkarte Deutschland. Kohlekraftwerke, die viel Wasser brauchen, schließen zwar. Doch siedeln sich neue, ebenso durstige Unternehmen an. Merkel sagt darum: „Wasser wird zum Standortfaktor für die deutsche Wirtschaft.“

    Das zeigte sich bereits bei der neuen Giga-Fabrik des US-Elektroautobauers Tesla im brandenburgischen Grünheide, die schon allein für die sanitären Anlagen für Mitarbeitende Wasser braucht. Aber zum Beispiel auch Rechenzentren, die jetzt gebaut werden sollen, sind im Betrieb auf viel Wasser angewiesen – zum Kühlen. Dazu kommen die Arbeitnehmenden, die nahe einer neuen Fabrik und ihrem neuen Job wohnen wollen.

    Nichts zu unternehmen, brächte Deutschland in kommenden Trockenperioden mancherorts in eine schwierige Lage. Zumal auch die Landwirtschaft ihren Spargel, ihre Getreide, ihre Felder mit ausreichend Wasser versorgt wissen will. Verteilungskämpfe können drohen. Dem will Merkel vorbauen – mit genauen Analysen und Prognosen des Bedarfs und einem anderen Umgang mit Wasser. Er steht damit nicht allein. Die EU entwickelt derzeit Richtlinien zur Wiederverwendung von Wasser, genauer: von gereinigtem Abwasser. Nur: Wo funktioniert das wirklich?

    1. „Hohes Potenzial“ in der Industrie
      Bisher rauscht das Wasser, das in Fabriken genutzt wird, genau wie das aus den Duschen, Toiletten und Waschbecken von Privatleuten über den Abfluss in die Kläranlage und von dort als sogenanntes Klarwasser in die Flüsse und das Meer. Dort wird es verdünnt, von der Natur auch weiter gefiltert. Trinkwasser wird darum hierzulande nur aus Flüssen, Seen und zumeist dem Grundwasser gewonnen. Die Industrie ist davon besonders abhängig, sie ist einer der größten Wasserverbraucher in Deutschland. Fabriken könnten Wasser aber in Kreisläufen führen, erklärt Merkel, also Schmutzwasser vor Ort selbst so reinigen, dass es für die Kühlung, die Reinigung oder die Toilettenspülungen genutzt werden kann. Merkels Einschätzung: „Das Potenzial ist hoch – die Entscheidung meist eine Frage der Kosten.“
    2. „Mit Grenzen“ auf dem Feld
      Werden die Sommer öfter dürr, brauchen Bauern mehr Wasser für ihre Äcker. In Südeuropa sei es bereits gängige Praxis, diese mit geklärtem Abwasser zu beregnen, sagt Merkel – warnt aber vor Keimen und anderen Belastungen. „Darum muss das Wasser entweder besonders gut aufbereitet werden oder es darf nicht für alles Obst und Gemüse eingesetzt werden, also nicht für roh verzehrten Salat oder Erdbeeren, eher für Mais oder andere Energiepflanzen.“ Merkel zieht darüber hinaus eine grundsätzliche Grenze: „Da auch noch so gut gereinigte Abwässer Schadstoffe enthalten können, auch solche, die die wir heute möglicherweise noch gar nicht kennen, müssen wir die Trinkwassereinzugsgebiete und alle ihre Schutzzonen von der Beregnung mit aufbereiteten Abwässern ausnehmen.“ Die Bundesregierung arbeitet derzeit an Vorgaben, noch wird darum gerungen, wo wie sauberes Wasser für die Nahrungsmittelproduktion eingesetzt werden darf.
    3. „Nicht die wirkliche Lösung“ in der Stadt
      In heißen Sommern versuchen es Städte und Gemeinden bislang schon mal mit einem Appell an die Bürger, den Bäumen in Parks und am Straßenrand mit ein paar Eimern Wasser über die Trockenheit zu helfen. Rasen und andere Grünflächen müssen immer öfter gesprengt werden. Fachmann Merkel meint: „Stattdessen könnten gut Tankwagen von der örtlichen Kläranlage gereinigtes Abwasser holen und dieses verteilen.“ Allerdings sei das „nicht die wirkliche Lösung“, gehe es vor allem darum, Flächen zu entsiegeln, in bisher oft grauen, also zubetonierten Städten mehr Grün wachsen zu lassen, so dass Wasser gespeichert, die Umgebung zudem gekühlt werde. Merkel: „Wir haben jahrzehntelang versucht, Regenwasser so schnell wie möglich in die Kanalisation abzuleiten. Das geht jetzt nicht mehr.“
    4. Zuhause „hängt es an den Rohren“
      In Deutschland nutzt jeder Mensch im Schnitt 125 Liter Trinkwasser am Tag. Aber nur fünf Liter werden getrunken oder zum Kochen verwendet. Muss es Trinkwasser für die Toilette sein? Wasser aus der Dusche oder dem Waschbecken tut es eigentlich auch, also Grauwasser, das etwa in einer Recyclinganlage im Keller so gereinigt wurde, dass es auch zum Putzen oder Gießen verwendet werden kann. Nur: „Ein nachträglicher Einbau ist kaum möglich, in jedem Fall teuer“, sagt Merkel, „es hängt an den Rohren und Wasserhähnen. Sie brauchen alles doppelt, damit das Grauwasser getrennt werden kann vom Trinkwasser. Sonst haben Sie ein Hygiene-Problem.“ In einem Neubau sei das schon eher machbar. Merkel: „Am Ende sollte der Hausbesitzer mit spitzem Bleistift rechnen.“
  • Filiale? Nicht nötig!

    Bundesbürger erledigen Bankgeschäfte online

    Im Ausland gelten die Deutschen als Digitalmuffel, oft erkennbar daran, dass sie bar bezahlen statt mit dem Mobiltelefon oder wenigstens mit Karte. Bei Bankgeschäften sind sie deutlich digitaler: Die Filiale lassen die Bundesbürger inzwischen meist links liegen und nutzen überwiegend PC oder Mobiltelefon, um Geld zu überweisen, wie eine repräsentative Umfrage des Bankenverbands zeigt. Selbst die Rentner verabschieden sich von der Filiale.

    „Auch nach der Corona-Pandemie erlebt die Filiale kein Comeback. Der bevorzugte Weg zur Bank ist für die allermeisten Kundinnen und Kunden heute digital“, fasst Heiner Herkenhoff zusammen, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands, in dem private Banken wie Commerzbank oder Deutsche Bank organisiert sind. 2018 griff die Hälfte der Bundesbürger aus der Ferne auf ihr Konto zu, dieses Jahr sind es 84 Prozent. „Es sind längst nicht nur die Jüngeren, die Online- und Mobile-Banking für ihre alltäglichen Bankgeschäfte schätzen“, sagt Herkenhoff. „Gerade die Generation der Über-60-Jährigen holt beim digitalen Banking gewaltig auf.“

    72 Prozent dieser Altersgruppe überweisen inzwischen online oder schauen sich ihren Kontostand an. 2018 waren es nur 23 Prozent. Ganz so digital, wie die jüngeren sind die Älteren aber bisher nicht, auch wenn sie die Technik inzwischen überzeugt. Rund 90 Prozent derjenigen, die noch keine 50 Jahre alt sind, nutzt PC oder Mobiltelefon für Bankgeschäfte. 2018 waren es gut 70 Prozent. Wer nicht online aufs Konto zugreift, geht noch in die Filiale einer Bank oder Sparkasse, aber nicht zwingend zum Bankschalter. Viele Menschen nutzen die Automaten im Vorraum für Überweisungen.

    Warum die Deutschen mehr auf Online-Banking setzen, kann mehrere Gründe haben: etwa, weil die Pandemie sie dazu drängte, damals waren viele Filialen geschlossen; weil die digitalen Angebote immer übersichtlicher und einfacher werden, also nutzerfreundlicher; weil es immer weniger Filialen gibt und sie dazu gezwungen sind. 2003 betrieben die Kreditinstitute nach Zahlen der Bundesbank noch 49.711 Filialen in Deutschland. 2022 waren es noch 20.446. Solche Standorte sind teuer. Viele Banken und Sparkassen sparen sich da lieber hohe Ausgaben, zumal dann, wenn es – vor allem auf dem Land – wenig Geschäft gibt.

    Ganz verzichten wollen viele auf die Filiale einer Bank oder Sparkasse nicht. „Während alles rund ums Konto und Bezahlen hauptsächlich digital erledigt wird, gibt es für komplexere Anliegen wie Wertpapieranlagen oder Kredite noch Bedarf für persönliche Beratung“, sagt Herkenhoff. So rufen 82 Prozent der Bundesbürger oft oder sehr oft den Kontostand online ab, 78 Prozent bezahlen Rechnungen oder richten Daueraufträge ein. Aber nur 21 Prozent nutzen Mobiltelefon oder PC, um Geld anzulegen, Aktien zu kaufen oder zu verkaufen. Noch weniger, 15 Prozent, schließen Kredite online ab. Hier ist den Bundesbürgern offenbar persönlicher Kontakt wichtig.

    Für den Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands ist deshalb klar, dass die Banken den unterschiedlichen Kundenbedürfnissen auch künftig nachkommen werden. Das bedeutet wahrscheinlich weniger Filialen, dafür aber mit persönlicher Beratung rund um Geldanlage und Darlehen. Die Spardabank Berlin, eine Genossenschaftsbank mit Filialen in Ostdeutschland, hat bereits 2022 begonnen, ihre Standorte radikal umzugestalten. So gibt es keine Geldautomaten oder Kontoauszugsdrucker mehr, dafür Café-Atmosphäre und Termine für Beratung. Und die Deutsche Bank testet in der Berliner Friedrichstraße seit Jahren das Quartier der Zukunft, eine neuartige Filiale die zeitweise eher wie ein Geschäft oder ein Restaurant wirkt. Geldautomaten sind um die Ecke verbannt. Im Schaufenster liegen schon mal Werbeprodukte des Filmfestivals Berlinale, drinnen wird Suppe serviert.

    Dass immer mehr Bundesbürger Bankgeschäfte online erledigen, hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass sie die Verfahren für sicher halten. „Das Vertrauen in die Sicherheit von Online-Banking ist weiter gestiegen“, sagt Herkenhoff. „Auch ältere Befragte sind heute mit großer Mehrheit von der Sicherheit überzeugt.“ Insgesamt sagen acht von zehn Befragten, sie hielten die Technik für sicher. 2013 waren es 46 Prozent. Für den Chef des Bankenverbands ist klar: Weil die Kunden festgestellt haben, dass Online-Banking gut funktioniert und sie sicher mit der Technik umgehen können, vertrauen sie ihr auch mehr.

  • Sauberer Sieg

    Kommentar zu DFB und NIke

    Im Sport und in der Wirtschaft gilt: Der Beste möge gewinnen. Im Wettbewerb um den Sponsoren-Großvertrag des Deutschen Fußballbundes DFB standen zuletzt die beiden Sportartikelhersteller Adidas und Nike. Adidas hat verloren. Der DFB, längst ein Wirtschaftsbetrieb, entschied sich zurecht für das bessere Angebot und damit Nike.

    Der neue Partner wird frischen Wind bringen, was nie schaden kann. Wer wie DFB und Adidas über mehrere Jahrzehnte eng verbandelt ist, wird möglicherweise etwas träge. Aus bestehenden Verträgen lässt sich auch nicht ableiten, dass es einen Anschlussvertrag gibt. Und Tradition allein gewinnt keine Spiele. Sonst müsste etwa Hannover 96 seit Jahren sehr weit vorn in der Bundesligatabelle stehen und nicht in der zweiten Liga kämpfen. Auch der Standort des Unternehmens ist unerheblich – Adidas und Nike produzieren im Ausland. Und auch der Sitz in Deutschland half Adidas nicht, zu gewinnen. Das Unternehmen kann jetzt bei der nächsten Ausschreibung wieder antreten und versuchen, die Amerikaner auszustechen.

    Das Angebot umfasst nicht nur Trikots und Unterstützung für Amateurvereine, sondern vor allem Geld. Der DFB hat bessere Zeiten gesehen. Er schreibt rote Zahlen und muss deshalb sehen, wie er die Einnahmen verbessert. Dass deutsche Nationalspielerinnen und Nationalspieler künftig mit dem Swoosh auftreten, ist Nike sehr viele Millionen wert. Offenbar trauen die Amerikaner auch den sportlich zuletzt eher mittelmäßigen deutschen Spitzenmannschaften deutlich mehr zu als Adidas. Qualitativ dürften die Produkte von Adidas und Nike sich ohnehin kaum unterscheiden. Wer das Pink aufs neue Auswärtstrikot druckt, ist egal. Letztlich gilt: Entscheidend ist auf dem Platz.

  • Werden Endlager überflüssig?

    Neue Konzepte versprechen sichere Reaktoren

    Werden Atomendlager überflüssig?

    Neue Konzepte versprechen sicherere und bessere Reaktoren. Doch es gibt Probleme.

    Seit dem vergangenen Jahr ist Deutschland aus der Atomenergie ausgestiegen. Die Debatte läuft aber weiter. Die herkömmlichen Anlagen sind zwar abgeschaltet, neue Technologien versprechen aber sauberen Strom und eine Lösung für den radioaktiven Abfall. Eine Studie im Auftrag des Bundesamtes für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung hat sie sich die Technologien genau angesehen.

    Mit welcher Technik laufen herkömmliche Atomkraftwerke?

    Grundsätzlich arbeiten alle Atomreaktoren ähnlich: Durch die Kernspaltung entsteht Hitze, die genutzt wird, um Strom zu erzeugen. Klassische Reaktoren verwenden Wasser, um den Reaktor zu kühlen. Es verdampft, treibt eine Turbine an, wird wieder flüssig. Dann beginnt der geschlossene Kreislauf von vorn. Wichtig: Das Wasser, das Kraftwerke aus Flüssen oder dem Meer bekommen, kühlt das Gas aus der Turbine und kommt nicht mit dem Reaktorinneren in Berührung.

    Was sind alternative Technologien?

    Andere Technologien nutzen statt Wasser zum Beispiel Gas, wie Helium, um den Reaktor zu kühlen. Verwendet werden können auch Blei, Natrium oder eine besondere Salzschmelze. In einem weiteren Schritt wird dann die Hitze per Wärmetauscher an Wasser abgegeben, das die Turbine antreibt. In jedem Fall sind Brennstäbe nötig und ein Reaktor. Geforscht wird vor allem in den USA, Russland und China.

    Warum wird an neuartigen Akw geforscht?

    Wer auf Atomenergie setzt, muss sich mit hochradioaktivem Atommüll beschäftigen. Einige der neuen Technologien sollen ihn als Brennstoff verwenden. Im besten Fall wäre ein Endlager überflüssig. Manche Technologie soll sicherer sein oder den Brennstoff besser ausnutzen. Ganz neu sind die vermeintlich neuartigen Technologien nicht. Viele seien bereits in den 50er und 60er Jahren entwickelt worden, sagt Christian Kühn, Präsident des Base. Keines habe sich bis heute durchgesetzt. Seit der Jahrtausendwende werden die Alternativen wieder genauer betrachtet – seit der Klimawandel die Suche nach sauberen Energiequellen antreibt.

    Wann sind die neuen Technologien marktreif?

    In den vergangenen Jahrzehnten gab es nach Angaben von Christoph Pistner vom Öko-Institut in Darmstadt zwar neue Erkenntnisse, bisher gibt es aber keine kommerzielle Anlage. Der Physiker ist einer der Autoren der Studie. Co-Autor Christian von Hirschhausen von der Technischen Universität Berlin erwartet marktreife Anlagen frühestens in vier Jahrzehnten, wenn überhaupt. Ein Problem sind die Kosten. Die US-Investmentbank Lazard bezifferte die Stromerzeugungskosten der Atomenergie 2021 auf rund 167 Dollar je Megawattstunde, für Wind und Solar lagen sie unter 50 Dollar. „Die Technologien werden seit mehr als 50 Jahren entwickelt, aber niemand wendet sie an, weil sie schlicht nicht wettbewerbsfähig sind“, sagt Wirtschaftsingenieur von Hirschhausen. Für den Klimaschutz kommen sie jedenfalls deutlich zu spät.

    Wie sicher sind solche neuartigen Anlagen?

    Einige der Anlagen sind in Teilen sicherer als herkömmliche Akw. Die Vorteile an einer Stelle würden aber durch Nachteile an anderer aufgewogen, sagt Pistner vom Öko-Institut. Insgesamt seien die alternativen Reaktorkonzepte nicht besser. Vielmehr gebe es neue Sicherheitsfragen, die zusätzliche Forschung nötig machten.

    Werden Endlager überflüssig?

    Eher nicht. Selbst wenn die Anlagen effizienter als klassische arbeiten, fällt weiter hochradioaktiver Abfall an, wie Base-Präsident Kühn sagt. Zusätzlich entsteht radioaktiv verstrahltes Material, etwa Natrium oder Salzschmelze, mit dem man bisher keine Erfahrung hat. Und bestehenden Atommüll so aufzuarbeiten, dass er weiter als Brennstoff verwendet werden kann, ist aufwändig und dauert. Und weil nicht jeder Müll verwendet werden kann, muss er doch auf die Deponie. „Ein Endlager in Deutschland ist ohne Alternative“, sagt Base-Präsident Kühn. Das Amt überwacht die Suche nach einem geeigneten Ort in Deutschland.

    Was sind SMR?

    SMR steht für Small Modular Reactors, kleine modular aufgebaute Reaktoren. Die Idee: Statt weniger großer Reaktoren werden sehr viele kleine gebaut, die standardisiert sind und sich industriell wie am Fließband fertigen lassen. So sollen die Kosten für die Anlagen deutlich sinken. Weltweit gibt es zahlreiche solcher Projekte, die mit unterschiedlichen Technologien arbeiten. Verwirklicht ist bisher keines, unter anderem wegen der hohen Kosten.

    Warum wird trotz des Atomausstiegs in Deutschland immer noch über Atomenergie debattiert?

    Atomkraftwerke liefern zuverlässig Strom und schaden dabei dem Klima nicht. Doch auch sie sind anfällig. So muss Frankreich als größte Atomnation der Welt immer wieder Kraftwerke herunterfahren, wenn die Kühlwassermenge in den Flüssen nicht reicht. Zudem ist das Thema geradezu mythisch umweht, der Mensch zähmt die Kraft der Natur und schafft saubere Energie im Überfluss. Oder, wie es Base-Präsident Kühn sagte: „Das Thema hat eine starke Dimension der Hoffnung. Wir als Berater der Politik liefern dazu einen Ausschnitt der Wirklichkeit.“

  • Klimaneutralität 2045 steht in Frage

    Kommentar zur EU-Gebäude-Sanierung

    Die europäische und auch die deutsche Klimapolitik steuern absehbar in eine Sackgasse. Das lässt sich an der Gebäude-Richtlinie ablesen, die wohl ab 2026 in Kraft tritt. Die EU-Staaten sollen auf dieser Basis die Energieverschwendung in Wohngebäuden, Büros und Gewerbebauten reduzieren. Sanierungspflichten für Hausbesitzerinnen und Besitzer sind aber nicht vorgesehen. So stellt sich die Frage, wie das Vorhaben gelingen könnte.

    Vielleicht für ein Drittel, vielleicht aber auch für die Hälfte der Besitzer von Wohngebäuden sind die Dämmung von Kellern, Wänden und Dächern, sowie der Einbau neuer Fenster zu teuer. Denn die Personen verfügen über keine ausreichenden Vermögen, oder der niedrige Wert der Immobilien rechtfertigt nicht die Sanierungskosten. Diese können leicht 100.000 Euro oder mehr pro Wohnung betragen.

    Im Wissen um dieses Problem trauen sich der europäische Gesetzgeber, aber auch die Bundesregierung nicht an individuelle Sanierungspflichten für Immobilienbesitzer heran, sondern hoffen auf irgendwelche staatlichen Programme. Doch diese funktionieren nur, wenn die öffentliche Hand den Hausbesitzern, die kein Vermögen haben, die Kosten abnimmt. Diese allerdings könnten sich hierzulande auf Dutzende Milliarden Euro pro Jahr belaufen. Das ist selbst für einen reichen Staat wie Deutschland sehr viel Geld. Woher derartige Mittel kommen sollen, ist unklar. Mit der hergebrachten öffentlichen Finanzpolitik und der Schuldenbremse klappt das jedenfalls nicht.

    So mag es sein, dass das geplante Programm zur energetischen Sanierung des Gebäudebestandes scheitert. Vielleicht haben dann viele Häuser in 20 Jahren eine Ökoheizung – aber die Energieverschwendung geht weiter. Das wiederum dürfte an eine andere Grenze stoßen: die voraussichtliche Knappheit regenerativ erzeugter Energie. Wie man es auch wendet: So, wie es jetzt umgesetzt wird, steht die Erreichung des Ziels der Klimaneutralität 2045 in Frage.

  • Wenn Starkregen tödlich wird

    Wetterdienst baut neues Portal auf

    Nach Starkregen und Flutkatastrophe im Ahrtal 2021 soll ein neues Internetportal besser über extreme Naturereignisse aufklären. Im Zuge des Klimawandels sind solche Naturereignisse häufiger zu erwarten. Der Deutsche Wetterdienst (DWD), der das Angebot aufbauen soll, wird die Bevölkerung auch im Ernstfall warnen.

    Was ist geplant?

    Der Deutsche Wetterdienst wird eine Internetseite aufbauen, die umfassend über Naturgefahren informiert und auch vor Gefahren warnt. Die Informationen sind bereits bei verschiedenen Behörden bekannt, bisher gibt es aber keine zentrale Stelle, bei der jede und jeder sie einsehen kann. Das Portal startet zunächst mit Starkregen und möglichen Folgen. Einfließen werden zum Beispiel Informationen darüber, welche Regionen bei hohen Regenmengen anfällig etwa für Überschwemmungen und Erdrutsche sind. Auch soll es Hinweise geben, wie dramatisch bestimmte Niederschlagsmengen sind. Was zum Beispiel bedeuten 50 oder 200 Liter Regen pro Quadratmeter? So können Bundesbürger sehen, wie gefährdet sie sind – bereits, bevor eine Katastrophe droht. Verhindern kann das neue Angebot eine Katastrophe nicht, die Menschen sind aber dann besser vorbereitet. Das Portal soll schrittweise auf andere Naturgefahren erweitert werden, etwa Sturm und Erdbeben.

    Warum kümmert sich der Wetterdienst darum?

    Der DWD hat die technische Infrastruktur, um ein solches Naturgefahrenportal zu betreiben. Er erstellt bereits Wettervorhersagen für die Allgemeinheit und liefern Informationen etwa für die Schifffahrt oder die Landwirtschaft. Für die Behörde mit Sitz im hessischen Offenbach arbeiten rund 2500 Beschäftigte. Die Bundesländer, die für den Katastrophenschutz zuständig sind, haben das neue Portal angeregt. Der Bundestag hat jetzt das entsprechende Gesetz geändert.

    Wann geht es los?

    Der genaue Starttermin ist noch nicht bekannt. Der DWD plant bereits seit einiger Zeit, kann aber erst mit der gesetzlichen Grundlage richtig loslegen. Vor allem das Portal so zu programmieren, dass die Daten der Partner automatisch einfließen, kostet Zeit.

    Was kostet das Portal und wer bezahlt es?

    Die Bundesregierung schätzt die Kosten im laufenden Jahr auf 1,7 Millionen Euro. In den folgenden Jahren werden es rund 2,4 Millionen Euro sein, die der Bund als Träger des DWD übernimmt. Die Kosten beziehen sich vor allem auf den zusätzlichen Personalbedarf. Der Etat der Behörde, die dem Bundesverkehrsministerium zugeordnet ist, betrug 2023 rund 362 Millionen Euro.

    Was geschieht mit den bestehenden Warn-Apps?

    Es ist nicht geplant, bestehende und bereits etablierte Warn-Apps wie Katwarn und Nina oder die Wetterwarn-App zu ersetzen. Sie werden weiter genutzt. Die Warnfunktion des Naturgefahrenportals soll es zusätzlich geben. Auch Cell Broadcast, mit dem seit März 2023 Warnungen an Mobiltelefone verschickt werden können, bleibt bestehen.

    Welche Warnmethoden gibt es?

    Deutschland hat ein bundesweit einheitliches Warnsystem, das verschiedene Kanäle nutzt. Dazu zählen Sirenen, Hinweise in Rundfunk und Fernsehen, online und auf digitalen Informationstafeln etwa in U-Bahnen größerer Städte sowie über Lautsprecherwagen. In Großstädten können Hinweise auch auf digitalen Dachwerbetafeln auf Taxis angezeigt werden. Zusätzlich wird Cell Broadcast (deutsch etwa Mobilfunkzellen-Rundruf) genutzt. Mit diesem Verfahren können alle Mobiltelefone angesteuert werden, die im Netz angemeldet sind. Ein Projekt beim Bundesamt für Katastrophenschutz testet auch smarte Laternen, die mit Sirene und Lautsprecher ausgestattet sind. Warnungen könnten auch auf Navigationssysteme in Autos verschickt werden.

    Wer ist in Deutschland wofür zuständig?

    Der Bund ist für Zivilschutz und kriegsbedingte Gefahren zuständig. Er koordiniert Bundeswehr, Bundespolizei und Technisches Hilfswerk (THW). Die Länder kümmern sich um Katastrophenschutz, die Städte und Gemeinden um allgemeine, nicht-polizeiliche Gefahrenabwehr, etwa durch Feuerwehr und Rettungsdienste. Alle nutzen das bundesweite Warnsystem mit seinen verschiedenen Kanälen. Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe mit Sitz in Bonn koordiniert seit 2004, unter anderem, weil manche Katastrophen wie Hochwasser nicht an Bundesländergrenzen enden. Es ist beim Bundesinnenministerium angesiedelt.

  • Eigentlich zu früh für Frühling

    Dieses Jahr war es am 11. Februar. Da meldete bereits einer der rund 1100 Ehrenamtlichen, die für den Deutschen Wetterdienst die Entwicklungen in der Pflanzenwelt das ganze Jahr über dokumentieren: erste Forsythien-Blüte geöffnet. Mittlerweile leuchten die Sträucher in Deutschland fast überall gelb. Endlich Frühling, endlich Schluss mit Wintergrau. Nur: Es kommt einem früher vor als früher, ja: zu früh. Ist das also noch normal?

    Anja Engels geht dieser Frage beim Deutschen Wetterdienst nach. Sie betreut die Ehrenamtlichen, die die jährlichen Veränderungen der Natur beobachten, und geht auch selbst raus. Sie sagt: „Im Vergleich zu den Jahren vor 1990 werden die Winter immer kürzer, denn der Frühling beginnt früher und der Herbst endet später. Pflanzen blühen damit früher und länger.“

    Erst der Februar dieses Jahr war beispiellos mild, mit einer Durchschnittstemperatur von 6,6 Grad Celsius. Das ändert etwas, auch in der Natur. Engels und ihre Kollegen beobachten ausgewählte Pflanzen schon seit Jahren, tragen ihre Blühdaten in einen phänologischen Kalender ein, den Kalender der Natur.

    Blühte die Forsythie in den Jahren zwischen 1960 und 1990 meist Anfang April, rückte der Termin zwischen 1990 und 2020 schon nach vorne, auf Ende März, und nun mitunter schon in den Februar. Aber warum gilt die Forsythie, nicht der Krokus, der derzeit für lila und gelbe Farbtupfer in Gärten und Parks sorgt, als Zeiger für das Frühlingserwachen, den sogenannten Erstfrühling?

    Engels sagt: „Wir brauchen eine Pflanze, die möglichst überall in Deutschland wächst. Der Krokus ist zwar weit verbreitet. Aber er hat eine Knolle, die schon auf die ersten wärmenden Sonnenstrahlen am Boden reagieren. Die Forsythie hingegen, ein Strauch, braucht schon etwas mehr Wärme und Licht, reagiert nicht sofort. Das erhöht die Aussagekraft. Es sollten also Gewächse sein, die nicht zu sensibel sind.“

    Als erstes Anzeichen von Frühling gilt übrigens die Blüte der Haselnuss, vor 1990 war ihre Zeit um den 3. März, dann lag sie um den 14. Februar, und nun kann es schon der Januar sein. Auch die Blüte des Apfels mitten im Frühling verschiebt sich, von Anfang Mai auf Ende April.

    Mit der Blüte der Sommer-Linde im Juni beginnt dann der Hochsommer, aber auch diese tritt nun zehn Tage früher ein. Der Winter startet mit dem Blattfall der Stiel-Eiche Anfang November – der tritt mittlerweile zwei Tage später ein als noch in den 1980 Jahren.

    Das Klima wandelt sich. Die Natur bekommt einen neuen Takt. Manches gerät dabei völlig durcheinander. Berühmt das Beispiel vom Kuckuck, der zu spät kommt. Denn nach wie vor kehrt er erst Ende April, Anfang Mai aus seinem Winterquartier südlich der Sahara zurück. Dann versucht er, seine Eier in fremde Nester zu legen, so dass andere Vögel die Arbeit des Ausbrüten übernehmen. Doch mittlerweile sind die anderen Vögel früher, ihre Jungen schon geschlüpft. Das fremde Kuckucksei fällt sofort auf, es lässt sich nicht mehr so einfach unterjubeln.

    Auch für den Menschen wird es nicht einfach nur grüner und schöner. Die Pollensaison wird immer länger, zieht sich fast über das ganze Jahr. Allergiker merken es längst. Das frühe Erblühen birgt zudem für Apfel-, Kirschbäume oder Weinreben Risiken und damit für die Bauern und Winzer.

    Expertin Engels sagt: „Es kann immer noch zu Spätfrösten kommen, die die Blüten zerstören, so dass es keine Früchte geben wird.“ Sie wird das alles weiter beobachten. Ehrenamtliche Helfer seien herzlich willkommen, sagt sie: „Wer gerne draußen in der Natur ist, kann sich gerne bei mir per E-Mail melden an phaenologie@dwd.de. Etwa 200 Stunden im Jahr muss man für die Beobachtungen einrechnen, im Frühjahr zum Beispiel zwei- bis dreimal in der Woche rausgehen.“ Und das Frühjahr beginnt mittlerweile oft schon im Februar. „Das scheint einem inzwischen normal“, so Engels.

  • Aus für zwei Steuerklassen

    Doppelverdiener werden anders besteuert

    Bald wird das deutsche Steuerrecht einschneidend verändert. Die Bundesregierung will die Zahl der Steuerklassen verringern. Vor allem Frauen profitieren.

    Was plant die Bundesregierung?

    Wie Koalitionsvertrag 2021 vereinbart, will die Bundesregierung zwei der sechs Steuerklassen abschaffen. Statt der Steuerklassen 3/5 soll immer die Steuerklasse 4 gelten. Das Steuerrecht soll so für die Mehrheit der Bundesbürger einfacher und unbürokratischer werden und vor allem fairer.

    Warum gibt es unterschiedliche Steuerklassen?

    Wer in Deutschland bei einem Unternehmen angestellt ist, zahlt Lohnsteuer. Und der Arbeitgeber ist verpflichtet, die Lohnsteuer vom Bruttoverdienst abzuziehen und an das Finanzamt zu überweisen. Damit das nicht zu aufwändig wird, sind die Beschäftigten bestimmten Steuerklassen zugeordnet, in denen bereits Freibeträge wie der für Kinder und Pauschalen berücksichtigt sind. Das jeweilige Finanzamt teilt dabei die Steuerklasse zu.

    Welche Steuerklassen gibt es?

    Steuerklasse 1: Sie gilt für Alleinstehende, also für alle, die ledig, geschieden oder verwitwet sind.

    Steuerklasse 2: Auch diese Steuerklasse gilt für Singles, allerdings für alle, bei denen noch ein oder mehrere Kinder leben. Die Steuerklasse berücksichtigt entsprechende Freibeträge für Alleinerziehende.

    Steuerklassen 3 und 5: Diese Klasse ist für Alleinverdiener in einer Ehe oder einer eingetragenen Lebenspartnerschaft vorgesehen. Sie kann auch bei Doppelverdienern gelten, wenn ein Partner die Steuerklasse 5 gewählt hat. Das rechnet sich vor allem bei Doppelverdienern, deren Einkommen sich stark unterscheidet. Die Steuerklasse 5 hat besonders wenig Freibeträge und Pauschalen, dafür wird der Grundfreibetrag bei Steuerklasse 3 verdoppelt. Wer viel verdient, bekommt mit Steuerklasse 3 mehr heraus, der geringere Verdienst wird dafür mit Steuerklasse 5 deutlich stärker belastet.

    Steuerklasse 4: Steuerklasse vier richtet sich an Doppelverdiener, die verheiratet sind oder in einer eingetragenen Partnerschaft leben. Jeder Partner zahlt so viel Steuern, wie nach seinem Ei kommen nötig ist.

    Steuerklasse 6: In dieser Steuerklasse wird eingeordnet, wer noch einen zweiten Job hat. Sie gilt nur für dieses Arbeitsverhältnis. Der Arbeitnehmer oder die Arbeitnehmerin hat dann zwei Steuerklassen, für jeden Job eine. In der Steuerklasse 6 gibt es keine Freibeträge oder Pauschalen, die Steuerbelastung ist hier am höchsten.

    Rund 51 Prozent der Beschäftigten haben nach Angaben des Bundesfinanzministeriums Steuerklasse 1, etwa 23 Prozent Steuerklasse 3 und 15 Prozent Steuerklasse 4.

    Warum will die Bundesregierung die Steuerklassen 3 und 5 abschaffen?

    Die Idee hinter der Regelung mit Steuerklassen 3/5 war, dass der Hauptverdiener in einer Ehe mehr Geld nach Hause bringt. Das benachteiligt vor allem arbeitende Frauen. Nach Zahlen des Bundesfinanzministeriums hatten 2018 rund 16,9 Prozent aller arbeitenden Frauen Steuerklasse 5, aber nur 1,8 Prozent der Männer. Künftig soll für beide Partner Steuerklasse 4 gelten. Mit der Änderung wird die monatliche Steuer gerechter verteilt. Möglicherweise lohnt es sich dann vor allem für Frauen, überhaupt zu arbeiten, weil mehr Netto vom Brutto übrig bleibt.

    Was bedeutet das für die Steuerzahler?

    Das monatliche Nettogehaltsgefüge verschiebt sich. Bei stark unterschiedlichen Einkommen in einer Ehe oder Lebenspartnerschaft wird künftig die Person mit dem höheren Einkommen monatlich mehr Steuern zahlen, die Person mit den geringeren Einkommen weniger. Über das Jahr gesehen zahlt das Paar aber insgesamt nicht mehr Steuern, weil dann das Einkommen beider für die abschließende Steuererklärung zusammengerechnet wird.

    Wann werden die Steuerklassen abgeschafft?

    Das Bundesfinanzministerium nennt keinen genauen Termin. Derzeit laufen aber abschließende Gespräche für ein Gesetz. Sollte es beschlossen werden, muss allerdings noch die IT umgestellt werden.

    Was ist der Unterschied zum Ehegattensplitting?

    Die Steuerklassen sollen den monatlichen Steuerabzug vereinfachen. Das Ehegattensplitting bezieht sich auf die jährliche Steuererklärung, mit der festgestellt wird, ob man über das Jahr tatsächlich zu viel oder zu wenig Steuern gezahlt hat.

    Was ist das Ehegattensplitting?

    Das Ehegattensplitting ist ein Verfahren, mit dem ermittelt wird, wie viel Steuern jemand tatsächlich auf das Einkommen eines Jahres zahlen muss. Es gilt nur für Verheiratete und Lebenspartner, die nicht dauerhaft getrennt leben. Das gemeinsame Einkommen beider Partner wird dabei zusammengelegt und halbiert. Dann wird die Steuer ermittelt und das Ergebnis verdoppelt. So wirkt es, als habe jeder Partner die Hälfte des gemeinsamen Einkommens verdient unabhängig davon, wie viel er oder sie tatsächlich verdient hat. Vor allem, wenn sich die Einkommen der Partner stark unterscheiden, zahlen beide mit dem Splittingverfahren deutlich weniger Steuern, als wenn die Steuer jeweils einzeln ermittelt wird. Unverheiratete Paare können das Splitting nicht nutzen und werden einzeln veranlagt.

    Soll das Ehegattensplitting auch abgeschafft werden?

    Das Verfahren ist zwar umstritten, die Ampelregierung will es aber nicht antasten.

  • Vollmacht für den Ernstfall

    Jeder kann überraschend handlungsunfähig sein

    Wenn das Leben läuft, gibt es kaum einen Grund sich mit schweren Krankheiten, Unfällen oder gar dem Tod zu beschäftigen. Dennoch sollten Bürgerinnen und Bürger sich darum kümmern, dass sie jemand vertreten kann, wenn sie selbst nicht mehr voll handlungsfähig sind. Zwei wichtige Dokumente helfen, im Ernstfall die eigenen Interessen zu wahren und nach eigenen Wünschen behandelt zu werden: Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung.

    Wann ist eine Vorsorgevollmacht nötig?

    „Sie ist nötig, wenn eine Person nicht mehr für sich selbst entscheiden kann“, sagt Simone Weidner von Finanztest. Gut, wenn es dann jemanden gibt, der alle Aufgaben erledigen und auch rechtsverbindlich entscheiden kann. Das ist keine Frage des Alters: „Wir empfehlen eine Vorsorgevollmacht, sobald eine Person volljährig ist.“ Denn Eltern seien bis zum 18. Geburtstag sorgeberechtigt und dürften nur bis zu diesem Zeitpunkt entscheiden. „Wer ab 18 Jahren möchte, dass die Eltern weiterhin entscheiden, benötigt eine Vorsorgevollmacht, in der das geregelt ist“, sagt Weidner. Auch Verheiratete brauchen eine solche Vollmacht. Denn sie können gegenseitig nur in einem medizinischen Notfall und in gesundheitlichen Angelegenheiten entscheiden – maximal sechs Monate lang. Liegt keine Vorsorgevollmacht vor, übernimmt möglicherweise ein Richter, der die betroffene Person nicht kennt.

    Was ist in einer Vorsorgevollmacht geregelt?

    Unterschiedliche Punkte können festgelegt werden. Wer die Vollmacht erteilt, kann die bevollmächtigte Person beauftragen, dass sie sie gegenüber Ärzten und Pflegeeinrichtungen vertreten darf, ihren Aufenthaltsort bestimmen, eine neue Wohnung mieten und die alte kündigen kann. Das Gleiche gilt für Telefonverträge oder Versicherungen. Heikel ist sicher, ob die bevollmächtigte Person auf das Vermögen zugreifen darf. Hier entsteht der meiste Ärger in Familien, vor allem, wenn die in der Vollmacht genannte Vertrauensperson keine direkte Verwandte ist. Eventuell sind Zusatzvereinbarungen nötig und möglicherweise der Gang zum Notar.

    Wie ist das mit Zugriff auf ein Bankkonto?

    Im Prinzip sollte die Vorsorgevollmacht ausreichen, damit die bevollmächtigte Person auch auf Bankkonten Zugriff hat, um zum Beispiel offene Rechnungen zu bezahlen. Oft verlangen Kreditinstitute aber zusätzlich eine Bankvollmacht. Darum sollte man sich rechtzeitig kümmern, eine Bankvollmacht für den Betreuungsfall erteilen. Einfach nur die Zugangsdaten fürs Onlinebanking weiterzugeben, mag vielleicht funktionieren, ist aber rechtlich heikel.

    Wer sollte bevollmächtigt werden?

    „Die Person muss das absolute Vertrauen genießen“, sagt Finanztest-Expertin Weidner. Wobei absolutes Vertrauen nicht reicht. Wer bevollmächtigt wird, „sollte auch in der Lage sein, mit Ärzten, Ämtern und anderen offiziellen Stellen zu reden.“ Also, die Interessen des Vollmachtgebers oder der Vollmachtgeberin durchzusetzen. Mit der Person sollte unbedingt alles besprochen werden, bevor sie bevollmächtigt wird.

    Was ist eine Patientenverfügung?

    „Die Patientenverfügung regelt die Fälle am Ende des Lebens, in denen eine Person nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu äußern, sei es durch Gesten oder Sprechen“, sagt Weidner. „Und wenn sich ein Patient nach ärztlicher Einschätzung aller Voraussicht nach dauerhaft nicht mehr äußern kann.“ Es geht zum Beispiel darum, ob jemand künstlich ernährt oder beatmet werden soll, wenn etwa eine Demenz stark fortgeschritten ist, das Hirn nach einem Unfall sehr schwer geschädigt ist oder der Tod naht.

    Welche Vorteile hat sie?

    Alle Menschen altern und werden sich mit Themen wie Alzheimer, Demenz und schwerer Krankheit beschäftigen müssen. „Ganz wichtig: Einmal über alles sprechen und sich fragen: ,Was ist für mich Lebensqualität, wenn ich nicht mehr so kann? Soll alles medizinisch Mögliche gemacht werden?‘“, sagt die Finanztest-Expertin. Wer dann die Verfügung ausfüllt, kann sicher sein, dass im Fall des Falles nach den eigenen Wünschen gehandelt wird. Und: „Eine Patientenverfügung entlastet Angehörige, weil sie nicht entscheiden müssen, schließlich ist der Wille schon formuliert. Und sie bringt Klarheit für Ärzte“, sagt Weidner.

    Worauf muss man bei einer Patientenverfügung achten?

    Wichtig für alle, die kein Formular verwenden: „Sie muss so konkret wie möglich formuliert sein“, sagt Weidner. „,Ich möchte menschenwürdig behandelt werden‘ oder ,Ich will nicht an Schläuchen hängen‘ reicht nicht.“

    Wie müssen Vollmacht und Verfügung aussehen?

    Sie können mit der Schreibmaschine getippt, am Computer verfasst oder handschriftlich formuliert sein. „Es gibt keine Formvorschrift für die Vorsorgevollmacht“, sagt Weidner. „Deshalb finden sich im Internet auch viele verschiedene Formulare. Wir empfehlen schon, Vordrucke zu verwenden, damit alle Punkte bedacht werden.“ Weidner ist Mitautorin des Standardwerks der Stiftung Warentest zum Thema. Das Vorsorgebuch enthält neben Formularen auch ausführliche Informationen dazu, wie man sie ausfüllt.

    Lassen sich Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung ändern?

    Grundsätzlich ist das jederzeit möglich. Bei der Vorsorgevollmacht muss man geschäftsfähig sein. Um die Patientenvollmacht zu ändern oder zu widerrufen, reicht es, einwilligungsfähig zu sein.

    Wie wichtig ist es, dass ein Notar alles beglaubigt?

    Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung gelten mit Datum und Unterschrift. „Mehr Rechtssicherheit bietet es, die Unterschrift gegen eine Gebühr notariell beglaubigen zu lassen“, sagt Weidner. „Beurkundet ein Notar die Vollmacht, wird es teurer. Er erstellt das Formular und berät ausführlich.“ Allerdings kann der Gang zum Notar nötig sein, wenn große Vermögen im Spiel sind, die Verwandtschaftsverhältnisse angespannt sind oder sonst mit Ärger für die bevollmächtigte Person zu rechnen ist. Auch die zuständige Betreuungsbehörde kann eine Unterschrift beglaubigen. Die Gebühr beträgt zehn Euro. Die entsprechende Behörde lässt sich unter test.de/betreuungsbehoerdenfinder mit Eingabe der Postleitzahl herausfinden.

    Wo sollten die Unterlagen liegen?

    Vorsorgevollmacht und Patientenverfügung können zu Hause aufbewahrt werden. Der Ort ist nicht so wichtig, Hauptsache, der oder die Bevollmächtigte wissen, wo sie liegen. Um sicherzugehen, dass zum Beispiel Ärzte im Fall der Fälle wissen, wen sie ansprechen müssen, empfiehlt die Stiftung Warentest, Vollmachten und Patientenverfügung im Vorsorgeregister (www.vorsorgeregister.de) einzutragen und dort auch den Namen der Kontaktperson zu hinterlegen. Die Bundesnotarkammer führt das Register im gesetzlichen Auftrag. Um die Daten zu hinterlegen, wird eine einmalige Gebühr fällig. Sie beginnt bei 20,50 Euro und richtet sich nach dem Umfang der Dokumente. Wichtig: Hier wird nur hinterlegt, dass es die Dokumente gibt, nicht die Dokumente selbst.

  • Geheimnis der Blockchain

    Wie sie funktioniert und was sie bringt

    50.000 Dollar, 60.000 Dollar – der Wert eines Bitcoin steigt gerade kräftig. Die hochspekulative Kryptowährung gibt es nicht zum Anfassen, keine Bank kontrolliert sie. Möglich macht das eine Technologie namens Blockchain. Die kann deutlich mehr und bietet vor allem für Unternehmen Chancen, viel Geld zu sparen und sich von lästiger Bürokratie zu trennen – etwa im Handel, bei Medizin oder Lieferketten.

    Was ist Blockchain?

    Sehr vereinfacht ist eine Blockchain eine bestimmte Form, Daten zu speichern. Und diese Daten liegen nicht bei einer Firma oder Person, die sie überwacht, sondern bei mehreren gleichzeitig.

    Wie funktioniert sie?

    „Eine Blockchain funktioniert wie die Seiten eines Kassenbuchs. Im Kassenbuch wird zum Beispiel eingetragen, dass Person A die Summe X an Person B überwiesen hat“, erklärt Benedikt Faupel, der sich mit dem Thema beim Branchenverband Bitkom beschäftigt. „Ist eine Seite voll, wird zusammengerechnet, der Gesamtwert oben auf der nächsten Seite notiert. Darunter folgen dann neue Einträge. Man kann zurückblättern.“ Anders als das Kassenbuch ist die Blockchain digital. Hier werden sogenannte Blöcke gefüllt, am Ende eines Blocks automatisch ein eindeutiger „Hashwert“ für den Block erzeugt und oben auf den nächsten Block übertragen. So entsteht eine Kette von Blöcken, englisch Blockchain. Und auch bei einer Blockchain lässt sich zurückblättern.

    Und die Kontrolle der Daten?

    „Blockchain ist ein bisschen wie das Kartenspiel Uno. Alle Spieler sehen den Stapel, in dem das aktuelle Spiel praktisch gespeichert ist. Niemand kann eine Karte herausziehen und das Spiel ändern“, erklärt Tobias Tenner, Leiter Digital Finance beim Bankenverband, das Prinzip. Das fiele den anderen sofort auf. „Und es gibt Regeln – den Konsensmechanismus der Blockchain –, wie die Karten abgelegt werden dürfen. Nur gleiche Zahlen oder gleiche Farben übereinander.“ Tatsächlich ist eine Blockchain bei mehreren Unternehmen oder Personen gespeichert. Ändert jemand in seiner gespeicherten Fassung einen älteren Block, schreibt zum Beispiel, A habe B nicht die Summe X, sondern die Summe Y überwiesen, ändert das automatisch auch alle folgenden Blöcke in dieser Fassung. Sie sieht dann anders aus als die Fassungen bei allen anderen. Der Vergleich zeigt: Offenbar wurde etwas manipuliert. Eine zentrale Kontrollinstanz, die alles überwacht, ist nicht nötig.

    Ein digitales Kassenbuch mit besonderer Speichertechnik und Kontrolle – warum ist das so spektakulär?

    Eine Blockchain ist nicht nur ein digitales Kassenbuch. „Auf einer moderneren Blockchain lässt sich nicht nur eintragen, wer wann wem was gezahlt hat, sondern auch Regeln, sogenannte Smart Contracts“, sagt Faupel vom Bitkom. „Ein Beispiel wäre: Wenn der Container verplombt und unbeschadet aus Hafen X in Hafen Y angekommen ist, bekommt die Reederei automatisiert eine Zahlung in einer bestimmten Höhe.“ Hinterlegen lassen sich auch Fotos oder Dokumente vergleichbar einem Fingerabdruck. Dann muss nicht mehr das komplette Zollpapier mitgeführt oder gespeichert werden, sondern es reicht eine digitale Bestätigung, dass das Papier erstellt wurde.

    Welche Vorteile hat die Technologie?

    Aufwändige Dokumentationen auf Papier entfallen, alles wird schneller, weil zum Beispiel der Versand von Frachtpapieren per Post entfällt. Die Auslieferung eines Kühlcontainers kann automatisch blockiert werden, wenn Sensoren im Container zeigen, dass die Kühlkette nicht eingehalten wurde – ohne große Kontrollen. Auch muss nicht überprüft werden, ob etwa Geld oder eine Lieferung eingegangen ist. Insgesamt verringert sich die Bürokratie, weil vieles automatisiert wird. Und dadurch sinken die Kosten.

    Wo wird die Technologie bereits angewendet?

    Viele Kryptowährungen wie Bitcoin nutzen eine Blockchain. Auch einige Banken arbeiten bereits bei bestimmten Wertpapieren mit der Technologie, besonderen Anleihen zum Beispiel. „Wenn Bank A die Papiere von Bank B kaufen möchte, gibt das System sie erst frei, wenn es erkennt, dass Bank A auch bezahlen kann“, sagt Tenner. „Bisher muss zum Beispiel die Europäische Zentralbank EZB für die Zahlung eingebunden werden.“

    Wo lässt sich die Technologie anwenden?

    „Die Technologie ist interessant im Zusammenhang mit dem Lieferkettensorgfaltsgesetz, bei dem Unternehmen dokumentieren müssen, wo welche Waren und Vorprodukte genau herkommen“, sagt Wolfgang Prinz, der das Blockchain Reallabor in Hürth bei Köln leitet. „Auch wer sicherstellen will, dass Medikamente nicht gefälscht sind, kann den Weg vom Werk über Zwischenhändler bis zur Apotheke in einer Blockchain dokumentieren.“ Für den Experten ist die Technologie auch für ein zeitlich begrenztes Projekt sinnvoll, etwa ein Bau, dessen Fortschritt und Änderungen in der Blockchain dokumentiert sind. „Zugriff hat zum Beispiel das Baukonsortium. Sollten Probleme auftreten, lässt sich nachprüfen, wer was wann, geliefert oder geprüft hat“, sagt Prinz. „Und selbst wenn das Objekt dann verkauft wird, sind alle Informationen noch in der Blockchain gespeichert.“

    Warum wird die Technologie nicht stärker genutzt?

    Noch ist nicht klar, was alles möglich ist. „Das Thema Blockchain und seine Anwendungen stehen noch am Anfang“, sagt Prinz. „Da wird sich noch viel entwickeln. Derzeit wird immer noch sehr viel ausprobiert, ständig entstehen neue interessante Anwendungen.“

    Ist jede Blockchain gleich?

    Nein. Das Prinzip ist gleich, aber wie sie programmiert ist, unterscheidet sich. Auch das ist ein Grund, warum sich die Technologie nur langsam durchsetzt. „Ganz wichtig beim Thema Blockchain ist ein einheitlicher Standard, mindestens in Europa“, sagt Tenner. „Die Kryptowährungen Bitcoin und Etherum nutzen beide Blockchain, verstehen sich aber nicht ohne weiteres. Das ist, als wollte man einen deutschen Schukostecker in eine britische Steckdose stecken.“

    Wie groß ist solch eine Blockchain-Datei?

    Die Bitcoin-Blockchain ist die älteste, bekannteste und auch größte. Sie umfasst etwa 457 Gigabyte.