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  • Löffelrein? Reicht!

    „Ernsthaft, Du hast gerade den dreckigen Joghurtbecher in die Recyclingtonne geworfen?” – 20 Fakten zur Mülltrennung, damit der Knatsch im Alltag endet, was mit Joghurtbecher, Käserinde oder Taschentuch zu tun ist.

    Bernhard Schodrowski vom Bundesverband der Deutschen Entsorgungswirtschaft erklärt, was richtig ist – und sagt vorweg: „Im Abfall stecken Wertstoffe, darum wird mitnichten alles verbrannt, wie manche denken. Wir können altes Papier, altes Glas, alte Verpackungen und Biomüll weiter nutzen, und zwar umso mehr, je besser getrennt wird. Darum bitten wir immer alle mitzuhelfen.“

    1. Hilft es, Joghurtbecher zu reinigen, damit sie ordentlich recycelt werden?
      Löffelrein reicht. Die Becher müssen also nicht ausgewaschen, sondern nur gut ausgelöffelt sein. Denn in den Sortieranlagen werden die geschredderten Kunststoffe nochmal gespült.
    2. Alu-Deckel abziehen – ja oder nein?
      Joghurtbecher und Alu-Deckel gehören in die gelbe Tonne, aber am besten voneinander getrennt. In den Recyclinganlagen müssen die verschiedenen Kunststoffe und Metalle sortiert werden. Wirft man den Joghurtbecher in Gänze weg, wird das schwieriger. Es ist auch besser, Verpackungen lose in die gelbe Tonne zu werfen. Sind sie zerknüllt und ineinander gestapelt, lassen sie sich kaum wieder auseinander dividieren.
    3. Die kompostierbaren Plastiktüten in den Biomüll?
      Auf keinen Fall! Selbst Plastik-Produkte, die als kompostierbar gelten, gehören nicht in den Biomüll. Plastik braucht in jeder Form zu lange für die Zersetzung. Also rein in die gelbe Tonne oder den gelben Sack.
    4. Label von der Bananenschale abknibbeln?
      Die kleinen Etiketten, die über Anbaumethode, Herkunft, Sorte informieren, haben nichts im Biomüll zu suchen. Darum: Am besten abziehen und ab in den Restmüll.
    5. Dürfen auch Zitrusfrüchte in den Biomüll?
      Zitronen, Orangen, Mandarinen verrotten langsamer als etwa ein Apfel, können in der Regel aber trotzdem in die Biotonne. Das ist allerdings ein Fall, bei dem es besser ist, noch einmal bei der lokalen Abfallberatung zu fragen.
    6. Ab mit der Käserinde in den Biomüll?
      Käserinde ist sehr oft gewachst. Darum ist es am einfachsten, sie generell in den Restmüll zu werfen.
    7. Soll ich Fischreste in Zeitungspapier einwickeln, damit der Biomüll nicht stinkt?
      Zeitungspapier oder auch Küchenkrepp können einen miesen Geruch mildern. Allerdings kann das mancherorts für Probleme bei der späteren Kompostierung sorgen, heißt: Besser bei der Abfallberatung vor Ort nachfragen.
    8. Wohin mit dem Wasser aus dem Gewürzgurkenglas und der abgelaufenen Milch?
      Wasser aus dem Gurkenglas und Milch dürfen in den Abfluss. Sahne oder sonstige fetthaltige Abfälle wie eine Bratensauce auf keinen Fall, auch nicht in die Toilette kippen! Sie gehören in den Restmüll, und zwar in einen Behälter, der nicht auslaufen kann – in eine PET-Flasche zum Beispiel.
    9. Muss ich die getackerten Papiere und Spiralblöcke auseinanderreißen, wenn sie in die blaue Tonne sollen?
      Ja, bitte! Metall gehört nicht in die Alt-Papiertonne.
    10. Und Briefumschläge mit Sichtfenster?
      Rechnungen zum Beispiel kommen oft in einem Briefumschlag mit einem Sichtfenster aus Plastik. Ihn ins Altpapier zu werfen, ist trotzdem in Ordnung. Die Sichtfenster lassen sich im Recyclingprozess wieder entfernen. Nur: Je weniger Fremdkörper im Altpapier, umso einfacher das Recycling. Soll heißen: Sichtfenster gerne rausschneiden, zack, in die gelbe Tonne.
    11. Käse gegessen, Wachspapier übrig – und dann?
      Für das Altpapierrecycling taugen solche beschichteten Papiere nicht. Wachspapier, mit dem Käse oder Wurst eingewickelt wird, gehört in die gelbe Tonne, es gilt als Verpackung. Anders ist das übrigens mit Back- oder Butterbrotpapier. Das gehört in den Restmüll.
    12. Hatschi, das Papiertaschentuch?
      Klarer Fall: Restmüll. Die Taschentücher sind nach der Nutzung verschmutzt und gehören in die Verbrennung. Das gilt grundsätzlich auch für Schminktücher, verdrecktes Küchenkrepp oder gebrauchte Servietten.
    13. Kassenbons in welche Tonne?
      Sie werfen sie in die schwarze Tonne, wenn es sich um die klassischen weißen Kassenzettel handelt. Die bestehen aus Thermopapier, das speziell beschichtet ist und den Recyclingprozess stört. Die neueren blauen Kassenbons hingegen können ins Altpapier.
    14. Wo landet der ausrangierte Fahrradhelm?
      Wenn Platz ist: im Restmüll. Aber alles, was größer ist und raus soll – alte Möbel, Matratzen, Campingstühle, Wäschespinnen – gehört zum Sperrmüll oder auf den Wertstoff- oder Recyclinghof. Auf keinen Fall in die Tonnen stopfen, selbst wenn es möglich wäre, auch nicht einfach neben die Mülltonnen stellen.
    15. Das alte Ladekabel fürs Mobiltelefon?
      Das ist Elektroschrott. Den können Sie kostenlos auf dem Wertstoffhof oder in den Sammelstellen des Handels abgeben, in den Hausmüll darf er nicht, da in vielen alten Geräten wertvolle Stoffe stecken, manchmal auch gefährliche.
    16. Flasche mit oder ohne Deckel in das Altglas?
      Die Deckel bestehen zumeist aus Metall oder Kunststoff, sie können drauf bleiben und werden ebenfalls recycelt.
    17. Die leere blaue Likörflasche kommt in welchen Container?
      In den Container für grünes Altglas. Grünglas verträgt beim Einschmelzen am ehesten andere Farbtöne, so dass sie am Ende nicht mehr auffallen. Bei Weißglas kann schon eine einzige andersfarbige Flasche im Altglasontainer dafür sorgen, dass aus den Flaschen keine neuen weißen Flaschen mehr werden können.
    18. Trinkglas kaputt – und nun?
      Restmüll, denn das Glas ist ein anderes als das für Flaschen und Konservengläser.
    19. Wo kommen die abgelaufenen Pillen hin?
      In den Restmüll, wenn die Apotheke sie nicht zurücknimmt.
    20. Was mit dem abgebrannten Streichholz und der Zigarettenasche?
      Das ist zwar organischer Abfall, aber in die Biotonne gehört er nicht. Grund: Abgebranntes Holz und Zigaretten enthalten Schadstoffe.
  • Der Schwarzmarkt gewinnt

    Angeblich wächst das illegale Angebot

    Etwas mehr als ein Jahr ist die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder voll im Einsatz. So richtig rund läuft die Arbeit aber nicht. Die legalen Onlinewettanbieter beklagen sinkende Umsätze – und vermuten, dass der Schwarzmarkt kräftig wächst. Den sollte die Behörde bekämpfen. Was ist los bei den obersten Kontrolleuren?

    2021 haben sich die Bundesländer nach jahrelangem Hickhack darauf geeinigt, den deutschen Markt für Onlinewetten zu öffnen. Sie schufen die Gemeinsame Glücksspielbehörde (GGL), die sich jegliche Glücksspiele im Internet kümmert – außer um Online-Roulette, was weiter unter der Hoheit der einzelnen Bundesländer liegt. Die GGL mit Sitz in Halle/Saale vergibt auf Antrag Lizenzen für legales Online-Glücksspiel und bekämpft Anbieter, die Zocker illegal auf ihre Seiten locken.

    Die Idee ist einfach: Gibt es ein legales, kontrolliertes Angebot, lassen sich Spieler gut davor schützen, zu viel Geld auszugeben. Man muss sich anmelden, es gibt eine zentrale Datei, die verhindert, das ein Spieler mehr als 1000 Euro im Monat setzt. Eine weitere Datei verhindert, dass jemand mehrere Glücksspiele parallel spielt. Gleichzeitig soll der Schwarzmarkt unattraktiv werden. Doch tatsächlich läuft es anders, zumindest aus Sicht der Online-Sportwettenanbieter.

    Im vergangenen Jahr hatte der Branchenverband DSWV die neue Behörde noch euphorisch begrüßt. Und auch jetzt lobt er die GGL – zumindest ein bisschen. Allerdings laufen die Geschäfte nicht wie erwartet, was aus Sicht des Verbandes auch an der GGL liegt. Sportwetten sind vor virtuellen Automatenspielen das größte Onlinesegment. Und im vergangenen Jahr setzten Spieler 7,7 Milliarden Euro bei den legalen Anbietern in Deutschland, sechs Prozent weniger als im Jahr zuvor und sogar 18 Prozent weniger als 2021.

    „Es sei ein Trugschluss, dass weniger gewettet werde“, kommentiert DSWV-Präsident Mathias Dahms die Zahlen. „Wir denken, dass die Spieler in den Schwarzmarkt abgedriftet sind.“ Der ist im Internet meist nur einen Klick entfernt. Und dort werde tendenziell mehr Geld eingesetzt, sagt Dahms. Die Behörde müsse den Schwarzmarkt stärker bekämpfen und legale Angebote stärken. In beiden Fällen hakt es demnach bei der GGL, dabei sind das Kernaufgaben der Behörde.

    Die Sportwettenanbieter wollen vor allem mehr Wetten anbieten, was das Geschäft verbessert. Oder wie es Verbandspräsident Dahms formuliert: „Spielerschutz setzt ein attraktives Angebot voraus.“ Seine These: Wie im Supermarkt wünschen sich die Spielerinnen und Spieler ein breites Angebot, auch wenn sie immer nur dieselben Spiele spielen. Und wenn das legale Angebot zu eingeschränkt ist, lockt halt das illegale.

    Die Glücksspielbehörde verweist darauf, dass „derzeit in Deutschland mehr als hunderttausend verschiedene Sportwetten legal möglich“ sind. Das sei eine erhebliche Anzahl. Die meisten Spieler werden beim Fußball, vielleicht noch bei Basketball und Handball, setzen und da zum Beispiel auf Spiele der großen Ligen in Europa. Tennis, Surfen und Fechten sind eher am Rand interessant, ebenso wie die Bob-WM oder die erste Fußballiga in Gibraltar.

    „Bei Sportwetten sehen wir derzeit eine Konsolidierung des legalen Marktes, der sehr dynamisch ist“, heißt es bei der GGL. Einige Anbieter hätten sich aus dem Markt verabschiedet, neue kämen hinzu. Und: „Die Entwicklung der Spieleinsätze hängt zudem immer auch von der Anzahl der angebotenen Großveranstaltungen wie EM oder WM ab, aber auch von der Leistung der deutschen Nationalmannschaft und der erfolgreichen Clubs, insbesondere im Fußball.“ Die EM im eigenen Land diesen Sommer könnte also einen Schub für die Wettanbieter bringen.

    Auch im Kampf gegen illegales Glückspiel könne die GGL bereits gute Erfolge vorweisen, heißt es aus Halle. Vor allem Zahlungen zu blockieren, erweise sich als scharfes Schwert gegen illegale Anbieter. Banken überweisen dann kein Geld an die Unternehmen. Allerdings hat die GGL an anderer Stelle Schwierigkeiten: beim Sperren von Internetseiten, dem IP-Blocking. Die Behörde wollte führende Internetprovider gerichtlich dazu zwingen, illegale Glücksspielangebote zu streichen. Doch bisher ist rechtlich nicht endgültig geklärt, ob die Provider dazu verpflichtet sind.

    Auch sonst sieht sie den Schwarzmarkt als nicht so riesig an. Zwischen 800 und 900 Seiten mit illegalen Sportwetten, Online-Casinos, Online-Poker und virtuellen Automatenspielen führte die GGL im November auf. Geschätztes Marktvolumen 300 bis 500 Millionen Euro, ein Bruchteil der rund 14 Milliarden Euro des erlaubten Marktes, von dem die GGL aber nur einen Teil überwacht.

    „Insgesamt sehen wir zu wenig Rückendeckung bei den Staatsanwaltschaften“, heißt es bei der GGL. Zudem will der Gesetzgeber mit der Reform des Strafgesetzbuchs einen Paragrafen streichen, der der Behörde die Chance gibt, bei Verdacht auf illegales Glücksspiel Strafanzeige zu stellen.

    Jedenfalls sieht die Behörde die Lage anders als die Unternehmen. „Legale Anbieter müssen umfangreiche Lizenzierungsanforderungen erfüllen und strenge Regeln des Spielerschutzes umsetzen“, heißt es. „Diese Auflagen schlagen sich nach unseren Erkenntnissen – entgegen den Behauptungen der Branche – nicht in langfristig rückläufigen Umsatzzahlen nieder.“ GGL und Branche betonen immerhin, konstruktiv miteinander zu reden.

    Wer Hilfe im Umgang mit Glücksspielsucht benötigt, findet unter www.bundesweit-gegen-gluecksspielsucht.de Angebote. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung informiert auf der Internetseite www.check-dein-spiel.de. Beratung bietet die Zentrale anonym unter der kostenfreien Telefonnummer 0800 1372700.

    Die Liste der zugelassenen Anbieter findet sich unter https://www.gluecksspiel-behoerde.de/de/erlaubnisfaehigesgluecksspiel/whitelist

    Erlaubte Sportwetten sind im Detail unter https://www.gluecksspiel-behoerde.de/de/erlaubnisfaehigesgluecksspiel/sport-und-pferdewetten aufgeführt.

  • Cannabis aus dem Klub

    Bundestag gibt Droge kontrolliert frei

    Für Deutschland ist es ein historischer Tag. Der Bundestag legalisiert an diesem Freitag Cannabis für Erwachsene. Polizei und Gerichte sollen entlastet, der Schwarzmarkt zurückgedrängt, die Menschen besser aufgeklärt werden. Und für die Firmen, die die Pflanzen in Deutschland als Basis für Medikamente anbauen, wird es deutlich einfacher.

    Worum geht es?

    Das Cannabisgesetz regelt zwei Bereiche neu: zum einen den privaten Anbau und Konsum, der bisher illegal ist, zum anderen den heimischen Anbau für medizinische Zwecke, der derzeit nur unter sehr strengen Auflagen möglich ist. „Mit dem Gesetz werden Konsumenten entkriminalisiert. Das ist gut und war überfällig“, sagt Jürgen Neumeyer, Geschäftsführer des Branchenverbands Cannabiswirtschaft. Die Bundesregierung beziffert die Entlastung allein für Polizei und Justiz auf mehr als 230 Millionen Euro.

    Was ist Privatpersonen künftig erlaubt?

    Wer älter als 18 ist, darf bis zu 25 Gramm Cannabis bei sich tragen. Zu Hause dürfen bis zu 50 Gramm gelagert werden. Auch der Konsum in der Öffentlichkeit wird erlaubt, in Sichtweite von Kitas, Schulen, Sportstätten bleibt er aber verboten. Sichtweite bedeutet ungefähr 100 Meter. Anbau für den Eigenbedarf ist möglich. Zulässig sind je Erwachsenem bis zu drei Pflanzen, die in der Wohnung, auf dem Balkon, im Garten, im Gewächshaus oder im Wochenendhaus stehen können. Es muss sichergestellt sein, dass die Pflanzen nicht öffentlich zugänglich sind. An Minderjährige darf nichts weitergegeben werden.

    Wo bekomme ich Cannabis?

    Weil kommerzieller Anbau und Verkauf wegen EU-Recht nicht möglich ist, sieht das Gesetz neben dem Eigenanbau nichtgewerbliche Anbauvereinigungen vor, etwa als Verein oder Genossenschaft.

    Wie funktionieren die Anbauvereinigungen?

    Die Vereinigungen, auch Klubs genannt, dürfen bis zu 500 Mitglieder mit deutschem Wohnsitz haben und Cannabis für diesen Personenkreis zum Eigenverbrauch anbauen. Abgegeben werden dürfen pro Mitglied täglich 25 Gramm, im Monat höchstens 50 Gramm – eine recht große Menge. Mitglieder im Alter von 18 bis 21 Jahren dürfen nur 30 Gramm monatlich beziehen. Minderjährige dürfen nicht aufgenommen werden und auch kein Cannabis bekommen. Die Bundesregierung rechnet mit bis zu 3000 solcher Vereinigungen. Mitgliedschaft ist nur in einer einzigen möglich. Der Staat soll die Klubs überwachen. Die Bundesregierung geht davon aus, dass die Qualität des Cannabis aus den Klubs besser ist als auf dem Schwarzmarkt, wo der Stoff zum Teil gestreckt ist und der Gehalt an Wirkstoffen stark schwankt. Nach einer Umfrage des Branchenverbands dürften die Preise je Gramm bei sieben bis acht Euro liegen. Auf dem Schwarzmarkt sind es um die zehn Euro.

    Was ist mit Gerichtsverfahren wegen Besitz und Konsum von Cannabis?

    Für Vergehen, die nach dem neuen Gesetz nicht mehr strafbar sind, ist ein Straferlass vorgesehen – vorausgesetzt, sie sind noch nicht vollstreckt.

    Welche Wirkstoffe hat Cannabis?

    Zwei wesentliche Inhaltsstoffe: THC und CBD. THC lindert Schmerzen, entspannt und löst Rausch aus. Es unterlag bisher dem Betäubungsmittelgesetz (BTM). Der THC-Gehalt in Pflanzen liegt in der Regel zwischen drei (einfacher Anbau) und mehr als 20 Prozent (Medizinal-Cannabis). CBD soll beruhigen und entkrampfen. Es gibt verschreibungspflichtige Arzneimittel mit dem Stoff. Im Handel sind auch frei erhältliche Produkte , deren Nutzen aber umstritten ist.

    Was ist der Unterschied zwischen Medizinal-Cannabis und Cannabis für den privaten Gebrauch?

    Medizinal-Cannabis unterliegt den strengen Anforderungen an Medikamente. Die Anbauer müssen sicherstellen, dass der Wirkstoffgehalt immer gleich ist. Deshalb wachsen die entsprechenden Pflanzen in klimatisierten Räumen mit künstlicher Versorgung und künstlichem Licht. Freizeitcannabis dagegen unterliegt keinen Regeln. Allerdings werden die Klubs versuchen, möglichst gleichbleibende Qualität zu liefern.

    Wofür wird das Medizinal-Cannabis verwendet?

    Der Stoff, etwa als Blüten, wird hauptsächlich als Schmerzmittel eingesetzt, vor allem bei Personen, deren starke Schmerzen nicht mehr mit herkömmlichen Opiaten behandelt werden können.

    Was ändert sich bei Medizinal-Cannabis?

    „Mit dem Gesetz entfallen das komplizierte Vergabeverfahren und die Anbauquoten. Die zuständige Behörde Bfarm in Bonn muss die Produktion zwar immer noch genehmigen, aber es wird insgesamt einfacher“, sagt Constantin von der Groeben, Co-Chef des deutschen Anbauers Demecan. Und der Status als Betäubungsmittel entfalle. „Patienten müssen immer noch zum Arzt, um sie Cannabis-Produkte verschreiben zu lassen, aber die aufwändige Bürokratie mit besonderen Rezepten entfällt.“

    Wer baut in Deutschland an?

    In Deutschland bauen bisher drei Unternehmen Medizinal-Cannabis in Hochsicherheitsgebäuden an: der kanadische Konzern Aurora in Leuna, Sachsen-Anhalt, der ebenfalls kanadische Konzern Aphria im schleswig-holsteinischen Neumünster und der deutsche Hersteller Demecan im sächsischen Ebersbach. Die drei Firmen haben jeweils eine Lizenz der Cannabisagentur beim Bundesamt für Arzneimittel und Medizinprodukte (Bfarm). Insgesamt dürfen vier Jahre lang in Deutschland jedes Jahr 2,6 Tonnen Medizinal-Cannabis angebaut werden. Der Bedarf lag zuletzt bei 20 bis 24 Tonnen. Die Lücke wird bisher durch Importe geschlossen. Der Markt hat nach Untersuchungen des Statistikportals Statista zuletzt ein Volumen von rund 300 Millionen Euro. Tendenz stark steigend.

    Was macht die Cannabisagentur?

    Sie kauft die gesamte deutsche Produktion und verkauft sie an Großhändler und Apotheker. Das Frankfurter Unternehmen Cansativa übernimmt dafür im Auftrag die Logistik. Angekauft wird zum Festpreis von 5,80 Euro je Gramm.

    Ab wann gilt das Gesetz?

    Das Gesetz soll zum 1. April 2024 in Kraft treten, die Regeln für die Klubs folgen zum 1. Juli.

    Was sagen die Kritiker?

    CDU und CSU lehnen das Gesetz ab und fordern, mehr über die Risiken von Cannabis aufzuklären. Sie fürchten, dass der Konsum bei Freigabe steigt – ein Trend, den es allerdings seit Jahren gibt. Die AFD ist ebenfalls gegen das Gesetz. Kritik kommt auch von Befürwortern. „Das Gesetz kann nur ein erster Schritt sein bei der Legalisierung“, sagt Branchenverbands-Chef Neumeyer. Er vermutet auch, dass sich der Schwarzmarkt allein mit der legalen Selbstversorgung nicht zurückzudrängen ist. Ursprünglich war geplant, auch kommerziellen Anbau und Verkauf von Cannabis zu Konsumzwecken in Modellregionen zuzulassen. Es wäre ein Versuch gewesen, das EU-Verkaufsverbot zu umgehen. Bisher sind die Pläne dafür aber vage.

  • Leber aus dem 3D-Drucker

    Nachgebaute Organe sind Milliardenmarkt

    Auf dem Gesundheitsmarkt bahnt sich eine Revolution an. Weltweit arbeiten Forscher daran, menschliche Organe nachzubauen – Leber zum Beispiel oder Bauchspeicheldrüse. Für viele schwer kranke Menschen, die bisher auf Spender angewiesen sind, wäre das die Rettung. Für Unternehmen öffnete sich ein neuer Milliardenmarkt. In einem Wettbewerb von Sprind, der Innovationsagentur des Bundes, treten jetzt vier europäische Teams an, um bis Herbst zu zeigen, was möglich ist.

    Sanft summt die Lüftung im Labor, 3. Stock, Bayer-Gelände in Berlin-Wedding. Hier steht der 3D-Drucker, mit dem Cellbricks schon heute Leber in Teilen nachdruckt. Das Unternehmen gehört zu den Teilnehmern des Wettbewerbs. Geschäftsführer Joachim von Arnim steht im weißen Kittel mitten im kleinen Raum und beobachtet, wie ein Kollege mit Pipette den Drucker vorbereitet. „Was im Menschen 18 Jahre gewachsen ist, wollen wir in 180 Minuten nachbauen“, sagt er. „Wir haben bereits im Labor gezeigt, dass sich Organe in Teilen nachdrucken lassen und dann wachsen. Jetzt zeigen wir, dass unsere gedruckten Elemente auch in Lebewesen funktionieren.“

    Die Anforderungen sind hoch. „Die Organe müssen sicher sein, dürfen dem Menschen nicht schaden. Sie dürfen keine Immunreaktion auslösen. Sie sollen natürlich funktionieren. Und sie müssen in der entsprechenden Größe verfügbar sein“, beschreibt Jano Costard das Ziel. Er ist bei Sprind für den Wettbewerb verantwortlich.

    Tissue Engineering, Gewebezucht, heißt eine Reihe von Verfahren, mit denen Organe nachgebaut werden können. Eines dieser Verfahren ist lichtbasierter 3D-Druck. Dafür nötig sind menschliche Zellen, etwa von der Leber und von Blutgefäßen, die künstlich vermehrt werden, sowie etwas, das die Zellen später zusammenhält. Cellbricks verwendet selbst entwickelte „vegane Gelatine“. Weil die Zellen genetisch programmiert sind, Blutbahnen oder Leber zu werden, bilden sich im gedruckten Leberstück dann zum Beispiel neue Blutgefäße aus – vorausgesetzt, die Bedingungen stimmen, etwa die Temperatur.

    Die Experten im Cellbricks-Labor haben die Gewebestruktur der Leber am Computer nachgebaut und drucken eine Art ideale Leber. Wobei streng genommen nicht gedruckt wird, die menschlichen Zellen sind zu empfindlich für Düsen klassischer Drucker. Das Gerät im Labor belichtet die flüssigen Zellmischungen. Dort, wo das Licht hinkommt, härtet die Flüssigkeit aus. Für ein Stück Leber sind mehrere belichtete Schichten nötig, von denen jede etwa 20 Tausendstel Millimeter dick ist.

    Gedruckt werden kann alles, was auf die Druckerschalen passt, die fast das Format einer Postkarte haben. Auf jeden Fall ist Cellbricks auf Größeres eingestellt. „Mit unserem patentierten Verfahren lassen sich Organe im industriellen Maßstab drucken“, sagt von Arnim. Soweit ist es aber noch nicht. Die Berliner drucken keine komplette Leber, zu groß, zu kompliziert. Die Experten bauen ein kleines Stück nach. Wird es dann an eine echte Leber transplantiert, wächst es mit ihr zusammen. Ein beschädigtes Organ könnte sich dann selbst wieder erneuern.

    Weil die Verfahren aufwändig sind, menschliche Zellen ein sehr genaues Umfeld brauchen, etwa 37 Grad Temperatur, und der Körper eben doch sehr komplex, gibt es bisher nur Laborversuche. Und es gibt nur wenige Firmen, die sich mit dem Thema beschäftigen. Einige Konkurrenten von Cellbricks etwa sitzen in den USA und Israel. Beim Sprind-Wettbewerb sind die Berliner das einzige Unternehmen. Die drei anderen Wettstreiter kommen aus der Forschung.

    ZonalCartHT ist ein Team aus Experten der Universitätsklinikum Heidelberg und dem Leibniz-Institut für Polymerforschung in Dresden. Sie entwickeln Knorpelersatz aus einem Trägermaterial und Stammzellen. Die Idee: Statt ganze Gelenke auszutauschen, lässt sich die Funktion auch wiederherstellen, wenn die Knorpel zwischen den Knochen ersetzt werden.

    Drei Forscher aus Paris arbeiten daran, mit menschlichen Zellen große transplantierbare Muskeleinheiten zu entwickeln. Sie nutzen ein Eisguss genanntes Verfahren für das Trägermaterial. Ein Team der Universität Utrecht in den Niederlanden arbeitet ähnlich wie Cellbricks daran, Organteile in 3D zu drucken. In diesem Fall geht es um die Bauchspeicheldrüse. Das gedruckte Material kann Insulin produzieren – Rettung für viele Diabetiker, denen diese Funktion fehlt.

    Bis September haben die vier Teams Zeit, zu beweisen, dass sie die Technik im Griff haben und das künstliche Organ im Tierversuch funktioniert. Dafür bekommen die Teams jeweils 500.000 Euro. „Danach können wir die Projekte weiterfinanzieren“, sagt Sprind-Koordinator Costard, „müssen es aber nicht.“ In der zweiten Stufe stehen für zwei Monate weitere 200.000 Euro je Team zur Verfügung, um sich auf klinische Studien vorzubereiten. „Da gilt es, hohe regulatorische Hürden zu nehmen, bevor die Produkte am Menschen getestet werden können“, sagt Costard. Im November ist dann Schluss. „Am Ende des Wettbewerbs wollen im Idealfall private Investoren Geld in die Projekte stecken. Wir als Sprind können aber auch weiter unterstützen.“

    Bei Cellbricks sind sie jedenfalls äußerst optimistisch. Das patentierte Druckverfahren funktioniert auch mit anderen Zellarten: Herz oder Brust zum Beispiel. Entsprechend groß formuliert Geschäftsführer von Arnim die Vision es Unternehmens, das 2016 aus der Technischen Universität Berlin ausgegründet wurde: „In jedem großen Krankenhaus der Welt steht in Zukunft ein Drucker, der menschliches Gewebe nachbauen kann.“

  • Prost, alkoholfrei!

    Christian Nett wollte mit der Produktion von alkoholfreiem Wein schon vor Jahren beginnen. Aber damals, da sei der Geschmack noch ernüchternd gewesen, sagt der Mann vom traditionellen Weingut Bergdolt-Reif & Nett in Duttweiler, einem kleinen Weinort in der Pfalz. Und dann kam die Wende, 2022 war das. Mittlerweile ist er bekannt für sein Sortiment, verkauft neben seinen 50 Weinen mit Alkohol zehn alkoholfreie in Deutschland. Er exportiert sie auch nach Kanada und Australien.

    Nach dem alkoholfreien Bier kommt nun auch alkoholfreier Wein in die Regale. Dieser steht selbst in jenen Weinhandlungen, die viel von Top-Qualität halten. „Die Herstellungstechnik ist besser geworden, hat einen Sprung gemacht“, sagt Winzer Nett. Wie funktioniert das?

    Für seinen alkoholfreien Wein holt Nett die in der Sonne gereiften Trauben genauso aus seinen Weinbergen wie für den herkömmlichen, Sauvignon Blanc, Riesling, Gewürztraminer zum Beispiel. Er keltert sie, gibt den Saft in seine Holzfässer oder Stahltanks und sorgt dafür, dass sich mit Hilfe von Hefe der Fruchtzucker in Alkohol verwandelt. Ganz am Ende muss Nett dem Wein den Alkohol dann wieder entziehen.

    Mit dem Alkohol allerdings verflüchtigen sich auch viele Aromen aus dem Wein. Das war bisher das große Geschmacksproblem. Nur bei alkoholfreien Schaumweinen war das leichter, Kohlensäure gleicht fehlenden Alkohol offenbar aus. Nett fährt seinen Wein nun extra gut 140 Kilometer nach Waiblingen bei Stuttgart, wo der Alkohol aus dem Wein geholt, die Aromen zurückgewonnen und dem Wein wieder zugefügt werden können.

    Die Aroma-Spezialistin Claudia Geyer hat das Verfahren mit ihrem Kollegen in der Firma Flavologic mit Sitz im bayerischen Vaterstetten nahe München im Labor entwickelt und auch patentieren lassen.

    „Die Herstellung von Wein ist extrem traditionell, ein tolles Handwerk, wir wollten es in die nächste Generation retten“, sagt Geyer. Jugendliche und junge Erwachsene tränken im Vergleich zu Älteren weniger Wein. Die gesundheitlichen Risiken würden immer klarer. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat unlängst erklärt, dass es beim Alkoholkonsum keine gesundheitlich unbedenkliche Menge gebe.

    Geyer meint: „Alkohol ist der neue Tabak“ – und damit immer öfter verpönt. Er soll aus dem Wein raus. „Das machen wir mit dem Vakuumverfahren, wie es heute zumeist üblich ist. Der Alkohol verdampft schon bei niedrigen Temperaturen, Unterdruck macht das möglich. Die niedrigen Temperaturen schonen die Aromen“, erklärt Geyer. Nächster Schritt: Die Aromen müssen aus dem verdampften Alkohol, dem Destillat, gerettet werden. „Das Destillat hat Kontakt mit einem Filter, einem Harz, an dem die Aromen hängen bleiben. Danach werden die Aromen als Extrakt wieder runter gewaschen.“

    Genauer wird Geyer nicht – Betriebsgeheimnis. Traubenmost, sagt sie noch, müsse dem Wein nicht mehr zwingend zugesetzt werden. Das wird sonst schon mal gemacht, um einen Verlust des Geschmacks durch den fehlenden Alkohol auszugleichen. Geyer meint: „Wir gewinnen mindestens 80 Prozent der Aromen in einem Wein zurück“. Zwei ihrer Anlagen sind bisher gebaut, in wenigen Wochen wird die dritte fertig.

    Im März auf der Weinmesse ProWein in Düsseldorf will Geyer für ihr Verfahren mit großem Auftritt werben. Sie erwartet einen „großen Markt“. Das israelische Unternehmen Prodalim offenbar auch, es hat Flavologic vor anderthalb Jahren gekauft, Geyer und ihr Kollege sind dort mit ihren sieben Mitarbeitenden angestellt.

    Schmeckt der Wein ohne Alkohol denn wirklich wie der mit? Claudia Geyer: „Nein, das würde ich nie sagen, das Wärmende, Abrundende des Alkohols fehlt, der entalkoholisierte Wein ist eine ganz eigene Kategorie, die garantiert Genuss ohne schlechtes Gewissen.“

    Für Kinder sei das nichts, weil es eben nichts mit Saft zu tun habe. Der wird einfach nur aus Trauben gepresst, fertig. Ihm fehle der „weinige“ Geschmack, der erst durch die Gärung entsteht, erklärt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut. Außerdem heißt alkoholfrei in Deutschland nicht gleich 0,0 Prozent Alkoholgehalt – die so gelabelten Getränke dürfen noch bis 0,5 Volumenprozent Alkohol enthalten. Geyer nennt den entalkoholisierten Wein einen „Softdrink für Erwachsene“.

    Billig ist der allerdings nicht. Wird der Alkohol entzogen, bleibt vom Liter Wein weniger übrig. Dazu kommt der größere Aufwand. Diese so gehobene Getränkekultur kostet. Bleibt eine grundsätzliche Frage: Ist das für einen traditionellen Winzer nicht zu viel an Technik, auch wenn das neue Verfahren als Fortschritt gelten mag? „Im Gegenteil. Ich will doch, dass das Aroma zurück gewonnen wird, das unser Weinberg liefert“, sagt Winzer Nett.

  • Wer Atomraketen baut

    Europas verschwiegene Branche

    In Europa wird wieder über Atomraketen diskutiert. Die Idee dahinter: Die Staatengemeinschaft soll sich stärker selbst schützen, sollten die USA sich aus dem Nordatlantischen Verteidigungsbündnis Nato zurückziehen. Bloß: Wer stellt die Raketen her? Wer die Sprengköpfe? Und gibt es überhaupt genug Kapazität, um einen europäischen Atomschutzschirm aufzubauen?

    Zwei Länder in Europa verfügen über ein eigenes Arsenal von Atomwaffen: Frankreich und Großbritannien. Die Briten setzen ausschließlich auf Raketen, die von U-Booten aus gestartet werden können. Ähnlich halten es die Franzosen. Doch gut 20 Prozent der französischen Atomsprengköpfe sind auf Luft-Boden-Raketen montiert, die von Flugzeugen abgeschossen werden. Deutschland hat sich im Artikel 3 des Zwei-plus-Vier-Vertrags 1991 verpflichtet, auf Atomwaffen und deren Bau zu verzichten. Der Vertrag regelt das Ende des Besatzungsstatuts nach dem Zweiten Weltkrieg und die volle Souveränität Deutschlands.

    Nach letzten Zahlen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri besitzen die Franzosen mehr als 290 Atomsprengköpfe, die Briten mehr als 225. Im Vergleich zu den großen Atommächten USA und Russland ist die nukleare Bewaffnung eher übersichtlich: Die USA verfügen Sipri zufolge über 5244 Sprengköpfe, Russland sogar über 5889.

    Offizielle Auskünfte sind kaum zu bekommen, die Branche ist verschwiegen. Wer will schon Einzelheiten über seine taktischen Waffen nach außen geben? Während Rüstungsunternehmen manche Panzer, Flugzeuge und Geschosse ins Ausland verkaufen dürfen, sieht es bei den Trägerraketen für Atomsprengköpfe anders aus.

    Grundsätzlich kann jedes Unternehmen, das Raketen baut, die ins All starten sollen, auch Raketen für atomare Sprengköpfe herstellen. Sie können sowohl zivil als auch militärisch genutzt werden. Allerdings sind die Anforderungen an eine Atomrakete besonders hoch, vor allem wenn sie von einem U-Boot aus starten soll. Sie muss unter Wasser abgeschossen werden können, dann bis ins All aufsteigen, wieder zur Erde zurückkehren und mit einer Genauigkeit von 100 bis 200 Metern treffen.

    Entsprechende Expertise hat in Europa die ArianeGroup mit Sitz südwestlich von Paris. Das Unternehmen hat unter anderem im Auftrag der europäischen Weltraumagentur ESA, die die Trägerrakete Ariane 5 gebaut und bereitet gerade Nachfolgerin Ariane 6 für den Erststart vor. ArianeGroup hat auch eine militärische Sparte, die für das französische Verteidigungsministerium federführend die M51 entwickelt hat. Die Rakete startet von U-Booten aus. Sie ist gut zwölf Meter lang und hat 2,5 Meter Durchmesser. Die Reichweite soll 11.000 Kilometer betragen.

    ArianeGroup hat auch Standorte in Deutschland, die Rakete wird aber ausschließlich in Frankreich entwickelt, gebaut und gewartet. Beteiligt sind mehr als 900 ebenfalls französische Industrieunternehmen. 7000 Personen sind nach Angaben von ArianeGroup mit dem M51-Projekt beschäftigt. Das Unternehmen gehört je zur Hälfte dem europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern Airbus und dem französischen börsennotierten Flugzeug- und Raketenturbinenhersteller Safran.

    Airbus ist auch mit 37,5 Prozent am zweiten französischen Raketenhersteller beteiligt: MBDA, ebenfalls mit Sitz südwestlich von Paris. Weitere Anteilseigner sind der britische Rüstungshersteller BAE Systems (37,5 Prozent) und die italienische Leonardo (25 Prozent). MBDA entwickelt und baut die die Raketen der französischen Luftwaffe, die atomare Sprengköpfe tragen. Die aktuelle Version ist etwa 5,5 Meter lang, hat einen Durchmesser von knapp 40 Zentimetern und eine Reichweite von mehr als 500 Kilometern. Derzeit wird an einem Nachfolgemodell gearbeitet, beteiligt sind MBDA und ArianeGroup. Auch MBDA hat einen deutschen Ableger, der nichts mit der Entwicklung der Atomraketen zu tun hat.

    Die Atomsprengköpfe liefert der militärische Teil des staatlichen französischen Forschungsinstituts CEA – kontrolliert vom Verteidigungsministerium. Die DAM genannte Abteilung sitzt unter anderem westlich von Bordeaux.

    Großbritannien setzt auf Trident-Raketen des US-Herstellers Lockheed, der sie in Kalifornien baut. Eine solche zweistufige Interkontinentalrakete kostet geschätzt rund 30 Millionen Euro pro Stück. Sie wiegen etwa 59 Tonnen, sind 13,5 Meter lang und haben einen Durchmesser von etwas mehr als zwei Metern. Die Reichweite soll bei 12.000 Kilometern liegen.

    Die Atomsprengköpfe stellt eine Firma im Besitz des britischen Verteidigungsministeriums in der zentralenglischen Grafschaft Berkshire her. In Aldermarston gut 65 Kilometer westlich von London entwickelt und fertigt Atomic Weapons Establishment (AWE) die Sprengköpfe. Im nahegelegenen Burghfield werden die Sprengköpfe montiert und auch zerlegt, wenn sie zu alt sind. Das Unternehmen beschäftigt rund 6000 Mitarbeiter.

    Ob die Kapazitäten der Raketenhersteller ausreichen für einen atomaren europäischen Sicherheitsschirm ist unwahrscheinlich. Üblicherweise dauert es Jahre, neue Werke zu errichten. Und grundsätzlich muss die Politik entscheiden, ob ein solcher Schirm gewünscht ist. Danach sieht es trotz vieler Wortmeldungen bisher nicht aus.

  • Mehr Vertrauen

    Kommentar zum Standort D

    Wer Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) und vor allem Oppositionsführer Friedrich Merz (CDU) dieser Tage zuhört, könnte meinen, es gehe mit Deutschlands Wirtschaft abwärts. Wer sieht, wie internationale Konzerne handeln, kommt zu einem anderen Schluss: Der US-Autobauer Tesla will sein 2022 eröffnetes Werk in Grünheide bei Berlin gerade erweitern. Der US-Chiphersteller Intel investiert 30 Milliarden Euro in eine ultramoderne Fabrik bei Magdeburg und der US-Softwareriese Microsoft steckt jetzt rund 3,3 Milliarden Euro in neue Rechenzentren westlich von Köln und in Standorte bei Frankfurt.

    Deutschland, das zeigen die Investitionen, ist attraktiv. Wir sind die drittgrößte Wirtschaft der Welt. Microsoft sieht gute Chancen, Geld zu verdienen, wenn es seine Cloud-Anwendungen vor allem zur künstlichen Intelligenz deutschen Unternehmen anbietet. Die Firmen brauchen die neuen Technologien, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Weitere Vorteile des Standorts D: Es gibt hervorragend ausgebildetes Personal, die Lebensqualität ist hoch und in einigen Regionen auch die Bereitschaft, etwas zu wagen – getrieben vom Strukturwandel.

    Gerade verändert sich in Deutschland sehr viel. Das trifft etablierte Branchen wie die Autoindustrie oder die Kohleförderung. Und wie immer, wenn sich etwas wandelt, gibt es Reibungen. Das kann verunsichern. Aber es bedeutet nicht, dass das Land in der Bedeutungslosigkeit versinkt, wie manche Aussagen glauben machen. Die Wirtschaft ist sehr anpassungsfähig, erfinderisch und mutig. Sie wird auch in Zukunft erfolgreich sein. Darauf setzen die US-Konzerne mit ihren Milliarden-Investitionen. Das Vertrauen sollten auch die deutschen Politiker haben.

  • Mehr Bio, weniger Fleisch

    Bio, vegetarisch oder vegan? – Die Frage, was essen, ist kompliziert geworden. Im vergangenen Jahr haben die Deutschen für 16,1 Milliarden Euro Bio-Lebensmittel und Bio-Getränke eingekauft – und damit fünf Prozent mehr als noch 2022. Das rechnete Tina Andres, die Vorsitzende des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft BÖLW am Dienstag in Nürnberg auf der Biofach vor, der weltweit größten Messe der Ökobranche. Aber ist es nicht schon öko, ab und zu mal auf das Schnitzel zu verzichten?

    46 Prozent der Deutschen geben mittlerweile in Umfragen an, nur gelegentlich Fleisch zu essen, sind Flexitarier, acht Prozent sind Vegetarier, bei ihnen landen statt Schnitzel und Wurst vor allem Getreide, Gemüse, Pflanzliches auf dem Teller. Aber sie lassen sich Produkte von lebenden Tieren schmecken – Eier, Milch oder Käse. Veganer indes, sie machen bisher zwei Prozent der Bevölkerung aus, verzichten auf jedwedes Produkt vom Tier.

    So geht der Fleischverzehr insgesamt zurück: 2018 aß jeder Deutsche im Schnitt noch 61 Kilo Fleisch und Wurst, 2022 waren es 52 Kilo. Auf den Geschmack verzichten muss man darum nicht. Räuchertofu-Döner, Soja-Hack, Saitan-Schnitzel – in jedem Supermarkt ist Ersatzfleisch zu finden. Und statt Milch lassen sich Hafer- oder Mandeldrinks kaufen. Der Vorteil: Wer mehr Pflanzenkost isst, schont das Klima.

    Das Umweltbundesamt erklärt: „Mit einer Umstellung von der durchschnittlichen Ernährungsweise in Deutschland auf eine vegetarische Ernährung ließen sich zwischen 20 und 47 Prozent der ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen einsparen. Bei einer veganen Ernährung sind es zwischen 38 und 52 Prozent.“ Aber schon, wenn sich alle an die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) hielten und aus gesundheitlichen Gründen mit rund 31 Kilogramm Fleisch pro Jahr auskämen, mindere dass die Treibhausgasemissionen um 9 bis 19 Prozent.

    Weniger Fleisch gilt auch als Flächen sparend, weil weniger Futter angebaut werden muss. Tiere werden zudem geschont, die eigene Gesundheit auch. Allein, in Gänze umweltfreundlich ist das nicht unbedingt. Der Umweltverband WWF zum Beispiel hat unlängst in einer Studie gezeigt, dass der Wasserverbrauch bei einer vegetarischen oder veganen Ernährung enorm sein kann.

    Demnach wurden 2019 zum Beispiel satte 37 Prozent mehr Mandeln nach Deutschland importiert. Mit immer neuen Produkten wie Mandelmilch, Mandelcreme, veganem Käse auf Mandelbasis steigt die Nachfrage. Die meisten stammten, so der WWF, aus der Ferne, aus Kalifornien und Spanien, aus Regionen, in denen Wasser knapp sei. Die dort massenhaft angebaute Mandel sei aber durstig.

    Auch das Lieblingsgemüse der Deutschen, die Tomate, käme zumeist aus dem Ausland, gut die Hälfte zum Beispiel aus Spanien, wo sie stark bewässert werden müssten. Gerade einmal vier Prozent der Tomaten in den bundesweiten Ladenregalen seien in Deutschland geerntet worden.

    Also lieber doch mehr Fleisch essen? Dazu rät der WWF ausdrücklich nicht. Er plädiert stattdessen zum „Sonntagsbraten statt Werktagsschnitzel“. Zugleich fordert er, den Anbau von Obst und Gemüse, von Nüssen und Hülsenfrüchten in Deutschland stärker zu fördern und bei allem vorrangig zu Bio-Lebensmitteln zu greifen.

    „Es gibt zwar auch nachhaltig erzeugte konventionelle Lebensmittel“, sagt die WWF-Ernährungsexpertin Elisa Kollenda, „es ist aber viel schwieriger für Verbraucherinnen und Verbraucher das nachzuvollziehen.“ Der Ökolandbau kommt zum Beispiel ohne chemisch-synthetische Pestizide und Kunstdünger aus, wovon die Umwelt profitiert – und mit weniger Zusatzstoffen, also etwa Farb- und Konservierungsmitteln, Geschmacksverstärkern oder Süßstoffen.

    Da Tofuwürstchen und Saitanschnitzel keine frische Ware, sondern stark verarbeitete Lebensmittel sind, enthalten sie solche Zusatzstoffe oft. Manche davon sind umstritten, stehen zum Beispiel unter Verdacht Allergien auszulösen.

    „Laut der EU-Ökoverordnung sind in Bio-Produkten nur 56 der sonst über 300 erlaubten Zusatzstoffe gestattet, Anbauverbände wie Demeter sind nochmal strenger“, erklärt die Lebensmittelexpertin Vanessa Schifano von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, „einzelne Bio-Lebensmittel können aber genauso viele Zusatzstoffe enthalten wie vergleichbare konventionelle Produkte. Es hilft ein Blick auf die Zutatenliste, denn hier müssen Zusatzstoffe mit ihrer Zusatzstoffklasse angegeben werden, zum Beispiel „Verdickungsmittel: Johannisbrotkernmehl“.

    Die Bundesregierung hat sich die umweltfreundlichere Art des Essens Anfang dieses Jahres mit ihrer Ernährungsstrategie vorgenommen. Danach soll unter anderem „eine stärker pflanzenbetonte Ernährung mit möglichst ökologisch erzeugten, saisonal-regionalen Lebensmitteln“ in den Vordergrund rücken. Weniger Fleisch braten, mehr Bio kochen – die Essenfrage ist im Grunde doch einfach.

    Kasten:
    Biobranche 2023
    Das zeigt der neuen Branchenreport des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft, BÖLW:

    • 2023 wurde jeden Tag die Fläche von mehr als 300 Fußballfeldern auf Bio umgestellt, 11,8 Prozent aller landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland werden nun ökologisch bewirtschaftet.
    • Der Lebensmitteleinzelhandel steigerte seine Bio-Umsätze um 7,2 Prozent auf 10,8 Milliarden Euro. Der größte Batzen davon entfiel mit 40 Prozent auf die Discounter. Bio-Läden und Bio-Supermärkte konnten ihre Umsätze indes nur leicht steigern.
    • Legten die Preise für Lebensmittel 2023 generell um neun Prozent zu, wurden Biolebensmittel nur um fünf Prozent teurer.
    • Eines der beliebtesten Bioprodukte 2023: Pflanzendrinks als Milchalternative.
  • Nadelöhr des Welthandels

    Warum das Rote Meer so wichtig ist

    Mitte Januar sind die Attacken der Huthi-Rebellen auf den Welthandel auch in den sozialen Netzen angekommen. Auf X, vormals Twitter, posiert ein Jüngling mit verstrubbelten dunklen Haaren und Oberlippenbart in rötlicher Jacke am Meer, im Hintergrund ein Frachtschiff. Der Mann soll Rashid al-Haddad verzückt die Internetgemeinde als vermeintlich süßer Pirat. Die Angriffe der Rebellen auf Schiffe im Roten Meer haben da die Weltwirtschaft bereits leicht aus dem Gleichgewicht gebracht. USA und Großbritannien fliegen seither Angriffe auf Standorte der Huthis im Jemen, eine internationale Marinemission soll den Seeweg befrieden – Ausgang bisher ungewiss.

    Das Rote Meer – und in seinem Verlauf der Suezkanal – gilt als wichtigste Wasserstraße der Welt. Sie steht für zwölf bis 15 Prozent des gesamten Handels, wie Unctad, die Welthandels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen, berichtet. Im Containerhandel sind es demnach sogar 20 Prozent. Unctad warnt vor katastrophalen Dominoeffekten weltweit, sollten wichtige Teile in Industrienationen fehlen. So hat unter anderem Tesla die Autoproduktion in Grünheide bei Berlin unterbrochen.

    Gegenwärtig passierten 84 Prozent weniger das Rote Meer und den Suezkanal, als üblicherweise zu erwarten seien, berichtet das Kieler Institut für Weltwirtschaft IfW. Flüssiggastanker – wichtig für Europas Versorgung – meiden die Strecke danach komplett. Das IfW beobachtet den Schiffsverkehr anhand von Positionsdaten in Echtzeit. Die Schiffe fahren jetzt um die Südspitze Afrikas, weshalb sie gut zwei Wochen länger unterwegs sind. Das zeigt sich auch in den deutschen und europäischen Häfen. In Hamburg und Bremerhaven, in Rotterdam und Antwerpen legten im Januar den IfW-Zahlen zufolge ein Viertel weniger Schiffe an als im Wochendurchschnitt 2023.

    Die Huthi-Rebellen kontrollieren weite Teile des westlichen Jemen, darunter die Küste zum Roten Meer. Iran unterstützt die Rebellen. Jetzt haben sich die Huthis in den Konflikt zwischen Hamas und Israel eingemischt. Sie greifen Schiffe im Roten Meer an, die angeblich eine Verbindung zu Israel haben und dort Häfen anlaufen, stören aber den gesamten Schiffsverkehr. Hinter dem Ganzen vermuten Experten den Iran, der auch der Hamas hilft.

    „Die Streitkräfte der USA und von Großbritannien konnten bislang offenbar nicht für mehr Sicherheit auf der ehemals meistbefahrenen Handelsroute sorgen“, schließt Julian Hinz, Forschungsdirektor Handelspolitik. Auch Deutschland beteiligt sich an der Sicherung des Roten Meeres. Die Fregatte „Hessen“ ist auf dem Weg dorthin.

    Welche Folgen es hat, wenn der Schifffahrtsweg durch Rotes Meer und Suezkanal nicht frei ist, zeigte sich im März 2021. damals stellte sich der Frachter Ever Given im Suezkanal quer und blockierte ihn für mehrere Tage. Im Roten Meer stauten sich die Schiffe, in Europa gingen einige Waren aus, wichtige Vorprodukte wie Computerchips fehlten. Das Ganze traf auf eine Wirtschaft, die sich gerade vom Corona-Tief erholte und nach Waren verlangte. Es dauerte Wochen, bis der Stau abgearbeitet war.

    Das Rote Meer und der davorliegende Golf von Aden sind für Schiffe ohnehin gefährlich. Immer wieder haben Piraten mit schnellen Booten von Somalia aus Schiffe angegriffen und Lösegeld erpresst. Seit 2008 versucht die Operation Atalanta, eine Marinemission der EU unter deutscher Beteiligung, die Region zu sichern. Mit dabei sind auch Neuseeland, Norwegen, Serbien und Großbritannien. Schon wegen der Piraten fahren manche Reedereien lieber längere Wege.

    Alternativen zum Roten Meer gibt es. Auf dieser Route um das Kap der guten Hoffnung müssen bisher bereits all jene Schiffe fahren, die nicht durch den Suezkanal passen. Die Strecke ist rund 6000 Kilometer länger. Das kostet mehr Sprit und Zeit, die Schiffe stehen nicht so schnell wieder zur Verfügung. Letztlich wird alles teurer.

    Möglich wäre es auch, Schiffe zwischen Asien und Europa um Kap Hoorn an der Südspitze Südamerikas zu schicken. Die Strecke ist aber noch länger als die um Südafrika, führt durch sehr einsame Gebiete und wäre insgesamt noch teurer.

    Ein anderer Weg zwischen China, Japan, Südkorea und Europa wäre eine Route durchs Nordmeer zwischen Russland und dem Nordpol. Die Nordostpassage ist wegen der Erderwärmung zumindest zeitweise im Jahr eisfrei und sogar kürzer als die Strecke durchs Rote Meer. 2009 schickte die Bremer Reederei Beluga zwei eistaugliche Schiffe über die Route. Durchgesetzt hat sie sich bisher nicht.

    Anders als Unctad ist IfW-Experte Hinz nicht ganz so in Sorge für den Welthandel. „Die gegenwärtige Situation sieht dramatischer aus, als sie gesamtwirtschaftlich ist. Wir sehen momentan, dass Containerschiffe deutlich länger unterwegs sind, als ursprünglich geplant, so dass in vielen Häfen Europas eine Lücke entstanden ist“, sagt er. „Die dürfte sich aber wieder auf ein Normalmaß schließen, sobald der längere Fahrweg logistisch eingeplant ist.“

    Die Menge weltweit verschickter Waren ist nach Angaben des IfW im Januar sogar gestiegen. Die Zahl verschiffter Standardcontainer lag bei mehr als 14 Millionen Stück, erreichte fast den Rekordwert von vor zwei Jahren. das zeige, dass der Welthandel in keiner Krise stecke, sondern stabil geblieben sei, schließt Hinz deshalb. „Zwar können einzelne Firmen unter Lieferverzögerungen leiden, insgesamt sind aber keine Engpässe bei Vorprodukten oder Konsumgütern zu erwarten.“

  • Tchibo will den Kaffee retten

    Die Ware ist heiß begehrt – morgens um wach zu werden, nach dem Essen, um wach zu bleiben: Pro Jahr trinkt laut dem Daten-Portal Statista hierzulande jeder im Schnitt 167 Liter Kaffee. Zum Vergleich: Bei Bier sind es 92 Liter. Doch mit dem Klimawandel steht der Nachschub in Frage. Das ist für Kaffeeliebhaber ein Problem, auch für die Kaffeeunternehmen und ihr Geschäft. Der Hamburger Kaffeekonzern Tchibo spricht nun davon, „komplett neue Wege“ gehen zu wollen. Was ist zu tun?

    Die Kaffeepflanze ist sensibel. Sophie von Loeben forscht am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, PIK, zu ihr und sagt: „Zu hohe oder niedrige Temperaturen können der Pflanze schaden, genauso wie direkte Sonneneinstrahlung. Außerdem braucht es eine bestimmte Niederschlagsverteilung, und der Boden sollte reich an Nährstoffen sein“. Ideal für die beliebte Arabica-Bohne zum Beispiel sind Temperaturen von 18 bis 22 Grad Celsius im Jahresschnitt und 1.400 bis 2.000 Millimeter Regen im Jahr.

    Der Kaffeestrauch wächst bisher nur in einer eng begrenzten tropischen Lage, im Kaffeegürtel rund um den Äquator. Im Grunde gibt es dort nur Regen- und Trockenzeiten. Mittlerweile kommen aber Dürren, Starkregen, in den Höhen auch mal Frost dazu. Das schwächt die Pflanzen, macht sie auch anfällig etwa für schädliche Pilze wie den Kaffeerost. „Das schlägt sich dann sofort in Ertrag und Qualität des Kaffees nieder“, erklärt von Loeben. Mit dem Klimawandel wird Kaffee knapper, damit teurer – und der Anbau mancherorts unmöglich.

    Denn von Loeben sagt weiter: „Bis 2050, so zeigen Studien, könnte die für den Kaffeeanbau bisher geeignete Fläche um circa die Hälfte schrumpfen.“ Das beträfe unter anderen die Kaffeefarmer in Brasilien, die vorwiegend Arabica ernten. In dem südamerikanischen Land wird bisher so viel Kaffee angebaut und exportiert wie nirgends sonst. Andernorts, etwa in Äthiopien, das für besonders guten Kaffee bekannt ist, könnten künftig nicht mehr die besser bezahlten Spitzenqualitäten erzielt werden.

    Sicher werde sich der Anbau teils in neue Regionen verlagern, in höhere Höhen, in kühlere Gefilde. Doch seien andere Flächen nicht so einfach zu haben, da oft bewaldet oder schon anderweitig landwirtschaftlich genutzt. Außerdem könnten viele Bauern auch nicht einfach mal so umziehen. Bleibt alles beim Alten, werden viele der weltweit 12,5 Millionen Kaffeefarmer aufgeben. Das will Tchibo verhindern, den Kaffee retten.

    1949 von den Kaufleuten Max Herz und Carl Tchilling-Hiryan in Hamburg gestartet, um Kaffee in Deutschland per Post zu versenden, ist Tchibo heute einer der zehn größten Kaffeeröster der Welt. Rund 75.000 Kaffeefarmer liefern dafür die Bohnen aus Brasilien oder Vietnam, aus Honduras oder Guatemala und so fort. Ihnen verspricht Tchibo nun zu helfen, „ein wirtschaftlich stabiles Fundament aufzubauen“ und sich auf die heißeren Zeiten einzustellen. Denkbar sei Verschiedenes, erklärte der Leiter des Bereichs Unternehmensverantwortung bei Tchibo, Pablo von Waldenfels, dieser Zeitung.

    So könnten zwischen den Kaffeesträuchern Schatten spendende Obstbäume gepflanzt werden, in Vietnam könne das zum Beispiel Durian sein oder eine andere Frucht, die sich verkaufen ließe, also auch Einkommen brächte. Auch Bananen oder Avocado könnten vor der prallen Sonne schützen. Solche Agroforste, wie das Experten nennen, gelten auch als artenreicher und gesünder für den Boden als eine reine Kaffeeplantage.

    Zudem sollten, so sagt von Waldenfels, auch neue Kaffeesorten angebaut werden, die besser gegen extreme Wetterlagen gewappnet sind. Bisher dominiert die Art Arabica, aber auch Robusta. Das werde alles mit den Leuten vor Ort entwickelt. Aber wäre die Umstellung der Farmen auf Bio oder Fair-Trade nicht durchschlagender?

    Rund 20 Prozent des Tchibo-Rohkaffees hätten Gütesiegel, darunter Bio, Fairtrade oder Rainforest- Alliance. Doch sie allein reichten nicht, sagt von Waldenfels. „Oft decken die höheren Preise, die die Farmer mit ihren zertifizierten Produkte erzielen, nicht die Erzeugerkosten.“

    „Vor allem ist der Markt für die Produkte mit Siegel immer noch eine Nische, zu klein und die Abnahme nicht garantiert. Das hat zu wenig Fortschritt gebracht“, sagt Friedel Hütz-Adams vom Bonner Südwind-Institut, das sich weltweit für wirtschaftliche, ökologische und soziale Gerechtigkeit einsetzt, „grundsätzlich ist es da richtig und wichtig, dass Tchibo jetzt einen eigenen Weg geht.“

    Doch fordern er und Forscherin von Loeben eins zu beachten: Kaffeebauern lebten oft am Existenzminimum. Sie könnten nicht einfach neue Kaffeesorten oder Obstbäume pflanzen, um dann mehrere Jahre zu warten, bis diese Früchte trügen. Und ob sich neben Kaffee die anderen Früchte verkaufen ließen, fügt Hütz-Adams hinzu, sei ohnehin fraglich, da erst einmal Abnehmer gewonnen werden müssten. Tchibo müsse darum nicht nur die Umstellung finanziell unterstützen, sondern auch neue Marktstrukturen mit aufbauen, langfristige Verträge schließen und gute, existenzsichernde Preise garantieren.

    Tchibo macht im Jahr einen Gesamtumsatz von rund 3 Milliarden Euro. Bis 2027 will das Unternehmen nun allen Kaffeebauen anbieten, ihre Plantagen mit umzubauen – und dafür jedes Jahr bis zu 8 Millionen Euro investieren. Der Kaffeeröster erklärt aber auch, dass es nicht möglich sei, „in einem sehr wettbewerbsintensiven Umfeld vollständig aus den etablierten Preisen auszubrechen“.

  • Fitness für Firmen

    Nach einem langen Boom zwischen 2010 und 2019 kränkelt die deutsche Wirtschaft nun. Was ist eigentlich los? Drei Probleme, drei Lösungsansätze.

    Das Wachstum in Deutschland stagniert – mehr oder weniger. Zwar ist die hiesige Wirtschaft einigermaßen intakt aus der Corona-Krise herausgekommen, doch nun schränkt die Industrie ihre Produktion ein, wie das Statistische Bundesamt gerade wieder mitteilte. So stellen sich Fragen: Gibt es grundsätzliche Probleme, wo liegen sie? Und was ist zu tun – können beispielsweise niedrigere Steuern den Unternehmen helfen?

    Problem 1: Mehr Kosten, weniger Nachfrage

    Viele einheimische Firmen leiden unter gestiegenen Preisen. Wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine ist beispielsweise Energie zwischenzeitig deutlich teurer geworden. Hinzu kommt eine Inflation, die das Preisniveau insgesamt anhebt. Ein dritter Faktor sind höhere Zinsen, die die Zentralbanken festsetzen, um die Inflation zu drücken. Sie verteuern Investitionen in Modernisierung.

    Die gestiegenen Kosten treffen andererseits auf eine schwächere Nachfrage – denn die Weltwirtschaft lief schon mal besser. Deutsche Unternehmen drückt das besonders. Exporte tragen durchschnittlich große Anteile zu ihren Umsätzen und Gewinnen bei. Zwischen höheren Ausgaben und gedämpfter Nachfrage steckt die heimische Wirtschaft damit in der Klemme. Das ist eine Erklärung dafür, warum kleine Betriebe, aber etwa auch Großunternehmen der Chemieindustrie jetzt weniger fertigen als vorher.

    Lösung: Weniger Steuern

    Wenn die Kosten zu stark steigen, kann der Staat zur Reduzierung beitragen, indem er die Steuern für Unternehmen verringert. Mit Hinweisen auf niedrigere Abgabensätze in anderen Staaten verlangen Union und FDP das seit langem. Neuerdings hat auch Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) eine gewisse Bereitschaft signalisiert. Doch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bremst. Eine Rolle dürfte dabei spielen, dass Steuersenkungen zunächst Einnahmeausfälle für die öffentlichen Haushalte verursachen. Ohnehin hat die Bundesregierung große Probleme, ihre Budgets für dieses und nächstes Jahr in die Balance zu bringen.

    Problem 2: Zu wenige Investitionen

    Zu den grundsätzlichen Probleme der hiesigen Wirtschaft gehört, dass das Wachstum des Produktionspotenzials im Vergleich zu früheren Jahrzehnten abnimmt. Stieg es in den Nullerjahren zum Beispiel um ein Prozent jährlich, beträgt das Plus jetzt nur ein halbes Prozent. Ein wesentlicher Grund dafür sind geringe Investitionen durch den Staat und die Unternehmen. „Viele aktuelle Studien weisen auf eine gesunkene Produktivität hin“, erklärt außerdem Ökonomin Almut Balleer vom RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Das heißt: Der technische Fortschritt und seine Umsetzung haben sich verlangsamt. Gleichzeitig steckt Deutschland in einem größeren Strukturwandel, auf den Professorin Hanna Hottenrott vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hinweist. Alte Produkte wie Erdgas-Heizungen haben ihren Höhepunkt hinter sich, während die Verbreitung neuer, etwa der Wärmepumpen, noch am Anfang steht.

    Lösung: Anreize für Innovationen

    Forscherin Balleer sagt: „Investitionen von Unternehmen können durch staatliche Hilfe gefördert werden.“ Ein Mittel dafür seien „vorgezogene Abschreibungen“. In diesem Sinne hat die Ampelregierung ihr sogenanntes Wachstumschancengesetz auf den Weg gebracht. Unternehmen sollen Ausgaben für Modernisierungen schneller von der Steuer absetzen können, wodurch Investitionen attraktiver werden. Allerdings hängt das Gesetz jetzt in Verhandlungen zwischen Bundestag und Bundesrat fest – manche Bundesländer beklagen zu hohe Steuerausfälle.

    Um die Investitionstätigkeit anzufachen, können auch gezielte Zuschüsse des Staates helfen. So fördert die Bundesregierung den Umstieg von Steinkohle auf Wasserstoff etwa in der Stahlproduktion, indem sie Unternehmen wie Thyssenkrupp, Salzgitter AG oder ArcelorMittal Milliarden Euro Subventionen zahlt.

    Zu guten Rahmenbedingungen für Investitionen gehören im Übrigen effektive Genehmigungsverfahren. Während es bisher manchmal sieben Jahre dauerte, bis ein beantragtes Windrad gebaut wurde, sollen die Prozesse künftig schneller gehen. „Trotz der Versuche, staatliche Planungsverfahren zu vereinfachen, wird die Bürokratie eher langsamer“, sagt aber Alexander Kritikos, Ökonom beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. „Wir müssen die Verwaltung beschleunigen, indem wir sie digitalisieren und die Beschäftigten besser qualifizieren.“

    Problem 3: Fehlende Arbeitskräfte

    Hinzu kommt mittlerweile eine Abnahme des Arbeitsvolumens. Zwar steigt die Zahl der Erwerbspersonen immer noch, doch die Arbeitszeit pro Kopf sinkt. Und allmählich gehen die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre in den Ruhestand. Gleichzeitig wandern zu wenige Leute nach Deutschland ein, um den Verlust auszugleichen. „Mittlerweile müssen manche Unternehmen ihre Tätigkeit auch deshalb einschränken, weil sie nicht genug Beschäftigte einstellen können“, sagt Alexander Kritikos.

    Lösung: Bildung und Einwanderung

    Der Ökonom empfiehlt: „Die Einwanderung von Arbeitskräften sollte zusätzlich erleichtert werden.“ ZEW-Forscherin Hottenrott mahnt „insbesondere Investitionen in Bildung und Weiterbildung“ an. Diese erscheinen dringend: 40 bis 60 Prozent der Beschäftigten müssten sich darauf einstellen, dass die sogenannte künstliche Intelligenz ihre Arbeitsplätze verändere, teilte der Internationale Währungsfonds kürzlich mit.

  • Luftverkehr fehlt Schub

    Branche hat Corona noch nicht verwunden

    Auch zwei Jahre nach dem Ende der Corona-Pandemie erholt sich der Flugverkehr in Deutschland nur schleppend. Wer ins europäische Ausland fliegen möchte, etwa für ein verlängertes Wochenende in Madrid oder einen Konzertbesuch in London, hat es deutlich schwerer, entsprechende Angebote zu finden. Der Bundesverband der Luftverkehrsindustrie (BDL) fürchtet sogar, große deutsche Wirtschaftsräume könnten abgekoppelt werden.

    Für den Sommer 2024 bieten die Fluggesellschaften in Deutschland rund 89 Prozent der Sitzplätze an, die im Sommer 2019, dem letzten Sommer vor Corona, zur Verfügung standen, wie der BDL errechnet hat. Im restlichen Europa sind es bereits 104 Prozent. Dort hat sich der Luftverkehr deutlich schneller erholt und die Einbrüche während der Pandemie dann wettgemacht.

    Vor allem der innerdeutsche Verkehr schwächelt. Das Angebot außerhalb der Zubringerflüge zu den Lufthansa-Umsteigeflughäfen Frankfurt und München schrumpft diesen Sommer im Vergleich zum vergangenen. Der Verband rechnet mit 23 Prozent der Sitzplätze, die 2019 zu buchen waren. „Das Geschäft kommt auch nicht zurück“, sagt Jost Lammers, BDL-Präsident und Chef des Flughafens München. Die Bundesbürger steigen auf den Zug um oder fahren selbst. Und viele Geschäftstreffen sind inzwischen durch Videokonferenzen ersetzt.

    Deutschland hänge auch wegen des schwachen Verkehrs ins europäische Ausland deutlich hinter anderen europäischen Ländern zurück, sagte Lammers. Das liegt nicht unbedingt daran, dass die Deutschen weniger fliegen wollen. Aus Sicht des Verbands sind deutsche Flughäfen nicht mehr attraktiv genug. Eine Fluggesellschaft fliegt dann lieber zwischen Manchester und Mailand, weil sich da mehr pro Passagier verdienen lässt, als zwischen Köln/Bonn und Madrid.

    Ein Grund sind die staatlichen Standortkosten, die nur in Deutschland gelten, wie BDL-Hauptgeschäftsführer Matthias von Randow sagt. Da ist die Luftverkehrssteuer, die fällig wird, wenn eine Maschine in Deutschland startet oder landet. Sie soll zum 1. Mai steigen. Da sind deutsche Luftsicherheitsabgaben, die ebenfalls noch steigen sollen. Dazu kommen besondere Gebühren für die Flugsicherung. Der BDL hat für einen A320 neo die Kosten berechnet: In Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf und Berlin liegen sie zwischen 3600 und 3800 Euro pro Flug, in Dublin oder Paris Charles de Gaule unter 2000 Euro, in Madrid oder Barcelona unter 200 Euro.

    „Die Luftverkehrsanbindung Deutschlands ist schlechter geworden“, sagt BDL-Präsident Lammers. Der Verband hat sich die Flughäfen Berlin, Düsseldorf und Stuttgart näher angesehen, zwei wichtige Wirtschaftsräume und die Hauptstadt. So sank die Zahl der europäischen Städteziele in Berlin zwischen 2019 und 2023 von 103 auf 82, in Düsseldorf von 80 auf 70, in Stuttgart von 56 auf 42. Gestrichen wurden etwa direkte Verbindungen nach Brüssel oder Glasgow. Wer die Ziele dennoch anpeilt, muss jetzt sehr wahrscheinlich umsteigen.

    Bestehende Verbindungen werden zudem seltener bedient. Die Zahl der Flüge schrumpfte etwa nach Barcelona, London, Madrid, Wien, Zürich um 26 bis 53 Prozent. Das touristische Geschäft, das zeigen die Zahlen auch, ist hingegen recht stabil. Wer nach Rhodos, Mallorca oder Teneriffa fliegen möchte, kommt vergleichsweise gut hin.

    Das geringere direkte Angebot verbindet sich zudem mit deutlich höheren Preisen. Energie kostet mehr, Personal ebenfalls. Und die Anbieter können auch mehr verlangen. So hat Lufthansa gerade ein äußerst erfolgreiches Jahr hinter sich, Billigflieger Ryanair steuerte zuletzt auf einen Rekordgewinn zu. Und die Bundesbürger sind offenbar auch bereit, mehr zu bezahlen. Die Flugzeuge jedenfalls waren 2023 voller – 84 Prozent der angebotenen Sitze waren besetzt, 2022 waren es etwas weniger.

    Insgesamt flogen im vergangenen Jahr 197,2 Millionen Passagiere von deutschen Flughäfen ab oder kamen dort an, ein Plus von 20 Prozent im Vergleich zu 2022. Das entsprach 79 Prozent der Flugpassagiere im Jahr 2019, bevor Corona den Flugverkehr weitgehend zum Erliegen brachte. In Europa waren es bereits 96 Prozent.

  • Renk schaltet hoch

    Panzergetriebehersteller wagt Börsengang

    Jetzt also doch. Der Panzergetriebehersteller Renk aus Augsburg geht an die Börse. Schon im Herbst hatte es das Unternehmen versucht, in der Nacht vor dem Start aber überraschend abgesagt. Jetzt kommt ebenso überraschend der zweite Versuch: Ankündigung am Montag, Erstnotiz in Frankfurt an diesem Mittwoch. Es ist der erste deutsche Börsengang in diesem Jahr und ein recht spektakulärer.

    Ohne Renk kommt kaum ein Panzer in Europa voran. Puma, Panzerhaubitze, Lynx, Leopard 2, Leclerc, Ajax: Die Spezialgetriebe für die Fahrzeuge liefern die Augsburger. Das Unternehmen fertigt auch Getriebe für Fregatten in Doppelgaragen-Größe, für Eisbrecher. Zudem arbeitet Renk für die Energieindustrie. 2022 setzte das Unternehmen 849 Millionen Euro um, im vergangenen Jahr dürften es fast eine Milliarde Euro gewesen sein. Und es verdient Geld. Und: Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist vor allem in Europa ist Verteidigung plötzlich wieder wichtig, werden Milliarden investiert.

    Das sollte schon im Herbst für eine gute Börsengeschichte reichen, doch der britische Finanzinvestor Triton, dem Renk gehört, blies alles kurzfristig ab. Schlechtes Börsenumfeld, hieß es – was auch umschreibt, dass Investoren nicht bereit waren, die Summe für Renk-Aktien zu bezahlen, die Triton haben wollte. 15 Euro hieß es damals, seien zu wenig. Genau für diesen Preis wird Renk jetzt im Zuge einer sogenannten Privatplatzierung an die Börse gehen.

    Triton hat zwei Ankerinvestoren gefunden: Der US Vermögensverwalter Wellington Management übernimmt rund 3,3 Prozent und der Renk-Großkunde KNDS aus Amsterdam kauft bis zu 6,7 Prozent. Weitere bis zu 20 Prozent sollen an institutionellen Investoren gehen – Banken, Finanzinvestoren, Vermögensverwaltern von Firmen und andere. Angesichts der Ankerinvestoren sollen sie leichter überzeugt werden, Aktien zu zeichnen.

    KNDS ist eine Dachgesellschaft, zu der die Panzerhersteller Krauss-Maffei Wegmann (München) und Nexter (Roanne bei Lyon) gehören. Krauss Maffei Wegmann baut den Leopard II, Nexter den französischen Kampfpanzer Leclerc. Mit Triton vereinbart ist, dass der KNDS seinen Anteil an Renk später auf bis zu 25 Prozent und eine Aktie aufstocken kann – das bedeutet eine Sperrminorität. Auch ein Posten im Aufsichtsrat steht KNDS demnach zu. Der Konzern bekommt bedeutende Kontrolle darüber, was bei Renk geschieht, und erhält Zugriff auf den wichtigen Zulieferer. Und so ist der Börsengang auch ein kleines bisschen Konsolidierung in der sehr mittelständisch geprägten deutschen Rüstungsbranche.

    Anders als im Oktober müssen Privatanleger, die sich eine gute Kurs- und Dividendenentwicklung versprechen, diesmal bis zur Erstnotiz von Renk warten. Von diesem Mittwoch an kann sich dann jeder über die Börse eindecken.

    Renk gehörte lange über MAN zum VW-Konzern und führte ein Nischendasein, guter Umsatz, guter Ertrag, mehr aber auch nicht. 2020 kaufte Triton die Augsburger für rund 700 Millionen Euro und begann, umzubauen. Seither modernisiert Firmenchefin Susanne Wiegand. Der Börsengang bewertet Renk jetzt mit rund 1,5 Milliarden Euro. Triton nimmt 450 Millionen Euro ein.

  • Blick in die Wolken

    Earthcare ist auf dem Weg ins All

    Mobiltelefone sind nicht erlaubt, Smartwatches auch nicht. Zu viel Strahlung für die empfindliche Technik hinter der Sicherheitsschleuse. Haarschutz überstreifen, Kittel anziehen, in Sicherheitsschuhe schlüpfen und hinein in das, was Marc Steckling den modernsten Reinraum Europas nennt. Wobei Halle es eher trifft bei den riesigen Ausmaßen. Steckling, bei Airbus verantwortlich für Erdbeobachtung und Weltraumforschung, zeigt am Konzernstandort Immenstaad Earthcare, den komplexesten Satelliten, den der Konzern je gebaut hat. Wissenschaftler wollen mit ihm das Geheimnis der Wolken lüften.

    Der Satellit ist Teil des FutureEO-Programms der Europäischen Raumfahrtagentur Esa zur Erdbeobachtung. Deutschland führt es, ist mit mehreren hundert Millionen Euro beteiligt. Zahlreiche Satelliten sollen den etwa Einfluss von Wind, Wasser und Eis, Erdanziehung, Magnetfeld und Strahlung auf das Klima beobachten. Earthcare ist der größte und technisch anspruchsvollste Satellit, ein Gemeinschaftsprojekt mit der japanischen Raumfahrtagentur Jaxa.

    Die Luft in der hellen Halle ist trocken, kühl. Es brummt dezent, im Hintergrund arbeitet die Anlage, die bis zu 900.000 Kubikmeter Luft pro Stunde filtert und umwälzt. Rechts in der Ecke stehen in riesigen Käfigen zwei Erdbeobachtungsatelliten des Kopernikus-Programms der Esa, eingelagert und von Stickstoff umströmt, startbereit, sollten die Vorgänger ans Ende ihrer Lebensdauer im All kommen. Davor wird ein weiterer für einen Start vorbereitet.

    Bei europäischen Erdbeobachtungssatelliten ist Airbus groß im Geschäft. Steckling verweist stolz darauf, dass der Konzern an fast allen derartigen Missionen der Esa beteiligt ist. Airbus fertigt solche Satelliten in Frankreich, Großbritannien, Spanien und eben in Immenstaad am Bodensee, wo 2019 der neue Reinraum eröffnet wurde.

    Earthcare ist ein Prestigeprojekt. Und es bringt einiges an Geld. Der ursprüngliche Vertrag zwischen Esa und Airbus als Generalunternehmer sah 260 Millionen Euro für Entwicklung und Bau des Satelliten vor. Davon musste der Konzern auch Zulieferer bezahlen. Für das gesamte Projekt hat die Esa inzwischen 800 Millionen Euro veranschlagt. Darin enthalten ist der Start, die Betriebskosten kommen noch hinzu.

    Mitten in der Halle steht er dann, der deutsch-japanische Satellit, der die internationale Wissenschaftsgemeinschaft elektrisiert. Die Forscher erhoffen sich von ihm Erkenntnisse darüber, wie Wolken die Erderwärmung begünstigen oder verhindern. Die Daten könnten auch bessere Wettervorhersagen möglich machen. 2,5 Meter ist er breit, 3,5 Meter tief und rund 4,5 Meter hoch. 2,2 Tonnen wiegt Earthcare betankt, soviel wie eine kleinere Mercedes S-Klasse.

    Einzelne Elemente ragen rot aus der groben weißen Schutzhülle hervor, Teile, die noch vor dem Start entfernt werden. Unten lugen an jeder Ecke messingfarbene Düsen heraus, mit denen der Satellit später im All in Position gehalten wird. Sie erinnern an etwas zu groß geratene, kegelförmige Design-Salzstreuer.

    Vorn ist ein zyklopisches Auge zu sehen, der Laserempfänger, darunter zwei kleinere Öffnungen für die Lasersignale. Oben ruht der Radarschirm und an der Seite liegen die fünf zusammengefalteten Solarpanel an. Einmal in Position über der Erde in 393 Kilometern Höhe, wird der Radarschirm hochgeklappt, das Solarpanel nach hinten entfaltet. Der Satellit erinnert dann mit 17,2 Metern Länge etwas entfernt an einen Drachen oder ein sehr klobiges Raumschiff Enterprise. Lang und schlank, damit er den Partikeln möglichst wenig Widerstand bietet, die sich in der Höhe noch in der Restatmosphäre befinden.

    Vier verschiedene Instrumente sind an Bord – Radar, Lidar, das statt Radiowellen Laserstrahlen verwendet, ein Multi-Spektral-Imager und ein Breitbandradiometer. Die Geräte erstellen, vereinfacht gesagt, ein dreidimensionales Bild einer Wolke, ermitteln, wie sie zusammengesetzt ist, ob etwa Vulkanasche oder Wüstenstaub enthalten ist, Eiskristalle, Wassertröpfchen, und wie stark Erde und Wolke Sonnenstrahlung reflektiert. Das Deutsche Institut für Luft- und Raumfahrt (DLR) spricht von Daten nie gekannter Genauigkeit.

    Zunächst sah es nicht so aus, dass der Satellit überhaupt fertig würde. Der Auftrag stammt von 2008. Geplanter Startzeitpunkt: 2013. Doch es lief nicht rund – große Wünsche, sehr innovative Technik, komplexe Anforderungen. Der Lidar-Sensor erwies sich als komplizierter als gedacht. Einer der zahlreichen Zulieferer meldete Insolvenz an, bei einem anderen zerstörte ein Feuer wichtige Anlagen. Und als der Satellit dann weitgehend bereit war für einen Start kam Corona. Zuletzt bremste noch der russische Angriff auf die Ukraine. Earthcare sollte mit einer russischen Sojus-Rakete vom europäischen Weltraumbahnhof in Kourou abheben. Doch mit Kriegsbeginn waren die russischen Teams aus Französisch-Guyana verschwunden und Raketen plötzlich knapp.

    Wilde Zeiten für Projektleiter Maximilian Sauer, der inzwischen sehr entspannt aussieht. Er ist seit 2012 in unterschiedlichen Positionen dabei. Und jetzt geht es wirklich los. Der Satellit wird in einen eigens entwickelten Stahlcontainer verpackt, der bereits im Reinraum steht. „Wir bringen ihn mit fünf weiteren Containern voller Material am 9. März nach München“, sagt Sauer. Von dort gehe es mit einer Antonow, einem der größten Frachtflugzeuge der Welt, über Island und die US-Ostküste nach Vandenberg in Kalifornien. Anfang May soll der Satellit dort mit einer Falcon 9 des US-Konzerns SpaceX starten. So ist es zumindest geplant. Und Sauer ist Optimist.

    Vom Sommer an flitzt Earthcare dann mit Tempo 28.000 von Pol zu Pol um die Erde und liefert erste Daten. Komplexere Informationen sind von 2025 zu erwarten. Gesteuert wird er aus dem Esa-Raumfahrtzentrum in Darmstadt. Anders als im Reinraum am Bodensee erwartet den Satelliten auf seiner Umlaufbahn einige Unbill: Sonnenstürme, Restatmosphäre und aggressiver atomarer Sauerstoff. Drei Jahre soll Earthcare dem allen garantiert trotzen. Der Sprit an Bord reicht ein weiteres – mindestens.

    Freie Daten

    Forscher auf der ganzen Welt werden die Daten von Earthcare analysieren und benutzen. Aus Deutschland sind unter anderem das DLR-Institut für Physik der Atmosphäre (Oberpfaffenhofen), das Max-Planck-Institut für Meteorologie (München) und das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (Leipzig) dabei. Die Unis Hamburg, Köln und München sind ebenso beteiligt wie die FU Berlin und die LMU München. Die Daten stellen die Europäische Raumfahrtagentur Esa und die japanische Raumfahrtagentur Jaxa drei zur Verfügung. art

  • Überraschend verflochten

    Die Gefahren einer China-Krise

    Für viele deutsche Firmen ist China trotz der geopolitischen Spannungen sehr wichtig. Das  Land liefert wichtige Rohstoffe, günstige Teile und der Absatzmarkt ist riesig. Entsprechend eng sind die Volkswirtschaften verbunden. Doch das birgt Gefahren. Die Bundesbank hat untersucht, welche Folgen ein Absturz der chinesischen Wirtschaft für Deutschland hätte. Erstmals liefern die Experten Hinweise, wie überraschend stark es auch die deutschen Banken treffen könnte.

    China ist viertgrößter Abnehmer deutscher Waren und größter Lieferant. Deutsche Firmen arbeiten nicht nur mit chinesischen Firmen zusammen, sie haben oft auch Tochterunternehmen in der Volksrepublik. Und auch Deutschlands Banken sind mit Chinas Wirtschaft verflochten. Die Bundesbank liefert jetzt erstmals konkrete Zahlen.

    Ende 2022 standen danach Kredite im Wert von rund 36 Milliarden Euro in den Büchern der hiesigen Banken, Geld, das sie chinesischen Unternehmen oder deutschen Firmen in China direkt geliehen hatten. Auch wenn die Summe groß klingt, halten die Bundesbank-Experten sie für recht gering. International steht Deutschland bei der Liste der direkten Geldgebern auf Platz 20. Eine tiefgreifende Wirtschaftskrise träfe die Kreditinstitute deshalb kaum direkt.

    Aber es gibt große indirekte Risiken. Die Bundesbanker ermittelten 756 Firmen, die über Tochterfirmen besonders viel Geschäft mit der China machen. Und diese Firmen haben bei den Banken Geld geliehen. Den Experten zufolge geht es um knapp 220 Milliarden Euro (Stand Ende 2022). Ein nennenswerter Betrag, der die Banken schwer belasten könnte, sollten die chinesischen Tochterfirmen in den Strudel einer Krise geraten und die Mutterkonzerne deshalb Kredite nicht mehr bedienen können. Die Bundesbanker sehen sogar Gefahren für das Finanzsystem. Ob es soweit kommt, ist unklar. Die Studie zeigt nur die Richtung und, dass die Banken möglicherweise Risiken haben, die sie nicht unbedingt als solche einschätzen.

    Risiken für das Kreditwesen lauern auch in Zweckgesellschaften, die aus Steuergründen in den Niederlanden oder Luxemburg angesiedelt sind. Sie haben sich möglicherweise Geld bei deutschen Banken geliehen, finanzierten damit Geschäft in China. Die Bundesbanker nannten hier keine genauen Zahlen, sehen aber ein Problem.

    Was ein wirtschaftlicher Absturz in China für die deutsche Wirtschaft abseits der Banken bedeutet, haben die Bundesbanker ebenfalls durchgerechnet. 2022 war China der viertgrößte Abnehmer deutscher Waren. Rund 107 Milliarden Euro betrug der Wert der verkauften Güter, das entsprach sieben Prozent der deutschen Ausfuhren. Besonders die Autoindustrie und der Maschinenbau, Deutschlands Topbranchen, profitieren von dem riesigen Markt. Sie wären auch im Fall einer chinesischen Wirtschaftskrise besonders betroffen, wenn Firmen nicht mehr investieren und sich auch die Endkunden zurückhalten, weniger in Deutschland bestellt würde.

    Insgesamt käme Deutschland aber glimpflich davon. „Spürbar, aber verkraftbar“, nannte einer der Autoren der Studie die Folgen. Die deutsche Wirtschaftsleistung sänke im ersten Jahr der Krise um etwa 0,7 Prozent, im zweiten um ein Prozent. Danach soll sich alles normalisieren. Im vergangenen Jahr schrumpfte die deutsche Wirtschaft unter anderem wegen teurer Energie, hoher Inflation und steigenden Kreditzinsen um 0,3 Prozent.

    Deutlich schwieriger wird es für Deutschland, wenn die chinesische Wirtschaft weniger liefern würde. Waren im Wert von 193 Milliarden Euro führte die Bundesrepublik 2022 aus der Volksrepublik ein, das entspricht 13 Prozent aller Importe. Das Land ist wichtigster Lieferant – vor allem von Vorprodukten wie Solarpanels und Rohstoffen wie Seltene Erden, die für Hightechprodukte wie Batterien nötig sind. Gut die Hälfte der deutschen Industrieunternehmen ist der Untersuchung zufolge von Teilen und Material aus China abhängig. Ein Ersatz ist oft kaum möglich. So hat China einen Weltmarktanteil von fast 70 Prozent bei Seltenen Erden. Bleiben Lieferungen aus oder nutzt China seine Macht, wird es für die deutschen Firmen schwer.

    Firmen verkaufen nicht nur Waren nach China und beziehen Vorprodukte. Viele  produzieren dort selbst. Dazu wurden Tochterfirmen gegründet, Geld in Fabriken gesteckt. Allein 2022 flossen 11,2 Milliarden Euro solcher Direktinvestitionen. Insgesamt waren die Beteiligungen deutscher Firmen an Unternehmen in China rund 86 Milliarden Euro wert, wie die Bundesbanker ermittelten. Das sind etwas mehr als vier Prozent dessen, was deutsche Firmen weltweit investiert haben. Eine gute Anlage: Die chinesischen Beteiligungen lieferten 15 Prozent aller Vermögenseinkommen, die die deutschen Firmen im Ausland erzielten. Diese Erträge wären im Krisenfall in Gefahr.

    Grundsätzlich glauben die Bundesbanker, dass Deutschland eine Wirtschaftskrise in China verkraften könnte. Sich abrupt von China zu trennen, etwa, wenn das Land den Nachbarn Taiwan überfallen sollte, hätte dagegen schwerwiegende Folgen. Die vollständige Abkehr von China halten die Experten für weder erstrebenswert noch realistisch. Dass China einfach die USA oder Europa von Produkten und Rohstoffen ausschließt, vermuten sie auch nicht. Die Volksrepublik sei handels- und technologieseitig stark auf den Westen angewiesen. 40 Prozent der chinesischen Importe der Volksrepublik stammen aus einer der sieben führenden Industrienationen.

  • Auf dem Weg ins All

    Deutschland wird Raumfahrtnation

    2024 wird ein besonderes Jahr für die deutsche Raumfahrtindustrie. Die ersten neu entwickelten Raketen werden ins All schießen. Die Bundesrepublik bekommt einen mobilen Startplatz in der Nordsee. Und vom Weltraumbahnhof Kourou soll Ariane 6 abheben, Europas Spitzenrakete, vollgestopft mit Technik aus Deutschland. Leider wird ein anderes Prestigeprojekt verschoben.

    Raketen

    In diesem Jahr ist es soweit: Jungfernflüge für die Raketen von drei deutschen Herstellern. Die RFA One der Rocket Factory Augsburg soll im Sommer vom Saxavord Spaceport im Norden Shetlands starten. Sie wird bereits Satelliten ins All bringen, auch der geplante zweite Start der Augsburger ist bereits ausgebucht.

    Konkurrent Isar Aerospace aus Ottobrunn bei München setzt auf Norwegen. Das Unternehmen nutzt für ihre Spectrum-Rakete einen Startplatz auf der norwegischen Insel Andøya. Als Termin war zuletzt das Frühjahr angepeilt. Noch laufen Tests. Mit an Bord sind unter anderem Satelliten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der TU Berlin.

    HyImpulse aus dem baden-württembergischen Neuendorf bei Heilbronn geht für den Erststart der SR75 nach Australien. Die Rakete wird nicht in die Tiefen des Alls vorstoßen, sondern ist als suborbitaler Forschungsflug ausgelegt. Sie soll erst einmal zeigen, dass der innovative Treibstoffmix mit einer Art Kerzenwachs nicht nur auf dem Teststand funktioniert. Die größere Rakete SL1 ist in zwei Jahren fertig und soll in Saxavord starten.

    Die drei Firmen sind Teil des sogenannten New Space. Seit Jahren wandelt sich die Raumfahrt von staatlich finanzierten Projekten hin zu privaten, kommerziellen, auch weil technisch mehr möglich ist, etwa Satelliten im Kartonformat. Die Kosten sinken, weil die Geräte in Masse gefertigt werden. Firmen tüfteln an erdumspannenden Netzen, die die Erde beobachten können, beim autonomen Fahren helfen sollen, Internet aus dem All liefern oder moderne Präzisionslandwirtschaft ermöglichen.

    Die Beratungsfirma Euroconsult schätzt das Marktvolumen allein für Satelliten bis 2032 auf 588 Milliarden Dollar (535 Milliarden Euro) weltweit. Fast 2800 Satelliten sollen demnach jährlich ins All, vor allem in den sogenannten Low Earth Orbit (LEO) in Höhen um die 500 Kilometer. Um dorthin zu kommen, sind kleine, in Massen gefertigte günstige Raketen nötig, sogenannte Microlauncher wie RFA One, Spectrum oder SL1.

    Sie sind um die 30 Meter hoch, haben gut zwei Meter Durchmesser und können bis zu 1,3 Tonnen Nutzlast tragen – klein im Vergleich zur Falcon-9 der US-Firma SpaceX mit 70 Metern Höhe und 3,7 Metern Durchmesser. Hinter RFA stehen das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB und der US Finanzinvestor KKR. Isar Aerospace wird unter anderem von den Wagniskapitalgebern UVC Partners und Earlybird sowie von Airbus und Porsche finanziert. Hinter HyImpulse steht die Schwarz Holding aus München, der das Testdienstleistungs-Unternehmen IABG gehört.

    Nordsee

    Bereits im April soll erstmals eine Rakete von der Bundesrepublik aus abheben, allerdings nicht von Land. Dafür ist Deutschland zu dicht besiedelt. Gestartet werden soll von einem Spezialschiff aus in der Ausschließlichen Wirtschaftszone etwa 350 Kilometer vor der Küste mitten in der Nordsee. Hinter dem Projekt steht die Deutsche Spaceport Alliance, zu der unter anderem der OHB und die Reederei Harren gehören.

    Starten wird eine kleinere Rakete der niederländischen Firma T-Minus für einen Forschungsflug. Perspektivisch sollen auch Microlauncher starten. Der Vorteil des Schiffes: Die in Deutschland gebauten Raketen müssen nicht umständlich und langwierig zu einem entlegenen Startort im Ausland transportiert werden, sondern können in Bremerhaven aufs Schiff verladen werden. Komplizierte Ausfuhrgenehmigungen für die sensible Technik entfallen.

    Ariane 6

    Um zum Mond und zum Mars zu fliegen, schwere Lasten ins All zu bringen oder Sonden ans Ende der Galaxie zu schicken, sind große Raketen nötig. Die Esa hat die Ariane 6 entwickeln lassen, die 2024 erstmals vom europäischen Weltraumbahnhof im südamerikanischen Kourou starten soll. Sie ist ein europäisches Gemeinschaftswerk, wesentliche Teile stammen aus Deutschland.

    So liefert MT Aerospace (Bremen/Augsburg) unter anderem die Treibstofftanks von Haupt- und Oberstufe sowie verschiedene Teile der Verkleidung. Der Bremer Standort der französischen ArianeGroup ist verantwortlich für die Oberstufe und entwickelt eine Zusatzstufe für besonders große Reichweite. Der Firmenteil in Ottobrunn baut Teile der Triebwerke und die Antriebseinheit für die Zusatzstufe.

    Die erste Ariane 6 steht bereits an ihrem Startplatz in Kourou. Derzeit laufen verschiedene Tests. Die Rakete ist um die 60 Meter hoch, hat 5,4 Meter Durchmesser und kann bis zu zwölf Tonnen Last tragen. Esa-Chef Josef Aschbacher hat den Start für Juli angekündigt.

    Mond

    Höhepunkt des Raumfahrtjahres wäre wahrscheinlich der erste bemannte Flug Richtung Mond seit 52 Jahren gewesen. Im Herbst sollte Artemis-II von Nasa und Esa starten. Doch die Mission, wie solche Projekte in der Raumfahrt heißen, muss wegen technischer Probleme mit Batterien verschoben werden. Die Raumsonde besteht aus einer Kapsel für die Astronauten und einem Servicemodul, in dem unter anderem Antrieb und Energieversorgung untergebracht sind. Airbus in Bremen baut das Modul, insgesamt bis zu neun, was die Kosten pro Einheit deutlich senkt. Üblich war bisher Einzelfertigung. Die Kapsel mit den Batterieschwierigkeiten kommt aus den USA. Artemis-II soll jetzt voraussichtlich 2025 starten. 2026 wollen Nasa und Esa dann wieder Menschen auf den Mond zu bringen.

  • „Machen Sie Platz, wenn der Trecker kommt“

    Brot, Tomaten, Mehl haben ihren Preis im Supermarkt, aber von dem, was die Kunden für Lebensmittel an der Kasse zahlen, kommt am Ende nur ein Viertel bei den Bauern, anders gesagt: von einem Euro bleiben ihnen magere 25 Cent. Das rechnet Achim Spiller vor. Der Göttinger Professor gilt als einer der führenden deutschen Agrarökonomen, er forscht zum Verhalten von Konsumenten, berät die Bundesregierung. Können Verbraucher die Bauern unterstützen, anders einkaufen, damit nicht Dreiviertel des Preises andere absahnen, die Lebensmittelindustrie und Handelskonzerne?

    Seit die Bauern mit ihren Traktoren hupend durchs Land rollen hat die Frage neues Gewicht, was sie am Ende verdienen. Auch wenn sie in den vergangenen Monaten von den steigenden Lebensmittelpreisen profitiert haben, der Druck ist enorm. Höhere Kosten können Landwirte nur schwer weiterreichen. Die vier großen Handelskonzerne – Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl und Kaufland gehören – sind mächtig. Wer ihre Preise nicht akzeptiert, ist schnell raus, wird seine Ware nicht mehr los. Fair finden das die Landwirte nicht, Billig-Angebote mancher Discounter schon gar nicht – fünf Alternativen:

    1. Rauf auf den Hof
      Nicht alle Bauern kämpften, sagt Experte Spiller. Wer auf seinen Äckern Windräder habe, auf Scheunen und Feldern Solarstrom erzeuge oder eine Biogasanlage betreibe, verdiene meistens gut. Wer Acker- und Gartenbau mache, habe es leichter als jene, die Milchvieh halten. Und Betriebe mit hunderten Hektar Fläche kämen gut über die Runden, jene mit nur einigen wenigen Hektar eher nicht. „Wenn, dann sind die Kleinen unterstützenswert“, so Spiller, „die Familienbetriebe, die vielleicht einen Hofladen haben.“ Sie finden sich allerorten in Deutschland, von Ostfriesland bis zum Bodensee, vom Münsterland bis zum Oderbruch. Bauern verkaufen dort ihre Äpfel und Salate, Brote und Kekse, ihr Eingemachtes und Grill-Fleisch – keiner der noch mit an ihren Produkten verdienen will. Und die Möhre darf auch mal schief und krumm sein, der Landwirt muss sie nicht aussortieren und vernichten, weil der Lebensmittelhandel sie ablehnt. Viele arbeiten ökologisch.
    2. Milch am Automaten
      Ein Hofladen kann die wirtschaftliche Lage entspannen. Nur: Er kostet Zeit. Das ist auch nicht anders, wenn die Bauern auf den Wochenmarkt fahren, Kisten auf dem Hof einpacken, auf dem Markt wieder auspacken, Stunden dort stehen, mehr oder weniger verkaufen. „Das ist viel Aufwand für die Landwirte, den wollen nicht alle auf sich nehmen“, sagt Spiller. Es sei auch nicht aller Bauerns Sache, den Kunden Abo-Gemüse-Kisten wöchentlich, 14-tägig oder einmal im Monat nach Hause zu liefern. Natürlich solle das niemanden abhalten, seinen Einkauf auf dem Markt zu machen oder eine Gemüsekiste zu bestellen – im Gegenteil. Immer noch komme per Produkt mehr Geld bei den Landwirten an als beim Verkauf mit Zwischenhändlern im Supermarkt. Viele Verbraucher schätzen auch die „Marktschwärmerei“ (https://marktschwaermer.de/de): Mit ein paar Klicks lassen sich im Internet Lebensmittel aus der Region bestellen und an einem bestimmten Tag in der nächst gelegenen Schwärmerei abholen. Landwirte entscheiden sich aber vielfach für eine Alternative – den Verkaufsautomaten auf dem Hof. Konnte man früher Zigaretten und Kaugummis an Automaten ziehen, lassen sich heute auch Eier, Milch, Fleisch so kaufen, 24 Stunden lang. Es ist aber eher ein „Zuverdienst“, so Spiller.
    3. Das Regional-Regal
      Selbst bei der Fleischerei vor Ort kann man sich laut Spiller nicht sicher sein, dass sich die Einnahmen nur Schlachter und Bauern teilen. Denn oft bezögen Metzger auch Schweinehälften von großen Schlachtunternehmen, etwa von Tönnies. Dem Produkt sähe man das nur nicht an. Da helfe die Frage: „Schlachten Sie selbst, und kommen die Tiere aus der Region, wie werden sie gehalten?“ Auskunftspflichtig ist der Metzger nicht, weicht er allerdings aus, ist das kein gutes Zeichen. Für die Landwirte zahlten sich direkte Verträge nicht nur mit dem Metzger aus, sagt der Agrarökonom, mittlerweile gebe es Supermärkte, die dies auch machten, Filialen von Edeka und Rewe etwa. In Regional-Regalen böten sie Produkte aus einem Umkreis von etwa 30 Kilometern. Zahlt der Kunde stark drauf? Laut der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung gaben die Deutschen 2022 im Schnitt nur 11,5 Prozent ihres Geldes für Lebensmittel aus, die Italiener indes 14,4, die Franzosen 13,3 Prozent. Die Deutschen gelten als besonders preissensibel. Spiller sagt, die Regional-Regal-Produkte seien meistens ein wenig, aber nicht viel teurer.
    4. Ackern mit mehr Wert
      Nicht nur für ein Produkt im Ladenregal zu zahlen, sondern für das Säen und Ernten, auch für das Aufziehen der Tiere und so Bauern mehr Sicherheit zu geben – das ist die Idee der solidarischen Landwirtschaft (https://www.solidarische-landwirtschaft.org/startseite). Dabei strecken mehrere Verbraucher zusammen das Geld für Saatgut, Löhne, landwirtschaftliche Geräte vor und erhalten im Gegenzug ihren Anteil an Obst und Gemüse, an Fleisch und Eiern. Dazu werden die Jahreskosten des Betriebes geschätzt, und dann wird ein meist monatlicher Betrag festgelegt, den die Verbraucher zahlen. Gut 470 Betriebe dieser Art gibt es in Deutschland. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe hierzulande insgesamt derzeit: 255.000 – 7.800 weniger als noch 2020.
    5. Politik und Platz machen
      Ohne eine Neuausrichtung der Agrarpolitik werde es nicht gehen, meint Berit Thomsen von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Bauern bräuchten mehr Verhandlungsmacht gegenüber der Lebensmittelindustrie und dem Handel. Da sei der Rückhalt der Verbraucher wichtig – und mehr Wertschätzung. Die Bauern klagten nicht nur über ihre Finanzen, sondern auch darüber, dass ihre Arbeit nicht gesehen werde, da könne jeder sofort anfangen, meint zudem Agrarökonom Spiller: „Machen Sie Platz, wenn beim Spaziergang auf einem Feldweg ein Trecker kommt.“ Aber auch die Landwirte sollten Rücksicht nehmen.
  • Die Davos-Bilanz

    Angespannt, aber nicht zerrissen

    Man muss das alljährliche Weltwirtschaftsforum in Davos nicht mögen. Diesen Kongress der Milliardäre, die die Welt gestalten wollen, weil sie es können, und es auch tun, wie gerade bei der Entwicklung der sogenannten künstlichen Intelligenz. Aber es ist ein guter Ort, um zu sehen, welche Kräfte den Lauf der Dinge prägen. Jake Sullivan, der unter anderem für Kriege zuständige enge Mitarbeiter von US-Präsident Joe Biden, beschrieb die internationale Lage so: „Strategische Konkurrenz in einer Ära der gegenseitigen Abhängigkeit“.

    Auftritt Selenskyj

    „Putin ist ein Raubtier, das sich nicht mit Tiefkühlkost zufrieden gibt“, sagte der Präsident der Ukraine im vollen Saal des Kongresszentrums von Davos. Wolodymyr Selenskyj spielte damit an auf Forderungen, den Krieg Russlands gegen sein Land „einzufrieren“ und die Gebietsverluste der Ukraine zu akzeptieren. Russlands Präsident Wladimir Putin werde jegliches Entkommen als Einladung zu weiterer Aggression verstehen. Erhoffte ausländische Firmenansiedlungen in seinem Land bezeichnete Selenskyj als Investitionen in die Sicherheit Europas.

    Der Präsident der Ukraine legte den eindrucksvollsten Auftritt des diesjährigen Weltwirtschaftsforums (WEF) hin. Davos steht auf Seiten der Ukraine, offiziell wird Russland boykottiert. Deutschlands Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) versuchte, Unternehmen zur Investition in dem angegriffenen Land zu bewegen. VertreterInnen von 80 Staaten nahmen an einer Friedenskonferenz mit der ukrainischen Regierung teil.

    Fliegender Drache

    Das WEF spiegelt, was draußen passiert. Die Welt hat sich nach dem russischen Angriff neu sortiert – und teils separiert. Aber nicht nur um diesen Konflikt ging es: Chinas Ministerpräsident Li Qiang machte Vorschläge zur Güte, indem er mehr wirtschaftliche Kooperation anregte, doch westliche PolitikerInnen wie Habeck und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verhielten sich reserviert. Denn China einerseits, die USA und Europa andererseits konkurrieren um die politische und wirtschaftliche Führung. Gleichzeitig wissen die Regierungen, dass ihre Ökonomien stark verknüpft sind. Ein scharfer Konflikt könnte gigantische Schäden auf beiden Seiten verursachte.

    Ökonomie als Waffe

    Das WEF arbeitet als Lobbyorganisation der größten Konzerne und setzt sich traditionell für freien Handel weltweit ein. Doch die tatsächliche Entwicklung geht in eine andere Richtung. „Nun leben wir in einer Welt, in der wirtschaftliche Konkurrenz zunehmend mit Mitteln von Zöllen, Sanktionen, Importkontrollen und Protektionismus ausgetragen wird“, sagte Geoökonomin Katrin Kamin vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. „Ökonomie fungiert mehr und mehr als Waffe in der Auseinandersetzung zwischen Staaten.“

    Runder Tisch

    Doch die OrganisatorInnen des WEF wollen dem entgegenwirken. Sie betrachten den Kongress als alljährlichen Runden Tisch der Welt, an dem freundliche Gespräche die Gegensätze überbrücken sollen. Solche Momente gibt es immer wieder. So konnte der saudi-arabische Außenminister Prinz Faissal bin Farhan die Anerkennung Israels in Aussicht stellen, wenn das palästinensische Volk im Gegenzug wirklich einen eigenen Staat bekäme. Israels Präsident Izchak Herzog bezeichnete das als „Chance“. Wenngleich er darauf hinwies, dass die Zwei-Staaten-Lösung in Israel nach dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober wenig Unterstützung finde. UN-Generalsektretär Antonio Guterres beklagte, beide Kriegsparteien träten das Völkerrecht mit Füßen.

    Künstliche Intelligenz

    Am meisten interessierten sich viele ManagerInnen jedoch für die neuen Möglichkeiten des Maschinen-Lernens. Die entsprechenden Veranstaltungen waren immer voll. Werden KI-Programme wie ChatGPT so durchschlagende Wirkung entfalten wie die Entwicklung der Elektrizitätsversorgung im 19. Jahrhundert – und das Leben aller verändern? „Ja“, sagte Qualcomm-Chef Cristiano Amon. Economist-Chefredakteurin Zanny Beddoes machte einen skeptischen Eindruck. Optimistisch wie sie sind, hoffen die Unternehmen auf steigende Produktivität, Wachstumsraten und Gewinne. Guterres forderte einen internationalen Regulierungsrahmen, um mögliche Auswüchse der KI zu begrenzen.

    Davos forever?

    Wenn die Welt, zum Teil zumindest, auseinandertreibt, gibt es großen Gesprächsbedarf. So kamen dieses Jahr 60 Staats- und Regierungsspitzen nach Davos, mehr als sonst. Wobei an wirklich wichtigen ein gewisser Mangel herrschte. So reiste von den Staatschef der westlichen G7-Gruppe nur Emmanuel Macron aus Paris an. Afrika und Südamerika waren insgesamt schwach vertreten, Asien und der Nahe Osten dagegen stark. So oder so: Wenn in zwei Jahren möglicherweise der neugewählte US-Präsident per Helikopter einschwebt, wie Donald Trump 2020, werden im Pressezentrum alle Tische besetzt sein.