Blog

  • Mehr Vertrauen

    Kommentar zum Standort D

    Wer Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne), Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) und vor allem Oppositionsführer Friedrich Merz (CDU) dieser Tage zuhört, könnte meinen, es gehe mit Deutschlands Wirtschaft abwärts. Wer sieht, wie internationale Konzerne handeln, kommt zu einem anderen Schluss: Der US-Autobauer Tesla will sein 2022 eröffnetes Werk in Grünheide bei Berlin gerade erweitern. Der US-Chiphersteller Intel investiert 30 Milliarden Euro in eine ultramoderne Fabrik bei Magdeburg und der US-Softwareriese Microsoft steckt jetzt rund 3,3 Milliarden Euro in neue Rechenzentren westlich von Köln und in Standorte bei Frankfurt.

    Deutschland, das zeigen die Investitionen, ist attraktiv. Wir sind die drittgrößte Wirtschaft der Welt. Microsoft sieht gute Chancen, Geld zu verdienen, wenn es seine Cloud-Anwendungen vor allem zur künstlichen Intelligenz deutschen Unternehmen anbietet. Die Firmen brauchen die neuen Technologien, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. Weitere Vorteile des Standorts D: Es gibt hervorragend ausgebildetes Personal, die Lebensqualität ist hoch und in einigen Regionen auch die Bereitschaft, etwas zu wagen – getrieben vom Strukturwandel.

    Gerade verändert sich in Deutschland sehr viel. Das trifft etablierte Branchen wie die Autoindustrie oder die Kohleförderung. Und wie immer, wenn sich etwas wandelt, gibt es Reibungen. Das kann verunsichern. Aber es bedeutet nicht, dass das Land in der Bedeutungslosigkeit versinkt, wie manche Aussagen glauben machen. Die Wirtschaft ist sehr anpassungsfähig, erfinderisch und mutig. Sie wird auch in Zukunft erfolgreich sein. Darauf setzen die US-Konzerne mit ihren Milliarden-Investitionen. Das Vertrauen sollten auch die deutschen Politiker haben.

  • Mehr Bio, weniger Fleisch

    Bio, vegetarisch oder vegan? – Die Frage, was essen, ist kompliziert geworden. Im vergangenen Jahr haben die Deutschen für 16,1 Milliarden Euro Bio-Lebensmittel und Bio-Getränke eingekauft – und damit fünf Prozent mehr als noch 2022. Das rechnete Tina Andres, die Vorsitzende des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft BÖLW am Dienstag in Nürnberg auf der Biofach vor, der weltweit größten Messe der Ökobranche. Aber ist es nicht schon öko, ab und zu mal auf das Schnitzel zu verzichten?

    46 Prozent der Deutschen geben mittlerweile in Umfragen an, nur gelegentlich Fleisch zu essen, sind Flexitarier, acht Prozent sind Vegetarier, bei ihnen landen statt Schnitzel und Wurst vor allem Getreide, Gemüse, Pflanzliches auf dem Teller. Aber sie lassen sich Produkte von lebenden Tieren schmecken – Eier, Milch oder Käse. Veganer indes, sie machen bisher zwei Prozent der Bevölkerung aus, verzichten auf jedwedes Produkt vom Tier.

    So geht der Fleischverzehr insgesamt zurück: 2018 aß jeder Deutsche im Schnitt noch 61 Kilo Fleisch und Wurst, 2022 waren es 52 Kilo. Auf den Geschmack verzichten muss man darum nicht. Räuchertofu-Döner, Soja-Hack, Saitan-Schnitzel – in jedem Supermarkt ist Ersatzfleisch zu finden. Und statt Milch lassen sich Hafer- oder Mandeldrinks kaufen. Der Vorteil: Wer mehr Pflanzenkost isst, schont das Klima.

    Das Umweltbundesamt erklärt: „Mit einer Umstellung von der durchschnittlichen Ernährungsweise in Deutschland auf eine vegetarische Ernährung ließen sich zwischen 20 und 47 Prozent der ernährungsbedingten Treibhausgasemissionen einsparen. Bei einer veganen Ernährung sind es zwischen 38 und 52 Prozent.“ Aber schon, wenn sich alle an die Empfehlungen der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) hielten und aus gesundheitlichen Gründen mit rund 31 Kilogramm Fleisch pro Jahr auskämen, mindere dass die Treibhausgasemissionen um 9 bis 19 Prozent.

    Weniger Fleisch gilt auch als Flächen sparend, weil weniger Futter angebaut werden muss. Tiere werden zudem geschont, die eigene Gesundheit auch. Allein, in Gänze umweltfreundlich ist das nicht unbedingt. Der Umweltverband WWF zum Beispiel hat unlängst in einer Studie gezeigt, dass der Wasserverbrauch bei einer vegetarischen oder veganen Ernährung enorm sein kann.

    Demnach wurden 2019 zum Beispiel satte 37 Prozent mehr Mandeln nach Deutschland importiert. Mit immer neuen Produkten wie Mandelmilch, Mandelcreme, veganem Käse auf Mandelbasis steigt die Nachfrage. Die meisten stammten, so der WWF, aus der Ferne, aus Kalifornien und Spanien, aus Regionen, in denen Wasser knapp sei. Die dort massenhaft angebaute Mandel sei aber durstig.

    Auch das Lieblingsgemüse der Deutschen, die Tomate, käme zumeist aus dem Ausland, gut die Hälfte zum Beispiel aus Spanien, wo sie stark bewässert werden müssten. Gerade einmal vier Prozent der Tomaten in den bundesweiten Ladenregalen seien in Deutschland geerntet worden.

    Also lieber doch mehr Fleisch essen? Dazu rät der WWF ausdrücklich nicht. Er plädiert stattdessen zum „Sonntagsbraten statt Werktagsschnitzel“. Zugleich fordert er, den Anbau von Obst und Gemüse, von Nüssen und Hülsenfrüchten in Deutschland stärker zu fördern und bei allem vorrangig zu Bio-Lebensmitteln zu greifen.

    „Es gibt zwar auch nachhaltig erzeugte konventionelle Lebensmittel“, sagt die WWF-Ernährungsexpertin Elisa Kollenda, „es ist aber viel schwieriger für Verbraucherinnen und Verbraucher das nachzuvollziehen.“ Der Ökolandbau kommt zum Beispiel ohne chemisch-synthetische Pestizide und Kunstdünger aus, wovon die Umwelt profitiert – und mit weniger Zusatzstoffen, also etwa Farb- und Konservierungsmitteln, Geschmacksverstärkern oder Süßstoffen.

    Da Tofuwürstchen und Saitanschnitzel keine frische Ware, sondern stark verarbeitete Lebensmittel sind, enthalten sie solche Zusatzstoffe oft. Manche davon sind umstritten, stehen zum Beispiel unter Verdacht Allergien auszulösen.

    „Laut der EU-Ökoverordnung sind in Bio-Produkten nur 56 der sonst über 300 erlaubten Zusatzstoffe gestattet, Anbauverbände wie Demeter sind nochmal strenger“, erklärt die Lebensmittelexpertin Vanessa Schifano von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, „einzelne Bio-Lebensmittel können aber genauso viele Zusatzstoffe enthalten wie vergleichbare konventionelle Produkte. Es hilft ein Blick auf die Zutatenliste, denn hier müssen Zusatzstoffe mit ihrer Zusatzstoffklasse angegeben werden, zum Beispiel „Verdickungsmittel: Johannisbrotkernmehl“.

    Die Bundesregierung hat sich die umweltfreundlichere Art des Essens Anfang dieses Jahres mit ihrer Ernährungsstrategie vorgenommen. Danach soll unter anderem „eine stärker pflanzenbetonte Ernährung mit möglichst ökologisch erzeugten, saisonal-regionalen Lebensmitteln“ in den Vordergrund rücken. Weniger Fleisch braten, mehr Bio kochen – die Essenfrage ist im Grunde doch einfach.

    Kasten:
    Biobranche 2023
    Das zeigt der neuen Branchenreport des Bundes Ökologische Lebensmittelwirtschaft, BÖLW:

    • 2023 wurde jeden Tag die Fläche von mehr als 300 Fußballfeldern auf Bio umgestellt, 11,8 Prozent aller landwirtschaftlichen Flächen in Deutschland werden nun ökologisch bewirtschaftet.
    • Der Lebensmitteleinzelhandel steigerte seine Bio-Umsätze um 7,2 Prozent auf 10,8 Milliarden Euro. Der größte Batzen davon entfiel mit 40 Prozent auf die Discounter. Bio-Läden und Bio-Supermärkte konnten ihre Umsätze indes nur leicht steigern.
    • Legten die Preise für Lebensmittel 2023 generell um neun Prozent zu, wurden Biolebensmittel nur um fünf Prozent teurer.
    • Eines der beliebtesten Bioprodukte 2023: Pflanzendrinks als Milchalternative.
  • Nadelöhr des Welthandels

    Warum das Rote Meer so wichtig ist

    Mitte Januar sind die Attacken der Huthi-Rebellen auf den Welthandel auch in den sozialen Netzen angekommen. Auf X, vormals Twitter, posiert ein Jüngling mit verstrubbelten dunklen Haaren und Oberlippenbart in rötlicher Jacke am Meer, im Hintergrund ein Frachtschiff. Der Mann soll Rashid al-Haddad verzückt die Internetgemeinde als vermeintlich süßer Pirat. Die Angriffe der Rebellen auf Schiffe im Roten Meer haben da die Weltwirtschaft bereits leicht aus dem Gleichgewicht gebracht. USA und Großbritannien fliegen seither Angriffe auf Standorte der Huthis im Jemen, eine internationale Marinemission soll den Seeweg befrieden – Ausgang bisher ungewiss.

    Das Rote Meer – und in seinem Verlauf der Suezkanal – gilt als wichtigste Wasserstraße der Welt. Sie steht für zwölf bis 15 Prozent des gesamten Handels, wie Unctad, die Welthandels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen, berichtet. Im Containerhandel sind es demnach sogar 20 Prozent. Unctad warnt vor katastrophalen Dominoeffekten weltweit, sollten wichtige Teile in Industrienationen fehlen. So hat unter anderem Tesla die Autoproduktion in Grünheide bei Berlin unterbrochen.

    Gegenwärtig passierten 84 Prozent weniger das Rote Meer und den Suezkanal, als üblicherweise zu erwarten seien, berichtet das Kieler Institut für Weltwirtschaft IfW. Flüssiggastanker – wichtig für Europas Versorgung – meiden die Strecke danach komplett. Das IfW beobachtet den Schiffsverkehr anhand von Positionsdaten in Echtzeit. Die Schiffe fahren jetzt um die Südspitze Afrikas, weshalb sie gut zwei Wochen länger unterwegs sind. Das zeigt sich auch in den deutschen und europäischen Häfen. In Hamburg und Bremerhaven, in Rotterdam und Antwerpen legten im Januar den IfW-Zahlen zufolge ein Viertel weniger Schiffe an als im Wochendurchschnitt 2023.

    Die Huthi-Rebellen kontrollieren weite Teile des westlichen Jemen, darunter die Küste zum Roten Meer. Iran unterstützt die Rebellen. Jetzt haben sich die Huthis in den Konflikt zwischen Hamas und Israel eingemischt. Sie greifen Schiffe im Roten Meer an, die angeblich eine Verbindung zu Israel haben und dort Häfen anlaufen, stören aber den gesamten Schiffsverkehr. Hinter dem Ganzen vermuten Experten den Iran, der auch der Hamas hilft.

    „Die Streitkräfte der USA und von Großbritannien konnten bislang offenbar nicht für mehr Sicherheit auf der ehemals meistbefahrenen Handelsroute sorgen“, schließt Julian Hinz, Forschungsdirektor Handelspolitik. Auch Deutschland beteiligt sich an der Sicherung des Roten Meeres. Die Fregatte „Hessen“ ist auf dem Weg dorthin.

    Welche Folgen es hat, wenn der Schifffahrtsweg durch Rotes Meer und Suezkanal nicht frei ist, zeigte sich im März 2021. damals stellte sich der Frachter Ever Given im Suezkanal quer und blockierte ihn für mehrere Tage. Im Roten Meer stauten sich die Schiffe, in Europa gingen einige Waren aus, wichtige Vorprodukte wie Computerchips fehlten. Das Ganze traf auf eine Wirtschaft, die sich gerade vom Corona-Tief erholte und nach Waren verlangte. Es dauerte Wochen, bis der Stau abgearbeitet war.

    Das Rote Meer und der davorliegende Golf von Aden sind für Schiffe ohnehin gefährlich. Immer wieder haben Piraten mit schnellen Booten von Somalia aus Schiffe angegriffen und Lösegeld erpresst. Seit 2008 versucht die Operation Atalanta, eine Marinemission der EU unter deutscher Beteiligung, die Region zu sichern. Mit dabei sind auch Neuseeland, Norwegen, Serbien und Großbritannien. Schon wegen der Piraten fahren manche Reedereien lieber längere Wege.

    Alternativen zum Roten Meer gibt es. Auf dieser Route um das Kap der guten Hoffnung müssen bisher bereits all jene Schiffe fahren, die nicht durch den Suezkanal passen. Die Strecke ist rund 6000 Kilometer länger. Das kostet mehr Sprit und Zeit, die Schiffe stehen nicht so schnell wieder zur Verfügung. Letztlich wird alles teurer.

    Möglich wäre es auch, Schiffe zwischen Asien und Europa um Kap Hoorn an der Südspitze Südamerikas zu schicken. Die Strecke ist aber noch länger als die um Südafrika, führt durch sehr einsame Gebiete und wäre insgesamt noch teurer.

    Ein anderer Weg zwischen China, Japan, Südkorea und Europa wäre eine Route durchs Nordmeer zwischen Russland und dem Nordpol. Die Nordostpassage ist wegen der Erderwärmung zumindest zeitweise im Jahr eisfrei und sogar kürzer als die Strecke durchs Rote Meer. 2009 schickte die Bremer Reederei Beluga zwei eistaugliche Schiffe über die Route. Durchgesetzt hat sie sich bisher nicht.

    Anders als Unctad ist IfW-Experte Hinz nicht ganz so in Sorge für den Welthandel. „Die gegenwärtige Situation sieht dramatischer aus, als sie gesamtwirtschaftlich ist. Wir sehen momentan, dass Containerschiffe deutlich länger unterwegs sind, als ursprünglich geplant, so dass in vielen Häfen Europas eine Lücke entstanden ist“, sagt er. „Die dürfte sich aber wieder auf ein Normalmaß schließen, sobald der längere Fahrweg logistisch eingeplant ist.“

    Die Menge weltweit verschickter Waren ist nach Angaben des IfW im Januar sogar gestiegen. Die Zahl verschiffter Standardcontainer lag bei mehr als 14 Millionen Stück, erreichte fast den Rekordwert von vor zwei Jahren. das zeige, dass der Welthandel in keiner Krise stecke, sondern stabil geblieben sei, schließt Hinz deshalb. „Zwar können einzelne Firmen unter Lieferverzögerungen leiden, insgesamt sind aber keine Engpässe bei Vorprodukten oder Konsumgütern zu erwarten.“

  • Tchibo will den Kaffee retten

    Die Ware ist heiß begehrt – morgens um wach zu werden, nach dem Essen, um wach zu bleiben: Pro Jahr trinkt laut dem Daten-Portal Statista hierzulande jeder im Schnitt 167 Liter Kaffee. Zum Vergleich: Bei Bier sind es 92 Liter. Doch mit dem Klimawandel steht der Nachschub in Frage. Das ist für Kaffeeliebhaber ein Problem, auch für die Kaffeeunternehmen und ihr Geschäft. Der Hamburger Kaffeekonzern Tchibo spricht nun davon, „komplett neue Wege“ gehen zu wollen. Was ist zu tun?

    Die Kaffeepflanze ist sensibel. Sophie von Loeben forscht am Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, PIK, zu ihr und sagt: „Zu hohe oder niedrige Temperaturen können der Pflanze schaden, genauso wie direkte Sonneneinstrahlung. Außerdem braucht es eine bestimmte Niederschlagsverteilung, und der Boden sollte reich an Nährstoffen sein“. Ideal für die beliebte Arabica-Bohne zum Beispiel sind Temperaturen von 18 bis 22 Grad Celsius im Jahresschnitt und 1.400 bis 2.000 Millimeter Regen im Jahr.

    Der Kaffeestrauch wächst bisher nur in einer eng begrenzten tropischen Lage, im Kaffeegürtel rund um den Äquator. Im Grunde gibt es dort nur Regen- und Trockenzeiten. Mittlerweile kommen aber Dürren, Starkregen, in den Höhen auch mal Frost dazu. Das schwächt die Pflanzen, macht sie auch anfällig etwa für schädliche Pilze wie den Kaffeerost. „Das schlägt sich dann sofort in Ertrag und Qualität des Kaffees nieder“, erklärt von Loeben. Mit dem Klimawandel wird Kaffee knapper, damit teurer – und der Anbau mancherorts unmöglich.

    Denn von Loeben sagt weiter: „Bis 2050, so zeigen Studien, könnte die für den Kaffeeanbau bisher geeignete Fläche um circa die Hälfte schrumpfen.“ Das beträfe unter anderen die Kaffeefarmer in Brasilien, die vorwiegend Arabica ernten. In dem südamerikanischen Land wird bisher so viel Kaffee angebaut und exportiert wie nirgends sonst. Andernorts, etwa in Äthiopien, das für besonders guten Kaffee bekannt ist, könnten künftig nicht mehr die besser bezahlten Spitzenqualitäten erzielt werden.

    Sicher werde sich der Anbau teils in neue Regionen verlagern, in höhere Höhen, in kühlere Gefilde. Doch seien andere Flächen nicht so einfach zu haben, da oft bewaldet oder schon anderweitig landwirtschaftlich genutzt. Außerdem könnten viele Bauern auch nicht einfach mal so umziehen. Bleibt alles beim Alten, werden viele der weltweit 12,5 Millionen Kaffeefarmer aufgeben. Das will Tchibo verhindern, den Kaffee retten.

    1949 von den Kaufleuten Max Herz und Carl Tchilling-Hiryan in Hamburg gestartet, um Kaffee in Deutschland per Post zu versenden, ist Tchibo heute einer der zehn größten Kaffeeröster der Welt. Rund 75.000 Kaffeefarmer liefern dafür die Bohnen aus Brasilien oder Vietnam, aus Honduras oder Guatemala und so fort. Ihnen verspricht Tchibo nun zu helfen, „ein wirtschaftlich stabiles Fundament aufzubauen“ und sich auf die heißeren Zeiten einzustellen. Denkbar sei Verschiedenes, erklärte der Leiter des Bereichs Unternehmensverantwortung bei Tchibo, Pablo von Waldenfels, dieser Zeitung.

    So könnten zwischen den Kaffeesträuchern Schatten spendende Obstbäume gepflanzt werden, in Vietnam könne das zum Beispiel Durian sein oder eine andere Frucht, die sich verkaufen ließe, also auch Einkommen brächte. Auch Bananen oder Avocado könnten vor der prallen Sonne schützen. Solche Agroforste, wie das Experten nennen, gelten auch als artenreicher und gesünder für den Boden als eine reine Kaffeeplantage.

    Zudem sollten, so sagt von Waldenfels, auch neue Kaffeesorten angebaut werden, die besser gegen extreme Wetterlagen gewappnet sind. Bisher dominiert die Art Arabica, aber auch Robusta. Das werde alles mit den Leuten vor Ort entwickelt. Aber wäre die Umstellung der Farmen auf Bio oder Fair-Trade nicht durchschlagender?

    Rund 20 Prozent des Tchibo-Rohkaffees hätten Gütesiegel, darunter Bio, Fairtrade oder Rainforest- Alliance. Doch sie allein reichten nicht, sagt von Waldenfels. „Oft decken die höheren Preise, die die Farmer mit ihren zertifizierten Produkte erzielen, nicht die Erzeugerkosten.“

    „Vor allem ist der Markt für die Produkte mit Siegel immer noch eine Nische, zu klein und die Abnahme nicht garantiert. Das hat zu wenig Fortschritt gebracht“, sagt Friedel Hütz-Adams vom Bonner Südwind-Institut, das sich weltweit für wirtschaftliche, ökologische und soziale Gerechtigkeit einsetzt, „grundsätzlich ist es da richtig und wichtig, dass Tchibo jetzt einen eigenen Weg geht.“

    Doch fordern er und Forscherin von Loeben eins zu beachten: Kaffeebauern lebten oft am Existenzminimum. Sie könnten nicht einfach neue Kaffeesorten oder Obstbäume pflanzen, um dann mehrere Jahre zu warten, bis diese Früchte trügen. Und ob sich neben Kaffee die anderen Früchte verkaufen ließen, fügt Hütz-Adams hinzu, sei ohnehin fraglich, da erst einmal Abnehmer gewonnen werden müssten. Tchibo müsse darum nicht nur die Umstellung finanziell unterstützen, sondern auch neue Marktstrukturen mit aufbauen, langfristige Verträge schließen und gute, existenzsichernde Preise garantieren.

    Tchibo macht im Jahr einen Gesamtumsatz von rund 3 Milliarden Euro. Bis 2027 will das Unternehmen nun allen Kaffeebauen anbieten, ihre Plantagen mit umzubauen – und dafür jedes Jahr bis zu 8 Millionen Euro investieren. Der Kaffeeröster erklärt aber auch, dass es nicht möglich sei, „in einem sehr wettbewerbsintensiven Umfeld vollständig aus den etablierten Preisen auszubrechen“.

  • Fitness für Firmen

    Nach einem langen Boom zwischen 2010 und 2019 kränkelt die deutsche Wirtschaft nun. Was ist eigentlich los? Drei Probleme, drei Lösungsansätze.

    Das Wachstum in Deutschland stagniert – mehr oder weniger. Zwar ist die hiesige Wirtschaft einigermaßen intakt aus der Corona-Krise herausgekommen, doch nun schränkt die Industrie ihre Produktion ein, wie das Statistische Bundesamt gerade wieder mitteilte. So stellen sich Fragen: Gibt es grundsätzliche Probleme, wo liegen sie? Und was ist zu tun – können beispielsweise niedrigere Steuern den Unternehmen helfen?

    Problem 1: Mehr Kosten, weniger Nachfrage

    Viele einheimische Firmen leiden unter gestiegenen Preisen. Wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine ist beispielsweise Energie zwischenzeitig deutlich teurer geworden. Hinzu kommt eine Inflation, die das Preisniveau insgesamt anhebt. Ein dritter Faktor sind höhere Zinsen, die die Zentralbanken festsetzen, um die Inflation zu drücken. Sie verteuern Investitionen in Modernisierung.

    Die gestiegenen Kosten treffen andererseits auf eine schwächere Nachfrage – denn die Weltwirtschaft lief schon mal besser. Deutsche Unternehmen drückt das besonders. Exporte tragen durchschnittlich große Anteile zu ihren Umsätzen und Gewinnen bei. Zwischen höheren Ausgaben und gedämpfter Nachfrage steckt die heimische Wirtschaft damit in der Klemme. Das ist eine Erklärung dafür, warum kleine Betriebe, aber etwa auch Großunternehmen der Chemieindustrie jetzt weniger fertigen als vorher.

    Lösung: Weniger Steuern

    Wenn die Kosten zu stark steigen, kann der Staat zur Reduzierung beitragen, indem er die Steuern für Unternehmen verringert. Mit Hinweisen auf niedrigere Abgabensätze in anderen Staaten verlangen Union und FDP das seit langem. Neuerdings hat auch Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) eine gewisse Bereitschaft signalisiert. Doch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) bremst. Eine Rolle dürfte dabei spielen, dass Steuersenkungen zunächst Einnahmeausfälle für die öffentlichen Haushalte verursachen. Ohnehin hat die Bundesregierung große Probleme, ihre Budgets für dieses und nächstes Jahr in die Balance zu bringen.

    Problem 2: Zu wenige Investitionen

    Zu den grundsätzlichen Probleme der hiesigen Wirtschaft gehört, dass das Wachstum des Produktionspotenzials im Vergleich zu früheren Jahrzehnten abnimmt. Stieg es in den Nullerjahren zum Beispiel um ein Prozent jährlich, beträgt das Plus jetzt nur ein halbes Prozent. Ein wesentlicher Grund dafür sind geringe Investitionen durch den Staat und die Unternehmen. „Viele aktuelle Studien weisen auf eine gesunkene Produktivität hin“, erklärt außerdem Ökonomin Almut Balleer vom RWI-Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung. Das heißt: Der technische Fortschritt und seine Umsetzung haben sich verlangsamt. Gleichzeitig steckt Deutschland in einem größeren Strukturwandel, auf den Professorin Hanna Hottenrott vom Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) hinweist. Alte Produkte wie Erdgas-Heizungen haben ihren Höhepunkt hinter sich, während die Verbreitung neuer, etwa der Wärmepumpen, noch am Anfang steht.

    Lösung: Anreize für Innovationen

    Forscherin Balleer sagt: „Investitionen von Unternehmen können durch staatliche Hilfe gefördert werden.“ Ein Mittel dafür seien „vorgezogene Abschreibungen“. In diesem Sinne hat die Ampelregierung ihr sogenanntes Wachstumschancengesetz auf den Weg gebracht. Unternehmen sollen Ausgaben für Modernisierungen schneller von der Steuer absetzen können, wodurch Investitionen attraktiver werden. Allerdings hängt das Gesetz jetzt in Verhandlungen zwischen Bundestag und Bundesrat fest – manche Bundesländer beklagen zu hohe Steuerausfälle.

    Um die Investitionstätigkeit anzufachen, können auch gezielte Zuschüsse des Staates helfen. So fördert die Bundesregierung den Umstieg von Steinkohle auf Wasserstoff etwa in der Stahlproduktion, indem sie Unternehmen wie Thyssenkrupp, Salzgitter AG oder ArcelorMittal Milliarden Euro Subventionen zahlt.

    Zu guten Rahmenbedingungen für Investitionen gehören im Übrigen effektive Genehmigungsverfahren. Während es bisher manchmal sieben Jahre dauerte, bis ein beantragtes Windrad gebaut wurde, sollen die Prozesse künftig schneller gehen. „Trotz der Versuche, staatliche Planungsverfahren zu vereinfachen, wird die Bürokratie eher langsamer“, sagt aber Alexander Kritikos, Ökonom beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. „Wir müssen die Verwaltung beschleunigen, indem wir sie digitalisieren und die Beschäftigten besser qualifizieren.“

    Problem 3: Fehlende Arbeitskräfte

    Hinzu kommt mittlerweile eine Abnahme des Arbeitsvolumens. Zwar steigt die Zahl der Erwerbspersonen immer noch, doch die Arbeitszeit pro Kopf sinkt. Und allmählich gehen die geburtenstarken Jahrgänge der 1960er Jahre in den Ruhestand. Gleichzeitig wandern zu wenige Leute nach Deutschland ein, um den Verlust auszugleichen. „Mittlerweile müssen manche Unternehmen ihre Tätigkeit auch deshalb einschränken, weil sie nicht genug Beschäftigte einstellen können“, sagt Alexander Kritikos.

    Lösung: Bildung und Einwanderung

    Der Ökonom empfiehlt: „Die Einwanderung von Arbeitskräften sollte zusätzlich erleichtert werden.“ ZEW-Forscherin Hottenrott mahnt „insbesondere Investitionen in Bildung und Weiterbildung“ an. Diese erscheinen dringend: 40 bis 60 Prozent der Beschäftigten müssten sich darauf einstellen, dass die sogenannte künstliche Intelligenz ihre Arbeitsplätze verändere, teilte der Internationale Währungsfonds kürzlich mit.

  • Luftverkehr fehlt Schub

    Branche hat Corona noch nicht verwunden

    Auch zwei Jahre nach dem Ende der Corona-Pandemie erholt sich der Flugverkehr in Deutschland nur schleppend. Wer ins europäische Ausland fliegen möchte, etwa für ein verlängertes Wochenende in Madrid oder einen Konzertbesuch in London, hat es deutlich schwerer, entsprechende Angebote zu finden. Der Bundesverband der Luftverkehrsindustrie (BDL) fürchtet sogar, große deutsche Wirtschaftsräume könnten abgekoppelt werden.

    Für den Sommer 2024 bieten die Fluggesellschaften in Deutschland rund 89 Prozent der Sitzplätze an, die im Sommer 2019, dem letzten Sommer vor Corona, zur Verfügung standen, wie der BDL errechnet hat. Im restlichen Europa sind es bereits 104 Prozent. Dort hat sich der Luftverkehr deutlich schneller erholt und die Einbrüche während der Pandemie dann wettgemacht.

    Vor allem der innerdeutsche Verkehr schwächelt. Das Angebot außerhalb der Zubringerflüge zu den Lufthansa-Umsteigeflughäfen Frankfurt und München schrumpft diesen Sommer im Vergleich zum vergangenen. Der Verband rechnet mit 23 Prozent der Sitzplätze, die 2019 zu buchen waren. „Das Geschäft kommt auch nicht zurück“, sagt Jost Lammers, BDL-Präsident und Chef des Flughafens München. Die Bundesbürger steigen auf den Zug um oder fahren selbst. Und viele Geschäftstreffen sind inzwischen durch Videokonferenzen ersetzt.

    Deutschland hänge auch wegen des schwachen Verkehrs ins europäische Ausland deutlich hinter anderen europäischen Ländern zurück, sagte Lammers. Das liegt nicht unbedingt daran, dass die Deutschen weniger fliegen wollen. Aus Sicht des Verbands sind deutsche Flughäfen nicht mehr attraktiv genug. Eine Fluggesellschaft fliegt dann lieber zwischen Manchester und Mailand, weil sich da mehr pro Passagier verdienen lässt, als zwischen Köln/Bonn und Madrid.

    Ein Grund sind die staatlichen Standortkosten, die nur in Deutschland gelten, wie BDL-Hauptgeschäftsführer Matthias von Randow sagt. Da ist die Luftverkehrssteuer, die fällig wird, wenn eine Maschine in Deutschland startet oder landet. Sie soll zum 1. Mai steigen. Da sind deutsche Luftsicherheitsabgaben, die ebenfalls noch steigen sollen. Dazu kommen besondere Gebühren für die Flugsicherung. Der BDL hat für einen A320 neo die Kosten berechnet: In Stuttgart, Frankfurt, Düsseldorf und Berlin liegen sie zwischen 3600 und 3800 Euro pro Flug, in Dublin oder Paris Charles de Gaule unter 2000 Euro, in Madrid oder Barcelona unter 200 Euro.

    „Die Luftverkehrsanbindung Deutschlands ist schlechter geworden“, sagt BDL-Präsident Lammers. Der Verband hat sich die Flughäfen Berlin, Düsseldorf und Stuttgart näher angesehen, zwei wichtige Wirtschaftsräume und die Hauptstadt. So sank die Zahl der europäischen Städteziele in Berlin zwischen 2019 und 2023 von 103 auf 82, in Düsseldorf von 80 auf 70, in Stuttgart von 56 auf 42. Gestrichen wurden etwa direkte Verbindungen nach Brüssel oder Glasgow. Wer die Ziele dennoch anpeilt, muss jetzt sehr wahrscheinlich umsteigen.

    Bestehende Verbindungen werden zudem seltener bedient. Die Zahl der Flüge schrumpfte etwa nach Barcelona, London, Madrid, Wien, Zürich um 26 bis 53 Prozent. Das touristische Geschäft, das zeigen die Zahlen auch, ist hingegen recht stabil. Wer nach Rhodos, Mallorca oder Teneriffa fliegen möchte, kommt vergleichsweise gut hin.

    Das geringere direkte Angebot verbindet sich zudem mit deutlich höheren Preisen. Energie kostet mehr, Personal ebenfalls. Und die Anbieter können auch mehr verlangen. So hat Lufthansa gerade ein äußerst erfolgreiches Jahr hinter sich, Billigflieger Ryanair steuerte zuletzt auf einen Rekordgewinn zu. Und die Bundesbürger sind offenbar auch bereit, mehr zu bezahlen. Die Flugzeuge jedenfalls waren 2023 voller – 84 Prozent der angebotenen Sitze waren besetzt, 2022 waren es etwas weniger.

    Insgesamt flogen im vergangenen Jahr 197,2 Millionen Passagiere von deutschen Flughäfen ab oder kamen dort an, ein Plus von 20 Prozent im Vergleich zu 2022. Das entsprach 79 Prozent der Flugpassagiere im Jahr 2019, bevor Corona den Flugverkehr weitgehend zum Erliegen brachte. In Europa waren es bereits 96 Prozent.

  • Renk schaltet hoch

    Panzergetriebehersteller wagt Börsengang

    Jetzt also doch. Der Panzergetriebehersteller Renk aus Augsburg geht an die Börse. Schon im Herbst hatte es das Unternehmen versucht, in der Nacht vor dem Start aber überraschend abgesagt. Jetzt kommt ebenso überraschend der zweite Versuch: Ankündigung am Montag, Erstnotiz in Frankfurt an diesem Mittwoch. Es ist der erste deutsche Börsengang in diesem Jahr und ein recht spektakulärer.

    Ohne Renk kommt kaum ein Panzer in Europa voran. Puma, Panzerhaubitze, Lynx, Leopard 2, Leclerc, Ajax: Die Spezialgetriebe für die Fahrzeuge liefern die Augsburger. Das Unternehmen fertigt auch Getriebe für Fregatten in Doppelgaragen-Größe, für Eisbrecher. Zudem arbeitet Renk für die Energieindustrie. 2022 setzte das Unternehmen 849 Millionen Euro um, im vergangenen Jahr dürften es fast eine Milliarde Euro gewesen sein. Und es verdient Geld. Und: Seit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist vor allem in Europa ist Verteidigung plötzlich wieder wichtig, werden Milliarden investiert.

    Das sollte schon im Herbst für eine gute Börsengeschichte reichen, doch der britische Finanzinvestor Triton, dem Renk gehört, blies alles kurzfristig ab. Schlechtes Börsenumfeld, hieß es – was auch umschreibt, dass Investoren nicht bereit waren, die Summe für Renk-Aktien zu bezahlen, die Triton haben wollte. 15 Euro hieß es damals, seien zu wenig. Genau für diesen Preis wird Renk jetzt im Zuge einer sogenannten Privatplatzierung an die Börse gehen.

    Triton hat zwei Ankerinvestoren gefunden: Der US Vermögensverwalter Wellington Management übernimmt rund 3,3 Prozent und der Renk-Großkunde KNDS aus Amsterdam kauft bis zu 6,7 Prozent. Weitere bis zu 20 Prozent sollen an institutionellen Investoren gehen – Banken, Finanzinvestoren, Vermögensverwaltern von Firmen und andere. Angesichts der Ankerinvestoren sollen sie leichter überzeugt werden, Aktien zu zeichnen.

    KNDS ist eine Dachgesellschaft, zu der die Panzerhersteller Krauss-Maffei Wegmann (München) und Nexter (Roanne bei Lyon) gehören. Krauss Maffei Wegmann baut den Leopard II, Nexter den französischen Kampfpanzer Leclerc. Mit Triton vereinbart ist, dass der KNDS seinen Anteil an Renk später auf bis zu 25 Prozent und eine Aktie aufstocken kann – das bedeutet eine Sperrminorität. Auch ein Posten im Aufsichtsrat steht KNDS demnach zu. Der Konzern bekommt bedeutende Kontrolle darüber, was bei Renk geschieht, und erhält Zugriff auf den wichtigen Zulieferer. Und so ist der Börsengang auch ein kleines bisschen Konsolidierung in der sehr mittelständisch geprägten deutschen Rüstungsbranche.

    Anders als im Oktober müssen Privatanleger, die sich eine gute Kurs- und Dividendenentwicklung versprechen, diesmal bis zur Erstnotiz von Renk warten. Von diesem Mittwoch an kann sich dann jeder über die Börse eindecken.

    Renk gehörte lange über MAN zum VW-Konzern und führte ein Nischendasein, guter Umsatz, guter Ertrag, mehr aber auch nicht. 2020 kaufte Triton die Augsburger für rund 700 Millionen Euro und begann, umzubauen. Seither modernisiert Firmenchefin Susanne Wiegand. Der Börsengang bewertet Renk jetzt mit rund 1,5 Milliarden Euro. Triton nimmt 450 Millionen Euro ein.

  • Blick in die Wolken

    Earthcare ist auf dem Weg ins All

    Mobiltelefone sind nicht erlaubt, Smartwatches auch nicht. Zu viel Strahlung für die empfindliche Technik hinter der Sicherheitsschleuse. Haarschutz überstreifen, Kittel anziehen, in Sicherheitsschuhe schlüpfen und hinein in das, was Marc Steckling den modernsten Reinraum Europas nennt. Wobei Halle es eher trifft bei den riesigen Ausmaßen. Steckling, bei Airbus verantwortlich für Erdbeobachtung und Weltraumforschung, zeigt am Konzernstandort Immenstaad Earthcare, den komplexesten Satelliten, den der Konzern je gebaut hat. Wissenschaftler wollen mit ihm das Geheimnis der Wolken lüften.

    Der Satellit ist Teil des FutureEO-Programms der Europäischen Raumfahrtagentur Esa zur Erdbeobachtung. Deutschland führt es, ist mit mehreren hundert Millionen Euro beteiligt. Zahlreiche Satelliten sollen den etwa Einfluss von Wind, Wasser und Eis, Erdanziehung, Magnetfeld und Strahlung auf das Klima beobachten. Earthcare ist der größte und technisch anspruchsvollste Satellit, ein Gemeinschaftsprojekt mit der japanischen Raumfahrtagentur Jaxa.

    Die Luft in der hellen Halle ist trocken, kühl. Es brummt dezent, im Hintergrund arbeitet die Anlage, die bis zu 900.000 Kubikmeter Luft pro Stunde filtert und umwälzt. Rechts in der Ecke stehen in riesigen Käfigen zwei Erdbeobachtungsatelliten des Kopernikus-Programms der Esa, eingelagert und von Stickstoff umströmt, startbereit, sollten die Vorgänger ans Ende ihrer Lebensdauer im All kommen. Davor wird ein weiterer für einen Start vorbereitet.

    Bei europäischen Erdbeobachtungssatelliten ist Airbus groß im Geschäft. Steckling verweist stolz darauf, dass der Konzern an fast allen derartigen Missionen der Esa beteiligt ist. Airbus fertigt solche Satelliten in Frankreich, Großbritannien, Spanien und eben in Immenstaad am Bodensee, wo 2019 der neue Reinraum eröffnet wurde.

    Earthcare ist ein Prestigeprojekt. Und es bringt einiges an Geld. Der ursprüngliche Vertrag zwischen Esa und Airbus als Generalunternehmer sah 260 Millionen Euro für Entwicklung und Bau des Satelliten vor. Davon musste der Konzern auch Zulieferer bezahlen. Für das gesamte Projekt hat die Esa inzwischen 800 Millionen Euro veranschlagt. Darin enthalten ist der Start, die Betriebskosten kommen noch hinzu.

    Mitten in der Halle steht er dann, der deutsch-japanische Satellit, der die internationale Wissenschaftsgemeinschaft elektrisiert. Die Forscher erhoffen sich von ihm Erkenntnisse darüber, wie Wolken die Erderwärmung begünstigen oder verhindern. Die Daten könnten auch bessere Wettervorhersagen möglich machen. 2,5 Meter ist er breit, 3,5 Meter tief und rund 4,5 Meter hoch. 2,2 Tonnen wiegt Earthcare betankt, soviel wie eine kleinere Mercedes S-Klasse.

    Einzelne Elemente ragen rot aus der groben weißen Schutzhülle hervor, Teile, die noch vor dem Start entfernt werden. Unten lugen an jeder Ecke messingfarbene Düsen heraus, mit denen der Satellit später im All in Position gehalten wird. Sie erinnern an etwas zu groß geratene, kegelförmige Design-Salzstreuer.

    Vorn ist ein zyklopisches Auge zu sehen, der Laserempfänger, darunter zwei kleinere Öffnungen für die Lasersignale. Oben ruht der Radarschirm und an der Seite liegen die fünf zusammengefalteten Solarpanel an. Einmal in Position über der Erde in 393 Kilometern Höhe, wird der Radarschirm hochgeklappt, das Solarpanel nach hinten entfaltet. Der Satellit erinnert dann mit 17,2 Metern Länge etwas entfernt an einen Drachen oder ein sehr klobiges Raumschiff Enterprise. Lang und schlank, damit er den Partikeln möglichst wenig Widerstand bietet, die sich in der Höhe noch in der Restatmosphäre befinden.

    Vier verschiedene Instrumente sind an Bord – Radar, Lidar, das statt Radiowellen Laserstrahlen verwendet, ein Multi-Spektral-Imager und ein Breitbandradiometer. Die Geräte erstellen, vereinfacht gesagt, ein dreidimensionales Bild einer Wolke, ermitteln, wie sie zusammengesetzt ist, ob etwa Vulkanasche oder Wüstenstaub enthalten ist, Eiskristalle, Wassertröpfchen, und wie stark Erde und Wolke Sonnenstrahlung reflektiert. Das Deutsche Institut für Luft- und Raumfahrt (DLR) spricht von Daten nie gekannter Genauigkeit.

    Zunächst sah es nicht so aus, dass der Satellit überhaupt fertig würde. Der Auftrag stammt von 2008. Geplanter Startzeitpunkt: 2013. Doch es lief nicht rund – große Wünsche, sehr innovative Technik, komplexe Anforderungen. Der Lidar-Sensor erwies sich als komplizierter als gedacht. Einer der zahlreichen Zulieferer meldete Insolvenz an, bei einem anderen zerstörte ein Feuer wichtige Anlagen. Und als der Satellit dann weitgehend bereit war für einen Start kam Corona. Zuletzt bremste noch der russische Angriff auf die Ukraine. Earthcare sollte mit einer russischen Sojus-Rakete vom europäischen Weltraumbahnhof in Kourou abheben. Doch mit Kriegsbeginn waren die russischen Teams aus Französisch-Guyana verschwunden und Raketen plötzlich knapp.

    Wilde Zeiten für Projektleiter Maximilian Sauer, der inzwischen sehr entspannt aussieht. Er ist seit 2012 in unterschiedlichen Positionen dabei. Und jetzt geht es wirklich los. Der Satellit wird in einen eigens entwickelten Stahlcontainer verpackt, der bereits im Reinraum steht. „Wir bringen ihn mit fünf weiteren Containern voller Material am 9. März nach München“, sagt Sauer. Von dort gehe es mit einer Antonow, einem der größten Frachtflugzeuge der Welt, über Island und die US-Ostküste nach Vandenberg in Kalifornien. Anfang May soll der Satellit dort mit einer Falcon 9 des US-Konzerns SpaceX starten. So ist es zumindest geplant. Und Sauer ist Optimist.

    Vom Sommer an flitzt Earthcare dann mit Tempo 28.000 von Pol zu Pol um die Erde und liefert erste Daten. Komplexere Informationen sind von 2025 zu erwarten. Gesteuert wird er aus dem Esa-Raumfahrtzentrum in Darmstadt. Anders als im Reinraum am Bodensee erwartet den Satelliten auf seiner Umlaufbahn einige Unbill: Sonnenstürme, Restatmosphäre und aggressiver atomarer Sauerstoff. Drei Jahre soll Earthcare dem allen garantiert trotzen. Der Sprit an Bord reicht ein weiteres – mindestens.

    Freie Daten

    Forscher auf der ganzen Welt werden die Daten von Earthcare analysieren und benutzen. Aus Deutschland sind unter anderem das DLR-Institut für Physik der Atmosphäre (Oberpfaffenhofen), das Max-Planck-Institut für Meteorologie (München) und das Leibniz-Institut für Troposphärenforschung (Leipzig) dabei. Die Unis Hamburg, Köln und München sind ebenso beteiligt wie die FU Berlin und die LMU München. Die Daten stellen die Europäische Raumfahrtagentur Esa und die japanische Raumfahrtagentur Jaxa drei zur Verfügung. art

  • Überraschend verflochten

    Die Gefahren einer China-Krise

    Für viele deutsche Firmen ist China trotz der geopolitischen Spannungen sehr wichtig. Das  Land liefert wichtige Rohstoffe, günstige Teile und der Absatzmarkt ist riesig. Entsprechend eng sind die Volkswirtschaften verbunden. Doch das birgt Gefahren. Die Bundesbank hat untersucht, welche Folgen ein Absturz der chinesischen Wirtschaft für Deutschland hätte. Erstmals liefern die Experten Hinweise, wie überraschend stark es auch die deutschen Banken treffen könnte.

    China ist viertgrößter Abnehmer deutscher Waren und größter Lieferant. Deutsche Firmen arbeiten nicht nur mit chinesischen Firmen zusammen, sie haben oft auch Tochterunternehmen in der Volksrepublik. Und auch Deutschlands Banken sind mit Chinas Wirtschaft verflochten. Die Bundesbank liefert jetzt erstmals konkrete Zahlen.

    Ende 2022 standen danach Kredite im Wert von rund 36 Milliarden Euro in den Büchern der hiesigen Banken, Geld, das sie chinesischen Unternehmen oder deutschen Firmen in China direkt geliehen hatten. Auch wenn die Summe groß klingt, halten die Bundesbank-Experten sie für recht gering. International steht Deutschland bei der Liste der direkten Geldgebern auf Platz 20. Eine tiefgreifende Wirtschaftskrise träfe die Kreditinstitute deshalb kaum direkt.

    Aber es gibt große indirekte Risiken. Die Bundesbanker ermittelten 756 Firmen, die über Tochterfirmen besonders viel Geschäft mit der China machen. Und diese Firmen haben bei den Banken Geld geliehen. Den Experten zufolge geht es um knapp 220 Milliarden Euro (Stand Ende 2022). Ein nennenswerter Betrag, der die Banken schwer belasten könnte, sollten die chinesischen Tochterfirmen in den Strudel einer Krise geraten und die Mutterkonzerne deshalb Kredite nicht mehr bedienen können. Die Bundesbanker sehen sogar Gefahren für das Finanzsystem. Ob es soweit kommt, ist unklar. Die Studie zeigt nur die Richtung und, dass die Banken möglicherweise Risiken haben, die sie nicht unbedingt als solche einschätzen.

    Risiken für das Kreditwesen lauern auch in Zweckgesellschaften, die aus Steuergründen in den Niederlanden oder Luxemburg angesiedelt sind. Sie haben sich möglicherweise Geld bei deutschen Banken geliehen, finanzierten damit Geschäft in China. Die Bundesbanker nannten hier keine genauen Zahlen, sehen aber ein Problem.

    Was ein wirtschaftlicher Absturz in China für die deutsche Wirtschaft abseits der Banken bedeutet, haben die Bundesbanker ebenfalls durchgerechnet. 2022 war China der viertgrößte Abnehmer deutscher Waren. Rund 107 Milliarden Euro betrug der Wert der verkauften Güter, das entsprach sieben Prozent der deutschen Ausfuhren. Besonders die Autoindustrie und der Maschinenbau, Deutschlands Topbranchen, profitieren von dem riesigen Markt. Sie wären auch im Fall einer chinesischen Wirtschaftskrise besonders betroffen, wenn Firmen nicht mehr investieren und sich auch die Endkunden zurückhalten, weniger in Deutschland bestellt würde.

    Insgesamt käme Deutschland aber glimpflich davon. „Spürbar, aber verkraftbar“, nannte einer der Autoren der Studie die Folgen. Die deutsche Wirtschaftsleistung sänke im ersten Jahr der Krise um etwa 0,7 Prozent, im zweiten um ein Prozent. Danach soll sich alles normalisieren. Im vergangenen Jahr schrumpfte die deutsche Wirtschaft unter anderem wegen teurer Energie, hoher Inflation und steigenden Kreditzinsen um 0,3 Prozent.

    Deutlich schwieriger wird es für Deutschland, wenn die chinesische Wirtschaft weniger liefern würde. Waren im Wert von 193 Milliarden Euro führte die Bundesrepublik 2022 aus der Volksrepublik ein, das entspricht 13 Prozent aller Importe. Das Land ist wichtigster Lieferant – vor allem von Vorprodukten wie Solarpanels und Rohstoffen wie Seltene Erden, die für Hightechprodukte wie Batterien nötig sind. Gut die Hälfte der deutschen Industrieunternehmen ist der Untersuchung zufolge von Teilen und Material aus China abhängig. Ein Ersatz ist oft kaum möglich. So hat China einen Weltmarktanteil von fast 70 Prozent bei Seltenen Erden. Bleiben Lieferungen aus oder nutzt China seine Macht, wird es für die deutschen Firmen schwer.

    Firmen verkaufen nicht nur Waren nach China und beziehen Vorprodukte. Viele  produzieren dort selbst. Dazu wurden Tochterfirmen gegründet, Geld in Fabriken gesteckt. Allein 2022 flossen 11,2 Milliarden Euro solcher Direktinvestitionen. Insgesamt waren die Beteiligungen deutscher Firmen an Unternehmen in China rund 86 Milliarden Euro wert, wie die Bundesbanker ermittelten. Das sind etwas mehr als vier Prozent dessen, was deutsche Firmen weltweit investiert haben. Eine gute Anlage: Die chinesischen Beteiligungen lieferten 15 Prozent aller Vermögenseinkommen, die die deutschen Firmen im Ausland erzielten. Diese Erträge wären im Krisenfall in Gefahr.

    Grundsätzlich glauben die Bundesbanker, dass Deutschland eine Wirtschaftskrise in China verkraften könnte. Sich abrupt von China zu trennen, etwa, wenn das Land den Nachbarn Taiwan überfallen sollte, hätte dagegen schwerwiegende Folgen. Die vollständige Abkehr von China halten die Experten für weder erstrebenswert noch realistisch. Dass China einfach die USA oder Europa von Produkten und Rohstoffen ausschließt, vermuten sie auch nicht. Die Volksrepublik sei handels- und technologieseitig stark auf den Westen angewiesen. 40 Prozent der chinesischen Importe der Volksrepublik stammen aus einer der sieben führenden Industrienationen.

  • Auf dem Weg ins All

    Deutschland wird Raumfahrtnation

    2024 wird ein besonderes Jahr für die deutsche Raumfahrtindustrie. Die ersten neu entwickelten Raketen werden ins All schießen. Die Bundesrepublik bekommt einen mobilen Startplatz in der Nordsee. Und vom Weltraumbahnhof Kourou soll Ariane 6 abheben, Europas Spitzenrakete, vollgestopft mit Technik aus Deutschland. Leider wird ein anderes Prestigeprojekt verschoben.

    Raketen

    In diesem Jahr ist es soweit: Jungfernflüge für die Raketen von drei deutschen Herstellern. Die RFA One der Rocket Factory Augsburg soll im Sommer vom Saxavord Spaceport im Norden Shetlands starten. Sie wird bereits Satelliten ins All bringen, auch der geplante zweite Start der Augsburger ist bereits ausgebucht.

    Konkurrent Isar Aerospace aus Ottobrunn bei München setzt auf Norwegen. Das Unternehmen nutzt für ihre Spectrum-Rakete einen Startplatz auf der norwegischen Insel Andøya. Als Termin war zuletzt das Frühjahr angepeilt. Noch laufen Tests. Mit an Bord sind unter anderem Satelliten des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und der TU Berlin.

    HyImpulse aus dem baden-württembergischen Neuendorf bei Heilbronn geht für den Erststart der SR75 nach Australien. Die Rakete wird nicht in die Tiefen des Alls vorstoßen, sondern ist als suborbitaler Forschungsflug ausgelegt. Sie soll erst einmal zeigen, dass der innovative Treibstoffmix mit einer Art Kerzenwachs nicht nur auf dem Teststand funktioniert. Die größere Rakete SL1 ist in zwei Jahren fertig und soll in Saxavord starten.

    Die drei Firmen sind Teil des sogenannten New Space. Seit Jahren wandelt sich die Raumfahrt von staatlich finanzierten Projekten hin zu privaten, kommerziellen, auch weil technisch mehr möglich ist, etwa Satelliten im Kartonformat. Die Kosten sinken, weil die Geräte in Masse gefertigt werden. Firmen tüfteln an erdumspannenden Netzen, die die Erde beobachten können, beim autonomen Fahren helfen sollen, Internet aus dem All liefern oder moderne Präzisionslandwirtschaft ermöglichen.

    Die Beratungsfirma Euroconsult schätzt das Marktvolumen allein für Satelliten bis 2032 auf 588 Milliarden Dollar (535 Milliarden Euro) weltweit. Fast 2800 Satelliten sollen demnach jährlich ins All, vor allem in den sogenannten Low Earth Orbit (LEO) in Höhen um die 500 Kilometer. Um dorthin zu kommen, sind kleine, in Massen gefertigte günstige Raketen nötig, sogenannte Microlauncher wie RFA One, Spectrum oder SL1.

    Sie sind um die 30 Meter hoch, haben gut zwei Meter Durchmesser und können bis zu 1,3 Tonnen Nutzlast tragen – klein im Vergleich zur Falcon-9 der US-Firma SpaceX mit 70 Metern Höhe und 3,7 Metern Durchmesser. Hinter RFA stehen das Bremer Raumfahrtunternehmen OHB und der US Finanzinvestor KKR. Isar Aerospace wird unter anderem von den Wagniskapitalgebern UVC Partners und Earlybird sowie von Airbus und Porsche finanziert. Hinter HyImpulse steht die Schwarz Holding aus München, der das Testdienstleistungs-Unternehmen IABG gehört.

    Nordsee

    Bereits im April soll erstmals eine Rakete von der Bundesrepublik aus abheben, allerdings nicht von Land. Dafür ist Deutschland zu dicht besiedelt. Gestartet werden soll von einem Spezialschiff aus in der Ausschließlichen Wirtschaftszone etwa 350 Kilometer vor der Küste mitten in der Nordsee. Hinter dem Projekt steht die Deutsche Spaceport Alliance, zu der unter anderem der OHB und die Reederei Harren gehören.

    Starten wird eine kleinere Rakete der niederländischen Firma T-Minus für einen Forschungsflug. Perspektivisch sollen auch Microlauncher starten. Der Vorteil des Schiffes: Die in Deutschland gebauten Raketen müssen nicht umständlich und langwierig zu einem entlegenen Startort im Ausland transportiert werden, sondern können in Bremerhaven aufs Schiff verladen werden. Komplizierte Ausfuhrgenehmigungen für die sensible Technik entfallen.

    Ariane 6

    Um zum Mond und zum Mars zu fliegen, schwere Lasten ins All zu bringen oder Sonden ans Ende der Galaxie zu schicken, sind große Raketen nötig. Die Esa hat die Ariane 6 entwickeln lassen, die 2024 erstmals vom europäischen Weltraumbahnhof im südamerikanischen Kourou starten soll. Sie ist ein europäisches Gemeinschaftswerk, wesentliche Teile stammen aus Deutschland.

    So liefert MT Aerospace (Bremen/Augsburg) unter anderem die Treibstofftanks von Haupt- und Oberstufe sowie verschiedene Teile der Verkleidung. Der Bremer Standort der französischen ArianeGroup ist verantwortlich für die Oberstufe und entwickelt eine Zusatzstufe für besonders große Reichweite. Der Firmenteil in Ottobrunn baut Teile der Triebwerke und die Antriebseinheit für die Zusatzstufe.

    Die erste Ariane 6 steht bereits an ihrem Startplatz in Kourou. Derzeit laufen verschiedene Tests. Die Rakete ist um die 60 Meter hoch, hat 5,4 Meter Durchmesser und kann bis zu zwölf Tonnen Last tragen. Esa-Chef Josef Aschbacher hat den Start für Juli angekündigt.

    Mond

    Höhepunkt des Raumfahrtjahres wäre wahrscheinlich der erste bemannte Flug Richtung Mond seit 52 Jahren gewesen. Im Herbst sollte Artemis-II von Nasa und Esa starten. Doch die Mission, wie solche Projekte in der Raumfahrt heißen, muss wegen technischer Probleme mit Batterien verschoben werden. Die Raumsonde besteht aus einer Kapsel für die Astronauten und einem Servicemodul, in dem unter anderem Antrieb und Energieversorgung untergebracht sind. Airbus in Bremen baut das Modul, insgesamt bis zu neun, was die Kosten pro Einheit deutlich senkt. Üblich war bisher Einzelfertigung. Die Kapsel mit den Batterieschwierigkeiten kommt aus den USA. Artemis-II soll jetzt voraussichtlich 2025 starten. 2026 wollen Nasa und Esa dann wieder Menschen auf den Mond zu bringen.

  • „Machen Sie Platz, wenn der Trecker kommt“

    Brot, Tomaten, Mehl haben ihren Preis im Supermarkt, aber von dem, was die Kunden für Lebensmittel an der Kasse zahlen, kommt am Ende nur ein Viertel bei den Bauern, anders gesagt: von einem Euro bleiben ihnen magere 25 Cent. Das rechnet Achim Spiller vor. Der Göttinger Professor gilt als einer der führenden deutschen Agrarökonomen, er forscht zum Verhalten von Konsumenten, berät die Bundesregierung. Können Verbraucher die Bauern unterstützen, anders einkaufen, damit nicht Dreiviertel des Preises andere absahnen, die Lebensmittelindustrie und Handelskonzerne?

    Seit die Bauern mit ihren Traktoren hupend durchs Land rollen hat die Frage neues Gewicht, was sie am Ende verdienen. Auch wenn sie in den vergangenen Monaten von den steigenden Lebensmittelpreisen profitiert haben, der Druck ist enorm. Höhere Kosten können Landwirte nur schwer weiterreichen. Die vier großen Handelskonzerne – Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe, zu der Lidl und Kaufland gehören – sind mächtig. Wer ihre Preise nicht akzeptiert, ist schnell raus, wird seine Ware nicht mehr los. Fair finden das die Landwirte nicht, Billig-Angebote mancher Discounter schon gar nicht – fünf Alternativen:

    1. Rauf auf den Hof
      Nicht alle Bauern kämpften, sagt Experte Spiller. Wer auf seinen Äckern Windräder habe, auf Scheunen und Feldern Solarstrom erzeuge oder eine Biogasanlage betreibe, verdiene meistens gut. Wer Acker- und Gartenbau mache, habe es leichter als jene, die Milchvieh halten. Und Betriebe mit hunderten Hektar Fläche kämen gut über die Runden, jene mit nur einigen wenigen Hektar eher nicht. „Wenn, dann sind die Kleinen unterstützenswert“, so Spiller, „die Familienbetriebe, die vielleicht einen Hofladen haben.“ Sie finden sich allerorten in Deutschland, von Ostfriesland bis zum Bodensee, vom Münsterland bis zum Oderbruch. Bauern verkaufen dort ihre Äpfel und Salate, Brote und Kekse, ihr Eingemachtes und Grill-Fleisch – keiner der noch mit an ihren Produkten verdienen will. Und die Möhre darf auch mal schief und krumm sein, der Landwirt muss sie nicht aussortieren und vernichten, weil der Lebensmittelhandel sie ablehnt. Viele arbeiten ökologisch.
    2. Milch am Automaten
      Ein Hofladen kann die wirtschaftliche Lage entspannen. Nur: Er kostet Zeit. Das ist auch nicht anders, wenn die Bauern auf den Wochenmarkt fahren, Kisten auf dem Hof einpacken, auf dem Markt wieder auspacken, Stunden dort stehen, mehr oder weniger verkaufen. „Das ist viel Aufwand für die Landwirte, den wollen nicht alle auf sich nehmen“, sagt Spiller. Es sei auch nicht aller Bauerns Sache, den Kunden Abo-Gemüse-Kisten wöchentlich, 14-tägig oder einmal im Monat nach Hause zu liefern. Natürlich solle das niemanden abhalten, seinen Einkauf auf dem Markt zu machen oder eine Gemüsekiste zu bestellen – im Gegenteil. Immer noch komme per Produkt mehr Geld bei den Landwirten an als beim Verkauf mit Zwischenhändlern im Supermarkt. Viele Verbraucher schätzen auch die „Marktschwärmerei“ (https://marktschwaermer.de/de): Mit ein paar Klicks lassen sich im Internet Lebensmittel aus der Region bestellen und an einem bestimmten Tag in der nächst gelegenen Schwärmerei abholen. Landwirte entscheiden sich aber vielfach für eine Alternative – den Verkaufsautomaten auf dem Hof. Konnte man früher Zigaretten und Kaugummis an Automaten ziehen, lassen sich heute auch Eier, Milch, Fleisch so kaufen, 24 Stunden lang. Es ist aber eher ein „Zuverdienst“, so Spiller.
    3. Das Regional-Regal
      Selbst bei der Fleischerei vor Ort kann man sich laut Spiller nicht sicher sein, dass sich die Einnahmen nur Schlachter und Bauern teilen. Denn oft bezögen Metzger auch Schweinehälften von großen Schlachtunternehmen, etwa von Tönnies. Dem Produkt sähe man das nur nicht an. Da helfe die Frage: „Schlachten Sie selbst, und kommen die Tiere aus der Region, wie werden sie gehalten?“ Auskunftspflichtig ist der Metzger nicht, weicht er allerdings aus, ist das kein gutes Zeichen. Für die Landwirte zahlten sich direkte Verträge nicht nur mit dem Metzger aus, sagt der Agrarökonom, mittlerweile gebe es Supermärkte, die dies auch machten, Filialen von Edeka und Rewe etwa. In Regional-Regalen böten sie Produkte aus einem Umkreis von etwa 30 Kilometern. Zahlt der Kunde stark drauf? Laut der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung gaben die Deutschen 2022 im Schnitt nur 11,5 Prozent ihres Geldes für Lebensmittel aus, die Italiener indes 14,4, die Franzosen 13,3 Prozent. Die Deutschen gelten als besonders preissensibel. Spiller sagt, die Regional-Regal-Produkte seien meistens ein wenig, aber nicht viel teurer.
    4. Ackern mit mehr Wert
      Nicht nur für ein Produkt im Ladenregal zu zahlen, sondern für das Säen und Ernten, auch für das Aufziehen der Tiere und so Bauern mehr Sicherheit zu geben – das ist die Idee der solidarischen Landwirtschaft (https://www.solidarische-landwirtschaft.org/startseite). Dabei strecken mehrere Verbraucher zusammen das Geld für Saatgut, Löhne, landwirtschaftliche Geräte vor und erhalten im Gegenzug ihren Anteil an Obst und Gemüse, an Fleisch und Eiern. Dazu werden die Jahreskosten des Betriebes geschätzt, und dann wird ein meist monatlicher Betrag festgelegt, den die Verbraucher zahlen. Gut 470 Betriebe dieser Art gibt es in Deutschland. Die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe hierzulande insgesamt derzeit: 255.000 – 7.800 weniger als noch 2020.
    5. Politik und Platz machen
      Ohne eine Neuausrichtung der Agrarpolitik werde es nicht gehen, meint Berit Thomsen von der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft, Bauern bräuchten mehr Verhandlungsmacht gegenüber der Lebensmittelindustrie und dem Handel. Da sei der Rückhalt der Verbraucher wichtig – und mehr Wertschätzung. Die Bauern klagten nicht nur über ihre Finanzen, sondern auch darüber, dass ihre Arbeit nicht gesehen werde, da könne jeder sofort anfangen, meint zudem Agrarökonom Spiller: „Machen Sie Platz, wenn beim Spaziergang auf einem Feldweg ein Trecker kommt.“ Aber auch die Landwirte sollten Rücksicht nehmen.
  • Die Davos-Bilanz

    Angespannt, aber nicht zerrissen

    Man muss das alljährliche Weltwirtschaftsforum in Davos nicht mögen. Diesen Kongress der Milliardäre, die die Welt gestalten wollen, weil sie es können, und es auch tun, wie gerade bei der Entwicklung der sogenannten künstlichen Intelligenz. Aber es ist ein guter Ort, um zu sehen, welche Kräfte den Lauf der Dinge prägen. Jake Sullivan, der unter anderem für Kriege zuständige enge Mitarbeiter von US-Präsident Joe Biden, beschrieb die internationale Lage so: „Strategische Konkurrenz in einer Ära der gegenseitigen Abhängigkeit“.

    Auftritt Selenskyj

    „Putin ist ein Raubtier, das sich nicht mit Tiefkühlkost zufrieden gibt“, sagte der Präsident der Ukraine im vollen Saal des Kongresszentrums von Davos. Wolodymyr Selenskyj spielte damit an auf Forderungen, den Krieg Russlands gegen sein Land „einzufrieren“ und die Gebietsverluste der Ukraine zu akzeptieren. Russlands Präsident Wladimir Putin werde jegliches Entkommen als Einladung zu weiterer Aggression verstehen. Erhoffte ausländische Firmenansiedlungen in seinem Land bezeichnete Selenskyj als Investitionen in die Sicherheit Europas.

    Der Präsident der Ukraine legte den eindrucksvollsten Auftritt des diesjährigen Weltwirtschaftsforums (WEF) hin. Davos steht auf Seiten der Ukraine, offiziell wird Russland boykottiert. Deutschlands Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) versuchte, Unternehmen zur Investition in dem angegriffenen Land zu bewegen. VertreterInnen von 80 Staaten nahmen an einer Friedenskonferenz mit der ukrainischen Regierung teil.

    Fliegender Drache

    Das WEF spiegelt, was draußen passiert. Die Welt hat sich nach dem russischen Angriff neu sortiert – und teils separiert. Aber nicht nur um diesen Konflikt ging es: Chinas Ministerpräsident Li Qiang machte Vorschläge zur Güte, indem er mehr wirtschaftliche Kooperation anregte, doch westliche PolitikerInnen wie Habeck und EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen verhielten sich reserviert. Denn China einerseits, die USA und Europa andererseits konkurrieren um die politische und wirtschaftliche Führung. Gleichzeitig wissen die Regierungen, dass ihre Ökonomien stark verknüpft sind. Ein scharfer Konflikt könnte gigantische Schäden auf beiden Seiten verursachte.

    Ökonomie als Waffe

    Das WEF arbeitet als Lobbyorganisation der größten Konzerne und setzt sich traditionell für freien Handel weltweit ein. Doch die tatsächliche Entwicklung geht in eine andere Richtung. „Nun leben wir in einer Welt, in der wirtschaftliche Konkurrenz zunehmend mit Mitteln von Zöllen, Sanktionen, Importkontrollen und Protektionismus ausgetragen wird“, sagte Geoökonomin Katrin Kamin vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. „Ökonomie fungiert mehr und mehr als Waffe in der Auseinandersetzung zwischen Staaten.“

    Runder Tisch

    Doch die OrganisatorInnen des WEF wollen dem entgegenwirken. Sie betrachten den Kongress als alljährlichen Runden Tisch der Welt, an dem freundliche Gespräche die Gegensätze überbrücken sollen. Solche Momente gibt es immer wieder. So konnte der saudi-arabische Außenminister Prinz Faissal bin Farhan die Anerkennung Israels in Aussicht stellen, wenn das palästinensische Volk im Gegenzug wirklich einen eigenen Staat bekäme. Israels Präsident Izchak Herzog bezeichnete das als „Chance“. Wenngleich er darauf hinwies, dass die Zwei-Staaten-Lösung in Israel nach dem Angriff der Hamas vom 7. Oktober wenig Unterstützung finde. UN-Generalsektretär Antonio Guterres beklagte, beide Kriegsparteien träten das Völkerrecht mit Füßen.

    Künstliche Intelligenz

    Am meisten interessierten sich viele ManagerInnen jedoch für die neuen Möglichkeiten des Maschinen-Lernens. Die entsprechenden Veranstaltungen waren immer voll. Werden KI-Programme wie ChatGPT so durchschlagende Wirkung entfalten wie die Entwicklung der Elektrizitätsversorgung im 19. Jahrhundert – und das Leben aller verändern? „Ja“, sagte Qualcomm-Chef Cristiano Amon. Economist-Chefredakteurin Zanny Beddoes machte einen skeptischen Eindruck. Optimistisch wie sie sind, hoffen die Unternehmen auf steigende Produktivität, Wachstumsraten und Gewinne. Guterres forderte einen internationalen Regulierungsrahmen, um mögliche Auswüchse der KI zu begrenzen.

    Davos forever?

    Wenn die Welt, zum Teil zumindest, auseinandertreibt, gibt es großen Gesprächsbedarf. So kamen dieses Jahr 60 Staats- und Regierungsspitzen nach Davos, mehr als sonst. Wobei an wirklich wichtigen ein gewisser Mangel herrschte. So reiste von den Staatschef der westlichen G7-Gruppe nur Emmanuel Macron aus Paris an. Afrika und Südamerika waren insgesamt schwach vertreten, Asien und der Nahe Osten dagegen stark. So oder so: Wenn in zwei Jahren möglicherweise der neugewählte US-Präsident per Helikopter einschwebt, wie Donald Trump 2020, werden im Pressezentrum alle Tische besetzt sein.

  • Künstliche Intelligenz

    Welche Bedeutung hat sie?

    Im Display des Autos blinkt ein gelbes Symbol. „Was ist das Problem?“, fragt die Fahrerin. Der Wagen antwortet, dass ein mechanisches Teil in der Lenkung defekt sei. Auf Nachfrage erklärt der Bordcomputer, sie könne zunächst weiterfahren, solle in den kommenden Tagen jedoch die Werkstatt aufsuchen. Einen Termin dort zu arrangieren, bietet die Maschine ebenfalls an. Vielleicht kommen Montag nach dem letzten Meeting, das im Kalender steht?

    Dieses Beispiel für Künstliche Intelligenz (KI) brachte Cristiano Amon diese Woche beim Weltwirtschaftsforum im Schweizer Bergort Davos. Der Chef des US-Konzerns Qualcomm, der unter anderem Halbleiter, Mobilfunk und Fahrassistenz-Systeme produziert, saß in einer der vielen Podiumsdiskussionen zum Thema KI.

    Während des Kongresses der ManagerInnen und PolitikerInnen war in den vergangenen Tagen oft zu hören, bei der Künstlichen Intelligenz handele es sich um eine ähnlich epochale Entwicklung wie die der Dampfmaschine im 18. Jahrhundert. Qualcomm-Vorstand Amon gefiel auch der Vergleich zur Einführung der Elektrizität. Jede und jeder werde mit KI in Berührung kommen, wollte er damit sagen. Zwar fragte Zanny Beddoes, die Chefredakteurin des britischen Magazins Economist, mehrmals nach, ob es sich bei dieser Einschätzung nicht um eine Übertreibung handele. Doch die in der Diskussionsrunde versammelten ManagerInnen beharrten auf ihren hochfliegenden Erwartungen.

    40 bis 60 Prozent der Beschäftigten müssten sich darauf einstellen, dass KI ihre Arbeitsplätze künftig verändere, teilte der Internationale Währungsfonds parallel zum Weltwirtschaftsforum (WEF) mit. Einen Eindruck von der möglichen Tragweite bekamen manche BürgerInnen 2023, nachdem das neue Computerprogramm ChatGPT veröffentlicht worden war. Dieses ist zu einer Art Unterhaltung mit Menschen in der Lage. LehrerInnen erstellen damit inzwischen Arbeitsblätter für ihren Unterricht, SchülerInnen Referate.

    Die „generative künstlichen Intelligenz“ kann „Inhalte wie Text, Bilder, Musik, Audio und Videos“ generieren, erklärt das US-Unternehmen Google. Um das zu ermöglichen, wurden zuvor riesige Mengen von Artikeln, Büchern, Filmen, Songs und allen möglichen anderen Informationen im Hinblick auf die darin enthaltenen Muster und Beziehungen durchkämmt. Anschließend erstellen die Programme anhand der erlernten Muster auf Anfrage und Vorgabe neue Inhalte, so Google.

    In Kombination mit seiner Datenbank, der Cloud, bietet das Suchmaschinen-Unternehmen bereits zahlreiche KI-Dienste an, mit denen Firmen-Kunden ihre Geschäftsprozesse beschleunigen und erleichtern können. Konkurrent Microsoft verkauft Anwendungen, die sich „Copilot“ nennen. Die Botschaft: Die Künstliche Intelligenz sitzt neben Ihnen und hilft bei der Erledigung Ihrer Aufgaben.

    Programmierer, die selbst Computer-Software entwickeln, könnten durch solche Verfahren um 40 Prozent effektiver werden, sagte Arvind Krishna, Chef des US-Unternehmens IBM beim WEF. Weitere Beispiele: ÄrztInnen verbessern vielleicht ihre Diagnosen, wenn sie die KI nutzen. Gerichte wickeln Prozesse mit tausenden KlägerInnen schneller ab. Besonders die Wissenschaft werde profitieren, erklärte Microsoft-Chef Satya Nadella im Gespräch mit WEF-Gründer Klaus Schwab. Er verwies auf die schnellere Entwicklung neuer Materialien, um etwa Lithium in Batterien zu ersetzen. Krankheiten wie Krebs und Parkinson mögen sich als heilbar erweisen.

    Dabei geht es um hochqualifizierte Tätigkeiten, die produktiver werden. Wobei größere Produktivität eine Leistungssteigerung, bessere Qualität des Ergebnisses, mehr Ertrag für das Unternehmen und mehr Einkommen für die Beschäftigten bedeuten kann. Aber es dürfte auch viele Tätigkeiten geben, die sich einsparen lassen, wenn die Künstliche Intelligenz in Fahrt kommt. Häufig genannt werden in dieser Hinsicht etwa die Kreditberatung in Banken, Marktforschung, Arbeit an Supermarktkassen und Service-Hotlines.

    Volkswirtschaftlich betrachtet, lassen effektivere Programme, flächendeckend eingesetzt, ebenfalls eine höhere Produktivität erwarten – wobei diese die eigentliche Quelle zunehmenden Wohlstands darstellt. Heute erreichen viele Industrieländer Zuwächse von 0,5 bis zwei Prozent jährlich. Microsoft-Chef Nadella rechnet dagegen mit vier Prozent, wenn die KI sich durchsetzt. Wobei derartige Hoffnungen auch mit der Verbreitung des Internets einhergingen. Erfüllt haben sie sich nicht.

    Momentan befindet sich die Entwicklung der KI noch in einem frühen Stadium. Aber sie macht schnelle Fortschritte. Das führt zur Frage nach ihrer Regulierung. Denn absehbar könnte es bald viel schwierig werden, zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Leute wie Donald Trump freuen sich. Kann man das durch staatliche Regularien eindämmen? Unklar.

    Immerhin hat die EU bereits ein KI-Gesetz entworfen. Bestimmte risikoreiche Anwendungen wie etwa die Gesichtserkennung im öffentlichen Raum würden damit eingeschränkt, teilweise fast verboten. Beim WEF forderte UN-Generalsekretär António Guterres die Konzerne auf, an einer Regulierung mitzuwirken. Vor einiger Zeit schlug er schon einmal einen globalen KI-Rat ähnlich der IAEA vor, die die Atomindustrie begleitet. Manager wie Nadella sagen bei solchen Gelegenheiten, sie unterstützten eine Regulierung, es dürfe aber nicht zu viel sein, weil sonst die Innovation leide.

  • Plötzlich digital

    Extreme Bargeld-Szenarien für Deutschland

    Bunte Scheine, klimpernde Münzen: Deutsche lieben Bargeld, wir sind eine Art Europameister des dicken Portemonnaies. Aber auch hierzulande sind Karten und zunehmend das Mobiltelefon zum Bezahlen gefragt. Werden wir untreu? Geht Deutschland den Weg Skandinaviens, wo Bargeld praktisch aus dem Geschäftsleben verschwunden ist? Und was bedeutet das für die Bundesbank, deren gesetzliche Aufgabe es noch ist, die Deutschen mit Bargeld zu versorgen?

    Für eine eher zurückhaltende Institution hat die Bundesbank eine recht radikale Studie beim Dienstleister VDI/VDE IT und dem Meinungsforschungsinstitut Sinus bestellt. Das Ziel: Drei Szenarien, wie die Zukunft des Bargelds in Deutschland 2037 aussehen könnte. Es seien keine exakten Vorhersagen, sagte Burkhard Balz, im Bundesbankvorstand unter anderem für Bargeld zuständig, als er die Studie vorstellte. Es geht eher darum, zu sehen, was möglicherweise auf die Deutschen zukommt. Und welche Handlungsmöglichkeiten es gibt, die Bundesbürger weiter ausreichend mit Bargeld zu versorgen. Immer vorausgesetzt, die Politik hält diese gesetzliche Aufgabe der Zentralbank weiter für wichtig.

    Szenario 1: Deutschland ist eine hyperdigitale Bezahlwelt. Die Bundesbürger sind überzeugte Digitalfans. Kassen mit Bedienung gibt es in Geschäften nicht mehr, der Kunde scannt selbst, zahlt kontaktlos an Automaten, die vielleicht auch noch Bargeld annehmen. Die Verwaltung ist digital. Ältere haben gelernt, mit der neuen Technik umzugehen. Die Versorgung im ländlichen Raum hat sich verbessert, weil Läden ohne Personal auskommen. Geldautomaten sind selten. Bargeld wird allenfalls noch benutzt, um 100 Euro unters Kopfkissen zu legen. Der Anteil an Münzen und Scheinen an allen Zahlvorgängen beträgt selbst hier noch rund 15 Prozent.

    Szenario 2: Bargeld erlebt eine Renaissance. Die Bundesbürger fürchten sich davor, künstliche Intelligenz könnte sie fremdbestimmen. Wegen der vielen Krisen sind die Menschen auf weitere eingestellt und sorgen mit Bargeld vor. Sie kaufen vor allem lokal ein. Viele Menschen pochen auf ein Recht auf analoges Leben, nutzen Bargeld bewusst. Banken sehen Bargeldservice als Investition in Kundenbindung. Ein- und Zwei-Cent-Münzen sind abgeschafft, überall lässt sich bar bezahlen. Kassen sind mit Personal besetzt. Handel und Verwaltung müssen Münzen und Scheine nehmen. Auch in diesem Szenario wird viel digital bezahlt, aber vor allem große Summen. Der Anteil des Bargelds an allen Transaktionen liegt unter 50 Prozent.

    Szenario 3: In der hybriden Bezahlwelt ist alles möglich und vielen ist vieles egal. Die Gesellschaft zerfällt in unterschiedliche Lebenswelten. Die soziale Ungleichheit ist hoch. Der Staat hat wegen zahlreicher Krisen hohe Schulden gemacht, der Politik fehlt die Kraft, umzuverteilen. Die Wahl des Zahlungsmittels hängt von der Einstellung zu Digitalisierung ab. Der Handel bietet meist digitale Bezahlsysteme nach Vorlieben seiner Kunden. Bargeld wird vor allem auf Märkten, für Trinkgeld, Kleinbeträge und als Geschenk genutzt. Die Banken haben die Zahl der Filialen und Geldautomaten aus Kostengründen drastisch verringert, was Bargeldbeschaffung teuer und schwerer macht. Es gibt vorübergehende Cyberangriffe, aber keine politische Bewegung für Bargeld. Der Bargeldanteil an den Transaktionen liegt bei 31 Prozent – Tendenz fallend.

    Die Szenarien mögen radikal aussehen, sie sind aber ausgehend von der aktuellen Situation möglich. Befragt wurden dazu unter anderem Experten, es gab eine repräsentative Umfrage in der Bevölkerung. Die Studienautoren bezogen die Entwicklung künstlicher Intelligenz ein Krisenszenarien mit Kriegen und Handelsproblemen. Auch der geplante digitale Euro wurde berücksichtigt.

    „Wir gehen nicht davon aus, dass eines der Szenarien eintritt“, sagte Balz. Es sei aber wichtig, mit Extremen zu arbeiten. „Dadurch können wir besser einschätzen, wie wahrscheinlich etwas eintritt und wie wir uns darauf einstellen müssen.“ Ziel ist, dass die Menschen weiter die Möglichkeit haben, frei zu entscheiden, wie sie bezahlen. Und die Stabilisierungsfunktion des Bargelds soll erhalten bleiben. In Szenario 1 sei erheblicher Aufwand nötig und auch klare politische Vorgaben, sagte Balz. In Szenario 2 könne man frühzeitig gegensteuern.

    Das Bundesbank-Vorstandsmitglied warb für Bargeld. Es sei unabhängig von technischer Infrastruktur, schütze die Privatsphäre. Jeder könne es zum Bezahlen und als Wertaufbewahrung benutzen. Man können Kindern mit ihm den Umgang mit Geld nahebringen. Und nicht zuletzt behielten viele mit Bargeld den Überblick über ihre Ausgaben.

    Der Bargeldanteil sinkt allerdings, die Bundesbürger haben es gern einfach, kaufen mehr online oder nutzen an der Kasse Karte oder Mobiltelefon. Noch rund 60 Prozent der Käufe bezahlten die Menschen 2022 bar, wie das EHI, ein Handelsforschungsinstitut, ermittelt hat. Meist waren es kleinere Beträge. Denn der Umsatzanteil der Barzahlung betrug nur 37,5 Prozent.

    Auch die Zahl der Geldautomaten sinkt. Etwa 52.600 gab es nach Angaben der Europäischen Zentralbank 2022 noch in Deutschland, gut 6000 weniger als drei Jahre zuvor. Inzwischen dürften es noch weniger sein. Der Wert ist im europäischen Vergleich allerdings immer noch hoch. Auch die Bundesbank überprüft gerade, ob 31 Filialen im Bundesgebiet wirklich nötig sind, um die Bevölkerung mit Bargeld zu versorgen. Am Auftrag ändert das nichts.

  • Sorgenvolle Blicke zum fliegenden Drachen

    In Davos betreibt China eine Charme-Offensive. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Wirtschaftsminister Robert Habeck grenzen sich ab. Dieser organisiert wirtschaftliche Unterstützung für die Ukraine.

    Vorschläge zur Güte machte der chinesische Ministerpräsident am Dienstag beim Weltwirtschaftsforum. Die Welt möge sich doch zusammenraufen und gemeinsam an der Entwicklung neuer Technologien arbeiten, etwa zum Schutz des Klimas, sagte Li Qiang. Politikerinnen und Politiker des Westens wie EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) blieben jedoch skeptisch.

    Am zweiten Tage des diesjährigen Wirtschafts- und Politikgipfels in Davos stand die Weltpolitik im Mittelpunkt – erstens das Verhältnis zwischen Europa und China, zweitens die Reaktion auf den seit zwei Jahren dauernden Krieg Russlands gegen die Ukraine. Trotz versöhnlicher Versuche traten die Kontroversen zwischen den Blöcken USA und Europa einerseits, China andererseits deutlich zutage.

    Fünf Vorschläge für eine bessere wirtschaftliche Kooperation zum gegenseitigen Nutzen hatte der chinesische Spitzenpolitiker auf dem Zettel, als er vor mehreren hundert Zuhörerinnen und Zuhörern im großen Saal des Kongresszentrums von Davos sprach. Dazu gehörten eine neue „makroökonomische Koordinierung“, was beispielsweise die Zusammenarbeit von Zentralbanken bedeuten könnte, und die Stabilisierung der Lieferbeziehungen zwischen China und anderen Staaten. Sonderlich detailliert waren diese Vorschläge allerdings nicht. Li Qiang warb, dass in China bald das Jahr des Drachen beginne, von dem man Kraft und Energie erhoffe. Für die Welt könne 2024 zum Jahr des „fliegenden Drachen“ werden, wenn man es richtig anstelle.

    China sei eine offene Volkswirtschaft, betonte der Ministerpräsident, wolle freie Marktwirtschaft praktizieren und andere Länder ökonomisch nicht diskriminieren. Er forderte Multilateralismus im Sinne der Charta der Vereinten Nationen und wandte sich gegen „einseitige“ Regeln, die manche Regierung bevorzuge. Ohne die USA oder Europa zu nennen, waren das in freundliche Worte verpackte Spitzen gegen den Westen, dem Li Qiang durch die Blume unter anderem die Diskriminierung chinesischer Produkte vorwirft. China ist, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, mittlerweile die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde hinter den USA und vor Europa.

    Dass westliche Politiker die internationale Lage entgegengesetzt interpretieren, kam auch an diesem Tag in Davos zum Ausdruck. Grundsätzlich gehen viele in Brüssel, Berlin und Washington davon aus, dass China internationale Märkte dominieren wolle, etwa den für Klimaschutz-Technologien, und anderen Ländern politische Abhängigkeiten oktroyiere.

    So betonte Habeck eine konsequente Haltung gegenüber dem großen Konkurrenten. Europa müsse resilienter, also ökonomisch unabhängiger, werden, sagte der Wirtschafts- und Klimaminister. Dabei „kommen wir in der EU voran“, so Habeck am Morgen vor dem Kongresszentrum bei minus zehn Grad. Als Beispiel nannte er das geplante EU-Gesetz für eine klimaneutrale Industrie (Net-Zero Industry Act). Dieses soll dafür sorgen, dass zentrale Kohlendioxid-freie Technologien wie Batterien für E-Autos, Solarzellen und Elektrolyseure für grünen Wasserstoff zum guten Teil aus heimischer, europäischer Produktion kommen.

    Auch EU-Politikerin von der Leyen wollte sich nicht umgarnen lassen. „In Europa gibt es fast 200.000 Software-Ingenieure mit Erfahrung in Künstlicher Intelligenz (KI). Das ist eine größere Konzentration als in den USA und China“, antwortete sie auf Li Qiang im Kongresszentrum. Europa müsse den Weg zu einem verantwortungsvollen Einsatz von KI weisen, fügte sie mit Hinweis auf die erste weltweite Regulierung hinzu, die die EU in diesem Bereich plant.

    Misstrauen herrscht im Westen auch, weil China den russischen Krieg gegen die Ukraine zumindest nicht kritisiert, vielleicht sogar unterstützt. Von der Leyen: „Die Ukraine benötigt Planbarkeit bei der Finanzierung im gesamten Jahr 2024 und darüber hinaus.“ Die Ukraine könne im Krieg gegen Russland bestehen, betonte sie. „Aber wir müssen sie in ihrem Widerstand weiter stärken.“

    Habeck versuchte am Dienstag, solchen Worten Taten folgen zu lassen. Mit deutschen Unternehmen sprach er in Davos über deren mögliche Investitionen in der Ukraine, um die Wirtschaft dort zu stabilisieren und die Produktion von Waffen zu erhöhen. Außerdem drehten sich seine Gespräche um die Wiederaufbaukonferenz, die im kommenden Sommer in Berlin stattfinden soll. Investitions- und Exportgarantien für deutsche Vorhaben in der Ukraine hat die Bundesregierung bereits eingeführt, wodurch die Firmenaktivitäten dort stark zugenommen haben.

    „Wir sind entschlossen, unsere Unterstützung für die Ukraine aufrechtzuerhalten, und wir arbeiten sehr eng mit dem Kongress zusammen, um dies zu erreichen“, sagte auch US-Außenminister Antony Blinken bei seinem Treffen mit Ukraines Präsident Wolodymyr Selenskkyj in Davos.

  • Wirtschaft als Waffe

    Katrin Kamin über Weltökonomie

    Hannes Koch: Sie sind Expertin für globale Wirtschaft und Politik. Treibt die Welt eher auseinander oder rückt sie näher zusammen?

    Katrin Kamin: Positive und negative Entwicklungen finden gleichzeitig statt. So geht der Anteil der sehr armen Menschen an der Weltbevölkerung zurück, wenn auch mit einer gewissen Unterbrechung seit der Corona-Pandemie. Andererseits nimmt der Abstand zwischen Arm und Reich zu. Politisch und ökonomisch driften die großen Machtblöcke auseinander, etwa die USA und Europa auf der einen, China auf der anderen Seite. Wir erleben auch eine Welle der Autokratisierung: Zahlreiche Staaten entwickeln sich weg von der Demokratie. Parallel versucht aber die Europäische Union neue Handelsbeziehungen etwa mit Indonesien, Vietnam und Südamerika zu knüpfen, um einseitigen Abhängigkeiten vorzubeugen.

    Koch: Jetzt am Beginn des Jahres 2024 haben viele Leute den Eindruck, dass die politische Lage schwierig ist. Ein Krieg scheint den anderen abzulösen. Andererseits fand gerade die Weltklimakonferenz in Dubai statt. Entfaltet die weltweite Transformation zur Klimaneutralität eine Bindungswirkung, die die zentrifugalen Tendenzen der Geopolitik kompensiert?

    Kamin: Es ist gut, dass die Staaten in diesem Verhandlungsprozess einen Konsens suchen. Allerdings gehen die Interessen doch sehr auseinander. Die EU handelt als Vorreiter. Aber man hat bei der Konferenz auch gesehen, dass zahlreiche Regierungen keine große Lust auf Transformation haben. Die Ölstaaten wollen weiter fossile Energie liefern, viele Entwicklungsländer möchten sie weiter nutzen. Diese Widersprüche spiegeln sich im Abschlussdokument von Dubai. So kann man sich fragen, ob es tatsächlich eine weltweite Transformation zur Klimaneutralität gibt. Zumindest gestaltet sie sich widersprüchlich und zeitlich versetzt. Auch wenn Bemühungen um Transformation verbindende Elemente haben, kann dieser Prozess die derzeitigen geoökonomischen zentrifugalen Tendenzen nicht komplett ausgleichen. Und vielleicht schafft er sogar neue: Denken sie an die wachsende Konkurrenz um strategische Rohstoffe für Halbleiter und Batterien.

    Koch: Quasi alle Staaten der Erde haben vereinbart, den Anstieg der globalen Temperaturen auf 1,5 Grad zu begrenzen. Hat es ein derartiges globales Wirtschafts- und Politikprojekt schon einmal gegeben?

    Kamin: Nein, ein anderes Vorhaben, das politisch und ökonomisch ähnlich dringlich, umwälzend und weltumspannend war, ist mir nicht bekannt. Allerdings ist es wichtig, auf den unverbindlichen Charakter der Vereinbarung hinzuweisen. Verbindlichere Wirtschafts- und Politikprojekte sind etwa die Vereinten Nationen oder die Welthandelsorganisation.

    Koch: Kann globale Klimapolitik einen Schub für Wachstum und Wohlstand auslösen wie die Industrialisierung der vergangenen Jahrhunderte?

    Kamin: Theoretisch mag das gelingen. Es werden neue Technologien entwickelt und riesige Infrastrukturen errichtet – zum Beispiel Windräder, Solarparks, Leitungsnetze, Elektrolyseure für grünen Wasserstoff. Das schafft Arbeitsplätze und Einkommen für sehr viele Menschen. Gleichzeitig werden andere Industrien schrumpfen. Zudem sind zahlreiche praktische Fragen bisher nicht beantwortet. Können wir die nötigen Rohstoffe beschaffen? Können und sollten wir umfangreiche Subventionsprogramme finanzieren? Werden wir die Transformation so managen, dass sie funktioniert? Davon hängt es ab, ob das Ganze ein wachstumsförderndes Projekt wird.

    Koch: In den nächsten Tagen findet wieder das Weltwirtschaftsforum in Davos statt. Neben vielen anderen Regierungschefs, unter anderem Bundeskanzler Olaf Scholz, wird wohl auch Chinas Ministerpräsident Li Qiang in die Schweiz reisen. Gehen Sie in Ihren Zukunftsszenarien davon aus, dass es zu einem großen Konflikt mit China um Taiwan kommen könnte?

    Kamin: Als Wirtschaftsinstitut können wir nur analysieren, welche ökonomischen Folgen verschiedene Formen eines Konfliktes mit sich brächten. Sollte Europa auf eine Invasion Taiwans durch China mit einer umfassenden Entkopplung der Handelsbeziehungen reagieren und China nachziehen, würde Deutschlands Wirtschaftsleistung im Verlauf von etwa zehn Jahren um 1,4 Prozent sinken. Kurzfristig kann es durch die enge Verflechtung mit China in bestimmten Schlüsselsektoren zu größeren Verlusten kommen, etwa vergleichbar mit der Finanzkrise von 2008 oder der Corona-Pandemie. Das wären dann vielleicht fünf Prozent weniger pro Jahr. Um die etwaigen Schäden zu begrenzen, raten wir dazu, den Handel breiter aufzustellen und die deutschen Importe und Exporte auf mehr Länder zu verteilen.

    Koch: Tragen denn die Pläne der Bundesregierung und der EU-Kommission, etwas unabhängiger von China zu werden, inzwischen Früchte?

    Kamin: Die China-Strategie der Bundesregierung und die EU Strategie für Wirtschaftssicherheit stammen ja erst aus dem Jahr 2023. Es ist noch zu früh, als dass bereits praktische Auswirkungen zu erkennen wären. Aber es ist nützlich, dass einige Instrumente auf dem Tisch liegen, etwa Kontrollen chinesischer Investitionen in der EU. Außerdem haben wir nun mehr strategische Klarheit. Das betrifft auch die Notwendigkeit, europäische Beziehungen in andere Weltregionen zu intensivieren, etwa mittels des geplanten Handelsabkommens zwischen der EU und der südamerikanischen Wirtschaftsgemeinschaft Mercosur. Wenn wir das nicht machen, macht es China. Das Land ist heute schon der wichtigste Handelspartner Südamerikas.

    Koch: Die USA haben ein riesiges Subventionsprogramm zur Industrieansiedlung aufgelegt. Der Bund der sogenannten BRICS-Staaten – Brasilien, Russland, Indien, China, Südafrika – will weitere Mitglieder aufnehmen. Kommt es zu einer Neuordnung der Globalisierung?

    Kamin: Die hat schon vor 20 Jahren begonnen. Die Ursachen liegen unter anderem im Aufstieg Chinas zur zweitgrößten Wirtschaftsmacht der Welt und dem Rückzug der USA aus ihrer früheren global-hegemonialen Rolle während der Präsidentschaft Donald Trumps. Nun leben wir in einer Welt, in der wirtschaftliche Konkurrenz zunehmend mit Mitteln von Zöllen, Sanktionen, Importkontrollen und Protektionismus ausgetragen wird. Ökonomie fungiert somit mehr und mehr als Waffe in der Auseinandersetzung zwischen Staaten.

    Koch: Bedroht diese Entwicklung den hiesigen Wohlstand?

    Kamin: Ja, das könnte passieren. Die deutsche Wirtschaft orientiert sich bisher stark auf den Weltmarkt. Protektionismus jedoch schadet globalen Geschäften. In der Reaktion kann es etwa vernünftig sein, neue Rohstoffquellen in Europa zu eröffnen. Und die hiesige Politik ist sehr gut beraten, weltweit neue strategische Handelspartnerschaften und Allianzen zu schließen.

    Bio

    Die Wirtschafts- und Politikwissenschaftlerin Katrin Kamin forscht am Kieler Institut für Weltwirtschaft. Sie ist Spezialistin für Geoökonomie, dem Wechselverhältnis von Geopolitik und Wirtschaft. Sie berät Bundesministerien und die EU-Kommission.

  • Dem Geheimnis auf der Spur

    ZiS-Stiftung vergibt Stigendien

    Für Anselm Kiefer ist diese Reise 1963 etwas Besonderes. Der 18-jährige wandelt auf den Spuren von Vincent van Gogh durch die Niederlande und Frankreich – finanziert mit einem Stipendium. Wenn sich der deutsche Maler und Bildhauer heute erinnert, spricht er von seiner „Initiation“, der Einführung in eine neue Welt. Mit seinen Eltern sei er nie gereist, das sei nicht möglich gewesen. Inzwischen ist Kiefer einer der teuersten und wichtigsten deutschen Künstler. Die Stipendien für Jugendliche gibt es heute noch und sie sind offen für alle.

    Hinter dem Programm steht die gemeinnützige ZIS-Stiftung für Studienreisen. Die Bedingungen sind einfach: Bewerben können sich Jugendliche zwischen 16 und 20 Jahren. Nötig ist eine Idee, ein Thema für die Reise. Sie muss ins Ausland gehen, mindestens vier Wochen dauern. Gereist wird allein. Die Stiftung gibt 700 Euro, die alle Ausgaben decken sollen.

    Nicht jeder oder jede muss berühmten Künstlern des 19. Jahrhunderts nachspüren. Bisher tauchten die Stipendiaten zum Beispiel ein in die Clubszene der georgischen Hauptstadt Tiflis, verfolgten den Weg der Wolle vom Schaf zum Pullover auf den Färöer-Inseln, stöberten durch Bunker an der französischen Atlantikküste, erkundeten die queere Szene Polens oder dokumentierten Streetart in Portugal. Mehr als 2200 Jugendliche waren bereits mit ZIS unterwegs, Kiefer ist sicher der berühmteste Stipendiat.

    Zwei wichtige Regeln gelten: Das Budget muss eingehalten werden, und Fliegen ist nicht erlaubt. Der Vorteil: Wer 36 Stunden im Bus nach Istanbul sitzt, knüpft vielleicht schon Kontakte, die vor Ort helfen. Die Stipendiensumme ist bewusst knapp bemessen – zwingt dazu, praktisch ins Land einzutauchen. Die Jugendlichen sollen sich private Unterkünfte suchen. Manchmal ist die Nacht kostenlos, vielleicht lässt sich auf einem Hof gegen Essen und Bett mithelfen. Und im Idealfall ergeben sich Kontakte, die weiterhelfen.

    Wer reist, muss ein Tagebuch führen und es ebenso wie eine Abrechnung der Tour abgeben. Dazu kommt ein Projektbericht. Das muss kein langer Text sein. Auch Film, Ausstellung, Fotodokumentationen oder andere Formate sind möglich. Wie bei Kiefer. Der Vater, Kunstpädagoge, hat seinen Sohn für künstlerische Techniken begeistert. Und so schreibt Kiefer zwar Tagebuch, vor allem aber malt er Aquarelle, skizziert mit schwarzem Stift. Zum Beispiel einen Mann, bei dessen Familie er unterkommt. Der „Toréro après son travail“, wie das Bild heißt, wirkt markig und etwas ungeduldig. Kiefer selbst ist eher ruhig, schaut genau hin. Er verlängert seine Reise sogar, um mit den Leuten den Kontakt zu bekommen, der zum Porträtieren nötig ist, wie er schreibt.

    Die Idee zu den Reisestipendien stammt aus Frankreich. Ein Lehrer, der in den fünfziger Jahren an der Schule Schloss Salem nahe des Bodensees unterrichtete, hatte sie mitgebracht. Der Schulleiter half, sie für Deutschland umzusetzen. Geld gaben Förderer, die das Projekt spannend fanden. 1956 ging es los, damals noch unter Zusammenarbeit Internationale Studienreisenstipendien, kurz ZIS. Daraus ist inzwischen eine Stiftung geworden mit eigenem Vermögen und einem Freundeskreis, der sie mit Mitgliedsbeiträgen unterstützt. Zusätzliches Geld kommt von Privatleuten und Förderstiftungen.

    Auf die Ideen für die Reisen müssen die Jugendlichen selbst kommen. Sie haben die Bedeutung der Sauna für die finnische Gesellschaft untersucht, die Kommerzialisierung Gottes in Spanien oder die Vögel am Cap Ferret. Oder auf 1414 Kilometer buchstäblich erfahren, wie fahrradfreundlich Dänemark ist. Auch das Geheimnis des Knäckebrots wurde bereits gelüftet. Und trotz aller Planung verlaufen die Reisen manchmal anders als gedacht. So geriet ein ZIS-Reisender 1968 in den Prager Frühling, spürte den Aufbruch und erlebte dann russische Panzer in den Straßen.

    Wer Interesse hat, kann sich online unter www.zis-reisen.de bewerben. Neben dem Thema müssen ein grob umrissenes Reisekonzept, eine erste Finanzplan-Skizze und die Empfehlung eines Lehrers, Ausbilders oder einer Gruppenleiterin eingereicht werden. Wichtig ist, dass Engagement und Interesse klar werden. Schulische Leistungen sind dagegen egal. Aus den Bewerbungen wählen die Mentoren, ehemalige ZIS-Reisende, die Kandidaten aus. Die Mentoren helfen dann auch, das Reisekonzept und die Finanzplanung auszuarbeiten. Passt alles, gibt es die endgültige Stipendienzusage.

    Nach der Reise wird das Projekt von mehreren Mentoren gelesen. Es gibt eine umfangreiche Rückmeldung, nicht nur zum Bericht, sondern auch zu persönlichen Stärken und Schwächen sowie dazu, worauf die Person künftig achten sollte. Die beste Reisedokumentation wird zudem jedes Jahr ausgezeichnet. Der Preis: eine weitere Reise nach Wahl. Natürlich wieder mit einer frei gewählten Idee. Auch Kiefer hat damals mit seinem Bericht gewonnen. Und so ist er 1966 wieder unterwegs, wieder in Frankreich, diesmal auf den Spuren der Pariser Haut Couture. Und wieder zeichnet er, zeigt Models in den Kreationen von Yves Saint Laurent, Christian Dior oder Pierre Cardin für die Wintersaison 1966/67.

    Kiefers Tagebücher liegen normalerweise in einem besonders sicheren und temperierten Tresor. Doch jetzt sind sie erstmals zu sehen. Das Museum Würth 2 im baden-württembergischen Künzelsau zeigt die illustrierten Berichte bis Frühjahr 2025 in der Ausstellung Terrific (kunst.wuerth.com/).

  • Hagel im Großformat

    Naturkatastrophen kosten die Welt 250 Milliarden Dollar

    Italien ist mitten im Sommer 2023 kein besonders angenehmer Urlaubsort: im Süden sengende Hitze mit fast 48 Grad im Schatten, im Norden Tornados, Überschwemmungen und Riesenhagelkörner. Manche der eisigen Klumpen erreichen einen Durchmesser von 19 Zentimetern – Handballformat. Die Unwetter in Italien gehören zu den schwersten im Gesamtjahr, wie der deutsche Rückversicherer Munich Re im jährlichen Schadensbericht schreibt.

    Auch andernorts nimmt die Zahl der schweren Gewitter oder großer Dürre zu. „Die seit Jahren beschleunigte Erderwärmung verstärkt in vielen Regionen die Wetterextreme und damit auch das Schadenspotenzial“, sagt Chef-Klimatologe Ernst Rauch. „Bei höheren Temperaturen verdunstet mehr Wasser, und mit der zusätzlichen Feuchtigkeit steigt in der Atmosphäre die potenzielle Energie für starke Unwetter.“ Gesellschaft und Wirtschaft müssten sich an die veränderten Risiken anpassen – andernfalls stiegen die Schadenlasten. Allein in Nordamerika und Europa zerstörten Schwergewitter Hab und Gut im Wert von 76 Milliarden Dollar, der Munich Re zufolge ein Rekordwert.

    2023 lagen die Temperaturen etwa 1,3 Grad über denen der vorindustriellen Zeit 1850 bis 1900. Es war nach Angaben des Weltmeteorologenverbands WMU das wärmste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Anderer Forscher etwa des Weltklimarats und der EU sprachen vom wärmsten Jahr seit 125.000 Jahren. Erkenntnisse dazu liefern etwa Bohrkerne aus dem ewigen Eis. Es gab Hitzerekorde im April mit mehr als 40 Grad in Südwesteuropa und im September im argentinischen Frühling. Im Juli ermittelten die Wetterforscher im US-Wüstenstaat Arizona Nachttemperaturen jenseits der 32 Grad.

    Weltweit starben bei Naturkatastrophen 74.000 Menschen, 63.000 mehr als im Jahr zuvor, die meisten – 54.000 – beim schweren Erdbeben im Süden der Türkei und im Norden Syriens. Das sind deutlich mehr Tote als im 30-jährigen Schnitt von 40.000. Gleichzeitig wurden sehr viele Menschen obdachlos, die Munich Re spricht von humanitären Katastrophen. Auch in Marokko und Afghanistan starben tausende Menschen bei schweren Erdstößen.

    Während Erdbeben besonders viele Opfer forderten, wurden die Schadensumme von Extremwetter getrieben. Insgesamt betrugen die Schäden durch Extremwetter und Naturkatastrophen 2023 den Zahlen der Munich-Re zufolge rund 250 Milliarden Dollar (rund 230 Milliarden Euro). Das entspricht dem Wert von 2022 und dem Durchschnitt der vergangenen fünf Jahre. In den vergangenen 30 Jahren betrugen die Kosten durch Katastrophen jährlich 180 Milliarden Dollar. Die Inflation ist da schon eingerechnet.

    250 Milliarden Dollar entsprechen rund 0,2 Prozent der Weltwirtschaftsleistung. Rein zahlenmäßig ist das ein geringer Wert. Doch würde alles, was zerstört wurde, wieder aufgebaut, fehlte das Geld für andere Investitionen. Andererseits sind Neubauten in der Regel moderner. Unklar ist allerdings, ob überhaupt aufgebaut wird. Oft fehlt das Geld. Denn nur die wenigsten Schäden waren versichert, meist in recht reichen Ländern. Die Munich Re gibt die Gesamtsumme für 2023 mit 95 Milliarden Dollar an, 30 Milliarden Dollar weniger als 2022.

    Verheerendste Naturkatastrophe war nach Angaben der Munich Re die Erdbebenserie im Süden der Türkei und im Norden Syriens. Im Februar schütterten mehrere Stöße mit einer Stärke von bis zu 7,8 die Erde. Häuser und Infrastruktur wurden zerstört, 58.000 Menschen starben. Der Gesamtschaden belief sich auf rund 50 Milliarden Dollar. Versichert waren nur Werte von 5,5 Milliarden Dollar.

    Haben Erdbeben wenig mit dem Klimawandel zu tun, hatte es die zweitteuerste Katastrophe schon mehr: Taifun Doksuri fegte im Februar über die Philippinen und das chinesische Festland und brachte Regen mit, der das Land überschwemmte. Die Kosten beziffert die Munich Re auf gut 25 Milliarden Dollar, nur rund zwei Milliarden Dollar waren versichert.

    Den Hurrikan Otis an der mexikanischen Westküste im Oktober bezeichnen die Versicherungsexperten als außergewöhnlich. Binnen eines Tages entwickelte er sich „aus einem relativ harmlosen Tropensturm zum Hurrikan der höchsten Kategorie“. Otis, der stärkste Sturm, der bisher die mexikanische Pazifikküste traf, verwüstete den Urlaubsort Acapulco. Der Schaden wird auf zwölf Milliarden Dollar geschätzt, versichert waren rund vier Milliarden Dollar. Otis war die drittteuerste Naturkatastrophe. Und auch sie hatte mit dem sich ändernden Klima zu tun.

    Und wie wird 2024? Das Jahr begann mit ausuferndem Hochwasser in weiten Teilen Norddeutschlands und einem schweren Erdbeben im Westen Japans. Und Klimaexperten rechnen mit weiteren Extremwetterereignissen.

    Die Munich Re (früher Münchner Rück) erstellt die Katastrophenbilanz jedes Jahr. Das Unternehmen ist der größte Rückversicherer der Welt. Bei ihm versichern sich Unternehmen, die zum Beispiel Elementarschadensversicherungen verkaufen, die Hochwasser, Gewitter und Dürre abdecken. Zum Konzern gehört auch die Ergo Versicherung und der Vermögensverwalter Meag.