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  • Reform nötig

    Zur Arzneimittelknappheit

    Auch in diesem Herbst drohen wieder Engpässe bei bestimmten Medikamenten. Die Produktion lohnt sich in Europa nicht mehr und die Firmen in Asien kommen nicht nach. Oder der Hersteller verkauft die Medikamente lieber in anderen Ländern als in Deutschland, weil er hier nichts verdient. Das Bundesgesundheitsministerium steuert gegen. Das lindert vielleicht die Symptome, trifft aber nicht die Ursache. Es fehlen ja nicht nur Medikamente: Die Krankenhäuser ächzen, nicht nur auf dem Land gehen die Ärzte aus, Fachärzte sind auf Monate ausgebucht, Praxispersonal ist schwer zu finden. Das Gesundheitssystem benötigt eine tiefgreifende Kur.

    Das deutsche System ist kompliziert, unter anderem weil der Gesundheitsmarkt nicht so funktioniert wie andere. Wer aus einer Kopfwunde blutet, möchte behandelt werden, und hat nicht die Zeit, sich mehrere Praxen anzuschauen, um dann eine auszusuchen. Ganz abgesehen davon fehlt ein Überblick über Therapien und Kosten. Ärzte, Apotheken, Medikamentenhersteller wiederum wollen Geld verdienen. Die Kassen bezahlen. Um das im Gleichgewicht zu halten, werden, vereinfacht gesagt, Preise bestimmt. Es gibt überall Festbeträge, Pauschalen, Rabatte, Bremsen, Kontrollen. Auch der Beitrag für die Krankenkassen ist im Wesentlichen staatlich festgelegt.

    Die letzte Reform ist 20 Jahre her, damals war das Smartphone noch nicht erfunden. Zeit, um das System einmal grundsätzlich zu durchforsten. Die Digitalisierung könnte die Effizienz deutlich verbessern, wenn sie nicht aus vielen Richtungen torpediert würde. Sicher lässt sich auch die Verwaltung vereinfachen: Warum zum Beispiel gibt es im Gesundheitssystem immer noch Abrechnungsapparate in jedem Bundesland? Dadurch wird Geld frei, für Behandlungen, Ärzte, Medikamentenhersteller. Und idealerweise ist dann auch alles in der Apotheke verfügbar.

  • Erststart in der Nordsee

    2024 hebt eine Rakete von einem Schiff ab

    Jetzt ist es soweit. Im April kommenden Jahres startet erstmals eine Rakete von Deutschland aus ins All. Abheben wird sie in der Nordsee von einem Schiff aus, wie Siegfried Russwurm, Präsident des Industrieverbands BDI, zum Start des Weltraumkongresses in Berlin sagte. Noch ist es ein Testflug, doch das Firmenkonsortium hinter der Idee verspricht sich in Zukunft deutlich mehr Starts und gute Geschäfte. Die mobile Startrampe ist Teil des New Space, der Kommerzialisierung der Raumfahrt.

    Immer mehr Industrien setzen auf das All: Weil sie den Überblick haben liefern, Satelliten präzise Wetterdaten, um Wind- und Solaranlagen effizienter betreiben zu können. Schienennetze und Straßen können aus dem All untersucht werden. Autonomes Fahren ist auf dauerhafte stabile Kommunikation und präzise Daten angewiesen. Und Daten zu Bodengüte, Wetter und Pflanzenwachstum helfen der Landwirtschaft, Felder präziser zu bewirtschaften. Geplant sind auch fliegende Fabriken und Bergbau auf dem Mond.

    Bekannte Dienste sind der Positionsdienst GPS und Starlink, das stabiles Internet übers All anbietet und im Ukraine-Krieg die Kommunikation sicherstellt. Auch nach der Hochwasserkatastrophe im Ahrtal, als die Telefonnetze zerstört waren, wurde es genutzt. Hatte der Markt für Dienste über Satelliten 2021 noch einen Umfang von 320 Milliarden Euro weltweit, schätzt ihn die Beratungsfirma Roland Berger 2040 auf 1,25 Billionen Euro.

    Um solche Dienste anbieten zu können, sind ganze Schwärme von Satelliten nötig und günstige Raketen, die sie in schneller Folge ins All bringen. Weltweit versuchen Unternehmen, Satelliten zu verkleinern und industriell in großen Mengen herzustellen, um die Kosten zu senken. BST in Berlin etwa. Und auch Raketen sollen kleiner und billiger werden, allein in Deutschland entwickeln drei Firmen, RFA in Augsburg, Isar Aerospace in Ottobrunn bei München und HyImpulse in Neuenstadt, Baden-Württemberg, solche Microlauncher. Sie sind mit knapp 30 Metern Höhe deutlich kleiner als die Ariane 6 der Europäer (63 Meter) oder die Falcon 9 des US-Unternehmen Space X (gut 70 Meter).

    All die Raketen müssen auch in den sogenannten Low Earth Orbit (Leo) in gut 500 Kilometer Höhe geschossen werden. Schweden und Norwegen haben sehr weit im Norden bereits Raketenstartplätze, auf der schottischen Insel Unst entsteht gerade ein weiterer. Das deutsche Festland ist zu dicht besiedelt, bleibt die Nordsee. Hinter dem Konsortium, dass ein Schiff als Startplatz anbietet, stehen unter anderem die Spezialreederei Harren Group, der Satellitenbauer OHB und BLG Logistics aus Bremen. Startplatz ist ein Entenschnabel genanntes Gebiet am äußersten Rand der Ausschließlichen Deutschen Wirtschaftszone.

    „Wer im All nicht vorne mit dabei ist, wird auf der Erde kein Technologieführer sein“, sagte BDI-Präsident Russwurm. Noch entwickelt sich die Industrie weltweit, doch bereits jetzt zeichnet sich ab, dass Deutschland seine gute Position kaum halten wird. So investieren die USA, Frankreich und China deutlich mehr öffentliches Geld in den Raumfahrtsektor als Deutschland. Die Idee: Der Staat bestellt, die Privatwirtschaft findet Lösungen.

    Gerade hat die Bundesregierung das Budget für Raumfahrt sogar gekürzt. Dabei sind Raumfahrt und New Space im Koalitionsvertrag als zentrale Zukunftstechnologien festgelegt. Zweifel daran, ob Deutschland es mit der Raumfahrt ernst meint, bremsen die Branche hierzulande, wie die Roland-Berger-Studie ermittelt hat. Matthias Wachter, Beim BDI verantwortlich für New Space spricht gar vom „Mühlstein der Bundespolitik“.

    Wenn der Staat wenig investiert, bleiben auch private Investitionen aus. In den vergangenen zehn Jahren waren es insgesamt 0,9 Milliarden Euro in Deutschland, 1,3 Milliarden Euro in Frankreich. In China flossen 62,2 Milliarden Euro, in den USA sogar 73 Milliarden Euro. Neben dem Geld fehlen in Deutschland Fachkräfte. Dabei rechnen 52 Prozent der Unternehmen damit, dass Hilfe aus dem All sie konkurrenzfähiger macht, wie Roland Berger ermittelt hat. Offenbar kennen außerdem insgesamt zu wenig Menschen überhaupt weltraumgestützte Projekte und Dienste – was die Akzeptanz einschränkt.

    Und dann ist da noch die Umwelt. Mehr Starts und mehr Satelliten bringen auch mehr Weltraumschrott. Schon jetzt zirkulieren viele Altsatelliten und Raumschiffreste in einer Art Müllorbit um die Erde. Ab und an stürzt ein Teil ab. Was nicht verglüht, landet auf der Erde. Das macht derzeit drei Prozent allen Materials aus, das in die Atmosphäre eintritt, wie eine Studie der Universität Braunschweig ergab. Es könnten bis zu 40 Prozent werden. Die Folgen sind noch unklar.

    Space X arbeitete deshalb an wiederverwendbaren Raketen. Und auch die neue Ariane 6-Rakete der Europäer wird in Teilen mehrfach einsetzbar sein. Die europäische Raumfahrtagentur Esa investiert 100 Millionen Euro in eine Art Müllwagen fürs All. Bei dem Projekt soll Satellitenschrott eingesammelt werden. Um die Umweltfolgen beim Start zu verringern, experimentiert der Raketenbauer HyImpulse praktisch Kerzenwachs statt Kerosin als Brennstoff.

  • Neuerfindung der Währung

    Die EZB entscheidet über digitalen Euro. Deutsche Banken sehen Risiken

    Phase 1 ist beendet. Zwei Jahre lang hat die Europäische Zentralbank überlegt, wie ein neuer, rein digitaler Euro aussehen könnte. An diesem Mittwoch will der Rat der Bank entscheiden, ob Phase 2 beginnt, ob das neue E-Bargeld eingeführt werden soll. Experten rechnen mit einem Ja. Der digitale Euro gilt als Prestigeprojekt. Doch Kreditinstitute sind skeptisch – unter anderem wegen der zusätzlichen Macht, die die Zentralbank bekommen könnte.

    „Die deutschen Banken unterstützen den digitalen Euro grundsätzlich, aber wir sehen einige Risiken“, sagt Heiner Herkenhoff, Hauptgeschäftsführer des Bankenverbands, in dem private Geldinstitute wie Deutsche Bank, Commerzbank und ING organisiert sind. Da ist etwa die Sicherheit des Finanzsystems. Was für viele zu technisch klingt, betrifft aber doch alle, wie sich 2008 in der Finanzkrise zeigte. Damals drohte das Vertrauen ins Geld zu schwinden – mit unabsehbaren Folgen für Wirtschaft und Zusammenleben.

    „Der digitale Euro könnte eine Art digitalen Bankrun auslösen, wenn alle Verbraucher im Fall einer Krise ihr Geld plötzlich abziehen wollen“, sagt Herkenhoff. „Das würde die Finanzstabilität der Euro-Zone gefährden. Die EZB muss hier vorsorgen.“ Und dann ist da noch so etwas wie die Sinnfrage: „Unklar ist bisher noch, was der digitale Euro den Verbrauchern genau bringt außer einer weiteren Möglichkeit, zu bezahlen“, sagt Herkenhoff.

    Der digitale Euro wird eine Art Bargeld. Nur, dass er nicht als Scheine oder Münzen vorliegt, sondern virtuell. Auch sonst gibt es Parallelen. Wie klassisches Bargeld in einem Portemonnaie lässt sich der digitale Euro in einer digitalen Brieftasche (englisch: Wallet) aufbewahren. Eingeführt werden soll er, weil die Verbraucherinnen und Verbraucher zunehmend digital bezahlen. Dabei dominieren bisher US-Firmen wie die Kreditkartenunternehmen Mastercard und Visa oder Bezahldienste wie Apple Pay, Google Pay und Paypal. Die EZB will eine schnelle und sichere Möglichkeit anbieten, die beim Schuhhändler genauso funktioniert wie beim Bäcker – und ebenso anonym ist wie Bargeld. Es wäre eine einheitliche europäische Lösung, die es so bisher nicht gibt.

    Technisch ist das alles anspruchsvoll. Er wird voraussichtlich auf einer vollkommen neuen Infrastruktur basieren, die anders funktioniert als die bestehende etwa für Karten. „Für den digitalen Euro arbeitet die EZB an einem einheitlichen europäischen Zahlungssystem. Parallel entwickeln auch die europäischen Geldinstitute ein solches System“, sagt Herkenhoff.

    Die Sorge: Die EZB konzentriert zu viel Macht auf sich. „Wenn die EZB ein eigenes Zahlungsverkehrssystem aufbaut, wäre sie Notenbank, Aufsicht und Wettbewerber zugleich“, erklärt der Bankenverbandschef. Ganz unabhängig davon, wer das Zahlungssystem für den digitalen Euro aufbaut: Banken und Handel benötigen wohl künftig zwei Systeme, um klassische Zahlungen einerseits und die mit digitalem Euro andererseits abzuwickeln. Das kostet zusätzlich Geld.

    Zudem fehlen den deutschen Banken wichtige Erkenntnisse. „Die EZB sollte dringend untersuchen, welche Folgen der digitale Euro für die Wirtschaft und die Stabilität des Finanzmarkts hat. Und zwar, bevor die Währung überhaupt eingeführt wird“, sagt Herkenhoff. „Und zwar, bevor die Währung überhaupt eingeführt wird.“ Er fordert zudem eine breite politische und vor allem öffentliche Debatte. „Das sehen wir bisher noch nicht.“ Man müsse genau erklären, was die Währung solle und wie sie funktioniere, sonst sei die Akzeptanz gering, sagt der Bankenverbands-Chef. Bei allem sei wichtig: „Es gibt auch weiterhin klassisches Bargeld. Die EU-Kommission hat das so festgelegt und das finden wir auch richtig.“

    Beobachter erwarten, dass der EZB-Rat am Mittwoch entscheidet, die Einführung des digitalen Euro vorzubereiten. Offenbar sollen drei oder vier Notenbanken in Euro-Ländern federführend jeweils bestimmte technische Aspekte entwickeln. Auch die Bundesbank will dem Vernehmen nach in größerem Umfang dabei sein. Dann soll sich auch herausstellen, inwieweit die Banken und Sparkassen eingebunden werden.

    Unklar ist bisher, wann der digitale Euro starten kann. Im Juni hatte die EU-Kommission ein entsprechendes Gesetz vorgelegt, die EU-Staaten und das Europäische Parlament müssen noch zustimmen. Das dauert. Und die EU-Parlamentswahl im kommenden Jahr könnte das Projekt noch verzögern. Burkhard Balz, Vorstandsmitglied der Bundesbank, schätzt, dass der rechtliche Rahmen nicht vor Ende 2024 steht. Beim Hamburger Bankenaufsichtstag diese Woche sprach er davon, dass der digitale Euro vier bis fünf Jahre bis zur Marktreife braucht. Der Bankenverband rechnet frühestens mit 2028.

    Viele Zentralbanken weltweit arbeiten an digitalen Währungen. Auslöser war der US-Konzern Facebook, der mit Libra eine eigene digitale Währung herausbringen wollte. Die Notenbanken wollten das Thema nicht einem Unternehmen überlassen. Es begann eine Art Wettlauf untereinander und mit Libra: Wer schafft es als erstes? Facebook benannte Währung erst in Diem um und stieg dann 2022 aus – unter anderem unter dem Druck der US-Notenbank Fed. Seither planen Zentralbanken in vielen Ländern etwa in China, Indien, Ghana, Saudi-Arabien, Uruguay und den USA weiter, aber mit abnehmendem Elan. Die EZB gehört zu denen, die die digitale Währung noch vorantreiben. Auf den Bahamas und Jamaika, in Nigeria sowie in Kambodscha gibt es bereits E-Bargeld.

  • Schmerzliche Lücken in der Apotheke

    Wieder werden Medikamente knapp. Besonders in Deutschland

    Jedes Jahr zum Herbstanfang starten auch wieder Husten, Schnupfen, Heiserkeit. Normalerweise lassen sich die saisonalen Krankheiten gut behandeln – 2022 allerdings fehlten in den Apotheken zahlreiche Medikamente. Und auch dieses Jahr könnte es Lücken geben. Großhändler wie Noweda und Phoenix warnen vor Engpässen. Vor allem Antibiotika fehlen bereits. Ein Grund ist das deutsche Gesundheitssystem.

    Die Apotheker sind besorgt: „Wir fürchten, dass sich die Arzneimittelknappheit in den kommenden Herbst- und Wintermonaten wieder verstärkt. Die Aussagen des pharmazeutischen Großhandels deuten darauf hin“, sagt Benjamin Rohrer vom Bundesverband Abda. Die Lage erinnert an den vergangenen Winter. Damals waren frei verkäufliche Mittel wie Fiebersäfte vor allem für Kinder in Deutschland fast nicht zu bekommen. Engpässe gab es auch bei verschreibungspflichtigen Medikamenten, vor allem Antibiotika, Blutdrucksenkern und Diabetesmitteln.

    Im vergangenen Herbst und Winter waren viel mehr Menschen krank als üblich, weil die Schutzmaßnahmen der Corona-Pandemie wegfielen, etwa die Maskenpflicht. Die Nachfrage vor allem bei Kinderarzneimitteln war höher als üblich. Das Angebot hielt nicht mit. Für diesen Winter sieht das Bundesgesundheitsministerium die Lage als deutlich besser an. „Bei Vermeidung von Hamsterkäufen ist die Versorgung mit Kinderarzneimitteln im Herbst-Winter 2023/2024 weitgehend gesichert“, heißt es in einem Fünf-Punkte-Plan.

    Um Engpässe zu vermeiden, steuert die Bundesregierung grundsätzlich gegen. Seit Sommer gilt ein Gesetz mit dem Kürzel ALBVVG, das einige hausgemachte Gründe beseitigen soll. Es geht vor allem ums Geld. Im vergangenen Jahr kostete Gesundheit in Deutschland 498,1 Milliarden Euro, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat. Mehr als die Hälfte zahlten die gesetzlichen Krankenversicherungen. Und deren Ausgaben steigen. 2022 waren es 288,8 Milliarden Euro. Die Einnahmen liegen trotz erhöhter Zusatzbeiträge darunter. Der Staat schießt jedes Jahr 14,5 Milliarden Euro zu.

    Damit die Kosten nicht übermäßig zulegen, gibt es seit Jahren verschiedene Bremsen im System. So können Krankenkassen mit den Herstellern Rabattverträge aushandeln. Wer bei der Krankenkasse X versichert ist und einen bestimmten Wirkstoff benötigt, bekommt in der Apotheke dann ein Medikament der Firma Y, mit der die Kasse einen Vertrag hat. Solche Rabattverträge gelten für den größten Teil der Generika, jener Medikamente, die Firmen nach dem Ablauf des Patentschutzes günstiger herstellen können. Für den Rest gibt es eine Obergrenze, die nach Angaben des Bundesverbands der pharmazeutischen Industrie (BPI) die Preise von 2009 festschreibt. Solche Nachahmerpräparate machen rund 80 Prozent der Rezepte aus.

    Es wird knapp kalkuliert. Und wenn sich in diesem Umfeld Energie und Rohstoffe verteuern, Hersteller aber die eigenen Preise nicht anheben können, verabschieden sie sich aus dem Markt. Verstärkt wird das durch einen anderen Effekt: „In Deutschland beispielsweise schreiben Kassen viele Arzneimittel exklusiv aus, wodurch oft nur ein Anbieter berücksichtigt wird und viele andere nicht am Markt und an der Versorgung teilnehmen können“, sagt Andreas Aumann vom BPI. Und so waren im vergangenen Winter etwa in niederländischen Apotheken Arzneimittel zu finden, die es in Deutschland nicht mehr gab.

    Die Preisbremsen haben aus Sicht der Apotheker und der Industrie auch dem Produktionsstandort Deutschland geschadet. „Wegen der Rabattverträge haben sich die Hersteller beim Preis unterboten. Irgendwann war es für die Generika-Firmen nicht mehr interessant, hierzulande herzustellen“, sagt Abda-Sprecher Rohrer. „Jetzt kommen die meisten Bestandteile der Fertigarzneimittel, besonders die Wirkstoffe, aus Asien, wo billiger produziert werden kann.“

    In Zeiten friedlichen Welthandels war die internationale Arbeitsteilung für alle von Vorteil. Seit 2022 gilt: „Generell sind die globalen Lieferketten in Zeiten geopolitischer Spannungen und Pandemien sehr instabil“, sagt BPI-Sprecher Aumann. „Dadurch kann es kurzfristig immer wieder zu Lieferschwierigkeiten kommen.“ Das betrifft alle europäischen Staaten gleich. Deshalb setzt sich die Bundesregierung für eine gemeinsame Lösung mit den EU-Partnern ein, wie ein Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums sagt. Es geht unter anderem darum, zusätzliche Lieferanten zu finden und Fabriken in Europa zu halten oder wieder anzusiedeln.

    Solche Ansätze enthält auch das ALBVVG von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD). So sind für Kinderarzneimittel zum Teil die Festbeträge aufgehoben, Rabattverträge gestrichen. Das Gesetz gibt Apothekern mehr Freiheit, gleichwertige Medikamente abzugeben, wenn das verschriebene nicht lieferbar ist. Und es sieht mehr Lagerung vor, wobei unklar ist wie etwas gelagert werden soll, wenn schon gar nicht beschafft werden kann.

    „Wir haben durchaus den Eindruck, dass die Politik und auch der Minister diese dringenden Probleme erkannt hat, bisher waren die Lösungsansätze aber viel zu zaghaft und können so den zunehmenden Engpässen nicht hinreichend entgegenwirken“, erklärt BPI-Sprecher Aumann. Auch die Apotheker sind skeptisch: „Das Gesetz hat richtige Ansätze. Es wirkt aber erst in einigen Jahren richtig. Bis eine Fabrik gebaut ist und die Arzneimittel in den Markt kommen, dauert es mehrere Jahre.“ Bis dahin fordern die Apotheken maximale Freiheit beim Austausch von lieferbaren gegen nicht-lieferbare Medikamente. Und mehr Geld für den „enormen Mehraufwand beim Management der Lieferengpässe“.

    Die Kassen, die zahlen müssen, sind wenig begeistert. Der Verband der Ersatzkassen, in dem unter anderem TK, Barmer und DAK organisiert sind, sieht vor allem steigende Kosten, aber keine bessere Versorgung. In einer Stellungnahme heißt es: Mit dem Gesetz würden „die Versicherten und Arbeitgeber werden mit Ausgabenrisiken in Milliardenhöhe belastet“.

  • Bis zum Totalverlust

    Was bei Kryptowährungen zu beachten ist

    Im vergangenen Jahr hat die Pleite der Kryptobörse FTX das Vertrauen vieler Anleger in die Branche erschüttert. Milliarden Kundeneinlagen sind verschwunden. Gründer und Ex-Chef Sam Bankman-Fried steht deshalb jetzt in den USA vor Gericht. Die Börsenaufsicht dort geht gegen andere Anbieter vor. Und die EU hat gerade die gesamte Branche reguliert. Lohnen sich Kryptowährungen als Anlage? Und was muss der Sparer beachten? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Was ist eine Kryptowährung?

    Eine Kryptowährung ist ein virtueller Wert. Mit einigen dieser Werte kann auch bezahlt werden, weil Geschäfte oder Banken sie akzeptieren. Kryptografie beschäftigt sich in der Informatik mit Verschlüsselungstechnologien. Sie sind wichtig, um die virtuellen Werte zu sichern und auch zum Teil erst zu erschaffen. Der Begriff Währung ist irreführend, weil hinter der Kryptowährung keine Notenbanken oder Staaten stehen, die den Wert garantieren. Der Begriff hat sich aber durchgesetzt.

    Seit wann gibt es Kryptowährungen?

    2009 veröffentlichte Satoshi Nakamoto die Software und die Theorie zum Bitcoin. Ziel war eine dezentrale Währung ohne Notenbanken oder den Einfluss anderer Gruppen. Satoshi Nakamoto ist ein Pseudonym. Wer sich dahinter verbirgt, ist nicht bekannt. Der Bitcoin wird anhand immer komplizierter werdender Aufgaben errechnet. Die Gesamtmenge ist auf rund 21 Millionen begrenzt. Diese erste Kryptowährung ist heute am meisten verbreitet. Zweitgrößte ist inzwischen Ether. Wie viele Kryptowährungen im Umlauf sind, ist unklar. Experten schätzen sie auf weit mehr als 20.000 weltweit. Nicht alle werden auf Börsen gehandelt. Ausgeben kann sie praktisch jeder, der die Technik beherrscht.

    Welche Arten gibt es?

    Ganz grundsätzlich arbeiten Kryptowährungen mit einem von zwei Ansätzen: Sie werden berechnet wie Bitcoin oder sie orientieren sich an anderen Werten, sind etwa 1:1 mit dem Dollar gekoppelt. Diese sogenannten Stablecoins (englisch: Stabile Münzen) sollen sicherer sein. Die Koppelung ist aber nicht garantiert.

    Wo komme ich dran?

    Am einfachsten lassen sich Kryptowährungen über spezielle Börsen kaufen. Die größte weltweit gemessen am Umsatz ist Binance. In Deutschland sind etwa die Börse Stuttgart mit BSDEX und der App Bison sowie bitcoin.de der Frankfurter Futurum Bank dabei. Verwahrung und technische Abwicklung werden den Kunden dabei abgenommen. Auch manche Banken und Zahlungsabwickler bieten an, Kryptowährungen zu erwerben und aufzubewahren, etwa Paypal (USA).

    Wie sicher sind Kryptowährungen und -börsen?

    In der Kryptowelt herrscht eine gewisse Skepsis, staatlichen Institutionen gegenüber. Und damit auch vor staatlicher Kontrolle. Was Unabhängigkeit verspricht, ermöglicht auch Scharlatanen, Geld zu machen. So verloren Anleger mit der Kryptowährung OneCoin viel Geld. Ermittler weltweit sehen in ihr ein Schneeballsystem. Einer der Initiatoren wurde wegen unter anderem wegen Betrugs zu 20 Jahren Haft verurteilt. Die Pleite der FTX im vergangenen Jahr kostete Anleger ebenfalls Milliarden. Die angeblich verwahrten Kundeneinlagen nutzte das Unternehmen für andere Geschäfte. Gründer Bankman-Fried drohen mehr als 100 Jahre Strafe.

    Wie lange schauen sich staatliche Stellen das an?

    Die Europäische Union hat im Juli erstmals einheitliche Regelungen erlassen. Die Anleger sollen so besser geschützt werden. Für Kryptobörsen, die in der EU handeln wollen, ist eine Genehmigung nötig, ebenso für Herausgeber einer neuen Kryptowährung. Vorgesehen sind Strafen für Insiderhandel und Marktmanipulation. Zudem soll es eine schwarze Liste der Firmen geben, die sich nicht an die neuen Regeln halten. Das Mica (Markets in Crypto-Assets, Kryptomärkte) genannte Gesetzespaket gilt als wegweisend. Teile gelten bereits am Juli 2024, vollständig tritt es Anfang 2025 in Kraft. In den USA gehen unter anderem die Aufsichtsbehörden SEC und CFTC unter anderem gegen Binance vor. Sie werfen dem Handelsplatz vor, keine Lizenz für den Handel bestimmter Produkte zu haben. In Deutschland ergibt die Finanzaufsicht Bafin bereits heute Lizenzen für Firmen, die Kryptowährungen verwahren wollen. Blocknox der Stuttgarter Börse etwa besitzt eine, die Deutsche Bank hat eine beantragt.

    Eignen sich Kryptowährungen als Geldanlage?

    Wer Bitcoin 2010 zum Start gekauft hat, zahlte weniger als 0,07 Cent. Am 9. November 2021 war ein Bitcoin fast 69.000 Dollar wert. Sagenhafte Gewinne sind also möglich, was nur im Nachhinein zu erkennen ist. Derzeit kostet ein Bitcoin dem Onlineportal Coinmarketcap zufolge allerdings nur etwas mehr als 27.000 Dollar. „Für einen normalen Anleger, der langfristig sparen möchte und auf Rendite setzt, ist eine Kryptowährung nicht geeignet“, sagt Simeon Gentscheff, Experte für Kryptowährungen bei Finanztest. „Sie ist eine sehr spekulative Anlageform und schwankt sehr stark. Wer in Kryptowährungen anlegt, muss bereit sein, auch sehr hohe Verluste bis hin zum Totalverlust in Kauf zu nehmen.“ Und: „Es gibt keine Garantie für Rendite.“ Am weitesten verbreitet sind mit Abstand Bitcoin und Ether.

    Was sollten Anleger beachten?

    „Wer sich entschieden hat, eine Kryptowährung zu kaufen, sollte schauen, ob die Handelsplattform mit einem Verwahrer zusammenarbeitet, der eine Lizenz der Bundesfinanzaufsicht besitzt“, sagt Finanztest-Experte Gentscheff. „Wichtig ist auch, sich vorher über die Kosten von Kauf und Verkauf sowie eventuell anfallende Verwahrentgelte zu informieren.“

  • Richtig

    Zur NRW-Wende im Cum-Ex-Fall

    Systematisch haben Banken und Investoren den deutschen Staat jahrelang um Milliarden betrogen. Die Abteilung H der Kölner Staatsanwaltschaft arbeitet seit Jahren hartnäckig daran, den sogenannten Cum-Ex-Skandal juristisch aufzuarbeiten. Statt sich mit den Erfolgen zu schmücken und die Abteilung zu unterstützen, hat Nordrhein-Westfalens Justizminister Benjamin Limbach mindestens ungeschickt gehandelt, als er mit einer Reform die Arbeit der Staatsanwaltschaft verbessern wollte. Tatsächlich hätte sie die Arbeit der Ermittler deutlich behindert. Dass er jetzt davon ablässt, ist richtig.

    Cum-Ex-Fälle sind kompliziert, oft sind mehrere Banken und Finanzinvestoren beteiligt. Die, die in den Instituten mit dem Thema zu tun hatten, reden wenig, wenn sie gefunden werden. Material ist nur schwer sicherzustellen. Die Staatsanwälte müssen eng zusammenarbeiten, sich in Kleinarbeit mühsam einen Überblick verschaffen.

    Mehr Staatsanwälte, die das Geschäftsgebaren der Banken durchleuchten, sind in solch einer Lage sicher hilfreich. Wenig hilfreich ist, eine weitere Abteilung mit zusätzlicher Führungsstruktur aufzubauen, wie Limbach plante. Die Kommunikation leidet, womöglich ermitteln beide Abteilungen unterschiedlich oder gar parallel in denselben Fällen. Im schlimmsten Fall gibt es einen Wettstreit der Abteilungen, wer denn besser ist – zu Lasten des Inhalts.

    Derzeit hat die Abteilung H 36 Stellen. Wenn der Minister etwas verbessern will, sollte er sie aufstocken und die Beschäftigten von anderen Aufgaben freistellen, damit sie sich darauf konzentrieren können, Steuerbetrüger ausfindig zu machen und Geld zurückzuholen. Das lohnt sich für den Staat, diejenigen, die ehrlich Steuern zahlen, und letztlich auch für den Minister.

  • Wo der Goldbear vom Band hüpft

    Haribo will in den USA wachsen. Ein seltener Blick ins neue Werk

    Vom Flughafen Chicago zur Fabrik sind es gut 70 Kilometer nach Norden. Interstate 94, acht Spuren, links und rechts Gewerbe, Bäume, ein Freizeitpark, sehr viel flaches Land. Kurz hinter der Grenze nach Wisconsin erhebt sich dann linker Hand die graue Halle mit dem gut 30 Meter hohen Haribo-Schriftzug. Drumherum Rasen, so grün wie die Goldbären aus der US-Tüte. 12488, Goldbear Drive, Pleasant Prairie, Wisconsin – willkommen in der modernsten Fabrik des deutschen Familienunternehmens. Und im wohl größten Markt der Welt für Süßigkeiten, den Haribo gerade erobert.

    Hakan Zar steht in der Halle, gut zwei Fußballfelder lang und eines breit, und testet die noch lauwarmen glänzenden Goldbears, die hier vom Band hüpfen. Er lächelt. Der Geschäftsführer Produktion und Technik von Haribo of America ist einer derjenigen, die wissen, wie ein neuer Standort schnell auf Hochtouren gebracht wird. Jahrelang hat er im Werk Istanbul gearbeitet, 2021 zog er mit der ganzen Familie in die USA. Wann gilt es schon einmal, ein Werk auf einem neuen Kontinent aufzubauen?

    Bisher lieferte Haribo unter anderem aus dem Stammwerk im rheinland-pfälzischen Grafschaft Goldbears über den Atlantik, zusammen mit anderen Süßigkeiten gut 4000 Container jedes Jahr. Doch die Amerikaner sind offenbar dem Lächeln der Bären verfallen, dem Zucker oder der Verkaufsstrategie, denn schließlich geht es hier ums Geld verdienen. Sie wollen jedenfalls mehr, trotz Preiserhöhungen, so dass sich aus Sicht des Unternehmens eine Fabrik in den USA rechnet. 2019 kauften die Deutschen das Land, damals noch Felder. 2020 begann der Bau. Im selben Jahr schloss das Haribo sein Werk in Sachsen, zu klein, zu veraltet, wenig Wachstumschancen. Ganz anders als hier in den Weiten Wisconsins.

    „Das Werk ist aufgebaut wie unsere anderen Werke auch“, sagt Hakan, während er einen Goldbear kaut. „Entscheidend sind die Menschen. Die sind sehr engagiert. Sie wollen dieselbe Qualität wie in Deutschland. Und sie wollen schnell sein.“ John Veidt zum Beispiel, der neben Hakan steht. Der Werksleiter erzählt, wie er am 7. Juli 2021 den Schlüssel zum leeren Gebäude bekam. Dass die Kollegen nicht glaubten, sie könnten Anfang Dezember 2022 starten. „Sind wir aber. Wir haben noch alles von Hand angemischt, aber wir haben die ersten Goldbären hergestellt.“

    Besonders stolz sind Hakan und John, weil der erste reine Goldbear auf die Woche genau 100 Jahre nach dem legendären ersten „Tanzbären“ des Firmengründers Hans Riegel vom Band lief. Wobei Riegel seine Bärenform noch ruhig in der heimischen Küche in Stärke drückte und dann die Frucht-Mischung eingoss. Hier in der hellgrauen Halle – rund 6800 Kilometer entfernt von Bonn und ein gutes Jahrhundert später – herrscht der Takt der edelstahlgrauen Hochpräzisionsmaschinen, intern Mogul genannt. Bären stempeln, Masse einspritzen, Bären stempeln, Masse einspritzen. Am Ende der Anlage nimmt ein Roboter die Stärke-Paletten mit frischen Bären ab und fährt sie zum Abkühlen. Über allem hängt der Geruch von warmem Zucker. Und schon nach wenigen Monaten überzieht eine feine weiße Stärkeschicht fast alles in der Halle.

    Die Fabrik liefert derzeit 30 Millionen Goldbären pro Tag, die anderen 15 Werke zusammen weitere 160 Millionen. Die Rezepturen sind im Wesentlichen überall gleich. Doch im US-Markt tritt der Goldbär in fünf Sorten auf statt in sechs wie im Rest der Welt. Es gibt keinen Apfel. Dafür schmeckt der grüne nach Erdbeere. Und auch die Farben der Tierchen, die da vor Werksleiter John und Produktionschef Hakan springen, sind deutlich bunter als im Rest der Welt – die Amerikaner mögen’s gern knallig.

    „Die USA sind der wichtigste Markt außerhalb Deutschlands und Nummer zwei nach unserem Heimatmarkt“, sagt Herwig Vennekens, Geschäftsführer Marketing und Vertrieb der deutschen Haribo-Holding. Er sitzt im Konferenzraum der US-Zentrale, 7. Stock eines Bürogebäudes mit Blick zum Chicagoer Flughafen O’Hare. „Unser Marktanteil in den USA beträgt etwa 20 Prozent. In Deutschland sind es knapp 60 Prozent. Aber die Zahl der Haushalte in Amerika ist deutlich höher.“ Und die Wachstumschancen sind größer.

    „Der Fruchtgummimarkt in den USA umfasst derzeit 2,7 Milliarden Dollar jährlich und er wächst“, sagt US-Chef Rick LaBerge, der drahtig durch den Raum läuft. „Gleichzeitig gewinnen wir Marktanteile.“ Nummer 1 sind sie inzwischen, vor sechs Jahren war es noch Platz 10. Die Konkurrenten heißen etwa Mars Wrigley, Mondelez und Hershey aus den USA sowie Ferrero aus Italien, Multi-Milliarden-Konzerne und deutlich größer als Haribo, das sich bei konkreten Zahlen seit Jahren zurückhält. Branchenexperten schätzen den Umsatz auf weltweit mehr als drei Milliarden Euro.

    Seit 1982 ist Haribo in Amerika auf dem Markt. In Chicago, weil die Metropole am Lake Michigan als Süßigkeiten-Hauptstadt gilt. Entsprechend ist Fachpersonal zu bekommen. Dass Geschäft lief, aber erst in den vergangenen Jahren startete das Unternehmen richtig durch. Von 2017 bis 2022 gab es ein Umsatzplus von mehr als 100 Prozent. Für 2023 rechnet Rick mit 568 Millionen Dollar (540 Millionen Euro) – erstaunlich offen für Haribo. Und: „Wir planen, den Umsatz in den nächsten fünf, sechs Jahren zu verdoppeln.“

    Ohne eigene Produktion ist das kaum möglich. Gut 300 Millionen Euro hat das Unternehmen in die Fabrik gesteckt. Wobei bereits jetzt klar ist: „Die Nachfrage in den USA ist so groß, dass andere Haribo-Werke beispielsweise aus Deutschland, Spanien, Türkei und Brasilien uns weiter beliefern werden“, sagt Rick. Ist das Werk schon zu klein?

    Am Goldbear Drive ist genug Platz, um anzubauen. Vom Werk zur nächsten Straße sind es mehrere hundert grasige Meter. Aber bis eine zweite Fabrik kommt, wird es noch dauern. „Wir sind in jeder Region der Welt in den letzten Jahren mit zweistelligen Prozentzahlen gewachsen. Deshalb planen wir Erweiterungen unserer Kapazitäten“, sagt Konzern-Vertriebschef Vennekens. „Die nächste neue Fabrik bauen wir in der Türkei, ein neues Werk neben dem bestehenden in Istanbul.“

    Zudem ist die Produktion im US-Werk noch nicht vollständig hochgefahren, trotz des Tempos, das Hakan, John und die gut 200 Beschäftigten der Fabrik vorlegen – die Hälfte der stark wachsenden US-Belegschaft. Bereits jetzt fertigen die Anlagen im Stakkato Bären. Im kommenden Jahr soll die Kapazität verdoppelt werden. Dann will John auch Twin Snakes herstellen, Paare aus süßen und sauren Schlangen, das zweitwichtigste Produkt. Derzeit kommt es noch aus Deutschland.

    Auch im Erdgeschoss der Fabrik hängt immer noch der Zuckergeruch, dabei geht es hier nur um Verpackung. Es klackert laut, wenn die Bären an einer Art Edelstahl-Karussell gewogen werden und portioniert genau dann fallen, wenn die Maschine die Tüte aus einer bedruckten Folienbahn faltet und verschweißt. 816 Gramm im Sekundentakt. John steht am Förderband. Neben ihm tanzt das zackige Ballett der Saugroboterarme: Tüte anheben, schwenken, ablegen, anheben, schwenken, ablegen. Kartons falten, kleben, stapeln. Und dann kommt der Gabelstapler und bringt die gefüllte Palette ins Lager.

    Von einer anderen Verpackungsmaschine laufen kleine Tüten mit jeweils wenigen Bären. Das Format ist gerade wegen Halloween gefragt. Am 31. Oktober sind sehr viele verkleidete Kinder auf der Suche nach Süßigkeiten, deutlich mehr als in Europa. Gut 500 kommen allein bei US-Chef Rick zu Hause vorbei, was vielleicht auch daran liegt, dass in der Nachbarschaft bekannt ist, wo er arbeitet.

    Um auf den Ansturm vorbereitet zu sein, kaufen Amerikaner deshalb Riesenbeutel mit teils mehr als 300 kleineren Tüten voller Süßigkeiten. In diesem Jahr ist Haribo gelungen, in Beuteln des Hershey-Konzerns neben Mini-Schokoriegeln verpackt zu werden. Es zeigt die Macht, die Haribo inzwischen im US-Markt hat. Und es verspricht gutes Geschäft. Wie auch Weihnachten, Valentinstag und Ostern. Und das ganz normale Marktwachstum. Aus Sicht von Rick geht jedenfalls noch mehr: „Wir sind erst am Anfang der Reise in den USA.“

  • Bitteres Jahr für Sparer

    Geldvermögen weltweit schrumpfen. Besonders Deutsche verlieren Geld

    Für Deutschlands Sparer hat sich das vergangene Jahr nicht gerechnet. Das Geldvermögen der Bundesbürger schrumpfte kräftig, mehr noch als in der Finanzkrise 2008 und stärker als das globale Geldvermögen, wie der Allianz Global Wealth Report zeigt. Die Chancen, dass es 2023 besser läuft, sind groß: Die Deutschen deckten sich in einem Maße mit Wertpapieren ein, wie nie zuvor – langfristig hat sich solch ein Verhalten bisher ausgezahlt.

    Von einem Jahr des Schreckens sprach Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Allianz. Das globale Geldvermögen sei um 2,7 Prozent geschrumpft – der stärkste Rückgang seit der Finanzkrise 2008. Damals betrug das Minus 7,8 Prozent. Das Geldvermögen weltweit bezifferte er zum Stichtag 30. September 2022 auf rund 233 Billionen Euro.

    Für Deutschland errechneten die Experten ein Minus von 4,9 Prozent – mehr als in der Finanzkrise. Damals verloren die hiesigen Sparer nur 4,5 Prozent. Insgesamt haben die Bundesbürger demnach 7,5 Billionen Euro gespart. Zum Geldvermögen zählen Bankeinlagen wie Tagesgeldkonten, Wertpapiere und Fonds sowie Versicherungen, zum Beispiel ein Riestervertrag. Nicht eingerechnet sind Immobilien und staatliche Rentenansprüche.

    Nach dem Ende der Corona-Pandemie erholten sich die Volkswirtschaften rund um die Welt. Die Nachfrage nach Produkten stieg, das Angebot konnte nicht mithalten, die Preise zogen an. Der Angriff Russlands auf die Ukraine und die folgende Unsicherheit trieb die Preise weiter. In der Folge erhöhten die Notenbanken die Leitzinsen kräftig, um die Inflation einzudämmen. Die Aktienmärkte brachen teilweise ein, auch Zinspapiere wie staatliche Anleihen verloren an Wert – allerdings nur auf dem Papier. Wer nicht verkauft hat, konnte inzwischen wieder steigende Kurse sehen.

    Die deutschen Anleger, lange sehr sicherheitsbedacht, haben in den vergangenen Jahren die Aktie für sich entdeckt. Allein 2022 investierten sie mehr Geld in solche Papiere als alle anderen Westeuropäer zusammen, wie Arne Holzhausen, Leiter Insurance and Wealth Markets bei der Allianz sagte. „Die Deutschen sind Kapitalmarktfans geworden.“ Das bietet gute Chancen auf künftige Vermögensgewinne. Denn langfristig lagen die Aktienmärkte deutlich im Plus.

    Bereits für 2023 erwartet die Allianz, dass die weltweiten Geldvermögen um sechs Prozent wachsen. Die Kapitalmärkte seien bisher gut gelaufen, sagt Holzhausen. Allerdings rechnen die Experten mit einer weltweiten Inflation von ebenfalls sechs Prozent. Das bedeutet: Ende 2023 können Sparer für ihr dann gestiegenes Geldvermögen genauso viel kaufen wie Ende 2022, weil alles teurer geworden ist. Für Deutschland rechnen die Autoren des Reports mit einem Vermögensplus von drei Prozent.

    Die Schulden weltweit sind dem Report zufolge 2022 noch um 5,7 Prozent gestiegen, deutlich weniger als in den Jahren zuvor. Wegen der hohen Zinsen überlegen sich viele Menschen, ob sie einen Kredit aufnehmen sollten. Insgesamt waren die Menschen mit 55,8 Billionen Euro verschuldet. Für Deutschland gibt der Berichte 2,2 Billionen Euro an.

    Über das größte Geldvermögen verfügten wie 2021 auch die Amerikaner. Nach Abzug aller Schulden hatten sie pro Kopf 251.860 (Vorjahr: 259.780) Euro gespart. Auf Rang 2 folgt die Schweiz mit 238.780 (237.110) Euro vor Dänemark 163.380 (183.610) Euro. Deutschland stand auf Rang 19 mit 63.540 (69.290) Euro – hinter Österreich und vor Malta. China steht mit 15.960 (15.400) Euro auf Rang 34.

    Weltweit den größten Anteil am Geldvermögen haben die USA: Fast die Hälfte (47,4 Prozent) liegt in Aktiendepots, Pensionskassen und Wertpapieren der Amerikaner. Der Wert hat sich in den vergangenen 20 Jahren nicht verändert – für Holzhausen ein Zeichen, welche „enorme Geldmaschine die US-Wirtschaft“ ist. Großer Gewinner in der Langzeitbetrachtung ist China. Das Land habe einen beispiellosen Aufstieg erlebt, sagte Holzhausen. So stieg der Anteil am Weltgeldvermögen von etwa 2,3 Prozent 2002 auf 14,1 Prozent 2022. Anteile abgeben mussten vor allem Westeuropa und Japan.

    Besonders bei den Reichen legte China zu. 2002 ließ sich kaum messen, wie hoch der Anteil an Chinesen unter den sehr Reichen war. 2022 waren es 21,9 Prozent. Ein beispielloser Sprung, wie Holzhausen sagte. Die meisten sehr Reichen waren im vergangenen Jahr Amerikaner, 20,3 Prozent Westeuropäer.

    Die Ungleichheit weltweit hat sich dem Report zufolge in den westlichen Industrieländern in den vergangenen 20 Jahren kaum verändert. Gestiegen ist sie vor allem in Schwellenländern wie Russland China, Mexiko und Brasilien, gesunken in Südkorea, der Türkei, Irland und Peru. In den Industrienationen, auch in Deutschland hat sich wenig getan. Beunruhigend nannte das Allianz-Experte Holzhausen, schließlich sei die Ungleichheit das große soziale Thema. Der Handlungsspielraum der Politik sei in den vergangenen Jahren eher kleiner als größer geworden.

    Die Allianz nutzt für den Report offiziell verfügbare Daten etwa von Zentralbanken. In manchen Schwellenländern ziehen die Experten auch Bankbilanzen, Zahlen von Versicherern und Fonds sowie Daten über die regionalen Aktienmärkte heran und berechnen daraus das Geldvermögen. Länder, in denen die Datenlage unsicher ist, werden nicht erfasst. Insgesamt untersucht der Report 60 Länder.

  • Bitte reden!

    Zum Chemiegipfel in Bonn

    Kommende Woche treffen sich in Bonn Konzerne, Umweltverbände und Politiker aus aller Welt, um über krankmachende Chemie zu sprechen – wieder einmal. Warum wird dermaßen viel geredet? Wenn die Stoffe giftig sind, sollten sie verboten werden. Fertig. Aber so einfach ist es nicht.

    Grundsätzlich kommen wir ohne Chemie nicht aus. Sehr viele Stoffe sind nützlich. Ohne sie würde Regen nicht von Jacken abperlen, die gleichzeitig frische Luft durchlassen. Chemie steckt in Autos, Cremes, lebensmittelechten Verpackungen, Matratzen. Und die sollten bereits jetzt frei sein von giftigen Stoffen.

    Bei vielen Chemikalien sind Wissenschaftler uneins, ob und wie gefährlich sie sind, etwa beim Pflanzenschutzmittel Glyphosat. Ersatzstoffe sind zudem weniger wirksam. Und ob diese allein oder im Mix mit anderen Chemikalien gefährlich sind, ist auch nicht sicher. Außerdem gibt es nicht überall dieselben Schädlinge. Wirkstoffe, die sich in Europa einfach verbieten ließen, sind vielleicht in Afrika unumgänglich, um die Ernten zu schützen. Mancher Stoff zum Beispiel aus der Gruppe der umstrittenen Ewigkeitschemikalien PFAS ist zwingend nötig, um Medikamente oder Dichtungen herzustellen, im Endprodukt aber nicht enthalten. Ohne den Stoff kein Produkt.

    Jedes Verbot muss auch kontrolliert werden. Nicht alle Länder weltweit können das gewährleisten. Gerade in ärmeren Staaten sind andere Aufgaben wichtiger, zum Beispiel die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Auch Korruption verhindert oft wirksame Kontrollen.

    Und bei allem gilt: Wenn Länder Verbote nicht mittragen oder ignorieren, nützen sie auch nichts. Es hat Jahrzehnte gedauert, bis das hochgiftige Schädlingsbekämpfungsmittel DDT weltweit aus dem Verkehr gezogen wurde. Es ist also kompliziert. Und deshalb muss viel geredet werden.

  • „Entflechtung von Russland läuft in hohem Tempo“

    Deutsche Unternehmen wenden sich anderen Ländern zu

    Eine Zahl sticht heraus. 2100 Prozent Plus bei den Einfuhren aus Russland im ersten Halbjahr. Schon unter normalen Umständen ist das ein enormer Wert. In Zeiten, in denen der Exporteur internationalen Sanktionen unterliegt, weil er das Nachbarland Ukraine überfallen hat, erst recht. Ginge es nicht um Fische und Fischerzeugnisse, müsste dringend gehandelt werden. Und so bleibt der satte Importzuwachs von 1000 auf 22.000 Euro eine Kuriosität  – vielleicht waren es ein paar Dosen echter Kaviar zusätzlich. Sonst ist der deutsche Handel mit Russland eingebrochen, wie Zahlen des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft zeigen. Die Unternehmen, traditionell stark im Geschäft mit Osteuropa, orientieren sich neu. Zentralasien wird wichtiger. Und besonders die Ukraine.

    Allein im ersten Halbjahr brach der Wert der deutschen Einfuhren aus Russland um 89 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein – getrieben vom Importstopp für Gas und Öl. Bei manchen Produktgruppen liegt das Minus weit über 90 Prozent, was auch den Sanktionen geschuldet ist. Auch der Wert der Exporte schrumpfte um 40,5 Prozent. Geliefert werden noch chemische Erzeugnisse, Medikamente, Nahrungsmittel. Russland fiel auf der Liste der wichtigsten deutschen Handelspartner von Rang 13 auf Rang 36. Tendenz absteigend. „Die Entflechtung vom russischen Markt läuft in hohem Tempo“, sagte Catharina Claas-Mühlhäuser, Vorsitzende des Ostausschusses. „Wir beobachten eine tiefgreifende Neuordnung unserer Wirtschaftsbeziehungen mit und in der Region.“

    So nimmt der Handel vor allem mit zentralasiatischen Ländern zu. Vor allem Kirgisistan (368,5 Prozent im ersten Halbjahr) und Tadschikistan (112,5 Prozent) gewinnen. Auch der Handel mit Armenien, Belarus und Georgien wuchs jeweils deutlich. Das kann die Geschäfte mit Russland nicht ausgleichen. So legte der Wert der gehandelten Waren mit Armenien, Belarus, Kirgisistan und Tadschikistan zwischen erstem Halbjahr 2022 und erstem Halbjahr 2023 um rund eine Milliarde Euro zu, gleichzeitig schrumpfte der Handel mit Russland um 26,7 Milliarden Euro.

    In den Nachbarländern Russlands gebe es eine gewisse Sonderkonjunktur, sagte Claas-Mühlhäuser. Zahlreiche Russen hätten sich dorthin geflüchtet und angesiedelt. Außerdem würden Produkte jetzt direkt in die Länder geliefert. Bis zum Kriegsausbruch seien sie über Russland gekommen. Die Daten ließen keinen Schluss zu, dass Unternehmen im großen Stil die Sanktionen gegen Russland umgingen. Sie forderte mehr Personal für das Bundesamt für Ausfuhrkontrolle, um die bestehenden Sanktionen besser kontrollieren zu können. Als wesentliches Problem, warum sie womöglich nicht so stark greifen, wie erwartet, nennt Claas-Mühlhäuser: „Die Liste der Staaten, die die Sanktionen nicht unterstützen, ist länger als die der Staaten, die sie unterstützen.“

    Vor allem die kriegserschütterte Ukraine hat aus Sicht des Ostausschusses Wachstumspotenzial. Der Wiederaufbau könne nicht warten, sagte Claas-Mühlhäuser. Hier verspricht sich die deutsche Wirtschaft Aufträge. Bereits jetzt denken Firmen trotz des Krieges über neue Investitionen in dem Land nach. Der Agrar- und Pharmakonzern Bayer plant eine Saatgutfabrik für rund 60 Millionen Euro, der Baustoffhersteller Fixit will ein drittes Werk eröffnen, der Gipsspezialist Knauf denkt ebenfalls über einen neuen Standort nach. Und Notus Energy aus Potsdam arbeitet an einem Windparkprojekt. Schon im ersten Halbjahr legte der Handel um fast 25 Prozent zu – wobei in den Zahlen auch Rüstungsgüter enthalten sind, die allerdings nicht gesondert ausgewiesen werden.

    Eine Großaufgabe wird sein, das Energienetz der Ukraine wiederherzustellen und mit neuer Technik effizienter aufzustellen. Die Anlagen sind derzeit regelmäßig unter Beschuss der russischen Armee. Die Ukraine habe eine Schlüsselrolle bei der Netzstabilität in Südosteuropa, sagte Christian Bruch, stellvertretender Vorsitzender des Ostausschusses, – und damit auch für Teile der EU. Ohnehin sieht er große Chancen für die Ukraine im Energiesektor und bei Windanlagen und Solarparks. So habe das Land bereits vor dem Krieg daran gearbeitet, Wasserstoff mittels erneuerbarer Energien herzustellen.

    Claas-Mühlhäuser sagte, der Wiederaufbau solle eng mit dem EU-Beitrittsprozess verknüpft werden. Das stelle sicher, dass gleiche Normen und Standards gälten. Und es bringe Transparenz. Bisher bremst vor allem die allgegenwärtige Korruption im Land. Die Vorsitzende des Ostausschusses sieht allerdings Bewegung. Zuletzt hatte Ukraines Präsident Wolodymir Selenski den Verteidigungsminister wegen Korruptionsvorwürfen ausgetauscht.

  • Mehr Flexibilität

    Es gibt besseres als die Vier-Tage-Woche

    Weniger arbeiten bei gleichem Verdienst – wer wollte das nicht. Nur vier statt fünf Tage acht Stunden ins Büro oder zur Schicht mit vollem Lohnausgleich scheint sich für die Beschäftigten zu lohnen. Bei den Unternehmen ist das nicht so klar. Deshalb sucht die Berliner Personalberatung Intraprenör jetzt in Deutschland Firmen, die an einem Versuch über sechs Monate teilnehmen. Die IG Metall, bei solchen Themen oft voraus, wollte in den Tarifverhandlungen für die Stahlindustrie sogar die Vier-Tage-Woche fordern. Dort mag sie funktionieren, eine Lösung für alle ist sie sicher nicht.

    Historisch gesehen geht der Trend klar zu weniger Arbeitszeit bei steigendem Gehalt. 1871 arbeiteten die Deutschen im Schnitt 72 Stunden pro Woche. Inzwischen sind es nach Angaben des Statistischen Bundesamtes 40 Stunden für Vollzeitkräfte. Dass sich das für alle rechnet, hat damit zu tun, dass die Unternehmen produktiver werden. Vereinfacht heißt das: Die gleiche Zahl an Menschen schafft in derselben Zeit mehr – dank neuer Arbeitsabläufe, schnellerer Kommunikationstechnik, besserer Maschinen. Und nicht zuletzt: innovativer Produkte. Zuletzt legte die Produktivität in Deutschland allerdings nur um 0,5 Prozent zu – da gibt es eher wenig zu verteilen. Oder anders gesagt: Vielen Firmen fehlt das Geld für den vollen Lohnausgleich bei weniger Arbeitszeit.

    Nun zeigen Studien in den USA, Großbritannien und Australien: Wer vier statt vorher fünf Tage die Woche arbeitet, schafft sogar mehr als vorher. Die kürzere Arbeitszeit rechnet sich also für das Unternehmen. Nicht untersucht wurde bisher, ob das auch langfristig gilt. Schließlich stellt sich ein gewisser Gewöhnungseffekt in der Belegschaft ein. Und für diejenigen, die neu eingestellt werden, gibt es ohnehin keine internen Vergleichsdaten.

    Ein Problem ist auch die unterschiedliche Art der Arbeit: In manchen Branchen lässt sich Arbeit gut rationalisieren – meist da, wo viel Technik eingesetzt wird. In Branchen, in denen viel Personal nötig ist wie der Pflege oder an Schulen, wird es schwierig. Um kürzere Arbeitszeiten für das Lehrpersonal hinzubekommen, müssten wohl die Klassen vergrößert werden. Und die sind aus Sicht von Fachleuten ohnehin schon zu groß.

    Dann ist fraglich, ob die Vier-Tage-Woche in Zeiten von Arbeitskräftemangel in fast allen Branchen überhaupt zeitgemäß ist. Schon jetzt können viele Unternehmen freie Stellen nicht besetzen, bestehende Aufträge deshalb nur schwer abarbeiten. Diese Situation würde sich verschärfen. Die IG Metall jedenfalls hat angesichts der gesamtwirtschaftlichen Lage jetzt die Forderung nach einer Vier-Tage-Woche erst einmal in die Schublade gelegt.

    Wichtiger als Vorgaben für die Zahl der Arbeitstage ist für viele Arbeitnehmer Flexibilität. Hier gibt es bereits mit Arbeitszeitkonten gute Modelle. Und sollte sich tatsächlich große Produktivitätsfortschritte einstellen, könnten ja auch die Löhne kräftig steigen, bei gleicher Arbeitszeit. Wem das zu viel ist: Vier-Tage-Teilzeit wäre dann auch besser bezahlt.

    Die Debatte über Arbeitszeit ist wichtig, starre Regeln sind es nicht. Angesichts des Arbeitskräftemangels müssen sich Arbeitgeber ohnehin etwas einfallen lassen, um Personal zu bekommen. Für den einen mag weniger Arbeitszeit interessant sein, für die andere mehr Geld. Die Beschäftigten sind dann zufriedener, die Produktivität dürfte auch steigen. Die Unternehmen profitieren. Und damit auch die Volkswirtschaft.

  • Wirtschaft hält sich wacker

    Bundesbank: keine Hinweise auf Deindustrialisierung

    Hohe Energiepreise, Fachkräftemangel, hohe Abhängigkeit von China: Die öffentliche Debatte zeichnet ein düsteres Bild vom Wirtschaftsstandort Deutschland. Zu Unrecht, wie die Bundesbank im Monatsbericht für September feststellt. Die Unternehmen kommen danach gut durch die aktuelle Krise, viele haben sich an die gestiegenen Energiepreise angepasst. „Bisher ist die deutsche Wirtschaft in Teilen gut aufgestellt“, schließen die Autoren. Die Regierung muss dennoch etwas tun.

    So erkennen die Experten keinen Trend zur breiten Deindustrialisierung. Die Lage sei nicht so dramatisch, wie oft dargestellt. In den vergangenen Monaten fürchteten Wirtschaftsverbände und Politiker, Industriebetriebe könnten aus Deutschland abwandern, weil zum Beispiel die USA derzeit mit hohen Steuererleichterungen locken. Sie sind Teil des Konzepts der Regierung dort, Firmen anzuregen, wieder mehr in den USA herzustellen. Der Anteil der USA an deutschen Direktinvestitionen im Ausland pendelt seit Jahren um 25 Prozent.

    Auch die im internationalen Vergleich sehr hohen Energiepreise treiben die Firmen demnach nicht aus Deutschland heraus. Vielmehr haben sich die Unternehmen erstaunlich angepasst. Die Forscher erklären das mit guter Ertragslage und solider Finanzierung der Unternehmen. Knapp 66 Prozent der Industriebetriebe haben die Preise angehoben, 44 Prozent in mehr Energieeffizienz investiert, 59 Prozent den Energieverbrauch verringert, wie die Bundesbank ermittelt hat. Die Produktion kürzten nur rund neun Prozent, sechs Prozent verlagerten die Produktion. Für die Autoren der Studie zeigt das auch, wie gut die Firmen auch auf drastische Veränderungen reagieren.

    Der Studie zufolge sind Produkte aus Deutschland im Ausland nach wie vor sehr gefragt. Die Wettbewerbsfähigkeit sei im Mittel günstig. Auch preislich können deutsche Firmen demnach weltweit mithalten. Es gebe gut ausgebildete Arbeitskräfte, solide Infrastruktur, auf Abschlüsse orientierte Tarifparteien, vergleichsweise stabile Rahmenbedingungen. Erstaunlich, weil viele Forschungsinstitute inzwischen damit rechnen, dass Deutschlands Wirtschaftsleistung im laufenden Jahr schrumpfen wird. Wie die Institute sieht die Bundesbank politischen Handlungsbedarf: bei Energie und dem Abschied von fossilen Brennstoffen, beim Arbeitsmarkt, beim Außenhandel.

    Grundsätzlich erklären die Studienautoren noch einmal das Wirtschaftsmodell Deutschlands: Der Standort ist nicht das Ergebnis staatlicher Planung. Der Staat setzt vielmehr den Rahmen, die Unternehmen sind in diesem Rahmen tätig, passen sich an. Der Markt, Nachfrage und Angebot, regelt das Meiste. Entsprechend wenig halten die Bundesbank-Forscher von zu starken staatlichen Eingriffen. „Die Politik könne wegen der Größe der Aufgaben nicht überall feinsteuern“, heißt es aus dem Umfeld der Bundesbank. Aber sie könne den Rahmen so verändern, dass die Wirtschaft einen Schub bekomme. Dazu gehört aus Sicht der Bundesbank eine vorhersehbare und verlässliche Energie- und Klimapolitik. Und zwar schnell. Je später die Politik handele, desto teurer werde es für alle.

    Um die Energiekosten im Rahmen zu halten, ist erforderlich, „dass das Angebot an erneuerbaren Energien vergrößert sowie die Energienachfrage gesenkt wird.“ Die Autoren der Studie fordern einfachere Planungs- und Genehmigungsverfahren, mehr Digitalisierung in der Verwaltung. Vor allem letztere bietet große Chancen, schneller und besser zu werden. Überhaupt gilt: Bei der Digitalisierung gibt es den größten Nachholbedarf in Deutschland. Sie kann die größten Wachstumsimpulse liefern.

    Dann ist da der demografische Wandel. Weniger junge Menschen, mehr Rentner – Deutschland gehen die Arbeitskräfte aus. Eine Idee: Bessere Kinderbetreuung, um Vollzeitjobs für Frauen attraktiver zu machen. Eine andere: das Alter, zu dem die Menschen regulär in Rente gehen an die Lebenserwartung anpassen. Leben die Bundesbürger statistisch gesehen länger, müssten sie dann auch länger arbeiten. Die Bundesbank empfiehlt auch, Zugewanderte besser zu unterstützen, damit sie schneller arbeiten können.

    Ein großes Problem der deutschen Wirtschaft lässt sich nicht so schnell lösen: Sie ist in hohem Maße von China abhängig. Bei vielen Rochstoffen und Vorprodukten sind deutsche Unternehmen von Zulieferern aus dem Reich der Mitte abhängig. „Eine plötzliche Entflechtung von China wäre wohl zumindest kurzfristig mit weitreichenden Beeinträchtigungen der Lieferketten und der Produktion in Deutschland verbunden“, heißt es in dem Bericht.

    Zum Teil regelt der Markt das Problem selbst: Unternehmen suchen sich neue Lieferanten. Denn den Zahlen der Bundesbank zufolge lassen sich gut 20 Prozent der direkt und indirekt aus China bezogenen Produkte leicht ersetzen, bei weiteren 40 Prozent ist es schwierig, aber möglich. Der Staat, in diesem Fall eher die EU, kann zusätzlich helfen, etwa durch Freihandelsabkommen mit Ländern, die über die Rohstoffe verfügen.

    Zwei grundsätzlich Hinweise geben die Studienautoren der Bundesregierung auch noch: zum einen vernünftiges Haushalten. „Schließlich behindern solide Staatsfinanzen die wirtschaftliche Entwicklung nicht, sondern sind eine wichtige Voraussetzung dafür.“ Zum anderen warnen sie vor zu viel politischem Aktivismus: „Nicht zielführend wäre, wenn der Staat den Eindruck erweckte, dass er bei jeder gesamtwirtschaftlichen Schwächephase oder bei Problemen im Unternehmenssektor einen breiten wirtschaftlichen Schutzschirm aufspannt“, heißt es in der Studie. Auch ein Plädoyer dafür, dem Markt mehr zu vertrauen.

  • Auf Korksohlen aufs Parkett

    Birkenstock und Renk streben an die Börse

    Sie wagen es, Birkenstock geht an die Börse. Die Schuhe des Unternehmens sind bei manchen als scheußliche Gesundheitslatschen verschrien, andere lieben sie als einzig wahre Sandale. Hass, Liebe und enormes Wachstum – Investoren vor allem in den USA schätzen solche Geschichten, deshalb soll es dort an die Börse gehen. Und es ist nicht der einzige schwergewichtige Börsengang eines deutschen Traditionsunternehmens in diesem Herbst: Panzergetriebespezialist Renk strebt auch aufs Parkett. Deutschland, so scheint es, kann es noch.

    Der eher leichtfüßige Börsengang von Birkenstock beflügelt die Fantasie der Investoren wahrscheinlich am meisten. Gerüchte gab es seit Juli, jetzt hat das Unternehmen aus dem rheinland-pfälzischen Linz am Rhein die notwendigen Unterlagen bei der US-Börsenaufsicht SEC eingereicht. In der ersten Oktober-Woche könnte dann BIRK, so das Aktienkürzel, erstmals notiert werden.

    Die Anfänge der Firma gehen bis 1774 zurück. Aber erst in den vergangenen zehn Jahren hat Birkenstock sich spektakulär vom Lieferanten bequemer Schuhe für medizinisches Personal und Spontis zum letzten Schrei der Modeindustrie gewandelt. Künstler haben sich der inzwischen ikonischen Sandalen angenommen, auch Manolo Blahnik, gefeierter Designer sehr hochhackiger schmaler Damenschuhe, hat ein Exemplar entwickelt – geliefert wird es im eigenen Luxuskoffer.

    Zuletzt hat das Unternehmen noch in einer Hollywood-Produktion punkten können: In Barbie, dem bisher erfolgreichsten Film des Jahres, wechselt die Hauptdarstellerin von Stilettos auf die flachen „Arizona“-Sandalen mit Korkfußbett, als dessen Erfinder sich Birkenstock rühmt.

    Dass das Unternehmen in den vergangenen Jahren so erfolgreich war, hat maßgeblich mit dem Chef Oliver Reichert zu tun, der das Unternehmen seit 2013 leitet. Geht der Manager, könnte es mit dem Höhenflug Birkenstocks vorbei sein. Allerdings sieht es nicht danach aus. Das Thema ist dennoch unter den Geschäftsrisiken in den SEC-Papieren aufgeführt. Zu denen gehört auch, dass die Schuhe plötzlich nicht mehr gefragt sind. In der Modewelt kann das schnell gehen, wie etwa der Hersteller der Crock-Plastiklatschen vor Jahren feststellen musste.

    Derzeit läuft es aber. Im Geschäftsjahr 2022 setzte das Unternehmen 1,24 Milliarden Euro um, rund 30 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Der Gewinn betrug 187,1 Millionen Euro. Und es könnte noch mehr sein. Bisher verkauft Birkenstock seine Schuhe vor allem in Europa und Nordamerika. Die Asiaten sind mit Arizona und Boston bisher kaum in Kontakt gekommen.

    Die Nachfrage ist ohnehin schon hoch, so hoch, dass das Unternehmen mit der Produktion nicht nachkommt. Birkenstock fertigt fast vollständig an sechs Standorten in  Deutschland. Die meisten der zuletzt 30 Millionen Schuhpaare kommen aus dem Werk im sächsischen Görlitz, das zuletzt ausgebaut wurde. In Pasewalk in Mecklenburg-Vorpommern entsteht gerade für 120 Millionen Euro eine neue Fabrik. Sie soll von Oktober an produzieren. Genug Fläche für weitere Produktion ist vorhanden.

    2021 kauften die Finanzinvestoren L. Catterton und Financiére Agache rund 65 Prozent der Birkenstock-Anteile von den Eigentümern Alexander und Christian Birkenstock. Hinter L. Catterton steht der französische Luxusgüterkonzern LVMH (Dior, Louis Vuitton, Tiffany). Financiére Agache ist die Investmentgesellschaft von Bernard Arnault, Großaktionär von LVMH und einer der reichsten Menschen der Welt.

    Damals hieß es, Birkenstock sei insgesamt 4,9 Milliarden Dollar wert, genaue Zahlen gab es nicht. Inzwischen ist von acht Milliarden Dollar die Rede. Auch diese Zahl wird offiziell nicht bestätigt, wie sich auch das Unternehmen grundsätzlich nicht äußert. Wie die Anleger Birkenstock tatsächlich bewerten, zeigt sich nach dem Börsengang an der New Yorker NYSE. Offenbar will sich nur L. Catterton von Aktien trennen, aber weiter die Mehrheit behalten.

    Auch der zweite deutsche Konzern, der jetzt an die Börse strebt, gehört mehrheitlich einem Finanzinvestor. Triton, eine deutsch-schwedische Gesellschaft, hatte Renk Anfang 2020 für 700 Millionen Euro von VW gekauft und umgebaut. Die Augsburger stellen Getriebe für Panzer, etwa den Leopard 2, und Marineschiffe her. Das Geschäft zieht gerade an, weil die Rüstungsausgaben weltweit nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine steigen, und am Marktführer kein Weg vorbeiführt. Renk baut außerdem Gleitlager für Windanlagen und hochtourige Großgetriebe, die in Pipelines und der Energieerzeugung nötig sind.

    „Wir profitieren von Zeitenwende und Energiewende“, sagte Renk-Chefin Susanne Wiegand. Das Unternehmen setzte 2022 rund 849 Millionen Euro um, der Gewinn belief sich auf 144,3 Millionen Euro. Für die nächsten drei bis fünf Jahre rechnet Wiegandt mit zehn Prozent Wachstum jährlich. Auch Zukäufe sind geplant.

    Renk ist nach ersten Schätzungen nicht so viel wert wie Birkenstock: geschätzte 2,5 bis drei Milliarden Euro sollen es sein. Das Unternehmen geht auch nicht in den USA an die Börse. „Wir finden Frankfurt gut“, sagt Finanzvorstand Christian Schulz. Die Aktie soll im streng regulierten Prime Standard notiert werden, aus dem unter anderem der Deutsche Aktienindex Dax und der Index der mittelgroßen Werte MDax zusammengestellt wird. Wie groß der Anteil ist, den Triton abgeben will, ist bisher nicht bekannt. Deutlich mehr als zehn Prozent werden es aber wohl sein. Termin ist wie bei Birkenstock wahrscheinlich die zweite Oktober-Woche.

  • Weniger soll mehr sein

    Was die Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich bringt

    Weniger arbeiten, mehr Zeit für sich selbst, Familie, Hobbys: Die Vier-Tage-Woche soll das bringen. Die IG Metall will sie in den Tarifverhandlungen für die Stahlarbeiter durchsetzen. Was bringt das Konzept? Und wer macht die ganze Arbeit? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Wie funktioniert die Vier-Tage-Woche?

    Zugrunde gelegt ist immer die Regelarbeitszeit des Arbeitszeitgesetzes von 40 Stunden. Grundsätzlich gibt es drei Varianten der Vier-Tage-Woche. Die Arbeitszeit kann auf vier statt fünf Tage aufgeteilt werden. Der Arbeitstag hat dann zum Beispiel zehn Stunden statt acht. Schon jetzt ist es möglich, nur an vier Tagen zu arbeiten – in Teilzeit. Die Person verringert auf eine 80-Prozent-Stelle und bekommt auch nur 80 Prozent des Lohns. Variante drei, die die IG Metall verfolgt: Die Arbeitszeit auf 32 Stunden verkürzen – bei vollem Lohnausgleich.

    Wie lange arbeiten die Bundesbürger derzeit?

    Alle, die in Deutschland angestellt sind, haben im vergangenen Jahr im Schnitt 34,3 Stunden in der Woche gearbeitet, wie das Statistische Bundesamt ermittelt hat. Erfasst sind Vollzeit und Teilzeitstellen, weshalb die Zahl niedrig wirkt. Wer eine Vollzeitstelle hatte, war genau 40 Stunden pro Woche im Einsatz, Teilzeitkräfte 21,2 Stunden. Viele Arbeitszeiten sind tariflich zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften geregelt: So gilt in der Stahlindustrie die 35-Stunden-Woche, in der Metallindustrie 35 Stunden (West) und 38 Stunden (Ost), im Öffentlichen Dienst sind es 39,4 und 39,6 Stunden. Für Teile der Deutschen Telekom gilt die 34-Stunden-Woche. Das Arbeitszeitgesetz setzt die Obergrenze im Wesentlichen bei 48 Stunden pro Woche.

    Was bringt die Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich?

    Verschiedene Studien zur Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich zeigen: Die Produktivität steigt – die Beschäftigten schaffen mehr, obwohl sie weniger Zeit arbeiten. Sie sind zufriedener und gesünder, die Zahl der Krankentage sinkt. Deshalb kamen die Unternehmen finanziell gut oder sogar besser mit der Vier- zurecht als mit der Fünf-Tage-Woche. Weil die Menschen mehr Zeit haben, engagieren sie sich mehr ehrenamtlich. Weil sie weniger krank sind, werden die Sozialsysteme entlastet.

    Was spricht gegen die Vier-Tage-Woche?

    Ein Gegenargument: „Weniger zu arbeiten, verschärft den Arbeitskräftemangel, den wir bereits jetzt haben“, sagt Oliver Stettes, Spezialist für Tarifpolitik beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. „Und er wird noch dramatischer, wenn in den kommenden Jahren die geburtenstarken Babyboomer in Rente gehen.“ Experten glauben zudem, dass deutsche Firmen international weniger wettbewerbsfähig sind, wenn sich die Arbeitskosten je Stunde erhöhen. Zudem könnte die Zahl prekärer Beschäftigung, also schlecht bezahlter Personen zunehmen – irgendwer muss schließlich die Arbeit machen, die die regulär Beschäftigten nicht mehr schaffen. Unternehmen könnten also stundenweise gering bezahltes Personal beschäftigen.

    Lässt sich die Vier-Tage-Woche umsetzen?

    Grundsätzlich sind die Bundesbürger bereit, weniger zu arbeiten. Die Zahl der Teilzeitbeschäftigten nimmt seit Jahren zu. In einer Umfrage des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts WSI gaben 80 Prozent an, nur vier Tage arbeiten zu wollen. Drei Viertel aber nur, wenn sie weiter voll bezahlt werden. Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin, findet das „wenig überraschend“. Die Beschäftigten wählten lieber das höhere Einkommen – „und damit die Fünf-Tage-Woche“. Unklar ist, in welchen Branchen sich die Vier-Tage-Woche einführen lässt. An den Studien haben meist Dienstleister teilgenommen, wenig Produktions- oder Handelsbetriebe. Anders als die IG Metall hält die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi wenig von einer tariflichen Vier-Tage-Woche. Sie will sich auf deutliche Lohnerhöhungen konzentrieren.

    Und in der Stahlindustrie?

    „In der Stahlindustrie gilt die 35 Stunden Woche. Auf 32 Stunden zu verkürzen, bedeutet 8,5 Prozent weniger Arbeitszeit“, rechnet Oliver Stettes, Spezialist für Tarifpolitik beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln, vor. „Bei vollem Lohnausgleich müsste die Stundenproduktivität um mehr als neun Prozent steigen, damit auch für das Unternehmen etwas übrig bleibt. Ein solcher Wert ist unrealistisch.“ Auch für andere Branchen könnte es schwierig werden. Denn: Die Produktivität erhöht sich in Deutschland seit Jahren kaum noch, wie Stettes sagt. Zuletzt legte das Bruttoinlandsprodukt pro Erwerbstätigenstunde nur um 0,5 Prozent zu.

    Hat schon jemand das Konzept getestet?

    Es gab bereits Versuche in Australien und den USA. Zuletzt testeten 61 Unternehmen in Großbritannien sechs Monate lang das Konzept – mit positiven Ergebnissen bei Umsatz und Mitarbeiterzufriedenheit. Beteiligt waren unter anderem Firmen aus der Finanzbranche, Informationstechnologie und dem Gesundheitswesen. In Deutschland soll ein solcher Versuch mit mehr als 50 Firmen am 1. Februar 2024 starten. Längere Tests stehen noch aus.

    Warum macht die IG Metall das Thema zum Teil der Tarifverhandlungen?

    Die größte Einzelgewerkschaft der Welt hat in Deutschland mehrfach neue Ansätze zum Teil der Tarifverhandlungen gemacht. So hat sie 1995 die 35-Stunden-Woche in der westdeutschen Metallindustrie durchgesetzt, was andere Branchen dann in Teilen übernommen haben. Mit der Metallrente hat sie 2001 erstmals eine neue Form der betrieblich-privaten Altersvorsorge angeschoben. Mit der Vier-Tage-Woche bei vollem Lohnausgleich setzt die Gewerkschaft wieder bei einer innovativen Idee an.

  • Per Schlafbox durch Europa

    Die neuen Nachtzüge der ÖBB bieten Einzelkojen. Das Angebot steigt

    Nachtzüge haben ihren eigenen Reiz. Literarisch ohnehin, da wird im Waggon gemordet oder spioniert, geliebt oder gespeist. Fans lieben auch das entspannte Reisen quer durch Europa. Über die Jahre kamen die Züge dennoch aus der Mode, die Deutsche Bahn stieg vor sieben Jahren sogar aus – kein Geschäft. Die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) sah das anders. Jetzt hat sie mehrere hundert Millionen Euro in komplett neue Züge investiert, wird ihr Angebot mehr als verdoppeln. Und auch zahlreiche neue Unternehmen versprechen sich Gewinn von den rollenden Hotels. Davon profitiert besonders Deutschland.

    Beliebt sind die Nachtzüge inzwischen wieder. Auf vielen Strecken, etwa zwischen Berlin und Zürich, sind vor allem die Schlafwagen sehr schnell ausgebucht. Kurzfristig ist kaum etwas zu bekommen. Die ÖBB als größter europäischer Anbieter verdient mit dem Nightjet genannten Angebot Geld, wenn auch nicht viel. „Wir sind profitabel“, sagt Sabine Stock, im Vorstand für Personenverkehr zuständig. Die Österreicher wollen mehr. Bisher betreiben sie 26 Nachtzüge. Siemens liefert dem Staatsunternehmen jetzt 33 neue.

    Die Abteile in den neuen Schlafwagen sind mit eigenem Bad und Dusche ausgestattet, auch die Liegewagen deutlich komfortabler. Und es gibt künftig Minikabinen, ähnlich den Schlafboxen etwa am Tokioter Flughafen. Im Prinzip ein Bett mit Klapptisch, an dessen Fußende man hineingelangen kann. Zwei davon sind jeweils übereinander gestapelt und bieten Einzelreisenden Privatsphäre, wie es heißt. Ob sich das Konzept durchsetzt, ist noch unklar. Vergleichbare Angebote gibt es bisher nicht.

    Die ÖBB will sie von Dezember an auf bestehenden Strecken einsetzen, zunächst etwa zwischen Hamburg und Wien sowie zwischen Hamburg und Innsbruck. Über weitere Strecken wird nachgedacht. „Das entscheiden wir in den kommenden Wochen“, sagte Stock. Die älteren Fahrzeuge werden dann frei für neue Angebote der ÖBB. Noch vor Weihnachten verbindet dann nach neun Jahren wieder ein Nachtzug Berlin und Paris. Und auch zwischen Brüssel und Berlin wollen die Österreicher fahren. Geplant sind zunächst drei Fahrten die Woche, von Herbst 2024 an soll der Zug dann täglich unterwegs sein.

    Durch das neue Angebot werden Mannheim und München einen zusätzlichen Nachtzug-Halt bekommen. Denn um die neue Verbindung von Berlin mit Brüssel und Paris ins bestehende Angebot einzubinden, verlegt die ÖBB die bereits bestehende Strecke von Wien nach Brüssel und Paris, die bisher über Passau, Nürnberg und Koblenz verlief, über München und Mannheim.

    Die ÖBB tritt mit der neuen Ost-West-Verbindung in direkte Konkurrenz zu einem der vielen privaten Anbieter: dem niederländischen Unternehmen European Sleeper. Seit Mai fährt der Nachtzug dreimal wöchentlich von Brüssel über Amsterdam nach Berlin und zurück. Der niederländische Konkurrent GreenCityLine schickt einen Zug von Amsterdam nach Prag und zurück. Das Unternehmen hat einen starken Partner gewonnen: TUI, größter Touristikkonzern der Welt, vermarktet den halben Zug. Und kurz vor Weihnachten wandelt sich der Nachtzug dann in den TUI-Ski-Express, der bis März von Amsterdam über Köln und Frankfurt nach Tirol oder Salzburg rollt.

    Der Reisekonzern aus Hannover plant zudem weitere Bahnstrecken mit Partnern, will aber keine eigenen Züge kaufen. Denkbar sind Verbindungen nach Italien, Frankreich oder Skandinavien, wie Deutschland-Chef Sebastian Ebel sagt. Verkauft werden sollen die Fahrten immer im Paket mit Hotels und Aktivitäten. So soll sich das Konzept rechnen. Denn die Nachtzüge stehen tagsüber, im normalen Verkehr sind sie kaum einsetzbar.

    In den Sommermonaten verbindet auch die schwedische Snälltåget Stockholm über Nacht mit Berlin. Im Winter bietet das Unternehmen, das zum privaten französischen Bahnkonzern Transdev gehört, einen Nachtzug von Malmö über Hamburg und München nach Innsbruck an. Und zwischen Hamburg und Villach an der Schweizer Grenze schickt der Anbieter RDC, hinter dem ein US-Unternehmen steht, einen Nachtzug mit Autotransport auf die Schiene.

    Das alles sind Einzelangebote, ein umfangreiches Nachtnetz werden wohl nur die großen staatlichen Bahnkonzerne in Europa aufziehen können. So arbeiten Deutsche Bahn sind ÖBB eng zusammen. Mit dabei sind auch SBB (Schweiz), Trenitalia und SNCF (Frankreich). Federführend ist die ÖBB, die das größte eigene Nachtnetz betreibt. Auch die Staatsbahnen von Polen, Tschechien, Ungarn und Kroatien bieten Nachtzüge an – Klassiker etwa von Berlin, Stuttgart und München nach Budapest. Oder etwas weniger direkte Strecken wie von Zürich über Mannheim, Frankfurt und Dresden nach Prag. Die Deutsche Bahn selbst ist auch in der Nacht unterwegs. Die ICE-Züge, die quer durch die Republik fahren, haben aber nur Sitzplätze.

    Große Ausbaupläne für grenzüberschreitenden Verkehr in Europa gibt es schon länger. 2020, während der deutschen Ratspräsidentschaft, schob die Bundesregierung ein Schnellzugnetz in Europa an, das auch mehr Nachtzüge einschloss. So richtig in Gang gekommen ist das allerdings nicht. Ein Grund: Sehr hohe Investitionen in den Streckenausbau. Auch bremsen Gebühren und Bürokratie. So muss jeder Zug in jedem Land extra zugelassen werden – auch ein Grund, warum die ÖBB die neuen Züge zunächst nur in Deutschland Italien und Österreich einsetzen will. Und dann ist da noch die Technik: unterschiedliche Stromnetze und Spurweiten. Letzteres erschwert durchgehende Züge etwa von Frankreich nach Spanien. Eisenbahnromantik bleibt da eher auf der Strecke.

  • Ausgaben überprüfen

    Warum die Schuldenbremse wichtig ist

    Zwar nervt die Schuldenbremse, doch sie ist richtig. Das hat die Debatte über den Bundeshaushalt diese Woche wieder deutlich gezeigt. Die Schuldenbremse zwingt dazu, die staatlichen Ausgaben immer wieder zu überdenken. Und sie verhindert, dass künftige Generationen zahlen, weil die heutige Generation sich nicht klar konzentrieren konnte oder einfach Durchwurschteln wollte.

    Abgesehen davon, dass ein gesetzlicher Rahmen manchmal mehr bewirkt als viele Millionen: Deutschland hat nicht zu wenig Geld zur Verfügung, die Regierung gibt es aber zum Teil falsch aus. 200.000 Euro je Meter für die kurze Verlängerung einer Autobahn in Berlin, die die Bevölkerung und weite Teile der Politik nicht wollen, ist da beispielhaft. Dann sind da kleinteilige, sehr eng gehaltene Programme, wie jenes, das ausschließlich Eigenheimbesitzern, die eine Dachsolaranlage und ein E-Auto kaufen wollen, insgesamt 500 Millionen Euro verspricht. Teures Kleinklein vieler Ministerien statt umfangreicherer, souveräner Lösungen für Energiewende, marode Bahn und bröckelnde Brücken.

    Besonders viel ist bei den Subventionen zu holen, die ohnehin laut Koalitionsvertrag sinken sollen. Die Vorzugsbehandlung von Dienstwagen könnte fallen, die Dieselsubventionen und der ermäßigte Steuersatz für Übernachtungen. Und warum nicht Wochenend- und Nachtzuschläge besteuern? Die Liste ist lang und bringt hohe zweistellige Milliardenbeträge, um die großen Aufgaben zu bezahlen.

    Zugegeben, es wird Widerstand geben, die Diskussionen sind anstrengend, harte Entscheidungen nötig. Es muss viel erklärt werden. Doch wenn am Ende alle profitieren, nicht nur einzelne Gruppen, lohnt es sich. Und genau deshalb brauchen wir die Schuldenbremse.

  • Einfangen statt impfen

    Mit DNA-Origami zum Virenmedikament

    Von Björn Hartmann

    Hepatitis, HIV, Chikungunya und Corona – Viren lösen zahlreiche Krankheiten aus. Nicht alle gefährden so viele Menschen wie Sars-Cov 2, das Corona-Virus. Gegen einige helfen Medikamente, bei anderen hilft nur die Hoffnung, dass der Körper selbst damit fertig wird. Und was gegen einen Virus wirkt, muss nicht auch andere erledigen. Viele Konzerne forschen an solch breit wirkenden Arzneimitteln, ein Multimilliarden-Markt. Bisher fehlt eine Lösung. Das könnte sich ändern, wenn Christian Sigl mit seinem Team recht behält.

    Sigl ist Chef von Capsitec, einem knapp zwei Jahre alten Unternehmen aus Planegg bei München. Der Biophysiker und seine Mitgründer haben ursprünglich mit Virologie nichts zu tun, dafür sehr viel mit DNA, den Bauplänen aller Zellen. Vielleicht ist das der Grund, warum sie auf einen neuen Ansatz für ein neuartiges Antiviren-Medikament kamen. Sie schafften es damit in die zweite Runde eines Wettbewerbs der Bundesagentur für Sprunginnovation (Sprind) in Leipzig. Sie sucht nach Ideen, die das Leben nachhaltig verändern können. Vor allem geht es darum, diese Ideen dann auch wirtschaftlich zu nutzen. In diesem Fall geht es um ein breit wirkendes Virus-Medikament, ähnlich einem Antibiotikum gegen Bakterien.

    Üblicherweise wird das menschliche Immunsystem dazu angeregt, Viren zu bekämpfen. So ist es zum Beispiel beim Corona-Impfstoff von Biontech. Capsitecs Idee ist anders: Statt den Menschen gegen die Viren zu impfen, also die Körperpolizei auf die Angreifer einzustellen, könnte man die Aggressoren auch einfangen und kaltstellen, so dass sie sich nicht mehr vermehren. Und möglicherweise lassen sich verschiedene Viren-Typen gleichzeitig schnappen. Dafür ist nur der richtige Kescher nötig.

    Was einfach klingt, ist sehr kompliziert, denn alles ist sehr klein. Die Kescher, oder die Schalen wie Sigl sie nennt, mit denen Capsitec derzeit arbeitet, haben einen Durchmesser von 40 bis 85 Nanometer, deutlich kleiner als eine menschliche Zelle. Ein Haar ist etwa 1000 Mal dicker.

    Das Unternehmen nutzt deshalb DNA als Baustoff. Sie nehmen einen sehr langen, selbst programmierten halben DNA-Strang und mischen ihn mit weiteren sehr kurzen halben Strängen. Bis zu 200 Stränge insgesamt sind nötig. Die kurzen legen sich in einer vorherbestimmten Reihenfolge an den langen DNA-Strang und zwingen ihn in die gewünschte Form, einschließlich maßgeschneiderten Ankern für die Viren. Der Vorgang lässt sich beliebig wiederholen. Die Technik dieses DNA-Origami ist schon länger bekannt, für Medikamente wird sie bisher nicht eingesetzt. „Wir beschichten die Schale innen dann mit einer Art Kleber für die Viren“, sagt Biophysiker Sigl.

    Im Labor funktionieren die Virenfänger bereits. Sigl berichtet, sie fischten praktisch alle Viren, auf die sie angesetzt werden, heraus. Getestet wurde mit dem Corona-Virus, mit Influenza-Viren, dem tropischen Chikungunya und HPV16, das Gebärmutterkrebs auslöst. Auch Virencocktails wurden demnach neutralisiert. Erste Versuche mit Mäusen liefen Sigl zufolge auch erfolgversprechend. Es könnte also etwas werden. Zumal die Technik auch wirkt, sollte ein Virus mutieren. „Die Oberfläche der Schalen bietet immer noch genug Haftfläche“, sagt Max Große, Virologe bei Capsitec. Klassische Impfstoffe müssen immer wieder angepasst werden, wenn sich das Virus ändert. Entsprechend lässt sich die Bevölkerung nur verzögert schützen.

    Das Marktpotenzial ist groß. Für die zehn effizientesten Virentherapien seien im vergangenen Jahr rund 50 Milliarden Dollar (47 Milliarden Euro) ausgegeben worden, sagt Sigl. Es gebe aber zahlreiche weitere Viren, für die es bisher kaum Behandlung gebe. Forscher der Universität Chicago berechneten im Herbst 2022, dass eine weitere weltumspannende Pandemie wie Corona mindestens 800 Milliarden Dollar kostete – wenn nicht vorgesorgt würde.

    Die sogenannte Sprind-Challenge für ein Breitband-Medikament startete 2021 mit neun Teams, in der zweiten Runde sind es neben Capsitec noch fünf weitere, die finanziell gefördert werden. Im Herbst wird erneut gesiebt: Wer es in die dritte Runde schafft, bekommt noch einmal rund zwei Millionen Euro. Ende 2024 sollen die Teams dann ihre Idee soweit entwickelt haben, dass das Medikament auch am Menschen getestet werden kann.

    Wer das bezahlt, ist unklar. Von der Idee bis zum Verkauf eines Arzneimittels dauert es schon einmal zehn Jahre. Und es kann schnell mehr als eine Milliarde Euro kosten – vor allem die klinischen Studien sind aufwändig und teuer. Sie sind verpflichtend und sollen zeigen, ob ein Medikament sicher ist und tatsächlich einen gesundheitlichen Mehrwert birgt. Die Ausfallquote ist hoch. Auch bei großen Pharmaunternehmen schafft es oft nur ein Wirkstoff von 100 bis zum fertigen Medikament.

    Es kann sein, dass der Virenfänger von Capsitec zwar viel verspricht, aber in den Studien scheitert. Unter anderem ist die Technik, künstliche DNA als Baumaterial zu verwenden, neu für Medikamente. Und der menschliche Körper wehrt fremde DNA normalerweise vehement ab. Experten sind deshalb eher skeptisch. Sollte er nicht so reagieren, was passiert mit Schale und eingefangenem Virus? „Wir glauben, dass der Körper beides als Komplex abbaut und das Virus nicht rauskommt.“

    Bleibt die Frage, wie das Medikament verabreicht wird. Ein Nasenspray wäre möglich. Vielleicht bleibt es auch bei der Spritze. Nur die Wirkung wäre anders als beim klassischen Impfstoff.

  • Von autonomen Shuttlen und gelaserten Scheiben

    Blick auf die Zukunft des Nahverkehrs

    Es kann so einfach sein: Per Mobiltelefon ein autonomes Fahrzeug buchen, das morgens vor der Haustür wartet und einen zum Bahnhof bringt, dann in der Bürokabine des Regionalzugs arbeiten, in der Stadt dann mit dem Leihfahrrad ins Büro – und alles über eine App im Telefon abrechnen. Besser noch, alles ist mit einem Monatsfahrschein abgedeckt. So jedenfalls könnte der Nahverkehr in Deutschland einmal aussehen. Derzeit ist Deutschland noch weit davon entfernt.

    In Berlin jedenfalls lässt sich diese Woche in Blick in die Zukunft wagen. Die Deutsche Bahn hat eine Messe organisiert, um zu „zeigen, wie attraktiv und innovativ Nahverkehr sein kann“, wie Evelyn Palla sagt, im Vorstand des Staatskonzerns zuständig für Regionalverkehr. Die Bahn ist mit rund 60 Prozent Marktanteil der größte Nahverkehrsanbieter in Deutschland. Chatbots, die den Fahrgästen mit künstlicher Intelligenz beim Ticketkauf helfen, S-Bahnen, bei denen sich die Sitzzusammenstellung auf Knopfdruck ändern lässt, und fahrerlose Kleinbusse für 22 Personen dürften viele Pendler nicht elektrisieren, die eher darauf hoffen, ihre Mobiltelefone in den Zügen besser nutzen zu können.

    Spannender ist ein Programm für das Mobiltelefon, dass von Tür zu Tür funktionieren soll und viele Nahverkehrsangebote verknüpft – Bus, Leihrad, Regionalzug etwa. Die App bietet verschiedene Reisemöglichkeiten an: schnelle, einfache, günstige oder nachhaltige. Die gewählte Verbindung ließe sich dann sofort buchen und bezahlen – unabhängig davon, wer jetzt das Leihrad anbietet oder welche Gesellschaft den Zug fährt.

    „Wir müssen alles zusammendenken, um den Nahverkehr attraktiver zu machen“, sagt Palla, sonst wechsele niemand vom Auto. Getestet werden soll das von April 2024 an in Schleswig-Holstein an der Schlei: Busse und Bahnen im Takt, Transport auf Bestellung oder, wie es in der Branche heißt, On-Demand-Verkehr. Einfache Umsteigemöglichkeiten verspricht Palla, dazu neue digitale Fahrgastinformationen. Der Test soll auch auf andere Regionen ausgeweitet werden. Grundsätzlich ist offenbar vieles bereits technisch möglich, es muss nur eingesetzt werden.

    Leider ist es nicht so einfach. Das beginnt schon damit, dass für Bahnen 27 verschiedene Aufgabenträger zuständig sind, für Busse eher die Kommunen. Auch das Geld kommt aus unterschiedlichen Töpfen. Und wer bestellt, bestimmt auch, was in den Nahverkehrszügen angeboten werden soll: Toiletten, Wlan, Zahl der Rollstuhl- und Fahrradplätze zum Beispiel. Und natürlich hat jeder Verkehrsverbund ein eigenes Ticketsystem und eine eigene App.

    Für die, die in Berlin, Bielefeld, Dresden, Frankfurt, Freiburg, Mannheim oder München und den jeweiligen Großräumen unterwegs ist, mag das reichen, für die, die weiter fahren, wird es unübersichtlich. Dass die Bundesbürger den Nahverkehr dennoch gern nutzen, zeigt das Neun-Euro-Ticket. Fast jeder zweite hatte sich das pauschale Monatsticket im vergangenen Jahr gekauft. Das Deutschlandticket für 49 Euro, das es seit Mai gibt, schließt da an. Der Nahverkehrsverband VDV spricht von elf Millionen verkauften Monatsabos.

    „Der günstige Preis ist nur das eine“, sagt Palla. „Wir brauchen auch ein besseres Angebot.“ Sie spricht von modernen neuen Bussen und Zügen und von Fahrzeugen, die auf Bestellung fahren. Im Idealfall sollten sie ohne Fahrer unterwegs sein, was die Kosten senkt und bei gleichem Preis mehr Angebot möglich macht. Die Bahn arbeitet hier mit den Anbietern ZF Friedrichshafen, Schaeffler in Herzogenaurach und Holon aus Paderborn zusammen. Bisher gibt es nur Testfahrzeuge, bis zum Serienbetrieb auf der Schwäbischen Alb oder in der Eifel dauert es noch etwas.

    Greifbarer ist da ein neuer Bus, den die Bahn vom kommenden Jahr an einsetzen will, wenn Züge nicht fahren. Denn der Staatskonzern muss das in Teilen marode Schienennetz sanieren. Statt bei laufendem Betrieb über längere Zeit immer wieder etwas zu reparieren, sollen künftig ganze Streckenabschnitte komplett gesperrt und dann schneller und gründlicher erneuert werden. Los geht es 2024 auf der Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim.

    Vom 15. Juli an wird fünf Monat lang rund um die Uhr gebaut. Die Fahrgäste müssen auf einen der rund 180 Busse ausweichen. Ein Teil wird in den neuen Bus des Herstellers MAN steigen, der für längere Strecken ausgelegt ist. Er sieht aus wie ein Linienbus, ist aber mit einer Toilette und großen Gepäcknetzen ausgestattet. Eingebaut sind 41 Sitzplätze. Die Bahn verspricht einen Standard wie im Zug. Und sogar Wlan gibt es. Derzeit wird der Bus zwischen Würzburg und Nürnberg getestet. Nach der Sanierung der Riedbahn ist die Strecke zwischen Berlin und Hamburg dran. Dort soll der Bus dann auch eingesetzt werden.

    Und auch neue Nahverkehrszüge soll es geben: Die Bahn will bis 2030 gemeinsam mit den Ländern rund zwölf Milliarden Euro in neue Fahrzeuge investieren, elf Milliarden Euro allein in Bahnen. Und auch Telefonate im Regionalzug könnten bald besser laufen: Die Bahn will die Scheiben lasern. Alle Scheiben sind mit einer dünnen Metallschicht überzogen. Das schützt vor Wärme, lässt aber auch keine Mobilfunkwellen durch. Das neue Verfahren schneidet eine Netzstruktur in die Metallschicht, die sie so für Funkwellen öffnet. In Brandenburg und Bayern sind derzeit zwei Testzüge der Bahn unterwegs. Ob andere Züge folgen, ist noch offen. Die Bahn sucht noch weitere Verkehrsverbünde als Partner.