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  • Deutsche lieben plötzlich Aktien

    Für manche Bundesbürger hat sich 2025 richtig gelohnt. Zum Beispiel für all jene, die Geld in Aktien, Fonds und ähnlichem angelegt haben. Und es werden immer mehr, wie das Deutsche Aktieninstitut ermittelt hat. Die Deutschen erkennen offenbar die Chancen der Börsen und legen die ihre Scheu ab – vor allem die Jüngeren. Die regionalen Unterschiede sind allerdings groß.

    „Die Menschen in Deutschland haben erkannt, dass für gute Langfristerträge kein Weg an der Aktie vorbeiführt“, sagte Henriette Peucker, Geschäftsführende Vorständin des Deutschen Aktieninstituts. Auch wer nur über ein geringes Einkommen verfüge investiere breit gestreut und kontinuierlich. Ein Grund: zusätzliche Altersvorsorge. Die Bundesregierung will das mit der geplanten Frühstartrente für Schüler und einem steuerlich begünstigten Altersvorsorgedepot befördern.

    Insgesamt hatten 14,1 Millionen Menschen in Deutschland Geld in Aktien, Aktienfonds oder ETF (Exchange Traded Funds) gesteckt, standardisierte, automatisierte, börsengehandelte Fonds. Ein Rekordwert und zwei Millionen Menschen mehr als 2024. Damit hat fast jeder fünfte Bundesbürger an der Börse investiert. Die bisher niedrigste Zahl an Aktionären in den vergangenen 20 Jahren (8,4 Millionen) gab es 2010 nach der Finanzkrise und 2014 nach der Euro-Krise.

    Im vergangenen Jahr war viel zu holen. Allein der Wert der Unternehmen im Deutschen Aktienindex Dax legte um satte 23 Prozent zu. Im Dax sind die 40 größten Konzerne Deutschlands nach Börsenwert verzeichnet. Der Wert großer europäischer Aktien im Index Euro Stoxx 50 kletterte um 19 Prozent, an der US-Technologiebörse Nasdaq ging es fast 20 Prozent nach oben. Mit einem ETF auf den sehr beliebten MSCI-World-Index, der viele große börsennotierte Konzerne abbildet, waren rund zehn Prozent drin. Auch langfristig gelten Investitionen an den Börsen als ertragreich.

    Die Kurse stiegen aufs Jahr gesehen trotz der teils unberechenbaren US-Politik, die mehr auf Zölle und Macht als auf Völkerrecht und Verhandlungen setzt, trotz der Krisenstimmung in Deutschland und Unsicherheit darüber, wie sich die Weltwirtschaft entwickeln wird. Da stecken auch die Risiken, denn es ist nicht garantiert, dass die Kurse an den Börsen immer steigen. Zurzeit etwa besteht die Sorge, dass zu viel Geld in Unternehmen geflossen ist, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen, die ihre Versprechen aber nicht halten können – ein Kurseinbruch wäre die Folge.

    Die Deutschen gelten als höchst risikoscheu und legen ihr Geld gern auf Tages- oder Festgeldkonten. Viele nutzen sogar noch klassische Sparbücher. Verzinst sind sie in der Regel schlecht. Zwei Prozent Rendite sind da schon gut. Doch das Anlageverhalten wandelt sich gerade.

    Vor allem die Jüngeren in Deutschland investieren Geld an den Börsen. 4,9 Millionen 14- bis 39-Jährigen setzten 2025 auf Aktien und Fonds, 1,2 Millionen mehr als ein Jahr zuvor, wie das Aktieninstitut feststellte. „Ein Langfristtrend und eine sehr erfreuliche Entwicklung auch für die Zukunft“, sagte Gerrit Fey, Chefvolkswirt des Aktieninstituts. Die breite politische Debatte über Altersvorsorge sei einer der Gründe, ein anderer, dass Anlage inzwischen einfacher geworden ist und auch über Mobiltelefon möglich sei. Zweitgrößte Gruppe sind die, die älter als 60 sind.

    Was das Aktieninstitut auch feststellte: 5,3 Millionen Menschen kauften 2025 regelmäßig Fonds über Sparpläne, eher weniger einzelne Aktien. Solche Fonds bilden zum Beispiel die Aktien im Dax nach, so dass man nicht alle Aktien einzeln kaufen muss, um an Kursgewinnen teilzuhaben, sondern ein Papier kaufen kann.

    Regional fanden die Experten große Unterschiede. Anteilig die meisten Aktionäre leben in Bayern (25,5 Prozent), Baden-Württemberg (24,3) und Hessen (24,7) vor Hamburg und Schleswig-Holstein (20,6). Die größten Aktienmuffel sitzen demnach in Sachsen (12,7), Mecklenburg-Vorpommern (13,1) und Brandenburg (13,6). Tendenziell lässt sich offenbar sagen: Wo viel Geld verdient wird, wird auch mehr an den Börsen investiert. 47,1 Prozent derjenigen, die mehr als 4000 Euro netto monatlich erhalten, besitzen Aktien oder Fonds. Bei denen, deren Nettoeinkommen unter 2000 Euro liegt, sind es nur zwölf Prozent.

    Hinter dem Lobbyverband Aktieninstitut stehen zahlreiche börsennotierte Unternehmen, Banken, Börsen und Dienstleister. Es lässt jedes Jahr etwa 28.000 Personen in Deutschland, die älter als 13 Jahre sind, zu ihrem Anlageverhalten befragen.

  • Autonomes Fahren erobert den Nahverkehr

    Autonome Busse könnten das Mobilitätsverhalten der Deutschen bald nachhaltig verändern. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie dreier Forschungsinstitute im Auftrag von DB Regio. „Autonomes Fahren wird kommen“, sagt Vorstand Frederik Ley. Sowohl die Technologie als auch der gesetzliche Rahmen seien vorhanden. 

    Die Forscher haben drei Szenarien bis zum Jahr 2045 durchgerechnet. Einen nur geringen Nutzen brächte die Umrüstung der Linienbusse. Zwar könnte das Angebot bei sinkenden Kosten damit um fast ein Viertel steigen. Doch der Marktanteil des öffentlichen Verkehrs stiege nur von derzeit 15 Prozent auf 18 Prozent an. In einem zweiten Szenario haben die Forscher Robotaxis in den Metropolen hinzugenommen. Das würde laut Studie nur zu einem massiven Anstieg des Verkehrs in den Städten sorgen, auf dem and aber gar keine Wirkung entfalten.

    „Menschen verändern ihre Gewohnheiten nur, wenn das neue Angebot verlässlich, attraktiv und in ihr Alltagsleben passt“, erläutert Meike Jipp vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Zusammen mit dem Karlsruhe Institut für Technologie und dem Institut Prognos haben die Forscher ein drittes, ambitioniertes Szenario für 2045 entwickelt. Dabei wird zunächst der Schienenverkehr ausgebaut. Eine Million selbstfahrende Busse sollen flächendeckend für eine schnelle Anbindung der Haushalte an den Nahverkehr sorgen. Derzeit sind bundesweit nur 70.000 Busse unterwegs. 

    In diesem Szenario steigt der Marktanteil des Nahverkehrs auf 35 Prozent an, weil das eigene Auto, oder der Zweitwagen, nicht mehr benötigt werden würde. Das Angebot würde an allen Tagen rund um die Uhr bestehen und kurze Wartezeiten auf einen Bus ermöglichen. Allerdings sind die Kosten für so ein Netz enorm. Die monatlichen Ausgaben pro Nutzer beziffern die Forscher auf 275 Euro. Das wäre zwar 170 Euro weniger als ein eigenes Auto kostet. Doch unter dem Strich müssten viele Kunden deutlich mehr bezahlen.

    Dennoch sind die Verkehrsunternehmen vom Siegeszug des autonomen Fahrens überzeugt. „Jetzt geht es darum, den ÖPNV als Rückgrat sozialer Teilhabe effizienter, stärker und attraktiver für Fahrgäste zu machen“, sagt Knut Ringat, Vizechef des Verbands der Verkehrsunternehmen (VDV). Der VDV sieht darin auch ein Mittel gegen den allgegenwärtigen Fahrermangel im Nahverkehr. Schon heute fehlen 20.000 Fahrer. Viele gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand. 

    Bisher wird das autonome Fahren mit Shuttlebussen nur in Modellversuchen erprobt. Die Bahn unterhält etwa im Rhein-Main-Gebiet sechs selbstfahrende Fahrzeuge. Die Branche will nun die Bundesregierung überzeugen, in drei oder vier Modellregionen Großversuche zu starten. Mit zusätzlich 2.000 autonomen Fahrzeugen soll damit über einen langen Zeitraum ein flächendeckendes Angebot erstellt werden, um die Reaktion der potenziellen Kunden auf ein besseres Angebot zu erkunden.  

  • Der Hitze in Städten auf der Spur

    Zahlreiche Satelliten blicken ununterbrochen auf die Erde. Sie sammeln Informationen über Wärme, Wolken, Wald. Viel davon fließt in präzise Wetterberichte, doch deutlich mehr wäre möglich. Richtig verwendet, helfen die Daten zum Beispiel, Städte lebenswerter zu gestalten.

    Daro Krummrich arbeitet daran. Der Manager Subprogramm Earth Observation Analytics steuert beim Bremer Satellitenbauer OHB ein ganzes Team, dass zum Beispiel Hitzeinseln in Städten aufspürt, ermittelt, wie stark der Boden versiegelt ist, Baulücken entdeckt – ohne die Stadt zu betreten. Im besten Fall bekommen Politiker und Verwaltung sehr viele Daten an die Hand, um abwägen zu können, ob ein neuer Hochhausriegel sich lohnt oder das Pflaster eines Stadtplatzes entfernt werden sollte.

    Krummrich und sein Team nutzen nicht nur Fotos und Messdaten aus dem All, sondern auch zum Beispiel Luftaufnahmen von Flugzeugen. Letztere sind – oft noch – kleinteiliger, erstere deutlich aktueller. Geschickt verbunden, liefern sie Ergebnisse, die sich so am Boden nicht erheben lassen – oder nur mit enormem Aufwand. Viele Daten stammen von den Sentinel-Satelliten des europäischen Copernicus-Programms, die die Erde beobachten. Sie sind oft frei zugänglich, müssen aber umfangreich aufbereitet werden. Was möglich ist, zeigt sich am Beispiel Hitze.

    „Der Satellit Sentinel-3 liefert zweimal täglich flächendeckende Wärmebilder mit einer Auflösung von etwa einem Kilometer“, sagt Krummrich – aktuell, aber zu grob, um im Stadtmaßstab etwas sehen zu können. „Wir verknüpfen diese Bilder mit Daten aus anderen Quellen etwa zur Vegetation und zur Bebauung und erhöhen die Detailgenauigkeit durch ein Verfahren, das sich Superresolution nennt. Dadurch können wir dann auf zehn Meter genau Hitzeinseln zum Beispiel in Städten ermitteln.“

    Das Ergebnis ist präzise und womöglich für den ein oder anderen Stadtplaner überraschend. „Unsere Karten zeigen lokale Hitzeinseln, die sich von Quartier zu Quartier und von Straße zu Straße unterscheiden können“, sagt Krummrich. Für die Verantwortlichen in Städten sind das wertvolle Informationen. Denn: „Das Budget der Städte ist begrenzt. Deshalb kann es besser sein, gezielt an vielen Stellen zu entsiegeln, statt großflächig nur in einem Gebiet“, erklärt der OHB-Experte. „Wir wollen mit den Datenanalysen helfen, verantwortungsvoll zu entscheiden.“

    Weil flächendeckende Wärmebilder von verschiedenen Satellitenmissionen etwa für das vergangene Jahrzehnt vorliegen, lässt sich nachvollziehen, was Hitzeinseln beeinflusst hat. So werden auch Vorhersagen möglich. „In einer Stadt bestehen Hitzeglocken etwa durch Abgase“, sagt Krummrich. „Häuser blockieren Wind. Und die Versiegelung begünstigt höhere Temperaturen.“

    Wobei wichtig ist, ob der Boden asphaltiert, geschottert oder mit Gittersteinen belegt ist, durch die Gras wächst. Auch hier hilft der Blick von oben. „Unsere Anwendung analysiert mit künstlicher Intelligenz die Fotos“, erklärt der Experte, „erkennt Rasenrastersteine, Straßenbahnschienen, Gebäude. Das läuft vollautomatisch und auch das Ergebnis, die Versiegelungskarte, ist maschinenlesbar.“ Letzteres ist wichtig, um die Daten standardisiert noch weiter zu verarbeiten.

    „Bremen erstellt zum Beispiel gerade ein Entsiegelungspotenzialregister“, sagt der Datenspezialist. „Wir unterstützen diesen Prozess unter anderem mit Informationen über hochaufgelöste lokale Versiegelungsgrade. Dann lässt sich simulieren, was es an einzelnen Stellen bringt, Asphalt zu entfernen oder Bäume zu pflanzen.“

    Schließlich ist da noch die Frage, wo sich noch bauen lässt. „Städtische Daten sind oft nicht aktuell“, sagt Krummrich. „Unsere Anwendung liefert eine maschinenlesbare Karte. Sie zeigt, wo Baupotenziale nicht ausgenutzt sind. Das kann eine Baulücke zwischen zwei Häusern sein, Gebäude, die nur ein Stockwerk haben, oder Grundstücke, die nicht voll bebaut sind.“ Mit Personal solche Lücken aufzuspüren, sei teuer. Denn nicht immer ist von der Straßenseite aus zu sehen, wie viel Platz hinter hohen Mietshäusern ist.

    Gibt es eine solche Baupotenzial-Karte, können Politiker und Verwaltung entscheiden, ob sie lieber bestehende Gebiete in einer Stadt dichter bebauen oder am Rand neue Bauflächen erschließen wollen. Neubaugebiete brauchen Platz, Straßen, Leitungen, die es innerstädtisch bereits gibt. Aber alles zu verdichten, hat seine Tücken. So werden mehr Flächen versiegelt. Hier helfen die Informationen, die Krummrich und das Team aufarbeiten. „Mit der Kombination der Daten lässt sich vorhersagen, ob zum Beispiel neue Hitzeinseln entstehen.“

    Seit etwa fünf Jahren beschäftigen sie sich bei OHB damit, wie sich die Daten verwerten lassen. Rund 75 Personen am Stammsitz in Bremen und in Oberpfaffenhofen bei München beschäftigen sich mit verschiedenen Datenprojekten. Sie arbeiten neben Bremen unter anderem mit Essen, Nordrhein-Westfalen und Vilnius, der Hauptstadt von Litauen, zusammen. Tätig waren sie auch schon für Karlsruhe, Valencia in Spanien, das griechische Thessaloniki und Luxemburg.

    Oft sind Versiegelungsregister, Baulückenkataster, Hitzeinsel-Karte Teil einer Art Zwilling der echten Stadt, nur eben digital. Wobei die Angebote nicht auf Städte beschränkt sind. Allerdings leiden kleinere Orte oder Dörfer nicht so sehr unter Hitzeinseln. Und meist haben sie auch nicht das Geld, derart innovative Techniken zu nutzen.

  • Fast wie neu

    Bei sogenannten Refurbished Produkten kann teure Elektronik oder Kleidung zum Schnäppchen werden. Eine gewisse Vorsicht ist bei der Auswahl allerdings angebracht. Der Umwelt nutzen Gebrauchtwaren aber allemal.

    Auf dem Flohmarkt haben es potenzielle Käufer leicht. Die Ware lässt sich vor Ort anschauen und prüfen. Ein Blick auf den Verkäufer weckt entweder Vertrauen oder aber manchmal auch Skepsis. Beim Preis lässt sich womöglich so lange handeln, bis beide Seiten zufrieden sind. Doch hier geht es in der Regel um einfache Artikel, die nur wenige Euro kosten. Das finanzielle Risiko für den Käufer ist gering.

    Doch warum sollten Verbraucher nicht auch bei hochwertigen und entsprechend kostspieligen Produkten auf gebrauchte Modelle zurückgreifen. Bei Autos gibt es den Gebrauchtwagenmarkt schon immer. Auch bei Waschmaschinen oder Geschirrspülern bieten Händler eine breite Angebotspalette an bereits genutzten Geräten an. Im Vergleich zu den Neupreisen sind die Abschläge hier gewaltig. 

    Seit einiger Zeit liegen auch so genannte Refurbished Produkte im Trend. Dabei handelt es sich nicht um Waren aus zweiter Hand, die einfach nach dem Erstgebrauch den Besitzer wechseln. Vielmehr werden Smartphones, Notebooks oder auch Textilien zunächst aufgearbeitet und erst danach wieder an einen neuen Besitzer verkauft. Das kann sich ob der deutlich günstigeren Preise im Vergleich zum neuen Gerät lohnen, wie Beispiele aus den Webshops großer Hersteller zeigen. 

    Auf diesen Trend setzt auch Tchibo. „Unsere Geräte sind so konstruiert, dass zentrale Komponenten leicht zugänglich, austauschbar und langfristig verfügbar sind“, sagt Mirca Braun, die bei Tchibo die Kaffeemaschinen verantwortet. Wieder aufbereitete Kaffeevollautomaten bietet Tchibo anschließend deutlich unterhalb des Neupreises an. Auch kauft der Kaffeeröster gebrauchte Geräte in gutem Zustand an und bringt sie dann wieder in einen neuwertigen Zustand. Seit dem letzten Sommer ist das Angebot auf dem Markt und trifft nach Unternehmensangaben auf eine hohe Nachfrage.

    Deutliche Ersparnis möglich

    So bietet der Computerhersteller Lenovo ein wieder aufgearbeitetes Notebook zum Beispiel für 626,17 Euro an. Für das gleiche Modell müssten Kunden beim Neukauf 1.066,91 Euro bezahlen. Der Computerhändler Cyberport bietet ein überholtes Ipad Pro 11 für 1.399 Euro statt zum Neupreis von 2.059 Euro an und verspricht einen neuwertigen Zustand ohne Kratzer auf dem Display. 

    Der Trend hat auch einige Textilhersteller erfasst. darunter ist etwa der Tettnanger Outdoor-Ausrüster Vaude. Das schwäbische Unternehmen gilt als einer der Vorreiter bei nachhaltigen Textilien. Das hat im wahrsten Wortsinn seinen Preis, denn die Jacken, Hosen oder Schlafsäcke der Firma sind kostspielige Anschaffungen. Um die Kreislaufwirtschaft voranzubringen und zugleich auch die Produkte weniger kaufkräftigen Kunden zugänglich zu machen, bietet Vaude unter dem Titel Second Hand auch gebrauchte Outdoor-Artikel an. Dann kostet zum Beispiel die Fahrrad-Regenjacke für Damen 72 Euro statt neu 120 Euro.

    „Aktuell beziehen wir unsere Second Hand Produkte aus Retouren und Rückläufern, die sorgfältig geprüft, repariert und aufbereitet werden“, erläutert Vaude-Sprecher Benedikt Tröster. Die Schnäppchen sind anscheinend begehrt. Es sei eine Herausforderung, genug Ware in den Shop zu bekommen. Vor allem jüngere Kunden, die mit Gebrauchtwaren vertraut sind, fänden hier ein zusätzliches Angebot.

    Qualität und Garantie

    Bei Second Hand Waren handelt es sich meist nicht um wieder aufgearbeitete Produkte. Eine allgemein gültige Abgrenzung zu Refurbished Produkten gibt es nicht, wie ein Blick auf die vielfältigen Angebote im Online-Handel zeigt. Daher raten Verbraucherschützer zunächst zu einem Blick auf die Qualität der Offerten. „Man muss sehr genau hinschauen, in welchem Zustand das Produkt ist“, sagen die Experten der Verbraucherzentrale Rheinland Pfalz. Gibt es ein Foto der Ware, lassen sich darauf beispielsweise Gebrauchsspuren entdecken. 

    Vielfach unterscheiden die Anbieter von sich aus unterschiedliche Qualitäten. Vaude unterscheidet etwa zwischen „Wie neu“, was für kaum sichtbare Spuren steht, über „Sehr gut“ mit leicht sichtbaren Spuren bis hin zu „Gut“ mit deutlich sichtbaren Hinterlassenschaften des Vorbesitzes. Mit ähnlichen Kategorien beschreiben auch viele andere Anbieter den Zustand ihrer gebrauchten Waren.

    Beim Kauf gelten zumindest zum Teil die üblichen Verbraucherrechte. Dazu gehört die Gewährleistungsfrist, die bei Refurbished Produkten nur ein Jahr statt der sonst vorgesehenen zwei Jahre beträgt. Auch das Widerrufsrecht von 14 Tagen besteht. So können Käufer das Produkt erst einmal begutachten und gegebenenfalls zurückgeben. Damit dies nicht mit einer teuren Enttäuschung endet, ist vor dem Kauf ein Blick ins Kleingedruckte ratsam. Dort finden sich die Konditionen für die Rücksendung, etwa die Frage, wer für die Kosten aufkommt. Die Verbraucherzentrale empfiehlt auch, nicht in Vorkasse zu gehen. Denn wie überall im Netz lauern auch im Handel mit Gebrauchtwaren sehr wahrscheinlich hier und dort Fallen.

    Zu den beliebten generalüberholten Elektronik-Artikeln gehören Smartphones. Hier hat die Stiftung Warentest 2023 einmal genauer auf die Angebote in neun Webshops geschaut, Handys bestellt und getestet. „Die Qualität mancher Handys ließ zu wünschen übrig, andere Geräte überraschten uns positiv“, urteilten die Tester. Sie raten dazu, gekaufte Geräte zuhause erst einmal einem Test zu unterziehen und Funktionen wie den Akku, die Kamera, das Mikrofon und den Lautsprecher zu prüfen. Gibt es Mängel, können Kunden von ihrem Widerrufsrecht Gebrauch machen.

     Auch das E-Bike gibt es gebraucht

    Eine andere Branche haben sich die Marktbeobachter der Verbraucherzentralen unter die Lupe genommen. Sie checkten die Angebote und Bedingungen im Handel mit refurbished E-Bikes. Zehn Anbieter haben die Verbraucherschützer untersucht. Sie werben mit Preisnachlässen zwischen 30 und 70 Prozent. Allerdings ist oft nicht transparent, auf welchen Ausgangspreis sich diese Ersparnis bezieht. Diese potenzielle Falle können Interessenten umgehen. „Hilfreich ist der Vergleich mit modellgleichen Angeboten bei anderen Anbietern“, raten die Experten.

    Mitunter sind auch Probefahrten möglich. Ansonsten gilt das Widerrufsrecht. Käufer können das gebrauchte E-Bike erst einmal zuhause Probe fahren und zurückgeben, wenn es den Wünschen nicht entspricht. Einzelne Anbieter schränken die Probefahrten jedoch auf maximal 30 oder 50 Kilometer ein. Das sollte für einen guten Eindruck vom Zustand des Rades jedoch genügen. Für die Bezahlung der oft mehrere Tausend Euro teuren E-Bikes bieten die Shops Kreditfinanzierungen oder Ratenzahlungen an.

    Gebrauchtportale

    Es gibt eine Reihe von Webportalen, die quer durch die gesamte Produktpalette Gebrauchtwaren anbieten. Um Ärger zu vermeiden, sollten Käufer einige Tipps beachten. Dazu gehört ein Check der Rücksende- und Garantiebedingungen. Auch der Umfang des Angebots ist wichtig. Ist das Zubehör im Lieferumfang enthalten? Wurden die Angebote vom Händler selbst getestet oder generalüberholt? Die Gebrauchtportale sind keine Einbahnstraße. Sie müssen ihre Angebote ja erst einmal bekommen. So können Verbraucher über die Portale ihre nicht mehr benötigten Produkte auch verkaufen. Tipps dazu hat die Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz unter der Webadresse www.verbraucherzentrale.de/wissen/digitale-welt/onlinehandel/refurbished-und-secondhand-gebrauchtes-online-kaufen-und-verkaufen-79356 zusammengestellt.

  • Pakete außer Rand und Band

    Kunden freuen sich über preiswerte Waren aus dem Ausland, der Zoll ist überfordert. Die EU geht ab 2026 gegen Billigimporte vor.

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  • Deutschlands höchste Thermoskanne

    Es riecht stechend metallisch, typisch, hier wird geschweißt und mit Trennschneidern gearbeitet. Irgendwo tackert gleichmäßig ein Kompressor, Druckluft zischt. An der rostroten Stahlwand verschwindet ein Rohr nach oben. Gut 70 Meter höher im Staubdunst ist gerade noch die runde Decke zu erkennen. Willkommen in der höchsten Thermoskanne Deutschlands, vermutlich Europas.

    Der rund 80 Meter hohe Turm entsteht gerade auf dem Gelände der Fernwärme Ulm (FUG), wird offiziell ein Hitzespeicher. „Wir können mit ihm unsere Anlagen besser auslasten und optimieren“, sagt FUG-Projektleiter Axel Brettschneider. Sein Unternehmen betreibt mehrere Kraftwerke, 184 Kilometer Leitungsnetz und versorgt gut 30 Prozent der Ulmer mit Fernwärme.

    Anlagenbauer Bilfinger aus Mannheim errichtet den Turm mit einer besonderen Technik. „Wir bauen von unten nach oben. Der Turm schraubt sich hoch“, sagt Projektleiter Wolfgang Niedrist. „Die Technik ist einmalig.“ Erst jetzt fällt auf, dass draußen keine Kräne stehen wie sonst bei Hochbauten. Stattdessen setzen die Bilfinger-Leute große Stahlplatten zu einem kontinuierlichen leicht angeschrägten Band zusammen, das langsam seitlich am Turm eingezogen und dann verschweißt wird.

    Die Stahlteile sind jeweils 10,4 Meter lang und 3,25 Meter hoch. Insgesamt besteht der Turm aus 188 solcher Platten, die per Lkw aus dem Bilfinger-Werk im österreichischen Wels kommen. An diesem Dezember-Tag schweißt der Roboter gerade zwischen Nummer 139 und 147. Fertig sein soll der Turm im Sommer 2026. Dann werden rund 38 Millionen Liter bis zu 110 Grad heißes Wasser in ihm gespeichert.

    Die riesige Thermoskanne hilft der FUG, sich von fossilen Brennstoffen zu trennen. Auf dem Gelände verbrennen zwei Biomasseanlagen allem Altholz, das nicht wiederverwertet werden kann. Zwei Blockheizkraftwerk laufen. Perspektivisch soll statt Gas Wasserstoff eingesetzt werden. Auch über Geothermie denkt die FUG nach. Das letzte der beiden Kohlekraftwerke hat das Unternehmen Anfang 2024 stillgelegt. Auf der ehemaligen Kohlehalde schraubt sich jetzt der Fernwärmespeicher in die Höhe.

    Vor allem die Blockheizkraftwerke liefern neben Wärme auch Strom. Brettschneider hofft, sie besser nutzen zu können, wenn der Turm fertig ist. „Wir können dann auch auf den Strommarkt reagieren“, sagt er. Das bedeutet: Strom dann produzieren, wenn der Bedarf und damit der Preis hoch ist. Sollte die Wärme gerade nicht gebraucht werden, wird sie in der Thermoskanne gespeichert. „Wir müssen dann die Kraftwerke nicht anwerfen, wenn wir Wärme brauchen und der Strompreis niedrig ist“, erklärt Brettschneider.

    Im August 2024 begann die FUG, das Fundament des Turms zu bauen, rund 40.000 Tonnen Stahl und Wasser sollen schließlich nicht im Ulmer Boden versacken. 80 Betonpfähle mit einem Durchmesser von je 90 Zentimetern sind bis zu 30 Meter tief im Boden versenkt und ruhen auf Gestein. Im März begann dann das Bilfinger-Team auf der neuen Bodenplatte.

    15 bis 20 Millionen Euro lassen sich die Ulmer den Turm nebst Anschlüssen kosten. Auch wenn er das Netz stabilisiert, und sie die Anlagen besser fahren können, „ohne staatliche Förderung rechnet sich das nicht“, sagt Brettschneider. Der Bund gibt 45 Prozent als Zuschuss. Brettschneider erwartet, dass die Anlage nach rund zehn Jahren dann wirtschaftlich ist, also Geld verdient. „Vergleichbare Anlagen laufen schon 50 Jahre“, berichtet Niedrist.

    „Sechs solcher Türme mit der Druckausgleichskammer an der Spitze haben wir bereits gebaut“, sagt der Bilfinger-Projektleiter. „Keiner ist von der Stange. Jedes Projekt wird einzeln für den jeweiligen Standort geplant.“ Zuletzt hat das Team einen Speicher in München fertig gestellt. „Der ist aber deutlich flacher.“

    Das der Ulmer so hoch ausfällt, hat mit dem Stadtteil Böfingen zu tun, der mehr als 70 Meter oberhalb des Zentrums liegt. Auch dort soll das Wasser des Speichers noch ins Fernwärmenetz fließen. Entsprechend Druck muss auf den Leitungen liegen.

    Die Schraubtechnik Bilfingers kommt bei diesem Turm an die Grenzen. „Das sind 1200 Tonnen Stahl einschließlich Spindeltreppe außen und aller Rohre“, sagt Niedrist. Die besondere Vorschubtechnik schafft nur 900 Tonnen, weshalb sie diesmal zwei Runden Stahl bereits auf dem Boden gebaut haben. „Wir beginnen mit dem Hochschrauben in etwas mehr als sieben Metern Höhe“, sagt der Projektleiter. Deshalb arbeiten Heber und Schweißgerät von einer Galerie aus, auf die eine Gerüstleiter führt.

    Im Halbdunkel ist sehr gut die helle Linie zu sehen, die den angehobenen Turm von den unten fertig montierten Teilen trennt. Oben auf der Galerie lassen sich auch die hydraulischen Heber erkennen, die im Abstand von etwa einem halben Meter hintereinander angebracht sind. „Sie heben den Turm an und schieben ihn gleichzeitig vor“, erklärt Niedrist. „Dann setzen sie wieder ab und greifen hinten neu an.“ Der Turm schraubt sich maximal zehn Zentimeter pro Schritt vor. Unten tackert wieder der Kompressor los.

    Im Januar soll der Stahlmantel fertig sein. Er ist dann halb so hoch wie das berühmte Ulmer Münster. Im März wird der Turm für letzte Tests mit Wasser gefüllt. Dann wird die riesige Thermoskanne noch mit einer 50 Zentimeter dicken Dämmschicht Mineralwolle ummantelt. Bleibt noch eine Frage: Kann der Turm platzen? Niedrist schaut etwas irritiert. „Er ist ausreichend dimensioniert, das passiert nicht.“

  • Den Kern bewahren

    Der historische Zyklus der Globalisierung geht zu Ende. Darauf deutet die Einigung von EU-Rat und- Parlament zur Entkernung der EU-Lieferketten-Richtlinie hin. Der Versuch, den ungeregelten Weltmarkt zu zivilisieren, wird damit weitgehend eingestellt.

    Es ist zwar nur ein Zwischenschritt – aber das vermutliche Ergebnis ist deutlich zu sehen. Nur noch die größten Konzerne müssen künftig auf die Menschenrechte der Beschäftigten ihrer weltweiten Zulieferer achten. Und den ausländischen Arbeiter:innen wird ein Hebel zur Durchsetzung ihrer Rechte vor europäischen Gerichten genommen, indem man die Regelung zur zivilrechtlichen Haftung hiesiger Unternehmen streicht.

    Die Einführung menschenrechtlicher Normen für global agierende Unternehmen war eine Reaktion auf die Auseinandersetzungen um die Auswirkungen der neuen Globalisierung, die in den 1980er Jahren begann. Europäische und nordamerikanische Firmen profitierten damals vom ungeregelten Weltmarkt – mit Folgen wie Suiziden von Beschäftigten in chinesischen iPhone-Fabriken und über tausend Toten beim Zusammenbruch der Textilfabrik Rana Plaza in Bangladesch.

    Doch nun gerät der einheitliche Weltmarkt selbst unter die Räder neuer autoritärer Machtblöcke wie China, Russland und der USA von Donald Trump. Um in dieser Strömung nicht zu ertrinken, setzt Europa ebenfalls eigene, kurzfristige, ökonomische Interessen an erste Stelle und schleift seine selbstgesetzten Normen.

    Aber was kommt nach der Globalisierung? Erstmal keine „regelbasierte Weltordnung“, die viele europäische Politiker:innen gerne hätten. Trotzdem muss die EU, will sie überleben, ihren Kern bewahren: Demokratie, Rechtsstaat und die universellen Menschenrechte, die mindestens theoretisch für alle Menschen gelten. Denn die sind die Basis für höhere Lebensqualität, bessere Produkte und größeren Wohlstand, als autoritäre Regime bieten können.

  • Wohlstand aus Wasserstoff

    Bald beginnt die neue Zeit. Nach Jahrhunderten der Produktion mit Kohle soll 2026 die Stahlherstellung mit Wasserstoff starten. Das schwedische Unternehmen Stegra baut ein neues Werk in der Stadt Boden im Norden des Landes. Und der Wasserstoff dafür strömt aus Elektrolyseuren, die die Thyssenkrupp-Tochter Nucera in Dortmund liefert.

    Dies ist ein Beispiel für den epochalen Wandel in Wirtschaft und Industrie. Hiesige Firmen bieten Produkte, die künftig wohl von großer Bedeutung sind. Deutschland hat gute Chancen, mit neuen Exportschlagern auch in den kommenden Jahrzehnten zu florieren.

    Elektrolyseure zum Beispiel stellen eine Schlüssel-Technologie des zukünftigen Energiesystems dar. Einfach gesagt, zerlegen sie Wasser in Sauerstoff und Wasserstoff. Als Energiequelle nutzen sie Elektrizität, die aus Wind- und Solarkraftwerken kommen kann. Ist das der Fall, wird der Wasserstoff als „grün“ bezeichnet – hergestellt, ohne dass klimaschädliches Kohlendioxid entweicht. Dient der Wasserstoff außerdem dazu, Steinkohle in der Stahlindustrie zu ersetzen, darf man in dieser Hinsicht das gewonnene Metall ebenfalls „grün“ nennen. Von der Verwendung in der Industrie abgesehen, dient Wasserstoff aber auch einfach als Speichermedium für Ökostrom.

    Im weltweiten Vergleich ist das Nucera-Projekt in Schweden schon ein relativ bedeutendes. Die Elektrolyseur-Anlage kommt auf eine Kapazität von gut 700 Megawatt (Millionen Watt) – mehr als ein großes Gaskraftwerk. Dennoch spielt die Wasserstoff-Fabrik in der saudi-arabischen Stadt Neom in einer anderen Liga. Die „weltgrößte Anlage zur Produktion grünen Wasserstoffs“, nennt sie Nucera-Manager Leif Christian Kröger. Dort installiert die Firma Elektrolyseure mit einer Kapazität von zwei Gigawatt (Milliarden Watt). „Nach den für 2026 geplanten Test- und Inbetriebnahmephasen“ soll die Anlage „darauf vorbereitet sein, 2027 die kommerzielle Produktion aufzunehmen”, sagt Kröger.

    Wobei man bei Neom vorsichtig sein muss. Das saudische Königshaus wollte sich eine Glitzer-Metropole bauen wie Dubai. Als Kernstück der komplett neuen Stadt für Millionen Einwohner am Roten Meer war eine 170 Kilometer lange Hochhaus-Scheibe („The Line“) durch die Wüste geplant. Mittlerweile scheint das Fantasie-Projekt aber von zu hohen Kosten und zu vielen technischen Problemen eingeholt zu werden. Wer weiß, ob die benachbarte Industrieansiedlung Oxagon, deren Teil die Nucera-Elektrolyseure sind, wie geplant in Betrieb geht.

    Dennoch sieht sich das Dortmunder Unternehmen auf gutem Wege. Kröger: „Gemessen am Auftragsbestand“ führe man „die Liste der weltweiten Hersteller von Wasserstoff-Elektrolyseuren an“. Und auch bei den Auslieferungen fertiger Anlagen stand die Firma nach eigenen Angaben 2024 an der Spitze – vor Chinesen und US-Amerikanern. Das gibt es nicht in sehr vielen Branchen.

    Allerdings ist Nucera vergleichsweise klein. Gut 1.000 Leute beschäftigt die Thyssenkrupp-Tochter weltweit, etwa 300 davon in Deutschland. So dürfte es noch dauern, bis solche Firmen und Branchen die heimische Ökonomie ziehen und tragen.

    Und auch die Zukunftsaussichten haben sich zuletzt eingetrübt. Es komme zu Verzögerungen und Absagen bei neuen Wasserstoffprojekten weltweit, schreibt die Internationale Energie-Agentur in ihrem Wasserstoff-Bericht für 2025. Das spüren die Dortmunder ebenfalls. „Der Weltmarkt für Wasserstoff-Elektrolyseure ist mit Unsicherheiten konfrontiert“, sagt Leif Christian Kröger, „die Zahl neuer Aufträge nimmt ab.“

    Einerseits liegt das wohl daran, dass die Technik im Vergleich zu konventionellen Methoden noch relativ teuer ist. Andererseits spielt die aktuelle Wachstumsschwäche eine Rolle. So hat der Stahlkonzern ArcelorMittal seine geplante Grün-Stahl-Fertigung in Bremen erstmal verschoben. Außerdem macht sich politischer Gegenwind bemerkbar. Weil die US-Regierung unter Donald Trump keine fossilfreie Wirtschaft will, laufen dort 2027 bestimmte Steuervergünstigungen aus, von denen Nucera profitiert hätte.

    Auch in Europa ging es schon einmal schneller voran. Hier hapert es an der Umsetzung der beschlossenen Quoten für grünen Wasserstoff in Industrie und Verkehr. Die wenigstens Mitgliedsstaaten haben das bisher in nationales Recht übertragen. Die schwarz-rote Bundesregierung scheint sich auch vom bisherigen Ausbau-Ziel zu verabschieden. Im Monitoringbericht zur Energiewende, den Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) beauftragte, heißt es: „Das Ziel von zehn Gigawatt heimischer Erzeugung bis 2030 erscheint angesichts der aktuellen Projektpipeline kaum erreichbar.“

    So verstärken sich negative Einflüsse von Wirtschaft und Politik gegenseitig. Wenn letztere die Ausbau-Ziele reduziert, bleibt der Markt für grünen Wasserstoff klein und das Produkt teuer – was wiederum das Interesse von Unternehmen an weiteren Projekten schmälert. „Politisch wäre es wichtig, der Unsicherheit zu begegnen und Signale zu senden, die die künftige Nachfrage nach grünem Wasserstoff erhöhen“, wünscht sich Nucera-Manager Kröger.

    Doch immerhin passiert etwas. Nicht nur in Schweden, auch in den Niederlanden. Im Hafen von Rotterdam baut Nucera im Auftrag von Shell einen 200-Megawatt-Elektrolyseur. Dort soll die Wasserstoff-Produktion ebenfalls 2026 beginnen.

  • „Wir werden unterm Strich wieder mehr arbeiten müssen“

    2025 ist zu Ende, der Herbst der Reformen, wie ihn die schwarz-rote Bundesregierung von Kanzler Friedrich Merz (CDU) verkündet hat, ist vorbei. So richtig gegriffen haben sie noch nicht. Aber aus Sicht von Christian Sewing, Präsident des Bundesverbands Deutscher Banken, in dem die Geschäftsbanken organisiert sind, wird es besser. „Die deutsche Wirtschaft kommt 2025 nur langsam voran, in den nächsten zwei Jahren sollte sich das Wachstum aber beschleunigen.“ Sewing, auch Chef der Deutschen Bank, mahnt weitere Reformen an.

    Wirtschaftspolitik

    Der Bankenpräsident erwartet von der Bundesregierung, mehr für die deutsche Wirtschaft zu tun. Die Regierung habe einiges auf den Weg gebracht: das Fiskalpaket, den Haushalt, den Wachstumsbooster mit verbesserten Abschreibungsbedingungen, die Anpassungen bei der Körperschaftssteuer, den Industriestrompreis – auch die Bürgergeldreform sei ein wichtiges Signal. „Aber das reicht noch nicht, um das Wachstum langfristig deutlich zu erhöhen“, sagt Sewing. Weitere Strukturreformen seien unverzichtbar.

    Die Bundesregierung müsse den eingeschlagenen Reformkurs daher entschlossen fortführen und dabei das Tempo erhöhen, empfiehlt der Bankmanager. „Jede wirtschafts- und sozialpolitische Entscheidung muss daran gemessen werden, wie sie sich auf Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit auswirkt.“

    Für den Bankenpräsidenten ist klar, was Schwarz-Rot anpacken muss: „Vorneweg brauchen wir deutlich schnellere Planungs- und Genehmigungsverfahren. Sonst kommen etwa wichtige Infrastruktur-Projekte nicht voran, obwohl die Mittel bereitstehen. Das würden die Menschen in unserem Land nicht verstehen.“ Er nennt zudem weniger Bürokratie, eine effizientere Verwaltung, niedrigere Energiepreise und mehr Fachkräfte sowie, dass die sozialen Sicherungssysteme so weiterentwickelt werden, „dass sie tragfähig bleiben und auch für künftige Generationen noch zu stemmen sind.“

    Wichtig: „Wir müssen uns bewusst sein, dass eine Transformation nicht ohne unangenehme Entscheidungen gelingt, das ist in einer Volkswirtschaft ähnlich wie in einem Unternehmen: Damit wir auf Dauer wettbewerbsfähig bleiben, müssen wir auch an der einen oder andere Stelle Abstriche hinnehmen – und wir werden unterm Strich wieder mehr arbeiten müssen.“

    Wirtschaftliche Lage

    2023 und 2024 schrumpfte Deutschlands Wirtschaftsleistung, 2025 dürfte sie nur minimal gewachsen sein. 2026 geht es Sewing zufolge endlich wieder aufwärts. „Wir erwarten 2026 ein Wachstum von bis zu eineinhalb Prozent“, sagt der Bankenpräsident. „Die Investitionsprogramme der Bundesregierung geben dafür einen spürbaren Impuls. Entscheidend wird sein, dass die Politik diese Programme mit Reformen verbindet, die privatwirtschaftliche Investitionen erleichtern. Dann kann die Wirtschaft mehr Schwung entwickeln.“

    Sewing und der Bankenverband gehören eher zu den Optimisten. Nur das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin ist mit einem Plus von 1,7 Prozent noch zuversichtlicher. Die EU-Kommission erwartete zuletzt 1,2 Prozent, die Wirtschaftsweisen 0,9 Prozent und die Bundesbank sogar nur 0,6 Prozent Plus. Die Bundesregierung selbst rechnete zuletzt mit 1,3 Prozent.

    Sewing beruhigt all jene, die Sorge um ihre Arbeit haben, weil auch große Unternehmen tausende Stellen streichen wollen. „Für 2026 rechnen wir im Zuge des höheren Wachstums mit einer gewissen Entspannung. Die Zahl der Arbeitslosen, die im Jahresdurchschnitt 2025 bei etwas unter drei Millionen liegen wird, dürfte unseren Ökonomen zufolge im kommenden Jahr um etwa 100.000 Personen sinken.“ Der Bankenpräsident erwartet aber, dass es erhebliche Unterschiede von Branche zu Branche gibt. Allerdings: „Ich bin sicher: Gut qualifizierte Fachkräfte bleiben sehr gefragt.“

    Geopolitik

    2025 beeinflussten die bisweilen erratische Zollpolitik und teils offene Drohungen des US-Präsidenten Donald Trump die Weltwirtschaft. Bankenpräsident Sewing sieht auch Chancen. „Natürlich belasten höhere Zölle unsere exportorientierte deutsche Wirtschaft spürbar“, sagt er. „Weil sich Handelsströme neu ordnen, wächst aber gleichzeitig das Interesse an Europa. Internationale Investoren und Unternehmen suchen nach Alternativen. Das sollten wir nutzen – und dafür sollten wir weniger auf die USA, als auf uns selbst schauen.“ Europa könne unter dem äußeren Druck stärker werden, aber nur wenn es an seiner Wettbewerbsfähigkeit arbeite, innere Hürden beseitige und eine Politik betreibe, die vor allem Investitionen und wirtschaftliche Dynamik fördere. „Dafür muss die EU geeint handeln – vor allem bei Handel, Rohstoffen, Energie und Verteidigung.“

    Zuletzt zeigte auch Chinas härtere Wirtschaftspolitik etwa bei wichtigen Seltenen Erden, wie abhängig die EU ist. Sewing setzt zum Beispiel darauf, mehr wiederzuverwerten. „Bei Rohstoffen gilt: Mehr Diversifizierung und mehr Kreislaufwirtschaft.“ Gleichzeitig solle Europa auf mehr bilaterale Handelsabkommen mit verschiedenen anderen Ländern und Regionen setzen. „Diese Schritte dauern zwar, machen uns aber langfristig weniger abhängig.“

    Zinsen

    Die Zeiten kräftig steigender Preise sind wohl zu Ende. „Die Inflation dürfte sich 2026 bei rund zwei Prozent einpendeln“, sagt der Bankenpräsident. „Kurzzeitig kann sie Anfang kommenden Jahres etwas darunter liegen.“ Eine längere Phase mit Inflationsraten unterhalb der Zwei-Prozent-Marke, die die Europäische Zentralbank als ideal ansieht, hält der Bankenpräsident derzeit für eher unwahrscheinlich – unter anderem, weil die globalen Produktions- und Lieferketten neu eingerichtet werden, was  höhere Kosten bedeutet.

    Das bedeutet: „Wir rechnen 2026 mit weitgehend unveränderten Leitzinsen“, sagt Sewing. „Die EZB hat signalisiert, dass sie das aktuelle Niveau für angemessen hält. Weitere Schritte hängen davon ab, wie sich Wachstum und Inflation entwickeln.“ Das hat auch Folgen für die Zinsen zum Beispiel auf Tagesgeldkonten, die bei den Deutschen so beliebt sind. Sie richten sich meist nach den Leitzinsen. Der wichtige Einlagenzinssatz der Zentralbank liegt derzeit bei 2,0 Prozent. „Grundsätzlich zeigt die Erfahrung, dass bei stabilen Leitzinsen der EZB auch die durchschnittlichen Guthabenzinsen in etwa stabil bleiben.“, sagt Sewing. Aber: „Die Zinsen für Termingeld- und Sparkonten sind stark vom Geschäftsmodell der einzelnen Institute abhängig.“

    Altersvorsorge

    Die Pläne der Bundesregierung, die Altersvorsorge neu aufzustellen, gehen dem Bankenpräsidenten nicht weit genug. Etwa die Frühstartrente, bei der jedem Kind ab sechs Jahren monatlich zehn Euro für Altersvorsorge geschenkt werden sollen. „Die Frühstart-Rente bleibt aufgrund der geringen Beträge nur ein kleiner Baustein“, sagt Sewing. Auch werde sie erst in mehreren Jahrzehnten wirklich wirken. „Dass das nicht reicht, sollte jedem klar sein.“ Deshalb sollte es zum Beispiel möglich sein, freiwillig einzuzahlen. Das sieht der Kabinettsentwurf für die Frühstartrente vor. das Gesetz soll 2026 kommen.

    Gleichzeitig seien weitere Maßnahmen nötig, um die Kapitaldeckung in der Altersvorsorge zu erhöhen. „Ich bin zum Beispiel ein großer Befürworter des Vorschlags der Deutschen Börse, dass der Staat für jedes Kind einen Einmalbetrag zur Verfügung stellt, der am Kapitalmarkt investiert wird“, sagt der Bankenpräsident. „Daraus würde dann durch den Anlagehorizont von mehreren Jahrzehnten ein substanzieller Baustein für die Altersvorsorge.“

  • Der Dino lebt

    Baden-Württemberg ist um ein Fossil reicher: Dort, wo Dinosaurier schon vor Urzeiten durch die Landschaft strichen, hat der Naturschutzbund Deutschland, NABU, es ausfindig gemacht. Name: Peter Hauk, Alter: 65 Jahre. Charakteristik: politische lebende Größe, CDU, Katholik, Jäger, ehrenamtlicher Organist. Seine Entdeckung wird ihm – der studierte Forstmann ist Landesminister für Ernährung, Ländlichen Raum und Verbraucherschutz – kaum gefallen. 

    Die Kür zum „Dinosaurier des Jahres 2025“ ist nicht gut gemeint, im Gegenteil. Es ist ein Schmähpreis für die schlechteste Umweltperformance in diesem Jahr. Aber: Warum nicht Bundeskanzler Friedrich Merz? Hauk ist schon mehr als 30 Jahren im politischen Geschäft, bundesweit aber kaum bekannt. Anruf bei Nabu-Präsident Jörg-Andreas Krüger.

    Der CDU-Kanzler erklärte Mitte Dezember auf dem CSU Parteitag, er sei „nicht bereit, das Thema Umwelt- und Klimaschutz so hoch aufzuhängen, dass damit ein großer Teil unseres industriellen Kerns in der Bundesrepublik Deutschland verloren geht.“ Hauk schlägt das? Und Parteikollege Jens Spahn („Wirtschaft zuerst“) oder CSU-Mann Manfred Weber? Der führt die konservative Europäischen Volkspartei EVP und blockiert im Europaparlament Klima- und Naturschutz. „Hauk macht das auch, nur geschickter, an der Öffentlichkeit vorbei bisher“, sagt Krüger. 

    „Er hat sich als Vorsitzender der Konferenz aller deutschen Landesagrarminister an die Spitze einer Bewegung gesetzt, die das europäische Gesetz zur Wiederherstellung der Natur streichen möchten.“ Krüger weiter: „Das ist der Naturschutzteil des Greendeals, also das große neue Umweltgesetz.“ Es verpflichtet die EU-Mitgliedstaaten Wälder wieder aufzuforsten, Flüsse aus Betonkanälen zu befreien, für Wiesen und Äcker trocken gelegte Moore wieder zu vernässen. „Der Zustand der Natur soll wieder in Ordnung gebracht werden“, meint Krüger. Hauk aber hält es für eine Gefahr.

    Mit seinen Länderkollegen von CDU und CSU hat er im Juni dieses Jahres einen Brief an die EU-Kommission verfasst. Danach haben Landwirte schon genug zu tun mit den Zöllen auf Agrarprodukte, mit europaweiten Dürren, mit der Lebensmittelversorgung. Teuer werde es auch, die Regelung könne einen Finanzbedarf von 1,7 Milliarden Euro jährlich nach sich ziehen. Am Ende steht die Bitte, die Verordnung „vollständig aufzuheben“. 

    Mit dem Brief soll ein Gesetz nochmal ins Wanken kommen, das im August 2024 in Kraft getreten ist, schon damals gegen großen Widerstand. Eigentlich muss Deutschland nun einen Plan machen, klären wie welche Flächen renaturiert werden sollen. Hauk, meint Krüger, „übt sich in Arbeitsverweigerung“. Dabei sichere nur intakte Natur die „Ertragsstabilität“ der Landwirte, überhaupt der Wirtschaft, weil sie Böden säubere, Luft reinige, Wasser filtere, Kohlendioxid bunkere.

    Doch für Hauk sei, so der Umweltschützer, „Landwirtschaft wie früher allein Produktion, er will einfach immer noch mehr aus dem Boden rausholen.“ Das sei Denken aus ferner Vorzeit, politisch auch nicht klug. Denn: Gingen Wälder in die Knie, gebe es nur wenig Grün in den Städten, mache sich das unmittelbar vor Ort bemerkbar. Das sorge für noch mehr Frust in Zeiten, in denen viele Menschen den Eindruck hätten, es laufe nicht in Deutschland. Da müsse gegengesteuert werden, damit das Gefühl entstehe: „Geht doch!“, es kann sich was zum Positiven drehen.

    Krüger fordert, dem Lokalen mehr Bedeutung beizumessen und mehr von Erfolgen zu erzählen: In der renaturierten Unteren Havel in Brandenburg schwämmen wieder mehr Hechte. Privateigentümer bauten ihre Wälder längst klimafest um. Immer wieder zu sagen, alles werde schlimm, helfe nicht weiter.

    Sind Agrar- und Wirtschaftslobby, die Umweltschutz als Wirtschaftskiller geißeln, nur näher an der Politik dran, so dass sie mehr Gehör finden? „Es verfängt die Erzählung, dass die Menschen sich um ihre Jobs, ihre Mieten, ihre Renten sorgen. Das stimmt auch, ist es aber nicht allein. Die Mehrheit will immer noch eine intakte Natur“, so Krüger. 

    Mit den „Wirtschaft-first“-Sprüchen sei es jedoch möglich, „an alten Konzepten festzuhalten, also an der Expansion von landwirtschaftlichen Erträgen beispielsweise. Das ist einfacher als sich auf neue Wege einzulassen.“ Gebraucht würden allerdings Leute, die die Zukunft denken und für sie werben könnten. 

    Hauk sei es nicht – sondern ein Urgestein des Alten. Auf die Dauer werde das teurer, denn damit lasse sich das deutsche Wohlstandsmodell nicht langfristig halten. An Montag wurde Hauk der Preis verliehen, es ist eine 2,6 Kilogramm schwere aus Zinn gegossene Echse.

  • Wenn das Kuhohr verdächtig wackelt

    Fitnesstracker für Kühe, das klingt kurios? Tatsächlich perfektionieren Landwirte mit Apps ihre Tiere und trimmen sie auf Effizienz – also: mehr Milch. Aber wo endet das?

    https://www.zeit.de/wirtschaft/2025-12/fitness-kuehe-landwirtschaft-tracking-app

  • Menschen, die Hoffnung machen

    Handelskriege, Klimakrise, Bahnen sind verspätet, Mieten zu hoch und der Einkauf ist teuer – da braucht es Lichtblicke. Deshalb stellt das FR-Wirtschaftsressort Menschen vor, die beeindrucken, die Neues wagen und den Kopf oben halten. Darunter: Leoni Lojenburg und Rita Ebel.

    https://www.fr.de/wirtschaft/menschen-die-in-schwierigen-zeiten-hoffnung-machen-94097134.html

  • 682.458 Dollar Vermögen pro Minute

    Unsichere Zeiten bieten wirtschaftlich angeblich reichlich Chancen. Danach war 2025 ein gutes Jahr, um viel Geld zu verdienen. Für einige waren sogar rund 682.458 Dollar oder 581.577 Euro drin. Um so viel erhöhte sich das Vermögen der reichsten 25 Familien der Welt pro Minute, wie aus Zahlen der US-Nachrichtenagentur Bloomberg hervorgeht. Mit dabei sind auch zwei deutsche Dynastien.

    Den superreichen Familien ging es finanziell sehr gut, wie Bloomberg herausfand. Ihr Vermögen stieg bis Anfang Dezember um insgesamt 358,7 Milliarden Dollar auf 2,9 Billionen Dollar, eine Zahl mit zwölf Nullen und etwas weniger als das Bruttoinlandsprodukt von Frankreich. Sie profitierten unter anderem von steigenden Börsenkursen, der Nachfrage nach Rohstoffen und der Erfahrung, wie aus viel noch mehr wird. Das Plus fällt allerdings geringer aus als 2024 (406,5 Milliarden Euro).

    Jedes Jahr untersucht Bloomberg, welche Familien der Welt die reichsten sind. Betrachtet werden nur jene, deren Gründer nicht mehr leben. Der US-Unternehmer Elon Musk, reichster Mensch der Welt, oder Amazon-Gründer Jeff Bezos stehen deshalb nicht auf der Liste. Ebenfalls nicht dabei sind Einzelerben und Familien, bei denen zu unklar oder unübersichtlich ist, woher der Reichtum genau stammt.

    Einige der Werte sind geschätzt, etwa wenn Unternehmen nicht börsennotiert sind. Zudem ist die Liste ist nicht ganz genau, weil sich vor allem bei den Familien aus den arabischen Staaten nicht genau sagen lässt, wie reich sie tatsächlich sind. Alle Vermögen werden in Dollar umgerechnet, um sie vergleichen zu können.

    Allen Superreichen machten die Zollkapriolen des US-Präsidenten Donald Trump offenbar weniger zu schaffen, als viele dachten. Auch die Konsumzurückhaltung vieler Normalverdiener drang in den luftigen Höhen der Multimilliardäre kaum durch, ebenso wenig das Kräftemessen zwischen den USA und China oder der Krieg Russlands gegen die Ukraine.

    Reichste Familie der Welt sind die Waltons, Erben des Gründers der Supermarktkette Walmart. Ihr Vermögen belief sich auf 513,4 Milliarden Dollar. Sie verzeichneten auch das größte Plus unter den Superreichen: rund 81 Milliarden Dollar mehr als 2024. Auf dem zweiten Platz führt die Bloomberg-Liste die Familie Al Nahyan (Abu Dhabi) mit 335,9 Milliarden Dollar vor den Al Sauds (Saudi-Arabien) mit 213,6 Milliarden Dollar. Dank eines Vermögenszuwachses von 73,6 Milliarden Dollar überholten die Saudis in diesem Jahr die Familien Al Thani (Katar), Hermès (Frankreich, Luxusgüter) und Koch (USA, Energie, Chemie, Konsumgüter).

    Reichste deutsche Familie in diesem Jahr sind die Quandt-Erben Susanne Klatten und Stefan Quandt. Bloomberg schätzt ihr Vermögen auf 61,3 Milliarden Dollar, was für Rang 15 reicht. Den beiden gehört unter anderem rund die Hälfte des Autobauers BMW. Dank eines Vermögenszuwachses von 15,3 Milliarden Dollar stiegen sie von Rang 18 auf.

    Abwärts ging es für die Albrechts, Erben des Aldi-Imperiums (Aldi Süd, Aldi Nord, Traders Joe). Bloomberg führt sie in diesem Jahr auf Rang 19 (Vorjahr 12). Ihr Vermögen schrumpfte um fünf Milliarden auf 55,2 Milliarden Dollar. Die Familie ist eine von drei in der Liste, die 2025 über weniger Geld verfügten als 2024.

    In diesem Jahr waren 46,4 Milliarden Dollar Vermögen nötig, um zu den reichsten 25 Familien zu gehören. Für die Erben des Pharmaunternehmers Boehringer reichte es deshalb mit 43 Milliarden Dollar nicht mehr, sie schieden aus der Liste aus.

    Neu dabei sind die Larrea Mota Velascos (Mexico, Rang 17) und Luksics (Chile, Rang 25). Beide Familien gebieten jeweils über verschiedene Bergbaufirmen und sind groß im Kupfergeschäft. Ebenfalls neu dabei ist die italienische Familie Del Vecchio (Italien, Rang 18), denen der Brillenhersteller EssilorLuxottica (Ray-Ban) gehört. Das Unternehmen setzt unter anderem auf Brillen mit künstlicher Intelligenz, was den Aktienkurs rasant steigen ließ. Sollte sich KI tatsächlich als Finanzblase erweisen, könnte es allerdings im nächsten Jahr auch wieder vorbeisein mit dem Platz unter den reichsten 25.

  • Der „Schwarz-Markt“ der Zukunft

    Er hat Lebensmittel billiger gemacht: Discounter Lidl. Für manchen ist er zu billig. Kurz vor Weihnachten kostete das 250-Gramm-Stück-Butter dort nur 99 Cent, Bauern protestierten. Es ist ein ewiger Kampf um günstige Preise, Kunden und Expansion. „Lidl ist der größte Discounter weltweit, ein Exportschlager“, sagt Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg. In diesen Zeiten? Sonst tut sich die deutsche Wirtschaft eher schwer.

    Alles begann 1973 im rheinland-pfälzischen Ludwigshafen. Dort eröffnete Dieter Schwarz seinen ersten Discount-Markt. Schwarz-Markt wollte er ihn nicht nennen – zu unseriös. Sein Vater war 1930 in die Heilbronner Südfrüchtehandlung A.Lidl und Co. eingestiegen, machte dann die Lidl & Schwarz KG zu einem Großhandel für Lebensmittel. Der nachrückende Junior sicherte sich den Namen Lidl. Hauptkonkurrenz fortan: Aldi.

    Die Aldi-Gründer, die Brüder Theo und Karl Albrecht, gelten als Erfinder der Discount-Idee, kamen damit schon 1962 auf den Markt. Sortiment: beschränkt. Einrichtung: schlicht. Im Angebot: No-Name-Artikel, präsentiert in halb aufgerissenen Pappkartons, kaltes Neonlicht. Michael Gerling, Geschäftsführer des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI, erklärt: Discounter sind „konsequent kostenorientiert“: „Die Personalkosten zum Beispiel machen im Schnitt 10 Prozent des Umsatzes aus, bei den Supermärkten sind es 15.“

    Lidl kopierte Aldi, der war aber über viele Jahre immer vorne weg. Die Aldi-Kassierer lernten die Artikelnummern auswendig, um die Ware schnell abzurechnen. Heute gibt es Scannerkassen. Sie erfassen auf Produkten einen Strichcode, der bei den Aldi-Produkten besonders groß sei, meint Gerling: „Keiner muss umständlich lange suchen, um den Einkauf durch die Kasse zu jagen.“ Das Discount-Modell entwickelt sich – muss es auch.

    Billig reicht nicht. Gerling: „Die Kunden sind anspruchsvoller geworden.“ So gebe es nun frisches Obst und Gemüse, Brötchen und Teilchen, auch Markenartikel bei den Billigheimern, seien Regale schicker, Beleuchtung ausgeklügelter, Fassaden moderner geworden. Das zahlt sich aus: bei Lidl vor allem.

    Die Discounter hierzulande – neben Aldi und Lidl gehören dazu unter anderem Penny, Netto und Norma – haben am Lebensmitteleinzelhandel derzeit einen Marktanteil von fast 47 Prozent, gemessen am Umsatz. Und Lidl ist unter ihnen die Nummer 1, betrachtet man Aldi Süd und Nord getrennt. Gerling rechnet vor: „Lidl erwirtschaftete in Deutschland 2024 einen Nettoumsatz von 30,4 Milliarden Euro, Aldi Süd von 19,1, Aldi Nord von 14,6.“ Lidl baut besonders um und aus, vor allem im Ausland.

    Handelsprofessor Rüschen zählt weltweit 12.600 Lidl-Filialen, die Aldis haben gut 9.600. „Je mehr Filialen, umso größer die Mengen, die sie den Produzenten abnehmen, umso günstiger werden die Preise dafür“, sagt er – „Das ist eine sich verstärkende Einkaufsmacht.“ So könnten die deutschen Discounter selbst alt eingesessenen Supermärkten im Ausland Konkurrenz machen, etwa der Firma Migros in der Schweiz oder Tesco in Groß-Britannien. Umgekehrt fasse auf dem deutschen Markt kein ausländisches Unternehmen Fuß.

    Der US-Einzelhandelsriese Walmart gab 2006 nach acht Jahren in den roten Zahlen in Deutschland wieder auf. Die russische Discounterkette Mere hatte 2019 eine erste Filiale in Leipzig geöffnet. Ihre geplante Expansion ging schon vor dem Krieg nicht auf, Ende 2022 zog sie sich ganz zurück.

    Die deutschen Discounter machen derweil einen Laden nach dem anderen auf. Längst sind sie nicht mehr nur Händler, sondern auch Kaffee-, Nudel-, Limo-Produzenten, um nicht anderen ausgeliefert zu sein. „Lidl macht das noch noch mehr als Aldi“, erklärt Rüschen.

    Dahinter steckt noch immer Gründer Schwarz, mittlerweile 86 Jahre alt. Er ist mit Lidl und der Kaufland-Kette, die ihm auch gehört, zum reichsten Mann Deutschlands geworden. Forbes schätzt sein Vermögen auf 40,5 Milliarden Dollar. Die Schlagzeilen sprachen nicht immer für ihn, „Stasi-Methoden beim Discounter“ schrieb der Spiegel 2008, Lidl hatte das Personal mit versteckten Kameras überwacht. Das hat sich geändert, wer das Sagen hat nicht.

    Auch wenn Schwarz sich 1999 aus dem operativen Geschäft zurück gezogen habe, gehe ohne ihn wenig, meint Rüschen – auch nicht die Zukunft. Er wage sich in neue Geschäftsfelder vor, um alte abzusichern, sein Slogan: „Voraushandeln statt nur vorausdenken“.

    Konkret: In jüngster Zeit hat der Handelsriese das Unternehmen Prezero aufgebaut, das Verpackungsmüll recycelt. Das spart Rohstoffe. 2022 gründete er eine Containerreederei, damit Lieferungen aus der Ferne nicht stocken. Jetzt steckt er satte 11 Milliarden Euro in ein gigantisches KI-Rechenzentrum im brandenburgischen Lübbenau auf dem Gelände eines alten Braunkohle-Kraftwerks. Spatenstich war im November.

    Dort sollen auf eigenen Servern eigene Daten gespeichert werden. Auch andere Unternehmen oder Behörden sollen die Dienste nutzen können – gegen Bezahlung. Europa gilt im Digitalen als abhängig von den USA und seinen Tech-Konzernen, die meisten Daten werden in der Cloud von Amazon gespeichert. Für den Online-Händler ist das längst lukrativer als das traditionelle Geschäft.

    Das Schwarz-Imperium, das in Neckarsulm sitzt und mit Lidl seinen Anfang nahm, steht heute für mehr als Lebensmittel. Rüschen meint: „Deutsche Wirtschaft kann Export und Wachstum, die Unternehmen müssen nicht unbedingt Trübsal blasen.“

  • Lichtgestalten der Chipherstellung

    Es werde Licht. Mehr als 60.000 Mal in der Sekunde und auf den Punkt. Ohne die Spitzenlaser des deutschen Technologieunternehmens Trumpf geht in der Computerwelt wenig. Um Hochgeschwindigkeitschips etwa für künstliche Intelligenz und Datencenter herzustellen, sind die Impulse der Baden Württemberger unerlässlich.

    Ein Chip ist vereinfacht eine kleine Platte voller elektrischer Leitungen mit zahlreichen elektronischen Bauteilen. Was sich früher zusammenlöten ließ, ist inzwischen so klein, dass es nur mit Spezialmikroskopen zu sehen ist. Die Schaltungen werden auf reine und blanke Siliziumplatten, sogenannte Wafer, belichtet. Hier ist der niederländische Maschinenbauer ASML aus Eindhoven international führend – dank Lasern von Trumpf und Optiken von Carl Zeiss – beides Weltmarktführer auf ihren Gebieten.

    Die besten ASML-Maschinen liefern heute Chips mit Strukturen im einstelligen Nanometerbereich, rund 7000 Mal feiner als ein menschliches Haar. Das bedeutet weniger Größe bei gleicher Rechenleistung oder mehr Rechenleistung bei gleichem Format, vor allem aber weniger Energieverbrauch.

    Der Chipmarkt wächst rasant. Für 2026 schätzen die Berater von Fortune Business Insights ihn auf rund 217 Milliarden Dollar (185 Milliarden Euro). 2034 sollen es 421 Milliarden Dollar sein. Getrieben wird der Boom durch die Nachfrage nach Chips für vernetzte Maschinen und KI. Vor allem in den USA sollen zahlreiche Rechenzentren allein für künstliche Intelligenz entstehen.

    So filigran wie die Schaltungen auf den Hochleistungschips ist der Trumpf-Laser nicht. Er besteht aus mehr als 450.000 Teilen, wiegt mehr als 17,5 Tonnen und hat das Format eines großen Autos. Viel verkleinern lässt sich nicht. Trumpf optimiert das Gerät bereits seit acht Jahren. Mit einem Laserpointer, den viele vielleicht zu Hause haben, hat es ohnehin nicht viel zu tun.

    Der Laser beschießt mehr als 60.000 Zinntröpfchen pro Sekunde mit gebündeltem Licht. Die Tröpfchen erhitzen sich dabei auf 220.000 Grad und verdampfen zu Plasma. Dieses Plasma sendet extrem ultraviolettes (EUV) Licht aus. Es ist höchst kurzwellig und ermöglicht es, sehr fein zu belichten – als zeichne jemand mit einem spitzen Bleistift statt mit einem Wachsmaler. Nötig ist dafür Vakuum.

    Das Licht ist aber nicht alles. Damit es an der richtigen Stelle auf die Wafer trifft, ist eine Präzisionsoptik nötig. Die liefert Zeiss SMT, die Halbleitersparte von Carl Zeiss aus Oberkochen in Baden-Württemberg. Auch hier sind die Geräte groß. Das Belichtungssystem wiegt mehr als sechs Tonnen und besteht aus 25.000 Teilen. Der Kern sind mehrere Spiegel, die das Laserlicht lenken und bis zu einem Meter groß sind.

    Um die Genauigkeit zu verdeutlichen, versucht es Zeiss SMT so: Ein normaler Badezimmerspiegel, vergrößert auf die Größe Deutschlands, hätte Erhebungen bis zu fünf Metern. Die Belichtungsspiegel entsprechend vergrößert kämen auf einen Millimeter. Wie der Laser von Trumpf sind auch die Spiegel von Zeiss wegen der Genauigkeit und der besonderen Fertigung praktisch nicht zu kopieren.

    ASML baut aus Lasereinheit und Optik nebst eigenem Produktionswissen die Chipmaschine im Format eines großen Busses. Die Niederländer sind derzeit die einzigen, die Maschinen für derartige Hochleistungschips liefern können. Die neueste Generation kostet bis zu 400 Millionen Dollar (345 Millionen Euro). Ältere Generationen kosten mindestens 160 Millionen Dollar. Was Laser oder Optik kosten, verraten weder Trumpf noch Zeiss.

    Die Niederländer fragten bei Trumpf an, ob das Unternehmen einen Hochleistungslaser bauen könne. Von der Idee zum ersten Produkt dauerte es zwölf Jahre. 2017 lieferte Trumpf den ersten Speziallaser aus. Im abgelaufenen Geschäftsjahr 2024/25 (30. Juni), setzte Trumpf 724 Millionen Euro allein mit ASML um, das entsprach fast 17 Prozent des Konzernumsatzes von 4,33 Milliarden Euro. Insgesamt schrumpfte Trumpf, der schwierige Weltmarkt belastete. Auch wandelt sich das Unternehmen weg von der Autoindustrie hin zu mehr Zukunftstechnologie.

    Auch bei den Optikspezialisten von Carl Zeiss meldete sich ASML. Beide Unternehmen arbeiten seither eng zusammen. Inzwischen ist der Chipanlagenbauer aus der Nähe von Eindhoven sogar an der Halbleitertochter Zeiss SMT beteiligt. Konkurrenz muss Zeiss derzeit nicht fürchten. Zumindest geben sich die Baden-Württemberger sehr selbstbewusst, was die Hightechspiegel betrifft. Der Umsatz der Halbleitersparte legte im gerade abgelaufenen Geschäftsjahr (30. September) um 23 Prozent auf 5,1 Milliarden Euro zu, Zeiss insgesamt setzte rund zwölf Milliarden Euro (plus 11,9 Prozent) um.

    Und auch Trumpf sieht beim „stärksten gepulsten Industrielaser der Welt“ bisher keine Wettbewerber. Einige Start-ups versuchen weltweit, ähnliche Laser zu bauen. Zuletzt hieß es, chinesischen Experten sei ein Durchbruch gelungen. Wie erfolgreich sie sind, hängt von Technologiekenntnissen ab, der Produktionserfahrung und vor allem vom Geld. Allein ASML hat sechs Milliarden Euro in die Entwicklung der Technologie ihrer Maschinen gesteckt.

    Derzeit ist eine dreistellige Zahl von Trumpf-Lasern in ASML-Anlagen im Einsatz, entsprechend auch von Zeiss-Optiken. Die Niederländer beliefern alle großen Chiphersteller: TSMC in Taiwan, Samsung in Südkorea, Nvidia und Intel in den USA. Zuletzt meldete ASML Rekordaufträge. Gute Aussichten auch für Trumpf und Zeiss.

  • Goldbären im Morgenland

    Winter in Dschidda, 33 Grad. Nicht gerade Temperaturen, die Bären lieben, schon gar nicht, wenn sie aus Fruchtgummi sind. Dennoch: Saudi-Arabien ist einer der heißesten Märkte für Haribo. Jung, dynamisch, viel Wettbewerb. Die Bevölkerung hat einen Hang zu Süßem. Und zum wichtigsten Produkt des Bonner Familienunternehmens. Wenn nur das Wetter nicht wäre. Umso wichtiger sind Technik und internationale Helfer.

    Menschen wie Çağdaş Kardeş. Der Türke ist Vertriebschef für Nordafrika und den Nahen Osten und arbeitet von Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten aus. Bei den neun Kollegen im Büro nahe des Flughafens ist er nicht so oft. Gerade sitzt er mit einigen anderen in einem Wagen und fährt vom Zentrum Dschiddas nach Süden. Die Klimaanlage haucht kalt.

    Draußen überall Bauzäune, wachsende Hochhäuser. Anders als im glitzernden Dubai atmet in Dschidda alles Aufbruch. Im Westen ragen die Kräne des Hafens am Roten Meer in den vom Sand staubigen Himmel. Dort kommen Goldbären und alle anderen Haribo-Produkte an – verpackt im Kühlcontainer aus der Türkei. Die Fabrik bei Istanbul fertigt die Tiere aus der süßen Ursuppe halal zertifiziert. Das entspricht den islamischen Regeln für Lebensmittel, wichtig für den Verkauf in muslimischen Ländern.

    Die Region sehe vielleicht gleich aus, sagt Çağdaş, aber es gebe große Unterschiede: modernen Handel, Einkaufszentren und riesige Supermärkte in den Vereinigten Arabischen Emiraten, rund 200.000 kleine Geschäfte in Familienhand in Ägypten. „In Saudi-Arabien haben wir 60 Prozent kleine Geschäfte und 40 Prozent Supermärkte. Den richtigen Vertrieb zu finden, der die Struktur und das Land genau kennt, ist da sehr wichtig.“

    An der König-Faisal-Straße ziehen sich kilometerweit Lagerhallen durch den Sand. Zweimal abbiegen, dann hält der Wagen vor der ersten Station der Goldbären im Land. Hani Abbar, Vize-Präsident des familiengeführten saudischen Importeurs, bittet durch eine schmale Tür. In der Halle stehen dann alle vor einem großen Tor, dahinter öffnet sich der auf 20 Grad temperierte Raum voller Fruchtgummi-Kisten.

    Hani ist Goldbär-Fan, seit er in London gelebt hat. Jetzt arbeitet der Sohn des Eigentümers am Siegeszug der süßen Tiere in Saudi-Arabien mit. Von dieser Lagerhalle am Rand von Dschidda aus breitet sich das Tier im Morgenland aus – vor allem über Cash-Vans, klimatisierte Kleintransporter, ein besonderer Vertriebsweg der Region. Die Kühlung ist wichtig. „Ohne gibt das bei der Hitze nur Haribo-Suppe“, sagt Hani trocken.

    „Der Cash-Van holt die Produkte im Lagerhaus ab und bringt sie regelmäßig bei den kleinen Geschäften vorbei“, erklärt Ibrahim Kalama, Ägypter und Haribos Vertreter in Saudi-Arabien. Die Transporter steuern die Läden in den Souks der Innenstädte ebenso an wie die eher abgelegenen in der Wüste. Früher lieferte der Cash-Van gegen Bargeld, daher der Name, inzwischen wird auch digital bezahlt. „Die regelmäßige persönliche Ansprache ist besonders wichtig, sonst ist man raus“, sagt Ibrahim.

    Für Haribo verheißt die Region mit ihren 23 Einzelmärkten viel neues Geschäft. „Das größte Wachstumspotenzial liegt in Ägypten, Saudi-Arabien und Irak“, hat der Grieche Kostas Vlakos, Haribos Vertriebschef für Wachstumsmärkte, noch im Büro in Dubai erklärt. „Die Märkte sind nicht so groß wie die USA oder aufstrebende wie Südkorea, aber sie wachsen deutlich schneller als viele andere.“

    Das Durchschnittsalter in der Region liegt bei knapp 27 Jahren. Wer hier punktet, gewinnt Kunden fürs Leben. In den Regalen finden sich deshalb viele bekannte Marken, mit denen die Bonner um Regalfläche streiten: Bahlsen etwa, Kinder, Lindt, Mars, Nestle.

    In Saudi-Arabien startete Haribo 2012, seit zwei Jahren arbeitet ein eigenes Team vor Ort. Wie überall auf der Welt ist der bunte Goldbär das beliebteste Produkt. Bei Nummer zwei weichen die Saudis von anderen Ländern Arabiens und Nordafrikas ab: süße Kirschen statt Cola-Fläschchen. Exklusiv in den Regalen sind saure Würfel. Vertrieben wird das alles oft in kleinen Tüten, um bezahlbar zu sein. 300-Gramm-Beutel wie in Deutschland gibt es nicht.

    Die kleinen Läden, Groceries genannt, verkaufen auf rund 150 Quadratmetern um die 10.000 verschiedene Produkte. „Um dort hineinzukommen, braucht man eine starke Marke, gute Qualität und attraktive Preise, damit der Eigentümer Geld verdient“, berichtet Çağdaş der jetzt in einem solchen Geschäft an der Straße Palestine im Zentrum von Dschidda steht.. Eine extra Beschriftung ist nicht nötig. „Wir können unsere Botschaft auch ohne arabische Buchstaben vermitteln, nur mit dem Markennamen.“

    Ein Regal weiter zeigt Ibrahim auf einen langen schmalen Kartonstreifen voller Goldbären-Tüten, der an einem Haken zwischen anderen Produkten hängt. „Hier sieht man, was wir Guerilla-Vorgehen nennen. Wo es einen Platz in einem Regal gibt, egal wie klein, nutzen wir ihn.“ Auch sonst geht Ibrahim eher unkonventionell vor. Überall, wo er hinkommt, verteilt er kleine Haribo-Tüten. „Einige denken vielleicht zunächst, Haribo sei nur etwas für Kinder. Dabei ist es für jede und jeden.“

    Der Wettbewerb ist hart. Die Konkurrenz kommt etwa aus Asien oder lässt in Spanien fertigen. Und nutzt auch schon mal Buchstaben im typischen Haribo-Design mit dickem weißem Rand, um Kunden zu locken, wie sich im größten Supermarkt Dschiddas, Marke Danube (Donau), zeigt. Auch der Verkaufsbecher wird kopiert. Haribo hat ihn eigens für saudische Fruchtgummi-Fans entwickelt. Er passt in die Becherhalter der meisten Fahrzeuge.

    Größter Konkurrent vor Ort ist die saudische Marke Borgat, derzeit Nummer 1. „Die liegt allerdings schwer im Magen“, sagt Importeur Hani. Die kleinen Colafläschchen der Tüte, die er gerade aufgerissen hat, riechen kaum, sind zäh und etwas klebrig. Der Erfolg entscheidet sich am Geschmack – auch in den entlegenen Winkeln des Wüstenstaates.

    Zurzeit läuft es deshalb für die Bonner in Arabien und Nordafrika: „Der Markt wächst jährlich mit 3,6 Prozent“, sagt Çağdaş, „Haribo wächst mit 6,6 Prozent.“ Umsatz? Der Manager schweigt. Wie üblich bei Haribo. Der Konzernumsatz wird auf einige Milliarden Euro geschätzt. Zwei Drittel des Geschäfts macht das deutsche Unternehmen im Ausland. Schreibt die Firma in Arabien schwarze Zahlen? „Ja“, sagt er.

    Inzwischen ist die Gruppe bei Abdul Rahim Nüsse auf dem Shati-Markt im Norden Dschiddas angekommen. Eine Wohngegend, keine Baukräne, keine englischen Schriftzüge mehr. Die Hitze steht über dem Asphalt des Parkplatzes. Im Innern des Ladens summt die Klimaanlage. Die Haribo-Vertreter entdecken mehrere Aufsteller mit Goldbären. Çağdaş  lächelt. Ibrahim lächelt. Hani lächelt. Hinter dem Markt geht die Sonne unter. Die Luft kühlt langsam auf erträgliche 28 Grad ab. Und von der nahen Moschee ruft der Muezzin.

  • Neues Tempo für Deutschland?

    Bei der ICE-Trasse Berlin-München hat es 26 Jahre gedauert. An der A 20 wird seit 1992 gebaut. Bauprojekte ziehen sich in Deutschland. Nun sollen zahlreiche Infrastrukturvorhaben das Prädikat „im überragenden öffentlichen Interesse“ erhalten, damit die Bagger schneller rollen können. Das hat das Bundeskabinett am Mittwoch mit dem Infrastruktur-Zukunftsgesetz beschlossen.

    CDU-Kanzler Friedrich Merz spricht von einem „Qualitätssprung“. Lässt sich dagegen etwas sagen? Eine Menge. Das machten am Mittwoch Umweltschützer klar. Es beginnt mit einer formalen Kritik.

    Denn: Die Verbände bekamen statt der üblichen 14 Tage nur wenigen Stunden Zeit, sich zu dem vom Bundesministerium für Verkehr entworfenen Gesetz offiziell zu äußern. Am vergangenen Freitag um 15.31 Uhr ging es bei ihnen per Mail ein – Rückmeldefrist Montag, 10.00 Uhr. Das sei „schlechte Gesetzgebungspraxis“ schreiben der BUND, NABU und andere zusammen mit ihrem Dachverband Deutscher Naturschutzring, DNR, in ihrer Stellungnahme.

    Die ist auch deshalb interessant, weil mit ihr in Frage steht, ob sich die Planungen wirklich beschleunigen lassen, wenn der Naturschutz, genauer: das bisherige Instrumentarium dafür, abgebaut wird. Die Kritik im einzelnen:

    Punkt 1: Neue Autobahnen, vierspurige Bundesstraßen, Lkw-Abstellplätze – mehr Infrastrukturprojekte als bisher sollen künftig „im überragenden öffentlichen Interesse“ liegen. Umwelt-, Naturschutz- und andere Bedenken müssen dann im Grunde immer zurückstehen. Das überragende öffentliche Interesse kann nur in Ausnahmefällen ausgestochen werden. Welche das sind, werden am Ende Gerichte entscheiden. Der „Überragendes-öffentliches Interesse“- Kniff, monieren die Umweltverbände, entbehre einer „sachlichen Rechtfertigung“ und könne gegen das Willkürverbot gemäß Grundgesetz (Art. 3 Abs. 1, 20 Abs. 3) verstoßen. Klagen? Denkbar.

    Punkt 2: Werden Straßen gebaut oder Schienen verlegt, können Laichgewässer von Amphibien, Brutplätze von Vögeln zerstört werden. Die Träger der Infrastrukturvorhaben müssen für ihre Eingriffe in die Natur eine Kompensation schaffen. Einfachste Maßnahmen: Sie pflanzen Bäume oder verwandeln eine Industriebrache in ein Biotop. Künftig sollen Geldzahlungen reichen. Die gibt es zwar auch heute schon – die Euros gehen dann an Land oder Landkreis – ist aber nicht die Regel. Die seit 1976 im Bundesnaturschutzgesetz verankerte Eingriffsregelung dürfte, so fürchten die Umweltverbände, „ihre praktische Wirksamkeit verlieren“.

    Punkt 3: Die bisherige Eingriffsregelung hat ihre Haken. Die Kompensationsflächen sind schon mal klein oder werden nicht gut gepflegt. Die Koalition will nun bis Ende Februar ein Naturflächenbedarfsgesetz vorlegen, mit dem dann Flächen für den Ausgleich von Baumaßnahmen reserviert werden sollen. Im besten Fall entstünde ein Verbund ökologisch aufgewerteter Flächen. Kümmern soll sich das Bundesumweltministerium – mit dem Geld, das die Bauträger für ihre Eingriffe zahlen. Ob alle Länder einfach so zustimmen fraglich. Die Umweltverbände sorgt allerdings anderes.

    Sie erklären: Deutschland müsse schon heute nach EU-Regeln beispielsweise sogenannte Natura-2000-Schutzgebiete sichern und ökologisch verbessern, mache das aber „völlig unzureichend“. Sie fürchten, dass die bisherige Eingriffsregelung geändert wird, ohne eine wirksame neue Regelung zu haben, so als gehe es auch ohne Natur, obwohl sie Luft reinigt, Böden säubert, Wasser filtert, Kohlendioxid bunkert..

    Letzter Punkt: Die Umweltverbände warnen vor „erheblicher Planungs- und Rechtsunsicherheit“. Bisher sollen mit Umweltverträglichkeitsprüfungen Gefahren großer Bauvorhaben für Tiere und Pflanzen aufgespürt werden, auch für den Menschen etwa durch Lärm oder weniger Erholung. Das Ziel: die verträglichsten Standorte oder Trassenführungen finden. Diese Prüfungen sollen künftig aber anders gemacht werden können als bisher oder ganz wegfallen. Was das heißt bleibt aber unklar, für Vollzugsbehörden ist das schwierig.

    Wie geht es besser? Es brauche eher eine Reform der Verwaltung als einen „Frontalangriff auf Natur und Umweltschutz“, meint Florian Schöne, der den DNR leitet. Zum Beispiel fehle in den Planungs- und Genehmigungsbehörden Personal, sagt BUND-Geschäftsführerin Verena Graichen. Auch könnten flexible Genehmigungsteams helfen, die bei Engpässen eingesetzt werden. NABU-Präsident Jörg Andreas Krüger will nun unter anderem mit Abgeordneten im Bundestag reden. Dort wird das Gesetz nun Anfang des Jahres erstmals beraten.

  • Die Bahnchefin will den Radikalumbau

    Der Aufsichtsrat des Unternehmens hat die Pläne der neuen Bahnchefin Evelyn Palla gebilligt. Sie streicht Führungsebenen gestrichen und verbessert den Service.

    Wolfgang Mulke 

    Schlanker und schneller ist das Leitmotiv der neuen Bahnchefin Evelyn Palla. „Wir stellen die Deutsche Bahn vom Kopf auf die Füße“, kündigt sie an und will Entscheidungen aus der Zentrale in die einzelnen Geschäftsbereiche verlagern. Im Bahntower steht damit ein radikaler Personalabbau an. Statt bisher 43 Organisationseinheiten unterhalb des Vorstands wird es künftig nur noch 22 geben. Mehr als 1000 der bislang 3500 Stellen werden wohl gestrichen. Den betroffenen Mitarbeitern sollen über den konzernweiten Arbeitsmarkt neue Tätigkeiten angeboten werden.

    Auch gibt es weniger Vorstandsposten. Der Konzernvorstand umfasst nur noch sechs statt acht Ressorts, im Regional- und Fernverkehr entfällt je ein Posten, die Infrastruktur verliert zwei Vorstände. Den Kunden sei es egal, wie viele Vorstände die Bahn hat, sagt Palla. Ihnen komme es auf die Qualität der Leistungen an. Darüber will Palla selbst wachen. Die Pünktlichkeit und die Wirtschaftlichkeit steuert die Chefin selbst.

    Alle zwei Wochen überprüft Palla die Pünktlichkeit und die Quellen der Verspätungen analysiert. Für welche Verzögerungen ist das Netz verantwortlich, welche verursachen die Transportunternehmen. Dabei gibt sich Palla keinen Illusionen hinsichtlich einer schnellen Qualitätsverbesserung hin. Im kommenden Jahr strebt sie eine stabile Pünktlichkeitsquote von 60 Prozent an. Bis 2029 soll der Wert auf 70 Prozent steigen. Die Ziele liegen deutlich unterhalb der vom alten Bahnvorstand genannten. In diesem Jahr sollten mehr als 65 von 100 Zügen pünktlich unterwegs sein. Tatsächlich ist die Quote auf etwas mehr als 50 Prozent abgerutscht. Als Grund dafür nennt Palla einen schneller als erwartet verlaufenden Verschleiß des Netzes. 

    Trotz des überlasteten Netzes und dem dadurch mitverursachten Störungen will Palla den Umfang des Angebots aufrecht erhalten. Verkehre ließen auch nicht per Federstrich ausdünnen, sagt sie. Der Regionalverkehr werde beispielsweise von den Ländern bestellt. Darauf habe die DB keinen Einfluß. Auch müssten aufgegebene Verbindungen für  andere Transportunternehmen offen stehen.

    Für die Kunden hat Palla zum Jahresende aber auch eine positive Aussicht parat. Die Bahn investiert ab Januar 140 Millionen Euro in einen besseren Service im Zug, mehr Sicherheit an den Stationen, saubere Züge sowie eine verlässlichere Information der Fahrgäste. Die Bordgastronomie soll ebenso wie die Toiletten im Zug zuverlässiger funktionieren. Dabei dünnt die Bahn mit dem anstehenden Fahrplanwechsel in einigen Regionen den Verkehr durchaus aus und streicht wenig genutzte Züge.

    Übergeordnete Konzernprogramme wie das laufende Sanierungsprogramm S3 wird es nicht mehr geben. Stattdessen sollen alle Entscheidungen möglichst dezentral fallen. Was das konkret bedeutet, zeigt das Beispiel der Infrastrukturgesellschaft InfraGO. Dort ist bisher ein Vorstand für das Bauen im Schienennetz verantwortlich, ein anderer für den Fahrbetrieb. Beide haben naturgemäß unterschiedliche Interessen: der Eine will möglichst viel reparieren oder instand halten, der Andere einen möglichst pünktlichen Verkehr erwirken. Künftig sollen nur ein Manager beide Aufgaben wahrnehmen und so eine bessere Abstimmung von Schienensperrungen und Betrieb erreichen. Gleiches geschieht bei den regionalen Netzen. 

    Nach diesem Prinzip will Palla den gesamten Konzern nach unsinnigen Doppelstrukturen durchforsten. Damit will sie im kommenden Sommer fertig sein. Bis zum Jahresende die Bahnchefin den Umbau dann abschließen. „Es ist vielleicht die größte Transformation in der Bahngeschichte“, sagt Palla. Die Unterstützung dafür ist zumindest aktuell groß. Beide Bahngewerkschaften stützen ihren Kurs. Der Aufsichtsrat habe den Plänen „voll zugestimmt“, erläutert sie.

    Außen vor beim Umbau bleibt in den kommenden Wochen noch die kriselnde Cargosparte. Deren neuer Chef Bernhard Osburg erarbeitet gerade ein Sanierungsprogramm für den Güterverkehr. Ende Dezember sollen die Grundzüge vorliegen. Anschließend wird ein Gutachter den Plan auf seine Tauglichkeit hin prüfen. Dessen negatives Urteil über die Sanierungsvorhaben der abgelösten Chefin Sigrid Nikutta haben letztlich zur Trennung von ihr geführt. 

    Bei der hochdefizitären Cargosparte drängt die Zeit. Bisherige Verluste hat der Konzern per Kredit ausgeglichen. Das hat die EU-Kommission zwischenzeitlich untersagt. So muss der Güterverkehr bis Ende des kommenden Jahres in die schwarzen Zahlen zurückkehren. Sonst droht dem Geschäftsbereich die Zerschlagung.

    Neben dem Dauerbrenner Pünktlichkeit steht eine bessere wirtschaftliche Bilanz ganz oben auf der Wunschliste des Vorstands. Laut Palla wird das operative Ergebnis des Konzerns zwar sowohl in diesem als auch dem kommenden Jahr schwarze Zahlen beinhalten. Doch unter dem Strich bleibt die Bahn im roten Bereich. 

    Große Versprechen sind nicht die Sache der neuen Bahnchefin. Entsprechend zurückhaltend bleibt sie auch mit Blick auf das große Prestigeprojekt Stuttgart 21. Dessen Eröffnung wurde kürzlich wieder einmal verschoben. Einen neuen Termin will Palla noch nicht nennen. „Wir wollen erst einmal eine lückenlose Aufklärung vornehmen“, sagt sie. Das Vorhaben hakt an der geplanten Digitalisierung des Knotenbahnhofs. Unter anderem will die Bahn prüfen, ob das damit beauftragte Unternehmen Hitachi dafür leistungsfähig genug ist.