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  • Aufholjagd im All

    Elon Musk ist oft einfach schneller. Bereits seit 2020 liefert der reichste Mann der Welt mit Starlink Internet aus dem All auf die Erde. Jetzt bekommt er Konkurrenz vom drittreichsten: Jeff Bezos. Dessen Projekt Amazon Leo hängt etwas, doch die Aufholjagd hat begonnen. Entscheidend dabei sind Europäer, was sich an diesem Dienstag wieder zeigt.

    Am Vormittag deutscher Zeit soll eine Ariane-Rakete vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guyana abheben. An Bord sind 32 Leo-Satelliten des Onlinehändlers und Technologiekonzerns Amazon. Leo steht für die Umlaufbahn Low Earth Orbit, in der die Satelliten arbeiten sollen. Wenn alles klappt, schließt Bezos (282 Milliarden Dollar Vermögen) im All ein bisschen auf zu Musk (647 Milliarden Dollar) auf.

    Bezos plant einen Schwarm von zunächst 3236 Satelliten. Gut ein Fünftel davon sollen mit einer Ariane ins All. Insgesamt 18 Starts hat Amazon bestellt, der erste war im Februar. Es ist der größte kommerzielle Auftrag für die französische ArianeGroup, die die Rakete baut. Weite Teile kommen aus Deutschland, vor allem die wichtige Oberstufe, die in Bremen gebaut wird. Sie liefert die Ladung an die richtige Stelle, nachdem Hauptstufe und Booster die Rakete von der Erde weggebracht haben.

    Pierre Godart sitzt in einem Konferenzraum der Fabrik nahe des Bremer Flughafen. Der Deutschland-Chef von ArianeGroup berichtet begeistert von der Präzision der Ariane 6, davon dass rund 600 Firmen aus 13 europäischen Ländern Teile liefern, dass sie nach sechs Starts seit dem Jungfernflug 2024 gerade die Produktion in großem Tempo hochfahren. Wegen der hohen Nachfrage nach Raketen weltweit. „Da wollen wir dabei sein.“

    Es ist auch eine wirtschaftliche Frage. Bisher fliegen Ariane-Raketen vor allem für staatliche Auftraggeber – die europäische Raumfahrtagentur Esa, Verteidigungsministerien. Große Aufträge aus der Privatwirtschaft gab es bisher nicht. Auch war die Ariane 5, Vorgängerin der Ariane 6, im Vergleich zur Konkurrenz zu teuer konnte nur wenige Male im Jahr starten, weil der Bau so aufwändig war. Bei der neuen Rakete sind die Kosten deutlich geringer. Und je mehr Starts verkauft werden, desto mehr rechnen sich die hohen Investitionen von rund vier Milliarden Euro.

    Godart steht jetzt in der hellen Halle zwischen einem fertigen Sauerstofftank, der einer silbrigen Linse mit 5,4 Metern Durchmesser ähnelt und dem ähnlich großen, aber etwas höheren Wasserstofftank. Der Deutschland-Chef der ArianeGroup trägt weiße Überschuhe, hellblauen Kittel und Haarnetz wie alle hier im Reinraum. Winzige Partikel können die Oberstufe später unbrauchbar machen. Die Luft in der Halle mit ihren fast 20 Metern Höhe ist kühl und trocken.

    „Wir haben die Produktion hier komplett neu gebaut“, sagt Godart. Die Oberstufe wird in einer Art Fließbandfertigung hergestellt, wobei das Tempo deutlich langsamer ist als zum Beispiel in der Autoindustrie. Neun bis zehn Oberstufen pro Jahr – Tanks, Triebwerk, Steuereinheiten, zusammengebaut insgesamt jeweils 7,5 Tonnen schwer – soll das Bremer Werk ausliefern, wie Godart sagt. Vielleicht auch elf.

    Amazon dürfte noch größeren Bedarf nach Raketenstarts haben. Insgesamt sollen in einer zweiten Stufe bis zu 7774 Satelliten in 590 bis 630 Kilometern Höhe um die Erde fliegen. Musks Starlink betreibt derzeit mehr als 10.000 Satelliten und will weitere rund 9000 ins All schießen, was dem eigenen Raketenunternehmen SpaceX zusätzlich Aufträge garantiert. Musk startet nur mit Musk. Und die wiederverwertbare Falcon 9 ist deutlich günstiger als die Einmalrakete Ariane 6.

    Dafür lässt sich das Triebwerk der Ariane-Oberstufe mehrfach zünden. Die Satelliten können an mehreren Stellen ausgesetzt werden, müssen selbst nicht mehr so weit fliegen, was Sprit spart. Ein entscheidender Vorteil, der manch Kunden überzeuge, mehr für den Start zu bezahlen, findet ArianeGroup-Manager Godart. Die Satelliten müssen sich im All immer wieder neu ausrichten. Je mehr Sprit sie haben, desto länger halten sie.

    Zum Preis schweigen sich ArianeGroup und Amazon aus. Die Amerikaner dürften allerdings Mengenrabatt bekommen haben. Einzelstarts kosten nach Branchenschätzungen 90 bis 120 Millionen Euro. Insgesamt will der US-Konzern rund zehn Milliarden Dollar in Leo investieren. Martijn van Delden, so etwas wie Amazon Leos europäischer Verkaufschef, berichtet, das Programm sichere jährlich mehr als 3270 Arbeitsplätze in Europa, vor allem in Frankreich und Deutschland.

    Wie Musk mit Starlink setzt auch Bezos mit Amazon Leo darauf, möglichst viel aus einer Hand zu machen. So baut das Unternehmen die Satelliten in einer eigenen US-Fabrik. Sie haben etwa das Format eines großen Kühlschranks, dazu kommen noch Sonnenpaneele für die Stromversorgung. Amazon betreibt auch eigene Bodenstationen und baut die Antennen für Endkunden selbst.

    Wann man Internet über Amazon buchen kann, steht noch nicht fest. Van Delden spricht von 2026. Abgedeckt werden soll zunächst alles zwischen dem 56. Grad nördlicher und südlicher Breite, was Angebote für Mitteleuropa und große Teile Nordamerikas und Asiens möglich macht. Später soll Leo die Welt erfassen. Erste Tests laufen bereits mit ausgewählten Kunden. Anders als Musk verfügt Bezos mit Amazon über eine enorme Vertriebskraft, wird den Rückstand zu Starlink so möglicherweise aufholen können.

  • Die bessere Blumenerde

    Ran an die Balkonkästen, rauf aufs Beet – los geht es, Zeit, dass die Welt bunt aufblüht. Viele zieht es jetzt raus zum Gärtnern und vorher rein in die Bau- uns Supermärkte, um die nötige Blumenerde zu kaufen. Dort stapeln sich die Säcke mit Erdmischungen. Nur: Enthalten sie Torf, gibt es ein großes Klimaproblem. Denn Torf kommt aus Mooren – und die sind für den Kampf gegen die Erderhitzung entscheidend. Was tun?

    Moore bedecken auf der Welt nur drei Prozent der Landfläche, speichern dem Bundesamt für Naturschutz zufolge aber doppelt so viel Kohlenstoff wie alle Wälder der Erde zusammen. Über Jahrzehnte sind sie trockengelegt worden, um Straßen und Häuser zu bauen, Felder, Wiesen und Weiden anzulegen. Für den Abbau von Torf werden sie weiter zerstört. Damit entscheidet sich auch im Blumentopf, ob die Welt den Klimawandel in den Griff bekommt.

    Moorwissenschaftler wie Matthias Krebs von der Universität Greifwald arbeiten längst an Lösungen. „Torf ist fürs Gärtnern das beste Ausgangsmaterial, das es derzeit in benötigter Menge und Qualität gibt“, sagt er. Torf habe viele Poren, kann so Wasser und Luft speichern. Er enthalte so gut wie keine Nährstoffe, keine Schadstoffe, keine Krankheitserreger. Das mache Torf zur „zuverlässigen Substrat-Grundlage vor allem für die Gärtnereien oder Gemüseerzeuger, die termingenau ihre Früchte und Topfpflanzen produzieren und millionenfach an Supermärkte liefern müssen“. Das Substrat kann ganz nach Bedarf der Pflanze gedüngt oder gekalkt werden – perfekt für die hochindustrialisierten Gewächshäuser.

    Torf besteht aus Torfmoosen. Die oberen Teile wachsen auf einem Moor stetig in die Höhe, drücken die unteren mit ihrem Gewicht nach unten, dort sterben sie im Moorwasser ab und werden unter Sauerstoffabschluss nicht vollständig zersetzt. Das braucht alles viel Zeit, eine 1-Meter-Torfschicht etwa 1000 Jahre. „Unsere Idee: Wir bauen Torfmoos an“, sagt Krebs.

    Geht es nach ihm, liegt die Zukunft auf einem Feld nördlich von Oldenburg, nicht weit entfernt von der Nordseeküste. Dort, im Hankhauser Moor, pflanzen er und seine Mitstreitenden nun Torfmoose an, lateinisch Sphagnum, und damit so etwas wie die oberste Schicht eines Moores. „Jetzt im April werden die Moose wieder richtig schön grün, im Winter sind sie so ein wenig blass“, sagt Krebs.

    Die Torfmooskultur wächst dort, wo vor rund 15 Jahren noch eine Weide war, hier schwarz-bunte Kühe liefen, dort Rinder. Das Vieh konnte grasen, weil unzählige Gräben und Rohre durch das einstige Hochmoor gezogen worden waren, die das Wasser weg leiteten. Nun ist das Wasser im Hankhauser Moor zurück, es wird jetzt über die Gräben wieder reingepumpt.

    Zusammen mit dem örtlichen Torfwerk Moorkultur Ramsloh bearbeiten die Wissenschaftler mittlerweile 20 Hektar: Sie testeten welche Moos-Art sich besonders eignet, welche Maschinen mit dem nassen Boden zurechtkommen, wie der Ertrag erhöht werden kann. Derzeit tüfteln sie noch an der besten Erntetechnik, auch an der Produktion des Saatgutes.

    Krebs: „Im Schnitt können wir alle fünf Jahre ernten.“ Die Moose können genauso verarbeitet werden wie Torf und so die klimafreundliche Alternative im Pflanzentopf sein. Theoretisch. Praktisch werden sie derzeit etwa für die Orchideenzucht schon eingesetzt. Noch ist diese Paludikultur – lateinisch abgeleitet vom palus für Sumpf – aber teurer als Torf. Und der Bedarf enorm.

    „Deutschland ist neben den Niederlanden weltweit der größte Hersteller und Endverbraucher von Torf-Substraten“, erklärt Krebs. Torf wird in der Bundesrepublik nur noch auf wenigen Flächen Niedersachsens abgebaut, die letzten Genehmigungen dafür liefen auch aus, neue gebe es nicht. Trotzdem werden bis zu 9 Millionen Kubikmeter Torf in Deutschland jedes Jahr verarbeitet – geliefert vor allem aus dem Baltikum und Skandinavien.

    „Fingen wir mit dem Ersatz von 3 Millionen Kubikmetern Torf an, müssten bis zu 35.000 Hektar Torfmoos auf bisherigem Hochmoorgrünland gepflanzt werden“, sagt Krebs. Allein: Für die Wiesen und Weiden erhielten Bauern EU-Agrarsubventionen, aber nicht für die klimafreundlichen Paludikulturen. Das mache den Moorschutz wenig „attraktiv“, meint Krebs: „Die Politik muss Bauern Anreize geben und dies ändern.“ Zeit wird es.

    Deutschland hatte vor vier Jahren eine Torfminderungsstrategie beschlossen: Seit diesem Jahr soll auf Torf im Hobby-Gartenbau verzichtet werden. Dennoch liegen in Bau-, Supermärkten und Gartencentern immer noch Erden mit Torf. Verbraucher können trotzdem vorangehen: Meist gibt es auch Erden ohne. Das zeigt zum Beispiel der „BUND-Einkaufsführer für torffreie Erden 2026“. Darin eine Liste mit mehr als 350 Produkten von 27 Herstellern und 16 große Gartencenter und Baumärkte mit den jeweils dort verfügbaren torffreien Produkten.

    In denen steckt nicht Torfmoos. Das habe „großes Potenzial“, sagt Krebs, gebe es bisher aber nur in kleinen Mengen, etwa direkt beim Moorwerk Ramsloh. In den Säcken sei Torf ersetzt durch Holzfasern oder Kompost, die sich für das Gartenbeet oder den Balkonkasten auch gut eigneten, nur etwas öfter und in kleineren Mengen gewässert werden müssten.

    Kasten: Torffrei gärtnern
    Der Umweltverband BUND rät: „Achten Sie beim Kauf auf die Kennzeichnung „torffrei“ oder „ohne Torf“. „Bio“ kann auch auf torfhaltigen Erden stehen.“ Den Einkaufsführer finden Sie unter:
    https://www.bund.net/service/publikationen/detail/publication/bund-einkaufsfuehrer-fuer-torffreie-erden/
    Auch das Bundeslandwirtschaftsministerium hat unter https://www.torffrei.info/ Tipps zusammengestellt.

  • Gefährliche Borsten aus Deutschland

    Auf den ersten Blick sieht alles richtig aus, Aufsätze für elektrische Zahnbürsten eben. Normalerweise sind sie recht teuer, in diesem Fall scheint es ein Schnäppchen zu sein. Doch was auf Amazon als Topangebot für Philips-Sonicare-Geräte angezeigt wird, ist gefälscht. Kunden bekommen Bürsten aus minderwertigem Material, die vielleicht bürsten, aber mit den Ultraschallgeräten von Philips nicht harmonieren und eventuell sogar schädlich sind. Der Verkäufer muss sich jetzt vor Gericht verantworten – in Frankfurt.

    Anzeige erstattet haben Amazon und Philips. Den Täter entdeckte Amazons konzerneigene Ermittlergruppe CCU (Counterfeit Crimes Unit), die Produktfälschern auf der Spur ist und hier mit Philips zusammenarbeitete. „Dieser Fall sendet eine klare Nachricht: Wenn Sie versuchen, Fälschungen in unserem Onlinegeschäft zu verkaufen, finden wir Sie, stoppen Sie und verfolgen Sie rechtlich in jeder Form, einschließlich Schadenersatz und Strafverfolgung“, kommentiert CCU-Chef Kebharu Smith.

    Zahnbürsten sind offenbar sehr attraktiv für Fälscher. Philips-Manager Gerrit Janßen berichtet von mehr als 4500 Fällen in Westeuropa allein 2025. Der jetzt angeklagte Täter, der, wie zu hören ist, in Deutschland wohnt, ist nur einer von ihnen. Gefälscht wird fast alles, was schnellen Gewinn verspricht, ob das nun teure Zahnbürstenköpfe sind oder Druckerkartuschen, Luxushandtaschen oder Designkerzenhalter aus den Sechzigerjahren des 20. Jahrhunderts. Und die Täter kommen nicht immer aus China, wie der Philips-Fall zeigt. auch wenn dort schnell und in großen Stückzahlen täuschend echte Produkte hergestellt werden können.

    Besonders stolz ist Amazons CCU deshalb auf die engen Kontakte mit den Ermittlungsbehörden in China. Allein für 2025 berichten die Amerikaner über mehr als 70 erfolgreiche Razzien gegen Hersteller, Lieferanten und Händler gefälschter Produkte. Zahlreiche Täter seien zu Geld- und Gefängnisstrafen verurteilt worden. Insgesamt entdeckte Amazon dem neuen Trustworthy Shopping Experience Report (TSE, etwa Vertrauensvoll-Einkaufen-Bericht) weltweit mehr als 15 Millionen gefälschte Produkte und zog sie aus dem Verkehr.

    Über die Seiten des größten Online-Händlers der Welt werden mehrere hundert Millionen Produkte angeboten. Genaue Zahlen gibt Amazon nicht heraus. Der Konzern verkauft einiges selbst, bietet aber seinen Onlineladen und seine Logistikzentren auch anderen Händlern an, die gegen Gebühren die Reichweite nutzen können. Und dabei sind einige, die das schnelle Geld mit gefälschten Produkten machen wollen und hoffen, nicht entdeckt zu werden.

    Inzwischen nutzt Amazon Künstliche Intelligenz und kann deshalb mögliche Verstöße vorhersagen, bevor neue Marken oder Produkte überhaupt bei Amazon erscheinen, wie es in einem Blog des Unternehmens heißt. Dafür scannt die Software Social Media und andere Händler und analysiert die Informationen. Denn Täter sind oft schneller mit den Fälschungen am Markt, als offizielle Anbieter ihre Produkte herausbringen.

    So gelang es im vergangenen Jahr, ein gefälschtes Angebot zu sperren, acht Tage bevor der wahre Markeninhaber des neuen Produkts Amazon mitteilte, das er die Rechte hält. Das Produkt war vorher bei Social Media viral gegangen. Mit einer ähnlichen KI-Technologie spüren die Amerikaner gefährliche und gefälschte Internetseiten auf, um sie dann automatisiert aus dem Verkehr ziehen zu lassen. Allein 2024 investierte Amazon mehr als eine Milliarde Dollar unter anderem in solche Technologie und den Ausbau der CCU.

    Die Einheit startete 2020. Smith hat sie aufgebaut. Er arbeitete gut 20 Jahre im US-Justizministerium, beschäftigte sich mit Computerkriminalität und geistigem Eigentum. Im Team sind ehemalige Staatsanwälte, Geheimdienstmitarbeiter und Polizeibeamte sowie Ermittler und Datenanalysten. Die Einheit arbeitet mit mehr als 50 staatlichen Behörden wie Europol, der US Homeland Security und der US-Bundespolizei FBI zusammen. Und auch deutschen Ermittlungsbehörden.

    Inzwischen hat die CCU mehr als 32.000 Täter in 14 Ländern der Welt vor Gericht gebracht. Mehr als 290 sitzen inzwischen im Gefängnis – im Schnitt für 29 Monate. Diese durchschnittliche Haftlänge zeige die ernsten Konsequenzen für die Täter, wenn sie erwischt würden, heißt es im TSE-Bericht von Amazon.

    Manchmal dauert es. Bereits 2022 verklagten Amazon und der japanische Druckerhersteller Brother 18 Personen beim Landgericht Berlin. Sie hatten Original- Druckerpatronen gekauft, mit minderwertiger Tinte befüllt, mit gefälschten Hologrammen versehen, um das Original nachzuahmen, und verkauft. 2024 gab es ein großangelegte Razzia gegen die Täter. Im vergangenen Jahr verurteilte das Landgericht Berlin die Bande wegen Produktfälschung und zu 500.000 Euro Schadenersatz.

  • „Zivile Atomanlagen wurden zum Kriegsschauplatz“

    Die Atomexperten Lutz Küchler und Andreas Berthold über die Folgen des Super-GAUs in Tschernobyl und die Gefahren heute – etwa bei Raketenangriffen auf ukrainische Atomkraftwerke.

    https://www.das-parlament.de/wirtschaft/nukleare/zivile-atomanlagen-wurden-zum-kriegsschauplatz

  • Auf der Suche nach dem Digitalschub

    Angesichts Größe der Aufgabe sind die Zahlen recht gut versteckt. Wie viel Geld gab der Bund im vergangenen Jahr für Digitalisierung aus? fragten sich die Politikberatung Agora Digitale Transformation aus Berlin und die Wirtschaftsforscher vom ZEW in Mannheim. Und hat der Start des Digitalministeriums den nötigen Schub gebracht, um Deutschland aus dem Zeitalter staubiger Akten und ausufernder Excel-Tabellen in die digitale Zukunft zu bringen? Nun ja.

    Insgesamt standen für Digitalisierung beim Bund 21,1 Milliarden Euro bereit, wie Friedrich Heinemann vom ZEW sagt. Sein Forschungsbereich hat die Zahlen ermittelt. Ein Jahr zuvor waren es noch 19,8 Milliarden Euro. Eingerechnet ist Geld aus dem Bundeshaushalt und aus zwei Milliardentöpfen, dem Klima- und Transformationsfonds sowie dem Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität. Nicht erfasst ist, was Länder und Kommunen für Digitalisierung ausgeben oder die Gesetzliche Krankenversicherung.

    Staatliche Digitalisierungsprojekte sind zum Beispiel die digitale Brieftasche Eudi-Wallet, der digitale Fahrzeugschein oder die Digitalisierung der Grundbücher oder des Handelsregisters.

    Wird allein der Bundeshaushalt ohne die beiden Sondervermögen betrachtet, sind die Digitalausgaben gesungen, von 19,2 auf 16,9 Milliarden Euro. Der Bund hat offenbar Aufgaben aus dem normalen Haushalt herausgenommen und auf die Sondervermögen übertragen. Stefan Heumann, Geschäftsführer der gemeinnützigen Beratung Agora Digitale Transformation, spricht von einem Verschiebebahnhof – im Haushalt werde gespart, das Ganze dann auf die Sondervermögen verlegt.

    Grundsätzlich ist erst einmal egal, woher das Geld stammt, Hauptsache es wird investiert. Allerdings: „Langfristig kann das zum Problem werden, weil die Sondervermögen nur auf fünf Jahre angelegt sind“, sagt Heumann. Danach müsse das Geld wieder aus dem normalen Haushalt kommen. Und der sei, sagt ZEW-Experte Heinemann, etwas versteinert mit den großen Ausgabenposten für die Sozialversicherungen. 2026 gibt der Bund mehr als ein Drittel seines Etats für Rente, Grundsicherung und Arbeitslose aus.

    2025 betrug der Anteil der Digitalausgaben am Gesamthaushalt 3,4 Prozent, mehr als 2019 (2,6 Prozent) und weniger als 2023 (4,4 Prozent). Am meisten Geld war im vergangenen Jahr für die Digitalisierung der Verwaltung (4,7 Milliarden Euro) vorgesehen und für die Bundeswehr (4,7 Milliarden Euro). Allerdings bedeutet viel Geld nicht, dass alles gut wird. Da hat Agora-Geschäftsführer Heumann so seine Zweifel. „Der Etat muss nicht steigen, wir müssen das Geld nur besser ausgeben“, sagt er. Es gebe auch hohes Sparpotenzial durch die Digitalisierung. Sicher ist nur, dass in den vergangenen Jahren nicht alles Geld abgerufen wurde, wie die Zahlen zeigen.

    Einen digitalen Schub sieht Heumann in Deutschland bisher nicht. Dabei hätte man bei einem eigenständigen Digitalministerium, der Diskussion um digitale Souveränität Deutschlands, also weniger Abhängigkeit von Technologien aus den USA, und den beiden Sondervermögen eigentlich einen erwarten sollen. Ziel und Wirkung der Ausgaben sei nicht so klar, sagt ZEW-Experte Heinemann. Im Herbst soll es dazu eine genaue Analyse geben.

    Das hat auch mit der komplizierten Datenlage zu tun. Heinemann berichtet von einem detektivischen Vorgehen. Der Bundeshaushalt liegt nicht digitalisiert vor und schon gar nicht maschinenlesbar, so dass Computer ihn nicht systematisch analysieren können. Die Experten durchsuchten für 2025 deshalb 5690 Haushaltstitel mit fünf verschiedenen Methoden, unter anderem fahndeten sie mit mehr als 3000 Digitalisierungsschlagworten in Texten der Haushaltsposten, wie Heinemann sagte.

    Im Ergebnis hatten 1054 Titel einen Digitalanteil, den die ZEW-Experten noch gewichten mussten. An die europäische Raumfahrtorganisation Esa etwa flossen 939,14 Millionen Euro, davon war aber nur ein Teil für Digitales – die Experten kamen auf streng betrachtet auf 23,5 Millionen Euro. Dazu kamen dann noch Titel aus dem Verteidigungsministerium. „Keine Waffenbeschaffung heute ist mehr ohne digitalen Anteil möglich“, sagt Heinemann.

    Die Experten haben auch einen Etat für das Digitalministerium für 2025 errechnet: 504 Millionen Euro, deutlich der kleinste Haushalt aller Ministerien. Offiziell gab es keinen detaillierten. Es war das erste Jahr des Ministeriums, das sich erst einmal finden musste und digitale Posten von anderen Ministerien bekam. Für 2026 sind im aktuellen Haushaltsplan 1,36 Milliarden Euro vorgesehen, etwas mehr als dem Justizministerium zugestanden wurden, das jetzt den kleinsten Etat hat.

  • Der neue Reiz Europas

    Für viele Menschen wirkt die Weltordnung gerade aus den Fugen. Treibende Kraft ist US-Präsident Donald Trump, der angeblich Amerika wieder groß machen will, die Vereinigten Staaten aber zunehmend abkoppelt von den früheren Partnern. Für Europa bedeutet das einen enormen Schub, die EU ist auch attraktiv wie selten zuvor. Für die sich abzeichnenden neuen Strukturen der Weltwirtschaft ist das von Vorteil.

    Reformwille

    Jahrzehntelang haben sich die Europäer auf die USA verlassen – etwa bei der Verteidigung über die Nato. Die Amerikaner profitierten umgekehrt vom größten Wirtschaftsraum der Welt, von Forschungszusammenarbeit und Datenaustausch. Vielleicht verließen sich die Europäer etwas zu sehr auf US-Technik, aber warum soll man alles doppelt entwickeln, wenn die Freunde bereits etwas haben?

    Weil die US-Regierung jetzt gern auf Freunde verzichtet, musste sich die EU mit Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen der eigenen Macht und Größe in einer Art Crashkurs bewusst werden. Der Druck von außen macht zudem Tempo möglich, das im komplizierten und etwas umständlichen EU-Entscheidungsmechanismus kaum möglich schien.

    Inzwischen treibt der Druck Reformen voran. Die EU nahm zurück, wenn etwas womöglich zu weit ging oder die Politik zu früh zu viel wollte, etwa beim Lieferkettengesetz. Bei der Verteidigung wird enger zusammengearbeitet. Auch der digitale Euro kommt in einem überraschenden Tempo. Dabei geht es nicht nur um eine neue Art von Bargeld, sondern vor allem um Zahlungsabwicklung ohne US-Technik, was bisher fast nicht möglich ist.

    Und auch an Stellen, an denen die EU sich bisher noch in nationalstaatlicher Kleinteiligkeit verliert wie dem Kapitalmarkt, bewegt sich etwas. Europa soll nicht mehr so sehr auf große US-Investoren angewiesen sein oder Firmen wegen des Geldes in die USA ziehen lassen müssen.

    Attraktivität

    Der europäische Binnenmarkt mit 27 Staaten, rund 450 Millionen Einwohnern und das gemeinsame Wertesystem lockt. Großbritannien, traditionell den USA zugeneigt, inzwischen aber auf Abstand zu Trump, will sich dem Wirtschaftsraum wieder anschließen. Zehn Jahre nach dem knappen Volksentscheid, aus der EU auszutreten, betrachtet die Labour-Regierung unter Keir Starmer den gemeinsamen Markt als Modell für die Zukunft. Auch die Bevölkerung ist nicht abgeneigt, eine Mehrheit war zuletzt dafür, sich der EU weiter zu öffnen.

    Dann überraschten zuletzt die Kanadier. Fast 60 Prozent der rund 42 Millionen Einwohner kann sich vorstellen, künftig zur EU zu gehören. Das britische Magazin Economist schlug schon kurz nach Trumps Amtsantritt 2025 vor, Kanada solle der EU beitreten. Inzwischen hat die Politik der USA den großen Nachbarn offenbar nachhaltig mit Drohungen und Strafen verstimmt. Kanada hat bisher knapp 9000 Kilometer Grenze zu den USA und einige Kilometer mit der EU, genauer eine Seegrenze zu den französischen Überseegebiets Saint-Pierre-et-Miquelon, eine Inselgruppe vor Neufundland. Ein Freihandelsabkommen gilt bereits seit 2017.

    Gerade verbündeten sich die kanadische Weltraumagentur CSA und die europäische Esa fürs All miteinander. Sie wollen sensible Daten austauschen und bei Erdbeobachtung und auch militärischer Nutzung des Weltraums zusammenarbeiten. CSA-Präsidentin Lisa Campbell sprach von einem Meilenstein in der Partnerschaft Kanadas mit Europa.

    Wirtschaftsordnung

    Das „Kümmert Euch doch um Euch selbst“ der US-Regierung bringt die EU außenwirtschaftlich auf Trab. während Trump den wirtschaftlichen Zugang zu den USA durch Zölle erschwert, setzt die EU auf deren Abbau. Seit Anfang des Jahres gibt es ein Freihandelsabkommen mit Indien, dem bevölkerungsreichsten Land der Welt, seit März eines mit Australien. Vom 1. Mai an wird das Mercosur-Abkommen mit großen Staaten Südamerikas angewandt. Rund 25 Jahre wurde verhandelt, ohne dass etwas passierte. Dank Trump ging es dann schnell – trotz des Widerstands einzelner EU-Länder.

    Die neue Strategie passt auch in die sich abzeichnende neue Weltwirtschaftsordnung. Seit dem Zweiten Weltkrieg waren die USA Garant für freie Märkte, Globalisierung und militärische Sicherheit. Diese Position verliert das Land. Der US-Präsident arbeitet mit Zöllen, Drohungen, Beleidigungen und selbstherrlichen militärischen Einsätzen sogar aktiv daran.

    Kommt jetzt das Chaos? Was zunächst ungeordnet aussieht, hat doch Struktur. Es ist ein bisschen, als überwucherte der Dschungel die sauberen Reihen eines Maisfelds. Wild, aber: Im Dschungel überleben und gedeihen Pflanzen, wenn sie sich aufeinander einlassen, sich ihre Nischen suchen. Und nur insgesamt überlebt der Dschungel. Übertragen bedeutet das: gemeinsames Vorgehen immer dort, wo es beiden Seiten nützt. In einem solchen Urwald, einer Art kooperativer Globalisierung 2.0, hat eine große EU-Freihandelszone mit guten Kontakten weltweit gute Chancen und damit auch deutsche Unternehmen.

  • Reichlich Tücken

    Steigen die Spritpreise, steigt in Deutschland auch der Puls vieler Politiker. Angesichts der leidenschaftlichen Debatte könnte der Eindruck entstehen, die Republik stünde still, weil Benzin 2,30 Euro je Liter kostet und nicht mehr 1,85. Dabei bremsen immer noch zu viele Autos den Verkehr, stauen sich auf deutschen Straßen. Weil alle gern weniger zahlen, hat die Bundesregierung bereits den Tankrabatt beschlossen, der die Steuer auf einen Liter Sprit um 17 Cent senken soll – wenn alle mitmachen und der Weltmarktpreis wegen des Krieges der USA und Israels gegen den Iran nicht weiter steigt. SPD und Linke vermuten zudem einen Krisenprofit der Mineralölkonzerne, den sie per Übergewinnsteuer abschöpfen wollen.

    Als Verbraucher wünscht man sich das enorme Gewese um teuer gefüllte Tanks auch einmal bei den Gütern des täglichen Bedarfs. Die Lebensmittelpreise steigen seit Jahren und belasten alle Menschen. Aber Sprit ist im Autofahrerdeutschland offenbar wichtiger. Nur: Eine Übergewinnsteuer ist sicher keine gute Lösung. Denn sie hat mindestens fünf Tücken.

    Zum einen taugt sie nicht, um die Verbraucher schnell zu entlasten. Mit ihr ließe sich höchstens nachträglich etwas finanzieren. Zum zweiten ist es schwer, genau nachzuweisen, in welchem Umfang ein Konzern von einer Krise profitiert hat. Den durchschnittlichen Gewinn der vergangenen fünf Jahre zu nehmen und alles, was darüber liegt, zu besteuern, ist willkürlich. Warum nicht acht Jahre oder nur drei? Außerdem kann das Unternehmen auch mehr verdient haben, weil es die internen Kosten gedrückt hat.

    Zum dritten ist unklar, ob am Ende des laufenden Geschäftsjahres tatsächlich Übergewinne bei den Mineralölkonzernen angefallen sind. Schließlich ist nicht genau vorherzusagen, wie sich 2026 weiter entwickelt. Zum vierten ist unklar, wie viel die Steuer überhaupt bringt. Auch das hängt vom Geschäftsverlauf der Firmen ab. Zum letzten ist unklar, ob die Steuer rechtens ist. Entsprechende Klagen gegen die Übergewinnsteuer von 2022/23 liegen derzeit beim Europäischen Gerichtshof. Ausgang offen.

    Erstaunlich ist auch, dass dieselbe Debatte geführt wird wie schon 2022, teilweise wortgleich. In einer zunehmend unübersichtlicheren Wirtschaftswelt, in der sich die USA als ordnende Macht verabschiedet haben, muss sich Deutschland auf solche Situationen wie einen steigenden Ölpreis einstellen. Ihre Zahl wird zunehmen. Nötig sind langfristig gültige Regeln, die im Notfall greifen. Hilfreich wäre auch, die Abhängigkeit vom Öl zu verringern. Sonst bleibt es beim kurzfristigen Hickhack mit schlechten Lösungen wie dem Tankrabatt oder der Übergewinnsteuer, die politisch klares Handeln vorgaukeln, den Menschen aber wenig bringen.

  • Pflichtversichert gegen Starkregen

    Vielen Wohnhäusern fehlt die finanzielle Vorsorge gegen Elementarschäden, die durch den Klimawandel häufiger auftreten. Die Organisation Urgewald fordert deshalb Policen für alle – was der Versicherungsverband nicht will.

    Alle Eigentümer:innen von Wohngebäuden sollten eine günstige Versicherung gegen Überschwemmungen und Starkregen abschließen können – aber auch müssen. So lautet der Vorschlag der Organisation Urgewald. Bisher gibt es eine solche verpflichtende Elementarschaden-Versicherung in Deutschland nicht, im benachbarten Frankreich funktioniert sie dagegen gut.

    Dort kostet eine solche Police nach Angaben der Organisation 42 Euro im Jahr zusätzlich zur normalen Gebäudeversicherung. Hierzulande verlangen die Versicherungsunternehmen jedoch typischerweise zwischen 60 und 1.000 Euro, was vielen Hausbesitzer:innen zu teuer ist. Nur 57 Prozent der Wohngebäude verfügen deshalb über einen finanziellen Schutz gegen Extremwetter-Schäden, wobei über 400.000 Häuser in der Nähe von Gewässern besonders gefährdet sind.

    Urgewald ist eine Umwelt- und Menschenrechtsorganisation, die sich unter anderem mit dem Klimawandel beschäftigt. Dieser gilt als eine Ursache der zunehmend teuren Schäden durch Wetterextreme, welche mitunter nur noch schwer zu versichern sind. Das Problem wird in Deutschland seit Jahren diskutiert, doch die Politik kommt zu keiner Lösung. In Extremfällen wie der Ahr-Katastrophe 2021 deckte der Staat die gigantischen Kosten aus Steuermitteln auch für freiwillig unversichertes Eigentum. Damals legte der Bund einen Hilfsfonds mit 30 Milliarden Euro auf.

    „Die deutsche Politik sollte sich an Modellen wie dem in Frankreich orientieren“, sagt Lena Samborski von Urgewald. „Das dortige System zeigt, wie eine kostengünstige, solidarische und gleichzeitig stabile Absicherung gegen zunehmende Klimaschäden aussehen sollte.“ Die Pflichtversicherung sei in Deutschland rechtlich ebenfalls möglich, heißt es in einer neuen Studie der Organisation. Das Zentrum für Europäischen Verbraucherschutz in Kehl plädiert gleichfalls für das französische Modell.

    Dieses sieht so aus: Die Basisverträge für Wohngebäude und Autos enthalten automatisch den Schutz gegen Extremwetter-Schäden. Die privaten Unternehmen können diese Risiken günstig bei einem staatlichen Rückversicherer abdecken. Beide teilen sich die Kosten der Schadensregulierung. Sollten deren Reserven erschöpft sein, wird noch eine staatliche Garantie wirksam. Aus den Prämien lassen sich außerdem Präventionsmaßnahmen finanzieren, etwa Gefährdungsanalysen, der Bau von Deichen oder die Umsiedlung von Gebäuden.

    Hierzulande hat im vergangenen Dezember der Verband der Versicherungen (GDV) eine Variante vorgeschlagen, die ähnlich klingt, aber entscheidende Unterschiede aufweist. So wollen die Firmen den Immobilienbesitzer:innen ermöglichen, den Vertragsbestandteil des Elementarschadenschutzes abzulehnen. Es handelt sich also nicht um eine Pflichtversicherung. Im übrigen soll der Rückversicherer ein privates, kein staatliches Unternehmen sein. Die zusätzlichen Versicherungskosten für ein gefährdetes Haus am Fluss ließen sich mit diesem Modell beispielsweise auf 1.200 Euro pro Jahr begrenzen, sagte Anja Käfer-Rohrbach, die Vize-Geschäftsführerin des Verbandes.

    „Das GDV-Modell wäre unsolidarisch und unnötig teuer“, erklärt dazu Urgewald-Expertin Samborski – und verweist auf die 42 Euro in der französischen Variante. Die Organisation äußert die Vermutung, dass der deutsche Verband und seine Mitglieder schlicht ihre Gewinnmargen in die Höhe treiben. Bei geringeren Prämien fielen diese ebenfalls niedriger aus.

    Währenddessen findet die hiesige Politik noch zu keinem Kompromiss. Die Arbeiten am Gesetzentwurf seien nicht abgeschlossen, hieß es im Bundesjustizministerium. Im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD steht, dass bald möglichst alle Gebäudeversicherungen auch den Schutz gegen Extremwetter-Schäden enthalten sollten. Allerdings will man das „Opt-Out“ prüfen, also die Möglichkeit des „Neins“ der Hauseigentümer:innen. Die Regierungen der Bundesländer setzen sich dagegen für die gesetzliche Pflicht ein.

    Die Klimaschutz-Organisation Urgewald interessiert sich auch deshalb für die Versicherungsfrage, weil ihrer Ansicht nach manche Versicherungsunternehmen eine klimaschädliche Geschäftspolitik betreiben, indem sie Policen mit großen Kohlendioxid-Verursachern abschließen. Das seien teilweise noch Vertrage mit der Öl-, vor allem aber mit der Gasindustrie etwa für Leitungen und Flüssiggas-Terminals. Urgewald fordert, dass die Versicherungen solche Geschäfte zurückdrängen. Die Kosten der Extremwetter- und Klimaschäden sollten sie sich von der Verursachern zurückholen.

  • Im Bann der Klemmbausteine

    Einige halten es für das hässlichste Gebäude Berlins, vielleicht sogar Deutschlands, andere für das coolste. Für Gary Fleischer ist das raumschiffartige Internationale Congress Centrum ICC ein hervorragendes Vorbild für ein Modell aus Klemmbausteinen. Womöglich nicht ganz so ausgefallen wie der Star-Wars-Todesstern von Lego, aber für Fans der Klötze schon eine kuriose Herausforderung.

    Fleischer leitet Bryx, ein noch junges Unternehmen, das dem dänischen Marktführer nacheifert, zumindest ein bisschen. Der Konzern aus Billund mit seinen Legosteinen bespielt schließlich den Weltmarkt, während Bryx aus Berlin eher Deutschland im Blick hat. Die Steinchen aber passen schon einmal zusammen. Und der Anspruch ist hoch.

    „Bei der Gründung war mir wichtig, dass wir dieselbe Qualität wie Lego haben“, sagt Fleischer. „Wichtig sind unter anderem Material, Angusspunkte, Verformungsstabilität und wie gut die Steine zusammenhalten.“ Lego-Experten bemerken sofort, dass die Bryx-Blöcke etwas anders aussehen. Beim Bauen aber gibt es keinen Unterschied. „Alles ist kompatibel. Wir nutzen das gleiche Material, bieten Standardsteine mit Standardfarben, können aber auch alle anderen Farben, was Lego zum Beispiel nicht anbietet. Und wir haben einige Sondersteine im Programm.“

    Das Lego-Patent auf die Klemmbausteine ist seit Jahren abgelaufen, inzwischen versuchen sich einige günstigere Konkurrenten auf dem Markt, Bluebrixx zum Beispiel oder Cobi. Manche Steinformen sind immer noch geschützt. Und die Dänen sind wenig zimperlich, wenn ihre Rechte verletzt werden, was manch Anbieter teuer bezahlen musste. Bryx blieb bisher verschont. „Wir halten uns an alle Lizenzen“, sagt Fleischer. „Bisher haben wir keine Probleme mit Lego.“

    Ob es an den bunten Steinchen liegt oder am Erfolg seines Unternehmens, Fleischer verbreitet im Gespräch einfach gute Laune. Möglicherweise ist er auch ein grundsätzlich positiv gestimmter Mensch. Und einer, der vor etwas verrückten Aufgaben nicht zurückschreckt. Denn alles begann während der Corona-Zeit. Fleischer langweilte sich ein wenig und wettete mit einem Freund, dass er Berlin-Mitte komplett aus Lego nachbauen könne – deutlich verkleinert natürlich.

    Mehrere hunderttausend Steine später war das Werk vollbracht. „Darüber kamen dann Anfragen von einem Immobilienentwickler. Ich merkte schnell: Das ist ein Markt“, erinnert sich Fleischer. 2023 gründete der Grafikdesigner gemeinsam mit Betriebswirt Michael Marston Bryx. Startkapital: 2000 Euro und jede Menge Begeisterung. Marston ist auch Experte, er betrieb in Karlsruhe bereits ein Geschäft für die kleinen bunten Steine.

    „Wir sind mit der Agentur, der eigenen Marke und einem Einzelsteinverkauf gestartet, um nicht alles auf eine Karte zu setzen“, sagt Fleischer. „Agentur und Marke sind geradezu explodiert, was wir so nicht erwartet haben.“ Das zeigt sich auch bei der Belegschaft. Bis 2025 war Fleischer der einzige Angestellte, inzwischen arbeiten 18 Beschäftigte für Bryx, Ende des Jahres sind es vermutlich 50.

    Die Agentur entwickelt Bausätze für Unternehmen. „Ein Messegeschenk aus Klemmbausteinen ist einfach netter als Schlüsselbänder mit Firmenaufdruck“, sagt Fleischer. „Klein, zum Bauen und hinterher stellt es der Kunde ins Regal und erinnert sich immer an den Messebesuch.“ Es gibt auch andere Ideen. Für RWE baut das Team zum Beispiel alle Kraftwerke nach, Tui verteilt an manche Urlauber Miniinseln als Andenken. Grenzen gibt es kaum: „Schiffe, Busse, technische Anlagen, ein Set zum 50. Bühnenjubiläum von Roland Kaiser – alles ist möglich.“

    Im Endkundengeschäft ging es zum Start um Gebäude, natürlich. „Unsere Produkte sollen Emotionen wecken“, beschreibt Fleischer. „Und welche Gebäude wecken Emotionen? Fußballstadien.“ Mit 22 Vereinen der ersten bis dritten Liga, vereinbarte das Unternehmen Lizenzen, darunter Dortmund, Frankfurt, Kaiserslautern, St. Pauli, Stuttgart und Union Berlin. Bryx verhandelt aber gerade mit ähnlichen deutschen  Legenden wie Roland Kaiser und den Eigentümern bekannter Kinderfiguren über neue Sets.

     „Die Modelle werden am Rechner gestaltet und geplant. Da prüfen wir auch, ob das Modell so funktioniert und die Statik hält“, sagt Fleischer. „Dann bauen wir es noch physisch, bevor es in die Produktion geht.“ Bryx lässt mit eigenen Formen in China fertigen, in einer Fabrik, die die Ansprüche erfüllt. Eine Fertigung in Deutschland ist geplant, würde die Finanzen des Unternehmens aber übersteigen, auch wenn es Geld verdient.

    Genaue Zahlen nennt Fleischer nicht, aber an Lego kommen die Berliner sicher nicht heran. Der Erfinder der Steine fertigt an sieben Standorten weltweit, setzte 2025 umgerechnet 11,2 Milliarden Euro um, ein sattes Plus von zwölf Prozent im Vergleich zu 2024. Der Gewinn des dänischen Familienunternehmens belief sich auf 2,2 Milliarden Euro – überwiegend gebaut auf Klemmbausteinen.

    Bei Bryx liegt das Augenmerk auch auf Wachstum. Bisher verkauft das Unternehmen über seinen Onlineshop und einige ausgewählte Händler, jetzt soll der Vertrieb auf große Ketten erweitert werden. Preislich liegen die Berliner unter denen des großen Konkurrenten, aber über manch anderem Anbieter der Klötzchen. „Wir wollen nicht die günstigsten sein. Die Qualität muss stimmen“, sagt Fleischer. „Und wir stecken sehr viel Liebe in Details. In einem Stadionmodell sind dann auch für Fans wichtige Graffiti und die Bierbuden dabei.“

  • Kein Recht auf billigen Sprit

    Wenig regt die Deutschen so auf, wie steigende Spritpreise. Seit die USA gemeinsam mit Israel Krieg gegen den Iran führen, hat sich Öl kräftig verteuert, kosten Benzin und Diesel an Tankstellen mehr als je zuvor, rufen diejenigen, die weniger Staat fordern, plötzlich laut nach ihm. Offenbar ist der Staat doch gut genug, wenn es an den eigenen Geldbeutel geht. Dabei kann die Bundesregierung nur sehr begrenzt etwas tun. Denn Weltmarktpreise lassen sich nicht in Berlin stoppen.

    Hätte die Bundesregierung zum Beispiel vor drei Wochen die Steuern gesenkt, wäre die Ersparnis bis heute komplett verschwunden. Teuer wäre es immer noch. Der Effekt lässt sich im kleinen Maßstab in der Gastronomie sehen. Zum Jahreswechsel sank der Mehrwertsteuersatz auf Speisen von 19 auf sieben Prozent. Angekommen ist davon beim Kunden in den Restaurants praktisch nichts. Die steigenden Kosten der Betriebe, Ausgaben für Energie, Löhne, Zutaten, haben die Steuersenkung aufgefressen.

    Den Spritpreis staatlicherseits bei zum Beispiel zwei Euro zu deckeln führt zu unkontrolliert hohen Kosten – denn die Bundesregierung müsste die Differenz zum wahren Spritpreis übernehmen, sonst bleibt der Zapfhahn trocken. Die Pendlerpauschale zu erhöhen, klingt vielleicht verlockend, wirkt aber erst, wenn die Steuererklärung gemacht wird, ändert nichts an den hohen Preisen und wird ebenfalls teuer für den Staat und damit für alle.

    Es gibt kein Recht auf billigen Sprit. In Deutschland, wo freien Bürgern freie Fahrt zusteht, kann jeder entscheiden, weniger oder langsamer zu fahren, wo möglich, auf den Nahverkehr umzusteigen, kleinere Autos mit geringerem Verbrauch oder gar Elektromotor zu kaufen. Jede und jeder kann mit dem eigenen Verhalten dazu beitragen, die eigenen Ausgaben zu senken.

    Wenn die Bundesregierung etwas tun will, kann sie denjenigen direkt Geld schicken, die es vermutlich am meisten benötigen: Haushalte mit geringen Einkommen, die auf das Auto angewiesen sind. Technisch sind solche Überweisungen inzwischen möglich.

  • M Scarlet 3 schaltet um

    Im Sonnenlicht funkelt die Flüssigkeit rot. Protein M Scarlet 3, das Claudio Flores gerade in einem kleinen Fläschchen zeigt, ist ein ganz besonderer Lichtschalter, kann Gewächshäuser verbessern und Pflanzen schneller wachsen lassen. Und auch für Quantencomputing könnte der biologische Leuchtstoff wichtig werden. Flores und sein Zwillingsbruder Danilo sehen jedenfalls einen lukrativen Markt für ihr Unternehmen Mimotype. Ein Beispiel für Hochtechnologie aus Deutschland mit weltweitem Anspruch.

    „Unser Protein kann, was hochentwickelte chemische Fluoreszenzfarbstoffe können, ist aber nicht giftig und lagert sich auch nirgendwo an“, sagt Claudio Flores, Biologe. Wir brauchen kein Öl oder Seltene Erden als Grundstoffe.“ Nötig sind nur Bakterien. „Sie stellen das Leuchtprotein im Bioreaktor her. Wir ernten es dann und reinigen es“, ergänzt sein Bruder Danilo, Jurist. Biotechnische Produktion nennt sich das.

    Das Protein stammt aus dem Meer, genauer von der Seeanemone. Gefunden wurde es bereits vor 15 Jahren. „Wir haben es ausgewählt, weil es das beste Leuchtprotein ist“, sagt Claudio Flores. Das Besondere an derartigen Proteinen im Allgemeinen und M Scarlet 3 im Besonderen: Sie arbeiten wie ein Lichtschalter. „Grundsätzlich wandelt ein solches Protein eine bestimmte Lichtwellenlänge in eine andere um“, erklärt Claudio Flores, „unseres etwa den UV-Anteil des Sonnenlichts in rotes Licht, das Pflanzen für die Photosynthese benötigen.“

    Danilo ergänzt: „Ein Anwendungsfall unseres Proteins sind Biofolien, mit denen sich Gewächshäuser bespannen lassen. Ähnliches gibt es bereits in den USA und Australien, dafür werden aber giftige chemische Materialien eingesetzt.“ Die Folien werden auf das Glas der Gewächshäuser aufgezogen, die Pflanzen innen bekommen dann dank des Lichtwandeleffekts mehr rotes Licht als Pflanzen ohne Folie, wachsen schneller und besser. Allerdings hat das natürliche Protein derzeit noch einen Nachteil zu den synthetischen: Die Leuchtkraft sinkt über die Jahre.

    „Ein weiteres Einsatzgebiet ist Gewebezüchtung in 3D. Das Gewebe wächst in einer porösen Kugel, es lässt sich aber nicht sehen, wie das verläuft“, sagt Danilo Flores. „Dank unseres Proteins lässt sich das Trägermaterial zum Leuchten bringen, man sieht, was in der Kugel passiert, etwa, welche Zellkultur schneller wächst.“ Es geht aber noch mehr und in einer völlig anderen Branche. „Leuchtstoffe wie unserer lassen sich auch in den Quantentechnik nutzen“, ergänzt Claudio Flores. „Sie lassen sich durch Magnetkraft dimmen, müssen nicht gekühlt werden. In unserem Berliner Labor forschen wir da als erste in Deutschland daran.“

    Mimotype ist bereits das zweite Unternehmen der Flores-Brüder. Das erste beschäftigte sich vor rund zehn Jahren in ihrer Geburtsstadt Hamburg mit Finanzvorhersagen bei börsengehandelten Gütern. Mit dem leuchtenden Protein kamen die beiden dann aber in die Hauptstadt, gründeten 2021 mit eigenem Geld und einem Start-up-Stipendium Berlin. Der Business Angel Fund investierte, das Bundesforschungsministerium stellte Geld bereit, Fraunhofer und Sprind, die Sprunginnovationsagentur des Bundes. Insgesamt sammelten die beiden rund zwei Millionen Euro ein.

    „Mit dem Geld der Sprind haben wir einen Bioprozess entwickelt, um es im großen Maßstab herstellen zu können“, sagt Claudio Flores. „Normalerweise dauert es drei Jahre und kostet etwa drei Millionen Euro vom Schüttelkolben im Labor zum industriellen Maßstab im Bioreaktor zu kommen. Wir haben es mit 300.000 Euro in neun Monaten geschafft. Wir haben ein Kilogramm Zellmasse erzeugt.“

    Was wenig klingt, ist für das Material viel. Üblicherweise wird es in Mengen von zehn Milligramm verkauft. Die Kosten sind immens – bisher. Ein Gramm des Proteins koste in Katalogen chemischer Großunternehmen rund 1,3 Millionen Euro, weil es selten und sehr spezifisch sei,sagt Claudio Flores. Mimotype kann dank der spezialisierten Bioproduktion für ein Hundertstel des Preises verkaufen und, sollte die Produktion im Fabrikmaßstab hochgefahren werden, sogar zu einem Tausendstel. Und die Brüder versprechen selbst entwickelte Hochleistungsvarianten mit neuartigen Funktionen.

    Derzeit produzieren Bakterien im Bioreaktor des Leibniz-Instituts für interaktive Materialien in Aachen das leuchtende Protein. Auftragsfertigung. Mimotype denkt aber bereits über eine eigene Fabrik nach – idealerweise auf dem ehemaligen AEG-Gelände in Berlin-Mitte, im 19. Jahrhundert ein Zentrum der deutschen Industrialisierung. Der Ausbau hängt auch damit zusammen, wie gefragt das Protein ist. Derzeit geht es vor allem an Forschungsinstitute in Deutschland, Großbritannien, Italien, den Niederlanden, Portugal und der Schweiz.

    Jetzt wollen die Zwillingsbrüder drei bis vier Millionen Euro von Finanzinvestoren einwerben. Schließlich geht es nicht nur um die eigne Produktion im Bioreaktor. Die Brüder haben noch einiges vor. „In einem nächsten Schritt wollen wir eigene Proteine finden“, sagt Danilo Flores. „Dabei nutzen wir auch KI.“ Künstliche Intelligenz hilft, in der Vielzahl möglicher Proteine genau die Varianten zu finden, die vielversprechend sind.

    Konkurrenten mit ähnlichen Proteinen wie M Scarlet 3 sitzen in den USA und China, sind womöglich deutlich größer. Sorgen machen sich die Zwillingsbrüder nicht. „Kleinere Teams haben oft die pfiffigeren Ideen“, sagt Danilo Flores. Mimotype hat derzeit fünf Beschäftigte.

  • Der Euro wird digital

    Noch bis Ende April läuft ein Designwettbewerb für die neuen Euro-Scheine. Doch parallel arbeitet die Europäische Zentralbank (EZB) an gänzlich virtuellem Bargeld. In diesen Wochen entscheidet sich, ob und wann der digitale Euro eingeführt wird.

    Was ist der digitale Euro?

    Der digitale Euro ist eine neue Form von Bargeld. Anders als Scheine und Münzen ist er virtuell. Er lässt sich zum Beispiel in einer digitalen Brieftasche, englisch Wallet, auf dem Mobiltelefon transportieren. Mit ihm soll man in Geschäften genauso bezahlen können wie mit klassischem Bargeld. Und die Oma kann dem Enkel statt eines Scheins auch das digitale Geld schicken. Das alles soll anonym sein und auch funktionieren, wenn das Mobiltelefon nicht mit dem Internet verbunden ist.

    Wird Bargeld abgeschafft?

    „Wichtig ist: Bargeld bleibt erhalten“, sagt Jorim Gerrard, Referent Digitaler Euro bei der Bürgerbewegung Finanzwende, die sich für nachhaltige Finanzwirtschaft einsetzt und die der ehemalige Bundestagsabgeordnete Gerhard Schick (Grüne) gegründet hat. „Der digitale Euro soll diese sicherste Form unseres Geldes aber digital zugänglich machen.“

    Warum denken EZB und EU-Kommission, dass der digitale Euro nötig ist?

    Die Zahl der Menschen, die bar bezahlen, nimmt überall in Europa ab. In manchen Ländern etwa in Skandinavien oder Großbritannien wird fast alles mit Karte oder zum Beispiel Mobiltelefon bezahlt. In Deutschland liefen 2017 nach Zahlen der Bundesbank noch 74 Prozent aller Zahlungen in bar, 2023 waren es nur noch 51 Prozent, Tendenz fallend. In der Euro-Zone sank der Anteil von 74 auf 52 Prozent. EU und EZB wollen digital die Kontrolle behalten.

    Es gibt bereits zahlreiche digitale Bezahlmöglichkeiten. Warum ist noch eine weitere nötig?

    Auch 25 Jahre nach dem Start der europäischen Gemeinschaftswährung fehlt eine einheitliche europäische Lösung für digitales Bezahlen. „Der digitale Euro ist der vielversprechendste Weg, sich aus der Abhängigkeit von US-Unternehmen wie Visa, Mastercard und Paypal beim digitalen Bezahlen zu lösen“, sagt Gerrard. Er könne auch neue Abhängigkeiten verhindern, etwa von Big Tech-Unternehmen wie Apple und Google.

    Wie wichtig sind die US-Zahlungsanbieter wirklich?

    Mit Ausnahme von Belgien, Frankreich und Deutschland nutzen alle anderen Euro-Länder bei Kartenzahlung vor allem die Technik von Mastercard oder Visa, wie die Europäische Zentralbank 2025 ermittelt hat. In Deutschland ist die heimische Girocard (EC-Karte genannt) am wichtigsten, die im Ausland auch über Visa- und Mastercard-Systeme läuft. Im Onlinehandel dominiert europaweit Paypal, außer in Belgien, Frankreich, den Niederlanden und Portugal mit heimischen Lösungen. Den US-Zahlungsabwickler nutzen auch Privatpersonen am liebsten, um Freunden und Bekannten Geld zu schicken.

    Was unterscheidet den digitalen Euro von Kreditkartenzahlung, Apple Pay und Google Pay sowie Wero?

    Der digitale Euro soll über ein eigenes unabhängiges europäisches System laufen. Und: „Dass der digitale Euro per Gesetz überall im Euro-Raum verfügbar ist und angenommen werden muss, ist ein riesiger Vorteil im Vergleich zu Angeboten privater Unternehmen wie Banken und Finanzdienstleistern“, sagt Experte Gerrard. Der digitale Euro wird wie Euro-Bargeld gesetzliches Zahlungsmittel.

    Wer mit Karten von Mastercard oder Visa bezahlt, nutzt deren Abrechnungstechnik. Die US-Firmen Apple und Google liefern nur eine bequeme Möglichkeit, per Mobiltelefon oder Digitaluhr zu bezahlen. Dabei muss eine (Kredit-)Karte hinterlegt werden. Abgewickelt wird dann im Hintergrund meist über Visa oder Mastercard.

    Wero ist mit dem eigenen Girokonto verbunden. Bezahlen funktioniert wie eine Überweisung in Echtzeit. Hinter Wero stehen große europäische Banken und Finanzunternehmen, die das System in der Euro-Zone ausrollen wollen. Bisher ist es vor allem in den Belgien, Deutschland und Frankreich verfügbar.

    Warum ist Zahlungsabwicklung in Europa interessant für US-Anbieter?

    Jedes Mal, wenn jemand mit einer Kreditkarte bezahlt oder Geld über Paypal schickt, fallen Gebühren an. In der Regel muss ein Händler sie zahlen. Auch die Banken verdienen an Gebühren.

    Wer baut die nötige Software für den digitalen Euro und wer kümmert sich darum, dass alles glatt läuft?

    „Die Europäische Zentralbank baut die Infrastruktur auf. Die gehört als öffentliches Gut dann uns allen“, sagt Finanzwende-Experte Gerrard. Die Bundesbank und fünf weitere Zentralbanken sollen dafür sorgen, dass alle Zahlungen reibungslos laufen.

    Was kostet der digitale Euro?

    Die Berater von PwC schätzten die Gesamtkosten für die Banken der Euro-Zone auf bis zu 18 Milliarden Euro. Auftraggeber der Studie waren Banken und Sparkassenverbände. Die EZB kommt auf 1,3 Milliarden Euro um den digitalen Euro zu entwickeln und ihn auszugeben. Die jährlichen Betriebskosten des Systems belaufen sich demnach auf 320 Millionen Euro. Auch Scheine und Münzen kosten Geld. Sie müssen gedruckt oder geprägt, transportiert, geprüft und verwahrt werden.

    Wann kommt der digitale Euro?

    Im Mai soll das EU-Parlament über den digitalen Euro entscheiden. Danach verhandeln Parlament, EU-Kommission und der Rat der Mitgliedsstaaten über die Einzelheiten. Wenn das entsprechende Gesetz Ende 2026 fertig ist, Könnte die EZB im kommenden Jahr einen Test starten. Eingeführt würde der digitale Euro dann 2029.

  • Ölpreisschock in Deutschland

    Jetzt ist es amtlich: Die Inflationsrate in Deutschland ist im März wegen der Folgen des Iran-Kriegs kräftig gestiegen. Ähnlich wird es in der gesamten Euro-Zone aussehen. Die Europäische Zentralbank könnte deshalb die Leitzinsen zu erhöhen. Höhere Preise und höhere Zinsen sind keine guten Aussichten für die deutsche Wirtschaft, die gerade angefangen hatte, sich zu erholen. Und es könnte sogar noch schlimmer kommen.

    Die Preise stiegen in Deutschland im März im Schnitt um 2,7 Prozent, wie das Statistische Bundesamt am Montag aus Basis vorläufiger Zahlen berichtete. Energie verteuerte sich demnach im Schnitt um 7,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Im Februar hatte die Inflationsrate noch 1,9 Prozent betragen. Die Bundesbank rechnete zuletzt mit bis zu drei Prozent Inflation.

    Auch für die Euro-Zone wird ein deutliches Plus bei der Teuerung erwartet. Die Zahl ist wichtig, weil die EZB auf ihrer Basis über die Leitzinsen entscheidet. Im Februar hatte die europäische Statistikbehörde Eurostat noch 1,9 Prozent ausgewiesen.

    Israel und die USA hatten am 28. Februar den Iran angegriffen. Ziel war, das Regime dort zu stürzen. Der Iran bedroht nicht nur Israel und finanziert Terrormilizen in Libanon, Gaza und Jemen, sondern hatte in den vergangenen Jahren unter anderem Uran angereichert, entzog sich aber jeglicher Kontrolle durch die weltweite Atomaufsicht. Das Regime arbeitete womöglich an einer Atombombe.

    Was wohl als schneller Militäreinsatz der beiden Verbündeten gedacht war, dehnt sich inzwischen. Der Iran jedenfalls blockiert seither die Straße von Hormus, eine wichtige Meerenge im Golf von Persien. Die Anrainerstaaten Bahrain, Irak, Kuwait, Oman, Saudi-Arabien, Qatar und die Vereinigten Arabischen Emirate sind wie der Iran wichtige Öl- und Gaslieferanten. Durch die Meerenge wird nicht nur rund ein Fünftel allen Öls weltweit transportiert, sondern auch 75 Prozent der Gase, die Grundstoff für Waschmittel und Dünger sind.

    Im Zuge des Krieges ist vor allem der Preis der Ölsorte Brent von gut 72 Dollar Ende Februar auf zeitweise weit über 100 Dollar je Fass gestiegen. Weil Öl zum Weltmarktpreis gehandelt wird, müssen auch Länder, die kaum etwas aus dem Nahen Osten beziehen, die höheren Preise bezahlen. Auch Frachtraten für Schiffe verteuerten sich.

    Dass vor allem Energie teurer wird, trifft die deutsche Wirtschaft besonders, die ohnehin schon mehr bezahlt als andere Industriestaaten. Zusätzlich ist Gas ein wichtiger Rohstoff für die chemische Industrie – eine der großen deutschen Branchen. Die Unternehmen werden versuchen, höhere Kosten an die Kunden weiterzugeben und die Preise anzuheben. Das legt eine Umfrage des Münchener Ifo-Instituts von vergangener Woche nahe. Das bedeutet: Auch Waren und Dienstleistungen für den Verbraucher werden in den nächsten Wochen und Monaten teurer, zum Beispiel Obst oder andere Lebensmittel.

    Dass die Inflationsrate steigt, wird auch die EZB eingreifen. Sie hält einen Wert von um die zwei Prozent für wirtschaftlich richtig. 2025 war die Inflationsrate gefallen, die EZB hatte den wichtigsten Zins auf 2,0 Prozent halbiert. Damit ist es jetzt wohl vorbei. Experten der Deutschen Bank rechnen mit mindestens zwei Zinserhöhungen noch in diesem Jahr. Höhere Zinsen bedeuten höhere Kosten, an Geld zu bekommen. Das wiederum bremst Investitionen, die Unternehmen zum Teil per Kredit finanzieren.

    Das alles noch schlimmer kommen könnte, deutete EZB-Chefin Christine Lagarde in einem Interview mit dem britischen Magazin Economist an. Der Ölschock sei wahrscheinlich größer, als wir uns gerade vorstellen könnten, sagte die oberste Währungshüterin. Die Finanzmärkte seien vielleicht etwas zu optimistisch, dass alles wieder normal werde, wenn der Krieg ende. Technikexperten sagten anderes: Zu viele Anlagen seien inzwischen zerstört worden. Sie können nicht in Monaten wiederhergestellt werden. Manche sprechen von Jahren. So hatte der Iran in Katar die größte Anlage der Welt für Flüssiggas beschossen und Ölanlagen in Saudi-Arabien und Kuwait. Israel wiederum zerstört Ölinfrastruktur im Iran.

  • Das Ende der Riester-Rente

    Abschied von der Riester-Rente

    An diesem Freitag verabschiedet der Bundestag die Reform der privaten Altersvorsorge. Für Arbeitnehmer und Selbständige wird die zusätzliche Altersvorsorge einfacher und einträglicher. Die wichtigsten Fragen und Antworten.

    Wolfgang Mulke

    Wen will der Staat bei der privaten Vorsorge unterstützen?

    Wie schon bisher gibt es die Förderung für alle Arbeitnehmer. Mit dabei sind zum Beispiel Auszubildende, Beamte oder Soldaten. Neu ist, dass auch Selbständige gefördert werden. Grundsätzlich können alle Pflichtversicherten in der Rentenversicherung die Förderung beanspruchen. 

    Wie funktioniert die private Förderrente künftig?

    Ab dem 1. Januar 2027 wird die Förderung der privaten Altersvorsorge auf den Beine gestellt. Statt einer festen Grundzulage wie bei der Riester-Rente bisher schießt der Staat den Sparern für jeden eingezahlten Euro etwas dazu. Bis zu einem Sparbetrag von 360 Euro im Jahr 50 Cent, zwischen 360,01 Euro und 1.800 Euro noch 25 Cent. Für Kinder gibt es einen Zuschlag von 300 Euro im Jahr, wenn der Eigenbeitrag wenigstens 25 Euro monatlich beträgt. Eine Mutter mit einem Kind, die den Mindestbeitrag von 25 Euro im Monat spart, kann auf eine Grundzulage von 150 Euro plus der Kinderzulage von 300 Euro, also 450 Euro im Jahr kommen.

    Wer bietet Förderrenten an?

    Wie bisher schon dürfen Banken, Versicherungen oder Fondsgesellschaften entsprechende Produkte anbieten. Neu sind drei wichtige Dinge. So gibt es künftig einfache Standardprodukte. Deren Kosten sind auf ein Prozent im Jahr gedeckelt. Neben der privaten Finanzwirtschaft wird künftig auch ein öffentlicher Träger ein Standarddepot anbieten. Damit erfüllt die Koalition eine Forderung von Verbraucherschützern. Die Finanzwirtschaft kritisiert eine staatlich organisierte Konkurrenz dagegen heftig. Welche öffentliche Stelle die Verwaltung der Spargroschen übernehmen soll, ist noch nicht bekannt.

    Was zeichnet ein Standarddepot aus?

    Das Standarddepot eignet sich vor allem für Vorsorgesparer, die wenig Erfahrung mit Finanzfragen haben und ein leicht verständliches und leicht einzurichtendes Produkt bevorzugen. Es lässt sich auch schnell online abschließen und bedarf während der gesamten Ansparphase keiner weiteren Entscheidungen mehr. Zudem sind die Kosten auf maximal ein Prozent im Jahr gedeckelt. Je nach Anbieter können die Kosten noch deutlich geringer sein, wie Beispiele aus anderen Ländern oder die Kosten von ETF-Sparplänen zeigen. Verbraucherschützer hoffen darauf, dass das von einem öffentlichen Träger angebotene Standarddepot auch in Hinblick auf die Kosten das Vorbild für die Angebote privater Finanzfirmen wird.

    Darf ich künftig auch mit Aktien für das Alter vorsorgen?

    Es gibt zwei Standardvarianten. Die etwas risikoreichere sieht vor, das nur 80 Prozent der Beiträge garantiert erhalten werden. Ein Teil des Ersparten darf künftig damit auch in renditeträchtigere Anlagen wie Aktien oder Fonds investiert werden. Die sichere Variante ist eine Beitragsgarantie von 100 Prozent. Darüber hinaus gibt es für risikobereite Sparer auch die Möglichkeit, auf ein Produkt ganz ohne Beitragsgarantie, das so genannte Altersvorsorgedepot, zu setzen. Damit werden die hohen Renditen an den Kapitalmärkten ermöglicht. In welche einzelnen Fonds, Aktien, Anleihen oder andere Wertpapiere Anbieter das Geld der Kunden stecken, hängt von der jeweiligen Strategie der Unternehmen ab.

    Wie wirken sich die unterschiedlichen Risikoprofile finanziell aus?

    Das hängt zwar vom Einzelfall ab, kann aber mit einer Modellrechnung leicht verdeutlicht werden. Angenommen ein Sparer zahlt 30 Jahre lang monatlich 100 Euro in einen Standardvertrag mit 100-prozentiger Beitragsgarantie ein. Im Durchschnitt bringt die Anlage eine Rendite von 2,5 Prozent im Jahr. Am Ende ist ein Vermögen von 53.400 Euro zusammengekommen. Entscheidet sich der Sparer für ein Produkt ohne Garantien, könnte die durchschnittliche Rendite vorsichtig gerechnet vier Prozent im Jahr erreichen. Bei einer gleichen Einzahlung steht am Ende ein Vermögen 68.800 Euro. 

    Darf ich aus meinem alten Riester-Vertrag in die neue Förderung wechseln?

    Das ist problemlos möglich. Das bereits angesammelte Vermögen wird dann auf den neuen Vertrag übertragen. Allerdings kann dafür eine Gebühr von maximal 150 Euro fällig werden. Für weiter laufende Riester-Verträge gilt ein Bestandsschutz. Gerade bei nur noch kurz laufenden Verträgen bis zur Rentenauszahlung dürfte sich ein Wechsel kaum noch lohnen. Je länger die Zeitspanne bis zum Rentenalter ist, desto mehr lohnt sich ein Wechsel. Denn die höheren Erträge am Kapitalmarkt summieren sich mit den Jahren, wie die Modellrechnung zeigt, auf beträchtliche Summen.

    Wie sicher ist das Altersvorsorgedepot?

    Da mit dieser Variante keine Beitragsgarantie verbunden ist, kann es auch zu Verlusten kommen, etwa wenn die Börsen gerade auf Crashkurs sind. Da die Altersvorsorge jedoch eine sehr langfristige Form des Sparens ist, zeigen die Erfahrungen aus der Vergangenheit, dass in der Regel keine Verluste, sondern eher ansehnliche Zuwächst dabei herauskommen. Zur Sicherheit wird das Vermögen mit einem näher rückenden Rentenalter aus risikoreicheren Anlagen in sichere Anlagen umgeschichtet. 

    Muss ich mir das angesparte Vermögen als Rente auszahlen lassen?

    In der Regel erhalten die Sparer in der Auszahlungsphase eine monatliche Rente. Dabei können sie zwischen zwei Varianten wählen. Es gibt entweder eine lebenslang garantierte Rentenzahlung oder sie wird zeitlich begrenzt. In letzterem Fall muss die Zahlung wenigstens bis zum vollendeten 85. Lebensjahr laufen. Danach gibt es dann keine Rentenzahlung mehr. Das Risiko, sehr viel länger zu leben, und dann auf eine regelmäßige Einkunft verzichten zu müssen, trägt der Sparer. 

    Zudem gibt es die Möglichkeit, zur Finanzierung eines Eigenheims aus laufenden Verträgen Geld zu entnehmen.

  • Noch lange ein Sanierungsfall

    Die Bahn kämpft an vielen Stellen um eine bessere Zukunft. Trotz neuer Milliarden fehlt immer noch viel Geld für ein modernes Netz. Kleine Lichtblicke gibt es aber auch.

    Wolfgang Mulke

    Es gibt auch gute Nachrichten vom Bahnfahren. So wird an diesem Freitag eine einst beliebte Verbindung wieder aufgenommen. Es gibt wieder einen Nachtzug von Berlin nach Paris. Es ist allerdings nicht die Deutsche Bahn, die auf dieser Strecke künftig verkehren wird. Vielmehr fährt der European Sleeper nun drei Mal wöchentlich von der Spree an die Seine. Das niederländisch-belgische Bahnunternehmen ist eine Genossenschaft und will den kontinentalen Nachtverkehr systematisch erschließen. Zwischen Prag und Brüssel läuft der Verkehr bereits, mit Barcelona oder Mailand sollen weitere beliebte Ziele dazu kommen.

    Damit stößt der European Sleeper in eine Lücke, die von der Deutschen Bahn und der Österreichischen Staatsbahn aufgerissen wurde. Die beiden Bahnen haben den Nachtverkehr zwischen den beiden Metropolen im vergangenen Winter eingestellt, weil der Betrieb nicht wirtschaftlich war. Auch andere Nachtverkehre in Europa ereilte dieses Schicksal. Nun will die Konkurrenz aus Utrecht beweisen, dass sich mit der Fahrt im Schlafmodus auch Geld verdienen lässt.

    Wieder Geld verdienen muss auch die Deutsche Bahn (DB). Die Bilanz des vergangenen Jahres weist diesbezüglich Licht und Schatten aus. So muss die neue Bahnchefin Evelyn Palla an diesem Freitag vier Monate nach Amtsantritt einen Riesenverlust im Fernverkehr verkünden. Eine Milliardenabschreibung auf die Sparte beschert dem Konzern einem Bericht der Agentur Reuters zufolge einen Verlust von 2,5 Milliarden Euro für das vergangene Jahr. Allein für Entschädigungen für die Fahrgäste infolge von Verspätungen musste die Bahn einen dreistelligen Millionenbetrag herausrücken. Das ist zwar viel weniger als 2024, doch zeigt die Zahl, wie teuer die Unzuverlässigkeit für das Unternehmen selbst wird.

    „Wir stellen die Bahn vom Kopf auf die Füße“, kündigte Palla an, als sie den Job vom geschafften Vorgänger Richard Lutz übernahm. Konkret sollen vor allem in der Verwaltung Doppelfunktionen abgebaut werden. Rund ein Drittel der 3.600 Spitzenleute muss wohl den Platz räumen. Entscheidungen sollen vielmehr dort getroffen und verantwortet werden, wo das Geschäft auch stattfindet. So hat es Palla im Nahverkehr durchgezogen. Bei DB Regio war sie zuvor schon Vorstandschefin. Und die Sparte ist aus der Verlustzone damit wieder herausgekommen. Nach 108 Millionen Euro Gewinn 2024 gab es im vergangenen Jahr eine „signifikante Steigerung“, wie es im Vorfeld der Bilanzveröffentlichung hieß. Diese Dezentralisierung dient nun als Vorbild für den Gesamtkonzern.

    Geld fehlt, obwohl die Bahn eigentlich darin schwimmt. 84 Milliarden Euro stellt der Bund zur Verfügung, um marode Gleisanlagen, Stellwerke aus Kaisers Zeiten oder Weichen zu modernisieren, Bahnhöfe aufzuhübschen und die Infrastruktur auf einen zeitgemäßen Stand zu bringen. Es tut sich etwas rund um die Gleise. Allein in diesem Jahr erwartet die Infrastrukturtochter InfraGo 28.000 Baustellen. Dabei geht es um kleine wie große Vorhaben. Das erste Riesenprojekt neigt sich allmählich dem Ende zu. Im Juni soll die generalsanierte Verbindung zwischen Hamburg und Berlin nach einer monatelangen Totalsperrung wieder freigegeben werden. Bahntypisch mit großer Verspätung. Eigentlich sollten die Bauarbeiten Anfang Mai fertig sein. Doch der harte Winter mit festgefrorenen Böden machte Bauarbeiten wochenlang unmöglich. 

    Auch auf dieser Strecke macht sich ab dem Fahrplanwechsel im Sommer Konkurrenz zur Deutschen Bahn auf, dem Branchenprimus Marktanteile abzujagen. Flixtrain will mehr Züge zwischen Berlin und Hamburg einsetzen. Bislang sind die Wettbewerber im Fernverkehr eher zu vernachlässigen. Nur sehr wenige Linienverkehre sind in privater Hand. Flixtrain will das ändern. Das Münchner Unternehmen hat im vergangenen Jahr eine Flotte hochmoderner Züge bestellt, mit dem sie den Markt aufmischen will. Bisher stammen die grün lackierten Züge eher aus längst vergangenen Zeiten.

    Direkt im Anschluss wird es mit einer Generalsanierung zwischen Hannover und Hamburg losgehen. In jedem Jahr soll es zwei dieser Mammutprojekte geben. Bis Mitte der 30er Jahre sollen dann 41 wichtige Schienenkorridore Kern eines leistungsfähigen Bahnnetzes sein. Das Konzept der Totalsperrungen und Erneuerung von Grund auf ist durchaus umstritten. Die Riedbahn zwischen Frankfurt und Mannheim bildete 2024 den Auftakt. Versprochen wurde damals, dass die Zahl der Störungen um 80 Prozent verringert werde. Davon ist die Strecke auch heute noch ein gutes Stück entfernt. Außerdem bedeutet eine komplette Sperrung vor allem für den Güterverkehr erhebliche Umleitungen von teils mehreren Hundert Kilometern. Und auf Unverständnis stößt auch, dass im Zuge der Bauarbeiten nicht gleich auch durchgängig das digitale Zugsteuerungssystem ETCS (European Train Control System) installiert wird. Mit diesem System erhöht sich die Kapazität auf einer Trasse um bis zu 30 Prozent. Und Kapazitätsengpässe sind das große Problem im Schienenverkehr.

    Damit ist man wieder beim Geld. Trotz der Milliarden vom Bund fehlt es nicht nur für die Ausstattung mit ETCS. Auch Neu- und Ausbaustrecken sind nicht in großem Umfang vorgesehen. Das bemängelt unter anderem der bahnpolitische Sprecher der Grünen, Matthias Gastel. Das Sondervermögen Infrastruktur und Klimaneutralität könne für eine auskömmliche und verlässliche finanzielle Grundlage sorgen, stellt der Abgeordnete fest. „Allerdings wird deutlich, dass die Finanzierung von Neu- und Ausbau unterfinanziert sind“. 

    Als das Sondervermögen beschlossen wurde, hatte die Bahn eine Rechnung in die Verteilungsdebatte eingebracht. Die Liste der bis Mitte des nächsten Jahrzehnts benötigten Mittel summierte sich auf 150 Milliarden Euro. Dazu sollten noch 140 Milliarden Euro aus dem regulären Haushalt kommen. Im Vergleich zu den zugesagten Milliarden wird deutlich, dass es nach wie vor an ausreichenden Investitionsmitteln mangelt. Offen ist auch noch die Einrichtung eines Fonds, der die Finanzierung der Netzsanierung über einen zehnjährigen Zeitraum zu sichern. Das würde auch der Bauindustrie helfen, in neue große Maschinen und in Personal zu investieren. Denn auch deren Kapazität ist noch begrenzt. Aber das ist eine andere Geschichte.

    Zurück zu den aktuellen Problemen des Bahnverkehrs. Unzuverlässig rollt der Schienenverkehr nicht nur wegen maroder Gleise und überalterter Stellwerke. Auch die Engpässe an den Knotenbahnhöfen mit besonders vielen Pendlern und einem entsprechenden Aufkommen an Nahverkehrszügen ziehen Verspätungen nach sich, die sich schnell auf das gesamte Netz ausweiten. Eine Taskforce der Bundesregierung, an der die gesamte Branche nebst den zuständigen Regulierungsbehörden beteiligt ist, hat nun einen Katalog mit 22 schnell wirksamen Maßnahmen für mehr Pünktlichkeit vorgelegt. 

    Ein Teil davon soll die wichtigsten Knotenbahnhöfe entlasten. Solche Flaschenhälse für den Durchgangsverkehr sehen die Experten an den Stationen in Hamburg, Berlin, Frankfurt, München, Hannover, Köln und Mannheim. Dazu kommen für den Güterverkehr noch die Grenzbahnhöfe in Bad Schandau und Frankfurt/Oder. Kleine Änderungen sollen die Lage dort stabilisieren. So sollen „Jokergleise“ freigehalten werden, um unvorhergesehene Züge aufzunehmen, damit sie den regulären Fahrplan nicht durcheinanderbringen. Zudem werden Pufferminuten in den Fahrplan eingebaut und die Abstände zwischen zwei Zügen so vergrößert. 

    Sollte das alles nicht fruchten, hat die Taskforce eine Tür für eine Ultima-Ratio-Lösung geöffnet. Dann könnten Züge für einen flüssigeren Verkehrsfluss gestrichen werden. Das stößt bei den möglicherweise betroffenen Bahnunternehmen auf wenig Gegenliebe, gingen ihnen damit doch wichtige Einnahmen verloren. Und auch der Fahrgastverband Pro Bahn hält nichts von einem schlechteren Angebot. So seltsam es klingt, ist der Erfolg des Bahnverkehrs auch ein Grund für dessen Unzulänglichkeiten. Das starke Wachstum hat die Kapazitätsengpässe mit ausgelöst.

    Der Nahverkehr steht ohnehin schon unter einem erheblichen finanziellen Druck. Eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes vor wenigen Tagen hat diese Entwicklung noch einmal verschärft. Die Richter haben die Deckelung der Trassenpreiserhöhungen für die Nahverkehrsunternehmen in Deutschland gekippt. Nun müssen sich die Auftraggeber der S-Bahnen und Regiozüge auf eine stark steigende Schienenmaut einstellen. Einige Verkehrsminister der Länder sagen schon heftige Angebotskürzungen voraus, wenn der Bund nicht für einen Ausgleich sorgt. Nicht nur die Deutsche Bahn hat also finanzielle Probleme.

    Doch beim Staatskonzern summieren sich Pleiten, Pech und Pannen. So musst die Eröffnung des Prestigeprojekts Stuttgart 21 kürzlich wieder einmal verschoben werden. Einen neuen Eröffnungstermin hat die Bahn noch nicht genannt. Das Projekt geht nicht nur mit jahrelanger Verspätung in Betrieb – sofern es jemals dazu kommt – sondern auch mit erheblichen Mehrkosten, auf denen die DB sitzen bleiben dürfte. Aus den geplanten 4,5 Milliarden Euro Baukosten sind mittlerweile 11.5 Milliarden Euro geworden. 

    Als Damoklesschwert hängt noch eine andere europäische Vorgabe über der Bahn, genauer gesagt dem Güterverkehr. Die in den vergangenen Jahren extrem verlustträchtige Tochter muss in diesem Jahr die Gewinnzone erreichen. Denn der Konzern darf die Verluste künftig nicht mehr ausgleichen. Mit einer harten Sanierung und dem Abbau Tausender Stellen will die neue Cargo-Führung das rettende Ufer schwarze Zahlen erreichen. Es gibt also auch abseits der maroden Infrastruktur für die neue Bahnchefin viel zu erledigen.

    Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) will wenigstens für eine bessere Stimmung unter den Leid geplagten Bahnkunden sorgen. Auf sein Geheiß hat Palla drei Sofortprogramme auf den Weg gebracht. So sollen die Bahnhöfe sicherer und sauberer werden. Gerade hat das Unternehmen einen Frühjahrsputz an 1.400 Stationen gestartet. In den Zügen werden zusätzlich mobile Teams für die Reinigung während der Fahrten und für kleine Reparaturen, etwa der Kaffeemaschinen eingesetzt. Schließlich soll auch den Bordbistros unterwegs nicht mehr der Nachschub an Speisen und Getränken ausgehen. 

  • Geld für die alte Jeans

    Modehersteller sollen künftig zahlen für die Sammlung der massenhaften Altkleider, die derzeit die Container verstopfen. Das will SPD-Umweltminister Schneider regeln. Ist das eine Trendwende?

    Jetzt also wieder Skinny-Jeans, das Hosenbein ganz eng. Waren nicht gerade noch die lässig geschnittenen Baggy-Jeans angesagt? Oder muss es die Barrel-Jeans sein, mit der fassartigen O-Form, an den Oberschenkeln weit, am Knöchel wieder schmaler? Sie kommen nicht mehr mit? Kein Wunder. Der Modezirkus dreht sich schnell, kaum in, ist eine Form schon wieder out. Raus aus dem Schrank, ab in den Müll. Bisher werden nur wenige Textilien wieder verwendet, kaum etwas wird recycelt. Das soll sich ändern.

    SPD-Bundesumweltminister Carsten Schneider knöpft sich die Modefabrikanten vor. Sie sollen verpflichtet werden, sich um das Sammeln von ausrangierten Klamotten, auch von Bettwäsche, Handtüchern, Hüten oder Schuhen zu sorgen, zudem um deren Sortierung und Recycling – und dieses auch finanzieren. Anders gesagt: Sie sollen Verantwortung für ihre Produkte über den Verkauf hinaus übernehmen.

    Das Problem in Zahlen: Bisher landet jedes Jahr Kleidung in der Menge von 200 gefüllten Fußballstadien im Müll – 120 Millionen Tonnen. Das haben Experten der Unternehmensberatung Boston Consulting vorgerechnet. Sie urteilten, dass sei nicht nur ein „gewaltiges Umweltproblem, sondern auch eine verpasste Chance für die Bekleidungsindustrie“. Denn der weltweite Materialwert dieser Abfälle liege bei geschätzten 150 Milliarden US-Dollar – jedes Jahr. Da müsse sich etwas drehen.

    Das sieht nun auch die Bundesregierung so, aber nicht nur sie. Die EU-Mitglieder haben im Herbst 2025 eine entsprechende Richtlinie zur „Erweiterten Herstellerverantwortung für Textilien“, so nennen das Experten, verabschiedet. Sie trifft alle Unternehmen, die Textilien erstmals auf den europäischen Markt bringen. Darunter fallen damit auch asiatische Shoppingportale wie Temu oder Shein, die ihre im Internet angebotenen spottbilligen Kleidungsstücke aus China nach Brüssel, Wien, Warschau oder eben Hamburg, Dresden, München schicken.

    Deutschland und alle anderen Länder in der EU müssen diese Richtlinie nun umsetzen. Bisher kommen in der EU auf eine Person in einem Jahr 12 Kilo Müll an Bekleidung und Schuhen. Umweltminister Schneider hat dazu jetzt ein siebenseitiges Eckpunktepapier veröffentlicht, ein konkreter Gesetzesentwurf soll später folgen. Altkleider zu sammeln ist in Deutschland nichts Neues, ein System längst aufgebaut. Im Frühjahr den Kleiderschrank ausmisten? Warum nicht die Sachen in einen Container stopfen.

    Lange Zeit lief das auch rund. Es kamen mehr gut erhaltene Hosen oder T-Shirts zusammen als etwa das Rote Kreuz brauchte. Die guten Stücke wurden aussortiert und als Second-Hand-Kleidung verkauft, etwa nach Osteuropa. Das lohnte sich für gemeinnützige Organisationen, auch für kommerzielle Unternehmen. Doch heute quellen Container über mit ausrangierten Klamotten, die oft für nichts mehr taugen. Bei der sich schnell drehenden Mode, der Fast-Fashion, halten die Nähte weniger lang, reißen Stoffe schneller. Die Qualität ist zu schlecht für Second-Hand. Sammelstellen sind am Limit, sie bauen Container ab – nicht auf.

    Diese laut Eckpunktepapier „aktuelle Verwerfungen auf dem deutschen Alttextilmarkt“ sollen aufgefangen werden, in dem die Textilfirmen das System zum Sammeln, Sortieren und Recyceln künftig mit finanzieren. Sie müssen sich dazu an einer sogenannten „Organisationen für Herstellerverantwortung“ beteiligen, das können gemeinnützige Einrichtungen sein wie das Rote Kreuz oder auch kommunale und gewerbliche Entsorger.

    Jede Organisation soll eine Sammelquote von 70 Prozent erreichen, gemessen an der Menge, die die angeschlossenen Hersteller im Vorjahr auf den Markt gebracht haben, bei der Verwertung dann eine Quote von 95 und beim Recycling inklusive Wiederverwendung eine von 85 Prozent. Dabei soll gelten: Je mehr Textilien ein Hersteller auf den Markt bringt und je minderwertiger die Ware ist, umso höher der Betrag. Heißt: Es soll für Produzenten teurer werden, wenn der Fummel kaum gekauft schon auseinander fällt. Hersteller sollen damit finanzielle Anreize bekommen, Langlebigkeit, Reparaturfreundlichkeit, Recyclingfähigkeit beim Design ihrer Produkte mit zu denken und weniger Fast Fashion zu produzieren.

    Wird sich der Stil der Mode damit ändern – weg von schnelllebigen Trends hin zu Jeans wenn auch nicht fürs Leben, doch für ein paar Jahre? „Wer es damit Ernst meint“, sagt Anna Hanisch, Referentin für Kreislaufwirtschaft beim Umweltverband NABU, „muss klare Kriterien für die Umweltfreundlichkeit und die entsprechende Staffelung der Gebühren vorgeben“. Das sei aber nicht vogesehen, stattdessen solle das eine Entscheidung der Organisationen der Herstellerverantwortung selbst bleiben, welche Preise sie festlegen.

    Die Folgen seien bekannt, meint Hanisch: „Die Industrie muss sich ja auch schon lange um ihre Plastikverpackungen kümmern, wenn die nicht mehr gebraucht werden“ – den Müll im Gelben Sack. Die Vorgaben seien ähnlich wie jene, die für die Textilwirtschaft kommen sollten. Hanisch: „am Ende entscheiden sich die Hersteller immer für das billigste Angebot mit den geringsten Aufschlägen für Ex- und Hopp.“

    Hanisch wird nicht die einzige sein, die nun eine Stellungnahme schreibt. Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie sprach bereits von einem „unkalkulierbaren Milliardenrisiko“. Das Gesetz muss bis zum 17. Juni 2027 in Kraft treten. Wer weiß was für eine Jeansform dann trendet.


  • Hühnchen ohne Gentechnik, bitte!

    Das Angebot in deutschen Supermärkten von Fleisch, Milch, Eiern, auf denen die grüne Raute mit dem weißen Schriftzug „Ohne Gentechnik“ über einer dreiblättrigen Pflanze prangt, wächst. Es ist bei Kunden beliebt.

    Für derart gelabelte Lebensmittel gaben sie 2025 insgesamt satte 18,1 Milliarden Euro aus. Das ist gut eine Milliarde mehr als noch 2024. Die Deutschen kaufen für genauso viel Geld Bio-Lebensmittel. Damit ist das „Ohne Gentechnik“ Label gefragt wie nie, es dürfte noch mehr Gewicht bekommen.

    „Das Siegel wird in Zukunft auch bei auch bei Grundnahrungsmitteln wie Brot, Kartoffeln und anderem Gemüse sowie daraus hergestellten Produkten relevant“, sagt Alexander Hissting. Er ist Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik, kurz VLOG, der das Logo vergibt. Von ihm stammen auch die neuen Umsatzzahlen für das vergangene Jahr. Sie lagen dieser Zeitung vorab vor.

    Das Logo, das schon 2009 von der damaligen CSU-Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner auf den Weg gebracht wurde, findet sich bisher vor allem auf Eiern, Milch und Fleisch. Kühe, Rinder, Hühner, Schweine werden häufig mit gentechnisch verändertem Futter ernährt, außer es sind Bio-Betriebe, bei denen Gentechnik grundsätzlich tabu ist.

    Auf Genfutter gibt es im Supermarktregal keinen Hinweis. Die EU schreibt ihn nicht vor. Das Argument: Es ist in Milch oder Eiern nicht nachweisbar. Das ist bei Obst und Gemüse anders. Sind diese gentechnisch verändert, müssen sie oder die daraus produzierten Lebensmittel in der Zutatenliste gekennzeichnet sein.

    Aigner wollte die Kennzeichnungslücke im Milchregal und Eierkarton schließen, ging einen neuen Weg. Motto: Dann können Hersteller halt die Produkte freiwillig kennzeichnen, in denen garantiert keine Gentechnik drin ist. So sollten es Verbraucher, denen die Gentechnik nicht behagt, beim Einkaufen leichter haben.

    Längst gehen Biotechnologen aber neue Wege. Früher schleusten sie artfremde Gene in das Erbgut einer Pflanzen ein. Berühmt: der BT-Mais, der so selbst ein Gift gegen Fraßfeinde produzieren konnte. Mittlerweile können sie mit Techniken wie Crispr-Cas im Erbgut kleinere Eingriffe machen – ähnlich einer Schere, mit der sich einzelne Buchstaben oder längere Passagen im genetischen Text einer Pflanze entfernen, verändern, hinzufügen lassen.

    Dieses Gen-Editing, so erklären die Befürworter, sei vergleichbar mit herkömmlicher Züchtung, bei der aus einer Vielzahl von Kreuzungen die beste Variante herausgesucht wird. Es gehe nur schneller.

    Pflanzen aus diesen sogenannten „neuen“ gentechnischen Verfahren sollen in der Europäischen Union künftig ohne Gentechnik-Kennzeichnung verkauft werden können. Das Argument in diesem Fall: Sie unterscheiden sich nicht, allenfalls kaum von klassischen Züchtungen. Das ist umstritten.

    Hissting etwa erklärt: „Es gibt längst Möglichkeiten, Veränderungen durch neue Gentechnik nachzuweisen. Dafür müssen die Hersteller nur weiterhin verpflichtet werden, alle Manipulationen offenzulegen.“

    Noch muss das EU-Parlament den gelockerten Kennzeichnungsregeln zustimmen. Doch gilt das – der Termin ist im Mai geplant – als wahrscheinlich, auch wenn sich dagegen Lebensmittelfirmen wie Tiefkühlhersteller Frosta oder die dm-Drogeriemarktkette stemmen.

    Sie erklärten in einem offenen Brief, dass viele Kunden gentechnisch veränderten Pflanzen „sehr skeptisch gegenüber“ stünden. Die Unternehmen wollten „weiterhin Produkte ohne Einsatz von Gentechnik produzieren und anbieten können.“ Meinen sie das ernst, bliebe voraussichtlich nur ein Weg: Sie nehmen mehr „Ohne Gentechnik“ gelabelte Produkte ins Regal.

    Für Lebensmittel mit „Ohne GenTechnik“-Siegel gilt – egal ob „alte“ oder „neue“ gentechnische Methoden – erstens: ein Verbot des Einsatzes von gentechnisch veränderten Organismen oder Teilen davon, zweitens: ein Verbot des Einsatzes von Vitaminen, Aromen, Enzymen und anderen Lebensmittelzusatzstoffen, die mithilfe von gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt wurden, drittens: eine Fütterung ohne gentechnisch veränderte Pflanzen.

  • „Wir sind Französ:innen, aber…“

    Auch auf der 7.000 Kilometer von Paris entfernten Karibikinsel Martinique finden die französischen Kommunalwahlen statt. Was hält die dortige Bevölkerung von Frankreich und Europa?

    Bei vollem Tank verspricht das digitale Armaturenbrett des Peugeot „520 Kilometer Autonomie“. Von diesem Lebensgefühl kann aber keine Rede sein, wenn man im alltäglichen Morgen-, Mittag- oder Nachmittagsstau auf der dreispurigen Autobahn zwischen Fort-de-France und Le Lamentin in der Sonne brütet.

    Mehr politische Autonomie ist für viele Bewohner:innen Martiniques ein wichtiges Thema – auch jetzt im Wahlkampf. In Strasbourg, Lyon, Paris, in tausenden französischen Dörfern werden die Bürgermeister:innen gewählt, auf Martinique in der Karibik ebenfalls. Denn die Antilleninsel gehört zu Frankreich. Sie ist ein Übersee-Departement vor der Küste Venezuelas, ein 7.000 Kilometer von der Hautpstadt entfernter Außenposten. Wie stehen die Bewohner:innen zu Frankreich, und welche Rolle spielt Europa für sie?

    „Wir wissen, dass wir Französ:innen sind, aber…“, sagt Jiovanny William, einer der vier auf Martinique gewählten Abgeordneten der franzöischen Nationalversammlung, „aber die Insel braucht mehr Autonomie“. Darunter versteht der 40-jährige Rechtsanwalt, dass die örtlichen Verwaltungen und Gemeinderäte mehr Befugnisse erhalten sollten, um regionale Lösungen für regionale Probleme zu finden. Als ein Beispiel nennt er, dass Fahrzeuge auf der Insel bisher offiziell keine getönten Fensterscheiben haben dürfen. Denn die Vorschriften orientierten sich an der schwächeren Sonneneinstrahlung in Frankreich, nicht an der starken in der Karibik.

    Außerdem solle der Zentralstaat es seinem karibischen Departement einfacher machen, direkten Handel mit den süd- und zentralamerikanischen Nachbarn zu treiben, erklärt William. „Heute wird Holz aus Franzöisch-Guyana erst nach Le Havre in Frankreich verschifft, bevor man es von dort zurück nach Martinique liefert – ein teurer Umweg.“ Möglicherweise ist das einer der von vielen Gründen, warum Importprodukte auf der Insel unnötig teuer sind, worunter der Lebensstandard der Bevölkerung leidet.

    In einem einstöckigen, weißen Gebäude unweit der Strandpromenade der Kleinstadt Le Robert betreibt William sein Heimatbüro. Er stammt von der Insel, hat in Frankreich studiert und wurde 2022 in die Nationalversammlung gewählt. Nun fliegt er ständig hin und her, mindestens zwei Arbeitswochen monatlich verbringt er in Paris. Dort gehört er der Demokratischen Linken an, einer Parlamentsgruppe, die mit den Sozialisten kooperiert.

    Jetzt im Kommunal-Wahlkampf steht William nicht selbst zur Wahl, unterstützt aber einen Bürgermeister-Kandidaten. Bei der vergangenen Wahl 2020 eroberten linksgerichtete Parteien zwei Drittel der Rathäuser auf Martinique. Nun, in der ersten Runde der aktuellen Kommunalwahl am 15. März, bekamen linke Listen in 16 von 34 Wahlbezirken die meisten Stimmen. Kandidat:innen des Zentrums lagen in fünf Gemeinden vorne. Rechte Wahllisten gewannen vorläufig in nur drei Bezirken, wobei sich darunter keine eigene des rechtsextremen Rassemblement National fand. In den übrigen Gemeinden standen unabhängige Politiker:innen auf Platz Eins.

    Bei den örtlichen Wahlen spielen vor allem lokale Fragen wie zusätzliche Plätze in Altenheimen, Absenkungen von Bordsteigkanten für Rollstühle, Sportplätze, Sicherheit an Schulen oder die Algenplage im Meer eine Rolle. Ein besonderer Aufreger aber ist „la vie chère“, das teure Leben, denn viele Produkte, die aus Frankreich importiert werden, haben hier deutlich höhere Preise als dort.

    Größere Fragen wie die Autonomie sind damit verwoben. Das ist eher kein Thema, das bei Rechten und Rechtsextremen einzahlt, denn diese werden als Vertreter eines starken Pariser Zentralstaates betrachtet und dafür kritisiert. Dabei ist auf Martinique interessant, dass es selten um die komplette Unabhängigkeit geht, sondern eher um mehr Entscheidungsspielraum im Rahmen der französischen Politik. Für diese Linie sprach sich schon Aimé Césaire aus, der wichtigste Politiker der Insel im 20. Jahrhundert. Während Frankreich etwa in Westafrika mittlerweile deutlich an Einfluss einbüßt und im pazifischen Übersee-Territorium Neu-Kaledonien eine starke Unabhängigkeitsbewegung der Regierung keine Ruhe lässt, scheint die Bevölkerung Martiniques mit der Zugehörigkeit zum Mutterland mehrheitlich einverstanden zu sein. Warum?

    Martinique, c’est très francaise. Vieles funktioniert wie in der fernen Metropole: die Autokennzeichen, das Warenangebot in den riesigen Leclerc-Supermärkten, das Schulsystem, die Verwaltung und Justiz. Und alle sprechen die Amtssprache Französisch.

    Das karibische Departement ist im Durchschnitt relativ wohlhabend. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf erreicht knapp zwei Drittel der französischen – ein Niveau, von dem Millionen Menschen in Mittel- und Südamerika nur träumen. Das funktioniert auch wegen der Milliarden Euro, die Paris Jahr für Jahr auf die Insel überweist – unter anderem, um das Handelsdefizit auszugleichen. Denn Martinique importiert viel mehr Waren als es exportiert. Die Insel stellt zu wenige Produkte her, um ihre 350.000 Einwohner:innen annähernd selbst zu versorgen.

    Wie in Frankreich weht an jedem Rathaus die französische Fahne – neben der europäischen. Trotzdem interessierten sich 85 Prozent der Einheimischen nicht für Europa, vermutet Jiovanny William, der Abgeordnete. Farell Francois-Haugrin dagegen, der mit Williams Unterstützung als Bürgermeister für Le Robert kandidiert, betrachtet die Sache differenzierter: „Ohne Geld aus Frankreich und anderen EU-Ländern könnten wir hier manches nicht bezahlen.“

    Francois-Haugrin sieht müder aus als auf den Plakaten, die überall hängen. Gerade kommt er im grünen T-Shirt mit dem aufgedruckten Logo seiner Kampagne zurück ins Büro – nachdem er einen samstäglichen Autokorso durch die Dörfer seines Wahlbezirks absolviert hat. Bei solchen Fahrten sieht man nicht selten große Hinweistafeln, die darüber informieren, dass dieses oder jenes Projekt aus europäischen Mitteln mitfinanziert wurde – Straßenbeleuchtung, die Renovierung einer Kirche, Glasfaserleitungen fürs Internet, der Ausbau einer Schule. Der Preis: Wirtschaftliche führt zu politischer Abhängigkeit. Der Kampf für mehr Autonomie ist kein Selbstläufer.

    https://taz.de/Kommunalwahl-auf-Martinique/!6161404&s=hannes%2Bkoch