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  • Radikaler Frühjahrsputz bei der Schufa

    Es ist der radikalste Einschnitt in der Geschichte der Schufa. Deutschlands wichtigste Auskunftei räumt radikal auf und bietet künftig nur noch einen zentralen sogenannten Score an. Gleichzeitig legt sie erstmals offen, wie er sich zusammensetzt. Vom 17. März an kann jeder und jede einsehen, wie die Schufa die persönliche Kreditwürdigkeit bewertet.

    Was ist der Schufa-Score?

    Der Schufa-Score ist eine Zahl. Sie gibt wieder, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand einen Kredit bedienen oder eine Rechnung bezahlen kann. Berechnet wird sie nach einer Formel, in die verschiedene Kriterien wie Zahl der Ratenkredite einfließen. Banken zum Beispiel fragen ihn ab, um besser einschätzen zu können, ob sie Kredite vergeben können. Mobilfunkunternehmen nutzen die Zahl, wenn sie einen neuen Vertrag abschließen.

    Warum ist der Score der Schufa wichtig?

    Die Schufa ist die größte Auskunftei dieser Art in Deutschland. Sie hat Informationen von 6,4 Millionen Firmen und rund 68 Millionen Bundesbürgern gesammelt. Täglich erreichen die Schufa rund 340.000 Anfragen von Firmen, die einschätzen wollen, ob sie Geschäft mit einer Kundin oder einem Kunden machen wollen.

    Was macht die Schufa jetzt?

    In der Vergangenheit hatte die Schufa viel Ärger. Verbraucherschützer bemängelten, wie undurchsichtig das Unternehmen war. Es gab zahlreiche Gerichtsverfahren. Die Auskunftei ermittelte verschiedene Scores für verschiedene Firmenkunden. Der wichtigste war der Banken-Score. Einsehen konnten die Verbraucher zuletzt einen sogenannten Basis-Score, der auf dem für die Banken aufbaut, aber tatsächlich extra berechnet wurde. Jetzt räumt die Auskunftei auf. Künftig gibt es einen zentralen Score, den auch die Verbraucher kostenlos abrufen können. Er ersetzt die sechs wichtigsten Branchen-Scores und den Basis-Score. Alles soll einfacher und klarer werden.

    Wie sieht der neue Score aus?

    Der neue Score hat maximal 999 Punkte. Ein Score von 868 bedeutet, dass jemand sehr kreditwürdig ist. Ein hervorragender Wert. Ein Score von 350 gilt als ausreichend. Der niedrigste mögliche Wert ist 100. Grundsätzlich gibt es keinen Score – anders als bisher –, wenn jemand aktuell einen Kredit nicht mehr bedienen kann oder Rechnungen nicht beglichen hat – eine sogenannte Zahlungsstörung. Den Topwert erreichen 0,03 Prozent der Bundesbürger, rund 62 Prozent haben einen hervorragenden Score, 20 Prozent einen guten.

    Wie wird der neue Score berechnet?

    Künftig richtet sich der Score nach zwölf Kriterien, die die Schufa-Statistiker als besonders aussagekräftig ermittelt haben. Für jedes gewährt die Schufa Punkte. Die Summe der Punkte ergibt den Score.

    – Zahlungsstörungen: Dieses Kriterium hat das größte Gewicht. Wer einmal nicht zahlen konnte, wird es wahrscheinlich auch wieder nicht können, wie die Statistiker ermittelt haben. Je länger die Zahlungsstörung zurückliegt, desto geringer die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls und desto mehr Punkte gibt es. Ohne Zahlungsstörungen jetzt oder in den vergangenen drei Jahren sind 264 Punkte möglich. Drei Jahre deshalb, weil die Schufa nach dieser Frist die Daten löschen muss.

    – Anzahl der Anfragen und Abschlüsse für Girokonten und Kreditkarten in den vergangenen zwölf Monaten: Wenn jemand sich bei mehreren Banken oder Sparkassen über die Konditionen für Girokonten oder Kreditkarten informiert, kann es sein, dass diese Banken bei der Schufa anfragen, wie kreditwürdig die Person ist. Aus der Vergangenheit weiß die Schufa, dass viele Anfragen auf finanzielle Schwierigkeiten hindeuten. Allerdings informieren sich Verbraucher heutzutage mehr über Angebote, bevor sie eines abschließen, was das Kriterium ungenauer macht. Die Schufa wertet jetzt mehrere Abfragen und einen Vertragsabschluss binnen 28 Tagen als einen Vorgang. Maximal 117 Punkte

    – Anzahl der Anfragen außerhalb des Bankenbereichs in den vergangenen zwölf Monaten: Hier sieht es ähnlich aus wie bei den Bankanfragen. Maximal 99 Punkte

    – Alter der aktuellen Adresse: Wer lange an einem Ort wohnt, ist statistisch gesehen kreditwürdiger. Maximal 94 Punkte

    – Alter der ältesten Kreditkarte: Wer mit einer solchen Karte zum Beispiel ein Hotelzimmer bezahlt, bekommt von der Bank einen Kredit in Höhe des Zimmerpreises gewährt. Kunde oder Kundin gleichen die Summe meist einmal im Monat aus. Je länger jemand eine solche Karte problemlos nutzt, desto besser ist die Kreditwürdigkeit. Maximal 81 Punkte

    – Alter des ältesten Bankvertrags: Wer lange bei derselben Bank ist, neigt statistisch gesehen dazu, seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Maximal 69 Punkte

    – Zahl der neuen Ratenkredite in den vergangenen zwölf Monaten: Je mehr (auch kleine) Kredite jemand bedienen muss, desto größter ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Person mit Zahlungen in Verzug gerät. Maximal 66 Punkte

    – Kredit mit der längsten Restlaufzeit: Je länger ein bestehender Kredit noch bedient werden muss, desto größer eher könnte ein weiterer Kredit zusätzlich belasten. Maximal 61 Punkte

    – Immobilienkredit: Wer Haus oder Wohnung besitzt und einen Immobilienkredit abzahlt, geht besonders gut mit seinem Geld um. Das zeigt zumindest die Erfahrung. Maximal 55 Punkte

    – Identität überprüft: Maximal 38 Punkte

    – Jüngster Rahmenkredit: Ein Rahmenkredit ähnelt einem Überziehungskredit (Dispo). Die Bank gewährt bis zu einer fest vereinbarten Summe Kredit. Das ist meist günstiger als ein Dispo, setzt aber eine hohe Bonität voraus. Je länger ein solcher Rahmenkredit besteht, desto mehr Punkte gibt es. Maximal 36 Punkte

    – Kreditstatus: Hier wird berücksichtigt, ob es offene oder abbezahlte Kredite gibt. Die meisten Punkte gibt es für erledigte Kredite. Schließlich hat der Kunde oder die Kundin bereits bewiesen, den Verpflichtungen nachkommen zu können. Maximal 19 Punkte

    Wie kommt die Schufa auf die Punktwerte?

    Die Auskunftei kann aus den Daten der Vergangenheit sehen, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand zum Beispiel mit vier Ratenkrediten einen davon nicht bedienen kann. Danach richtet sich die Höhe der Punkte innerhalb des Kriteriums. Nicht jedes Kriterium ist gleich wichtig. Alles rund um Zahlungsstörungen zum Beispiel ist deutlich wichtiger als zum Beispiel die Tatsache, dass bereits Kredite getilgt wurden. Entsprechend mehr Punkte gibt es, wenn keine Zahlungsstörung vorliegt (264), als für abbezahlte Kredite (19).

    Wie kann ich den Score einsehen?

    Um einzusehen, welche Daten die Schufa von mir gespeichert hat und welchen Score ich habe, brauche ich ein Konto bei der Schufa. Dafür muss ich mich einmalig online registrieren. Das geht mit der E-ID des Personalausweises sofort. Oder ich fordere eine besondere Pin an, die per Post geschickt wird. Zugang zum Konto geben dann E-Mail und ein selbst gewähltes Passwort. Die Webseite zeigt meinen persönlichen Score an, wie er sich genau zusammensetzt und wie ich im Verhältnis zum Rest der Republik dastehe.

    Ab wann gilt der neue Score?

    Die Schufa führt den neuen Score am Dienstag, 17. März, ein. Von da an ist auch das neue Schufa-Konto erreichbar. Getestet wird der Score bereits seit einem guten halben Jahr mit wichtigen Firmenkunden.

    Wer ist die Schufa?

    Die Schufa wurde 1927 als Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung gegründet. Sie gehört zu jeweils mehr als einem Viertel den Genossenschaftsbanken und den Sparkassen. Den Rest halten vor allem Geschäftsbanken. Das Wiesbadener Unternehmen beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter und setzte 2024 rund 289,8 Millionen Euro um.

  • 90 Gramm Pfeffer für 15,95 Euro

    Der Preis für den Pfeffer ist gesalzen. Zwar nicht immer, das 50-Gramm-Glas gemahlener schwarzer Pfeffer gibt es im Discounter schon für 85 Cent, der Kilopreis beträgt damit 17 Euro. Aber es geht auch anders – teurer: Zum Beispiel lässt sich im Internet ein edler schwarzer Karton, Schrift gold und weiß, mit drei 30 Gramm-Tütchen Kampot-Pfeffer für 15,95 Euro kaufen. Der Kilopreis liegt damit bei satten 177 Euro. Wie bitte? Eine Erkundung.

    Um Pfeffer wurden einst Kriege geführt. Im Mittelalter wurde er wie Edelmetall gehandelt, ließen sich Pacht und Schulden mit ihm zahlen. Erhalten hat sich aus der Zeit der Spottname Pfeffersack für den schnell reich gewordenen Kaufmann. Heutzutage fehlt er in kaum einer Küche.

    Er ist allgegenwärtig, kein Gewürz beliebter. Und lange Zeit wurde darum wenig Aufsehen gemacht: Auf der Theke im Imbiss steht Pfeffer im schmucklosen Streuer mit gelöchertem Blechdeckel, in den Regalen der Supermärkte und Discounter in überschaubarer Auswahl, schwarz, weiß, gemahlen oder in ganzen Körnern. Vorbei. Plötzlich geht es um intensiven Geschmack.

    Es begann mit Sterneköchen, die wie sonst nur bei Wein üblich über „fruchtig-würzige“ Aromen des Pfeffers redeten oder sein „Terroir“, die Umgebung, wo er wächst. Heute gibt es Verkostungen, Geschenksets für Normalköche und besondere Sorten, indischen Tellicherry-Pfeffer oder eben Kampot-Pfeffer. Dessen Preis gehe „up, up, up“, sagt Son Noun. Hoch, hoch, hoch. Noun führt über eine Pfefferfarm in Kampot, südliches Kambodscha.

    18 Flug- und zweieinhalb Autostunden von Deutschland entfernt, am Ende lehmig rote Wege. Der mineralhaltige Boden, das sehr feuchte warme Klima nahe der Küste am Golf von Thailand – alles sei „ideal“, sagt Noun, hinter ihm Pfeffersträucher, die sich in Reihe um etwa drei Meter hohe schmale Holzstämme ranken, immer Richtung Sonne. Grasgrüne Beeren hängen in Rispen herunter, wie Johannisbeeren. Die Pflanzen, lateinisch: Piper nigrum, lieferten die vier verschiedene Pfeffersorten: grüne, schwarze, weiße und rote. Alle kommen von der gleichen Pflanzenart, nicht von verschiedenen Gewächsen?

    „Nein, die Pfefferbeeren haben nur unterschiedliche Reifegrade“, sagt Noun. Schwarz seien unreif geerntete Beeren, die mehrere Wochen in der Sonne getrocknet und dabei schwarz werden. Sie seien besonders scharf, kräftig, etwas Minze, gut etwa zu Steak, denn sie enthielten besonders viel Piperin. Das ist der Stoff, der den Geschmack von Pfeffer ausmacht.

    Der grüne Pfeffer habe davon weniger, schmecke milder. Noun pflückt ein Exemplar, bietet es zum Essen an: Zitrusnote, gar nicht scharf. Damit das Grün sich hält, wird dieser Pfeffer nach der Ernte oft in Meersalz eingelegt, die Körner werden weicher.

    Weiß sei reifer Pfeffer. Die gelb-orangenen Beeren würden 48 Stunden in Wasser eingeweicht, das löse Schale und Fruchtfleisch vom Kern, der noch in der Sonne gebleicht werde. Sein Aroma erinnere an frisches Gras, Limetten, passe zu Fisch oder Salaten.

    Am kostbarsten sei der rote Pfeffer. Es ist der Pfeffer, der am längsten am Strauch bleibt. Der sei ähnlich scharf, aber süßlich-fruchtiger als schwarzer Pfeffer. In der längeren Reifezeit lagert sich mehr Zucker an. Die Spätlese birgt Risiken: Spielt das Wetter mit? Kommen gefräßige Insekten? Farmer müssen den genauen Zeitpunkt erwischen, können oft nur wenige rote Beeren pflücken. Das macht den roten Pfeffer – den viele zu Lamm, aber auch zu Schokolade und Desserts schätzen – besonders teuer.

    Die Farbenlehre ist allerorten gleich. Pfeffer, der ursprünglich aus Indien stammt, wird in vielen tropischen Regionen angebaut. Kampot-Pfeffer ist allerdings wie Schwarzwälder Schinken oder Lübecker Marzipan eine von der EU geschützte geographische Angabe. Der Name wird damit zum Gütesiegel. Der Anbau des Pfeffers hat eine lange Tradition.

    Bauern kehrten zu ihr aber erst in den 90er Jahren zurück. Das war viele Jahre nach dem Sturz der Roten Khmer, der Terrorgruppe, die 1975 die Macht in Kambodscha übernommen und die Bevölkerung gezwungen hatte, sich ausschließlich dem Reisanbau zu widmen. Ihre Schreckensherrschaft, die Millionen Kambodschanern das Leben kostete, dauerte vier Jahre.

    Die Qualität des Pfeffers: besonders, Regeln für den Anbau sind von der Kampot Pepper Association festgelegt. In ihr haben sich Farmer der Region organisiert. Alles öko, chemische Dünger und Pestizide sind tabu. Alles Handarbeit. Das zeigt sich, als Noun die Farm zeigt, die von einer schottisch-kambodschanischen Familie betrieben wird, Botree heißt und klein ist wie die meisten Farmen in der Region, 20 Beschäftige, drei Hektar mit Pfeffer.

    Die Ernte solle in wenigen Tagen starten. Sie ist immer zwischen März und Mai. Alle Pfefferbeeren würden dann von Hand gepflückt und getrennt nach: grün, reif, überreif. In großen Wannen würden sie zunächst gewaschen, später im heißen Wasserbad von Keimen befreit, dann mehrere Tage in der Sonne getrocknet, dafür immer wieder gewendet.

    Dann suchten Frauen, bekleidet mit Haarnetz, Masken, Op-Handschuhen, die Körner aus, die verpackt würden. Zu kleine, zu leichte, zu graue Körner flögen raus. Es ist eine Arbeit mit Pinzette. Beim schwarzen Pfeffer zum Beispiel fallen laut Noun meist 30 Prozent weg – mehr als bei manchen Handelsqualitäten, die einen bestimmten Anteil dieser sogenannten Pinheads, der verkümmerten Körner, enthalten dürften. Es gibt viel zu tun – und es st nicht alles.

    Dazu kommt zum Beispiel Mist: Sie nährten die Pfefferpflanzen neben Kuhdung auch mit Fledermausguano, so Noun, sammelten den Kot der Flugkünstler unter den Bäumen ein, an denen sie hängen, vermengten alles mit Gras, Blättern, anderem. Reisfeldkrabben und Fischköpfe eigneten sich auch. Mit exotischen Früchten wie Mango lasse sich leichter Geld verdienen, sie trügen auch mehrmals im Jahr, meint Noun: „Viele Pfefferfarmer geben auf.“

    Die produzierte Menge an Kampot-Pfeffer war schon immer überschaubar, nun sinkt sie auch noch: Im Jahr 2024 waren es etwa 66 Tonnen. Das ist mehr als noch vor zehn Jahren, aber weniger als 2021 mit 140 Tonnen. Noun sagt, Lachen im schmalen Gesicht: „Ich berate gerne, wenn Sie eine Pfefferfarm aufmachen wollen.“

    Der Münchener Christian Ziegler, eigentlich IT-Experte, ist vor wenigen Wochen tatsächlich in das Geschäft eingestiegen, nicht als Farmer. Er vertreibt den Pfeffer der Botree-Farm online, darunter die drei 30 Gramm-Tütchen. Aber wer zahlt dafür 15,95 Euro? „Privatleute“, sagt er.

    Der Hype nimmt zu, das Angebot ab. Das hat seinen Preis. Er geht „up, up, up“.

    Infokasten: Der Pfefferpreis

    Das Problem: Der Klimawandel führe zu Ernteausfällen, Handelswege seien unsicherer geworden, warnte der Fachverband der Gewürzindustrie unlängst. Das könne Pfeffer grundsätzlich verteuern.
    Die Zahlen: Noch 2020 importierte Deutschland insgesamt fast 30.000 Tonnen ganzer Pfefferkörner für 75 Millionen Euro, 2024 waren es knapp 24.000 Tonnen ganzer Pfefferkörner für 129 Millionen. Der Preis hat sich damit mehr als verdoppelt. Mehr als die Hälfte der Importe kommt aus Vietnam. Darüber hinaus wird auch noch gemahlener Pfeffer eingeführt, das Gros ist das aber nicht.
    Der Tipp: In ganzen Pfefferkörnern bleibt das Aroma besser enthalten. Darum lohnt es, Pfeffer erst kurz vor dem Würzen zu mahlen. Der Geschmack ist dann intensiver.

  • Damit das E-Bike nicht schlapp macht

    Das ist keine schöne Erfahrung: Eine Radtour mit dem E-Bike, ein- oder zweimal falsch abgebogen, die Strecke wird länger als angenommen, der Akku leert sich bedenklich. Aber es kommt eine Gastwirtschaft, eine Ladestation vor der Tür. Glück gehabt? Von wegen, das eigene Ladekabel passt nicht in die Steckdose. Das müsse anders werden, sagt Umwelt- und Verkehrsexperte Axel Friedrich dieser Zeitung und fordert: „Ein einheitlicher Standard für die Ladesysteme muss endlich Pflicht werden.“ Er hat Verbündete – und Gegner.

    An der Seite von Friedrich, einst Abteilungsleiter für die Bereiche Verkehr und Lärm im Umweltbundesamt, heute unterwegs als Berater für Regierungen und Verbände wie die Deutsche Umwelthilfe steht in diesem Fall etwa der ADAC: Nach Ansicht des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs sollte für „Akkus von Leicht-Elektrofahrzeugen wie Pedelecs, E-Bikes oder E-Scootern eine Vereinheitlichung der Ladestecker gesetzlich vorgeschrieben werden.“ Auch der ADFC, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club, macht sich für eine Regulierung stark.

    Mehr als jedes zweite Fahrrad, das in Deutschland verkauft wird, ist ein E-Bike, auch wenn sie meist deutlich teurer sind als klassische Räder. Die Ladegeräte, Kabel und Stecker der Akkus können je nach Marke, Modell und Generation des Rads variieren. „Firmen wie Bosch oder Shimano entwickeln immer neue Ladegeräte, auf dem Markt sind hunderte“, erklärt Friedrich, „das ist so ärgerlich wie früher bei Handys, E-Readern, Kopfhörern.“

    In der Schublade häuften sich einst deren Kabel, weil jedes Gerät ein spezielles brauchte. Dann wurden die Ladebuchsen für Mobilgeräte von der EU vereinheitlicht – mit dem USB-C-Anschluss. Nur für Laptops gilt noch eine Übergangsfrist bis Ende April dieses Jahres. Das macht es für Verbraucher bequemer, es sammelt sich auch weniger Elektroschrott an. Allerdings waren Elektronikfirmen von den EU-Vorgaben wenig begeistert, allen voran stemmte sich der Apple-Konzern dagegen. Der Richtlinie – gern Anti-Apple-Gesetz genannt – ging eine jahrelange Diskussion voraus. Die fürchtet Friedrich nun wieder.

    Eigentlich sollte die EU-Kommission schon bis Anfang 2025 geprüft haben, wie ein harmonisiertes Ladesystem eingeführt werden kann. Das sieht die EU-Batterieverordnung vor. „Aber nichts ist passiert“, sagt Friedrich. Darum hat er vor wenigen Wochen einen Brief an EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall formuliert. Unterschrieben haben ihn Umwelt-, Mobilitäts- und Tourismusorganisationen wie etwa der Deutsche Tourismusverband. Darin die Bitte „rasch einen gemeinsamen Ladestecker für Elektrofahrräder und andere leichte Fortbewegungsmittel festzulegen.“

    Gastwirte, Hoteliers, Campinplatzbesitzer wollen Lademöglichkeiten anbieten. Das zieht Kunden an. Allerdings macht es auch für sie alle einen Unterschied, ob die Ladestecker standardisiert sind oder nicht. Letzteres heißt: Die Ladestation muss für eine Vielzahl von Systemen ausgerüstet werden. Das mache es, „beachtlich“ teurer, heißt es in dem Brief. Die Hersteller hätten es jedoch „versäumt, einen gemeinsamen Ladestecker zu etablieren; daher ist eine gesetzliche Regelung erforderlich.“

    Nur: Das sehen Hersteller anders. Man spreche sich „nicht grundsätzlich gegen ein einheitliches Ladesystem aus“, erklärt der Fahrradindustrieverband ZIV in einem Positionspapier, arbeite daran auch mit. Der ZIV vertritt rund 140 Unternehmen, darunter zum Beispiel Bosch. „In spezifischen Anwendungsfällen – insbesondere im touristischen Umfeld oder bei gewerblichen Flotten – kann ein einheitliches und genormtes Ladesystem sinnvoll sein.“ Bedeutet umgekehrt: Sonst eher nicht.

    „Alltagswege sind kurz und am Ende steht die private Lademöglichkeit“, schreibt der ZIV. Und wer eine Ein-Tages-Radtour mache, lege im Schnitt 44 Kilometer zurück, wer mehrere Tage unterwegs sei 62 Kilometer pro Tag. Das sei ohne einen Ladestopp machbar, zumal Akkus besser würden.

    Der Verband rechnet vor: „Über 90 Prozent aller Ladevorgänge finden im privaten Umfeld oder am Arbeitsplatz statt, wo Nutzer ihr eigenes, auf die Batterie abgestimmtes Ladegerät verwenden.“ Und die Ladesysteme seien für ein Lastenrad anders als für ein Tourenrad „optimiert gestaltet“.

    Die Fahrradindustrie lehnt die „Übertragung regulatorischer Konzepte aus der Unterhaltungselektronik auf sicherheitskritische Batteriesystem im Fahrradbereich“– das ist die entscheidende Aussage am Ende des Papiers – „entschieden ab“. Sie stellt sich gegen ein Gesetz.

    Laden die meisten Radfahrer zu Hause? Friedrich: „Im Urlaub zum Beispiel nicht, und da fahren viele am Tag auch mehr als 100 Kilometer, Durchschnittswerte hin oder her.“ Radler, die lange Strecken machen, könnten einen Ersatz-Akkus mitnehmen? Friedrich: „Der kostet extra Geld.“

    Letzte Frage: Technisch wäre eine Vereinheitlichung machbar? Friedrich: „Natürlich, es wäre selbst eine spezielle Version des USB-C-Ladesteckers auch zum Laden von Elektrofahrrädern denkbar.“ Heute fehlten manchmal Ersatzteile, weil Hersteller ihre Ladegeräte und zugehörige Komponenten geändert und die alten aus dem Angebot genommen hätten oder weil ein Anbieter insolvent geworden sei. Denkbar schlimmste Folge laut Friedrich: „Auch wenn sonst noch alles in Ordnung ist, müssen Kunden ein neues E-Bike kaufen.“

    Eine Antwort der EU-Kommissarin auf den Brief steht noch aus.

  • Drastischer Abstieg Russlands

    Von Russland ist wenig übriggeblieben in der deutschen Außenhandelsbilanz. 2025 fiel der einst wichtigste Energielieferant der Bundesrepublik von Rang 45 auf Rang 48, einen Platz hinter Litauen. Vor allem die Sanktionen der EU ließen das Geschäft weiter schrumpfen. Ganz von der Liste wird Russland, das vor vier Jahren die Ukraine angriff und damit Krieg nach Zentraleuropa zurückbrachte, nicht verschwinden. „Der Handel wird nie Null sein“, sagt Catharina Claas-Mühlhäuser, Vorsitzende des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft – selbst mit dem Sudan oder Pitcairn im Pazifik. Die Ukraine wird als Partner der Deutschen hingegen immer wichtiger.

    Im vergangenen Jahr betrug der Wert der Waren, die Deutschland nach Russland verkaufte und von dort bezog, 8,15 Milliarden Euro, 13,3 Prozent weniger als 2024. Litauen kam auf 8,75 Milliarden Euro, plus 7,2 Prozent. Zu Hochzeiten der deutsch-russischen Beziehungen 2012 waren es insgesamt rund 81 Milliarden Euro. Ein großer Posten war Energie: Öl und Gas, zwei der wichtigsten Exportprodukte Russlands, die auch den Krieg finanzieren. Seit 2022 bezieht Deutschland kein Pipeline-Gas mehr, seit 2024 kein Pipeline-Öl.

    Noch immer werden die zahlreichen Sanktionen der EU gegen Russland umgangen, etwa über Staaten in Zentralasien. Die Zahl der Fälle sei nicht groß, sagt Andreas Metz, Leiter Public Affairs beim Ost-Ausschuss. Auch um Kasachstan, das zuletzt immer genannt wurde, ist es offenbar ruhiger geworden. Bundesregierung und EU verhandelten regelmäßig mit Staaten Zentralasiens. „Wer mehr mit uns handeln will, muss sich auch an die Sanktionen halten“, sagt Metz. Das setze sich durch. Es sei aber schwer, ganz zu verhindern, dass Sanktionen umgangen würden.

    Ausgenommen sind unter anderem pharmazeutische und chemische Produkte sowie Landwirtschaft. Russland ist neben der Ukraine einer der größten Getreidelieferanten der Welt. Noch immer sind deutsche Firmen in Russland tätig auch der Landmaschinenbauer Claas, an dem Claas-Mühlhäuser beteiligt ist. Welche Chancen Russland nach dem Ende des Ukraine-Krieges bieten könnte? „Es sei viel zu früh , überhaupt darüber nachzudenken, was möglich sei, sagt die Vorsitzende des Ost-Ausschusses. Sie sehe da zurzeit keine Ansatzpunkte.

    Wesentlich besser läuft der deutsche Handel mit der Ukraine (Rang 39), dessen Wert im vergangenen Jahr um 4,9 Prozent auf 12,4 Milliarden Euro zulegte, deutlich stärker als der gesamte Außenhandel, der 2,4 Prozent im Plus war. Vor allem der Wert der Ausfuhren stieg. In den Zahlen sind auch Waffen enthalten, die aber nicht gesondert ausgewiesen werden. Deutsche Unternehmen sehen in dem Land große Chancen. 43 Prozent der bereits in Osteuropa tätigen Firmen wollen in der Ukraine investieren, wie eine Umfrage der Beratungsfirma KPMG im Auftrag des Ost-Ausschusses ergab. 2025 waren es 35 Prozent. Nur Polen erreicht mit 56 (45) Prozent einen höheren Wert.

    Claas-Mühlhäuser fordert, der Ukraine neben Moldau und den Staaten des Westbalkans einen schnellen Beitritt zur EU zu gewähren. „Es muss nicht immer gleich die volle Mitgliedschaft sein“, sagt sie. Sie vermisst den politischen Willen in Brüssel und auch im ein oder anderen Beitrittsland. Größte Hindernisse sind Bürokratie und Korruption. Zuletzt war ein größerer Fall im direkten Umfeld von Ukraines Staatschef Wolodimir Selenski bekannt geworden.

    Im Vergleich zu den ganz großen Handelspartnern ist das Geschäft mit der Ukraine noch ausbaufähig. Wichtigster Außenhandelspartner Deutschlands war 2025 China mit 251,8 Milliarden Euro vor den USA mit 240,5 Milliarden Euro und den Niederlanden mit 209,1 Milliarden Euro. Polen steht mit 180,4 Milliarden Euro auf Rang 5.

    Der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft fördert seit 1952 den Handel mit Mittel-, Ost- und Südosteuropa sowie Zentralasien. Getragen wird er von Industrieverband BDI, Arbeitgeberverband BDA, Bankenverband, DIHK und Zentralverband des deutschen Handwerks. Er hat 350 Mitgliedsunternehmen.

  • Auf der Suche nach dem nächsten ChatGPT

    Künstliche Intelligenz treibt die nächste wirtschaftliche Revolution. Die Technologie wird mit Milliardensummen vor allem in den USA weiterentwickelt. Wieder einmal kann Europa kaum mithalten. Die Bundesagentur für Sprunginnovationen, Sprind, will das mit einem Millionenexperiment für die Zukunft ändern. Sie sucht in einem Wettbewerb das nächste große Ding, die KI nach der KI, das nächste ChatGPT. Europaweit.

    „In den nächsten Jahrzehnten werden alle wichtigen Erfindungen über KI laufen“, sagt Mirko Holzer, bei Sprind verantwortlich für KI und Robotik. „Wir sind überzeugt, dass in den nächsten 20 Jahren 95 Prozent der Jobs besser von KI erledigt werden als von Menschen. Und das schließt auch die manuelle Arbeit von Menschen ein.“ Bei einer so tiefgreifenden Technologie sollte eine Industrienation wie Deutschland mitmischen.

    Anwendungen gibt es viele. Die KI hilft, Moleküle für die Krebsforschung zu finden, analysiert große Mengen Maschinendaten und schlägt vor, was sich verbessern lässt, und auch Reden lassen sich einfach erstellen oder Ergebnisse zusammenfassen. Die Technologie dahinter stammt allerdings nicht aus Deutschland oder gar Europa. „Praktisch kommen alle KI-Grundmodelle, die wir anwenden, aus den USA oder China“, sagt Holzer. Sie heißen ChatGPT (OpenAI), Claude (Anthropic), Copilot (Microsoft), Gemini (Google) oder Deepseek vom gleichnamigen chinesischen Unternehmen.

    Die aktuelle Lage hierzulande sieht nicht gut aus. „Das ist, als würde Deutschland als eine der führenden Industrienationen Strom ausschließlich im Ausland einkaufen. Sie wäre vollständig den Preisvorstellungen der Lieferanten ausgeliefert“, schildert Holzer. „Und diese können damit drohen, den Strom abzuschalten.“ Er erwartet, dass Amerikaner wie Chinesen ihre Führungsposition in der KI im Sinne ihrer geopolitischen Interessen nutzen werden.

    Eine Möglichkeit wäre, in großem Umfang zu investieren. Aber: „Europa ist bei den derzeit führenden KI-Technologien 15 Jahre hinterher“, erklärt Holzer. „Wir haben weder das Geld noch die erforderlichen Rechenzentrumskapazitäten, um hier aufzuholen. Außerdem werden wir werden regulatorisch durch den europäischen AI Act stark gebremst.“ Der Aufholversuch dauert aus seiner Sicht fünf bis sieben Jahre – in KI-Zeiten zu lang.

    „Deshalb bleibt nur: Wir überspringen die aktuelle Technologie und suchen nach dem, was das nächste große Ding ist“, sagt Holzer. „Ähnlich gingen afrikanische Länder vor, die das Festnetzzeitalter ausließen, gleich auf Mobilfunk setzten und zum Beispiel früh mobile Zahllösungen entwickelten.“ Deshalb sucht die Sprunginnovationsagentur jetzt „Leute, die mutig genug sind, die sich trauen. Derzeit sind wir in Europa unterwegs, um sie aufzurütteln.“ Eine Werbetour für die digitale Zukunft.

    Ohne den Anschub von Sprind würde vermutlich wenig passieren. „Die drei Ideen in der Anfangsphase mit Steuergeld zu finanzieren, nimmt für spätere Investoren das Risiko des Ausfalls und macht die neuen Firmen attraktiv für Investoren“ erklärt Holzer.

    Bis Ende Mai können sich alle, die eine Idee haben, bei Sprind bewerben. Der Wettbewerb startet am 1. Juli dann mit zehn ausgewählten Teams. Zunächst stehen 125 Millionen Euro bereit. „Wir vergeben das Geld nicht einfach so. Ohne Idee und Plan läuft nichts“, garantiert Holzer. Und es ist nicht gesagt, dass alle oder auch nur eines der Teams aus Deutschland kommen. „Wir investieren zwar deutsches Geld, denken aber bewusst europaweit – einschließlich Großbritannien und Schweiz.“

    Drei Runden sind geplant, eine Jury entscheidet, welche Teams weiterkommen. „Nach zwei Jahren haben wir idealerweise drei Unternehmen – wir nennen Sie „Frontier Labs“ – im Frühstadium, die Modelle entwickelt haben, die funktionieren könnten“, sagt Holzer. „Praktisch drei Setzlinge, die wir umtopfen und mit je einer Milliarde Euro gießen müssen.“ Klingt viel Geld, ist aber immer noch wenig im Vergleich zu den Summen, die derzeit in den USA eingesetzt werden. Investoren steckten gerade 30 Milliarden Dollar (25,5 Milliarden Dollar) zusätzlich in Anthropic. OpenAI erhielt knapp 100 Milliarden Dollar.

    Die Sprunginnovationsagentur kann und muss die drei Milliarden Euro für die „Setzlinge“ nicht aufbringen. Das Geld soll aus staatlichen Fördertöpfen der Länder kommen, in denen die Teams sitzen und von der EU. Darüber hinaus ist die Privatwirtschaft gefragt: Konzerne könnten eine der drei neuen europäischen Ideen als gutes Investment ansehen und durch Umsatzgarantien helfen, schnell zu wachsen. Klassische Investoren, so die Hoffnung, könnten Interesse haben, auch Firmen, die große Familienvermögen verwalten. Zudem sind Börsengänge möglich, um Geld zu beschaffen. Die Kontrolle der drei jungen Unternehmen muss aber in Europa bleiben.

    „Das Geld ist nötig, weil viel probiert werden muss“, sagt Holzer. „Auch heutige KI-Grundmodelle brauchen zwei bis drei Trainingsläufe mit Daten. Die kosten jeweils 100 bis 200 Millionen Dollar. Und es funktioniert nicht immer.“ Sehr wahrscheinlich muss bei den drei neuen Ideen viel probiert werden. „Sie sollen ja besser sein als bestehende Modelle“, sagt Holzer. Möglicherweise arbeiten die „Setzlinge“ auch anders als die KI derzeit. Der Sprind-Experte kann sich einiges vorstellen: „Heute wird vor allem mit Text und Bildern trainiert, aber vielleicht sind es künftig auch Schallwellen oder ganz andere Daten.“

  • Urlaub statt Geschäft

    Europaweit boomt der Luftverkehr. Deutschland fliegt hinterher, auch wenn lange Schlangen an den Sicherheitsschleusen der Flughäfen zu Weihnachten oder Ostern anderes andeuten. Dann ist schließlich Ferienzeit. Insgesamt hat sich die Branche immer noch nicht von der Corona-Pandemie erholt. Die Gewohnheiten haben sich geändert und der Staat verlangt über die Luftverkehrssteuer mehr Geld. Urlaub, scheint es, geht immer.

    Im vergangenen Jahr  kamen 219,6 Millionen Passagiere an einem deutschen Flughafen an oder hoben von dort ab, ein Plus von 3,6 Prozent, wie der Bundesverband der deutschen Luftverkehrswirtschaft berichtet. Die Branche ist allerdings noch weit vom Rekordwert 2019 entfernt. Damals zählten deutsche Flughäfen 248,1 Millionen Fluggäste – dann kam Corona.

    Viele europäische Länder haben die Pandemie längst hinter sich gelassen. In Europa ohne Deutschland lag die Zahl der angebotenen Sitzplätze 2025 acht Prozent höher als 2019, in Italien waren es 17 Prozent. Frankreich kommt auf ein Plus von zwei Prozent. Deutschland liegt elf Prozent unter dem Wert von 2019. „Der Branche geht es in der Bundesrepublik wegen hausgemachter Probleme schlecht“, sagt BDL-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang.

    Den Verband stört vor allem die Luftverkehrssteuer. Knapp zwei Milliarden machte sie zuletzt aus. Jeder Passagier, der an einem deutschen Flughafen startet, muss sie zahlen. Je nach Entfernung, ist der Betrag unterschiedlich hoch. Für Kurzstrecken sind es 15,53 Euro, das betrifft vor allem Flüge innerhalb Deutschlands und zu Zielen in Europa. Die Steuer gilt seit 2011.

    Der Inlandsverkehr ist nur noch halb so groß wie vor Corona. Der BDL hat Flüge herausgerechnet, die meist Zubringer für andere ab Frankfurt oder München sind, und kommt auf 20 Prozent des Angebots von vor sechs Jahren – das sind Strecken wie Hamburg–Stuttgart oder Leipzig–Düsseldorf. Letztere ist im vergangenen Jahr ganz weggefallen, wie viele andere auch.

    Viel wichtiger noch als der Inlandsverkehr sind aus Sicht des Verbandes für den Standort D die Strecken in andere europäische Städte, die Geschäftsleute fliegen. Zürich, Rom und Brüssel würden von einigen Orten aus nicht mehr angeflogen, sagt Lang. Stattdessen führen neue Strecken vor allem in touristische Gegenden, etwa nach Fuerteventura, oder in Regionen, wo viele Menschen Verwandte und Freunde besuchen, Chișinău in Moldau zum Beispiel.

    Vor allem die Billigflieger setzen ihre Flugzeuge dort ein, wo sie besonders viel verdienen können. Eine Maschine zwischen Köln und Rhodos ist genauso leicht zu füllen wie zwischen Manchester und Rhodos. Wenn der Ertrag auf der zweiten Strecke höher ist, ist das Flugzeug dort unterwegs. Vor allem Ryanair und Easyjet fliegen in Deutschland weniger als vorher, meist von sehr kleinen Flughäfen mit günstigen Gebühren wie Memmingen oder Weeze am Niederrhein. Und es geht in der Regel in Urlaubsorte.

    Die Bundesregierung hatte im November beschlossen, die letzte Erhöhung der Luftverkehrssteuer zum 1. Juli 2026 zurückzunehmen. Die Fluggesellschaften hätten daraufhin erst einmal keine weiteren Strecken gestrichen, was geplant gewesen sei, sagt BDL-Hauptgeschäftsführer Lang. Es geht um rund drei Euro je Passagier und Flug. „Damit kann man den Absturz aufhalten, aber nicht zu alter Stärke zurück“, sagt er. Und auch nicht recht am Boom teilhaben.

    Der Verband arbeitet daran, die Steuer zu halbieren, wenn nicht sogar zu streichen. Am Beispiel Schwedens sehe man, wie schnell sich das Angebot erhöhe, sagt Lang. Das Land hatte die Steuer 2025 abgeschafft. Der BDL-Hauptgeschäftsführer glaubt, dass die Luftverkehrssteuer durch andere staatliche Einnahmen mehr als ausgeglichen würde, stiege der Luftverkehr in Deutschland wieder.

    Ein in Deutschland stationiertes Flugzeug trägt nach älteren Zahlen etwa 70 Millionen Euro jährlich zum Bruttoinlandsprodukt bei. Seit 2019 hat Deutschland 60 Maschinen verloren. Wenn nur sie zurückkämen, würde der Wert der Luftverkehrssteuer durch andere Steuern und Abgaben fast erreicht, sagt Lang. Sollte Deutschland sogar zum Durchschnitt der EU aufholen, nähme der Staat mehr ein, als er über die Luftverkehrssteuer derzeit bekomme.

    Die Preise auf innerdeutschen Strecken sind nicht nur wegen der Luftverkehrssteuer höher als 2019. Auf vielen Strecken fehlt der Wettbewerb. So versuchten Billigflieger wie Easyjet, auf Inlandsstrecken zu punkten, was die Preise drückte. Inzwischen ist das Angebot deutlich eingeschränkter, Tickets teurer. Und offenbar finden sich auf vielen Strecken nicht genug Menschen, die bereit sind, so viel Geld für Flüge auszugeben.

    Unklar ist, ob die Nachfrage für Inlandsflüge überhaupt besteht. Zahlreiche Geschäftsreisende sind auf den Zug umgestiegen oder aufs Auto. Viele Konferenzen laufen inzwischen per Video. Und wenn Geschäftsreisende wirklich dringend von Friedrichshafen nach Frankfurt fliegen müssten, wären sie sicher auch bereit etwas mehr zu bezahlen.

    Der Ausblick zeigt: Bis Juli werden vor allem in Frankfurt mehr 21,3 Millionen Sitze angeboten, fünf Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2025. München wird bei 14,1 Millionen stagnieren. Für Berlin, drittgrößter Flughafen Deutschlands, sind 8,2 Millionen Sitzplätze geplant, ein Plus von zwei Prozent, Düsseldorf kommt bei 6,7 Millionen Plätzen auf ein Plus von einem Prozent. Stuttgart, Köln/Bonn, Hannover verlieren jeweils ein Prozent.

  • Reaktor für den Schreibtisch

    Am Anfang steht eine gute Geschichte. Robin Langtry, Chef des US-Technologieunternehmens Avalanche Energie, verspricht ein Kraftwerk, das der Sonne nachempfunden ist, dauerhaft sauberen Strom erzeugt und auf dem Schreibtisch Platz findet. Kernfusion für jedermann, im Prinzip. Investoren jedenfalls haben Langtry kürzlich 29 Millionen Dollar gegeben, um sein Produkt zu entwickeln. Anfang der 30er soll es auf den Markt kommen – vielleicht erst einmal nicht für das heimische Wohnzimmer, aber für Satelliten, beim Militär oder für abgelegene Gegenden, wo bisher Dieselgeneratoren Strom liefern.

    Avalanche ist nur eines der Unternehmen, die die Kernfusion voranbringen wollen und schnelle Erfolge versprechen. Weltweit versuchen mehr als 80 Firmen, einen ersten Reaktor zu bauen oder zumindest einen Demonstrator, der beweist, das die Technologie funktioniert. Daran hapert es bisher, obwohl seit mehr als 70 Jahren geforscht wird. Was gut klingt, ist technisch äußerst anspruchsvoll.

    Weltweit steigt der Strombedarf. Angesichts der enormen Energiemengen, die nötig sind, damit die vielen geplanten Rechenzentren für Künstliche Intelligenz auch laufen, suchen die Betreiber nach stabilen Quellen. Neben Atomkraft könnte das Kernfusion sein. In den vergangenen Jahren pumpten Investoren rund elf Milliarden Dollar in den Sektor, vor allem in den USA, wo sich zuletzt 47 Firmen sich mit dem Thema beschäftigten. Commonwealth Fusion Systems verspricht für 2030 einen ersten Reaktor. Helion Energy will Microsoft sogar schon 2028 mit Strom beliefern.

    Bei der Kernfusion geht es darum, Atomkerne zusammenzubringen, in diesem Fall Deuterium und Tritium, zwei Formen des Gases Wasserstoff. Dabei entstehen das Edelgas Helium und Neutronen. Letztere liefern die Energie. In der Sonne laufen solche Fusionen ununterbrochen. Auf der Erde sind andere Strategien nötig. Verfolgt werden im Wesentlichen zwei: Der Fusionsprozess kann in einem mehr als 100 Millionen Grad heißen Plasma angeregt werden, das von Magneten in der Schwebe gehalten wird. Oder Materie in der Größe eines Pfefferkorns kann mit einem sehr präzisen Laser beschossen werden, die Energie des Strahls setzt die Fusion in Gang.

    In Deutschland arbeiten vier Unternehmen an Fusionsreaktoren. Marvel Fusion aus München ist derzeit mit rund 380 Millionen Euro finanziert und typisch für die neue Herangehensweise. Das Unternehmen setzt auf Laserfusion. „Wir haben erkannt, dass wir nicht alles selbst regeln können“, sagt Sophia Spitzer, für die Marktstrategie verantwortlich. Es müsse zu viel gleichzeitig entwickelt werden. Entsprechend arbeitet das Unternehmen mit Partnern zusammen, beim Kraftwerksdesign etwa mit dem Konzern Siemens Energy.

    Zudem versucht das Unternehmen, Teile bereits heute kommerziell zu nutzen, etwa die Laser. Ähnlich gehen auch andere Firmen vor. Zum einen würden die Produkte dann verbessert, sagt Spitzer, zum anderen bauten Zulieferer die Kapazitäten auf, um die Teile später in größerer Menge günstig herzustellen. Bisher wird vieles auf Anfrage gebaut, was die Kosten treibt. Für Anfang der 30er verspricht Spitzer einen Kraftwerksprototypen, Mitte der 30er ein kommerzielles Kraftwerk.

    Im Koalitionsvertrag von Schwarz-rot ist vereinbart, dass das erste Fusionskraftwerk der Welt in Deutschland stehen soll. Entsprechend soll die Förderung steigen. Für drei Jahre sind jetzt 2,7 Milliarden Euro angesetzt. China investiert etwa das Dreifache – jährlich. Kanzler Friedrich Merz (CDU) sieht die Technologie gar Windkraft ersetzen. Das sehen Experten wie etwa Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) nicht, schon allein, weil die Kosten für Strom aus Kernfusion deutlich höher seien als aus erneuerbaren Energien.

    Die Förderung sollte der Bund neu ausrichten. Grundlagenforschung ja, aber nicht mehr, um ein Kraftwerk zur Stromerzeugung zu entwickeln. Hier solle die deutsche Forschungspolitik auf die Innovationsdynamik privater Akteure setzen. Kurz gefasst: Der Markt wird es richten. Spitzer von Marvel Fusion ist sicher, dass die Deutschen vorn dabei sind, vor allem bei Laserfusion. Gerade bei Lasertechnologie sei Deutschland führend. „Wir haben vielleicht weniger Kapital, aber deshalb sind wir nicht langsamer unterwegs“, sagt die Managerin. „Wir sind kreativer.“ Ob der Optimismus die technischen Probleme löst, ist unklar.

  • Elektrisierendes schwarzes Pulver

    Chinesische Übermacht? In Weimar schickt sich ein kleines Unternehmen an, Deutschland bei Batterien für E-Autos ein bisschen unabhängiger zu machen. Dahinter steckt der Mut eines Unternehmers, reichlich Ingenieurswissen und der VW-Konzern, der trotz Sparprogramm eine größere Investition wagt. Es geht um ein schwarzes Pulver und ein besonderes Herstellungsverfahren.

    Ehringsdorf ist von Peking mehr als 7500 Kilometer Luftlinie entfernt. Der beschauliche Vorort sieht nicht aus, als könnte von hier aus eine Revolution ausgehen. In den Räumen von Ibu-Tec Advanced Materials arbeiten sie aber dran. „Die Abhängigkeit des Westens von China, zum Beispiel bei Akkus jeder Art – Autos, Telefone, Staubsauger – ist riesig“, sagt Ulrich Weitz, Produktvorstand und Großaktionär des Unternehmens.

    Vor allem bei E-Autos müssen die Europäer eigenständiger werden. Ibu-Tec geht es nicht so sehr um die Autobatterien selbst als um einen kleinen, aber teuren und wichtigen Teil, die Kathode – der Minuspol –, genauer, das Material dafür. „Bisher wird, vor allem für hohe Reichweiten und Fahrzeuge der gehobenen Preisklasse, Kathodenmaterial aus Nickel, Mangan und Kobalt, kurz: NMC, verwendet“, sagt Weitz. „Die Bestandteile sind zum Teil selten, teuer und nicht nachhaltig.“

    Anders ist das bei LFP, Lithium-Ferrit-(Eisen)-Phosphat. Lithium und Eisen ist deutlich günstiger und weniger giftig als NMC. Könnte Europa hier punkten? Es wird schwer. „Die chinesischen Hersteller haben schnell erkannt, dass es nicht nur auf Reichweite ankommt, und auf LFP gesetzt“, sagt Firmenchef Jörg Leinenbach. „Sie sind das Thema strategisch angegangen bis hin zur Rohstoffbeschaffung. Selbst beim Vorprodukt Eisenphosphat kommt man an China nicht vorbei.“ Das soll sich jetzt ändern. Ibu-Tec hat die Technologie, LFP in großen Mengen herzustellen.

    Dafür wird das senfgelbe Eisenphosphat in einem Drehrohrofen, einer Art rotierendem Backofen, zu schwarzem Pulver gebrannt. Das darf nicht mit Sauerstoff zusammenkommen, was die Fertigung kompliziert macht. Das Wissen um LFP sammelte Ibu-Tec über Jahre. Von 2010 bis 2018 entwickelte und produzierte das Unternehmen das schwarze Pulver im Auftrag des Chemiekonzerns BASF. Das Kathodenmaterial wurde in Batterien für Smart und Mercedes verbaut. Seit dem Auslaufen der BASF-Patente 2021 stellt Ibu-Tec im Drehrohrofen in Ehringsdorf eigenes Material her.

    Der Markt für LFP-Batterien ist riesig: Für 2025 schätzten ihn die Marktforscher von Precedence Research auf 19,6 Milliarden Dollar (16,5 Milliarden Euro). 2030 soll er bei rund 40,6 Milliarden Dollar liegen, 2034 sogar bei 72,8 Milliarden Dollar. Und Ibu-Tec will davon profitieren.

    Bis 2025 fehlte den Weimarern noch ein großer Abnehmer. Im Oktober konnte das Unternehmen dann einen Vertrag mit der Batterietochter des Volkswagen-Konzerns unterzeichnen. „Wir haben sehr große Konkurrenten in China bei LFP“, sagt Weitz stolz. „Powerco hat sich dennoch für uns entschieden als einzigem europäischen LFP-Produzent.“

    Seither ist alles etwas anders bei Ibu-Tec. Kein Wunder, es ist der größte Auftrag der Firmengeschichte. Das Unternehmen baut jetzt eigens eine neue Fabrik im sachsen-anhaltinischen Bitterfeld, weil in Ehringsdorf im Stammwerk nicht genug Platz ist. Kern der neuen Anlage im Chemiepark wird ein Drehrohrofen ähnlich dem in Ehringsdorf, allerdings ist er mit 40 Metern Länge und zwei Metern Durchmesser deutlich größer. Das entspricht etwa acht VW-Bussen hintereinander.

    Die Anlage, ohne Milliardensubventionen komplett durchfinanziert, soll 2027 fertig sein. Wenn alles nach Plan läuft, brennt der Ofen im dritten Vierteljahr 2028 das erste schwarze Pulver. Gut 15.000 Tonnen kann die Anlage jährlich liefern, fast das Fünffache der alten Anlage. Sollte mehr nötig sein, hat Ibu-Tec noch Platz auf dem Gelände. Gleich größer zu bauen, hält Firmenchef Leinenbach nicht für sinnvoll. „Der Drehrohrofen ist mit gut 40 Metern Länge optimal für die Produktion.“

    Die Liefermenge klingt groß, ist im internationalen Maßstab aber noch klein. Powerco hat andere Zulieferer, um die geplanten Mengen von E-Autos im VW-Konzern mit Batterien versorgen zu können. Das Unternehmen baut gerade in Salzgitter, bei Valencia und in Kanada Batteriefabriken, will bis 2030 die Hälfte der VW-Nachfrage mit standardisierten und dadurch günstigen Produkten bedienen. Der deutsche Autobauer will so weniger abhängig von den meist chinesischen Zulieferern werden. Neben LFP setzt der Konzern auch auf andere Technologien wie MNC.

    Die Anfänge von Ibu-Tec gehen bis 1885 zurück. Damals wurde in Ehringsdorf Travertin abgebaut. Später wurde Kalk gebrannt. In den Siebzigerjahren wandelte sich der Standort zum Technikum, nach der Wende startete man als Forschungsinstitut für thermische Verfahren – alles rund ums Erhitzen – neu. 2000 stand das Unternehmen mit 13 Mitarbeitern vor dem Aus. Weitz sah das Potenzial der zahlreichen Patente und kaufte den Betrieb. Seit 2017 ist Ibu-Tec an der Börse.

    Das Unternehmen forscht und produziert im industriellen Maßstab jeweils im Auftrag. Die Kunden kommen aus aller Welt. Unter anderem hat Ibu-Tec Stützgranulat für Fracking, Pulverwerkstoffe für die Autoindustrie, CO2-armen Zement und Farbpartikel für selbstreinigende Fassadenfarben. Heute arbeiten 230 Beschäftigte für die Firma, in Bitterfeld sollen es bis zu 135 werden.

  • Einbußen für Wind- und Solaranlagen

    Neue Wind- und Solarkraftwerke sollen einen Teil der Kosten des Netzausbaus tragen. Das steht in einem Gesetzentwurf aus dem Haus von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Unter anderem mit dieser Maßnahme will sie die Stromrechnungen der Privathaushalte und Unternehmen drücken. „Der Ausbau erneuerbarer Energien wird ausgebremst und bewusst behindert“, kritisiert dagegen Grünen-Politiker Michael Kellner.

    In den vergangenen Jahren sind viele Wind- und Solarparks hinzugekommen. Ihr Anteil an der Stromversorgung beträgt mittlerweile rund 60 Prozent. Der Ausbau der Elektrizitätsleitungen hinkt diesem Wachstum allerdings hinterher. Außerdem erfordern die neuen Netze Milliarden Euro Investitionen, die letztlich die Verbraucher über die Stromrechnungen bezahlen. An dieser Stelle mäßigend einzugreifen, hat sich deshalb die Bundesregierung aus Union und SPD vorgenommen.

    Der Gesetzentwurf enthält zahlreiche Maßnahmen in Sachen Netzausbau. Bezüglich der erneuerbaren Energien stechen zwei heraus. So soll die Bundesnetzagentur neuen Wind- und Solarparks eine Beteiligung an den Baukosten für die neuen Leitungen aufbürden können, die zu ihrem Anschluss nötig sind. Bisher existiert eine solche, für sie nachteilige Regelung nicht.

    Zweitens könnten Erneuerbare-Energie-Anlagen unter bestimmten Umständen keine Entschädigungen mehr erhalten, wenn sie zu viel Strom produzieren, der nicht gebraucht wird. Heute werden diese Ausgleichszahlungen – Fachjargon: Redispatch – ebenfalls auf die Stromrechnungen umgelegt. Die Wind- und Solarparkbetreiber planen die Entschädigungen derzeit als Teil ihrer Erträge ein. Fielen sie weg, machte das Investitionen in Ökokraftwerke unattraktiver, befürchtet der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE).

    Wirtschaftsministerin Reiche will den „Anlagenzubau mit dem Netzausbau synchronisieren“, wie es im Titel des Gesetzentwurfes heißt. Damit verfälsche sie jedoch das Ziel des Koalitionsvertrages, erklären die Kritiker. Dort heißt in umgekehrter Reihenfolge, die Netze sollten mit dem Erneuerbaren-Ausbau synchronisiert werden. Was ist die bestimmende Größe? Lautet, so betrachtet, der Gegensatz, der starke Zuwachs von Wind und Solar oder die unzureichenden Netze? Grünen-Energiepolitiker Kellner fordert deshalb, das Wachstumstempo der Kraftwerke beizubehalten und beispielsweise mehr Batteriespeicher anzuschließen.

    Im Übrigen argwöhnt der BEE, der Wirtschaftsministerin gehe „es primär um die Stärkung der Netzbetreiber“. Ihre Interessen würden mit dem Gesetzentwurf gegenüber denen der Anlagenbetreiber aufgewertet. Eigentlich handele es sich um ein „Netzbetreiber-Privilegierungspaket“. Noch aber ist der Gesetzentwurf nicht fertig. Im nächsten Schritt muss Reiche ihn mit der SPD-Seite abstimmen. Schließlich braucht er die Zustimmung des Bundestages.

  • Ein wirklich dickes Ding

    Es wird ein Tag der Premieren: An diesem Donnerstag (12. Februar) soll die Rakete Ariane 6 erstmals mit dem Schub von vier statt zwei Boostern vom europäischen Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana abheben. Es ist der erste Flug der extralangen Version und der erste mit einer kommerziellen Last. Das Gewicht der 32 Satelliten des US-Konzerns Amazon nebst Halterung ist mit 20 Tonnen auch rekordverdächtig. Der Erfolg der Mission hängt entscheidend davon ab, wie gut sie in Gebäude 111 nahe des Bremer Flughafens gearbeitet haben. Hier baut Ariane Group die Oberstufe der Rakete.

    Stefanie Uffelmann steht mitten im Grauraum, sogenannt, weil noch keine strengen Regeln für Luftreinheit und -temperatur und -feuchtigkeit gelten. „Wir arbeiten hier mit einer Art Fließbandfertigung“, sagt die Programmleiterin zukünftige Oberstufen. „Damit können wir mehr Oberstufen herstellen, was die Kosten senkt.“ Allerdings schiebt kein Band die einzelnen Elemente im Minutentakt voran wie in der Autoindustrie. Ariane Group fertigte 2025 vier Oberstufen, in diesem Jahr sollen es sieben bis acht sein, von 2027 an dann im Prinzip jeden Monat eine. Für Raumfahrtverhältnisse ist das viel.

    Die Arbeitsschritte sind vereinheitlich, vom Anliefern der Teile durch rund 600 Firmen aus Europa bis zum Abtransport im Container durchläuft jede Oberstufe 21 Positionen. Sie besteht aus zwei Tanks, je einem für Wasserstoff und Sauerstoff, sowie einem Triebwerk und jeder Menge Leitungen und Elektronik. Fertig hat sie 5,4 Meter Durchmesser, wiegt rund sechs Tonnen. Sie muss Eiseskälte und Vakuum des Weltalls genauso aushalten, wie das feuchtwarme Kourou knapp 400 Kilometer nördlich des Äquators.

    Weil die Anforderungen hoch sind, muss sehr genau gearbeitet werden. „Wir beschichten die Seitenteile zunächst grob mit einem speziellen Isolierschaum, der dann sehr präzise bis auf eine dünne Schicht abgefräst wird“, erklärt Uffelmann. Hinter ihr bewegt sich ein Roboterarm gleichmäßig entlang der Außenhaut der künftigen Oberstufe. „Danach werden sie mit Farbe besprüht. Auch die Farbe isoliert. So stellen wir sicher, dass die Tanks gut isoliert sind, aber immer noch ein minimales Gewicht haben.“

    Die Deckel der beiden Tanks werden, vereinfacht gesagt, mit mehreren Schichten Alufolie bedeckt. „Die Isolierung ist nicht so sehr wegen des Alls wichtig, sondern wegen des Weltraumbahnhofs“, erklärt Uffelmann. „Die Temperaturen in Kourou liegen an kühlen Tagen bei 35 Grad. Der flüssige Sauerstoff braucht aber minus 183 Grad, der flüssige Wasserstoff sogar minus 253 Grad.“

    Jede Ariane 6 verfügt über eine Oberstufe. Die europäische Schwerlastrakete ist 2025 zum ersten Mal geflogen, fünf Mal startete sie in der kleinen Version mit zwei Boostertriebwerken, 62 genannt. Die 64 werden vier Boostertriebwerke, die rund um den Haupttank angeordnet sind, ins All bringen. Die Booster werden später abgestoßen und verglühen. Die Oberstufe mit ihrem Triebwerk steuert dann die Stellen an, an denen die Satelliten abgesetzt werden.

    Das Besondere an der Oberstufe aus Bremen: Sie kann bis zu fünf Mal an und abgeschaltet werden und so Satelliten zielgenau absetzen. Was einfach klingt, ist tatsächlich kompliziert, schon allein wegen der Kräfte, die wirken. „Wenn man die Leistungsdichte des Raketentriebwerks auf einen Formel-1-Motor übertrüge, wäre der Motor etwa so groß wie ein Streichholzschachtel“, sagt Uffelmann.

    Durch eine Schleuse geht es in den Reinraum. Jetzt ist Schutzkleidung nötig. Hautpartikel oder Staub können die Oberstufe unbrauchbar machen. Links von Uffelmann arbeiten gerade zwei Personen in Schutzkitteln an einer sehr großen Linse aus Aluminium – der künftige untere Tank der Oberstufe. Auch er hat mehr als fünf Meter Durchmesser. Er wird rund fünf Tonnen flüssigen Wasserstoff aufnehmen. Der Sauerstofftank ist etwas größer, in ihn passen 25 Tonnen des flüssigen Gases.

    Ein paar Stationen weiter werden die beiden Tanks mit einem Zwischenring zusammengesetzt – Hochzeit der Oberstufe. Direkt daneben wird der Rahmen des Triebwerks bestückt. Kaum zu glauben, dass eine so filigrane Struktur einen Flug ins All übersteht. Das Teil wird unter die zusammengefügten Tanks montiert.

    Die Ariane 64 soll bei ihrem Erstflug 32 Satelliten für Amazon Leo aussetzen. Leo steht für Löwe und ist auch die Abkürzung von Low Earth Orbit, einer Umlaufbahn in bis zu 500 Kilometern Höhe über der Erde. Der US-Handelskonzern will mit Leo Internet aus dem All bieten und mit Starlink von SpaceX konkurrieren. Zunächst sind 3226 Satelliten geplant. 182 kreisen bereits um die Erde. Allein mit der Ariane 64 hat Amazon 17 Starts gebucht.

    In Gebäude C 111 wird die Oberstufe, die jetzt wie eine kleine dicke Rakete ohne Spitze aussieht, auf ein spezielles Containergestell montiert und gewogen. „Wir haben nur eine Toleranz von wenigen Kilo auf die sechs Tonnen“, sagt Uffelmann. Passt alles, fährt ein Schwerlaster den Container nachts in den nahegelegenen Neustädter Hafen. Von dort geht es mit dem firmeneigenen Spezialschiff zunächst nach Frankreich, wo Unterstufe, Booster und die Raketenspitze dazukommen, dann weiter nach Französisch-Guyana. Dort wird die Rakete am Startplatz 4 in Kourou zusammengebaut. Die Oberstufe macht etwa 11,4 Meter der 62 Meter langen Rakete aus. Derzeit laufen zahlreiche Tests. Abheben soll die Ariane 64 am Donnerstag.

  • Mit dem Oma-Paragrafen zu mehr Altersvorsorge

    Seit Wochen arbeitet die Bundesregierung am großen Wurf. Die private Altersvorsorge soll neu geregelt werden. Denn die Zahl derjenigen, die in die gesetzliche Rente einzahlt, sinkt, die der Rentner steigt. Insgesamt droht, die staatliche Rente zu schrumpfen. Deshalb sollen die Deutschen künftig mehr privat zurücklegen. Erste Pläne liegen vor, doch vielen geht die Reform der Riester-Rente nicht weit genug. Dem Bankenverband zum Beispiel.

    „Private Altersvorsorge wird angesichts des demografischen Wandels immer wichtiger“, sagt Lars Stoy, im Vorstand des Verbands zuständig für Altersvorsorge. „Deshalb sollte die staatlich geförderte Vorsorge allen Berufsgruppen offenstehen – auch Selbstständigen und Landwirten.“ Zwang lehnt er allerdings ab. „Eine Pflicht halte ich für den falschen Weg.“

    Bisher fördert der Staat vor allem, wenn Angestellte privat vorsorgen, etwa über die Riester-Rente. Sie startete 2002, um Lücken bei der staatlichen Rente durch privates Sparen auszugleichen. Verbraucherschützer bemängeln sie seit langem. „Die Riester-Rente hat vor allem Versicherern, Banken und dem Vertrieb genutzt“, hieß es vom Bund der Versicherten, dem Bundesverband der Verbraucherzentralen und der Initiative Finanzwende. „Zu wenig Rendite, zu hohe Kosten, zu geringe Vorsorge fürs Alter.“ Auch deshalb wird die Riester-Rente jetzt grundlegend überarbeitet, was Banken und Verbraucherschützer gleichermaßen begrüßen.

    Für Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist die Reform Teil eines größeren Umbaus der Rente. Er sieht die gesetzliche Rente nur noch als Teil der Gesamtversorgung im Alter, private und betriebliche Altersvorsorge sollen nach seiner Ansicht wesentlich wichtiger werden. Derzeit beschäftigt sich eine Kommission mit dem Thema. Sie soll bis Sommer Vorschläge erarbeiten.

    Jetzt geht es erst einmal um neue Regeln für die private Altersvorsorge. Geplant ist ein Altersvorsorgedepot, dessen Gebühren gedeckelt sind und das Standards erfüllen muss. Versicherungen abzuschließen ist möglich, auch der Kauf von Wertpapieren. Die Deutschen, so die Idee, können davon profitieren, dass sich am Kapitalmarkt einiges getan hat. So entwickelten sich etwa ETF (Exchange traded funds, börsengehandelte Fonds), mit denen sich einfach Geld zurücklegen lässt.

    Aus Sicht des Bankenverbands geht die Bundesregierung den richtigen Weg. „Der größte Fortschritt der Reform ist die Öffnung der privaten Altersvorsorge für echte Kapitalmarktprodukte“, sagt Stoy. „Erstmals werden renditestärkere Fondsparpläne ohne starre Garantien möglich.“ Die Garantien sollen Anleger bei der Riester-Rente Anleger vor Verlusten schützen, weil der Preis von Aktien und Fonds an den Börsen nicht immer steigt, sondern auch fallen kann. „Wer langfristig fürs Alter spart, kann Marktschwankungen verkraften und braucht vor allem Ertrag“, sagt Stoy. Je mehr Vermögen zu Rentenbeginn vorhanden ist, desto mehr Rente wird schließlich gezahlt.

    Für ihn hat gerade die Garantie, 100 Prozent dessen, was eingezahlt wurde, später auch zur Verfügung zu haben, die Kosten der Vorsorge erhöht, Renditen gedrückt und viele Menschen von privater Vorsorge abgehalten. Ebenso wie die Pflicht zur lebenslangen Verrentung – also monatlicher Zahlungen bis zum Tod. „Künftig brauchen Sparerinnen und Sparer echte Wahlfreiheit“, fordert Stoy, „sowohl bei der Anlage als auch bei der Auszahlung.“ Wer das Rentenalter erreicht, könnte sich dann zum Beispiel auch eine größere Summe auf einmal auszahlen lassen.

    Neben der Reform der Riester-Rente will die Bundesregierung auch Kinder und Jugendliche dazu bringen, fürs Alter vorzusorgen. Geplant ist eine Frühstart-Rente. Bisher fehlt noch ein Gesetzentwurf, nach letztem Stand soll sie bis Sommer rückwirkend zum 1. Januar eingeführt werden. Die Idee: Der Staat zahlt jedem Kind ab dem sechsten Lebensjahr monatlich zehn Euro, die in einem Altersvorsorgedepot angelegt werden.

    „Hier sollten unbedingt Zuzahlungen von Verwandten möglich sein“, fordert Stoy – eine Art Oma-Paragraf im neuen Rentengesetz. „Zehn Euro im Monat vom Staat, nur für Sechsjährige, reichen nicht aus, um bis zur Volljährigkeit ein solides Fundament für die Altersvorsorge zu legen“, erklärt der Banker. „Erst freiwillige Einzahlungen durch Eltern oder Großeltern machen das Vorsorgedepot wirklich attraktiv und stärken den frühzeitigen Vermögensaufbau.“

    Wer vom sechsten Lebensjahr an jeden Monat zehn Euro angelegt, zum Beispiel in Fonds, hat zum 18. Geburtstag 2090 Euro gespart, zum Rentenbeginn mit 67 sind es  durchschnittlich sechs Prozent Rendite pro Jahr 70.142 Euro. Zahlt die Oma zusätzlich bis zur Volljährigkeit jeden Monat zehn Euro ein, können es 106.464 Euro werden.

    Den Staat wird allein die Reform der Riester-Rente wohl 400 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr kosten. Stoy hält das für sinnvoll. „Ohne Förderung und staatliche Zulagen wird private Altersvorsorge für viele Menschen nicht stattfinden“, ist er sicher. Sie sei der entscheidende Anreiz. „Gerade Haushalte mit geringeren Einkommen profitieren davon, weil staatliche Zulagen und Steuervorteile helfen, fehlende eigene Mittel ausgleichen.“

    Wenig hält der Bankenverband von der Idee, einen staatlichen Fonds aufzulegen, in den das Geld für die Altersvorsorge fließt und der es investiert – am Kapitalmarkt, in Start-ups, Infrastruktur. Vorbild ist zum Beispiel Schweden. „Einen zusätzlichen staatlichen Fonds brauchen wir nicht“, sagt Stoy.

  • Abheben in Seattle

    Gerade hat Flugkapitän Stijn Lambrecht einen guten Erstflug gewünscht. Jetzt gibt er Gas. Der Schub drückt die Gäste in die fabrikneuen Sitze, die noch nach Leder riechen. Und dann hebt G-TUPE, neuester Flieger der TUI-Airline-Flotte, vom Boeing-Field in Seattle, USA, ab und lässt den Nieselregen hinter sich.

    Die glänzende 737 Max 8 hat jetzt etwa 7500 Kilometer vor sich. Es geht über Kanada und den Polarkreis bis hinauf zum 68. Breitengrad, dann über Grönland, Island und Schottland nach Manchester. Der Mittelstrecken-Jet schafft die Entfernung, weil er praktisch leer ist. Geplante Flugzeit sind neun Stunden 35 Minuten.

    Der Flieger gehört zur neuen Strategie von TUI Airline, eines Unternehmens des größten europäischen Reisekonzern TUI. Bisher brachte die Fluggesellschaft im Wesentlichen Reisende zu den Hotels und Kreuzfahrtschiffen der Mutter. Das soll sich jetzt ändern. „Wir wandeln uns zu einer Fluggesellschaft mit dem sehr großen Kunden TUI, die aber auch eigene Strecken und Plätze anbietet“, sagt Peter Glade, Chief Commercial Officer von TUI Airline. Im Zweifel könnten sogar andere Reiseanbietern Kunden sein.

    Die derzeit 125 Flugzeuge, die vor allem aus Großbritannien, Deutschland, Belgien und Schweden fliegen, sollen besser genutzt werden – trotz Auslastung von bis zu 90 Prozent bleiben Plätze frei. Und der ein oder andere Leerflug könnte auch entfallen. „Es gibt da enormes Potenzial“, sagt Glade. Zugleich soll aus fünf internen Strukturen eine Fluggesellschaft werden. Er verspricht zudem: „Mit neuer Infrastruktur machen wir den Ticketkauf so einfach macht wie einen Einkauf bei Amazon.“ Umgesetzt sein soll alles zum Herbst 2027. Christopher Grube, Leiter des Flugbetriebs, ergänzt: „Was wir machen, ist der anspruchsvollste Umbau derzeit im Fluggeschäft Europas.“

    Das neue Flugzeug hat TUI bereits vor Jahren bestellt. Es dauert, bis es bei Boeing im 737-Werk Renton bei Seattle einen Slot gibt. Die Max 8 ist das beliebteste Modell der Baureihe, derzeit liegen für sie 4792 Bestellungen vor. Das Werk schafft im Moment 42 Maschinen pro Monat, Anfang 2027 sollen es 52 sein.

    Eine neue 737 startet etwa 2300 Kilometer entfernt im tiefsten Kansas, in Wichita. Dort nieten die Arbeiter der Boeing-Tochter Spirit Aerospace den Rumpf aus Aluminiumblech zusammen, versehen ihn mit einem grünen Schutzanstrich. Dann geht es in drei Teilen –Schnauze, Heck und Rumpf – per Zug durch die Rocky Mountains in acht Tagen nach Renton.

    In der riesigen Halle werden die Flugzeuge in drei Linien überwiegend in Handarbeit gebaut. Ein geschäftiges Summen liegt über allem, auch wenn nur wenige Menschen zu sehen sind. Andererseits fallen sie zwischen den großen Flugzeugen kaum auf. Deren Notausgänge sind nach oben geklappt, die Türen offen, an vielen Stellen der Maschinen hängen Kabel heraus. Irgendwo heult es warnend, unter einem Flieger blinkt eine Lampe alarmrot. Akkuschrauber schnarren.

    An den ersten Stationen werden Schnauze, Rumpf und Heck zusammengesetzt, etwa 63 Kilometer Kabel eingezogen, das Cockpit ausgestattet, an der vierten setzen sie den Rumpf auf die Tragflächen und die Räder. Jetzt kann der Flieger selbst weiterrollen. Erstmals ist auch zu erkennen, wer die Maschine bekommen wird – United, Ryanair oder eben TUI. Das Ruder am Leitwerk hinten ist mit einem Abschnitt des jeweiligen Firmenlogos lackiert, der Rest des Rumpfs trägt weiter türkisgrün.

    Etwas weiter Richtung Tor, über dem eine riesige US-Fahne hängt, kommen Küchen, Toiletten und Bodenplatten in die Flugzeuge. Der Strom wird angeschaltet. Erst an Station 8 schieben sie die Sitze durch die vordere Flugzeugtür, hochtransportiert mit einem Gerät, das mit seiner Kette und den Haken entfernt an ein Förderband für Strohballen erinnert, von dem sich die Boeing-Experten tatsächlich anregen ließen. Nach den Funktionstests werden an der letzten Station die Turbinen unter die Tragflächen gehängt.

    Jetzt ist das Flugzeug bereit, wird durch das große Tor nach draußen geschoben. Nach einem ersten Triebwerkstest hebt die neue Maschine von der Startbahn neben der Fabrik zum Testflug ab – immer noch im grünen Schutzanstrich. Verhält sich das Flugzeug, wie es soll, bekommt es nach der Rückkehr den Lack. Drei bis fünf Schichten sprühen Spezialisten per Hand auf.

    So läuft es auch bei G-TUPE. Danach kommen TUI-Ingenieure und Piloten wie Lambrecht, die den Flieger intensiv testen. Jeder Schalter wird geschaltet, jeder Anschluss angesehen, jeder USB-Stecker geprüft. Und Lambrecht bringt die Maschine beim C1 genannten ersten Flug des Kunden (Customer) an ihre Grenzen: extremer Steigflug, plötzliches Absacken, scharfe Kurven, viereinhalb Stunden, in denen die jeweiligen Sicherungssysteme anspringen müssen. Es ist ein Flug recht weit entfernt vom normalen Urlaubstrip Urlaubsflug Düsseldorf–Palma (Hamburg–Palma / Stuttgart–Funchal / München–Gran Canaria / Frankfurt–Hurghada).

    Die 737 hat alles gut überstanden, Flugkapitän Lambrecht sieht jedenfalls am Abend vor dem Manchester-Flug zufrieden aus. In der Nacht unterschreiben dann Vertreter von TUI und Boeing den Papierkram, erst dann fließt Geld an den Flugzeughersteller. Über den Preis schweigen sich alle aus. Angeblich kostet die 737 Max 8 offiziell mehr als 120 Millionen Dollar (derzeit 100 Millionen Euro), Rabatte von 40 Prozent und mehr sind für Großbesteller üblich. TUI wartet noch auf 41 Maschinen, kann 17 weitere bestellen.

    Hat TUI daran gedacht, auf den europäischen Airbus zu wechseln? Immerhin musste Boeing nach tödlichen Unfällen 2018 in Indonesien und 2019 in Äthiopien nachbessern – in der Produktion und beim Flugzeug. Die 737 Max 8 habe eine neue Zulassung, sagt Flugbetriebsleiter Grube. Es gebe wahrscheinlich keine Maschine, die die Behörden besser durchleuchtet hätten. Außerdem, ergänzt Glade, dauere solch ein Wechsel Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Und eine einheitliche Flotte sei bei Wartung und Pilotenausbildung deutlich effizienter.

    G-TUPE setzt nach einem sehr ruhigen Flug in Manchester auf. Die Maschine rollt ans Gate. Die Turbinen fahren herunter. Flugkapitän Lambrecht und sein erster Offizier James Craggs sehen entspannt aus – trotz neun Stunden 38 Minuten Flug. Der Zoll könnte noch etwas Probleme bereiten, schließlich hat TUI soeben ein ziemlich großes Produkt nach Großbritannien eingeführt. Lambrecht hat deshalb die Rechnung dabei. Üblicherweise wird der Zoll hinter den Kulissen erledigt. Und auch dieses Mal geht alles glatt. In den nächsten Tagen bekommt die Maschine noch den letzten TUI-Schliff, dann startet sie in den Ferienbetrieb – in die Sonne.

  • Sicher surfen mit an%4ge9?#Ben

    Im Internet tummeln sich zahlreiche Diebe. Sie wollen sensible Bankdaten stehlen oder die Identität anderer Personen annehmen, um Waren zu bestellen oder Menschen zu verunglimpfen. Davor schützen geeignete Passwörter und andere, noch sicherere Verfahren.

    Was sind Passwörter und warum sind sie wichtig?

    Ein Passwort schützt den Zugang zu einem persönlichen Konto, sei es für den Bürorechner, Bankgeschäfte oder Onlinekäufe, Social-Media, Streaming oder E-Mail. Es garantiert, dass keine Unbefugten Firmeninterna sehen, Geldgeschäfte machen, Texte schreiben oder etwas auf fremde Kosten einkaufen. Ein Passwort ist vergleichbar mit einem Schlüssel zu einer Wohnung. Niemand kann sie ohne ihn betreten.

    Welche Passwörter sind ungeeignet?

    Vielen Menschen sind Passwörter lästig, verlängern diese Sicherheitsabfragen doch die Zeit, bis man den Bürorechner nutzen oder etwas online bestellen kann. Zu den beliebtesten Zugangscodes in Deutschland gehören deshalb 123456 oder password. Auch die nebeneinander stehenden Buchstaben der Tastatur (qwertz, asdfgh) werden gern verwendet. Weil Kriminelle das wissen und oft automatisierte Programme einsetzen, ist mancher Rechner oder Internetaccount schnell geknackt. Die Namen von Haustieren sowie Geburtsdaten von Kindern oder Enkeln lassen sich recht einfach in Erfahrung bringen.

    Welche Passwörter sind sicher?

    Das Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI) und die Verbraucherzentralen empfehlen, entweder kurze komplizierte Passwörter mit acht bis zwölf Zeichen zu verwenden oder sehr lange ab 25 Zeichen. Bei den kurzen sollten Zahlen, Sonderzeichen wie @ und &, sowie kleine und große Buchstaben vorkommen. Ein Beispiel wäre an%4ge9?#Ben. Bei sehr langen reichen auch nur zwei Zeichenarten, zum Beispiel Pinguin?Buchregal?Haus?Azoren. Um sich die Passwörter zu merken, helfen Eselsbrücken wie „Der Pinguin stand am Buchregal im Haus auf den Azoren“. Grundsätzlich sollte für jeden Zugang ein eigenes Passwort angelegt werden.

    Ich kann mir nicht so viele Passwörter merken. Welche anderen Möglichkeiten gibt es?

    Nur die wenigsten Menschen können sich viele unterschiedliche Passwörter merken. Deshalb aber immer dasselbe Passwort zu verwenden, ist grob fahrlässig. Denn wenn jemand einmal das Passwort kennt, hat die Person womöglich Zugriff auf alles –Bank- und E-Mail-Konto, Social Media, Streamingdienst, Bahn-, Flug-, Hotelbuchungsportal. Besser ist es, sich von der Technik helfen zu lassen: mit einem Passwortmanager, Passkeys oder Zwei-Faktor-Authentifizierung.

    Was ist ein Passwortmanager?

    Funktion: In einem Passwortmanager sind alle Webseiten, dazugehörige Benutzernamen und Passworte gespeichert, eine Art digitale Liste. Um ihn aufzurufen, ist nur noch ein zentrales Passwort nötig. Fordert eine Webseite eine Anmeldung, übernimmt das der Passwortmanager, den man mit dem zentralen Passwort freigibt.

    Vorteile: Die Zugänge zu E-Mail und anderen Programmen sind individuell geschützt. Man muss sich dennoch nur ein Passwort merken.

    Nachteile: Der Passwortmanager speichert alle Zugangsdaten entweder auf dem eigenen Rechner oder in einer Cloud. Bei einem Cyberangriff können alle Daten gestohlen werden. Wer sein Masterpasswort vergisst, hat womöglich keinen Zugriff mehr auf Bankkonto oder E-Mail oder muss ihn für jede Webseite mühsam einzeln wiederherstellen.

    Was ist ein Passkey?

    Funktion: Das Passkey-Verfahren arbeitet mit automatisch erstellten Schlüsseln. Einige Internetdienste bieten es an und fragen beim Anmelden, ob man es nutzen will. Dann wird beim Anbieter, zum Bespiel einem Onlinehändler, ein sogenannter öffentlicher Schlüssel hinterlegt, über den man eindeutig erkannt wird. Auf dem eigenen Gerät wird ein zweiter, geheimer Schlüssel gespeichert. Meldet man sich nun beim Onlinehändler an, muss dieser zweite Schlüssel zum Beispiel per Fingerabdruck auf dem Smartphone freigegeben werden oder mit einem Code, der einem per SMS zugeschickt wird.

    Vorteile: Passwörter sind überflüssig, man muss sich nichts merken. Der geheime Schlüssel ist im Gerät gespeichert und wird niemals weitergegeben. Man selbst kennt ihn nicht und kann deshalb auch nicht auf sogenannte Phishing-Mails hereinfallen, mit der Gauner Zugangsdaten erschleichen wollen. Ein Passkey ist immer nur mit einem einzigen Onlinekonto verknüpft. Selbst wenn einmal einer gestohlen werden sollte, können die Diebe andere Konten nicht knacken.

    Nachteile: Sicherungskopien der Passkeys sind wichtig. Sonst wird es kompliziert. Denn geht das Gerät verloren, auf dem die geheimen Schlüssel gespeichert sind, müssen aufwändig neue vergeben werden.

    Was verbirgt sich hinter Zwei-Faktor-Authentifizierung?

    Funktion: Bei der Zwei-Faktor-Authentifizierung kommt zum Passwort (Faktor 1) noch eine weitere Sicherheitsabfrage (Faktor 2) hinzu, die oft ein anderes Gerät zur Freigabe nutzt. Wer sich zum Beispiel auf dem Computer bei einem Bankkonto anmelden will, wird nach der Eingabe das Passworts gebeten, sich per Gesichtserkennung oder Fingerabdruck auf dem Mobiltelefon auszuweisen. Es kann auch sein, dass ein einmaliger Zahlencode an Mailadresse oder Mobiltelefon geschickt wird, der eingegeben werden muss. Oder eine Webseite fordert ein besonderes Zertifikat an, dass auf dem Gerät gespeichert ist. Das Steuerprogramm Elster etwa arbeitet so. Auch die Online-Funktion des Personalausweises nutzt die Zwei-Faktor-Autorisierung: Nötig sind der Ausweis mit Chip (Faktor 1) und eine Pin (Faktor 2).

    Vorteile: Das Verfahren ist sehr sicher. Selbst wenn jemand im Besitz des Passwortes ist, lässt sich zum Beispiel auf eine Banking-App nicht zugreifen. Das BSI rät, die Funktion unbedingt zu nutzen, wenn eine Webseite sie anbietet.

    Nachteile: Der Anmeldevorgang dauert etwas länger als nur mit einem Passwort oder einer Pin. Und wenn zum Beispiel das Mobiltelefon verloren geht, über das die Gesichtskennung läuft, bleibt der Zugang verwehrt und andere Wege müssen genutzt werden.

    Wie finde ich heraus, ob mein Passwort gestohlen wurde?

    Immer wieder ist von Datenlecks zu lesen oder Datendiebstahl in großem Maßstab. Bei zwei deutschen Universitäten lässt sich überprüfen, ob die Zugangsdaten eines Kontos Teil eines Raubzugs waren. Das Hasso-Plattner-Institut an der Universität Potsdam bietet den Check unter https://sec.hpi.de/ilc/ an, die Universität Bonn unter https://leakchecker.uni-bonn.de/de/index.

    Wie gehe ich bei einem Diebstahl vor?

    Sind Konten betroffen, sollten Sie sofort die Passwörter oder andere Zugangsdaten ändern. Haben Sie keinen Zugriff mehr, informieren Sie den Anbieter. Bekommen Sie merkwürdige Bestellbestätigungen oder tauchen unbekannte Abbuchungen im Konto auf, sollten sie auf jeden Fall den Händler, die Bank sowie die Polizei informieren, gegebenenfalls eine Kreditkarte sperren.

  • „Von fortschrittlichen Gedanken geprägt“

    Hannes Koch: Die Kommission zur Reform des Sozialstaates macht Vorschläge, die auch Sie schon formuliert haben. So sollen Grundsicherung, Wohngeld und Kinderzuschlag künftig aus einer Hand kommen. Was würde das für die Antragsteller:innen verbessern?

    Wolfgang Strengmann-Kuhn: Sie würden die Sozialleistungen dann wohl einfacher und schneller erhalten als heute. Denn momentan muss man Anträge an drei Stellen einreichen: beim Jobcenter für die Grundsicherung, bei der Familienkasse für den Kinderzuschlag, schließlich bei der Kommune für das Wohngeld. Viele Leute blicken da nicht durch oder verzichten auf den komplizierten Antrag. Es besteht die Hoffnung, dass die aktuellen, teils widersprüchlichen Regeln vereinheitlicht werden.

    Koch: Die Kommission schreibt, das Existenzminimum und die „individuellen Bedarfe“ der Antragsteller:innen müssten „in jedem Fall“ sichergestellt werden. Beinhaltet die Zusammenlegung nicht aber auch die Gefahr, dass es zu Kürzungen von Sozialleistungen kommt?

    Strengmann-Kuhn: Das Risiko besteht durchaus. Diesen Effekt befürchte ich beispielsweise bei den sogenannten Transferentzugsraten, also wie das selbst erwirtschaftete Arbeitseinkommen der Leistungsempfänger:innen mit den staatlichen Leistungen verrechnet wird. Die Kommission schlägt einen Korridor von 70 bis 80 Prozent oberhalb der Minijobgrenze vor. Wenn, um Geld zu sparen, 80 Prozent des Einkommens angerechnet werden, könnte das im Vergleich zu heute zu finanziellen Nachteilen für viele Leute führen.

    Koch: Für diese etwas höheren Arbeitseinkommen soll der Anteil der Verrechnung aber niedriger liegen als jetzt.

    Strengmann-Kuhn: Je nachdem, ob die Anrechnung 70 oder 80 Prozent beträgt, kann es sein, dass auch von solchen Einkommen weniger übrig bleibt. Aber: Anrechnungsraten von heute bis zu 100 Prozent für zusätzliches Einkommen werden durch den Vorschlag vermieden. Das ist gut. Wer neben den staatlichen Zuschüssen zusätzlich höhere Beträge selbst verdient, könnte also davon mehr Geld behalten als jetzt.

    Koch: Die Empfehlungen laufen darauf hinaus, die Bürokratie zu vereinfachen. Statt drei oder vier Stellen sollen künftig nur noch zwei Behörden zuständig sein. Die Jobcenter wären für die erwerbsfähigen Leute zuständig, die Sozialämter der Kommunen für die nicht arbeitsfähigen. Eine gute Idee?

    Strengmann-Kuhn: Das Problem ist, dass die Jobcenter dadurch erheblich belastet würden, weil sie sich dann auch um Millionen Menschen zusätzlich kümmern müssten, die heute Wohngeldanspruch haben und 2.000 bis 3.000 Euro oder mehr verdienen. Leistungsempfänger:innen, die schon ganz ordentliche Einkommen erzielen, sind dort eigentlich an der falschen Adresse – sie brauchen zwar einen finanziellen Zuschuss, aber nicht die sonstige Unterstützung vom Jobcenter.

    Koch: Was schlagen Sie vor?

    Strengmann-Kuhn: Es wäre besser, wenn für Leute, die heute schon Steuern zahlen, die Leistungen von den Finanzämtern kämen. Die verfügen sowieso schon über die Angaben zu allen Einkommen. Das bedeutete eine tatsächliche Entbürokratisierung, für die Betroffenen und die Behörden. Die Jobcenter würden erheblich entlastet.

    Koch: Ihr Vorschlag beinhaltet auch, dass die Leistungen automatisch ausgezahlt würden, ohne Antragstellung. Dann erhielten aber viel mehr Leute Geld, und die Kosten für den Staat stiegen.

    Strengmann-Kuhn: Gar nicht so viel. Die Kommission hat das anscheinend berechnen lassen. Demnach lagen die zusätzlichen Kosten im niedrigen einstelligen Milliardenbereich, Bürokratieabbau nicht mitgerechnet – eine verkraftbare Größenordnung.

    Koch: Unter der schwarz-roten Koalition geht die öffentliche Debatte momentan aber eher in die Richtung, soziale Leistungen zu kürzen. Betrachten Sie die Empfehlungen der Kommission nun als Kontrapunkt?

    Strengmann-Kuhn: Das ist noch unklar. Im Gegensatz zur Reform des Bürgergeldes, das jetzt in Grundsicherung umbenannt wird, sind die Empfehlungen jedoch eher von fortschrittlichen Gedanken geprägt. Es geht darum, den Sozialstaat zu vereinfachen und für die Leute effektiver zu machen. Wie gesagt, beinhaltet der Bericht aber auch die Möglichkeit, Leistungen zu kürzen.

    Koch: Für wie realistisch halten Sie die Vorschläge?

    Strengmann-Kuhn: Was eine schnelle Umsetzung betrifft, bin ich skeptisch. Es gibt noch sehr viele Hürden und offene Punkte, über die sich die Koalition streiten wird. Vor allem die Union wird sich für Kürzungen einsetzen. Aber es ist der Beginn einer spannende Debatte über die Systematik des Sozialstaats.

    Bio-Kasten
    Wolfgang Strengmann-Kuhn war bis Frühjahr 2025 grüner Abgeordneter im Bundestag. Nun arbeitet der Sozialexperte im Institut für Sozialökologie.

  • Atomenergie stagniert

    Immer wieder Atomenergie. Manche Länder sehen sie als Chance, von fossiler Energie wegzukommen. Die US-Technologieindustrie will groß einsteigen, um den Hunger der Rechenzentren für künstliche Intelligenz zu stillen. In Deutschland denkt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) immer wieder laut über sie nach. Die Internationale Energie Agentur IEA, lange Jahre skeptisch, hat gar eine Renaissance entdeckt.

    In Zahlen schlägt sich die Begeisterung bisher nicht nieder. Anfang 2025 waren weltweit 404 Atomkraftwerke mit einem Durchschnittsalter von etwa 33 Jahren in Betrieb, fünf weniger als ein Jahr zuvor, wie aus dem aktuellen World Nuclear Industry Status Report hervorgeht, einem unabhängigen Bericht zur Lage der kommerziellen Atomstromerzeugung. Vier Anlagen kamen neu hinzu: zwei in China und je eine in Indien und Russland. Neun gingen vom Netz: je drei in Belgien und Russland, eine in Taiwan. Das Land stieg damit als fünftes Land aus der Atomenergie aus. Deutschland schaltete den letzten Reaktor 2023 ab.

    Anlagen laufen noch in 31 Ländern, die meisten in Frankreich. Gebaut wird der in elf Ländern, vor zwei Jahren waren es noch in 16. Für Mycle Schneider ein Zeichen, dass die Atomkraft gerade eher im Sinken begriffen ist. Sind insgesamt weniger Anlagen an den Netzen der Welt, steigt doch die erzeugte Strommenge. 2025 dürften die Reaktoren den Rekord von 2024 (2.677 Terawattstunden) noch einmal um zehn bis 15 Terawattstunden übertroffen haben. Weil aber auch der Energiebedarf steigt, stagniert der Anteil von Atomstrom weltweit seit Jahren bei um die neun Prozent.

    Schneider ist Herausgeber des Berichts, der seit 2007 jährlich erscheint. Die Autoren aus neun Ländern werten öffentlich zugängliche und belastbare Quellen aus. Den Bericht unterstützen unter anderem das Bundesamt für die Sicherheit in der nuklearen Entsorgung (Base), die Friedrich-Ebert- und die Heinrich-Böll-Stiftung.

    Zum Jahresbeginn waren 67 Reaktoren weltweit im Bau. Als „im Bau“ zählt ein Reaktor, wenn das Fundament gegossen wird. Deshalb ist zum Beispiel die Anlage, die Polen an der Ostsee errichtet, noch nicht erfasst. Einzige Baustelle in Europa ist Hinkley Point C in Südengland.

    67 Reaktoren weltweit im Bau klingt viel, doch 36 entstehen allein in China. Das Land in den vergangenen Jahren kräftig in Atomkraft investiert. Allerdings steckten sie noch mehr in erneuerbare Energien, die einen deutlich höheren Anteil an der Stromproduktion des Landes haben. Nach China folgt Russland, das Atomreaktoren als Exportprodukt versteht. Die Russen bauen unter anderem in Ägypten und der Türkei, in Indien und Bangladesch.

    Das hat womöglich auch strategische Gründe. „Es gibt keine engere Verbindung zwischen zwei Ländern als der Bau eines Atomkraftwerks“, sagt Schneider. Zudem bieten die Russen an, abgebrannte Brennstäbe wieder zurückzunehmen. In der Türkei werden sie die vier Anlagen sogar betreiben. Bemerkenswert findet der Herausgeber des Berichts, dass zum Beispiel weder in Süd- noch in Nordamerika eine neue Anlage gebaut wird. Trotz markiger Ankündigungen, groß einsteigen zu wollen.

    Zuletzt hatten sich 33 Länder dazu bekannt, Atomenergie bis 2050 zu verdreifachen. Zu den Unterzeichnern des entsprechenden Papiers gehören Frankreich, Finnland, Japan, die Niederlande, Großbritannien und die USA, aber auch Ghana, Jamaika, Ruanda und Senegal. „Wenn alles wie versprochen umgesetzt wird, würde die installierte Leistung von 413 Gigawatt 2020 auf 1240 Gigawatt steigen, heißt es im World Energy Report der Internationalen Energie Agentur.

    Geredet wird viel, die Realität sieht möglicherweise anders aus. Schneider hält Pläne und Zahlen für Unsinn. „Es ist einfach technisch nicht möglich, derart viele neue Kraftwerke in der Zeit zu bauen.“ Zumindest, wenn man nach den Reaktoren in der EU geht. Zuletzt begann in der Gemeinschaft 2007 der Bau eines Reaktors. Flammanville-3 in der Normandie ging 2024 nach 17 Jahren in den Betrieb. Die Kosten stiegen von geplanten 3,3 auf mehr als 13 Milliarden Euro.

    Schneider zufolge gibt es zudem nicht genug Firmen, die derart viele Akw errichten können. Neben der russischen Rosatom sind das CGN und CNNC aus China, die französische EDF und KHNP aus Südkorea. Das US-Unternehmen Westinghouse stellt Technologie bereit, will aber keine Baurisiken mehr eingehen. Eine chinesische Firma zu beauftragen, sei für die westliche Welt indiskutabel, sagt Schneider. Ähnlich sehe es bei Rosatom aus.

    Warum dennoch so viele Politiker gern von Atomkraftwerken reden? Es sei einfach, so etwas zu verkünden, sagt Ruggero Schleicher-Tappeser, Mitautor des WNISR-Berichts. „Politiker können zeigen, dass sie etwas tun.“ Ob dann tatsächlich etwas geschieht, ist eine andere Frage.

    Der Wandel der Energiewelt macht es für die nuklearen Großanlagen ohnehin schwerer. Solarpanels sind günstig in Masse herzustellen und flexibel einsetzbar, wie Schleicher-Tappeser sagt. Sie erzeugten Strom direkt aus der Kraft der Sonne und nicht über dem Umweg über Hitze und Turbinen. Zudem sinke der Preis für Batteriespeicher kräftig. Er erwartet, dass auch die US-Technologieriesen eher auf Sonnenenergie setzen als auf Atomkraft, auch wenn sie bisher anderes angekündigt haben.

    Was alle alten und neuen Fans bisher neben steigenden Kosten, längerer Bauzeit und technischen Problemen gern übersehen: den Atommüll. Bisher ist weltweit kein Endlager in Betrieb. Immerhin, die Finnen stehen kurz davor.

  • Überraschend wachstumsstark

    Politisch zerlegt sich das Weltgefüge der vergangenen Jahrzehnte gerade. Die Wirtschaft steckt das gut weg – insgesamt betrachtet. Sie legt sogar stärker zu als bisher gedacht, jedenfalls nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds (IWF). Er rechnet jetzt mit mehr Wachstum in diesem Jahr als noch im Oktober. Getrieben wird das Plus demnach vor allem von den USA und China. Und auch für Deutschland sind die Experten zuversichtlicher.

    Die Weltwirtschaft sei bemerkenswert widerstandsfähig trotz der bedeutenden Handelsstörungen, die die USA ausgelöst hätten, und der steigenden Unsicherheit, sagt IWF-Chefvolkswirt Pierre-Olivier Gourinchas. Er erwartet, dass die Weltwirtschaft – der Wert aller Waren und Dienstleistungen –  in diesem Jahr insgesamt um 3,3 Prozent wächst. Noch im Oktober hat der IWF nur ein Plus von 3,1 Prozent vorhergesagt.

    Das Wachstum der deutschen Wirtschaft änderte der IWF ebenfalls. Das Bruttoinlandsprodukt soll 2026 um 1,1 (bisher: 0,9) Prozent zulegen. In diesem und vor allem dem nächsten Jahr dürften sich die steigenden Staatsausgaben für Infrastruktur und Verteidigung auswirken.

    Auch der Handel insgesamt soll zulegen – trotz der vielen Zusatzzölle sowie Ausfuhrbeschränkungen etwa für Computerchips (USA) und Seltene Erden (China). Die Unternehmen insgesamt erwiesen sich als erstaunlich findig und stellten sich schnell auf veränderte Lage ein, sagt Gourinchas.

    Getrieben wird das Wirtschaftswachstum vor allen von China und seiner Exportindustrie sowie den USA, die sehr viel auch ausländisches Geld anziehen, das in IT und künstliche Intelligenz fließt. Hier sieht der Experte größere Risiken – weil das Geld fast nur in KI in den USA investiert wird. Probleme dort schlagen dann schnell weltweit durch. Auch steigt die Gefahr, das Unternehmen Geld bekommen, die weder eine gute Idee haben noch überlebensfähig sind. Der IWF-Chefvolkswirt erinnert an die Dotcom-Blase, die Anfang der 2000er Jahre platzte. Noch sei Ähnliches aber nicht zu erkennen.

    Nicht berücksichtigt ist bisher in den Berechnungen des IWF der Versuch der USA, die Kontrolle über Venezuela und die Ölreserven dort zu bekommen. Im Dezember ergriff das Militär den venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro und setzte ihn ab. Ebenfalls nicht eingeflossen ist der drohende Zollkrieg zwischen den USA und der EU wegen Grönland. US-Präsident Donald Trump will die Insel den Vereinigten Staaten eingliedern – sie gehört als autonomes Gebiet zu Dänemark, bisher ein Verbündeter der USA.

    Gourinchas bezeichnet vor allem den neuen Zollkrieg als großes Risiko für die Weltwirtschaft. Verlieren würden dabei alle, zuerst die USA und die EU, dann aber auch andere Länder. Wen es mehr treffe? Aus Sicht des IWF-Chefvolkswirten ist das derzeit kaum abzusehen. Nach einer Musterberechnung aus dem Oktober belastete ein Zollkrieg die Weltwirtschaft um 0,3 Prozentpunkte. „Eine bedeutende Größe“, sagt Gourinchas.

    Wie sie wirken, lässt sich an den Zöllen sehen, die die US-Regierung im vergangenen Jahr verhängte. US-Firmen hätten die höheren Importkosten bisher getragen, sagt der IWF-Chefvolkswirt. Weil die Zölle an den amerikanischen Staat gingen, wirkten sie wie eine Steuererhöhung. Das gleiche die Steuersenkungen Trumps etwas aus.

    Eine weitere große Gefahr sieht Gourinchas bei den Notenbanken, besonders der mächtigsten der Welt, der Federal Reserve in den USA. Unabhängigkeit sei absolut wichtig. Nur so sei glaubwürdig, dass sie wirksam gegen Inflation vorgingen. Sonst steige die Inflation und das bedeute letztlich weniger Wachstum.

  • Eine bessere Globalisierung ist möglich

    Das erste Weltwirtschaftsforum ohne seinen Gründer Klaus Schwab findet jetzt in Davos statt. Nach 54 Jahren verabschiedete Mr. Globalisierung sich in den Ruhestand. Und auch eine Phase der Globalisierung geht zu Ende.

    Seit den 1980er Jahren bildete sich stärker als zuvor ein gemeinsamer Weltmarkt heraus, es wurde mehr Handel getrieben, weltumspannende Institutionen gewannen an Einfluss. Das Lebensgefühl verbreitete sich, in einer Welt zu leben, die ähnlich funktionierte, in der die Kontinente einander näher rückten. Jetzt jedoch geht die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Autokratische Herrscher in Peking, Moskau und neuerdings in Washington unterteilen die Welt in Machtblöcke. Trumps America-First-Politik strebt zurück ins 19. Jahrhundert, fusst auf dem Nationalstaat, bevorzugt egoistische, unilaterale Lösungen, statt verbindende, multilaterale.

    Die Globalisierung hatte schlechte Seiten, aber auch gute. Die Weltmarkt-Produktion in armen Ländern schuf dort hunderte Millionen neuer Arbeitsplätze. Die Mittelschichten in China, Indien, Südafrika und anderen Staaten wuchsen, die Armut ging zurück. Die Verbraucher:innen in den reichen Staaten erhielten preisgünstige Konsumgüter wie Textilien und Smartphones.

    Es handelte sich auch um ein politisches Arrangement. Globale Institutionen wie die Welthandelsorganisation schlichteten Konflikte, schufen Verträge für die große Mehrheit der Staaten. Die Vereinten Nationen beschlossen die Millennium-Ziele, um die weltweite Armut zurückzudrängen. Manche Länder öffneten sich für kulturelle Einflüsse von außen, eine Weltgesellschaft schien zu entstehen. Ein Ort, an dem vieles davon zusammenfloss, war jedes Jahr das Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Alpen.

    Die Nachteile der neuen Weltökonomie riefen aber auch heftige Kritik hervor. Viele Industriearbeitsplätze verließen die Industriestaaten. Die neuen Jobs im Süden waren oft mies bezahlt, gesundheitsschädigend, miunter tödlich. Nationalstaaten büßten Regulierungspotenzial ein. Die Investoren der internationalen Kapitalmärkte setzten ihre Interessen gegenüber der Politik durch, weshalb in den Industriestaaten die soziale Sicherheit abnahm. Deshalb erfand die globalisierungskritische Organisation Attac den Slogan: „Eine andere Welt ist möglich“. Während Linke, Linksliberale, Grüne, Entwicklungsorganisationen, kirchliche Hilfswerke und Gewerkschaften die dunklen Seiten der Globalisierung betonten, nahm sich aber auch die extreme politische Rechte des Themas an.

    Und teilweise ähnelte sich die Kritik von links und rechts. Beide Seiten beklagten einen Kontrollverlust der Politik gegenüber der Macht der Märkte. Wobei sich die Perspektiven andererseits auch unterschieden. Die Linken interessierten sich mehr für die Probleme der Menschen in den armen Ländern des Südens. Daraus entstand etwa das Konzept der Deglobalisierung des philippinischen Ökonomen Walden Bello. Seine Frage lautete: Können Gesellschaften sich aus dem Weltmarkt ausklinken? Die Rechten fokussierten dagegen auf die Nachteile der Globalisierung für die reichen Staaten des Nordens – Arbeiter, die ihre Jobs verloren, Regierungen, deren Einfluss abnahm. In der öffentlichen Debatte verstärkte sich die überlappende Kritik gegenseitig, und die globalisierungsfreundlichen Regierungen der Mitte standen von beiden Seiten gleichzeitig unter Feuer.

    Auch deshalb erscheint nun eine realistische Revision linker Globalisierungskritik nötig. Denn die Welt verändert sich gerade massiv. Es geht darum, das fortzuentwickeln, was an der Globalisierung gut war und ist. Anstatt „Nein“ sollte die Linke „Ja, aber“ sagen. Etwa zum Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur. Gewisse ökonomische und ökologische Nachteile des Vertrages sind nicht von der Hand zu weisen, die Vorteile überwiegen jedoch bei Weitem. Vor allem fußt das Abkommen auf fairer Verhandlung und gegenseitigem Interessenausgleich. Das ist das Gegenteil dessen, was der US-Präsident zu seinem Markenzeichen macht. Übrigens: Mit welchem Land will die EU künftig Handel treiben, wenn nicht mit einem Staat wie Mercosur-Mitglied Brasilien, das der linksgerichtete Präsident Lula da Silva regiert?

    Dennoch muss man sich weiter dafür einsetzen, dass die weltweiten Wirtschafts- und Handelsbeziehungen gerechter werden. Die europäische Lieferketten-Richtlinie in ihrer ursprünglichen, strengeren Form war richtig, weil sie half, die Arbeitsbedingungen im globalen Süden zu verbessern. Internationale Steuerabkommen sind nötig, um große Vermögen überall zur Mitfinanzierung der öffentlichen Aufgaben heranzuziehen. Eine bessere Globalisierung ist möglich.

  • Traumgewinne und Alptraumwerbung

    Der Camper auf dem Foto elektrisierte Andreas M. sofort. „So einen wollte ich immer schon“, erinnert er sich an den ersten Blick auf die Werbeanzeige für ein Gewinnspiel. Prompt meldete er sich bei der Hamburger Firma an, die den Preis ausgelobt hat. Diese Entscheidung bereut er noch heute. Denn der Veranstalter entpuppte sich als Direktmarketing-Unternehmen und mit der Teilnahme am Gewinnspiel erlaubt Andreas M. der Firma Werbeanrufe.

    Mehrmals wöchentlich klingelt nun das Telefon. Anfangs wollten die Vertreter ihm Abos aufschwatzen. „Inzwischen lege ich gleich wieder auf“, sagt er. Doch das hält die Firma vor neuerlichen Versuchen nicht ab. Ein Blick ins Kleingedruckte der Teilnahmebedingungen hätte ihm den Ärger vermutlich erspart. Denn daraus geht unter anderem auch hervor, dass kein Wohnmobil, sondern nur eine kurze Reise damit verlost werden sollte.

    Bei der Hamburger Verbraucherzentrale (VZ) ist das Unternehmen bekannt. „Die Verbraucher-Service-Gesellschaft Hamburg (VSG) lockt Verbraucherinnen und Verbraucher mit Gewinnversprechen“, erläutert VZ-Expertin Julia Rehberg. Dahinter stehe das Ziel, mit den Teilnehmenden Verkaufsgespräche zu führen. Diese bekommen sogar ein Zertifikat zur Teilnahme „an der offiziellen Gewinnaktion“, für die keine Kosten entstünden.

    Die versprochenen Gewinne wie ein IPhone, ein Zuschuss zur Rente oder Reisegutscheine können sich sehen lassen. „Die Reisegutscheine erhalten die Betreffenden tatsächlich“, beobachtet Rehberg. Doch wichtige Informationen versteckt die Firma laut VZ im Kleingedruckten. „Dazu gehört auch, dass die Teilnahme an den Gewinnspielen oft mit Produktbestellungen verknüpft ist“, berichtet die Expertin.

    Auf der Suche nach attraktiven Gewinnen werden Interessenten im Internet schnell fündig. Allein das Portal einfach-sparsam listet mehr als 100 aktuelle Gewinnspiele auf. Die Preispalette reicht von Mini-Goldbarren über Technik bis hin zum Traumhaus auf Mallorca plus 150.000 Euro. Auf anderen einschlägige Webportale finden sich etliche weitere Preisausschreiben. 

    Grundsätzlich kann jeder ein Gewinnspiel veranstalten. Dafür gebe es keine Genehmigungsvorbehalte, erläutert die Frankfurter Industrie- und Handelskammer (IHK), „diese müssen daher nicht bei den Behörden angemeldet oder genehmigt werden“. Bei Glücksspielen ist das anders. Hier müssen die Teilnehmer einen Einsatz erbringen und Gewinne werden nach dem Zufallsprinzip verteilt, etwa durch die Ziehung von Lottozahlen oder Losnummern.

    Gewinnspiele müssen dagegen weitgehend kostenlos oder nur mit einem geringen Entgelt für die Teilnahme verbunden sein. Eine wichtige Einschränkung gibt es laut IHK dabei. „Mittlerweile kann die Teilnahme an einem Gewinnspiel jedoch vom Erwerb einer Ware abhängig gemacht werden“, erläutert die IHK. Auch deshalb warnen die Hamburger Verbraucherschützer vor zu viel Gutgläubigkeit. „Werfen Sie Schreiben mit Gewinnversprechen am besten direkt in den Papierkorb“, raten sie. Für die Veranstalter rechnet sich der Aufwand. Laut IHK gewinnen sie auf diese Weise Daten potenzieller Kunden für ein späteres Direktmarketing und locken kostengünstiger Kunden an als mit herkömmlicher Werbung. 

    Ob es die versprochenen Gewinne tatsächlich gibt, steht auf einem anderen Blatt. Rechtlich ist die Sache geklärt. „Die beworbenen Preise müssen tatsächlich vergeben werden und die Teilnehmer dürfen nicht über den Gewinn und die Gewinnchancen irregeführt werden“, erklärt die IHK. Doch es gibt einen Haken, wie der Jurist Florian Jäkel-Gottmann von der Wettbewerbszentrale weiß: „Es keine ‚Kontrollinstanz’, die aktiv überwachen würde, ob ausgelobte Preise bei Gewinnspielen auch an die Gewinner ausgekehrt werden.“ Angesichts der Vielzahl an Gewinnspielen sei dies auch praktisch kaum machbar.