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  • Geld für die alte Jeans

    Modehersteller sollen künftig zahlen für die Sammlung der massenhaften Altkleider, die derzeit die Container verstopfen. Das will SPD-Umweltminister Schneider regeln. Ist das eine Trendwende?

    Jetzt also wieder Skinny-Jeans, das Hosenbein ganz eng. Waren nicht gerade noch die lässig geschnittenen Baggy-Jeans angesagt? Oder muss es die Barrel-Jeans sein, mit der fassartigen O-Form, an den Oberschenkeln weit, am Knöchel wieder schmaler? Sie kommen nicht mehr mit? Kein Wunder. Der Modezirkus dreht sich schnell, kaum in, ist eine Form schon wieder out. Raus aus dem Schrank, ab in den Müll. Bisher werden nur wenige Textilien wieder verwendet, kaum etwas wird recycelt. Das soll sich ändern.

    SPD-Bundesumweltminister Carsten Schneider knöpft sich die Modefabrikanten vor. Sie sollen verpflichtet werden, sich um das Sammeln von ausrangierten Klamotten, auch von Bettwäsche, Handtüchern, Hüten oder Schuhen zu sorgen, zudem um deren Sortierung und Recycling – und dieses auch finanzieren. Anders gesagt: Sie sollen Verantwortung für ihre Produkte über den Verkauf hinaus übernehmen.

    Das Problem in Zahlen: Bisher landet jedes Jahr Kleidung in der Menge von 200 gefüllten Fußballstadien im Müll – 120 Millionen Tonnen. Das haben Experten der Unternehmensberatung Boston Consulting vorgerechnet. Sie urteilten, dass sei nicht nur ein „gewaltiges Umweltproblem, sondern auch eine verpasste Chance für die Bekleidungsindustrie“. Denn der weltweite Materialwert dieser Abfälle liege bei geschätzten 150 Milliarden US-Dollar – jedes Jahr. Da müsse sich etwas drehen.

    Das sieht nun auch die Bundesregierung so, aber nicht nur sie. Die EU-Mitglieder haben im Herbst 2025 eine entsprechende Richtlinie zur „Erweiterten Herstellerverantwortung für Textilien“, so nennen das Experten, verabschiedet. Sie trifft alle Unternehmen, die Textilien erstmals auf den europäischen Markt bringen. Darunter fallen damit auch asiatische Shoppingportale wie Temu oder Shein, die ihre im Internet angebotenen spottbilligen Kleidungsstücke aus China nach Brüssel, Wien, Warschau oder eben Hamburg, Dresden, München schicken.

    Deutschland und alle anderen Länder in der EU müssen diese Richtlinie nun umsetzen. Bisher kommen in der EU auf eine Person in einem Jahr 12 Kilo Müll an Bekleidung und Schuhen. Umweltminister Schneider hat dazu jetzt ein siebenseitiges Eckpunktepapier veröffentlicht, ein konkreter Gesetzesentwurf soll später folgen. Altkleider zu sammeln ist in Deutschland nichts Neues, ein System längst aufgebaut. Im Frühjahr den Kleiderschrank ausmisten? Warum nicht die Sachen in einen Container stopfen.

    Lange Zeit lief das auch rund. Es kamen mehr gut erhaltene Hosen oder T-Shirts zusammen als etwa das Rote Kreuz brauchte. Die guten Stücke wurden aussortiert und als Second-Hand-Kleidung verkauft, etwa nach Osteuropa. Das lohnte sich für gemeinnützige Organisationen, auch für kommerzielle Unternehmen. Doch heute quellen Container über mit ausrangierten Klamotten, die oft für nichts mehr taugen. Bei der sich schnell drehenden Mode, der Fast-Fashion, halten die Nähte weniger lang, reißen Stoffe schneller. Die Qualität ist zu schlecht für Second-Hand. Sammelstellen sind am Limit, sie bauen Container ab – nicht auf.

    Diese laut Eckpunktepapier „aktuelle Verwerfungen auf dem deutschen Alttextilmarkt“ sollen aufgefangen werden, in dem die Textilfirmen das System zum Sammeln, Sortieren und Recyceln künftig mit finanzieren. Sie müssen sich dazu an einer sogenannten „Organisationen für Herstellerverantwortung“ beteiligen, das können gemeinnützige Einrichtungen sein wie das Rote Kreuz oder auch kommunale und gewerbliche Entsorger.

    Jede Organisation soll eine Sammelquote von 70 Prozent erreichen, gemessen an der Menge, die die angeschlossenen Hersteller im Vorjahr auf den Markt gebracht haben, bei der Verwertung dann eine Quote von 95 und beim Recycling inklusive Wiederverwendung eine von 85 Prozent. Dabei soll gelten: Je mehr Textilien ein Hersteller auf den Markt bringt und je minderwertiger die Ware ist, umso höher der Betrag. Heißt: Es soll für Produzenten teurer werden, wenn der Fummel kaum gekauft schon auseinander fällt. Hersteller sollen damit finanzielle Anreize bekommen, Langlebigkeit, Reparaturfreundlichkeit, Recyclingfähigkeit beim Design ihrer Produkte mit zu denken und weniger Fast Fashion zu produzieren.

    Wird sich der Stil der Mode damit ändern – weg von schnelllebigen Trends hin zu Jeans wenn auch nicht fürs Leben, doch für ein paar Jahre? „Wer es damit Ernst meint“, sagt Anna Hanisch, Referentin für Kreislaufwirtschaft beim Umweltverband NABU, „muss klare Kriterien für die Umweltfreundlichkeit und die entsprechende Staffelung der Gebühren vorgeben“. Das sei aber nicht vogesehen, stattdessen solle das eine Entscheidung der Organisationen der Herstellerverantwortung selbst bleiben, welche Preise sie festlegen.

    Die Folgen seien bekannt, meint Hanisch: „Die Industrie muss sich ja auch schon lange um ihre Plastikverpackungen kümmern, wenn die nicht mehr gebraucht werden“ – den Müll im Gelben Sack. Die Vorgaben seien ähnlich wie jene, die für die Textilwirtschaft kommen sollten. Hanisch: „am Ende entscheiden sich die Hersteller immer für das billigste Angebot mit den geringsten Aufschlägen für Ex- und Hopp.“

    Hanisch wird nicht die einzige sein, die nun eine Stellungnahme schreibt. Der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie sprach bereits von einem „unkalkulierbaren Milliardenrisiko“. Das Gesetz muss bis zum 17. Juni 2027 in Kraft treten. Wer weiß was für eine Jeansform dann trendet.


  • Hühnchen ohne Gentechnik, bitte!

    Das Angebot in deutschen Supermärkten von Fleisch, Milch, Eiern, auf denen die grüne Raute mit dem weißen Schriftzug „Ohne Gentechnik“ über einer dreiblättrigen Pflanze prangt, wächst. Es ist bei Kunden beliebt.

    Für derart gelabelte Lebensmittel gaben sie 2025 insgesamt satte 18,1 Milliarden Euro aus. Das ist gut eine Milliarde mehr als noch 2024. Die Deutschen kaufen für genauso viel Geld Bio-Lebensmittel. Damit ist das „Ohne Gentechnik“ Label gefragt wie nie, es dürfte noch mehr Gewicht bekommen.

    „Das Siegel wird in Zukunft auch bei auch bei Grundnahrungsmitteln wie Brot, Kartoffeln und anderem Gemüse sowie daraus hergestellten Produkten relevant“, sagt Alexander Hissting. Er ist Geschäftsführer des Verbandes Lebensmittel ohne Gentechnik, kurz VLOG, der das Logo vergibt. Von ihm stammen auch die neuen Umsatzzahlen für das vergangene Jahr. Sie lagen dieser Zeitung vorab vor.

    Das Logo, das schon 2009 von der damaligen CSU-Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner auf den Weg gebracht wurde, findet sich bisher vor allem auf Eiern, Milch und Fleisch. Kühe, Rinder, Hühner, Schweine werden häufig mit gentechnisch verändertem Futter ernährt, außer es sind Bio-Betriebe, bei denen Gentechnik grundsätzlich tabu ist.

    Auf Genfutter gibt es im Supermarktregal keinen Hinweis. Die EU schreibt ihn nicht vor. Das Argument: Es ist in Milch oder Eiern nicht nachweisbar. Das ist bei Obst und Gemüse anders. Sind diese gentechnisch verändert, müssen sie oder die daraus produzierten Lebensmittel in der Zutatenliste gekennzeichnet sein.

    Aigner wollte die Kennzeichnungslücke im Milchregal und Eierkarton schließen, ging einen neuen Weg. Motto: Dann können Hersteller halt die Produkte freiwillig kennzeichnen, in denen garantiert keine Gentechnik drin ist. So sollten es Verbraucher, denen die Gentechnik nicht behagt, beim Einkaufen leichter haben.

    Längst gehen Biotechnologen aber neue Wege. Früher schleusten sie artfremde Gene in das Erbgut einer Pflanzen ein. Berühmt: der BT-Mais, der so selbst ein Gift gegen Fraßfeinde produzieren konnte. Mittlerweile können sie mit Techniken wie Crispr-Cas im Erbgut kleinere Eingriffe machen – ähnlich einer Schere, mit der sich einzelne Buchstaben oder längere Passagen im genetischen Text einer Pflanze entfernen, verändern, hinzufügen lassen.

    Dieses Gen-Editing, so erklären die Befürworter, sei vergleichbar mit herkömmlicher Züchtung, bei der aus einer Vielzahl von Kreuzungen die beste Variante herausgesucht wird. Es gehe nur schneller.

    Pflanzen aus diesen sogenannten „neuen“ gentechnischen Verfahren sollen in der Europäischen Union künftig ohne Gentechnik-Kennzeichnung verkauft werden können. Das Argument in diesem Fall: Sie unterscheiden sich nicht, allenfalls kaum von klassischen Züchtungen. Das ist umstritten.

    Hissting etwa erklärt: „Es gibt längst Möglichkeiten, Veränderungen durch neue Gentechnik nachzuweisen. Dafür müssen die Hersteller nur weiterhin verpflichtet werden, alle Manipulationen offenzulegen.“

    Noch muss das EU-Parlament den gelockerten Kennzeichnungsregeln zustimmen. Doch gilt das – der Termin ist im Mai geplant – als wahrscheinlich, auch wenn sich dagegen Lebensmittelfirmen wie Tiefkühlhersteller Frosta oder die dm-Drogeriemarktkette stemmen.

    Sie erklärten in einem offenen Brief, dass viele Kunden gentechnisch veränderten Pflanzen „sehr skeptisch gegenüber“ stünden. Die Unternehmen wollten „weiterhin Produkte ohne Einsatz von Gentechnik produzieren und anbieten können.“ Meinen sie das ernst, bliebe voraussichtlich nur ein Weg: Sie nehmen mehr „Ohne Gentechnik“ gelabelte Produkte ins Regal.

    Für Lebensmittel mit „Ohne GenTechnik“-Siegel gilt – egal ob „alte“ oder „neue“ gentechnische Methoden – erstens: ein Verbot des Einsatzes von gentechnisch veränderten Organismen oder Teilen davon, zweitens: ein Verbot des Einsatzes von Vitaminen, Aromen, Enzymen und anderen Lebensmittelzusatzstoffen, die mithilfe von gentechnisch veränderten Mikroorganismen hergestellt wurden, drittens: eine Fütterung ohne gentechnisch veränderte Pflanzen.

  • „Wir sind Französ:innen, aber…“

    Auch auf der 7.000 Kilometer von Paris entfernten Karibikinsel Martinique finden die französischen Kommunalwahlen statt. Was hält die dortige Bevölkerung von Frankreich und Europa?

    Bei vollem Tank verspricht das digitale Armaturenbrett des Peugeot „520 Kilometer Autonomie“. Von diesem Lebensgefühl kann aber keine Rede sein, wenn man im alltäglichen Morgen-, Mittag- oder Nachmittagsstau auf der dreispurigen Autobahn zwischen Fort-de-France und Le Lamentin in der Sonne brütet.

    Mehr politische Autonomie ist für viele Bewohner:innen Martiniques ein wichtiges Thema – auch jetzt im Wahlkampf. In Strasbourg, Lyon, Paris, in tausenden französischen Dörfern werden die Bürgermeister:innen gewählt, auf Martinique in der Karibik ebenfalls. Denn die Antilleninsel gehört zu Frankreich. Sie ist ein Übersee-Departement vor der Küste Venezuelas, ein 7.000 Kilometer von der Hautpstadt entfernter Außenposten. Wie stehen die Bewohner:innen zu Frankreich, und welche Rolle spielt Europa für sie?

    „Wir wissen, dass wir Französ:innen sind, aber…“, sagt Jiovanny William, einer der vier auf Martinique gewählten Abgeordneten der franzöischen Nationalversammlung, „aber die Insel braucht mehr Autonomie“. Darunter versteht der 40-jährige Rechtsanwalt, dass die örtlichen Verwaltungen und Gemeinderäte mehr Befugnisse erhalten sollten, um regionale Lösungen für regionale Probleme zu finden. Als ein Beispiel nennt er, dass Fahrzeuge auf der Insel bisher offiziell keine getönten Fensterscheiben haben dürfen. Denn die Vorschriften orientierten sich an der schwächeren Sonneneinstrahlung in Frankreich, nicht an der starken in der Karibik.

    Außerdem solle der Zentralstaat es seinem karibischen Departement einfacher machen, direkten Handel mit den süd- und zentralamerikanischen Nachbarn zu treiben, erklärt William. „Heute wird Holz aus Franzöisch-Guyana erst nach Le Havre in Frankreich verschifft, bevor man es von dort zurück nach Martinique liefert – ein teurer Umweg.“ Möglicherweise ist das einer der von vielen Gründen, warum Importprodukte auf der Insel unnötig teuer sind, worunter der Lebensstandard der Bevölkerung leidet.

    In einem einstöckigen, weißen Gebäude unweit der Strandpromenade der Kleinstadt Le Robert betreibt William sein Heimatbüro. Er stammt von der Insel, hat in Frankreich studiert und wurde 2022 in die Nationalversammlung gewählt. Nun fliegt er ständig hin und her, mindestens zwei Arbeitswochen monatlich verbringt er in Paris. Dort gehört er der Demokratischen Linken an, einer Parlamentsgruppe, die mit den Sozialisten kooperiert.

    Jetzt im Kommunal-Wahlkampf steht William nicht selbst zur Wahl, unterstützt aber einen Bürgermeister-Kandidaten. Bei der vergangenen Wahl 2020 eroberten linksgerichtete Parteien zwei Drittel der Rathäuser auf Martinique. Nun, in der ersten Runde der aktuellen Kommunalwahl am 15. März, bekamen linke Listen in 16 von 34 Wahlbezirken die meisten Stimmen. Kandidat:innen des Zentrums lagen in fünf Gemeinden vorne. Rechte Wahllisten gewannen vorläufig in nur drei Bezirken, wobei sich darunter keine eigene des rechtsextremen Rassemblement National fand. In den übrigen Gemeinden standen unabhängige Politiker:innen auf Platz Eins.

    Bei den örtlichen Wahlen spielen vor allem lokale Fragen wie zusätzliche Plätze in Altenheimen, Absenkungen von Bordsteigkanten für Rollstühle, Sportplätze, Sicherheit an Schulen oder die Algenplage im Meer eine Rolle. Ein besonderer Aufreger aber ist „la vie chère“, das teure Leben, denn viele Produkte, die aus Frankreich importiert werden, haben hier deutlich höhere Preise als dort.

    Größere Fragen wie die Autonomie sind damit verwoben. Das ist eher kein Thema, das bei Rechten und Rechtsextremen einzahlt, denn diese werden als Vertreter eines starken Pariser Zentralstaates betrachtet und dafür kritisiert. Dabei ist auf Martinique interessant, dass es selten um die komplette Unabhängigkeit geht, sondern eher um mehr Entscheidungsspielraum im Rahmen der französischen Politik. Für diese Linie sprach sich schon Aimé Césaire aus, der wichtigste Politiker der Insel im 20. Jahrhundert. Während Frankreich etwa in Westafrika mittlerweile deutlich an Einfluss einbüßt und im pazifischen Übersee-Territorium Neu-Kaledonien eine starke Unabhängigkeitsbewegung der Regierung keine Ruhe lässt, scheint die Bevölkerung Martiniques mit der Zugehörigkeit zum Mutterland mehrheitlich einverstanden zu sein. Warum?

    Martinique, c’est très francaise. Vieles funktioniert wie in der fernen Metropole: die Autokennzeichen, das Warenangebot in den riesigen Leclerc-Supermärkten, das Schulsystem, die Verwaltung und Justiz. Und alle sprechen die Amtssprache Französisch.

    Das karibische Departement ist im Durchschnitt relativ wohlhabend. Die Wirtschaftsleistung pro Kopf erreicht knapp zwei Drittel der französischen – ein Niveau, von dem Millionen Menschen in Mittel- und Südamerika nur träumen. Das funktioniert auch wegen der Milliarden Euro, die Paris Jahr für Jahr auf die Insel überweist – unter anderem, um das Handelsdefizit auszugleichen. Denn Martinique importiert viel mehr Waren als es exportiert. Die Insel stellt zu wenige Produkte her, um ihre 350.000 Einwohner:innen annähernd selbst zu versorgen.

    Wie in Frankreich weht an jedem Rathaus die französische Fahne – neben der europäischen. Trotzdem interessierten sich 85 Prozent der Einheimischen nicht für Europa, vermutet Jiovanny William, der Abgeordnete. Farell Francois-Haugrin dagegen, der mit Williams Unterstützung als Bürgermeister für Le Robert kandidiert, betrachtet die Sache differenzierter: „Ohne Geld aus Frankreich und anderen EU-Ländern könnten wir hier manches nicht bezahlen.“

    Francois-Haugrin sieht müder aus als auf den Plakaten, die überall hängen. Gerade kommt er im grünen T-Shirt mit dem aufgedruckten Logo seiner Kampagne zurück ins Büro – nachdem er einen samstäglichen Autokorso durch die Dörfer seines Wahlbezirks absolviert hat. Bei solchen Fahrten sieht man nicht selten große Hinweistafeln, die darüber informieren, dass dieses oder jenes Projekt aus europäischen Mitteln mitfinanziert wurde – Straßenbeleuchtung, die Renovierung einer Kirche, Glasfaserleitungen fürs Internet, der Ausbau einer Schule. Der Preis: Wirtschaftliche führt zu politischer Abhängigkeit. Der Kampf für mehr Autonomie ist kein Selbstläufer.

    https://taz.de/Kommunalwahl-auf-Martinique/!6161404&s=hannes%2Bkoch

  • „Die Zukunft ist bargeldlos“

    Ausländische Banken drängen auf den deutschen Markt. Für Dominik Hennen ein gutes Zeichen. Er leitet bei der Deutschen Bank das Geschäft mit 18 Millionen Privatkunden und hat einiges vor, besonders mit KI.

    Womit zahlen Sie beim Einkauf, Herr Hennen?

    Dominik Hennen: Mit der Uhr. Immer. Ich habe kein Bargeld im Portemonnaie und oft auch keine Karte dabei.

    Ist das die Zukunft des Bezahlens?

    Die Zukunft ist bargeldlos. Und sie ist schon ein bisschen Gegenwart. Eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Postbank ergab im vergangenen Jahr, dass knapp die Hälfte der Befragten kontaktlos zahlen. Bei jungen Menschen ist der Wert deutlich höher. Man hält dabei seine Karte in kurzer Entfernung an das Zahlterminal oder steckt sie in die virtuelle Brieftasche bei Apple Pay, Google Pay oder Samsung Pay und kann mit dem Mobiltelefon bezahlen. Oder eben mit der smarten Uhr.

    Nicht jedem gefällt es, Geldgeschäfte übers Mobiltelefon abzuwickeln.

    Deshalb arbeiten wir an einem digitalen KI-Assistenten. Menschen, die die App nicht nutzen wollen und auch nicht in eine Filiale kommen können, können dann anrufen. Der Assistent vereinbart Termine, informiert über einfache Produkte, den aktuellen Kontostand und hilft zum Beispiel auch bei Kartensperren. Sieben Tage die Woche, rund um die Uhr.

    Wann kommt der Assistent? Und spricht er mit der Stimme von Bankchef Christian Sewing? Oder wird es gar eine Assistentin?

    In der zweiten Jahreshälfte soll es soweit sein. Wir starten dann mit ersten Funktionen und erweitern das Angebot sukzessive. Die Stimme haben wir noch nicht festgelegt, auch der Name ist noch offen. Wichtig: Der Assistent kann auch andere Sprachen. Wir starten mit Deutsch und Englisch, wollen das aber erweitern.

    Die Deutschen sind bei neuer Technologie eher zurückhaltend. Warum sollten sie sich etwas anvertrauen, dass von Künstlicher Intelligenz gesteuert wird?

    Das ist eine Frage der Gewöhnung. Aber Digitalisierung ist kein Selbstläufer. Wir als Bank müssen die Kundinnen und Kunden in die digitale Welt mitnehmen. Deshalb haben wir in unseren Filialen 400 Digital Coaches im Einsatz. Die zeigen den Kunden unter anderem, wie man Geld mit der App überweist. Gleichzeitig muss die digitale Welt sehr einfach sein. Wir haben unser Angebot in den vergangenen zwei Jahren runderneuert.

    Wozu brauchen Sie dann noch Filialen? Sie schließen immer noch Standorte.

    Weil App und Onlinebanking nur ein Kanal sind. Darüber hinaus setzen wir weiter auf persönliche Beratung besonders für komplexere Fragen. Ende des Jahres werden wir bei der Postbank 320 Filialen haben. Damit sind wir gut aufgestellt. In 200 davon gibt es dann weiter Postdienste, in den anderen werden wir nur noch beraten. Die Mitarbeiter sind dort produktiver, die Kunden zufriedener. Bei der Deutschen Bank peilen wir rund 330 Standorte an. Außerdem wollen wir die Bank wieder stärker ins Zentrum der Gesellschaft rücken – mit Veranstaltungen in ausgewählten Filialen. Einfache Serviceanliegen sind aber nicht mehr der Kern der Filialen, das muss auch klar sein.

    Wer auf dem Land wohnt, hat eher keine Filiale von Deutscher Bank oder Postbank in der Nähe, womöglich aber auch Beratungsbedarf.

    Wir werden auch künftig das größte Filialnetz aller privaten Banken betreiben und bundesweit präsent sein. Wir bauen zudem die Videoberatung aus, für die Deutsche Bank und die Postbank. An elf Standorten in Deutschland sitzen gut ausgebildete Berater, die vielleicht vorher in einer Filiale tätig waren. Auch hier geht es nicht um Adressänderungen oder Überweisungen, sondern um Geldanlage, Altersvorsorge oder Baukredite – und das mit erweiterten Öffnungszeiten im Vergleich zur Filiale.

    Wozu brauche ich Bankberater, wenn auch KI mir einen Sparplan empfiehlt?

    Vertrauen ist ganz entscheidend, besonders wenn es um eine umfangreiche Baufinanzierung, eine langfristige Vorsorgevereinbarung oder eine fundierte Investmentberatung geht. Das gilt in geopolitisch unruhigen Zeiten erst recht. Deshalb glaube ich nicht, dass die KI den Berater ersetzt, sondern diesen vielmehr unterstützt.

    Die Konkurrenz in Deutschland ist groß, vor allem mit den breit aufgestellten Sparkassen. Jetzt drängt die größte Bank der Welt in den deutschen Markt, JP Morgan. Was haben die deutschen Kreditinstitute, was hat die Deutsche Bank falsch gemacht, dass die Amerikaner hierzulande starten?

    Das Interesse zeigt, dass wir in einem attraktiven Markt unterwegs sind und hier viel Wert für die Deutsche Bank generieren können.

    Die spanische Großbank BBVA startete bereits in Deutschland.

    Die Deutsche Bank hat einen entscheidenden Vorteil: Wir haben bereits 18 Millionen Privatkunden, dazu eine Million vermögende Kunden. Und deren Vertrauen haben wir auch. Dazu verfügen wir über starke Marken. Das muss sich die Konkurrenz erst einmal erarbeiten und viel Geld investieren, um bekannt zu werden.

    Und sich Kunden zum Beispiel mit hohen Zinsen auf Tagesgeld erkaufen, höhere Zinsen als Sie bieten.

    Bei den beiden letzten Tagesgeldkampagnen der Postbank haben wir Milliarden Einlagen sowie viele neue Kunden gewonnen. Auch hier nutzen wir KI, über die wir im ersten Monat sogenannte Willkommensreisen anbieten. Wir kontaktieren den Kunden, bieten Beratung, machen weiteres Geschäft. Das Angebot fehlt der Konkurrenz.

    Die italienische Unicredit will sich im großen Stil in Deutschland einkaufen. Wie bewerten Sie das Übernahmeangebot für die Commerzbank?

    Hier gilt dasselbe wie für andere Wettbewerber: Wir schauen auf uns und verfolgen einen klaren Plan, mit dem wir profitabel wachsen wollen.

    Sie erwähnten jetzt mehrfach KI. Wo nutzen Sie die noch?

    Zum Beispiel um Werbung der Postbank und der Deutschen Bank gezielt bei Social Media auszuspielen – angepasst auf den Bedarf und die persönlichen Vorlieben der Nutzer und dadurch sehr effizient und kostengünstig. Mit der Technologie können wir auch verdächtige Zahlungen erkennen und abfangen und haben die Schäden durch Betrug für unsere Kunden und uns so in den vergangenen Jahren stark verringern können.

    Zur Person

    Dominik Hennen leitet das Privatkundengeschäft der Deutschen Bank in Deutschland mit den Marken Deutsche Bank, Postbank und Norisbank und ist Mitglied im Konzernleitungskomitee. Er ist verantwortlich für 18 Millionen Kunden. Hennen hat in Finanzwissenschaften promoviert. Früher spielte er als Profi Basketball bei den Frankfurt Skyliners und in deutschen Nationalmannschaften.

  • Durchstarten mit einer Legende

    Einem Flugzeug ähnelt der große schwarze Würfel eher nicht. Was sich hinter der Folie verbirgt, ist aber besonders nah dran an einer neuen Maschine, die bald in Deutschland hergestellt werden soll. Wer schon heute mit der D328eco abheben will, muss hier im Flugsimulator Platz nehmen. Propeller an, und mit Brummen vom Computer geht es los.

    Sehr viel ist möglich hier in der unscheinbaren Halle am Flughafen Oberpfaffenhofen, Ostseite: Starts in Hongkong oder New York, Flüge bei Nebel und durch Gewitter, Triebwerksausfall oder einfach ein schneller Hüpfer über den Alpenkamm nach Innsbruck. Jeder Flug ein Test der Steuersysteme, die für das Flugzeug angepasst werden.

    Und obwohl die Videowand vor dem Mustercockpit etwas pixelig ist, wirkt es, als sei der Hoffnungsträger von Deutsche Aircraft und ihrem Chef Nico Neumann tatsächlich in der Luft und hinten säßen 23 Passagiere. Bis die erste echte Maschine abhebt, dauert es noch etwas.

    Neumann selbst sitzt in einem Besprechungsraum der Firmenzentrale. „Wir sind der einzige Flugzeugbauer, mit vollständiger Entwicklung, Endmontage und Wartung in Deutschland“, sagt er, anders als Airbus. Der deutsch-französische Konzern entwickelt und baut an mehreren Standorten in Europa. Vom Umsatz und auch von der Flugzeuggröße her ist Airbus kein Konkurrent. Aber es geht auch ums Prestige und darum, Technologie in Deutschland zu haben.

    Die D328eco ist nicht irgendein Flugzeug. Neumanns Unternehmen hat ein unter Eingeweihten legendäres Flugzeug weiterentwickelt: die Do328, das letzte Flugzeug, dass der deutsche Hersteller Dornier schuf. Ingenieure schwärmen immer noch von der Qualität der Maschine, die bis 2005 gebaut wurde. 150 sind weltweit noch im Einsatz unter anderem bei der US-Armee. Eine fliegt für das Deutsche Luft- und Raumfahrtzentrum DLR als Testflugzeug. Deutsche Aircraft wartet die Flieger, liefert Ersatzteile und hat auch die Zertifizierung für das Flugzeug, was die Zulassung der D328eco vereinfacht.

    „Die Do328 war in den 1990er-Jahren technisch ihrer Zeit weit voraus. Darauf bauen wir auf“, erklärt Neumann. „Schon damals waren 30 Prozent der Materialien leichte Kunststoffe aus Kohlenstofffaser, sogenannte Composite.“ Die Maschine hatte allerdings ihren Preis, ein Grund, warum sie sich am Markt nicht recht durchsetzen konnte. Jetzt profitiert Deutsche Aircraft.

    „Ein Flugzeug weiterzuentwickeln, ist deutlich günstiger als eines ganz neu zu planen“, sagt der Manager. „Und es birgt weniger Risiko. Denn wir können auf die Erfahrung von Millionen von Flugstunden zurückgreifen.“ Experten schätzen, dass es gut zwei Milliarden Euro kostet, eine Maschine dieser Art neu zu entwerfen. Sie weiterzuentwickeln, dürfte bei bis zu 700 Millionen Euro liegen.

    Seit 2015 arbeiten sie an der D328eco. Geblieben sind die schmale Tragfläche oben, die Form. Aber sie haben den Rumpf der Do328 um 2,1 Meter auf 23,31 Meter verlängert, die Elektrik erneuert, Cockpit und Kabine überarbeitet. Sie bietet jetzt Platz für 40 Passagiere. Die neuen kräftigeren Turboprop-Triebwerke stoßen mit herkömmlichen Kerosin 25 Prozent weniger CO2 aus als derzeit eingesetzte und sie können praktisch vollständig mit nachhaltigem Flugkraftstoff ohne Aromate betrieben werden. Neumann sieht das Unternehmen hier weit vorn.

    Die D328eco ist kein Großflieger für den Massenmarkt wie der erfolgreiche Airbus A320 mit bis zu 180 Sitzplätzen. Neumann rechnet sich aber schon sehr gute Chancen aus, trotz der Konkurrenz von Saab (Schweden) oder Embrear (Brasilien). „In vielen Weltregionen wächst die Nachfrage nach kleineren Flugzeugen, mit denen auch kleinere und abgelegenere Orte angebunden werden können. Zum Beispiel in Brasilien, China, Indien und Indonesien“, sagt er.

    Bedarf nach kleinen wendigen Maschinen bestehe auch für spezialisierte Einsätze, etwa bei Missionen der EU-Grenzschützer von Frontex oder den Special Operations der US Airforce, sagt Neumann. Oft geht es um Gegenden, die nicht über sauber asphaltierte Flughäfen verfügen. „Unsere Maschine bietet flexible Einsatzmöglichkeiten, sie kann beispielsweise auch auf Schotterpisten oder in Flussbetten starten und landen.“

    In Serie gebaut werden die Flugzeuge nicht am Firmensitz in Oberpfaffenhofen. Deutsche Aircraft steckt gerade 100 Millionen Euro in eine neue Fabrik am Leipziger Flughafen. Sie ist acht Fußballfelder groß und soll Ende des Jahres fertig sein. Der Produktionsstart ist für 2027 vorgesehen. Dier ersten Maschinen will Neumann 2028 ausliefern. Ziel sind jährlich 48 Flugzeuge, im Prinzip eins pro Woche.

    Das Flugzeug ist in Teilen international. Den mittleren Rumpf baut Deutsche Aircraft selbst, anderes wird zugeliefert und in Leipzig montiert. „Unsere Lieferkette ist global aufgestellt, weil das Flugzeug auch global vermarktet wird“, sagt Neumann. „So kommen Teile des Rumpfes aus Brasilien und Indien, beides auch wichtige Märkte.“ Die Triebwerke liefert der US-Hersteller Pratt & Whitney aus Kanada.

    Für Deutsche Aircraft arbeiten zurzeit mehr als 600 Beschäftigte, in Leipzig sollen es 250 werden. Neumann startete 2007 im Unternehmen, arbeitete sich von der Werkshalle bis zum Chefbüro hoch. Und jetzt will er ein neues Flugzeug auf den Markt bringen. Im Flugsimulator unter der schwarzen Plane verzieht sich gerade der Computernebel über Innsbruck. Zeit für den Rückflug nach Oberpfaffenhofen und den nächsten Test der Systeme.

  • Mit der Kraft vom Balkon

    Auf die Sonne, fertig, los! Verbraucher rennen Firmen die Türen ein, die kleine Balkonkraftwerke oder große Photovoltaik, also PV-Anlagen, fürs Dach verkaufen. „Mehrere Anbieter sehen derzeit einen Anstieg der Nachfrage um 50 Prozent“, sagt Benjamin Weigl, Energieexperte bei Finanztip. Das Ratgeberportal hat darum nachgerechnet, was sich derzeit für wen lohnt. Die Ergebnisse liegen dieser Zeitung exklusiv vor.

    Mit dem Iran-Krieg, mit der Blockade der Straße von Hormus für Handelsschiffe, einer der wichtigsten Transportrouten für LNG-Flüssiggas und Öl aus der Golfregion, ist die Angst vor einer Energiekrise zurück. Also: Den Strom zumindest für Wasch- und Spülmaschine, Kühlschrank und Fernsehen mit Hilfe der Sonne selbst erzeugen, sich unabhängiger machen, Energiekosten sparen?

    Sich jetzt darüber Gedanken zu machen, sei richtig, meint Weigl: „Noch gilt, dass wer seinen selbst erzeugten Solarstrom in das öffentliche Stromnetz einspeist, dafür vom Staat für jede Kilowattstunde 20 Jahre lang einen festen Geldbetrag bekommt. Das Bundesministerium für Wirtschaft und Energie will diese sogenannte Einspeisevergütung für neue Solaranlagen aber ab 2027 abschaffen.“

    Er sagt: „Balkonkraftwerke sind der günstige Einstieg in den Solarstrom und besonders für Miet- und Eigentumswohnungen empfehlenswert. Eine große Photovoltaikanlage bleibt die Lösung für alle, die eine sonnige Dachfläche haben und sich mit möglichst viel eigenem Strom selbst versorgen möchten.“ Das ist das Grundsätzliche. Im einzelnen heißt das:

    „Balkonkraftwerke amortisieren sich schnell“, so Weigl. Ein kleines Modell bestehe meist aus zwei Modulen à 450 Watt-Peak und einem Wechselrichter, der den Solarstrom in Hausstrom verwandelt. Das gebe es für etwa 400 Euro. Das Gerät rentiere sich bereits nach rund drei Jahren, ein größeres mit vier dieser Solarmodule für etwa 700 Euro nach rund dreieinhalb Jahren. Der Betrieb sei einfach.

    Die Mini-Solaranlagen lassen sich mit wenigen Handgriffen am Balkongeländer oder auf der Terrasse anbringen. Sie haben zudem einen Stecker, der bei Anlagen mit zwei Modulen in die normale Haushaltssteckdose passt, für größere ist eine spezielle Energiesteckdose nötig. Bevor der Strom fließt, muss das kleine Kraftwerk noch im Marktstammdatenregister der Bundesnetzagentur (MaStR) an gemeldet werden. Wer dazu noch einen Speicher installiert, muss diesen dort übrigens gesondert registrieren lassen, und sollte sich erkundigen, ob zudem eine Mitteilung an den Netzbetreiber erforderlich ist.

    Die Mini-Solarstationen könne sich jedenfalls auch anschaffen, wer keine eigene Wohnung, kein eigenes Haus habe, sagt Weigl: „Mieter haben inzwischen grundsätzlich einen Anspruch darauf, ein Balkonkraftwerk zu betreiben.“ Voll autark, also unabhängig von Stromversorgern, werde man damit aber nicht. Ein Drei-Personen-Haushalt mit einem typischen Stromverbrauch von 3.500 Kilowattstunden (kWh) pro Jahr könne mit einem kleinen Balkonkraftwerk etwa 15 Prozent seines Stroms selbst erzeugen, mit dem größeren rund 20 Prozent.

    Wie viel Ertrag ein Balkonkraftwerk genau bringt, hängt von der Ausrichtung, dem Neigungswinkel, der Sonneneinstrahlung vor Ort ab. Die Finanztip-Leute sind von einem Süd-Balkon ohne Verschattung und einem Anbringwinkel von 70 Grad ausgegangen. Alle notwendigen Daten haben sie dann beim Online-Rechner der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin eingegeben. Der rechnete damit, dass das kleine Balkonkraftwerk etwa 770 kWh Strom pro Jahr erzeugt, das größere gut 1300 kWh.

    Klassische Photovoltaik-Anlagen, die auf dem Dach oder an der Fassade aufwändiger zu montieren seien, lieferten da „mehr Unabhängigkeit“, erklärt Weigl: „Mit 18 Modulen und einem Fünf-kWh-Batteriespeicher kann derselbe Beispielhaushalt rund 72 Prozent seines Strombedarfs selbst decken, die Investitionskosten sind aber auch deutlich höher.“

    PV-Anlage und dazu die Batterie im Keller kosteten derzeit rund 14.000 Euro, sagt der Energieexperte. Darin enthalten sei auch die Rechnung für den Elektroinstallateur, der am Ende die Anlage ans Netz anschließe. Das dürfe man nicht selbst machen. Rechne man dann noch Betriebskosten von 1,5 Prozent der Anschaffungskosten pro Jahr dazu, zudem den notwendigen Ersatz des Batteriespeichers nach zehn bis 15 Jahren und ein intelligentes Strom-Messsystem, amortisiere sich die PV-Anlage auf dem Dach oder an der Fassade erst nach knapp 15 Jahren. Liefe sie insgesamt aber 20 Jahre ergebe sich am Ende ein Überschuss von 5400 Euro. Die noch bestehende Einspeisevergütung ist dabei mit einbezogen. Sie macht einen Unterschied.

    Theoretisch sei die Einspeisevergütung auch bei Balkonkraftwerken möglich, meint Weigl – wenn der Strom nicht selbst benötigt wird, sondern ins öffentliche Netz fließt. Dann allerdings würden die Regeln gelten wie bei normalen PV-Anlagen. Heißt: Man muss einen separaten Stromzähler installieren und sich für die Einspeisevergütung mit allerlei Formularen und Dokumenten anmelden. Das sei es meist nicht wert.

    Weigls Fazit: „Wer viel Strom verbraucht oder künftig mehr Strom benötigt – etwa durch ein Elektroauto oder eine Wärmepumpe – für den lohnt sich eine PV-Anlage allerdings deutlich schneller.“ Und die Unabhängigkeit vom Strommarkt sei viel größer.

    Für Solar auf dem Balkon gebe es Förderungen, für Solar auf dem Dach auch. Es lohne, sich zu erkundigen, etwa hier:

    https://www.finanztip.de/photovoltaik/balkon-solaranlage/foerderung/

    https://www.finanztip.de/photovoltaik/pv-foerderung/

  • Pipelines, Schiffe und ein libyscher Offizier

    Als drittgrößte Wirtschaft der Welt ist Deutschland auf sehr viel Energie angewiesen. Vor allem Öl und Gas muss die Bundesrepublik einführen. Beides kommt vor allem über Schiffe und Pipelines nach Deutschland. Wie anfällig ist das System?

    Wozu brauchen wir Öl und Gas?

    Ohne Öl stünde der Verkehr in Deutschland still. Es ist der Grundstoff für Kerosin, Benzin und Diesel. Viele Menschen heizen auch noch mit Öl. Erdgas ist nicht nur Brennstoff für viele Heizungen, sondern auch für viele Kraftwerke. In chemischen und Industrie sind Gas wie Öl unerlässlich.

    Wie kommen Öl und Gas nach Deutschland?

    Öl und Gas kommen meist per Pipeline nach Deutschland. Die Röhren sind im Vergleich zu anderen Transportformen für große Mengen günstig. Für Öl sind Schiffe wichtig, für Gas inzwischen auch, denn seit 2022 hat Deutschland eigene Terminals für Flüssiggas (LNG).

    Woher kommt das Öl für Deutschland?

    Mit 16,6 Prozent der Gesamtmenge lieferte Norwegen 2025 das meiste Rohöl nach Deutschland. Die USA kamen mit 16,4 Prozent auf Rang 2. Libyen steuerte 13,8 Prozent bei, Kasachstan 13,7 Prozent. Insgesamt führte Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge 75,7 Millionen Tonnen ein. Die Menge sinkt seit Jahren. Dazu kamen rund 1,6 Millionen Tonnen eigene Förderung, vor allem in Niedersachsen. Aus Russland, lange großer Lieferant, bezieht Deutschland wegen des Angriffs der Russen auf die Ukraine nichts mehr.

    Wie kommt das Öl nach Deutschland?

    Zu etwa zwei Dritteln fließt Öl über Pipelines. Die wichtigsten: Die Transalpine Ölleitung TAL verbindet Triest mit Karlsruhe, die RRP Rotterdam mit Wesseling bei Köln. In Rotterdam und Triest gibt es große Ölhäfen. Direkt von den Ölfeldern lieferte Russland über die Pipeline Druschba (Freundschaft) nach Deutschland. Ein Arm führt über die Ukraine und Tschechien, ein anderer über Belarus und Polen. Durch die Pipeline fließt derzeit Öl aus Kasachstan. Zusätzlich gibt es noch eine Pipeline für Ölprodukte von Rotterdam nach Ludwigshafen. Ein Drittel des Öls für Deutschland landet per Schiff in Brunsbüttel, Rostock und Wilhelmshaven an.

    Woher kommt das Gas für Deutschland?

    Wichtigster Lieferant ist Norwegen. Rund 44 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases stammten 2025 nach Zahlen der Bundesnetzagentur aus den Feldern in der Nordsee. 24 Prozent lieferten die Niederlande, 21 Prozent Belgien, eingerechnet ist dort angelandetes Flüssiggas. 10,3 Prozent bezog Deutschland direkt vor allem aus den USA und Kanada. Insgesamt importierte Deutschland nach Zahlen der Bundesnetzagentur 1031 Terawattstunden Gas. Deutschland selbst förderte 34 Terawattstunden. Aus Russland, lange Hauptlieferant, kommt seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs nichts mehr.

    Wie kommt das Gas nach Deutschland?

    Auch beim Gas sind Pipelines am wichtigsten, vor allem die Rohre der Europipe. Europipe 1 verbindet die zentrale Draupner-Plattform in der Nordsee vor Norwegen mit Dornum in Ostfriesland. Europipe 2 liefert Gas vom norwegischen Festland nördlich von Stavanger ebenfalls nach Dornum. Vom Ekofisk-Feld in der Nordsee fließt Gas über Norpipe nach Emden. Pipelines verbinden auch Aachen mit dem belgischen Hafen Zeebrügge, wo sehr viel Flüssiggas anlandet. Nordstream 1, die Russland durch die Ostsee direkt mit Lubmin an der Ostsee verband, ist nach einem Anschlag 2022 zerstört. Durch die Pipelines Jamal und Transgas, die Sibirien über Belarus und Polen sowie Ukraine und Tschechien mit Deutschland verbinden, fließt praktisch nichts mehr. Rund ein Zehntel des deutschen Bedarfs kommt per Schiff nach Brunsbüttel, Mukran auf Rügen, Stade und Wilhelmshaven – Tendenz steigend.

    Wie sicher ist die Versorgung?

    Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sieht bisher – abgesehen von steigenden Preisen – wenig Probleme. Auch die Gas- und Ölwirtschaft hält die Versorgungslage für sicher. Sie ist auf jeden Fall anders als noch 2022, vor allem beim Gas. Bis dahin kam rund ein Drittel aus Russland. Plötzlich fehlte es, Deutschland stürzte in eine Krise. Seither hat Deutschland Flüssiggasterminals gebaut und die Zahl der Lieferländer erhöht. Ohne Norwegen geht allerdings nichts. Unklar ist, wie zum Beispiel die US-Regierung die LNG-Lieferungen nach Europa bewertet. Der amtierende Präsident setzt Wirtschaft gern als Drohmittel ein. Öl kommt aus vielen verschiedenen Ländern, keines ragt heraus. Aber nicht überall ist die Lage sicher. Libyen etwa hat zwei verfeindete Regierungen, im Hintergrund kontrolliert Milizenführer Chalil Haftar Förderung und Vertrieb, der schon älter als 80 Jahre ist. Um unabhängiger zu werden, könnte Deutschland versuchen, weniger Öl und Gas zu verbrauchen. Die aktuelle Bundesregierung zementiert die Abhängigkeit derzeit aber.

    Und die Sicherheit der Anlagen?

    Pipelines liegen in der Regel in der Erde oder im Meer. Wie die Sabotage der Nordstream-Pipeline zeigt, sind aber selbst in 80 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund verlegte Leitungen angreifbar. Das gilt auch für Hafenanlagen und die Transportschiffe selbst.

    Könnte sich die Bundesrepublik selbst versorgen?

    Die Ölreserven betrugen Anfang 2025 nach Zahlen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe gut 22,2 Millionen Tonnen. Selbst wenn alles davon förderbar wäre, reichte es nur für ein Vierteljahr. Beim Erdgas sieht es ähnlich aus. Die Reserven werden mit rund 34,7 Milliarden Kubikmeter angegeben, etwa 268 Terawattstunden.

  • Liebe versprechen und kassieren

    Sie heißen Josie, Vivienne oder James. Sie schreiben nette Nachrichten bei Instagram oder Facebook. Manchmal trudelt auch eine Mail mit einem Rosensymbol ein. Für die, die antworten, kann es teuer werden und peinlich. Denn was als harmloser Austausch beginnt, entpuppt sich oft als Betrugsmasche professioneller Banden, die nicht auf Liebe oder Freundschaft, sondern Geld aus sind. Und Deutschland ist besonders empfänglich für dieses kriminelle Geschäftsmodell, wie ein umfangreicher Bericht zu Betrug und Geldwäsche weltweit zeigt.

    Rund 431 Millionen Dollar (371 Millionen Euro) verloren Bundesbürger demnach im vergangenen Jahr an Gauner, die einsamen Menschen hierzulande digital schöne Augen machten. Das entspricht 86 Prozent der gesamten Schadenssumme in der EU durch sogenannten Liebes- und Vertrauensbetrug. Die Summe ist 28 Prozent höher als noch 2023, wie aus dem Global Financial Crime Report von Nasdaq Verafin hervorgeht. Das Unternehmen gehört zur US-Technologiebörse Nasdaq und hilft, Finanzverbrechen zu verhindern. Der Bericht erscheint alle zwei Jahre.

    „Unsere Daten zeigen, dass Deutschland sich zum führenden Hotspot der EU für Identitäts- und Vertrauensbetrügereien entwickelt hat, wobei diese Art von Betrug in alarmierendem Tempo zunimmt“, sagt Kamlesh Harry von Nasdaq Verafin. Weil die Banksicherheit immer robuster werde und die Systeme immer schwerer zu knacken seien, verlagerten Kriminelle ihren Fokus zunehmend. „Sie manipulieren Verbraucher dahingehend, ihr Geld eigenständig zu überweisen.“

    Die Betroffenen von Liebesbetrug zahlen freiwillig teils fünfstellige Summen, weil sie glaubten, der neuen Bekannten oder dem neuen Freund in einer Notsituation zu helfen, Flugtickets zu finanzieren oder den Wunsch, eine Firma zu gründen, zu unterstützen. Ist gezahlt, tauchen die ach so einfühlsamen Onlinebekanntschaften ab. Das Geld ist weg. Viele Opfer schämen sich. Und mancher kommt mit der Schmach nicht klar und tut sich etwas an.

    Beliebt ist auch, jemandem einen Lotteriegewinn zu versprechen, für dessen Überweisung nur eine Anzahlung nötig sei. Allein diese Art von Betrug summierte sich auf rund 1,38 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr, ein Plus von 23 Prozent im Vergleich zu 2023. Und dann sind da Klassiker wie der Enkeltrick, bei dem der Oma vorgegaukelt wird, sie müsse ganz schnell, die Enkelin aus einer Notsituation befreien und Geld überweisen. Der Schaden in Deutschland betrug allein rund 3,9 Milliarden Dollar, ein Zuwachs von 6,3 Prozent.

    Was nach viel Geld klingt, wirkt wenig angesichts der illegalen Summen, die durch das deutsche Finanzsystem geschleust werden. 189,76 Milliarden Dollar ermittelten die Experten, 21 Prozent mehr als 2023. Deutschland steht damit für 28 Prozent aller illegalen Finanzgeschäfte wie Geldwäsche, Drogenhandel und organisiertes Verbrechen in der EU (672,4 Milliarden Dollar). Weltweit beträgt der Wert rund 4,4 Billionen Dollar, 21 Prozent mehr als noch vor zwei Jahren.

    Dazu kamen rund um den Globus insgesamt 579,4 Milliarden Dollar Schäden durch verschiedene Betrugsmaschen wie Liebesbetrug, Enkeltrick oder Bankbetrug, ein Plus von neun Prozent. Insgesamt betrug der Schaden demnach fast fünf Billionen Dollar. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt betrug 2025 nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes umgerechnet 5,2 Milliarden Dollar.

    „Wir befinden uns derzeit inmitten einer ausgewachsenen Finanzkriminalitäts-Krise, die von kriminellen Netzwerken vorangetrieben wird“, sagt Stephanie Champion, Chefin von Nasdaq Verafin. „Diese nutzen Künstliche Intelligenz, um ihre Betrugsmethoden zu optimieren, und Handeln dabei wie große multinationale Unternehmen.“ Harry ergänzt: „Als eines der reichsten Länder Europas mit einem der wichtigsten Finanzplätze ist Deutschland ein besonders attraktives Ziel für organisierte kriminelle Gruppen.“

    Fortschritte in der KI ermöglichten es auch Betrügern aus Übersee, Sprachbarrieren zu überwinden und sehr überzeugende, personalisierte Betrugsmaschen gegen deutsche Opfer einzusetzen, sagt der Experte. „Betrugsfälle sind in der heutigen Zeit immer stärker automatisiert, lassen sich leicht skalieren und erscheinen häufig täuschend echt.“

    Erstellt hat die Studie Nasdaq Verafin gemeinsam mit dem US-Finanzdatenspezialisten Celent und der US-Beratungsfirma Oliver Wyman. Die Zahlen sind anhand von verfügbaren Daten geschätzt. Die wahren Werte können deutlich höher liegen. Eingeflossen sind unter anderem Informationen der europäischen Polizeibehörde Europol, der US-Bundespolizei FBI, dem Internationalen Währungsfonds, den US-Ministerien für Justiz- und Finanzen, den Vereinten Nationen und der Weltbank. Auch sind 505 Experten befragt worden, die sich bei Finanzinstituten damit beschäftigen, Betrügereien zu verhindern.

  • Fernwärme in meinem Haus?

    Für Fernwärme ist im Keller kein Öltank oder Gaskessel mehr nötig. Das schafft Platz. So viel ist klar. Aber rechnet sie sich auch? Florian Bublies ist Energieberater und Fachexperte für Heizungstechnik bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Dieser Zeitung gibt er die wichtigsten Tipps, was bei der Fernwärme zu beachten ist.

    Lohnt der Umbau im Heizungskeller?

    Gasheizung, Warmwasserbereiter, Schornstein – so ein Heizungskeller kann sehr voll gestellt sein. „Das reißt man alles raus“, sagt Bublies „wenn man sich für die Fernwärme entscheidet. Das kann ein Argument dafür sein.“

    Für die Fernwärme sei nur ein „vergleichsweise kleines Übergabegerät“ notwendig. 80 bis 130 Grad Celsius heißes Wasser werde aus einem mehr oder weniger weit entfernt liegenden großen Heizkraftwerk über aufwendig gedämmte Rohrleitungen, das Fernwärmenetz, ins Haus geleitet. So solle möglichst wenig Wärme auf dem Weg in die einzelnen Häuser verloren gehen.

    In der Übergabestation werde das im Haus zirkulierende Wasser zum Heizen oder zum Baden, Duschen, Kochen vom Fernwärmewasser erwärmt. Alte Heizkörper benötigten 60 Grad Celsius, moderne Anlagen etwa mit Fußbodenheizung in einem zudem gut gedämmten Haus deutlich weniger als 50 Grad Celsius. Das abgekühlte Fernwärmewasser fließe dann wieder zum großen zentralen Kraftwerk zurück.

    Die Fernwärme ist oft ein Nebenprodukt, das bei der Stromerzeugung etwa in Gaskraftwerken anfällt. Kraft-Wärme-Kopplung nennt sich das. Es kann auch die Abwärme sein, die bei der Müllverbrennung entsteht. Denkbar ist zum Beispiel auch der Einsatz von Geo- und Solarthermie oder Biomasse.

    Der Umbau im Heizungskeller, in einem Technikraum, seltener auf dem Dachspeicher koste dafür zwischen 5.000 und 15.000 Euro, rechnet Bublies vor. Darunter fielen auch die Entsorgung der alten Anlage und der Anschluss an das Fernwärmenetz auf dem eigenen Grundstück. Manche Stadtwerke und einzelne Kommunen förderten den Anschluss an das Fernwärmenetz auch mit Zuschüssen von etwa 500 bis 3.000 Euro.

    Nur zum Vergleich: Der Einbau einer Wärmepumpe liege, so der Energieexperte, bei etwa 40.000 Euro. Die Summe gehe, wenn man eine staatliche Förderung beantrage, Pi mal Daumen eventuell auf 20.000 Euro runter, bleibe aber immer noch kostspieliger. Für die Fernwärmestation sei auch kein Schornsteinfeger nötig, Wartung von Technik entfalle auch. Das spare zudem. Nur gebe es neben den Anschlusskosten ein „Aber“: Die Betriebskosten. Sie seien besonders hoch.

    Wie teuer wird das Heizen selbst?

    Die Preise für Fernwärme fielen je nach Anbieter, Region und Lage des Hauses zwar unterschiedlich aus, sagt Bublies. Im Schnitt lägen sie aber bei 17 bis 20 Cent pro Kilowattstunde. Bei Gas seien es vor dem Irankrieg 11 Cent, bei Öl 10 gewesen, am günstigsten sei da die Wärmepumpe: mit 8 – 10 Cent.

    Der Preis für die Fernwärme setze sich aus Arbeitspreis – mit ihm wird der tatsächliche Wärmeverbrauch abgerechnet – und Grundpreis zusammen. Letzterer mache etwa 25 Prozent aus. Darin steckten die Kosten, die der Versorger für den Ausbau, den Betrieb, die Instandhaltung des Leitungsnetzes zahlen müsse, auch für das Kraftwerk.

    „Es ist sehr teuer, die Rohre in der Erde zu verlegen“, erklärt der Energieberater, „sie müssen gut isoliert sein, sind entsprechend dick. Das ausgegebene Geld wollen die Stadtwerke, der Dienstleister, wer immer die Wärme anbietet, über den Grundpreis wieder reinholen.“ Anders gesagt: Man finanziert das Kraftwerk und die Wärmenetze anteilig mit

    Das bedeute, sagt Bublies: „Je mehr Nutzer an das Netz angeschlossen sind, um so mehr teilen sich die Fixkosten.“ Darum eigne sich die Fernwärme „vor allem in dicht besiedelten Gebieten, das können auch Neubaugebiete sein“. Und auf dem Land? Dort könne sich die Fernwärme lohnen, wenn die Wärme günstig etwa über die Verwertung von Holzhackschnitzeln oder Biogas lokal gewonnen werde, nicht zu viele Kilometer Rohr verlegt werden müssten.

    Welche Tücken lauern bei der Fern-Heizung?

    Um die Wärme müsse man sich nicht sorgen, in Küche, Bad, Wohnzimmer müsse sich für die Umstellung auf Fernwärme auch nichts ändern, erklärt Bublies: „Normale Heizkörper kommen damit gut zurecht.“ Noch gebe es die Fernwärme aber nur sehr selten. Aktuell würden nur 14 Prozent der gut 41 Millionen Haushalte in Deutschland mit ihr beheizt. Sie gelte aber als ein Baustein, um das Heizen auf erneuerbare Energien umzustellen, auch wenn die Fernwärme-Kraftwerke noch überwiegend mit fossilen Brennstoffen wie Kohle und Gas befeuert würden.

    So müssten Kommunen derzeit ihre kommunale Wärmeplanung erarbeiten. Bis spätestens Ende Juni 2026 sollen Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern diese vorlegen. Das schreibe das Wärmeplanungsgesetz vor. Kommunen mit weniger Einwohnern hätten noch bis Ende Juni 2028 Zeit. Vermutlich würden die Netze in den kommenden Jahren vor allem in Städten ausgebaut, „wo Wärmepumpen auch aus Platzgründen vielleicht nicht immer praktisch sind“, meint Bublies.

    Eines sei noch wichtig: „Es gibt vor Ort immer nur ein lokales Fernwärmenetz, Sie können sich den Lieferanten Ihrer Fernwärme nicht aussuchen und müssen sich oft für viele Jahre an ihn binden.“ Den Anbieter einfach so zu wechseln wie bei Gas und Strom, weil er einem zu teuer wird? „Geht nicht, jeder Fernwärmeanbieter ist ein lokaler Monopolist“, sagt Bublies.

  • Eine Frage der Abgaben

    Seit dem Angriff auf den Iran Ende Februar steigen die Spritpreise an deutschen Tankstellen. Im angrenzenden Ausland ist es teilweise billiger. Antworten auf die wichtigsten Fragen zu Ölpreis, Steuern und Tanktourismus.

    Woher bezieht Deutschland Rohöl, den Grundstoff für Benzin und Diesel?

    Im vergangenen Jahr führte Deutschland rund 75,7 Millionen Tonnen. 16,6 Prozent lieferte Norwegen, 16,4 Prozent kamen aus den USA. Libyen steuerte 13,8 Prozent bei, Kasachstan 13,7 Prozent. Auch aus Großbritannien kam viel Öl nach Deutschland. Größter Ölpartner im Nahen Osten war der Irak mit 4,2 Prozent.

    Warum trifft der Iran-Krieg Deutschland, wenn wir kaum Öl aus dem Nahen Osten beziehen?

    Für Rohöl gelten Weltmarktpreise. Sie steigen, weil der Iran versucht, die Straße von Hormus zu blockieren. Diese Meerenge müssen alle Tanker passieren, die Öl aus dem Irak und anderen ölreichen Ländern in Nahost transportieren. Das Angebot sinkt, während die Nachfrage steigt, weil viele Länder versuchen, Lieferausfälle auszugleichen und eventuell auf Vorrat zu kaufen. Und auch Benzin und Diesel werden auf dem Weltmarkt gehandelt. Steigen die Preise dort, trifft das Deutschland. Zum einen kann es für eine Raffinerie attraktiver sein, Benzin und Diesel ins Ausland zu verkaufen, als es im Inland abzusetzen – es sei denn, die Preise im Inland sind ähnlich hoch. Zum anderen importiert Deutschland gut zehn Prozent des hier verkauften Benzins und 30 Prozent des Diesels.

    Wie setzt sich der Spritpreis in Deutschland zusammen?

    Den Endpreis bestimmen vor allem Steuern und Abgaben. Der Wirtschaftsverband Fuels und Energie, der die Mineralölwirtschaft vertritt, gibt an, dass bei einem Endpreis von 193,7 Cent für einen Liter Super E10 nur 56,72 Cent für den Sprit sind. 93,05 Cent machen Energiesteuer, Treibhausgasminderungsquote und CO2-Preis aus. Transport, Lagerung und Gewinn von Tankstellen und Mineralölfirmen belaufen sich auf 12,7 Cent. Auf alles wird die Mehrwertsteuer von 19 Prozent fällig.

    Warum sind die Spritpreise in anderen EU-Ländern zum Teil niedriger als in Deutschland?

    Steuern und Abgaben sind in Deutschland höher als in vielen anderen Ländern der EU. Günstiger war Benzin und Diesel deshalb in den vergangenen Jahren bei den Nachbarn in Frankreich, Österreich, Polen und Tschechien. Deutlich teurer als in der Bundesrepublik ist der Sprit in den Niederlanden. Ein Sonderfall ist die Schweiz. Kurzfristig war der Sprit plötzlich billiger als in Deutschland und lud zu Tanktourismus. Inzwischen steigen die Preise. Der Importverband Avenergy Suisse erwartet ein weiter kräftiges Plus.

    Warum sind die Spritpreise in Deutschland so schnell gestiegen?

    Die Mineralölkonzerne kalkulieren mit Wiederbeschaffungspreisen, wie es beim Wirtschaftsverband Fuels und Energie heißt. Und weil die Weltmarktpreise sowohl für Rohöl als auch für Benzin und Diesel stiegen, stiegen auch die Preise an der Zapfsäule – unabhängig davon, für wie viel Geld der Sprit eingekauft wurde. Ob der ein oder andere Konzern auf Kosten der Autofahrer verdienen will? Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) spricht von Preistreiberei und, „dass die aktuelle geopolitische Situation ausgenutzt wird, um die eigenen Gewinne nach oben zu schrauben.“ Belege hat er nicht. Das Bundeskartellamt beobachtet die Unternehmen, konnte aber schon in der Vergangenheit kein widriges Verhalten feststellen. Aber: Tendenziell steigen die Preise schneller, als sie sinken.

    Warum steigen die Preise in Deutschland schneller als in anderen Ländern?

    Ein Sprecher des Wirtschaftsverbands Fuels und Energie nennt mehrere Gründe. „So haben wir vergleichsweise hohe Steuern auf Diesel und Benzin, und zusammen mit der Mehrwertsteuer führt das zu stärkeren Preisanstiegen selbst dann, wenn die Einkaufspreise für Benzin und Diesel überall gleich gestiegen sind.“ Dann würden zwei Raffinerien in Deutschland gerade gewartet, was das Angebot drücke. „Schließlich unterliegen die meisten Nachbarländer Preiskontrollen oder Preisbremsen, darunter Frankreich, Belgien, Luxemburg, Österreich und Polen.“ Das verhindert, dass die Preise drastisch steigen, aber wohl nur begrenzte Zeit. Dauerhafte Verluste werden die Mineralölunternehmen nicht hinnehmen, schließlich müssen auch Polen und Franzosen am Weltmarkt kaufen. Und ob der Staat den Sprit lange subventionieren kann und will, ist unklar.

    Lohnt es sich, zum Tanken ins Nachbarland zu fahren?

    Das kommt darauf an, wie nah die Grenze ist. Der ADAC rät davon ab, längere Strecken zu fahren, um günstig vollzutanken. Der Spritverbrauch für An- und Abfahrt kann höher sein als die Ersparnis durch niedrigere Preise. Ganz abgesehen von der Zeit, die für die Tanktour verloren geht. Zudem kontrolliert gerade der Zoll verstärkt an den Grenzen, damit niemand im großen Umfang Benzin oder Diesel einführt. Erlaubt sind eine Tankfüllung und ein 20-Liter-Reservekanister.

  • Die Rückkehr des Ersatzkaffees

    Erstmal eine Tasse Kaffee! Sie gehört für viele zum Tag dazu. Im Schnitt trinkt jede und jeder in Deutschland 163 Liter Kaffee im Jahr. Das rechnet der Deutsche Kaffeeverband vor. Kaffee ist das Lieblingsgetränk der Deutschen, liegt noch vor Mineralwasser und Bier. Nur: Der Preis für Kaffeebohnen kennt derzeit kaum eine andere Richtung als nach oben. Tchibo, größter Kaffeeröster Deutschlands, steigt nun in das Geschäft mit Lupinen ein, andere ersetzen die Bohnen durch Getreide oder Zichorie. Was steckt dahinter?

    Die Ware ist heiß begehrt, aber kostspielig: Der Import von nicht gerösteten Kaffeebohnen verteuerte sich von 2021 bis 2025 laut dem Statistischen Bundesamt um knapp 150 Prozent. Längst macht sich das im Supermarktregal bemerkbar.

    Die Verbraucherzentrale Hamburg zum Beispiel listet derzeit „Jacobs Espresso Sticks“ als „Mogelpackung“. Als Kunden die Packungen der Sorten Crema und Espresso im Januar 2026 bei einem Rossmann-Drogeriemarkt kauften, enthielten diese statt zuvor 25 Sticks nur noch 20. Der Preis aber war derselbe: 2,29 Euro. Das entspricht einem Preisanstieg von 25 Prozent.

    Den hatte Hersteller Jacobs Douwe Egberts DE GmbH im November 2025 erklärt mit den „erheblich“ höheren Rohkaffeepreisen, die „vor allem auf die extremen Witterungsbedingungen in den wichtigsten Kaffeeanbauländern zurückzuführen“ seien – und schlechtere Ernten.

    In den Top-5-Kaffeeanbauländern – Brasilien, Vietnam, Kolumbien, Äthiopien und Indonesien – treten nach einer neuen Analyse der gemeinnützigen US-Organisation Climate Central zum Beispiel öfter Tage mit mehr als 30 °C auf. Das schadet besonders Arabica-Kaffeepflanzen. Neben Robusta ist Arabica die am häufigsten genutzte Art.

    Mit Kaffee wird wie mit vielen anderen Rohstoffen spekuliert. Preisschwankungen gehören darum immer dazu. Doch die Bohnen legen per Schiff einen weiten Weg zurück, und Treibstoff wird teurer. Zugleich steigt die Nachfrage, wird etwa in Asien das Kaffeetrinken beliebter. Das alles treibt die Preise derzeit besonders. Der Klimawandel verschärft diese Lage nun noch. Auch Tchibo verlangt seit Mitte Februar mehr Geld für seine Klassiker, 500 Gramm „Feine Milde“ kosten zum Beispiel statt 8,99 Euro nun 9,99 Euro.

    Kaffeebohnen sind noch keine Mangelware, an ihrem Ersatz wird aber längst gedacht. Ganz neu ist das alles nicht. Berühmt: der Caro-Kaffee. Er kam 1954 in Deutschland auf den Markt als lösliches Kaffee-Ersatzgetränk aus Gerste, Roggen, der Wurzel der Zichorie, auch Wegwarte genannt. In der Nachkriegszeit gab es nur wenig klassischen Kaffee. Das Alternativ-Produkt, auch gern als Muckefuck oder Malzkaffee bezeichnet, kam gerade recht. Körner zu einem Getränk aufzubrühen, das hatten aber auch schon die alten Ägypter gemacht.

    Heute erlebt der Ersatz-Kaffee ein Comeback – aus Zutaten, die sich hierzulande anbauen lassen. Darunter Getreide wie Gerste, Roggen oder auch Dinkel. Auch Zichorie, Löwenzahn oder Lupine werden genutzt. Immer gilt: Die klassischen Bohnen sind raus und damit ist es auch ihr Koffein.

    Woher der Trend kommt: unklar. Koffein-Verzicht, um etwa den Magen zu schonen, mag eine Rolle spielen. Tchibo hingegen will den genau nicht, sondern ganz das Gegenteil: Das Hamburger Traditionsunternehmen will den Kaffee mit Koffein retten.

    Monika Heyn ist dort Produktentwicklerin. Sie sagt: „Es gibt Berichte, nach denen könnten sich die für den Kaffeeanbau bisher geeigneten Fläche wegen des Klimawandels möglicherweise halbieren.“ Darum suchten sie nach Alternativen, „nach einer neuen Richtung für den Kaffeegenuss der Zukunft“, hätten etwa zwei Jahre getüftelt, dabei die Lupine entdeckt.

    Diese könne die klassische Bohne aber nicht zu 100 Prozent ersetzen. Für den Kaffeegeschmack sei deren Koffein entscheidend. So mische Tchibo nun die klassischen Bohnen mit Samen der Süßlupine, die sie aus Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern beziehen. Diese ließen sich ähnlich wie Kaffee rösten, schmeckten leicht süßlich und hätten nussige Noten.

    Die genaue Zusammensetzung: 51 % Süßlupinen und 49 % Robusta-Bohnen. Im Vergleich zu Arabica enthalte Robusta mehr Koffein, am Ende sei der Koffeingehalt „nur etwas geringer“ als bei gewöhnlichem Kaffee, meint Heyn. Der Preis für die 250-Gramm-Packung „Kaffee & Lupine“ gemahlen: 3,99 Euro.

    „Wer auf Erdnüsse allergisch ist, sollte bei Kaffee mit Lupinen allerdings vorsichtig sein, dann reagiert man womöglich auch auf sie“, sagt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. „Ansonsten ist das“, beobachtet er, „eine Entwicklung wie beim Kakao.“

    Auch die Preise für Kakao stiegen weltweit wegen sinkender Ernten. Darum werde längst mit Schokolade ohne Kakao experimentiert. Rewe setze als erster großer deutscher Lebensmitteleinzelhändler in einigen Produkten seiner Eigenmarken diese bereits ein: Choviva, hauptsächlich bestehend aus gemahlenen Sonnenblumenkernen, pflanzlichem Fett, Zucker.

    „Gegen solche Alternativprodukte spricht nichts, wenn vorne auf der Verpackung klar und deutlich steht, was drin ist“, sagt der Verbraucherschützer. Trotz geringerer Rohstoffkosten seien die Ersatzprodukte meist nicht günstiger, zumal die Mengen noch klein seien, es auch an Konkurrenz fehle. „Außerdem“, so Valet, „wollen Hersteller und Händler das Preisniveau ihrer Produkte aus eigenem Interesse heraus hoch halten.“ Die Tasse Kaffee wird dem Mensch wohl teuer bleiben.

  • Preiskampf im Frischeregal

    Warum kostet ein Kilo Bananen aus Kolumbien im Supermarkt mehr als ein Kilo Äpfel aus Deutschland? Die krummen Früchte aus Lateinamerika sind je nach Region und Supermarktkette schon für unter einem Euro zu haben, für das heimische Obst wird oft das Doppelte oder mehr verlangt. Doch die Transportkosten bestimmen nur einen Teil des Preises, anderes schlägt stärker durch, vor allem bei der Banane.

    Sie ist das beliebteste Obst der Deutschen. Im Schnitt aß jede und jeder 2025 nach Zahlen des Fruchthandelsverbands 9,5 Kilogramm Bananen und 8,3 Kilogramm Äpfel. Nicht eingerechnet sind die Obstmengen, die in Deutschlands Kantinen, Restaurants und Imbissbuden verzehrt wurden.

    Der Preis der Banane hat zunächst einmal mit dem Obst an sich zu tun. „Weltweit gibt es über 400 Bananensorten, von denen nur wenige essbar sind. Die bei uns gehandelte große Obstbanane ist praktisch immer von der Sorte Cavendish“, sagt Andreas Brügger, Geschäftsführer des Deutschen Fruchthandelsverbands. „Weil alle das gleiche Produkt verkaufen, ist die Konkurrenz sehr groß.“ Und wo viele um die Gunst der Käufer wetteifern, sind die Preise niedriger.

    Auch der Anbau der Bananen wirkt sich auf den Preis aus. „Bananen wachsen vor allem in feuchtwarmen tropischen Gebieten. Sie lassen sich das ganze Jahr über ernten“, sagt Brügger. Das Obst wächst in großen Plantagen und ist in der Regel auf Ertrag und einfaches Ernten ausgerichtet. Hinzu kommt: „Die Arbeits- und Logistikkosten in den Anbaugebieten sind im Vergleich zu Deutschland niedrig.“

    Dann hat der Preis mit der Menge zu tun. Bananen werden international auf deutlich größeren Flächen angebaut als heimisches Kernobst, heißt es beim Discounter Lidl, das ermögliche entsprechende Skaleneffekte in der Logistik. Sehr vereinfacht: Wer sich spezialisiert, spart Geld. Und wer viel Frachtplatz bucht, erhält hohe Rabatte.

    Dazu kommt: „Deutschland ist nach den USA der zweitgrößte Importmarkt und deswegen sehr interessant“, sagt Brügger. Entsprechend hoch sei der Wettbewerb. Im vergangenen Jahr importierte Deutschland nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes 1,43 Millionen Tonnen des Obstes, gut sechs Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

    Die meisten Bananen in Deutschlands Supermärkten kommen aus Kolumbien und Ecuador. Beide Länder zusammen lieferten im vergangenen Jahr etwas mehr als zwei Drittel aller Bananen, die hierzulande verkauft wurden, wie das Statistische Bundesamt ermittelte. Auf Platz 3 folgt Costa Rica mit rund zwölf Prozent. „Sie werden unreif und grün bei möglichst konstanter Temperatur von 13,5 Grad nach Europa geschifft“, erklärt der Fruchtverbandschef. Die Temperatur ist wichtig, sonst reifen die Bananen zu früh.

    Die Container mit Bananen landen in Hamburg und Bremerhaven sowie Rotterdam in den Niederlanden und Antwerpen in Belgien an. In Deutschland reifen sie dann in besonderen Hallen, die über das Land verteilt sind, unter kontrollierter Temperatur und Luftfeuchtigkeit, bevor sie in die Supermarktregale kommen.

    Standardisierter Anbau, große Mengen, viel Wettbewerb erklärt günstige Bananenpreise, aber nicht unbedingt, warum sie niedriger als die für Äpfel sind, die in Deutschland wachsen. Für Brügger vom Fruchthandelsverband ist klar: „Äpfel haben einen Standortvorteil, sie müssen nicht weit transportiert werden.“ Aber: „In der Produktion entstehen hohe Arbeits- und Maschinenkosten, die teurer sind als zum Beispiel in Lateinamerika, wo Bananen wachsen.“ Vor allem die Handarbeit in der Apfelplantage kostet. Und das Obst kann nur einmal im Jahr geerntet werden.

    Damit es Äpfel vom Bodensee, aus Sachsen oder dem Alten Land auch in Monaten gibt, in denen Obst hierzulande nicht wächst, müssen sie aufbewahrt werden. Da ist von Vorteil, dass sie nicht allzu empfindlich sind. „Äpfel lassen sich anders als Bananen sehr gut lagern“, sagt Brügger. „Allerdings benötigt die Kühllagerung unter kontrollierter Atmosphäre ganzjährig viel Energie und stellt somit eine hohe Kostenposition dar.“ So ersetzt etwa Stickstoff den Sauerstoff, damit das Obst nicht fault.

    Und dann sind da noch die Händler. Denn Bananen sind für viele Supermärkte ein Ankerprodukt und damit ähnlich wichtig wie Butter oder Kaffee. Verbraucher, so die Theorie, bewerten anhand der Preise solcher Ankerprodukte, wie teuer ein Supermarkt ist. Und wechseln womöglich zur Konkurrenz. Entsprechend kann es sein, dass Händler an Bananen nichts verdient, nur um sie möglichst günstig anzubieten.

    Wegen des harten Wettbewerbs halten sich die Supermarktketten auch mit Informationen bedeckt. Aldi-Süd zum Beispiel, das einen eigenen Importeur besitzt, äußert sich grundsätzlich nicht dazu, wie die Preise gestaltet werden. Bei Lidl ist es ebenso. Die Konkurrenz könnte Schlüsse ziehen und einen Vorteil gewinnen. Andere Konzerne wie Edeka schweigen sich aus.

    Gerade die hohen Lohn- und Energiekosten verteuern die Äpfel also im Vergleich zu Bananen, die auch hohem Wettbewerb unterliegen und industriell angebaut werden. Die Transportkosten fallen nicht so sehr ins Gewicht. Dennoch sind Äpfel und Bananen in den vergangenen Jahren teurer geworden, wie das Statistische Bundesamt errechnet hat. Äpfel kosten jetzt rund 17 Prozent mehr als 2020, Bananen 20 Prozent.

  • Radikaler Frühjahrsputz bei der Schufa

    Es ist der radikalste Einschnitt in der Geschichte der Schufa. Deutschlands wichtigste Auskunftei räumt radikal auf und bietet künftig nur noch einen zentralen sogenannten Score an. Gleichzeitig legt sie erstmals offen, wie er sich zusammensetzt. Vom 17. März an kann jeder und jede einsehen, wie die Schufa die persönliche Kreditwürdigkeit bewertet.

    Was ist der Schufa-Score?

    Der Schufa-Score ist eine Zahl. Sie gibt wieder, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand einen Kredit bedienen oder eine Rechnung bezahlen kann. Berechnet wird sie nach einer Formel, in die verschiedene Kriterien wie Zahl der Ratenkredite einfließen. Banken zum Beispiel fragen ihn ab, um besser einschätzen zu können, ob sie Kredite vergeben können. Mobilfunkunternehmen nutzen die Zahl, wenn sie einen neuen Vertrag abschließen.

    Warum ist der Score der Schufa wichtig?

    Die Schufa ist die größte Auskunftei dieser Art in Deutschland. Sie hat Informationen von 6,4 Millionen Firmen und rund 68 Millionen Bundesbürgern gesammelt. Täglich erreichen die Schufa rund 340.000 Anfragen von Firmen, die einschätzen wollen, ob sie Geschäft mit einer Kundin oder einem Kunden machen wollen.

    Was macht die Schufa jetzt?

    In der Vergangenheit hatte die Schufa viel Ärger. Verbraucherschützer bemängelten, wie undurchsichtig das Unternehmen war. Es gab zahlreiche Gerichtsverfahren. Die Auskunftei ermittelte verschiedene Scores für verschiedene Firmenkunden. Der wichtigste war der Banken-Score. Einsehen konnten die Verbraucher zuletzt einen sogenannten Basis-Score, der auf dem für die Banken aufbaut, aber tatsächlich extra berechnet wurde. Jetzt räumt die Auskunftei auf. Künftig gibt es einen zentralen Score, den auch die Verbraucher kostenlos abrufen können. Er ersetzt die sechs wichtigsten Branchen-Scores und den Basis-Score. Alles soll einfacher und klarer werden.

    Wie sieht der neue Score aus?

    Der neue Score hat maximal 999 Punkte. Ein Score von 868 bedeutet, dass jemand sehr kreditwürdig ist. Ein hervorragender Wert. Ein Score von 350 gilt als ausreichend. Der niedrigste mögliche Wert ist 100. Grundsätzlich gibt es keinen Score – anders als bisher –, wenn jemand aktuell einen Kredit nicht mehr bedienen kann oder Rechnungen nicht beglichen hat – eine sogenannte Zahlungsstörung. Den Topwert erreichen 0,03 Prozent der Bundesbürger, rund 62 Prozent haben einen hervorragenden Score, 20 Prozent einen guten.

    Wie wird der neue Score berechnet?

    Künftig richtet sich der Score nach zwölf Kriterien, die die Schufa-Statistiker als besonders aussagekräftig ermittelt haben. Für jedes gewährt die Schufa Punkte. Die Summe der Punkte ergibt den Score.

    – Zahlungsstörungen: Dieses Kriterium hat das größte Gewicht. Wer einmal nicht zahlen konnte, wird es wahrscheinlich auch wieder nicht können, wie die Statistiker ermittelt haben. Je länger die Zahlungsstörung zurückliegt, desto geringer die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls und desto mehr Punkte gibt es. Ohne Zahlungsstörungen jetzt oder in den vergangenen drei Jahren sind 264 Punkte möglich. Drei Jahre deshalb, weil die Schufa nach dieser Frist die Daten löschen muss.

    – Anzahl der Anfragen und Abschlüsse für Girokonten und Kreditkarten in den vergangenen zwölf Monaten: Wenn jemand sich bei mehreren Banken oder Sparkassen über die Konditionen für Girokonten oder Kreditkarten informiert, kann es sein, dass diese Banken bei der Schufa anfragen, wie kreditwürdig die Person ist. Aus der Vergangenheit weiß die Schufa, dass viele Anfragen auf finanzielle Schwierigkeiten hindeuten. Allerdings informieren sich Verbraucher heutzutage mehr über Angebote, bevor sie eines abschließen, was das Kriterium ungenauer macht. Die Schufa wertet jetzt mehrere Abfragen und einen Vertragsabschluss binnen 28 Tagen als einen Vorgang. Maximal 117 Punkte

    – Anzahl der Anfragen außerhalb des Bankenbereichs in den vergangenen zwölf Monaten: Hier sieht es ähnlich aus wie bei den Bankanfragen. Maximal 99 Punkte

    – Alter der aktuellen Adresse: Wer lange an einem Ort wohnt, ist statistisch gesehen kreditwürdiger. Maximal 94 Punkte

    – Alter der ältesten Kreditkarte: Wer mit einer solchen Karte zum Beispiel ein Hotelzimmer bezahlt, bekommt von der Bank einen Kredit in Höhe des Zimmerpreises gewährt. Kunde oder Kundin gleichen die Summe meist einmal im Monat aus. Je länger jemand eine solche Karte problemlos nutzt, desto besser ist die Kreditwürdigkeit. Maximal 81 Punkte

    – Alter des ältesten Bankvertrags: Wer lange bei derselben Bank ist, neigt statistisch gesehen dazu, seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Maximal 69 Punkte

    – Zahl der neuen Ratenkredite in den vergangenen zwölf Monaten: Je mehr (auch kleine) Kredite jemand bedienen muss, desto größter ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Person mit Zahlungen in Verzug gerät. Maximal 66 Punkte

    – Kredit mit der längsten Restlaufzeit: Je länger ein bestehender Kredit noch bedient werden muss, desto größer eher könnte ein weiterer Kredit zusätzlich belasten. Maximal 61 Punkte

    – Immobilienkredit: Wer Haus oder Wohnung besitzt und einen Immobilienkredit abzahlt, geht besonders gut mit seinem Geld um. Das zeigt zumindest die Erfahrung. Maximal 55 Punkte

    – Identität überprüft: Maximal 38 Punkte

    – Jüngster Rahmenkredit: Ein Rahmenkredit ähnelt einem Überziehungskredit (Dispo). Die Bank gewährt bis zu einer fest vereinbarten Summe Kredit. Das ist meist günstiger als ein Dispo, setzt aber eine hohe Bonität voraus. Je länger ein solcher Rahmenkredit besteht, desto mehr Punkte gibt es. Maximal 36 Punkte

    – Kreditstatus: Hier wird berücksichtigt, ob es offene oder abbezahlte Kredite gibt. Die meisten Punkte gibt es für erledigte Kredite. Schließlich hat der Kunde oder die Kundin bereits bewiesen, den Verpflichtungen nachkommen zu können. Maximal 19 Punkte

    Wie kommt die Schufa auf die Punktwerte?

    Die Auskunftei kann aus den Daten der Vergangenheit sehen, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand zum Beispiel mit vier Ratenkrediten einen davon nicht bedienen kann. Danach richtet sich die Höhe der Punkte innerhalb des Kriteriums. Nicht jedes Kriterium ist gleich wichtig. Alles rund um Zahlungsstörungen zum Beispiel ist deutlich wichtiger als zum Beispiel die Tatsache, dass bereits Kredite getilgt wurden. Entsprechend mehr Punkte gibt es, wenn keine Zahlungsstörung vorliegt (264), als für abbezahlte Kredite (19).

    Wie kann ich den Score einsehen?

    Um einzusehen, welche Daten die Schufa von mir gespeichert hat und welchen Score ich habe, brauche ich ein Konto bei der Schufa. Dafür muss ich mich einmalig online registrieren. Das geht mit der E-ID des Personalausweises sofort. Oder ich fordere eine besondere Pin an, die per Post geschickt wird. Zugang zum Konto geben dann E-Mail und ein selbst gewähltes Passwort. Die Webseite zeigt meinen persönlichen Score an, wie er sich genau zusammensetzt und wie ich im Verhältnis zum Rest der Republik dastehe.

    Ab wann gilt der neue Score?

    Die Schufa führt den neuen Score am Dienstag, 17. März, ein. Von da an ist auch das neue Schufa-Konto erreichbar. Getestet wird der Score bereits seit einem guten halben Jahr mit wichtigen Firmenkunden.

    Wer ist die Schufa?

    Die Schufa wurde 1927 als Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung gegründet. Sie gehört zu jeweils mehr als einem Viertel den Genossenschaftsbanken und den Sparkassen. Den Rest halten vor allem Geschäftsbanken. Das Wiesbadener Unternehmen beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter und setzte 2024 rund 289,8 Millionen Euro um.

  • 90 Gramm Pfeffer für 15,95 Euro

    Der Preis für den Pfeffer ist gesalzen. Zwar nicht immer, das 50-Gramm-Glas gemahlener schwarzer Pfeffer gibt es im Discounter schon für 85 Cent, der Kilopreis beträgt damit 17 Euro. Aber es geht auch anders – teurer: Zum Beispiel lässt sich im Internet ein edler schwarzer Karton, Schrift gold und weiß, mit drei 30 Gramm-Tütchen Kampot-Pfeffer für 15,95 Euro kaufen. Der Kilopreis liegt damit bei satten 177 Euro. Wie bitte? Eine Erkundung.

    Um Pfeffer wurden einst Kriege geführt. Im Mittelalter wurde er wie Edelmetall gehandelt, ließen sich Pacht und Schulden mit ihm zahlen. Erhalten hat sich aus der Zeit der Spottname Pfeffersack für den schnell reich gewordenen Kaufmann. Heutzutage fehlt er in kaum einer Küche.

    Er ist allgegenwärtig, kein Gewürz beliebter. Und lange Zeit wurde darum wenig Aufsehen gemacht: Auf der Theke im Imbiss steht Pfeffer im schmucklosen Streuer mit gelöchertem Blechdeckel, in den Regalen der Supermärkte und Discounter in überschaubarer Auswahl, schwarz, weiß, gemahlen oder in ganzen Körnern. Vorbei. Plötzlich geht es um intensiven Geschmack.

    Es begann mit Sterneköchen, die wie sonst nur bei Wein üblich über „fruchtig-würzige“ Aromen des Pfeffers redeten oder sein „Terroir“, die Umgebung, wo er wächst. Heute gibt es Verkostungen, Geschenksets für Normalköche und besondere Sorten, indischen Tellicherry-Pfeffer oder eben Kampot-Pfeffer. Dessen Preis gehe „up, up, up“, sagt Son Noun. Hoch, hoch, hoch. Noun führt über eine Pfefferfarm in Kampot, südliches Kambodscha.

    18 Flug- und zweieinhalb Autostunden von Deutschland entfernt, am Ende lehmig rote Wege. Der mineralhaltige Boden, das sehr feuchte warme Klima nahe der Küste am Golf von Thailand – alles sei „ideal“, sagt Noun, hinter ihm Pfeffersträucher, die sich in Reihe um etwa drei Meter hohe schmale Holzstämme ranken, immer Richtung Sonne. Grasgrüne Beeren hängen in Rispen herunter, wie Johannisbeeren. Die Pflanzen, lateinisch: Piper nigrum, lieferten die vier verschiedene Pfeffersorten: grüne, schwarze, weiße und rote. Alle kommen von der gleichen Pflanzenart, nicht von verschiedenen Gewächsen?

    „Nein, die Pfefferbeeren haben nur unterschiedliche Reifegrade“, sagt Noun. Schwarz seien unreif geerntete Beeren, die mehrere Wochen in der Sonne getrocknet und dabei schwarz werden. Sie seien besonders scharf, kräftig, etwas Minze, gut etwa zu Steak, denn sie enthielten besonders viel Piperin. Das ist der Stoff, der den Geschmack von Pfeffer ausmacht.

    Der grüne Pfeffer habe davon weniger, schmecke milder. Noun pflückt ein Exemplar, bietet es zum Essen an: Zitrusnote, gar nicht scharf. Damit das Grün sich hält, wird dieser Pfeffer nach der Ernte oft in Meersalz eingelegt, die Körner werden weicher.

    Weiß sei reifer Pfeffer. Die gelb-orangenen Beeren würden 48 Stunden in Wasser eingeweicht, das löse Schale und Fruchtfleisch vom Kern, der noch in der Sonne gebleicht werde. Sein Aroma erinnere an frisches Gras, Limetten, passe zu Fisch oder Salaten.

    Am kostbarsten sei der rote Pfeffer. Es ist der Pfeffer, der am längsten am Strauch bleibt. Der sei ähnlich scharf, aber süßlich-fruchtiger als schwarzer Pfeffer. In der längeren Reifezeit lagert sich mehr Zucker an. Die Spätlese birgt Risiken: Spielt das Wetter mit? Kommen gefräßige Insekten? Farmer müssen den genauen Zeitpunkt erwischen, können oft nur wenige rote Beeren pflücken. Das macht den roten Pfeffer – den viele zu Lamm, aber auch zu Schokolade und Desserts schätzen – besonders teuer.

    Die Farbenlehre ist allerorten gleich. Pfeffer, der ursprünglich aus Indien stammt, wird in vielen tropischen Regionen angebaut. Kampot-Pfeffer ist allerdings wie Schwarzwälder Schinken oder Lübecker Marzipan eine von der EU geschützte geographische Angabe. Der Name wird damit zum Gütesiegel. Der Anbau des Pfeffers hat eine lange Tradition.

    Bauern kehrten zu ihr aber erst in den 90er Jahren zurück. Das war viele Jahre nach dem Sturz der Roten Khmer, der Terrorgruppe, die 1975 die Macht in Kambodscha übernommen und die Bevölkerung gezwungen hatte, sich ausschließlich dem Reisanbau zu widmen. Ihre Schreckensherrschaft, die Millionen Kambodschanern das Leben kostete, dauerte vier Jahre.

    Die Qualität des Pfeffers: besonders, Regeln für den Anbau sind von der Kampot Pepper Association festgelegt. In ihr haben sich Farmer der Region organisiert. Alles öko, chemische Dünger und Pestizide sind tabu. Alles Handarbeit. Das zeigt sich, als Noun die Farm zeigt, die von einer schottisch-kambodschanischen Familie betrieben wird, Botree heißt und klein ist wie die meisten Farmen in der Region, 20 Beschäftige, drei Hektar mit Pfeffer.

    Die Ernte solle in wenigen Tagen starten. Sie ist immer zwischen März und Mai. Alle Pfefferbeeren würden dann von Hand gepflückt und getrennt nach: grün, reif, überreif. In großen Wannen würden sie zunächst gewaschen, später im heißen Wasserbad von Keimen befreit, dann mehrere Tage in der Sonne getrocknet, dafür immer wieder gewendet.

    Dann suchten Frauen, bekleidet mit Haarnetz, Masken, Op-Handschuhen, die Körner aus, die verpackt würden. Zu kleine, zu leichte, zu graue Körner flögen raus. Es ist eine Arbeit mit Pinzette. Beim schwarzen Pfeffer zum Beispiel fallen laut Noun meist 30 Prozent weg – mehr als bei manchen Handelsqualitäten, die einen bestimmten Anteil dieser sogenannten Pinheads, der verkümmerten Körner, enthalten dürften. Es gibt viel zu tun – und es st nicht alles.

    Dazu kommt zum Beispiel Mist: Sie nährten die Pfefferpflanzen neben Kuhdung auch mit Fledermausguano, so Noun, sammelten den Kot der Flugkünstler unter den Bäumen ein, an denen sie hängen, vermengten alles mit Gras, Blättern, anderem. Reisfeldkrabben und Fischköpfe eigneten sich auch. Mit exotischen Früchten wie Mango lasse sich leichter Geld verdienen, sie trügen auch mehrmals im Jahr, meint Noun: „Viele Pfefferfarmer geben auf.“

    Die produzierte Menge an Kampot-Pfeffer war schon immer überschaubar, nun sinkt sie auch noch: Im Jahr 2024 waren es etwa 66 Tonnen. Das ist mehr als noch vor zehn Jahren, aber weniger als 2021 mit 140 Tonnen. Noun sagt, Lachen im schmalen Gesicht: „Ich berate gerne, wenn Sie eine Pfefferfarm aufmachen wollen.“

    Der Münchener Christian Ziegler, eigentlich IT-Experte, ist vor wenigen Wochen tatsächlich in das Geschäft eingestiegen, nicht als Farmer. Er vertreibt den Pfeffer der Botree-Farm online, darunter die drei 30 Gramm-Tütchen. Aber wer zahlt dafür 15,95 Euro? „Privatleute“, sagt er.

    Der Hype nimmt zu, das Angebot ab. Das hat seinen Preis. Er geht „up, up, up“.

    Infokasten: Der Pfefferpreis

    Das Problem: Der Klimawandel führe zu Ernteausfällen, Handelswege seien unsicherer geworden, warnte der Fachverband der Gewürzindustrie unlängst. Das könne Pfeffer grundsätzlich verteuern.
    Die Zahlen: Noch 2020 importierte Deutschland insgesamt fast 30.000 Tonnen ganzer Pfefferkörner für 75 Millionen Euro, 2024 waren es knapp 24.000 Tonnen ganzer Pfefferkörner für 129 Millionen. Der Preis hat sich damit mehr als verdoppelt. Mehr als die Hälfte der Importe kommt aus Vietnam. Darüber hinaus wird auch noch gemahlener Pfeffer eingeführt, das Gros ist das aber nicht.
    Der Tipp: In ganzen Pfefferkörnern bleibt das Aroma besser enthalten. Darum lohnt es, Pfeffer erst kurz vor dem Würzen zu mahlen. Der Geschmack ist dann intensiver.

  • Damit das E-Bike nicht schlapp macht

    Das ist keine schöne Erfahrung: Eine Radtour mit dem E-Bike, ein- oder zweimal falsch abgebogen, die Strecke wird länger als angenommen, der Akku leert sich bedenklich. Aber es kommt eine Gastwirtschaft, eine Ladestation vor der Tür. Glück gehabt? Von wegen, das eigene Ladekabel passt nicht in die Steckdose. Das müsse anders werden, sagt Umwelt- und Verkehrsexperte Axel Friedrich dieser Zeitung und fordert: „Ein einheitlicher Standard für die Ladesysteme muss endlich Pflicht werden.“ Er hat Verbündete – und Gegner.

    An der Seite von Friedrich, einst Abteilungsleiter für die Bereiche Verkehr und Lärm im Umweltbundesamt, heute unterwegs als Berater für Regierungen und Verbände wie die Deutsche Umwelthilfe steht in diesem Fall etwa der ADAC: Nach Ansicht des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs sollte für „Akkus von Leicht-Elektrofahrzeugen wie Pedelecs, E-Bikes oder E-Scootern eine Vereinheitlichung der Ladestecker gesetzlich vorgeschrieben werden.“ Auch der ADFC, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club, macht sich für eine Regulierung stark.

    Mehr als jedes zweite Fahrrad, das in Deutschland verkauft wird, ist ein E-Bike, auch wenn sie meist deutlich teurer sind als klassische Räder. Die Ladegeräte, Kabel und Stecker der Akkus können je nach Marke, Modell und Generation des Rads variieren. „Firmen wie Bosch oder Shimano entwickeln immer neue Ladegeräte, auf dem Markt sind hunderte“, erklärt Friedrich, „das ist so ärgerlich wie früher bei Handys, E-Readern, Kopfhörern.“

    In der Schublade häuften sich einst deren Kabel, weil jedes Gerät ein spezielles brauchte. Dann wurden die Ladebuchsen für Mobilgeräte von der EU vereinheitlicht – mit dem USB-C-Anschluss. Nur für Laptops gilt noch eine Übergangsfrist bis Ende April dieses Jahres. Das macht es für Verbraucher bequemer, es sammelt sich auch weniger Elektroschrott an. Allerdings waren Elektronikfirmen von den EU-Vorgaben wenig begeistert, allen voran stemmte sich der Apple-Konzern dagegen. Der Richtlinie – gern Anti-Apple-Gesetz genannt – ging eine jahrelange Diskussion voraus. Die fürchtet Friedrich nun wieder.

    Eigentlich sollte die EU-Kommission schon bis Anfang 2025 geprüft haben, wie ein harmonisiertes Ladesystem eingeführt werden kann. Das sieht die EU-Batterieverordnung vor. „Aber nichts ist passiert“, sagt Friedrich. Darum hat er vor wenigen Wochen einen Brief an EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall formuliert. Unterschrieben haben ihn Umwelt-, Mobilitäts- und Tourismusorganisationen wie etwa der Deutsche Tourismusverband. Darin die Bitte „rasch einen gemeinsamen Ladestecker für Elektrofahrräder und andere leichte Fortbewegungsmittel festzulegen.“

    Gastwirte, Hoteliers, Campinplatzbesitzer wollen Lademöglichkeiten anbieten. Das zieht Kunden an. Allerdings macht es auch für sie alle einen Unterschied, ob die Ladestecker standardisiert sind oder nicht. Letzteres heißt: Die Ladestation muss für eine Vielzahl von Systemen ausgerüstet werden. Das mache es, „beachtlich“ teurer, heißt es in dem Brief. Die Hersteller hätten es jedoch „versäumt, einen gemeinsamen Ladestecker zu etablieren; daher ist eine gesetzliche Regelung erforderlich.“

    Nur: Das sehen Hersteller anders. Man spreche sich „nicht grundsätzlich gegen ein einheitliches Ladesystem aus“, erklärt der Fahrradindustrieverband ZIV in einem Positionspapier, arbeite daran auch mit. Der ZIV vertritt rund 140 Unternehmen, darunter zum Beispiel Bosch. „In spezifischen Anwendungsfällen – insbesondere im touristischen Umfeld oder bei gewerblichen Flotten – kann ein einheitliches und genormtes Ladesystem sinnvoll sein.“ Bedeutet umgekehrt: Sonst eher nicht.

    „Alltagswege sind kurz und am Ende steht die private Lademöglichkeit“, schreibt der ZIV. Und wer eine Ein-Tages-Radtour mache, lege im Schnitt 44 Kilometer zurück, wer mehrere Tage unterwegs sei 62 Kilometer pro Tag. Das sei ohne einen Ladestopp machbar, zumal Akkus besser würden.

    Der Verband rechnet vor: „Über 90 Prozent aller Ladevorgänge finden im privaten Umfeld oder am Arbeitsplatz statt, wo Nutzer ihr eigenes, auf die Batterie abgestimmtes Ladegerät verwenden.“ Und die Ladesysteme seien für ein Lastenrad anders als für ein Tourenrad „optimiert gestaltet“.

    Die Fahrradindustrie lehnt die „Übertragung regulatorischer Konzepte aus der Unterhaltungselektronik auf sicherheitskritische Batteriesystem im Fahrradbereich“– das ist die entscheidende Aussage am Ende des Papiers – „entschieden ab“. Sie stellt sich gegen ein Gesetz.

    Laden die meisten Radfahrer zu Hause? Friedrich: „Im Urlaub zum Beispiel nicht, und da fahren viele am Tag auch mehr als 100 Kilometer, Durchschnittswerte hin oder her.“ Radler, die lange Strecken machen, könnten einen Ersatz-Akkus mitnehmen? Friedrich: „Der kostet extra Geld.“

    Letzte Frage: Technisch wäre eine Vereinheitlichung machbar? Friedrich: „Natürlich, es wäre selbst eine spezielle Version des USB-C-Ladesteckers auch zum Laden von Elektrofahrrädern denkbar.“ Heute fehlten manchmal Ersatzteile, weil Hersteller ihre Ladegeräte und zugehörige Komponenten geändert und die alten aus dem Angebot genommen hätten oder weil ein Anbieter insolvent geworden sei. Denkbar schlimmste Folge laut Friedrich: „Auch wenn sonst noch alles in Ordnung ist, müssen Kunden ein neues E-Bike kaufen.“

    Eine Antwort der EU-Kommissarin auf den Brief steht noch aus.

  • Drastischer Abstieg Russlands

    Von Russland ist wenig übriggeblieben in der deutschen Außenhandelsbilanz. 2025 fiel der einst wichtigste Energielieferant der Bundesrepublik von Rang 45 auf Rang 48, einen Platz hinter Litauen. Vor allem die Sanktionen der EU ließen das Geschäft weiter schrumpfen. Ganz von der Liste wird Russland, das vor vier Jahren die Ukraine angriff und damit Krieg nach Zentraleuropa zurückbrachte, nicht verschwinden. „Der Handel wird nie Null sein“, sagt Catharina Claas-Mühlhäuser, Vorsitzende des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft – selbst mit dem Sudan oder Pitcairn im Pazifik. Die Ukraine wird als Partner der Deutschen hingegen immer wichtiger.

    Im vergangenen Jahr betrug der Wert der Waren, die Deutschland nach Russland verkaufte und von dort bezog, 8,15 Milliarden Euro, 13,3 Prozent weniger als 2024. Litauen kam auf 8,75 Milliarden Euro, plus 7,2 Prozent. Zu Hochzeiten der deutsch-russischen Beziehungen 2012 waren es insgesamt rund 81 Milliarden Euro. Ein großer Posten war Energie: Öl und Gas, zwei der wichtigsten Exportprodukte Russlands, die auch den Krieg finanzieren. Seit 2022 bezieht Deutschland kein Pipeline-Gas mehr, seit 2024 kein Pipeline-Öl.

    Noch immer werden die zahlreichen Sanktionen der EU gegen Russland umgangen, etwa über Staaten in Zentralasien. Die Zahl der Fälle sei nicht groß, sagt Andreas Metz, Leiter Public Affairs beim Ost-Ausschuss. Auch um Kasachstan, das zuletzt immer genannt wurde, ist es offenbar ruhiger geworden. Bundesregierung und EU verhandelten regelmäßig mit Staaten Zentralasiens. „Wer mehr mit uns handeln will, muss sich auch an die Sanktionen halten“, sagt Metz. Das setze sich durch. Es sei aber schwer, ganz zu verhindern, dass Sanktionen umgangen würden.

    Ausgenommen sind unter anderem pharmazeutische und chemische Produkte sowie Landwirtschaft. Russland ist neben der Ukraine einer der größten Getreidelieferanten der Welt. Noch immer sind deutsche Firmen in Russland tätig auch der Landmaschinenbauer Claas, an dem Claas-Mühlhäuser beteiligt ist. Welche Chancen Russland nach dem Ende des Ukraine-Krieges bieten könnte? „Es sei viel zu früh , überhaupt darüber nachzudenken, was möglich sei, sagt die Vorsitzende des Ost-Ausschusses. Sie sehe da zurzeit keine Ansatzpunkte.

    Wesentlich besser läuft der deutsche Handel mit der Ukraine (Rang 39), dessen Wert im vergangenen Jahr um 4,9 Prozent auf 12,4 Milliarden Euro zulegte, deutlich stärker als der gesamte Außenhandel, der 2,4 Prozent im Plus war. Vor allem der Wert der Ausfuhren stieg. In den Zahlen sind auch Waffen enthalten, die aber nicht gesondert ausgewiesen werden. Deutsche Unternehmen sehen in dem Land große Chancen. 43 Prozent der bereits in Osteuropa tätigen Firmen wollen in der Ukraine investieren, wie eine Umfrage der Beratungsfirma KPMG im Auftrag des Ost-Ausschusses ergab. 2025 waren es 35 Prozent. Nur Polen erreicht mit 56 (45) Prozent einen höheren Wert.

    Claas-Mühlhäuser fordert, der Ukraine neben Moldau und den Staaten des Westbalkans einen schnellen Beitritt zur EU zu gewähren. „Es muss nicht immer gleich die volle Mitgliedschaft sein“, sagt sie. Sie vermisst den politischen Willen in Brüssel und auch im ein oder anderen Beitrittsland. Größte Hindernisse sind Bürokratie und Korruption. Zuletzt war ein größerer Fall im direkten Umfeld von Ukraines Staatschef Wolodimir Selenski bekannt geworden.

    Im Vergleich zu den ganz großen Handelspartnern ist das Geschäft mit der Ukraine noch ausbaufähig. Wichtigster Außenhandelspartner Deutschlands war 2025 China mit 251,8 Milliarden Euro vor den USA mit 240,5 Milliarden Euro und den Niederlanden mit 209,1 Milliarden Euro. Polen steht mit 180,4 Milliarden Euro auf Rang 5.

    Der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft fördert seit 1952 den Handel mit Mittel-, Ost- und Südosteuropa sowie Zentralasien. Getragen wird er von Industrieverband BDI, Arbeitgeberverband BDA, Bankenverband, DIHK und Zentralverband des deutschen Handwerks. Er hat 350 Mitgliedsunternehmen.

  • Auf der Suche nach dem nächsten ChatGPT

    Künstliche Intelligenz treibt die nächste wirtschaftliche Revolution. Die Technologie wird mit Milliardensummen vor allem in den USA weiterentwickelt. Wieder einmal kann Europa kaum mithalten. Die Bundesagentur für Sprunginnovationen, Sprind, will das mit einem Millionenexperiment für die Zukunft ändern. Sie sucht in einem Wettbewerb das nächste große Ding, die KI nach der KI, das nächste ChatGPT. Europaweit.

    „In den nächsten Jahrzehnten werden alle wichtigen Erfindungen über KI laufen“, sagt Mirko Holzer, bei Sprind verantwortlich für KI und Robotik. „Wir sind überzeugt, dass in den nächsten 20 Jahren 95 Prozent der Jobs besser von KI erledigt werden als von Menschen. Und das schließt auch die manuelle Arbeit von Menschen ein.“ Bei einer so tiefgreifenden Technologie sollte eine Industrienation wie Deutschland mitmischen.

    Anwendungen gibt es viele. Die KI hilft, Moleküle für die Krebsforschung zu finden, analysiert große Mengen Maschinendaten und schlägt vor, was sich verbessern lässt, und auch Reden lassen sich einfach erstellen oder Ergebnisse zusammenfassen. Die Technologie dahinter stammt allerdings nicht aus Deutschland oder gar Europa. „Praktisch kommen alle KI-Grundmodelle, die wir anwenden, aus den USA oder China“, sagt Holzer. Sie heißen ChatGPT (OpenAI), Claude (Anthropic), Copilot (Microsoft), Gemini (Google) oder Deepseek vom gleichnamigen chinesischen Unternehmen.

    Die aktuelle Lage hierzulande sieht nicht gut aus. „Das ist, als würde Deutschland als eine der führenden Industrienationen Strom ausschließlich im Ausland einkaufen. Sie wäre vollständig den Preisvorstellungen der Lieferanten ausgeliefert“, schildert Holzer. „Und diese können damit drohen, den Strom abzuschalten.“ Er erwartet, dass Amerikaner wie Chinesen ihre Führungsposition in der KI im Sinne ihrer geopolitischen Interessen nutzen werden.

    Eine Möglichkeit wäre, in großem Umfang zu investieren. Aber: „Europa ist bei den derzeit führenden KI-Technologien 15 Jahre hinterher“, erklärt Holzer. „Wir haben weder das Geld noch die erforderlichen Rechenzentrumskapazitäten, um hier aufzuholen. Außerdem werden wir werden regulatorisch durch den europäischen AI Act stark gebremst.“ Der Aufholversuch dauert aus seiner Sicht fünf bis sieben Jahre – in KI-Zeiten zu lang.

    „Deshalb bleibt nur: Wir überspringen die aktuelle Technologie und suchen nach dem, was das nächste große Ding ist“, sagt Holzer. „Ähnlich gingen afrikanische Länder vor, die das Festnetzzeitalter ausließen, gleich auf Mobilfunk setzten und zum Beispiel früh mobile Zahllösungen entwickelten.“ Deshalb sucht die Sprunginnovationsagentur jetzt „Leute, die mutig genug sind, die sich trauen. Derzeit sind wir in Europa unterwegs, um sie aufzurütteln.“ Eine Werbetour für die digitale Zukunft.

    Ohne den Anschub von Sprind würde vermutlich wenig passieren. „Die drei Ideen in der Anfangsphase mit Steuergeld zu finanzieren, nimmt für spätere Investoren das Risiko des Ausfalls und macht die neuen Firmen attraktiv für Investoren“ erklärt Holzer.

    Bis Ende Mai können sich alle, die eine Idee haben, bei Sprind bewerben. Der Wettbewerb startet am 1. Juli dann mit zehn ausgewählten Teams. Zunächst stehen 125 Millionen Euro bereit. „Wir vergeben das Geld nicht einfach so. Ohne Idee und Plan läuft nichts“, garantiert Holzer. Und es ist nicht gesagt, dass alle oder auch nur eines der Teams aus Deutschland kommen. „Wir investieren zwar deutsches Geld, denken aber bewusst europaweit – einschließlich Großbritannien und Schweiz.“

    Drei Runden sind geplant, eine Jury entscheidet, welche Teams weiterkommen. „Nach zwei Jahren haben wir idealerweise drei Unternehmen – wir nennen Sie „Frontier Labs“ – im Frühstadium, die Modelle entwickelt haben, die funktionieren könnten“, sagt Holzer. „Praktisch drei Setzlinge, die wir umtopfen und mit je einer Milliarde Euro gießen müssen.“ Klingt viel Geld, ist aber immer noch wenig im Vergleich zu den Summen, die derzeit in den USA eingesetzt werden. Investoren steckten gerade 30 Milliarden Dollar (25,5 Milliarden Dollar) zusätzlich in Anthropic. OpenAI erhielt knapp 100 Milliarden Dollar.

    Die Sprunginnovationsagentur kann und muss die drei Milliarden Euro für die „Setzlinge“ nicht aufbringen. Das Geld soll aus staatlichen Fördertöpfen der Länder kommen, in denen die Teams sitzen und von der EU. Darüber hinaus ist die Privatwirtschaft gefragt: Konzerne könnten eine der drei neuen europäischen Ideen als gutes Investment ansehen und durch Umsatzgarantien helfen, schnell zu wachsen. Klassische Investoren, so die Hoffnung, könnten Interesse haben, auch Firmen, die große Familienvermögen verwalten. Zudem sind Börsengänge möglich, um Geld zu beschaffen. Die Kontrolle der drei jungen Unternehmen muss aber in Europa bleiben.

    „Das Geld ist nötig, weil viel probiert werden muss“, sagt Holzer. „Auch heutige KI-Grundmodelle brauchen zwei bis drei Trainingsläufe mit Daten. Die kosten jeweils 100 bis 200 Millionen Dollar. Und es funktioniert nicht immer.“ Sehr wahrscheinlich muss bei den drei neuen Ideen viel probiert werden. „Sie sollen ja besser sein als bestehende Modelle“, sagt Holzer. Möglicherweise arbeiten die „Setzlinge“ auch anders als die KI derzeit. Der Sprind-Experte kann sich einiges vorstellen: „Heute wird vor allem mit Text und Bildern trainiert, aber vielleicht sind es künftig auch Schallwellen oder ganz andere Daten.“

  • Urlaub statt Geschäft

    Europaweit boomt der Luftverkehr. Deutschland fliegt hinterher, auch wenn lange Schlangen an den Sicherheitsschleusen der Flughäfen zu Weihnachten oder Ostern anderes andeuten. Dann ist schließlich Ferienzeit. Insgesamt hat sich die Branche immer noch nicht von der Corona-Pandemie erholt. Die Gewohnheiten haben sich geändert und der Staat verlangt über die Luftverkehrssteuer mehr Geld. Urlaub, scheint es, geht immer.

    Im vergangenen Jahr  kamen 219,6 Millionen Passagiere an einem deutschen Flughafen an oder hoben von dort ab, ein Plus von 3,6 Prozent, wie der Bundesverband der deutschen Luftverkehrswirtschaft berichtet. Die Branche ist allerdings noch weit vom Rekordwert 2019 entfernt. Damals zählten deutsche Flughäfen 248,1 Millionen Fluggäste – dann kam Corona.

    Viele europäische Länder haben die Pandemie längst hinter sich gelassen. In Europa ohne Deutschland lag die Zahl der angebotenen Sitzplätze 2025 acht Prozent höher als 2019, in Italien waren es 17 Prozent. Frankreich kommt auf ein Plus von zwei Prozent. Deutschland liegt elf Prozent unter dem Wert von 2019. „Der Branche geht es in der Bundesrepublik wegen hausgemachter Probleme schlecht“, sagt BDL-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang.

    Den Verband stört vor allem die Luftverkehrssteuer. Knapp zwei Milliarden machte sie zuletzt aus. Jeder Passagier, der an einem deutschen Flughafen startet, muss sie zahlen. Je nach Entfernung, ist der Betrag unterschiedlich hoch. Für Kurzstrecken sind es 15,53 Euro, das betrifft vor allem Flüge innerhalb Deutschlands und zu Zielen in Europa. Die Steuer gilt seit 2011.

    Der Inlandsverkehr ist nur noch halb so groß wie vor Corona. Der BDL hat Flüge herausgerechnet, die meist Zubringer für andere ab Frankfurt oder München sind, und kommt auf 20 Prozent des Angebots von vor sechs Jahren – das sind Strecken wie Hamburg–Stuttgart oder Leipzig–Düsseldorf. Letztere ist im vergangenen Jahr ganz weggefallen, wie viele andere auch.

    Viel wichtiger noch als der Inlandsverkehr sind aus Sicht des Verbandes für den Standort D die Strecken in andere europäische Städte, die Geschäftsleute fliegen. Zürich, Rom und Brüssel würden von einigen Orten aus nicht mehr angeflogen, sagt Lang. Stattdessen führen neue Strecken vor allem in touristische Gegenden, etwa nach Fuerteventura, oder in Regionen, wo viele Menschen Verwandte und Freunde besuchen, Chișinău in Moldau zum Beispiel.

    Vor allem die Billigflieger setzen ihre Flugzeuge dort ein, wo sie besonders viel verdienen können. Eine Maschine zwischen Köln und Rhodos ist genauso leicht zu füllen wie zwischen Manchester und Rhodos. Wenn der Ertrag auf der zweiten Strecke höher ist, ist das Flugzeug dort unterwegs. Vor allem Ryanair und Easyjet fliegen in Deutschland weniger als vorher, meist von sehr kleinen Flughäfen mit günstigen Gebühren wie Memmingen oder Weeze am Niederrhein. Und es geht in der Regel in Urlaubsorte.

    Die Bundesregierung hatte im November beschlossen, die letzte Erhöhung der Luftverkehrssteuer zum 1. Juli 2026 zurückzunehmen. Die Fluggesellschaften hätten daraufhin erst einmal keine weiteren Strecken gestrichen, was geplant gewesen sei, sagt BDL-Hauptgeschäftsführer Lang. Es geht um rund drei Euro je Passagier und Flug. „Damit kann man den Absturz aufhalten, aber nicht zu alter Stärke zurück“, sagt er. Und auch nicht recht am Boom teilhaben.

    Der Verband arbeitet daran, die Steuer zu halbieren, wenn nicht sogar zu streichen. Am Beispiel Schwedens sehe man, wie schnell sich das Angebot erhöhe, sagt Lang. Das Land hatte die Steuer 2025 abgeschafft. Der BDL-Hauptgeschäftsführer glaubt, dass die Luftverkehrssteuer durch andere staatliche Einnahmen mehr als ausgeglichen würde, stiege der Luftverkehr in Deutschland wieder.

    Ein in Deutschland stationiertes Flugzeug trägt nach älteren Zahlen etwa 70 Millionen Euro jährlich zum Bruttoinlandsprodukt bei. Seit 2019 hat Deutschland 60 Maschinen verloren. Wenn nur sie zurückkämen, würde der Wert der Luftverkehrssteuer durch andere Steuern und Abgaben fast erreicht, sagt Lang. Sollte Deutschland sogar zum Durchschnitt der EU aufholen, nähme der Staat mehr ein, als er über die Luftverkehrssteuer derzeit bekomme.

    Die Preise auf innerdeutschen Strecken sind nicht nur wegen der Luftverkehrssteuer höher als 2019. Auf vielen Strecken fehlt der Wettbewerb. So versuchten Billigflieger wie Easyjet, auf Inlandsstrecken zu punkten, was die Preise drückte. Inzwischen ist das Angebot deutlich eingeschränkter, Tickets teurer. Und offenbar finden sich auf vielen Strecken nicht genug Menschen, die bereit sind, so viel Geld für Flüge auszugeben.

    Unklar ist, ob die Nachfrage für Inlandsflüge überhaupt besteht. Zahlreiche Geschäftsreisende sind auf den Zug umgestiegen oder aufs Auto. Viele Konferenzen laufen inzwischen per Video. Und wenn Geschäftsreisende wirklich dringend von Friedrichshafen nach Frankfurt fliegen müssten, wären sie sicher auch bereit etwas mehr zu bezahlen.

    Der Ausblick zeigt: Bis Juli werden vor allem in Frankfurt mehr 21,3 Millionen Sitze angeboten, fünf Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2025. München wird bei 14,1 Millionen stagnieren. Für Berlin, drittgrößter Flughafen Deutschlands, sind 8,2 Millionen Sitzplätze geplant, ein Plus von zwei Prozent, Düsseldorf kommt bei 6,7 Millionen Plätzen auf ein Plus von einem Prozent. Stuttgart, Köln/Bonn, Hannover verlieren jeweils ein Prozent.