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  • Pipelines, Schiffe und ein libyscher Offizier

    Als drittgrößte Wirtschaft der Welt ist Deutschland auf sehr viel Energie angewiesen. Vor allem Öl und Gas muss die Bundesrepublik einführen. Beides kommt vor allem über Schiffe und Pipelines nach Deutschland. Wie anfällig ist das System?

    Wozu brauchen wir Öl und Gas?

    Ohne Öl stünde der Verkehr in Deutschland still. Es ist der Grundstoff für Kerosin, Benzin und Diesel. Viele Menschen heizen auch noch mit Öl. Erdgas ist nicht nur Brennstoff für viele Heizungen, sondern auch für viele Kraftwerke. In chemischen und Industrie sind Gas wie Öl unerlässlich.

    Wie kommen Öl und Gas nach Deutschland?

    Öl und Gas kommen meist per Pipeline nach Deutschland. Die Röhren sind im Vergleich zu anderen Transportformen für große Mengen günstig. Für Öl sind Schiffe wichtig, für Gas inzwischen auch, denn seit 2022 hat Deutschland eigene Terminals für Flüssiggas (LNG).

    Woher kommt das Öl für Deutschland?

    Mit 16,6 Prozent der Gesamtmenge lieferte Norwegen 2025 das meiste Rohöl nach Deutschland. Die USA kamen mit 16,4 Prozent auf Rang 2. Libyen steuerte 13,8 Prozent bei, Kasachstan 13,7 Prozent. Insgesamt führte Deutschland dem Statistischen Bundesamt zufolge 75,7 Millionen Tonnen ein. Die Menge sinkt seit Jahren. Dazu kamen rund 1,6 Millionen Tonnen eigene Förderung, vor allem in Niedersachsen. Aus Russland, lange großer Lieferant, bezieht Deutschland wegen des Angriffs der Russen auf die Ukraine nichts mehr.

    Wie kommt das Öl nach Deutschland?

    Zu etwa zwei Dritteln fließt Öl über Pipelines. Die wichtigsten: Die Transalpine Ölleitung TAL verbindet Triest mit Karlsruhe, die RRP Rotterdam mit Wesseling bei Köln. In Rotterdam und Triest gibt es große Ölhäfen. Direkt von den Ölfeldern lieferte Russland über die Pipeline Druschba (Freundschaft) nach Deutschland. Ein Arm führt über die Ukraine und Tschechien, ein anderer über Belarus und Polen. Durch die Pipeline fließt derzeit Öl aus Kasachstan. Zusätzlich gibt es noch eine Pipeline für Ölprodukte von Rotterdam nach Ludwigshafen. Ein Drittel des Öls für Deutschland landet per Schiff in Brunsbüttel, Rostock und Wilhelmshaven an.

    Woher kommt das Gas für Deutschland?

    Wichtigster Lieferant ist Norwegen. Rund 44 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases stammten 2025 nach Zahlen der Bundesnetzagentur aus den Feldern in der Nordsee. 24 Prozent lieferten die Niederlande, 21 Prozent Belgien, eingerechnet ist dort angelandetes Flüssiggas. 10,3 Prozent bezog Deutschland direkt vor allem aus den USA und Kanada. Insgesamt importierte Deutschland nach Zahlen der Bundesnetzagentur 1031 Terawattstunden Gas. Deutschland selbst förderte 34 Terawattstunden. Aus Russland, lange Hauptlieferant, kommt seit dem Beginn des Ukraine-Kriegs nichts mehr.

    Wie kommt das Gas nach Deutschland?

    Auch beim Gas sind Pipelines am wichtigsten, vor allem die Rohre der Europipe. Europipe 1 verbindet die zentrale Draupner-Plattform in der Nordsee vor Norwegen mit Dornum in Ostfriesland. Europipe 2 liefert Gas vom norwegischen Festland nördlich von Stavanger ebenfalls nach Dornum. Vom Ekofisk-Feld in der Nordsee fließt Gas über Norpipe nach Emden. Pipelines verbinden auch Aachen mit dem belgischen Hafen Zeebrügge, wo sehr viel Flüssiggas anlandet. Nordstream 1, die Russland durch die Ostsee direkt mit Lubmin an der Ostsee verband, ist nach einem Anschlag 2022 zerstört. Durch die Pipelines Jamal und Transgas, die Sibirien über Belarus und Polen sowie Ukraine und Tschechien mit Deutschland verbinden, fließt praktisch nichts mehr. Rund ein Zehntel des deutschen Bedarfs kommt per Schiff nach Brunsbüttel, Mukran auf Rügen, Stade und Wilhelmshaven – Tendenz steigend.

    Wie sicher ist die Versorgung?

    Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) sieht bisher – abgesehen von steigenden Preisen – wenig Probleme. Auch die Gas- und Ölwirtschaft hält die Versorgungslage für sicher. Sie ist auf jeden Fall anders als noch 2022, vor allem beim Gas. Bis dahin kam rund ein Drittel aus Russland. Plötzlich fehlte es, Deutschland stürzte in eine Krise. Seither hat Deutschland Flüssiggasterminals gebaut und die Zahl der Lieferländer erhöht. Ohne Norwegen geht allerdings nichts. Unklar ist, wie zum Beispiel die US-Regierung die LNG-Lieferungen nach Europa bewertet. Der amtierende Präsident setzt Wirtschaft gern als Drohmittel ein. Öl kommt aus vielen verschiedenen Ländern, keines ragt heraus. Aber nicht überall ist die Lage sicher. Libyen etwa hat zwei verfeindete Regierungen, im Hintergrund kontrolliert Milizenführer Chalil Haftar Förderung und Vertrieb, der schon älter als 80 Jahre ist. Um unabhängiger zu werden, könnte Deutschland versuchen, weniger Öl und Gas zu verbrauchen. Die aktuelle Bundesregierung zementiert die Abhängigkeit derzeit aber.

    Und die Sicherheit der Anlagen?

    Pipelines liegen in der Regel in der Erde oder im Meer. Wie die Sabotage der Nordstream-Pipeline zeigt, sind aber selbst in 80 Metern Tiefe auf dem Meeresgrund verlegte Leitungen angreifbar. Das gilt auch für Hafenanlagen und die Transportschiffe selbst.

    Könnte sich die Bundesrepublik selbst versorgen?

    Die Ölreserven betrugen Anfang 2025 nach Zahlen der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe gut 22,2 Millionen Tonnen. Selbst wenn alles davon förderbar wäre, reichte es nur für ein Vierteljahr. Beim Erdgas sieht es ähnlich aus. Die Reserven werden mit rund 34,7 Milliarden Kubikmeter angegeben, etwa 268 Terawattstunden.

  • Liebe versprechen und kassieren

    Sie heißen Josie, Vivienne oder James. Sie schreiben nette Nachrichten bei Instagram oder Facebook. Manchmal trudelt auch eine Mail mit einem Rosensymbol ein. Für die, die antworten, kann es teuer werden und peinlich. Denn was als harmloser Austausch beginnt, entpuppt sich oft als Betrugsmasche professioneller Banden, die nicht auf Liebe oder Freundschaft, sondern Geld aus sind. Und Deutschland ist besonders empfänglich für dieses kriminelle Geschäftsmodell, wie ein umfangreicher Bericht zu Betrug und Geldwäsche weltweit zeigt.

    Rund 431 Millionen Dollar (371 Millionen Euro) verloren Bundesbürger demnach im vergangenen Jahr an Gauner, die einsamen Menschen hierzulande digital schöne Augen machten. Das entspricht 86 Prozent der gesamten Schadenssumme in der EU durch sogenannten Liebes- und Vertrauensbetrug. Die Summe ist 28 Prozent höher als noch 2023, wie aus dem Global Financial Crime Report von Nasdaq Verafin hervorgeht. Das Unternehmen gehört zur US-Technologiebörse Nasdaq und hilft, Finanzverbrechen zu verhindern. Der Bericht erscheint alle zwei Jahre.

    „Unsere Daten zeigen, dass Deutschland sich zum führenden Hotspot der EU für Identitäts- und Vertrauensbetrügereien entwickelt hat, wobei diese Art von Betrug in alarmierendem Tempo zunimmt“, sagt Kamlesh Harry von Nasdaq Verafin. Weil die Banksicherheit immer robuster werde und die Systeme immer schwerer zu knacken seien, verlagerten Kriminelle ihren Fokus zunehmend. „Sie manipulieren Verbraucher dahingehend, ihr Geld eigenständig zu überweisen.“

    Die Betroffenen von Liebesbetrug zahlen freiwillig teils fünfstellige Summen, weil sie glaubten, der neuen Bekannten oder dem neuen Freund in einer Notsituation zu helfen, Flugtickets zu finanzieren oder den Wunsch, eine Firma zu gründen, zu unterstützen. Ist gezahlt, tauchen die ach so einfühlsamen Onlinebekanntschaften ab. Das Geld ist weg. Viele Opfer schämen sich. Und mancher kommt mit der Schmach nicht klar und tut sich etwas an.

    Beliebt ist auch, jemandem einen Lotteriegewinn zu versprechen, für dessen Überweisung nur eine Anzahlung nötig sei. Allein diese Art von Betrug summierte sich auf rund 1,38 Milliarden Dollar im vergangenen Jahr, ein Plus von 23 Prozent im Vergleich zu 2023. Und dann sind da Klassiker wie der Enkeltrick, bei dem der Oma vorgegaukelt wird, sie müsse ganz schnell, die Enkelin aus einer Notsituation befreien und Geld überweisen. Der Schaden in Deutschland betrug allein rund 3,9 Milliarden Dollar, ein Zuwachs von 6,3 Prozent.

    Was nach viel Geld klingt, wirkt wenig angesichts der illegalen Summen, die durch das deutsche Finanzsystem geschleust werden. 189,76 Milliarden Dollar ermittelten die Experten, 21 Prozent mehr als 2023. Deutschland steht damit für 28 Prozent aller illegalen Finanzgeschäfte wie Geldwäsche, Drogenhandel und organisiertes Verbrechen in der EU (672,4 Milliarden Dollar). Weltweit beträgt der Wert rund 4,4 Billionen Dollar, 21 Prozent mehr als noch vor zwei Jahren.

    Dazu kamen rund um den Globus insgesamt 579,4 Milliarden Dollar Schäden durch verschiedene Betrugsmaschen wie Liebesbetrug, Enkeltrick oder Bankbetrug, ein Plus von neun Prozent. Insgesamt betrug der Schaden demnach fast fünf Billionen Dollar. Das deutsche Bruttoinlandsprodukt betrug 2025 nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes umgerechnet 5,2 Milliarden Dollar.

    „Wir befinden uns derzeit inmitten einer ausgewachsenen Finanzkriminalitäts-Krise, die von kriminellen Netzwerken vorangetrieben wird“, sagt Stephanie Champion, Chefin von Nasdaq Verafin. „Diese nutzen Künstliche Intelligenz, um ihre Betrugsmethoden zu optimieren, und Handeln dabei wie große multinationale Unternehmen.“ Harry ergänzt: „Als eines der reichsten Länder Europas mit einem der wichtigsten Finanzplätze ist Deutschland ein besonders attraktives Ziel für organisierte kriminelle Gruppen.“

    Fortschritte in der KI ermöglichten es auch Betrügern aus Übersee, Sprachbarrieren zu überwinden und sehr überzeugende, personalisierte Betrugsmaschen gegen deutsche Opfer einzusetzen, sagt der Experte. „Betrugsfälle sind in der heutigen Zeit immer stärker automatisiert, lassen sich leicht skalieren und erscheinen häufig täuschend echt.“

    Erstellt hat die Studie Nasdaq Verafin gemeinsam mit dem US-Finanzdatenspezialisten Celent und der US-Beratungsfirma Oliver Wyman. Die Zahlen sind anhand von verfügbaren Daten geschätzt. Die wahren Werte können deutlich höher liegen. Eingeflossen sind unter anderem Informationen der europäischen Polizeibehörde Europol, der US-Bundespolizei FBI, dem Internationalen Währungsfonds, den US-Ministerien für Justiz- und Finanzen, den Vereinten Nationen und der Weltbank. Auch sind 505 Experten befragt worden, die sich bei Finanzinstituten damit beschäftigen, Betrügereien zu verhindern.

  • Fernwärme in meinem Haus?

    Für Fernwärme ist im Keller kein Öltank oder Gaskessel mehr nötig. Das schafft Platz. So viel ist klar. Aber rechnet sie sich auch? Florian Bublies ist Energieberater und Fachexperte für Heizungstechnik bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Dieser Zeitung gibt er die wichtigsten Tipps, was bei der Fernwärme zu beachten ist.

    Lohnt der Umbau im Heizungskeller?

    Gasheizung, Warmwasserbereiter, Schornstein – so ein Heizungskeller kann sehr voll gestellt sein. „Das reißt man alles raus“, sagt Bublies „wenn man sich für die Fernwärme entscheidet. Das kann ein Argument dafür sein.“

    Für die Fernwärme sei nur ein „vergleichsweise kleines Übergabegerät“ notwendig. 80 bis 130 Grad Celsius heißes Wasser werde aus einem mehr oder weniger weit entfernt liegenden großen Heizkraftwerk über aufwendig gedämmte Rohrleitungen, das Fernwärmenetz, ins Haus geleitet. So solle möglichst wenig Wärme auf dem Weg in die einzelnen Häuser verloren gehen.

    In der Übergabestation werde das im Haus zirkulierende Wasser zum Heizen oder zum Baden, Duschen, Kochen vom Fernwärmewasser erwärmt. Alte Heizkörper benötigten 60 Grad Celsius, moderne Anlagen etwa mit Fußbodenheizung in einem zudem gut gedämmten Haus deutlich weniger als 50 Grad Celsius. Das abgekühlte Fernwärmewasser fließe dann wieder zum großen zentralen Kraftwerk zurück.

    Die Fernwärme ist oft ein Nebenprodukt, das bei der Stromerzeugung etwa in Gaskraftwerken anfällt. Kraft-Wärme-Kopplung nennt sich das. Es kann auch die Abwärme sein, die bei der Müllverbrennung entsteht. Denkbar ist zum Beispiel auch der Einsatz von Geo- und Solarthermie oder Biomasse.

    Der Umbau im Heizungskeller, in einem Technikraum, seltener auf dem Dachspeicher koste dafür zwischen 5.000 und 15.000 Euro, rechnet Bublies vor. Darunter fielen auch die Entsorgung der alten Anlage und der Anschluss an das Fernwärmenetz auf dem eigenen Grundstück. Manche Stadtwerke und einzelne Kommunen förderten den Anschluss an das Fernwärmenetz auch mit Zuschüssen von etwa 500 bis 3.000 Euro.

    Nur zum Vergleich: Der Einbau einer Wärmepumpe liege, so der Energieexperte, bei etwa 40.000 Euro. Die Summe gehe, wenn man eine staatliche Förderung beantrage, Pi mal Daumen eventuell auf 20.000 Euro runter, bleibe aber immer noch kostspieliger. Für die Fernwärmestation sei auch kein Schornsteinfeger nötig, Wartung von Technik entfalle auch. Das spare zudem. Nur gebe es neben den Anschlusskosten ein „Aber“: Die Betriebskosten. Sie seien besonders hoch.

    Wie teuer wird das Heizen selbst?

    Die Preise für Fernwärme fielen je nach Anbieter, Region und Lage des Hauses zwar unterschiedlich aus, sagt Bublies. Im Schnitt lägen sie aber bei 17 bis 20 Cent pro Kilowattstunde. Bei Gas seien es vor dem Irankrieg 11 Cent, bei Öl 10 gewesen, am günstigsten sei da die Wärmepumpe: mit 8 – 10 Cent.

    Der Preis für die Fernwärme setze sich aus Arbeitspreis – mit ihm wird der tatsächliche Wärmeverbrauch abgerechnet – und Grundpreis zusammen. Letzterer mache etwa 25 Prozent aus. Darin steckten die Kosten, die der Versorger für den Ausbau, den Betrieb, die Instandhaltung des Leitungsnetzes zahlen müsse, auch für das Kraftwerk.

    „Es ist sehr teuer, die Rohre in der Erde zu verlegen“, erklärt der Energieberater, „sie müssen gut isoliert sein, sind entsprechend dick. Das ausgegebene Geld wollen die Stadtwerke, der Dienstleister, wer immer die Wärme anbietet, über den Grundpreis wieder reinholen.“ Anders gesagt: Man finanziert das Kraftwerk und die Wärmenetze anteilig mit

    Das bedeute, sagt Bublies: „Je mehr Nutzer an das Netz angeschlossen sind, um so mehr teilen sich die Fixkosten.“ Darum eigne sich die Fernwärme „vor allem in dicht besiedelten Gebieten, das können auch Neubaugebiete sein“. Und auf dem Land? Dort könne sich die Fernwärme lohnen, wenn die Wärme günstig etwa über die Verwertung von Holzhackschnitzeln oder Biogas lokal gewonnen werde, nicht zu viele Kilometer Rohr verlegt werden müssten.

    Welche Tücken lauern bei der Fern-Heizung?

    Um die Wärme müsse man sich nicht sorgen, in Küche, Bad, Wohnzimmer müsse sich für die Umstellung auf Fernwärme auch nichts ändern, erklärt Bublies: „Normale Heizkörper kommen damit gut zurecht.“ Noch gebe es die Fernwärme aber nur sehr selten. Aktuell würden nur 14 Prozent der gut 41 Millionen Haushalte in Deutschland mit ihr beheizt. Sie gelte aber als ein Baustein, um das Heizen auf erneuerbare Energien umzustellen, auch wenn die Fernwärme-Kraftwerke noch überwiegend mit fossilen Brennstoffen wie Kohle und Gas befeuert würden.

    So müssten Kommunen derzeit ihre kommunale Wärmeplanung erarbeiten. Bis spätestens Ende Juni 2026 sollen Großstädte mit mehr als 100.000 Einwohnern diese vorlegen. Das schreibe das Wärmeplanungsgesetz vor. Kommunen mit weniger Einwohnern hätten noch bis Ende Juni 2028 Zeit. Vermutlich würden die Netze in den kommenden Jahren vor allem in Städten ausgebaut, „wo Wärmepumpen auch aus Platzgründen vielleicht nicht immer praktisch sind“, meint Bublies.

    Eines sei noch wichtig: „Es gibt vor Ort immer nur ein lokales Fernwärmenetz, Sie können sich den Lieferanten Ihrer Fernwärme nicht aussuchen und müssen sich oft für viele Jahre an ihn binden.“ Den Anbieter einfach so zu wechseln wie bei Gas und Strom, weil er einem zu teuer wird? „Geht nicht, jeder Fernwärmeanbieter ist ein lokaler Monopolist“, sagt Bublies.

  • Eine Frage der Abgaben

    Seit dem Angriff auf den Iran Ende Februar steigen die Spritpreise an deutschen Tankstellen. Im angrenzenden Ausland ist es teilweise billiger. Antworten auf die wichtigsten Fragen zu Ölpreis, Steuern und Tanktourismus.

    Woher bezieht Deutschland Rohöl, den Grundstoff für Benzin und Diesel?

    Im vergangenen Jahr führte Deutschland rund 75,7 Millionen Tonnen. 16,6 Prozent lieferte Norwegen, 16,4 Prozent kamen aus den USA. Libyen steuerte 13,8 Prozent bei, Kasachstan 13,7 Prozent. Auch aus Großbritannien kam viel Öl nach Deutschland. Größter Ölpartner im Nahen Osten war der Irak mit 4,2 Prozent.

    Warum trifft der Iran-Krieg Deutschland, wenn wir kaum Öl aus dem Nahen Osten beziehen?

    Für Rohöl gelten Weltmarktpreise. Sie steigen, weil der Iran versucht, die Straße von Hormus zu blockieren. Diese Meerenge müssen alle Tanker passieren, die Öl aus dem Irak und anderen ölreichen Ländern in Nahost transportieren. Das Angebot sinkt, während die Nachfrage steigt, weil viele Länder versuchen, Lieferausfälle auszugleichen und eventuell auf Vorrat zu kaufen. Und auch Benzin und Diesel werden auf dem Weltmarkt gehandelt. Steigen die Preise dort, trifft das Deutschland. Zum einen kann es für eine Raffinerie attraktiver sein, Benzin und Diesel ins Ausland zu verkaufen, als es im Inland abzusetzen – es sei denn, die Preise im Inland sind ähnlich hoch. Zum anderen importiert Deutschland gut zehn Prozent des hier verkauften Benzins und 30 Prozent des Diesels.

    Wie setzt sich der Spritpreis in Deutschland zusammen?

    Den Endpreis bestimmen vor allem Steuern und Abgaben. Der Wirtschaftsverband Fuels und Energie, der die Mineralölwirtschaft vertritt, gibt an, dass bei einem Endpreis von 193,7 Cent für einen Liter Super E10 nur 56,72 Cent für den Sprit sind. 93,05 Cent machen Energiesteuer, Treibhausgasminderungsquote und CO2-Preis aus. Transport, Lagerung und Gewinn von Tankstellen und Mineralölfirmen belaufen sich auf 12,7 Cent. Auf alles wird die Mehrwertsteuer von 19 Prozent fällig.

    Warum sind die Spritpreise in anderen EU-Ländern zum Teil niedriger als in Deutschland?

    Steuern und Abgaben sind in Deutschland höher als in vielen anderen Ländern der EU. Günstiger war Benzin und Diesel deshalb in den vergangenen Jahren bei den Nachbarn in Frankreich, Österreich, Polen und Tschechien. Deutlich teurer als in der Bundesrepublik ist der Sprit in den Niederlanden. Ein Sonderfall ist die Schweiz. Kurzfristig war der Sprit plötzlich billiger als in Deutschland und lud zu Tanktourismus. Inzwischen steigen die Preise. Der Importverband Avenergy Suisse erwartet ein weiter kräftiges Plus.

    Warum sind die Spritpreise in Deutschland so schnell gestiegen?

    Die Mineralölkonzerne kalkulieren mit Wiederbeschaffungspreisen, wie es beim Wirtschaftsverband Fuels und Energie heißt. Und weil die Weltmarktpreise sowohl für Rohöl als auch für Benzin und Diesel stiegen, stiegen auch die Preise an der Zapfsäule – unabhängig davon, für wie viel Geld der Sprit eingekauft wurde. Ob der ein oder andere Konzern auf Kosten der Autofahrer verdienen will? Bundesfinanzminister Lars Klingbeil (SPD) spricht von Preistreiberei und, „dass die aktuelle geopolitische Situation ausgenutzt wird, um die eigenen Gewinne nach oben zu schrauben.“ Belege hat er nicht. Das Bundeskartellamt beobachtet die Unternehmen, konnte aber schon in der Vergangenheit kein widriges Verhalten feststellen. Aber: Tendenziell steigen die Preise schneller, als sie sinken.

    Warum steigen die Preise in Deutschland schneller als in anderen Ländern?

    Ein Sprecher des Wirtschaftsverbands Fuels und Energie nennt mehrere Gründe. „So haben wir vergleichsweise hohe Steuern auf Diesel und Benzin, und zusammen mit der Mehrwertsteuer führt das zu stärkeren Preisanstiegen selbst dann, wenn die Einkaufspreise für Benzin und Diesel überall gleich gestiegen sind.“ Dann würden zwei Raffinerien in Deutschland gerade gewartet, was das Angebot drücke. „Schließlich unterliegen die meisten Nachbarländer Preiskontrollen oder Preisbremsen, darunter Frankreich, Belgien, Luxemburg, Österreich und Polen.“ Das verhindert, dass die Preise drastisch steigen, aber wohl nur begrenzte Zeit. Dauerhafte Verluste werden die Mineralölunternehmen nicht hinnehmen, schließlich müssen auch Polen und Franzosen am Weltmarkt kaufen. Und ob der Staat den Sprit lange subventionieren kann und will, ist unklar.

    Lohnt es sich, zum Tanken ins Nachbarland zu fahren?

    Das kommt darauf an, wie nah die Grenze ist. Der ADAC rät davon ab, längere Strecken zu fahren, um günstig vollzutanken. Der Spritverbrauch für An- und Abfahrt kann höher sein als die Ersparnis durch niedrigere Preise. Ganz abgesehen von der Zeit, die für die Tanktour verloren geht. Zudem kontrolliert gerade der Zoll verstärkt an den Grenzen, damit niemand im großen Umfang Benzin oder Diesel einführt. Erlaubt sind eine Tankfüllung und ein 20-Liter-Reservekanister.

  • Die Rückkehr des Ersatzkaffees

    Erstmal eine Tasse Kaffee! Sie gehört für viele zum Tag dazu. Im Schnitt trinkt jede und jeder in Deutschland 163 Liter Kaffee im Jahr. Das rechnet der Deutsche Kaffeeverband vor. Kaffee ist das Lieblingsgetränk der Deutschen, liegt noch vor Mineralwasser und Bier. Nur: Der Preis für Kaffeebohnen kennt derzeit kaum eine andere Richtung als nach oben. Tchibo, größter Kaffeeröster Deutschlands, steigt nun in das Geschäft mit Lupinen ein, andere ersetzen die Bohnen durch Getreide oder Zichorie. Was steckt dahinter?

    Die Ware ist heiß begehrt, aber kostspielig: Der Import von nicht gerösteten Kaffeebohnen verteuerte sich von 2021 bis 2025 laut dem Statistischen Bundesamt um knapp 150 Prozent. Längst macht sich das im Supermarktregal bemerkbar.

    Die Verbraucherzentrale Hamburg zum Beispiel listet derzeit „Jacobs Espresso Sticks“ als „Mogelpackung“. Als Kunden die Packungen der Sorten Crema und Espresso im Januar 2026 bei einem Rossmann-Drogeriemarkt kauften, enthielten diese statt zuvor 25 Sticks nur noch 20. Der Preis aber war derselbe: 2,29 Euro. Das entspricht einem Preisanstieg von 25 Prozent.

    Den hatte Hersteller Jacobs Douwe Egberts DE GmbH im November 2025 erklärt mit den „erheblich“ höheren Rohkaffeepreisen, die „vor allem auf die extremen Witterungsbedingungen in den wichtigsten Kaffeeanbauländern zurückzuführen“ seien – und schlechtere Ernten.

    In den Top-5-Kaffeeanbauländern – Brasilien, Vietnam, Kolumbien, Äthiopien und Indonesien – treten nach einer neuen Analyse der gemeinnützigen US-Organisation Climate Central zum Beispiel öfter Tage mit mehr als 30 °C auf. Das schadet besonders Arabica-Kaffeepflanzen. Neben Robusta ist Arabica die am häufigsten genutzte Art.

    Mit Kaffee wird wie mit vielen anderen Rohstoffen spekuliert. Preisschwankungen gehören darum immer dazu. Doch die Bohnen legen per Schiff einen weiten Weg zurück, und Treibstoff wird teurer. Zugleich steigt die Nachfrage, wird etwa in Asien das Kaffeetrinken beliebter. Das alles treibt die Preise derzeit besonders. Der Klimawandel verschärft diese Lage nun noch. Auch Tchibo verlangt seit Mitte Februar mehr Geld für seine Klassiker, 500 Gramm „Feine Milde“ kosten zum Beispiel statt 8,99 Euro nun 9,99 Euro.

    Kaffeebohnen sind noch keine Mangelware, an ihrem Ersatz wird aber längst gedacht. Ganz neu ist das alles nicht. Berühmt: der Caro-Kaffee. Er kam 1954 in Deutschland auf den Markt als lösliches Kaffee-Ersatzgetränk aus Gerste, Roggen, der Wurzel der Zichorie, auch Wegwarte genannt. In der Nachkriegszeit gab es nur wenig klassischen Kaffee. Das Alternativ-Produkt, auch gern als Muckefuck oder Malzkaffee bezeichnet, kam gerade recht. Körner zu einem Getränk aufzubrühen, das hatten aber auch schon die alten Ägypter gemacht.

    Heute erlebt der Ersatz-Kaffee ein Comeback – aus Zutaten, die sich hierzulande anbauen lassen. Darunter Getreide wie Gerste, Roggen oder auch Dinkel. Auch Zichorie, Löwenzahn oder Lupine werden genutzt. Immer gilt: Die klassischen Bohnen sind raus und damit ist es auch ihr Koffein.

    Woher der Trend kommt: unklar. Koffein-Verzicht, um etwa den Magen zu schonen, mag eine Rolle spielen. Tchibo hingegen will den genau nicht, sondern ganz das Gegenteil: Das Hamburger Traditionsunternehmen will den Kaffee mit Koffein retten.

    Monika Heyn ist dort Produktentwicklerin. Sie sagt: „Es gibt Berichte, nach denen könnten sich die für den Kaffeeanbau bisher geeigneten Fläche wegen des Klimawandels möglicherweise halbieren.“ Darum suchten sie nach Alternativen, „nach einer neuen Richtung für den Kaffeegenuss der Zukunft“, hätten etwa zwei Jahre getüftelt, dabei die Lupine entdeckt.

    Diese könne die klassische Bohne aber nicht zu 100 Prozent ersetzen. Für den Kaffeegeschmack sei deren Koffein entscheidend. So mische Tchibo nun die klassischen Bohnen mit Samen der Süßlupine, die sie aus Thüringen und Mecklenburg-Vorpommern beziehen. Diese ließen sich ähnlich wie Kaffee rösten, schmeckten leicht süßlich und hätten nussige Noten.

    Die genaue Zusammensetzung: 51 % Süßlupinen und 49 % Robusta-Bohnen. Im Vergleich zu Arabica enthalte Robusta mehr Koffein, am Ende sei der Koffeingehalt „nur etwas geringer“ als bei gewöhnlichem Kaffee, meint Heyn. Der Preis für die 250-Gramm-Packung „Kaffee & Lupine“ gemahlen: 3,99 Euro.

    „Wer auf Erdnüsse allergisch ist, sollte bei Kaffee mit Lupinen allerdings vorsichtig sein, dann reagiert man womöglich auch auf sie“, sagt Armin Valet von der Verbraucherzentrale Hamburg. „Ansonsten ist das“, beobachtet er, „eine Entwicklung wie beim Kakao.“

    Auch die Preise für Kakao stiegen weltweit wegen sinkender Ernten. Darum werde längst mit Schokolade ohne Kakao experimentiert. Rewe setze als erster großer deutscher Lebensmitteleinzelhändler in einigen Produkten seiner Eigenmarken diese bereits ein: Choviva, hauptsächlich bestehend aus gemahlenen Sonnenblumenkernen, pflanzlichem Fett, Zucker.

    „Gegen solche Alternativprodukte spricht nichts, wenn vorne auf der Verpackung klar und deutlich steht, was drin ist“, sagt der Verbraucherschützer. Trotz geringerer Rohstoffkosten seien die Ersatzprodukte meist nicht günstiger, zumal die Mengen noch klein seien, es auch an Konkurrenz fehle. „Außerdem“, so Valet, „wollen Hersteller und Händler das Preisniveau ihrer Produkte aus eigenem Interesse heraus hoch halten.“ Die Tasse Kaffee wird dem Mensch wohl teuer bleiben.

  • Preiskampf im Frischeregal

    Warum kostet ein Kilo Bananen aus Kolumbien im Supermarkt mehr als ein Kilo Äpfel aus Deutschland? Die krummen Früchte aus Lateinamerika sind je nach Region und Supermarktkette schon für unter einem Euro zu haben, für das heimische Obst wird oft das Doppelte oder mehr verlangt. Doch die Transportkosten bestimmen nur einen Teil des Preises, anderes schlägt stärker durch, vor allem bei der Banane.

    Sie ist das beliebteste Obst der Deutschen. Im Schnitt aß jede und jeder 2025 nach Zahlen des Fruchthandelsverbands 9,5 Kilogramm Bananen und 8,3 Kilogramm Äpfel. Nicht eingerechnet sind die Obstmengen, die in Deutschlands Kantinen, Restaurants und Imbissbuden verzehrt wurden.

    Der Preis der Banane hat zunächst einmal mit dem Obst an sich zu tun. „Weltweit gibt es über 400 Bananensorten, von denen nur wenige essbar sind. Die bei uns gehandelte große Obstbanane ist praktisch immer von der Sorte Cavendish“, sagt Andreas Brügger, Geschäftsführer des Deutschen Fruchthandelsverbands. „Weil alle das gleiche Produkt verkaufen, ist die Konkurrenz sehr groß.“ Und wo viele um die Gunst der Käufer wetteifern, sind die Preise niedriger.

    Auch der Anbau der Bananen wirkt sich auf den Preis aus. „Bananen wachsen vor allem in feuchtwarmen tropischen Gebieten. Sie lassen sich das ganze Jahr über ernten“, sagt Brügger. Das Obst wächst in großen Plantagen und ist in der Regel auf Ertrag und einfaches Ernten ausgerichtet. Hinzu kommt: „Die Arbeits- und Logistikkosten in den Anbaugebieten sind im Vergleich zu Deutschland niedrig.“

    Dann hat der Preis mit der Menge zu tun. Bananen werden international auf deutlich größeren Flächen angebaut als heimisches Kernobst, heißt es beim Discounter Lidl, das ermögliche entsprechende Skaleneffekte in der Logistik. Sehr vereinfacht: Wer sich spezialisiert, spart Geld. Und wer viel Frachtplatz bucht, erhält hohe Rabatte.

    Dazu kommt: „Deutschland ist nach den USA der zweitgrößte Importmarkt und deswegen sehr interessant“, sagt Brügger. Entsprechend hoch sei der Wettbewerb. Im vergangenen Jahr importierte Deutschland nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes 1,43 Millionen Tonnen des Obstes, gut sechs Prozent mehr als ein Jahr zuvor.

    Die meisten Bananen in Deutschlands Supermärkten kommen aus Kolumbien und Ecuador. Beide Länder zusammen lieferten im vergangenen Jahr etwas mehr als zwei Drittel aller Bananen, die hierzulande verkauft wurden, wie das Statistische Bundesamt ermittelte. Auf Platz 3 folgt Costa Rica mit rund zwölf Prozent. „Sie werden unreif und grün bei möglichst konstanter Temperatur von 13,5 Grad nach Europa geschifft“, erklärt der Fruchtverbandschef. Die Temperatur ist wichtig, sonst reifen die Bananen zu früh.

    Die Container mit Bananen landen in Hamburg und Bremerhaven sowie Rotterdam in den Niederlanden und Antwerpen in Belgien an. In Deutschland reifen sie dann in besonderen Hallen, die über das Land verteilt sind, unter kontrollierter Temperatur und Luftfeuchtigkeit, bevor sie in die Supermarktregale kommen.

    Standardisierter Anbau, große Mengen, viel Wettbewerb erklärt günstige Bananenpreise, aber nicht unbedingt, warum sie niedriger als die für Äpfel sind, die in Deutschland wachsen. Für Brügger vom Fruchthandelsverband ist klar: „Äpfel haben einen Standortvorteil, sie müssen nicht weit transportiert werden.“ Aber: „In der Produktion entstehen hohe Arbeits- und Maschinenkosten, die teurer sind als zum Beispiel in Lateinamerika, wo Bananen wachsen.“ Vor allem die Handarbeit in der Apfelplantage kostet. Und das Obst kann nur einmal im Jahr geerntet werden.

    Damit es Äpfel vom Bodensee, aus Sachsen oder dem Alten Land auch in Monaten gibt, in denen Obst hierzulande nicht wächst, müssen sie aufbewahrt werden. Da ist von Vorteil, dass sie nicht allzu empfindlich sind. „Äpfel lassen sich anders als Bananen sehr gut lagern“, sagt Brügger. „Allerdings benötigt die Kühllagerung unter kontrollierter Atmosphäre ganzjährig viel Energie und stellt somit eine hohe Kostenposition dar.“ So ersetzt etwa Stickstoff den Sauerstoff, damit das Obst nicht fault.

    Und dann sind da noch die Händler. Denn Bananen sind für viele Supermärkte ein Ankerprodukt und damit ähnlich wichtig wie Butter oder Kaffee. Verbraucher, so die Theorie, bewerten anhand der Preise solcher Ankerprodukte, wie teuer ein Supermarkt ist. Und wechseln womöglich zur Konkurrenz. Entsprechend kann es sein, dass Händler an Bananen nichts verdient, nur um sie möglichst günstig anzubieten.

    Wegen des harten Wettbewerbs halten sich die Supermarktketten auch mit Informationen bedeckt. Aldi-Süd zum Beispiel, das einen eigenen Importeur besitzt, äußert sich grundsätzlich nicht dazu, wie die Preise gestaltet werden. Bei Lidl ist es ebenso. Die Konkurrenz könnte Schlüsse ziehen und einen Vorteil gewinnen. Andere Konzerne wie Edeka schweigen sich aus.

    Gerade die hohen Lohn- und Energiekosten verteuern die Äpfel also im Vergleich zu Bananen, die auch hohem Wettbewerb unterliegen und industriell angebaut werden. Die Transportkosten fallen nicht so sehr ins Gewicht. Dennoch sind Äpfel und Bananen in den vergangenen Jahren teurer geworden, wie das Statistische Bundesamt errechnet hat. Äpfel kosten jetzt rund 17 Prozent mehr als 2020, Bananen 20 Prozent.

  • Radikaler Frühjahrsputz bei der Schufa

    Es ist der radikalste Einschnitt in der Geschichte der Schufa. Deutschlands wichtigste Auskunftei räumt radikal auf und bietet künftig nur noch einen zentralen sogenannten Score an. Gleichzeitig legt sie erstmals offen, wie er sich zusammensetzt. Vom 17. März an kann jeder und jede einsehen, wie die Schufa die persönliche Kreditwürdigkeit bewertet.

    Was ist der Schufa-Score?

    Der Schufa-Score ist eine Zahl. Sie gibt wieder, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand einen Kredit bedienen oder eine Rechnung bezahlen kann. Berechnet wird sie nach einer Formel, in die verschiedene Kriterien wie Zahl der Ratenkredite einfließen. Banken zum Beispiel fragen ihn ab, um besser einschätzen zu können, ob sie Kredite vergeben können. Mobilfunkunternehmen nutzen die Zahl, wenn sie einen neuen Vertrag abschließen.

    Warum ist der Score der Schufa wichtig?

    Die Schufa ist die größte Auskunftei dieser Art in Deutschland. Sie hat Informationen von 6,4 Millionen Firmen und rund 68 Millionen Bundesbürgern gesammelt. Täglich erreichen die Schufa rund 340.000 Anfragen von Firmen, die einschätzen wollen, ob sie Geschäft mit einer Kundin oder einem Kunden machen wollen.

    Was macht die Schufa jetzt?

    In der Vergangenheit hatte die Schufa viel Ärger. Verbraucherschützer bemängelten, wie undurchsichtig das Unternehmen war. Es gab zahlreiche Gerichtsverfahren. Die Auskunftei ermittelte verschiedene Scores für verschiedene Firmenkunden. Der wichtigste war der Banken-Score. Einsehen konnten die Verbraucher zuletzt einen sogenannten Basis-Score, der auf dem für die Banken aufbaut, aber tatsächlich extra berechnet wurde. Jetzt räumt die Auskunftei auf. Künftig gibt es einen zentralen Score, den auch die Verbraucher kostenlos abrufen können. Er ersetzt die sechs wichtigsten Branchen-Scores und den Basis-Score. Alles soll einfacher und klarer werden.

    Wie sieht der neue Score aus?

    Der neue Score hat maximal 999 Punkte. Ein Score von 868 bedeutet, dass jemand sehr kreditwürdig ist. Ein hervorragender Wert. Ein Score von 350 gilt als ausreichend. Der niedrigste mögliche Wert ist 100. Grundsätzlich gibt es keinen Score – anders als bisher –, wenn jemand aktuell einen Kredit nicht mehr bedienen kann oder Rechnungen nicht beglichen hat – eine sogenannte Zahlungsstörung. Den Topwert erreichen 0,03 Prozent der Bundesbürger, rund 62 Prozent haben einen hervorragenden Score, 20 Prozent einen guten.

    Wie wird der neue Score berechnet?

    Künftig richtet sich der Score nach zwölf Kriterien, die die Schufa-Statistiker als besonders aussagekräftig ermittelt haben. Für jedes gewährt die Schufa Punkte. Die Summe der Punkte ergibt den Score.

    – Zahlungsstörungen: Dieses Kriterium hat das größte Gewicht. Wer einmal nicht zahlen konnte, wird es wahrscheinlich auch wieder nicht können, wie die Statistiker ermittelt haben. Je länger die Zahlungsstörung zurückliegt, desto geringer die Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls und desto mehr Punkte gibt es. Ohne Zahlungsstörungen jetzt oder in den vergangenen drei Jahren sind 264 Punkte möglich. Drei Jahre deshalb, weil die Schufa nach dieser Frist die Daten löschen muss.

    – Anzahl der Anfragen und Abschlüsse für Girokonten und Kreditkarten in den vergangenen zwölf Monaten: Wenn jemand sich bei mehreren Banken oder Sparkassen über die Konditionen für Girokonten oder Kreditkarten informiert, kann es sein, dass diese Banken bei der Schufa anfragen, wie kreditwürdig die Person ist. Aus der Vergangenheit weiß die Schufa, dass viele Anfragen auf finanzielle Schwierigkeiten hindeuten. Allerdings informieren sich Verbraucher heutzutage mehr über Angebote, bevor sie eines abschließen, was das Kriterium ungenauer macht. Die Schufa wertet jetzt mehrere Abfragen und einen Vertragsabschluss binnen 28 Tagen als einen Vorgang. Maximal 117 Punkte

    – Anzahl der Anfragen außerhalb des Bankenbereichs in den vergangenen zwölf Monaten: Hier sieht es ähnlich aus wie bei den Bankanfragen. Maximal 99 Punkte

    – Alter der aktuellen Adresse: Wer lange an einem Ort wohnt, ist statistisch gesehen kreditwürdiger. Maximal 94 Punkte

    – Alter der ältesten Kreditkarte: Wer mit einer solchen Karte zum Beispiel ein Hotelzimmer bezahlt, bekommt von der Bank einen Kredit in Höhe des Zimmerpreises gewährt. Kunde oder Kundin gleichen die Summe meist einmal im Monat aus. Je länger jemand eine solche Karte problemlos nutzt, desto besser ist die Kreditwürdigkeit. Maximal 81 Punkte

    – Alter des ältesten Bankvertrags: Wer lange bei derselben Bank ist, neigt statistisch gesehen dazu, seinen finanziellen Verpflichtungen nachzukommen. Maximal 69 Punkte

    – Zahl der neuen Ratenkredite in den vergangenen zwölf Monaten: Je mehr (auch kleine) Kredite jemand bedienen muss, desto größter ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Person mit Zahlungen in Verzug gerät. Maximal 66 Punkte

    – Kredit mit der längsten Restlaufzeit: Je länger ein bestehender Kredit noch bedient werden muss, desto größer eher könnte ein weiterer Kredit zusätzlich belasten. Maximal 61 Punkte

    – Immobilienkredit: Wer Haus oder Wohnung besitzt und einen Immobilienkredit abzahlt, geht besonders gut mit seinem Geld um. Das zeigt zumindest die Erfahrung. Maximal 55 Punkte

    – Identität überprüft: Maximal 38 Punkte

    – Jüngster Rahmenkredit: Ein Rahmenkredit ähnelt einem Überziehungskredit (Dispo). Die Bank gewährt bis zu einer fest vereinbarten Summe Kredit. Das ist meist günstiger als ein Dispo, setzt aber eine hohe Bonität voraus. Je länger ein solcher Rahmenkredit besteht, desto mehr Punkte gibt es. Maximal 36 Punkte

    – Kreditstatus: Hier wird berücksichtigt, ob es offene oder abbezahlte Kredite gibt. Die meisten Punkte gibt es für erledigte Kredite. Schließlich hat der Kunde oder die Kundin bereits bewiesen, den Verpflichtungen nachkommen zu können. Maximal 19 Punkte

    Wie kommt die Schufa auf die Punktwerte?

    Die Auskunftei kann aus den Daten der Vergangenheit sehen, wie wahrscheinlich es ist, dass jemand zum Beispiel mit vier Ratenkrediten einen davon nicht bedienen kann. Danach richtet sich die Höhe der Punkte innerhalb des Kriteriums. Nicht jedes Kriterium ist gleich wichtig. Alles rund um Zahlungsstörungen zum Beispiel ist deutlich wichtiger als zum Beispiel die Tatsache, dass bereits Kredite getilgt wurden. Entsprechend mehr Punkte gibt es, wenn keine Zahlungsstörung vorliegt (264), als für abbezahlte Kredite (19).

    Wie kann ich den Score einsehen?

    Um einzusehen, welche Daten die Schufa von mir gespeichert hat und welchen Score ich habe, brauche ich ein Konto bei der Schufa. Dafür muss ich mich einmalig online registrieren. Das geht mit der E-ID des Personalausweises sofort. Oder ich fordere eine besondere Pin an, die per Post geschickt wird. Zugang zum Konto geben dann E-Mail und ein selbst gewähltes Passwort. Die Webseite zeigt meinen persönlichen Score an, wie er sich genau zusammensetzt und wie ich im Verhältnis zum Rest der Republik dastehe.

    Ab wann gilt der neue Score?

    Die Schufa führt den neuen Score am Dienstag, 17. März, ein. Von da an ist auch das neue Schufa-Konto erreichbar. Getestet wird der Score bereits seit einem guten halben Jahr mit wichtigen Firmenkunden.

    Wer ist die Schufa?

    Die Schufa wurde 1927 als Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung gegründet. Sie gehört zu jeweils mehr als einem Viertel den Genossenschaftsbanken und den Sparkassen. Den Rest halten vor allem Geschäftsbanken. Das Wiesbadener Unternehmen beschäftigt rund 1000 Mitarbeiter und setzte 2024 rund 289,8 Millionen Euro um.

  • 90 Gramm Pfeffer für 15,95 Euro

    Der Preis für den Pfeffer ist gesalzen. Zwar nicht immer, das 50-Gramm-Glas gemahlener schwarzer Pfeffer gibt es im Discounter schon für 85 Cent, der Kilopreis beträgt damit 17 Euro. Aber es geht auch anders – teurer: Zum Beispiel lässt sich im Internet ein edler schwarzer Karton, Schrift gold und weiß, mit drei 30 Gramm-Tütchen Kampot-Pfeffer für 15,95 Euro kaufen. Der Kilopreis liegt damit bei satten 177 Euro. Wie bitte? Eine Erkundung.

    Um Pfeffer wurden einst Kriege geführt. Im Mittelalter wurde er wie Edelmetall gehandelt, ließen sich Pacht und Schulden mit ihm zahlen. Erhalten hat sich aus der Zeit der Spottname Pfeffersack für den schnell reich gewordenen Kaufmann. Heutzutage fehlt er in kaum einer Küche.

    Er ist allgegenwärtig, kein Gewürz beliebter. Und lange Zeit wurde darum wenig Aufsehen gemacht: Auf der Theke im Imbiss steht Pfeffer im schmucklosen Streuer mit gelöchertem Blechdeckel, in den Regalen der Supermärkte und Discounter in überschaubarer Auswahl, schwarz, weiß, gemahlen oder in ganzen Körnern. Vorbei. Plötzlich geht es um intensiven Geschmack.

    Es begann mit Sterneköchen, die wie sonst nur bei Wein üblich über „fruchtig-würzige“ Aromen des Pfeffers redeten oder sein „Terroir“, die Umgebung, wo er wächst. Heute gibt es Verkostungen, Geschenksets für Normalköche und besondere Sorten, indischen Tellicherry-Pfeffer oder eben Kampot-Pfeffer. Dessen Preis gehe „up, up, up“, sagt Son Noun. Hoch, hoch, hoch. Noun führt über eine Pfefferfarm in Kampot, südliches Kambodscha.

    18 Flug- und zweieinhalb Autostunden von Deutschland entfernt, am Ende lehmig rote Wege. Der mineralhaltige Boden, das sehr feuchte warme Klima nahe der Küste am Golf von Thailand – alles sei „ideal“, sagt Noun, hinter ihm Pfeffersträucher, die sich in Reihe um etwa drei Meter hohe schmale Holzstämme ranken, immer Richtung Sonne. Grasgrüne Beeren hängen in Rispen herunter, wie Johannisbeeren. Die Pflanzen, lateinisch: Piper nigrum, lieferten die vier verschiedene Pfeffersorten: grüne, schwarze, weiße und rote. Alle kommen von der gleichen Pflanzenart, nicht von verschiedenen Gewächsen?

    „Nein, die Pfefferbeeren haben nur unterschiedliche Reifegrade“, sagt Noun. Schwarz seien unreif geerntete Beeren, die mehrere Wochen in der Sonne getrocknet und dabei schwarz werden. Sie seien besonders scharf, kräftig, etwas Minze, gut etwa zu Steak, denn sie enthielten besonders viel Piperin. Das ist der Stoff, der den Geschmack von Pfeffer ausmacht.

    Der grüne Pfeffer habe davon weniger, schmecke milder. Noun pflückt ein Exemplar, bietet es zum Essen an: Zitrusnote, gar nicht scharf. Damit das Grün sich hält, wird dieser Pfeffer nach der Ernte oft in Meersalz eingelegt, die Körner werden weicher.

    Weiß sei reifer Pfeffer. Die gelb-orangenen Beeren würden 48 Stunden in Wasser eingeweicht, das löse Schale und Fruchtfleisch vom Kern, der noch in der Sonne gebleicht werde. Sein Aroma erinnere an frisches Gras, Limetten, passe zu Fisch oder Salaten.

    Am kostbarsten sei der rote Pfeffer. Es ist der Pfeffer, der am längsten am Strauch bleibt. Der sei ähnlich scharf, aber süßlich-fruchtiger als schwarzer Pfeffer. In der längeren Reifezeit lagert sich mehr Zucker an. Die Spätlese birgt Risiken: Spielt das Wetter mit? Kommen gefräßige Insekten? Farmer müssen den genauen Zeitpunkt erwischen, können oft nur wenige rote Beeren pflücken. Das macht den roten Pfeffer – den viele zu Lamm, aber auch zu Schokolade und Desserts schätzen – besonders teuer.

    Die Farbenlehre ist allerorten gleich. Pfeffer, der ursprünglich aus Indien stammt, wird in vielen tropischen Regionen angebaut. Kampot-Pfeffer ist allerdings wie Schwarzwälder Schinken oder Lübecker Marzipan eine von der EU geschützte geographische Angabe. Der Name wird damit zum Gütesiegel. Der Anbau des Pfeffers hat eine lange Tradition.

    Bauern kehrten zu ihr aber erst in den 90er Jahren zurück. Das war viele Jahre nach dem Sturz der Roten Khmer, der Terrorgruppe, die 1975 die Macht in Kambodscha übernommen und die Bevölkerung gezwungen hatte, sich ausschließlich dem Reisanbau zu widmen. Ihre Schreckensherrschaft, die Millionen Kambodschanern das Leben kostete, dauerte vier Jahre.

    Die Qualität des Pfeffers: besonders, Regeln für den Anbau sind von der Kampot Pepper Association festgelegt. In ihr haben sich Farmer der Region organisiert. Alles öko, chemische Dünger und Pestizide sind tabu. Alles Handarbeit. Das zeigt sich, als Noun die Farm zeigt, die von einer schottisch-kambodschanischen Familie betrieben wird, Botree heißt und klein ist wie die meisten Farmen in der Region, 20 Beschäftige, drei Hektar mit Pfeffer.

    Die Ernte solle in wenigen Tagen starten. Sie ist immer zwischen März und Mai. Alle Pfefferbeeren würden dann von Hand gepflückt und getrennt nach: grün, reif, überreif. In großen Wannen würden sie zunächst gewaschen, später im heißen Wasserbad von Keimen befreit, dann mehrere Tage in der Sonne getrocknet, dafür immer wieder gewendet.

    Dann suchten Frauen, bekleidet mit Haarnetz, Masken, Op-Handschuhen, die Körner aus, die verpackt würden. Zu kleine, zu leichte, zu graue Körner flögen raus. Es ist eine Arbeit mit Pinzette. Beim schwarzen Pfeffer zum Beispiel fallen laut Noun meist 30 Prozent weg – mehr als bei manchen Handelsqualitäten, die einen bestimmten Anteil dieser sogenannten Pinheads, der verkümmerten Körner, enthalten dürften. Es gibt viel zu tun – und es st nicht alles.

    Dazu kommt zum Beispiel Mist: Sie nährten die Pfefferpflanzen neben Kuhdung auch mit Fledermausguano, so Noun, sammelten den Kot der Flugkünstler unter den Bäumen ein, an denen sie hängen, vermengten alles mit Gras, Blättern, anderem. Reisfeldkrabben und Fischköpfe eigneten sich auch. Mit exotischen Früchten wie Mango lasse sich leichter Geld verdienen, sie trügen auch mehrmals im Jahr, meint Noun: „Viele Pfefferfarmer geben auf.“

    Die produzierte Menge an Kampot-Pfeffer war schon immer überschaubar, nun sinkt sie auch noch: Im Jahr 2024 waren es etwa 66 Tonnen. Das ist mehr als noch vor zehn Jahren, aber weniger als 2021 mit 140 Tonnen. Noun sagt, Lachen im schmalen Gesicht: „Ich berate gerne, wenn Sie eine Pfefferfarm aufmachen wollen.“

    Der Münchener Christian Ziegler, eigentlich IT-Experte, ist vor wenigen Wochen tatsächlich in das Geschäft eingestiegen, nicht als Farmer. Er vertreibt den Pfeffer der Botree-Farm online, darunter die drei 30 Gramm-Tütchen. Aber wer zahlt dafür 15,95 Euro? „Privatleute“, sagt er.

    Der Hype nimmt zu, das Angebot ab. Das hat seinen Preis. Er geht „up, up, up“.

    Infokasten: Der Pfefferpreis

    Das Problem: Der Klimawandel führe zu Ernteausfällen, Handelswege seien unsicherer geworden, warnte der Fachverband der Gewürzindustrie unlängst. Das könne Pfeffer grundsätzlich verteuern.
    Die Zahlen: Noch 2020 importierte Deutschland insgesamt fast 30.000 Tonnen ganzer Pfefferkörner für 75 Millionen Euro, 2024 waren es knapp 24.000 Tonnen ganzer Pfefferkörner für 129 Millionen. Der Preis hat sich damit mehr als verdoppelt. Mehr als die Hälfte der Importe kommt aus Vietnam. Darüber hinaus wird auch noch gemahlener Pfeffer eingeführt, das Gros ist das aber nicht.
    Der Tipp: In ganzen Pfefferkörnern bleibt das Aroma besser enthalten. Darum lohnt es, Pfeffer erst kurz vor dem Würzen zu mahlen. Der Geschmack ist dann intensiver.

  • Damit das E-Bike nicht schlapp macht

    Das ist keine schöne Erfahrung: Eine Radtour mit dem E-Bike, ein- oder zweimal falsch abgebogen, die Strecke wird länger als angenommen, der Akku leert sich bedenklich. Aber es kommt eine Gastwirtschaft, eine Ladestation vor der Tür. Glück gehabt? Von wegen, das eigene Ladekabel passt nicht in die Steckdose. Das müsse anders werden, sagt Umwelt- und Verkehrsexperte Axel Friedrich dieser Zeitung und fordert: „Ein einheitlicher Standard für die Ladesysteme muss endlich Pflicht werden.“ Er hat Verbündete – und Gegner.

    An der Seite von Friedrich, einst Abteilungsleiter für die Bereiche Verkehr und Lärm im Umweltbundesamt, heute unterwegs als Berater für Regierungen und Verbände wie die Deutsche Umwelthilfe steht in diesem Fall etwa der ADAC: Nach Ansicht des Allgemeinen Deutschen Automobilclubs sollte für „Akkus von Leicht-Elektrofahrzeugen wie Pedelecs, E-Bikes oder E-Scootern eine Vereinheitlichung der Ladestecker gesetzlich vorgeschrieben werden.“ Auch der ADFC, der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club, macht sich für eine Regulierung stark.

    Mehr als jedes zweite Fahrrad, das in Deutschland verkauft wird, ist ein E-Bike, auch wenn sie meist deutlich teurer sind als klassische Räder. Die Ladegeräte, Kabel und Stecker der Akkus können je nach Marke, Modell und Generation des Rads variieren. „Firmen wie Bosch oder Shimano entwickeln immer neue Ladegeräte, auf dem Markt sind hunderte“, erklärt Friedrich, „das ist so ärgerlich wie früher bei Handys, E-Readern, Kopfhörern.“

    In der Schublade häuften sich einst deren Kabel, weil jedes Gerät ein spezielles brauchte. Dann wurden die Ladebuchsen für Mobilgeräte von der EU vereinheitlicht – mit dem USB-C-Anschluss. Nur für Laptops gilt noch eine Übergangsfrist bis Ende April dieses Jahres. Das macht es für Verbraucher bequemer, es sammelt sich auch weniger Elektroschrott an. Allerdings waren Elektronikfirmen von den EU-Vorgaben wenig begeistert, allen voran stemmte sich der Apple-Konzern dagegen. Der Richtlinie – gern Anti-Apple-Gesetz genannt – ging eine jahrelange Diskussion voraus. Die fürchtet Friedrich nun wieder.

    Eigentlich sollte die EU-Kommission schon bis Anfang 2025 geprüft haben, wie ein harmonisiertes Ladesystem eingeführt werden kann. Das sieht die EU-Batterieverordnung vor. „Aber nichts ist passiert“, sagt Friedrich. Darum hat er vor wenigen Wochen einen Brief an EU-Umweltkommissarin Jessika Roswall formuliert. Unterschrieben haben ihn Umwelt-, Mobilitäts- und Tourismusorganisationen wie etwa der Deutsche Tourismusverband. Darin die Bitte „rasch einen gemeinsamen Ladestecker für Elektrofahrräder und andere leichte Fortbewegungsmittel festzulegen.“

    Gastwirte, Hoteliers, Campinplatzbesitzer wollen Lademöglichkeiten anbieten. Das zieht Kunden an. Allerdings macht es auch für sie alle einen Unterschied, ob die Ladestecker standardisiert sind oder nicht. Letzteres heißt: Die Ladestation muss für eine Vielzahl von Systemen ausgerüstet werden. Das mache es, „beachtlich“ teurer, heißt es in dem Brief. Die Hersteller hätten es jedoch „versäumt, einen gemeinsamen Ladestecker zu etablieren; daher ist eine gesetzliche Regelung erforderlich.“

    Nur: Das sehen Hersteller anders. Man spreche sich „nicht grundsätzlich gegen ein einheitliches Ladesystem aus“, erklärt der Fahrradindustrieverband ZIV in einem Positionspapier, arbeite daran auch mit. Der ZIV vertritt rund 140 Unternehmen, darunter zum Beispiel Bosch. „In spezifischen Anwendungsfällen – insbesondere im touristischen Umfeld oder bei gewerblichen Flotten – kann ein einheitliches und genormtes Ladesystem sinnvoll sein.“ Bedeutet umgekehrt: Sonst eher nicht.

    „Alltagswege sind kurz und am Ende steht die private Lademöglichkeit“, schreibt der ZIV. Und wer eine Ein-Tages-Radtour mache, lege im Schnitt 44 Kilometer zurück, wer mehrere Tage unterwegs sei 62 Kilometer pro Tag. Das sei ohne einen Ladestopp machbar, zumal Akkus besser würden.

    Der Verband rechnet vor: „Über 90 Prozent aller Ladevorgänge finden im privaten Umfeld oder am Arbeitsplatz statt, wo Nutzer ihr eigenes, auf die Batterie abgestimmtes Ladegerät verwenden.“ Und die Ladesysteme seien für ein Lastenrad anders als für ein Tourenrad „optimiert gestaltet“.

    Die Fahrradindustrie lehnt die „Übertragung regulatorischer Konzepte aus der Unterhaltungselektronik auf sicherheitskritische Batteriesystem im Fahrradbereich“– das ist die entscheidende Aussage am Ende des Papiers – „entschieden ab“. Sie stellt sich gegen ein Gesetz.

    Laden die meisten Radfahrer zu Hause? Friedrich: „Im Urlaub zum Beispiel nicht, und da fahren viele am Tag auch mehr als 100 Kilometer, Durchschnittswerte hin oder her.“ Radler, die lange Strecken machen, könnten einen Ersatz-Akkus mitnehmen? Friedrich: „Der kostet extra Geld.“

    Letzte Frage: Technisch wäre eine Vereinheitlichung machbar? Friedrich: „Natürlich, es wäre selbst eine spezielle Version des USB-C-Ladesteckers auch zum Laden von Elektrofahrrädern denkbar.“ Heute fehlten manchmal Ersatzteile, weil Hersteller ihre Ladegeräte und zugehörige Komponenten geändert und die alten aus dem Angebot genommen hätten oder weil ein Anbieter insolvent geworden sei. Denkbar schlimmste Folge laut Friedrich: „Auch wenn sonst noch alles in Ordnung ist, müssen Kunden ein neues E-Bike kaufen.“

    Eine Antwort der EU-Kommissarin auf den Brief steht noch aus.

  • Drastischer Abstieg Russlands

    Von Russland ist wenig übriggeblieben in der deutschen Außenhandelsbilanz. 2025 fiel der einst wichtigste Energielieferant der Bundesrepublik von Rang 45 auf Rang 48, einen Platz hinter Litauen. Vor allem die Sanktionen der EU ließen das Geschäft weiter schrumpfen. Ganz von der Liste wird Russland, das vor vier Jahren die Ukraine angriff und damit Krieg nach Zentraleuropa zurückbrachte, nicht verschwinden. „Der Handel wird nie Null sein“, sagt Catharina Claas-Mühlhäuser, Vorsitzende des Ost-Ausschusses der deutschen Wirtschaft – selbst mit dem Sudan oder Pitcairn im Pazifik. Die Ukraine wird als Partner der Deutschen hingegen immer wichtiger.

    Im vergangenen Jahr betrug der Wert der Waren, die Deutschland nach Russland verkaufte und von dort bezog, 8,15 Milliarden Euro, 13,3 Prozent weniger als 2024. Litauen kam auf 8,75 Milliarden Euro, plus 7,2 Prozent. Zu Hochzeiten der deutsch-russischen Beziehungen 2012 waren es insgesamt rund 81 Milliarden Euro. Ein großer Posten war Energie: Öl und Gas, zwei der wichtigsten Exportprodukte Russlands, die auch den Krieg finanzieren. Seit 2022 bezieht Deutschland kein Pipeline-Gas mehr, seit 2024 kein Pipeline-Öl.

    Noch immer werden die zahlreichen Sanktionen der EU gegen Russland umgangen, etwa über Staaten in Zentralasien. Die Zahl der Fälle sei nicht groß, sagt Andreas Metz, Leiter Public Affairs beim Ost-Ausschuss. Auch um Kasachstan, das zuletzt immer genannt wurde, ist es offenbar ruhiger geworden. Bundesregierung und EU verhandelten regelmäßig mit Staaten Zentralasiens. „Wer mehr mit uns handeln will, muss sich auch an die Sanktionen halten“, sagt Metz. Das setze sich durch. Es sei aber schwer, ganz zu verhindern, dass Sanktionen umgangen würden.

    Ausgenommen sind unter anderem pharmazeutische und chemische Produkte sowie Landwirtschaft. Russland ist neben der Ukraine einer der größten Getreidelieferanten der Welt. Noch immer sind deutsche Firmen in Russland tätig auch der Landmaschinenbauer Claas, an dem Claas-Mühlhäuser beteiligt ist. Welche Chancen Russland nach dem Ende des Ukraine-Krieges bieten könnte? „Es sei viel zu früh , überhaupt darüber nachzudenken, was möglich sei, sagt die Vorsitzende des Ost-Ausschusses. Sie sehe da zurzeit keine Ansatzpunkte.

    Wesentlich besser läuft der deutsche Handel mit der Ukraine (Rang 39), dessen Wert im vergangenen Jahr um 4,9 Prozent auf 12,4 Milliarden Euro zulegte, deutlich stärker als der gesamte Außenhandel, der 2,4 Prozent im Plus war. Vor allem der Wert der Ausfuhren stieg. In den Zahlen sind auch Waffen enthalten, die aber nicht gesondert ausgewiesen werden. Deutsche Unternehmen sehen in dem Land große Chancen. 43 Prozent der bereits in Osteuropa tätigen Firmen wollen in der Ukraine investieren, wie eine Umfrage der Beratungsfirma KPMG im Auftrag des Ost-Ausschusses ergab. 2025 waren es 35 Prozent. Nur Polen erreicht mit 56 (45) Prozent einen höheren Wert.

    Claas-Mühlhäuser fordert, der Ukraine neben Moldau und den Staaten des Westbalkans einen schnellen Beitritt zur EU zu gewähren. „Es muss nicht immer gleich die volle Mitgliedschaft sein“, sagt sie. Sie vermisst den politischen Willen in Brüssel und auch im ein oder anderen Beitrittsland. Größte Hindernisse sind Bürokratie und Korruption. Zuletzt war ein größerer Fall im direkten Umfeld von Ukraines Staatschef Wolodimir Selenski bekannt geworden.

    Im Vergleich zu den ganz großen Handelspartnern ist das Geschäft mit der Ukraine noch ausbaufähig. Wichtigster Außenhandelspartner Deutschlands war 2025 China mit 251,8 Milliarden Euro vor den USA mit 240,5 Milliarden Euro und den Niederlanden mit 209,1 Milliarden Euro. Polen steht mit 180,4 Milliarden Euro auf Rang 5.

    Der Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft fördert seit 1952 den Handel mit Mittel-, Ost- und Südosteuropa sowie Zentralasien. Getragen wird er von Industrieverband BDI, Arbeitgeberverband BDA, Bankenverband, DIHK und Zentralverband des deutschen Handwerks. Er hat 350 Mitgliedsunternehmen.

  • Auf der Suche nach dem nächsten ChatGPT

    Künstliche Intelligenz treibt die nächste wirtschaftliche Revolution. Die Technologie wird mit Milliardensummen vor allem in den USA weiterentwickelt. Wieder einmal kann Europa kaum mithalten. Die Bundesagentur für Sprunginnovationen, Sprind, will das mit einem Millionenexperiment für die Zukunft ändern. Sie sucht in einem Wettbewerb das nächste große Ding, die KI nach der KI, das nächste ChatGPT. Europaweit.

    „In den nächsten Jahrzehnten werden alle wichtigen Erfindungen über KI laufen“, sagt Mirko Holzer, bei Sprind verantwortlich für KI und Robotik. „Wir sind überzeugt, dass in den nächsten 20 Jahren 95 Prozent der Jobs besser von KI erledigt werden als von Menschen. Und das schließt auch die manuelle Arbeit von Menschen ein.“ Bei einer so tiefgreifenden Technologie sollte eine Industrienation wie Deutschland mitmischen.

    Anwendungen gibt es viele. Die KI hilft, Moleküle für die Krebsforschung zu finden, analysiert große Mengen Maschinendaten und schlägt vor, was sich verbessern lässt, und auch Reden lassen sich einfach erstellen oder Ergebnisse zusammenfassen. Die Technologie dahinter stammt allerdings nicht aus Deutschland oder gar Europa. „Praktisch kommen alle KI-Grundmodelle, die wir anwenden, aus den USA oder China“, sagt Holzer. Sie heißen ChatGPT (OpenAI), Claude (Anthropic), Copilot (Microsoft), Gemini (Google) oder Deepseek vom gleichnamigen chinesischen Unternehmen.

    Die aktuelle Lage hierzulande sieht nicht gut aus. „Das ist, als würde Deutschland als eine der führenden Industrienationen Strom ausschließlich im Ausland einkaufen. Sie wäre vollständig den Preisvorstellungen der Lieferanten ausgeliefert“, schildert Holzer. „Und diese können damit drohen, den Strom abzuschalten.“ Er erwartet, dass Amerikaner wie Chinesen ihre Führungsposition in der KI im Sinne ihrer geopolitischen Interessen nutzen werden.

    Eine Möglichkeit wäre, in großem Umfang zu investieren. Aber: „Europa ist bei den derzeit führenden KI-Technologien 15 Jahre hinterher“, erklärt Holzer. „Wir haben weder das Geld noch die erforderlichen Rechenzentrumskapazitäten, um hier aufzuholen. Außerdem werden wir werden regulatorisch durch den europäischen AI Act stark gebremst.“ Der Aufholversuch dauert aus seiner Sicht fünf bis sieben Jahre – in KI-Zeiten zu lang.

    „Deshalb bleibt nur: Wir überspringen die aktuelle Technologie und suchen nach dem, was das nächste große Ding ist“, sagt Holzer. „Ähnlich gingen afrikanische Länder vor, die das Festnetzzeitalter ausließen, gleich auf Mobilfunk setzten und zum Beispiel früh mobile Zahllösungen entwickelten.“ Deshalb sucht die Sprunginnovationsagentur jetzt „Leute, die mutig genug sind, die sich trauen. Derzeit sind wir in Europa unterwegs, um sie aufzurütteln.“ Eine Werbetour für die digitale Zukunft.

    Ohne den Anschub von Sprind würde vermutlich wenig passieren. „Die drei Ideen in der Anfangsphase mit Steuergeld zu finanzieren, nimmt für spätere Investoren das Risiko des Ausfalls und macht die neuen Firmen attraktiv für Investoren“ erklärt Holzer.

    Bis Ende Mai können sich alle, die eine Idee haben, bei Sprind bewerben. Der Wettbewerb startet am 1. Juli dann mit zehn ausgewählten Teams. Zunächst stehen 125 Millionen Euro bereit. „Wir vergeben das Geld nicht einfach so. Ohne Idee und Plan läuft nichts“, garantiert Holzer. Und es ist nicht gesagt, dass alle oder auch nur eines der Teams aus Deutschland kommen. „Wir investieren zwar deutsches Geld, denken aber bewusst europaweit – einschließlich Großbritannien und Schweiz.“

    Drei Runden sind geplant, eine Jury entscheidet, welche Teams weiterkommen. „Nach zwei Jahren haben wir idealerweise drei Unternehmen – wir nennen Sie „Frontier Labs“ – im Frühstadium, die Modelle entwickelt haben, die funktionieren könnten“, sagt Holzer. „Praktisch drei Setzlinge, die wir umtopfen und mit je einer Milliarde Euro gießen müssen.“ Klingt viel Geld, ist aber immer noch wenig im Vergleich zu den Summen, die derzeit in den USA eingesetzt werden. Investoren steckten gerade 30 Milliarden Dollar (25,5 Milliarden Dollar) zusätzlich in Anthropic. OpenAI erhielt knapp 100 Milliarden Dollar.

    Die Sprunginnovationsagentur kann und muss die drei Milliarden Euro für die „Setzlinge“ nicht aufbringen. Das Geld soll aus staatlichen Fördertöpfen der Länder kommen, in denen die Teams sitzen und von der EU. Darüber hinaus ist die Privatwirtschaft gefragt: Konzerne könnten eine der drei neuen europäischen Ideen als gutes Investment ansehen und durch Umsatzgarantien helfen, schnell zu wachsen. Klassische Investoren, so die Hoffnung, könnten Interesse haben, auch Firmen, die große Familienvermögen verwalten. Zudem sind Börsengänge möglich, um Geld zu beschaffen. Die Kontrolle der drei jungen Unternehmen muss aber in Europa bleiben.

    „Das Geld ist nötig, weil viel probiert werden muss“, sagt Holzer. „Auch heutige KI-Grundmodelle brauchen zwei bis drei Trainingsläufe mit Daten. Die kosten jeweils 100 bis 200 Millionen Dollar. Und es funktioniert nicht immer.“ Sehr wahrscheinlich muss bei den drei neuen Ideen viel probiert werden. „Sie sollen ja besser sein als bestehende Modelle“, sagt Holzer. Möglicherweise arbeiten die „Setzlinge“ auch anders als die KI derzeit. Der Sprind-Experte kann sich einiges vorstellen: „Heute wird vor allem mit Text und Bildern trainiert, aber vielleicht sind es künftig auch Schallwellen oder ganz andere Daten.“

  • Urlaub statt Geschäft

    Europaweit boomt der Luftverkehr. Deutschland fliegt hinterher, auch wenn lange Schlangen an den Sicherheitsschleusen der Flughäfen zu Weihnachten oder Ostern anderes andeuten. Dann ist schließlich Ferienzeit. Insgesamt hat sich die Branche immer noch nicht von der Corona-Pandemie erholt. Die Gewohnheiten haben sich geändert und der Staat verlangt über die Luftverkehrssteuer mehr Geld. Urlaub, scheint es, geht immer.

    Im vergangenen Jahr  kamen 219,6 Millionen Passagiere an einem deutschen Flughafen an oder hoben von dort ab, ein Plus von 3,6 Prozent, wie der Bundesverband der deutschen Luftverkehrswirtschaft berichtet. Die Branche ist allerdings noch weit vom Rekordwert 2019 entfernt. Damals zählten deutsche Flughäfen 248,1 Millionen Fluggäste – dann kam Corona.

    Viele europäische Länder haben die Pandemie längst hinter sich gelassen. In Europa ohne Deutschland lag die Zahl der angebotenen Sitzplätze 2025 acht Prozent höher als 2019, in Italien waren es 17 Prozent. Frankreich kommt auf ein Plus von zwei Prozent. Deutschland liegt elf Prozent unter dem Wert von 2019. „Der Branche geht es in der Bundesrepublik wegen hausgemachter Probleme schlecht“, sagt BDL-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang.

    Den Verband stört vor allem die Luftverkehrssteuer. Knapp zwei Milliarden machte sie zuletzt aus. Jeder Passagier, der an einem deutschen Flughafen startet, muss sie zahlen. Je nach Entfernung, ist der Betrag unterschiedlich hoch. Für Kurzstrecken sind es 15,53 Euro, das betrifft vor allem Flüge innerhalb Deutschlands und zu Zielen in Europa. Die Steuer gilt seit 2011.

    Der Inlandsverkehr ist nur noch halb so groß wie vor Corona. Der BDL hat Flüge herausgerechnet, die meist Zubringer für andere ab Frankfurt oder München sind, und kommt auf 20 Prozent des Angebots von vor sechs Jahren – das sind Strecken wie Hamburg–Stuttgart oder Leipzig–Düsseldorf. Letztere ist im vergangenen Jahr ganz weggefallen, wie viele andere auch.

    Viel wichtiger noch als der Inlandsverkehr sind aus Sicht des Verbandes für den Standort D die Strecken in andere europäische Städte, die Geschäftsleute fliegen. Zürich, Rom und Brüssel würden von einigen Orten aus nicht mehr angeflogen, sagt Lang. Stattdessen führen neue Strecken vor allem in touristische Gegenden, etwa nach Fuerteventura, oder in Regionen, wo viele Menschen Verwandte und Freunde besuchen, Chișinău in Moldau zum Beispiel.

    Vor allem die Billigflieger setzen ihre Flugzeuge dort ein, wo sie besonders viel verdienen können. Eine Maschine zwischen Köln und Rhodos ist genauso leicht zu füllen wie zwischen Manchester und Rhodos. Wenn der Ertrag auf der zweiten Strecke höher ist, ist das Flugzeug dort unterwegs. Vor allem Ryanair und Easyjet fliegen in Deutschland weniger als vorher, meist von sehr kleinen Flughäfen mit günstigen Gebühren wie Memmingen oder Weeze am Niederrhein. Und es geht in der Regel in Urlaubsorte.

    Die Bundesregierung hatte im November beschlossen, die letzte Erhöhung der Luftverkehrssteuer zum 1. Juli 2026 zurückzunehmen. Die Fluggesellschaften hätten daraufhin erst einmal keine weiteren Strecken gestrichen, was geplant gewesen sei, sagt BDL-Hauptgeschäftsführer Lang. Es geht um rund drei Euro je Passagier und Flug. „Damit kann man den Absturz aufhalten, aber nicht zu alter Stärke zurück“, sagt er. Und auch nicht recht am Boom teilhaben.

    Der Verband arbeitet daran, die Steuer zu halbieren, wenn nicht sogar zu streichen. Am Beispiel Schwedens sehe man, wie schnell sich das Angebot erhöhe, sagt Lang. Das Land hatte die Steuer 2025 abgeschafft. Der BDL-Hauptgeschäftsführer glaubt, dass die Luftverkehrssteuer durch andere staatliche Einnahmen mehr als ausgeglichen würde, stiege der Luftverkehr in Deutschland wieder.

    Ein in Deutschland stationiertes Flugzeug trägt nach älteren Zahlen etwa 70 Millionen Euro jährlich zum Bruttoinlandsprodukt bei. Seit 2019 hat Deutschland 60 Maschinen verloren. Wenn nur sie zurückkämen, würde der Wert der Luftverkehrssteuer durch andere Steuern und Abgaben fast erreicht, sagt Lang. Sollte Deutschland sogar zum Durchschnitt der EU aufholen, nähme der Staat mehr ein, als er über die Luftverkehrssteuer derzeit bekomme.

    Die Preise auf innerdeutschen Strecken sind nicht nur wegen der Luftverkehrssteuer höher als 2019. Auf vielen Strecken fehlt der Wettbewerb. So versuchten Billigflieger wie Easyjet, auf Inlandsstrecken zu punkten, was die Preise drückte. Inzwischen ist das Angebot deutlich eingeschränkter, Tickets teurer. Und offenbar finden sich auf vielen Strecken nicht genug Menschen, die bereit sind, so viel Geld für Flüge auszugeben.

    Unklar ist, ob die Nachfrage für Inlandsflüge überhaupt besteht. Zahlreiche Geschäftsreisende sind auf den Zug umgestiegen oder aufs Auto. Viele Konferenzen laufen inzwischen per Video. Und wenn Geschäftsreisende wirklich dringend von Friedrichshafen nach Frankfurt fliegen müssten, wären sie sicher auch bereit etwas mehr zu bezahlen.

    Der Ausblick zeigt: Bis Juli werden vor allem in Frankfurt mehr 21,3 Millionen Sitze angeboten, fünf Prozent mehr als im gleichen Zeitraum 2025. München wird bei 14,1 Millionen stagnieren. Für Berlin, drittgrößter Flughafen Deutschlands, sind 8,2 Millionen Sitzplätze geplant, ein Plus von zwei Prozent, Düsseldorf kommt bei 6,7 Millionen Plätzen auf ein Plus von einem Prozent. Stuttgart, Köln/Bonn, Hannover verlieren jeweils ein Prozent.

  • Reaktor für den Schreibtisch

    Am Anfang steht eine gute Geschichte. Robin Langtry, Chef des US-Technologieunternehmens Avalanche Energie, verspricht ein Kraftwerk, das der Sonne nachempfunden ist, dauerhaft sauberen Strom erzeugt und auf dem Schreibtisch Platz findet. Kernfusion für jedermann, im Prinzip. Investoren jedenfalls haben Langtry kürzlich 29 Millionen Dollar gegeben, um sein Produkt zu entwickeln. Anfang der 30er soll es auf den Markt kommen – vielleicht erst einmal nicht für das heimische Wohnzimmer, aber für Satelliten, beim Militär oder für abgelegene Gegenden, wo bisher Dieselgeneratoren Strom liefern.

    Avalanche ist nur eines der Unternehmen, die die Kernfusion voranbringen wollen und schnelle Erfolge versprechen. Weltweit versuchen mehr als 80 Firmen, einen ersten Reaktor zu bauen oder zumindest einen Demonstrator, der beweist, das die Technologie funktioniert. Daran hapert es bisher, obwohl seit mehr als 70 Jahren geforscht wird. Was gut klingt, ist technisch äußerst anspruchsvoll.

    Weltweit steigt der Strombedarf. Angesichts der enormen Energiemengen, die nötig sind, damit die vielen geplanten Rechenzentren für Künstliche Intelligenz auch laufen, suchen die Betreiber nach stabilen Quellen. Neben Atomkraft könnte das Kernfusion sein. In den vergangenen Jahren pumpten Investoren rund elf Milliarden Dollar in den Sektor, vor allem in den USA, wo sich zuletzt 47 Firmen sich mit dem Thema beschäftigten. Commonwealth Fusion Systems verspricht für 2030 einen ersten Reaktor. Helion Energy will Microsoft sogar schon 2028 mit Strom beliefern.

    Bei der Kernfusion geht es darum, Atomkerne zusammenzubringen, in diesem Fall Deuterium und Tritium, zwei Formen des Gases Wasserstoff. Dabei entstehen das Edelgas Helium und Neutronen. Letztere liefern die Energie. In der Sonne laufen solche Fusionen ununterbrochen. Auf der Erde sind andere Strategien nötig. Verfolgt werden im Wesentlichen zwei: Der Fusionsprozess kann in einem mehr als 100 Millionen Grad heißen Plasma angeregt werden, das von Magneten in der Schwebe gehalten wird. Oder Materie in der Größe eines Pfefferkorns kann mit einem sehr präzisen Laser beschossen werden, die Energie des Strahls setzt die Fusion in Gang.

    In Deutschland arbeiten vier Unternehmen an Fusionsreaktoren. Marvel Fusion aus München ist derzeit mit rund 380 Millionen Euro finanziert und typisch für die neue Herangehensweise. Das Unternehmen setzt auf Laserfusion. „Wir haben erkannt, dass wir nicht alles selbst regeln können“, sagt Sophia Spitzer, für die Marktstrategie verantwortlich. Es müsse zu viel gleichzeitig entwickelt werden. Entsprechend arbeitet das Unternehmen mit Partnern zusammen, beim Kraftwerksdesign etwa mit dem Konzern Siemens Energy.

    Zudem versucht das Unternehmen, Teile bereits heute kommerziell zu nutzen, etwa die Laser. Ähnlich gehen auch andere Firmen vor. Zum einen würden die Produkte dann verbessert, sagt Spitzer, zum anderen bauten Zulieferer die Kapazitäten auf, um die Teile später in größerer Menge günstig herzustellen. Bisher wird vieles auf Anfrage gebaut, was die Kosten treibt. Für Anfang der 30er verspricht Spitzer einen Kraftwerksprototypen, Mitte der 30er ein kommerzielles Kraftwerk.

    Im Koalitionsvertrag von Schwarz-rot ist vereinbart, dass das erste Fusionskraftwerk der Welt in Deutschland stehen soll. Entsprechend soll die Förderung steigen. Für drei Jahre sind jetzt 2,7 Milliarden Euro angesetzt. China investiert etwa das Dreifache – jährlich. Kanzler Friedrich Merz (CDU) sieht die Technologie gar Windkraft ersetzen. Das sehen Experten wie etwa Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) nicht, schon allein, weil die Kosten für Strom aus Kernfusion deutlich höher seien als aus erneuerbaren Energien.

    Die Förderung sollte der Bund neu ausrichten. Grundlagenforschung ja, aber nicht mehr, um ein Kraftwerk zur Stromerzeugung zu entwickeln. Hier solle die deutsche Forschungspolitik auf die Innovationsdynamik privater Akteure setzen. Kurz gefasst: Der Markt wird es richten. Spitzer von Marvel Fusion ist sicher, dass die Deutschen vorn dabei sind, vor allem bei Laserfusion. Gerade bei Lasertechnologie sei Deutschland führend. „Wir haben vielleicht weniger Kapital, aber deshalb sind wir nicht langsamer unterwegs“, sagt die Managerin. „Wir sind kreativer.“ Ob der Optimismus die technischen Probleme löst, ist unklar.

  • Elektrisierendes schwarzes Pulver

    Chinesische Übermacht? In Weimar schickt sich ein kleines Unternehmen an, Deutschland bei Batterien für E-Autos ein bisschen unabhängiger zu machen. Dahinter steckt der Mut eines Unternehmers, reichlich Ingenieurswissen und der VW-Konzern, der trotz Sparprogramm eine größere Investition wagt. Es geht um ein schwarzes Pulver und ein besonderes Herstellungsverfahren.

    Ehringsdorf ist von Peking mehr als 7500 Kilometer Luftlinie entfernt. Der beschauliche Vorort sieht nicht aus, als könnte von hier aus eine Revolution ausgehen. In den Räumen von Ibu-Tec Advanced Materials arbeiten sie aber dran. „Die Abhängigkeit des Westens von China, zum Beispiel bei Akkus jeder Art – Autos, Telefone, Staubsauger – ist riesig“, sagt Ulrich Weitz, Produktvorstand und Großaktionär des Unternehmens.

    Vor allem bei E-Autos müssen die Europäer eigenständiger werden. Ibu-Tec geht es nicht so sehr um die Autobatterien selbst als um einen kleinen, aber teuren und wichtigen Teil, die Kathode – der Minuspol –, genauer, das Material dafür. „Bisher wird, vor allem für hohe Reichweiten und Fahrzeuge der gehobenen Preisklasse, Kathodenmaterial aus Nickel, Mangan und Kobalt, kurz: NMC, verwendet“, sagt Weitz. „Die Bestandteile sind zum Teil selten, teuer und nicht nachhaltig.“

    Anders ist das bei LFP, Lithium-Ferrit-(Eisen)-Phosphat. Lithium und Eisen ist deutlich günstiger und weniger giftig als NMC. Könnte Europa hier punkten? Es wird schwer. „Die chinesischen Hersteller haben schnell erkannt, dass es nicht nur auf Reichweite ankommt, und auf LFP gesetzt“, sagt Firmenchef Jörg Leinenbach. „Sie sind das Thema strategisch angegangen bis hin zur Rohstoffbeschaffung. Selbst beim Vorprodukt Eisenphosphat kommt man an China nicht vorbei.“ Das soll sich jetzt ändern. Ibu-Tec hat die Technologie, LFP in großen Mengen herzustellen.

    Dafür wird das senfgelbe Eisenphosphat in einem Drehrohrofen, einer Art rotierendem Backofen, zu schwarzem Pulver gebrannt. Das darf nicht mit Sauerstoff zusammenkommen, was die Fertigung kompliziert macht. Das Wissen um LFP sammelte Ibu-Tec über Jahre. Von 2010 bis 2018 entwickelte und produzierte das Unternehmen das schwarze Pulver im Auftrag des Chemiekonzerns BASF. Das Kathodenmaterial wurde in Batterien für Smart und Mercedes verbaut. Seit dem Auslaufen der BASF-Patente 2021 stellt Ibu-Tec im Drehrohrofen in Ehringsdorf eigenes Material her.

    Der Markt für LFP-Batterien ist riesig: Für 2025 schätzten ihn die Marktforscher von Precedence Research auf 19,6 Milliarden Dollar (16,5 Milliarden Euro). 2030 soll er bei rund 40,6 Milliarden Dollar liegen, 2034 sogar bei 72,8 Milliarden Dollar. Und Ibu-Tec will davon profitieren.

    Bis 2025 fehlte den Weimarern noch ein großer Abnehmer. Im Oktober konnte das Unternehmen dann einen Vertrag mit der Batterietochter des Volkswagen-Konzerns unterzeichnen. „Wir haben sehr große Konkurrenten in China bei LFP“, sagt Weitz stolz. „Powerco hat sich dennoch für uns entschieden als einzigem europäischen LFP-Produzent.“

    Seither ist alles etwas anders bei Ibu-Tec. Kein Wunder, es ist der größte Auftrag der Firmengeschichte. Das Unternehmen baut jetzt eigens eine neue Fabrik im sachsen-anhaltinischen Bitterfeld, weil in Ehringsdorf im Stammwerk nicht genug Platz ist. Kern der neuen Anlage im Chemiepark wird ein Drehrohrofen ähnlich dem in Ehringsdorf, allerdings ist er mit 40 Metern Länge und zwei Metern Durchmesser deutlich größer. Das entspricht etwa acht VW-Bussen hintereinander.

    Die Anlage, ohne Milliardensubventionen komplett durchfinanziert, soll 2027 fertig sein. Wenn alles nach Plan läuft, brennt der Ofen im dritten Vierteljahr 2028 das erste schwarze Pulver. Gut 15.000 Tonnen kann die Anlage jährlich liefern, fast das Fünffache der alten Anlage. Sollte mehr nötig sein, hat Ibu-Tec noch Platz auf dem Gelände. Gleich größer zu bauen, hält Firmenchef Leinenbach nicht für sinnvoll. „Der Drehrohrofen ist mit gut 40 Metern Länge optimal für die Produktion.“

    Die Liefermenge klingt groß, ist im internationalen Maßstab aber noch klein. Powerco hat andere Zulieferer, um die geplanten Mengen von E-Autos im VW-Konzern mit Batterien versorgen zu können. Das Unternehmen baut gerade in Salzgitter, bei Valencia und in Kanada Batteriefabriken, will bis 2030 die Hälfte der VW-Nachfrage mit standardisierten und dadurch günstigen Produkten bedienen. Der deutsche Autobauer will so weniger abhängig von den meist chinesischen Zulieferern werden. Neben LFP setzt der Konzern auch auf andere Technologien wie MNC.

    Die Anfänge von Ibu-Tec gehen bis 1885 zurück. Damals wurde in Ehringsdorf Travertin abgebaut. Später wurde Kalk gebrannt. In den Siebzigerjahren wandelte sich der Standort zum Technikum, nach der Wende startete man als Forschungsinstitut für thermische Verfahren – alles rund ums Erhitzen – neu. 2000 stand das Unternehmen mit 13 Mitarbeitern vor dem Aus. Weitz sah das Potenzial der zahlreichen Patente und kaufte den Betrieb. Seit 2017 ist Ibu-Tec an der Börse.

    Das Unternehmen forscht und produziert im industriellen Maßstab jeweils im Auftrag. Die Kunden kommen aus aller Welt. Unter anderem hat Ibu-Tec Stützgranulat für Fracking, Pulverwerkstoffe für die Autoindustrie, CO2-armen Zement und Farbpartikel für selbstreinigende Fassadenfarben. Heute arbeiten 230 Beschäftigte für die Firma, in Bitterfeld sollen es bis zu 135 werden.

  • Selbst Kasse machen

    Die Kassiererin im Supermarkt, im Discounter, in der Drogerie gibt sich alle Mühe, die Schlange ist trotzdem ellenlang. Also ran an die Alternative – die Selbstbedienungskasse, an der die Kunden ihre Einkäufe selbst einscannen können. Das soll schnell und einfach gehen. Los mit der Milch. Klappt. Dann die Erbsendose. Auch kein Problem. Die Tomaten? Waren die Bio? Egal, sieht ja keiner? Moment! So einfach ist die neue Einkaufswelt nicht – kleine Bedienungsanleitung gegen große Tücken.

    1. Muss ich denn alles selbst machen? Denken Sie an den 10-Artikel-Rat!
      Die Banküberweisung machen Kunden seit langem online, keine Angestellten. Am Flughafen gibt man das Gepäck mittlerweile auch oft selbst auf, Check-in und Baggage-Drop. Und nun auch noch selbst Kasse machen? „Das spart den Kunden oftmals Wartezeiten“, sagt Frank Horst, Experte des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI. Außerdem sei kaum noch Personal zu finden. Darum habe der Einzelhandel in den vergangenen beiden Jahren „immens investiert“, könne heute in 11.200 Geschäften von den rund 310.000 Einzelhandelsbetrieben selbst kassiert werden statt nur in gut 5000 wie noch in 2023. Vorreiter sei der Lebensmittelhandel, die Supermarktketten wie Edeka, Kaufland, Rewe und Discounter wie Aldi, Lidl, Penny. Aber auch in Drogerieketten wie DM und Rossmann oder Bau- und Heimwerkermärkten etablieren sich die Systeme zum Selber-Kasse-Machen. Die meisten seien in etwa für 10 Artikel konzipiert, für mehr reiche die Ablagefläche nicht, sagt Horst.
    2. Nicht doppelt zahlen? Machen Sie die Rechts-Links-Bewegung!
      Es hört sich einfach an, Experten sprechen vom Self-Checkout: Man scannt den Strichcode auf der Ware an der speziellen Kasse und zahlt am Terminal per Karte, Smartphone, immer seltener mit Bargeld. Doch dann guckt man zuhause auf den hektisch mitgenommenen Kassenbeleg und denkt, wieso steht denn der Joghurt zweimal darauf? Horst meint: „Arbeiten Sie strukturiert, legen Sie die Waren aus ihrem Einkaufskorb alle die eine Seite, dann scannen Sie die Artikel nach und nach und legen Sie auf die andere Seite, gehen zum Beispiel also immer von rechts nach links vor.“ Legen Sie sich darüber hinaus schon vor der Kasse Ihre Pfandbons und Gutscheine zurecht. Es gibt noch ein zweites System, nennt sich Self-Scanning: Da scannt man die Artikel bereits, wenn man sie in den Einkaufswagen legt, entweder mit einem Handgerät oder eine Smartphone-App. Am Ende zahlt man per App oder an der Expresskasse und muss die Ware nicht noch einmal aufs Band legen, so dass hierbei im übrigen die Zahl der Artikel egal ist.
    3. Ciabatta oder Graubrot? Merken Sie sich die Sorte!
      Bei selbst eingetütetem Brot oder Obst und Gemüse klickt man sich für das Selbst-Kassieren durch, erst auf „Backwaren“, dann auf „Brot“ oder „Brötchen“. Nur: Was war das noch – Graubrot, Dinkelbrot, Sonstiges? „Prägen Sie sich den Namen der Brotsorte ein, die Sie in ihren Einkaufskorb legen“, sagt Horst, „das macht es einfacher.“ Obst- und Gemüse werde häufig abgewogen, dabei auch ein Etikett mit dem Strichcode erzeugt. Sei das nicht so, müsse man sich auch Strauchtomate oder runde Tomate merken, bio oder nicht. An manchen Kassen könne mittlerweile allerdings mittels Kamera und KI erkannt werden, um welches Gemüse oder Obst es sich handele. Die Technik entwickelt sich mit Künstlicher Intelligenz und Funksignalen weiter.
    4. Der Rabatt? Achten Sie aufs Etikett!
      Alle Artikel seien mit einem Strichcode gekennzeichnet, meint Horst. Dennoch solle man darauf achten, ob dieser gut lesbar sei und sonst einen anderen Artikel wählen. So seien Etiketten auf Haushaltswaren öfter mal abgerissen, bei Packungen aus dem Tiefkühlbereich – Fertigpizza, Spinat, Speiseeis – verknittert. Und noch was, ein Sonderfall: Label für Rabatte. Meist wird mit ihnen der ursprüngliche Strichcode überklebt. „Aber natürlich machen Menschen auch mal Fehler“, sagt Horst, „achten Sie darum darauf, dass der alte Strichcode wirklich nicht mehr zu lesen ist, der neue Preis gilt.“
    5. Sekt, Weinbrand-Bohne? Überlassen Sie ruhig den Profis!
      „Mit Sekt oder auch Pralinen mit Alkohol, würde ich mich nicht bei der Selbstbedienungskasse anstellen“, sagt Iwona Husemann von der Verbraucherzentrale NRW. Alkohol darf nicht an Kinder und Jugendliche unter 16 Jahre verkauft werden, Tabakware nur an Erwachsene ab 18. Darum ist immer eine Altersprüfung nötig. Das gehe mancherorts etwa mit einem Personalausweis, bei neueren Systeme auch mit Kamera und Künstlicher Intelligenz. Diese schätze nach bestimmten Gesichtsmerkmalen das Alter des Kunden, erklärt Husemann. Doch oft müsse immer noch ein Mitarbeiter des Geschäfts zu Hilfe kommen. So fix wie gedacht, gehe es dort dann nicht voran. Die Kasse, an der ohnehin Personal sitze, sei da meist schneller. Dasselbe gelte zum Beispiel auch für ein T-Shirt mit Diebstahlsicherung, die entfernt werden müsse.
    6. Falsch gescannt? Rechnen Sie mit Hausverbot!
      Am Ende taucht die Packung Kaugummi nicht auf dem Kassenzettel auf. Ist das Diebstahl? „Strafrechtlich relevant ist das nur, wenn man das mit Absicht gemacht hat“, sagt Husemann, „also das Produkt bewusst nicht oder falsch eingescannt hat.“ Sei das aus Versehen passiert – „das Kaugummi hat man einfach übersehen“ schulde man dem Supermarkt das Produkt, müsse es zurückgeben oder den Preis dafür bezahlen. Anders sei das, wenn der Supermarkt konkrete Hinweise habe, dass ein Teil des Einkaufs ganz bewusst nicht eingescannt wurde, weil etwa die Kamera an der Kasse gefilmt hat, wie jemand etwas einfach in die Tasche steckt. Die Kassen werden mit immer ausgeklügelter Technik überwacht, weil Selbstkassierer offenbar häufiger was mitgehen lassen. Dann drohe eine Anzeige und Hausverbot. Das Supermarktpersonal könne einen Kunden immer bitten, die Taschen nochmal auszupacken. Mache er das nicht freiwillig, könne im Verdachtsfall die Polizei gerufen werden.
    7. Es hakt doch, die Schlange hinter einem wird länger? Ruhe bewahren!
      Handelsexperte Horst sagt: „Warten Sie bis jemand kommt und hilft – ganz in Ruhe.“
  • Einbußen für Wind- und Solaranlagen

    Neue Wind- und Solarkraftwerke sollen einen Teil der Kosten des Netzausbaus tragen. Das steht in einem Gesetzentwurf aus dem Haus von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Unter anderem mit dieser Maßnahme will sie die Stromrechnungen der Privathaushalte und Unternehmen drücken. „Der Ausbau erneuerbarer Energien wird ausgebremst und bewusst behindert“, kritisiert dagegen Grünen-Politiker Michael Kellner.

    In den vergangenen Jahren sind viele Wind- und Solarparks hinzugekommen. Ihr Anteil an der Stromversorgung beträgt mittlerweile rund 60 Prozent. Der Ausbau der Elektrizitätsleitungen hinkt diesem Wachstum allerdings hinterher. Außerdem erfordern die neuen Netze Milliarden Euro Investitionen, die letztlich die Verbraucher über die Stromrechnungen bezahlen. An dieser Stelle mäßigend einzugreifen, hat sich deshalb die Bundesregierung aus Union und SPD vorgenommen.

    Der Gesetzentwurf enthält zahlreiche Maßnahmen in Sachen Netzausbau. Bezüglich der erneuerbaren Energien stechen zwei heraus. So soll die Bundesnetzagentur neuen Wind- und Solarparks eine Beteiligung an den Baukosten für die neuen Leitungen aufbürden können, die zu ihrem Anschluss nötig sind. Bisher existiert eine solche, für sie nachteilige Regelung nicht.

    Zweitens könnten Erneuerbare-Energie-Anlagen unter bestimmten Umständen keine Entschädigungen mehr erhalten, wenn sie zu viel Strom produzieren, der nicht gebraucht wird. Heute werden diese Ausgleichszahlungen – Fachjargon: Redispatch – ebenfalls auf die Stromrechnungen umgelegt. Die Wind- und Solarparkbetreiber planen die Entschädigungen derzeit als Teil ihrer Erträge ein. Fielen sie weg, machte das Investitionen in Ökokraftwerke unattraktiver, befürchtet der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE).

    Wirtschaftsministerin Reiche will den „Anlagenzubau mit dem Netzausbau synchronisieren“, wie es im Titel des Gesetzentwurfes heißt. Damit verfälsche sie jedoch das Ziel des Koalitionsvertrages, erklären die Kritiker. Dort heißt in umgekehrter Reihenfolge, die Netze sollten mit dem Erneuerbaren-Ausbau synchronisiert werden. Was ist die bestimmende Größe? Lautet, so betrachtet, der Gegensatz, der starke Zuwachs von Wind und Solar oder die unzureichenden Netze? Grünen-Energiepolitiker Kellner fordert deshalb, das Wachstumstempo der Kraftwerke beizubehalten und beispielsweise mehr Batteriespeicher anzuschließen.

    Im Übrigen argwöhnt der BEE, der Wirtschaftsministerin gehe „es primär um die Stärkung der Netzbetreiber“. Ihre Interessen würden mit dem Gesetzentwurf gegenüber denen der Anlagenbetreiber aufgewertet. Eigentlich handele es sich um ein „Netzbetreiber-Privilegierungspaket“. Noch aber ist der Gesetzentwurf nicht fertig. Im nächsten Schritt muss Reiche ihn mit der SPD-Seite abstimmen. Schließlich braucht er die Zustimmung des Bundestages.

  • Ein wirklich dickes Ding

    Es wird ein Tag der Premieren: An diesem Donnerstag (12. Februar) soll die Rakete Ariane 6 erstmals mit dem Schub von vier statt zwei Boostern vom europäischen Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana abheben. Es ist der erste Flug der extralangen Version und der erste mit einer kommerziellen Last. Das Gewicht der 32 Satelliten des US-Konzerns Amazon nebst Halterung ist mit 20 Tonnen auch rekordverdächtig. Der Erfolg der Mission hängt entscheidend davon ab, wie gut sie in Gebäude 111 nahe des Bremer Flughafens gearbeitet haben. Hier baut Ariane Group die Oberstufe der Rakete.

    Stefanie Uffelmann steht mitten im Grauraum, sogenannt, weil noch keine strengen Regeln für Luftreinheit und -temperatur und -feuchtigkeit gelten. „Wir arbeiten hier mit einer Art Fließbandfertigung“, sagt die Programmleiterin zukünftige Oberstufen. „Damit können wir mehr Oberstufen herstellen, was die Kosten senkt.“ Allerdings schiebt kein Band die einzelnen Elemente im Minutentakt voran wie in der Autoindustrie. Ariane Group fertigte 2025 vier Oberstufen, in diesem Jahr sollen es sieben bis acht sein, von 2027 an dann im Prinzip jeden Monat eine. Für Raumfahrtverhältnisse ist das viel.

    Die Arbeitsschritte sind vereinheitlich, vom Anliefern der Teile durch rund 600 Firmen aus Europa bis zum Abtransport im Container durchläuft jede Oberstufe 21 Positionen. Sie besteht aus zwei Tanks, je einem für Wasserstoff und Sauerstoff, sowie einem Triebwerk und jeder Menge Leitungen und Elektronik. Fertig hat sie 5,4 Meter Durchmesser, wiegt rund sechs Tonnen. Sie muss Eiseskälte und Vakuum des Weltalls genauso aushalten, wie das feuchtwarme Kourou knapp 400 Kilometer nördlich des Äquators.

    Weil die Anforderungen hoch sind, muss sehr genau gearbeitet werden. „Wir beschichten die Seitenteile zunächst grob mit einem speziellen Isolierschaum, der dann sehr präzise bis auf eine dünne Schicht abgefräst wird“, erklärt Uffelmann. Hinter ihr bewegt sich ein Roboterarm gleichmäßig entlang der Außenhaut der künftigen Oberstufe. „Danach werden sie mit Farbe besprüht. Auch die Farbe isoliert. So stellen wir sicher, dass die Tanks gut isoliert sind, aber immer noch ein minimales Gewicht haben.“

    Die Deckel der beiden Tanks werden, vereinfacht gesagt, mit mehreren Schichten Alufolie bedeckt. „Die Isolierung ist nicht so sehr wegen des Alls wichtig, sondern wegen des Weltraumbahnhofs“, erklärt Uffelmann. „Die Temperaturen in Kourou liegen an kühlen Tagen bei 35 Grad. Der flüssige Sauerstoff braucht aber minus 183 Grad, der flüssige Wasserstoff sogar minus 253 Grad.“

    Jede Ariane 6 verfügt über eine Oberstufe. Die europäische Schwerlastrakete ist 2025 zum ersten Mal geflogen, fünf Mal startete sie in der kleinen Version mit zwei Boostertriebwerken, 62 genannt. Die 64 werden vier Boostertriebwerke, die rund um den Haupttank angeordnet sind, ins All bringen. Die Booster werden später abgestoßen und verglühen. Die Oberstufe mit ihrem Triebwerk steuert dann die Stellen an, an denen die Satelliten abgesetzt werden.

    Das Besondere an der Oberstufe aus Bremen: Sie kann bis zu fünf Mal an und abgeschaltet werden und so Satelliten zielgenau absetzen. Was einfach klingt, ist tatsächlich kompliziert, schon allein wegen der Kräfte, die wirken. „Wenn man die Leistungsdichte des Raketentriebwerks auf einen Formel-1-Motor übertrüge, wäre der Motor etwa so groß wie ein Streichholzschachtel“, sagt Uffelmann.

    Durch eine Schleuse geht es in den Reinraum. Jetzt ist Schutzkleidung nötig. Hautpartikel oder Staub können die Oberstufe unbrauchbar machen. Links von Uffelmann arbeiten gerade zwei Personen in Schutzkitteln an einer sehr großen Linse aus Aluminium – der künftige untere Tank der Oberstufe. Auch er hat mehr als fünf Meter Durchmesser. Er wird rund fünf Tonnen flüssigen Wasserstoff aufnehmen. Der Sauerstofftank ist etwas größer, in ihn passen 25 Tonnen des flüssigen Gases.

    Ein paar Stationen weiter werden die beiden Tanks mit einem Zwischenring zusammengesetzt – Hochzeit der Oberstufe. Direkt daneben wird der Rahmen des Triebwerks bestückt. Kaum zu glauben, dass eine so filigrane Struktur einen Flug ins All übersteht. Das Teil wird unter die zusammengefügten Tanks montiert.

    Die Ariane 64 soll bei ihrem Erstflug 32 Satelliten für Amazon Leo aussetzen. Leo steht für Löwe und ist auch die Abkürzung von Low Earth Orbit, einer Umlaufbahn in bis zu 500 Kilometern Höhe über der Erde. Der US-Handelskonzern will mit Leo Internet aus dem All bieten und mit Starlink von SpaceX konkurrieren. Zunächst sind 3226 Satelliten geplant. 182 kreisen bereits um die Erde. Allein mit der Ariane 64 hat Amazon 17 Starts gebucht.

    In Gebäude C 111 wird die Oberstufe, die jetzt wie eine kleine dicke Rakete ohne Spitze aussieht, auf ein spezielles Containergestell montiert und gewogen. „Wir haben nur eine Toleranz von wenigen Kilo auf die sechs Tonnen“, sagt Uffelmann. Passt alles, fährt ein Schwerlaster den Container nachts in den nahegelegenen Neustädter Hafen. Von dort geht es mit dem firmeneigenen Spezialschiff zunächst nach Frankreich, wo Unterstufe, Booster und die Raketenspitze dazukommen, dann weiter nach Französisch-Guyana. Dort wird die Rakete am Startplatz 4 in Kourou zusammengebaut. Die Oberstufe macht etwa 11,4 Meter der 62 Meter langen Rakete aus. Derzeit laufen zahlreiche Tests. Abheben soll die Ariane 64 am Donnerstag.

  • Mit dem Oma-Paragrafen zu mehr Altersvorsorge

    Seit Wochen arbeitet die Bundesregierung am großen Wurf. Die private Altersvorsorge soll neu geregelt werden. Denn die Zahl derjenigen, die in die gesetzliche Rente einzahlt, sinkt, die der Rentner steigt. Insgesamt droht, die staatliche Rente zu schrumpfen. Deshalb sollen die Deutschen künftig mehr privat zurücklegen. Erste Pläne liegen vor, doch vielen geht die Reform der Riester-Rente nicht weit genug. Dem Bankenverband zum Beispiel.

    „Private Altersvorsorge wird angesichts des demografischen Wandels immer wichtiger“, sagt Lars Stoy, im Vorstand des Verbands zuständig für Altersvorsorge. „Deshalb sollte die staatlich geförderte Vorsorge allen Berufsgruppen offenstehen – auch Selbstständigen und Landwirten.“ Zwang lehnt er allerdings ab. „Eine Pflicht halte ich für den falschen Weg.“

    Bisher fördert der Staat vor allem, wenn Angestellte privat vorsorgen, etwa über die Riester-Rente. Sie startete 2002, um Lücken bei der staatlichen Rente durch privates Sparen auszugleichen. Verbraucherschützer bemängeln sie seit langem. „Die Riester-Rente hat vor allem Versicherern, Banken und dem Vertrieb genutzt“, hieß es vom Bund der Versicherten, dem Bundesverband der Verbraucherzentralen und der Initiative Finanzwende. „Zu wenig Rendite, zu hohe Kosten, zu geringe Vorsorge fürs Alter.“ Auch deshalb wird die Riester-Rente jetzt grundlegend überarbeitet, was Banken und Verbraucherschützer gleichermaßen begrüßen.

    Für Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist die Reform Teil eines größeren Umbaus der Rente. Er sieht die gesetzliche Rente nur noch als Teil der Gesamtversorgung im Alter, private und betriebliche Altersvorsorge sollen nach seiner Ansicht wesentlich wichtiger werden. Derzeit beschäftigt sich eine Kommission mit dem Thema. Sie soll bis Sommer Vorschläge erarbeiten.

    Jetzt geht es erst einmal um neue Regeln für die private Altersvorsorge. Geplant ist ein Altersvorsorgedepot, dessen Gebühren gedeckelt sind und das Standards erfüllen muss. Versicherungen abzuschließen ist möglich, auch der Kauf von Wertpapieren. Die Deutschen, so die Idee, können davon profitieren, dass sich am Kapitalmarkt einiges getan hat. So entwickelten sich etwa ETF (Exchange traded funds, börsengehandelte Fonds), mit denen sich einfach Geld zurücklegen lässt.

    Aus Sicht des Bankenverbands geht die Bundesregierung den richtigen Weg. „Der größte Fortschritt der Reform ist die Öffnung der privaten Altersvorsorge für echte Kapitalmarktprodukte“, sagt Stoy. „Erstmals werden renditestärkere Fondsparpläne ohne starre Garantien möglich.“ Die Garantien sollen Anleger bei der Riester-Rente Anleger vor Verlusten schützen, weil der Preis von Aktien und Fonds an den Börsen nicht immer steigt, sondern auch fallen kann. „Wer langfristig fürs Alter spart, kann Marktschwankungen verkraften und braucht vor allem Ertrag“, sagt Stoy. Je mehr Vermögen zu Rentenbeginn vorhanden ist, desto mehr Rente wird schließlich gezahlt.

    Für ihn hat gerade die Garantie, 100 Prozent dessen, was eingezahlt wurde, später auch zur Verfügung zu haben, die Kosten der Vorsorge erhöht, Renditen gedrückt und viele Menschen von privater Vorsorge abgehalten. Ebenso wie die Pflicht zur lebenslangen Verrentung – also monatlicher Zahlungen bis zum Tod. „Künftig brauchen Sparerinnen und Sparer echte Wahlfreiheit“, fordert Stoy, „sowohl bei der Anlage als auch bei der Auszahlung.“ Wer das Rentenalter erreicht, könnte sich dann zum Beispiel auch eine größere Summe auf einmal auszahlen lassen.

    Neben der Reform der Riester-Rente will die Bundesregierung auch Kinder und Jugendliche dazu bringen, fürs Alter vorzusorgen. Geplant ist eine Frühstart-Rente. Bisher fehlt noch ein Gesetzentwurf, nach letztem Stand soll sie bis Sommer rückwirkend zum 1. Januar eingeführt werden. Die Idee: Der Staat zahlt jedem Kind ab dem sechsten Lebensjahr monatlich zehn Euro, die in einem Altersvorsorgedepot angelegt werden.

    „Hier sollten unbedingt Zuzahlungen von Verwandten möglich sein“, fordert Stoy – eine Art Oma-Paragraf im neuen Rentengesetz. „Zehn Euro im Monat vom Staat, nur für Sechsjährige, reichen nicht aus, um bis zur Volljährigkeit ein solides Fundament für die Altersvorsorge zu legen“, erklärt der Banker. „Erst freiwillige Einzahlungen durch Eltern oder Großeltern machen das Vorsorgedepot wirklich attraktiv und stärken den frühzeitigen Vermögensaufbau.“

    Wer vom sechsten Lebensjahr an jeden Monat zehn Euro angelegt, zum Beispiel in Fonds, hat zum 18. Geburtstag 2090 Euro gespart, zum Rentenbeginn mit 67 sind es  durchschnittlich sechs Prozent Rendite pro Jahr 70.142 Euro. Zahlt die Oma zusätzlich bis zur Volljährigkeit jeden Monat zehn Euro ein, können es 106.464 Euro werden.

    Den Staat wird allein die Reform der Riester-Rente wohl 400 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr kosten. Stoy hält das für sinnvoll. „Ohne Förderung und staatliche Zulagen wird private Altersvorsorge für viele Menschen nicht stattfinden“, ist er sicher. Sie sei der entscheidende Anreiz. „Gerade Haushalte mit geringeren Einkommen profitieren davon, weil staatliche Zulagen und Steuervorteile helfen, fehlende eigene Mittel ausgleichen.“

    Wenig hält der Bankenverband von der Idee, einen staatlichen Fonds aufzulegen, in den das Geld für die Altersvorsorge fließt und der es investiert – am Kapitalmarkt, in Start-ups, Infrastruktur. Vorbild ist zum Beispiel Schweden. „Einen zusätzlichen staatlichen Fonds brauchen wir nicht“, sagt Stoy.