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  • Reaktor für den Schreibtisch

    Am Anfang steht eine gute Geschichte. Robin Langtry, Chef des US-Technologieunternehmens Avalanche Energie, verspricht ein Kraftwerk, das der Sonne nachempfunden ist, dauerhaft sauberen Strom erzeugt und auf dem Schreibtisch Platz findet. Kernfusion für jedermann, im Prinzip. Investoren jedenfalls haben Langtry kürzlich 29 Millionen Dollar gegeben, um sein Produkt zu entwickeln. Anfang der 30er soll es auf den Markt kommen – vielleicht erst einmal nicht für das heimische Wohnzimmer, aber für Satelliten, beim Militär oder für abgelegene Gegenden, wo bisher Dieselgeneratoren Strom liefern.

    Avalanche ist nur eines der Unternehmen, die die Kernfusion voranbringen wollen und schnelle Erfolge versprechen. Weltweit versuchen mehr als 80 Firmen, einen ersten Reaktor zu bauen oder zumindest einen Demonstrator, der beweist, das die Technologie funktioniert. Daran hapert es bisher, obwohl seit mehr als 70 Jahren geforscht wird. Was gut klingt, ist technisch äußerst anspruchsvoll.

    Weltweit steigt der Strombedarf. Angesichts der enormen Energiemengen, die nötig sind, damit die vielen geplanten Rechenzentren für Künstliche Intelligenz auch laufen, suchen die Betreiber nach stabilen Quellen. Neben Atomkraft könnte das Kernfusion sein. In den vergangenen Jahren pumpten Investoren rund elf Milliarden Dollar in den Sektor, vor allem in den USA, wo sich zuletzt 47 Firmen sich mit dem Thema beschäftigten. Commonwealth Fusion Systems verspricht für 2030 einen ersten Reaktor. Helion Energy will Microsoft sogar schon 2028 mit Strom beliefern.

    Bei der Kernfusion geht es darum, Atomkerne zusammenzubringen, in diesem Fall Deuterium und Tritium, zwei Formen des Gases Wasserstoff. Dabei entstehen das Edelgas Helium und Neutronen. Letztere liefern die Energie. In der Sonne laufen solche Fusionen ununterbrochen. Auf der Erde sind andere Strategien nötig. Verfolgt werden im Wesentlichen zwei: Der Fusionsprozess kann in einem mehr als 100 Millionen Grad heißen Plasma angeregt werden, das von Magneten in der Schwebe gehalten wird. Oder Materie in der Größe eines Pfefferkorns kann mit einem sehr präzisen Laser beschossen werden, die Energie des Strahls setzt die Fusion in Gang.

    In Deutschland arbeiten vier Unternehmen an Fusionsreaktoren. Marvel Fusion aus München ist derzeit mit rund 380 Millionen Euro finanziert und typisch für die neue Herangehensweise. Das Unternehmen setzt auf Laserfusion. „Wir haben erkannt, dass wir nicht alles selbst regeln können“, sagt Sophia Spitzer, für die Marktstrategie verantwortlich. Es müsse zu viel gleichzeitig entwickelt werden. Entsprechend arbeitet das Unternehmen mit Partnern zusammen, beim Kraftwerksdesign etwa mit dem Konzern Siemens Energy.

    Zudem versucht das Unternehmen, Teile bereits heute kommerziell zu nutzen, etwa die Laser. Ähnlich gehen auch andere Firmen vor. Zum einen würden die Produkte dann verbessert, sagt Spitzer, zum anderen bauten Zulieferer die Kapazitäten auf, um die Teile später in größerer Menge günstig herzustellen. Bisher wird vieles auf Anfrage gebaut, was die Kosten treibt. Für Anfang der 30er verspricht Spitzer einen Kraftwerksprototypen, Mitte der 30er ein kommerzielles Kraftwerk.

    Im Koalitionsvertrag von Schwarz-rot ist vereinbart, dass das erste Fusionskraftwerk der Welt in Deutschland stehen soll. Entsprechend soll die Förderung steigen. Für drei Jahre sind jetzt 2,7 Milliarden Euro angesetzt. China investiert etwa das Dreifache – jährlich. Kanzler Friedrich Merz (CDU) sieht die Technologie gar Windkraft ersetzen. Das sehen Experten wie etwa Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) nicht, schon allein, weil die Kosten für Strom aus Kernfusion deutlich höher seien als aus erneuerbaren Energien.

    Die Förderung sollte der Bund neu ausrichten. Grundlagenforschung ja, aber nicht mehr, um ein Kraftwerk zur Stromerzeugung zu entwickeln. Hier solle die deutsche Forschungspolitik auf die Innovationsdynamik privater Akteure setzen. Kurz gefasst: Der Markt wird es richten. Spitzer von Marvel Fusion ist sicher, dass die Deutschen vorn dabei sind, vor allem bei Laserfusion. Gerade bei Lasertechnologie sei Deutschland führend. „Wir haben vielleicht weniger Kapital, aber deshalb sind wir nicht langsamer unterwegs“, sagt die Managerin. „Wir sind kreativer.“ Ob der Optimismus die technischen Probleme löst, ist unklar.

  • Elektrisierendes schwarzes Pulver

    Chinesische Übermacht? In Weimar schickt sich ein kleines Unternehmen an, Deutschland bei Batterien für E-Autos ein bisschen unabhängiger zu machen. Dahinter steckt der Mut eines Unternehmers, reichlich Ingenieurswissen und der VW-Konzern, der trotz Sparprogramm eine größere Investition wagt. Es geht um ein schwarzes Pulver und ein besonderes Herstellungsverfahren.

    Ehringsdorf ist von Peking mehr als 7500 Kilometer Luftlinie entfernt. Der beschauliche Vorort sieht nicht aus, als könnte von hier aus eine Revolution ausgehen. In den Räumen von Ibu-Tec Advanced Materials arbeiten sie aber dran. „Die Abhängigkeit des Westens von China, zum Beispiel bei Akkus jeder Art – Autos, Telefone, Staubsauger – ist riesig“, sagt Ulrich Weitz, Produktvorstand und Großaktionär des Unternehmens.

    Vor allem bei E-Autos müssen die Europäer eigenständiger werden. Ibu-Tec geht es nicht so sehr um die Autobatterien selbst als um einen kleinen, aber teuren und wichtigen Teil, die Kathode – der Minuspol –, genauer, das Material dafür. „Bisher wird, vor allem für hohe Reichweiten und Fahrzeuge der gehobenen Preisklasse, Kathodenmaterial aus Nickel, Mangan und Kobalt, kurz: NMC, verwendet“, sagt Weitz. „Die Bestandteile sind zum Teil selten, teuer und nicht nachhaltig.“

    Anders ist das bei LFP, Lithium-Ferrit-(Eisen)-Phosphat. Lithium und Eisen ist deutlich günstiger und weniger giftig als NMC. Könnte Europa hier punkten? Es wird schwer. „Die chinesischen Hersteller haben schnell erkannt, dass es nicht nur auf Reichweite ankommt, und auf LFP gesetzt“, sagt Firmenchef Jörg Leinenbach. „Sie sind das Thema strategisch angegangen bis hin zur Rohstoffbeschaffung. Selbst beim Vorprodukt Eisenphosphat kommt man an China nicht vorbei.“ Das soll sich jetzt ändern. Ibu-Tec hat die Technologie, LFP in großen Mengen herzustellen.

    Dafür wird das senfgelbe Eisenphosphat in einem Drehrohrofen, einer Art rotierendem Backofen, zu schwarzem Pulver gebrannt. Das darf nicht mit Sauerstoff zusammenkommen, was die Fertigung kompliziert macht. Das Wissen um LFP sammelte Ibu-Tec über Jahre. Von 2010 bis 2018 entwickelte und produzierte das Unternehmen das schwarze Pulver im Auftrag des Chemiekonzerns BASF. Das Kathodenmaterial wurde in Batterien für Smart und Mercedes verbaut. Seit dem Auslaufen der BASF-Patente 2021 stellt Ibu-Tec im Drehrohrofen in Ehringsdorf eigenes Material her.

    Der Markt für LFP-Batterien ist riesig: Für 2025 schätzten ihn die Marktforscher von Precedence Research auf 19,6 Milliarden Dollar (16,5 Milliarden Euro). 2030 soll er bei rund 40,6 Milliarden Dollar liegen, 2034 sogar bei 72,8 Milliarden Dollar. Und Ibu-Tec will davon profitieren.

    Bis 2025 fehlte den Weimarern noch ein großer Abnehmer. Im Oktober konnte das Unternehmen dann einen Vertrag mit der Batterietochter des Volkswagen-Konzerns unterzeichnen. „Wir haben sehr große Konkurrenten in China bei LFP“, sagt Weitz stolz. „Powerco hat sich dennoch für uns entschieden als einzigem europäischen LFP-Produzent.“

    Seither ist alles etwas anders bei Ibu-Tec. Kein Wunder, es ist der größte Auftrag der Firmengeschichte. Das Unternehmen baut jetzt eigens eine neue Fabrik im sachsen-anhaltinischen Bitterfeld, weil in Ehringsdorf im Stammwerk nicht genug Platz ist. Kern der neuen Anlage im Chemiepark wird ein Drehrohrofen ähnlich dem in Ehringsdorf, allerdings ist er mit 40 Metern Länge und zwei Metern Durchmesser deutlich größer. Das entspricht etwa acht VW-Bussen hintereinander.

    Die Anlage, ohne Milliardensubventionen komplett durchfinanziert, soll 2027 fertig sein. Wenn alles nach Plan läuft, brennt der Ofen im dritten Vierteljahr 2028 das erste schwarze Pulver. Gut 15.000 Tonnen kann die Anlage jährlich liefern, fast das Fünffache der alten Anlage. Sollte mehr nötig sein, hat Ibu-Tec noch Platz auf dem Gelände. Gleich größer zu bauen, hält Firmenchef Leinenbach nicht für sinnvoll. „Der Drehrohrofen ist mit gut 40 Metern Länge optimal für die Produktion.“

    Die Liefermenge klingt groß, ist im internationalen Maßstab aber noch klein. Powerco hat andere Zulieferer, um die geplanten Mengen von E-Autos im VW-Konzern mit Batterien versorgen zu können. Das Unternehmen baut gerade in Salzgitter, bei Valencia und in Kanada Batteriefabriken, will bis 2030 die Hälfte der VW-Nachfrage mit standardisierten und dadurch günstigen Produkten bedienen. Der deutsche Autobauer will so weniger abhängig von den meist chinesischen Zulieferern werden. Neben LFP setzt der Konzern auch auf andere Technologien wie MNC.

    Die Anfänge von Ibu-Tec gehen bis 1885 zurück. Damals wurde in Ehringsdorf Travertin abgebaut. Später wurde Kalk gebrannt. In den Siebzigerjahren wandelte sich der Standort zum Technikum, nach der Wende startete man als Forschungsinstitut für thermische Verfahren – alles rund ums Erhitzen – neu. 2000 stand das Unternehmen mit 13 Mitarbeitern vor dem Aus. Weitz sah das Potenzial der zahlreichen Patente und kaufte den Betrieb. Seit 2017 ist Ibu-Tec an der Börse.

    Das Unternehmen forscht und produziert im industriellen Maßstab jeweils im Auftrag. Die Kunden kommen aus aller Welt. Unter anderem hat Ibu-Tec Stützgranulat für Fracking, Pulverwerkstoffe für die Autoindustrie, CO2-armen Zement und Farbpartikel für selbstreinigende Fassadenfarben. Heute arbeiten 230 Beschäftigte für die Firma, in Bitterfeld sollen es bis zu 135 werden.

  • Selbst Kasse machen

    Die Kassiererin im Supermarkt, im Discounter, in der Drogerie gibt sich alle Mühe, die Schlange ist trotzdem ellenlang. Also ran an die Alternative – die Selbstbedienungskasse, an der die Kunden ihre Einkäufe selbst einscannen können. Das soll schnell und einfach gehen. Los mit der Milch. Klappt. Dann die Erbsendose. Auch kein Problem. Die Tomaten? Waren die Bio? Egal, sieht ja keiner? Moment! So einfach ist die neue Einkaufswelt nicht – kleine Bedienungsanleitung gegen große Tücken.

    1. Muss ich denn alles selbst machen? Denken Sie an den 10-Artikel-Rat!
      Die Banküberweisung machen Kunden seit langem online, keine Angestellten. Am Flughafen gibt man das Gepäck mittlerweile auch oft selbst auf, Check-in und Baggage-Drop. Und nun auch noch selbst Kasse machen? „Das spart den Kunden oftmals Wartezeiten“, sagt Frank Horst, Experte des Kölner Handelsforschungsinstituts EHI. Außerdem sei kaum noch Personal zu finden. Darum habe der Einzelhandel in den vergangenen beiden Jahren „immens investiert“, könne heute in 11.200 Geschäften von den rund 310.000 Einzelhandelsbetrieben selbst kassiert werden statt nur in gut 5000 wie noch in 2023. Vorreiter sei der Lebensmittelhandel, die Supermarktketten wie Edeka, Kaufland, Rewe und Discounter wie Aldi, Lidl, Penny. Aber auch in Drogerieketten wie DM und Rossmann oder Bau- und Heimwerkermärkten etablieren sich die Systeme zum Selber-Kasse-Machen. Die meisten seien in etwa für 10 Artikel konzipiert, für mehr reiche die Ablagefläche nicht, sagt Horst.
    2. Nicht doppelt zahlen? Machen Sie die Rechts-Links-Bewegung!
      Es hört sich einfach an, Experten sprechen vom Self-Checkout: Man scannt den Strichcode auf der Ware an der speziellen Kasse und zahlt am Terminal per Karte, Smartphone, immer seltener mit Bargeld. Doch dann guckt man zuhause auf den hektisch mitgenommenen Kassenbeleg und denkt, wieso steht denn der Joghurt zweimal darauf? Horst meint: „Arbeiten Sie strukturiert, legen Sie die Waren aus ihrem Einkaufskorb alle die eine Seite, dann scannen Sie die Artikel nach und nach und legen Sie auf die andere Seite, gehen zum Beispiel also immer von rechts nach links vor.“ Legen Sie sich darüber hinaus schon vor der Kasse Ihre Pfandbons und Gutscheine zurecht. Es gibt noch ein zweites System, nennt sich Self-Scanning: Da scannt man die Artikel bereits, wenn man sie in den Einkaufswagen legt, entweder mit einem Handgerät oder eine Smartphone-App. Am Ende zahlt man per App oder an der Expresskasse und muss die Ware nicht noch einmal aufs Band legen, so dass hierbei im übrigen die Zahl der Artikel egal ist.
    3. Ciabatta oder Graubrot? Merken Sie sich die Sorte!
      Bei selbst eingetütetem Brot oder Obst und Gemüse klickt man sich für das Selbst-Kassieren durch, erst auf „Backwaren“, dann auf „Brot“ oder „Brötchen“. Nur: Was war das noch – Graubrot, Dinkelbrot, Sonstiges? „Prägen Sie sich den Namen der Brotsorte ein, die Sie in ihren Einkaufskorb legen“, sagt Horst, „das macht es einfacher.“ Obst- und Gemüse werde häufig abgewogen, dabei auch ein Etikett mit dem Strichcode erzeugt. Sei das nicht so, müsse man sich auch Strauchtomate oder runde Tomate merken, bio oder nicht. An manchen Kassen könne mittlerweile allerdings mittels Kamera und KI erkannt werden, um welches Gemüse oder Obst es sich handele. Die Technik entwickelt sich mit Künstlicher Intelligenz und Funksignalen weiter.
    4. Der Rabatt? Achten Sie aufs Etikett!
      Alle Artikel seien mit einem Strichcode gekennzeichnet, meint Horst. Dennoch solle man darauf achten, ob dieser gut lesbar sei und sonst einen anderen Artikel wählen. So seien Etiketten auf Haushaltswaren öfter mal abgerissen, bei Packungen aus dem Tiefkühlbereich – Fertigpizza, Spinat, Speiseeis – verknittert. Und noch was, ein Sonderfall: Label für Rabatte. Meist wird mit ihnen der ursprüngliche Strichcode überklebt. „Aber natürlich machen Menschen auch mal Fehler“, sagt Horst, „achten Sie darum darauf, dass der alte Strichcode wirklich nicht mehr zu lesen ist, der neue Preis gilt.“
    5. Sekt, Weinbrand-Bohne? Überlassen Sie ruhig den Profis!
      „Mit Sekt oder auch Pralinen mit Alkohol, würde ich mich nicht bei der Selbstbedienungskasse anstellen“, sagt Iwona Husemann von der Verbraucherzentrale NRW. Alkohol darf nicht an Kinder und Jugendliche unter 16 Jahre verkauft werden, Tabakware nur an Erwachsene ab 18. Darum ist immer eine Altersprüfung nötig. Das gehe mancherorts etwa mit einem Personalausweis, bei neueren Systeme auch mit Kamera und Künstlicher Intelligenz. Diese schätze nach bestimmten Gesichtsmerkmalen das Alter des Kunden, erklärt Husemann. Doch oft müsse immer noch ein Mitarbeiter des Geschäfts zu Hilfe kommen. So fix wie gedacht, gehe es dort dann nicht voran. Die Kasse, an der ohnehin Personal sitze, sei da meist schneller. Dasselbe gelte zum Beispiel auch für ein T-Shirt mit Diebstahlsicherung, die entfernt werden müsse.
    6. Falsch gescannt? Rechnen Sie mit Hausverbot!
      Am Ende taucht die Packung Kaugummi nicht auf dem Kassenzettel auf. Ist das Diebstahl? „Strafrechtlich relevant ist das nur, wenn man das mit Absicht gemacht hat“, sagt Husemann, „also das Produkt bewusst nicht oder falsch eingescannt hat.“ Sei das aus Versehen passiert – „das Kaugummi hat man einfach übersehen“ schulde man dem Supermarkt das Produkt, müsse es zurückgeben oder den Preis dafür bezahlen. Anders sei das, wenn der Supermarkt konkrete Hinweise habe, dass ein Teil des Einkaufs ganz bewusst nicht eingescannt wurde, weil etwa die Kamera an der Kasse gefilmt hat, wie jemand etwas einfach in die Tasche steckt. Die Kassen werden mit immer ausgeklügelter Technik überwacht, weil Selbstkassierer offenbar häufiger was mitgehen lassen. Dann drohe eine Anzeige und Hausverbot. Das Supermarktpersonal könne einen Kunden immer bitten, die Taschen nochmal auszupacken. Mache er das nicht freiwillig, könne im Verdachtsfall die Polizei gerufen werden.
    7. Es hakt doch, die Schlange hinter einem wird länger? Ruhe bewahren!
      Handelsexperte Horst sagt: „Warten Sie bis jemand kommt und hilft – ganz in Ruhe.“
  • Einbußen für Wind- und Solaranlagen

    Neue Wind- und Solarkraftwerke sollen einen Teil der Kosten des Netzausbaus tragen. Das steht in einem Gesetzentwurf aus dem Haus von Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU). Unter anderem mit dieser Maßnahme will sie die Stromrechnungen der Privathaushalte und Unternehmen drücken. „Der Ausbau erneuerbarer Energien wird ausgebremst und bewusst behindert“, kritisiert dagegen Grünen-Politiker Michael Kellner.

    In den vergangenen Jahren sind viele Wind- und Solarparks hinzugekommen. Ihr Anteil an der Stromversorgung beträgt mittlerweile rund 60 Prozent. Der Ausbau der Elektrizitätsleitungen hinkt diesem Wachstum allerdings hinterher. Außerdem erfordern die neuen Netze Milliarden Euro Investitionen, die letztlich die Verbraucher über die Stromrechnungen bezahlen. An dieser Stelle mäßigend einzugreifen, hat sich deshalb die Bundesregierung aus Union und SPD vorgenommen.

    Der Gesetzentwurf enthält zahlreiche Maßnahmen in Sachen Netzausbau. Bezüglich der erneuerbaren Energien stechen zwei heraus. So soll die Bundesnetzagentur neuen Wind- und Solarparks eine Beteiligung an den Baukosten für die neuen Leitungen aufbürden können, die zu ihrem Anschluss nötig sind. Bisher existiert eine solche, für sie nachteilige Regelung nicht.

    Zweitens könnten Erneuerbare-Energie-Anlagen unter bestimmten Umständen keine Entschädigungen mehr erhalten, wenn sie zu viel Strom produzieren, der nicht gebraucht wird. Heute werden diese Ausgleichszahlungen – Fachjargon: Redispatch – ebenfalls auf die Stromrechnungen umgelegt. Die Wind- und Solarparkbetreiber planen die Entschädigungen derzeit als Teil ihrer Erträge ein. Fielen sie weg, machte das Investitionen in Ökokraftwerke unattraktiver, befürchtet der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE).

    Wirtschaftsministerin Reiche will den „Anlagenzubau mit dem Netzausbau synchronisieren“, wie es im Titel des Gesetzentwurfes heißt. Damit verfälsche sie jedoch das Ziel des Koalitionsvertrages, erklären die Kritiker. Dort heißt in umgekehrter Reihenfolge, die Netze sollten mit dem Erneuerbaren-Ausbau synchronisiert werden. Was ist die bestimmende Größe? Lautet, so betrachtet, der Gegensatz, der starke Zuwachs von Wind und Solar oder die unzureichenden Netze? Grünen-Energiepolitiker Kellner fordert deshalb, das Wachstumstempo der Kraftwerke beizubehalten und beispielsweise mehr Batteriespeicher anzuschließen.

    Im Übrigen argwöhnt der BEE, der Wirtschaftsministerin gehe „es primär um die Stärkung der Netzbetreiber“. Ihre Interessen würden mit dem Gesetzentwurf gegenüber denen der Anlagenbetreiber aufgewertet. Eigentlich handele es sich um ein „Netzbetreiber-Privilegierungspaket“. Noch aber ist der Gesetzentwurf nicht fertig. Im nächsten Schritt muss Reiche ihn mit der SPD-Seite abstimmen. Schließlich braucht er die Zustimmung des Bundestages.

  • Ein wirklich dickes Ding

    Es wird ein Tag der Premieren: An diesem Donnerstag (12. Februar) soll die Rakete Ariane 6 erstmals mit dem Schub von vier statt zwei Boostern vom europäischen Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana abheben. Es ist der erste Flug der extralangen Version und der erste mit einer kommerziellen Last. Das Gewicht der 32 Satelliten des US-Konzerns Amazon nebst Halterung ist mit 20 Tonnen auch rekordverdächtig. Der Erfolg der Mission hängt entscheidend davon ab, wie gut sie in Gebäude 111 nahe des Bremer Flughafens gearbeitet haben. Hier baut Ariane Group die Oberstufe der Rakete.

    Stefanie Uffelmann steht mitten im Grauraum, sogenannt, weil noch keine strengen Regeln für Luftreinheit und -temperatur und -feuchtigkeit gelten. „Wir arbeiten hier mit einer Art Fließbandfertigung“, sagt die Programmleiterin zukünftige Oberstufen. „Damit können wir mehr Oberstufen herstellen, was die Kosten senkt.“ Allerdings schiebt kein Band die einzelnen Elemente im Minutentakt voran wie in der Autoindustrie. Ariane Group fertigte 2025 vier Oberstufen, in diesem Jahr sollen es sieben bis acht sein, von 2027 an dann im Prinzip jeden Monat eine. Für Raumfahrtverhältnisse ist das viel.

    Die Arbeitsschritte sind vereinheitlich, vom Anliefern der Teile durch rund 600 Firmen aus Europa bis zum Abtransport im Container durchläuft jede Oberstufe 21 Positionen. Sie besteht aus zwei Tanks, je einem für Wasserstoff und Sauerstoff, sowie einem Triebwerk und jeder Menge Leitungen und Elektronik. Fertig hat sie 5,4 Meter Durchmesser, wiegt rund sechs Tonnen. Sie muss Eiseskälte und Vakuum des Weltalls genauso aushalten, wie das feuchtwarme Kourou knapp 400 Kilometer nördlich des Äquators.

    Weil die Anforderungen hoch sind, muss sehr genau gearbeitet werden. „Wir beschichten die Seitenteile zunächst grob mit einem speziellen Isolierschaum, der dann sehr präzise bis auf eine dünne Schicht abgefräst wird“, erklärt Uffelmann. Hinter ihr bewegt sich ein Roboterarm gleichmäßig entlang der Außenhaut der künftigen Oberstufe. „Danach werden sie mit Farbe besprüht. Auch die Farbe isoliert. So stellen wir sicher, dass die Tanks gut isoliert sind, aber immer noch ein minimales Gewicht haben.“

    Die Deckel der beiden Tanks werden, vereinfacht gesagt, mit mehreren Schichten Alufolie bedeckt. „Die Isolierung ist nicht so sehr wegen des Alls wichtig, sondern wegen des Weltraumbahnhofs“, erklärt Uffelmann. „Die Temperaturen in Kourou liegen an kühlen Tagen bei 35 Grad. Der flüssige Sauerstoff braucht aber minus 183 Grad, der flüssige Wasserstoff sogar minus 253 Grad.“

    Jede Ariane 6 verfügt über eine Oberstufe. Die europäische Schwerlastrakete ist 2025 zum ersten Mal geflogen, fünf Mal startete sie in der kleinen Version mit zwei Boostertriebwerken, 62 genannt. Die 64 werden vier Boostertriebwerke, die rund um den Haupttank angeordnet sind, ins All bringen. Die Booster werden später abgestoßen und verglühen. Die Oberstufe mit ihrem Triebwerk steuert dann die Stellen an, an denen die Satelliten abgesetzt werden.

    Das Besondere an der Oberstufe aus Bremen: Sie kann bis zu fünf Mal an und abgeschaltet werden und so Satelliten zielgenau absetzen. Was einfach klingt, ist tatsächlich kompliziert, schon allein wegen der Kräfte, die wirken. „Wenn man die Leistungsdichte des Raketentriebwerks auf einen Formel-1-Motor übertrüge, wäre der Motor etwa so groß wie ein Streichholzschachtel“, sagt Uffelmann.

    Durch eine Schleuse geht es in den Reinraum. Jetzt ist Schutzkleidung nötig. Hautpartikel oder Staub können die Oberstufe unbrauchbar machen. Links von Uffelmann arbeiten gerade zwei Personen in Schutzkitteln an einer sehr großen Linse aus Aluminium – der künftige untere Tank der Oberstufe. Auch er hat mehr als fünf Meter Durchmesser. Er wird rund fünf Tonnen flüssigen Wasserstoff aufnehmen. Der Sauerstofftank ist etwas größer, in ihn passen 25 Tonnen des flüssigen Gases.

    Ein paar Stationen weiter werden die beiden Tanks mit einem Zwischenring zusammengesetzt – Hochzeit der Oberstufe. Direkt daneben wird der Rahmen des Triebwerks bestückt. Kaum zu glauben, dass eine so filigrane Struktur einen Flug ins All übersteht. Das Teil wird unter die zusammengefügten Tanks montiert.

    Die Ariane 64 soll bei ihrem Erstflug 32 Satelliten für Amazon Leo aussetzen. Leo steht für Löwe und ist auch die Abkürzung von Low Earth Orbit, einer Umlaufbahn in bis zu 500 Kilometern Höhe über der Erde. Der US-Handelskonzern will mit Leo Internet aus dem All bieten und mit Starlink von SpaceX konkurrieren. Zunächst sind 3226 Satelliten geplant. 182 kreisen bereits um die Erde. Allein mit der Ariane 64 hat Amazon 17 Starts gebucht.

    In Gebäude C 111 wird die Oberstufe, die jetzt wie eine kleine dicke Rakete ohne Spitze aussieht, auf ein spezielles Containergestell montiert und gewogen. „Wir haben nur eine Toleranz von wenigen Kilo auf die sechs Tonnen“, sagt Uffelmann. Passt alles, fährt ein Schwerlaster den Container nachts in den nahegelegenen Neustädter Hafen. Von dort geht es mit dem firmeneigenen Spezialschiff zunächst nach Frankreich, wo Unterstufe, Booster und die Raketenspitze dazukommen, dann weiter nach Französisch-Guyana. Dort wird die Rakete am Startplatz 4 in Kourou zusammengebaut. Die Oberstufe macht etwa 11,4 Meter der 62 Meter langen Rakete aus. Derzeit laufen zahlreiche Tests. Abheben soll die Ariane 64 am Donnerstag.

  • Mit dem Oma-Paragrafen zu mehr Altersvorsorge

    Seit Wochen arbeitet die Bundesregierung am großen Wurf. Die private Altersvorsorge soll neu geregelt werden. Denn die Zahl derjenigen, die in die gesetzliche Rente einzahlt, sinkt, die der Rentner steigt. Insgesamt droht, die staatliche Rente zu schrumpfen. Deshalb sollen die Deutschen künftig mehr privat zurücklegen. Erste Pläne liegen vor, doch vielen geht die Reform der Riester-Rente nicht weit genug. Dem Bankenverband zum Beispiel.

    „Private Altersvorsorge wird angesichts des demografischen Wandels immer wichtiger“, sagt Lars Stoy, im Vorstand des Verbands zuständig für Altersvorsorge. „Deshalb sollte die staatlich geförderte Vorsorge allen Berufsgruppen offenstehen – auch Selbstständigen und Landwirten.“ Zwang lehnt er allerdings ab. „Eine Pflicht halte ich für den falschen Weg.“

    Bisher fördert der Staat vor allem, wenn Angestellte privat vorsorgen, etwa über die Riester-Rente. Sie startete 2002, um Lücken bei der staatlichen Rente durch privates Sparen auszugleichen. Verbraucherschützer bemängeln sie seit langem. „Die Riester-Rente hat vor allem Versicherern, Banken und dem Vertrieb genutzt“, hieß es vom Bund der Versicherten, dem Bundesverband der Verbraucherzentralen und der Initiative Finanzwende. „Zu wenig Rendite, zu hohe Kosten, zu geringe Vorsorge fürs Alter.“ Auch deshalb wird die Riester-Rente jetzt grundlegend überarbeitet, was Banken und Verbraucherschützer gleichermaßen begrüßen.

    Für Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) ist die Reform Teil eines größeren Umbaus der Rente. Er sieht die gesetzliche Rente nur noch als Teil der Gesamtversorgung im Alter, private und betriebliche Altersvorsorge sollen nach seiner Ansicht wesentlich wichtiger werden. Derzeit beschäftigt sich eine Kommission mit dem Thema. Sie soll bis Sommer Vorschläge erarbeiten.

    Jetzt geht es erst einmal um neue Regeln für die private Altersvorsorge. Geplant ist ein Altersvorsorgedepot, dessen Gebühren gedeckelt sind und das Standards erfüllen muss. Versicherungen abzuschließen ist möglich, auch der Kauf von Wertpapieren. Die Deutschen, so die Idee, können davon profitieren, dass sich am Kapitalmarkt einiges getan hat. So entwickelten sich etwa ETF (Exchange traded funds, börsengehandelte Fonds), mit denen sich einfach Geld zurücklegen lässt.

    Aus Sicht des Bankenverbands geht die Bundesregierung den richtigen Weg. „Der größte Fortschritt der Reform ist die Öffnung der privaten Altersvorsorge für echte Kapitalmarktprodukte“, sagt Stoy. „Erstmals werden renditestärkere Fondsparpläne ohne starre Garantien möglich.“ Die Garantien sollen Anleger bei der Riester-Rente Anleger vor Verlusten schützen, weil der Preis von Aktien und Fonds an den Börsen nicht immer steigt, sondern auch fallen kann. „Wer langfristig fürs Alter spart, kann Marktschwankungen verkraften und braucht vor allem Ertrag“, sagt Stoy. Je mehr Vermögen zu Rentenbeginn vorhanden ist, desto mehr Rente wird schließlich gezahlt.

    Für ihn hat gerade die Garantie, 100 Prozent dessen, was eingezahlt wurde, später auch zur Verfügung zu haben, die Kosten der Vorsorge erhöht, Renditen gedrückt und viele Menschen von privater Vorsorge abgehalten. Ebenso wie die Pflicht zur lebenslangen Verrentung – also monatlicher Zahlungen bis zum Tod. „Künftig brauchen Sparerinnen und Sparer echte Wahlfreiheit“, fordert Stoy, „sowohl bei der Anlage als auch bei der Auszahlung.“ Wer das Rentenalter erreicht, könnte sich dann zum Beispiel auch eine größere Summe auf einmal auszahlen lassen.

    Neben der Reform der Riester-Rente will die Bundesregierung auch Kinder und Jugendliche dazu bringen, fürs Alter vorzusorgen. Geplant ist eine Frühstart-Rente. Bisher fehlt noch ein Gesetzentwurf, nach letztem Stand soll sie bis Sommer rückwirkend zum 1. Januar eingeführt werden. Die Idee: Der Staat zahlt jedem Kind ab dem sechsten Lebensjahr monatlich zehn Euro, die in einem Altersvorsorgedepot angelegt werden.

    „Hier sollten unbedingt Zuzahlungen von Verwandten möglich sein“, fordert Stoy – eine Art Oma-Paragraf im neuen Rentengesetz. „Zehn Euro im Monat vom Staat, nur für Sechsjährige, reichen nicht aus, um bis zur Volljährigkeit ein solides Fundament für die Altersvorsorge zu legen“, erklärt der Banker. „Erst freiwillige Einzahlungen durch Eltern oder Großeltern machen das Vorsorgedepot wirklich attraktiv und stärken den frühzeitigen Vermögensaufbau.“

    Wer vom sechsten Lebensjahr an jeden Monat zehn Euro angelegt, zum Beispiel in Fonds, hat zum 18. Geburtstag 2090 Euro gespart, zum Rentenbeginn mit 67 sind es  durchschnittlich sechs Prozent Rendite pro Jahr 70.142 Euro. Zahlt die Oma zusätzlich bis zur Volljährigkeit jeden Monat zehn Euro ein, können es 106.464 Euro werden.

    Den Staat wird allein die Reform der Riester-Rente wohl 400 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr kosten. Stoy hält das für sinnvoll. „Ohne Förderung und staatliche Zulagen wird private Altersvorsorge für viele Menschen nicht stattfinden“, ist er sicher. Sie sei der entscheidende Anreiz. „Gerade Haushalte mit geringeren Einkommen profitieren davon, weil staatliche Zulagen und Steuervorteile helfen, fehlende eigene Mittel ausgleichen.“

    Wenig hält der Bankenverband von der Idee, einen staatlichen Fonds aufzulegen, in den das Geld für die Altersvorsorge fließt und der es investiert – am Kapitalmarkt, in Start-ups, Infrastruktur. Vorbild ist zum Beispiel Schweden. „Einen zusätzlichen staatlichen Fonds brauchen wir nicht“, sagt Stoy.

  • Abheben in Seattle

    Gerade hat Flugkapitän Stijn Lambrecht einen guten Erstflug gewünscht. Jetzt gibt er Gas. Der Schub drückt die Gäste in die fabrikneuen Sitze, die noch nach Leder riechen. Und dann hebt G-TUPE, neuester Flieger der TUI-Airline-Flotte, vom Boeing-Field in Seattle, USA, ab und lässt den Nieselregen hinter sich.

    Die glänzende 737 Max 8 hat jetzt etwa 7500 Kilometer vor sich. Es geht über Kanada und den Polarkreis bis hinauf zum 68. Breitengrad, dann über Grönland, Island und Schottland nach Manchester. Der Mittelstrecken-Jet schafft die Entfernung, weil er praktisch leer ist. Geplante Flugzeit sind neun Stunden 35 Minuten.

    Der Flieger gehört zur neuen Strategie von TUI Airline, eines Unternehmens des größten europäischen Reisekonzern TUI. Bisher brachte die Fluggesellschaft im Wesentlichen Reisende zu den Hotels und Kreuzfahrtschiffen der Mutter. Das soll sich jetzt ändern. „Wir wandeln uns zu einer Fluggesellschaft mit dem sehr großen Kunden TUI, die aber auch eigene Strecken und Plätze anbietet“, sagt Peter Glade, Chief Commercial Officer von TUI Airline. Im Zweifel könnten sogar andere Reiseanbietern Kunden sein.

    Die derzeit 125 Flugzeuge, die vor allem aus Großbritannien, Deutschland, Belgien und Schweden fliegen, sollen besser genutzt werden – trotz Auslastung von bis zu 90 Prozent bleiben Plätze frei. Und der ein oder andere Leerflug könnte auch entfallen. „Es gibt da enormes Potenzial“, sagt Glade. Zugleich soll aus fünf internen Strukturen eine Fluggesellschaft werden. Er verspricht zudem: „Mit neuer Infrastruktur machen wir den Ticketkauf so einfach macht wie einen Einkauf bei Amazon.“ Umgesetzt sein soll alles zum Herbst 2027. Christopher Grube, Leiter des Flugbetriebs, ergänzt: „Was wir machen, ist der anspruchsvollste Umbau derzeit im Fluggeschäft Europas.“

    Das neue Flugzeug hat TUI bereits vor Jahren bestellt. Es dauert, bis es bei Boeing im 737-Werk Renton bei Seattle einen Slot gibt. Die Max 8 ist das beliebteste Modell der Baureihe, derzeit liegen für sie 4792 Bestellungen vor. Das Werk schafft im Moment 42 Maschinen pro Monat, Anfang 2027 sollen es 52 sein.

    Eine neue 737 startet etwa 2300 Kilometer entfernt im tiefsten Kansas, in Wichita. Dort nieten die Arbeiter der Boeing-Tochter Spirit Aerospace den Rumpf aus Aluminiumblech zusammen, versehen ihn mit einem grünen Schutzanstrich. Dann geht es in drei Teilen –Schnauze, Heck und Rumpf – per Zug durch die Rocky Mountains in acht Tagen nach Renton.

    In der riesigen Halle werden die Flugzeuge in drei Linien überwiegend in Handarbeit gebaut. Ein geschäftiges Summen liegt über allem, auch wenn nur wenige Menschen zu sehen sind. Andererseits fallen sie zwischen den großen Flugzeugen kaum auf. Deren Notausgänge sind nach oben geklappt, die Türen offen, an vielen Stellen der Maschinen hängen Kabel heraus. Irgendwo heult es warnend, unter einem Flieger blinkt eine Lampe alarmrot. Akkuschrauber schnarren.

    An den ersten Stationen werden Schnauze, Rumpf und Heck zusammengesetzt, etwa 63 Kilometer Kabel eingezogen, das Cockpit ausgestattet, an der vierten setzen sie den Rumpf auf die Tragflächen und die Räder. Jetzt kann der Flieger selbst weiterrollen. Erstmals ist auch zu erkennen, wer die Maschine bekommen wird – United, Ryanair oder eben TUI. Das Ruder am Leitwerk hinten ist mit einem Abschnitt des jeweiligen Firmenlogos lackiert, der Rest des Rumpfs trägt weiter türkisgrün.

    Etwas weiter Richtung Tor, über dem eine riesige US-Fahne hängt, kommen Küchen, Toiletten und Bodenplatten in die Flugzeuge. Der Strom wird angeschaltet. Erst an Station 8 schieben sie die Sitze durch die vordere Flugzeugtür, hochtransportiert mit einem Gerät, das mit seiner Kette und den Haken entfernt an ein Förderband für Strohballen erinnert, von dem sich die Boeing-Experten tatsächlich anregen ließen. Nach den Funktionstests werden an der letzten Station die Turbinen unter die Tragflächen gehängt.

    Jetzt ist das Flugzeug bereit, wird durch das große Tor nach draußen geschoben. Nach einem ersten Triebwerkstest hebt die neue Maschine von der Startbahn neben der Fabrik zum Testflug ab – immer noch im grünen Schutzanstrich. Verhält sich das Flugzeug, wie es soll, bekommt es nach der Rückkehr den Lack. Drei bis fünf Schichten sprühen Spezialisten per Hand auf.

    So läuft es auch bei G-TUPE. Danach kommen TUI-Ingenieure und Piloten wie Lambrecht, die den Flieger intensiv testen. Jeder Schalter wird geschaltet, jeder Anschluss angesehen, jeder USB-Stecker geprüft. Und Lambrecht bringt die Maschine beim C1 genannten ersten Flug des Kunden (Customer) an ihre Grenzen: extremer Steigflug, plötzliches Absacken, scharfe Kurven, viereinhalb Stunden, in denen die jeweiligen Sicherungssysteme anspringen müssen. Es ist ein Flug recht weit entfernt vom normalen Urlaubstrip Urlaubsflug Düsseldorf–Palma (Hamburg–Palma / Stuttgart–Funchal / München–Gran Canaria / Frankfurt–Hurghada).

    Die 737 hat alles gut überstanden, Flugkapitän Lambrecht sieht jedenfalls am Abend vor dem Manchester-Flug zufrieden aus. In der Nacht unterschreiben dann Vertreter von TUI und Boeing den Papierkram, erst dann fließt Geld an den Flugzeughersteller. Über den Preis schweigen sich alle aus. Angeblich kostet die 737 Max 8 offiziell mehr als 120 Millionen Dollar (derzeit 100 Millionen Euro), Rabatte von 40 Prozent und mehr sind für Großbesteller üblich. TUI wartet noch auf 41 Maschinen, kann 17 weitere bestellen.

    Hat TUI daran gedacht, auf den europäischen Airbus zu wechseln? Immerhin musste Boeing nach tödlichen Unfällen 2018 in Indonesien und 2019 in Äthiopien nachbessern – in der Produktion und beim Flugzeug. Die 737 Max 8 habe eine neue Zulassung, sagt Flugbetriebsleiter Grube. Es gebe wahrscheinlich keine Maschine, die die Behörden besser durchleuchtet hätten. Außerdem, ergänzt Glade, dauere solch ein Wechsel Jahre, wenn nicht Jahrzehnte. Und eine einheitliche Flotte sei bei Wartung und Pilotenausbildung deutlich effizienter.

    G-TUPE setzt nach einem sehr ruhigen Flug in Manchester auf. Die Maschine rollt ans Gate. Die Turbinen fahren herunter. Flugkapitän Lambrecht und sein erster Offizier James Craggs sehen entspannt aus – trotz neun Stunden 38 Minuten Flug. Der Zoll könnte noch etwas Probleme bereiten, schließlich hat TUI soeben ein ziemlich großes Produkt nach Großbritannien eingeführt. Lambrecht hat deshalb die Rechnung dabei. Üblicherweise wird der Zoll hinter den Kulissen erledigt. Und auch dieses Mal geht alles glatt. In den nächsten Tagen bekommt die Maschine noch den letzten TUI-Schliff, dann startet sie in den Ferienbetrieb – in die Sonne.

  • Sicher surfen mit an%4ge9?#Ben

    Im Internet tummeln sich zahlreiche Diebe. Sie wollen sensible Bankdaten stehlen oder die Identität anderer Personen annehmen, um Waren zu bestellen oder Menschen zu verunglimpfen. Davor schützen geeignete Passwörter und andere, noch sicherere Verfahren.

    Was sind Passwörter und warum sind sie wichtig?

    Ein Passwort schützt den Zugang zu einem persönlichen Konto, sei es für den Bürorechner, Bankgeschäfte oder Onlinekäufe, Social-Media, Streaming oder E-Mail. Es garantiert, dass keine Unbefugten Firmeninterna sehen, Geldgeschäfte machen, Texte schreiben oder etwas auf fremde Kosten einkaufen. Ein Passwort ist vergleichbar mit einem Schlüssel zu einer Wohnung. Niemand kann sie ohne ihn betreten.

    Welche Passwörter sind ungeeignet?

    Vielen Menschen sind Passwörter lästig, verlängern diese Sicherheitsabfragen doch die Zeit, bis man den Bürorechner nutzen oder etwas online bestellen kann. Zu den beliebtesten Zugangscodes in Deutschland gehören deshalb 123456 oder password. Auch die nebeneinander stehenden Buchstaben der Tastatur (qwertz, asdfgh) werden gern verwendet. Weil Kriminelle das wissen und oft automatisierte Programme einsetzen, ist mancher Rechner oder Internetaccount schnell geknackt. Die Namen von Haustieren sowie Geburtsdaten von Kindern oder Enkeln lassen sich recht einfach in Erfahrung bringen.

    Welche Passwörter sind sicher?

    Das Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnologie (BSI) und die Verbraucherzentralen empfehlen, entweder kurze komplizierte Passwörter mit acht bis zwölf Zeichen zu verwenden oder sehr lange ab 25 Zeichen. Bei den kurzen sollten Zahlen, Sonderzeichen wie @ und &, sowie kleine und große Buchstaben vorkommen. Ein Beispiel wäre an%4ge9?#Ben. Bei sehr langen reichen auch nur zwei Zeichenarten, zum Beispiel Pinguin?Buchregal?Haus?Azoren. Um sich die Passwörter zu merken, helfen Eselsbrücken wie „Der Pinguin stand am Buchregal im Haus auf den Azoren“. Grundsätzlich sollte für jeden Zugang ein eigenes Passwort angelegt werden.

    Ich kann mir nicht so viele Passwörter merken. Welche anderen Möglichkeiten gibt es?

    Nur die wenigsten Menschen können sich viele unterschiedliche Passwörter merken. Deshalb aber immer dasselbe Passwort zu verwenden, ist grob fahrlässig. Denn wenn jemand einmal das Passwort kennt, hat die Person womöglich Zugriff auf alles –Bank- und E-Mail-Konto, Social Media, Streamingdienst, Bahn-, Flug-, Hotelbuchungsportal. Besser ist es, sich von der Technik helfen zu lassen: mit einem Passwortmanager, Passkeys oder Zwei-Faktor-Authentifizierung.

    Was ist ein Passwortmanager?

    Funktion: In einem Passwortmanager sind alle Webseiten, dazugehörige Benutzernamen und Passworte gespeichert, eine Art digitale Liste. Um ihn aufzurufen, ist nur noch ein zentrales Passwort nötig. Fordert eine Webseite eine Anmeldung, übernimmt das der Passwortmanager, den man mit dem zentralen Passwort freigibt.

    Vorteile: Die Zugänge zu E-Mail und anderen Programmen sind individuell geschützt. Man muss sich dennoch nur ein Passwort merken.

    Nachteile: Der Passwortmanager speichert alle Zugangsdaten entweder auf dem eigenen Rechner oder in einer Cloud. Bei einem Cyberangriff können alle Daten gestohlen werden. Wer sein Masterpasswort vergisst, hat womöglich keinen Zugriff mehr auf Bankkonto oder E-Mail oder muss ihn für jede Webseite mühsam einzeln wiederherstellen.

    Was ist ein Passkey?

    Funktion: Das Passkey-Verfahren arbeitet mit automatisch erstellten Schlüsseln. Einige Internetdienste bieten es an und fragen beim Anmelden, ob man es nutzen will. Dann wird beim Anbieter, zum Bespiel einem Onlinehändler, ein sogenannter öffentlicher Schlüssel hinterlegt, über den man eindeutig erkannt wird. Auf dem eigenen Gerät wird ein zweiter, geheimer Schlüssel gespeichert. Meldet man sich nun beim Onlinehändler an, muss dieser zweite Schlüssel zum Beispiel per Fingerabdruck auf dem Smartphone freigegeben werden oder mit einem Code, der einem per SMS zugeschickt wird.

    Vorteile: Passwörter sind überflüssig, man muss sich nichts merken. Der geheime Schlüssel ist im Gerät gespeichert und wird niemals weitergegeben. Man selbst kennt ihn nicht und kann deshalb auch nicht auf sogenannte Phishing-Mails hereinfallen, mit der Gauner Zugangsdaten erschleichen wollen. Ein Passkey ist immer nur mit einem einzigen Onlinekonto verknüpft. Selbst wenn einmal einer gestohlen werden sollte, können die Diebe andere Konten nicht knacken.

    Nachteile: Sicherungskopien der Passkeys sind wichtig. Sonst wird es kompliziert. Denn geht das Gerät verloren, auf dem die geheimen Schlüssel gespeichert sind, müssen aufwändig neue vergeben werden.

    Was verbirgt sich hinter Zwei-Faktor-Authentifizierung?

    Funktion: Bei der Zwei-Faktor-Authentifizierung kommt zum Passwort (Faktor 1) noch eine weitere Sicherheitsabfrage (Faktor 2) hinzu, die oft ein anderes Gerät zur Freigabe nutzt. Wer sich zum Beispiel auf dem Computer bei einem Bankkonto anmelden will, wird nach der Eingabe das Passworts gebeten, sich per Gesichtserkennung oder Fingerabdruck auf dem Mobiltelefon auszuweisen. Es kann auch sein, dass ein einmaliger Zahlencode an Mailadresse oder Mobiltelefon geschickt wird, der eingegeben werden muss. Oder eine Webseite fordert ein besonderes Zertifikat an, dass auf dem Gerät gespeichert ist. Das Steuerprogramm Elster etwa arbeitet so. Auch die Online-Funktion des Personalausweises nutzt die Zwei-Faktor-Autorisierung: Nötig sind der Ausweis mit Chip (Faktor 1) und eine Pin (Faktor 2).

    Vorteile: Das Verfahren ist sehr sicher. Selbst wenn jemand im Besitz des Passwortes ist, lässt sich zum Beispiel auf eine Banking-App nicht zugreifen. Das BSI rät, die Funktion unbedingt zu nutzen, wenn eine Webseite sie anbietet.

    Nachteile: Der Anmeldevorgang dauert etwas länger als nur mit einem Passwort oder einer Pin. Und wenn zum Beispiel das Mobiltelefon verloren geht, über das die Gesichtskennung läuft, bleibt der Zugang verwehrt und andere Wege müssen genutzt werden.

    Wie finde ich heraus, ob mein Passwort gestohlen wurde?

    Immer wieder ist von Datenlecks zu lesen oder Datendiebstahl in großem Maßstab. Bei zwei deutschen Universitäten lässt sich überprüfen, ob die Zugangsdaten eines Kontos Teil eines Raubzugs waren. Das Hasso-Plattner-Institut an der Universität Potsdam bietet den Check unter https://sec.hpi.de/ilc/ an, die Universität Bonn unter https://leakchecker.uni-bonn.de/de/index.

    Wie gehe ich bei einem Diebstahl vor?

    Sind Konten betroffen, sollten Sie sofort die Passwörter oder andere Zugangsdaten ändern. Haben Sie keinen Zugriff mehr, informieren Sie den Anbieter. Bekommen Sie merkwürdige Bestellbestätigungen oder tauchen unbekannte Abbuchungen im Konto auf, sollten sie auf jeden Fall den Händler, die Bank sowie die Polizei informieren, gegebenenfalls eine Kreditkarte sperren.

  • „Von fortschrittlichen Gedanken geprägt“

    Hannes Koch: Die Kommission zur Reform des Sozialstaates macht Vorschläge, die auch Sie schon formuliert haben. So sollen Grundsicherung, Wohngeld und Kinderzuschlag künftig aus einer Hand kommen. Was würde das für die Antragsteller:innen verbessern?

    Wolfgang Strengmann-Kuhn: Sie würden die Sozialleistungen dann wohl einfacher und schneller erhalten als heute. Denn momentan muss man Anträge an drei Stellen einreichen: beim Jobcenter für die Grundsicherung, bei der Familienkasse für den Kinderzuschlag, schließlich bei der Kommune für das Wohngeld. Viele Leute blicken da nicht durch oder verzichten auf den komplizierten Antrag. Es besteht die Hoffnung, dass die aktuellen, teils widersprüchlichen Regeln vereinheitlicht werden.

    Koch: Die Kommission schreibt, das Existenzminimum und die „individuellen Bedarfe“ der Antragsteller:innen müssten „in jedem Fall“ sichergestellt werden. Beinhaltet die Zusammenlegung nicht aber auch die Gefahr, dass es zu Kürzungen von Sozialleistungen kommt?

    Strengmann-Kuhn: Das Risiko besteht durchaus. Diesen Effekt befürchte ich beispielsweise bei den sogenannten Transferentzugsraten, also wie das selbst erwirtschaftete Arbeitseinkommen der Leistungsempfänger:innen mit den staatlichen Leistungen verrechnet wird. Die Kommission schlägt einen Korridor von 70 bis 80 Prozent oberhalb der Minijobgrenze vor. Wenn, um Geld zu sparen, 80 Prozent des Einkommens angerechnet werden, könnte das im Vergleich zu heute zu finanziellen Nachteilen für viele Leute führen.

    Koch: Für diese etwas höheren Arbeitseinkommen soll der Anteil der Verrechnung aber niedriger liegen als jetzt.

    Strengmann-Kuhn: Je nachdem, ob die Anrechnung 70 oder 80 Prozent beträgt, kann es sein, dass auch von solchen Einkommen weniger übrig bleibt. Aber: Anrechnungsraten von heute bis zu 100 Prozent für zusätzliches Einkommen werden durch den Vorschlag vermieden. Das ist gut. Wer neben den staatlichen Zuschüssen zusätzlich höhere Beträge selbst verdient, könnte also davon mehr Geld behalten als jetzt.

    Koch: Die Empfehlungen laufen darauf hinaus, die Bürokratie zu vereinfachen. Statt drei oder vier Stellen sollen künftig nur noch zwei Behörden zuständig sein. Die Jobcenter wären für die erwerbsfähigen Leute zuständig, die Sozialämter der Kommunen für die nicht arbeitsfähigen. Eine gute Idee?

    Strengmann-Kuhn: Das Problem ist, dass die Jobcenter dadurch erheblich belastet würden, weil sie sich dann auch um Millionen Menschen zusätzlich kümmern müssten, die heute Wohngeldanspruch haben und 2.000 bis 3.000 Euro oder mehr verdienen. Leistungsempfänger:innen, die schon ganz ordentliche Einkommen erzielen, sind dort eigentlich an der falschen Adresse – sie brauchen zwar einen finanziellen Zuschuss, aber nicht die sonstige Unterstützung vom Jobcenter.

    Koch: Was schlagen Sie vor?

    Strengmann-Kuhn: Es wäre besser, wenn für Leute, die heute schon Steuern zahlen, die Leistungen von den Finanzämtern kämen. Die verfügen sowieso schon über die Angaben zu allen Einkommen. Das bedeutete eine tatsächliche Entbürokratisierung, für die Betroffenen und die Behörden. Die Jobcenter würden erheblich entlastet.

    Koch: Ihr Vorschlag beinhaltet auch, dass die Leistungen automatisch ausgezahlt würden, ohne Antragstellung. Dann erhielten aber viel mehr Leute Geld, und die Kosten für den Staat stiegen.

    Strengmann-Kuhn: Gar nicht so viel. Die Kommission hat das anscheinend berechnen lassen. Demnach lagen die zusätzlichen Kosten im niedrigen einstelligen Milliardenbereich, Bürokratieabbau nicht mitgerechnet – eine verkraftbare Größenordnung.

    Koch: Unter der schwarz-roten Koalition geht die öffentliche Debatte momentan aber eher in die Richtung, soziale Leistungen zu kürzen. Betrachten Sie die Empfehlungen der Kommission nun als Kontrapunkt?

    Strengmann-Kuhn: Das ist noch unklar. Im Gegensatz zur Reform des Bürgergeldes, das jetzt in Grundsicherung umbenannt wird, sind die Empfehlungen jedoch eher von fortschrittlichen Gedanken geprägt. Es geht darum, den Sozialstaat zu vereinfachen und für die Leute effektiver zu machen. Wie gesagt, beinhaltet der Bericht aber auch die Möglichkeit, Leistungen zu kürzen.

    Koch: Für wie realistisch halten Sie die Vorschläge?

    Strengmann-Kuhn: Was eine schnelle Umsetzung betrifft, bin ich skeptisch. Es gibt noch sehr viele Hürden und offene Punkte, über die sich die Koalition streiten wird. Vor allem die Union wird sich für Kürzungen einsetzen. Aber es ist der Beginn einer spannende Debatte über die Systematik des Sozialstaats.

    Bio-Kasten
    Wolfgang Strengmann-Kuhn war bis Frühjahr 2025 grüner Abgeordneter im Bundestag. Nun arbeitet der Sozialexperte im Institut für Sozialökologie.

  • Atomenergie stagniert

    Immer wieder Atomenergie. Manche Länder sehen sie als Chance, von fossiler Energie wegzukommen. Die US-Technologieindustrie will groß einsteigen, um den Hunger der Rechenzentren für künstliche Intelligenz zu stillen. In Deutschland denkt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) immer wieder laut über sie nach. Die Internationale Energie Agentur IEA, lange Jahre skeptisch, hat gar eine Renaissance entdeckt.

    In Zahlen schlägt sich die Begeisterung bisher nicht nieder. Anfang 2025 waren weltweit 404 Atomkraftwerke mit einem Durchschnittsalter von etwa 33 Jahren in Betrieb, fünf weniger als ein Jahr zuvor, wie aus dem aktuellen World Nuclear Industry Status Report hervorgeht, einem unabhängigen Bericht zur Lage der kommerziellen Atomstromerzeugung. Vier Anlagen kamen neu hinzu: zwei in China und je eine in Indien und Russland. Neun gingen vom Netz: je drei in Belgien und Russland, eine in Taiwan. Das Land stieg damit als fünftes Land aus der Atomenergie aus. Deutschland schaltete den letzten Reaktor 2023 ab.

    Anlagen laufen noch in 31 Ländern, die meisten in Frankreich. Gebaut wird der in elf Ländern, vor zwei Jahren waren es noch in 16. Für Mycle Schneider ein Zeichen, dass die Atomkraft gerade eher im Sinken begriffen ist. Sind insgesamt weniger Anlagen an den Netzen der Welt, steigt doch die erzeugte Strommenge. 2025 dürften die Reaktoren den Rekord von 2024 (2.677 Terawattstunden) noch einmal um zehn bis 15 Terawattstunden übertroffen haben. Weil aber auch der Energiebedarf steigt, stagniert der Anteil von Atomstrom weltweit seit Jahren bei um die neun Prozent.

    Schneider ist Herausgeber des Berichts, der seit 2007 jährlich erscheint. Die Autoren aus neun Ländern werten öffentlich zugängliche und belastbare Quellen aus. Den Bericht unterstützen unter anderem das Bundesamt für die Sicherheit in der nuklearen Entsorgung (Base), die Friedrich-Ebert- und die Heinrich-Böll-Stiftung.

    Zum Jahresbeginn waren 67 Reaktoren weltweit im Bau. Als „im Bau“ zählt ein Reaktor, wenn das Fundament gegossen wird. Deshalb ist zum Beispiel die Anlage, die Polen an der Ostsee errichtet, noch nicht erfasst. Einzige Baustelle in Europa ist Hinkley Point C in Südengland.

    67 Reaktoren weltweit im Bau klingt viel, doch 36 entstehen allein in China. Das Land in den vergangenen Jahren kräftig in Atomkraft investiert. Allerdings steckten sie noch mehr in erneuerbare Energien, die einen deutlich höheren Anteil an der Stromproduktion des Landes haben. Nach China folgt Russland, das Atomreaktoren als Exportprodukt versteht. Die Russen bauen unter anderem in Ägypten und der Türkei, in Indien und Bangladesch.

    Das hat womöglich auch strategische Gründe. „Es gibt keine engere Verbindung zwischen zwei Ländern als der Bau eines Atomkraftwerks“, sagt Schneider. Zudem bieten die Russen an, abgebrannte Brennstäbe wieder zurückzunehmen. In der Türkei werden sie die vier Anlagen sogar betreiben. Bemerkenswert findet der Herausgeber des Berichts, dass zum Beispiel weder in Süd- noch in Nordamerika eine neue Anlage gebaut wird. Trotz markiger Ankündigungen, groß einsteigen zu wollen.

    Zuletzt hatten sich 33 Länder dazu bekannt, Atomenergie bis 2050 zu verdreifachen. Zu den Unterzeichnern des entsprechenden Papiers gehören Frankreich, Finnland, Japan, die Niederlande, Großbritannien und die USA, aber auch Ghana, Jamaika, Ruanda und Senegal. „Wenn alles wie versprochen umgesetzt wird, würde die installierte Leistung von 413 Gigawatt 2020 auf 1240 Gigawatt steigen, heißt es im World Energy Report der Internationalen Energie Agentur.

    Geredet wird viel, die Realität sieht möglicherweise anders aus. Schneider hält Pläne und Zahlen für Unsinn. „Es ist einfach technisch nicht möglich, derart viele neue Kraftwerke in der Zeit zu bauen.“ Zumindest, wenn man nach den Reaktoren in der EU geht. Zuletzt begann in der Gemeinschaft 2007 der Bau eines Reaktors. Flammanville-3 in der Normandie ging 2024 nach 17 Jahren in den Betrieb. Die Kosten stiegen von geplanten 3,3 auf mehr als 13 Milliarden Euro.

    Schneider zufolge gibt es zudem nicht genug Firmen, die derart viele Akw errichten können. Neben der russischen Rosatom sind das CGN und CNNC aus China, die französische EDF und KHNP aus Südkorea. Das US-Unternehmen Westinghouse stellt Technologie bereit, will aber keine Baurisiken mehr eingehen. Eine chinesische Firma zu beauftragen, sei für die westliche Welt indiskutabel, sagt Schneider. Ähnlich sehe es bei Rosatom aus.

    Warum dennoch so viele Politiker gern von Atomkraftwerken reden? Es sei einfach, so etwas zu verkünden, sagt Ruggero Schleicher-Tappeser, Mitautor des WNISR-Berichts. „Politiker können zeigen, dass sie etwas tun.“ Ob dann tatsächlich etwas geschieht, ist eine andere Frage.

    Der Wandel der Energiewelt macht es für die nuklearen Großanlagen ohnehin schwerer. Solarpanels sind günstig in Masse herzustellen und flexibel einsetzbar, wie Schleicher-Tappeser sagt. Sie erzeugten Strom direkt aus der Kraft der Sonne und nicht über dem Umweg über Hitze und Turbinen. Zudem sinke der Preis für Batteriespeicher kräftig. Er erwartet, dass auch die US-Technologieriesen eher auf Sonnenenergie setzen als auf Atomkraft, auch wenn sie bisher anderes angekündigt haben.

    Was alle alten und neuen Fans bisher neben steigenden Kosten, längerer Bauzeit und technischen Problemen gern übersehen: den Atommüll. Bisher ist weltweit kein Endlager in Betrieb. Immerhin, die Finnen stehen kurz davor.

  • Überraschend wachstumsstark

    Politisch zerlegt sich das Weltgefüge der vergangenen Jahrzehnte gerade. Die Wirtschaft steckt das gut weg – insgesamt betrachtet. Sie legt sogar stärker zu als bisher gedacht, jedenfalls nach Ansicht des Internationalen Währungsfonds (IWF). Er rechnet jetzt mit mehr Wachstum in diesem Jahr als noch im Oktober. Getrieben wird das Plus demnach vor allem von den USA und China. Und auch für Deutschland sind die Experten zuversichtlicher.

    Die Weltwirtschaft sei bemerkenswert widerstandsfähig trotz der bedeutenden Handelsstörungen, die die USA ausgelöst hätten, und der steigenden Unsicherheit, sagt IWF-Chefvolkswirt Pierre-Olivier Gourinchas. Er erwartet, dass die Weltwirtschaft – der Wert aller Waren und Dienstleistungen –  in diesem Jahr insgesamt um 3,3 Prozent wächst. Noch im Oktober hat der IWF nur ein Plus von 3,1 Prozent vorhergesagt.

    Das Wachstum der deutschen Wirtschaft änderte der IWF ebenfalls. Das Bruttoinlandsprodukt soll 2026 um 1,1 (bisher: 0,9) Prozent zulegen. In diesem und vor allem dem nächsten Jahr dürften sich die steigenden Staatsausgaben für Infrastruktur und Verteidigung auswirken.

    Auch der Handel insgesamt soll zulegen – trotz der vielen Zusatzzölle sowie Ausfuhrbeschränkungen etwa für Computerchips (USA) und Seltene Erden (China). Die Unternehmen insgesamt erwiesen sich als erstaunlich findig und stellten sich schnell auf veränderte Lage ein, sagt Gourinchas.

    Getrieben wird das Wirtschaftswachstum vor allen von China und seiner Exportindustrie sowie den USA, die sehr viel auch ausländisches Geld anziehen, das in IT und künstliche Intelligenz fließt. Hier sieht der Experte größere Risiken – weil das Geld fast nur in KI in den USA investiert wird. Probleme dort schlagen dann schnell weltweit durch. Auch steigt die Gefahr, das Unternehmen Geld bekommen, die weder eine gute Idee haben noch überlebensfähig sind. Der IWF-Chefvolkswirt erinnert an die Dotcom-Blase, die Anfang der 2000er Jahre platzte. Noch sei Ähnliches aber nicht zu erkennen.

    Nicht berücksichtigt ist bisher in den Berechnungen des IWF der Versuch der USA, die Kontrolle über Venezuela und die Ölreserven dort zu bekommen. Im Dezember ergriff das Militär den venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro und setzte ihn ab. Ebenfalls nicht eingeflossen ist der drohende Zollkrieg zwischen den USA und der EU wegen Grönland. US-Präsident Donald Trump will die Insel den Vereinigten Staaten eingliedern – sie gehört als autonomes Gebiet zu Dänemark, bisher ein Verbündeter der USA.

    Gourinchas bezeichnet vor allem den neuen Zollkrieg als großes Risiko für die Weltwirtschaft. Verlieren würden dabei alle, zuerst die USA und die EU, dann aber auch andere Länder. Wen es mehr treffe? Aus Sicht des IWF-Chefvolkswirten ist das derzeit kaum abzusehen. Nach einer Musterberechnung aus dem Oktober belastete ein Zollkrieg die Weltwirtschaft um 0,3 Prozentpunkte. „Eine bedeutende Größe“, sagt Gourinchas.

    Wie sie wirken, lässt sich an den Zöllen sehen, die die US-Regierung im vergangenen Jahr verhängte. US-Firmen hätten die höheren Importkosten bisher getragen, sagt der IWF-Chefvolkswirt. Weil die Zölle an den amerikanischen Staat gingen, wirkten sie wie eine Steuererhöhung. Das gleiche die Steuersenkungen Trumps etwas aus.

    Eine weitere große Gefahr sieht Gourinchas bei den Notenbanken, besonders der mächtigsten der Welt, der Federal Reserve in den USA. Unabhängigkeit sei absolut wichtig. Nur so sei glaubwürdig, dass sie wirksam gegen Inflation vorgingen. Sonst steige die Inflation und das bedeute letztlich weniger Wachstum.

  • Eine bessere Globalisierung ist möglich

    Das erste Weltwirtschaftsforum ohne seinen Gründer Klaus Schwab findet jetzt in Davos statt. Nach 54 Jahren verabschiedete Mr. Globalisierung sich in den Ruhestand. Und auch eine Phase der Globalisierung geht zu Ende.

    Seit den 1980er Jahren bildete sich stärker als zuvor ein gemeinsamer Weltmarkt heraus, es wurde mehr Handel getrieben, weltumspannende Institutionen gewannen an Einfluss. Das Lebensgefühl verbreitete sich, in einer Welt zu leben, die ähnlich funktionierte, in der die Kontinente einander näher rückten. Jetzt jedoch geht die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Autokratische Herrscher in Peking, Moskau und neuerdings in Washington unterteilen die Welt in Machtblöcke. Trumps America-First-Politik strebt zurück ins 19. Jahrhundert, fusst auf dem Nationalstaat, bevorzugt egoistische, unilaterale Lösungen, statt verbindende, multilaterale.

    Die Globalisierung hatte schlechte Seiten, aber auch gute. Die Weltmarkt-Produktion in armen Ländern schuf dort hunderte Millionen neuer Arbeitsplätze. Die Mittelschichten in China, Indien, Südafrika und anderen Staaten wuchsen, die Armut ging zurück. Die Verbraucher:innen in den reichen Staaten erhielten preisgünstige Konsumgüter wie Textilien und Smartphones.

    Es handelte sich auch um ein politisches Arrangement. Globale Institutionen wie die Welthandelsorganisation schlichteten Konflikte, schufen Verträge für die große Mehrheit der Staaten. Die Vereinten Nationen beschlossen die Millennium-Ziele, um die weltweite Armut zurückzudrängen. Manche Länder öffneten sich für kulturelle Einflüsse von außen, eine Weltgesellschaft schien zu entstehen. Ein Ort, an dem vieles davon zusammenfloss, war jedes Jahr das Weltwirtschaftsforum in den Schweizer Alpen.

    Die Nachteile der neuen Weltökonomie riefen aber auch heftige Kritik hervor. Viele Industriearbeitsplätze verließen die Industriestaaten. Die neuen Jobs im Süden waren oft mies bezahlt, gesundheitsschädigend, miunter tödlich. Nationalstaaten büßten Regulierungspotenzial ein. Die Investoren der internationalen Kapitalmärkte setzten ihre Interessen gegenüber der Politik durch, weshalb in den Industriestaaten die soziale Sicherheit abnahm. Deshalb erfand die globalisierungskritische Organisation Attac den Slogan: „Eine andere Welt ist möglich“. Während Linke, Linksliberale, Grüne, Entwicklungsorganisationen, kirchliche Hilfswerke und Gewerkschaften die dunklen Seiten der Globalisierung betonten, nahm sich aber auch die extreme politische Rechte des Themas an.

    Und teilweise ähnelte sich die Kritik von links und rechts. Beide Seiten beklagten einen Kontrollverlust der Politik gegenüber der Macht der Märkte. Wobei sich die Perspektiven andererseits auch unterschieden. Die Linken interessierten sich mehr für die Probleme der Menschen in den armen Ländern des Südens. Daraus entstand etwa das Konzept der Deglobalisierung des philippinischen Ökonomen Walden Bello. Seine Frage lautete: Können Gesellschaften sich aus dem Weltmarkt ausklinken? Die Rechten fokussierten dagegen auf die Nachteile der Globalisierung für die reichen Staaten des Nordens – Arbeiter, die ihre Jobs verloren, Regierungen, deren Einfluss abnahm. In der öffentlichen Debatte verstärkte sich die überlappende Kritik gegenseitig, und die globalisierungsfreundlichen Regierungen der Mitte standen von beiden Seiten gleichzeitig unter Feuer.

    Auch deshalb erscheint nun eine realistische Revision linker Globalisierungskritik nötig. Denn die Welt verändert sich gerade massiv. Es geht darum, das fortzuentwickeln, was an der Globalisierung gut war und ist. Anstatt „Nein“ sollte die Linke „Ja, aber“ sagen. Etwa zum Handelsabkommen zwischen der Europäischen Union und dem südamerikanischen Staatenbund Mercosur. Gewisse ökonomische und ökologische Nachteile des Vertrages sind nicht von der Hand zu weisen, die Vorteile überwiegen jedoch bei Weitem. Vor allem fußt das Abkommen auf fairer Verhandlung und gegenseitigem Interessenausgleich. Das ist das Gegenteil dessen, was der US-Präsident zu seinem Markenzeichen macht. Übrigens: Mit welchem Land will die EU künftig Handel treiben, wenn nicht mit einem Staat wie Mercosur-Mitglied Brasilien, das der linksgerichtete Präsident Lula da Silva regiert?

    Dennoch muss man sich weiter dafür einsetzen, dass die weltweiten Wirtschafts- und Handelsbeziehungen gerechter werden. Die europäische Lieferketten-Richtlinie in ihrer ursprünglichen, strengeren Form war richtig, weil sie half, die Arbeitsbedingungen im globalen Süden zu verbessern. Internationale Steuerabkommen sind nötig, um große Vermögen überall zur Mitfinanzierung der öffentlichen Aufgaben heranzuziehen. Eine bessere Globalisierung ist möglich.

  • Traumgewinne und Alptraumwerbung

    Der Camper auf dem Foto elektrisierte Andreas M. sofort. „So einen wollte ich immer schon“, erinnert er sich an den ersten Blick auf die Werbeanzeige für ein Gewinnspiel. Prompt meldete er sich bei der Hamburger Firma an, die den Preis ausgelobt hat. Diese Entscheidung bereut er noch heute. Denn der Veranstalter entpuppte sich als Direktmarketing-Unternehmen und mit der Teilnahme am Gewinnspiel erlaubt Andreas M. der Firma Werbeanrufe.

    Mehrmals wöchentlich klingelt nun das Telefon. Anfangs wollten die Vertreter ihm Abos aufschwatzen. „Inzwischen lege ich gleich wieder auf“, sagt er. Doch das hält die Firma vor neuerlichen Versuchen nicht ab. Ein Blick ins Kleingedruckte der Teilnahmebedingungen hätte ihm den Ärger vermutlich erspart. Denn daraus geht unter anderem auch hervor, dass kein Wohnmobil, sondern nur eine kurze Reise damit verlost werden sollte.

    Bei der Hamburger Verbraucherzentrale (VZ) ist das Unternehmen bekannt. „Die Verbraucher-Service-Gesellschaft Hamburg (VSG) lockt Verbraucherinnen und Verbraucher mit Gewinnversprechen“, erläutert VZ-Expertin Julia Rehberg. Dahinter stehe das Ziel, mit den Teilnehmenden Verkaufsgespräche zu führen. Diese bekommen sogar ein Zertifikat zur Teilnahme „an der offiziellen Gewinnaktion“, für die keine Kosten entstünden.

    Die versprochenen Gewinne wie ein IPhone, ein Zuschuss zur Rente oder Reisegutscheine können sich sehen lassen. „Die Reisegutscheine erhalten die Betreffenden tatsächlich“, beobachtet Rehberg. Doch wichtige Informationen versteckt die Firma laut VZ im Kleingedruckten. „Dazu gehört auch, dass die Teilnahme an den Gewinnspielen oft mit Produktbestellungen verknüpft ist“, berichtet die Expertin.

    Auf der Suche nach attraktiven Gewinnen werden Interessenten im Internet schnell fündig. Allein das Portal einfach-sparsam listet mehr als 100 aktuelle Gewinnspiele auf. Die Preispalette reicht von Mini-Goldbarren über Technik bis hin zum Traumhaus auf Mallorca plus 150.000 Euro. Auf anderen einschlägige Webportale finden sich etliche weitere Preisausschreiben. 

    Grundsätzlich kann jeder ein Gewinnspiel veranstalten. Dafür gebe es keine Genehmigungsvorbehalte, erläutert die Frankfurter Industrie- und Handelskammer (IHK), „diese müssen daher nicht bei den Behörden angemeldet oder genehmigt werden“. Bei Glücksspielen ist das anders. Hier müssen die Teilnehmer einen Einsatz erbringen und Gewinne werden nach dem Zufallsprinzip verteilt, etwa durch die Ziehung von Lottozahlen oder Losnummern.

    Gewinnspiele müssen dagegen weitgehend kostenlos oder nur mit einem geringen Entgelt für die Teilnahme verbunden sein. Eine wichtige Einschränkung gibt es laut IHK dabei. „Mittlerweile kann die Teilnahme an einem Gewinnspiel jedoch vom Erwerb einer Ware abhängig gemacht werden“, erläutert die IHK. Auch deshalb warnen die Hamburger Verbraucherschützer vor zu viel Gutgläubigkeit. „Werfen Sie Schreiben mit Gewinnversprechen am besten direkt in den Papierkorb“, raten sie. Für die Veranstalter rechnet sich der Aufwand. Laut IHK gewinnen sie auf diese Weise Daten potenzieller Kunden für ein späteres Direktmarketing und locken kostengünstiger Kunden an als mit herkömmlicher Werbung. 

    Ob es die versprochenen Gewinne tatsächlich gibt, steht auf einem anderen Blatt. Rechtlich ist die Sache geklärt. „Die beworbenen Preise müssen tatsächlich vergeben werden und die Teilnehmer dürfen nicht über den Gewinn und die Gewinnchancen irregeführt werden“, erklärt die IHK. Doch es gibt einen Haken, wie der Jurist Florian Jäkel-Gottmann von der Wettbewerbszentrale weiß: „Es keine ‚Kontrollinstanz’, die aktiv überwachen würde, ob ausgelobte Preise bei Gewinnspielen auch an die Gewinner ausgekehrt werden.“ Angesichts der Vielzahl an Gewinnspielen sei dies auch praktisch kaum machbar.

  • Einkaufen für mehr Wachstum

    Es geht wieder aufwärts. Die deutsche Wirtschaft hat 2025 zugelegt, nachdem sie zwei Jahre lang geschrumpft war. Die Bundesbürger gaben mehr Geld aus, der Staat ebenfalls, wie die vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen. Gelitten hat der deutsche Außenhandel. Für das laufende Jahr deutet sich weiteres Wachstum an.

    Zarte 0,2 Prozent Plus ermittelten die Statistiker beim Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Vergleich zu 2024. Die Inflation ist da herausgerechnet. Das BIP gibt den Wert aller Waren und Dienstleistungen wieder, die in Deutschland erstellt wurden. Im vergangenen Jahr betrug es 4,470 Billionen Euro, eine Zahl mit zwölf Nullen. Eingerechnet sind Daten bis Oktober (zum Beispiel für den Außenhandel) und November. Für Dezember haben die Statistiker geschätzt. In der Regel sind sie aber sehr genau.

    Trotz des Zuwachses: „Deutschland liegt im internationalen Vergleich im Schlussfeld“, sagt Ruth Brand, Präsidentin des Statistischen Bundesamtes. Ihre Experten erwarten, dass alle anderen großen EU-Staaten stärker zulegen werden. Die Europäische Kommission schätzt für Italien ein Plus von 0,4 Prozent, für Frankreich 0,7 Prozent, für Spanien gar 2,9 Prozent. Im Schnitt soll die Wirtschaft der EU um 1,4 Prozent wachsen.

    Aber immerhin hat Deutschland die Rezession verlassen. 2023 und 2024 war das Bruttoinlandsprodukt jeweils gesunken. Globale Krisen, geopolitische Spannungen, ein schwacher Welthandel und hohe Zinsen für Kredite belasteten die Wirtschaft damals, wie Michael Kuhn sagt. Er leitet die Abteilung Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung beim Statistischen Bundesamt. Inzwischen sind die Zinsen gesunken. Die Lage sei auch besser, weil der private Konsum angesprungen sei.

    Die Bundesbürger kauften mehr ein, vor allem im Einzelhandel. Und sie gaben mehr Geld für Gesundheit aus. Den privaten Konsum bezifferten die Statistiker mit insgesamt 2373,9 Milliarden Euro. Auch vom Staat floss mehr Geld in Gesundheit, denn die Kranken- und Pflegeversicherung zählt für die Statistik zum Staat.

    Die Unternehmen in Deutschland hielten ihr Geld aber zusammen und investierten weniger in neue Maschinen und Anlagen, in der Regel ein Zeichen, dass die Geschäfte schlecht laufen. Vor allem Autoindustrie und Maschinenbau schrumpften – beides Kernbranchen der deutschen Wirtschaft. Auch die Chemieindustrie verlor wie in den Vorjahren Geschäft. Dienstleistungen und Handel legten allerdings kräftig zu.

    Die 500 Milliarden Euro, die die Bundesregierung außerhalb des normalen Haushalts für Infrastruktur und Klimaneutralität ausgeben will, wirken sich bisher kaum aus. Die Projekte brauchen Zeit. Brücken etwa wollen geplant sein, denn müssen die Aufträge vergeben werden, der Bau dauert. Präsidentin Brand erwartet erste Impulse für das laufende Jahr. Auch die geplanten umfangreichen zusätzliche Ausgaben für Verteidigung schlagen sich bisher kaum in den Zahlen nieder. Denn neue Schiffe oder Panzer müssen bestellt und erst einmal gebaut werden.

    Schwer erwischt hat es den Zahlen zufolge das deutsche Export-Erfolgsmodell. Die Zölle der US-Regierung bremsen das Geschäft. Chinesische Firmen drängen auf den Markt, teilweise mit Produkten, die denen aus Deutschland vergleichbar sind. Insgesamt nimmt der Wettbewerb zu. Zudem belastet der Euro, der im Vergleich zu anderen Währungen mehr Wert wurde. Dadurch werden allerdings auch deutsche Produkte etwa für Amerikaner teurer. Insgesamt schrumpfte der Wert der deutschen Exporte um 0,3 Prozent auf 1811,7 Milliarden Euro.

    Dafür führte die Bundesrepublik mehr ein. Der Wert der Importe stieg um 3,6 Prozent auf 1700,8 Milliarden Euro. Daraus ergibt sich ein Außenhandelsüberschuss von 110,9 Milliarden Euro – ein historisch niedriger Wert. Andererseits hatte unter anderem der Internationale Währungsfonds immer die sehr hohen Überschüsse Deutschlands bemängelt. Die Bundesrepublik lebte sozusagen auf Kosten anderer Nationen. Das ändert sich gerade.

  • Ältere sind in der Digitalisierung angekommen

    Ältere mischen bei digitalen Angeboten inzwischen kräfti mit. „Man kann mit dem Klischee aufräumen, dass Seniorinnen und Senioren sich nicht im Internet auskennen“, sagt Ralf Wintergerst, Chef des Branchenverbands Bitkom. Einer repräsentativen Umfrage des Verbands zufolge nutzen inzwischen drei Viertel der Generation 65 plus das Internet. Selbst jeder zweite über 80-Jährige ist online. Gegenüber der ersten Umfrage vor zehn Jahren hat sich der Anteil der Nutzer fast verdoppelt.

    In der Altersgruppe der 65- bis 69-Jährigen gehört das Netz selbstverständlich zum Alttag. 98 Prozent von ihnen sind im Internet aktiv. Erst mit Mitte 70 geht die Nutzung dann deutlich zurück. Laut Wintergerst tragen mehrere Faktoren zur Verbreitung der Digitalisierung Älterer bei. Die jetzige Rentnergeneration habe etwa schon im beruflichen Alltag den Umgang mit digitalen Angebote erlernt und nutzt diese Kenntnisse später weiter. 

    Nur ändern sich die Gründe für die Internetnutzung. 91 Prozent kümmern sich im Netz um Freizeitaktivitäten, 78 Prozent halten sich damit gedanklich fit. Und auch der Kontakt zu Freunden und Familie ist ein vorherrschendes Motiv, online zu gehen. „Sie erkennen die Chancen“, sagt Wintergerst, „wünschen sich mehr und schnelleren Fortschritt“. Allerding bestehe auch der Wunsch, bei der Digitalisierung mitgenommen zu werden.

    Das ist auch eine Erkenntnis von Bundesfamilienministerin Karin Priem (CDU). Es brauche vor allem eine verständliche Begleitung und verlässliche Zugänge, insbesondere in ländlichen Regionen, sie, „Digitalisierung kann Selbständigkeit, Sicherheit und Soziale Teilhabe bis ins hohe Alter stärken“. Priem will mit Projekten wie den Digitalen Engeln, bei dem Jüngere Älteren digitale Kenntnisse vermitteln, und Weiterbildungsangebote an den Volkshochschulen und anderen Einrichtungen den Zugang zu digitalen Angeboten erleichtern. 

    Der Bedarf ist Unterstützung ist vorhanden. Fast alle Befragten wünschen sich entsprechende Angebote vom Staat. Bisher übernehmen vor allem Freund oder Familienmitglieder die Einführung in digitale Technologien. Die Offenheit dafür ist groß, auch für die Künstliche Intelligenz (KI). Immerhin 58 Prozent stehen dieser Entwicklung aufgeschlossen oder sehr aufgeschlossen gegenüber. Mehr als die Hälfte der Seniorinnen und Senioren hat entsprechende Anwendungen schon genutzt, zum Beispiel Chat GPT. Jeder zweite kann sich auch vorstellen, eine KI um Rat in Gesundheitsfragen zu fragen. Und knapp 30 Prozent würden mit eine KI sprechen, wenn sie sich einsam fühlen. 

    Ein Leben ohne Internet können sich drei von vier Älteren nicht mehr vorstellen. Es gibt aber auch eine große Gruppe, die der Digitalisierung skeptisch bis ablehnend gegenüber steht. Jeder vierte Ältere ist gar nicht online. Die Hälfte dieser Gruppe gibt an, dass sie sich mit dem Internet nicht auskennt. 40 Prozent der Skeptiker hat Sicherheitsbedenken. Nur ein kleiner Teil ist gesundheitlich nicht mehr in der Lage, sich online zu bewegen.

  • Deutsche lieben plötzlich Aktien

    Für manche Bundesbürger hat sich 2025 richtig gelohnt. Zum Beispiel für all jene, die Geld in Aktien, Fonds und ähnlichem angelegt haben. Und es werden immer mehr, wie das Deutsche Aktieninstitut ermittelt hat. Die Deutschen erkennen offenbar die Chancen der Börsen und legen die ihre Scheu ab – vor allem die Jüngeren. Die regionalen Unterschiede sind allerdings groß.

    „Die Menschen in Deutschland haben erkannt, dass für gute Langfristerträge kein Weg an der Aktie vorbeiführt“, sagte Henriette Peucker, Geschäftsführende Vorständin des Deutschen Aktieninstituts. Auch wer nur über ein geringes Einkommen verfüge investiere breit gestreut und kontinuierlich. Ein Grund: zusätzliche Altersvorsorge. Die Bundesregierung will das mit der geplanten Frühstartrente für Schüler und einem steuerlich begünstigten Altersvorsorgedepot befördern.

    Insgesamt hatten 14,1 Millionen Menschen in Deutschland Geld in Aktien, Aktienfonds oder ETF (Exchange Traded Funds) gesteckt, standardisierte, automatisierte, börsengehandelte Fonds. Ein Rekordwert und zwei Millionen Menschen mehr als 2024. Damit hat fast jeder fünfte Bundesbürger an der Börse investiert. Die bisher niedrigste Zahl an Aktionären in den vergangenen 20 Jahren (8,4 Millionen) gab es 2010 nach der Finanzkrise und 2014 nach der Euro-Krise.

    Im vergangenen Jahr war viel zu holen. Allein der Wert der Unternehmen im Deutschen Aktienindex Dax legte um satte 23 Prozent zu. Im Dax sind die 40 größten Konzerne Deutschlands nach Börsenwert verzeichnet. Der Wert großer europäischer Aktien im Index Euro Stoxx 50 kletterte um 19 Prozent, an der US-Technologiebörse Nasdaq ging es fast 20 Prozent nach oben. Mit einem ETF auf den sehr beliebten MSCI-World-Index, der viele große börsennotierte Konzerne abbildet, waren rund zehn Prozent drin. Auch langfristig gelten Investitionen an den Börsen als ertragreich.

    Die Kurse stiegen aufs Jahr gesehen trotz der teils unberechenbaren US-Politik, die mehr auf Zölle und Macht als auf Völkerrecht und Verhandlungen setzt, trotz der Krisenstimmung in Deutschland und Unsicherheit darüber, wie sich die Weltwirtschaft entwickeln wird. Da stecken auch die Risiken, denn es ist nicht garantiert, dass die Kurse an den Börsen immer steigen. Zurzeit etwa besteht die Sorge, dass zu viel Geld in Unternehmen geflossen ist, die sich mit künstlicher Intelligenz beschäftigen, die ihre Versprechen aber nicht halten können – ein Kurseinbruch wäre die Folge.

    Die Deutschen gelten als höchst risikoscheu und legen ihr Geld gern auf Tages- oder Festgeldkonten. Viele nutzen sogar noch klassische Sparbücher. Verzinst sind sie in der Regel schlecht. Zwei Prozent Rendite sind da schon gut. Doch das Anlageverhalten wandelt sich gerade.

    Vor allem die Jüngeren in Deutschland investieren Geld an den Börsen. 4,9 Millionen 14- bis 39-Jährigen setzten 2025 auf Aktien und Fonds, 1,2 Millionen mehr als ein Jahr zuvor, wie das Aktieninstitut feststellte. „Ein Langfristtrend und eine sehr erfreuliche Entwicklung auch für die Zukunft“, sagte Gerrit Fey, Chefvolkswirt des Aktieninstituts. Die breite politische Debatte über Altersvorsorge sei einer der Gründe, ein anderer, dass Anlage inzwischen einfacher geworden ist und auch über Mobiltelefon möglich sei. Zweitgrößte Gruppe sind die, die älter als 60 sind.

    Was das Aktieninstitut auch feststellte: 5,3 Millionen Menschen kauften 2025 regelmäßig Fonds über Sparpläne, eher weniger einzelne Aktien. Solche Fonds bilden zum Beispiel die Aktien im Dax nach, so dass man nicht alle Aktien einzeln kaufen muss, um an Kursgewinnen teilzuhaben, sondern ein Papier kaufen kann.

    Regional fanden die Experten große Unterschiede. Anteilig die meisten Aktionäre leben in Bayern (25,5 Prozent), Baden-Württemberg (24,3) und Hessen (24,7) vor Hamburg und Schleswig-Holstein (20,6). Die größten Aktienmuffel sitzen demnach in Sachsen (12,7), Mecklenburg-Vorpommern (13,1) und Brandenburg (13,6). Tendenziell lässt sich offenbar sagen: Wo viel Geld verdient wird, wird auch mehr an den Börsen investiert. 47,1 Prozent derjenigen, die mehr als 4000 Euro netto monatlich erhalten, besitzen Aktien oder Fonds. Bei denen, deren Nettoeinkommen unter 2000 Euro liegt, sind es nur zwölf Prozent.

    Hinter dem Lobbyverband Aktieninstitut stehen zahlreiche börsennotierte Unternehmen, Banken, Börsen und Dienstleister. Es lässt jedes Jahr etwa 28.000 Personen in Deutschland, die älter als 13 Jahre sind, zu ihrem Anlageverhalten befragen.

  • Autonomes Fahren erobert den Nahverkehr

    Autonome Busse könnten das Mobilitätsverhalten der Deutschen bald nachhaltig verändern. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie dreier Forschungsinstitute im Auftrag von DB Regio. „Autonomes Fahren wird kommen“, sagt Vorstand Frederik Ley. Sowohl die Technologie als auch der gesetzliche Rahmen seien vorhanden. 

    Die Forscher haben drei Szenarien bis zum Jahr 2045 durchgerechnet. Einen nur geringen Nutzen brächte die Umrüstung der Linienbusse. Zwar könnte das Angebot bei sinkenden Kosten damit um fast ein Viertel steigen. Doch der Marktanteil des öffentlichen Verkehrs stiege nur von derzeit 15 Prozent auf 18 Prozent an. In einem zweiten Szenario haben die Forscher Robotaxis in den Metropolen hinzugenommen. Das würde laut Studie nur zu einem massiven Anstieg des Verkehrs in den Städten sorgen, auf dem and aber gar keine Wirkung entfalten.

    „Menschen verändern ihre Gewohnheiten nur, wenn das neue Angebot verlässlich, attraktiv und in ihr Alltagsleben passt“, erläutert Meike Jipp vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR). Zusammen mit dem Karlsruhe Institut für Technologie und dem Institut Prognos haben die Forscher ein drittes, ambitioniertes Szenario für 2045 entwickelt. Dabei wird zunächst der Schienenverkehr ausgebaut. Eine Million selbstfahrende Busse sollen flächendeckend für eine schnelle Anbindung der Haushalte an den Nahverkehr sorgen. Derzeit sind bundesweit nur 70.000 Busse unterwegs. 

    In diesem Szenario steigt der Marktanteil des Nahverkehrs auf 35 Prozent an, weil das eigene Auto, oder der Zweitwagen, nicht mehr benötigt werden würde. Das Angebot würde an allen Tagen rund um die Uhr bestehen und kurze Wartezeiten auf einen Bus ermöglichen. Allerdings sind die Kosten für so ein Netz enorm. Die monatlichen Ausgaben pro Nutzer beziffern die Forscher auf 275 Euro. Das wäre zwar 170 Euro weniger als ein eigenes Auto kostet. Doch unter dem Strich müssten viele Kunden deutlich mehr bezahlen.

    Dennoch sind die Verkehrsunternehmen vom Siegeszug des autonomen Fahrens überzeugt. „Jetzt geht es darum, den ÖPNV als Rückgrat sozialer Teilhabe effizienter, stärker und attraktiver für Fahrgäste zu machen“, sagt Knut Ringat, Vizechef des Verbands der Verkehrsunternehmen (VDV). Der VDV sieht darin auch ein Mittel gegen den allgegenwärtigen Fahrermangel im Nahverkehr. Schon heute fehlen 20.000 Fahrer. Viele gehen in den kommenden Jahren in den Ruhestand. 

    Bisher wird das autonome Fahren mit Shuttlebussen nur in Modellversuchen erprobt. Die Bahn unterhält etwa im Rhein-Main-Gebiet sechs selbstfahrende Fahrzeuge. Die Branche will nun die Bundesregierung überzeugen, in drei oder vier Modellregionen Großversuche zu starten. Mit zusätzlich 2.000 autonomen Fahrzeugen soll damit über einen langen Zeitraum ein flächendeckendes Angebot erstellt werden, um die Reaktion der potenziellen Kunden auf ein besseres Angebot zu erkunden.  

  • Der Hitze in Städten auf der Spur

    Zahlreiche Satelliten blicken ununterbrochen auf die Erde. Sie sammeln Informationen über Wärme, Wolken, Wald. Viel davon fließt in präzise Wetterberichte, doch deutlich mehr wäre möglich. Richtig verwendet, helfen die Daten zum Beispiel, Städte lebenswerter zu gestalten.

    Daro Krummrich arbeitet daran. Der Manager Subprogramm Earth Observation Analytics steuert beim Bremer Satellitenbauer OHB ein ganzes Team, dass zum Beispiel Hitzeinseln in Städten aufspürt, ermittelt, wie stark der Boden versiegelt ist, Baulücken entdeckt – ohne die Stadt zu betreten. Im besten Fall bekommen Politiker und Verwaltung sehr viele Daten an die Hand, um abwägen zu können, ob ein neuer Hochhausriegel sich lohnt oder das Pflaster eines Stadtplatzes entfernt werden sollte.

    Krummrich und sein Team nutzen nicht nur Fotos und Messdaten aus dem All, sondern auch zum Beispiel Luftaufnahmen von Flugzeugen. Letztere sind – oft noch – kleinteiliger, erstere deutlich aktueller. Geschickt verbunden, liefern sie Ergebnisse, die sich so am Boden nicht erheben lassen – oder nur mit enormem Aufwand. Viele Daten stammen von den Sentinel-Satelliten des europäischen Copernicus-Programms, die die Erde beobachten. Sie sind oft frei zugänglich, müssen aber umfangreich aufbereitet werden. Was möglich ist, zeigt sich am Beispiel Hitze.

    „Der Satellit Sentinel-3 liefert zweimal täglich flächendeckende Wärmebilder mit einer Auflösung von etwa einem Kilometer“, sagt Krummrich – aktuell, aber zu grob, um im Stadtmaßstab etwas sehen zu können. „Wir verknüpfen diese Bilder mit Daten aus anderen Quellen etwa zur Vegetation und zur Bebauung und erhöhen die Detailgenauigkeit durch ein Verfahren, das sich Superresolution nennt. Dadurch können wir dann auf zehn Meter genau Hitzeinseln zum Beispiel in Städten ermitteln.“

    Das Ergebnis ist präzise und womöglich für den ein oder anderen Stadtplaner überraschend. „Unsere Karten zeigen lokale Hitzeinseln, die sich von Quartier zu Quartier und von Straße zu Straße unterscheiden können“, sagt Krummrich. Für die Verantwortlichen in Städten sind das wertvolle Informationen. Denn: „Das Budget der Städte ist begrenzt. Deshalb kann es besser sein, gezielt an vielen Stellen zu entsiegeln, statt großflächig nur in einem Gebiet“, erklärt der OHB-Experte. „Wir wollen mit den Datenanalysen helfen, verantwortungsvoll zu entscheiden.“

    Weil flächendeckende Wärmebilder von verschiedenen Satellitenmissionen etwa für das vergangene Jahrzehnt vorliegen, lässt sich nachvollziehen, was Hitzeinseln beeinflusst hat. So werden auch Vorhersagen möglich. „In einer Stadt bestehen Hitzeglocken etwa durch Abgase“, sagt Krummrich. „Häuser blockieren Wind. Und die Versiegelung begünstigt höhere Temperaturen.“

    Wobei wichtig ist, ob der Boden asphaltiert, geschottert oder mit Gittersteinen belegt ist, durch die Gras wächst. Auch hier hilft der Blick von oben. „Unsere Anwendung analysiert mit künstlicher Intelligenz die Fotos“, erklärt der Experte, „erkennt Rasenrastersteine, Straßenbahnschienen, Gebäude. Das läuft vollautomatisch und auch das Ergebnis, die Versiegelungskarte, ist maschinenlesbar.“ Letzteres ist wichtig, um die Daten standardisiert noch weiter zu verarbeiten.

    „Bremen erstellt zum Beispiel gerade ein Entsiegelungspotenzialregister“, sagt der Datenspezialist. „Wir unterstützen diesen Prozess unter anderem mit Informationen über hochaufgelöste lokale Versiegelungsgrade. Dann lässt sich simulieren, was es an einzelnen Stellen bringt, Asphalt zu entfernen oder Bäume zu pflanzen.“

    Schließlich ist da noch die Frage, wo sich noch bauen lässt. „Städtische Daten sind oft nicht aktuell“, sagt Krummrich. „Unsere Anwendung liefert eine maschinenlesbare Karte. Sie zeigt, wo Baupotenziale nicht ausgenutzt sind. Das kann eine Baulücke zwischen zwei Häusern sein, Gebäude, die nur ein Stockwerk haben, oder Grundstücke, die nicht voll bebaut sind.“ Mit Personal solche Lücken aufzuspüren, sei teuer. Denn nicht immer ist von der Straßenseite aus zu sehen, wie viel Platz hinter hohen Mietshäusern ist.

    Gibt es eine solche Baupotenzial-Karte, können Politiker und Verwaltung entscheiden, ob sie lieber bestehende Gebiete in einer Stadt dichter bebauen oder am Rand neue Bauflächen erschließen wollen. Neubaugebiete brauchen Platz, Straßen, Leitungen, die es innerstädtisch bereits gibt. Aber alles zu verdichten, hat seine Tücken. So werden mehr Flächen versiegelt. Hier helfen die Informationen, die Krummrich und das Team aufarbeiten. „Mit der Kombination der Daten lässt sich vorhersagen, ob zum Beispiel neue Hitzeinseln entstehen.“

    Seit etwa fünf Jahren beschäftigen sie sich bei OHB damit, wie sich die Daten verwerten lassen. Rund 75 Personen am Stammsitz in Bremen und in Oberpfaffenhofen bei München beschäftigen sich mit verschiedenen Datenprojekten. Sie arbeiten neben Bremen unter anderem mit Essen, Nordrhein-Westfalen und Vilnius, der Hauptstadt von Litauen, zusammen. Tätig waren sie auch schon für Karlsruhe, Valencia in Spanien, das griechische Thessaloniki und Luxemburg.

    Oft sind Versiegelungsregister, Baulückenkataster, Hitzeinsel-Karte Teil einer Art Zwilling der echten Stadt, nur eben digital. Wobei die Angebote nicht auf Städte beschränkt sind. Allerdings leiden kleinere Orte oder Dörfer nicht so sehr unter Hitzeinseln. Und meist haben sie auch nicht das Geld, derart innovative Techniken zu nutzen.