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  • Einfach europäisch zahlen

    Schnell Geld an den Enkel überweisen oder an Freunde in Frankreich? Üblicherweise dauert das. Erst die Kontonummer suchen, lange Zahlenketten eintippen, nach Frankreich sind auch Buchstaben dabei, überprüfen – wenige Deutsche haben Lust dazu, nutzen für kleinere Beträge bisher vor allem Paypal des gleichnamigen US-Konzerns. Doch die Amerikaner hatten einige Überweisungspannen, weshalb sich viele nach einer heimischen Alternative umsehen. Wero mit seinem Sonnengelb verspricht die Zukunft des Bezahlens, schnell, einfach, europäisch.

    Was ist Wero?

    Wero ist eine digitale Möglichkeit, Geld unkompliziert zwischen Privatpersonen in Europa hin- und herzuschicken – grenzübergreifend. Der Name setzt sich aus We (wir) und Euro zusammen. Um dem Straßenmusiker in Brüssel Geld zu spenden, lässt sich die Zahlungsfunktion genauso verwenden wie, um den Schnellzeichner am Pariser Montmartre zu bezahlen oder das Schnäppchen auf dem Flohmarkt in Amsterdam. Auch wenn im Büro Geld gesammelt wird, um der Kollegin etwas zur Hochzeit zu schenken, ist das Angebot praktisch. Und die abendliche Restaurantrechnung lässt sich mit Wero unter mehreren aufteilen.

    Überweisungen zwischen Freunden und Kollegen sind ganz nett, aber wann lässt sich auch im Onlinegeschäft und an der Ladenkasse damit bezahlen?

    Derzeit ist Wero noch darauf beschränkt, Geld zwischen Privatpersonen zu überweisen. Vor dem Weihnachtsgeschäft soll es möglich werden, auch beim Onlinehändler damit zu bezahlen. Zwölf bis 14 große Händler werden wohl dabei sein, wenn es in der zweiten November-Hälfte losgeht. Danach sollen schrittweise weitere Händler dazukommen. Um beim Bäcker, im Kleidergeschäft oder Café mit Wero zu bezahlen, dauert es noch etwas. Voraussichtlich Ende 2026, Anfang 2027 soll die Funktion für die klassischen Geschäfte bereit stehen.

    Warum dauert das so lange?

    Die Macher wollen unter anderem Fehler der Vergangenheit vermeiden. Die deutsche Zahlfunktion Paydirekt etwa, mit viel Marketingbrimborium gestartet, hat sich nicht durchgesetzt. Diesmal soll es funktionieren. Ohne viel Geld für Werbung auszugeben, nutzen bereits etwas mehr als ein Jahr nach dem Start mehr als 44,5 Millionen Menschen in Europa Wero, um sich Geld zuzuschicken.

    Wie funktioniert es?

    1. Freischalten: Manche Banken und Sparkassen haben Wero in der eigenen App für Geldgeschäfte eingebaut, etwa die Sparkassen. Dort muss man die Funktion einmal freischalten. Andere, etwa die Postbank, nutzen die Wero-App. Hier muss man einmal die App starten, das Kreditinstitut auswählen, bei dem man ein Girokonto besitzt, sich legitimieren, dann ist die App mit dem Konto verbunden.

    2. Um Geld zu überweisen, einfach die Wero- oder Banking-App auf dem Mobiltelefon öffnen, Mobilnummer der Person, die das Geld bekommen soll, eingeben oder deren E-Mail-Adresse, Summe eintragen und abschicken. Das Geld ist nach weniger als zehn Sekunden da. Kontonummern oder BIC-Codes wie bei einer klassischen  Überweisung einzutippen, ist nicht nötig.

    3. Geld lässt sich auch per QR-Code senden. Wer überweisen will, scannt den entsprechenden Code des Empfängers, Summe eingeben, freigeben, fertig. So lässt sich auch Geld anfordern.

    Technisch läuft bei Wero im Hintergrund eine Echtzeitüberweisung im europäischen Zahlungsraum. Das Geld wird von einem Girokonto abgebucht und auf dem anderen Girokonto gutgeschrieben. Der Empfänger kann sofort sehen, ob das Geld da ist und direkt darüber verfügen.

    Was kostet Wero?

    Für Privatpersonen ist das Angebot kostenlos. Künftig soll Wero sich über Gebühren finanzieren, die in der Regel die Händler tragen. Hier konkurriert das neue Angebot mit klassischer Zahlung per Debitkarte (in Deutschland EC-Karte genannt) und Kreditkarte, auch mit Apple Pay, Google Pay und Paypal sowie anderen, vor allem online verfügbaren Möglichkeiten. Weil Händler genau auf ihre Kosten schauen, wird Wero wohl billiger angeboten als Kreditkarte oder Paypal. Das dürfte helfen, den Zahlungsdienst zügig zu verbreiten, was ihn wiederum interessanter für Privatpersonen macht.

    Wer steht hinter Wero?

    Das Brüsseler Unternehmen EPI (Europäische Zahlungsinitiative) entwickelt Wero. Gegründet haben es 14 große europäische Banken und zwei Zahlungsabwickler. Aus Deutschland sind unter anderem der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV), die Volks und Raiffeisenbanken und die Deutsche Bank mit der Postbankdabei. Aus Frankreich unterstützen unter anderem BNP Paribas und Société Générale, aus den Niederlanden ABN Amro. Gestartet ist Wero im Juli 2024.

    Was unterscheidet Wero von Angeboten wie Paypal?

    Paypal ist ein Vermittler. Das US-Unternehmen puffert eine Überweisung, zieht das Geld vom Girokonto des Zahlers ein, speichert es auf einem Zwischenkonto, bevor es ans Girokonto des Empfängers weitergeleitet wird. So kann Paypal einem Händler zum Beispiel garantieren, dass das Geld kommt.

    Und von Kreditkarten?

    Mit einer Kreditkarte von Visa oder Mastercard lässt sich kein Geld an Privatpersonen schicken, wohl aber online oder in Geschäften bezahlen. Das Kartenunternehmen garantiert dem Händler, dass das Geld kommt. In der Regel einmal im Monat bucht das Unternehmen dann zusammengefasst alle Kreditkartenausgaben vom Girokonto des Kunden ab. Solche Karten funktionieren weltweit. Wie Paypal sind auch Mastercard und Visa US-Konzerne.

    Wer bietet Wero in Deutschland an?

    Fast alle, die ein Girokonto bei einer Sparkasse besitzen, können Wero nutzen. Die Zahlfunktion ist Teil der Sparkassen-App. Auch die ING Deutschland hat sie in der eigenen Banking-App eingebaut. Die Volks- und Raiffeisenbanken bieten Wero an, die Sparda-Banken, ebenso Postbank und Deutsche Bank. Die Digitalbank Revolut aus London ist ebenfalls dabei.

    In welchen Ländern ist die Zahlungsfunktion nutzbar?

    Zurzeit können alle, die ein Girokonto in Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg und den Niederlanden haben und deren Bank dabei ist, Wero nutzen. Neben diesen fünf Kernländern soll Wero bald auch in Österreich funktionieren. In manchen Ländern gibt es ähnliche Angebote, etwa Swish in Schweden, Twint in der Schweiz oder Bizum in Spanien. Letzteres soll mit Wero verknüpft werden. Ziel ist, Wero auf die gesamte Euro-Zone auszudehnen.

    Gut, noch ein weiterer Zahlungsanbieter. Geht da noch mehr?

    Die Wero-Macher können sich noch einiges vorstellen, etwa verbunden mit der geplanten digitalen staatlichen Brieftasche. Damit lassen sich zum Beispiel Ausweis, Führerschein und Gesundheitskarte rechtssicher in digitaler Form im Mobiltelefon speichern. Und man kann sich europaweit damit ausweisen. Alle EU-Mitgliedsstaaten müssen ein solches Angebot spätestens im November 2026 bereitstellen. Ist Wero etwa mit dem digitalen Ausweis verknüpft, könnte beim Bezahlen automatisch überprüft werden, ob der Käufer tatsächlich schon 18 ist. Beim Onlinekauf, etwa eines teuren Mobiltelefons, könnte die Identität der Käuferin durch die Bezahlung zweifelsfrei festgestellt werden. Ob es soweit kommt, ist noch offen.

  • Chancen sehen

    Wieder einmal geht die Angst um in Deutschland. Das ist hierzulande fast ein Reflex, wenn der technische Fortschritt einen großen Schub verheißt und nicht ganz klar ist, in welche Richtung es geht. Statt der Chancen, werden vor allem die Risiken gesehen. Diesmal ist es die künstliche Intelligenz, die spätestens mit dem ersten öffentlichen Start des Programms ChatGPT Ende 2022 einen Hinweis gab, was künftig möglich sein kann. Inzwischen liefern derartige Programme nicht nur Präsentationen, Briefentwürfe und Fotos, sondern ganze Filme, analysieren Maschinendaten und optimieren Produktionsflüsse. Etwa ein Drittel der Deutschen fürchtet nach einer Umfrage, durch KI den Arbeitsplatz zu verlieren.

    Ja, es werden – wie immer bei solchen Technologieschüben – Jobs wegfallen, dafür entstehen zahlreiche neue. Das zeigt zum Beispiel der Wandel von der Kutschproduktion zur Autoindustrie oder die Einführung von Computern. Was alles möglich ist mit der KI-Technologie, ist vermutlich ohnehin erst in Ansätzen bekannt. Interessant ist deshalb eine andere Zahl: 62 Prozent der Bundesbürger erwarten, ihren Arbeitsplatz zu behalten.

    Sie sollten sich darauf einstellen, dass er sich kräftig wandelt, weil die KI Arbeit abnimmt und neue Aufgaben ermöglicht. Das lässt sich bei Informatikern sehen, ein Berufszweig, der die Chancen von Technik tendenziell sofort ergreift. ChatGPT etwa schreibt auf Anweisung große Teile der Software. So bleibt mehr Zeit, den richtige Lösungsansatz für ein Problem zu finden – zum Beispiel die künftige Bettenbelegung eines Krankenhauses vorherzusagen anhand von historischen Daten, Wetterwerten und anderen Informationen. Die KI kann helfen. Die Idee muss der Mensch haben, Angst aber nicht.

  • Mit Laser und Adler auf Drohnenjagd

    Gerade hat die Bundesregierung neue Maßnahmen gegen illegale Drohnenflüge beschlossen. Die Bundespolizei bekommt mehr Befugnisse. Was rechtlich künftig etwas klarer geregelt ist, ist technisch nicht so einfach. Nicht jede Methode taugt für jeden Fall. Ein kleiner Überblick von Abschuss bis Kochen.

    In den vergangenen Wochen waren unbekannte Drohnen wiederholt über die EU-Außengrenze im Osten geflogen und verletzten den Luftraum etwa in Polen. In solch einem militärischen Fall sind die jeweilige Landesverteidigung, in Deutschland die Bundeswehr, und die Nato zuständig. Auch über verschiedenen deutschen Kasernen tauchten die Fluggeräte auf.

    Zuletzt hatten Drohnenschwärme den Flugbetrieb am Münchener Flughafen, dem zweitgrößten in Deutschland, gestört. In Dänemark musste der Flugbetrieb an verschiedenen Flughäfen zeitweise eingestellt werden. Experten vermuten hinter allen Fällen Russland, das Unruhe in Europa stiften will. Die EU ist der größte Unterstützer der Ukraine im Kampf gegen die russischen Angreifer.

    Drohnen sind unbemannte, steuerbare Fluggeräte mit eigenem Antrieb. Privatleute kennen kleine, von vier oder sechs Propellern getragene Modelle mit Kameras, um zum Beispiel Luftaufnahmen zu machen. Größere Drohnen mit mehreren Tragpropellern liefern Pakete aus, transportieren Laborproben oder überwachen lange Stromleitungen. Das Militär nutzt Drohnen in Flugzeugform, um Gebiete zu überwachen oder als fliegende steuerbare Bomben. Im Ukraine-Krieg sind solche Drohnen in unterschiedlichen Größen im Einsatz.

    Um Drohnen wirksam vom Himmel zu holen, muss unter anderem klar sein, wie sie fliegen und sich orientieren. Privatleute steuern eine Drohne meist mit einem handlichen Controller per Funk, ähnlich wie bei Modellflugzeugen. Die Kamera der Drohne ist praktisch das Auge, mit dem die Privatperson sieht, wo sie fliegt und was sie gegebenenfalls fotografiert oder filmt.

    Drohnen können sich an Satelliten-Signalen orientieren, etwa an GPS, das genaue Positionen liefert. Es gibt auch Fluggeräte, die nach gespeicherten Satellitenkarten das Gelände erkennen oder auf einem vorprogrammierten Kurs unterwegs sind. Im Ukraine-Krieg sind inzwischen Drohnen im Einsatz, die Soldaten jeweils über eine mehrere Kilometer lange Glasfaserleitung steuern.

    Schon bisher lassen sich Drohnen abwehren. Kleinere können mit Handfeuerwaffen, große mit Flugabwehrgeschützen, aus Hubschraubern oder von Flugzeugen aus abgeschossen werden. Abfangdrohnen können die unliebsamen Fluggeräte rammen. Auch Versuche mit in die Luft geschossenen Netzen oder Drohnen, die andere aus der Luft greifen, gibt es. Einige Rüstungskonzerne bieten auch Hochenergielaser an, mit denen die Drohne gezielt erhitzt, praktisch gekocht und damit unschädlich gemacht wird. Ähnliches gilt für Mikrowellen. Auch Adler sind schon trainiert worden, kleine Fluggeräte zu fangen.

    Manche Drohnen lassen sich unschädlich machen, in dem GPS-Signale gestört werden (Jamming) oder falsche Positionsangaben überspielt werden (Spoofing). Ersteres bringt die Drohne zum Absturz, mit letzterem kapert man praktisch die Drohne. Um solch elektromagnetische Tricks anzuwenden, muss klar sein, welcher Art eine Drohne ist. Verschiedene Firmen bieten unterschiedliche Erkennungssysteme an, die Bauart, Typ, Steuerungsmethode und ähnliches frühzeitig erkennen. Viele Sportstadien zum Beispiel nutzen solche Technik bereits. Auch bei Großveranstaltungen wie Messen sind sie im Einsatz. Die Anlagen sind zum Teil mobil. In der Ukraine nutzen Soldaten tragbare Geräte.

    Viele der Abfangmethoden eignen sich nur für bestimmte Fälle. So ist der Einsatz eines Abfangjägers der Bundeswehr gegen eine private 20-Zentimeter-Drohne wenig effizient und sicher unangemessen. Und einiges lässt sich in belebten Gegenden wie etwa einem Fußballstadion oder auf einem Platz in der Innenstadt nicht nutzen. Zum einen könnte etwas anderes getroffen werden als die Drohne, zum anderen könnten herabstürzende Trümmer Menschen gefährden. Ganz abgesehen davon, dass eine Drohne möglicherweise einen Giftstoff transportiert. In diesem Fall wäre es besser, sie einzufangen.

    Um wirklich wirksam gegen sich selbst organisierende Schwärme oder gezielt geschützte Einzeldrohnen vorgehen zu können, suchen unter anderem die Bundesagentur für Sprunginnovation (Sprind) für zivile Anwendungen und die Cyberagentur der Bundeswehr für militärische nach innovativen Lösungen.

    Wie kompliziert es ist, zeigte gerade der technisch anspruchsvolle und offene Wettbewerb von Sprind, der abgebrochen wurde und neu aufgesetzt wird. Beim Wettbewerb der Cyberagentur, der sich vor allem mit Jamming und Spoofing beschäftigt, sind 46 Teams eine Runde weiter.

    Das Entwicklungstempo ist – gerade auch befeuert durch den Ukraine-Krieg – hoch. Entsprechend muss auch die Abwehr sich schnell entwickeln. Das muss keine hochtechnisierte Lösung sein. Im Fall der glasfasergesteuerten Drohnen genügte eine einfache kleine Drohne, die die Faser durchtrennt. Allerdings sind die Lichtleiter im Gelände kaum zu sehen.

    Kasten

    Grundsätzlich sind Flüge mit Drohnen, etwa um Luftaufnahmen zu machen, erlaubt. Allerdings sind Flugverbotszonen ausgewiesen, etwa über militärischen Einrichtungen und Flughäfen, über Naturschutzgebieten und Menschenansammlungen. Zuständig ist die Deutsche Flugsicherung. Die Karte findet sich unter https://maptool-dipul.dfs.de/?language=de&zoom=11.0 im Internet oder in der kostenlosen App von Droniq, einem Unternehmen der Flugsicherung. Für Drohnen muss eine Haftpflichtversicherung abgeschlossen werden, unabhängig von der Größe.

  • Wie Bilder den Staat beschleunigen

    Stephan Breidenbach hat ein Problem. Seinen Studenten einfach zu erklären, wie ein Gesetz funktioniert. Vor gut 20 Jahren findet der Jura-Professor eine überraschende Antwort: mit einem Bild. Heute kann seine Idee der Bundesregierung bei einer Aufgabe helfen, die gemeinhin als besonders schwierig gilt: Bürokratie abbauen, schneller werden. Und bessere Gesetze schreiben. Die gerade vorgelegte Modernisierungsagenda jedenfalls setzt darauf.

    Breidenbach zerlegt ein Gesetz in kleine Entscheidungsschritte, die aufeinander aufbauen. Jede Entscheidung bekommt ein Kästchen, verbunden sind sie mit Linien. Das Ergebnis ist eine Art Baum, bei dem auf der einen Seite die große Frage steht, etwa: Kann der Bau der Windanlage genehmigt werden? Auf der anderen finden sich sehr kleinteilig Detailfragen: Sind bedrohte Tiere betroffen?

    So wird aus dem Gesetz für einen Bauantrag ein Entscheidungsplan, im Englischen Rulemap (etwa Gesetzeskarte). Sie zeigt, wie ein Jurist vorgeht: Erst die kleinen Fragen prüfen, denn wenn seltene Tiere bedroht, sind, wird das Windrad garantiert nicht genehmigt, dann die größeren. Bis hierher hilft die Idee vor allem Jurastudenten. Jetzt kommt Software dazu: Sie kann entlang des Entscheidungsbaums deutlich schneller prüfen als der Mensch. Das beschleunigt Bürokratie, ohne die Gesetze ändern zu müssen.

    „Es geht darum, die juristische Entscheidung zu automatisieren. Keiner unserer Konkurrenten weltweit ist derart präzise wie wir“, sagt Till Behnke, Mitgründer und Chef der Berliner Rulemapping Group, die Breidenbachs Idee vermarktet. Die Entscheidungsbäume lassen sich maschinenlesbar speichern. Hinterlegt sind alle Abhängigkeiten, alle Verknüpfungen, alle Bedingungen, auch Listen wie die der bedrohten Tiere.

    Die Software liefert als Prüfergebnis eine Karte, in der jede Einzelentscheidung mit „erfüllt“ oder „nicht erfüllt“ markiert ist nebst Erklärungen, warum. Und es gibt eine Empfehlung für die zentrale Entscheidung. Dafür nutzt die Firma auch künstliche Intelligenz. „Wir setzen sie als Helfer ein, um alle Einzelfragen in einer Rulemap durchzugehen“, sagt Behnke. „Da kann sie nicht halluzinieren und liefert schnell präzise Antworten.“ Und Tempo ist wichtig.

    „Die Automatisierung verkürzt eine Genehmigung für Windräder zum Beispiel von vier Jahren auf vier Monate“, sagt Behnke. „Das entlastet die Behörden.“ Thüringen hat das Unternehmen gerade beauftragt, die Baugenehmigungen zu beschleunigen. Pilotprojekte für Richterassistenzsysteme laufen bereits in mehreren Bundesländern.

    Die Technologie ist bereits seit 15 Jahren im Einsatz und markterprobt, unter anderem im VW-Dieselskandal. Große Kanzleien prüften damit, wie groß die Chancen Einzelklagen auf Erfolg sind, optimierten damit, welche Angaben des Klägers wichtig sind. Später nutzten auch die Anwälte der beklagten Konzerne das Produkt, um die Verfahren abzukürzen. Zum Schluss stiegen auch VW und Mercedes ein, um schnell abschätzen zu können, was sie die Verfahren kosten werden.

    Entsprechend sieht Behnke auch nicht nur den Staat als Kunden. „Im Idealfall nutzen Firmen und Behörden dieselben Programme. Dann kann das Unternehmen zum Beispiel einen Bauantrag optimal ausfüllen und weiß vorher, ob er genehmigt werden kann. Die Behörde wiederum kann schnell prüfen“, sagt er. „Wenn beispielsweise ein großer Konzern 500 Millionen Euro in ein neues Werk investieren will, will er wissen, ob der Antrag durchgeht.“

    Behnke will alle Gesetze in Entscheidungsbäume umwandeln. Und auch der Bund hat Interesse und entsprechende Aufträge vergeben. „Es ist jetzt möglich, das komplette Steuerrecht und das Sozialrecht per Rulemap wieder greifbar zu machen“, sagt der Firmen-Chef. „Aufgrund der Kompliziertheit der Gesetze sind sie momentan nicht komplett zu beherrschen.“

    Seine Vision: „Künftig liegen alle Gesetze maschinenlesbar in einem standardisierten Format in einer öffentlichen Gesetzesbibliothek. Sie lassen sich dann einfach updaten. Und jeder, der sie nutzt, hat automatisch die aktuelle Version.“ Bei dem Update würden einfach die entsprechenden Entscheidungsfelder verändert oder neue hinzugefügt.

    Die KI hilft Behnkes Team auch hier. Bestehende sehr umfangreiche Gesetze lassen sich mit ihr in Entscheidungsbäume umwandeln. Die Juristen, die bisher Rulemaps erstellen, stoßen da an Grenzen. Grundsätzlich gilt: Je dicker das Gesetz, desto umfangreicher der Entscheidungsbaum. Die Software kann die Gesetze dann auch nach Widersprüchen und Überflüssigem durchsuchen und Vorschläge für schlankere Gesetze machen. Hier läuft ein Projekt mit der technischen Universität München.

    Und noch mehr ist möglich. „Die Folgen einer Gesetzesänderung lassen sich simulieren. Etwa, was eine Anpassung des Steuergesetzes für eine Alleinerziehende mit zwei Kindern bedeutet“, sagt Behnke. Und der Traum vieler Politiker ließe sich verwirklichen: „Gesetzentwürfe lassen sich theoretisch per Knopfdruck aus einem Politikpapier erstellen. Bisher dauert es drei bis sechs Monate.“

    Tempo machen will der Bund auch an anderer Stelle und auch hier ist die Rulemapping Group dabei. „Wer in Deutschland ein Unternehmen gründen will, braucht Zeit und muss sehr viel beachten. Der Entscheidungsbaum hat mehr als 25.000 Knoten“ sagt Behnke. „Wir arbeiten gerade daran, die Firmengründung in 24 Stunden möglich zu machen. Unser System geht das schneller an, als es ein Mensch kann.“

  • Geld verschicken in zehn Sekunden

    Geld lässt sich bald schneller in der EU überweisen. Und das Verschicken wird auch sicherer. Zum 9. Oktober bieten Banken und Sparkassen den Kunden, die ihre Konten per Mobiltelefon oder Computer führen, zwei neue Funktionen an: Echtzeitüberweisung und Empfängerüberprüfung. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Ändert sich das Verfahren für Onlineüberweisungen grundlegend?

    Die neuen Regeln bringen mehr Tempo und mehr Sicherheit. Am Verfahren ändert sich nichts. Auch weiterhin muss man eine lange Nummer aus Buchstaben und Ziffern eingeben, die Internationale Bankkontonummer Iban. Nur mit ihr ist sicher, dass das Geld auch dort ankommt, wo es hin soll. Sie besteht aus einem Länderkürzel, etwa DE, zwei Prüfziffern sowie der Bankleitzahl und der Kontonummer.

    Was ist eine Echtzeitüberweisung?

    Hinter dem Begriff verbirgt sich eine besonders schnelle Form der Onlineüberweisung zwischen verschiedenen Banken und Sparkassen. Das Geld ist binnen zehn Sekunden auf dem Konto des Empfängers oder der Empfängerin. Das soll rund um die Uhr möglich sein, auch am Wochenende oder an Feiertagen. Bisher dauert es meist einen Arbeitstag, bis eine Überweisung ausgeführt, das Geld angekommen ist.

    Meine Bank bietet Echtzeitüberweisungen bereits an, was ist neu?

    Bisher bieten Banken und Sparkassen die Echtzeitüberweisung freiwillig an. Vom 9. Oktober an wird sie Pflicht. Die darf für den Kunden nicht teurer sein als eine klassische Überweisung – in der Regel wird sie also kostenlos sein. Damit könnte sich das Verfahren als neuer Standard durchsetzen. Warum warten, wenn es auch fixer geht? Und wer etwa eine Rechnung an einem bestimmten Tag bezahlen will, kann immer noch eine Terminüberweisung ausfüllen.

    Welche Vorteile hat das?

    Mehrere Vorteile sieht das Europäische Verbraucherzentrum. Wichtige Rechnungen, bei denen die Zahlungsfrist etwa am Montag ausläuft, ließen sich auch an Sonntagen begleichen. Wer viel über das Internet einkauft und das Geld überweist, muss weniger warten. So sehen Online-Händler sofort, dass das Geld eingegangen ist, und können die Ware schneller versenden. Auch gemeinsame Ausgaben in einem Restaurantbesuch, ließen sich sofort untereinander ausgleichen.

    Wie sicher ist sie?

    Die Echtzeitüberweisung wird sicher ankommen. Allerdings sollten diejenigen, die sie ausfüllen, sehr genau sein und noch einmal alles prüfen, bevor sie sie abschicken. Denn bei zehn Sekunden ist es kaum möglich, sie zu stoppen. Auch klassische Überweisungen lassen sich, einmal autorisiert, kaum zurückholen. Damit alles sicherer wird, wird eine zusätzliche, verpflichtende Sicherheitsabfrage eingebaut – die Empfängerüberprüfung. Sie ist kostenlos.

    Wie funktioniert die Empfängerüberprüfung?

    Bisher prüft ein Kreditinstitut im Hintergrund, ob die Iban auf der Onlineüberweisung existiert. Gibt es die Nummer, wird auch überwiesen. Der Name im Empfängerfeld ist unwichtig. Das ändert sich jetzt. Künftig prüfen die Bank, die das Geld überweisen soll, und die Bank, die es empfangen wird, zusätzlich, ob der Name im Überweisungsformular mit dem der Empfängerin oder des Empfängers übereinstimmt. Es soll Bruchteile von Sekunden dauern. Dann werden vier mögliche Hinweise angezeigt: Der Name stimmt überein; der Name ähnelt sich, typisch, wenn jemand mehrere Vornamen hat; der Name stimmt nicht überein. Im vierten Fall ist eine Überweisung nicht möglich. Er dürfte sehr selten sein und hat meist technische Gründe. Wie die Hinweise aussehen, regelt jede Bank oder Sparkasse selbst. Noch einmal prüfen, freigeben, fertig.

    Lassen sich Überweisungen freigeben, bei denen der Name nicht übereinstimmt?

    Selbst, wenn der Name nicht übereinstimmt, kann man die Überweisung autorisieren. Vielleicht kommt die Rechnung von „Blumen Müller“, bei der Bank ist unter der Iban die Susanne Meyer GmbH eingetragen. Allerdings haftet das Kreditinstitut nicht, wenn das Geld dann doch nicht da ankam, wo es hin sollte.

    Was ist mit Daueraufträgen?

    Bei bestehenden Daueraufträgen ändert sich nichts. Wird einer geändert oder ein neuer angelegt, gibt es einmalig eine Abfrage.

    Lässt sich die Abfrage abschalten?

    Auch wenn ein zusätzlicher Schritt bei der Onlineüberweisung vielleicht stört, können Privatleute ihn nicht verhindern. Firmen können auf die Empfängerüberprüfung verzichten.

    Wieso macht das Verfahren Überweisungen sicherer?

    Die Abfrage ist ein zusätzlicher Kontrollschritt. Der bei Betrügern beliebte Rechnungsschwindel sollte damit kaum mehr möglich sein. Dabei verschicken die Täter eine echte Rechnung, bei der sie die Kontonummer geändert haben. Der Zahler hält die Rechnung für echt, das Geld landet bei den Gaunern. Wie viele solcher Manipulationsfälle es tatsächlich gibt, ist unklar. Die Banken und Sparkassen in Europa führen jedes Jahr rund 30 Milliarden Überweisungen aus.

    Wo gilt die neue Sicherheitsabfrage?

    Zunächst führen alle 20 Mitglieder der Euro-Zone sie ein. Spätestens vom 9. Juli 2027 an ziehen alle anderen Staaten der EU nach. Unklar ist, wann Liechtenstein, Island und Norwegen das Verfahren einführen. Sie gehören nicht zur EU, sondern zum europäischen Wirtschaftsraum und sind der EU eng verbunden. Die Schweiz und Großbritannien sind bisher nicht dabei, ebenfalls nicht Albanien, Moldau und Serbien, die zwar zum einheitlichen europäischen Zahlungsraum gehören, aber nicht zur EU.

  • Ausgescheckt

    Und wieder hat der technische Fortschritt zugeschlagen. Nach dem Telegramm erwischt es dieses Mal den Scheck. Jahrzehntelang war er ein bequemes Zahlungsmittel, inzwischen ist er veraltet. Die Bankkarte im Portemonnaie oder Smartphone haben ihn abgelöst. Viele jüngere Menschen kennen ihn ohnehin nur aus Erzählungen. Selbst Betrüger sind inzwischen auf für sie lukrativere Maschen umgestiegen.

    Noch hat er eine Gnadenfrist bis Ende 2027, damit sich die Letzten von ihm verabschieden können. Dann nehmen Kreditinstitute Schecks nicht mehr an, die Bundesbank schaltet auch die technische Infrastruktur ab. 2024 wurden Schecks in knapp unter zwei Millionen Fällen eingesetzt, das entspricht 0,01 Prozent aller Zahlungen ohne Bargeld. Tendenz drastisch fallend. Zur Hochphase 2007 liefen 75,5 Millionen Schecks über die Bundesbank.

    Vor allem Institutionen nutzen derzeit noch Schecks, etwa der Bund und die Länder. Auch Versicherungen begleichen Schäden in einigen Fällen noch mit dem Papier. Auch Fondsgesellschaften schicken Schecks mit den Erträgen, sollten Kunden keine Kontonummer hinterlegt haben. Und bei Versteigerungen ist oft eine Sicherheitsleistung erforderlich. Oder man bezahlt die Zeichnung von Picasso direkt mit einem Scheck.

    Künftig wird sehr wahrscheinlich die Echtzeitüberweisung den Scheck ersetzen. Dabei ist das Geld sofort auf dem Empfängerkonto. Betrug ist praktisch ausgeschlossen. Beim Scheck dauert es, denn auch eine Bank löst ihn nur unter Vorbehalt ein – bis sicher ist, dass er auch gedeckt ist.

    Üblicherweise scannt eine Bank Vor- und Rückseite eines Schecks. Die Dateien werden dann über die Bundesbank an die Bank des Scheckausstellers geschickt. Dort wird unter anderem die Unterschrift geprüft, dann der Bank des Einreichers und damit dessen Konto gutgeschrieben. Sehr viel Aufwand und Kosten für ein kaum genutztes Zahlungsmittel.

    Auch Gauner haben sich längst andere Maschen überlegt, um Menschen zu betrügen. Zu aufwändig ist es, Schecks zu fälschen. Oder jemanden beim Autoverkauf auszunehmen. Eine klassische Masche war der Autokauf. Die Betrüger stellten einen Scheck über den Preis plus einer „Vermittlungsgebühr“ aus und baten den Fahrzeugverkäufer, ihnen diese Gebühr in bar zu geben. Der Scheck erwies sich dann später als gefälscht oder platzte, weil er nicht gedeckt war. Geld und Auto waren dann weg.

    Seit den 30er-Jahren ist das Zahlungsmittel durch ein eigenes Gesetz standardisiert. Theoretisch reichte auch ein Bierdeckel, es müssten nur die wesentlichen Dinge draufstehen. Praktisch ist das nicht. Deshalb ist alles genormt: Größe, Papier, Papierstärke, Farben, was wo stehen muss.

    Viele Banken geben schon länger keine Schecks mehr aus. Manche nehmen auch keine mehr an. Verpflichtend ist es jedenfalls nicht. Im Preis- und Leistungsverzeichnis einer Bank steht in der Regel, ob sie sich noch mit Schecks abgibt. Wenn sie es tut, nimmt sie wegen des Aufwands oft hohe Gebühren, weshalb sich ein Scheck meist nicht lohnt.

    Deutschland ist wie so oft bei Zahlungsthemen spät dran. Andere Länder haben Schecks längst ins Museum verbannt. Möglicherweise wird der Scheck in Deutschland noch in übergroßer Form überleben. Denn wenn Spenden übergeben werden, macht er sich im Foto immer gut.

    Weiterhin eingelöst werden können Schecks aus dem Ausland. Sie werden ohnehin per Post zwischen den Banken geschickt. Deshalb dauert es oft lange, bis das Geld gutgeschrieben wird. Entsprechend hoch sind die Gebühren.

    Und Traveler-Checks? Mit solchen Reiseschecks sind Generationen von Menschen durch die Welt gezogen, als Kreditkarten nicht überall verbreitet waren. Banken auch in entlegenen Gegenden gaben für die Schecks Bargeld in der Landeswährung heraus. Thomas Cook bot sie bis 2008 an, das britische Reiseunternehmen existiert nicht mehr. Die US-Bank American Express stellt seit 2019 keine solchen Schecks mehr aus. Wer noch welche hat, kann sie auf der Webseite der Bank einlösen. Sie verfallen nicht. Mit dem innerdeutschen Schecksystem haben sie ohnehin nichts zu tun.

  • Wenn das WG-Zimmer zum Luxus wird

    Studenten müssen auch in diesem Jahr deutlich mehr für Wohnraum zahlen. 2,3 Prozent kosten WG-Zimmer und kleine Wohnungen im Vergleich zum vergangenen Jahr mehr, , wie der MLP Studentenwohnreport 2025 zeigt. Besonders teuer ist es mit Abstand wie in den vergangenen Jahren in München. Auch Frankfurt, Köln, Heidelberg und Berlin gehören zu den teuersten Standorten. Günstige Unterkünfte bietet das sächsische Chemnitz.

    Nach dem Plus von 5,1 Prozent im vergangenen Jahr ist die Steigerung in diesem Jahr eher moderat. Von Entspannung könne aber keine Rede sein, sagt Michael Voigtländer, Immobilienexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft, das den Wohnreport für die Finanzberatung MLP erstellt hat. Es würden weniger Wohnungen gebaut, die Zahl der Studenten werde zunehmen. Das bedeutet mehr Wettbewerb. Untersucht wurden 38 Hochschulstandorte.

    Insgesamt studieren in Deutschland rund 2,9 Millionen Menschen. 412.000 von ihnen sind erstmals eingeschrieben. Größter Studienstandort ist Berlin mit mehr als 212.000 Studenten, vor Hamburg mit 123.400 und München mit 107.000 Studierenden. Für den studentischen Wohnungsmarkt ist auch interessant, wie hoch der Anteil an der Bevölkerung ist. Studentenhochburgen sind demnach Darmstadt, Würzburg und Heidelberg mit jeweils um die 25 Prozent.

    Weil sich die Wohnungen regional unterscheiden, möglicherweise auch unterschiedlich ausgestattet sind, haben die Statistiker eine Musterwohnung mit 30 Quadratmetern Größe und ein Muster-WG-Zimmer mit 20 Quadratmetern entwickelt. Sie sind fiktiv, lassen sich also so nicht mieten. Die Zahlen geben eine Tendenz wieder, wie teuer oder günstig die Städte im Vergleich sind. Betrachtet wird die Warmmiete. Im Schnitt kosten WG-Zimmer 505 Euro pro Monat, kleine Wohnungen demnach 541 Euro.

    Rein nach den Wohnkosten müssten neue Studenten demnach nach Chemnitz ziehen. Dort ist eine Unterkunft, ob in WG oder kleiner Wohnung mit Abstand am günstigsten. Das Muster-WG-Zimmer ist für 274 Euro zu haben, die Wohnung für 296 Euro. Auch in Bochum (322 und 368 Euro) sowie Magdeburg (339 und 374 Euro) lässt sich bezahlbar wohnen. Auch Mannheim (455 und 504 Euro) liegt unter dem deutschen Durchschnitt, ebenso Mainz (495 und 549 Euro) und Bremen (484 und 504 Euro).

    Mit Abstand am teuersten ist es in München. Ein Muster-WG-Zimmer kostet im Schnitt 790 Euro pro Monat. Eine Musterwohnung kostete 837 Euro. „München ist eine Klasse für sich“, sagt Voigtländer. Frankfurt ist mit 702 und 734 Euro) schon deutlich billiger. in Köln müssen 641 und 688 Euro ausgegeben werden. Auf Rang vier und noch vor Berlin findet sich Heidelberg mit 633 und 670 Euro. In der Hauptstadt kostet ein WG-Zimmer 624, eine kleine Wohnung 664 Euro.

    In der Realität können die Preise deutlich abweichen. Das IW hat auch Kaltmieten am Markt untersucht. In München sind danach kleine Wohnungen zwischen 680 und 980 Euro im Angebot. Dazu kämen noch die Nebenkosten. Mit dem pauschalen Wohnzuschlag der Studierenden-Förderung Bafög kommt da keiner hin. Er beträgt derzeit 380 Euro. Allein in Chemnitz und Magdeburg ließe sich mit dieser Summe eine Wohnung mieten, wie die Experten ermittelt haben. Viele Studierende müssen deshalb zusätzlich arbeiten. „Das verlängert die Studienzeit“, sagt Voigtländer.

    Umgerechnet auf Quadratmeter ließe sich mit dem Bafög-Wohnzuschuss in München knapp 15 Quadratmeter mieten, allerdings kalt. Auch Stromkosten gehen extra. In Frankfurt sind es knapp 20 Quadratmeter, in Darmstadt und Mainz rund 24, in Mannheim etwa 25 und in Chemnitz mehr als 60 Quadratmeter.

    Die Experten haben sich auch die Entwicklung der vergangenen drei Jahre angesehen. Danach haben die Preise vor allem in Leipzig, Freiburg und Konstanz über die vergangenen drei Jahre angezogen. Das Plus lag zwischen sechs und sieben Prozent. Vor allem Leipzig wächst und zieht immer mehr Studierende an, was sich auf die Wohnungssituation auswirkt, wie Voigtländer sagt.

    Kurios: WG-Zimmer sind in Hamburg teurer als kleine Wohnungen. Voigtländer vermutet, dass es mit dem besonderen Angebot zu tun hat. Es gebe viele kommunale Anbieter mit günstigen kleineren Wohnungen. Zudem seien die privat vermieteten WG-Zimmer vor allem in besseren und damit teureren Lagen.

    In Berlin sind die Kosten für Studentenunterkünfte sogar um 0,8 Prozent gesunken. Für Voigtländer ist das eine Reaktion darauf, dass die Mieten in den vergangenen Jahren kräftig gestiegen sind – Korrektur heißt das am Markt. Offenbar haben einige Vermieter zuvor doch etwas zu viel mehr verlangt. Über drei Jahre lag das Plus bei 5,3 Prozent.

    Nicht betrachtet haben die Experten die Lage bei Wohnheimen. Aber auch hier ist es eng. Allein bei elf der 57 deutschen Studierendenwerke, die solche Unterkünfte verwalten, stehen derzeit 33.000 Personen auf der Warteliste, vor allem in Berlin, Darmstadt, Erlangen-Nürnberg, Frankfurt/Main, Hamburg, Heidelberg, Mainz und München. Auf solche Unterkünfte sind besonders Studierende aus Ländern außerhalb der EU angewiesen. Ihre Zahl steigt, weil der Hochschulstandort D attraktiv ist.

    Die Miete entscheidet allerdings selten darüber, in welcher Stadt jemand studiert. „Studenten orientieren sich nicht an Preisen“, sagt Immobilienexperte Voigtländer. Und so geht es eher nach Exzellenz der Lehre, interessanten Studienangeboten oder reizvoller Stadt.

  • Zuversicht trotz Sparbuch

    Inmitten der schwierigen wirtschaftlichen Situation sind die Deutschen überraschend optimistisch. Zumindest ihre finanzielle Lage bewerten sie als so gut wie lange nicht mehr. Und für die nächsten zwei Jahre erwarten einer repräsentativen Umfrage zufolge viele, dass es noch besser wird. Vor allem die Jüngeren sind zuversichtlich.

    „Die Menschen in Deutschland schöpfen wieder Vertrauen“, sagt Ulrich Reuter, Präsident des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV), als er das Vermögensbarometer 2025 zum Weltspartag vorstellt. Danach geben 41 Prozent der Befragten an, dass es ihnen finanziell gut oder sogar sehr gut geht. Im vergangenen Jahr waren es nur 38 Prozent, 2023 sogar nur 34 Prozent. Seit dem ersten Barometer war die Stimmung nur um 2020 etwas besser.

    Besonders zuversichtlich sind demnach die Jüngeren. 71 Prozent der 16 bis 29-Jährgen erwarten, dass es ihnen in zwei Jahren besser geht als heute. Reuter findet das beeindruckend. „Denn diese Generation sieht sich permanent neuen Schwierigkeiten ausgesetzt“, sagt der DSGV-Präsident. „Aber sie begegnet ihr mit Gelassenheit und Tatkraft.“

    Die Lage der deutschen Wirtschaft ist hingegen nicht ganz so gut: Fehlendes Wachstum, Krise der wichtigen Autoindustrie, wichtige Partner wie die USA sind unberechenbar. „Gerade deshalb ist dieser Optimismus bemerkenswert“, sagt Reuter, „weil er nicht auf stabilem Wachstum beruht, sondern auf dem Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit.“

    Das Barometer nimmt seit 2005 die Stimmung der Deutschen auf und zeigt, wie sie investieren. Einen konkreten Vermögenswert liefert es nicht. Dem Wealth Report des Versicherungskonzerns Allianz zufolge besaßen die Bundesbürger 2024 im Schnitt 86.800 Euro Vermögen. Gegengerechnet sind bereits Schulden und Verbindlichkeiten. Immobilien wie Häuser und Wohnungen sind nicht erfasst.

    Das meiste Geld liegt in Deutschland auf Tagesgeldkonten oder Sparbüchern. Beide sind mit um die ein Prozent oder oft weniger nur gering verzinst. Dafür gelten sie als sicher, was für die Deutschen besonders wichtig ist. 51 Prozent legen nur Geld an, wenn das risikolos ist, zeigt das Vermögensbarometer. Dafür nehmen sie die geringen Erträge bewusst in Kauf.

    An den Börsen ist mit Aktien oder Fonds auf lange Frist deutlich mehr Geld zu verdienen. Mit einem Fonds, der etwa die Weltindustriewerte abbildet, wie einem MSCI World ETF, ließen sich über die vergangenen Jahre pro Jahr im Schnitt um die zehn Prozent Rendite erzielen. Wer monatlich eine bestimmte Summe einzahlt und die Erträge wieder investiert, spart so ein Vermögen an.

    Besonderes Interesse an Aktien, Anleihen und Fonds haben dem Vermögensbarometer zufolge die Hamburgerinnen und Hamburger. 40 Prozent besitzen Wertpapiere, gefolgt von den Nordrhein-Westfalen (34 Prozent) und den Bayern (33 Prozent). Im Schnitt haben derzeit 28 Prozent der Deutschen Geld an den Kapitalmärkten angelegt.

    Die größten Wertpapiermuffel sitzen in Sachen. 72 Prozent der Menschen, die älter als 15 sind, haben dort noch nie Wertpapiere besessen. Im Saarland sind es 69 Prozent. Rang drei teilen sich Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen mit je 65 Prozent. 56 Prozent der Deutschen besaßen noch nie Wertpapiere.

    „Dahinter steckt oft nicht Desinteresse, sondern Unsicherheit“, sagt DSGV-Präsident Reuter. 35 Prozent der Befragten können das Risiko nicht richtig einschätzen, 29 Prozent haben Angst, ihr Geld zu verlieren, 26 Prozent vertrauen den Märkten grundsätzlich nicht, 25 Prozent halten sie für nur schwer durchschaubar. Dennoch sehen die Bundesbürger, dass Aktien und Fonds geeignet sind, zu sparen und höhere Erträge zu erzielen als auf dem Sparbuch. Allein: „Zwischen Einsicht und Handeln liegt oft noch eine Lücke“, sagt Reuter.

    Das hat sehr wahrscheinlich auch damit zu tun, dass oft das Wissen darüber fehlt, was Aktien oder Fonds sind, wie Börsen funktionieren und warum Kapitalmärkte wichtig für das Gedeihen von Unternehmen und Fortschritt sind. Nur 35 Prozent der Befragten bezeichnen ihr Finanzwissen als gut.

    Reuter fordert, finanzielle Bildung müsse fester Bestandteil des Alltags sein. Schon Schülerinnen und Schüler müssten erleben können, wie Märkte funktionieren. „Gerade in einer digitalen Welt, in der Finanzinformationen ständig verfügbar sind, braucht es Kompetenz, um Relevantes von Lautem zu unterscheiden.“

    Nicht jeder erkennt eben, ob ein Versprechen von 500 Prozent Gewinn in 70 Tagen, gegeben in einer Whatsapp-Gruppe, seriös ist. Vor allem nicht, wenn sich das Geld vermeintlich einfach verdienen lässt. Die Bundesfinanzaufsicht Bafin warnt immer wieder vor solchen Angeboten. Offenbar lohnt es sich aber für die Betrüger. Es tauchen auch immer wieder neue Angebote auf.

    Schulbildung ist in Deutschland Ländersache, ein eigenes Schulfach Finanzwissen oder Wirtschaft gibt es nur selten. Private Initiativen wie das Planspiel Börse der Sparkassen erreichen nicht alle Schüler. Einen Schub erhofft sich die Finanzbranche von der geplanten Frühstartrente. Die Bundesregierung möchte jedem Kind vom sechsten Lebensjahr an monatlich zehn Euro schenken, die in Aktien oder Fonds angelegt werden sollen. Über die Jahre soll sich so ein kleines Vermögen aufbauen, dass die staatliche Rente ergänzt. Nebeneffekt: Wer früh damit zu tun hat, interessiert sich mehr dafür, was dahintersteckt und lernt so etwas über Märkte und Finanzen.

  • Deutschland punktet gegen USA

    Wer hätte das gedacht. Die Wirtschaft insgesamt schwächelt, der Ausblick ist eher verhalten und die Stimmung unter Deutschlands Gründern war auch schon mal besser. Aber der Standort D wird offenbar im internationalen Vergleich attraktiver, wie der aktuelle Start-up-Monitor zeigt, der die Branche jedes Jahr durchleuchtet. Vor allem gegenüber den Vereinigten Staaten kann die Bundesrepublik punkten.

    39,8 Prozent der Gründerinnen und Gründer schätzen die Anziehungskraft Deutschlands inzwischen höher ein als die USA. Ein Jahr zuvor waren es nur 33,5 Prozent. Wird nur Europa betrachtet, sehen 61 Prozent die Bundesrepublik vorn. „Die Zahlen zeigen, dass die deutsche Start-up-Szene Aufwind hat. Dabei spielt uns der Kurs der amerikanischen Regierung in die Karten“, sagt Verena Pausder, Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands, der den Monitor herausgibt. „Dieses Momentum zu nutzen, ist nicht nur aus wirtschaftlicher, sondern auch aus politischer Sicht entscheidend, um technologische Abhängigkeiten zu reduzieren.“

    Das spricht für große Chancen, die die Bundesregierung nutzen kann. Allerdings besteht offenbar Nachholbedarf. So finden 53 Prozent der Jungunternehmer, dass Deutschland im internationalen Vergleich gering digitalisiert ist. In der Verwaltung sieht es noch dramatischer aus. Acht von zehn werten die Digitalisierung dort als gering oder sehr gering. Ebenso viele halten die digitale Souveränität der Bundesrepublik für schwach – die Abhängigkeit von Technologien, die nicht aus Europa kommen, ist sehr hoch. Dazu zählen zum Beispiel Software wie Windows von Microsoft oder Bezahlsysteme wie die der Kreditkartenfirmen Mastercard und Visa.

    Und auch sonst hakt es nach Ansicht der Gründer etwas – zu viel Bürokratie, zu wenig Risikokapital, auch wenn sich hier etwas tut. Insgesamt flossen in diesem Jahr bereits 5,4 Milliarden Euro in deutsche Start-ups. Der Verband rechnet für das Gesamtjahr mit rund acht Milliarden Euro, ein Plus von gut acht Prozent. Rekordwert bisher: 14,6 Milliarden Euro 2021.

    Als Start-ups sieht der Verband Unternehmen, die innovative Technologien auf den Markt bringen und vor allem schnell und stark wachsen wollen. Zudem dürfen sie höchstens zehn Jahre alt sein. Der neue Klempner gehört also nicht dazu, das Unternehmen, dessen Software Daten von Produktionsmaschinen nutzt, um die Anlagen zu optimieren, schon. Derzeit gibt es rund 23.000 solcher Firmen in Deutschland.

    Sie gelten als große Arbeitgeber von Morgen. Der Onlinehändler Zalando etwa startete 2007 mit drei Personen im Wohnzimmer und ist heute im Deutschen Aktienindex Dax notiert. Zahlreiche Firmen wie der Berliner Onlinebroker Trade Republic oder Celonis aus München, die Firmenabläufe optimieren, sind inzwischen mehrere Milliarden Euro wert und beschäftigen mehrere tausend Mitarbeiter, in jungen Start-ups sind es im Schnitt 16.

    Zu den Neugründungen gehören oft sogenannte Deeptech-Unternehmen. Sie arbeiten an grundlegend neuen Technologien, nutzen neueste wissenschaftliche Forschung. Und es dauert, bis ein Produkt auf den Markt kommt. Dazu zählen zum Beispiel Fusionsenergie oder gedruckte menschliche Organe. Auch sonst verschiebt sich gerade etwas – was sich auch daran zeigt, wo Wagniskapitalgeber Geld investieren.

    Da ist zum einen Künstliche Intelligenz. 45 Prozent der jungen Unternehmen gaben an, dass die Technologie Kern ihres Produktes sei. 2,1 Milliarden Euro flossen in derartige Gründungen. Und dann ist da noch alles rund ums Militär. Nur zwei Prozent aller Start-ups beschäftigen sich mit Verteidigung, dafür sammelten sie bisher schon 900 Millionen Euro ein, doppelt so viel wie 2024. Bekannteste Firma der Branche ist Helsing aus München, die unter anderem Drohnen entwickeln.

    Auch wenn die Summen üppig aussehen, stecken Investoren das große Geld immer noch in Firmen anderer Länder. Zwischen 2022 und 2024 erhielten allein US-Start-ups im Jahresschnitt 169,4 Milliarden Dollar (145 Milliarden Euro), in Großbritannien waren es 16,4 Milliarden Dollar, in Deutschland 7,4 Milliarden Dollar. Bezogen auf die Wirtschaftsleistung, das Bruttoinlandsprodukt, liegt Singapur unter den 40 größten Volkswirtschaften an der Spitze, vor Israel und den USA. Deutschland erreicht Rang 18.

    Geld ist auch einer der Gründe, warum fast ein Drittel der Jungunternehmer für das nächste Start-up lieber ins Ausland gehen wollen. 70,7 Prozent geben an, dort besser an Kapital zu kommen. 61,4 Prozent setzen auf niedrigere Steuern. Und 87,8 Prozent freuen sich über weniger Bürokratie und schnellere Verfahren.

    Was Personal betrifft, setzen Start-ups stark auf das Ausland. Drei von zehn Beschäftigten stammen im Schnitt nicht aus Deutschland. In Berlin sind es sogar vier von zehn. Was Deutschland für die Fachkräfte attraktiv macht sind aus Sicht der Jungunternehmen die Lebensqualität, die Jobchancen und die gesellschaftliche Offenheit.

    87 Prozent der Gründerinnen und Gründer haben studiert, vor allem Volkswirtschaft oder Betriebswirtschaft, sind Ingenieure oder Informatiker. Der Antrieb, etwas Neues zu wagen, geht immer von Einzelnen aus. Allerdings unterstützen einige Universitäten offenbar stärker. Top-Hochschulen sind dem Startup-Verband zufolge die Technische Universität München, die Universität zu Köln und die RWTH Aachen vor der Freien Universität Berlin und der Uni Münster.

  • Vertrauen auf Wirtschaftswende fehlt

    Experten mahnen seit langem Reformen in Deutschland an. Auch die Bundesbürger beurteilen die aktuelle wirtschaftliche Lage mehrheitlich als schwierig, wie eine Umfrage ergab. Und sie erwarten, dass es sogar schlechter wird – obwohl die schwarz-rote Bundesregierung zahlreiche Reformen versprochen hat. Dramatisch für das Team um Kanzler Friedrich Merz (CDU): Zwei Drittel der Deutschen glauben nicht, dass die Politik die Probleme lösen kann, der schlechteste Wert seit 15 Jahren.

    „Wenn nur noch ein knappes Drittel der Bevölkerung der Politik zutraut, die wirtschaftlichen Probleme des Landes zu lösen, muss uns das Sorgen machen“, sagt Heiner Herkenhoff, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands deutscher Banken, der die repräsentative Umfrage in Auftrag gegeben hat. „Nur mit entschlossenem Handeln und mutigen Reformen wird die Bundesregierung das Vertrauen in die Handlungsfähigkeit des Staates zurückgewinnen.“

    70 Prozent der Befragten bewerten die wirtschaftliche Lage hierzulande als nicht so gut oder sehr schlecht. Und auf die wirtschaftlichen Herausforderungen der Zukunft sehen 77 Prozent Deutschland schlecht oder sehr schlecht vorbereitet. „Das ist ein alarmierendes Signal, das zum Handeln gemahnt“, sagt Herkenhoff. Im vergangenen Jahr lag der Wert noch bei 55 Prozent. Auch der wirtschaftliche Ausblick ist düster. 57 Prozent der befragten geben an, dass es mit der Wirtschaft am Standort D derzeit bergab geht, wer unter 30 ist, etwas mehr (62 Prozent) als die Über-60-Jährigen (53 Prozent).

    „In der pessimistischen Stimmung spiegeln sich nicht zuletzt auch sechs Jahre wirtschaftlicher Stagnation und drei Jahre lähmender Ampel-Streit wider“, meint der Chef des Bankenverbands. „Jetzt muss die schwarz-rote Regierung so schnell wie möglich eine Aufbruchstimmung erzeugen.“ Er glaubt, „nur wenn wir Bürokratie abbauen und in innovative Technologien investieren, kann Deutschland zu wirtschaftlicher Stärke zurückfinden.“

    Bisher hat die Bundesregierung als Sofortmaßnahme unter anderem Abschreibungsregeln für Unternehmen verbessert, was, vereinfacht gesagt, die Steuerlast der Firmen senkt und ihnen etwas mehr Geld lässt. Auch soll vor allem das Lieferkettengesetz entschärft werden und der Energiepreis sinken. An richtig umfangreiche Reformen traut sich Schwarz-rot bisher nicht heran.

    Volkswirte bemängeln seit langem, dass viele Regeln im schärferen internationalen Wettbewerb zu sperrig sind. Auch fehlen Fachkräfte. Zahlreiche Unternehmen kämpfen, weil sie in den vergangenen Jahren erfolgreich waren, aber nicht genug in neue Ideen investiert haben. Hinzu kommt, dass die USA gerade ihr Wirtschaftsmodell radikal ändern, was drastische Folgen für den Welthandel hat. Das ist ein Problem für eine auf Export angewiesene Wirtschaft wie die deutsche. Und bei der Wirtschaftsmacht China zeigt sich gerade, wie sehr sich die hohen Investitionen in Zukunftstechnologien rechnen.

    Versprochen hat Kanzler Merz einen Herbst der Reformen. Zuletzt hatte die Bundesregierung großzügig unter anderem Geld für Dieselsubventionen der Landwirte, geringere Mehrwertsteuer auf Speisen im Restaurant und die Mütterrente beschlossen. Auch die Pendlerpauschale soll erhöht werden. Alles nichts, was die Wirtschaft nennenswert ankurbelt.

    Dass die Bundesbürger der Politik wenig zutrauen, ist das eine, das andere, dass sich offenbar die Gesellschaft verändert. In den letzten Monaten habe der Zusammenhalt abgenommen, befanden 63 Prozent der Befragten. Der Wert ähnelt sich quer durch alle Altersgruppen. Ein Trend, der auch in anderen Ländern zu beobachten ist, etwa in den USA, wo Konfrontation und Rechthaben wollen wichtiger scheint, als Diskussion und Ideen entwickeln. „Reformen können nur gelingen, wenn die Menschen auf dem Weg der Veränderungen mitgenommen werden“, ist Herkenhoff sicher.

    Immerhin tragen die Bundesbürger die hohen neuen Schulden für die sogenannten Sondervermögen mit, die so heißen, weil sie nicht in den normalen Bundeshaushalt eingerechnet werden müssen. Für Infrastruktur (etwa Schienen und Straßen) stehen bis zu 500 Milliarden Euro bereit, für die Bundeswehr 100 Milliarden Euro. 67 Prozent der Befragten finden es richtig, dass Deutschland Geld beschafft, um die Infrastruktur zu sanieren. Und 59 Prozent hält neue Schulden für richtig, um die Verteidigungsfähigkeit zu verbessern.

    „Diese Zustimmung entbindet die Politik aber nicht von der Pflicht, dauerhaft tragfähige Staatsfinanzen sicherzustellen“, sagt Herkenhoff. Schließlich muss die Jugend von heute die Schulden später tilgen, wird also besonders stark belastet. Und so halten nur 47 Prozent der 18 bis 19-Jährigen die Schulden gegenüber der jüngeren Generation für gerecht. Bei denen, die älter als 60 sind, sind es 67 Prozent.

    Bei allem Pessimismus geht es den Deutschen nicht schlecht. 65 Prozent bewerten ihre persönliche wirtschaftliche Lage als gut oder sehr gut. Allerdings schrumpfte der Wert seit 2020. Damals waren noch 83 Prozent mit ihrer wirtschaftlichen Lage zufrieden.

    Der Bankenverband fragte auch danach, wodurch sich Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern positiv auszeichnet. Ganz oben stehen die funktionierende Demokratie (30 Prozent), der hohe Bildungs- und Ausbildungsstand (24) und die freiheitlich-liberale Gesellschaft (17). Der leistungsfähige Staat kam immerhin noch auf acht Prozent.

    Im Auftrag des Bankenverbands befragte Infas Quo aus Nürnberg mehr als 1000 Deutsche, die älter als 17 Jahre sind. Die Umfrage lief vom 11. bis 19. August und ist repräsentativ für die Bundesrepublik.

  • Automatische Fahrscheinabrechnung

    Seit 2021 beschäftigt sich Europa mit eigenem digitalen Bargeld. Jetzt wird es langsam konkret. Industrie und Europäische Zentralbank (EZB) denken bereits über Anwendungen nach, die das Leben der Verbraucher vereinfachen sollen. Erste Ideen liefert ein Innovationsbericht, an dem knapp 70 Unternehmen mitgewirkt haben – von Banken über Berater, Forschungsinstitute und Händler bis zu Technologiefirmen. Die Chancen wären demnach riesig.

    Der digitale Euro soll Bargeld sein, nur eben virtuell. Die meisten werden ihn, wenn er kommt, wahrscheinlich in einer digitalen Geldbörse im Mobiltelefon dabeihaben. Er soll Münzen und Scheine nicht ersetzen, sondern ergänzen. Ein großer Vorteil: Der digitale Euro wäre offizielles Geld und muss damit im gesamten Euro-Raum akzeptiert werden. Das bedeutet auch, das alles, was für das virtuelle Bargeld entwickelt wird, sofort in der gesamten Euro-Zone verfügbar wäre. Die EZB hofft, dass das Unternehmen zu Innovationen bewegt.

    So könnte zum Beispiel die Rechnung für Schuhe, die bei einem Onlinehändler bestellt wurden, erst beglichen werden, wenn das Paket erfolgreich zugestellt ist. Auch ließe sich die Quittung digital mit der Bezahlung verbinden. Verbraucher bekämen einen besseren Überblick über die Ausgaben. Retouren und Garantiefälle ließen sich einfacher abwickeln.

    Mehr Tempo und Effizienz versprechen sich die Experten auch etwa an Mautstellen auf der Autobahn. Und im öffentlichen Nahverkehr könnte der digitale Euro mit einem System verbunden werden, das automatisch alle Fahrten an einem Tag ermittelt und dann den günstigsten Tarif abrechnet. Ein ähnliches System nutzt die Londoner U-Bahn bereits. Die Kaution für Mietwagen könnte ebenfalls digital hinterlegt werden, hier wäre keine Kreditkarte mehr nötig. Vieles ließe sich mit bestehenden Zahlmethoden umsetzen, aber der digitale Euro könnte größere Geschäftsmöglichkeiten bieten, heißt es im Innovationsbericht.

    Bisher gibt es neben dem Bargeld kein Bezahlsystem, das überall in der Euro-Zone akzeptiert wird. Besonders in Deutschland sperren sich viele gegen digitale Lösungen. Andere Länder sind deutlich bargeldloser, in manchen braucht man praktisch keine Münzen und Scheine mehr – Karten oder Mobiltelefone mit entsprechenden Programmen reichen. Hier sind allerdings alle abhängig von Technologie aus den USA. Der Dienstleister Paypal ist ebenso eine amerikanische Firma wie Apple und Google, die beide mobile Zahlungsmöglichkeiten anbieten. Wer Kreditkarten nutzt, kommt um die US-Firmen Mastercard und Visa nicht herum. Der digitale Euro könnte Europa hier weniger abhängig machen.

    Ein Vorteil aus Sicht der Verbraucher und Händler: Ähnlich wie bei Münzen und Scheinen fällt auch beim digitalen Bargeld keine Gebühr an, wenn jemand damit bezahlt. Ein wichtiger Punkt, wie eine Umfrage der Europäischen Verbraucherorganisation Beuc in zehn EU-Ländern, darunter Deutschland und Frankreich, ergab. Danach sagen 49 Prozent, ein neues digitales Zahlungsmittel solle wenig oder nichts kosten.

    Bisher ist noch unklar, ob der digitale Euro eingeführt wird. Es liegt ein Entwurf der Kommission vor. Das EU-Parlament hat noch nicht entschieden. Die Länder der EU haben noch Abstimmungsbedarf. Vertreter der EZB sehen den digitalen Euro als wesentlich für die Euro-Zone und die EU, um eigenständiger zu sein.

    Nach aktuellem Stand könnte der digitale Euro von den Banken und Sparkassen ausgegeben werden. Jeder kann dann zum Beispiel ein entsprechendes Konto bei der Bank eröffnen. Vorgesehen ist auch, dass Finanzdienstleister ohne Vollbanklizenz Konten anbieten können. Solche Firmen dürfen keine Kredite vergeben und werden nicht so eng beaufsichtigt wie Banken und Sparkassen.

    Das Konto für digitale Euro muss dann per Überweisung oder Dauerauftrag gefüllt werden. Die Pläne sehen auch vor, dass im Moment des Bezahlens automatisch der nötige Betrag vom normalen Bankkonto eingezogen wird. Das läuft im Hintergrund, der Kunde soll nichts davon bemerken.

    Verfügbar sein soll der digitale Euro zum Beispiel in den jeweiligen mobilen Banking-Apps der Banken und Sparkassen. Auch eine EZB-App soll es geben, die dann mit den jeweiligen Bankkonten verknüpft werden muss. Nachgedacht wird auch darüber, den digitalen Euro über eine klassische Bankkarte mit Chip nutzbar zu machen. Klingt alles sehr technisch? In der Praxis wird es vermutlich genauso schnell und einfach funktionieren, wie Bezahlen mit einer Bankkarte oder dem Smartphone.

    Der digitale Euro soll wie klassisches Bargeld allen zur Verfügung stehen. Viele Menschen in der EU können aber wenig mit Digitalisierung anfangen, sind überfordert, besitzen kein Mobiltelefon oder Bankkonto. Deshalb könnte es auch eine Lösung geben, bei der jemand zum Beispiel bei einer Postfiliale mit Bargeld digitale Euro eintauscht und sie auf einer Karte speichert.

    Bei allem Aufwand, innovativen Ideen und technischen Herausforderungen: Unklar ist immer noch, ob die Menschen den digitalen Euro überhaupt nutzen wollen. Patriotische Gefühle spielen eher eine untergeordnete Rolle, sonst würden schon heute viele die Angebote der US-Firmen ausschlagen. Was zählt, das zeigt auch die Beuc-Umfrage, ist, wie praktikabel das digitale Bargeld ist. 53 Prozent wünschen, dass es einfach nutzbar ist. Für 55 Prozent soll es sicher und vor allem zuverlässig sein.

  • Wo die wirklich Reichen wohnen

    Allen Krisen zum Trotz sind die Bundesbürger 2024 wieder reicher geworden. Auch weltweit stiegen die Vermögen, wie der Global Wealth Report der Allianz ergab. Die Experten haben zwei wesentliche Strategien zu mehr Reichtum ausgemacht – eine deutsche und eine amerikanische. Verteilt sind die Vermögen immer noch sehr ungleich.

    „Wir haben eine Mehrfachkrise weltweit, leben in unsicheren Zeiten. Aber niemand scheint den Sparern und Börsen etwas davon gesagt zu haben“, sagte Arne Holzhausen, Vermögensexperte der Allianz und einer der Autoren des Berichts, zu dem überraschenden Plus beim Weltvermögen und dem satten Zuwachs an den Börsen. Allerdings sei Sparen auch ein Ausdruck unsicher Zeit. Die Menschen legten Geld zur Sicherheit zurück. Insgesamt stieg das Weltfinanzvermögen 2024 um 8,7 Prozent auf rund 269 Billionen Euro. Es ist etwa doppelt soviel wie 2015. Allein die Hälfte des Zuwachses erzielten die Amerikaner.

    Für das laufende Jahr rechnen die Experten trotz der Kriege in der Ukraine und in Gaza sowie der Zollpolitik der USA und der neuen politischen Blockbildung weltweit mit einem weiteren Plus von etwa sechs Prozent. Die Weltwirtschaft sei trotz der hohen Belastungen widerstandsfähiger als erwartet, sagte Holzhausen. Die Allianz betrachtet jedes Jahr die Geldvermögen der Welt. Sie beinhalten Sparkonten, Aktien-, Anleihen- und Fondsbesitz. Ebenfalls erfasst werden die Schulden, etwa für Autokredite oder Hypotheken. Nicht erfasst werden in der Weltübersicht Immobilien, weil die Datenlage weltweit unübersichtlich und kaum vergleichbar ist.

    Im Durchschnitt am reichsten waren im vergangenen Jahr die US-Amerikaner. Jeder verfügte – Schulden abgezogen – über umgerechnet 311.000 Euro. Auf Rang zwei folgen die Schweizer mit 268.860 Euro pro Kopf. Auf Rang drei finden sich die Einwohner von Singapur mit im Schnitt 197.460 Euro. Deutschland kommt auf Rang 13 mit 86.800 Euro. 2023 war es noch Rang 18.

    Ein Grund für das große Plus bei den Deutschen: Die Bundesbank hat im vergangenen Jahr Daten überprüft und nach oben korrigiert. Pro Kopf brachte das jedem Bundesbürger rein rechnerisch rund 10.000 Euro netto zusätzliches Vermögen, das sich aber eher nicht auf den Konten jedes und jeder Einzelnen findet.

    Weil die Zinsen weltweit gestiegen sind, nehmen die Menschen auch weniger Kredite auf. Entsprechend moderat stiegen die Schulden. Am meisten verschuldet sind die Schweizer mit pro Kopf fast 129.000 Euro.  Auf Rang zwei folgen die Norweger mit  gut 75.200 Euro Schulden vor den Australiern (rund 74.300 Euro). Die Bundesbürger sind dem Bericht zufolge im Schnitt mit 25.750 Euro verschuldet.

    Aus den Zahlen der Allianz lassen sich langfristig offenbar zwei Strategien ableiten, wie man reich wird: Entweder clever sparen wie die Amerikaner oder fleißig wie die Deutschen. Die Amerikaner stecken ihr Geld traditionell in großem Umfang in Investmentfonds wie ETF und direkt in Aktien. Das ist etwas risikoreicher als Bankanlagen, bringt auf längere Sicht aber mehr Vermögen. Die Deutschen sind eher vorsichtiger bei der Geldanlage, haben viel Geld in risikolosere, aber weniger ertragreiche Sparkonten gesteckt. Dafür legen sie deutlich mehr Geld zurück.

    Schon im vergangenen Jahr profitierten auch die Bundesbürger davon, dass sie etwas mutiger wurden. Den Zahlen der Allianz zufolge steckten die Deutschen mehr Geld in Investmentfonds und in Aktien, wurden im Anlageverhalten also etwas amerikanischer. „Die deutschen Vermögen sind im Schnitt stärker gewachsen als die im Euro-Raum“, sagte Holzhausen. Er sprach von einer erfreulichen Entwicklung.

    Besonders langfristig zeigt sich, dass der US-Ansatz erfolgreich ist. Das Bruttogeldvermögen der Welt – ohne Schulden – liegt zu 49,5 Prozent in den USA. Der Wert hat sich seit 20 Jahren kaum verändert. 18,2 Prozent finden sich in Europa, 2004 waren es 27,2 Prozent. Aufgeholt haben vor allem die Chinesen: Sie besitzen inzwischen 14,5 Prozent des Weltvermögens. 20 Jahre zuvor waren es um die drei Prozent.

    Wer sich jetzt wundert, dass auf den eigenen Konten und Depots deutlich weniger Geld zu finden ist, als der Bericht der Allianz vermuten lässt: Die Zahlen sind alle Durchschnittswerte. Und das Vermögen ist ungleich verteilt. Vereinfacht gesagt: die Reichsten der Welt sind besonders reich, der große Rest eher nicht. Weltweit vereinen die zehn Prozent mit dem meisten Geld 85,1 Prozent allen Geldvermögens auf sich. Die 30 reichsten Prozent sogar 97,6 Prozent. In Deutschland besitzen die Top zehn Prozent rund 60 Prozent des Vermögens. Der Wert ändert sich seit Jahren kaum.

    Die enorme Konzentration von Vermögen auf einzelne zeigt sich zum Beispiel beim reichsten Mann der Welt. Sein Netto-Vermögen betrug dem Milliardärs-Index der US-Nachrichtenagentur Bloomberg zufolge zuletzt umgerechnet 390 Milliarden Euro, weit entfernt von den 311.000 Euro des Durchschnittsamerikaners. Um Musks Reichtum auszugleichen und auf den Wert zu kommen, müssen statistisch gesehen rund 1,254 Millionen Amerikaner ohne Vermögen sein.

    Das Expertenteam der Allianz wertet unter anderem Daten der Bundesbank, der europäischen Statistikbehörde Eurostat sowie der nationalen Notenbanken und Statistikbehörden aus. Der Bericht erscheint jährlich. Alle Daten werden mit einem einheitlichen Wechselkurs in Euro umgerechnet

  • Jetzt kaufen, dann im Zahlungsverzug

    Schnelle Ratenkredite auch für wenig teure Produkte belasten die Bundesbürger zunehmend. Die Auskunftei Schufa und die Verbraucherzentralen warnen. Die EU hat die Regeln bereits verschärft.

    Was ist Buy now pay later?

    Wer online einkauft, kann oft per Lastschrift, Kreditkarte oder Sofortüberweisung bezahlen. Manche Händler bieten Kunden auch an, einen Dienstleister wie Ratepay, Paypal oder Klarna zu nutzen. Diese wickeln dann die Zahlung ab. Sie bieten einerseits Kauf auf Rechnung an, die dann zum Beispiel nach 30 Tagen beglichen wird. Andererseits können Kunden auch bei kleinen Beträgen nicht alles sofort auf einmal, sondern später in einzelnen Raten zahlen. Für das Verfahren hat sich der Name Buy now pay later (BNPL) durchgesetzt, jetzt kaufen, später bezahlen. Auch wenn es nicht so aussieht: Der Käufer schließt bei Ratenzahlung einen Darlehensvertrag mit dem Zahlungsdienstleister ab. Für den Vertrag können Gebühren fällig werden. BNPL unterscheidet sich vom klassischen Ratenkredit vor allem durch die Höhe des gewährten Kredits – meist weit unter 1000 Euro.

    Warum ist BNPL so beliebt?

    Ein Vorteil des Zahlungsverfahrens: Auch wenn man gerade nicht genug Geld hat, kann man sich sofort etwas leisten, zum Beispiel gegen Monatsende, wenn der Arbeitgeber noch keinen neuen Lohn überwiesen hat. Bezahlt wird die Ware dann, wenn wieder Geld da ist und vor allem in kleinen Schritten, was nicht zu sehr belastet. BNPL ist in der Regel unkompliziert, lässt sich mit wenigen Klicks nutzen. Ob jemand kreditwürdig ist, muss nicht geprüft werden.

    Warum nutzen vor allem Jugendliche die Bezahlmöglichkeit?

    Jugendliche sind deutlich mehr im Internet unterwegs als Erwachsene. Und sie kaufen auch sehr viel online ein. Gleichzeitig verfügen sie meist nicht über sehr viel Geld. Etwas jetzt zu bekommen und dann über bis zu 48 Monate in kleinen Beträgen abzustottern, ist da besonders attraktiv. 44 Prozent der 16- bis 25-Jährigen hat BNPL nach einer Umfrage der Auskunftei Schufa bereits genutzt, vor allem junge Frauen und Mädchen.

    Warum sind Kleinkredite und BNPL ein Verschuldungsrisiko?

    „Ganz grundsätzlich ist jeder Kredit eine finanzielle Belastung“, heißt es bei der Schufa. Viele Kredite erhöhten das Überschuldungsrisiko. Die einzelnen Beträge mögen klein sein, aber in der Menge können sie schon zum Problem werden. Einmal zehn Euro im Monat mag machbar sein, 100 Euro aus zehn Verträgen kann schwierig werden. „Mit BNPL-Angeboten verbunden ist das Risiko, sich mehr zu kaufen, als man sich leisten kann“, schreiben die Experten der Schufa. Auch drohe, der Überblick über die finanziellen Verpflichtungen verloren zu gehen. Aus den Daten der Auskunftei geht hervor, dass mehr als jeder dritte BNPL-Nutzer schon mal eine Bezahlfrist verpasst hat, bei jüngeren ist es die Hälfte. „Viele haben leider nicht verstanden, dass das ein Kredit ist“, sagte Ramona Pop, Chefin der Verbraucherzentrale Bundesverband dem „Tagesspiegel“. „Wenn sie nicht rechtzeitig zahlen, bekommen sie einen negativen Schufa-Eintrag. Wir kennen Fälle, in denen Jugendliche auf diesem Weg bis zu 1500 Euro Schulden aufgehäuft haben.“

    Worauf sollte man achten?

    Wer über BNPL nachdenkt, sollte sich vorher einen Überblick über seine festen monatlichen Einnahmen und Ausgaben verschaffen. Dann wird in der Regel sichtbar, wie viel Geld für weitere regelmäßige Ausgaben etwa für einen Kredit verfügbar ist. Besser, als schnell auf Raten zu kaufen, ist regelmäßig Geld beiseitezulegen und später zu kaufen, dann aber alles auf einmal zu bezahlen.

    Was ändert die EU?

    Die EU hat bereits im Oktober 2023 die Verbraucherkreditrichtlinie geändert. Sie regelt zum Beispiel, ab welcher Kredithöhe genau geprüft werden muss, ob ein Kunde kreditwürdig ist. Das gilt jetzt, anders als zuvor, auch für Kleinkredite (unter 200 Euro) und beim Kauf auf Rechnung, wenn ein Dienstleister eingebunden ist, der die Zahlung abwickelt. Das betrifft BNPL. Auch für solche Verträge muss künftig geprüft werden, ob Käufer oder Käuferin zahlungsfähig ist. Eine Möglichkeit dafür wäre eine Abfrage bei einer Auskunftei wie der Schufa. Das ist mit Aufwand und Kosten verbunden, schützt aber die Kundinnen und Kunden vor Überschuldung. Denn wer schon jetzt nicht zahlen kann, sollte keinen weiteren Kredit bekommen.

    Wann gilt das neue Recht?

    Noch gilt die geänderte Verbraucherkreditrichtlinie nicht in Deutschland. Ein Gesetzentwurf liegt aber vor. Deutschland muss die Richtlinie bis spätestens November 2026 umsetzen.

    Muss der Staat das alles regeln?

    Viele Menschen erkennen nicht, dass sie mit BNPL einen Kreditvertrag unterschreiben. Einer der Gründe könnte sein, dass die Deutschen wenig über Finanzen wissen. Seit Jahren fordern deshalb Experten, Finanzbildung in die Unterrichtspläne der Schulen aufzunehmen. Auch die 16- bis 25-Jährigen selbst sehen das so: 93 Prozent wünschen sich, dass alles rund um Geld und Finanzen in der Schule ausführlich vermittelt wird, wie der Jugend-Finanzmonitor der Schufa ergab. Bisher hatte weniger als jeder Dritte (29 Prozent) entsprechenden Unterricht. Die jungen Menschen misstrauen Tipps bei Tiktok oder Youtube, informieren sich vor allem bei ihren Eltern. Auch das kann Tücken haben. In einer Umfrage der Deutschen Sparkassen- und Giroverbands bewerten Lehrer die Vermittlung von Finanzwissen durch die Familie mit der Schulnote 4.

  • Üppiges Preisplus bei Oktoberfest-Bier

    Für viele Menschen aus aller Welt ist das Oktoberfest etwas Besonderes. Zwei Wochen Rummel mit Fahrgeschäften und Festzelten mitten in München, in denen sich sehr viel um Bier dreht. Und das ist in diesem Jahr kräftig teurer geworden, wie die Sutor Bank aus Hamburg ermittelt hat. Das Plus liegt deutlich über der normalen Inflationsrate und zeigt, was viele Bundesbürger in den vergangenen Wochen schon bemerkt haben, wenn sie ausgegangen sind: Es wird teuer.

    Die teuerste Maß kostet auf dem Oktoberfest in diesem Jahr 15,80 Euro, 3,3 Prozent mehr als 2024. Die Verbraucherpreise insgesamt werden im Schnitt um 2,2 Prozent steigen, wie die Wirtschaftsforscher des Ifo Instituts in München erwarten. Schon in den vergangenen Jahren erhöhten die Wies’n-Wirte die Preise deutlich stärker als die allgemeine Inflationsrate. Die Bank ermittelte ein Plus von rund 53 Prozent für die Maß zwischen 2015 und 2025. Die durchschnittlichen Ausgaben der Bundesbürger stiegen im selben Zeitraum nur um rund 29 Prozent.

    Dass die Werte so auseinanderliegen, hat damit zu tun, wie die Inflationsrate ermittelt wird. Die Experten des Bundesamtes für Statistik berechnen die Teuerung anhand eines Warenkorbs, in den die Preise von rund 700 Produkten und Dienstleistungen einfließen. Bier hat da nur ein geringes Gewicht. Und nicht alle Produkte werden teurer, manche wie Energie sind billiger zu haben, was sich bis zu einem gewissen Grad ausgleicht. Weil niemand genau den Warenkorb der Statistiker kauft, kann die persönliche Inflationsrate von der amtlichen deutlich abweichen.

    „Gerade am Oktoberfest wird Inflation für viele unmittelbar erlebbar“, sagt Jan Schippmann, stellvertretender Leiter Private Banking der Sutor Bank. „Wer Jahr für Jahr für die gleiche Maß Bier deutlich mehr bezahlen muss, empfindet die Teuerung viel stärker, als es die amtliche Inflationsstatistik nahelegt.“ Nur warum wird die Maß jedes Jahr teurer? Und warum ist das Plus zum Teil so üppig? Zwischen 2019 und 2022 waren es 17 Prozent. Dazwischen fiel das Oktoberfest wegen der Corona-Pandemie aus.

    Zumindest ein Teil der Preiserhöhungen hat damit zu tun, das es teurer geworden ist, Bier zu brauen. „Gestiegene Kosten für Energie, Personal, Verpackung und Logistik setzen die Betriebe stark unter Druck“, sagt Holger Eichele, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Brauerbunds. Immerhin: Bei Hopfen und Malz habe sich die Preissituation zuletzt entspannt. Zuletzt hatten die beiden großen Brauereien Krombacher und Veltins angekündigt, die Preise wegen der gestiegenen Kosten anzuheben. Die Biere gehören zusammen mit Bitburger zu den am meisten verkauften in Deutschland.

    In Deutschland buhlen rund 1500 Brauereien um Kunden, der Wettbewerb ist groß, zumal die Deutschen weniger Bier trinken. Der Brauer-Bund verweist zudem darauf, dass die Preise hierzulande im Vergleich zum EU-Ausland immer noch sehr niedrig sind. Der halbe Liter kostete einer Umfrage des Datenportals Numbeo zufolge im vergangenen Jahr in einem Restaurant in München im Schnitt 4,50 Euro. Nur in Prag Lissabon und Madrid war er günstiger. In Amsterdam verlangten die Gastronomen sechs Euro, in London 7,71 Euro und in Reykjavik sogar 9,83 Euro.

    Neben den Kosten für das Brauen ist auf dem Oktoberfest ohnehin noch etwas ganz anderes wichtig, wie Lothar Ebbertz, Hauptgeschäftsführer des Bayerischen Brauerbunds kürzlich sagte. „Da zahlt man immer auch ein Stück Atmosphäre mit – und den enormen Aufwand, den das Oktoberfest für alle Beteiligten verursacht.“

  • Das neue Deutschland-Tempo

    Licht soll es richten. Weil Deutschland bei schnellem Internet im europäischen Vergleich zu langsam ist, hat der Bundestag gerade Glasfaserausbau per Gesetz überragende gesellschaftliche Bedeutung gegeben. In vielen Orten sind Mitarbeiter verschiedener Telekommunikationsfirmen unterwegs, um Anschlüsse ans schnelle Netz zu verkaufen. Lohnt sich das? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

    Welche Hauptanschlussarten für Internet gibt es in Deutschland?

    Internet kommt meist über drei Kabelarten ins Haus: das Kupferkabel des Telefonnetzes, das Koaxialkabel des Kabelfernsehens oder Glasfaser. In Deutschland ist DSL (Digital Subscriber Line, etwa Digital-Abo-Anschluss) am meisten verbreitet, das das Telefonnetz nutzt. HFC (Hybrid Fiber Coax) kombiniert Glasfaser bis zum Haus mit Koaxialkabeln im Haus. Das Netz ist in Deutschland nicht flächendeckend verlegt. Glasfaseranschlüsse sollen die Zukunft sein.

    Wie unterscheiden sich die Kabelarten?

    Bei DSL läuft, sehr vereinfacht, Strom durch Kupferkabel. Die Technik stößt an Grenzen. Sie kann Daten bis zu 50 Mbit transportieren. Im sehr guten deutschen DSL-Netz sind bis zu 250 Mbit möglich, meist in Städten, wo die Kabelstrecken von den Verteilkästen nicht zu lang sind. Bei Glasfaser läuft Licht durch die Leitungen. Sie liefert in Deutschland 1000 Mbit, teils sogar schon 2000 Mbit. Möglich sind bis zu 10.000 Mbit – alles mit demselben Kabel. Glasfaser ist zudem nicht so anfällig für Feuchtigkeit oder Störungen durch andere leitende Kabel wie Kupfer. Zudem ist die DSL-Technologie veraltet. HFC erreicht auch bis zu 1000 Mbit, ist allerdings nicht so stabil wie ein reiner Glasfaseranschluss.

    Was bringt Glasfaser?

    Im Wesentlichen bietet Glasfaser hohes Tempo. Das merkt, wer gerne Filme in hoher Auflösung übers Netz streamt. Nichts ruckelt. Zudem lassen sich mehr Daten als bei DSL durch die Leitungen schicken. Bereits heute hat jeder Haushalt im Schnitt 15 bis 20 Geräte im Netz: Mähroboter, automatische Staubsauger, die Waschmaschine, die per Smartphone gesteuert wird. Dazu Mobiltelefone, Fernseher, Computer. Und der Bedarf steigt: Onlinespiele mit realistischen Bildern brauchen mehr Daten, Filme, die in herausragender Qualität über das Netz angesehen werden, ebenfalls. Dann sind da auch Videokonferenzen aus dem heimischen Büro. Ein weiterer Grund, den die Netzausbauer nennen: Der Wert einer Immobilie steigt, wenn sie technisch auf Zukunft ausgerichtet ist.

    Was bedeutet die Gesetzesänderung?

    Weil Glasfaser jetzt von überragendem öffentlichen Interesse ist, können Kommunen Ausbauanträgen schneller zustimmen. Die Hoffnung: Die Telekommunikationsunternehmen können schneller die Bagger anrücken lassen. Ende 2024 hatten laut Bundesnetzagentur rund 22 Millionen der 45,7 Millionen Haushalte in Deutschland im Prinzip Zugang zum Glasfasernetz. 2025 sollen es dem Telekommunikationsverband VATM zufolge 24,8 Millionen sein. Bis 2030 soll jeder Haushalt ans Glasfasernetz angeschlossen sein.

    Warum dauert das alles so lange?

    Das sehr gute DSL-Netz in Deutschland liefert dank technischer Tricks viel Datendurchsatz. Die Bundesbürger hatten bisher wenig Interesse, den Anschluss zu wechseln. Staaten wie Frankreich, Portugal, Schweden und Spanien setzten wegen ihres schlechteren Kupfernetzes viel eher auf Glasfaser. Dort wird zum Teil auch oberirdisch an Masten verlegt, was schneller geht.

    Wer baut aus?

    Rund 150 Firmen verlegen der Bundesnetzagentur zufolge Glasfaser in Deutschland. Die größte ist die Deutsche Telekom vor der Deutschen Glasfaser, die sich vor allem auf ländlichen Raum und kleinere Städte konzentriert. Andere Firmen sind Deutsche Giganetz, GVG Glasfaser, Pyur oder Unsere Grüne Glasfaser. Dazu kommen viele regionale Anbieter wie Netcologne in Köln, M-Net in München oder Eurofiber mit Kabeln entlang des Fernwärmenetzes in Berlin.

    Was passiert?

    Die Glasfaserfirmen gehen großflächig vor, verlegen Leitungen in ganzen Stadtvierteln oder Dörfern. Die Telekom nutzt unter anderem die 330.000 grauen Verteilerkästen am Straßenrand, die schon mit Glasfaser verbunden sind. Sie legt dann nur noch die Anschlüsse vom Kasten durch die Straßen und in die Häuser. Andere Anbieter verlegen Leitungen komplett neu. Einfamilienhäuser werden direkt angeschlossen. Bei einem Mietshaus mit mehreren Einheiten sind noch Verteilleitungen im Haus vom zentralen Anschluss in die Wohnungen nötig. Genutzt werden dafür etwa bereits vorhandene Kabelschächte. Sollen die Glasfaserfirmen die Leitungen legen, muss der Eigentümer oder die Eigentümergemeinschaft zustimmen.

    Was kostet das?

    Den Ausbau finanzieren die Netz-Unternehmen, die hoffen, langfristig Geld zu verdienen – mit Endkunden und über die Vermietung ihrer Leitungen an Konkurrenten. Deshalb ist der Anschluss für die, die einen Glasfaservertrag unterzeichnen, meist kostenlos. Anders kann es aussehen, wenn sich jemand erst entscheidet, doch angeschlossen zu werden, wenn die Bautrupps schon durch sind. Dann kann es teuer werden. Die Telekom etwa berechnet den einzelnen Hausanschluss mit 799 Euro. Und es könnte dauern. Weil bundesweit sehr viele Leitungen verlegt werden, die Arbeiten eng getaktet sind und Baufirmen knapp, kann es schwierig werden, nachträglich schnell angeschlossen zu werden.

    Wer bietet Tarife an?

    Alle großen Telekommunikationsunternehmen haben Glasfasertarife. 300 Mbit kosten in der Regel zwischen 40 und 50 Euro im Monat. So viel kann auch ein deutlich langsamerer DSL-Anschluss kosten. Dazu können noch Fernsehangebote oder vergünstigte Mobilfunktarife kommen. Preisvergleiche lohnen sich. Die Anbieter gewähren teils hohe Preisrabatte etwa in den ersten Monaten oder Boni für den Router. Denn für Glasfaser ist eine neue Box nötig, an die das Telefon angeschlossen ist und die drahtloses Internet (WLan) im Haus oder der Wohnung bereitstellt.

    Kann ich meinen bestehenden Telefon- und Internetvertrag mitnehmen?

    Das kommt drauf an. Die Deutsche Telekom gilt immer noch als marktbeherrschendes Unternehmen und ist gesetzlich verpflichtet, ihr Netz der Konkurrenz zu öffnen. Wie auch im DSL-Netz, muss sie Angebote der Wettbewerber zulassen. Wer vorher einen Vertrag etwa vom großen Konkurrenten 1&1 hatte, kann den in der Regel auch auf Glasfaser umstellen. Möglicherweise lässt sich ein Telekom-Vertrag aber nicht auf einen regionalen Glasfaseranbieter übertragen, weil der das nicht will oder die Telekom keine Netzmiete zahlen möchte.

    Wo sehe ich, ob bei mir ein Glasfaseranschluss möglich ist?

    Bei jedem Anbieter lässt sich online mit Angabe der Adresse sehen, ob ein Glasfaseranschluss möglich ist. Konkurrenz-Angebote werden aber nicht angezeigt. einen verlegt hat. Vergleichsportale wie Check24 und Verivox haben einen breiteren Überblick. Grundsätzlich gilt: Dort, wo die Telekom eine Anschlussmöglichkeit bietet, lassen sich auch Verträge der Konkurrenten abschließen, vor allem von überregionalen großen Anbietern wie 1&1, Telefonica oder Vodafone.

  • Wellenfischen im All

    Hinter Namen verbergen sich manchmal ungeahnte Welten. Lisa etwa. Das spektakuläre Projekt soll Gravitationswellen in den leeren Weiten des Alls messen. Sie liefern womöglich Informationen darüber, wie das Universum entstanden ist. Lisa ist auch ein Beispiel dafür, wie Grundlagenforschung Erfindungsreichtum anstößt und enorme wirtschaftliche Kraft entfaltet.

    Zum Beispiel bei Frank Steier. Er arbeitet beim Satellitenbauer OHB. Die Bremer gewannen den Auftrag der Europäischen Raumfahrtagentur Esa für Lisa (Laser Interferometer Space Antenna). Steier wird als Chefingenieur des Projektes die nächsten Jahre mit den Grenzen des technisch Machbaren verbringen. Und damit, zahlreiche Unternehmen aus Europa zu koordinieren.

    „Lisa ist tatsächlich das Anspruchsvollste, was man zurzeit in der Raumfahrt bauen kann“, sagt Steier. „Wir sind stolz, dass die Esa uns das zutraut. Damit qualifizieren wir uns für die Spitze der internationalen Raumfahrtindustrie.“ 839 Millionen Euro lässt sich die Raumfahrtagentur die Mission, wie solche Projekte offiziell heißen, kosten, jedenfalls den industriellen Teil. Rakete, Start und Steuerung vom Boden sind nicht inbegriffen. Und auch Teile der Messsysteme liefert die Esa. Die Gesamtkosten knacken die Milliarde Euro.

    Grundsätzlich klingt das Projekt einfach. Drei fast identische Satelliten sollen in Form eines gleichschenkligen Dreiecks im All fliegen. Sie sind bestückt mit Messinstrumenten, die die Gravitationswellen erfassen sollen. Die Dimensionen sind allerdings kaum vorstellbar. Die Satelliten sind jeweils 2,5 Millionen Kilometer auseinander und folgen der Erde auf ihrer Bahn um die Sonne im Abstand von 50 bis 65 Millionen Kilometern. Verbunden sind die Satelliten mit Laserstrahlen. Das präzise Licht transportiert Informationen und ist für die Messung wichtig.

    Und hier wird es sehr klein, denn Gravitationswellen durchdringen zwar das ganze Universum, sind aber sehr schwach. „Wir messen Veränderungen von einem Milliardstel Millimeter auf 2,5 Millionen Kilometer Entfernung“, sagt Steier. Entsprechend aufwändig ist das Messinstrument: Zwei Würfel von etwa vier Zentimeter Kantenlänge, die jeweils frei in einer Box schweben und von den Gravitationswellen leicht verschoben werden, was wiederum die Laser erkennen.

    Gravitationswellen gehen von sehr schweren Sternen aus, etwa von Doppelsternsystemen aus zwei schwarzen Löchern. Sie brauchen Zeit, bis sie in der Nähe der Erde eintreffen. Das bedeutet: Was jetzt gemessen wird, erlaubt einen Blick zurück. „Wir können über Gravitationswellen in die Geschichte des Universums schauen“, sagt Steier, sogar weiter als mit elektromagnetischen Wellen oder Licht, weil das junge Universum noch nicht durchsichtig war.

    Albert Einstein hatte Gravitationswellen 1916 in der allgemeinen Relativitätstheorie vorhergesagt. Erstmals gemessen wurden sie 2014 – von der Erde aus. Im All lassen sich die Wellen besser erkennen, weil es weniger Ablenkung gibt. „Das Schwierigste bei diesem sehr anspruchsvollen Projekt ist die Stabilität. Die drei Satelliten müssen sich perfekt ausrichten, hochstabil sein und das Instrument besonders gut abgeschirmt werden, damit kein Magnetfeld oder etwa die eigene Anziehungskraft die Messung stört“, sagt der Chefingenieur.

    Die Bremer sind Generalunternehmer von Lisa, arbeiten eng mit Thales Alenia Space Italien als Partner zusammen. OHB koordiniert, vergibt Aufträge und baut die Satelliten auch zusammen. Die eigenen Standorte in Bremen, München und Mailand sind unter anderem zuständig für einen Teil der Plattform, Antrieb, Elektronik und die Kernnutzlast mit den Messystemen. Thales Alenia Space kümmert sich vor allem um das Lagesystem, mit dem die Satelliten sich in Position halten.

    Jeder Einzelsatellit ähnelt einem flachen sechseckigen Hut, etwa 1,70 Meter hoch mit fünf Metern Durchmesser. Obendrauf sitzt eine Antenne. Der Boden ist mit Solarzellen bestückt. Die Experten fangen nicht bei Null an, sonst wäre auch der enge Zeitplan nicht einzuhalten. „Die Kerntechnologie ist bereits entwickelt“, sagt Steier. „Vor zehn Jahren hat die Lisa-Pathfinder-Mission gezeigt, dass die Messmethode funktioniert.“

    Aufwändig ist Lisa dennoch. „Fast nichts ist von der Stange, rund 80 Prozent der Teile, die wir einbauen, müssen neu entwickelt oder zumindest angepasst werden“, sagt der Chefingenieur. „Wir machen sehr viel zum ersten Mal.“ Steier und sein Team werden in den kommenden Jahren 50 bis 100 Zulieferer aus gut 20 Ländern koordinieren. Bei OHB kümmern sich bis zu 160 Beschäftigte um Lisa.

    „Etwa 2028 werden wir zwei Prototypen der Satelliten bauen, die aber noch nicht fliegen werden“, sagt Steier. „Mit einem testen wir, ob er den Start aushalten wird und mit den extremen Temperaturschwankungen im All klarkommt. Beim anderen prüfen wir die Elektronik. Erst wenn wir sicher sind, dass alles funktioniert, bauen wir die Flugmodelle. Das ist für 2031 geplant.“ Der Start ist für 2035 mit einer Ariane 6 vom europäischen Weltraumbahnhof Kourou in Französisch-Guayana vorgesehen.

    Die drei Satelliten werden dafür übereinandergestapelt. Sie passen dann gerade in die Transportspitze der Rakete. Hebt die Ariane erfolgreich ab und setzt die Satelliten punktgenau aus, müssen sie noch an die richtige Stelle fliegen, was bis zu zwei Jahren dauern kann. Erste Daten soll Lisa dann 2036 oder 2037 liefern.

  • Keine Hilfe

    Was macht die Bundesregierung, gerade zurück aus den parlamentarischen Ferien? Geld ausgeben, das der Gesamtwirtschaft kaum hilft und das Deutschland auf dem Weg zu mehr nachhaltigem Handeln nicht voranbringt. Außerdem schafft sie sich Probleme in den kommenden Jahren.

    Los geht es mit einem Rabatt für die Gastronomie. Künftig soll der geringere Mehrwertsteuersatz von sieben statt 19 Prozent gelten. Der Bonus wird der Branche nicht helfen. Dass ein Restaurantbesuch nennenswert günstiger wird, ist nicht zu erwarten, warum auch? Wenn es schlecht läuft, bin ich als Unternehmer über jeden Euro, den ich behalten kann, froh. Und ein mittelmäßiges Angebot wird durch die Steuersenkung nicht verbessert, so dass es mehr Kunden lockt. Begünstigt werden übrigens nur Speisen, keine Getränke, was mehr Bürokratie erzeugt, die die Regierung doch verringern wollte.

    Dann soll die Pendlerpauschale steigen, um den ländlichen Raum zu fördern. Dieses Geld geht vor allem an die Autofahrer, die außerhalb der Städte oft auf ihre Fahrzeuge angewiesen sind. Denn der öffentliche Nahverkehr gerade auf dem Land ist ausbaufähig. Dort wären die Milliarden zum Wohl aller sicher besser angelegt, machten etwa das Deutschland-Ticket noch attraktiver. Das war der Bundesregierung aber offenbar keinen Gedanke wert.

    Schon vor der Sommerpause hatte Schwarz-Rot die Agrardiesel-Subventionen wieder angehoben – ohne Not. Die Vorgängerregierung hatte sie trotz Protesten nach Jahrzehnten endlich zusammengestrichen. Erhöht hat die Bundesregierung auch die Mütterrente, was ebenfalls Milliarden kostet.

    All diese Entscheidungen lassen sich öffentlich gut verkaufen, helfen dem kriselnden Standort D aber nicht. Die Regierung aus CDU, CSU und SPD investiert an diesen Stellen nicht in die Zukunft des Landes, sondern bedient vor allem Einzelinteressen. Und sie verringert ihren Handlungsspielraum in der Zukunft. Denn die Steuergeschenke kosten auch in den nächsten Jahren Geld. Und das fehlt absehbar spätestens von 2027 an in den Bundeshaushalten.

  • Nicht fürchten

    Warum Handelspolitik mit der Brechstange nicht richtig funktioniert, zeigt der Automarkt. US-Präsident Donald Trump hat die EU gezwungen, die Einfuhrzölle auf Fahrzeuge aus den USA abzuschaffen. Auf Autos aus der EU gelten künftig wohl 15 Prozent Zoll. In der Folge werden Amerikaner mehr für Porsche und Mercedes C-Klasse zahlen. Dass Europa von Cadillacs und Chevrolets überschwemmt wird, ist dagegen unwahrscheinlich. Denn Preis ist nicht alles.

    So sind die klassischen US-Marken für den heimischen Markt entwickelt – tendenziell größer und mit höherem Spritverbrauch. Den europäischen Markt haben die Hersteller wenig verstanden – bestes Beispiel ist GM. Der Konzern besaß zahlreiche Marken, scheiterte aber an einer passenden Strategie und zog sich zurück. Zudem fehlt den Amerikanern in Europa ein flächendeckender Vertrieb. Selbst wenn sie jemand wollte: Es ist schwierig, Dodges oder Rams zu kaufen.

    Wie es gehen kann, zeigte Tesla. Mit frischen Ideen und reinem E-Antrieb punktete es gegen die etablierten Hersteller weltweit. Inzwischen fehlen Innovationen. Und der Chef schreckt mit seinen radikalen politischen Ansichten und Ausfällen. Zudem spürt der Hersteller steigende Abneigung gegen alles Amerikanische, ausgelöst durch die egoistische Rabulinski-Politik des US-Präsidenten.

    Was bedeutet das alles für die deutsche Autoindustrie? Entspannen darf sie sich nicht, schließlich herrscht Wettbewerb. In den vergangenen Jahrzehnten hat sie gezeigt, wie hervorragende Qualität und Technik sich weltweit durchsetzt. Zuletzt waren die Chinesen schneller. Das kann sich wieder ändern. Wer technisch vorn ist und das richtige Gespür für die Kunden hat, muss Konkurrenz nicht fürchten.