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  • E-Auto-Umstieg rechnet sich

    Studie ermittelt bis zu 30 Prozent mehr Gewinn für deutsche Hersteller

    Politisch ist klar: Die EU setzt auf Elektroautos. Und auch die Industrie hat sich mehr oder weniger darauf eingestellt, sich bis 2035 im Großen und Ganzen vom Benziner oder Dieselfahrzeug zu trennen, um den Klimawandel zu bremsen. Nur das Tempo ist sehr unterschiedlich. Erstmals zeigt jetzt eine Studie, wie sehr es sich für die Hersteller rechnet, möglichst zügig komplett auf E-Autos zu setzen. Bis zu 30 Prozent mehr Gewinn sind drin. Wer eher zögert, verliert Geld.

    „Rein unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist eine schnelle Transformation für Hersteller der richtige Weg“, sagte Christian Hochfeld, Direktor von Agora Verkehrswende, einer Denkfabrik und Lobbyorganisation. Oder wie es Kristian Kuhlmann, Partner beim Beratungshaus BCG formuliert: „Wir zeigen, dass man viel Geld verdienen kann, wenn der Umstieg schnell geht.“ Dass die Wende kommt, um den Klimawandel zu bremsen, halten beide für unstrittig. Die Denkfabrik und das Beratungshaus haben die Studie gemeinsam erstellt.

    In der deutschen Autoindustrie waren bei Herstellern und Zulieferern 2021 insgesamt rund 786.000 Mitarbeiter beschäftigt. Sie ist mit 411 Milliarden Euro Umsatz die wichtigste Branche der deutschen Wirtschaft noch vor Maschinenbau und der Chemieindustrie. Und sie ist sehr exportstark. Gleichzeitig trägt Verkehr zur Erderwärmung bei. Allein in Deutschland waren es 2021 rund 19,1 Prozent des gesamten CO2-Ausstoßes, Platz 2 nach der Industrie mit 23,8 Prozent. Hier gibt es großes Sparpotenzial, das dem Klima zugute kommt.

    Der Wandel hin zu E-Autos kostet Geld. Die Branche muss in neue Technologie investieren, die Werke umbauen, eventuell eigene Batteriefabriken aufbauen. Und die Zulieferer müssen sich wandeln. Zudem lässt sich mit Diesel- und Benzinfahrzeugen derzeit sehr gut Geld verdienen. Mercedes etwa weist für die ersten neun Monaten einen Gewinn von 5,3 Milliarden Euro aus, ein Plus von 71 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Erzielt vor allem mit großen schweren Fahrzeugen mit Verbrennungsmotor. Sollte die Industrie also nicht lieber so lange wie möglich die guten Gewinne mitnehmen und langsam vom Verbrenner auf die E-Motoren umsteigen? Die Studie zeigt jetzt, dass sich in jedem Fall lohnt, voll und sehr zügig auf Elektromobilität zu setzen.

    BCG und Agora Verkehrswende gehen davon aus, dass sich die Zahl der verkauften Fahrzeuge weltweit von 78 Millionen in diesem Jahr auf 103 Millionen 2035 erhöhen wird. Der Anteil der reinen E-Autos wird dann von zehn auf 60 Prozent steigen. Für Europa liegt der Anteil reiner E-Neuwagen 2035 der Studie zufolge bei 91 Prozent der rund 20 Millionen verkauften Autos – eine Folge des Verbrennerausstiegs der EU. Die Staatengemeinschaft wird so zur treibenden Kraft der Wende. Für China geht die Studie von 67 Prozent E-Neuwagen aus, für die USA von 68 Prozent.

    Neben dieser aktuellen Prognose hat die Studie zwei weitere Szenarien betrachtet: beschleunigte E-Mobilität, weil Länder zum Beispiel E-Autos besonders fördern; und gebremste E-Mobilität, weil etwa die Ladeinfrastruktur fehlt oder Rohstoffe.

    Die Studienautoren schauten sich dann für die drei Szenarien an, wie sich die Gewinne der Unternehmen von 2022 bis 2040 entwickeln, wenn sie sich so verhalten, wie bisher geplant; wenn sie sich zurückhaltend bei E-Autos geben (ab 2035 werden mehr E-Autos als solche mit Verbrenner gefertigt) oder den Umstieg aktiv vorantreiben (Mehr E- als Verbrennerfahrzeuge ab 2025).

    Das Ergebnis: Sollte die aktuelle Prognose Bestand haben, können deutsche Premium-Autobauer (etwa Audi, BMW oder Mercedes) mit ambitionierter E-Strategie bis zu 15 Prozent mehr Gewinn machen. Sollten die Länder auf einen beschleunigten Wandel setzen, wären sogar 30 Prozent drin. Massenhersteller (zum Beispiel Ford, Opel, VW) können fünf oder zehn Prozent mehr Geld verdienen. Für alle Hersteller gilt: Wer sich Zeit lässt beim Umstieg, verdient in fast allen Szenarien bis zu 15 Prozent weniger.

    Ein Blick nach China zeigt: Die Hersteller dort verlieren kräftig, wenn sie nicht versuchen bei E-Mobilität künftig weit vorn dabei zu sein. Der Wettbewerb dürfte also schärfer werden.

    Die deutschen und europäischen Autobauer müssen also Tempo vorlegen, die Politik aber auch, damit das Umfeld stimmt. Um den Wandel zu beschleunigen, schlägt Agora-Verkehrswende-Chef Hochfeld für Deutschland vor, die Kfz-Steuer für Verbrenner zu erhöhen, um mit den Mehreinnahmen E-Autos zu subventionieren. Bei Dienstwagen sollte ein günstigerer Abschreibungssatz nur für reine E-Autos gelten, Verbrenner teurer werden. Und er empfiehlt eine gesetzliche E-Auto-Quote für Firmen, die große Fahrzeugflotten haben. Grundsätzlich sollte nach Ansicht der Studienautoren das Ladenetz ausgebaut werden.

    Hinter Agora Energiewende stehen die private Mercator Stiftung aus Essen, hinter der die Gründerfamilie des Handelskonzerns Metro steht,  und der European Climate Foundation in Den Haag, die von zahlreichen Stiftungen getragen werden. Beide setzen sich für Klimaschutz ein.

  • Milliarden für Raumfahrt

    In Paris wird der Etat für die ESA festgelegt

    Wenn es kommende Woche in Paris um Milliarden für die europäische Raumfahrt geht, wird ein Sehnsuchtsort kaum zu sehen sein: der Mond. Dabei beflügelt er die Weltraumprogramme vieler Länder. Gerade erst haben die Amerikaner eine Rakete mit der Orion-Kapsel zum Erdtrabanten geschickt. Die Europäische Weltraumbehörde Esa will stärker teilhaben. Zum Ministerratstreffen der 22 Trägerländer (22./23. November 2022), wo die Strategie für die kommenden drei Jahre beschlossen wird, herrscht allerdings Neumond. Und die Stimmung ist auch nicht so euphorisch.

    Insgesamt möchte die Esa rund 18 Milliarden Euro haben, gut ein Viertel mehr als bei der letzten Runde im November 2019. Damals hatten die Deutschen erstmals am meisten Geld gegeben, insgesamt 3,3 der 14,4 Milliarden Euro. Danach folgten Frankreich (2,7 Milliarden Euro) und Italien (2,3). „2019 haben wir uns hervorragend positioniert. Die deutsche Industrie und Wissenschaft ist ganz vorn dabei“, sagt Walter Pelzer , Chef der deutschen Raumfahrtagentur. „Wir arbeiten daran, dass wir die Position in dieser Ministerratsrunde nicht verlieren.“

    Dafür ist einiges Geld nötig. „Die Esa wünscht sich einen deutschen Beitrag von rund vier Milliarden Euro über drei Jahre“, sagt Pelzer. „Die bisher veranschlagten Mittel im Haushalt 2023 bis 2025 passen da nicht.“ Im Etat des Bundeswirtschaftsministeriums sind für das kommende Jahr 885 Millionen Euro als Beitrag vorgesehen. Dabei hat die Bundesregierung im Koalitionsvertrag festgeschrieben, die Esa zu stärken.

    „Wir sind in einer schwierigen Situation mit Krieg in Europa und vielen Menschen, die nicht wissen, wie sie die Kosten für das tägliche Leben tragen können“, sagt der Chef der Deutschen Raumfahrtagentur. „Die Politik soll jetzt einerseits die dringenden Probleme der Bevölkerung lösen und gleichzeitig wichtige Entscheidungen für die Zukunft, wie die Investitionen für die Raumfahrt, leisten. Das ist eine Herausforderung.“

    Es geht nicht nur um Geld, sondern auch um Zugang für die Zukunft. Denn nur, wenn ein Land ein Esa-Programm gezeichnet hat, also Geld gibt, können Firmen aus diesem Land an dem Programm teilnehmen, also Geld verdienen. Und die Investitionen heute entscheiden darüber, wo Europa künftig im All dabei ist.

    Vieles wird bereits vor dem Treffen geklärt. Doch vor Ort wird in der Regel hinter den Kulissen noch reichlich geschachert, wie es ein Teilnehmer nennt. Denn nicht alle Esa-Nationen sind sich einig, welche Programme laufen oder ob Esa-Regeln geändert werden sollen. Zum Beispiel bei der Frage, wer Satelliten aus Esa-Projekten transportieren darf.

    „Die Esa muss sich dem Wettbewerb öffnen. Die Regel, dass Esa-Payloads nur mit Esa-Fluggerät transportiert werden, ist anachronistisch. Das schließt Anbieter aus, die mit privatem Geld finanziert sind, steht der Kommerzialisierung entgegen und schottet den Markt ab“, sagt Pelzer. „Wir wollen, dass die Esa sich bei diesem Thema bewegt. Denn wir wollen ja privates Kapital anziehen.“ Es gibt allerdings Länder, die dagegen sind. Italien zum Bespiel, das die Esa-Rakete Vega C federführend entwickelt und finanziert hat. In Deutschland arbeiten gleich drei privat finanzierte Unternehmen an kleineren Raketen, die Satelliten im Wochentakt ins All befördern sollen, ein riesiger Wachstumsmarkt, wie überhaupt der Weltraum in Erdnähe immer mehr zum Wirtschaftsraum wird.

    In diesem Jahr fließen der Beratungsfirma Euroconsult zufolge rund 25,5 Milliarden Dollar staatlichen Geldes in Weltraumprogramme, ein Plus von 7,3 Prozent im Vergleich zu 2021. Größte Investoren sind die USA mit einem Anteil von 65 Prozent vor China mit 17 Prozent und der Esa mit sieben Prozent. 2031 sollen bereits 31 Milliarden Dollar ausgegeben werden. Dazu kommt noch Geld privater Investoren. Angetrieben werden die Investitionen von Mondprogrammen, wie Euroconsult schreibt.

    So arbeiten die Chinesen an einer eigenen Station auf dem Mond. US-Raumfahrtbehörde Nasa, Esa, die japanische und die kanadische Weltraumbehörde setzen auf eine Anlage, die um den Mond kreist. Der sogenannte Lunar Gateway soll Zwischenstation für den Weg auf den Mond werden und gleichzeitig Ausgangspunkt für Reisen zu Mars und sogar Saturn. Das Projekt ist Teil des Artemis-Programms, das gerade die Sonde Orion Richtung Mond schickte und mit dem die USA 2025 wieder Menschen auf den Mond bringen wollen. Private Investoren denken über ein Satellitennetz um den Mond nach, um die Kommunikation zu vereinfachen, sollten zum Beispiel Rohstoffe auf dem Mond abgebaut werden.

    Zu den wichtigsten Esa-Programmen aus deutscher Sicht gehört allerdings erst einmal die Erdbeobachtung – Wind, Wetter, Klima, Brände. „Wir machen Raumfahrt, um das Leben auf der Erde besser zu gestalten“, sagt Raumfahrtagenturchef Pelzer. Dann seien noch die Gründerzentren der Esa, die BIC, wichtig und die Technologieprogramme, die kleinen und mittleren Unternehmen Zugang zu Raumfahrt gäben. Und dann ist da doch noch ein Mondprojekt: „Es wäre traurig, wenn wir die weitere Entwicklung des Mondlanders nicht zeichnen könnten. Immerhin kam die Idee dafür aus Deutschland“, sagt Pelzer. Inzwischen sei der Lander Teil des Artemis-Programms.

    Doch nichts geht ohne Raketen – besonders die europäische Trägerrakete Ariane 6, die seit drei Jahren nicht abhebt. Ohne sie kann Europa große Satelliten etwa aus dem Galileo-Programm – eine Art europäisches GPS – nicht allein ins All bringen. Und Raketen in dieser Größenordnung fehlen, seit russische Sojus-Raketen nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine nicht mehr bereit stehen, US-Anbieter sind ausgebucht.

    „Das oberste Ziel muss sein, dass die Ariane 6 fertig gestellt wird. Der Jungfernflug ist für Ende 2023 vorgesehen“, sagt deshalb Raumfahrtagenturchef Pelzer. Sein Wunsch: „Die Ariane 6 bringt den europäischen Lander auf den Mond, die erste rein europäische Mondmission.“ Fehlt nur noch etwas Geld.

  • Auf Kante genäht

    KiK-Chef Zahn checkt seine Fabrik

    Kaum angekommen, stürmt Patrick Zahn die Treppen hoch. Etwas außer Puste tritt er im achten Stockwerk auf das flache Betondach der Fabrik hinaus. 35 Grad, feuchte Luft, die Sonne scheint grell. Der Chef des deutschen Textildiscounters KiK stattet hier in Dhaka, der Hauptstadt von Bangladesch, einen Kontrollbesuch ab. „Jetzt den Schlauch anschließen“, verlangt ein mitgereister KiK-Manager.

    „Feuerwehr“ und „Rettung“ steht auf den gelben Westen der beiden Arbeiter, die den grauen Schlauch ausrollen, die Düse aufsetzen, sich in Position stellen. Ein dritter öffnet das Ventil. Meter für Meter schwillt die Leitung an, bis ein armdicker Strahl bräunlichen Wassers über das Dach schießt. Zufriedenheit in den Gesichtern. Das hat geklappt.

    Zahn, hellblaues Freizeithemd, hochgekrempelte Ärmel, Sportschuhe, lässt sich erklären, was die Eigentümer der Fabrik tun, um Brände zu vermeiden und zu bekämpfen. „Nun wollen wir einen elektrischen Schaltschrank sehen“, fordert sein Mitarbeiter. Die 20-köpfige Gruppe steigt das Treppenhaus wieder hinab.

    Für sehr günstige Bekleidung ist KiK in Deutschland bekannt. Eine Herrenhose bekommt man in den Geschäften schon für 6,99 Euro, T-Shirts ab 3,99 €, Sportschuhe ab 9,99 €. Von diesem Billigimage ist nichts zu spüren, als die KiK-Delegation einige ihrer Lieferanten in Asien besucht. Im Gegenteil: Patrick Zahn tritt hier als anspruchsvoller Kunde auf, der Qualität einfordert. Er drängt darauf, dass die Fabriken, die die KiK-Textilien herstellen, Millionen Euro in die Sicherheit ihrer Beschäftigten investieren.

    Zahn bearbeitet ein Trauma: Vor neun Jahren stürzte die Fabrik Rana Plaza in Dhaka ein. Mehr als 1.100 Tote. Vor zehn Jahren brannte Ali Enterprises in Karachi, Pakistan, ab. 259 Tote.

    Wie ist die Situation heute? Passt das wirklich zusammen – billige Klamotten und gute Arbeit?

    Ventilatoren surren unter den niedrigen Decken. Neonlicht erleuchtet lange Reihen von Nähmaschinen. Dutzende Arbeiter:innen sitzen eng hintereinander, mehrere Herstellungslinien nebeneinander. Dazwischen Berge von Stoffen, Stapel von Einzelteilen, die am Ende zu Kleidungsstücken zusammengefügt werden. Hunderte Male täglich zieht jede Beschäftigte an ihrer Maschine dieselben zwei, drei Nähte, gibt die Stücke an die Kolleg:innen weiter, die die nächsten Schritt ausführen. Kurze, präzise Handgriffe, alles geht sehr schnell. Schwere Arbeit, die leicht aussieht. Bis zu elf Stunden täglich, sechs Tage pro Woche.

    Ein Arbeiter öffnet jetzt den Schaltschrank in einer Ecke des Produktionsgeschosses. Zahns Leute schauen sich die Verdrahtung an. Reicht sie für die Stromstärke, in welchem Zustand sind die Sicherungen? KiK hat von seinen Zulieferern in den vergangenen Jahren verlangt, die Elektrik zu modernisieren, denn Kurzschlüsse können Brände auslösen. Nun wird der Strom im gesamten Stockwerk gekappt. Das Rauschen der Propeller und Maschinen verstummt. Leuchten die Schilder über den Notausgängen trotzdem, damit das Personal bei Bränden den Weg nach draußen findet? Und funktionieren die Alarmsirenen in allen Stockwerken? Abgehacktes, lautes Tröten. Okay, Zahn nickt, hört sich gut an.

    Weiter zum Check der Feuerlöscher im Erdgeschoss. Vorbei an den Näherinnen und Nähern, die die Fremden fasziniert und ein bisschen ängstlich betrachten, hetzt der Tross weiter. Mit dabei immer ein paar Arbeiter:innen, die eilfertig Papiertücher reichen, wenn den Besucher:innen der Schweiß über die Gesichter rinnt.

    Die KiK-Leute drängeln. Sie reiten hier ein wie die Herren, geben Anweisungen und setzen die einheimischen Manager unter Druck. Der Besuch war zwar angekündigt, aber erst vor Ort entscheiden Zahn und seine Leute, was genau sie sehen wollen. Die Fabrik soll keine Chance haben zu schummeln. Alle Sicherheitssysteme müssen jederzeit funktionieren. „Wir reden Tacheles und lassen uns nicht einlullen“, sagt der KiK-Chef. „Wir haben die Erfahrung gemacht, dass es der größte Fehler ist, wenn man zunächst mit den Besitzern im Büro plaudert und sich dann erst etwas zeigen lässt.“

    Welche Fabriken bei dieser Reise besucht werden, hat KiK ausgesucht. Der journalistische Einblick ist deshalb begrenzt. Grundsätzlich denkbar ist, dass alle Firmenvertreter und Beschäftigten ein geschöntes Bild zeichnen. Nicht ausgeschlossen erscheint, dass die Arbeitsbedingungen anderenorts schlechter sind, beispielsweise bei den Zulieferern der Zulieferer. Der Korrespondent, der die Reise unter anderem mit Unterstützung der taz unabhängig finanziert, ist der einzige Medienvertreter. KiK-Chef Zahn will demonstrieren, dass sich in seiner Firma etwas verändert hat.

    Es geht hier um viel. In dem Fabrikgebäude Rana Plaza, das 2013 einstürzte, waren auch Textilien für KiK hergestellt worden. Nicht nur starben über 1.100 Beschäftigte, 2.500 weitere wurden verletzt. So etwas soll nicht noch einmal passieren. Damals merkten viele Kund:innen in Europa und Nordamerika erst, unter welch schlechten Bedingungen die Herstellung der Konsumgüter stattfand, die hiesige Geschäfte anboten. Hatte KiK als Textildiscounter in wohlhabenden Bevölkerungsschichten vorher schon keinen guten Ruf, sackte das Image durch Rana Plaza noch mehr ab. „Viele Bürger hatten Bedenken, ob sie unsere Produkte kaufen können“, sagte Zahn 2017 in einem taz-Interview. Und „neue Mitarbeiter zu finden, gestaltete sich zeitweise schwierig, weil Vorbehalte gegen die Firma bestanden.“

    Auch wegen Rana Plaza beschloss der Bundestag im vergangenen Jahr das Lieferkettengesetz. Ab Anfang 2023 müssen alle in Deutschland tätigen Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigten die sozialen und ökologischen Menschenrechte der Arbeiter:innen ihrer weltweiten Zulieferfabriken schützen, unter anderem für Gebäudesicherheit und Brandschutz sorgen – in allen Branchen, nicht nur der Textilwirtschaft. Und bald dürfte eine EU-Richtlinie folgen, die schärfer ausfällt als das deutsche Gesetz. Währenddessen hat KiK – Folge der Rana Plaza-Katastrophe – einen Teil des Wegs schon zurückgelegt, den die meisten Firmen erst beginnen.

    Zwei Autostunden von der Zulieferfabrik entfernt sitzt Amirul Haque Amin an einem langen, blauen Tisch im fensterlosen Besprechungsraum. Seine Mitarbeiterin bringt Kaffee. Die Wände sind mit farbenfrohen Flugblättern für Demonstrationen, Plakaten, Aufrufen und Zeitungsausschnitten tapeziert, auf vielen ist Amin, der Boss, zu sehen. Er leitet die Nationale Textilarbeiter Gewerkschaft von Bangladesch – die größte und älteste derartige Organisation, wie er sagt.

    Ihm reicht nicht, was KiK tut. Ja, das Leben der Beschäftigten sei nun besser geschützt, meint er. Was aber ist mit dem Lohn?

    8.000 Taka betrage der staatlich festgesetzte Mindestlohn, erklärt der Mann mit den kurzen, grauen Haaren, umgerechnet rund 85 Euro für einen Monat Arbeit. Erstaunlich wenig, selbst Hartz IV-Empfänger bekommen in Deutschland das Zehnfache. Aber Bangladesch ist ein armes Land. Dort leben doppelt so viele Menschen wie hier, ihnen steht aber nur etwa ein Zehntel unseres Wohlstandes zur Verfügung. Also sind die Löhne viel niedriger. In einem armen Land produzieren lassen, in einem reichen verkaufen – das ist ein Mechanismus der Globalisierung.

    Auch seine 100 Zulieferer im Land zahlen den Mindestlohn, erklärt KiK, plus Zuschläge für höhere Qualifikation und Überstunden. So erhalten viele Arbeiter:innen Monatsverdienste von bis zu 13.000 Taka, ungefähr 136 Euro. „Aber das ist nicht genug“, schimpft Amin nun, „es müssten mindestens 20.000 sein“ (210 Euro).

    An seinem einzigen freien Tag der Woche ist heute ein Arbeiter zu Amin ins Büro gekommen – extra, um mit dem Journalisten zu sprechen. Hossain, 25 Jahre, ist Näher in einer der KiK-Fabriken. Mit Vater, Mutter, Schwester und Bruder lebt er in einer Zwei-Zimmer-Wohnung. Der Vater arbeitet auf dem Bau, Hossain selbst bringt 13.000 Taka nach Hause. Er rechnet vor: Die Miete kostet fast 10.000, die Lebensmittel für einen Monat 15.000. Damit seien die beiden Einkommen nahezu aufgebraucht, mit den täglichen Busfahrten, Kleidung und Hygieneartikeln wird es schon knapp. Beispielsweise für Arztbesuche bleibt nichts übrig. Als sein Bruder krank wurde, berichtet Hossein, habe er einen Kredit für die Behandlung aufgenommen, den er bis heute abbezahle. Eine öffentliche Krankenversicherung gibt es in Bangladesch nicht.

    Existenzsicherndes Einkommen, „living wage“, heißt das Konzept, das Gewerkschafter wie Amin dieser kargen Realität entgegensetzen. Für Bangladesch sollte es zwischen dem Zweieinhalb- und Fünffachen des Mindestlohns liegen, je nach Berechnung verschiedener Organisationen. Und wie wird das Wirklichkeit? „KiK könnte seinen Lieferanten höhere Einkaufspreise zahlen“, schlägt Amin vor. Diese Prämie müssten die Fabriken dann an ihre Beschäftigten weiterreichen. Heute sei das Gegenteil die Regel: Die europäischen und amerikanischen Firmen würden ihre Lieferanten in Bangladesch gegeneinander ausspielen, deren Preise drücken und damit verhindern, dass die Gehälter der Arbeiter:innen steigen. Amins Kollegin Kalpona Akter sieht es ähnlich: „Zusammen mit anderen Auftraggebern sollte KiK vorangehen“ und Prämien über den zu niedrigen Mindestlohn hinaus zahlen.

    Patrick Zahn ist auf dem Weg zur nächsten Fabrik. Der Chauffeur lenkt. Man sitzt klimatisiert auf der Rückbank des geräumigen Toyota-SUVs. Reisezeiten von zwei Stunden für 15 Kilometer sind keine Seltenheit. Außerhalb der getönten Scheiben spielt sich das tägliche Gewühl des Straßenverkehrs der 18-Millionen-Einwohner-Stadt Dhaka ab. Hitze, Staub, Stau, alle hupen. Wo immer eine Gasse entsteht zwischen Pkw, Bussen und Containertransportern, quetschen sich Motorrikschas und Mopeds hindurch, auf denen manchmal ganze Familien sitzen.

    „Ich will mit gutem Gewissen ins Bett gehen können“, sagt der 45jährige Manager. Seit 2016 führt er KiK im Auftrag der Eigentümer, der Tengelmann-Gruppe. Zuvor leitete er dort den Vertrieb. Der Zusammenbruch der Fabrik Rana Plaza, die Toten und das Leid der Hinterbliebenen hätten ihn „tief angetrieben, das Unternehmen zu verändern“. Wenn er hinzufügt, „das haben wir geschafft“, wirkt er im Reinen mit sich.

    Was aber ist mit den miesen Löhnen in den Textilfabriken? Deren Existenz lässt sich kaum bestreiten.

    Mehrere Argumente zählt Zahn dazu auf. Erstens: Die Fabriken gehören nicht KiK, sondern selbstständigen Unternehmern in Bangladesch. Zahn zahlt Preise für Lieferungen, nicht Löhne für Beschäftigte. Für letztere sei nicht er als Auftraggeber verantwortlich. Sondern – zweitens – unter anderem die Regierung von Bangladesch, die den Mindestlohn festlege. Tatsächlich ist dieser von 3.000 Taka 2013 auf mittlerweile 8.000 Taka (etwa 85 Euro) gestiegen. Weitere Erhöhungen dürften folgen.

    Drittens will Zahn nicht andere Firmen wie Aldi, Lidl, Pepco oder Inditex (Zara) subventionieren, die teilweise in denselben Zulieferfabriken produzieren lassen. Zahlte KiK einseitig höhere Preise, hätten diese Konkurrenten einen Kostenvorteil, weil sie sich nicht beteiligen.

    Aber kann der Discounter leicht höhere Einkaufspreise nicht verschmerzen, wenn er sie an seine Kund:innen in den Geschäften weiterreicht? Schließlich beträgt der Anteil des Arbeitslohns, der beispielsweise in einer Zehn-Euro-Jeans steckt, nur wenige Prozent, so dass schon ein Aufschlag von etwa 50 Cent im Endkundenpreis ausreichen müsste, um die Verdienste der Zulieferbeschäftigten ungefähr zu verdoppeln – wenn sie diese Prämie auch ausgezahlt bekämen.

    „Kunde ist König“ – dafür steht die Abkürzung KiK. Vergleichsweise arme Leute können sich beim Discounter für vielleicht 40 Euro von den Schuhen bis zur Jacke einkleiden. Wer Hartz IV bezieht oder einen Niedriglohn – diese Schicht umfasst in Deutschland ungefähr ein Fünftel der Bevölkerung – spüre einen Preisaufschlag von 50 Cent pro Kleidungsstück durchaus und gehe dann mitunter lieber zur Discount-Konkurrenz, sagt Zahn. KiK verliert damit Marktanteil, fürchtet der Manager. Ein schwieriges Argument: Niedrige Löhne in Deutschland begründen dann niedrige Löhne in Bangladesch. Armut rechtfertigt Armut.

    In der nächsten Fabrik erwarten Zahn die mit Gewehren bewaffneten Sicherheitsleute vor dem Metalltor. Die beiden dicken Limousinen rollen auf den Hof, der Firmenbesitzer, seine Tochter plus Untergebene begrüßen den Kunden aus Deutschland, kurzes Händeschütteln, dann startet der Sicherheitscheck. Auf dem Weg begegnet Zahn sich selbst. Er lächelt von einem großformatigen Begrüßungsfoto, das im Treppenhaus hängt, daneben der Plan der Fluchtwege.

    Hier verlangen die KiK-Leute auch, Interviews mit dem Beschäftigten-Komitee zu führen, das Beschwerden der Arbeiter:innen bearbeiten soll. Ein im Vergleich zur tropischen Außentemperatur tiefgekühlter Besprechungsraum, glänzende Bodenfliesen, dunkler Schreibtisch. Vertreter der Zulieferfirma sind nicht anwesend. Der junge Arbeiter – barfuß, Corona-Maske über dem schwarzen Bart – ist Vize-Vorsitzender des Komitees. Unter anderem berichtet er, dass er regelmäßig elf Stunden täglich an der Nähmaschine sitze, zu den acht normalen kämen drei Überstunden. Macht 66 Arbeitsstunden wöchentlich. Zum Vergleich: In Deutschland leisten die meisten Arbeitnehmer:innen um die 40.

    Abendessen im Hotel. Zahn, unrasiert, Hemd zerknittert, entspannt sich, plaudert. Im Sakko sieht man ihn selten. Er ist ein nahbarer Typ, interessiert sich für die Erfahrungen und Meinungen anderer Leute. Manager-Arroganz ist kaum zu spüren. Wobei er einräumt, eine „kurze Lunte“ zu haben. Als er jetzt eher nebenbei von der langen Arbeitszeit in der Fabrik erfährt, sackt seine Laune schlagartig unter Null. 66 Stunden pro Woche widersprechen dem Verhaltenskodex von KiK, der in den Zulieferfirmen aushängt. Dieser orientiert sich auch am deutschen Arbeitszeitgesetz: 60 Stunden wöchentlich gelten als Obergrenze.

    Noch beim Essen ordnet der Vorstandsvorsitzende eine Untersuchung an. Er will wissen, ob die Zeitüberschreitung eine Ausnahme oder gang und gäbe ist. Sein Mitarbeiter windet sich: Das könne immer mal vorkommen, gleiche sich im Verlauf von Monaten aber aus. „Wenn diese Information stimmt, dann geht das so nicht und wir schicken morgen unsere Agentur hin“, befiehlt Zahn. KiK arbeitet mit einheimischen Vermittlern zusammen, die das tägliche Geschäft zwischen Lieferant und Kunde koordinieren, aber auch unangemeldete Kontrollvisiten durchführen. Am nächsten Abend ist das Ergebnis da: Zu lange Arbeitszeiten kommen in der Firma bei zehn Prozent des Personals vor. KiK gibt dem Management nun einige Wochen Zeit, den Fehler abzustellen. Bei einem weiteren Besuch werden die beauftragten Kontrolleure das überprüfen.

    Zahn ärgert sich. Wer ist denn Mitglied im Bangladesh Accord und wer nicht? Das ist ein Vertrag zwischen internationalen Auftraggebern und Gewerkschaften, erstmals abgeschlossen 2013 als Reaktion auf die Rana Plaza-Katastrophe. Rund 1.700 Textilfabriken in Bangladesch werden regelmäßig kontrolliert, ob sie baulich stabil und gegen Feuer geschützt sind. Fast 200 global agierende Unternehmen machen mit – aus Deutschland unter anderem Adidas, Aldi, Esprit, Hugo Boss, Lidl, Rewe. Und KiK. Händler wie New Yorker, Tedi, Woolworth oder auch Pepco aus Polen fehlen auf der Liste des Accords dagegen. „Wir haben einige Wettbewerber, die niedrigere Standards praktizieren als KiK und von unseren Anstrengungen profitieren“, sagt Zahn. Mit Kritik solle man sich doch in erster Linie diese Firmen vorknöpfen und nicht ständig in seinem Unternehmen nach Problemen suchen. Er fühlt sich ungerecht behandelt.

    Zur Wahrheit gehört jedoch auch: In der Lohnfrage bewegt sich so gut wie nichts. Gezahlt werden meist nur die von den Regierungen der Produktionsländer festgesetzten Mindestlöhne plus Überstunden. Wobei die Untergrenze bloß bei einem Drittel oder Viertel dessen liegt, was Organisationen wie die Asia Floor Wage Alliance, ein Zusammenschluss von Aktivisten, Gewerkschaftern und Wissenschaftlern, als existenzsichernde Bezahlung errechnen. Ausnahmen praktizieren allenfalls kleine Unternehmen, die sich an Fairtrade-Standards orientieren, wobei deren Marktanteil über eine Nische im Textilhandel bisher nicht hinauskommt.

    Der Stillstand liegt auch an KiK, aber nicht nur. Die anderen europäischen und nordamerikanischen Auftraggeber bewegen sich ebenfalls nicht. Bei den Lohnkosten schlagen sich die großen Marken insgesamt in die Büsche. Der wesentliche Grund: Die Löhne der Lieferanten machen einen kleinen, doch relevanten Posten in den Kalkulation der Unternehmen aus. Wächst dieser, wird es auf die eine oder andere Art teurer, etwa in Gestalt einer geringeren Gewinnmarge, höherer Endkundenpreise oder eines sinkenden Marktanteils. Diesen Effekt wollen alle vermeiden.

    Eine kleine Oase in dem grauen, lauten und wühligen Industriegebiet von Dhaka: Es gibt einen künstlichen Weiher, am Rand stehen Mangobäume, der Meeting-Pavillon ist über einen hölzernen Steg zu erreichen. Inmitten seines Fabrikareals hat der Besitzer sich und seinen herausgehobenen Gästen ein Refugium der Lebensqualität eingerichtet. Die Küche ist ausgestattet mit Highend-Haushaltselektronik aus Europa. Man reicht Pizza, Obst und Chickenwings, scharf gewürzt. Kunde und Lieferant plaudern über´s Geschäft. Der Eigentümer erwähnt, dass die Preisvorstellung von KiK seine Gewinnmarge gegen Null drücke. Das lässt sich bezweifeln, wie der Ort des Gesprächs zeigt. Gegenfrage: Würde er die Löhne der Arbeiter:innen erhöhen, wenn der deutsche Auftraggeber die von den Gewerkschaften geforderte Prämie zahlte? Es folgen Ausflüchte und Umschweife. Angeblich steigen die Löhne sowieso, weil es schwer sei Personal zu bekommen.

    Das Hin- und Hergeschiebe der Verantwortung geht beim Verband der Textilindustrie von Bangladesch weiter. Bessere Gehälter für die Beschäftigten? Wären die ausländischen Konzerne großzügiger, ließe sich vielleicht etwas machen, heißt es. Aber die Arbeitnehmer:innen sollten bitte auch etwas bescheidener sein. Schließlich verdienten sie schon jetzt mehr als die Lehrer:innen an staatlichen Schulen.

    Sie geht Patrick Zahn auf die Nerven, diese ständige Debatte über die zu niedrigen Löhne. Jedoch scheint sie bei ihm auch etwas zu bewegen. Nach einigen Tagen gemeinsamen Fabrik-Hoppings formuliert er eine Idee: Ließe sich der Bangladesch Accord nicht um eine soziale Säule erweitern? Wie wäre es, wenn Kunden, Lieferanten und Gewerkschaften gemeinsame branchenweite Lohnerhöhungen vereinbarten, die den großen Vorteil beinhalteten, dass sie für die Mehrheit der Firmen gleichermaßen gelten? Nicht einzelne Unternehmen liefen damit Gefahr, die Kosten alleine zu tragen und ihre Marktposition zu verschlechtern. Ein wesentliches von Zahns Argumenten gegen auskömmliche Verdienste in der Lieferkette fiele damit weg.

    Gewerkschafter Amin kann der Idee etwas abgewinnen – grundsätzlich. Im nächsten Moment ist er skeptisch: „Wollen die das wirklich?“ Oder ist es wieder nur ein Vorschlag, um Zeit zu gewinnen? Das lässt sich augenblicklich schwer sagen. Wobei der Accord in der nächsten Zeit eigentlich anderes auf dem Programm hat. Ein weiteres Land, zum Beispiel Pakistan, soll aufgenommen werden. Dann würden alle Ressourcen erst einmal dafür verwendet, die Sicherheit tausender zusätzlicher Fabriken auf den nötigen Stand zu heben. Schneller ginge es wahrscheinlich, wenn KiK zusammen mit anderen Konzernen ein Pilotprojekt zum Existenzlohn in einigen Zulieferfirmen startete und einfach mal anfinge.

    Zahns Reise führt jetzt nach Pakistan, das Land ist für KiK heikler als Bangladesch. Dort gibt es noch kein Abkommen wie den Accord. Die Marken und ihre Zulieferer machen, was sie wollen. Das Desaster, das sich vor zehn Jahren zutrug, ist zudem noch mehr mit dem Namen der Firma verbunden als der Einsturz von Rana Plaza. Beim Brand der Textilfabrik Ali Enterprises 2012 starben 259 Beschäftigte. KiK zahlte Schadensersatz. Jahrelang verhandelte das Landgericht Dortmund über die Klage von Opfern und Angehörigen auf zusätzliches Schmerzensgeld. Es war ein Präzedenzfall, wenngleich KiK schließlich wegen Verjährung ohne Urteil davonkam.

    Während Zahns Besuchen seiner Zulieferer in Karachi, der pakistanischen Hafenstadt am Indischen Ozean, schwingt die Erinnerung an Ali Enterprises oft mit: Bei den Befragungen durch die KiK-Leute definieren manche Arbeiter:innen ihre Wohnorte, indem sie eine Entfernung zum Ort der Katastrophe angeben.

    Von seinem Verdienst bei einem der 30 KiK-Zulieferer könne er aber ganz gut leben, sagt der Arbeiter im hellblauen Salwar Kameez, dem knielangen Hemd, das hier viele Männer tragen. Ungefähr 20.000 Rupien (etwa 95 Euro) bringe ihm die Arbeit an der Nähmaschine monatlich ein, etwas mehr als den Mindestlohn von 19.000. Und reicht das für einen erträglichen Lebensstandard? Ja, lautet die Antwort, schließlich lebe er im Familienverband, Vater und Bruder verdienten ebenfalls. So könne man auch etwas Geld zurücklegen. Ähnliches berichtet die Arbeiterin im schwarzen Schleier: Auch sie komme mit dem Mindestlohn einigermaßen zurecht, wobei sie als Alleinverdienerin vier minderjährige Kinder und ihre Mutter mitfinanziere.

    „Das kann nicht stimmen“, sagt dazu Nasir Mansoor, der den pakistanischen Gewerkschaftsbund NTUF leitet. Er rechnet vor, dass alleine die Miete und die wegen der Inflation stark steigenden Lebensmittelpreise besonders für Weizen zum Brotbacken den Mindestlohn auffräßen. Seine Erklärung: Wahrscheinlich berichteten die Arbeiter:innen geschönte Versionen ihrer Lebensumstände, da sie damit rechneten, dass der Inhalt der Gespräche den Arbeitgebern zugetragen werde. Wenn KiK Wert auf wahrheitsgemäße Aussagen lege, müssten die Interviews außerhalb der Fabriken und anonym stattfinden, rät Nasir. Er sagt: „Seit Ali Enterprises gab es in den Firmen nur kosmetische Verbesserungen.“ Für KiK sind solche Informationen der Beschäftigten dagegen Bestätigung, dass die Gewerkschaften die Bedeutung der angeblich zu schlechten Bezahlung hochspielten.

    Patrick Zahn konzentriert sich auf die Sicherheit. Ein neuer Fabrikbesuch in Karachi: Während im vergleichsweise liberalen Bangladesch vor allem Frauen an den Nähmaschinen arbeiten, sind hier im streng islamischen Pakistan die Männer in der großen Mehrheit. Probealarm im zweiten Stockwerk: Die Beleuchtung wird abgeschaltet, die Maschinen verstummen. Und jetzt? Ein paar Arbeiter schlendern in Richtung Treppenhaus, um das Gebäude zu verlassen. Viele aber bleiben, stehen in Gruppen zusammen, quatschen, scherzen. Sie nehmen den Alarm nicht ernst. Einer der KiK-Mitarbeiter verlangt lautstark, die Fabrik endlich zu räumen. Schließlich sind alle draußen – viel zu langsam, falls es tatsächlich mal brennt. Das ist nicht das einzige Problem: Im Gebäude fehlen auch Brandschutztüren, und die Verdrahtung der Rauchmelder ist marode.

    „Heute Abend fliege ich zurück“, wendet sich Zahn an den Besitzer, als sie im Büro sitzen, „bei Ihrer Fabrik sehe ich noch diverse Baustellen“. Der Kunde aus Deutschland droht: Bis zum Jahresende müssten die Probleme behoben sein – sonst werde er den Lieferanten aussortieren.

  • Die halbierte Gesellschaft

    Die Reichen gewinnen nicht immer, sie verlieren auch mal. Warum Milliardäre trotzdem eine umstrittene Spezies sind.

    In einer Nacht der frühen 1950er Jahre türmte mein Großonkel. Im DDR-Dorf Wilsleben, heute Sachsen-Anhalt, stieg er mit Frau und Tochter auf den Pferdewagen. Sie ließen sich bis zum nächsten Bahnhof bringen und fuhren mit dem Zug gen Westen. Die letzten paar hundert Meter über die damals noch weitgehend offene Grenze zur BRD gingen sie zu Fuß. Ihren Hof, etwa 60 Hektar Land, Pferde, Vieh und ihre Heimat sahen sie nie wieder.

    Der Bauer, ein Bruder meiner Großmutter, hatte einige Wochen zuvor die Information erhalten, dass ihm Gefängnis drohe, weil er während der Nazizeit Zwangsarbeiter beschäftigt habe. Die Familie begann, Möbel, Besteck und andere Wertgegenstände zu den Verwandten nach Westen zu schicken. Schließlich reiste sie selbst. Der Hof wurde kollektiviert und Teil einer neuen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft.

    Ähnlich erging es vielen Wohlhabenden und Reichen, die in den östlichen Gebieten Deutschlands lebten. Sie verloren fast ihren kompletten Besitz. Unter anderem diese Geschehnisse waren kürzlich Gegenstand einer außergewöhnlichen sozialökonomischen Langzeit-Untersuchung. „Wir zeigen, dass der Vermögensanteil des reichsten Prozents der Bevölkerung von fast der Hälfte im Jahr 1895 auf etwa 27 Prozent 2018 gefallen ist“, schreiben die WissenschaftlerInnen Thilo Albers (Humboldt Uni Berlin), Charlotte Bartels (Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung, DIW) und Moritz Schularick (Uni Bonn). „Fast die komplette Abnahme war das Resultat von Veränderungen, die zwischen 1914 und 1952 auftraten.“

    Die Reichen in Deutschland haben demnach während der vergangenen 120 Jahre fast die Hälfte ihres Besitzanteils am gesamten Kapital des Landes verloren. Das ist ein erstaunlicher Befund, der zumindest in einem Spannungsverhältnis, wenn nicht gar im Gegensatz zu verbreiteten Klagen über die Ungerechtigkeit der aktuellen sozialen und ökonomischen Verhältnisse steht.

    Für Schlagzeilen eignen sich normalerweise eher solche Informationen: 2021 stieg der Zahl der Vermögensmillionäre weltweit auf rund 22,5 Millionen Personen, wie die französische Unternehmensberatung Capgemini im Juni 2022 mitteilte. Deren gemeinsames Kapital habe auf etwa 82.000 Milliarden Euro zugenommen. Die Summe entspricht ungefähr der kompletten Wirtschaftsleistung der Welt eines Jahres. Anderes Beispiel: Vor dem Weltwirtschaftsforum von Davos im Januar 2020 erklärte die Entwicklungsorganisation Oxfam, dass 162 Milliardäre weltweit über so viel Vermögen verfügten wie die ärmere Hälfte der Erdbevölkerung.

    Wie kann das sein? fragt sich dann ein guter Teil der Öffentlichkeit. Vergleichbare Zahlen lassen sich auch für Deutschland finden. Die Polarisierung zwischen Arm und Reich nehme zu, heißt es, die soziale Schere klaffe auseinander, die Balance der sozialen Marktwirtschaft gehe verloren. Was ist da dran – wie hat sich Reichtum entwickelt? Welche Rolle spielt er, und sind die Klagen berechtigt?

    Albers, Bartels und Schularick analysieren, dass der Vermögensanteil des reichsten Prozents der deutschen Bevölkerung infolge von Entwicklungen sank, die mit dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gekoppelt waren. Ende der 1920er Jahre verloren viele Aktionäre einen Teil ihres Kapitals durch den Börsencrash, wobei die Produktionsstätten und Immobilien erhalten blieben. Zwischen 1939 und 1945 war das anders. Boden- und Bombenkrieg zerstörten viele Werte, verwandelten Fabriken in Ruinen, und wiederum verloren auch die Reichsten. Dann folgten die nächsten Schläge: die Enteignungen in der DDR und der Lastenausgleich in Westdeutschland. Dieser funktionierte so: Wer Unternehmens-, Immobilien- und Finanzkapital trotz des Krieges hatte retten können, musste lange Zeit eine jährliche Vermögenssteuer entrichten, aus deren Einnahmen die Flüchtlinge und Verlierer entschädigt wurden.

    Davon profitierte auch mein Onkel. Mit dem Leben als selbstständiger Bauer war es zwar vorbei, aber im nordrhein-westfälischen Remscheid konnte er sich dank des Lastenausgleichs eine Eigentumswohnung leisten. Bürgerlicher Wohlstand war immerhin gewährleistet – allerdings eingelagert in eine große soziale Nivellierung, die die ökonomische Elite gigantische Summen kostete.

    Man kann es so sagen: Reichtum und Wohlstand wurden demokratisiert. Diese Information wird heute meist als gute Nachricht verstanden. Aber warum eigentlich? „Die Frage nach den Ursachen von Ungleichheit hat sich im Diskurs seit den bürgerlichen Revolutionen grundsätzlich verschoben“, erklärt Jürgen Schmidt. Der Sozialhistoriker leitet das Karl-Marx-Haus in Trier. Die Aufstände in England 1688, Amerika 1776, Frankreich 1789 oder Deutschland 1848 markierten politische, soziale, aber auch weltanschauliche Zäsuren. „Vorher wurden die Natur oder der Wille Gottes als die Ursachen für Ungleichheit betrachtet“, sagt Schmidt, „sie war daher zu akzeptieren.“ Im Zuge des gesellschaftlichen Wandels änderte sich Schmidt zufolge dieser Blick: „Nun galt es, Ungleichheit zu überwinden.“ Die Konsequenz: „Das Gerechtigkeitsempfinden im Allgemeinen ist seit dem späten 18. Jahrhundert deutlich ausgeprägter als vor dieser Zeit.“

    Wir regen uns heute über großen Reichtum viel mehr auf, als es die Menschen des Mittelalters taten. Ein Beispiel: Vom Baron Thomas de Berkeley, einem der reichsten Männer Englands, ist überliefert, dass er in den Jahren 1345/46 für seinen Konsum mehr als das 650-Fache eines damaligen Arbeitereinkommens ausgab. Die Mehrheit der Bevölkerung, so sie es überhaupt wusste, fand das nicht anrüchig. Werden Millionäre oder Milliardäre heute dagegen erwischt, wenn sie teure Villen, Yachten, Inseln oder Unternehmen kaufen, müssen sie mit bösen Schlagzeilen, öffentlicher Kritik und Forderungen nach höheren Steuern rechnen.

    Der sinkende Vermögensanteil des obersten Prozents der Bevölkerung beschreibt allerdings nur einen Trend von mehreren. Eine zweite, parallele Entwicklung sieht so aus: 1895 lag der gesamte private Besitz in Deutschland etwa beim Fünffachen des Nationaleinkommens (vereinfachend gesagt: der jährlichen Wirtschaftsleistung). Bis nach dem Zweiten Weltkrieg sank dieses Verhältnis nach Angaben von Albers, Bartels und Schularick auf nur noch das Doppelte, um jedoch bis 2018 auf das Sechsfache anzusteigen. In dieser Hinsicht sind die Verhältnisse heute wieder ähnlich ungerecht wie im 19. Jahrhundert.

    Zwei Ursachen liegen dem zugrunde: Einerseits stiegen seit der Wiedervereinigung die Aktien- und Unternehmenswerte erheblich an. Davon profitierte überwiegend das reichste Zehntel der Bevölkerung. Grundstücke und Häuser verteuerten sich aber ebenfalls. Nutznießerin war hier auch die Mittelschicht. Weil sie gut verdienten und der Staat sie mit Programmen zur Eigentumsbildung unterstützte, wurden breite Schichten zu Immobilienbesitzern. Die wohlhabendere und reiche Hälfte der Bevölkerung konnte ihre Position damit deutlich verbessern. Aber auch in Gestalt des sozialen Aufstiegs von Arbeitern in die Mittelschicht war eine Demokratisierung des Wohlstands zu beobachten.

    Demgegenüber profitierte die ärmere Hälfte der Bevölkerung nicht von der Kapitalbildung. „Der Vermögensanteil der unteren 50 Prozent hat sich seit 1990 halbiert“, stellen Albers, Bartels und Schularick fest. Diesen Privathaushalten gehören in der Regel nur ein paar tausend Euro auf dem Sparkonto, ihre Wohnungseinrichtung, ein Auto, höchstens noch eine Lebensversicherung. „Der Abstand zwischen den Habenden und denen, die nichts besitzen, hat sich deutlich vergrößert“, schreiben die ÖkonomInnen.

    Zu ähnlichen Ergebnissen kam 2013 der französische Wirtschaftshistoriker Thomas Piketty in seinem Buch „Das Kapital im 21. Jahrhundert“. Die Kapitalrendite, so seine These, habe bis etwa 1910 immer über der Wachstumsrate der Ökonomie gelegen. Deshalb seien damals die Einkommen und Vermögen der Reichen schneller gewachsen als die der normalen Leute, deren Verdienste an das Wirtschaftswachstum gekoppelt seien. Durch die beiden Weltkriege und die Etablierung der westlichen Sozialstaaten, schrieb Piketty, habe sich dieses Verhältnis bis in die 1970er Jahre umgekehrt: Erstmals stiegen die Löhne schneller als die Kapitaleinkommen. Seitdem kämen aber die alten Verhältnisse zurück.

    Hier stehen wir an einer Bruchlinie in der modernen Debatte über Armut und Reichtum. Klar ist, dass sich große Vermögen schneller vermehren als kleine. Eine Verzinsung von drei Prozent lässt eine Million Euro beispielsweise um 30.000 Euro wachsen, während 10.000 Euro auf dem Sparkonto einer Durchschnittsfamilie nur um 300 Euro zunehmen. So betrachtet wächst der Abstand zwischen der Elite und der Normalbevölkerung quasi automatisch. Wie groß darf er werden? Wann muss der Staat, die Politik eingreifen? Das ist Gegenstand einer Aushandlung zwischen Bevölkerungs-, Interessen- und Machtgruppen, die in demokratischen Gesellschaften hin- und hergeht. Zwischen etwa 1950 und 1980 gaben nicht nur in Deutschland oft die Interessen der Arbeitnehmer, der Unter- und Mittelschichten den Ausschlag. Danach ging es in die andere Richtung.

    In der Phase des sogenannten Neoliberalismus ermöglichten die Regierungen vieler Staaten den Kapitalbesitzern größere Spielräume. Die Steuern auf Vermögen und hohe Einkommen sanken. Hierzulande wird beispielsweise seit 1997 keine Vermögenssteuer mehr erhoben. Parallel wurde an der individuellen sozialen Sicherung gespart. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war die Abschaffung der relativ auskömmlichen Arbeitslosenhilfe und die Einführung von Hartz IV ab 2004. Als Konsequenz nahm die soziale Polarisierung zu. Mittlerweile allerdings ist ein Schwebezustand eingetreten – seit 2005 steigt zumindest die Ungleichheit der Haushaltseinkommen nicht mehr, wie das DIW Mitte 2022 errechnete.

    Die Entwicklungen seit dem Zweiten Weltkrieg lassen sich auch daran ablesen, was aus dem Bauernhof meines Großonkels wurde. Eines Tages nach der Wiedervereinigung von West- und Ostdeutschland bekamen meine Mutter und ihr Cousin Post. Gemäß der Politik „Rückgabe vor Entschädigung“ wurde ihnen angekündigt, dass sie als Erben den Bauernhof in Wilsleben zurückerhielten. In den späten 1990er Jahren verkauften sie ihn. Ein guter Teil des Erlöses steckt nun in meiner Eigentumswohnung in Berlin-Kreuzberg. Deren Wert ist seit Mitte der 2000er Jahre um 300 bis 400 Prozent gestiegen. Der geschrumpfte Vermögensanteil der Reichsten, der größere Anteil der Mittelschicht und die zunehmende soziale Spreizung der vergangenen Jahrzehnte – alles steckt in der Vererbungsgeschichte des Bauernhofes.

    Viele Immobilienbesitzer vor allem in attraktiven Städten profitierten massiv von den steigenden Grundstücks- und Hauspreisen – während die besitzlose Hälfte der Bevölkerung unter Wohnungsknappheit und steigenden Mieten leidet. Auch dies bildet ein Element der verschärften Debatte über Armut und Reichtum.

    Wirtschaftshistoriker Piketty plädierte dafür, die steigenden Einkommen und Vermögen der Superreichen durch hohe Steuern einzuebnen. Er forderte progressive Abgaben, die 80 Prozent des jährlichen Zugewinns der Elite konfiszieren sollten. So weit muss man nicht gehen, aber eine etwas höhere Grundsteuer auf die erheblich gestiegenen Immobilienwerte kann man durchaus für angemessen halten. Gleiches gilt für höhere Steuern auf Erbschaften, Vermögen, Kapital, Gewinne und große Einkommen. Plausibel wären sie auch, weil eine eklatante soziale Ungleichheit die politische Gleichberechtigung gefährdet. Wenn öffentliche Schulen wegen Geldmangels so schlecht ausgestattet sind, dass Kinder aus ärmeren Familien keine vernünftige Bildung erhalten, untergräbt das die Demokratie.

  • „Wo weniger Menschen sterben, werden weniger geboren“

    Am Dienstag, dem 15. November 2022, leben offiziell acht Milliarden Leute auf der Erde. „Das primäre Ziel besteht darin, die Lebensbedingungen zu verbessern“, sagt Bevölkerungsforscherin Colette Rose.

    Hannes Koch: Acht Milliarden Menschen leben jetzt, um den 15. November herum, angeblich auf der Welt. Woher wissen wir das so genau?

    Colette Rose: Die Vereinten Nationen betreiben diese Berechnungen seit 1950. Sie beruhen beispielsweise auf Bevölkerungszählungen und Sterberegistern in den meisten Ländern der Erde. Die Ergebnisse werden immer besser. Und im Nachhinein ist zu sehen, dass sie der Wirklichkeit ziemlich nahe kommen. Trotzdem ist der 15. November ein gegriffenes Datum. Wir wissen nicht präzise, wo und wann der achtmilliardste Mensch auf die Welt kommt.

    Koch: Intuitiv denkt man: „Hilfe, das sind zu viele“. Manche Leute hierzulande haben Angst vor dem Kinderreichtum in Afrika, China und Indien. Oder hat sich das Bild von der gefährlichen Überbevölkerung auf anderen Kontinenten zumindest relativiert?

    Rose: Diese Angst gibt es immer noch, aber unser Institut versucht ihr entgegenzusetzen. Wichtig zu wissen ist: Das Wachstum der Weltbevölkerung verlangsamt sich. Seit 2020 liegt es unter einem Prozent pro Jahr. Und es wird weiter zurückgehen. Schon heute leben zwei Drittel aller Menschen in Ländern, wo Frauen im Durchschnitt weniger als zwei Kinder gebären. Das heißt, die Bevölkerung wächst dort nicht mehr. Der Trend weist auch in Afrika in diese Richtung. 1990 wurden auf dem Kontinent durchschnittlich sechs Kinder pro Frau geboren, heute sind es knapp über vier und 2050 wahrscheinlich unter drei.

    Koch: Verbergen sich im Diskurs über die „Bevölkerungsexplosion“ nicht auch rassistische Motive der Europäer gegenüber der von ihnen einst beherrschten Bevölkerung der ehemaligen Kolonien?

    Rose: Wir plädieren dafür, auf die Fakten zu achten. Beim Thema Migration wird mitunter Angstmacherei betrieben. Tatsächlich haben die weitaus meisten Menschen in Afrika gar nicht den Wunsch und das Geld nach Europa auszuwandern. Wenn sie ihre Heimat verlassen, bleiben sie innerhalb ihrer Region. Andererseits braucht Deutschland auch Zuwanderung. Sie ist notwendig, um unser Sozialsystem zu finanzieren und den Bedarf an Arbeitskräften zu decken.

    Koch: Kann man es auch als Fortschritt betrachten, dass die Weltbevölkerung wächst?

    Rose: Auf jeden Fall. Eine Ursache besteht ja darin, dass die Menschen länger leben. Die Lebenserwartung nimmt zu, weil beispielsweise die medizinische Versorgung besser wird. Vorübergehend führt das zu höheren Bevölkerungszahlen. Ein, zwei Generationen später sinkt dann aber die Geburtenrate. Wenn mehr Kinder überleben, braucht man weniger Nachwuchs.

    Koch: Trotzdem zielt auch die deutsche Entwicklungspolitik darauf ab, das Bevölkerungswachstum in Afrika zu verringern. Warum genau?

    Rose: Ich möchte es anders sagen. Das primäre Ziel besteht darin, die Lebensbedingungen zu verbessern. Wenn das gelingt, sinkt das Bevölkerungswachstum. Wo weniger Menschen sterben, werden weniger geboren.

    Koch: Die Bewohner der reichen Länder belasten die Erde mit Abgasen, Müll und Flächenverbrauch stärker als es die wachsenden Populationen der armen Länder tun. Ist die angestrebte Verringerung der Geburtenrate eigentlich ein Versuch unsere Privilegien zu sichern?

    Rose: Wenn es so wäre, müsste dieser Versuch fehlschlagen. Die Industriestaaten müssen ihren Konsum reduzieren, wir leben hier über unsere Verhältnisse. Trotz ihres höheren Bevölkerungswachstum verbrauchen die ärmeren Länder viel weniger Ressourcen. Sie sind deshalb auch nicht in erster Linie für den Klimawandel verantwortlich. Eine wichtige Zukunftsfrage lautet aber: Wie lassen sich die Lebensbedingungen verbessern, ohne die Umweltbelastung zu vergrößern?

    Koch: Wie geht die Entwicklung weiter, wann wird der Höhepunkt der Bevölkerungskurve erreicht sein?

    Rose: Wir können davon ausgehen, dass wir 2050 knapp zehn Milliarden Menschen sein werden. Und um 2080 könnte die Weltbevölkerung mit 10,4 Milliarden ihren Höhepunkt erreichen. Danach setzt wahrscheinlich eine Schrumpfung ein. Das aber hängt auch von unseren heutigen Investitionen etwa in die Gesundheitssysteme ab.

    Bio

    Colette Rose arbeitet als Expertin für internationale Demografie am Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung.

    Info

    Acht Milliarden

    Etwa ein Prozent der Weltbevölkerung lebt in Deutschland – 83 Millionen von acht Milliarden Einwohnern. Viel mehr werden es hier wohl auch nicht mehr, dann könnte die Kopfzahl zurückgehen. Im Gegensatz zu einigen anderen Ländern: Indien wird China wohl überholen und auf 1,6 Milliarden Personen wachsen. Für Nigeria in Afrika rechnen die Experten der Vereinten Nationen mit 500 Millionen Menschen oder mehr. Erstaunliche Zahlen: Vor 2000 Jahren, um Christi Geburt herum, lebten auf der ganzen Welt nur 200 bis 300 Millionen Leute.

  • Bitterer Wandel

    Flüssiggasterminals sind nur eine Übergangslösung

    In Wilhelmshaven zeigt sich dieser Tage: Deutschland kann Großprojekte schnell, korrekt und effizient abwickeln – wenn alle wollen. An der Nordsee ist gerade der erste Anleger für Flüssiggastanker fertig geworden. Bis das erste Gas anlandet, dauert es noch ein paar Tage. Weihnachten könnte es soweit sein. Gut 230 Tage vom ersten Spatenstich bis zur ersten Lieferung sind spektakulär schnell für deutsche Verhältnisse und derartige Infrastrukturprojekte. Das ist die gute Seite.

    Die andere ist dramatisch: Jahrelang hat sich Deutschland auf Gas aus Russland verlassen, 2021 kam mehr als die Hälfte des Bedarfs per Pipeline aus Sibirien. Nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine Ende Februar galt es, diese Menge zügig zu ersetzen, damit es in Deutschlands Wohnungen nicht kalt wird und der Industrie nicht das Gas abgedreht werden muss. Vor allem letzteres hätte eine Wirtschaftskrise ungekannten Ausmaßen ausgelöst.

    Sparen ist eine, wenn auch begrenzte Möglichkeit. Deutschland könnte auch mehr eigenes Gas fördern, doch zusätzliche Förderanlagen brauchen Zeit. Und die fehlt. Letztlich muss Deutschland also Gas per Schiff einführen. Bis Winter 2023/24 sollen etwas mehr als ein Viertel des deutschen Gasverbrauchs über Flüssiggasterminals anlanden können.

    Sicher, die Bundesrepublik hätte früher und mehr in erneuerbare Energien und in Alternativen zum Erdgas investieren müssen, Wasserstoff etwa. Ideen gab es genug. Die unionsgeführten Vorgängerregierungen der Ampelkoalition haben das, wenn überhaupt, nur halbherzig betrieben. Und für die Wirtschaft war der Druck, sich um Alternativen zum Gas zu bemühen, gering. Dafür lieferte Russland per Pipeline einfach zu billig.

    Ja, Flüssiggas (LNG) ist teurer als Pipelinegas, schon allein wegen des Transports per Schiff über die Weltmeere. Aber es ist kaum vorstellbar, dass Russland wieder so liefern wird, wie vor dem Angriff auf die Ukraine. Und es ist ebenso schwer vorstellbar, dass sich Deutschland wieder auf das billige Gas einlassen wird, denn Russland nutzt seine Energie als Waffe.

    Vor allem die Industrie ist gezwungen, Ersatz für Erdgas zu finden. So, wie es aussieht, wird das grüner Wasserstoff. Weil Deutschland das Gas nicht in ausreichendem Maße selbst mit erneuerbaren Energien herstellen kann, muss es eingeführt werden. Die schwimmenden und später auch stationären LNG-Terminals können dann für Wasserstoff genutzt werden.

    Es ist bitter, dass erst ein Krieg in Europa nötig ist, bis praktisch jeder die Dringlichkeit erkannt hat, vom Erdgas loszukommen, in erneuerbare Energien zu investieren und Alternativen wie grünen Wasserstoff zu fördern. Dafür dürfte sich die Energiewende in Deutschland jetzt endlich radikal beschleunigen. In der Übergangszeit brauchen wir weiter Gas und dafür sind die Flüssiggasterminals nötig.

  • Kraft der künstlichen Sonne

    In der größten Anlage für Solarenergietests

    Licht erhellt. Richtig gebündelt brennt es auch ein Loch in fünf Zentimeter dicken Baustahl. Mit Taschenlampen ist das nicht zu erreichen, aber Dmitrij Laaber verfügt über die größte künstliche Sonne der Welt. Der Block vor ihm auf dem Konferenztisch soll zeigen, was die Anlage kann. Normalerweise geht es um kompliziertere Experimente und die Frage, ob sich eine Technologie etwa für Wasserstoffproduktion industriell umsetzen lässt.

    Laaber leitet Synlight, wie die künstliche Sonne heißt, die hinter der Wand neben dem Konferenztisch schlummert. Sie gehört zum Institut für Future Fuels des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Brennstoffe der Zukunft, der Name zeigt schon, sie sind hier am südwestlichen Rand von Jülich in Nordrhein-Westfalen weit vorn. „Es geht darum Sonnenlicht direkt für chemische Prozesse zu nutzen“, sagt Laaber.

    Die Idee dahinter: Warum zum Beispiel über Solarpanels Strom erzeugen, mit denen dann über Elektrolyse Wasserstoff hergestellt wird, wenn sich die Sonnenenergie direkt nutzen lässt, um in einem chemischen Reaktor Wasser in Wasserstoff und Sauerstoff zu spalten? Oder Schwefeloxid in Schwefel verwandeln, der als CO2-neutraler Brennstoff dienen kann? Mit der Sonnentechnik ließe sich auch Kerosin mit CO2 aus der Luft herstellen. Wobei hier die Forschung noch am Anfang steht.

    Wenn ein Unternehmen sich mit solch einer Technologie beschäftigt, fängt es im Labor an – mit einer kleinen künstlichen Sonne. Davon gibt es einige in der Welt, auch das Institut für Future Fuels hat in Köln eine solche Anlage. Danach müssen die Firmen ihre Ideen direkt in einer sehr großen Anlage testen, zum Beispiel im Solarturm in Jülich in Sichtweite des Synlight-Gebäudes. Dort bündeln Spiegel am Boden echtes Sonnenlicht auf eine Fläche oben im Turm. Die Anlage ist etwa 100 Mal größer als die im Kölner Labor.

    Doch was im kleinen Versuch aussichtsreich ist, läuft nicht zwingend im industriellen Maßstab. „Upscaling von sehr klein auf sehr groß ist sehr schwierig“, sagt Laber, vor allem, weil Größe den chemischen Prozess beeinflusst. Es kann also einiges schief gehen. Und es wird teuer, wenn die Versuche in der großen Anlage immer wieder nachjustiert werden müssen.

    Die Idee: eine künstliche Sonne, die zehn Mal größer als die typischen Laborsonnen ist, aber nur grob ein Zehntel so groß wie eine Anlage mit echter Sonne. Und die natürlich unter Laborbedingungen nutzbar ist, also auch per Knopfdruck verfügbar. „Die künstliche Sonne schließt eine Lücke auf dem Weg vom Laborexperiment zum Industriemaßstab“, sagt Laaber. Das Bundeswirtschaftsministerium und das Land Nordrhein-Westfalen finanzierten die Idee. Rund 3,5 Millionen Euro flossen nach Jülich. Im März 2017 ging die Sonne dann erstmals auf.

    Das Gebäude am Rand von Jülich ist für diese weltweit einmalige Anlage eher schlicht. Weiße Fassade, vorn Büros und Treppenhaus, hinten die Halle für die Sonne: 18 Meter hoch. Darin 149 Reflektoren in 13 Reihen angeordnet, eine Wand silbrig schimmernder Trichter. Jeder einzelne lässt sich nach vorn und hinten verschieben und beliebig drehen, um ihn auf eine der drei Versuchsräume auszurichten, knapp acht Meter entfernt.

    „Wir haben auf viele Standardteile zurückgegriffen. Die Elektromotoren zur Steuerung etwa. Und die Lampen in den Reflektoren sind Xenon-Dampfentladelampen, wie sie üblicherweise bei Kinoprojektoren eingesetzt werden“, sagt Laaber. „Das Spektrum dieser Lampen kommt dem Sonnenlicht am nächsten..“ Im Kino bilden sie Farben realistisch ab. Bei Synlight sollen die Bedingungen möglichst nah an echtem Sonnenlicht sein.

    Allerdings sind die UV- und Infrarotanteile deutlich höher als bei natürlichem Sonnenlicht, allein die UV-Strahlen sind 100 bis 1000 Mal höher als an einem sonnigen Tag im September. Zwei Drittel der Lampen haben deshalb einen UV-Filter, die anderen kann man nutzen, um unter Weltraumbedingungen zu testen.

    5700 Grad herrschen im Innern einer solchen Lampe, wenn der Plasmabogen erst einmal angeworfen ist, außen hat die Lampe 1000 Grad. Das stellt besondere Anforderungen an die Reflektoren, die deshalb keine Standardteile sind. Jeder einzelne Reflektor hat einen Durchmessern von etwas über einem Meter, ist 80 Zentimeter tief, aus vier Millimeter dickem Aluminium. Überhaupt das Material. So muss die Beschichtung der Reflektoren die Lichtstärke aushalten. Der Estrich in den Versuchsräumen hat den Härtetest dagegen nicht überstanden. Er ist an einigen Stellen schlicht nicht mehr da.

    Die künstliche Sonne liefert reichlich Energie. Die Zahlen, die Laaber nennt, lassen sich kaum vorstellen. Der Stahlblock ist da einfacher: 80 fokussierte Lampen brennen eine Minute, dann blubbert der Stahl, ist das Loch da. Die thermische Leistung dabei entspricht dem 24-Fachen eines durchschnittlichen Heizkessels. Oder: „Die Kraft einer Lampe reicht aus, um Papier im Fokuspunkt sofort zu entzünden“, sagt Laaber. Wobei die Reflektoren für Experimente meist nicht auf einen Punkt, sondern auf eine Fläche ausgerichtet werden.

    Die künstliche Sonne selbst braucht auch einiges an Strom. Schiene sie drei Stunden auf voller Leistung, verbrauchte sie die Energie, die eine vierköpfige Familie im Jahr benötigt – 3500 bis 4000 Kilowattstunden. Für die Experimente strahlt die Sonne eher kürzer. Ein bis zwei Tage dauert es, die Anlage auszurichten. „Die Versuche gehen in der Regel über mehrere Monate“, sagt Laaber. „Die meiste Zeit verschlingen der Aufbau und die Änderungen im Verlauf der Tests. Die reine Bestrahlungszeit ist vergleichsweise kurz.“

    Die meisten Kunden von Synlight hätten kein fertiges Industrieprodukt, sagt der Hüter der künstlichen Sonne. „Im besten Fall bringen sie einen Prototypen mit.“ Oft ist es eine Art Modell. Und mancher erlebt im Test dann auch Überraschungen, etwa wenn ein Bauteil im Testreaktor doch nicht so wärmebeständig ist, wie versprochen.

    „Die Anlage ist gut ausgelastet“, sagt Laaber. Das Institut forscht selbst. Und Kunden buchen die Sonne, auch aus dem Ausland, unter anderem aus Australien, Frankreich, der Schweiz und den USA. Das zahlt sich für den Standort Deutschland aus. Ein Kunde des Instituts, Synhelion aus der Schweiz, baut jetzt auf der anderen Seite Jülichs eine erste Anlage für industriell hergestellte synthetische Treibstoffe – mit der Kraft der echten Sonne.

  • Richtiger Schub fehlt

    Erste Wasserstoffbilanz vorgelegt

    Wasserstoff soll in den kommenden Jahren Erdgas als wichtigen Energieträger für die deutsche Wirtschaft ablösen. Stahlhersteller wollen ihre Werke umstellen, die chemische Industrie arbeitet am umfangreichen Einsatz des Gases. Doch die Wirklichkeit stimmt deutlich weniger optimistisch, wie die erste H2-Bilanz für die Bundesrepublik zeigt. Deutschland ist danach nicht bereit für den Umstieg auf Wasserstoff – trotz optimistischer Pläne.

    Weder wird es – Stand heute – 2030 genug deutsche Anlagen geben, die grünen Wasserstoff mit Strom aus erneuerbaren Energien herstellen können, noch kann der deutsche Importbedarf gedeckt werden. Und selbst wenn genügend Gas beschafft werden könnte, fehlt Infrastruktur – idealerweise Pipelines –, um es zum Kunden bringen zu können. Die Daten hat das Energiewirtschaftliche Institut der Universität zu Köln im Auftrag des Essener Energiekonzerns Eon gesammelt.

    „Es besteht dringender Handlungsbedarf der Politik“, sagte Patrick Lammers, im Eon-Vorstand zuständig für das europäische Kundengeschäft. Die Nachfrage nach Wasserstoff steige – vor allem in der Chemie- und Stahlindustrie. Energieversorger und Investoren stünden bereit. Allerdings, sagt Lammers, seien für viele die Unsicherheiten zu hoch, um zu investieren. Es lässt sich bis 2030 also noch etwas ändern an der misslichen Lage.

    Wasserstoff gilt als guter Ersatz für Erdgas. Er lässt sich in sogenannten Elektrolyseuren aus Wasser herstellen. Nötig ist dafür Strom. Wird Wasserstoff verbrannt, entsteht kein klimaschädliches CO2, sondern Wasser. Bis 2030 sollen in Deutschland nach den Plänen der Bundesregierung Elektrolysekapazität für mindestens zehn Gigawattstunden entstehen. Die Daten des EWI zeigen, dass zurzeit nur eine Leistung von etwas mehr als 5,6 Gigawatt geplant sind. Bisher gibt es in Deutschland bereits Kapazität von 0,065 Gigawatt.

    Insgesamt benötigt Deutschland 2030 nach der Leitstudie der staatlichen Deutschen Energieagentur (Dena) 2030 rund 66 Terawattstunden Wasserstoff. Was Deutschland nicht selbst herstellen kann, muss eingeführt werden. Den Zahlen der H2-Bilanz zufolge sind das 2030 nach aktuellem Stand 50,5 Terawattstunden – das entspricht dem monatlichen Erdgasverbrauch Deutschlands im September 2022. Erste Verträge haben Energieversorger bereits mit Partnern etwa in Australien, Israel, Kanada, Katar und den Vereinigten Arabischen Emiraten geschlossen. Ausreichend ist die Menge bisher nicht.

    Und selbst wenn der Wasserstoff etwa per Schiff nach Deutschland gebracht werden könnte: Es gibt nicht genug Leitungen, um das Gas zu den Kunden zu bringen. Bisher existieren 417 Kilometer reine Wasserstoffpipelines – vornehmlich in Chemieparks, wie Eren Cham vom EWI berichtete. Das reiche nicht einmal von Wilhelmshaven zum Chemiepark Bitterfeld in Sachsen-Anhalt, ergänzte Eon-Vorstandsmitglied Lammers. Bis 2035 sind bisher rund 2273 Kilometer projektiert. Zum Vergleich: Das Erdgas-Fernleitungsnetz hat derzeit eine Länge von rund 40.000 Kilometern.

    Aus Sicht von Eon lässt sich allerdings noch einiges bewegen. „Wir brauchen klare Rahmenbedingungen, und zwar schnell“, sagte Vorstandsmitglied Lammers. Sieben Jahre seien keine lange Zeit, wenn man betrachte, was noch alles zu tun sei. Bisher mangele es an fundamentalen Voraussetzungen.

    Ein Problem, an dem es bisher hakt, ist die EU. Dort wird gerade diskutiert, ob Gasversorger auch ein Wasserstoffnetz betreiben dürfen. Die EU-Kommission sagt bisher nein. Das bedeutet: Sollte ein Unternehmen sein Gasnetz komplett auf Wasserstoff umstellen, was bei dem Großteil der bestehenden Pipelines möglich wäre, müsste er sich danach davon trennen. Die Folge aus Sicht der Industrie: Niemand möchte investieren.

    Auch die  Bundesregierung ist gefragt: „Wir wünschen uns mehr Kapazität bei den Genehmigungsbehörden und mehr Digitalisierung“, sagte Gabriël Clemens, Leiter des Eon-Geschäftsbereichs Green Gas. Außerdem setzt er auf neue Regeln, wie sich Projekte schneller bauen lassen. Vorbild ist das LNG-Gesetz, durch dass es möglich ist, binnen weniger Monate Flüssiggasterminal etwa in Wilhelmshaven zu bauen.

    Sorge bereitet Lammers auch der Inflation Reaction Act in den USA, praktisch ein riesiges staatliches Investitions- und Subventionsprogramm. Elektrolyseure seien ein knappes und gefragtes Gut, wenn die erst in den USA stünden, seien sie für Deutschland und Europa verloren, sagte Lammers. Und Wasserstoff aus den USA teuer zu importieren, hält er für nicht sinnvoll.

    Die H2-Bilanz ist der erste Überblick über die deutschen Wasserstoffaktivitäten. Das EWI hat dafür öffentliche Quellen analysiert. Eon will die Bilanz künftig alle halbe Jahre aktualisieren.

  • Reserve unter der Erde

    Wie sich die Rolle der Gasspeicher gewandelt hat

    Rechtzeitig vor dem Winter sind Deutschlands Gasspeicher fast vollständig gefüllt – schneller als gedacht. Reicht die Menge, um Firmen und Haushalte durch den Winter zu bringen? Und was passiert mit dem weiteren, bereits georderten Gas? Fallen eventuell sogar die Preise? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Woher kommt das Gas, das Deutschland gerade einspeichert?

    Noch 2021 lieferte Russland mehr als 50 Prozent des in Deutschland verbrauchten Erdgases, im Sommer waren es noch 26 Prozent. Seit August kommt nichts mehr durch die Pipelines. Seither bezieht die Bundesrepublik das meiste Erdgas aus Norwegen. Zudem liefern die Niederlande und Belgien Gas. Beide Länder verfügen über Häfen, in denen Flüssiggas, vor allem aus den USA, anlandet. Gut ein Zehntel des deutschen Gasbedarfs stammt aus heimischer Förderung.

    Wofür sind die Speicher nötig?

    Üblicherweise sind Gasspeicher wichtig für den Markt. Der Betreiber vermietet Teile an Gashändler. Diese kaufen Gas, lagern es ein und verkaufen, wenn der Preis gestiegen ist. So werden unter anderem kurzfristige Verbrauchsspitzen im Gasnetz ausgeglichen. Weil Gas in der Regel im Sommer günstig ist und im Winter teurer, weil es mehr nachgefragt wird, füllen die Händler die Speicher bis zum Herbst, um dann bis zum Frühjahr mehr zu verkaufen als neu einzulagern. In diesem Jahr ist aber alles anderes: Russland hat die Ukraine angegriffen. In der Folge nutzt es die Abhängigkeit Deutschlands und Europas von seinen Gaslieferungen als Waffe. Zuletzt lieferte es gar nicht mehr. Die Gaspreise stiegen deshalb im Sommer auf Rekordhöhen, der Markt funktionierte nicht mehr. Die Bundesregierung verpflichtete deshalb die Speicherbetreiber per Gesetz, bis zum Winter bestimmte Füllmengen zu garantieren, damit Deutschlands Industrie durch den Winter kommt und niemand frieren muss.

    Wie voll sind die Gasspeicher?

    Die Bundesregierung hatte für den 1. November einen Zielwert von 95 Prozent vorgegeben. Deutschlands Gasspeicher waren am Freitag mit 99,19 Prozent nahezu vollständig gefüllt. Einzelne Speicher lagen allerdings noch leicht unter den 95 Prozent, unter anderem, weil sie sehr groß sind und es länger dauert, sie zu füllen.

    Wie viele Gasspeicher gibt es in Deutschland und welche Kapazität haben sie?

    In Deutschland gibt es nach Angaben der Initiative Energie speichern (Ines) etwa 44 unterirdische Gasspeicher. Insgesamt stehen in Deutschland rund 23 Milliarden Kubikmeter Speicherkapazität zur Verfügung, das reicht für etwa 256 Terawattstunden und entspricht rund einem Viertel des deutschen Jahresverbrauchs 2021. Im europäischen Vergleich besitzt Deutschland rund 22 Prozent der Speicherkapazität. Weltweit liegt die Bundesrepublik auf Platz vier nach den USA, der Ukraine und Russland. Oberirdische Gasspeicher dienen oft als Puffer etwa für ein Kraftwerk oder eine Fabrik. Für die Versorgung Deutschlands sind sie vernachlässigbar.

    Wo liegen die Speicher?

    Der größte Gasspeicher Deutschlands ist ein ehemaliges Erdgasfeld in Niedersachsen. 2000 Meter unter Rehden liegt gut ein Sechstel der deutschen Speicherkapazität. Weitere große Speicher liegen im ostfriesischen Etzel, bei Gronau an der niederländischen Grenze, in der Nähe von München und bei Halle/Saale. Große Speicher gibt es auch bei Hannover und nahe Ludwigslust in Mecklenburg-Vorpommern.

    Was passiert mit dem Gas, das importiert wird, wenn die Speicher voll sind?

    Auch wenn die Speicher gefüllt werden mussten und Haushalte und Unternehmen bis zu 20 Prozent Gas sparten – vor allem die Wirtschaft verbrauchte für sogenannte Prozesswärme und als Rohstoff in großen Mengen Gas. Und auch die Haushalte heizten und kochten mit Gas. Dieser Bedarf ist weiterhin da. Sind die Speicher voll und wird weiter mehr eingeführt, als zunächst benötigt wird, greift der Marktmechanismus: Das große Angebot dämpft die Preise. Gas wird billiger, die Nachfrage steigt. Das zusätzlich importierte Gas wird also sehr wahrscheinlich verbraucht – oder meist zum Tagespreis an die Nachbarn Deutschlands verkauft, die ebenfalls Gas speichern. Sinken die Preise unter einen bestimmten Wert, kann es für Lieferanten von Flüssiggas (LNG) interessant sein, Schiffe gar nicht erst zu entladen, sondern auf Reede zu warten, bis die Preise wieder angezogen haben. Weil es auch bei einem milden Winter kälter wird und geheizt werden muss, wird der Verbrauch aber zwangsläufig steigen.

    Wie lange kann das Gas gespeichert werden?

    Im Prinzip beliebig lange. Die unterirdischen Speicher, zum Beispiel Hohlräume in Salzstöcken und ehemalige Gaslager, sind dicht, sonst taugten sie nicht als Speicher.

    Wie lange reicht das gespeicherte Gas?

    Wesentlich sind die Temperaturen in diesem Winter. Sollte es mild blieben, kommt Deutschland gut bis in den März. Wird es sehr kalt, leeren sich auch die Speicher schnell. Die Bundesnetzagentur warnt deshalb in ihrem Bericht vom 4. November zur Gaslage, ein Mangel im Winter könne nur vermieden werden, wenn das Sparziel von mindestens 20 Prozent weiterhin erreicht werde. Und die Flüssiggasterminals in Wilhelmshaven und Lubmin müssen im Dezember fertig sein. Danach sieht es zumindest an der Nordsee aus.

    Was passiert, wenn das gespeicherte Gas nicht ausreicht und nicht genug nachgekauft werden kann?

    In einem Solchen Fall kann die Bundesregierung die Notfallstufe ausrufen. Dann bestimmt die Bundesnetzagentur, wer Gas bekommt und wer nicht. Private Haushalte und soziale Einrichtungen wie etwa Krankenhäuser, Haushalte und jene Gaskraftwerke, die auch Haushalte mit Wärme versorgen sind geschützt. Es wird also vor allem die Wirtschaft treffen. Dafür gibt es bereits Pläne, zu Einzelheiten äußert sich die Bundesnetzagentur nicht.

  • Hoffen auf Wasserstoff

    Das Projekt Desertec 3.0 könnte die Energieprobleme Europas lösen

    Wie alle wirklich guten Ideen klingt sie einfach: In Nordafrika und dem Nahen Osten scheint die Sonne in großen Mengen, auch Wind ist vorhanden. Warum also nicht dort billig Strom erzeugen, damit Wasserstoff herstellen und nach Europa transportieren, wo große Mengen des Brennstoffs benötigt werden, um Erdgas und Öl abzulösen? Die Regionen mit ihren Wüsten profitieren und die Staaten der EU bringen die Energiewende hin zu Klimaneutralität zügig voran. Doch bisher steht das Desertec 3.0 genannte Konzept noch am Anfang. Und besonders mit dem Transport hapert es.

    Vor allem Deutschland könnte profitieren. Die Industrie benötigt sehr viel Gas fossilen Ursprungs für sogenannte Prozesswärme, ohne die viele Produkte nicht hergestellt werden können. Wird das Gas verbrannt wird CO2 freigesetzt, das die Erderwärmung beschleunigt. Eine Alternative ist Wasserstoff. Wird er verbrannt, bleibt Wasser übrig. Der Bedarf ist riesig. Zurzeit sind es etwa 57 Terawattstunden, wie der Nationale Wasserstoffrat (NWR) der Bundesregierung ermittelt hat. Bis 2030 rechnet der Rat mit bis zu 202 Terawattstunden jährlich. 2040 könnten es sogar 738 Terawattstunden sein.

    Deutschland habe nicht genug Kapazität, um diese Mengen selbst aus erneuerbaren Energien herzustellen, sagte NWR-Vorsitzende Katherina Reiche bei einem Treffen zu Desertec 3.0 in Kairo vor der UN-Klimakonferenz in Scharm el-Scheich. Reiche leitet auch den Energieversorger Westenergie, der zum Eon-Konzern gehört. Helfen könnte billiger Wasserstoff aus Nordafrika und dem Nahen Osten, weil die Regionen günstig erneuerbaren Strom aus Sonne und Wind erzeugen können.

    Hinter dem Konzept Desertec 3.0 steht Dii Desert Energy mit Sitz in Dubai. Die Initiative verzeichnet inzwischen zahlreiche Projekte. Länder in Nordafrika und dem Nahen Osten bauten alle Solar- und Windenergie aus, sagte Cornelius Matthes, Chef von Dii Desert Energy. Auch Wasserstoff und Ammoniak-Produktion ist geplant. Es gebe konkrete Wasserstoffprojekte mit einer Leistung von mehr als 20 Gigawatt. In den nächsten Jahren rechnet er mit insgesamt 100 Gigawatt.

    Größter Erzeuger in der sogenannten MENA-Region ist Ägypten. Allein 24 der 61 Wasserstoffprojekte in der Region werden in dem Land umgesetzt. Auch in Marokko und dem Oman wird an Wasserstofffabriken gearbeitet. Ägypten baut Matthes zufolge auch den größten Wasserstoff-Verladehafen in der Suez-Freihandelszone.

    Viele der Projekte sind allerdings erst im Bau, schnelle Lieferung grünen Wasserstoffs ist nicht zu erwarten, zumal Möglichkeiten fehlen, den Wasserstoff in großen Mengen zu transportieren. Am günstigsten wären Pipelines. NWR-Vorsitzende Reiche sagte, bestehende Gaspipelines von Algerien und Marokko nach Spanien sowie von Algerien über Tunesien nach Italien könnten umgebaut werden. Nötig sei aber auch eine neue Pipeline von Ägypten nach Griechenland und weiter nach Italien.

    Dii-Chef Matthes nannte eine Planungs- und Bauzeit von drei bis fünf Jahren. Dazu müsste allerdings klar sein, wer die neue Pipeline finanziert. Das gleiche gilt für den Umbau bestehender Anlagen. Zudem sind Algerien und Marokko gerade nicht gut aufeinander zu sprechen. In Deutschland ließen sich 85 Prozent der bestehenden Pipelines so umbauen, dass statt Erdgas Wasserstoff transportiert werden könnte, sagte NWR-Chefin Reiche. Bisher fehlen auch Pläne für große Verladeterminals an Häfen.

    Bis günstiger grüner Wasserstoff in großen Mengen von Nordafrika oder gar Saudi-Arabien aus nach Europa und Deutschland strömt dauert es also noch. Allerdings kennt sich Dii mit solchen Situationen aus. Alles begann 2009, als die Initiative unter dem Namen Desertec in Deutschland startete. Damals war die Idee, vor allem die Sonne in den nordafrikanischen Wüstenregionen zu nutzen, um im großen Stil günstig Strom zu erzeugen und per Kabel Europa und vor allem der deutschen Industrie zur Verfügung zu stellen. Richtig voran kam das Projekt nicht, trotz illustrer Partner wie Deutsche Bank, Eon, RWE und Siemens sowie Acwa Power aus Saudi-Arabien und der staatlichen chinesischen Netzgesellschaft State Grid Corporation.

    Desertec 2.0 konzentrierte sich dann darauf, in Nordafrika und dem Nahen Osten Wind- und Solaranlagen zu unterstützen, Dii zog von München nach Dubai in die Vereinigten Arabischen Emirate. Anteilseigner sind heute Acwa Power und State Grid Corporation, der deutsche Stahlkonzern ThyssenKrupp will sich beteiligen. Dazu kommen inzwischen 93 Partner – vom staatlichen französischen Energiekonzern EDF über den Gasehersteller Linde, Siemens und den staatlichen saudischen Ölkonzern Aramco bis zum Windanlagenbauer Vestas aus Dänemark plus Unternehmen aus Nordafrika.

    Auch Neom ist Partner von Dii. In die Planstadt im Nordwesten Saudi-Arabien will der staatliche Investitionsfonds bis zu 500 Milliarden Dollar stecken. Unter anderem soll in Technologien investiert werden, die Saudi-Arabien unabhängiger vom Öl machen. Acwa Power baut hier gerade eine Wasserstofffabrik, die 2026 täglich so viel produzieren soll, wie 20.000 Linienbusse verbrauchen können. Weitere ähnlich große Fabriken sind in Ägypten und im Oman geplant. „Wasserstoff könne das neue Öl und Gas werden“, sagte Dii-Chef Matthes. Möglicherweise begibt sich Europa dann in eine neue Abhängigkeit, was keine gute Idee wäre.

  • Neue Ladenschluss-Frage

    Supermärkte sparen Energie. Und auch Personal fehlt

    Aldi Nord geht voran: Von kommender Woche an schließen zahlreiche Märkte des Discounters bereits um 20 Uhr statt 21 oder gar 22 Uhr, was das Unternehmen öffentlichkeitswirksam Mitte Oktober verkündete. Das Ziel: teure Energie sparen. Andere Supermarktketten machen an einzelnen Standorten ohnehin schon früher das Licht aus. Experten vermuten, dass das Vorgehen noch etwas anderes kaschieren soll: Personalmangel. Und es könnte eine neue Debatte um den Ladenschluss entfachen.

    Bereits im September hatte Thomas Gutberlet, Chef der hessischen Supermarktkette Tegut, vorgeschlagen, alle in der Branche sollten früher zumachen, um Energie zu sparen. Weil der Wettbewerb in der Branche hoch ist, fand das zunächst kaum Resonanz. Aldi, üblicherweise auch bei Preisvorgabe der Taktgeber, ging dann als erstes an die Öffentlichkeit. Die große Freiheit beim Einkaufen ist allerdings schon länger vorbei: In Berlin etwa schlossen einzelne Supermärkte bereits zuvor früher als üblich – 21 statt 22 Uhr. Noch vor der Corona-Pandemie im Jahr 2019 ließen sich in der Hauptstadt problemlos bis 23.30 Uhr eingelegte Gurken, Nudeln und Klopapier im Supermarkt einkaufen. Die Idee ist also nicht neu, der Hintergrund nicht nur Energiesparen.

    Die Stromkosten sind ein großer Block in den Ausgaben eines Supermarkts. Und sie sind kräftig gestiegen. Der HDE berichtete im Juli davon, dass ein moderner Supermarkt mit 1000 Quadratmeter Größe inzwischen 140.000 statt 80.000 Euro für Strom ausgeben müsse. Und dass diese Mehrausgaben nicht vollständig über teurere Waren an die Kunden weitergegeben werden könnten. Schließen die Märkte früher, lässt sich also Strom sparen – allerdings nicht so viel, wie vermutet. Denn die Kühlung muss rund um die Uhr laufen, damit die Waren nicht verderben. Und sie verbraucht mit 48 Prozent fast die Hälfte des gesamten Stroms, wie das EHI Retail Institut in Köln ermittelt hat. Das EHI forscht im Auftrag des Handels und berät Unternehmen.

    „Wenn die Unternehmen jetzt früher schließen, lösen sie auch ein mögliches Personalproblem in ihrem Geschäft“, sagt Stefanie Nutzenberger, im Bundesvorstand der Gewerkschaft Verdi zuständig für den Handel. „Beschäftigte aus dem Handel, haben sich andere Jobs gesucht, die vor allem bessere Arbeitszeiten haben. Die Branche ist für Nachwuchs unattraktiv.“ Sie spricht davon, dass Beschäftigte prekär eingesetzt wurden.

    Der Handel leidet, wie viele andere Branchen auch unter Fachkräftemangel. In der Corona-Pandemie haben sich viele Beschäftigte in Deutschland in weniger gut bezahlter Arbeit neue Jobs gesucht. Verständlich aus Sicht der Gewerkschaft: „Beschäftigte im Einzelhandel sind oft gut ausgebildet, haben eine hohe soziale Kompetenz und können schnell reagieren – solche Personen sind auch in anderen Branchen gefragt“, sagt Nutzenberger.

    Im Handel sind besonders viele Menschen in Teilzeit beschäftigt, oft mit Arbeitszeiten am frühen Morgen oder späten Abend. Tatsächlich ist die Zahl der Vollzeitbeschäftigten seit 2006, als der Ladenschluss Ländersache wurde, von 1,22 Millionen auf 1,19 Millionen im vergangenen Jahr gesunken. Gleichzeitig sind immer mehr Menschen in Teilzeit beschäftigt. Nach gut 658.000 im Jahr 2006 waren es 2021 rund 1,143 Millionen.

    Vor allem im Lebensmitteleinzelhandel zeigen sich Lücken: Bereits in der Vergangenheit standen Kunden vor schlecht befüllten Regalen. Frischetheken für Käse und Wurst sind zum Teil ohnehin nicht mehr nach 18 Uhr besetzt. Wie zu hören ist, fehlt Personal mit den entsprechenden fachlichen Bescheinigungen.

    Und häufig ist der Umsatz nach 21 Uhr auch übersichtlich. Oder wie es ein Mitarbeiter in einer zentral gelegenen Berliner Lidl-Filiale sagte: „Für die drei Bier, die wir um 22 Uhr verkaufen, lohnt es sich nicht, den Laden offen zu halten.“ Hinzu kommt, dass die Menschen wegen der hohen Inflation weniger ausgeben. Der Ausblick des Handels ist deshalb düster. Der entsprechende Index des Münchener Ifo-Instituts fiel im Oktober auf -31,9. Zum letzten Mal positiv blickte die Branche im Februar (6,3) in die Zukunft.

    Stromsparen, fehlendes Personal, Kaufzurückhaltung: All das könnte eine neue Debatte über den Ladenschluss an sich entfachen.

    „Es hat keinen Sinn, am Sonnabend um 23 Uhr Bier zu verkaufen. Das hat keine gesellschaftliche Relevanz“, sagt Verdi-Vorstandsmitglied Nutzenberger. „Es wird keine Probleme mit der Versorgung der Bevölkerung geben, wenn früher geschlossen wird.“ Für sie „rächt sich die umfassende Freigabe der Ladenschlusszeiten in manchen Bundesländern“. Nur Bayern und das Saarland begrenzen die Öffnungszeiten von Montag bis Sonnabend auf 6 bis 20 Uhr.

    Die Branche beruft sich auf den Service, den sie dem Kunden bieten. Ein Manager schränkt aber ein: „Nur weil länger geöffnet ist, ist der Kunde ja nicht mehr.“ Der Umsatz verteilt sich also nur weiter über den Tag. Oder auch nicht, wie die aktuelle Situation zeigt. Nutzenberger hält engere Regeln für deutlich besser als die bestehende Lösung: „Geregelte Ladenschlusszeiten sind von Vorteil. Das gibt den Kunden klarere Zeiten, wann geöffnet ist, und verbessert die Arbeitsbedingungen im Handel. Dann wird die Branche auch wieder attraktiver.“

    Deutschlands Einzelhändler setzten nach Angaben des Handelsverbands HDE 2021 rund 588,7 Milliarden Euro um, 36,9 Prozent davon entfielen auf den Lebensmitteleinzelhandel, den die vier großen Ketten dominieren: Edeka, Rewe, Aldi und die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) stehen für drei Viertel des Geschäfts, wie die Ernährungsindustrie ermittelt hat. Apotheken, Brennstoffhändler, Autohäuser und Tankstellen zählen nicht zum klassischen Einzelhandel.

  • Große Chance

    Inflation kann Energiewende befeuern

    Selten eint die Bundesbürger ein Thema so sehr wie steigende Energiepreise und damit eng verbunden die Inflation. Alles wird deutlich teurer. Das spüren inzwischen auch diejenigen, die über mehr Geld verfügen. Für die Bundesregierung bietet das – so bitter es ist – Chancen für die dringend nötige Energiewende.

    Ein wesentlicher Teil der deutschen Teuerung hat mit der Energieversorgung zu tun. Jahrzehntelang hat die Bundesrepublik auf billiges Gas aus Russland gesetzt, das jetzt wegfällt und kurzfristig sehr teuer ersetzt werden muss. Der Ausbau der erneuerbaren Energien schleppte sich so vor sich hin. Häuser so zu sanieren, dass sie weniger Energie verbrauchen, war irgendwie wichtig, aber kaum mehr. Jetzt schlägt das voll in Deutschland auf die Verbraucher durch, die ihr Geld für den täglichen Einkauf zusammenhalten müssen und außerdem sehr hohe Strom- und Gasrechnungen fürchten.

    Selten ist so klar gewesen, wie wichtig die Energiewende in Deutschland ist. Dieses Moment kann die Bundesregierung nutzen, um die Abhängigkeit von anderen Ländern zu verringern, energetische Sanierung zur Pflicht zu erklären und den Ausbau von Solar- und Windenergie deutlich zu beschleunigen, etwa durch vereinfachte Verfahren. Selbst in Bayern und Baden-Württemberg sollte inzwischen klar sein, dass mehr Windanlagen nötig sind und vor allem Stromleitungen, die die Energie besser in Deutschland verteilen. Blockade von Provinzfürsten sieht angesichts der Ängste der Deutschen schlecht aus. Alles, was jetzt angeschoben wird, wirkt leider erst in einigen Jahren. Es verhindert aber, dass die Bundesbürger noch einmal aus Angst, nicht bezahlen zu können, die Heizung abdrehen und im Dunkeln sitzen.

  • Deutsche schränken sich ein

    Weniger Ausgaben, kalte Heizung

    Teure Energie und die steigenden Preise für die normale Lebenshaltung setzen die Deutschen zunehmend unter Druck. Inzwischen schränken sich fast zwei Drittel beim Konsum ein, wie eine Umfrage für das Vermögensbarometer der deutschen Sparkassen ergab. Mehr als die Hälfte wollen sich weiter einschränken. Und es wird in den nächsten Jahren vermutlich kaum besser. Helmut Schleweis, Präsident des deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) erwartet, dass 2023 und 2024 mit Sicherheit schwer werden. Für die Zeit danach wagt er keine Prognose. Wer noch Geld zurücklegen kann, hat allerdings gute Chancen.

    Um die Lage im Land besser zu erfassen, hat der Verband in diesem Jahr zweimal die Stimmung abgefragt: Anfang Juli und Anfang Oktober. Dabei zeigt sich, wie die vielen Krisen in den Haushalten ankommen. In den zwölf Monaten bis Juli hatten sich 57 Prozent der Bundesbürger bereits eingeschränkt, Anfang Oktober waren es 64 Prozent – der höchste Wert seit 2005, als der DSGV das erste Vermögensbarometer veröffentlichte. Im Corona-Jahr 2021 gaben nur 42 Prozent der Menschen an, die Ausgaben binnen zwölf Monaten begrenzt zu haben.

    68 Prozent der Deutschen heizen demnach in diesem Herbst weniger, eine direkte Folge der kräftig gestiegenen Energiepreise. Weil fast alles im Supermarkt und anderen Läden teurer wird, kaufen 58 Prozent weniger ein. 63 Prozent schauen vor allem nach billigeren Produkten, wie aus der repräsentativen Umfrage des DSGV hervorgeht.

    Es trifft inzwischen nicht nur die, die wenig Geld haben oder verdienen und das, was sie haben, meist vollständig für die Dinge des täglichen Bedarfs ausgeben. „Der Druck kommt auch in der Mittelschicht an, die bisher vergleichsweise gut u?ber die Runden gekommen ist und nicht von staatlichen Transferleistungen abha?ngig war“, sagt Schleweis. 57 Prozent der Haushalte mit Nettoeinkommen zwischen 2000 und 3000 Euro sich geben dem Vermögensbarometer zufolge weniger aus. Bei einem Einkommen zwischen 3000 und 4000 Euro sind es 55 Prozent.

    Die Inflation wird auch im kommenden Jahr hoch bleiben. Schleweis rechnet mit zehn Prozent wie in diesem Jahr. Der DSGV-Präsident ist pessimistischer als die Bundesregierung. Viele Preiserhöhungen seien noch nicht beim Verbraucher angekommen und steckten noch in der Lieferkette. Das heißt: Unternehmen müssen mehr für Material und Teile bezahlen, die teureren Endprodukte sind aber noch nicht in den Geschäften.

    Entsprechend schlecht sehen die Deutschen ihre finanzielle Lage. Nur noch ein Drittel schätzt sie Anfang Oktober als gut oder gar sehr gut ein. Im Juli waren es noch 38 Prozent, im vergangenen Jahr 43 Prozent. Die Zahl derjenigen, die sich schlecht aufgestellt sehen stieg von 19 Prozent (2021) auf 24 Prozent (Oktober). Alle anderen bewerten die Lage mit „Es geht“.

    Über die Jahre war die Zufriedenheit zuletzt im Schnitt immer gestiegen, dieser Trend ist jetzt gebrochen. Und auch für die kommenden zwei Jahre sind die Deutschen eher pessimistisch: Gut ein Drittel erwartet, dass sich die Lage verschlechtert. 2021 waren es nur 13 Prozent. Die Zahl der Optimisten schrumpfte von 50 Prozent (2021) auf 37 Prozent (2022).

    Das hat Folgen: Im Oktober wollte 59 Prozent ihr Sparverhalten anpassen, nach 54 Prozent im Juli. „Bemerkenswert“ nennt Schleweis den Zuwachs. Dabei will ein gutes Drittel der Deutschen angesichts der unklaren Aussichten mehr zurücklegen. Experten hatten das Phänomen bereits als „Angstsparen“ bezeichnet. So denken 22 Prozent der Deutschen, dass ihnen Altersarmut droht. 2021 und 2020 waren es nur 14 Prozent.

    Aber nicht jeder kann mehr sparen: Etwas mehr als ein Fünftel der Bundesbürger will an die Ersparnisse gehen, um über die Runden zu kommen. Die Sparquote, der Anteil des verfügbaren Einkommens, der zurückgelegt wird, betrug Schleweis zufolge im dritten Quartal 9,8 Prozent. Ein sehr niedriger Wert in Deutschland. 2021 lag die Sparquote dem Statistischen Bundesamt zufolge bei 15,1 Prozent.

    Der Sparkassen-Präsident rät denjenigen, die Sparen können, zu Wertpapieranlagen, vor allem zum Wertpapiersparen. Die Kurse schwanken in den nächsten Monaten seiner Ansicht nach wahrscheinlich stark – ebenso wie es bereits zuletzt deutliche Volatilitäten gab. „Allerdings sind derzeit die Einstiegskurse vergleichsweise niedrig, unsere Experten rechnen bereits im nächsten Jahr mit einer ersten Erholung der Aktienmärkte“, sagte er. Bei einer langfristigen Anlageperspektive könne man deshalb mit regelmäßigem Wertpapiersparen nicht viel falsch machen.

    Auch auf dem Tagesgeldkonto dürfte es absehbar wieder mehr Zinsen geben. Schleweis erwartet, dass die Europäische Zentralbank in diesem Jahr die Leitzinsen noch zweimal um jeweils mindestens 0,75 Prozentpunkte erhöht, um die Inflation auszubremsen. Der erste Schritt wird für diesen Donnerstag erwartet. Derzeit liegt der Leitzins bei 1,25 Prozent. Diese Zinserhöhung wird verspätet auch auf den Sparkonten ankommen.

    Für alle die Wohneigentum kaufen wollen, wird es zunehmend schwierig. Die Kaukosten steigen, die Bauzinsen auch. Sie näherten sich vier Prozent, sagte der Sparkassen-Präsident. er erwartet, dass sie noch in diesem Jahr weiter steigen. Im Sommer wollten noch 30 Prozent eine Wohnung oder ein Haus kaufen, im Oktober waren es nur noch 26 Prozent. Schleweis forderte Förderprogramme und, die Grunderwerbsteuer zu senken oder abzuschaffen.

    Das Meinungsforschungsinstitut Kantar befragte für das Vermögensbarometer zwischen 20. Juni und 8. Juli mehr als 4800 Bundesbürger. Die Nachfragerunde lief vom 29. September bis 11. Oktober mit 1000 Teilnehmern.

  • Neue Klimaklage eingereicht

    Jugendliche wollen Regierung zum Handeln zwingen

    Sie wollen es noch einmal wissen: Weil sie die Arbeit der Bundesregierung für den Klimaschutz nicht für ausreichend halten, ziehen neun Jugendliche vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. „Ich fordere mein Recht auf Zukunft ein“, sagt die 14-jährige Marlene. Linus Steinmetz(18) ergänzt: „ Wir müssen die Bundesregierung dazu bringen, Ziele festzuschreiben.“ Es ist die erste Beschwerde dieser Art gegen die Bundesrepublik vor dem Gerichtshof (EMGR) in Den Haag.

    Mit Klagen gegen die Bundesregierung kennen sich die Jugendlichen bereits aus: 2021 hatten sie vor dem Bundesverfassungsgericht ein wegweisendes Urteil erstritten: Die Richter bezeichneten das Klimaschutzgesetz der damaligen großen Koalition als unzureichend, weil es die Belange künftiger Generationen nicht ausreichend berücksichtigte. Es war das erste Mal, dass die Richter derartig entschieden. Das Gesetz, das seit 2019 galt, musste nachgebessert und verschärft werden.

    Aus Sicht der Jugendlichen reicht aber auch die Neufassung nicht aus, um das Pariser Klimaschutzabkommen von 2015 einzuhalten. Ihnen fehlen konkrete Maßnahmen. Aus ihrer Sicht hält sich die Bundesregierung beim Klimaschutz zu sehr zurück. Deshalb hatten sie im Januar eine weitere Verfassungsbeschwerde eingereicht, die das Bundesverfassungsgericht im Juni ablehnte.

    Jetzt muss sich der EMGR damit beschäftigen (Az. 469 06/22). Die Jugendlichen berufen sich auf die Artikel 2 und 8 der deutschen Menschenrechtskonvention: Recht auf Leben und Recht auf Achtung des Privat-und Familienlebens. Unterstützt werden sie wie bereits bei den Verfassungsbeschwerden von der Deutschen Umwelthilfe (DUH) – organisatorisch und finanziell. Das Verfahren vor dem EMGR ist kostenlos.

    Remo Klinger, Anwalt der Jugendlichen, erwartet, dass der Gerichtshof in Den Haag recht zügig entscheidet. Dort sind bereits zwei ähnliche Verfahren anhängig. Schweizer Klimasenioren und Jugendliche aus Portugal, die gegen alle 32 Staaten vorgehen, die den Menschengerichtshof tragen. „Die Beschwerden sind priorisiert, ich schätze, dass auch diese Beschwerde entsprechend behandelt wird“, sagt Klinger. Er erwartet in diesem Fall eine Entscheidung in einem bis eineinhalb Jahren.

    „Seit der erfolgreichen ersten Verfassungsbeschwerde gegen die Bundesregierung spüren wir die Klimakrise immer deutlicher“, sagt Marlene. „Wenn wir jetzt nicht handeln, wird sich die Situation weiter verschlimmern.“ Sie hatte die Beschwerde vor dem Bundesverfassungsgericht vor einigen Jahren angestoßen, als sie an die DUH schrieb und fragte, ob man die Bundesregierung verklagen könne. Die Sorge der Jugendlichen: „Bereits 2030 droht, unser Treibhausgasbudget in Deutschland aufgebraucht zu sein“, sagt Mitstreiter Steinmetz, der auch bei Fridays for Future aktiv ist. „Dann müssten alle CO2- und Methan-Quellen abgeschaltet werden – oder ein lebenswertes Leben wäre nicht mehr möglich.“

    Das Klimaschutzgesetz von 2019 sah vor, dass Deutschland den CO2-Ausstoß bis 2030 um mindestens 55 Prozent im Vergleich zu 1990 verringert. Die Zeit nach 2030 war nicht geregelt. Für die Richter verschob das Gesetz hohe Lasten auf künftige Generationen, etwa immer schneller immer mehr CO2 einsparen zu müssen, was diese in ihren Freiheiten einschränkt.

    Nach dem Verfassungsgerichtsurteil im April 2021 besserte die Regierung nach, der Bundestag beschloss die Neufassung im Juni 2021. Danach sollen 2030 nur noch 65 Prozent der Treibhausgasmenge von 1990 ausgestoßen werden. 2045 soll Deutschland dann treibhausgas-neutral sein. Das Treibhausgas-Restbudget wird nicht berücksichtigt. Es orientiert sich daran, wie viel CO2 Deutschland noch in die Atmosphäre pusten darf, wenn die Erderwärmung auf deutlich unter zwei, besser auf 1,5 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit begrenzt werden soll.

    Die Umwelthilfe vermisst ein konkretes Einsparsofortprogramm, zum Beispiel im Verkehrssektor mit einem Tempolimit oder der Energiekennzeichnung von Neuwagen. Sie schlägt auch vor, der Bund solle jährlich 25 Milliarden Euro bereitstellen, um bestehende Wohngebäude energiesparend zu sanieren. Auch in Schulen sollte Geld gesteckt werden, die aus Sicht der DUH zu den marodesten öffentlichen Gebäuden gehören und riesige Energiemengen verbrauchen.

  • Gewinner der Krisen

    Nicht nur Energiekonzerne profitieren

    Krise, Krise, Krise: Deutschland steuert in eine Rezession, die Energiepreise steigen, die Teuerung belastet die Haushalte, Corona kehrt zurück, dazu noch der Krieg in der Ukraine. Und alles überlagert sich. Es wird dringend Zeit, einmal zu schauen, wer in dieser trüben Lage zu den Gewinnern zählt – abseits der Energiekonzerne, die jedes Vierteljahr Rekorde melden.

    Autokratische Länder: Russland lässt Europa spüren, wie abhängig es bei Gas und Öl ist. Weil sich die EU und vor allem Deutschland als größte Wirtschaftsmacht in der Staatengemeinschaft nicht gefallen lassen will, muss es vor allem Gas woanders einkaufen. Die größten Vorkommen besitzen Staaten, die bisher nicht so wohlgelitten waren – wegen ihrer autokratischen Regime und weil sie sich wenig um Menschenrechte scheren. Katar zum Beispiel. Nicht nur Deutschland hofiert es, um überhaupt an Gas zu kommen. Auch der Iran besitzt große Gasreserven.

    Bundeswirtschaftsministerium: Die zahlreichen Krisen treffen vor allem die deutsche Wirtschaft und damit den Kern des Wohlstands. Plötzlich zeigt sich, wie wichtig das Bundeswirtschaftsministerium ist und welche Gestaltungsmacht es hat, wenn denn ein Minister an der Spitze steht, der auch gestalten will – und im Mehrfachkrisenfall auch muss. In der Rückschau ist schon erstaunlich, was das Ministerium in den vergangenen 20 oder 25 Jahren alles hätte bewegen können – wenn die Minister gewollt oder gekonnt hätten. Rund 2200 Beschäftigte arbeiten unter Robert Habeck (Grüne), dazu kommen weitere in nachgelagerten Behörden wie der Bundesnetzagentur oder dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle. Sie müssen die Gasversorgung sicherstellen, die Energiepreise im Griff behalten, Firmen vor dem Absturz bewahren und nebenbei auch noch die Energiewende vorantreiben.

    Dollar: In krisengesättigten Zeiten zeigt sich, welchen Währungen Anleger und Banken weltweit vertrauen. Und auch wenn die Euro-Zone zu den wichtigsten Wirtschaftsräumen der Welt zählt, die Gemeinschaftswährung gehört nicht dazu. Der Dollar dagegen erlebt gerade einen Höhenflug. Vor einem Jahr kostete ein Dollar noch um 0,86 Euro, inzwischen sind es mehr als 1,02 Euro. Ein Grund: Die weltweiten Verwerfungen treffen die US-Wirtschaft offenbar nicht so stark wie andere Regionen. Das gibt der Zentralbank mehr Spielraum, um die Inflation zu bekämpfen. Sehr vereinfacht ist der Dollar deshalb gefragt. Die Schwäche des Euro allerdings hat auch Vorteile: Länder wie Deutschland, die vom Export leben, können ihre Waren billiger in die USA verkaufen.

    EU: Schon die Corona-Pandemie hat die Staaten der EU, die durch den Abschied er Briten (Brexit) etwas in Schockstarre waren, enger zusammengebracht. Der Angriff Russlands auf die Ukraine zeigt den Mitgliedern, wie wichtig es ist, nach außen einheitlich aufzutreten. Das ist vielleicht immer noch nicht bei allen angekommen und es wird weiter gestritten. Doch gemeinsame Sanktionen gegen Russland, der gebündelte Einkauf von Gas, wie er jetzt beschlossen wurde, oder der Ausbau des europäischen Raketenschutzschilds, das alle tragen, lässt hoffen, dass der Block seiner wirtschaftlichen macht entsprechend auch politisch auftritt.

    Exyte: Hinter dem Kunstnahmen verbirgt sich ein klassischer deutscher Anlagenbauer, gegründet 1912. Eine zeitlang hieß die Firma aus Stuttgart M+W Zander, dann M+W Group. Das Unternehmen baut vor allem Anlagen für wichtige Branchen: Halbleiter, auch Chips genannt, Batteriezellen und Biotech. Chips sind Mangelware, Batteriezellen wichtig für die Energiewende und und der Bedarf an Impfstoffen etwa gegen Corona wird auch hoch bleiben. Exyte jedenfalls meldet regelmäßig Rekorde. 2021 setzte das Unternehmen 4,9 Milliarden Euro um, in diesem Jahr sollen es sieben Milliarden sein. 9000 Beschäftigte werden Ende des Jahres für die Stuttgarter arbeiten, 2020 waren es noch 4900.

    Fahrräder: Schon während der Hochphase der Corona-Pandemie war das Fahrrad sehr beliebt. Bot es doch gute Chancen, sich trotz Ausgangsbeschränkungen zu bewegen. Offenbar haben die Deutschen Gefallen am Rad gefunden. Die hohen Energiepreise tun ihr übriges. Jedenfalls nutzen 39 Prozent der Bundesbürger das Fahrrad häufiger, wie die Umfrage des Technologieverbands Bitkom ergeben hat. Der große Gewinner, heißt es. Allerdings gibt es keinen Angaben dazu, wie oft das Rad genutzt wird. Einmal statt zweimal im Jahr wird genauso erfasst wie jeden Tag statt nur am in der Woche.

    Heizlüfter: Weil sich im Frühjahr und Sommer bereits abzeichnete, dass es eng und vor allem teuer mit der Öl und Gasversorgung werden kann, haben sich die Deutschen mit Heizlüftern und Ölradiatoren eingedeckt. Den Marktforschern der GfK zufolge verkaufte die Branche im ersten Halbjahr 600.000 solcher Geräte, ein Drittel mehr als im gleichen Zeitraum 2021. Mancherorts bildeten sich Schlangen vor Elektrofachgeschäften. Manch Baumarkt gab die Geräte direkt von der Palette ab. Konkrete Zahlen der Heizlüfterbranche gibt es nicht. Es dürfte aber ein ordentlicher Zusatzgewinn zusammengekommen sein. Ein Nachteil der Geräte, auch wenn sie es schön warm machen: Der Strombedarf ist sehr hoch, was auch hohe Kosten bedeutet.

    Nato: Auch das nordatlantische Verteidigungsbündnis ist plötzlich wieder wichtig – und mächtig. In den vergangenen Jahren war ihre Bedeutung vor allem aus westlicher Sicht geschrumpft – einzelne Mitglieder, vor allem die Türkei, verfolgten eigene Interessen, und wurden kaum gebremst. Viele Staaten, darunter Deutschland, steckten weniger Geld in das Bündnis, als zugesagt. Donald Trump, Präsident des wichtigsten Mitglieds USA, hielt das Bündnis vor allem für teuer für die USA. Sein Nachfolger Joe Biden sieht das anders – glücklicherweise. Durch Russlands Überfall auf die Ukraine lebt das Bündnis plötzlich wieder auf, weil es bedroht ist. Sicherheit und Schutz kosten. Jetzt ist klar, dass das Geld auch sinnvoll investiert ist.

    Öffentlicher Nahverkehr: Ein Viertel Jahr lang konnten die Bundesbürger jeweils für neun Euro im Monat überall in Deutschland den Nahverkehr nutzen. Nicht überall waren die Züge so brechend voll wie etwa zwischen Berlin und der Ostsee, Hamburg und Sylt oder München und den Bergen. Aber immerhin 41 Prozent der Deutschen gaben in einer repräsentativen Umfrage des Technologie-Branchenverbands Bitkom an, sie hätten ihr Verhalten wegen des Tickets verändert. Das Statistische Bundesamt kam nach einer Analyse von anonymisierten Mobilfunkdaten auf 42 Prozent mehr Fahrten über mehr als 30 Kilometer. Und was noch viel wichtiger ist: Der Erfolg, 52 Millionen Tickets wurden insgesamt verkauft, zwingt Deutschlands Verkehrspolitiker, endlich die Kleinstaaterei zu überwinden und deutlich einfachere, übergeordnete Angebote zu entwickeln. Sogar über bessere und kundenorientiertere Angebote wird ernsthaft geredet. Der Bitkom-Studie zufolge überdachten 41 Prozent der Deutschen ihr Fahrverhalten wegen der hohen Spritpreise.

    Porsche: Dass auch in einem schwierigen Umfeld ein spektakulärer Börsengang möglich ist, zeigt Porsche. Der Stuttgarter Autobauer gehört zum VW-Universum, das wiederum mehrheitlich vom Porsche-Familienclan gesteuert wird. Neue Aktionäre können also kaum Einfluss nehmen. Gleichzeitig sinken die Aktienkurse an den Börsen weltweit, weil Geld wegen steigender Zinsen teurer und damit knapper ist und viele Menschen wegen der Inflation auch mehr für das tägliche Leben ausgeben müssen. Dennoch vertrauen offenbar viele Anleger auf den Nimbus von Porsche. Der Autohersteller, jetzt als Dr. Ing. H. C. F. Porsche an der Börse, gehört zu den profitabelsten der Welt, die Marke ist bekannt und seit Jahrzehnten weltweit beliebt – trotz oder gerade wegen der sehr hohen Preise. Eine Investition, so die Idee, lohnt sich da immer. Der Börsengang brachte VW Ende September 9,1 Milliarden Euro, Anleger der ersten Stunde können sich über sechs bis sieben Prozent Kursgewinn freuen.

    Rüstungshersteller: In den vergangenen Jahren zählten sie eher zu den Firmen, die im Hintergrund tätig waren: deutsche Rüstungshersteller. Der Branche hing ein Ruf von anstößigen an. Ganz abgesehen davon, dass die Produkte für das Töten von Menschen hergestellt wurden. Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist allerdings klar, dass Frieden in Europa auch tatsächlich geschützt werden muss. Die Bundeswehr lieferte lange Jahre eher wegen Ausrüstungsmängeln und Fehlverhalten Nachrichten. Oder sie wurde als günstiger Personalpool genutzt: in der Hochphase von Corona und für Hilfe in Überschwemmungsgebieten. Jetzt also wird die vernachlässigte Truppe mit 100 Milliarden Euro aufgemöbelt. Und davon profitieren Unternehmen wie Airbus (Flugzeuge, Hubschrauber), Rheinmetall (Panzer), ThyssenKrupp (U-Boote, Fregatten), Krauss-Maffei Wegmann (Panzer) und Diehl (Lenkwaffen). Die Branche setzte in Deutschland 2020 mit 55.500 Mitarbeitern 11,2 Milliarden Euro um. Es dürfte deutlich mehr werden.

    Uhren: „Luxus geht immer“, heißt eine Weisheit. Möglicherweise hat sich die Industrie der hochpreisigen Koffer, opulenten Kleider und ausufernden Yachten den Slogan selbst ausgedachten. Der Aktienkurs des französischen Konzerns LVMH (Louis Vuitton, Rimowa, Moët & Chandon, Marc Jacobs) hat sich binnen zwei Jahren von gut 80 auf um die 125 Euro erhöht. Und Luxusuhren sind offenbar auch gefragt, nicht nur als Sammlerstück, sondern als Wertanlage. Denn besondere Uhren sind nur begrenzt verfügbar, die Marktpreise höher als der ursprünglich angesetzte Verkaufspreis. Der Verband der Schweizer Uhrenindustrie, immer noch das Maß der Dinge, berichtet für das erste Halbjahr 2022 von einem Exportplus von 8,1 Prozent. Der Onlinehändler Chronos meldet gar ein Preisplus bei Luxusuhren von mehr als 70 Prozent seit 2020. Was genau einen Luxusuhr ist, ist nicht festgelegt. Grob lässt sich ein Preis ab 3000 Euro annehmen. Für viele sollte er deutlich fünfstellig sein. Ob es fünf vor zwölf ist, zeigt solch eine Uhr unabhängig vom Preis.

  • Schufa lässt spielen

    Verbraucher können Bonität ermitteln

    Wer einen Kredit aufnimmt oder ein Konto eröffnen will, hat in Deutschland mit der Schufa zu tun. Und viele sorgen sich, dass die Auskunftei sie schlecht bewertet. Jetzt können Verbraucher erstmals selbst spielerisch berechnen, wie kreditwürdig sie sind. Und welche Daten diese Einschätzung beeinflussen. Die Schufa möchte damit das schlechte Image loswerden.

    Dazu startete sie jetzt einen sogenannten Score-Simulator im Internet. Unter www.schufa.de/score-simulator lässt sich ausprobieren, wie sich die Zahl der Kredite auf die Bonität auswirkt und wie bedeutend Umzüge sind. Der Simulator erklärt auch, warum bestimmte Daten wichtig sind und wie sie den Score beeinflussen. Dahinter verbirgt sich ein Punktwert, der mathematisch berechnet wird. „Erstmals wird das Scoring-Prinzip nachvollziehbar“, sagte Schufa-Chefin Tanja Birkholz. Die Schufa verrät allerdings nicht, mit welcher Formel genau sie den Score berechnet, Geschäftsgeheimnis.

    Wer einen Computer auf Ratenkredit kauft oder online auf Rechnung bestellt, willigt in der Regel ein, dass die jeweilige Bank oder der Händler bei einer Auskunftei nachfragt, wie kreditwürdig der Kunde oder die Kundin ist. Und meist ist die Auskunftei die Schufa. Sie größte dieser Art in Deutschland. Rund 300.000 Anfragen zur Bonität erreichen die Schufa jeden Tag, wie Birkholz sagte, an Spitzentagen wie dem Rabatttag Black Friday sogar bis zu einer Million.

    Mehr als 10.000 Firmenkunden vertrauen auf die Informationen des Unternehmens für ihre Geschäfte. Über die Jahre hat die Schufa sensible Daten von 68 Millionen Deutschen und sechs Millionen Firmen gesammelt, insgesamt mehr als eine Milliarde. Auf Basis dieser Daten kann sie bei jeder Abfrage einen Score berechnen, der anzeigt, ob eine Person zahlungsfähig ist und sehr wahrscheinlich bleibt. Dabei fließen persönliche Daten ebenso ein wie aggregierte. Nicht dazu gehören Wohnortdaten. Ohne die Abfragen bei der Schufa würden rund zwölf Prozent aller vergebenen Kredite ausfallen. Dank der Schufa-Daten sind es nicht einmal die Hälfte.

    Insgesamt berechnet die Schufa mehr als 160 verschiedene Scores – ein Grund, warum das Unternehmen nach außen immer etwas undurchsichtig wirkte. Für den Simulator hat sich die Schufa auf den wichtigsten konzentriert: den Bankenscore. Er wurde vereinfacht, wer ihn ausprobiert, muss nur sieben Fragen statt der üblichen 17 beantworten.

    Abgefragt wird etwa, wie alt das älteste Girokonto ist, wie viele Kreditkarten jemand besitzt, wie viele Ratenkredite laufen, ob man einen Immobilienkredit bedient, online auf Rechnung gekauft hat oder umgezogen ist. Es gibt auch eine Abfrage zu Zahlungsausfällen. Dann berechnet der Simulator ein Ergebnis zwischen „ungenügend“ in rot und „hervorragend“ in grün. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kredit zurückgezahlt wird, beträgt dann mehr als 97,21 Prozent. Oder umgekehrt: Das Ausfallrisiko ist geringer als 2,79 Prozent.

    Wer angibt, Kredite nicht bedient zu haben, wird als „ungenügend“ eingestuft. 9,4 Prozent aller Personen haben bei der Schufa einen solch negativen Eintrag. Schufa-Chefin Birkholz betont, dass keine Daten des Simulators gespeichert werden. Schließlich könne jeder auch eingeben, was er oder sie wolle.

    Der Simulator berechnet keinen echten Score der Person, die ihn benutzt. Sondern nähert sich diesem nur an. Schließlich ist der Simulator sehr vereinfacht. Die Schufa hat ihn während der Entwicklung mehrfach testen lassen. Mehr Fragen hätten ihn genauer gemacht, allerdings fanden die Verbraucher, die die früheren Versionen ausprobierten, das zu kompliziert. Wer es genauer wissen will, kann bis Ende des Jahres im Zuge eines kostenlosen 30-Tage-Abos seinen oder ihren persönlichen Basisscore digital abrufen.

    Ob jemand zum Beispiel einen Ratenkredit bekommt, hängt allerdings nicht nur von der Auskunft der Schufa ab. Deren Score bewertet in der Regel nur, wie wahrscheinlich es ist, dass der Kunde den Kredit auch tilgt oder eine Rechnung bezahlt. Die Bank, bei der der Kredit aufgenommen werden soll, hat noch zusätzliche Informationen, die die Schufa nicht hat: die Kredithöhe etwa oder das Einkommen des Kreditnehmers.

    Der Score-Simulator ist nur ein Projekt, mit dem die Schufa sich stärker öffnen will. Für 2024 ist eine App geplant, die kostenlosen Dateneinblick am Smartphone gewähren soll. Da können Kunden dann sehen, ob der letzte Ratenkredit erfasst ist oder bei der Schufa Informationen über ein Girokonto vorliegen. Über die App soll es auch erstmals möglich sein, die eigene Bewertung, den Score, zu verbessern. Etwa, in dem der Schufa freiwillig Informationen gegeben werden, die sie einmal hatte, aber löschen musste. Denn sie darf manche Daten nur drei Jahre lang aufheben. Solche Informationen können zum Beispiel seit Jahren genutzte Girokonten sein, oder Kredite, die regelmäßig bedient wurden.

    Die Schufa, 1927 als Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung gegründet, ist die größte und wichtigste Auskunftei dieser Art in Deutschland. Sie gehört seit Sommer zu gut 26 Prozent Genossenschaftsbanken, zu 27 Prozent Sparkassen. Weitere Anteile besitzen Deutsche Bank und Commerzbank. Der schwedische Finanzinvestor EQT hatte versucht, die Schufa komplett zu übernehmen, scheiterte aber am Widerstand von Sparkassen und Genossenschaftsbanken.

  • Ende einer Ära

    Das Geldvermögen wächst. Die Zukunft ist düster

    Vorweg die gute Nachricht: Die Geldvermögen der Menschen sind auch im vergangenen Jahr gewachsen – das dritte Plus in Folge von mehr als zehn Prozent. Insgesamt haben sie 233 Billionen Euro zurückgelegt, wie die Allianz für ihren Global Wealth Report ermittelt hat, ein Rekordwert. Allerdings sind die Superreichen wieder etwas reicher geworden, die Ärmsten etwas ärmer. Und für die nächsten Jahre sieht es eher düster aus.

    Wie schon 2019 und 2020 haben die Menschen 2021 mehr zurückgelegt, wie Ludovic Subran, Chefvolkswirt der Allianz, sagte. In den vergangenen drei Jahren seien atemberaubende 60 Billionen Euro Geldvermögen hinzugekommen, sagte Arne Holzhausen, Leiter Insurance & Wealth Markets, das entspreche zweimal der Euro-Zone. Er sprach von Exzesssparen. Die Menschen hätten angesichts der Corona-Pandemie aus Angst Geld zurückgelegt – und vielleicht auch, weil sie weniger konsumiert haben und Geld übrig war. Gleichzeitig profitierten sie von den boomenden Aktienmärkten, befeuert von billigem Geld der Zentralbanken. Während das Plus weltweit 10,4 Prozent betrug, waren es in Deutschland 8,5 Prozent.

    Untersucht wird im Report nicht das Einkommen der Menschen, sondern ihr Geldvermögen. Dazu zählen Bargeld und Bankeinlagen wie Tagesgeld oder Girokonten, Versicherungen wie Lebensversicherungen und Finanzanlagen, etwa Sparpläne oder Aktien. Immobilienbesitz wird ebenfalls nicht erfasst.

    Am meisten zurückgelegt haben dem Report zufolge Amerikaner und Schweizer. Das durchschnittliche Nettogeldvermögen – Anlagen minus Schulden – betrug 2021 pro Kopf umgerechnet 259.780 Euro. Die Schweizer hatten 237.110 Euro zurückgelegt. Mit großem Abstand folgt Dänemark, wo das Vermögen pro Kopf 183.610 Euro beträgt. Deutschland liegt auf Rang 18 mit 69.290 Euro. In den vergangenen zehn Jahren haben die USA und die Schweiz die Plätze getauscht, die Dänen stiegen von Rang 17 auf. Deutschland konnte einen Platz gut machen. Das durchschnittliche Nettovermögen betrug rund 32.000 Euro.

    Was der Report auch zeigt: Die, die ohnehin sehr viel haben, die Elon Musks (Tesla), Jeff Bezos‘ (Amazon) oder Bernard Arnault (Luxusgüterkonzern LVMH) sind wieder etwas reicher geworden. Das reichste Prozent der Menschen besaß im vergangenen Jahr demnach 42,9 Prozent der Geldvermögen, nach 41,9 Prozent zehn Jahre zuvor. Allerdings mussten die etwas weniger Reichen Verluste hinnehmen. Den zehn Prozent der Menschen mit sehr großem Vermögen gehörten nur noch 86,3 Prozent des Geldvermögens, 2021 waren es 91,7 Prozent. Die Ärmsten zehn Prozent rutschten in den vergangenen zehn Jahren tiefer in die Schulden.

    Überhaupt die Schulden: Gleichzeitig mit den Vermögen stiegen sie zuletzt auch wieder. Insgesamt legten sie um 7,6 Prozent auf 52 Billionen Euro zu. Das Plus liegt deutlich über dem langjährigen Durchschnittszuwachs von 4,6 Prozent. Vor allem in den Schwellenländern haben die Haushalte mehr Schulden aufgenommen, besonders in China. Staaten, deren Wirtschaft auf dem Weg zur Industrienation ist, haben inzwischen einen Anteil von 27,6 Prozent der globalen Schulden, doppelt so viel wie 2020. Die Allianz warnt hier vor einer Schuldenkrise. US-Haushalte stehen für 31 Prozent aller Schulden, nach 41 Prozent ein Jahr zuvor.

    Der Global Wealth Report für 2021 ist mit „Ein letztes Hurra“ betitelt. Es wird also schlechter. Chefvolkswirt Subran sagte: „2021 bedeutet das Ende einer Ära.“ Ende des Post-Corona-Aufschwungs, steigende Zinsen, hohe Inflation, mehr Unsicherheit: Für 2022 rechnet die Allianz mit weltweit schrumpfenden Vermögen. Das Minus beziffert Holzhausen mit mindestens zwei Prozent, eher mehr. Das mag gering aussehen, allerdings berücksichtigt der Wert nicht die Inflationsrate. Holzhausen erwartet eine Teuerung weltweit von durchschnittlich acht Prozent, was bedeutet, dass die Kaufkraft der Geldanlagen um mehr als zehn Prozent sinken wird. „Das bedeutet ein Zehntel Vermögensverlust“, sagte Holzhausen, „das ist noch nie so dagewesen.“

    Erst von 2024 dürften die Vermögen den Allianz-Experten zufolge wieder zulegen, wobei die Inflation hoch bleiben wird – anders als in den vergangenen Jahren, wo sie mit Werten um ein Prozent sehr niedrig war.

    Von den rund acht Milliarden Menschen auf der Welt erfasst der Report nur 4,6 Milliarden. „In vielen Ländern gibt es keine verlässlichen Statistiken“, sagte Holzhausen. Deshalb sind weite Teile Afrikas nicht erfasst. Und auch wenn sich der Zugang zu Finanzprodukten weltweit in den vergangenen Jahren verbessert hat, gehen die Experten davon aus, dass ein Drittel der Weltbevölkerung überhaupt kein nennenswertes Geldvermögen hat.

  • Zu viel Optimismus

    Zweifelhafte Wohnungspläne der Ampel

    400.000 neue Wohnungen jedes Jahr hat die Ampelkoalition versprochen. Und Bundeskanzler Olaf Scholz hält das immer noch für möglich, auch wenn der Wert in diesem Jahr nicht erreicht wird. Natürlich muss er als Regierungschef optimistisch sein, aber wer die 65 Seiten durchliest, auf denen das Bündnis bezahlbarer Wohnraum festhält, wie sich Bau und Investitionen beschleunigen lassen, darf zweifeln.

    187 Einzelmaßnahmen sind zusammengekommen. Abgesehen von mehr Bundeszuschüssen für den sozialen Wohnungsbau und besseren Abschreibungsregeln für Bauherren: Allein die schiere Menge der Maßnahmen zeigt, dass im Bauwesen in Deutschland einiges im Argen liegt. Es wird klar, dass vor allem Bauvorschriften und Verwaltungsregeln bremsen. Vereinfachungen wie Mindeststandards statt detaillierter Vorgaben dürften wirklich helfen. Auch einfacheres serielles Bauen, also standardisierte Gebäude nebst Typzulassungen die bundesweit gelten, würde mehr Wohnraum schaffen. Ebenso, öffentliche Grundstücke nicht mehr dem zu verkaufen, der am meisten dafür bezahlt, sondern etwa gezielt an Familien mit Kindern zu einem adäquaten Preis.

    Ein weiteres Problem, vermutlich größer als Bürokratie und das Dickicht der für den Bau wichtigen Gesetze und Vorgaben: Vieles ist Ländersache oder wird gar von Kommunen geregelt. Bei einigen Themen müssen sich Kommunen, Länder und der Bund abstimmen. Dass sich alle auf einheitliche Vorgaben einigen, klingt unwahrscheinlich. Selbst wenn, wird es dauern.

    Und eines ist klar: Den enormen Preisanstieg bei Baumaterial lässt sich so nicht bremsen, ebenso wenig die Personalknappheit bei den Betrieben. Denn unabhängig von mehr staatlichen Zuschüssen, Steuererleichterungen und verbesserten Abschreibungsregeln: Irgendwer muss die 400.000 Wohnungen bauen. Und da sieht es bisher nicht gut aus.