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  • Tücken des Online-Banking

    Fehlende Digitalkompetenz bremst bei Finanzgeschäften

    Wer mit Computern nur schlecht zurechtkommt und auch das Internet für sehr unübersichtlich hält, hat in Deutschland nur schlechten Zugang zu Finanzangeboten. Eine Studie für die Schufa zeigt, dass geringe digitale Kompetenz die Menschen ausgrenzt. Dass es vor allem ältere Menschen trifft, ist allerdings falsch. Gerade sie haben besonders guten Zugang zu Krediten und Anlageprodukten, verstehen Bankschreiben und sehen wenig Probleme beim Bezahlen.

    In den vergangenen Jahren verlagern sich Bankgeschäfte zunehmend ins digitale. Konten laufen über das Internet, Sparpläne lassen sich über das Smartphone verwalten, Bücher, Kleidung, Lebensmittel online kaufen. Alles zum Wohl der Verbraucher. Es soll schneller, bequemer, günstiger gehen. Offenbar haben aber viele Menschen Schwierigkeiten in dieser neuen Finanzwelt – eben jene, die sich selbst nur geringe oder sehr geringe Digitalkompetenz zugestehen. Und auch Jüngere tun sich schwer, wie die Schufa-Studie zeigt.

    Die Wiesbadener Auskunftei wollte grundsätzlich wissen, wie gut die Bundesbürger am Finanzwesen teilnehmen können. Kommen sie gut an Geld? Ist Online-Banking zuverlässig? Wie zufrieden sind sie mit Geldanlagen? Es ist die erste große repräsentative Untersuchung dieser Art aus Sicht der Verbraucher. Der daraus berechnete Finanzen-Inklusions-Index (Fix) liegt bei 66,9 von höchstens 100. Knapp im oberen Mittelfeld, wie Robert Grimm, Direktor des Instituts für Politik und Sozialforschung (Ipsos), sagt. Das Institut hat die Studie erstellt. und den Index berechnet. „Das gibt ein recht positives Bild der Inklusion bei Finanzen“, sagt er, sieht aber einiges, was sich verbessern lässt. Grundsätzlich gilt: Je höher der Wert, desto höher die Teilhabe.

    Insgesamt hat Ipsos 64 Einzelaspekte untersucht, die in den Index einflossen – sortiert nach vier Gruppen: subjektive Nutzungszufriedenheit, Finanzkompetenz, Vertrauen und Barrierefreiheit. Besondere Fragen zur Schufa selbst gab es nicht. Die Ergebnisse sind repräsentativ. Grundsätzlich zeigt sich: Das Vertrauen ist hoch (72,5), die Finanzkompetenz, die sich die Befragten zubilligen, auch (67,7), bei der Nutzungszufriedenheit (63,8) und der Barrierefreiheit (62,1) sind die Werte deutlich schwächer.

    Die Forscher haben den Index auch nach Altersklassen untersucht. Überraschend: Die Ältesten (65 bis 74 Jahre alt) haben mit 76,2 den höchsten Wert, die 16- bis 24-Jährigen liegen gerade bei 51,5. Vor allem das geringe Vertrauen ins Finanzsystem und die Banken hält Grimm für problematisch. „Da besteht echter Handlungsbedarf.“ Konkrete Vorschläge hat er nicht, dazu müssten die Daten tiefer ausgewertet werden.

    Ein weiteres für die Forscher überraschendes Ergebnis: Wer sich selbst geringe digitale Kompetenz bescheinigt, hat in Deutschland im Vergleich zu anderen eher schlechten Zugang zu Finanzdienstleistungen. Der Wert beträgt 41,3, bei denen, die sich hohe digitale Fähigkeiten zugestehen, liegt er zwischen 78,3.

    t, dazu müssten die Daten tiefer ausgewertet werden.

    Ein weiteres für die Forscher überraschendes Ergebnis: Wer sich selbst geringe digitale Kompetenz bescheinigt, hat in Deutschland im Vergleich zu anderen eher schlechten Zugang zu Finanzdienstleistungen. Die Werte schwanken um die 40, bei denen, die sich hohe digitale Fähigkeiten zugestehen, liegen sie zwischen 70 und 86.

    Große Unterschiede gibt es auch nach Haushaltsnettoeinkommen. Die Befragten mussten nicht konkret angeben, über wie viel Geld sie tatsächlich verfügen können, schließlich kann man auch mit 6000 Euro im Monat Schwierigkeiten haben oder mit 1500 Euro zufrieden sein. Sie sollten stattdessen angeben, ob sie sorgenfrei leben oder nur sehr schwer zurechtkommen. Je weniger Sorgen, desto besser ist der Zugang zum Finanzgeschehen. Wer finanziell zu kämpfen hat, hat es auch besonders schwer.

    Auch bei den Einzelpunkten gibt es Überraschungen. So haben Banken und Sparkassen in Deutschland seit 2016 rund 8500 Geldautomaten abgebaut und nicht ersetzt. Ein großer Teil der Menschen ist aber dennoch recht zufrieden mit der Zahl der Geldautomaten in ihrer Nähe, wie die Schufa-Studie ergibt. Auf einer Skala von 0 (trifft nicht zu) bis 5 (trifft überhaupt nicht voll und ganz zu) gab es eine 3,6. Gefragt haben die Forscher auch danach, ob die Banken mit ihren Kunden in verständlicher Sprache kommunizieren. Das Ergebnis: eine 4,0.

    Wesentlich weniger zufrieden sind Deutschen mit Finanz- und Vermögensberatung (2,3), mit ihren Geldanlagen (2,8) und mit Krediten (2,8). Unklar ist, warum. Die Werte für Bankkonten (3,9) und Online-Banking (4,3) liegen deutlich höher. Die Studie beschreibt den aktuellen Zustand. So sei nicht untersucht worden, warum etwa die Werte bei Altersvorsorgeprodukten nicht so gut abgeschnitten hätten, sagte Ipsos-Direktor Grimm.

    „Wir stehen erst am Anfang mit unserem Wissen“, sagte Schufa-Chefin Tanja Birkholz. Der Index soll künftig jährlich erhoben werden. Die Auskunftei ist Partnerin der Special Olympics Mitte Juni in Berlin. Bei Gesprächen mit beeinträchtigten Menschen, die die über Hürden berichteten, etwa weil sie keine Bezahlkarten bekommen, entstand die Idee zum Index.

    Die Schufa ist eine von mehreren Auskunfteien in Deutschland, die Daten zur Bonität sammeln. Sie ist die größte und für Konsumenten mit Abstand wichtigste, hat sie doch sensible Daten über gut 68 Millionen Bundesbürger gesammelt. Aus den Daten erstellt sie auf Anfrage, etwa einer Bank oder Sparkasse, einen Wert, der die Kreditwürdigkeit einer Person wiedergeben soll.

  • Zementkonzern soll Klima-Schäden bezahlen

    BewohnerInnen der indonesischen Insel Pari klagen gegen den Schweizer Baustoff-Hersteller Holcim. Sie beanspruchen Ersatz für die Schäden des steigenden Meeresspiegels, die die Firma mitverursacht habe.

    Für viele Menschen ist der Klimawandel eine abstrakte Angelegenheit, die, wenn überhaupt, erst in der Zukunft wichtig wird. Heute schon konkret sind die bedrohlichen Veränderungen dagegen für Asmania und Edi Mulyono. Sie leben auf der indonesischen Insel Pari, wo das Wasser steigt. Vom Zement-Konzern Holcim, einem der größten industriellen Kohlendioxid-Verursacher der Welt, wollen die beiden nun Schadenersatz einklagen.

    Die Insel Pari liegt etwa 20 Kilometer nördlich der Stadt Jakarta. Asmania* betreibt dort ein Gästehaus für lokale und internationale Touristen, Mulyono arbeitet als Fischer. Die beiden bereisen nun Europa, um ihr Anliegen bekannt zu machen. Sie sagen, dass infolge des Klimawandels ihre Einkommen während der vergangenen Jahre deutlich gesunken seien – von etwa 250 Euro pro Person und Monat auf ungefähr 150 Euro.

    „Die Stürme nehmen zu, das wird Wetter unberechenbarer, wir fangen weniger Fisch“, erklärt Mulyono im Berliner Büro der Internationalen Rechtshilfe-Organisation ECCHR, die die Klage unterstützt. Zudem steigt der Meeresspiegel. Asmania: „Seit 2019 ist etwa ein Hektar unserer früher 42 Hektar großen Insel versunken.“ Was nicht viel klingen mag, hat erhebliche Auswirkungen: Gebäude in Ufernähe sind bedroht, Trinkwasser-Brunnen versalzen, und die Felder für den Anbau von Lebensmitteln schrumpfen.

    Deswegen verlangen Asmania, Mulyono und zwei weitere Bewohner von Pari, dass die Holcim AG ihnen Schadenersatz zahlen solle für die Schäden, die bereits eingetreten seien. Außerdem beanspruchen sie Geld für Anpassungsmaßnahmen, um ihr Eigentum und die Insel gegen den weiteren Anstieg des Wassers zu schützen. Und drittens wollen sie durchsetzen, dass der Konzern seine klimaschädlichen Kohlendioxid-Emissionen bis 2040 um 60 Prozent reduziert.

    Warum aber hat man sich ausgerechnet Holcim ausgesucht? Und wie lässt sich juristisch begründen, dass dieses einzelne Unternehmen für den Anstieg des Meeres bei Indonesien verantwortlich sein soll? Miriam Saage-Maaß, Anwältin beim ECCHR, erklärt die Argumentation: Der Konzern mit Sitz in Zug, Schweiz, sei der global führende Zementhersteller und gehöre zu den 50 Firmen mit dem höchsten Kohlendioxid-(CO2)-Ausstoß weltweit. Juristisch sei es möglich, nur einen Verursacher zu belangen, auch wenn mehrere gleichzeitig für einen Schaden verantwortlich seien, sagt Saage-Maaß.

    In der Klage heißt es, das habe Unternehmen 0,42 Prozent aller weltweiten CO2-Abgase der Industrie zwischen 1750 und 2021 verursacht. Deshalb solle Holcim einen entsprechenden Anteil der Schadenskosten auf Pari tragen. Wegen der Teilverantwortung des Konzerns und den im Vergleich zu Europa niedrigen Lebenshaltungskosten wären die zu zahlenden Summen jedoch relativ bescheiden. Um beispielsweise die Häuser der Kläger auf Stelzen zu setzen und jeweils eine Wasser-Entsalzungsanlage anzuschaffen, rechnet Saage-Maaß mit etwa 2.500 Euro pro Person.

    Das Geld ist das Eine, die AnwältInnen und Anwälte wollen aber auch die Rechtssetzung vorantreiben und die juristische Verantwortlichkeit von Unternehmen für Klimaschäden etablieren. 2021 verurteilte zum Beispiel ein niederländisches Gericht den Ölkonzern Shell, seine Emissionen zu reduzieren. Ein Bauer aus Peru klagt gegen den Energiekonzern RWE wegen der Schmelze eines Gletschers.

    Holcim wollte die aktuelle Klage, die beim Kantonsgericht in Zug liegt, nicht kommentieren. „Der Klimaschutz hat für Holcim höchste Priorität“, erklärte die Pressestelle. Demgegenüber weisen die Kläger daraufhin, dass die Emissionen des Konzerns weiter steigen.

    *Manche Leute auf Pari haben nur einen Namen.

  • Wette auf die Zukunft

    Chipentwickler Nvidia profitiert von Künstlicher Intelligenz

    Sie wollen es anders machen, besser. Und ja, sie wollen viel Geld verdienen. Dass das Unternehmen, über das die drei Männer im April 1993 bei reichlich Kaffee in einem Kettenrestaurant in San Jose, Kalifornien, nachdenken, einmal die Computerwelt revolutionieren würde, wäre ihnen vermutlich nicht eingefallen. Obwohl: Visionär sind sie schon damals. Und Glück haben die Gründer von Nvidia auch.

    Kurz nach Pfingsten 2023 hat der Wert des Chipentwicklers an der US-Technologiebörse die Marke von einer Billion Dollar (930 Milliarden Euro) geknackt, ist aufgestiegen zu den wenigen ganz Großen: Google-Mutter Alphabet, Amazon, Apple, Microsoft und dem Ölkonzern Saudi Aramco. Ohne die Produkte Nvidias wären die Fortschritte bei künstlicher Intelligenz (KI) nicht möglich, das revolutionäre ChatGPT zum Beispiel. Das Programm dahinter wird mit einem Rechner mit tausenden Chips von Nvidia trainiert. Anders lassen sich die riesigen Datenmengen kaum verarbeiten. Und Nvidia-Mitgründer und Chef Jensen Huang sieht KI erst am Anfang. Viel Geschäftspotenzial also.

    Vor etwas mehr als 30 Jahren ist KI nur etwas für ein paar Nerds. Und auch Huang, damals beim US-Chiphersteller LSI Logic, hat wenig damit zu tun. Gemeinsam mit Curtis Priem und Chris Malachowsky, beide beim US-IT-Konzern Sun Microsystems, will er eine neue Art von Computerchips entwickeln, die vor allem die Grafik von Videospiele verbessern soll, damals eine langsame und sehr pixelige Angelegenheit. Zum einen sind die Anwendungen anspruchsvoll, das reizt die drei, zum anderen erwarten sie einen Boom bei Computerspielen – und deshalb hohe Absatzzahlen für ihre Chips.

    Sie beginnen mit 40.000 Dollar, sammeln Geld von Risikokapitalgebern ein, entwickeln für gut zehn Millionen Dollar den ersten Chip. Er floppt. Das Unternehmen schrammt an der Pleite vorbei und startet neu, diesmal mit klarerer Linie. 1999 geht es an die Börse. Die Grafikkarten des Unternehmens verkaufen sich hervorragend, das Unternehmen überlebt den harten Wettbewerb der 90er und 2000er unter anderem wegen seines technischen Vorsprungs. Und vor allem Huang richtet Nvidia auf eine neue Anwendung aus: KI. Eine gewagte Wette auf die Zukunft. Er soll recht behalten.

    Die Grundzüge der KI sind seit den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts bekannt, lange fehlte es aber an hoher und vor allem günstiger Rechenleistung, die Nvidia mit seinen Chips bietet. Bereits 2006 liefert das Unternehmen den ersten KI-Supercomputer aus. Er besteht aus zahlreichen eigenen Grafikchips, hat etwa die Größe eines Schuhkartons und die Rechenleistung von 250 klassischen Servern. Der Kunde ist damals weitgehend unbekannt: OpenAI, Entwickler von ChatGPT.

    Was macht Nvidias Produkte so besonders? Hauptprozessoren, die etwa Computer steuern, sind auf hohe Leistung und Geschwindigkeit getrimmt, arbeiten Aufgaben aber Schritt für Schritt ab. Das reicht für normale Anwendungen. Ein Grafikchip (Graphic Processing Unit, GPU) besteht aus vielen kleinen Recheneinheiten, die parallel arbeiten und so komplexere Aufgaben schneller bewältigen können. Die Nvidia-Gründer gehören zu den ersten, die das erkennen und als Produkt auf den Markt bringen.

    Was zunächst vor allem dafür gut ist, am Computer hochgerüstete Gegner ruckelfrei zu besiegen, eignet sich auch für anderes, bei dem große Datenmengen schnell verarbeitet werden müssen. Autonomes Fahren etwa. Nvidia arbeitet zum Beispiel mit Mercedes zusammen. Auch vom Boom der Kryptowährungen hat das Unternehmen profitiert: Um etwa Bitcoin zu schürfen, wie das Berechnen genannt wird, sind Computer mit hoher Leistung nötig. Während der Corona-Pandemie, als viele Menschen zu Hause saßen, rüsteten Cloud-Anbieter ihre Rechenzentren auf – mit Hochleistungschips von Nvidia. Vor allem für diese Kunden plant das Unternehmen jetzt eine Art Superrechner von der Stange. Dabei hat Nvidia keine eigene teure Produktion. Es entwickelt die Chips und lässt sie dann in Auftrag fertigen.

    Der Konzern mit seinen gut 26.000 Mitarbeitern wird von Huang geprägt. In Taiwan geboren, wuchs er auf dem Land in Kentucky auf, studierte Chipdesign in Oregon und an der kalifornischen Stanford University und kellnerte auch schon mal in der Systemgastronomie. Huang gilt als nahbar, räumt Schwierigkeiten in einer Abteilung auch schon mal selbst aus dem Weg. „Niemand ist der Chef, das Projekt ist der Chef“, sagte er dem US-Magazin „Fortune“ 2017 über seine Arbeitsweise.

    Der 60-Jährige tritt öffentlich immer in Jeans, Lederjacke, Poloshirt auf – alles schwarz, nur die Haare sind inzwischen ergraut. Er ist der letzte der Gründer, Malachowsky ist inzwischen in Rente, Priem 2003 ausgestiegen. Huang hält noch 3,6 Prozent der Nvidia-Aktien, ist Multimilliardär.

    Der Firmenname übrigens entstand, weil die Gründer die ersten Papiere immer mit NV für next version (nächste Fassung) kennzeichneten. Als das Unternehmen angemeldet werden sollte, musste ein Name her. Die drei Gründer suchten etwas mit nv und stießen auf invidia, lateinisch für Neid – sehr wahrscheinlich etwas, was sie bei Amazon, Google und Meta (Facebook) fühlen. Die Techkonzerne arbeiten an eigenen superschnellen Grafikchips. Nvidia hat allerdings einen ziemlich großen Vorsprung.

  • Der Reiz der Geldautomaten

    Banden sprengen, Banken rüsten auf

    Ein lauter Knall, ein aufheulender Motor, dann Ruhe: In vielen Orten haben Diebe nach Pfingsten wieder Geldautomaten gesprengt: Bad Vilbel, Grevenbroich, Limburg-Oberfrohna, Oberhausen, Witten. In Oberhausen warteten die Täter offenbar sogar, bis ein Wachmann auf Toilette musste. Seit Jahresbeginn traf es geschätzt mehr als 100 Automaten. Die Kreditinstitute sind alarmiert, die Politik denkt über einheitliche Sicherheitsstandards nach. Und die Täter rüsten auf.

    Gut 500 Automaten sprengten Kriminelle nach ersten Zahlen im vergangenen Jahr, 2021 waren es dem Bundeskriminalamt zufolge 392. Damals erbeuteten die Täter insgesamt rund 19,5 Millionen Euro. Macht im Schnitt rund 50.000 Euro pro Diebstahl. Inzwischen ist die Summe offenbar gestiegen. Die Beute betrage durchschnittlich etwa 100.000 Euro heißt es aus der Branche. Hinzu kommen die Kosten für den Ersatz der Automaten –mindestens so viel wie ein Kleinwagen, meist mehr – und die Reparatur der Gebäude.

    Einer der Gründe, warum sich Täter an die Geldautomaten halten, ist die leichtere Verfügbarkeit im Vergleich zu anderen Möglichkeiten, schnell an große Mengen Bargeld zu kommen. „Die Zahl der Banküberfälle ist in den vergangenen Jahren kräftig gesunken, auch, weil in den Banken oft weniger Geld lagert“, sagt Jörg Johannsen, Leiter Bargeldversorgung und Geldautomaten bei der ING-Diba in Frankfurt. Sein Kollege Michael Zinn, Experte für Geldautomaten, ergänzt: „Bargeld ist einfacher zu verwerten als Schmuck oder technische Geräte, die die Täter immer erst verkaufen müssen.“

    Deutschland ist besonders interessant. Die Bundesbürger zahlen gern mit Bargeld, holen es sich am Automaten. Entsprechend sind die Geräte oft gut bestückt. Und es gibt sehr viele: 52.609 waren es 2022. „Die Bauart aber auch die Standorte der Geräte unterscheiden sich im Ausland deutlich von denen in Deutschland“, heißt es bei der Deutschen Kreditwirtschaft, dem Dachverband aller Bank- und Sparkassenverbände. Offenbar locken also die Geräte selbst. Allerdings werden auch in den Niederlanden und Frankreich Automaten gesprengt.

    Hinter den Angriffen stehe Organisierte Kriminalität, sagt Geldautomatenexperte Zinn. „Die Täter sind gut vorbereitet, haben die Prozesse standardisiert, die Aufgaben klar verteilt. Es gibt Fahrer, Sprengmeister, Spezialisten für die Sprengpakete.“ Die Kriminellen kommen vor allem aus dem Ausland, 2021 überwiegend aus den Niederlanden, wie Zahlen des Bundeskriminalamts zeigen. Und auch die Fahndungserfolge der Polizei weisen daraufhin.

    „Die Täter sprengen nicht immer. Die Automaten werden auch mit Spreizern und Trennschneidern angegriffen“, sagt Johannsen. „Zum Teil wird auch der ganze Automat geklaut.“ Und manchmal brechen die Täter sogar die Wand hinter einem Automaten auf, um ihn dann in Ruhe und unbeobachtet von den Kameras vor dem Gerät, knacken zu können. Fester Sprengstoff ist aber derzeit das Mittel der Wahl, weil er schnell zum Ziel führt. Er ersetzt zunehmend Gas, das noch deutlich verheerendere Folgen für die Gebäude hatte, in denen die Geldautomaten aufgestellt sind.

    Um die Automaten weniger interessant für Täter zu machen, gibt es einige Möglichkeiten: So können die Scheine bei einem Angriff auf den Automaten eingefärbt oder mit einer Art Superkleber zusammengepappt werden. Allerdings kommen die Techniken an die Grenzen, weil die Sprengung oft schneller ist. Bevor der Mechanismus die Farbe übers Geld verteilen kann, ist zum Beispiel die Farbkartusche zerstört. Auch ließen sich die Tresore in den Geldautomaten verstärken. Erfahrung aus den Niederlanden zeigt, dass die Täter dann im Zweifel mehr Sprengstoff verwenden – was wiederum größere Schäden an den Gebäuden bedeutet.

    „Es gibt nicht die eine Lösung, die allen Banken und Sparkassen hilft“, sagt ING-Diba-Spezialist Johannsen. „Deshalb ist eine politische Lösung, die einheitliche Sicherheitsmerkmale für alle festschreibt, nur wenig zielführend.“ Und sein Kollege ergänzt: „Es kommt immer auch auf den Standort an. Wir können den Automaten stärker sichern, je nach Lage auch den Raum, in dem er steht, etwa durch Nebel, der sich binnen Sekundenbruchteilen ausbreitet und den Tätern die Orientierung raubt“, sagt Zinn. „Oder dafür sorgen, dass der Standort nicht kurzläufig mit einem Wagen erreichbar ist.“

    Offenbar suchen die Täter gezielt Standorte in ruhigeren Gegenden aus, bei denen sie vorfahren können. Geräte in Hauseingängen in belebten Partyvierteln einer Großstadt sind eher nicht Ziel, dafür aber der Vorraum einer Filiale an einem Gewerbegebiet. Wichtig auch: die Nähe zu Schnellstraßen, damit eine schnelle Flucht möglich ist. Hier hilft den Tätern das Autobahnnetz. Sie nutzen meist hochmotorisierte Fahrzeuge, gern sportliche deutsche Modelle. In Oberhausen war von einem dunklen Audi die Rede, in Grevenbroich soll es ein 3er BMW gewesen sein.

    „Der beste Schutz wäre, die Automaten über Nacht zu entleeren und sie morgens wieder zu befüllen“, sagt Johannsen von der ING-Diba. „Das ist praktisch, aber weder durchführbar noch bezahlbar.“ Und so überprüfen alle Banken und Sparkassen systematisch ihre Standorte, verlegen gegebenenfalls Geldautomaten, befüllen sie mit weniger Geld. Und manchmal hilft schon ein einfacher Bewegungsmelder, der sehr viel Lärm auslöst, um die Täter zu verscheuchen.

    „Das letzte Mittel ist, einen Automaten abzubauen“, sagt Johannsen. „Etwa, wenn über ihm Menschen in einer Wohnung leben und das Risiko zu groß wird.“ Aber selbst die Direktbank ING-Diba, die keine Filialen hat, betreibt rund 1000 Geldautomaten, „weil wir eine Vollbank sind“, sagt Johannsen. „Und wir haben eine Verantwortung und den Auftrag, die Menschen mit Bargeld zu versorgen.“

  • Wo Urlaub noch günstig ist

    Südeuropa bezahlbar, Island teuer

    Wegen der immer noch hohen Inflation wird das Leben teurer. Die Bundesbürger geben weniger aus, was die deutsche Wirtschaft zuletzt schrumpfen ließ. Und auch am Sommerurlaub wird gespart, wenn er überhaupt schon gebucht ist. Dabei könnte er günstiger sein, als zu Hause zu bleiben. Wenn das Ziel richtig gewählt ist, wie eine Übersicht des Statistischen Bundesamtes zeigt. Albanien zum Beispiel.

    Die Statistiker haben sich vor allem europäische Länder genauer angesehen. Die Daten stammen aus dem März, an den Kaufkraftunterschieden dürfte sich seither aber nur wenig verändert haben. Albanien also: Hotels und Gaststätten sind im Staat auf dem Balkan mehr als halb so teuer wie in Deutschland. Den Zahlen der Statistiker zufolge ist das Land insgesamt sogar billiger als die Türkei, zumindest bei Unterkünften und Restaurants. Das albanische Preisniveau gibt das Statistische Bundesamt mit 43,8 Prozent des deutschen an. Das türkische liegt demnach bei 44,3 Prozent.

    Wer allerdings eine Ferienwohnung mietet und sich selbst versorgt, lebt sehr wahrscheinlich in der Türkei am sparsamsten: Fleisch kostet 59 Prozent dessen, was in Deutschland ausgegeben werden müsste, Fisch 42 Prozent, Obst und Gemüse 49 Prozent. Bei Brot sind es 57 Prozent. Insgesamt liegen die allgemeinen Lebenshaltungskosten, die unter anderem Unterkunft, Restaurants, Lebensmittel, Energie und Transport beinhalten, in der Türkei bei 39 Prozent der in Deutschland.

    Nun heißt das nicht, dass grundsätzlich alles billiger ist. Denn betrachtet werden Durchschnittswerte. So, wie hierzulande sehr günstig oder teuer übernachtet werden kann, ist das auch Albanien oder der Türkei möglich. Und die Lebensmittelpreise unterscheiden sich regional ebenfalls – wie in Deutschland auch.

    Wer Albaniens wilder Landschaft und sonnigen Mittelmeerstränden eher nichts abgewinnen kann, macht auch mit den klassischen deutschen Urlaubszielen wenig falsch. Unterkünfte und Restaurants in Portugal sind etwa 28 Prozent günstiger, in Griechenland 21 Prozent, wie die Statistiker ermittelt haben. Auch Spanien ist noch rund 18 Prozent billiger als Deutschland. Wer in Italien übernachtet und Essen geht, gibt weniger aus als in Deutschland, in Frankreich kostet es etwas mehr. Wobei die Unterschiede im Land groß sind: Die Côte d’Azur ist sicherlich deutlich teurer als Pas-de-Calais im französischen Nordosten.

    Wirklich teuer wird es wie schon in der vergangenen Jahren in der Schweiz und Island. So verlangen Hotels und Restaurants der Schweiz im Schnitt 61 Prozent mehr als in Deutschland in Island sind es immer noch 53 Prozent. Insgesamt liegen die Isländer beim Preisniveau sogar noch vor den Schweizern – alles ist teurer, außer Energie und Fisch. In der Schweiz ist nur Energie günstiger als in Deutschland. Ebenfalls höherpreisig sind alle skandinavischen Länder, vor allem die Unterkünfte. Aber auch für Kultur und Freizeitspaß wird den Zahlen zufolge deutlich mehr verlangt als in Deutschland.

    Im Urlaub sollte es ein anderer Kontinent als Europa sein? Auch für weiter entfernte Ziele hat das Statistische Bundesamt Zahlen, zumindest was das allgemeine Preisniveau angeht: Besonders teuer sind danach Israel (34 Prozent mehr als in Deutschland), Australien (22 Prozent) und die USA (17 Prozent). Wer weniger ausgeben möchte, kann zum Beispiel Japan (minus vier Prozent) ansteuern, Südkorea (minus 14 Prozent) oder Mexiko (minus 23 Prozent). Nicht eingerechnet sind jeweils die Kosten für die Anreise, die an die Westküste der USA oder nach Mexiko, nach Sydney oder Tokio erheblich sein können.

    Für andere Länder lässt sich anhand des sogenannten Big-Mac-Index’ zumindest annähern, was es kostet, dort Urlaub zu machen. Das britische Wirtschaftsmagazin Economist erfasst seit 1986, was für diese Art von Burger der US-Kette McDonald’s im jeweiligen Land kostet – immer umgerechnet in Dollar. Big Mac deshalb, weil es eines der wenigen Produkte ist, die fast überall auf der Welt weitgehend einheitlich sind. Die letzten Zahlen sind vom Januar.

    In dieser Liste führt wenig überraschend die Schweiz mit 7,26 Dollar für den Burger vor Uruguay (6,85) und Norwegen (6,59). In der Euro-Zone müssen die Fans der Speise im Schnitt 5,29 Dollar ausgeben. Singapur, Thailand, Vietnam sind alle deutlich günstiger. Nach dem Index wären Südafrika (2,90) und Indien (2,53) Länder, in die es sich mit schmalem Geldbeutel reisen lässt. Besonders wenig kostet der Big-Mac in Ägypten. Mit dem Geld, das für einen Burger in der Euro-Zone im Schnitt fällig wird, bekommt man in Ägypten fast drei.

    Der Big-Mac-Index sagt auch nichts über die Zustände im Land aus. Aus deutscher Sicht mögen 2,53 Dollar für einen Burger wenig sein, in Indien ist es allerdings viel Geld. Und auch für ein luxuriöses Hotel wie das Taj Lake im nordwestindischen Udaipur liegen die Zimmerpreise mit Frühstück schnell bei umgerechnet 400 Euro und mehr.

    35 Länder einschließlich Deutschland hat sich das Statistische Bundesamt insgesamt genauer angesehen: Was in 33 von ihnen teurer ist als in Deutschland: Alkohol. Nur in Ungarn kostet ein durchschnittlicher Mix entsprechender Getränke vier Prozent weniger als in der Bundesrepublik. Überall sonst zahlen Urlauber für Bier und Wein, Likör und Schnaps teils deutlich mehr. In Island ist das 3,4-fache fällig, in Finnland das 2,6-fache, in der Türkei noch das 2,4-fache.

  • Erfolg der Ermittler

    Zum Urteil gegen Mister Cum-Ex

    Für Deutschlands Strafverfolger ist es ein guter Tag. Das Landgericht Wiesbaden hat den ehemaligen Rechtsanwalt Hanno Berger wegen Steuerhinterziehung zu mehr als acht Jahren Haft verurteilt. Bereits im Dezember hatte das Landgericht Bonn in einem ähnlichen Fall acht Jahre für Berger verhängt. Werden die Urteile schließlich rechtskräftig, läuft es wohl auf eine Höchststrafe von 15 Jahren hinaus. Jetzt zahlt sich die Hartnäckigkeit der Ermittler aus.

    Berger gilt als der Mann, der den sogenannte Cum-Ex-Betrug – Anleger ließen sich im großen Stil Steuern mehrfach erstatten – vorangetrieben hat. Der Gesamtschaden für Staat und Steuerzahler ging zwischen 2006 und 2012 in die Milliarden. Die Bundesregierung, so wirkte es, hatte es lange nicht eilig, tätig zu werden. Die Ermittler blieben dennoch dran und schafften es nach zehn Jahren sogar, Berger aus der Schweiz ausliefern zu lassen, wohin er sich abgesetzt hatte.

    Der Fall zeigt auch ein erschreckendes Maß an Unmoral bei Berger, den Banken und Fonds, die er beriet. In einem komplizierten Steuerrecht wie dem deutschen tun sich immer wieder Schlupflöcher auf. Das heißt nicht, dass jedes genutzt werden muss. Aber offenbar gibt es einige, die glauben, nicht belangt zu werden. Auch wenn es lange gedauert hat: In diesem Fall zeigt die Justiz das Gegenteil.

  • Bill will die Bremsen lösen

    Der neue Bayer-Chef setzt auf weniger Bürokratie

    Wohin steuert Bayer? Die Frage stellen sich die 101.000 Mitarbeiter schon länger. Seit Februar ist klar, wer es richten soll: Bill Anderson, ein Amerikaner mit reichlich Erfahrung in der Branche. Zum 1. Juni übernimmt er den Posten von Werner Baumann, der vorzeitig in Ruhestand geht. Klar ist: Es wird sich einiges ändern.

    Ein kühler Abend Anfang April, Anderson (56) hat gerade bei Bayer im Vorstand angefangen, das Mobiltelefon ist noch ganz neu, der Laptop auch. „Hi, I am Bill.“ Der erste Eindruck: Lässig, drahtig, Jackett über T-Shirt, in der Hand eine braune Aktentasche, die in jedem Lehrerzimmer unauffällig wäre, Lachfalten im Gesicht. Anderson wirkt sehr entspannt. Dabei ist die Aufgabe groß.

    Baumann hatte 2016 kurz nach seinem Start als Bayer-Chef die Übernahme des US-Agrarchemie-Riesen Monsanto durchgezogen. Für umgerechnet 60 Milliarden Euro, der teuerste Zukauf eines deutschen Unternehmens überhaupt im Ausland. Bayer stieg zur Nummer 1 der Welt bei Saatgut und Pflanzenschutz auf. Die Leverkusener übernahmen allerdings auch ein Rechtsrisiko mit Milliardenkosten: zahlreiche Klagen, weil das Pflanzenschutzmittel Glyphosat Krebs ausgelöst haben soll. Der Aktienkurs brach ein, Bayer ist heute mit Pharmasparte (unter anderem Krebs, Parkinson), Agrochemie und den nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten wie Aspirin insgesamt weniger wert als der Monsanto-Kaufpreis. Und auch wenn Umsatz, Gewinn und Dividende recht gut aussahen, verlor Baumann das Vertrauen der Anleger und den Rückhalt im Aufsichtsrat. Anderson soll es jetzt richten.

    Der erzählt erst einmal, wie er tickt, was ihn antreibt. Erstens: Mach etwas Großes, nicht nur einfach einen Job. Zweitens: Ownership, sich eine Aufgabe zu eigen machen. Drittens: Es gibt immer einen Weg, etwas besser zu machen. Womit er beim Leverkusener Konzern ist: starke Vision, motiviertes Team, weltweit bekannt. „Mein Energielevel steigt mit Bayer.“ Es soll ein Lob sein, alles noch besser als die Stationen vorher: die US-Biotech-Unternehmen Biogen und Genentech, zuletzt dann die Pharmasparte von Roche in der Schweiz. Es könnte aber auch eine Drohung sein. Anderson wirkt allerdings einfach, als mache ihm sein künftiger Job Spaß.

    Und er ist immer für eine Geschichte gut zwischen dem ganzen Lob für den Konzern, das üblich ist, wenn man neu startet. An diesem Abend erzählt der designierte Chef über seine Eltern, wie es ist, in einer von Chemie geprägten Stadt in Texas aufzuwachsen (unter anderem inspirierend). Er berichtet über den dreifachen Oberschenkelhalsbruch, weshalb er jetzt nach 45 Jahren Ex-Skater sei. Und über die Begeisterung für die 49ers, den American Football Club San Franciscos. Übrigens für ihn und seine Frau der einzige Grund, den Fernseher einzuschalten. Anderson verrät, dass er mit Cathy seit 33 Jahren verheiratet ist, dass einer der erwachsenen Söhne Wasserpolo spielt. Dass er 13 Mal in den vergangenen Jahren umzog, Brüssel, San Francisco, zuletzt Basel. Und jetzt also Leverkusen.

    Während es um die besten Tandemstrecken im Bergischen Land nordöstlich der Stadt geht, schleicht sich der Gedanke an, man könne doch ins benachbarte Bayer-Kasino umziehen, bei einem Wein redete es sich sicher bequemer. Als wäre es der neue Kollege nach Feierabend und nicht der Chef eines Großkonzerns, der Antworten auf ganz große Fragen geben muss.

    Etwa: Wird Anderson Bayer in ein Pharma- und ein Agrarchemieunternehmen zerlegen, wie sich das einige Großaktionäre wünschen? Der designierte Chef bleibt vage. Er könne auch M&A, sagt er. Mergers and Acquisition, Fusionen und Zukäufe – in diesem Fall aber als Aufspalten zu verstehen. Die Struktur zu ändern sei greifbar, aber eben auch einfach, sagt Anderson. Also offenbar nichts Großes. Sein Kerngebiet sei, Forschung und Entwicklung anzutreiben. Gerade im Pharmageschäft ist das besonders wichtig: Hier entstehen heute die Ideen für Medikamente, die in zehn Jahren Milliardenumsatz bringen. Solange dauert es in der Regel vom Molekül zum fertigen Medikament.

    Insgesamt sei Bayer schon gut aufgestellt, findet Anderson. Aber aus seiner Sicht geht natürlich noch mehr. Nicht unbedingt einfach mehr Geld ausgeben, das könne jeder, sagt er. Aber es müsse auch Ergebnis bringen, also Konzernumsatz und -gewinn erhöhen. Ein Problem aus seiner Sicht: Bürokratie oder große Strukturen. Die Leute hätten einen Wunsch etwas zu tun, würden aber gebremst.

    Also: Habe großartige Mitarbeiter und lasse sie los – strukturiert. Zum Beispiel einfach einmal Budgets abschaffen, wie er das auf bei Roche gemacht hat. Keine Finanzvorgabe, sondern: Gebt aus was ihr meint und erklärt es hinterher. Was wie der Albtraum eines klassischen Controllers klingt, senkte die Ausgaben. Viele Projekte brauchten weniger Geld. Andere beschleunigten sich, weil die Budgets sie blockiert hatten.

    Anderson beherrscht auch klassischen Manager-Jargon: „Wir wollen liefern, nur das tun was wichtig ist für die Bayer-Mission.“ Auch „Streamlining“ fällt. Stromlinienförmiger soll die Arbeit werden, weniger Regularien, mehr Verantwortung für die Mitarbeiter. So will Anderson den Wert von 30 bis 50 Prozent dessen, was Beschäftigte leisten könnten, auf 90 Prozent erhöhen. Mehr Effizienz, mehr Durchlässigkeit, mehr Investitionen: „Wenn Du es zum Laufen bringst“, sagt Anderson, „wird es nicht zu bremsen sein.“

    Zwei Monate hat sich der Neue jetzt im Konzern umgehört, von Donnerstag an wird es ernst. Derzeit bewegt sich vor allem der Aktienkurs von Bayer. Nicht unbedingt so, wie erwartet. Nach einer ersten Bill-Euphorie ist er wieder gesunken.

  • Großübung bremst Flugverkehr

    Für Air Defender wird der Luftraum gesperrt

    Im Juni wird es an mehreren Tagen eng in Deutschlands Luftraum. Das Militär übt im Rahmen von Air Defender 23, die zivile Luftfahrt muss zurückstecken. Wer in den Urlaub nach Mallorca fliegen möchte, zur Sommersonnenwende nach Nordschweden oder an die Mittelmeerstrände der Türkei braucht möglicherweise Geduld. Noch ist kaum abzusehen, wie groß die Folgen sind. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

    Was ist Air Defender 23?

    Hinter dem Begriff Air Defender (englisch für Luft-Verteidigung) verbirgt sich die größte Luftübung des Nordatlantikpaktes (Nato) seit dessen Gründung 1949. Die Streitkräfte proben gemeinsam die Verteidigung. Vom 12. bis 23. Juni werden gut 250 Flugzeuge und um die zehntausend Soldaten verschiedene Einsätze fliegen. Allein die USA schicken mehr als 100 Flugzeuge, gut 70 deutsche Maschinen sind beteiligt. Die Luftwaffe steuert die Übung. Beteiligt sind 20 EU-Staaten, darunter Frankreich, Spanien, Estland, Polen und Rumänien sowie Schweden, dass noch nicht in der Nato ist. Dazu kommen Großbritannien, Norwegen, die Türkei, die USA und Japan, ebenfalls nicht in der Nato.

    Warum wird gerade jetzt geübt?

    Mit dem Krieg Russlands gegen die Ukraine hat Air Defender zunächst nichts zu tun. Geplant wird die Großübung seit etwa vier Jahren. Ursprünglich sollte sie zeigen, dass Deutschland im Rahmen der Nato multinationale fliegende Großverbände aufstellen und steuern kann. Air Defender ist so etwas wie die Abschlussarbeit. Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine 2022 ist die Übung auch ein Zeichen für die Streitmacht der Nato – und dafür, wie bereit sie ist, ihr Gebiet zu verteidigen. „Die Übung ist ein starkes Signal für eine glaubwürdige Abschreckung“, sagt Günter Katz, Generalleutnant der Luftwaffe und Organisator der Übung.

    Was passiert genau?

    Geübt werden Manöver in verschiedenen Flughöhen, meist zwischen 2500 und 10.000 Metern. Vorgesehen Luftkämpfe und Luftangriffe auf Bodenziele. Täglich soll es zudem Flüge nach Estland und Rumänien an die Außengrenzen der Nato geben. Es geht auch um das Zusammenspiel verschiedener Nationen im Ernstfall und wie sich solch große Verbände versorgen und steuern lassen. Die Flugzeuge sind im Wesentlichen auf den Militärflugplätzen Hohn bei Rendsburg in Schleswig-Holstein, Wunstorf nordwestlich Hannovers in Niedersachsen und Lechfeld westlich Münchens in Bayern stationiert. Aber auch von anderen Standorten in Deutschland aus starten Maschinen. Einbezogen sind auch Flugplätze in den Niederlanden und Tschechien.

    Was bedeutet die Übung für den zivilen Flugverkehr?

    Wo Kampfjets tanken und Einsätze üben, dürfen zivile Flugzeuge nicht fliegen. Um möglichst wenig zu stören, sind drei Bereiche im Luftraum festgelegt worden, die das Militär zum Teil ohnehin häufig nutzt. Flugzone Nord betrifft Ostfriesland, Teile des Emslandes und das nördliche Schleswig-Holstein sowie die Nordsee. Ost deckt Mecklenburg-Vorpommern mit Ostsee, einen Teil Berlin-Brandenburgs und ein großes Gebiet zwischen Leipzig und Dresden ab. Süd ist ein Band von Rheinland-Pfalz über Stuttgart bis Augsburg und Kempten im Allgäu. Die drei Zonen werden zu unterschiedlichen Tageszeiten komplett für Lufthansa, Easyjet und andere gesperrt: Nord täglich zwischen 16 und 20 Uhr, Ost zwischen 10 und 14 Uhr, Süd zwischen 13 und 17 Uhr. Alle Zonen bestehen aus einem Sammel- und einem Hauptübungsgebiet. Am Wochenende fliegt das Militär nicht.

    Wie viele Flüge fallen aus, weil der Luftraum zeitweise gesperrt ist?

    Die europäische Flugsicherung Eurocontrol hat dreimal – zuletzt Anfang Mai mit dem geplanten Flugplan – durchgespielt, wie der zivile Flugverkehr beeinträchtigt wird. Dass Flüge ausfallen, sei nicht zu erwarten, sagt Arndt Schönemann, Chef der Deutschen Flugsicherung. Allerdings können sich Flüge von oder zu deutschen Flughäfen verspäten oder länger unterwegs sein, weil die Sperrzonen umflogen werden müssen. Karsten Stoye von Eurocontrol spricht von im Schnitt zweieinhalb bis drei Minuten Verspätung pro Flug. Die meisten sollen pünktlich sein, bei manchen kann es deutlich länger dauern. Matthias von Randow, Hauptgeschäftsführer des Luftverkehrsverbands BDL sagt: „Es muss sich niemand Sorgen machen, dass ein Flug nicht geht.“ Die Lufthansa als größte deutsche Fluggesellschaft wollte sich nicht äußern. Der Bund verhandelt mit den Landesflugaufsichten, um die Verkehrszeiten an Flughäfen, die üblicherweise abends schließen, zu verlängern, wie Stefan Schnoor, Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium sagt. So könnten verspätete Maschinen noch landen oder starten. Es gehe um Randzeiten, nicht darum, das Nachtflugverbot aufzuheben, sagt Schnoor.

    Kann ich jetzt guten Gewissens einen Flug buchen?

    Es spricht nichts dagegen, jetzt einen Flug im Zeitraum der Übung zu buchen. Eine Garantie, dass der Flug pünktlich ist, gibt es nicht. Besonders von Verspätung betroffen werden offenbar Frankfurt/Main wegen der großen Menge an Flügen, Hamburg wegen der Nähe zur Nord-Zone und Berlin. Die Flughäfen Berlin und Stuttgart liegen jeweils unter einem Sammelbereich der militärischen Flugzonen. Weil sich die Kampfflugzeuge in großer Höhe bereit halten, sind Starts und Landungen an den Flughäfen weiter möglich. Die Deutsche Flugsicherung, die das zivile Geschehen am Himmel steuert, hat ihr Personal deutlich aufgestockt. Grundsätzlich bleibt ein Problem: Der Luftraum über Deutschland ist ohnehin voll, auf bestimmten Strecken wird es im Zuge von Air Defender noch voller. Auskunft zu konkreten Flügen geben die jeweiligen Fluggesellschaften.

    Welche Rechte habe ich als Flugpassagier?

    Sollte ein Anschluss wegen einer Verzögerung nicht erreichbar sein oder ein Flug doch ausfallen, ist die Fluggesellschaft verpflichtet, eine Ersatzbeförderung zu stellen – etwa mit einem anderen Flug, mit einem Zug oder Bus. Kompensationszahlungen nach dem europäischen Fluggastrechten sind allerdings unwahrscheinlich: Air Defender gilt als höhere Gewalt. allerdings muss die Fluggesellschaft die Forderung jedes Passagiers einzeln prüfen.

    Wie laut wird die Übung? Kehren die Tiefflieger über Deutschland zurück?

    Fluglärm wird sich vor allem bei Starts und Landungen nicht vermeiden lassen. Transportmaschinen und Kampfflieger sind in der Regel nicht darauf optimiert, besonders leise zu sein. Im Rahmen von Air Defender sind auch Tiefflüge vorgesehen – 330 Meter oder tausend Fuß über dem Boden, wie Generalleutnant Katz sagte. Das sei ohnehin bundesweit zugelassen. Beschwerden sind beim Luftfahrtamt der Bundeswehr unter der kostenfreien Telefonnummer 0800 8620730 möglich.

  • Es bleibt teuer

    Warum die Energiepreise kaum sinken

    Gas wird billiger, der Rohöl-Preis fällt. Alles wird wieder, wie es früher einmal war? Garantiert nicht. Gut, Gas- und Ölförderer und -händler weltweit haben sich darauf eingestellt, dass Russland gegen die Ukraine Krieg führt, was die Unsicherheit verringert und damit die Preise sinken lässt. Aber die Zeiten billigen Gases oder Öls sind dennoch aus mehreren Gründen vorbei.

    Auf den Vergleichsportalen im Internet locken einige Gasanbieter zum Wechsel. Diese Firmen bieten den Brennstoff zum Teil deutlich günstiger an als die regionalen Grundversorger. Meist kaufen solche Schnäppchenanbieter das Gas an den Spotmärkten, also kurzfristig. Entsprechend gab es keine Supersonderangebote im vergangenen Jahr, als die Preise am Spotmarkt hochgeschossen waren. Die Grundversorger hingegen arbeiten mit langfristigen Lieferverträgen. Deshalb stiegen deren Preise während der Gasknappheit nur langsam und deshalb wird es dauern, bis sie die Preise für die Kunden senken. Wenn überhaupt.

    Derzeit kostet eine Megawattstunde Gas zur Lieferung im Juni rund 30 Euro. Zur Lieferung im Winter sind aber mehr als 50 Euro fällig. Das zeigt schon mal einen Trend. Und: 30 Euro wirken im Vergleich zu den fast 307 Euro im August 2022 wenig, sind aber deutlich mehr als die 15 bis 20 Euro im langjährigen Mittel bis Sommer 2021.

    Niedrig sind die Gaspreise wegen des großen Angebots. Die Deutschen haben gespart, Flüssiggas kommt per Tanker und ersetzt russisches Gas. Die Speicher sind vergleichsweise voll – dank warmem Winter. Sollte der nächste Winter kalt werden, wird es dennoch wieder eng, die Preise werden dann kräftig anziehen. Und möglicherweise steigt der ein oder andere Billiganbieter dann wieder aus. Der Kunde muss dann zahlen.

    Am Ölmarkt versuchen die Förderstaaten der Opec gemeinsam mit Russland, weniger zu fördern, um den Preis hochzuhalten. Nicht nur wegen höherer Einnahmen für die Produzenten, sondern auch als geopolitische Strategie. Gerade Saudi-Arabien versucht, sich von den USA abzunabeln und als eigene politische Macht zu etablieren.

    Und selbst wenn das Gas- und Ölangebot groß genug sein sollte, wird es mittelfristig teurer, denn der Kohlendioxid-Preis kommt noch oben drauf. Das ist politisch so gewollt, um fossile Brennstoffe weniger attraktiv zu machen, den CO2-Ausstoß zu senken und so den Klimawandel zu bremsen. Verbraucher sollten zum Beispiel die Gasheizung durch eine Wärmepumpe ersetzen oder ein Verbrennerauto durch ein elektrisches. An dieser politischen Strategie wird sich nichts ändern. Immobilienbesitzer, die auf niedrige Gaspreise setzen und wenig sparen, schweben also auf Dauer in der Gefahr, draufzuzahlen.

  • Zahl der Hackerangriffe nimmt zu

    Gesundheit und Pharmabranche besonders bedroht

    Viele Versicherte in Deutschland können gerade ihre Krankenkasse nur eingeschränkt erreichen. Hacker haben den Dienstleister Bitmarck angegriffen, der sein Rechenzentrum bei München vom Netz nehmen musste. Digitale Angebote der Kassen, darunter auch der DAK, sind nur schwer zu erreichen. Betroffen sind 25 Millionen Versicherte. Der Fall zeigt, dass Cybercrime nicht nur Unternehmen trifft. Und er beweist, was der Datenklaureport der Beratungsfirma EY ergeben hat: Vor allem die Gesundheits-, Pharma- und Chemiebranche sieht sich als großes Ziel der Hacker.

    63 Prozent der Führungskräfte erwarten, dass Hacker in den kommenden Jahren gezielt Firmen dieser Branche angreifen werden. Das betrifft nicht nur Krankenkassen oder Krankenhäuser. „Pharmafirmen und Unternehmen aus dem Gesundheitssektor haben viele Patente“, sagt Bodo Meseke, Leiter Cyber Response bei EY. Entsprechend interessant sind sie für Datendiebe. Ebenfalls besonders bedroht sehen sich Firmen aus der Energiebranche und der Metallverarbeitung sowie der Handel und die Konsumgüterindustrie. „Grundsätzlich geht kein Unternehmen davon aus, dass die Angriffe nachlassen“, sagt Meseke.

    Der Schaden allein durch Hackerangriffe ist riesig. 203 Milliarden betrug er dem Branchenverband Bitkom zufolge 2021 für die deutsche Industrie. Folgekosten wie Imageschäden sind da nicht eingerechnet. Die Täter sind zum Teil in Gruppen mit eigenem Namen organisiert und bieten ihre Dienste im Darknet, der dunklen Seite des Internets, weltweit an. Größte Gruppen sind derzeit dem Bedrohungsreport des Sicherheitsberaters Sophos zufolge die LockBit und BlackCat, beide mit Verbindungen in den russisch-sprachigen Raum.

    Die Täter versuchen zum Teil, gezielt digital in ein Großunternehmen einzudringen. Oder sie versuchen per Massenangriff, Schwachstellen bei möglichst vielen Firmen auszunutzen. Das übliche Vorgehen, wie Meseke es schildert: Die Täter dringen ein, ziehen Daten, verschlüsseln dann das IT-System und fordern Lösegeld. Wird gezahlt, wird das System entsperrt. „Die Täter wollen ja ihr Geschäftsmodell nicht zerstören.“ Dann drohen die Täter, die Daten zu veröffentlichen – und fordern eine zweite Geldsumme.

    Der Autozulieferer Continental sollte im vergangenen Jahr 50 Millionen Euro zahlen. Und erst kürzlich traf es das US-Unternehmen Western Digital, das auch Cloudspeicher für Privatpersonen anbietet.

    Die deutschen Firmen fürchten vor allem Angriffe aus Russland (74 Prozent) und China (59 Prozent). Wobei die Täter zum Beispiel nicht in Russland sein müssen. „Für internationale Tätergruppen sei es einfacher, IT-Strukturen in Russland zu nutzen“, sagt Meseke. „Die Täter wähnen sich da in Sicherheit. Von den USA aus wäre es schwieriger, weil die Ermittlungsbehörden schärfer vorgehen.“

    Drei von vier Unternehmen sehen der Studie zufolge die größte Gefahr für sich in kriminellen Hackern, der organisierten Kriminalität. Fast jedes zweite fürchtet Angriffe sogenannter Hacktivisten, die Weltanschauungen oder persönliche Vorlieben durchsetzen wollen und deshalb Firmen angreifen. Mehr als jedes dritte Unternehmen sieht in ausländischen Geheimdiensten Gefahren, Tendenz jeweils steigend. Und dann ist da noch der Feind im eigenen Unternehmen: Jedes fünfte rechnet mit Datenklau durch unzufriedene Beschäftigte oder ehemalige Mitarbeiter.

    Weil viele Mitarbeiter inzwischen von zu Hause aus arbeiten dürfen, bemerken die Firmen mehr Cyberangriffe. Die Angriffsfläche ist größer, als wenn alle im Betrieb arbeiten. Und: „Wo mehr überwacht wird, stellen die Unternehmen auch mehr fest“, sagte Thomas Koch, Leiter Digitale Forensik bei EY. 16 Prozent der Firmen entdeckten mehr Angriffe, vor allem in der Gesundheits- und Pharmabranche. Zugenommen haben auch Mehrfachangriffe: Gab es 2011 bei der ersten Umfrage dieser Art nur bei zwei Prozent der Befragten Hinweise darauf, dass das Unternehmen nicht nur einmal Ziel von Kriminellen wurde, sind es in der aktuellen Umfrage 22 Prozent. Auch Bitmarck, der IT-Dienstleister der Krankenkassen, war bereits Anfang des Jahres Ziel einer Attacke.

    Angesichts der Bedrohung ist erstaunlich, wie wenig die Unternehmen reagieren. Jeder dritte Befragte sagt, dass das , dass das eigene Unternehmen nicht ausreichend vor digitalen Attacken geschützt ist. Und 30 Prozent der Unternehmen haben entweder keinen Krisenplan für Cyberattacken oder den Sicherheitsbeauftragten ist er nicht bekannt. Und zwei von fünf Unternehmen, die einen Plan haben, testen ihn nicht – wissen also nicht, ob er funktioniert.

  • Große Dinge drehen

    Renk baut Spezialgetriebe für Panzer und Fregatten

    Kaum ein Satz passt besser zum Topprodukt des Unternehmens: „Da jagen sie 1500 PS durch ein Schweizer Uhrwerk“, sagt Susanne Wiegand. Es geht um enorme Kraft, es geht um Präzision. Und ein bisschen spielt die Chefin von Renk in Augsburg auch mit der Größe: Die Armbanduhr verhält sich zu den meisten Getrieben, die das Werksgelände verlassen, wie ein Bobbycar zum Leopard 2.

    Ohne Renk kommt kaum ein Panzer in Europa vom Fleck. Das Unternehmen baut Spezialgetriebe für die Kampfmaschinen und noch viel größere für Fregatten, Eisbrecher, Industrie. Und es lässt einen Blick hinter in die Produktion zu, die eher unscheinbar an einer Ausfallstraße Augsburgs in einem Wohngebiet liegt. Gegenüber vom Haupteingang wartet Der Olivenbauer auf Kunden, zwei Häuser weiter gibt es vietnamesische Spezialitäten. Auch der Renk-Eingang mit seiner kleinen Glasfront und dem Empfang erinnert eher an eine Krankenkasse.

    Doch die Hallen dahinter haben es in sich. Die älteste stammt von 1892, die neuste, Halle 18, von 2019. Zu hören sind das Knattern der Akkuschrauber und vereinzelte dumpfe Hammerschläge. Ab und an zischt Pressluft. Hier werden auf zwei Stockwerken und insgesamt 10.000 Quadratmetern Panzergetriebe hergestellt. In Taktfertigung: Jeden Tag wandern die Getriebe in den Produktionslinien eine Montagestation weiter. Je nach Getriebetyp dauert es vom Rohgehäuse bis zur letzten Schraube zehn bis 15 Tage.

    Alles sehr bedächtig, alles sehr sauber, kein Ölgeruch. Hier geht es um Präzision, nicht um Tempo. Bis zu 20.000 Teile werden verbaut, viele fertigt Renk selbst. Das Getriebe für den Leopard 2 hat das Format eines großen Schreibtisches, kann die 15.000 PS des Antriebs gut umsetzen, wiegt gut 2,2 Tonnen, so viel wie eine Mercedes S-Klasse. Der ganze Panzer kommt je nach Ausstattung auf 50 bis 70 Tonnen.

    Anders als ein Autogetriebe, das nur die hohe Motordrehzahl in geringere Drehzahlen für die Reifen umsetzt, muss das im Kettenpanzer nicht nur schalten, sondern auch lenken und bremsen, wie Stefan Müller, Produktionsleiter Fahrzeuge, sagt. Wobei Fahrzeuge vor allem Panzer heißt: Puma, Panzerhaubitze, Lynx, Leopard 2, Leclerc.

    Bis vor kurzem war Renk eher verschwiegen, schließlich zählt das Unternehmen zur eher ungeliebten deutschen Rüstungsindustrie. Außerdem gehörte es über den Lastwagen und Motorenbauer MAN zum VW-Konzern. Zwischen Autos und Lkw passten Großgetriebe für Panzer, Schiffe und Windanlagen eher nicht, entsprechend wenig interessierte sich die Konzernzentrale im fernen Wolfsburg für die Augsburger. 2020 kaufte der Finanzinvestor Triton mit Sitz in London Renk für einen hohen dreistelligen Millionenbetrag. Seither wird das Unternehmen mit den rund 3400 Mitarbeitern umgekrempelt. Es soll börsenfähig werden. Chefin Wiegand, vorher unter anderem in der Führung des Panzerbauers Rheinmetall und der Marinesparte von ThyssenKrupp, treibt den Umbau voran.

    Dazu gehört mehr Offenheit und auch, das Geschäft mit erneuerbaren Energien zu erweitern. In Werk in Hannover haben sie gerade ein wartungsfreies Gleitlager entwickelt, von dem sich Renk viel verspricht. Wer etwa Windanlagen auf See betreibt, spart sich teure und aufwendige Wartung. Bei Wasserstoffanwendungen und im Pipelinegeschäft sieht Renk ebenfalls viele Chancen: Dort seien immer Turbogetriebe für Verdichterstationen nötig, die im nordrhein-westfälischen Rheine gebaut werden.

    Und die Industrie benötigt ebenfalls Getriebe wie den blau lackierten, containergroßen Kasten in der nächsten Halle, aus dem vorn zwei silberne Wellen mit mehr als 20 Zentimetern Durchmesser ragen. Das Getriebe, Gewicht 100 bis 105 Tonnen, geht an einen Kunststoffhersteller. Angebaut werden noch ein Antrieb und vorn „eine Art Fleischwolf, der bis zu 100 Tonnen Kunststoff pro Stunde durchdrückt“, sagt Thomas Weichselbaumer, Produktionsleiter Marine und Industrie.

    Hauptgeschäftsfeld ist aber das Militär. Zwischen 40 und 50 Armeen beliefert Renk, Nato-Partner, auch Japan, Kanada, Südkorea. Etwa 70 Prozent der 850 Millionen Euro setzte Renk im vergangenen Jahr mit Panzer- und Schiffsgetrieben um. Auch hier sehen sie Potenzial. Mit dem Angriff Russlands auf die Ukraine ist vielen Ländern klar geworden, dass sie in Verteidigung investieren müssen. Deutschland hat 100 Milliarden Euro bereitgestellt. Wenn Geld davon für neue Panzer ausgegeben wird, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass Renk davon profitiert. Ebenso, wenn neue Schiffe gekauft werden.

    Eine weitere Halle. Im Prüfstand vom Format einer durchschnittlichen Turnhalle, steht ein Dreifachgetriebe für eine neue Fregatte: jeweils eines für die linke und rechte Schraube plus eines dazwischen. Vorne dran kommen noch zwei Elektromotoren. Die Gasturbine, die später im Schiff eingebaut ist und es auf mehr als 30 Knoten beschleunigen soll, wird durch einen Testantrieb simuliert. Alles in Weiß und von der Größe eines Bungalows. Fotografieren ist, wie fast überall in der Renk-Produktion, verboten. Der Kunde? Ein Nato-Partner.

    Hier wird überprüft, ob die Getriebe den Anforderungen entsprechen. Sind die Schwingungen gering, ist es leise, so dass U-Boote die Fregatte später nicht anhand des Getriebegeräusches orten können? „Wir erfassen Daten auf 4000 Kanälen im Millisekundentakt“, sagt Christian Bechtel, zuständig für den Prüfstand marine und Industrie. Er nennt es 100-Prozent-Erprobung. „Sonst müssen wir später ins Schiff womöglich Löcher schneiden, um etwas zu reparieren. Das wird teuer.“ Denn das Schiff wird meist um Getriebe und Antrieb herumgebaut.

    Das größte, was sie hier am Stammsitz gebaut haben, war ein Planetengetriebe mit gut 350 Tonnen Gewicht. Die Clemson University in den USA hatte es für einen Windkraftprüfstand bestellt. Und hier kam sogar Renk an seine Grenzen: „Wir mussten es in zwei Teilen bauen, weil wir auf 200 Tonnen begrenzt sind“, sagt Weichselbaumer. Das Getriebe montierten dann die Kollegen in Rheine, die mehr Gewicht verarbeiten können.

    Das Produkt dürfte deutlich größer gewesen sein als der Raum, in dem Johann Julius Renk sein Geschäft vor 150 Jahren begann. Die ersten Zahnräder haben auch nur vom Ansehen her etwas gemein mit Zahnrad und Welle, die hier neben einem Schiffsgetriebe im Garagenformat (35 Tonnen) in einer weiteren Halle stehen: etwa 3,20 Meter Durchmesser hat das Rad, die Zähne auf 3000stel Millimeter genau geschliffen, 26,7 Tonnen Gewicht. „Das entspricht 19 Porsche Boxer S“, sagt Produktionsleiter Weichselbaumer und: „Ist in Leichtbauweise ausgeführt.“ Welle und Zahnrad sind für ein sogenanntes Turbogetriebe vorgesehen und gehen nach Asien.

    Dorthin liefert Renk per Schiff. Allerdings hat der Standort Augsburg keinen Wasseranschluss, weshalb die Zahnräder und Schiffsgetriebe per Lkw mit Überbreite auf festgelegten Strecken transportiert werden. Straßenschilder werden herausgezogen, Ampeln umgelegt, wie Bechtel sagt. „Die fahren schon mal drei oder vier Tage, immer nachts.“ Langsam. Und präzise.

  • Es hakt im Betriebsblauf

    Worum es bei der Bahntarifrunde geht

    Schon bald wird wohl auf Deutschlands Bahnhöfen wieder kein Zug fahren. Denn im Tarifkonflikt zwischen Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft EVG und der Deutschen Bahn geht es nicht voran. Warnstreiks sind wahrscheinlich. Der Zeitpunkt ist noch unklar. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Worum geht es?

    Ende Februar ist nach zwei Jahren der Tarifvertrag in der Bahnbranche ausgelaufen. Die EVG will seither mit rund 50 Bahnunternehmen in Deutschland einen neuen Tarifvertrag abschließen. Das mit Abstand größte und wichtigste Unternehmen ist die Deutsche Bahn, wo es um rund 180.000 Konzernbeschäftigte geht.

    Wie weit sind die Gespräche?

    Verhandelt wird bereits bei einzelnen Bahnunternehmen. Ergebnisse liegen nicht vor – unter anderem auch, weil die kleineren Bahnunternehmen abwarten, wie es bei der Deutschen Bahn weitergeht. Zwischen dem Staatskonzern und der Gewerkschaft gibt es bisher nur öffentliche Scharmützel – offizielle Gespräche laufen nicht. Drei Verhandlungsrunden wurden bisher nicht genutzt. Der nächste Termin zwischen Deutscher Bahn und EVG ist für Ende Mai angesetzt. Bisher gab es zwei Warnstreiks.

    Was fordert die Gewerkschaft?

    Wichtigster Punkt sind zwölf Prozent mehr Lohn, mindestens jedoch 650 mehr im Monat. Der Tarifvertrag soll zwölf Monate laufen. Bei der Deutschen Bahn ist ein höherer bahneigener Mindestlohn Thema. Auch möchte die Gewerkschaft regionale Unterschiede zwischen Ost und West, Nord und Süd bei der Bezahlung gleicher Arbeit angleichen. Zudem soll es um verschiedene Fonds und Zuschüsse etwa zu Betriebsrenten gehen.

    Was bieten die Arbeitgeber?

    Die Deutsche Bahn als größter Arbeitgeber hat zuletzt ein Plus von zehn Prozent für mittlere und untere Einkommen angeboten, zahlbar in zwei Schritten zu fünf Prozent im März und im August 2024. Obere Einkommen sollen um acht Prozent steigen, ebenfalls in zwei Schritten. Zudem ist für 2023 ein steuerfreier Inflationsbonus von 2850 Euro vorgesehen. Die Bahn stellt sich eine Vertragslaufzeit von 27 Monaten vor. Zudem soll es einen Mindestlohn von 13 Euro geben. Und über einheitliche regionale Entgelte will sie auch verhandeln.

    Warum können beide Seiten nicht einfach miteinander reden?

    Nach außen wirkt das Hickhack zwischen EVG und Deutscher Bahn nur noch bizarr. Beide Seiten geben sich die Schuld daran, dass nichts voran geht. Die EVG beklagte, die Bahn habe im Februar kein Angebot vorgelegt hat, zur zweiten Runde nur zweieinhalb Seiten, in dieser Woche etwas mehr, dafür praktisch den Abschluss des öffentlichen Dienstes, wo die Bahn doch komplett anders strukturiert sei. Außerdem sind wesentliche Punkte, über die die Gewerkschaft reden möchte, nicht Teil des Angebots. Weshalb das Angebot der Bahn aus Sicht der EVG kein Angebot ist, über das man verhandeln kann. Die Bahn wiederum sagt, sie lege das höchste Angebot in der Geschichte der Bahn vor und die Gewerkschaft wolle nicht darüber reden. Beide Seiten hängen sich auch an – plakativen – Einzelheiten auf, etwa am Mindestlohn der 2500 bis 3000 der 180.000 Mitarbeiter der Bahn betrifft. Die Bahn weiß, wie ein Angebot aussehen muss, das die EVG als verhandelbar ansieht. Und die EVG weiß, wann sie einfach mal zu Gesprächen bereits sein sollte. Offenbar geht es um mehr als nur Geld.

    Wenn es nicht um Geld geht, worum geht es dann?

    Die EVG tritt mit einem neuen Verhandlungsteam an, das möglicherweise zeigen muss, wie durchsetzungsfähig es ist. Die Gewerkschaft galt bisher im Vergleich zur Lokführergewerkschaft GDL als zurückhaltender. Die GDL versucht seit Jahren, nicht nur für die Lokführer, sondern auch für andere Gruppen Tarifverträge abzuschließen und will dafür Mitglieder gewinnen – auch von der EVG. Die Arbeitgeber wiederum versuchen, die Gewerkschaft ins schlechte Licht zu rücken. Die EVG vermutet sogar, die Deutsche Bahn zögere die Gespräche absichtlich hinaus, um die Gewerkschaft als die Bösen darzustellen und die Streiks zu nutzen, um „Fehler der Führung zu verdecken“. Aber Achtung: Auch solche Aussagen sind Teil der Verhandlungstaktik. Wie auch die Anfrage der EVG bei der Bahn nach Verhandlungsterminen im September. Dann sollte längst ein Tarifvertrag stehen.

    Wie geht es weiter?

    So, wie es gerade aussieht, läuft alles auf weitere Ausstände hinaus. Anders als beim  vergangenen Warnstreik dürfte es diesmal nicht bei einem Freitagvormittag bleiben. Die EVG sprach von „massiven Warnstreiks“. Die Streikkasse ist nach eher ruhigen Jahren prall gefüllt. Mittelfristig hat die EVG mehr Druckpotenzial als der Konzern. Streiken die Fahrdienstleiter, kann kein Zug fahren. Ähnlich war es bei der letzten Tarifrunde für die Lokführer. Ohne die fährt kein Zug. Die Bahn musste letztlich Zugeständnisse machen.

    Darf die EVG streiken?

    Auch wenn es Bahnkunden nervt, die EVG darf streiken. Solange es verhältnismäßig ist. Beim letzten Warnstreik bestätigte das Arbeitsgericht Frankfurt das wieder einmal. Und die Gewerkschaft tut, wofür es sie gibt, nämlich gute Arbeitsbedingungen und Bezahlung für die Beschäftigten auszuhandeln, notfalls mit Druck.

  • Die Wärmepumpe ist nicht deutsch

    Trägt die Bundesregierung Schuld daran, dass der Heizungsbauer Viessmann verkauft wird?

    Selten kommst es vor, dass so aufgeregt über den Verkauf eines deutschen Unternehmens diskutiert wird. Die Eigentümer der Heiztechnikfirma Viessmann aus Allendorf in Hessen haben beschlossen, den größten Teil des Unternehmens, vor allem das Geschäft mit den Wärmepumpen, für zwölf Milliarden Euro an den US-Konzern Carrier zu veräußern.

    Nun werfen Politikerinnen und Politiker wie Jens Spahn, Julia Klöckner (beide CDU) und FDP-Generalsekretär Bijan Djir-Sarai vor allem den Grünen vor, die Bürger und die Wirtschaft mit der schnellen Transformation zur Klimaneutralität zu überfordern. Das Gebäudeenergiegesetz zum Heizungstausch sei daran Schuld, dass ausländische Konzerne auf den deutschen Markt drängten, einen Mittelständler wie Viessmann unter Druck setzten, und die Amerikaner ihn schluckten. Spahn sprach vom „Ausverkauf der deutschen Wärmepumpe“.

    Die Wärmepumpe ist nicht deutsch. Der Wärmepumpenmarkt ist global. Die größten Hersteller sitzen unter anderem in Japan und Südkorea. Viessmann, Bosch und Vaillant haben zwar teilweise Know-how- und Qualitätsvorteile, aber den Nachteil, dass sie im globalen Wettbewerb mit kapitalstarken Massenherstellern konkurrieren müssen. Das deutsche Gebäudeenergiegesetz, das Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) mit teilweiser Unterstützung der SPD und FDP, teilweise aber auch gegen deren Vorbehalte vorantreibt, hat also den globalen Markt nicht gemacht. Der hat sich schon früher entwickelt. Sonst gäbe es die großen asiatischen Anbieter nicht.

    Der Weltmarkt dehnt sich nun aus, weil die internationale Klimapolitik etwa in Gestalt des Paris-Abkommens den weltweiten Ausstoß von Treibhausgasen vermindern will. Elektrische Wärmepumpen sind eine Technik, um diesem politischen Konsens wirtschaftlich nachzukommen. Denn, mit Ökostrom angetrieben, verursachen sie kein klimaschädliches Kohlendioxid und stellen eine sehr effiziente Heizungstechnik dar.

    Die neuen Gesetze in Deutschland und Europa (Gebäudeenergiegesetz, Green Deal der EU) bewirken jetzt zweierlei: Sie treiben den Klimaschutz voran. Und sie vergrößern den deutschen und europäischen Markt für Wärmepumpen. Damit machen sie ihn für ausländische Firmen interessanter, als er vorher war. Das kann man als Fehler der Regierung betrachten. Doch das Gebäudeenergiegesetz tut nichts anderes, als den internationalen politischen Konsens hierzulande umzusetzen und eine Technik zu begünstigen, die dabei hilft.

    Nun steht Viessmann vor dem Problem, dass beispielsweise der Marktführer Daikin aus Japan so viel Umsatz macht, wie die drei größten deutschen Wärmepumpenhersteller zusammen. Man kann sagen: Viessmann ist zu klein, um auf dem umkämpften Weltmarkt sicher zu überleben. Also holen sich die Deutschen einen Partner herein – die US-Firma Carrier.

    Mit dem Zusammenbruch der hiesigen Solarindustrie vor zehn Jahren ist dieser Vorgang nicht zu vergleichen. Der Vorwurf der Union, Viessmann gehe den unheilvollen Weg von Q-Cells und Solarworld, ist falsch. Der Exitus damals hatte zwei Ursachen: Die Bundesregierungen unter Führung der Union kürzten die Förderung für die Ökoenergie, weil sie befürchteten, sie würde die Strompreise zulasten der Privathaushalte und Firmen zu sehr verteuern. Außerdem subventionierte China seine Solarindustrie massiv. Dumpingkonkurrenz und wegbrechender Heimatmarkt machten hiesigen Unternehmen damals den Garaus.

    Die Lage im Falle Viessmann ist eine andere: Wegen der unterstützenden politischen Regulierung wächst der deutsche und europäische Markt, die Förderung nimmt zu. Das US-Unternehmen Carrier ist im Übrigen nicht subventionsgetrieben, es ist kein unfairer Wettbewerber. Die Aussichten sind deshalb nicht schlecht, dass Viessmann und Carrier zusammen den deutschen, den europäischen und auch den Weltmarkt von hier aus mit großen Zahlen von Wärmepumpen versorgen werden.

    Dass Viessmann das nicht alleine zu schaffen meint, liegt nicht an der aktuellen, vermeintlich zu schnellen Gesetzgebung. Wenn man schon einen Zusammenhang herstellen will zwischen Regulierung und Unternehmen, wirkt er in diesem Fall eher umgekehrt: Hätten die Union-geführten Bundesregierungen mit FDP und SPD früher auf Klimapolitik gesetzt, wäre der hiesige Wärmepumpenmarkt nun weiter entwickelt, Viessmann wäre wahrscheinlich größer und bräuchte vielleicht keinen Partner.

  • Deutschland wird reicher

    Die Ungleichheit sinkt. Dennoch schneidet die Bundesrepublik in der EU schlecht ab

    Wie reich sind die Deutschen? Und werden die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer? Die Bundesbank beantwortet solche Fragen in einer umfangreichen Studie zum Vermögen der Deutschen. Die Ungleichheit nimmt danach ab. Zwischen 2017 und 2021 wurden alle reicher – vor allem aber diejenigen, die eher weniger besitzen. „Die Nettovermögen haben zugenommen“, sagt Hannah Paule-Paludkiewicz, Co-Autorin der Studie. Im Europavergleich ist die Ungleichheit aber noch hoch.

    Im Durchschnitt konnte jeder der rund 41 Millionen Haushalte in Deutschland 2021 auf ein Nettovermögen von 316.500 Euro zurückgreifen, wie ein Team des Forschungszentrums der Bundesbank ermittelt hat, ein Plus von rund 36 Prozent im Vergleich zu 2017, dem Jahr der vorherigen Erhebung. Wesentlich stärker gestiegen ist der Wert, der Deutschlands Haushalte in zwei Hälften teilt (Median), sortiert man sie nach Vermögenshöhe: 106.600 Euro, fast 51 Prozent mehr als 2017.

    Geld ist nicht alles. Und deshalb untersucht die Bundesbank für die trocken benannte Studie „Private Haushalte und ihre Finanzen“ nicht nur das Geldvermögen, also etwa Bargeld, Aktienbesitz sowie Versicherungsansprüche und private Altersvorsorge. Auch Immobilienbesitz und Anteile an Unternehmen werden betrachtet. Zudem werden die Schulden erfasst. Einzig gesetzliche Renten fließen nicht ein. Die Studie ist deshalb insgesamt umfassender als einige andere zum Thema. Die Daten jetzt beziehen sich auf das Jahr 2021. Befragt wurden mehr als 4100 Haushalte. Es ist die vierte Untersuchung seit 2010/11.

    „Ein Plus gab es in fast allen Bereichen“, sagt Tobias Schmidt, Co-Autor der Studie. Das Plus war vor allem bei Vermögen der unteren Hälfte groß. Das ärmste Fünftel der Haushalte – netto verschuldet – konnte die Schulden um 54 Prozent tilgen. Das nächstreichere Fünftel verfügte 2021 über 59 Prozent mehr Vermögen. Das reichste Fünftel kam nur auf 34 Prozent Plus, das reichste Zehntel auf 37 Prozent.

    Das alles führt dazu, dass die Ungleichheit in Deutschland sinkt.

    Ein Hinweis: Ein Haushalt, der genau das mittlere Vermögen zur Verfügung hat, brauchte 2021 nicht mehr so viel Vermögenszuwachs, um zu den reichsten zehn Prozent aufzusteigen, wie 2017 oder gar 2011. Damals untersuchte die Bundesbank die Vermögen der Deutschen zum ersten Mal. Auch andere Rechengrößen deuteten darauf hin, wie Schmidt sagt.

    Da ist etwa ein Wert (Gini-Koeffizient) der zwischen 0 und 100 Prozent liegt. 0 Prozent bedeutet, die Vermögen sind gleich verteilt, 100 Prozent wäre maximale Ungleichheit. Für Deutschland ergeben sich 73 Prozent für 2021. Zehn Jahre zuvor waren es 76 Prozent. Dennoch: „Die Ungleichheit ist im europäischen Vergleich nach wie vor hoch“, sagte Schmidt. In der Euro-Zone gebe es wenige Länder, die noch ungleicher als Deutschland seien. Für Italien etwa liegt der Wert bei 68 Prozent. Und auch in Portugal und Spanien sind die Vermögen nach neuen Studien gleicher verteilt. In den USA sei die Ungleichheit allerdings höher als in Deutschland, sagt Schmidt.

    Wer ist nun wirklich reich in Deutschland? Zu den reichsten zehn Prozent zählen Haushalte, die mindestens 725.900 Euro Nettovermögen besitzen. Im Schnitt verfügt diese Gruppe über 1,77 Millionen Euro Vermögen, in der Regel angelegt in Immobilien, Unternehmensanteilen und Wertpapieren. Absolut gesehen besaßen die oberen zehn Prozent im Jahr 2021 rund 56 Prozent des gesamten Nettovermögens in Deutschland. Im Vergleich dazu verfügte die untere Hälfte der Haushalte, also alle mit weniger Vermögen als 106.600 Euro, nur über rund drei Prozent. Dieser Wert sei praktisch konstant, sagt Schmidt.

    Die reichsten deutschen Haushalte besitzen meist Immobilien. Und das Vermögen steckt sehr oft in Unternehmen. Dagegen haben die ärmeren Haushalte eher Bargeld, Tagesgeldkonten, Fondsparpläne. Wobei Schmidt zufolge in den vergangenen Jahren der Anteil von Fonds und Aktien gestiegen ist. Auch ein Trend, den die Bundesbank ermittelt hat: Die Zahl der Haushalte, die nicht sparen konnten, sank. Ein Grund: Wegen der strengen Corona-Regeln konnten die Menschen nicht so viel Geld ausgeben und haben eher etwas zurückgelegt.

    Die Studiendaten der Bundesbank sind knapp zwei Jahre alt. Die Corona-Krise ist berücksichtigt. Auch ein leichter Anstieg der Inflation. Seither stiegen die Preise zum Teil kräftig. Die Europäische Zentralbank steuerte mit höheren Zinsen gegen, Kredite wurden teurer. Und am Aktienmarkt ging es, anders als zwischen 2017 und 2021, zeitweise abwärts. Alles das betrifft die Vermögen der Deutschen. Wobei nicht eindeutig ist, wie. Die Effekte seien schwer einzuschätzen, sagt Falko Fecht, Leiter des Forschungszentrums der Bundesbank.

    Immerhin gibt es neue Zahlen zumindest zum Geldvermögen: Das Nettogeldvermögen aller privaten Haushalte jedenfalls ist von Ende 2021 bis Ende 2022 um 8,2 Prozent gesunken, wie die Bundesbank ebenfalls errechnet hat. Vor allem der Wert von Aktien und Ansprüchen auf Altersvorsorge ist gesunken. Gleichzeitig stiegen seither die Schulden. Sinkt der Aktienwert, trifft das vor allem jene, die viele Aktien halten – tendenziell die vermögenderen Bundesbürger. Von steigenden Zinsen profitieren dagegen jene, die ihr Geld vor allem auf Sparbüchern oder Tagesgeldkonten angelegt haben – das sind nach Angaben der Bundesbank eher die, die weniger Vermögen haben.

    Dagegen belasten steigende Preise überproportional jene, die wenig Geld haben. Sie können weniger zurücklegen oder müssen sogar Ersparnisse auflösen. Oder sie versuchen, weniger auszugeben, um ihre Ersparnisse eben nicht anzutasten. Wer verschuldet ist, profitiert von der Inflation, weil die Kredite relativ gesehen weniger wert werden. Genaues dürfte es 2024 geben. Die Bundesbank befragt die Haushalte noch einmal.

  • Stromnetz soll intelligent werden

    Haushalte bekommen Anspruch auf Smart Meter

    Stromverbrauch wird in den vielen deutschen Haushalten immer noch gemessen wie in sechziger Jahren: Im Zähler dreht sich ein waagerechtes Rad, Ziffern zeigen die seit Einbau des Geräts verbrauchte Strommenge an, einmal im Jahr kommt der Ableser, dann gibt es eine Stromrechnung. Die Technik erlaubt inzwischen deutlich mehr. Und für die Wende weg von fossilen Brennstoffen hin zu mehr erneuerbaren Energiequellen ist moderne Technologie dringend nötig. Bei Smart Metern, intelligenten Zählern, war Deutschland trotz hehrer Ziele bisher eher langsam dabei. Ein neues Gesetz soll das beschleunigen. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

    Was ist ein Smart Meter?

    Smart Meter bestehen aus einem oder mehreren digitalen Zählern und einem sogenannten Gateway, der Daten sendet und empfängt. Über ihn kann der Verbrauch aus der Ferne abgelesen und die Anlage gewartet werden. Smart Meter gibt es für Wärme, vor allem aber für Strom. In der Vergangenheit bauten die Netzgesellschaften meist nur digitale Zähler ein, die sich nicht aus der Ferne ablesen lassen. Im Vergleich zum klassischen Zähler, bei dem sich meist ein waagerechtes Rad dreht, können sie allerdings schon den Verbrauch der vergangenen Woche oder des vergangenen Monats angeben. Um die Werte ablesen zu können, müssen am Zähler bestimmte Knöpfe gedrückt werden – eine sehr fummelige Sache, die sich die meisten Bundesbürger wohl sparen.

    Warum sind Smart Meter wichtig?

    Im Zuge der Energiewende entwickelt sich Deutschland weg von einigen großen Kraftwerken, die Energie liefern, hin zu vielen kleineren Stromerzeugern – vor allem Wind- und Solaranlagen. Das Stromnetz wird dabei wichtiger. Daten darüber, wann wo wie viel erzeugt und eingespeist wird, und über den genauen Verbrauch helfen, das System stabil zu halten und Energie optimal zu nutzen. Ohne die Smart Meter ist die Energiewende nach Ansicht von Experten nicht möglich.

    Und was hat der Verbraucher davon?

    Wer einen Smart Meter hat, kann  selbst recht unkompliziert jederzeit seinen Verbrauch ansehen. Eine Umfrage des Digitalverbands Bitkom ergab, dass sich 74 Prozent der Bundesbürger genauere Informationen über Stromfresser wünschen, um gezielt sparen zu können. „Der eigene Verbrauch wird perspektivisch etwa per Smartphone-App so einfach abzulesen sein wie der Spritverbrauch beim Auto oder der Ladestand des Handys“, sagt Bitkom-Chef Bernhard Rohleder.

    Was sind dynamische Tarife und ab wann gibt es sie?

    Dank der Zähler werden auch neuartige Stromtarife möglich, bei denen sich Geld sparen lässt. Sie heißen dynamische Tarife und sollen dazu anregen, Strom dann zu verbrauchen, wenn es viel gibt und er billig ist. das gilt zum Beispiel für die Waschmaschine oder die Ladebox des E-Autos. Steuern lässt sich das am besten per App über das Mobiltelefon. Der Essener Versorger Eon bietet solche dynamischen Tarife bereits an. Das skandinavische Unternehmen Tibber ebenfalls. Von 2025 an sind alle Versorger dazu verpflichtet.

    Wann wird ein Smart Meter eingebaut?

    Grundsätzlich gilt für Haushalte: Bei einem jährlichen Stromverbrauch von mehr als 6000 Kilowattstunden ist ein Smart Meter Pflicht. Für Haushalte mit weniger Verbrauch ­ und das sind die meisten – kann ein solches Gerät eingebaut werden. Es soll künftig bei Interesse binnen vier Monaten installiert sein. Allerdings gilt das erst von 2025 an. Im ersten Entwurf des Gesetzes war 2024 vorgesehen. Wer bereits selbst Strom ins Netz einspeist, etwa aus der Solaranlage mit mehr als sieben Kilowatt Leistung auf dem Hausdach, braucht bereits jetzt einen Smart Meter, der den Stromfluss auch in beide Richtungen messen kann.

    Wer baut die Zähler ein und was kostet das?

    Verantwortlich für den Einbau ist der Betreiber des jeweiligen Verteilnetzes. Es verbindet die großen Überlandleitungen mit den Haushalten. Das können regionale Unternehmen sein oder Eon. Der Konzern verfügt über das größte Verteilnetz in Deutschland. Wie viele solcher Geräte insgesamt bereits verbaut sind, ist nicht bekannt. Das neue Gesetz deckelt die Kosten für den Normalbürger bei 30 Euro. die jährlichen Betriebskosten sind auf maximal 20 Euro festgeschrieben. Wer steuerbare Geräte betreibt, die steuerbar sind, etwa Wärmepumpen, muss höchstens 50 Euro pro Jahr zahlen.

    Warum muss der Einbau in Deutschland beschleunigt werden?

    Smart Meter sollen bereits seit Jahren eingebaut werden. Die entsprechende EU-Richtlinie ist von 2009. Ursprünglich sollten intelligente Zähler bereits 2020 Standard sein. In anderen Ländern wird bereits die zweite Generation der Gerät eingebaut. In Deutschland verhinderten bisher unter anderem Bürokratie und aufwändige Sicherheitsvorgaben für die Montage, dass die Geräte flächendeckend eingebaut werden. Auch scheuten viele Haushaltskunden die hohen Kosten der Smart Meter und ließen sich nur einen einfacheren neuen Zähler einbauen. Eine andere Hürde fällt auch weg: Bisher durften Geräte erst eingebaut werden, wenn mindestens drei Hersteller sie anboten. Das Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnologie musste sie freigeben. Das entfällt. Inzwischen gibt es mehr Geräte, zudem lassen sie sich aus der Ferne per Update aktualisieren.

  • Längere Streiks drohen

    Tarifgespräche bei Bahn stocken

    Am Freitag wird auf Deutschlands Schienen wieder einmal wenig fahren. Die Eisenbahnergewerkschaft EVG hat im Tarifkonflikt mit den Bahnunternehmen zum Warnstreik aufgerufen. Dieses Mal geht es nur um ein paar Stunden, doch es könnte für Reisende bald unangenehmer werden: Die EVG droht mit einem umfangreicheren Arbeitskampf. Und im Herbst könnte es weitergehen: Dann beginnen Tarifverhandlungen mit der kämpferischen Lokführergewerkschaft GDL.

    Der Warnstreik am Freitag soll um 3 Uhr nachts beginnen und um 11 Uhr vormittags enden. Betroffen sind Fern- und Nahverkehr. EVG-Verhandlungsführerin Cosima Ingenschay geht davon aus, dass in der Zeit praktisch kein Zug unterwegs ist. Denn ohne Fahrdienstleiter, die den Betrieb steuern, geht nichts. Aufgerufen zum Ausstand sind alle Gewerkschaftsmitglieder in den rund 50 Unternehmen, mit denen die EVG gerade neue Tarifverträge verhandelt.

    Die Gespräche stocken fast überall. Vor allem die Deutsche Bahn hat nach Ansicht der Gewerkschaft bisher kein akzeptables Angebot vorgelegt, über das sich Gespräche lohnten. Bei dem Staatskonzern arbeiten 180.000 der 230.000 Beschäftigten, für die die EVG verhandelt. Kommenden Dienstag ist die dritte Tarifrunde angesetzt. Die Bahn hat bereits Lohnerhöhungen angeboten. Zuletzt hatte sie vorgeschlagen, das Schlichtungsangebot für den öffentlichen Dienst als Grundlage zu nehmen, was die EVG ablehnt. Die Bahn sei schließlich anders als der öffentliche Dienst, es werde zudem auf kein Forderung der Gewerkschaft eingegangen. Auch die privaten Bahnunternehmen halten sich mit Angeboten zurück.

    Die Gewerkschaft droht deshalb schon mal mit Eskalation: „Wir sind bereit, die Streiks massiv auszuweiten“, sagte Co-Verhandlungsführer Kristian Loroch. „Wir brauchen mehr Tempo.“ Einen genauen Zeitpunkt nannte er nicht. Für Mai ist noch ein Verhandlungstag bei der Deutschen Bahn vorgesehen. Die harte Haltung der EVG kann auch damit zusammenhängen, dass die GDL im Herbst ebenfalls verhandelt. Sie will nicht nur für Lokführer, sondern auch andere Unternehmensbereiche abschließen. Dort hat bisher die EVG die Tarifhoheit. Die GDL ist nicht zimperlich, wenn es um Streiks geht.

    Der Warnstreik am Freitag endet um 11 Uhr, danach soll sich der Betrieb wieder normalisieren. Die Gewerkschaft wisse, dass gerade am Freitag viele Menschen ins Wochenende oder nach Hause führen, sagte die Verhandlungsführerin. Den ganzen Tag zu streiken, sei unverhältnismäßig, sagte Loroch. Die Bahn sieht das anders: „Dieser Streik ist völlig unnütz und unnötig. Am Freitag, dem reisestärksten Tag der Woche, trifft er viele Pendler und Pendlerinnen besonders hart“, sagte Personalvorstand Martin Seiler. „Die EVG hat Maß und Mitte komplett verloren und setzt nur auf Krawall.“

    Die Gewerkschaft fordert zwölf Prozent mehr Lohn, mindestens 650 Euro brutto bei einer Laufzeit von zwölf Monaten. Bei der Deutschen Bahn geht es dann noch darum, Lohnunterschiede für gleiche Arbeit in Ost und West sowie Nord und Süd anzugleichen und einen Mindestlohn einzuführen. Die Bahn bietet bisher eine Inflationsprämie von 2500 Euro sowie fünf Prozent mehr Lohn in zwei Schritten. Der Tarifvertrag soll zwei Jahre und drei Monate laufen. Die Schlichtung im öffentlichen Dienst sieht mindestens 200 Euro vor, von März 2024 an sollen 5,5 Prozent – mindestens 340 Euro – dazukommen. Bereits ist ein Inflationsausgleich von insgesamt 3000 Euro gestaffelt geplant. Die Laufzeit soll rückwirkend vom 1. Januar 2023 an 24 Monaten gelten.

    Wer auf Fernstrecken am Freitag auf den Flieger ausweichen will, könnte ebenfalls Probleme bekommen. Die Gewerkschaft Verdi hat das Sicherheitspersonal an den Flughäfen Düsseldorf, Hamburg und Köln/Bonn zu Warnstreiks aufgerufen. Der Ausstand beginnt in der Nacht zu Donnerstag und endet in der Nacht zu Sonnabend. Zahlreiche Flüge dürften ausfallen oder verspäten. Verdi will beim Bundesverband der Luftsicherheitsunternehmen höhere Zeitzuschläge für Nacht-, Wochenend- und Feiertagsarbeit durchsetzen und höhere Entgelte für Überstunden. Die nächste Verhandlungsrunde ist für kommende Woche vorgesehen.

  • Typisch deutsche Vereinslösung

    Cannabis wird legalisiert. Leider mit Kopfgeburten

    Es wäre so einfach gewesen: Deutschland legalisiert Cannabis, hochwertige Produkte werden kontrolliert verkauft, ein neues Geschäft entsteht, der Schwarzmarkt verschwindet, Justiz und Polizei werden entlastet. Und ein Teil gesellschaftlicher Realität wird entkriminalisiert. Das sah der erste Plan der Ampelkoalition vor, den EU-Vorgaben leider in wichtigen Teilen verhinderten. Der zweite ist jetzt eine typisch deutsche Vereinslösung. Sie hat einige Haken, aber zwei große Vorteil: Sie ist machbar und lässt sich schnell umsetzen.

    Vor allem erkennt die Bundesregierung an, dass die Verbotspolitik der vergangenen Jahre gescheitert ist. Die Zahl der Konsumenten ist gestiegen, die Zahl der Fälle, mit denen sich Polizei und Justiz beschäftigen musste, auch. Die Bundesregierung akzeptiert, dass Cannabis-Konsum ähnlich wie Alkohol-Konsum in Deutschland durch alle politischen Lager, Gesellschaftsschichten und Generationen weit verbreitet ist.

    Die Zweitlösung hat Tücken: Da ist die Größe der Cannabis-Klubs, die den Stoff für bis zu 500 Mitglieder anbauen können. Sie wird nicht ausreichen, um den Schwarzmarkt mit seiner teils schlechten Qualität auf Dauer zu ersetzen. Dazu wäre ein kontrollierter Markt vergleichbar dem für Medizinalcannabis nötig, mit großen Anbietern und geprüften Verkaufsstellen, wie im ersten Plan der Bundesregierung vorgesehen. Dann sind da Standards für Sicherheit und Qualität, die die Anbauvereine einhalten sollen. Die Bundesländer sollen sie überprüfen. Bei der zu erwartenden Menge an Hinterhofgewächshäusern und dem Mangel an Kontrolleuren dürfte es einen gewissen Wildwuchs geben.

    Ja, die Vereinslösung, eine Art Markt light, ist nicht optimal. Und auch der Plan, Modellregionen festzulegen, in denen kontrollierter Markt – wissenschaftlich begleitet – geübt wird, klingt wie eine absurde Kopfgeburt. Aber beides zeigt, dass es die Bundesregierung ernst meint und dass sie sich nicht von der EU abhalten lässt, ein gesellschaftliches Problem der vergangenen Jahrzehnte zu lösen. Die Modellregionen sind zudem ein Mittel, um später die EU-Regeln zu ändern. Das kann jedoch Jahre dauern. Und die will Deutschland zurecht nicht mehr warten.

    Tatsächlich geht es bei der Ampel einmal schnell voran. Das Gesetz zu Cannabis-Klubs und Entkriminalisierung soll noch im April in den Bundestag. Beim Tempo hilft auch, dass der Bundesrat nicht zustimmen muss. Das Gesetz zu den Modellregionen ist nach der Sommerpause geplant. Polizei und Justiz werden entlastet. Und der Gesetzgeber erkennt die Realität an. Cannabis-Konsumenten genießen nicht mehr illegal. Und kommen in Zukunft idealerweise auch an geprüften Stoff.

  • Die Zahlen täuschen

    Zu Überschüssen der Gemeinden

    Gute Nachrichten für Deutschlands Kommunen: Auch im vergangenen Jahr schlossen Städte und Gemeinden mit einem Milliardenüberschuss ab. Schon 2021 lief äußerst gut für die Kommunen insgesamt. Warum also zieren sie sich bei den laufenden Tarifverhandlungen im öffentlichen Dienst so, auf die Gewerkschaft Verdi zuzugehen und den Beschäftigten deutlich mehr zu zahlen? Zumal überall Personal fehlt und die Kommunen im Wettbewerb mit der freien Wirtschaft stehen.

    Ganz so einfach ist es nicht: Schließlich sagen die Zahlen des Statistischen Bundesamtes nichts darüber, wie es in den einzelnen Städten und Gemeinden aussieht. Mainz zum Beispiel ist dank Großsteuerzahler Biontech, Hersteller des Corona-Impfstoffs, schuldenfrei. Eine Ausnahme, die auch zeigt, wie stark die Gewerbesteuer, wichtige Einnahmequelle der Kommunen, schwanken kann.

    Von Schuldenfreiheit können sehr viele Kämmerer in Städten und Gemeinden nur träumen, die nicht wissen, wie sie Krankenhäuser und Schwimmbäder, Schulen und Kitas, Nahverkehr und Flüchtlingsunterkünfte finanzieren sollen. Die Tarifverhandlungen behandeln aber alle gleich. Auch deswegen ist der Konflikt gerade so hart, eine Einigung nicht in Sicht.