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  • Ab in den Untergrund

    Wer schon eine Lösung für den strahlenden Atommüll hat

    An diesem Wochenende gehen die letzten drei Atomkraftwerke in Deutschland vom Netz. Dann geht es darum, die bestehenden Anlagen abzureißen und den hochradioaktiven Atommüll sicher unterzubringen. Derzeit liegen die Brennstäbe in 16 Zwischenlagern, gut 27.000 Tonnen verschlossen in rund 1900 Spezialbehältern. Ein Endlager in Deutschland wird noch gesucht. Bis 2068 soll ein geeigneter Ort tief in der Erde gefunden sein. Dann muss noch gebaut werden. Manche Länder hängen noch mehr hinterher: Belgien denkt über ein Tiefenlager nach, Italien ebenfalls. Die Niederlande haben immerhin einen Zeitplan. Besonders weit ist Finnland – vor allem, weil die Bevölkerung im Endlager eine Chance sieht.

    Das Problem ist für alle Länder gleich: Brennstäbe, die in einem Atomkraftwerk Energie geliefert haben, strahlen, können nicht einfach auf einer Kippe entsorgt werden. Entsprechend sicher muss ein Lager für Atommüll sein. Experten schätzen, dass mindestens 100.000 Jahre nötig sind, bis die Strahlung auf ein natürliches Niveau gefallen ist. Wie die Welt dann aussieht, lässt sich kaum vorstellen. Zur Einordnung: Vor 100.000 Jahren lebte noch der Neandertaler, waren Faustkeile ein beliebtes Werkszeug.

    Bis ein Endlagerstandort gefunden ist, wird zwischengelagert: in Deutschland unter anderem an den ehemaligen Atomkraftwerken, im nordrhein-westfälischen Ahaus und im mecklenburg-vorpommerschen Lubmin. Das niedersächsische Gorleben, 1977 politisch als Endlager festgelegt und Jahrzehnte heftig umkämpft, ist als ungeeignet ausgeschlossen.

    Finnland

    Das Land ist das erste weltweit mit einem funktionsfähigen Endlager. Die Suche danach begann 1983. Der Staat gestattete den Gemeinden sogar ein Vetorecht. Die Finnen gelten als pragmatisch. Und sie vertrauen Wissenschaftlern. Nennenswerte Proteste gab es deshalb nicht, als die Gemeinde Eurajoki an der Westküste 2004 ausgewählt wurde. Auch die Regionalpolitiker stimmten zu. Die Einwohner haben Erfahrung mit Atomenergie, auf der Insel Olkiluoto, wo das Endlager liegt, stehen drei der fünf finnischen Atomkraftwerke.

    Bereits der Bau des Endlagers brachte der Gemeinde hohe Steuereinnahmen, die sie geschickt investierte. Die Bevölkerung wächst, unter anderem auch, weil Eurajoki den Gemeindeanteil an der Einkommenssteuer auf den niedrigsten Satz in Finnland senkte. 2024 will der Endlagerbetreiber Posiva beginnen, Brennstäbe einzukapseln und unter der Erde zu lagern. In 120 Jahren soll die Anlage dann befüllt sein, 2100 verschlossen werden.

    Schweden

    Bereits knapp 50 Jahre lang galt der Ort Östhammar gut 100 Kilometer nördlich von Stockholm an der Ostküste bereits als geeignet für ein unterirdisches Endlager. Die Atomindustrie suchte den Standort unter anderem danach aus, ob die Bevölkerung aufgeschlossen ist. In Östhammar ist sie es. In der Nähe steht das Atomkraftwerk Forsmark, eine der sechs schwedischen Anlagen. Auch verspricht sich die Gemeinde Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Ende Januar 2022 genehmigte die schwedische Regierung den Standort. Umweltschützer haben allerdings geklagt. Bis das zuständige Gericht entschieden hat, kann nicht gebaut werden. Sollten die Umweltschützer verlieren, dauert es noch zehn Jahre, bis die ersten Brennelemente eingelagert werden können.

    Schweiz

    Im September 2022 hat die zuständige Behörde nach langer Prüfung einen Endlagerstandort verkündet: Nördlich Lägern unmittelbar an der Grenze zu Deutschland. Bis die ersten Brennstäbe aus den vier Kraftwerken eingelagert werden können, dauert es noch. Es wird genauer geprüft, die Bevölkerung und die Regionen beteiligt. 2029 sollen Bundesrat und Parlament entscheiden, dann ist noch ein Volksentscheid möglich. Gebaut werden muss auch noch. In Betrieb gehen kann die Anlage frühestens 2050. Derzeit lagert der hochstrahlende Atommüll oberirdisch im Zwischenlager Würenlingen, ebenfalls keine zehn Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernt.

    Frankreich

    Früh dran mit einem Standort für ein Endlager waren die Franzosen. Bereits 2000 bestimmten sie das kleine Dorf Bure im Osten Frankreichs, gut 150 Kilometer von Saarbrücken entfernt. Zwei weitere Standorte in Zentralfrankreich wurden verworfen. Seither dauert es. Die Einwohner wehrten sich mehrfach. Umweltorganisationen klagten – bisher ohne Erfolg. Derzeit wird eine Pilotanlage gebaut, um Brennstäbe zu verpacken und in ein unterirdisches Tunnelsystem einzulagern. 2030 soll sie startbereit sein. Von 2040 an soll das Endlager dann regulär befüllt werden.

    Frankreich arbeitet Brennstäbe aus seinen Atomkraftwerken in der Anlage La Hague in der Normandie auf und verwendet das Material mehrfach. Dennoch fällt sehr viel Atommüll an. Denn das Land setzt sehr stark auf Atomenergie. Knapp 70 Prozent des Stroms liefern die 56 Reaktoren – wenn sie am Netz sind.

    Großbritannien

    Auch Großbritannien sucht seit Jahren nach einem Endlagerstandort. Zuletzt untersuchte ein Forschungsschiff sogar die Möglichkeit, es unter der Irischen See vor der Nordwestküste anzulegen. 2013 hatte die Regierung bereits einen Standort nahe der britischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield im Nordwesten gefunden. Die Behörden setzten auch auf ein Jobversprechen für die strukturschwache Region. Die Bevölkerung hielt allerdings wenig von den Plänen und protestierte so heftig, dass die Zentralregierung einknickte. Inzwischen dürfen sich Gemeinden bewerben. Geprüft wurden zuletzt vier Standorte im Nordwesten und Nordosten Englands. Ob in absehbarer Zeit ein Standort gefunden wird, ist unklar. Die Region muss zustimmen – und die Bevölkerung. Ein Endlagerstart ist frühestens 2040 vorgesehen. In Sellafield lagern bisher drei Viertel des britischen Atommülls – oberirdisch.

    In fast jedem Land, das Atomanlagen betreibt, wird immer wieder auch eine Lösung für den strahlenden Müll diskutiert, bei der keine Gemeinde oder Bürgerinitiative widersprechen kann: das All. Jede Menge Platz und irgendwann verglüht das Material womöglich in einer weit entfernten Sonne. Ob allerdings jemand dafür garantiert, dass die Rakete mit der strahlenden Fracht beim Start nicht in der Erdatmosphäre explodiert, ist unwahrscheinlich.

  • Die Zukunft strahlt (nicht)

    Kosten neuer Konzepte sind hoch, der Nutzen zweifelhaft

    Mitte April ist endgültig Schluss. Deutschland steigt aus der Atomenergie aus, setzt künftig vor allem auf erneuerbare Energien, auf Wind und Strom. Andere Länder wie China bauen neue Kernkraftwerke. Und weltweit arbeiten kleine Unternehmen an Konzepten für neuartige Anlagen, die billiger und hocheffizient sein sollen. Fast macht sich eine neue Atomeuphorie breit wie in den Sechziger und Siebzigerjahren. Das meiste funktioniert bisher aber nur auf dem Papier.

    Derzeit laufen weltweit dem World Nuclear Industry Staus Report zufolge 412 Reaktoren, gebaut werden 57 Anlagen. Der Anteil der Atomenergie am Weltstrommix liegt bei 9,8 Prozent, er sinkt seit Mitte der 90er Jahre. Dennoch setzen viele Länder, vor allem China, Indien und Frankreich, mit 69 Prozent Atomanteil an der Stromerzeugung Nummer 1 der Welt, auf Atomkraft. Ein Vorteil: Atomenergie stößt kein klimaschädliches CO2 aus. Ein Nachteil: Trotz jahrzehntelanger Erfahrung sind die Kosten für AKW nicht, wie erwartet, gesunken, wie eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung aus dem März 2023 zeigt. Erneuerbare Energien sind deutlich billiger. Für die USA hat das Bankhaus Lazard errechnet, dass Windstrom seit 2010, Solarstrom seit 2012 günstiger erzeugt wird als Atomstrom.

    Dennoch sollen drei Ideen die Atomkraft voranbringen: Bestehende Technologien sollen weiterentwickelt werden. Sehr viele kleine standardisierte Kraftwerke die Technik günstiger machen. Und zur Hochzeit der Atomeuphorie in den Sechziger und Siebzigerjahren entwickelte, aber verworfene Konzepte mit dem Wissen von heute doch nutzbar werden. Alle Ideen haben grundsätzlich Probleme: Sie erfordern sehr viel Geld. Es dauert, bis solche Anlagen betriebsbereit sein können. wenn überhaupt.

    So baut der staatliche französische Energiekonzern EdF in Flamanville an der normannischen Küste einen neuen Großreaktor mit eher klassischer Technologie und 1650 Megawatt Leistung. Die Arbeiten begannen 2007, fertig sein sollte die Anlage 2012. Inzwischen wird 2024 angepeilt. Vor allem technische Probleme plagen das Projekt. Statt 3,4 Milliarden Euro, wie geplant, kostet der Reaktor jetzt wohl 13,2 Milliarden Euro. Der Bau einer ähnlichen Anlage im finnischen Olkiluoto soll jetzt nach 18 Jahren Bauzeit mit zahlreichen Pannen ans Netz.

    Großbritannien lässt mit französischer Technologie und chinesischem Geld in Hinkley Point einen neuen Großreaktor bauen. Auch hier: Die Fertigstellung verzögert sich, die Kosten steigen. Und um den Bau anzuschieben musste die britische Regierung schon vorab Stromabnahme und Strompreise garantieren, die Experten als hoch ansehen. Überhaupt stützt der Staat große Neubauprojekte in der Regel. Privatinvestoren ist das Risiko zu hoch.

    Weil Großprojekte haken, denken viele Forscher und Unternehmer über neue Ansätze nach, sogenannte SMR (Small modular Reactors). Die Idee: Statt wenigen großen Atomkraftwerken werden viele kleine, standardisierte mit Leistungen um 300 Megawatt gebaut. Dank industrieller Massenfertigung sollen diese Kraftwerke günstiger sein. Vor allem die USA, Russland, China und Kanada treiben solche Projekte voran. Es gibt unterschiedliche Konzepte, etwa mit besonderen Brennstäben oder mit speziellem Salz als Kühlflüssigkeit. Derzeit sind allerdings nur sechs SMR weltweit in Betrieb. 2020 etwa ging eine schwimmende russische Anlage ans Netz – nach 13 Jahren Bauzeit. Ein Projekt in Argentinien ist seit 1970 in Planung, der Bau ist derzeit gestoppt. Zukunft ungewiss.

    Das einzige deutsche SMR-Konzept ist bisher noch in der Entwicklungsphase. Der Dual Fluid Reactor (Zwei-Flüssigkeiten-Reaktor) läuft bisher nur auf dem Papier. Hinter der Idee stehen mehrere Kernphysiker aus Berlin, offizieller Sitz der Firma ist Kanada, wo die Regierung deutlich mehr Interesse für die Technik aufbringt. Der Reaktor soll mit einem flüssigen Uran-Chrom-Gemisch als Energielieferant und flüssigem Blei als Kühlung arbeiten.

    Die Anlage wird bei 1000 Grad laufen. Als Brennstoff taugt nach Angaben von Dual Fluid auch Atommüll, der direkt am Reaktor aufbereitet wird. Und das Kraftwerk soll zehn Mal so effizient sein wie eine herkömmliche Anlage. Das Konzept ist weltweit patentiert. Nur: Bis die Idee serienreif ist, dauert es mindestens zehn Jahre. Die Kosten schätzt das Unternehmen bis dahin auf umgerechnet sieben Milliarden Euro, die bisher niemand investieren will.

    Dual Fluid ist bei den SMR eher eine innovative Ausnahme. Das Bundesamt für die Sicherheit in der nuklearen Entsorgung hat 2021 klassische SMR-Konzepte untersuchen lassen. Danach lässt sich kaum Geld sparen. Zudem müssten im Schnitt 3000 Anlagen gebaut werden, bevor sich die industrielle Produktion lohnen würde. Ungeklärt ist zudem, was mit dem Atommüll geschehen soll, der wegen der zahlreichen Anlagen auch an vielen Stellen anfallen würde.

    Auch Konzepte, die bereits bestehende, aber weitgehend verworfene Technologie nutzen soll, kommen massentauglich kaum voran. Etwa schnelle Brüter. China baut einen ersten Demonstrationsreaktor. Und die USA fördern das Privatunternehmen TerraPower, an dem auch der Microsoft-Gründer Bill Gates beteiligt ist, mit Milliarden. Eine funktionierende Anlage gibt es noch nicht. Das Konzept aus den 50er Jahren lasse sich weltweit „vor allem über Projektabbrüche beschreiben“, heißt es in der DIW-Studie.

    Das Fazit: „Atomenergie war, ist und bleibt unrentabel und technologisch riskant“, sagt Alexander Wimmers, einer der Autoren der Studie. „Daran ändern auch angeblich neuartige Reaktorkonzepte nichts, die de facto ihren Ursprung in der Frühzeit der Atomenergie in den 50er und 60er Jahren haben

  • Was von Deutschlands Atomindustrie übrig bleibt

    Wissen und Technologie sind international gefragt

    Im Emsland liegen Vergangenheit und Zukunft der deutschen Atombranche nah beieinander. In Lingen wird das gleichnamige Atomkraftwerk, seit 1979 vom Netz, abgerissen. Nebenan wird das AKW Emsland zum 15. April heruntergefahren. Doch wenige hundert Meter entfernt im Wald stellt das Unternehmen ANF auf einem streng abgeschirmten Gelände das her, was solche Anlagen weltweit immer brauchen, um überhaupt Strom zu erzeugen: Brennelemente.

    Wenn es mit deutschem Atomstrom auch vorbei sein wird, deutsches Atomwissen ist international gefragt. Die hiesige Branche hat bereits einen großen Wandel hinter sich: Sie musste sich neu orientieren, denn seit November 1989 ist kein neues AKW in Deutschland ans Netz gegangen. Andere Länder bauen neue Anlagen, modernisieren alte oder reißen sie ab. Wer AKW betreibt, benötigt Zwischen- und Endlager für verbrauchte Brennstäbe. Immer sind deutsche Spezialisten gefragt. Und viele Kraftwerksbauer setzen auch auf Bauteile und Steuertechnik aus Deutschland.

    Die Branche ist verschwiegen, weil der Atomenergie in der Bundesrepublik ein Hauch des Bösen anhängt. Wie viele Mitarbeiter in der Branche arbeiten, ist schwer zu sagen. Der Branchenverband Kern D schätzt, dass bei den AKW-Betreibern, beim Staat und in der Forschung rund 30.000 Mitarbeiter beschäftigt sind. Vor dem Atomausstieg waren es demnach um die 35.000. Und viele Beschäftigte werden auch in den kommenden Jahren gebraucht, schließlich müssen die ehemaligen Betreiber die Anlagen abreißen –zurückbauen, wie es heißt. Das kann schon mal deutlich mehr als zehn Jahre dauern.

    Dann gibt es einige Ingenieurbüros, die sich mit AKW beschäftigen und Firmen, die neben dem normalen Geschäft auch Bauteile für Kernkraftwerke verkaufen. Das muss nicht immer Steuertechnik sein, wie sie der Technologiekonzern Siemens Energy für das ungarische AKW Paks II liefern soll. Oft sind es Notstromaggregate, Pumpen, Ventile deutscher Hersteller, die den strengen Vorgaben für kerntechnische Anlagen entsprechen.

    Die deutsche Expertise stammt aus einer Zeit, als mit Atomkraft Zukunft verbunden war, im rheinischen Jülich an neuen Reaktoren geforscht wurde. Und als die KWU fast alle der deutschen Atomkraftwerke baute und auch international Anlagen verkaufte. Gegründet von AEG und Siemens, gehörte KWU lange zu Siemens. Die Atomsparte ging dann an Framatome, eine Tochter des staatlichen französischen Energiekonzerns EdF. Er ist einer der größten Betreiber von AKW weltweit.

    Framatome entwickelt und baut Atomkraftwerke. In Deutschland arbeiten rund 3000 Beschäftigte, vor allem im bayerischen Erlangen, Ingenieure mit Wissen zu Sicherheit, Modernisierung und Abriss von AKW. Zum Konzern gehört auch ANF (Advanced Nuclear Fuels, etwa hochentwickelte Nuklearbrennstoffe) in Lingen und ein Labor für Brennstab-Prototypen für neue Atomreaktoren im bayerischen Karlstein am Main zwischen Hanau und Aschaffenburg.

    Keine sechs Kilometer entfernt in einem Gewerbegebiet von Alzenau liegt die Zentrale von Nukem Technologies. Mit der Skandalfirma der Achtzigerjahre hat das Ingenieursunternehmen nur den Namen gemein. Allenfalls sind sie hier noch etwas verschwiegener als sonst üblich in der Branche. Ein Grund: Nukem gehört zur russischen Atomagentur Rosatom. „Wenn das Kraftwerk am Ende der Lebenslaufzeit angekommen ist, kommen wir“, sagt eine Managerin, die nicht genannt werden will. Die gut 130 Mitarbeiter von Nukem helfen beim Abriss eines Kraftwerks, planen und bauen Zwischenlager sowie Anlagen, um radioaktiven Abfall zu behandeln. Eine steht am stillgelegten Reaktor in Tschernobyl.

    Mit Abfall beschäftigt sich auch GNS in Essen, die den deutschen Energiekonzernen EnBW, Eon und RWE sowie der staatlichen schwedischen Vattenfall gehört. Seit mehr als 40 Jahren entsorgt das Unternehmen nuklearen Abfall, hat den praktisch nicht zerstörbaren Transportbehälter Castor erfunden. Bei GNS arbeiten rund 700 Beschäftigte.

    Der Castor selbst wird von Siempelkamp in Krefeld hergestellt. Die Gruppe baut sonst Anlagen für die Holzwerkstoff- und Gummiindustrie, hat aber auch ein Ingenieursbüro für den Abriss von Atomkraftwerken. Damit kennt sich EWN besonders gut aus. Das staatliche Unternehmen kümmert sich um den Rückbau der DDR-Atomkraftwerke: Rheinsberg nordwestlich von Berlin und die fünf Blöcke des AKW Greifswald an der Ostsee, die anders als der Name sagt, im nahen Lubmin stehen. Firmen der Gruppe reißen auch die Forschungsreaktoren in Karlsruhe und Jülich ab. Das Unternehmen betreibt ein Zwischenlager und bietet sein Wissen auch im Ausland an.

    Framatome etwa gibt den Exportanteil des deutschen Geschäfts mit 90 Prozent an. Das gilt für die Ingenieursleistungen wie für Brennstäbe. Die Tochter ANF liefert vom niedersächsischen Lingen aus etwa nach Belgien, Finnland, Frankreich, Großbritannien, in die Schweiz – und auch nach Russland. Der Atomsektor unterliegt nicht den Sanktionen der westlichen Länder.

    Wer Brennstäbe herstellt, braucht besonders aufbereitetes Uran. Und keine 40 Kilometer Luftlinie vom ANF-Standort Richtung Südwesten, im nordrhein-westfälischen Gronau, reichert Urenco in einer anderen, streng gesicherten Fabrik Uran an, einer der vier Standorte im Konzern. Hier wird auch die Technologie für die dafür nötigen Zentrifugen federführend entwickelt. Das Unternehmen wurde 1971 per Staatsvertrag gegründet, Eigentümer sind zu je einem Drittel Großbritannien, die Niederlande. Ein Drittel teilen sich RWE und die Eon-Tochter PreussenElektra.

    Dass der Standort Gronau nach dem Aus für die letzten drei deutschen AKW aufgegeben wird, gilt als unwahrscheinlich. Zu empfindlich sind die Anlagen. Und zu viel Spezialwissen haben sich die Mitarbeiter inzwischen angeeignet. Das verliere man ungern, sagt ein Manager. In Jülich übrigens forschen sie nicht mehr an neuen Reaktoren, sondern vor allem an Entsorgung und Sicherheit. Und die Experten entwickeln Technologien, die die Internationale Atomenergiebehörde IAEA für die Überwachung nutzt. Auch das ein Zukunftsfeld.

  • Von der Atomeuphorie zum Freizeitpark

    Deutschland verabschiedet sich von Strom aus Kernenergie

    Am 15. April endet in Deutschland die Atom-Ära. Dann sollen die letzten drei Kraftwerke abgeschaltet werden. Vom ersten Atomminister über die Straßenschlachten am AKW Brokdorf und der geplanten Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf bis zum Aus für die jetzt ungeliebten Anlagen dauerte es 68 Jahre.

    Wann begann das Atomzeitalter in der Bundesrepublik?

    Unter Kanzler Konrad Adenauer (CDU) begann die Bundesrepublik 1955, Reaktoren für den zivilen Gebrauch zu erforschen und zu entwickeln. Adenauer schuf ein Ministerium für Atomfragen. Erster Atomminister wurde Franz-Josef Strauß. Der CSU-Politiker entwickelte einen Plan für das deutsche Atomprogramm.

    Und wann ist Schluss?

    Das deutsche Atomgesetz sieht vor, dass die letzten drei noch laufenden Atomkraftwerke bis zum 15. April abgeschaltet werden müssen. Sehr viel länger reichen auch die Brennelemente an den Standorten Emsland (Niedersachsen), Neckarwestheim 2 (Baden-Württemberg) und Isar 2 (Bayern) nicht. Die Betreibergesellschaften Eon, RWE und EnBW haben sich längst von der Atomenergie verabschiedet, setzen auf erneuerbare Energien, Handel, Netze.

    Warum werden die Kraftwerke abgeschaltet?

    Nach den Protesten gegen die Atomkraft und vor allem nach dem Atomunfall in Tschernobyl 1986 wandelte sich die Stimmung in Deutschland. In Tschernobyl, damals in der Sowjetunion, explodierte der Reaktorblock 4, zehn Tage lang wurde Radioaktivität freigesetzt, verteilte sich über die Nordhalbkugel. Es gab Verbote, bestimmte Lebensmittel wie Pilze zu essen, in denen sich Radioaktivität sammelte. Große Flächen im Norden der heutigen Ukraine wurden unbewohnbar. Bis zum Atomausstieg dauerte es dennoch. Die rot-grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder (SPD) beschloss ihn 2002. Acht Jahre später stoppte die CDU-FDP-Regierung unter Angela Merkel (CDU) den Ausstieg. 2011, nach dem schweren Reaktorunglück im japanischen Atomkraftwerk Fukushima, in dem es nach einem Tsunami zu einer Kernschmelze kam, beschloss die schwarz-rote Bundesregierung unter Merkel das endgültige Aus bis Ende 2022. Aus Angst vor einer Energiekrise in Deutschland als Folge des Ukraine-Kriegs verlängerte die Koalition aus SPD, Grünen und FDP unter Olaf Scholz (SPD) die Laufzeit einmalig bis zum 15. April 2023.

    Wann startete die erste Anlage?

    Der erste funktionsfähige Reaktor in Deutschland startete am 31. Oktober 1957 an der Technischen Universität München. Die wegen ihrer Form Atom-Ei genannte Forschungsanlage hatte eine Leistung von vier Megawatt und wurde bis Juli 2000 genutzt. Sie wird derzeit abgerissen. Erste Versuche, einen Reaktor zu bauen, gab es bereits Anfang der 40er-Jahre. Die Anlagen konnten aber keine sich erhaltende Kettenreaktion auslösen und somit keinen Strom erzeugen. Den ersten Strom aus Kernenergie speiste die Versuchsanlage Kahl am Main im nordwestlichsten Zipfel Bayerns 1962 ins deutsche Netz ein. Als letztes startete am 1. November 1989 Neckarwestheim 2.

    Wie viele Anlagen waren in Betrieb?

    Der World Nuclear Industry Report listet insgesamt 36 Reaktorblöcke in Deutschland auf, wobei allein Greifswald an der Ostsee, dem wichtigsten AKW-Standort der DDR, fünf standen. Bei sechs weiteren begann der Bau, sie gingen aber nie ans Netz, darunter drei in Greifswald, zwei in Stendal (Mecklenburg-Vorpommern) und der Schnelle Brüter in Kalkar am Niederrhein. 18 weitere Kraftwerksblöcke wurden geplant, aber nie gebaut. Am längsten liefen die AKW Biblis A und Obrigheim (Baden-Württemberg), Grundremmingen C (Bayern) sowie Grohnde in Niedersachsen mit je 37 Jahren. Die wenigste Zeit lief Greifswald 5: 23 Tage im November 1989.

    Wie viel Strom haben die deutschen AKW erzeugt?

    Hochzeit der Atomenergie waren die 90er- und 00er-Jahre. 1997 war ein Rekordjahr: Die Kraftwerke lieferten 30,8 Prozent des Stroms in Deutschland. 2022 waren es noch 6,5 Prozent.

    Wie rund liefen die Anlagen?

    Der erste Störfall der deutschen Atomgeschichte ereignete sich offenbar 1942 in Leipzig, als sich während eines Versuchs Wasserstoff bildete und explodierte. Seit AKW in Deutschland Strom erzeugen gab es Pannen. Insgesamt fast 6600 meldepflichtige Störfälle verzeichnet das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (Base). Am anfälligsten war der Thorium-Hochtemperaturreaktor in Hamm-Uentrop (Nordrhein-Westfalen). In fünf Jahren gab es 125 Störfälle. Die wohl größte Panne war eine Wasserstoffexplosion im AKW Brunsbüttel 1991. Der Betrieb der deutschen Anlagen galt grundsätzlich als recht sicher. Große Mengen radioaktiver Strahlung wurden nicht freigesetzt.

    Wie viel Atommüll muss gelagert werden?

    Das Base geht von rund 27.000 Kubikmetern Kernbrennstoffen aus, die entsorgt werden müssen, wenn die letzten AKW abgeschaltet sind. Derzeit wird der stark strahlende Atommüll in Spezialbehältern an 16 Orten zwischengelagert, meist direkt auf dem Gelände ehemaliger Atomkraftwerke. Ein Endlager ist noch nicht gefunden. Das Verfahren läuft. Zuletzt hieß es, ein Standort werde wohl 2068 festgelegt. Schwach und mittelradioaktives Material, etwa vom Rückbau der Atomkraftwerke, wird zum Teil im Schacht Konrad in Niedersachsen gelagert werden.

    Warum sind vor allem die Grünen Gegner der Atomkraft?

    Eine wichtige Wurzel der Partei – zumindest im Westen – geht auf den Widerstand gegen den Bau eines Atomkraftwerks in Wyhl am Kaiserstuhl in Baden-Württemberg Mitte der 70er-Jahre sowie den Protest gegen das Atommüllendlager Gorleben in Niedersachsen zurück. Unter anderem aus diesen Bürgerinitiativen entwickelte sich die Partei, die 1980 in Karlsruhe offiziell gegründet wurde.

    Wie viele Anlagen wurden inzwischen abgerissen?

    Die meisten abgeschalteten AKW werden inzwischen zurückgebaut. Besonders spektakulär: 2020 wurden die Kühltürme der Kraftwerke Philippsburg 1 und 2 südlich Mannheims gesprengt. Sie waren jahrzehntelang Landmarken im flachen Rheintal. Vier Anlagen stehen noch vor dem Abriss, drei sind vollständig beseitigt. Eine Kuriosität ist das Schiff Otto Hahn, benannt nach dem Entdecker der Kernspaltung. Es war von 1968 an unter deutscher Flagge mit Atomantrieb unterwegs. Der wirtschaftliche Durchbruch des Antriebs blieb aus, unter anderem wegen Sicherheitsbedenken in Häfen. 1979 wurde der Reaktor ausgebaut, das Schiff verkauft. Es wurde 2009 verschrottet.

    Wann werden die letzten Atommeiler verschwunden sein?

    Der Rückbau dauert, weil ein Atomkraftwerk wegen der Strahlung im Inneren nicht einfach abgerissen werden kann. Für große Anlagen sind teilweise mehr als 20 Jahre angesetzt. Im Idealfall sieht es hinterher so aus wie in Kahl. Eine Gedenkturbine vor grüner Wiese erinnert an das erste deutsche AKW, das Strom einspeiste. So soll es an anderen Standorten später auch einmal aussehen. Manche Gebäude lassen sich nach dem Rückbau auch weiter nutzen, etwa als Technologiepark. Eine Anlage bleibt garantiert stehen – zumindest zum Teil. Gebäude und Kühlturm des Schnellen Brüters in Kalkar sind inzwischen ein Freizeitpark.

  • Milliarden für geniale Ideen

    Neuer Staatsfonds DTCF gestartet. Erste Investition: 3D-Druck mit Licht

    Es sieht wie Zauberei aus: Licht läuft durch einen Kasten mit Flüssigkeit, nach kurzer Zeit ist ein Würfel in Gitterstruktur entstanden – 3D-Druck der anderen Art. Erfunden hat es die Firma Xolo aus Berlin Und dass die Technologie bald in industriellem Maßstab genutzt werden kann, hat mit einem Förderfonds der Bundesregierung zu tun, der vor kurzem gestartet ist.

    Der Deep Tech Climate Fonds (DTCF) soll Firmen wie Xolo voranbringen. Es geht um einmalige Technologie aus Deutschland, die vielleicht ein bisschen wie Science-Fiction klingt, und darum, sie überhaupt auf den Markt zu bringen. Und es geht nicht nur um Software, Datenanalyse oder Quantencomputer. Xolo etwa ist, wie DTCF-Co-Chef Tobias Faupel sagt, ein Chemielabor. Sehr vereinfacht gesagt, kann die Technologie Moleküle in der Flüssigkeit per Licht so ansteuern, dass sie punktgenau erhärten.

    Linsen können so entstehen, kleinere Bauteile, künstliche Organe. Testweise haben sie bei Xolo auch schon ein durchsichtiges Brandenburger Tor gedruckt – wobei das Verfahren mit der klassischen Art, bei der Material schichtweise aufgebracht wird, nichts zu tun hat. „Der Prototyp ist in vielen Forschungseinrichtungen im Einsatz, jetzt muss das neue 3D-Druckverfahren auf einen industriellen Maßstab gebracht werden“, sagt Faupel – mit Geld vom DTCF. Acht Millionen Euro gab der Fonds gemeinsam mit privaten Investoren.

    Deep Tech steht für sehr technologisch orientierte Firmen wie Xolo. Es können auch Unternehmen sein, die tierische Produkte über neuartige Verfahren herstellen – Fleisch aus der Petrischale etwa. In der Folge wäre weniger Tierhaltung nötig und damit weniger CO2-Ausstoß. Climate Tech ist Faupel zufolge alles, was auf die Energiewende einzahlt: neuartige Batterien und Speicher oder Ideen für stabile Stromnetze.

    Eine Milliarde Euro hat der Fonds insgesamt zur Verfügung. Und er startet, während viele private Risikokapitalgeber vorsichtiger investieren. Im vergangenen Jahr flossen nach Angaben der staatlichen Förderbank KfW insgesamt 10,5 Milliarden Euro in deutsche Start-ups nach 18 Milliarden Euro ein Jahr zuvor. Der Bedarf für den DTCF ist also da. Faupel berichtet von mehr als 830 Anfragen bisher. Die meisten treffen per E-Mail oder online ein. Zunächst ist nur ein Kurzbusinessplan nötig. Viele Firmen erhielten danach Absagen – weil sie aus dem Ausland kamen, zu viel Geld brauchten oder noch zu jung waren.

    Wer noch am Anfang steht, eine Idee und einen Plan hat, wie das Unternehmen groß wird, benötigt zunächst sogenannte Seed-Finanzierung, die den Samen des Unternehmens aufgehen lässt. Üblich sind rund drei Millionen Euro. Hier gibt etwa der Hightech-Gründerfonds (HTGF) des Bundeswirtschaftsministeriums oder andere Frühphasen-Investoren Geld.

    „Wir investieren typischerweise in der zweiten Finanzierungsrunde“, sagt DTCF-Co-Chef Faupel. Das Unternehmen habe schon ein Produkt, vielleicht einen Pilotkunden und nachprüfbare Ideen, wie sich das Produkt vermarkten lasse. Oft gebe es bereits erste Industrieanfragen. „Wir helfen dann mit unserem Geld, das Produkt im industriellen Maßstab herzustellen und auch zu vermarkten.“ In dieser Series A genannten Finanzierungsrunde gibt es typischerweise zwischen fünf und 20 Millionen Euro, von denen der DTCF die Hälfte trägt.

    Denn der Fonds allein kann sich nicht an einem Unternehmen beteiligen. „Wir benötigen immer einen Partner“, sagt Faupel. Partner, die langfristig anlegen, etwa ein Family Office, das Geld reicher Familien oder Unternehmer verwaltet. „Die treten auch an uns heran und machen uns auf Unternehmen aufmerksam.“ Bei Xolo sind drei weitere Investoren dabei. Und sollte eine Firma eine weitere Finanzierungsrunde benötigen, kann der DTCF nachlegen. „Bis zu insgesamt 30 Millionen Euro pro Firma sind von uns aus möglich“, sagt Faupel. Auch eine andere Grenze darf der Fonds nicht überschreiten: Er kann höchstens 25 Prozent an einer Technologiefirma übernehmen – damit sie keine Staatsbeteiligung wird.

    Eine Idee hinter dem Fonds: „Die Gründer sollen keinen kurzfristigen Verkaufsdruck spüren und langfristig eigenständig sein“, sagt Faupel. Finanzinvestoren kalkulieren bei ihren Investitionen in der Regel mit deutlich kürzeren Zeiträumen meist deutlich unter zehn Jahren, dann wollen sie Ertrag für das eingesetzte Geld – etwa über einen erfolgreichen Börsengang. Die Firmen reif für die Börse zu machen ist auch Ziel des DTCF. Denn: „Das Kapital soll sich vermehren, wir fördern nicht, wir finanzieren.“ Allerdings mit deutlich weniger Druck und deutlich längerem Zeithorizont. Bis zu 25 Jahre sind drin.

    Zunächst ist Investitionsphase. „Über zehn Jahre wollen wir 70 bis 80 Beteiligungen eingehen“, sagt Faupel, der den Fonds gemeinsam mit Elisabeth Schrey leitet. Und das Team wächst noch. Insgesamt sollen für den Fonds mit Sitz in Bonn und geplanten Büros in München und Berlin bis zu 20 Spezialisten arbeiten, die sich in verschiedenen technischen Gebieten auskennen. Um ein Unternehmen dann tiefgehend zu überprüfen, werden Experten hinzugezogen. In diesem Jahr sind mindestens vier Investitionen geplant, die nächste wahrscheinlich schon nach Ostern.

    Der DTCF startete am 1. September 2022 und ist Teil des staatlichen Zukunftsfonds. Letzterer ist zehn Milliarden Euro bis 2030 ausgestattet. Gesellschafter des DTCF sind die KfW für den Zukunftsfonds und das ERP-Sondervermögen. Letzteres verwaltet den deutschen Teil des Geldes aus dem Marshallplan.

  • Wer besonders viel Anlegergeld verbrennt

    Auch drei Dax-Werte unter den größten Kapitalvernichtern

    2022 ist nicht gut gelaufen für Uniper. Der Energiekonzern geriet wegen seiner Gasgroßverträge mit Russland im Zuge des Ukraine-Kriegs an den Rand des Zusammenbruchs – Rekordverlust und Staatsrettung inklusive. Der Aktienkurs fiel allein im vergangenen Jahr um knapp 94 Prozent. Anleger hatten schon vorher wenig Freude. Auf der alljährlichen Liste der größten Kapitalvernichter taucht das Unternehmen aus Düsseldorf dennoch nur auf Rang drei auf. Denn zwei Immobilienunternehmen schnitten noch schlechter ab: Corestate Capital und Adler Group.

    Vor allem Corestate (Rang 1, Vorjahr 17) frustriert Aktionäre schon länger. Der Kurs fiel binnen fünf Jahren von 54,50 Euro auf 0,50 Euro. Auch bei Adler (Rang 2, Vorjahr 5) laufen die Geschäfte nicht rund, das Vertrauen in den Immobilienentwickler ist geschwunden, frisches Geld kaum zu bekommen. Überhaupt sind auffallend viele Immobilienfirmen unter den 50 größten Kapitalvernichtern zu finden – nicht nur kleine. Am Ende der Liste steht Vonovia, mit fast 550.000 Wohnungen einer der größten deutschen Vermieter. Der Konzern aus dem Deutschen Aktienindex Dax ist neu dabei.

    Zwei weitere der wichtigsten börsennotierten Unternehmen in Deutschland finden sich auf der Liste: Continental wie im Vorjahr auf Rang 34 und der Medizinkonzern Fresenius verbessert auf Rang 47 (Vorjahr 29). Die Medizintechnikfirma FMC, bis vor kurzem noch im Dax, stieg neu auf Platz 30 ein. Ceconomy (Media Markt und Saturn), der Stahl- und Autozulieferkonzern Thyssenkrupp sowie das Medienunternehmen ProSiebenSat1 stehen wie in den vergangenen Jahren auf der Liste. Anleger hatten trotz der bekannten Namen wenig Glück mit den Aktien dieser Unternehmen.

    Die Nummer 1 von 2021 und 2022, das Biotech-Unternehmen Epigenomics aus Berlin, steht in diesem Jahr auf Rang 7, nicht, weil die Aktie so gut gelaufen ist, sondern „aufgrund der noch schlechteren Performance der anderen Gesellschaften“, wie Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutsche Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) sagt. Die Aktionärsschützer erstellen die Liste jedes Jahr. Sie betrachtet, wie sich der Aktienkurs der jeweiligen Firmen in fünf, drei und dem vergangenen Jahr entwickelt hat. Untersucht werden jene 308 Unternehmen, die im sogenannten Prime Standard der Deutschen Börse notiert sind. Er unterliegt besonderen Berichts- und Transparenzregeln. Nur wer hier notiert ist, kann auch in den Dax oder den MDax der mittelgroßen Werte aufgenommen werden.

    Die Top-50-Kapitalvernichter verbrannten danach binnen fünf Jahren rund 75 Prozent des Börsenwerts, Spitzenreiter Corestate sogar 99 Prozent. Der Dax – ohne Dividenden – verlor in den vergangenen fünf Jahren knapp sieben Prozent. DSW-Tüngler sagte, die Liste solle die Aktionäre aufwecken. Es sei wichtig , sich darüber klar zu werden, „in welchem Umfang man bereit ist, Verluste zu tragen und sich auch mal schmerzhaft von einer Aktie zu trennen“.

    Tüngler vermutet auch, dass gerade jene Unternehmen auf der Kapitalvernichterliste ihre Aktionäre und Eigentümer eher nicht zu einer Hauptversammlung in Präsenz einladen werden, weil das Management eine intensive Diskussion befürchten müsste. Die Hauptversammlung ist jene Veranstaltung im Jahr, bei der die Aktionäre große strategische Geschäftsentscheidungen wie Zukäufe oder Fusionen beschließen, aber auch den Vorstand für die Arbeit des vergangenen Jahres entlasten. Sie können auch Fragen, was sie im Zusammenhang mit dem Unternehmen auf dem Herzen haben. Das kann langatmig sein, lähmend, aber auch den Vorstand in die Enge treiben.

    Mit der Corona-Pandemie verlegten viele Unternehmen die Veranstaltung ins Internet. Das machte sie aus Sicht der DSW nicht besser. Er habe „blutleere, langweilige und teils gar komatöse Veranstaltungen“ erlebt, sagte Tüngler. Nicht jede Hauptversammlung muss laufen wie jene von Daimler 2016 in Berlin, als die Polizei einschreiten musste, weil sich Aktionäre um Würstchen am Buffet stritten. Aber inhaltlich sollte es schon etwas bringen. Der DSW befürwortet sogenannte hybride Hauptversammlungen – in Anwesenheit und virtuell.

  • Konkurrierende Strategien

    Der Koalitionsausschuss hat Schritte vorwärts bei Heizungen, Straßenbau und Klimaschutz geschafft, aber auch Punkte verabredet, die sich eigentlich ausschließen.

    Zu Heizungen, Straßenbau und Klimaschutz haben die Ampel-Parteien Kompromisse im Koalitionsausschuss gefunden. Diese werden wichtig für das alltägliche Leben der Bürgerinnen und Bürger. An manchen Punkten widersprechen sich die Sichtweisen von SPD, Grünen und FDP allerdings.

    Heizungen

    Bestehende Öl- oder Gasheizungen bleiben erlaubt, man kann sie auch reparieren lassen. Gehen sie aber ab 2024 so kaputt, dass sie ausgetauscht werden müssen, sollen sie durch ökologische Varianten ersetzt werden. Diese müssen dann zu 65 Prozent mit erneuerbarer Energie arbeiten. Das kann beispielsweise eine Wärmepumpe sein, die mit Ökostrom läuft, oder eine Kombination aus Wärmepumpe und modernem Gasbrenner. Auch mit Biogas oder Wasserstoff befeuerte Anlagen sollen möglich sein, ebenso Fernwärme. Es wird wohl mehrjährige Übergangsfristen geben.

    Die Einschätzungen über die Rolle des Wasserstoffs als Heizenergie gehen dabei auseinander. Patrick Graichen, Staatssekretär im grün-geführten Bundeswirtschaftsministerium, sagt: Eine „Wasserstoffheizung wird sicherlich nur in Einzelfällen die Lösung sein, weil Wasserstoff knapp und fürs Heizen sehr teuer sein wird.“ Die FDP setzt größere Hoffnungen in Wasserstoff, nicht nur in „grünen“, der mit Ökostrom hergestellt wurde, sondern auch in „blauen“ aus fossilen Energien.

    Weil die neuen Öko-Heizungen oft noch teurer sind als die konventionellen, will die Regierung Immobilienbesitzer, Mieterinnen und Mieter unterstützen. „Menschen mit niedrigen oder mittleren Einkommen sollen für eine durchschnittliche Wärmepumpe unterm Strich nicht mehr zahlen als für eine herkömmliche Gasheizung“, heißt es bei den Grünen. Ein milliardenteures Förderprogramm wird wohl kommen, ist aber noch nicht ausbuchstabiert.

    Staatssekretär Graichen gibt Immobilienbesitzern diesen Rat: „Die Preise für Erdgas und Heizöl werden ab 2027 durch den EU-Emissionshandel kontinuierlich steigen.“ Langfristig würden Wärmepumpen deshalb billiger arbeiten als fossile Heizungen. Deshalb sollte man sich „jetzt nicht noch hektisch Gas- und Ölheizungen einbauen“. Vor der Sommerpause wollen SPD, Grüne und FDP das Gesetz beschließen.

    Autobahnbau

    Zahlreiche Autobahn-Teilstücke sollen schneller als bisher beispielsweise mit zusätzlichen Spuren ausgebaut und Lücken geschlossen werden. Ein Papier der FDP nennt dafür 144 Vorhaben mit etwa 1.200 Kilometer Länge in Baden-Württemberg, Bayern, Bremen, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Die Grünen betonen, es handele sich „um weniger als zehn Prozent des Autobahnnetzes“. Um den kompletten Neubau von Autobahnen geht es nicht, beispielsweise die A100 in Berlin und die A20 in Schleswig-Holstein stehen nicht auf der FDP-Liste. Wobei auch diese Projekte von einer schnelleren Planung profitieren könnten.

    Eine Neuerung hat der Koalitionsausschuss bei der Verteilung der Verkehrsinvestitionen beschlossen. Der Lkw-Verkehr auf Autobahnen soll teurer werden, indem die Maut deutlich steigt. Dadurch werden große Summen zur Verfügung stehen, um bis 2027 rund 45 Milliarden Euro für die Deutsche Bahn mitzufinanzieren. Das dürfte den Ausbau des Schienennetzes für den Transport von Personen und Gütern ermöglichen.

    Die FDP betont die Einigkeit bei den sogenannten E-Fuels. Das sind Auto-Treibstoffe, die mit Ökostrom aus Wasserstoff und Kohlendioxid gewonnen werden, eventuell klimaneutral. Wenn das klappt, könnten in einigen Jahrzehnten Millionen traditioneller Benzin- und Diesel-Pkw zumindest teilweise mit umweltfreundlichem Kraftstoff fahren. Dazu wollen SPD, Grüne und FDP die E-Fuels rechtlich und finanziell fördern. Die Grünen tragen das mit, obwohl sie diese Strategie für aussichtslos halten, weil die synthetischen Kraftstoffe ihrer Ansicht nach ineffizient und zu teuer bleiben. Sie verweisen auf den abermaligen Beschluss, dass bis 2030 rund 15 Millionen elektrische Fahrzeuge auf den Straßen unterwegs sein sollen. Im Prinzip widersprechen sich die zwei Strategien, weil die Menge des hergestellten Ökostroms wohl nicht für beide reicht.

    Klimaschutzgesetz

    Hier haben die drei Parteien vereinbart, dass künftig nicht mehr jeder Wirtschaftssektor – unter anderem Verkehr, Gebäude und Industrie – separate Einsparungen beim Ausstoß klimaschädlicher Gase einhalten muss. Man will sich eher an der gemeinsamen Zielerreichung orientieren. Das entlastet den Verkehrsbereich, wo die Kohlendioxid-Emissionen bisher nicht sinken, und auch den dafür verantwortlichen Minister, Volker Wissing (FDP). Ein Tempolimit auf Autobahnen wird damit unwahrscheinlicher. Bundeskanzler Olaf Scholz unterstützte Wissing: „Er ist genau richtig unterwegs.“

  • EY soll für Wirecard-Pleite zahlen

    Anlegerschützer nutzen Stiftung in Niederlanden

    Mit dem Namen Wirecard verbindet sich eine der spektakulärsten Pleiten der Bundesrepublik. Viele Anleger verloren Geld. Aus der Insolvenzmasse des Zahlungsdienstleisters ist wenig zu holen, deshalb wollen Anleger sich an die Wirtschaftsprüfer von EY halten, die es womöglich mit ihrer Arbeit nicht so genau nahmen, wie es nötig gewesen wäre. Derzeit zeichnen sich zwei Möglichkeiten für Geschädigte ab. Auf jeden Fall müssen sie aktiv werden, damit möglich Ansprüche nicht verfallen.

    Anleger können sich einer Musterklage nach deutschem Recht anschließen. Das Münchener Landgericht I hat gerade aus den zahlreichen Klagen, die es bereits gegen ehemalige Verantwortliche bei Wirecard und gegen EY Deutschland gibt, das zentrale Verfahren bestimmt (101 Kap 1/22). Einen anderen Weg will die Deutsche Schutzvereinigung für den Wertpapierbesitz (DSW) gehen, die Anleger vertritt: Sie setzt auf eine Stiftung in den Niederlanden, die einen Vergleich mit EY Deutschland und anderen internationalen Partnern im EY-Verbund schließen soll, der dann auch europaweit gilt. Die DSW verspricht sich eine deutlich schnellere und für die Anleger kostengünstigere Lösung als das Musterverfahren in Deutschland.

    Wirecard galt als Vorzeige-Technologieunternehmen, eines, das mit den großen Technologiekonzernen der USA und Chinas mithalten könne. Zumindest war das der Eindruck, den Chef und Großaktionär Markus Braun vermittelte. Am 25. Juni 2020 musste das Unternehmen Insolvenz anmelden. 1,9 Milliarden Euro in den Bilanzen erwiesen sich als nicht vorhanden, waren offenbar erfunden. Der Kurs brach ein, viele Anleger verloren Ersparnisse. Angeblich wurden mehr als 20 Milliarden Euro Vermögen vernichtet.

    Im Zuge der Pleite bekam auch die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft EY Probleme. Sie hatte die Bilanzen von Wirecard geprüft und die Jahresabschlussberichte testiert. Die Wirecard-Bilanzen für 2017und 2018 erklärte ein Gericht für nichtig, weil sie gegen ordungsgemäße Buchführung verstoßen. Die staatliche deutsche Abschlussprüferaufsicht Apas wirft EY schwere Fehler und Versäumnisse vor, während sie die Bilanzen 2015 bis 2017 prüfte.

    Inzwischen sind einige Klagen von Gläubigern und Aktionären anhängig. Die Anlegerschützer schätzen, dass sich viele Wirecard-Geschädigte bisher noch nicht darum gekümmert haben, zumindest einen Teil ihrer Verluste wiederzubekommen. Sie haben dazu bis zum 31. Dezember 2023 Zeit, dann verjähren die Ansprüche nach Angaben von DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler. „Wer nicht aktiv wird, bekommt nichts, wenn es Geld aus dem Musterverfahren oder der Stiftung Geld geben sollte.“

    Anleger können sich der Musterklage anschließen oder bei der Stiftung anmelden, für die Tüngler wirbt. Die DSW verspricht ein schnelles und kostengünstiges Ergebnis. Bereits jetzt seien 12.000 Wirecard-Anleger mit Schäden von rund 500 Millionen Euro dabei, sagt der DSW-Chef. Anwalt Klaus Nieding, der das Verfahren betreut, erwartet, dass sich mehr als 30.000 Privatanleger und auch einige hundert institutionelle Anleger – Banken, Versicherungen, Anlagefirmen – beteiligen und die Schadenssumme deutlich in die Milliarden Euro geht.

    Die Stiftung soll dann mit EY einen Vergleich aushandeln, idealerweise binnen zwei Jahren. Erste Gespräche laufen nach Aussage von DSW-Chef Tüngler bereits. Die Kosten übernimmt der DSW zufolge ein großer US-Prozessfinanzierer mit Sitz in London, der für seine Arbeit im Erfolgsfall 25 Prozent der Vergleichssumme als Gebühr nimmt. Nach Angaben von Anwalt Nieding ist das eine im Vergleich mit anderen ähnlichen Verfahren niedrige Summe. Wer sich bei der Stiftung über die DSW registriert, muss auch eine Prozessvollmacht erteilen. Denn die Aktionärsschützer wollen im Auftrag der Anleger klagen, um die Verjährung der Ansprüche zu verhindern. Anmeldefrist ist Ende Mai.

    Die Anlegerschützer legen die Stiftung auf, weil sie von den Musterverfahren nach deutschem Recht wenig überzeugt sind. So habe das Verfahren gegen die Telekom fast 20 Jahre gedauert, sagt Anwalt Nieding, der Vergleich am Ende sei auch schon zu Beginn möglich gewesen. Ein Musterverfahren im VW-Abgasskandal laufe auch bereits seit sieben Jahren, ohne wirklich voranzukommen. Zudem müssten Anleger einen Anwalt bezahlen, um auch zu klagen.

    EY hält die Forderungen gegen sich für unbegründet. Dennoch könnte sich das Unternehmen auf einen Vergleich? Viele Firmen sehen EY doch in der Schuld, entziehen Aufträge oder schließen keine neuen. Die DSW glaubt, dass EY den Fall abschließen will, um zu überleben. Zudem bremst der Wirecard-Fall den geplanten Umbau: Beratung und Wirtschaftsprüfung sollen getrennt werden.

    Gegen den ehemaligen Wirecard-Chef Braun, den einstigen Chefbuchhalter Stephan von E. und Oliver Bellenhaus, Wirecard-Statthalter in Dubai läuft gerade vor dem Landgericht München I ein Verfahren wegen Bilanzfälschung, Marktmanipulation, Untreue und bandenmäßigem Betrug. Bellenhaus ist Kronzeuge, Braun und von E. weisen alle Schuld von sich. Das Verfahren läuft bis mindestens Ende 2023.

  • Sauberer Sieg

    Kommentar zu Nike und dem DFB

    Im Sport und in der Wirtschaft gilt: Der Beste möge gewinnen. Im Wettbewerb um den Sponsoren-Großvertrag des Deutschen Fußballbundes DFB standen zuletzt die beiden Sportartikelhersteller Adidas und Nike. Adidas hat verloren. Der DFB, längst ein Wirtschaftsbetrieb, entschied sich zurecht für das bessere Angebot und damit Nike.

    Der neue Partner wird frischen Wind bringen, was nie schaden kann. Wer wie DFB und Adidas über mehrere Jahrzehnte eng verbandelt ist, wird möglicherweise etwas träge. Aus bestehenden Verträgen lässt sich auch nicht ableiten, dass es einen Anschlussvertrag gibt. Und Tradition allein gewinnt keine Spiele. Sonst müsste etwa Hannover 96 seit Jahren sehr weit vorn in der Bundesligatabelle stehen und nicht in der zweiten Liga kämpfen. Auch der Standort des Unternehmens ist unerheblich – Adidas und Nike produzieren im Ausland. Und auch der Sitz in Deutschland half Adidas nicht, zu gewinnen. Das Unternehmen kann jetzt bei der nächsten Ausschreibung wieder antreten und versuchen, die Amerikaner auszustechen.

    Das Angebot umfasst nicht nur Trikots und Unterstützung für Amateurvereine, sondern vor allem Geld. Der DFB hat bessere Zeiten gesehen. Er schreibt rote Zahlen und muss deshalb sehen, wie er die Einnahmen verbessert. Dass deutsche Nationalspielerinnen und Nationalspieler künftig mit dem Swoosh auftreten, ist Nike sehr viele Millionen wert. Offenbar trauen die Amerikaner auch den sportlich zuletzt eher mittelmäßigen deutschen Spitzenmannschaften deutlich mehr zu als Adidas. Qualitativ dürften die Produkte von Adidas und Nike sich ohnehin kaum unterscheiden. Wer das Pink aufs neue Auswärtstrikot druckt, ist egal. Letztlich gilt: Entscheidend ist auf dem Platz.

  • Klimakanzler abgetaucht

    Ampel-Koalition versenkt Zukunftsthema

    Hitzewellen, Überschwemmungen, Wirbelstürme – das Klima auf der Erde wandelt sich. Die Folgen für die Menschen sind dramatisch. Seit Jahrzehnten weisen Forscher wie auch jetzt wieder der Weltklimarat auf die Gefahren hin, sollte sich die Erde weiter erwärmen. Und seit Jahrzehnten weigern sich Politiker, auf die Wissenschaftler zu hören. Oder sie erkennen die Probleme, wollen Gegensteuern und verhaken sich im Klein-klein der Tagespolitik oder parteilicher Eitelkeiten. Womit wir bei der deutschen Politik wären.

    Die Ampel-Koalition hat das Thema Erderwärmung und Klimawandel erkannt, der Koalitionsvertrag wirkte auch noch zukunftsorientiert. Allein: eine klare Vorstellung, wie Deutschland 2035 aussehen soll, wo es beim Klimaschutz stehen will, ist nicht zu erkennen. Das ist aber nötig, um zu klären, welche Maßnahmen wie vorangetrieben werden sollen. Und dann müssen auch alle dahinterstehen. Stattdessen: Die Grünen schlagen viel vor, gern garniert mit mehr staatlichen Vorschriften. Und die FDP? Wirkt wie eine Verhinderungspartei, die immer nur sagt, was nicht geht. Von einer liberalen Fortschrittspartei darf man mehr erwarten.

    Im Ergebnis werden sofort wirksame Maßnahmen wie ein Tempolimit ignoriert. Und die Regierung diskutiert, ob wir 2035 mit ineffizienten E-Fuels im Porsche über Sylt brettern dürfen. Dafür werden schon mal EU-Entscheidungen blockiert. Zu hoffen bleibt, dass die Nordsee dann noch genug Sylter Straßen übrig gelassen hat. Die SPD und der Klimakanzler? Leider abgetaucht. So bitter es ist: Die Ampel-Koalition versenkt gerade ein wichtiges Zukunftsthema.

  • Eine Frage des Vertrauens

    Warum die EZB den Zins anhebt

    Isoliert betrachtet sind die drei Bankpleiten in den USA Folgen schlechten Managements oder falscher Anlegeentscheidungen. Und auch die Probleme der Crédit Suisse, der zweitgrößten Schweizer Großbank, beruhen auf Fehlern der Führung und hausinternen Skandalen, riskanten Investitionen und verschleppten Reformen. In normalen Zeiten wären die drei US-Banken verkauft worden, nach einigen Tagen hätten sich alle wieder beruhigt. Und auch die Crédit Suisse wäre betrachtet worden als das, was sie ist: ein Sanierungsfall. So war es bereits 2021, als eine Hedgefonds-Pleite die Bank Milliarden kostete. Aber die Zeiten sind nicht normal. Sie sind vielmehr unsicher. Und in solchen Zeiten zählt Vertrauen mehr als nackte Zahlen.

    Die Situation nach der Corona-Pandemie, der Angriff Russlands auf die Ukraine, die geopolitischen Spannungen zwischen den USA und China – das alles belastet die Maschinerie der Weltwirtschaft. Und den Bankensektor, der mit Krediten und Investitionen das Schmiermittel liefert. Hinzu kommt die Inflation: Weltweit stiegen die Preise zunächst, weil die Wirtschaft nach der Pandemie schneller ansprang als gedacht. Dann befeuerte der Krieg, in dem Russland Energie als Waffe gegen Europa einsetzte und in dessen Folge vor allem Gas und Öl teurer wurden, die Teuerung.

    Die Zentralbanken rund um den Globus hoben die Zinsen an, was sie immer tun, wenn die Inflation zu sehr steigt. Wenn Geld teurer wird, dämpft das Investitionen und Ausgaben – und die Preise. Hohe Zinsen, Krieg, Machtblöcke auf Kollisionskurs: In einer solchen Situation sind die Finanzmärkte sehr angespannt. Und dann lösen drei kleinere US-Banken, die insolvent gehen, Unsicherheit aus. Investoren zweifeln an der Branche weltweit, ziehen ihr Geld ab, trennen sich von Aktien jener Institute, die ohnehin schwächeln – wie die Crédit Suisse.

    Was passiert, wenn Vertrauen schwindet, ließ sich während der Finanzkrise 2008 sehen. Die US-Investmentbank Lehman, ein internationales Schwergewicht, rutschte in die Pleite. Weltweit misstrauten sich die Banken danach, verliehen sich untereinander kein Geld mehr – es könnte ja sein, es komme nicht zurück. Das bremst jegliche Investitionen, gefährdet die Gesamtwirtschaft. Um Vertrauen zu schaffen und die Wirtschaft am Laufen zu halten, pumpten die Notenbanken weltweit praktisch beliebig viel Geld in die Märkte – der Beginn der Nullzins-Politik, die erst im vergangenen Jahr endete. Gleichzeitig wurden die Regeln für Kreditinstitute verschärft.

    In der aktuellen Situation hat die US-Notenbank bereits versucht, die Märkte zu beruhigen. Die Schweizer Nationalbank brachte die Crédit Suisse dazu, umgerechnet rund 51 Milliarden Euro anzunehmen. Offiziell ist es eine Anleihe, tatsächlich aber die staatliche Rettung der Bank. Das stellte das Vertrauen erst einmal wieder her.

    Die Europäische Zentralbank steckte in einem besonderen Dilemma: Sie musste am Donnerstag über die Leitzinsen entscheiden. Angekündigt war, sie von 3,0 auf 3,5 Prozent anzuheben. Sollte die EZB eingehen auf die Aufregung an den Finanzmärkten und die Zinserhöhung kleiner ausfallen lassen? Oder vorgehen wie geplant? Die Notenbanker entschieden sich für letzteres. Ein klares Signal: Sie halten die Banken für solide und robust, die Lage für weniger dramatisch – und konzentrieren sich auf die Inflation. Denn isoliert betrachtet ist sie mit zuletzt 8,5 Prozent in der Euro-Zone immer noch weit entfernt von jenen zwei Prozent, die als optimal gelten.

  • Die große Gefahr

    DIW-Chef Fratzscher über die Lage der Banken

    Pleiten bei Banken in den USA, Rettung für eine Schweizer Großbank, Sorge ums eigene Geld: Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), erklärt die Lage und, ob sich die Finanzkrise von 2008 wiederholt.

    Warum hat die Pleite der SVB vergangene Woche, einer Bank im Silikon Valley, Folgen für die europäischen Banken?

    Marcel Fratzscher: Die Pleite der SVB in den USA hat keine direkten Implikationen für europäische Banken, denn – anders als in der globalen Finanzkrise – haben europäische Finanzinstitutionen nicht oder kaum direkt in die SVB investiert. Die Sorge gilt vielmehr einer Vertrauenskrise, dass also Investoren in Europa befürchten, dass europäische Banken ähnliche Probleme haben könnten und dass sie daher Bankaktien verkaufen und Einlagen abziehen. Die große Gefahr sind so genannte sich selbsterfüllende Erwartungen, bei der die Befürchtung von Bankinsolvenzen dafür sorgt, dass Einlagen von diesen Banken abgezogen werden und sich die befürchteten Bankinsolvenzen dann bewahrheiten.

    Die Pleiten von inzwischen drei US-Banken und die Rettung der großen Schweizer Bank Crédit Suisse mit 50,7 Milliarden Euro erinnern an den Beginn der Finanzkrise. Wie unterscheidet sich die Lage heute von der 2008?

    Fratzscher: Die Lage ist heute bei weitem nicht so besorgniserregend wie vor der globalen Finanzkrise 2008. Es sind heute die starken Zinserhöhungen der Notenbanken, die viele Finanzinstitutionen überrascht hat und die zu massiven Verlusten geführt haben. Das Problem heute ist also nicht die systemische Abhängigkeit zwischen Finanzinstitutionen oder unzureichender Vorsorge in Bezug auf Liquidität und Eigenkapital, sondern die ungewöhnlich aggressive Geldpolitik.

    Wie gefährdet sind deutsche Banken? Müssen sich Kunden um ihr Geld bei Finanzinstituten sorgen?

    Fratzscher: Alle großen Notenbanken müssen eine enorm schwierige Abwägung zwischen Preisstabilität und Finanzstabilität tätigen. Eine weitere Erhöhung der Zinsen ist zwar kurzfristig hilfreich, um die hohe Inflation schneller in den Griff zu bekommen. Diese weitere Erhöhung führt jedoch zu noch stärkeren Verlusten bei vielen Finanzinstitutionen und gefährdet daher die Finanzstabilität. Wenn diese Zinserhöhungen zu systematischen Problemen bei vielen Banken führen, dann laufen die Zentralbanken Gefahr, dass die Volkswirtschaften in eine Rezession fallen und damit die Preise zu stark fallen und mittelfristig die Zentralbanken wiederum ihr Mandat der Preisstabilität noch länger und weiter verfehlen.

    Im Zuge der Finanzkrise haben die Notenbanken über die Nullzinspolitik weltweit Geld in den Markt gepumpt. Zuletzt sind die Leitzinsen gestiegen, um die Inflation einzudämmen. Welche Folgen haben weitere Zinserhöhungen wie jetzt die der EZB?

    Fratzscher: Meine Befürchtung ist, dass die EZB den Bogen ein wenig überspannt hat und eine schwächere Zinserhöhung in den vergangenen Monaten klüger gewesen wäre, um manche Probleme der Finanzstabilität zu vermeiden, ohne das Ziel der Preisstabilität zu kompromittieren. Die EZB und andere Notenbanken müssen jedoch ihre Glaubwürdigkeit wahren und Souveränität und Ruhe signalisieren. Daher hat auch die EZB entschieden, den bisher versprochen Pfad der Zinserhöhungen fortzuführen, um nicht eine Panik oder Überreaktionen in den Kapitalmärkten auszulösen.

    Welche Aufgaben kommen auf die Bundesregierung tun?

    Fratzscher: Die Bundesregierung muss Ruhe bewahren und sich mit der eigenen Bankenaufsicht eng abstimmen, so dass vulnerable Banken in Deutschland frühzeitig identifiziert und notwendige Korrekturen eingeleitet werden können. Der Bundesfinanzminister läuft jedoch Gefahr, an Glaubwürdigkeit zu verlieren, da er nun versprochen hat, dass es keine Probleme im deutschen Finanzsystem gibt. Dies kann man jedoch so pauschal nicht sagen, zahlreiche Sparkassen mussten bereits deutliche Verluste einräumen und andere Finanzinstitutionen werden zweifelsohne folgen. Transparenz und Ehrlichkeit sind essenziell, um Glaubwürdigkeit und Handlungsfähigkeit zu wahren.

  • Abschied ist kein Verbot

    Die FDP wirft SPD und Grünen vor, Öl- und Gasheizungen verbieten zu wollen. Das stimmt nicht – nur in Neubauten sollen die fossilen Geräte nicht mehr installiert werden dürfen.

    Die Stimmung in der Bundesregierung ist gerade turbulent. Aktueller Quell großer Aufregung sind die Öl- und Gasheizungen. Diese mit fossiler Energie befeuerten Wärmelieferanten unter anderem in Wohnhäusern sollen in den kommenden Jahrzehnten allmählich aus dem Verkehr gezogen werden – einen entsprechenden Gesetzentwurf bereiten das Bau- und das Wirtschaftsministerium vor. Nun kritisiert die FDP, Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) wolle Öl- und Gasheizungen „verbieten“.

    Das erscheint aus zwei Gründen erstaunlich. Zum einen hat die Ampel-Koalition aus SPD, Grünen und FDP die Reform vor einem Jahr gemeinsam beschlossen. Wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine und der Notwendigkeit zum Klimaschutz will man von den fossilen Energien wegkommen.

    Zweitens ist im Gesetzentwurf keine Rede von einem kompletten Verbot fossil betriebener Heizungen – was für Hauseigentümer und Mieter teuer werden könnte. Die treffende Formulierung ist eher, dass Öl- und Gasheizungen „auslaufen“ sollen. Wobei Vorsicht geboten ist: Eine Variante des unfertigen Gesetzentwurfs mit dem Datum 15. Februar 2023 liegt dieser Zeitung zwar vor. Allerdings ist der Text noch nicht zwischen den Regierungsparteien abgestimmt, manche Formulierungen werden sich ändern.

    Ein zentraler Punkt ist dieser: Öl- und Erdgasheizungen, die in Ein- oder Mehrfamilienhäusern in Betrieb sind, haben 30 Jahre Bestandsschutz, gerechnet vom Zeitpunkt des Einbaus. Eigentümer, die sich beispielsweise 2010 eine neue Gasheizung in den Keller gestellt haben, dürfen sie bis 2040 weiterbetreiben. 2045 solle allerdings für alle fossilen Geräte Schluss sein, heißt es im vorliegenden Entwurf.

    Geht eine Heizung in bestehenden Gebäude allerdings so kaputt, dass sie ausgetauscht werden muss, ist sie ab Anfang 2024 durch eine ökologische Variante zu ersetzen. Dafür nennt der Gesetzentwurf verschiedene Möglichkeiten: etwa Öl- und Gasheizungen in Kombination mit Wärmepumpen, die mindestens 65 Prozent der Heizlast tragen. Die Idee: Die fossilen Heizungen arbeiten nur noch an den kalten Tagen, wenn die mit Ökostrom betriebenen Wärmepumpen das Duschwasser und die Heizungen nicht ausreichend erwärmen können. Weitere Varianten sind etwa Geräte, die mit Holz, Sonnenenergie oder Wasserstoff laufen. Um die Hausbesitzer:innen und Mieter:innen im Havariefall nicht zu überfordern, werde man „pragmatische Übergangslösungen und mehrjährige Übergangsfristen“ ins Gesetz schreiben, heißt es aus Regierungskreisen.

    „Nur in neuen Gebäuden sollen ab 2024 keine Öl- und Gasheizungen mehr eingebaut werden“, erklärte Christina-Johanne Schröder, Baupolitikerin der Grünen im Bundestag. In Neubauten dürften dann nur Fernwärmeanschlüsse, Wärmepumpen oder strombetriebene Geräte installiert werden, die möglichst mit Ökoenergie laufen.

    Trotzdem warf FDP-Klimapolitiker Michael Kruse Wirtschaftsminister Habeck eine „Verschrottungsorgie von Heizungen“ vor. Diese sei weder ökologisch noch ökonomisch sinnvoll. Auch FDP-Fraktionschef Christian Dürr betonte, dass seine Fraktion keinem „Verbot von Öl- und Gasheizungen“ zustimmen werde. Wobei er hinzufügte, dass ihm gar kein „Entwurf zum Verbot“ vorliege.

    Die Abstimmung des Gesetzes in der Regierung dürfte nun einige Wochen in Anspruch nehmen. „Ich bin mir sicher, dass die FDP auch mit an Bord ist“, sagte die Parlamentarische Geschäftsführerin der SPD-Bundestagsfraktion, Katja Mast. Für ihre Fraktion sei wichtig, dass es eine Förderung für den Umstieg auf umweltfreundliche Heizungen gebe.

    „Die Regelungen müssen so technologieoffen wie und pragmatisch möglich sein“, sagte Frank Ebisch vom Zentralverband des Sanitär- und Heizungshandwerks. „Die Regierung sollte die finanzielle Förderung so gestalten, dass der Umbau die Immobilieneigentümer nicht überfordert.“ Wärmepumpen seien nicht die einzige Lösung.

    Ähnlich äußerte sich der Verband der Heizungsindustrie. Vor dem „Hintergrund des heterogenen Gebäudebestands“ müssten unterschiedliche technische Lösungen zum Zuge kommen. „Nur mit einem umfangreichen Produktportfolio lassen sich die Ziele der Wärmewende für die Haushalte bezahlbar umsetzen.“ Diese Wünsche der Wirtschaft scheint die Bundesregierung aufzunehmen, indem sie eine Palette von Möglichkeiten anbietet – unter anderem Hybridlösungen mit Gas und Wärmepumpen, Sonnenenergie, Biomasse, Wasserstoff.

    In anderen europäischen Ländern ist der Umstieg auf klimafreundliche Wärmegewinnung in Gebäuden ebenfalls im Gange. Frankreich hat über vier Millionen Wärmepumpen installiert. Diese Geräte decken den Wärmebedarf in Norwegen bereits zu rund 60 Prozent sowie in Schweden und Finnland zu etwa 40 Prozent ab. Hierzulande kamen im vergangenen Jahr gut 200.000 Wärmepumpen hinzu, im Vergleich zu 600.000 Gasheizungen.

  • Die große Sparlücke

    Frauen können weniger zurücklegen

    Für die Altersvorsorge ist sie wichtig, aber wenige wollen oder können sich mit Geldanlage beschäftigen. Vor allem Frauen fühlen sich schlecht informiert, haben deutlich weniger Geld zur Verfügung als Männer und sorgen sich um ihr Auskommen im Alter, wie eine repräsentative Umfrage des Bankenverbands ergibt. Immerhin: Wenn sie investieren, stecken sie mehr Geld in Aktien, die langfristig mehr Ertrag versprechen als andere Anlagen.

    „Ohne finanzielle Unabhängigkeit gibt es keine Freiheit. Denn ohne eigenes Geld fehlt der Spielraum, Entscheidungen selbstbestimmt zu treffen“, sagt Henriette Peucker, Stellvertreterin des Hauptgeschäftsführers beim Bankenverband. „Vor diesem Hintergrund sind die Ergebnisse unserer Studie besonders ernüchternd: Frauen beurteilen ihre wirtschaftliche Situation nicht nur weniger gut, sondern haben monatlich im Durchschnitt tatsächlich auch rund 400 Euro weniger zur freien Verfügung als Männer.“ Die Marktforscher von Infas Pro aus Nürnberg befragten für die Studie Anfang Februar bundesweit mehr als 1300 Personen.

    Rund 1000 Euro können Frauen im Schnitt frei ausgeben. Wobei der Wert etwas durch besonders hohe Einkommen verzerrt ist: 72 Prozent der Befragten gaben an, über weniger als 1000 Euro verfügen zu können. Und das hat Folgen für die Altersvorsorge: Frauen können weniger zurücklegen. Etwas mehr als ein Viertel der Frauen spart bis zu 100 Euro monatlich, bei den Männern ist es ein Fünftel. Mehr als 200 Euro legen 28 Prozent der Frauen zurück, bei den Männern sind es 38 Prozent.

    Wer weniger sparen kann, hat später weniger zur Verfügung: Die Hälfte der Frauen erwartet der Studie zufolge, dass es ihnen im Alter nicht so gut gehen wird, bei Männern ist es mehr als ein Drittel. Aber auch diejenigen, die sich finanziell gut oder sehr gut aufgestellt sehen, müssen zum Teil ihren Lebensstil ändern. „71 Prozent der Frauen denken, dass sie sich zur Rente hin deutlich einschränken werden müssen, von den Männern glauben das von sich lediglich 55 Prozent“, sagt Peucker. „Diese Situation ist nicht hinnehmbar.“

    Frauen halten sich beim Sparen möglicherweise auch zurück, weil sie zu wenig über Finanzthemen wissen. 25 Prozent von ihnen  interessieren sich stark oder sehr stark für Finanz- und Wirtschaftsthemen, bei Männern sind es 49 Prozent. Letztere behaupten auch, sich gut in Geldfragen auszukennen: Drei Viertel der Männer sehen das so, aber nur knapp die Hälfte der Frauen. Vor allem beim Börsenwissen hapert es: 71 Prozent der Frauen und 52 Prozent der Männer erklärten, keine Ahnung davon zu haben, was an der Börse geschieht.

    Die Umfrage offenbart auch, dass viele Geldanlagen und Bankgeschäfte zu kompliziert finden. Das sagt nichts darüber, ob Geldanlagen und Bankgeschäfte wirklich schwierig und eher undurchsichtig sind. Das Gefühl könnte aber ein Grund sein, warum viele solche Themen nur ungern oder gar nicht angehen. Vor allem in der Schule und von den Banken wünschen sich alle Befragten mehr Informationen.

    Am wichtigsten bei der Geldanlage ist allen Befragten Sicherheit – mit weitem Abstand vor Gewinn und Verfügbarkeit. Im Vergleich zur Umfrage 2019 sind allerdings alle etwas mutiger geworden. Für künftige Geldanlagen können sich 43 Prozent der Männer vorstellen, ein höheres Risiko einzugehen. Frauen sind deutlich zurückhaltender: Bei Ihnen sind es nur 20 Prozent.

    Möglicherweise deshalb setzten sie 2023 wie auch schon 2019 am liebsten auf ein Sparbuch (36 Prozent) oder auf Tagesgeld (34 Prozent). Beide Anlageformen brachten in den vergangenen Jahren wegen der Niedrigzinsphase praktisch keine Erträge, hatten aber auch kein Verlustrisiko, anders als Aktien oder Aktienfonds. Und hier zeigt die Umfrage eine deutliche Änderung: „Frauen investieren wesentlich mehr in Aktien als noch 2019. Das ist eine erfreuliche Entwicklung“, sagt Peucker. „Heute besitzen 30 Prozent der Frauen Aktien, Fonds oder andere Wertpapiere – 2019 waren es nur 18 Prozent.“ Bei Männern sind es allerdings 47 Prozent. Wobei auch sie auf Tagesgeld (39 Prozent) und Sparbücher (32 Prozent) setzen.

    „Bei Frauen wie bei Männern haben Wertpapiere und Tagesgeld gegenüber 2019 am stärksten zugelegt, wobei fehlende Kenntnisse viele Frauen noch immer vom Wertpapierkauf abhalten“, fasst Bankenverbands-Vizechefin Peucker zusammen. „Wir stellen fest, dass die Distanz zwischen Frauen und Wirtschaft weiterhin groß ist. Nur wer die Vorteile eines Vermögensaufbaus an der Börse versteht, kann jedoch sinnvoll und langfristig vorsorgen.“

  • Das fehlende Vertrauen

    Gute Zahlen bei Bayer besänftigen kaum

    Ganz zum Schluss lächelt der scheidende Bayer-Chef doch noch. Eineinhalb Stunden haben er und sein Vorstandsteam die Zahlen für 2022 erklärt. Topp-Werte, üppige Dividende, sehr gute Produktpipeline, etwas verhaltener Ausblick. Eine geradezu klinisch reine Veranstaltung und im krassen Gegensatz zu dem, was in den vergangenen Wochen so Thema war: Zerschlagung, unzufriedene Großaktionäre, der mehr oder weniger unfreiwillige Abgang Baumanns. Was ist los beim größten deutschen Pharma- und Agrochemiekonzern?

    Rein von den Zahlen her läuft es: rund 51 Milliarden Euro Umsatz, preis- und währungsbereinigt 8,7 Prozent mehr als 2021, Betriebsergebnis um mehr als ein Fünftel gestiegen, Gewinn vervierfacht. Die Agrochemie-Sparte ist kräftig gewachsen, die Pharmasparte mit den verschreibungspflichtigen Medikamenten legt zu, hat zahlreiche vielversprechende Blockbuster in Planung oder auf dem Markt. Dahinter verbergen sich Medikamente mit einem Umsatz von jährlich mehr als einer Milliarde Euro. Und die kleine Sparte Consumer Health mit den frei verkäuflichen Arzneimitteln wie Aspirin und Bepanthen-Salbe gedeiht ebenfalls. Die Dividende soll um 20 Prozent auf 2,40 Euro je Aktie steigen. Warum also muss Baumann, der oberste von 101.000 Mitarbeitern Ende Mai vorzeitig gehen?

    „Bayer hat kein strategisches Problem, Bayer hat ein Vertrauensproblem. Das machte sich am Konzernchef fest“, sagt Marc Tüngler, Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Als der Aufsichtsrat im Februar verkündete, Baumanns Vertrag vorzeitig auslaufen zu lassen, und als Nachfolger den Amerikaner Bill Anderson vorstellte, derzeit Pharmachef des Schweizer Konzerns Roche, sprang der Bayer-Aktienkurs nach oben, die internationalen Anleger überzeugte der Neue. „Mit Baumann wäre der Aktienkurs nie gestiegen“, sagt Tüngler. „Allein, dass der Kurs ausschlug, als sein Abschied bekannt wurde, zeigt, was möglich ist.“

    Baumann ist seit 35 Jahren im Konzern. Als er 2016 Chef wurde, hatte sein Vorgänger Bayers Wert in bisher ungeahnte Höhen getrieben. Baumann nutzte das und setzte einen jahrelang immer wieder diskutierten Plan um: den US-Konzern Monsanto kaufen, um weltweit die Nummer 1 bei Agrochemie zu werden. Die Idee: Die Weltbevölkerung wächst, die landwirtschaftliche Fläche nicht. Alle satt zu bekommen, erfordert ertragreichere Pflanzen, guten Pflanzenschutz, mehr Digitalisierung. Ein Zukunftsgeschäft.

    Bayer schluckte Monsanto für umgerechnet 60 Milliarden Euro, die bis dahin teuerste Auslandsübernahme durch einen deutschen Konzern. Inzwischen ist Bayer mit knapp über 56 Milliarden Euro insgesamt weniger wert, als der Zukauf gekostet hat. Die Übernahme brachte nicht nur Schulden, sondern auch Klagen wegen des Pflanzenschutzmittels Glyphosat, das Krebs auslösen soll, was aber nicht nachgewiesen ist. Von rund 154.000 Fällen sind inzwischen 109.000 beigelegt oder abgelehnt. Insgesamt hat Bayer 16 Milliarden Dollar für Vergleiche zurückgestellt, etwa 9,5 Milliarden Euro wurden ausgezahlt.

    Der Fall belastete den gesamten Konzern. Der Aktienkurs fiel. Und wie immer in den vergangene Jahren, wenn es nicht rund lief, tauchten diejenigen auf, die das Geschäftsmodell anzweifelten. Finanzinvestoren, die sich mit kleineren Anteilen an Konzernen beteiligen und aggressiv versuchen, ihr Ziel umzusetzen und mit Gewinn wieder auszusteigen. Hier halten sie drei einzelne Unternehmen für wertvoller als einen Bayer-Konzern mit drei Sparten.

    Nun ist das Vorgehen solcher aggressiver Investoren nicht von sich aus verwerflich, sie zeigen Probleme auf. Sind Strategie und Management gut, sieht keiner solcher Investoren eine gute Chance auf Gewinn. Bei Bayer allerdings bemängelten auch Deka und Union Investment, die großen Fondsgesellschaft der Sparkassen und der Genossenschaftsbanken, die Konzernführung und die Struktur des Unternehmens.

    Markus Manns, Fondsmanager bei Union Investment, sagt: „Werner Baumann verabschiedet sich mit einem soliden Zahlenwerk. Aber der Ausblick für dieses Jahr ist enttäuschend, genau wie der langsame Schuldenabbau.“ Die Anleger sahen das ähnlich: Bayers Aktienkurs fiel. Manns vermutet, dass der Ausblick absichtlich schwach ausfällt, um „Bill Anderson einen guten Start zu ermöglichen“. Wobei Manns der Zustand Bayers insgesamt nicht gefällt: „Baumann übergibt ein sanierungsbedürftiges Unternehmen, an dem die Schäden durch den „Hurrikan Glyphosat“ so gut es ging ausgebessert wurden und die ersten Reparaturarbeiten an der Bausubstanz begonnen haben.“

    Ob sich die Zerschlagung Bayers in drei Teile mit dem Abschied Baumanns erledigt hat? Unwahrscheinlich. Manns schlägt vor, Consumer Health über die Börse auszugliedern, um Bayer mit den anderen beiden Sparten zu retten. Die Aktionäre profitieren von einem solchen Spin-off, haben sie dann doch neben der Bayer-Aktie eine weitere im Depot. Das könnte die Finanzinvestoren beruhigen. Der Konzern profitiert eher nicht, bekommt er doch kein frisches Geld, um etwa Schulden zu tilgen oder das Pharma-geschäft zu stärken.

    Also verkaufen? Aktionärsschützer Tüngler ist nicht überzeugt: „Die Sparte Consumer Health jetzt zu verkaufen nur um des Verkaufens willen ist falsch. Lassen wir Bill Anderson erst einmal antreten und seine Strategie formulieren. Wenn dann Geld benötig wird etwa, um das Pharmageschäft aufzuwerten, kann man über Verkäufe nachdenken.“ Für Baumann ist das alles nicht mehr Thema. Auf die Frage, was er nach seinem Abschied bei Bayer machen werde, bricht sich beim 60-Jährigen nach gut eineinhalb Stunden maximal neutralen Verhaltens vor den Kameras der Bilanzpressekonferenz das Lächeln Bahn, wenn auch nur kurz: „Alles noch offen.“

  • Energie als Waffe

    Deutschland löst sich von russischem Gas

    Russland setzt im Krieg gegen die Ukraine auch Energie als Waffe ein – schließlich ist der Angreifer einer der größten Öl- und Gaslieferanten der Welt. Das traf vor allem Deutschlands Unternehmen und Haushalte. Inzwischen hat sich die Lage deutlich entspannt.

    Wie konnte es zum Energiemangel kommen?

    Jahrzehntelang hat Deutschland auf billiges Gas und Öl aus Russland gesetzt und sich so abhängig gemacht. 2021 kamen bis zu 55 Prozent des verbrauchten Gases aus Russland – unter anderem durch die Pipeline Nord Stream in der Ostsee. Öl floss durch die Druschba-(Freundschaft)-Pipeline. Der staatliche russische Energieriese Gazprom hatte über die Deutschland-Tochter Gazprom Germania zudem Zugriff auf deutsche Pipelines und Gasspeicher.

    Als Russland die Ukraine überfiel, waren die Speicher recht leer. Und der Weltmarkt gab zunächst nicht genug Gas her, um die russischen Liefermengen zu ersetzen. Gleichzeitig drohte Russland mit Lieferstopps. Die Sprengung der Ostseepipelines durch Unbekannte trug zusätzlich zur Unsicherheit bei. In der Folge legten die Energiepreise kräftig zu – und heizten die Inflation an, die nach dem Ende der Corona-Pandemie ohnehin schon gestiegen war. Zudem verteuerten sich Produkte, für deren Herstellung viel Energie nötig ist, Brot etwa. Im Schnitt kosteten Waren im vergangenen Jahr 6,9 Prozent mehr als 2021.

    Wie sehr hat es Deutschland getroffen?

    Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin beziffert die Verluste auf bis zu 100 Milliarden Euro. So viel hätte die Volkswirtschaft zulegen können, wäre Energie nicht infolge des Ukraine-Kriegs teurer geworden. Zudem musste der Staat in bisher ungeahntem Ausmaß  ins Marktgeschehen eingreifen: Er verstaatlichte Gazprom Germania, heute Sefe (Securing Energy for Europe), und Uniper. Den Düsseldorfer Energiekonzern, bisher größter Importeur von Gas aus Russland, vor der Pleite zu retten, kostet Milliarden. Zudem deckelt der Staat Gas und Strompreise für Industrie und Haushalte bis Frühjahr 2024. Und auch die schwimmenden Flüssiggastanker, über die jetzt Gas importiert wird, hat der Bund gemietet. Bezahlt wird das aus dem Bundeshaushalt und damit letztlich von allen. Das Ausmaß ist bisher nicht bekannt. Deutschland ist es allerdings binnen eines Jahres gelungen, sich von der Gasabhängigkeit zu befreien – ohne in eine tiefe Rezession zu stürzen.

    Woher bekommt Deutschland jetzt Gas und Öl?

    Norwegen ist zum wichtigsten Gaslieferanten Deutschlands aufgestiegen. Beide Länder sind über eine Pipeline in der Nordsee verbunden. Zuletzt kam nach Angaben des Branchenverbands Zukunft Gas gut ein Drittel des benötigten Gases aus dem skandinavischen Land. Über Pipelines liefern auch Belgien und die Niederlande, wo Gas per Schiff anlandet. Deutschland importiert inzwischen über mehrere schwimmende Flüssiggasterminals auch aus Qatar und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Experten erwarten, dass künftig die USA wichtigster Gaslieferant sein werden, weil sie viele Anlagen zum Verflüssigen des Gases haben und recht flexibel liefern können.

    Bei Öl war Deutschland nicht so abhängig von Russland wie bei Gas. Der Rohstoff wird weltweit eingekauft und kommt zu großen Teilen per Tanker. Künftig soll Kasachstan durch die Druschba-Pipeline liefern.

    Wird Energie wieder billiger?

    Die Großhandelspreise sinken seit Monaten. Kostete eine Megawattstunde des wichtigen Dutch TTF Ende August mehr als 308 Euro, sind es inzwischen knapp über 50 Euro. Ein Grund: Deutschland hat LNG-Terminals eröffnet. Inzwischen ist genug Gas in Europa vorhanden, der Winter ist mild, die Speicher sind gefüllt. Dennoch: Die Preise liegen immer noch über jenen rund 20 Euro je Megawattstunde, die im Schnitt vor Corona bezahlt werden mussten. Das es je wieder so billig wird, bezweifeln Experten. Und bis die sinkenden Großhandelspreise beim Endkunden ankommen, kann es noch dauern. Denn die Gasversorger kaufen Gas überwiegend mit länger laufenden Verträgen. Und die Kunden haben meist ebenfalls länger laufende Verträge. So dauert es, bis höhere Preise beim Gaskunden ankommen, ebenso sinken die Preise später.

    Welche Folgen hat der Ukraine-Krieg für die Energiewende?

    Weil Gas teuer und vor allem knapp war, musste vor allem Strom aus anderen Quellen kommen – vor allem aus Kohlekraftwerken. Dabei sollten die wegen des hohen CO2-Ausstoßes nach und nach abgeschaltet werden. Der Anteil der Kohle an der Bruttostromerzeugung stieg nach den Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen von 27,8 Prozent 2021 auf 31,4 Prozent 2022. Allerdings legten auch Windkraft und Photovoltaik von 28,5 auf 32,4 Prozent zu.

    Vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel heißt es, der Krieg habe den Umbau der deutschen Energieversorgung hin zu Erneuerbaren Energien beschleunigt. Wasserstoff-Technologie etwa wird plötzlich stärker verfolgt, weil energieintensive Industrien weg vom teuren Erdgas wollen. Neue Allianzen entstehen, etwa mit Australien oder Afrika, wo sehr viel Sonnen- und Windstrom zur Verfügung steht, um Wasserstoff umweltfreundlich herzustellen.

    Hat Deutschland die Krise hinter sich?

    Dank des milden Winters und weil viele Haushalte und Firmen sparen, verbraucht Deutschland weniger Gas als in einem durchschnittlichen Jahr. Deshalb sind die Speicher nach Zahlen von Gas Infrastructure Europe in Deutschland zu mehr als 71 Prozent gefüllt. Vor einem Jahr waren es am Vorabend des russischen Angriffs auf die Ukraine knapp 30 Prozent. Dennoch gilt der nächste Winter gilt als kritisch. Wichtig dabei: Haushalte und Industrie sparen weiter. Vor allem in der Industrie ist das nicht sicher. Denn einige Unternehmen haben schlicht Produktion still gelegt. Wenn die Nachfrage anzieht, sollten die Anlagen auch wieder hochgefahren werden.

    Wie lässt sich die Speicherkapazität erweitern?

    Deutschland gehört bereits zu den großen Speichernationen weltweit, steht für gut ein Viertel der europäischen Kapazität. Sind die Speicher voll, reichen sie für gut drei, ist es warm sogar für vier Monaten – für Haushalte und Industrie. Weil die Gasmengen so groß sind, werden sie unterirdisch gespeichert – in künstlich geschaffenen Hohlräumen in Salzstöcken oder natürlich entstandene Porenspeichern, oft ehemalige Gas oder Öllagerstätten. Neue Speicher ließen sich anlegen, das kostet allerdings. Bisher scheint sich das noch für kein Speicherunternehmen zu rechnen.

  • Wie der Krieg die Wirtschaft trifft

    Deutschland muss sich neu orientieren

    Russlands Angriff auf die Ukraine und die darauf folgenden Sanktionen haben die Weltwirtschaft seit Februar 2022 stark getroffen. Doch nicht alle Länder sind gleich belastet. Manche profitieren von den Folgen des Krieges – in Teilen sogar Deutschland.

    „Wegen des Ukraine-Kriegs und der Sanktionen dürfte die Weltwirtschaft grob um einen knappen Prozentpunkt weniger wachsen“, sagt Klaus-Jürgen Gern, Leiter internationale Konjunkturprognose beim Institut für Weltwirtschaft in Kiel. „Bei den fortgeschrittenen Volkswirtschaften in Europa sind es eher 1,5 bis zwei Prozentpunkte.“

    Hauptproblem für viele Länder waren die steigenden Energiepreise. Russland gehört zu den größten Öl- und Gasexporteuren der Welt. Die gelieferten Mengen ließen sich nur schwer in anderen Ländern bekommen. Entsprechend teurer wurden Gas und Öl. Auch herrschte eine gewisse Panik, was die Preise zusätzlich trieb.

    Russland wie die Ukraine sind große Getreideexporteure, auf die besonders ärmere Regionen der Welt angewiesen sind. Der Krieg und seine Folgen habe auch die Preise von Getreide steigen lassen, sagt Gern. „Das trifft arme Länder besonders, aber auch einige europäische Staaten, in denen die Menschen für Nahrungsmittel 25 Prozent und mehr ihres Einkommens ausgeben.“

    Vor allem westliche Staaten verhängten Sanktionen gegen Russland. „Entscheidend ist, dass Russland seine Importnachfrage nicht erfüllen kann, dass bestimmte Bauteile nur schwer und nicht in ausreichender Menge zu bekommen sind. Das betrifft auch Konsumgüter“, erklärt IfW-Konjunkturexperte Gern. Vor allem hochwertiges Material fehlt, besonders Halbleiter und Steuerungselektronik.

    So hält die staatliche russische Fluggesellschaft Aeroflot nur noch einen Teil ihrer Airbus-Maschinen in der Luft, weil sie andere als Ersatzteillager benutzen muss. Der Autohersteller Lada liefert Fahrzeuge jetzt ohne ABS und Airbag aus. „Die russische Wirtschaft wird primitiver“, heißt es beim Ost-Ausschuss der deutschen Wirtschaft. Das hat auch damit zu tun, dass Fachkräfte das Land verlassen. Allein 100.000 IT-Fachkräfte verabschiedeten sich 2022 nach offiziellen Kreml-Zahlen.

    Viele russische Unternehmen versuchen, Teile über andere Länder zu beschaffen, wenn sie sie direkt im Westen nicht bekommen, etwa über China, Indien, Kasachstan, die Türkei. Das dauert und kostet deutlich mehr als früher, wie ein Beobachter sagt. Für die russischen Firmen seien die Mengen nicht kalkulierbar, ebenfalls nicht, ob die richtigen Teile kämen. Garantien gebe es auch nicht, etwa für Iphones des US-Herstellers Apple, die oft durch die Hände von mehreren Zwischenhändlern liefen. Sie verlangten auch deutliche Preisaufschläge – wegen des Risikos und weil der Bedarf in Russland hoch sei.

    Auch Bezahlen ist komplizierter. Seit viele russische Banken vom internationalen Zahlungsinformationsdienst Swift ausgeschlossen sind, laufen Finanzgeschäfte oft über Kasachstan. Das Land gehört dem russischen Wirtschaftsraum an, grenzt sich aber etwas ab. Und natürlich lassen sich kasachische Finanzdienstleister den Service extra bezahlen.

    Die westlichen Energiesanktionen treffen Russland empfindlich, weil 40 Prozent der Einnahmen aus dem Rohstoffexport stammen. Europa nimmt kaum noch Gas ab, kein Öl, keine Ölprodukte wie Diesel. Und auch der Ölpreisdeckel der EU lässt sich offenbar nicht so einfach umgehen. Europäische Versicherer dürfen keine Tanker mehr versichern, die russisches Öl transportieren, dass für mehr als 60 Dollar je Fass (159 Liter) verkauft wird. Derzeit liegt der Weltmarktpreis für russisches Öl sogar darunter, unter anderem weil vor allem China, Indien und die Türkei den Rohstoff zwar abnehmen, aber auf hohe Rabatte bestehen. Russland benötig geschätzt 70 Dollar je Fass, um genug einzunehmen.

    Angeblich nutzt Russland eine Schattenflotte aus Uralttankern, die nicht versichert sind, um sein Öl doch noch zu liefern. Auch soll das Öl mehrfach umgeladen werden, um die Quelle zu verschleiern. Zudem setzt der Kreml offenbar auf iranische Tanker, um doch noch Öl zu verkaufen. Dennoch: Russland will die Produktion drosseln.

    Weil die Rohstoffeinnahmen sinken, die Kriegsausgaben aber steigen, steckt der russische Staatshaushalt seit Dezember tief in den roten Zahlen. Allein das Minus von umgerechnet 23 Milliarden Euro im Januar entspricht schon 60 Prozent des für das Gesamtjahr geplanten Defizits. Grund sind dem Staat zufolge um 59 Prozent höhere Ausgaben, wohl vor allem für den Krieg. Gleichzeitig brachen die Einnahmen um 46 Prozent ein. Der Staat ging deshalb an seine Reserven, verkaufte Gold und chinesische Yuan. Trotz aller Probleme: Der Internationale Währungsfonds IWF erwartet jetzt, dass die Volkswirtschaft 2023 um bis zu 0,3 Prozent wächst – eine Folge der Kriegsindustrie. Noch im Herbst rechnete er mit einem Minus von 2,3 Prozent.

    Russland gehörte zu den wichtigen Handelspartnern Deutschlands. Aus Russland kamen Rohstoffe, geliefert wurden vor allem Maschinen, jetzt sind es pharmazeutische und landwirtschaftliche Produkte, die nicht sanktioniert sind. Als Folge der Sanktionen halbierte sich der Wert der Ausfuhren nach Russland 2022 fast. Für Einfuhren aus Russland zahlte Deutschland insgesamt 6,5 Prozent mehr – wegen der hohen Energiepreise. Russland rutschte von Rang 13 der Außenhandelspartner auf Rang 16 ab.

    Für Deutschland bedeuteten die Sanktionen und die Folgen vor allem ein Ende der billigen Energie und der Abhängigkeit von Russland. Deutschland ermöglichte binnen eines Jahres drei schwimmende Terminals für Flüssiggas. „Die Bundesrepublik hat sich mehr dem Weltmarkt geöffnet“, sagt Timm Kehler, Geschäftsführer des Branchenverbands Zukunft Gas. Noch 2021 bezog die Bundesrepublik rund 55 Prozent des Gases aus Russland, jetzt ist es praktisch nichts.

    So hat Norwegen Russland als wichtigsten deutschen Gaslieferanten abgelöst. Die Skandinavier sind per Pipeline mit Deutschland verbunden und liefern nach Angaben von Zukunft Gas derzeit rund ein Drittel des deutschen Verbrauchs. Perspektivisch werden dem Verband zufolge die USA wichtiger – wegen der vielen Flüssiggas-Terminals und der besonders flexiblen Förderung.

    „Der Krieg war ein Weckruf. Er hat den Umbau der deutschen Energieversorgung weg von fossilen hin zu Erneuerbaren Energien beschleunigt“, sagt IfW-Konjunkturforscher Gern. „Das löst auch Innovationen aus. In fünf Jahren werden wir weiter sein als ohne den Schock des Krieges.“ Dazu zählen eine Flüssiggas-Infrastruktur, Wasserstoff-Technologie und schnellere Verfahren. Die Kehrseite: „Die enormen Investitionen in den Energiesektor und die Verteidigung fehlen letztlich woanders.“

  • Diesel-Golf vor Gericht

    Ein wegweisendes Verfahren in Schleswig

    Im Saal 6 eines roten Klinkerbaus in Schleswig geht es am Montag (20. Februar) um Diesel-Motoren. Die mündliche Verhandlung vor dem Verwaltungsgericht verspricht sehr viele technische Einzelheiten, die den meisten wenig sagen werden. Dennoch könnte ein Urteil Folgen für Millionen Autofahrer in Deutschland haben. Es geht um die Frage, ob ihre Fahrzeuge wegen fehlerhafter Abgasreinigung stillgelegt werden müssen.

    Die dritte Kammer des Gerichts befasst sich mit einer Klage der Deutschen Umwelthilfe gegen das Kraftfahrtbundesamt (KBA). Aus Sicht der Umweltschützer hat die Flensburger Behörde Software zugelassen, die die Abgase eines Dieselmotors – anders als versprochen – dauerhaft nicht richtig reinigen. Das KBA steht zu seiner Entscheidung. Und der VW-Konzern, der nicht beklagt, aber im Verfahren beigeladen ist, hält die Software für zulässig.

    Das Brisante: Es ist eine von 120 ähnlich gelagerten Klagen der Umwelthilfe gegen das KBA. Sollte die Behörde verlieren, werden die anderen wahrscheinlich auch gegen sie entschieden. Betroffen sind nach Angaben der Umwelthilfe mehr als fünf Millionen Fahrzeuge. Beobachter bezweifeln die Zahl, weil viele der Diesel-Autos mit der entsprechenden Technik bereits nicht mehr auf der Straße seien.

    Für die Umwelthilfe ist klar: Sollte das KBA vor Gericht unterliegen, müsse es zwingend mehrere Millionen Diesel-Fahrzeuge der Abgasnorm Euro 5 und 6 amtlich zurückrufen. VW wäre dann verpflichtet, eine wirksame Abgasreinigung nachzurüsten. Andernfalls müssten die Fahrzeuge nach Ansicht der Umweltschützer stillgelegt, die Halter entschädigt werden.

    Der Konzern sieht das anders: Es drohten weder behördliche Stilllegungen noch Hardware-Nachrüstungen. „Ebenso bleiben zivilrechtliche Klagen, die einen vermeintlichen Schadensersatzanspruch auf das Vorhandensein eines Thermofensters stützen, wie bisher erfolglos.“ Mit Thermofenstern werden Bereiche zwischen verschiedenen Außentemperaturen bezeichnet, in denen die Abgasrückführung aus technischen Gründen im Motor in Teilen oder ganz abschaltet.

    In dem konkreten Fall geht es um einen Golf mit einem Dieselmotor des Typs EA189 und der Abgasnorm Euro 5. Diese Motoren sind eng verbunden mit dem Abgasskandal, der den Volkswagenkonzern von September 2015 an erschütterte. Die eingebaute Software steuerte den Motor so, dass er auf dem Prüfstand saubere Abgaswerte lieferte, im Straßenverkehr waren die Stickoxid-Werte um ein Vielfaches höher. Betroffen waren gut elf Millionen Fahrzeuge des Konzerns. Insgesamt stellte VW gut 33 Milliarden Euro für die Folgen des Skandals zurück.

    In den USA kaufte das Unternehmen fast 400.000 Fahrzeuge zurück und verschrottete sie zum Teil. In Deutschland musste VW die Motorsoftware aktualisieren und die Schummel-Elemente beseitigen. Dabei prüfte das KBA auch „die temperaturabhängige Abgasrückführung in den Software-Updates für die EA189-Pkw“, habe sie als zulässig bewertet und genehmigt, heißt es bei VW. Das war 2016.

    Die Umwelthilfe sieht wenig Spielraum und hält Thermofenster wenn überhaupt nur in sehr wenigen Ausnahmefällen für nötig. Bei zahlreichen eigenen Messungen stellten die Umweltschützer immer wieder fest, dass Fahrzeuge mit Euro 5 und 6 auch bei eher unkritischen Temperaturen viele Schadstoffe ausstießen. Bei VW heißt es, das Thermofenster schütze „vor unmittelbaren Risiken für den Motor in Form von Beschädigungen oder Unfall. Die Risiken wiegen so schwer, dass sie eine konkrete Gefahr beim Betrieb des Fahrzeugs darstellen können.“ Inzwischen gilt die strengere Norm Euro 6d. Hier sind Thermofenster offenbar nicht nötig.

    Das Verfahren in Schleswig läuft schon etwas länger (Az. 3 A 113/18). Zuletzt wartete die dritte Kammer des Verwaltungsgerichts auf den Europäischen Gerichtshof, der einige Fragen klären sollte. So entschieden die Luxemburger Richter Anfang November vergangenen Jahres, dass die Umwelthilfe überhaupt klagen darf und nicht jeder einzelne, der ein entsprechendes Fahrzeug fährt, vor Gericht gehen muss. Und sie entschieden, wie schon dreimal im Juli 2022 in ähnlichen Fällen, das Abschalteinrichtungen wie das Thermofenster nur dann und in engen Grenzen zugelassen werden dürfen, wenn der Motor oder die Sicherheit des Fahrzeugs gefährdet sind. Und bei der enge der Grenzen liegen Umwelthilfe und Kraftfahrtbundesamt sowie VW offenbar weit auseinander.

    Das Thema braucht Zeit, möglicherweise wird noch ein Gutachten nötig. Die dritte Kammer befasst sich am Montag nur mit diesem einen Fall. Ob es bereits ein Urteil gibt, ist offen. Was aber sicher ist: Weitere Instanzen werden sich mit dem Golf und den Thermofenstern beschäftigen – entweder das Oberverwaltungsgericht oder, wegen der grundsätzlichen Bedeutung des Falles, gar direkt das Bundesverwaltungsgericht.

    Die Umwelthilfe klagt in der Regel durch alle Instanzen. Es ist anzunehmen, dass auch das Kraftfahrtbundesamt alle Rechtsmittel ausnutzen wird. Die Behörde will sich erst am Montag nach der Verhandlung zu dem Verfahren äußern.