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  • 91 Milliarden für die Gaspreisbremse

    Unbürokratische Entlastung für Haushalte vorgeschlagen

    Als die Sonne am Montag über Berlin aufgeht, liegt die Lösung vor: Um Haushalte und Unternehmen in Deutschland vor den kräftig gestiegenen Gaskosten zu schützen, schlägt die Experten-Kommission Gas und Wärme, Haushalten und Unternehmen zum Teil feste Preise zu garantieren. Die Differenz zum Marktpreis soll der Staat übernehmen. Die Kosten beziffert die Kommission auf möglicherweise rund 91 Milliarden Euro – je nachdem wie sich der Marktpreis für Gas entwickelt.

    Knapp 36 Stunden hat die Kommission getagt. „Der wichtigste Punkt war: Wir sollten schnell sein“, sagte Michael Vassiliadis, Chef der Gewerkschaft IG BCE. Er leitet gemeinsam mit der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm und Siegfried Russwurm, Präsident des Industrieverbands BDI, das Expertengremium. Weitere Kriterien: Schutz der Haushalte und Firmen vor überbordenden Kosten, Sparanreize für Verbraucher. Und es sollte unbürokratisch gehen und machbar sein.

    Die Kommission schlägt der Bundesregierung unterschiedliches Vorgehen bei Haushalten und Industrie vor:

    Haushalte: Für die rund 24 Millionen Haushalte, die Gas nutzen, soll der Staat demnach im Dezember einmalig die Abschlagsrate übernehmen. Vom 1. März 2023 an soll dann 80 Prozent des Gasverbrauchs nur noch zwölf Cent je Kilowattstunde kosten. Enthalten sind dabei auch alle Steuern und Gebühren. Die Differenz zum deutlich höheren Marktpreis soll der Staat übernehmen. Für 20 Prozent des Verbrauchs müssen die Haushalte die Marktpreise selbst zahlen. Wer weniger verbraucht, spart dann Geld. Die Regeln sollen bis Ende April 2024 gelten.

    Ein Beispiel (Gasmarktpreis 25 Cent): Ein Haushalt mit 15.000 Kilowattstunden Verbrauch pro Jahr zahlte ohne Preisdeckel 3750 Euro. Mit Preisdeckel zahlt er 2190 Euro (12.000 kWh x 12 Cent + 3000 kWh x 25 Cent).

    Die zwölf Cent je Kilowattstunde sind der Gaspreis, den die Kommission in Zukunft für realistisch hält. Dass er wieder auf jene knapp sieben Cent von Anfang des Jahres sinken wird, hält die Kommission für unwahrscheinlich. Für Fernwärme sollen ähnliche Regeln gelten. Der Preis soll bei 9,5 Cent pro Kilowattstunde gedeckelt werden.

    Die Haushalte müssten sich um nichts kümmern, sagte Grimm. Die Versorger hätten zugesagt, die staatlichen Zuschüsse zu verrechnen. Die monatlichen Abschläge der Gaskunden sänken dann. In Mietshäusern müsste die Hausverwaltung die Abschläge der Mieter anpassen. Härtefallregelungen soll es für Vermieter geben, die in Schwierigkeiten geraten sind, weil sie bereits die höheren Gaspreise an die Versorger zahlten, denen Mieter aber immer noch niedrige Nebenkosten überwiesen.

    Warum die Einmalzahlung nicht schneller kommt? „Der Dezember ist der erste Monat, zu dem die Versorger das schaffen“, sagte IG BCE-Chef Vasiliadis. Auch drei Monate lang die Abschläge zu senken, sei kompliziert. „Und wir wollten eine schnelle Lösung.“ Dass der Vorschlag der Kommission Geld mit der Gießkanne an alle verteilt und nicht zielgerichtet an Bedürftige mit geringen Einkommen, sehen die Experten. „Wir konnten das nicht vermeiden, weil es schnell gehen musste“, sagte Vasiliadis. Deshalb sollen die staatlichen Zuschüsse bei der Einkommensteuer als geldwerter Vorteil angegeben und versteuert werden. Freibeträge sind vorgesehen. Vor allem Haushalte mit höheren Einkommen müssten einen Teil der Zuschüsse wieder als Steuer abführen.

    Insgesamt entlastet der Vorschlag die Haushalte und kleinen Gewerbekunden um rund 66 Milliarden Euro.

    Industrie: Für die rund 25.000 Industriekunden schlägt die Kommission eine Gaspreisbremse bereits vom 1. Januar 2023 an vor. Hier soll der Beschaffungspreis des Gases für 70 Prozent des Verbrauchs auf sieben Cent begrenzt werden. Der Staat übernimmt die Differenz zum Marktpreis. Für die restlichen 30 Prozent wird der Marktpreis vollständig fällig. Industriekunden haben in der Regel Einzelverträge über mehr als 1,5 Megawattstunden. „Das Ergebnis ist belastbar“, sagte BDI-Präsident Russwurm. Perfekt sei es sicher nicht. Die Kosten für den Staat berechnete die Kommission mit rund 25 Milliarden Euro.

    Jetzt musst die Politik entscheiden, ob sie die Vorschläge umsetzt. Die Kommission arbeitet weiter. Sie soll bis Ende des Monats einen Abschlussbericht vorlegen. Unter anderem soll sie noch klären, wie Kunden durch Geld angeregt werden können, Gas zu sparen, oder wie sich die Reaktion auf die Gaspreiskrise  so nutzen lässt, dass die Energiewende zu erneuerbaren Energien beschleunigt wird.

    Haushalte und kleine Gewerbekunden verbrauchten 2021 rund 400 Terrawattstunden Gas , die Gaskraftwerke und Industrie etwa 600 Terrawattstunden. Die Preise stiegen von rund rund sieben Cent je Kilowattstunde auf mehr als 28 Cent. Die Vorschläge der Kommission sind Teil des Doppelwumms-Pakets der Bundesregierung von insgesamt bis zu 200 Milliarden Euro, mit dem die Haushalte und Wirtschaft entlastet werden sollen.

    Zu den 21 Mitgliedern der Expertenkommission gehören neben Grimm, Russwurm und Vassiliadis auch Axel Gedaschko, Geschäftsführer des Wohnungsbauverbands GdW, Lukas Siebenkotten vom Deutschen Mieterbund, Verdi-Chef Frank Werneke, die Chefs der Energieversorger Eon und RWE, Leonhard Birnbaum und Markus Krebber sowie zahlreiche Wissenschaftler.

    Zu den 21 Mitgliedern der Expertenkommission gehören neben der Wirtschaftsweisen Veronika Grimm, dem BDI-Präsidenten Russwurm und IG-BCE-Chef Michael Vassiliadis als Vorsitzenden auch DIHK-Präsident Peter Adrian, Axel Gedaschko vom Wohnungsverband GdW, Lukas Siebenkotten vom Deutschen Mieterbund, Verdi-Chef Frank Werneke, die Chefs der Energieversorger Eon und RWE, Leonhard Birnbaum und Markus Krebber, sowie zahlreiche Wissenschaftler. Das Bundeswirtschaftsministerium hat die Kommission am 23. September eingesetzt.

  • Käse aus dem Bioreaktor

    Tierische Produkte könnten ohne Tiere hergestellt werden

    Fischstäbchen aus der Petri-Schale, Burger aus dem Brutkasten, Käse aus dem Bioreaktor: Zahlreiche junge Firmen arbeiten an Lebensmitteln von Morgen. Das T-Bone-Steak wird es so schnell nicht aus der Retorte geben – dafür sind die technischen Herausforderungen groß. Und auch sonst sind weltweit erst zwei Produkte auf dem Markt. Aber die Branche hat Großes vor. Ein Nebeneffekt: weniger Treibhausgasemissionen.

    Um Fleisch anzubieten, müssen heute Tiere gehalten und geschlachtet werden. Die Tierhaltung gehört zu den größten Quellen für Treibhausgase, der Anteil ist mit 14,5 Prozent etwa so hoch wie der des Verkehrs. Er ließe sich je nach Studie zum Thema um bis zu 90 Prozent senken – ein sehr optimistischer Wert. Gleichzeitig wächst die Weltbevölkerung, in aufstrebenden Staaten steigt der Hunger auf Fleisch. Die Menschen müssten verzichten, doch das ist schwer durchzusetzen.

    Die smarte Lösung vieler neuer gegründeter Firmen: Käse aus Fermentationsprodukten, Fleisch und Fisch aus dem Labor. Sprunginnovation nennt es Nick Lin-Hi, Professor für Wirtschaft und Ethik der Universität Vechta und Spezialist für „kultivierte tierische Proteine“. Die Kunden bekommen, was sie wollen, die Quelle ist nur anders. Letztlich, sagt Lin-Hi, entscheide sich der Kunde trotz aller guten Absichten vor allem nach dem Preis. Und das werde sich auch nicht ändern. Langfristig erfolgreich können die neuen Produkte deshalb nur sein, wenn sie höchstens genauso viel kosten wie die klassischen Angebote. Im Idealfall sind sie sogar günstiger.

    Die Firmen geben sich selbstsicher und optimistisch. Formo aus Berlin etwa. Das Unternehmen arbeitet mit Präzisionsfermentation und stellt Käse aus dem Bioreaktor her. Dabei werden zum Beispiel Hefen so verändert, dass sie während der Fermentation Kasein bilden, den tierischen Grundstoff für Käse. Das Ergebnis ist ein weißes Pulver, wie Christian Poppe von Formo sagt. Zusammen mit Fett und Wasser reift daraus ein Käse heran, der sich nicht von Käse aus Milch unterscheidet. Das Ziel: „Wir wollen bis 2030 zehn Prozent Anteil am europäischen Markt für Milchprodukte“, sagt Poppe.

    Bluu aus Berlin züchten Fisch im Labor, oder Innocent Meat aus Mecklenburg-Vorpommern, die sich mit kultiviertem Fleisch beschäftigen. Dabei werden Zellen des lebenden Tiers genommen und vermehrt. Es wächst echtes Fleisch, nur muss kein Tier fürs Filet getötet werden.

    Der Markt ist riesig. Für 2022 schätzt die Welternährungsorganisation FAO den Verbrauch von Fleisch auf 360,5 Millionen Tonnen. Die Beratungsfirma BCG schätzt den Markt für alternative Proteine 2035 auf 290 Milliarden Dollar. Ihr Anteil könnte dann mindestens elf Prozent des Weltmarktes für Fleisch betragen. Davon wird das meiste durch pflanzliche Produkte, etwa Burger aus Erbseneiweiß, und Fermentation ersetzt, nur ein Bruchteil wird gezüchtetes Fleisch sein. Denn was im Labor funktioniert, muss nicht zwingend im industriellen Maßstab funktionieren. Die technischen Anforderungen sind groß.

    Das Geschäft an sich ist noch recht neu. 2013 stellte der Niederländer Mark Frost den ersten Burger aus kultiviertem Fleisch vor. Er kostete 250.000 Euro. Der erste Fisch konnte 2017 in den USA kultiviert werden.

    Bisher sind weltweit erst zwei Produkte mit kultiviertem Fleisch für den Verkauf zugelassen: eine Art Chicken Nuggets, ein Mix aus pflanzlichen und tierischen Proteinen, sowie Hühnerbrust. Beide stammen von der US-Firma Eat Just und sind ausschließlich in Singapur zu kaufen. Der Stadtstaat ist für viele Unternehmen besonders interessant, weil er neuartigen Lebensmitteln gegenüber besonders aufgeschlossen ist. Ein Grund: Es gibt fast keine Landwirtschaft im dicht besiedelten Gebiet.

    Ebenfalls vorn dabei ist Israel. Andere Länder haben das Thema auch für sich entdeckt. Die USA wollen den Zugang vereinfachen. Die ersten Produkte sollen 2023 auf den Markt kommen. China hat kultiviertes Fleisch in den Fünf-Jahrs-Plan aufgenommen. In Europa setzt Großbritannien im Rahmen der nationalen Lebensmittelstrategie auf die neuen Techniken. In der EU wird es schwierig. Neue Lebensmittel müssen ein besonderes Zulassungsverfahren durchlaufen. „Im besten Fall dauert das 18 Monate, die Realität sind eher drei Jahre“, sagt Ivo Rzegotta vom Thinktank Good Food Institute in Berlin. Deshalb setzen die Firmen auf andere Märkte. In Deutschland könnten Produkte aus kultiviertem Fleisch Experten zufolge Ende der 20er Jahre in den Regalen liegen.

    Denn Laboreinrichtungen, Bioreaktoren und Spezialisten sind teuer. Geld kommt von Investoren, die nach einer gewissen Zeit auch sehen wollen, ob sich ihre Investition rechnet. Deutschland hat Rzegotta zufolge großes Potenzial: Gründer, eine starke chemische Industrie und Spezialisten im Maschinen- und Anlagenbau. Was fehlt, sind Forschung und staatliche Hilfe. „Wir haben alle Voraussetzungen ins Spitzenfeld aufzurücken, nutzen sie aber im Moment nicht.“

  • Gründer sind Optimisten

    Trotz trüben Ausblicks sind Startups zuversichtlich

    Für Deutschlands Wirtschaft zeichnet sich ein harter Winter ab. Die Stimmung der Unternehmen ist schlecht. Doch eine Gruppe von Firmen ist überraschend optimistisch: die Startups. Jedenfalls bewerten sie das Geschäftsklima deutlich besser als etablierte Unternehmen, wie der Deutsche Startup-Monitor 2022 ergeben hat. „Offenbar sehen sie auch in schlechten Zeiten Chancen für innovative Lösungen“, sagt Tobias Kollmann, Professor für Entrepreneurship an der Universität Duisburg-Essen.

    Das Gründen sei mit einem Grundoptimismus verbunden, findet Kollmann. Zudem müssten sich etablierte Unternehmen innovativen Ideen zuwenden, um gut durch die Krise zu kommen. Das seien Chancen für junge innovative Firmen. Im Mai und Juni, als die Firmen für den Monitor befragt wurde, waren noch 42,2 Prozent der Startups positiv gestimmt. Der Geschäftsklimaindex des Münchener Ifo-Instituts stand da nur bei 1,8 Prozent. Inzwischen ist er tief ins Minus gerutscht. Auch die Startups dürften die Lage inzwischen etwas schlechter sehen – aber eben tendenziell noch positiv. Schon in den vergangenen Jahren waren die Gründer immer optimistischer.

    Der Deutsche Startup-Monitor des Beratungshauses PwC entstand in Zusammenarbeit mit der Universität Duisburg und dem Deutschgen Startup-Verband. Er untersucht die Lage der Gründerinnen und Gründer in Deutschland. 2013, als der Bericht erstmals erschien, war die Szene noch recht übersichtlich. Allenfalls in Berlin und München versuchten frisch gegründete Firmen, die etablierten mit technologiegetriebenen Ideen anzugreifen. Inzwischen beschäftigen Startups in Deutschland 415.000 Mitarbeiter direkt, und weitere 1,6 Millionen indirekt. Als Startup gelten Firmen, die jünger als zehn Jahre sind, schnell wachsen wollen und eine innovative Technologie nutzen – eher die Onlinebank als der Handwerksbetrieb.

    Einige der Gründungen vergangenen Jahre sind besonders erfolgreich: Der Berliner Onlinemodehändler und Techkonzern Zalando ist inzwischen im Deutschen Aktienindex Dax notiert. Firmen wie der Personalspezialist Personio aus München oder die Onlinebank N26 sind Milliarden wert. Und Biontech aus Mainz zeigt mit dem Corona-Impfstoff, dass auch Biotech aus Deutschland weltweit erfolgreich sein kann.

    Das durchschnittliche Startup ist allerdings bei weitem nicht so groß wie diese Firmen. dem Monitor zufolge beschäftigen die Firmen im Schnitt 18,4 Mitarbeiter und planen, 9,2 einzustellen. 2021 waren es etwas weniger. In Berlin und München sind die Firmen deutlich größer: Die Berliner beschäftigen 44,2 Mitarbeiter und wollen fast 20 einstellen, in München sind es 42,1 Mitarbeiter, 16 sollen dazukommen. Knapp 30 Prozent der Firmen befassen sich mit IT und Kommunikation, gut elf Prozent mit Gesundheit, zehn Prozent mit Ernährung und Konsumgütern.

    Probleme bereitet den jungen Unternehmen zunehmend der Fachkräftemangel. 34,5 Prozent klagen darüber. Vor zwei Jahren waren es nur 17 Prozent. Bei größeren Firmen mit mehr als 25 Beschäftigten sind es sogar 67,1 Prozent. Viele dieser Startups konkurrieren mit ausländischen Firmen um Personal. Im Schnitt kommen 27,1 Prozent der Mitarbeiter aus dem Ausland. In Berlin und München, den wichtigsten Startup-Städten sind es sogar 41 und 38 Prozent.

    Großen Nachholbedarf sehen Kollmann, Florian Nöll, bei PwC Deutschland verantwortlich für Innovation und Firmenentwicklung, sowie Franziska Teubert, Geschäftsführerin beim Deutschen Startup-Verband, bei Gründerinnen. Sie haben 2022 einen Anteil von 20,3 Prozent – ein deutlicher Sprung von den 17,7 Prozent im vergangenen Jahr, aber immer noch deutlich zu niedrig, wie Kollmann sagt. Frauen seien bei Investitionen benachteiligt und hätten einen schlechteren Zugang zu den entscheidenden Netzwerken.

    Allen Startups macht wie in den vergangenen Jahren auch die deutsche Bürokratie zu schaffen. Zwischen 85 und 92 Prozent wünschen sich schnellere und vor allem einfachere Verwaltungsprozesse. Vor allem für die größeren wichtig sind einfachere Visabestimmungen für Mitarbeiter. Vieles hat die Bundesregierung in ihrer Startup-Strategie berücksichtigt. „Gut ist, dass es überhaupt eine solche Strategie gibt“, sagt Teubert vom Deutschen Startup-Verband. „Die Frage ist jetzt nur, wann das alles umgesetzt wird.“

    Was der Monitor nicht hergibt: Eine Liste der größten Gründungsstandorte. Denn die Umfrage lief online, war deshalb nicht repräsentativ. Was sich aber sagen lässt: Von den rund 2000 Unternehmen, die sich beteiligten, sitzen 19,1 Prozent in Berlin, aus Nordrhein-Westfalen, dem bevölkerungsreichsten Bundesland, kamen 19,8 Prozent, aus Bayern 13,6 Prozent.

  • Satter Gehaltssprung in Chefetagen

    Topmanager verdienen 2021 rund 24 Prozent mehr

    Für Deutschlands Spitzen-Manager ist 2021 großartig gelaufen. Die Gewinne stiegen auf einen Rekordwert und in der Folge auch die Managerbezüge. Satte 24 Prozent mehr erhielten die Vorstandsmitglieder im Durchschnitt. Und sie profitierten deutlich stärker als ihre Mitarbeiter, wie der Vergütungsbericht der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) zeigt. Der Spitzenverdiener erhielt 19 Millionen Euro. In diesem Jahr dürfte es dagegen schlechter aussehen: Hohe Inflation, dramatische Energiepreise, Lieferprobleme belasten die Firmen.

    Untersucht hat die Technische Universität München im Auftrag der DSW die Vorstandsgehälter der großen börsennotierten Firmen im Deutschen Aktienindex Dax und der mittelgroßen Firmen im MDax. 2020 waren die Gewinne noch eingebrochen, das Geschäft lief wegen Corona schlecht. 2021 dagegen stiegen sie um 122 Prozent auf rund 170 Milliarden Euro. Gunther Friedl, Professor für Controlling an der TU München und Leiter der Studie, sprach angesichts der Zahlen von einem historischen Charakter. Und sie ließen die Gehälter steigen.

    Im Schnitt verdiente jedes Dax-Vorstandsmitglied im vergangenen Jahr 3,92 Millionen, fast ein Viertel mehr als ein Jahr zuvor. Friedel bezeichnete das Plus als sehr stark. Allerdings hatten viele Manager im schlechten Corona-Jahr 2020 auf einen Teil des Gehalts verzichtet. 2021 war das nicht mehr so. Den größten Gehaltssprung machte das Führungsteam des Sportartikelherstellers Adidas: ein Plus von 190,7 Prozent auf im Schnitt 4,55 Millionen Euro. Bei Puma, dem Konkurrenten und Nachbarn in Herzogenaurach, hingegen schrumpften die Bezüge der Chefetage um 29,7 Prozent auf 3,02 Millionen Euro.

    Frauen und Männer in den Vorstandsetagen werden unterschiedlich bezahlt. Ohne Vorstandsvorsitzende – nur ein Dax-Unternehmen, Merck, wird von einer Frau geführt – verdienten die Manager im Schnitt 3,5 Millionen Euro, die Managerinnen 3,6 Millionen. Nur jedes fünfte Vorstandsmitglied ist eine Frau.

    Die Gehälter der Mitarbeiter in den Dax-Konzernen stiegen nicht im gleichen Maße wie die Chefgehälter. Die Beschäftigten bekamen dem Vergütungsbericht zufolge im Schnitt 78.000 Euro. Ein Führungsmitglied verdiente damit das 53fache eines Mitarbeiters – in den Jahren zuvor waren es zwischen dem 45- und 47fachen.

    Besonders groß ist die Lücke beim Sportartikelhersteller Adidas. Die Topmanager verdienen im Schnitt das 114fache der Mitarbeiter. Bei Daimler Truck ist es gerade einmal das 13fache. Marc Tüngler, Geschäftsführer der DSW, sieht hier einiges an Brisanz. Der deutliche Unterschied in den Gehältern ist für ihn auch ein Fall für die Aufsichtsräte. Die müssen sich nach dem Gesetz damit beschäftigen. Ob das etwas ändert, ist nicht sicher. Es gibt keine Handlungspflicht.

    Spitzenverdiener unter den Dax-Chefs war 2021 demnach Steve Angel vom Gasehersteller Linde. Insgesamt bezog er 19,43 Millionen Euro. Deutlich dahinter auf Platz 2 der Liste steht Herbert Diess, der inzwischen ausgeschiedene streitbare Chef des Volkswagen-Konzerns mit 11,54 Milliarden Euro. Ebenfalls mit deutlichem Abstand folgt auf Rang 3 Christian Klein, Chef des Softwarekonzerns SAP mit 9,15 Millionen Euro.

    Adidas-Chef Kasper Rorsted schaffte es trotz des üppigen Gehaltszuwachses im gesamten Vorstand mit 8,99 Millionen Euro nur auf Rang 4. Im kommenden Jahr wird der Däne den Konzern vorzeitig verlassen.

    Unter den Topverdienern findet sich auch der Chef des Dax-Neulings Qiagen. Thierry Bernard bekam 2021 rund 8,39 Millionen Euro. Ganz am Ende der Liste: der Online-Modehändler und Technologieriese Zalando. Die Berliner sind ebenfalls erst im Herbst in den Dax aufgestiegen, wurden ein halbes Jahr lang von drei, zuletzt von zwei gleichberechtigten Chefs geführt. Im Schnitt kosteten sie das Unternehmen im vergangenen Jahr dem DSW-Bericht zufolge 78.000 Euro. Im Durchschnitt bekam ein Konzernchef im Dax rund 6,1 Millionen Euro. Im MDax waren es 3,1 Millionen Euro.

    Was viel erscheint, ist im internationalen nicht ganz so viel. So verdienten die Vorstandschefs der Firmen, die im Schweizer Börsenindex SMI notiert sind, im Schnitt 6,5 Millionen Euro. Bei Firmen im französischen CAC40 waren es 7,81 Millionen Euro. Alles noch nichts im Vergleich zu Firmenlenkern in den USA: Die Konzerne im Dow Jones zahlten ihren Chefs im Schnitt umgerechnet 27,34 Millionen Euro. Spitzenverdiener in den USA war Pat Gelsinger, Chef des Chipherstellers Intel. Er erhielt umgerechnet rund 98 Millionen Euro.

    Da könnte einige Manager oder Managerinnen schon auf die Idee kommen, dass ein Wechsel in Ausland angezeigt ist. Abgesehen davon, dass es auch Firmen geben muss, die deutsche Manager einstellen: Vergütung ist nicht alles. Denn das Arbeitsumfeld im Ausland ist offenbar deutlich rauer. DSW-Chef Tüngler erwähnt etwa andere Vertragslaufzeiten und vor allem größere Haftung. „Das Vorstandsmitglied in Deutschland arbeitet eher auf der ruhigen Seite.“

    Seit 2000 lässt die DSW jedes Jahr erheben, was die Vorstandsmitglieder in Deutschlands größten börsennotierten Unternehmen verdienen. Für 2021 war es besonders aufwändig, weil sich der rechtliche Rahmen geändert hat. Die Vorstandsgehälter sollten vergleichbarer werden und vor allem klarer sein, wie sie sich zusammensetzen. „Statt mehr Transparenz und Verständlichkeit hat das Gesetz einen kaum durchschaubaren Datendschungel gebracht“, sagt Marc Tüngler, Chef der DSW. Er verspricht sich einiges von neuen EU-Standards, an denen die Kommission arbeitet. An diesem Donnerstag gibt es ein Treffen in Brüssel dazu.

  • Nervt und hilft

    Warum die Schuldenbremse bleiben muss

    Außergewöhnliche Situationen erfordern außerordentliche Mittel, auch in der Energiekrise, die Deutschland gerade trifft. Die Schuldenbremse auszusetzen, um mehr Geld aufnehmen zu können, ist der falsche Ansatz. Finanzminister Christian Lindner hat recht, wenn er in der aktuellen Debatte mit den Bundesländern über die Finanzierung verschiedener Hilfspakete daran festhält – aus mehreren Gründen.

    Die Schuldenbremse zwingt zum Nachdenken – zunächst einmal über alle Ausgaben des Bundes. Was schien einmal wichtig, ist es aber jetzt in der Krise und mit Blick auf die Zukunft nicht mehr? Oder wird es absehbar nicht mehr sein? Um nur vier Beispiele zu nennen: Was ist mit Dienstwagenprivileg, Dieselsubvention, Entfernungspauschale, Steuerbefreiung für Flugbenzin?

    Ein weiterer Effekt der Schuldenbremse: Wenn keine unbegrenzten Mittel bereitstehen, müssen die vorhandenen zielgerichtet eingesetzt werden. Das ineffiziente Prinzip Gießkanne sollte nicht möglich sein. Oder anders gesagt: Die Bundesregierung kann Geld nicht in großem Stil ausgeben, sondern muss auch hier nachdenken.

    Was zu einem weiteren Grund führt, sich an die Schuldenbremse zu halten: Der Staat hat nicht nur eine Verantwortung für die Gegenwart, sondern auch für die Zukunft. Er darf kommenden Generationen keinen riesigen Schuldenberg hinterlassen, nur weil das am einfachsten ist. Denn für jeden geliehenen Euro muss der Staat Zinsen zahlen, die angesichts der Inflation und der strengeren Zinspolitik der Europäischen Zentralbank steigen. Aus den 18,5 Milliarden Euro Zinsen 2022 könnten schnell 60 Milliarden Euro und mehr werden. Das schränkt den Handlungsspielraum künftiger Regierungen stark ein.

    Die Schuldenbremse mag nerven, die Diskussionen auch. Ausgaben zu streichen kann bitter sein. Das Ergebnis wird sich aber lohnen. Und wenn alles nicht ausreicht, wäre es auch möglich, die Einnahmen zu erhöhen. Zum Beispiel durch gezielten Einsatz gegen Steuerhinterziehung, durch einen Solidaritätszuschlag auf hohe Einkommen oder gar höhere Steuern für Toppverdiener. Denn die Lage erfordert außerordentliche Mittel.

  • Duschen mit Stoppuhr

    Neun oft genannte Energiespartipps im Realitätscheck

    Viele Spartipps sind seit Jahren bekannt: LED-Birnen etwa verbrauchen weniger Strom als klassische Glühbirnen. Wer Geräte nicht im Stand-by lässt, sondern ganz ausschaltet, spart ebenfalls Energie und damit Geld. Doch was ist, wenn ich Heizlüfter anwerfe statt den Heizkörper? Und sollte ich den Geschirrspüler ausmustern? Neun oft genannte Energiespartipps im Realitätscheck.

    Es reicht aus, alle Fenster und Türen abzudichten.

    Über Ritzen in Fensterrahmen und schlecht schließende Türen verlässt viel Wärme eine Wohnung oder ein Haus. Grundsätzlich lohnt es sich deshalb, Türen und Fenster zu überprüfen und undichte Stellen mit Schaum- oder Gummidichtband zu schließen. Vor allem, wenn es besonders kalt ist, helfen noch Vorhänge und Rollos, um Fenster zusätzlich zu isolieren. Aber Achtung: Haus oder Wohnung sollten nicht hermetisch abgedichtet werden. Wichtig ist auch tägliches Lüften, damit sich nicht irgendwo Feuchtigkeit festsetzen kann und es anfängt zu schimmeln. Nur Fenster und Türen abzudichten, bedeutet allerdings, weitere Sparmöglichkeiten ungenutzt zu lassen.

    Das Wohnzimmer sollte normal geheizt werden, in allen anderen Zimmern reicht es, den Thermostaten auf der niedrigsten Stufe zu lassen. Bei Bedarf kann ein Thermostat auf die höchste Stufe gestellt werden, bis es warm ist.

    Bei der Heizung lässt sich am meisten Energie sparen. Etwa sechs Prozent sind es, wenn die Heizung von 21 auf 20 Grad eingestellt wird. Noch niedrigere Temperaturen sparen mehr. Die niedrigste Stufe am Thermostaten ist aber nur in Ausnahmefällen zu empfehlen. Üblicherweise stehen Zahlen auf dem Thermostat. Sie geben die Temperaturhöhe an. Die 3 steht für ungefähr 20 Grad, die 1 für zwölf Grad. Experten halten das für deutlich zu kühl. 16 Grad sollten es schon sein, damit sich kein Schimmel bilden kann. Wird der Thermostat auf 5 gestellt, was etwa 28 Grad entspricht, läuft die Heizung dauerhaft durch, denn der Thermostat schaltet erst ab, wenn 28 Grad im Raum erreicht sind – was selten möglich sein dürfte.

    Mit einem Heizlüfter lassen sich die Bereiche eines Zimmers effizient wärmen. Die Heizung muss nicht hochgedreht werden.

    Heizlüfter sind gerade sehr begehrt und vielerorts ausverkauft. Die Idee: Wenn die Heizung nur auf Minimum läuft und deshalb zum Beispiel weniger Gas verbraucht, bläst der Lüfter angenehm warme Luft ins Zimmer. Allerdings benötigen Heizlüfter Strom. Und da kommt einiges zusammen, wenn die Geräte länger laufen, wie eine sehr grobe Rechnung zeigt.

    Hersteller Rowenta empfiehlt rund „100 Watt je Quadratmeter Wohnfläche“. Für eine 50-Quadratmeter-Wohnung sind dann Geräte mit 5000 Watt Leistung nötig. Laufen sie über drei Monate je zehn Stunden ergibt das einen Verbrauch von 4550 Kilowattstunden, etwa der durchschnittliche Stromverbrauch eines Vier-Personen-Haushalts im Jahr. Die Kosten können je nach Region und Tarif 1800 Euro überschreiten.

    Die Rechnung ist sehr grob, zeigt aber: Besser ist, das Zimmer, in dem man sich überwiegend aufhält, vernünftig zu heizen und lieber einen Pullover überzuziehen. Und den Heizlüfter höchstens kurzzeitig zu nutzen.

    Zweimal Lüften am Tag reicht. Im Bad und in der Küche sollten die Fenster auf Kipp stehen, damit Feuchtigkeit abziehen kann.

    Mit dem richtigen Lüften lässt sich viel Energie sparen. Denn wer Fenster dauerhaft auf Kipp auf hat, lässt Wärme entweichen. Die Heizung versucht, das dann auszugleichen und verbraucht mehr. Am besten ist, die Fenster für fünf Minuten zu öffnen und kräftig durchzulüften.

    Wäsche sollte bei 30 Grad gewaschen werden und danach in den Trockner.

    Waschmaschinen verbrauchen am meisten Strom, um das Wasser auf die nötige Temperatur zu erhitzen. Eine Wäsche bei 60 oder gar 90 Grad verbraucht deutlich mehr Energie als eine bei 30 Grad. Moderne Maschinen waschen T-Shirts, Pullover und Hosen auch bei niedrigen Temperaturen sauber – es sei denn, die Wäsche ist sehr grob verschmutzt. Dann sollten die Stücke vorbehandelt werden. Den Spareffekt hat Baden-Württembergs Umweltministerium mit 25 Prozent berechnet. Experten empfehlen gründliches Schleudern – und dann, die Wäsche an der Luft zu trocken. Denn Trockner schlucken, auch wenn sie eine besonders gute Effizienzklasse haben, viel Strom. Trocknen auf dem Wäscheständer kostet dagegen nichts.

    Ab und an sollte die Maschine dennoch bei 60 Grad waschen – so können sich keine Keime im Gerät bilden. Und die Maschine sollte immer gut gefüllt sein. Sonst waschen drei T-Shirts mit der erhitzen Wassermenge einer vollen Trommel.

    Ein Sparduschkopf lohnt sich nicht. Lieber sollte man kürzer duschen.

    Pro Minute fließen im Schnitt 15 bis 18 Liter warmes Wasser durch einen normalen Duschkopf, ein Sparduschkopf halbiert die Menge, ohne dass man auf Komfort verzichten muss. Rein rechnerisch ließe sich der Einspareffekt auch erzielen, wenn man mit dem normalen Duschkopf zum Beispiel nur fünf Minuten statt zehn Minuten duscht. Wer sich morgens allerdings nicht so gern mit einer Stoppuhr wäscht, sollte doch in den Sparduschkopf investieren.

    Geschirr sollte von Hand gespült werden.

    Wer einen Geschirrspüler besitzt, sollte ihn auch nutzen. Die Geräte verbrauchen in der Regel weniger Wasser, als fürs Spülen per Hand nötig ist. Zudem nutzen sie Spülmittel effizienter und verbrauchen weniger Energie. Dabei sollte die Maschine jeweils voll sein. Nur um zwei Teller, zwei Tassen und entsprechendes Besteck zu reinigen, ist die Handwäsche doch effizienter. Hier gilt wie bei der Waschmaschine: Sehr heiße und damit energieintensive Programme sind nur in Ausnahmefälle nötig. Von Hand vorzuspülen, ist in der Regel nicht nötig.

    Die Eisschicht im Gefrierfach hilft, die eingefrorenen Lebensmittel zu kühlen.

    Das ist eindeutig falsch. Abtauen spart Energie. Der Kühlschrank braucht bei einer dicken Eisschicht deutlich mehr Strom, um die voreingestellte Temperatur zu erhalten. Experten empfehlen für das Eisfach minus 18 Grad, für den Kühlbereich sieben Grad. Der Reif innen an der Rückwand des Kühlschranks ist unproblematisch.

    Grundsätzlich gilt: Sollten Geräte ersetzt werden, vor allem Kühlschrank, Waschmaschine und andere Großgeräte – immer auf das Energielabel achten. Wenig Aufwand bereitet auch, einmal im Jahr die Heizkörper zu entlüften. Weitere Tipps liefert unter anderem das kostenlose Energiesparbüchle des Landes Baden-Württemberg und die Seiten des Bundeswirtschaftsministeriums. Auch die Verbraucherzentralen beraten bei Energiefragen. Hilfe gibt es auch bei den regionalen Energieagenturen.

  • „Der Preishammer kommt noch“

    Experte erwartet höhere Ausgaben für Studenten

    Auf viele der 2,95 Millionen Studenten in Deutschland kommen drastisch höhere Ausgaben für Wohnen zu. So steigen die Nebenkosten, der Wettbewerb um kleine Wohnungen treibt die Mieten. Und die Lebenshaltung  wird teurer. „Studierende stehen im nächsten Jahr vor großen wirtschaftlichen Herausforderungen“, sagte Uwe Schroeder-Wildberg, Chef des Finanzberaters MLP, die den Studentenwohnreport 2022 vorlegte. Michael Voigtländer, Immobilienexperte des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln (IW), formulierte drastischer. „Der Preishammer kommt erst noch.“

    Zum einen verteuern sich Gas und Strom, weswegen Vermieter die monatlichen Abschläge für die Energie anheben. Zum anderen kommen 2023 hohe Nachzahlungen für 2022 auf die Studenten zu. Wer eine neue Unterkunft sucht, muss sich gleichzeitig auf höhere Nettomieten einstellen. Der Trend zeichnete sich schon im ersten Halbjahr 2022 ab.

    Das IW hat sich im Auftrag von MLP zum vierten Mal die Wohnsituation von Studenten in 38 Städten angesehen. Untersucht wurden Wohnungen und WG, keine Wohnheime. Im Schnitt stiegen die Mieten seit Mitte 2021 demnach um 5,9 Prozent. Das größte Plus mussten danach Studenten in Berlin verkraften: 18,5 Prozent. Auf den Rängen zwei und drei folgen Leipzig und Rostock mit je zwölf Prozent. Im Vergleich wenig verteuert hat sich Wohnen dem Report zufolge in Freiburg (3,1 Prozent), Frankfurt/Main und Darmstadt (je 3,5 Prozent). In insgesamt acht der 38 Städte stiegen die Preise um mehr als zehn Prozent.

    Allerdings gehören die Mieten in Frankfurt für kleine Wohnungen bereits jetzt mit im Schnitt fast 700 Euro zu den höchsten in Deutschland. An der Spitze liegt hier München, wo eine Musterwohnung 787 Euro warm kostet. In Stuttgart sind es 786, in Berlin 718 Euro. Besonders günstig sind solche Wohnungen der Studie zufolge in Dresden, Leipzig und Magdeburg mit zum Teil deutlich unter 400 Euro. In Chemnitz sind es nur 198 Euro.

    Bei WG-Zimmern zogen die Mieten noch kräftiger an, vor allem in kleineren Städten: Mit 24,6 Prozent liegt Mainz an der Spitze vor Heidelberg (18,5 Prozent) und Regensburg (18,4 Prozent). In Freiburg blieben sie nahezu konstant (0,2 Prozent), in Saarbrücken sanken sie sogar um 0,3 Prozent. Auch hier liegen München (knapp 550 Euro), Berlin (gut 480 Euro) und Stuttgart (etwa 470 Euro) vorn.

    Die Mieten einschließlich Nebenkosten gelten für eine studentische Musterwohnung mit 30 Quadratmetern und ein standardisiertes WG-Zimmer (20 Quadratmeter). Die Forscher gewährleisten so die Vergleichbarkeit zwischen den Städten. Wer vor Ort etwas sucht, muss je nach Lage und Ausstattung unterschiedliche Mieten zahlen. Auch Chemnitz kann deshalb teurer, München etwas billiger sein. Eine Wohnung für 198 Euro warm dürfte in Bayerns Hauptstadt eher nicht zu finden sein.

    Offenbar sind die steigenden Mieten eine Folge der Corona-Pandemie. In der Zeit haben viele Studenten Wohnungen oder WG-Zimmer gekündigt, weil sie für ihr Studium nicht vor Ort seien mussten und so Kosten sparen wollten.

    Jetzt kehrten die Studenten zurück. Nur: „Es gibt erheblich mehr Konkurrenz um kleinere Wohnungen“, sagt Voigtländer, nicht nur unter Studenten. Wer eine neue Wohnung suche, suche tendenziell eine kleinere, weil dort der Energieverbrauch geringer sei. Gefragt sei auch eine zentrale Lage, um wenig pendeln zu müssen. Vermieter könnten deshalb steigende Kosten weitergeben und höhere Mieten verlangen.

    Und es könnte noch teurer werden. Denn der Wohnreport hat den Markt bis zum 30. Juni untersucht. Seither ist die Inflationsrate gestiegen, ist vor allem Energie drastisch teurer geworden. Inzwischen steigen auch die Preise für Lebensmittel kräftig. Die Inflationsrate lag im August bei 7,9 Prozent. Experten rechnen mit zweistelligen Raten in den kommenden Monaten.

    Die Studenten trifft der Preisanstieg besonders. Denn sie gehören zu denen mit den geringsten Einkünften. Im Schnitt haben sie Einkünfte von um die 1200 Euro, wie der Report ermittelt hat. Und dieser Wert stagnierte 2020. Zahlen für das vergangene Jahr fehlen noch, MLP-Chef Schroeder-Wildberg geht davon aus, dass Studenten weniger verdient haben, weil typische Studentenjobs in Gastronomie und Hotellerie weggefallen sind. Weil sie nur wenig ausgeben können, treffen die steigenden Lebenshaltungskosten Studenten härter als Menschen mit höheren Einkommen.

    Eine Folge: Studenten wohnten weiterhin bei ihren Eltern. Derzeit trifft das bereits auf ein Viertel aller Immatrikulierten zu, wie Immobilienexperte Voigtländer sagte. Der Wert ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Er empfahl der Bundesregierung, das Bafög noch stärker anzuheben als zuletzt. Zudem müssten mehr Studenten die Chance haben, es zu beantragen. Und er forderte, dass mehr Studentenwohnheime gebaut werden müssten. Im vergangenen Jahrzehnt sei der Anteil an Studenten in Wohnheimen stetig gesunken.

  • Die entspannende Wirkung von Geld

    Ein Jahr Pilotprojekt Grundeinkommen: Dennis Dettmer gibt seinen Zweitjob dran, Sarah Bäcker macht anderthalb Jahre Elternzeit.

    Dennis Dettmer hat seinen Zweitjob als Versicherungsmakler aufgegeben. „Glücklicherweise kann ich mir das jetzt leisten“, sagt der 29jährige Zeitsoldat aus Meißen. Nun konzentriert er sich auf seine Haupttätigkeit bei der Bundeswehr. Im Gegensatz zu früher fühlt Dettmer sich finanziell entspannt, weil er seit mehr als einem Jahr am Pilotprojekt Grundeinkommen teilnimmt.

    Monatlich erhalten er und 121 weitere Leute 1.200 Euro zusätzlich zu ihren normalen Verdiensten, steuerfrei und geschenkt. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), der Verein Mein Grundeinkommen und mehrere Universitäten untersuchen, wie eine bedingungslose Zahlung das Leben verändert. Legen sich die Leute etwa in die soziale Hängematte? Das dreijährige Pilotprojekt entstand im Zuge der jahrzehntelangen Debatte über Hartz IV und die Reform des Sozialstaates. Es läuft seit Sommer 2021. Regelmäßig fragt diese Zeitung bei einigen Teilnehmerinnen und Teilnehmern nach, was sich bei ihnen verändert.

    Auch der Wertabsturz der Kryptowährungen bringt Dettmer nicht zur Verzweiflung. Vorsichtig hatte er ein paar hundert Euro investiert, die Kurse explodierten, schließlich standen über 2.000 Euro in seinem Depot. Nun ist es fast wieder auf den Ausgangswert zurückgesunken. „Ja, ich bin enttäuscht“, sagt Dettmer. Aber eine Katastrophe ist das für ihn nicht.

    2.400 Euro netto monatlich verdient er als Gruppenführer, der 20 Soldaten unter sich hat. Damit liegt er im Umkreis des durchschnittlichen Einkommens der deutschen Privathaushalte. Die 1.200 Euro mehr aus dem Grundeinkommen-Projekt machen daraus einen überdurchschnittlichen Verdienst. Geld ist plötzlich nicht mehr knapp.

    So entschied sich Dettmer, den Zweitjob aufzugeben, der ihm einen kleinen Zusatzverdienst bringen sollte, bevor er als Versuchsperson ausgewählt wurde. Nun kann er sich ein etwas höhere Lebensqualität genehmigen – ein Mal mehr essen gehen mit der Freundin, öfter ins Kino. „Und einen Kaffeevollautomaten habe ich mir auch gegönnt“, sagt Dettmer. Wobei er betont, dass er das meiste zusätzliche Geld spart, unter anderem um den Diesel abzubezahlen, den er braucht, um regelmäßig den weiten Weg von Meißen zur Kaserne in Hessen zurückzulegen.

    Die bessere materielle Ausstattung wirke sich auch positiv auf seine körperliche Verfassung aus, berichtet Dettmer. Weniger als früher leide er an Zahnschmerzen. Er führt das darauf zurück, dass er weniger unter allgemeinem Stress leide.

    Das Pilotprojekt generiert Berichte wie diesen über die individuellen Vorteile eines Grundeinkommens. Kein Wunder: 1.200 netto monatlich bedeuten einen wesentlichen Unterschied und bringen viele Leute in den materiellen Bereich, in dem sie sich keine finanziellen Sorgen mehr machen müssen. Aber reicht das als politische Begründung für eine superteure gesellschaftliche Reform aus? Erhielten 80 Millionen Bundesbürger jeweils 10.000 Euro pro Jahr, kostete das die Gesellschaft 800 Milliarden Euro – eine utopische Größenordnung. Einige Sozialleistungen fielen dann zwar weg, weil sie überflüssig würden. Ein paar hundert Milliarden Euro pro Jahr blieben als Mehrkosten unter dem Strich jedoch zu finanzieren – unklar, wie.

    Trotzdem wirkt die Idee des Grundeinkommens schon jetzt auch praktisch. Die politische Lage verschiebt sich. Die SPD räumt gerade Hartz IV ab, die wichtigsten Auslöser für die hiesige Debatte über das Grundeinkommen. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil legte kürzlich seinen Vorschlag für die neue Sozialleistung namens „Bürgergeld“ vor. Das Prinzip: Die monatlichen Überweisungen sollen großzügiger ausfallen. Vielleicht erhalten die Empfängerinnen und Empfänger ab kommendem Jahr knapp 900 Euro pro Kopf statt momentan gut 800 Euro durchschnittlich inklusive Wohnkosten.

    Außerdem will Heil die Bedingungen für den Erhalt des Bürgergeldes entschärfen. Man soll mehr eigenes Vermögen behalten dürfen, und der Staat größere Wohnungen finanzieren. Die Regierung würde sich damit ein paar Schritte in Richtung Grundeinkommen bewegen, wobei der Abstand zu einer existenzsichernden, bedingungslosen Leistung immer noch beträchtlich bliebe.

    Dass die Idee des Grundeinkommens einflussreich ist, sieht man auch an einer weiteren Initiative. Ein „Bildungsgrundeinkommen“ propagierten kürzlich das Zentrum Liberale Moderne und die Bertelsmann-Stiftung. Alle Erwerbspersonen sollen demnach das Recht erhalten, drei Jahre lang 1.200 Euro monatlich vom Staat zu bekommen, um sich weiterzubilden. Die grundsätzliche Idee: Für die Wirtschaft wie für die Individuen ist es gleichermaßen nötig und vorteilhaft, dass die beruflichen Qualifikationen an die Erfordernisse der Digitalisierung und ökologischen Transformation angepasst werden. Der Staat soll das ermöglichen, indem er für eine gewisse Zeit einen gesicherten Lebensunterhalt zur Verfügung stellt. Als die neue Chefin der Bundesagentur für Arbeit, Andrea Nahles (SPD), noch Bundesarbeitsministerin war, ließ sie eine vergleichbare Vision niederschreiben. Auch dies kann man als kleinen Schritt in Richtung eines „bedingten Grundeinkommens“ bezeichnen.

    „Ich schaue entspannt in die Zukunft“, sagt Sarah Bäcker. Sie ist eine weitere Teilnehmerin im Pilotprojekt. Bei der 40jährigen Architektin haben sich während des Projekts große Dinge getan: Seit vier Monaten ist sie Mutter ihrer Tochter Alva.

    Dank des Grundeinkommens hat Bäcker eine „luxuriöse“ Entscheidung getroffen: „Ich nehme anderthalb Jahre Elternzeit.“ Die 1.200 Euro zusätzlich erleichtern das. Ihre materielle Situation empfindet Bäcker als „komfortabel“. Sie lässt sich Zeit damit, eine Kita zu suchen. Erst ab September 2023 will sie wieder im Architekturbüro arbeiten.

    Ohne das Grundeinkommen müsste sie mit etwa 800 Euro Eltern- und 200 Euro Kindergeld auskommen – und stünde unter finanziellem Druck. Im Prinzip ist sie alleinerziehend, sie wohnt nicht mit dem Vater der Tochter zusammen, wobei sich dieser aber ebenfalls um die Erziehung kümmert. Unter normalen Umständen würde Bäcker jetzt wohl aufstockendes Hartz IV und Wohngeld beantragen. „Zum Glück spielen diese Fragen keine Rolle“, sagt sie. „Ich brauche nicht nachzuweisen, ob ich bedürftig bin.“ Und „hoffentlich“, fügt sie hinzu, „muss ich mir darüber niemals Gedanken machen“.

    Auch diese Situation einer Teilnehmerin des Pilotprojekts steht in Verbindung zu einer aktuellen Debatte. Bundesfamilienministerin Lisa Paus (Grüne) arbeitet an einem Vorschlag für die Kindergrundsicherung, die die Koalition einführen will. Details gibt es noch nicht. Aber richtig ausgestaltet wäre das ebenfalls ein Schritt in Richtung Grundeinkommen, der die Lage von Eltern mit niedrigen Einkommen deutlich entspannte.

    Info: Pilotprojekt Grundeinkommen
    Über zwei Millionen Leute bewarben sich für das soziologische Experiment, 122 wurden ausgewählt – ausschließlich Einpersonen-Haushalte zwischen 21 und 40 Jahren, die zwischen 1.200 und 2.600 Euro netto monatlich zur Verfügung haben. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten drei Jahre lang 1.200 Euro monatlich ohne Bedingungen zusätzlich zu ihren normalen Einkommen. Das Geld stammt aus Spenden. Unter anderem das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) untersucht nun, wie Personen der Mittelschicht mit dem Grundeinkommen umgehen. Reduzieren sie ihre Arbeitszeit, satteln sie um, fangen sie etwas ganz Neues an, investieren, konsumieren oder sparen sie mehr?

  • Mit Wasserstoff an die Spitze

    Müllwagenhersteller Faun plant das nächste Ding

    Müllwagen sind praktisch. Sie befreien uns von Abfall. Und sie sind laut. Viele Menschen bemerken sie nur, wenn sie morgens vom Lärm geweckt werden. Dass die Fahrzeuge einmal nachhaltig den Straßenverkehr revolutionieren könnten, denken vermutlich nur wenige – darunter die Mitarbeiter des Unternehmens Faun aus Osterholz-Scharmbeck bei Bremen.

    Die Firma baut seit Jahrzehnten Fahrzeuge für Stadtreinigungen, Kehrmaschinen etwa. Und eben Müllwagen. Seit einem Jahr hat der Spezialhersteller den „ersten serienmäßigen wasserstoff-elektrischen Müllwagen“ im Angebot. Der Beginn einer Geschichte, die den großen etablierten Konzernen zeigen könnte, wie sich auszahlt, früh einzusteigen, hartnäckig zu sein und einfallsreich.

    17 Tonnen Zuladung, 250 Kilometer Reichweite, 16 Kilogramm Wasserstoff, in 15 Minuten bei 700 bar Druck weitgehend betankt – Faun-Chef Patrick Hermanspann schwärmt, wenn er über den „Bluepower“ redet. Unterwegs ist der Müllwagen inzwischen in Aachen und Berlin, in Bochum, Duisburg, Freiburg und Mainz, in Brüssel und Graz. Auch aus der Schweiz wurde bestellt. 100 Fahrzeuge sollen Ende des Jahres ausgeliefert sein.

    Doch Faun will mehr. Auf der IAA Transportation, der Leitmesse für Nutzfahrzeuge, kommende Woche (20. bis 25. September) in Hannover stellt das Unternehmen den Prototypen eines Lastwagens vor, Citypower genannt. Das Fahrzeug, im Prinzip der Wasserstoff-Müllwagen mit einem Kastenaufbau, ist für den Stadtverkehr vorgesehen, zum Beispiel um kleinere Supermärkte zu beliefern. Das Fahrzeug hat 500 Kilometer Reichweite und neun Tonnen Zuladung in der Variante mit Wasserstoff und Elektromotor, die rein elektrische Version soll 260 Kilometer weit kommen.

    Das Besondere: Der Lastwagen hat bereits eine europäische Typzulassung, nach Angaben des Unternehmens, die bisher einzige für ein solches Fahrzeug. Mit dieser Zulassung kann das Fahrzeug in Serie produziert und vor allem überall in der EU verkauft werden. Der Serienstart des Citypower ist für das kommende Jahr geplant.

    Alle großen Nutzfahrzeughersteller arbeiten daran, den Motor zu ersetzen, der Diesel oder Biosprit verbrennt. Getestet werden Antriebe, die Wasserstoff direkt verbrennen oder mit Strom aus einer Batterie laufen. Sie kann an einer Ladesäule oder induktiv durch die Fahrbahn geladen werden. Auch Oberleitungskonzepte gibt es.

    Faun setzt auf eine Brennstoffzelle. Sie verbrennt mit Ökostrom erzeugten Wasserstoff und erzeugt Strom, der wiederum die Batterien speist, die den E-Motor antreiben. Und beim Müllwagen Trommel oder Presse, je nachdem, was das Abfallunternehmen bestellt hat. Der schwere Aufbau entfällt beim neuen Lastwagen.

    Daimler Trucks, Iveco, MAN, Renault oder Volvo konzentrieren sich vor allem auf schwere Lkw, die auf Langstrecken unterwegs sind, Hamburg–Prag zum Beispiel. Faun dagegen sieht seine Nische eher bei Frankfurt–Mainz. Und auf diesen Kurz- und Mittelstrecken will das Unternehmen bis 2030 Europas Marktführer bei wasserstoffbetriebenen Lastwagen.

    Dafür muss das Unternehmen investieren. Die Wasserstoff-Laster der im Mai gegründeten Tochter Enginius kommen aus dem Bremer Werk, das ausgebaut wird. Dort arbeiten zurzeit etwa 80 Beschäftigte, geplant sind 800. Ein ziemlicher Sprung, Faun beschäftigt derzeit insgesamt nur 2000 Mitarbeiter. Faun-Chef Hermanspann plant, 5000 Fahrzeuge jährlich zu bauen. Einen entscheidenden Vorteil sieht er darin, dass das Unternehmen bereits reichlich Erfahrung hat: „Wir sind sehr früh dabei.“

    Bereits Mitte der 2000er dachten die Techniker bei Faun darüber nach, den Müllwagen zu elektrifizieren. Solch ein Fahrzeug stoppt bis zu 800-mal am Tag, Bremsenergie geht verloren. Und der Diesel setzt Feinstaub frei. Der erste elektrische Müllwagen sparte 30 bis 40 Prozent Primärenergie ein, ließ sich aber kaum verkaufen. Doch die Techniker ließ das Thema nicht los, sie setzten auf Wasserstoff, entwickelten Brennstoffzelle, Batterie, Motor selbst.

    Bei der Entwicklung geholfen hat die Berliner Stadtreinigung BSR. Der größte kommunale Stadtreinigungsbetrieb Europas mit insgesamt 1800 Fahrzeugen hat die Wasserstoff-Müllwagen von Anfang an im täglichen Gebrauch getestet und vorgeschlagen, was verbessert werden muss. „Wir sind ein anspruchsvoller und dadurch bisweilen auch anstrengender Partner für die Hersteller“, sagt Fuhrparksleiter Wolfgang Wüllhorst. Am Ende profitieren beide. Für die BSR sind sechs der Mülllaster unterwegs, acht weitere sind bestellt.

    Das Basisfahrzeug liefert Daimler Trucks, Fahrgestell und Kabine, Faun baut dann die eigene Technik ein. Und weil Wasserstoff sehr explosiv ist, werden die Tanks, die bis zu 16 Liter fassen, vor dem Einbau beschossen. So soll sichergestellt werden, dass sie wirklich dicht sind. Klassische Dieseltanks sind dagegen simple Kisten. Besondere Crashtests für die Wasserstofffahrzeuge gibt es auch.

    Ausbremsen könnte die ehrgeizigen Pläne das Tankstellennetz. In Deutschland sind nach Angaben des Anbieters H2Mobility 95 Wasserstofftanksäulen betriebsbereit. Allerdings können nicht alle die erforderlichen 700 bar Druck. Und nicht an allen lassen sich schnell mehrere Fahrzeuge nacheinander betanken. Aber das Netz wächst. Für die BSR in Berlin wurde gerade eigens eine neue Tankstelle errichtet.

    Hinter Faun steht die Kirchhoff-Gruppe aus Iserlohn in Nordrhein-Westfalen. Das Familienunternehmen mit 2,2 Milliarden Euro Umsatz und rund 12.200 Mitarbeitern hat mehrere Sparten und ist weltweit tätig. Es stellt unter anderem komplexe Karosserieteile für die Autoindustrie und Werkezeuge her. Faun gehört zur Umwelt- und Kommunalsparte.

  • Inflation trübt Urlaubslust nicht

    Drei von vier Deutschen planen eine Winterreise

    Einkaufen wird teurer, Sprit, Energie – und der Ausblick für den Winter lässt auch nicht gerade hoffen. Sparen ist angesagt. Und offenbar auch die Flucht in sonnigere Gebiete, zumindest zeitlich begrenzt. Denn die Bundesbürger planen für die kalte Jahreszeit, zu verreisen – trotz allem. Auf Teneriffa oder an der ägyptischen Küste ist vielleicht auch einiges teurer, dafür scheint aber die Sonne.

    „Die Reiselust ist ungebrochen und Urlaub bleibt für die Menschen eine Herzensangelegenheit“, sagt Stefan Baumert, Chef von TUI Deutschland. Fast drei Viertel aller Deutschen (74 Prozent) möchten im Winterurlaub verreisen, wie eine Blitzumfrage von Yougov im Auftrag von TUI Deutschland ergab. Und auch wenn ein Drittel der mehr als 2100 Befragten sich erst kurzfristig entscheidet, wohin es gehen soll, hat Europas größter Reiseveranstalter bereits eine Liste der beliebtesten Ziele.

    Ganz oben stehen wie in den Vorjahren die Kanaren mit Fuerteventura, Gran Canaria, Lanzarote und Teneriffa. Jeder zweite Winterurlauber bucht auf der Flugmittelstrecke dem Unternehmen zufolge eine der Inseln. Auf Rang zwei folgt Ägypten, die klassischen Badeorte am Roten Meer, inzwischen aber auch Nilkreuzfahrten. Im vergangenen Jahr lag Ägypten noch auf Platz 4. Ebenfalls unter den drei beliebtesten Zielen: die Türkei.

    Auf dem neunten Platz der Liste, zwischen Mallorca und Marokko, findet sich ein Land, in das die Tourismusmanager große Hoffnung setzen, Senegal. Zwischen Sahara und den tropischen Feuchtwäldern an Afrikas Westküste gelegen, entwickelt es sich zu einem neuen Tourismusziel. TUI hat es seit dieser Wintersaison im Angebot.

    Dass eine Mehrheit der Deutschen im Winter verreisen will, heißt nicht, dass sie auch tatsächlich in Zug oder Flieger steigen werden. „Der Unterschied zwischen „Wollen“ und „Machen“, nennt es Baumert. Knapp ein Drittel (30 Prozent) will sich der Umfrage zufolge je nach persönlicher Lage kurzfristig für eine Reise entscheiden. Die natürlich idealerweise wenig kostet. Ein Viertel der Befragten (27 Prozent) achtet auf besonders gute Schnäppchen, bevor gebucht wird. Und jeder und jede Fünfte suchen nach Angeboten in günstigeren Urlaubsländern. Auch deshalb lockt TUI Frühbucher. „Mit bis zu 40 Prozent Ersparnis sind die Angebote auch Last Minute kaum zu toppen“, sagt Hubert Kluske, Geschäftsführer für Vertrieb und Marketing.

    Angesichts der Inflation rechnet TUI-Deutschland-Chef Baumert, dass die Urlauber mehr Rund-um-sorglos-Pakete buchen. „Wir werden einen Run auf All-Inclusive-Angebote sehen“, sagt er. Bereits jetzt ist diese Form sehr beliebt. Sie macht mehr als die Hälfte der im Winter gebuchten Reisen aus, Tendenz steigend. Baumert hat gute Nachrichten für Urlauber: Weil viele Flug- und Hotelkontingente für den Winter 22/23 bereits im Frühjahr ausgehandelt wurden, schlagen die steigenden Energiepreise und die hohe Inflation nicht voll auf die Preise durch. Für den kommenden Sommer dürften die Preise aber steigen.

    Ein neues Geschäftsfeld tut sich offenbar als Folge der Corona-Pandemie auf. Viele Beschäftigte arbeiteten von zu Hause aus. Der ein oder die andere verlegte den Arbeitsplatz gleich ganz an die Sonne. „Wir sehen, dass es da einen Markt gibt“, sagt Baumert. Entsprechend lassen sich jetzt auch Unterkünfte bis zu drei Monate am Stück buchen, ausgestattet mit Schreibtisch, Internetverbindung und auf Wunsch Leihwagen.

    Das Unternehmen hofft mit seinen Angeboten auf eine erfolgreiche Wintersaison. Der Sommer jedenfalls lief offenbar sehr gut. „Wir haben einen Reiseboom gesehen, der die guten Werte aus dem Jahr 2019 teilweise sogar übertroffen hat“, schwärmt Baumert. „Die Sommermonate waren quasi ausverkauft. Der Sommer 2022 entwickelt sich weiter in Richtung des Niveaus von 2019“ – ein Rekordjahr für die Reisebranche. Erstmals nach der Corona-Pandemie waren 2022 wieder umfangreiche Reisen auch ins entferntere Ausland möglich. Reisende buchten zwar kurzfristiger als früher, gaben aber nach Aussage von Baumert mehr Geld aus, weil sie sich für längere Reisen und hochwertigere Unterkünfte entschieden.

    Das gute Deutschland-Geschäft im Sommer 2022 lässt auch für den Gesamtkonzern hoffen. Der Staat hatte TUI in der Pandemie mit 4,3 Milliarden Euro gestützt, um eine Insolvenz abzuwenden. Das Geschäft des Unternehmens war eingebrochen, weil Reisen weltweit beschränkt wurden. Zum Konzern gehören 1600 Reisebüros, fünf Fluggesellschaften mit rund 150 Flugzeugen, mehr als 400 Hotels, 16 Kreuzfahrtschiffe. Im Vorkrisenjahr 2019 setzte TUI mit mehr als 71.000 Mitarbeitern rund 19 Milliarden Euro um. 2021 waren es 4,8 Milliarden Euro. Das Geschäftsjahr endet Ende September. Gesonderte Zahlen für das Deutschland-Geschäft werden nicht veröffentlicht.

  • Ab in den Untergrund

    Finnland und Schweden zeigen, wie Endlager geht

    Am Montag ist es soweit: Die Schweiz wird verkünden, wo das Atomendlager des Landes gebaut wird. Das Land gehört dann zu den wenigen, die wissen, wo sie hochradioaktiven Müll entsorgen wollen. Fest steht schon: Es wird nahe der deutschen Grenze sein. Besonders weit in der Endlagerfrage sind die Finnen – vor allem, weil die Bevölkerung im Endlager eine Chance sieht. Ähnlich ist es in Schweden. Deutschland sucht.

    Das Problem ist für alle Länder gleich: Brennstäbe, die in einem Atomkraftwerk Energie geliefert haben, strahlen, können nicht einfach auf einer Kippe entsorgt werden. Entsprechend sicher muss ein Lager für Atommüll sein. Experten schätzen, dass mindestens 100.000 Jahre nötig sind, bis die Strahlung auf ein natürliches Niveau gefallen ist. Wie die Welt dann aussieht, lässt sich kaum vorstellen. Zur Einordnung: Vor 100.000 Jahren lebte noch der Neandertaler, waren Faustkeile ein beliebtes Werkszeug.

    In Deutschland soll bis 2031 ein geeigneter Endlagerstandort gefunden werden. Dann muss es noch gebaut werden. Bis es ein Endlager gibt, wird zwischengelagert: in Deutschland unter anderem an den ehemaligen Atomkraftwerken, im nordrhein-westfälischen Ahaus und im mecklenburg-vorpommerschen Lubmin.

    Das niedersächsische Gorleben, 1977 politisch als Endlager festgelegt und Jahrzehnte heftig umkämpft, ist ausgeschlossen. Andere Länder sind deutlich weiter als Deutschland, auch weil die Bevölkerung im Endlager eher einen Vorteil, denn eine Last sieht. Vorn dabei sind die Skandinavier.

    Finnland

    Das Land ist das erste weltweit mit einem funktionsfähigen Endlager. Die Suche danach begann 1983. Der Staat gestattete den Gemeinden sogar ein Vetorecht. Die Finnen gelten als pragmatisch. Und sie vertrauen Wissenschaftlern. Nennenswerte Proteste gab es deshalb nicht, als die Gemeinde Eurajoki an der Westküste 2004 ausgewählt wurde. Auch die Regionalpolitiker stimmten zu. Die Einwohner haben Erfahrung mit Atomenergie, auf der Insel Olkiluoto, wo das Endlager liegt, stehen drei der fünf finnischen Atomkraftwerke.

    Bereits der Bau des Endlagers brachte der Gemeinde hohe Steuereinnahmen, die sie geschickt investierte. Die Bevölkerung wächst, unter anderem auch, weil Eurajoki den Gemeindeanteil an der Einkommenssteuer auf den niedrigsten Satz in Finnland senkte. 2024 will der Endlagerbetreiber Posiva beginnen, Brennstäbe einzukapseln und unter der Erde zu lagern. In 120 Jahren soll die Anlage dann befüllt sein, 2100 verschlossen werden.

    Schweden

    Knapp 50 Jahre lang galt der Ort Östhammar gut 100 Kilometer nördlich von Stockholm an der Ostküste bereits als geeignet für ein unterirdisches Endlager. Die Atomindustrie suchte den Standort unter anderem danach aus, ob die Bevölkerung aufgeschlossen ist. In Östhammar ist sie es. In der Nähe steht das Atomkraftwerk Forsmark, eine der sechs schwedischen Anlagen. Auch verspricht sich die Gemeinde Arbeitsplätze und Steuereinnahmen. Vor zwei Jahren stimmte der Gemeinderat für das Endlager. Es dauerte dann dennoch etwas: Erst Ende Januar 2022 genehmigte die schwedische Regierung den Standort. Umweltschützer haben allerdings geklagt. Bis das zuständige Gericht entschieden hat, kann nicht gebaut werden. Sollten die Umweltschützer verlieren, dauert es noch zehn Jahre, bis die ersten Brennelemente eingelagert werden können.

    Schweiz

    Zuletzt prüfte die Nationale Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) drei Regionen nahe der deutschen Grenze. Am Montag will sie den endgültigen Standort verkünden. Bis dann die ersten Brennstäbe aus den vier Kraftwerken eingelagert werden können, dauert es noch. Es wird genauer geprüft, die Bevölkerung und die Regionen beteiligt. 2030 soll der Bundesrat entscheiden, dann ist noch ein Volksentscheid möglich. In Betrieb gehen kann die Anlage frühestens 2060. Derzeit lagert der hochstrahlende Atommüll oberirdisch im Zwischenlager Würenlingen, keine zehn Kilometer von der Grenze zu Deutschland entfernt.

    Frankreich

    Früh dran mit einem Standort für ein Endlager waren die Franzosen. Bereits 2000 bestimmten sie das kleine Dorf Bure im Osten Frankreichs, gut 150 Kilometer von Saarbrücken entfernt. Zwei weitere Standorte in Zentralfrankreich wurden verworfen. Seither dauert es. Die Einwohner wehrten sich mehrfach. Umweltorganisationen klagten – bisher ohne Erfolg. Derzeit wird eine Pilotanlage gebaut, um Brennstäbe zu verpacken und in ein unterirdisches Tunnelsystem einzulagern. 2030 soll sie startbereit sein. Von 2040 an soll das Endlager dann regulär befüllt werden.

    Frankreich arbeitet Brennstäbe aus seinen Atomkraftwerken in der Anlage La Hague in der Normandie auf und verwendet das Material mehrfach. Dennoch fällt sehr viel Atommüll an. Denn das Land setzt sehr stark auf Atomenergie. Knapp 70 Prozent des Stroms liefern die 56 Reaktoren – wenn sie am Netz sind.

    Großbritannien

    Auch Großbritannien sucht seit Jahren nach einem Endlagerstandort. Zuletzt untersuchte ein Forschungsschiff sogar die Möglichkeit, es unter der Irischen See vor der Nordwestküste anzulegen. 2013 hatte die Regierung bereits einen Standort nahe der britischen Wiederaufarbeitungsanlage Sellafield im Nordwesten gefunden. Neben dem Untergrund, der geeignet sein soll für ein Endlager, setzten die Behörden auch auf ein Jobversprechen für die strukturschwache Region. Die Bevölkerung hielt allerdings wenig von den Plänen und protestierte so heftig, dass die Zentralregierung einknickte. Derzeit werden vier Standorte im Nordwesten und Nordosten Englands geprüft. Ob in absehbarer Zeit ein Standort gefunden wird, ist unklar. Die Region muss zustimmen – und die Bevölkerung. Ein Endlagerstart ist frühestens 2040 vorgesehen. In Sellafield lagern bisher drei Viertel des britischen Atommülls – oberirdisch.

    In fast jedem Land, das Atomanlagen betreibt, wird immer wieder auch eine Lösung für den strahlenden Müll diskutiert, bei der keine Gemeinde oder Bürgerinitiative widersprechen kann: das All. Jede Menge Platz und irgendwann verglüht das Material womöglich in einer weit entfernten Sonne. Ob allerdings jemand dafür garantiert, dass die Rakete mit der strahlenden Fracht beim Start nicht in der Erdatmosphäre explodiert, ist unwahrscheinlich.

  • Die Bank für alle Fälle

    Bei Uniper ist die KfW die Feuerwehr der Bundesregierung

    Mal eben einen Kredit von neun Milliarden Euro für den angeschlagenen Energiekonzern Uniper? Die KfW macht‘s möglich. Und wie es aussieht, muss sie sogar noch aufstocken. So rettet sie im Auftrag der Bundesregierung die deutsche Gasversorgung und verhindert Chaos am Gasmarkt. Dabei hat die Bank andere Aufgaben: Sie soll Wirtschaft und Klimaschutz fördern. Und auch die Entwicklungshilfe hängt nachhaltig am Institut in Frankfurt/Main.

    Zunächst einmal: Niemand kann bei der KfW ein Girokonto eröffnen oder ein Sparbuch anlegen. Es gibt auch keine Filialen. Und selbst die zinsgünstigen Kredite, die ihren Namen tragen, vergeben klassische Geschäftsbanken oder Sparkassen. Die KfW hat eine Sonderstellung. Sie ist die Förderbank des Bundes und eine der größten dieser Art weltweit. Ähnliche Banken betreiben auch die Bundesländer.

    Gegründet wurde die KfW als Kreditbank für den Wiederaufbau im November 1948. Sie ist damit älter als die Bundesrepublik. Mit der Bank sollte der deutschen Wirtschaft nach dem Zweiten Weltkrieg wieder Leben eingehaucht werden. Das Geld stammte in der Anfangsphase aus dem Europäischen Wiederaufbauprogramm, auch Marshallplan genannt. 1994 übernahm sie die Staatsbank der DDR in Berlin und 2003 die Deutsche Ausgleichsbank in Bonn. Zuletzt arbeiteten mehr als 7300 Beschäftigte für die Bank.

    Die KfW gehört zu 80 Prozent dem Bund, die restlichen Anteile halten die Bundesländer. Ein Verwaltungsrat kontrolliert die Arbeit. An der Spitze wechseln sich jeweils der Bundesfinanz- und der Bundeswirtschaftsminister ab. Derzeit hat Robert Habeck (Grüne) den Vorsitz inne. Der staatliche Auftrag ist im KfW-Gesetz festgeschrieben. Und die Bank hat einige Aufgaben. Über die Jahre wurden es immer mehr.

    Zunächst soll sie bei Umweltschutz und Klimaschutz helfen, Innovationen unterstützen, Gründern unter die Arme greifen – Ziele, die Politik und Gesellschaft wünschen. Dafür stellt sie Geld bereit. So gibt es besondere Kredite für den Bau eines Niedrigenergiehauses oder für den ökologischen Umbau einer Werkshalle. Von den 107 Milliarden Euro Neugeschäft im vergangenen Jahr floss ein Drittel in diesen Bereich. Wer sich selbstständig macht, bekommt oft bei klassischen Banken und Sparkassen kein Geld oder muss hohe Zinsen zahlen, weil die Institute das Risiko als zu hoch werten. Hier springt die KfW mit günstigen Krediten ein. Auch Studienkredite und Meisterdarlehen laufen über die Bank.

    Dabei legt die Förderbank die Konditionen fest, etwa Zinssatz, Laufzeit, Zinsbindungsfrist. Die Kredite vergeben aber die klassischen Banken und Sparkassen – wenn sie denn wollen. Sie beraten diejenigen, die einen Kredit haben möchten und tragen auch das Risiko, sollte der Schuldner oder die Schuldnerin nicht mehr zahlen können. Dafür bekommen sie eine Gebühr.

    Das Geld für die Kredite beschafft die KfW weltweit. Sie gibt ähnlich wie der Bund Anleihen aus. Und weil die Bundesrepublik hinter der Bank steht und für sie garantiert, sind diese Anleihen besonders sicher. Ratingagenturen bewerten die KfW mit der Bestnote AAA. Das bedeutet: Es gilt als unwahrscheinlich, dass die Anleger ihr Geld verlieren, weil die KfW die Anleihen nicht zurückzahlt. 2021 hat die Bank rund 82,6 Milliarden Euro an den Kapitalmärkten aufgenommen.

    Im Auftrag des Entwicklungshilfeministeriums setzt die Förderbank die Klima- und Umweltinitiative. Hier werden entsprechende Projekte in Entwicklungsländern mit Krediten gefördert. Geld gibt es auch für Unternehmen, die in Schwellenländern tätig sind. Eine KfW-Tochter investiert auch in Risikokapitalfonds, um die Lage für Start-ups zu verbessern.

    Und dann sind da noch die Sonderaufgaben, offiziell Zuweisungsgeschäft, die die Bundesregierung ihrer Förderbank auferlegt. Dazu gehört das Darlehen für Uniper. Weil die KfW die gute Bewertung an den Kapitalmärkten hat und zu den größten Förderbanken der Welt gehört, kann sie große Summen recht kurzfristig zu günstigen Konditionen beschaffen. Wobei neun Milliarden Euro auch für ein Institut wie die KfW ziemlich viel sind. In diesem Fall führt die KfW auch nur eine Anweisung aus. Wenn der Kredit platzt, muss der Bund einspringen, dafür bekommt er auch die Zinsen.

    Auch das Sonderprogramm Corona hat der Bund an die KfW übertragen. Die Bank zahlt Zuschüsse des Staates aus und vergibt Kredite. Das Risiko trägt der Bund. Auch die Griechenland-Hilfen des Bundes liefen über die KfW im Zuge der Sonderaufgaben. Die KfW hält zudem die Staatsanteile an der Deutschen Telekom und der Deutschen Post. Und steigt im Auftrag des Bundes auch schon mal bei einem Unternehmen ein. So kaufte sie vor vier Jahren 20 Prozent am ostdeutschen Stromnetzbetreiber 50Hertz. Der Bund konnte so den Einstieg eines staatlichen chinesischen Unternehmens verhindern.

    Bei allen Aufgaben hat sich die Förderbank bisher gut gehalten. Für 2021 wies die Bank einen Gewinn von 2,2 Milliarden Euro aus, deutlich mehr als in den Jahren davor. Das Geld wird nicht an den Bund ausgeschüttet. Es bleibt per Gesetz in der Bank und wird wieder investiert.

  • Kumpan zieht Vespa davon

    Deutsche gewinnen Plagiatsstreit gegen Marktführer

    Innovatives Produkt fertig, Stand auf der wichtigsten Messe, direkt gegenüber dem des Marktführers. Patrik, Daniel und Philipp Tykesson wollen in Mailand mit ihrem neuen E-Moped Kumpan Electric die Branche aufmischen. Tempo 100, neueste Technik. Dann kommt die Polizei und nimmt die Fahrzeuge mit. Plagiatsverdacht. Marktführer Piaggio (Vespa) klagt beim Europäischen Markenamt. An diesem Tag im November 2018 könnte die Geschichte zu Ende sein. Doch die drei Gründer sind sehr hartnäckig. Und offenbar ist der Erfindergeist aus der deutschen Provinz überlegen.

    Hersteller Piaggio – 2021 rund 1,67 Milliarden Euro Umsatz, 5700 Mitarbeiter – wollte damals seine E-Vespa vorstellen. Aber: „Unser Fahrzeug war technisch einfach besser“, behauptet Patrik Tykesson heute. Er ist Geschäftsführer von E-Bility – eher übersichtlicher Umsatz, 85 Mitarbeiter –, der die Marke Kumpan Electric gehört. Der Verdacht: Piaggio will den Konkurrenten einfach aus dem Verkehr ziehen. Der anschließende Rechtstreit hat fast vier Jahre gedauert. Die Beschwerdestelle des Markenamtes EUIPO entschied jetzt in zweiter Instanz – zugunsten der Deutschen (Az. R 1663/2020-3).

    Die Geschichte von Kumpan Electric beginnt in der Garage – und mit der Leidenschaft des Großvaters für seinen alten Volvo. „Wir haben immer schon geschraubt und Fahrzeuge restauriert“, sagt Tykesson. „Das steckt in der Familie. Hauptsache, das Fahrzeug hat einen Motor.“ Nach dem Studium und zahlreichen Praktika in Unternehmen wollte Patrik sich 2009 selbstständig machen, die Brüder waren schnell mit dabei. Elektroantrieb sollte es sein. „Der Markt für E-Fahrräder war uns zu etabliert, Autos zu groß.“ Also E-Mopeds.

    Und weil Asien als führend galt, flog Bruder Patrik für sechs Wochen nach China und Taiwan, besuchte Hersteller und fand schließlich einen, der passen konnte. Er baute Benzinroller für den europäischen Markt. „Wir haben dann das Fahrzeugüberarbeitet, praktisch mit der Flex zerlegt, und nach unseren Ideen wieder zusammengebaut“, erinnert sich der Geschäftsführer. Und elektrifiziert. Daraus entstand der erste Roller, den der asiatische Hersteller dann für die 2010 gegründete E-Bility baute.

    Auf Dauer waren die drei Brüder mit dem E-Roller nicht zufrieden. Die Qualität entsprach nicht den Vorstellungen. Wegen der Entfernung dauerte es zu lange, bis neue Ideen umgesetzt wurden. „Und wir hatten keine vollständige Kontrolle.“ 2015 entschieden die Tykessons, ein neues Produkt zu entwickeln. 85 Prozent der Teile kommen heute aus Deutschland, die vier verschiedenen Hauptmodelle werden in der eigenen Fabrik in Remagen gebaut. Die erste Maschine lief im August 2018 vom Band.

    Akku, Controller und Motor haben die Tykessons selbst entwickelt. „Wir haben kein adäquates Material aus dem Regal gefunden.“ Selbst um die Stecker haben sie sich gekümmert. „Wir sind heute noch Technologie-Marktführer“, behauptet Patrik Tykesson. Als Konkurrenten sieht er neben Piaggio vor allem Honda und Yamaha.

    Dazu kommt das Design. „Wir haben Elemente der 50er und 60er Jahre genommen und integriert. Wir haben uns bewusst für ein klassisches Design entschieden“, sagt der Geschäftsführer. Nur eben deutlich moderner. Eigene Technik, eigenes Design, beim europäischen Markenamt eingetragen. Fehlte 2018 nur noch etwas Aufmerksamkeit.

    Bei der Intermot in Köln hatte Kumpan schon einen Stand neben Marktführer Piaggio gebucht. „Da kommen Händler aus aller Welt vorbei, das wollten wir nutzen.“ Und den Kölner Erfolg in Mailand bei der EICMA, der wichtigsten Messe der Branche, mit neuen Modellen wiederholen. Doch statt der erhofften Journalisten und Fachhändler kamen Anwälte und Polizisten.

    Die vier ausgestellten Fahrzeuge wurden beschlagnahmt. Das italienische Gesetz ist da anders als im Rest Europas. Über Nacht brauchte Kumpan eine Abwehrstrategie. Die lief übers Netz machte das Unternehmen bekannter. Schließlich kämpft nicht jeden Tag ein kleiner Newcomer gegen den Marktführer. Das Verfahren vor dem EUIPO zog sich, Piaggio verlor in erster Instanz und jetzt auch vor der Beschwerdestelle, die keine Übereinstimmung des Kumpan-Rollers mit der Vespa feststellte, nur allgemein für solche Fahrzeuge übliche Ähnlichkeiten.

    Das Verfahren hat viel Kraft gebunden, das Geschäft aber nicht vollständig blockiert. „Wir können unser Fahrzeuge grundsätzlich überall verkaufen außer in Italien“, sagt Tykesson. Schwerpunkt ist bisher Deutschland. Kumpan-Roller sind aber auch in anderen europäischen Ländern, sogar in Florida unterwegs. Verkauft wird vor allem online. Es gibt ein Geschäft in Köln, einen Werksverkauf in Remagen und den fliegenden Vertrieb, der zum Kunden kommt.

    Hätte Piaggio gewonnen, hätte das auch Folgen für andere Anbieter und Märkte gehabt, sagt der E-Bility-Geschäftsführer. „Wir waren uns sicher, alles richtig gemacht zu haben. Aber selbst verständlich sind auch wir nicht fehlerfrei.“ Noch läuft die Einspruchsfrist. Piaggio hat sich auf Anfrage bisher nicht geäußert, ob sie die Niederlage akzeptieren oder vor das Gericht der EU ziehen wollen. Stichtag ist der 3. Oktober.

  • Milliarden für die Resterampe

    Bei Uniper muss jetzt der Staat eingreifen

    Es ist als „Resterampe“ gestartet, jetzt muss der Staat Milliarden in das Unternehmen pumpen. Uniper aus Düsseldorf ist zu wichtig für die deutsche Energieversorgung. Eine Pleite hätte aus Sicht des Bundeswirtschaftsministeriums unübersehbare Folgen gehabt. Was rettet der deutsche Staat da mit Steuergeld und einer verkorksten, sehr teuren Gasumlage?

    Uniper ist erst wenige Jahre alt. Entstanden ist der Konzern als Teil des radikalen Wandels der deutschen Energieindustrie. Und er ist ein Beispiel dafür, was passiert, wenn Geschäfte im Verborgenen laufen. Es spielen auch noch mit: Jede Menge Manager-Ego, ein aggressiver US-Hedgefonds und ein umtriebiger Vermögensberater, finnische Investoren mit viel Geld und wenig Konzept.

    Doch zunächst die wesentlichen Fakten: Uniper mit Sitz in Düsseldorf handelt weltweit mit Gas. In Deutschland beliefert das Unternehmen mehr als 100 Stadtwerke mit Gas. Uniper besitzt zwei Langfristverträge mit dem staatlichen russischen Gaskonzern Gazprom und ist größter deutscher Importeur russischen Gases, steht für gut ein Fünftel der deutschen Gasversorgung. Die Verbindungen nach Russland reichen bis in die Fünfzigerjahre zurück. Uniper betreibt auch drei Gasspeicher in Deutschland.

    Der Konzern gehört zu den größten europäischen Stromproduzenten mit Gas- und Kohlekraftwerken in Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden und Belgien. Die Düsseldorfer sind an drei schwedischen Atom- und zahlreichen Wasserkraftwerken beteiligt. Zudem gehören über Unipro fünf Kohle- und Gaskraftwerke in Russland zum Geschäft, die gut fünf Prozent des russischen Strombedarfs liefern.

    Im ersten Halbjahr 2022 setzte das Unternehmen vor allem wegen der drastisch gestiegenen Energiepreise 119,34 Milliarden Euro um, der Verlust belief sich auf 12,42 Milliarden Euro. Beide Werte sind weit von den 41,45 Milliarden Euro Umsatz und 20 Millionen Verlust des Vorjahres entfernt. Die Zukunftsstrategie Unipers ist eher vage: Ausbau Erneuerbarer Energien, Wasserstoff und Flüssiggas LNG. Das Unternehmen ist im MDax der mittelgroßen Werte notiert. 78 Prozent gehören dem finnischen Energiekonzern Fortum, an dem der finnische Staat die Mehrheit hält.

    Die Düsseldorfer sind vor allem wegen ihres Gasgeschäfts nahe an die Insolvenz geraten. Weil Gazprom nur noch sehr begrenzt liefert, Uniper aber seine Kunden, vor allem Stadtwerke, mit Gas versorgen muss, kauft das Unternehmen am Spotmarkt teuer ein. Die Kunden zahlen nur die niedrigen, in ihren Verträgen festgehaltenen Preise. Die Differenz trägt Uniper. Von bis zu 100 Millionen Euro Verlust pro Tag ist die Rede.

    Deshalb springt der deutsche Staat ein. Er gewährt rund acht Milliarden Euro als direkte Beteiligung und über eine Wandelanleihe. Gleichzeitig kann Uniper bei der staatlichen Förderbank KfW bis zu neun Milliarden Euro Kredit aufnehmen. Uniper ist auch Hauptnutznießer der Gasumlage, die nach ersten Zahlen rund 34 Milliarden Euro umverteilen wird, gut die Hälfte dürften an die Düsseldorfer gehen. Das Unternehmen, dessen Name aus „Unique“ (einzigartig) und „Performance“ (Leistung) zusammengesetzt ist, sieht eher nach Desaster aus.

    Schon der Start zum 1. Januar 2016 war wenig verheißungsvoll: Der Eon hatte sich nach Plänen des Eon-Chefs Johannes Teyssen als erster deutscher Energiekonzern aufgeteilt, um die Energiewende nachhaltig anzugehen: in die neue Eon mit Wind- und Solaranlagen, Netzen und Endkundengeschäft und Uniper mit den konventionellen Kraftwerken, Gashandel der alten Ruhrgas und allem anderen, was Eon nicht mehr passte, um in der schönen neuen Energiewelt zu strahlen. Von „Resterampe“ war die Rede.

    Zudem war die Marktlage schwierig. Wind- und Solarstrom fluteten den Markt. Weder Kohle- noch Gaskraftwerke konnten so billig produzieren. Uniper kämpfte mit hohen Verlusten, war hoch verschuldet. Und die Strategie des Unternehmens war vermutlich nur Uniper-Chef Klaus Schäfer, Ex-Eon-Manager, richtig klar. Eon brachte mehr als die Hälfte der Uniper-Aktien im September 2016 an die Börse.

    Schäfer gelang, was viele nicht vermutet hatten: Uniper recht zügig in die schwarzen Zahlen zu bringen. Denn ohne Uniper mit den modernen Gaskraftwerken und den lukrativen Verträgen mit Gazprom keine Energiewende, war die Idee. Zumal das Unternehmen bei steigenden Strompreisen richtig gut Geld verdient hätte. Der Aktienkurs legte zeitweise bis auf mehr als 42 Euro zu. Heute sind es knapp über fünf Euro.

    Möglicherweise wäre alles gut gelaufen, hätte nicht Eon sich zügig von seinen restlichen 46,65 Uniper-Prozent trennen wollen. Einen Käufer hatte Eon-Chef Teyssen schnell gefunden: Fortum. Besser gepasst hätte wahrscheinlich RWE. Doch der Eon-Rivale war für Teyssen wohl inakzeptabel. Nicht über das Geschäft informiert war Uniper-Chef Schäfer, der in der Folge einen bisher beispiellosen Abwehrkampf inszenierte, der nicht nur den Aktienkurs hochtrieb und die Finnen lange blockierte, sondern auch so viele Kräfte band, dass anderes liegenblieb.

    Der aggressive US-Hedgefonds Elliott kaufte sich über die Börse bei Uniper ein, der US-Vermögensverwalter Knight Vinke ebenfalls. Beide pokerten auf höhere Kurse, machten sowohl Fortum als auch Uniper die Arbeit schwer. 2019 hatte Fortum genug, kaufte die Anteile der Amerikaner, übernahm die Uniper-Mehrheit und klärte die Lage. So sah es jedenfalls aus. Seither wechselte das Management bereits zweimal. Klaus-Dieter Maubach, aktuell CEO, versuchte, Ruhe ins Unternehmen zu bringen. Dann schränkte Gazprom die Lieferung ein.

    Als der deutsche Staat im Juli zur Rettung bei Uniper schritt, wollten die Finnen lieber nur den Gashandel ausgründen und Deutschland überlassen – eine neue Resterampe sozusagen. Möglicherweise der Versuch, Uniper zu zerlegen und ganz loszuwerden. Denn bisher konnten die Finnen nicht genau erklären, warum sie Uniper unbedingt kaufen wollten – Synergien mit der auf CO2-neutrale Energieerzeugung ausgerichteten Fortum gibt es kaum.

    Jetzt hat der deutsche Staat – und damit der Steuerzahler – womöglich den deutschen Gasmarkt stabilisiert. Dafür aber muss er sich um ein Unternehmen kümmern, dessen Zukunft ungewiss ist.

  • Weniger Kleinstaaterei

    Im Nahverkehr geht es endlich um die Kundenwünsche

    Es kann so einfach sein: ein Fahrschein, überall einsteigen. Wenn das Neun-Euro-Ticket etwas gezeigt hat, dann, wie wohltuend das Ende der Kleinstaaterei im öffentlichen Nahverkehr ist. Wir wissen jetzt, dass viele erstmals in Busse und Bahnen eingestiegen sind. Dass die Bundesbürger sehr wohl ohne Auto an die Küste oder in die Berge fahren. Und dass sie gern ihre Fahrräder mitnehmen. Die Reaktion darauf kann nicht sein, die Mitnahme bis auf weiteres zu verbieten, weil kein Platz ist. Denn: Das Angebot des Dienstleisters ist schuld an der Enge, nicht der Kunde, der bitte alles hinzunehmen hat. Hier offenbart sich ein grundsätzliches Problem im öffentlichen Nah- und Fernverkehr.

    Gut, das Ticket kam überraschend kurzfristig, niemand wusste genau, was passiert, Personal und Fahrzeuge sind knapp. Alles richtig und lässt sich mit etwas Vorlauf sicher verbessern, oder? Genug Ideen müssten die Anbieter seit Anfang Juni gesammelt haben. In den jetzt drei Monaten des Tickets ist erst einmal der Mangel verwaltet worden, vor allem in Nahverkehr auf dem Netz der Bahn. Doch selbst volle Züge haben die Menschen nicht abgehalten, wie dieses Wochenende wieder zu sehen war. Und dass in Deutschland jemand für den Nahverkehr demonstriert, kommt auch nicht alle Tage vor.

    Leider geht es in der aktuellen Debatte darüber, wie ein Nachfolgeticket aussehen könnte, wieder vor allem um Geld. Wie billig muss es sein, damit es sich praktisch jeder leisten kann? Gar kostenlos? Wer zahlt dann für das Angebot an Bussen und Bahnen? Wie üblich rufen Städte, Gemeinden und Länder nach Geld aus Berlin. Die Idee des einheitlichen Tickets, das steht dahinter, ist schließlich auch eine der Bundesregierung gewesen. Glücklicherweise! Denn von den Trägern des Nahverkehrs kam in die Richtung bisher eher wenig. Und auch andere innovative Vorschläge vermisst man.

    Jetzt könnte darüber nachgedacht werden. Aber wieder einmal werden grundlegende Fragen außer Acht gelassen, weil offenbar Politiker und vor allem Verkehrsunternehmen – gern im Eigentum einer Stadt – einfach davon ausgehen, dass vor allem der Preis wichtig ist. Nicht gefragt wird: Ist das System so, wie es ist, gut? Und, vor allem anderen: Was will der Kunde vom öffentlichen Transport? Und was wollen die, die noch nicht Kunden sind?

    Es hakt ziemlich. Das fängt in Nahverkehrsverbünden bei der unübersichtlichen Tarifstruktur an, die nur versteht, wer jahrelang in der jeweiligen Region lebt. Es geht weiter mit Edelholzsitzen und gebürstetem Aluminium in Stadtbahnen, die schön aussehen, aber nichts zur Transportqualität des Systems beitragen, und endet nicht beim Bus, der an der Stadtgrenze stoppt, weil das nächste Wohngebiet leider in einer anderen Kommune liegt. Weitere Beispiele sind das seit Jahren rudimentäre Internet in Zügen, Orte ohne öffentliche Anbindung an Wochenenden – gern auch Ausflugsziele – oder das extrateure Ticket für die Fahrt zum Flughafen.

    Diskutiert werden muss zunächst, wie wichtig der öffentliche Nah- und Fernverkehr uns wirklich ist, nicht nur auf den Strecken nach Sylt, Usedom oder Berchtesgaden. Auch wer öffentliche Verkehre anbietet und ob die bestehenden Strukturen noch zeitgemäß sind, sollte Thema sein. Erst am Ende ergibt sich, was das kostet und ob es uns das wert ist. Dann muss entsprechend investiert werden. Und ja, das kann zulasten der Straßen und des Autoverkehrs gehen. Dafür profitieren alle davon. Bis dahin darf es auch gern ein Ticket geben, dass bundesweit überall gültig ist. Es muss nur auch konkret etwas besser werden.

  • Inflation schränkt Deutsche ein

    Umfrage: Ersparnisse schrumpfen. Stimmung sinkt

    Was für ein Sommer! Sonne, kaum Corona-Auflagen, endlich wieder weiter in Urlaub fahren. Viele Deutschen lassen es sich gutgehen. Doch die Stimmung im Land ist eher bedrückt, wie eine repräsentative Umfrage des Bankenverbands zeigt. Die Zufriedenheit mit dem Leben sinkt. Und es gibt durch alle Generationen eine große Sorge: die Inflation. Bei einem Fünftel der Befragten schränkt sie das Leben bereits stark ein.

    85 Prozent aller Bundesbürger fürchten steigende Preise und die Folgen – für die Lebenshaltung, aber auch für die Ersparnisse. Ob ältere Menschen oder Jugendliche, die Werte unterscheiden sich nicht. „Die große Sorge vor der hohen Inflation ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen – in allen Altersgruppen“, sagt Henriette Peucker, Vize-Chefin des Bankenverbands. Um ausreichend Strom und Energie sorgen sich 78 Prozent der Befragten. 77 Prozent haben Angst davor, dass sich die Wirtschaftslage verschlechtert, ebenso viele davor, dass der Ukraine-Krieg eskaliert. Corona sehen nur 38 Prozent als ein Problem an.

    Seit mehr als einem Jahr liegen die Inflationsraten in Deutschland deutlich über jenen zwei Prozent, die die Europäische Zentralbank als Ziel vorgibt. Waren es im August 2021 noch 3,9 Prozent, liegt die Teuerung seit März 2022 weit über sieben Prozent. Im Juli wies das Statistische Bundesamt 7,5 Prozent aus. Das bedeutet: Im Schnitt mussten die Bundesbürger für die rund 650 Waren, die das Amt monatlich untersucht, so viel mehr bezahlen. Die Bundesbank erwartet im Herbst sogar mehr als zehn Prozent Teuerung. Getrieben wird die Inflationsrate vor allem von den Energiekosten, Heizöl kostete etwa im Juli 87 Prozent mehr als vor einem Jahr. Inzwischen verteuern sich aber auch Lebensmittel.

    Nun ist die Inflationsrate ein Durchschnittswert, wer selten oder gar nicht Auto fährt, merkt von steigenden Spritpreisen wenig. Indirekt aber schon, denn zum Beispiel der Transport von Lebensmitteln wird teurer, was zum Beispiel auch die Preise von Obst und Gemüse steigen lässt. Sieben von zehn Befragten müssen sich wegen der Teuerung bereits einschränken, hat die Umfrage ergeben, zwei von zehn sogar sehr.

    Also halten die Deutschen ihr Geld zusammen. Anders als noch im Frühjahr, wo sich Reiseveranstalter darüber freuten, dass die Urlauber es sich nach zwei Jahren Corona-Pandemie auch einmal gutgehen lassen wollten und deshalb gern eine bessere und teurere Hotelkategorie buchten, geben sie jetzt weniger aus. „Die Folgen der hohen Teuerung sind bei Konsum und Sparverhalten eindeutig, das belegen die Umsatzzahlen aus dem Einzelhandel, die zuletzt um mehr als acht Prozent zurückgegangen sind“, sagt Peuker. Gespart wird der Umfrage zufolge beim nächsten Urlaub (21 Prozent), bei Freizeit (14 Prozent), Restaurantbesuchen (14 Prozent) und Kleidung (13 Prozent).

    Die Sorge vor Inflation verunsichert vor allem jüngere Menschen, wie Henriette Peucker, Vize-Chefin des Bankenverbands, sagt. „Insbesondere Jüngere würden gerne sparen, können das aber nicht mehr.“ Die Sparsummen schrumpfen deutlich. Legten 2020 noch ein Drittel der 18- bis 20-Jährigen zwischen 201 und 500 Euro monatlich zurück, 21 Prozent sogar noch mehr, vor allem um eine Sicherheit für Notfälle zu haben, sind es 2022 nur 15 und acht Prozent. Dafür werden vor allem bis zu 50 Euro gespart (26 Prozent der Jüngeren). 2020 taten das nur acht Prozent.

    Über alle Altersgruppen halten sich die Bundesbürger zurück: Weniger als die Hälfte (48 Prozent) legt noch regelmäßig Geld zurück, 2020 waren es noch 62 Prozent. Ein Drittel spart ab und zu. Vor zwei Jahren waren es nur 16 Prozent.

    Insgesamt schrumpfen die Rücklagen, wie Wirtschaftsforscher des Münchener Ifo-Instituts ermittelt haben. Haben die deutschen 2020 und Anfang 2021 noch insgesamt 73 Milliarden Euro zusätzlich sparen können – etwa, weil sie kein Geld für Reisen oder Konzerte oder Restaurantbesuche ausgeben konnten –, schrumpften die Ersparnisse seit dem Frühsommer 2021 um 95 Milliarden Euro. Und es wird wohl so weitergehen. Weil das Geld in der Regel bei Banken und Sparkassen liegt, werden die Deutschen es vermutlich dort abheben. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits. Offiziell will sich kein Kreditinstitut dazu äußern.

    Inflation, Energieversorgung, Ukraine-Krieg: All das drückt auf die Gesamtstimmung. Nur ein Drittel der Deutschen (32 Prozent) ist noch sehr zufrieden mit seinem Leben, mehr als die Hälfte (56 Prozent) sind eher zufrieden. Das klingt erst einmal nicht nach schlechter Lage. Aber 2020, mitten in der Corona-Pandemie, war die Bevölkerung noch optimistischer. 46 Prozent der Befragten sagten, sie seien sehr zufrieden mit ihrem Leben, 49 Prozent waren eher zufrieden. Seither hat sich auch der Anteil der Menschen, die mit ihrem Leben unzufrieden sind, auf gut zwölf Prozent verdoppelt.

  • Löblich, aber falsch

    Vorkasse bei Flugreisen sollte Bestehen bleiben

    Niedersachsen will die Verbraucherrechte stärken und deshalb per Bundesratsinitiative die Vorkasse bei Flugreisen abschaffen. Bisher müssen Tickets bei der Buchung bezahlt werden. Künftig soll der Idee nach beim Check-in – also näher am Flug – gezahlt werden. Eine Initiative zum Wohl der Kunden ist immer löblich. Diese hier greift leider zu kurz, löst das Problem nicht und schadet möglicherweise den Verbrauchern.

    Zunächst einmal: Wenn die gut 150 Passagiere eines A320 erst kurz vor dem Flug noch am Check-in-Schalter bezahlen müssen, womöglich in bar, dürfte es lange Schlangen geben. Flughäfen, Bodenabfertiger, Fluggesellschaften bemühen sich seit Jahren, genau das zu vermeiden und die Abfertigung zu beschleunigen, um pünktlicher fliegen zu können. Zahlt man beim digitalen Check-in ein paar Tage vor dem Flug, entfallen die Schlangen. Doch eine Garantie, dass der Flug abhebt, ist das nicht. Und auch keine Garantie dafür, sein Geld bei Ausfall schnell wiederzubekommen.

    Für die Passagiere, gerade die preisbewussten Deutschen, wird es ohne Vorkasse zudem teurer. Rabatte, die derzeit bekommt, wer früh bucht und zahlt, entfielen. Frühes Buchen hat auch den Vorteil, zu wissen, dass man einen Platz garantiert hat. Die Fluggesellschaften können so genauer planen und die Maschinen besser auslasten. Dafür gewähren sie die Rabatte.

    Nun könnten die Firmen ein Reservierungssystem einführen. Sitz buchen, beim Check-in bezahlen. Dann ist der Anreiz, den Flug tatsächlich zu nehmen, aber nicht besonders hoch. Kunden lassen dann zum Beispiel die Reservierung verfallen, weil es in London regnen soll und der geplante Wochenendtrip doch nicht so attraktiv wirkt. Sitze im Flieger bleiben so leer. Die Kosten dafür wird die Fluggesellschaft in die Ticketpreise einrechnen, sie werden steigen.

    Und nicht zuletzt: Warum soll es nur den Flugverkehr treffen? Was ist mit Pauschalreisen, die in der Regel auch vorab gezahlt werden müssen? Was ist mit der Deutschen Bahn, deren Rabatttickets früh gebucht und bezahlt werden müssen? Was mit Nahverkehrsfirmen, die Monats- oder Jahreskarten gegen Vorkasse verkaufen? Oder mit Konzertveranstaltern? Manche Karten müssen mehr als ein Jahr im Voraus bezahlt werden. Eine Garantie, dass das Konzert dann läuft, gibt es nicht.

    Die Politiker bieten eine vermeintlich einfache Lösung an, die gut klingt – zumal im Wahljahr des niedersächsischen Landtags –, aber nicht zum Problem passt. Denn Niedersachsens Vorschlag hat einen entscheidenden Fehler: Vorkasse ja oder nein ändert nichts daran, ob ein Unternehmen den Flugpreis schnell binnen weniger Tage oder langsam nach Monaten zurückzahlt. Dafür gibt es bereits heute Fristen. Und im Zweifelsfall den Klageweg.

  • Wer von der Gasumlage profitiert

    Nicht jeder der Staatsgeld will, ist bedroht

    Staatseinstieg, Sonderdarlehen, Umlage: Seit ein paar Wochen beschäftigt sich die Bundesregierung damit, Unternehmen im deutschen Gasmarkt zu retten. Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) redet von Systemrelevanz einzelner Firmen. Doch vor allem von der Gasumlage profitieren auch Konzerne, die es nur bedingt nötig haben.

    Die Lage am Gasmarkt

    Seit Juli liefert der staatliche russische Gasmonopolist Gazprom deutlich weniger Gas nach Deutschland, als die Verträge mit den Importeuren vorsehen. Russlands Anteil an den Gasimporten sank deshalb bereits von 35 Prozent im Frühjahr auf um die zehn Prozent. Unternehmen, die russisches Gas importieren, müssen sich mit Gas aus anderen Quellen eindecken. Russland ist einer der größten Gasförderer der Welt. Die Gasmengen sind nicht so einfach zu ersetzen, andere Förderländer sind vertraglich gebunden, können meist kurzfristig nicht mehr liefern. Deshalb steigt der Preis für Gas seit Monaten. Deutschlands Importeure kaufen also teuer zu, sind beim Verkauf an Stadtwerke und Firmen aber an günstige Altverträge gebunden. Das kann ganze Unternehmen gefährden.

    Um einen Zusammenbruch zu verhindern, erlaubt die Bundesregierung, vom 1. Oktober an 90 Prozent der Mehrkosten auf alle Gasverbraucher – Unternehmen und Privatleute – umzulegen. Angesetzt sind zunächst 2,419 Cent je Kilowattstunde, was je nach Haushalt mehrere Hundert Euro ausmachen kann. Insgesamt soll es um 34 Milliarden Euro gehen. Die Summe hängt davon ab, wie hoch die angemeldeten Ansprüche sind und welche Unternehmen die Umlage tatsächlich haben wollen.

    Die Profiteure

    Insgesamt haben zwölf Unternehmen die Umlage beantragt. Nicht jedes wirkt so systemrelevant, wie es sein sollte, um von der Umlage gerettet zu werden. Und vor allem nicht so angeschlagen.

    Uniper, Deutschlands mit Abstand größter Importeur von russischem Gas, ist unter den Antragstellern. Das Unternehmen wies im ersten Halbjahr wegen der Probleme beim Gas einen Verlust von 12,4 Milliarden Euro aus. Der Bund hat bereits 30 Prozent der Anteile übernommen und stellt 7,7 Milliarden Euro über eine Anleihe zur Verfügung. Zudem erhielt Uniper einen Kredit der staatlichen Förderbank KfW über neun Milliarden Euro. Das Unternehmen gilt als systemrelevant, weil es hunderte Unternehmen und Stadtwerke beliefert. Eine Insolvenz in Eigenregie wollte die Bundesregierung nicht riskieren – vor allem wegen der Unsicherheit, die das im Markt bedeutet hätte.

    Auch Sefe (früher Gazprom Germania) hat einen Antrag gestellt, wie das „Handelsblatt“ berichtet. Das Unternehmen wird treuhänderisch verwaltet von der Bundesnetzagentur und gestützt mit einem Milliardenkredit der KfW. Zu Sefe gehört der Gashändler Wingas in Kassel. EWE aus Oldenburg ist auch unter den Antragstellern, will die Hilfe aber offenbar nur drei Monate beziehen.

    Schon etwas schwieriger sind die Ansprüche einiger anderer Unternehmen, die nicht durch ausfallende Gaslieferungen aus Russland in der Existenz bedroht sind. VNG aus Leipzig etwa, ein Tochterunternehmen der EnBW aus Karlsruhe. Der Konzern wies im ersten Halbjahr 1,4 Milliarden Euro Gewinn aus. EnBW gehört fast vollständig der öffentlichen Hand, fast 47 Prozent der Aktien hält Baden-Württemberg.

    Auch bei einigen ausländischen Unternehmen sind Zweifel angebracht. OMV aus Österreich etwa machte im ersten Halbjahr 2,5 Milliarden Euro Gewinn, 95 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Und auch bei Vitol, einem der größten Rohstoffhändler der Welt mit Sitz in Rotterdam und Genf, sowie beim niederländisch-schweizerischen Rohstoffhändler Gunvor lief das erste Halbjahr erfreulich. Beide Firmen sind stark im Ölgeschäft und profitieren vom kräftig gestiegenen Ölpreis. Besonders pikant: Einer der Gründer von Gunvor ist Gennadi Timtschenko, einer der russischen Oligarchen, die unter Präsident Wladimir Putin profitierten. 2014 verkaufte er allerdings seine Anteile – er stand auf der Sanktionsliste, nachdem Russland die Krim annektiert hatte.

    Wie man sich auch verhalten kann, zeigt der Essener Energiekonzern RWE. Das Unternehmen hat zwar ursprünglich einen Anspruch beantragt, verzichtet aber mit Hinweis auf Gewinne in anderen Geschäftszweigen auf die Umlage.

    Das Kreuz mit der Mehrwertsteuer

    Um vor allem die privaten Gasverbraucher zu entlasten, will die Bundesregierung parallel zur Gasumlage die Mehrwertsteuer auf Gas von 19 auf sieben Prozent senken. Eine Sorge dabei: Die Gasversorger, in der Regel Stadtwerke, nutzten die unübersichtliche Lage und erhöhten bei Endkunden die Preise nicht um den tatsächlich höheren Einkaufswert, sondern schlügen noch etwas drauf. Dem Kunden fiele das nicht auf, weil er ja weniger Mehrwertsteuer zahlen müsse. Wenn es so wäre, ließe es sich nicht überprüfen. Die Einkaufspreise sind Geschäftsgeheimnis.