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  • Schub für Mondlandung

    Airbus baut Antriebsmodul für Artemis

    Alexander Gerst wirkt locker wie immer. „Eine Reise zum Mond dauert drei Tage“, sagt der deutsche Astronaut auf dem Podium bei Airbus in Bremen. „Der Mond liegt praktisch nebenan.“ Zumindest in Raumfahrtdimensionen sind 384.400 Kilometer zum Erdtrabanten nah – wenn man das richtige Fahrzeug hat. Für die Raumfahrtbehörden der USA und Europas, Nasa und Esa, ist das das Raumschiff Orion. Gerst hofft, zu den Europäern zu gehören, die den Mond betreten dürfen. Bisher waren dort nur Amerikaner unterwegs. Bereits 2025 soll es soweit sein.

    Die Zusammenarbeit ist komplex. Vier Raumfahrtagenturen unter Führung der Nasa sind am Artemis-Programm beteiligt. Benannt ist es nach der griechischen Mondgöttin. Geplant sind neben Flügen auch eine Raumstation, die um den Mond fliegt, und sogar ein Dorf auf dessen Oberfläche. Ein sehr wichtiger Teil des Programms kommt aus Deutschland: das Europäische Service Modul (ESM), das zusammen mit der Raumkapsel Orion bildet. Das ESM treibt das Raumschiff an, versorgt die Astronauten mit Luft, Wasser und Wärme, soll sie zum Mond und auch wieder zurückbringen. Sechs dieser Module soll Airbus bauen. Die Raumkapsel für die Astronauten liefern die Amerikaner.

    Weil der Mond-Plan spektakulär ist, gerade wieder machbar erscheint und wesentlich mit Airbus in Bremen zu tun hat, gewährt der Luft- und Raumfahrtkonzern einen seltenen Blick in Reinraum 1 und 2 – unter strengen Sicherheitsauflagen. Also: Schutzkittel anziehen, Haarnetz befestigen, Schutzhüllen über die Schuhe ziehen und durch die kleine Tür in Reinraum 1, der tatsächlich eine riesige Halle ist. Beigefarbene Wände, heller Boden, türkisfarbene Rolltore. Angenehme Temperatur. Recht trocken. Und es riecht nach nichts.

    Links die „blaue Lagune“, eine Zwischenebene aus blau gestrichenen Stahlträgern. Oben werden die matt silbernen Titantanks der Module mit kupferfarbenen Heizelemente beklebt, unten sitzen die Ingenieure an Computern. Rechts ein rundes Stahlgestell, umgeben von einem Gerüst. Dahinter steckt das Gehäuse von ESM-5, direkt aus Turin gekommen. Eine runde Konstruktion aus Karbon und Aluminiumwaben, etwa vier Meter im Durchmesser. „Sie wiegt etwas weniger als ein VW Golf“, sagt Lars Bauer, oberster Ingenieur für die ESM-Montage.

    Dass dieses nackte, eher unspektakuläre Gehäuse hier einmal Teil eines Raumschiffs wird, das Menschen zum Mond bringen soll, erfordert sehr viel Phantasie. In den kommenden Monaten werden Halterungen, und Rohre eingebaut, gut zwölf Kilometer Kabel verlegt, Sensoren und Tanks eingesetzt, insgesamt mehr als 20.000 Einzelteile. geliefert von mehr als 60 Firmen aus zehn Ländern. Hauptmaterialien sind Karbonfasern, Aluminium, Stahl und Titan, alles hochrein. Das Gewicht steigt auf das von gut dreieinhalb Golfs.

    Verantwortlich für den Space-Standort Bremen, für Mond und Mars bei Airbus ist Marc Steckling, offiziell Leiter Weltraumexploration. Das Komplizierteste am ESM? Steckling muss nicht lange überlegen: „Der Antrieb.“ Genauer: ein Haupt- und acht Hilfstriebwerke, dazu weitere 24, mit denen sich die Lage des Raumschiffs ändern lässt. Hier setzt Airbus auf Recycling: Die Triebwerke trieben bereits Space Shuttle an, waren mehrfach im All.

    Eine Halle weiter hängt ESM-4 in einem blauen Stahlgestell, das die Dimensionen eines kleinen Reihenhauses hat. Erste Kabel sind montiert, Rohre hängen heraus. Das Gestell kann das Modul anheben und drehen, damit die Ingenieure besser daran arbeiten können. Dieses Modul wird einmal mit Artemis-IV-Mission ins All geschossen und soll dann am sogenannten Lunar Gateway andocken, einer Raumstation von Nasa und Esa, die um den Mond fliegt. Von dieser „Tür zum Mond“ aus sollen dann Astronauten regelmäßig auf den Mond reisen. Die Raumstation soll auch Startpunkt für Flüge zum Mars sein.

    Begonnen hat die Zusammenarbeit von Nasa und Esa für die ESM im Mai 2011. Das erste Modul war 2018 fertig. Der Start wurde dann mehrfach verschoben, weil die Nasa Schwierigkeiten mit der neuen Rakete SLS hatte. Um größere Gewichte – das Orion-Raumschiff wiegt vollgepackt gut 22 Tonnen – Richtung Mond zu bringen, ist eine sehr große Rakete nötig. Letztlich startete Artemis I dann im Ende November 2022.

    Insgesamt sechs Module baut Airbus, das erste dürfte um die eine Milliarde Euro gekostet haben, die anderen sind günstiger, weil die Entwicklungskosten nicht mehr anfallen. Knapp über 200 Millionen Euro pro Stück werden genannt, auch dank der Klein-Serienfertigung. Für drei weitere Module, ESM-7 bis -9, arbeitet Airbus gerade an einem Angebot. Und sollten weitere Antriebe nötig sein, ist Airbus der erste Ansprechpartner. Ein Wechsel des Anbieters sei sehr aufwändig, sagt Philippe Deloo, bei der Esa zuständig für das ESM-Programm.

    Im Reinraum 1 nähert sich ESM-3 bereits der Fertigstellung. Das Modul hängt neben der „blauen Lagune“ in einem Stahlgestell. Von dem Gehäuse ist wegen der vielen Kabel und Rohre wenig zu sehen. Für den Laien ein einziges silbriges Wirrwarr, für den Profi alles sauber sortiert. Die Stellen, an denen später die Solarpanel angebracht werden, sind bereits rot markiert. Noch fehlen die vier Tanks mit jeweils 2100 Litern Treibstoff, die Tanks für Sauerstoff, Stickstoff und Wasser. Und auch die Triebwerke an der Unterseite fehlen noch.

    Wenn alles eingebaut ist, werden die Systeme getestet, wie Chefingenieur Bauer sagt. Sollte alles laufen, wird ESM-3 von außen mit Kühlpanels verkleidet und sieht dann erstmals aus wie das Teil eines Raunschiffs – ein Zylinder mit gut vier Metern Höhe. Das Arbeitstempo hier im Reinraum ist ruhig, Genauigkeit geht vor Tempo. Deshalb dauert es auch 16 Monate, bis ein Modul fertig ist.

    „Man darf Kleinigkeiten nicht als Kleinigkeiten abtun“, sagt Bauer. Was am Boden nichtig wirkt, kann im All schnell lebensbedrohlich werden. Deshalb stehen hier überall kleine silberne Kästen mit einer Art Tentakel, die Luftfeuchtigkeit, Raumtemperatur und Partikelkonzentration messen. Und deshalb untersuchen sie jetzt auch einen Fehler genauer, der bei der Artemis-I-Mission auftrat und als unkritisch eingestuft ist. Das Modul hat in bestimmten Situationen den Strom ausgeschaltet – kein Problem, wenn Astronauten an Bord sind, die wieder anschalten können. „Dennoch wollen wir verstehen, was passiert und warum“, sagt Esa-Spezialist Deloo.

    Artemis I war der Test für die bemannte Mondmission. Nasa und Esa schickten drei mit Sensoren vollgestopfte Puppen ins All, im Raumschiff den Mond umrundeten. Gesteuert wurde von der Erde aus. Die Ingenieure flogen Manöver, testeten die Möglichkeiten des Raumschiffs. Sehr erfolgreich, offenbar. „Wir hatten mit mehr negativen Überraschungen gerechnet“, sagte Deloo. Stattdessen gab es positive: So brauchte Orion nur gut drei Viertel des Treibstoffs, benötigte weniger Strom und erzeugte über die Solarpanels mehr Energie als gedacht.

    ESM-3 soll in der zweiten Jahreshälfte in die USA geschickt werden. Im Kennedy Space Center der Nasa in Florida, werden die Solarpanels angebracht und das Modul noch einmal intensiv durchgeprüft, bevor es über ein Adapter mit der Raumkapsel, beide vom US-Konzern Lockheed,  zum Orion-Raumschiff verbunden wird. 2025 soll es Astronauten bei Artemis III von Cape Canaveral Richtung Mond bringen. Sie sollen dann auch dort landen – erstmals seit 1972. Vorher ist noch eine bemannte Mondumrundung geplant: Artemis II im kommenden Jahr. Das dafür nötige ESM-2 aus Bremen wird bereits seit Oktober 2021 in den USA getestet.

    Während die Raumkapsel immer wieder eingesetzt wird, kommt kein ESM zur Erde zurück. „Dass es verglüht, ist schade, weil so viel Arbeit drinsteckt“, sagt Steckling. „Das Modul vor der Hitze von 2500 Grad beim Eintritt in die Atmosphäre zu schützen und es so wiederverwendbar zu machen, ist aber sehr teuer und deshalb nicht sinnvoll.“ Der Esa-Verantwortliche Deloo formuliert es etwas anders: „Es ist doch besser, als erfolgreicher Rockstar auf der Bühne zu sterben als nach einem langweiligen Leben unbekannt.“

  • Der Suchmaschinen-Krieg

    Microsoft greift mit KI Google an.

    Google ist seit Jahren bei Suchen im Internet das Maß der Dinge – noch. Der Multimilliarden-Markt bewegt sich. Microsoft greift den Konkurrenten mit einem neuartigen Programm an, das von künstlicher Intelligenz (KI) gesteuert wird. Die Technik begeistert bereits mehr als hundert Millionen Menschen weltweit – und wird die Arbeit vieler Menschen verändern.

    Was ist passiert?

    Im November machte ein US-Unternehmen namens OpenAI ein neuartiges Chatprogramm öffentlich. ChatGPT kann, richtig aufgefordert, Texte erstellen, Computercode tippen, Argumente liefern, Gedichte schreiben. Das Programm bestand schon werbewirksam US-Anwaltsprüfungen und ein Medizinexamen. Inzwischen haben mehr als 100 Millionen Menschen das Programm ausprobiert. Es nutzt KI. Experten sehen eine technische Revolution ähnlich dem ersten Iphone. Das Besondere: Der US-Software-Konzern Microsoft unterstützt OpenAI mit Rechenleistung und will um die zehn Milliarden Dollar (9,3 Milliarden Euro) in das Unternehmen stecken. Mit der KI-Technologie greift Microsoft jetzt den US-Suchmaschinen- und Softwarekonzern Alphabet (Google, Youtube, Android) an.

    Wie geht Microsoft vor?

    Microsoft will die KI-Technologie hinter ChatGPT in seine Cloud-Produkte für Unternehmen einbauen. Zudem wird die Suchmaschine Bing, die ein Randdasein fristet, aufgewertet. Auch der Internetbrowser Edge bekommt KI-Technologie. Google reagierte umgehend und verkündete, seine Suche durch eigene KI-Technologie aufzurüsten. Das Programm heißt Bard, die Technologie dahinter Lamda.

    Worum geht es?

    Vordergründig zeigt Microsoft, wie es sich die Suche der Zukunft vorstellt und das es technologisch vorn dabei ist. Und natürlich sind große Summen im Spiel. Denn eine Suchmaschine zu betreiben, bringt Geld. Microsoft erklärte bei der Präsentation der überarbeiteten Suchmaschine Bing, dass ein Prozent mehr Marktanteil zusätzlichen Milliardenumsatz bringe. Bisher dümpelt Bing nach Daten von Similarweb weltweit bei einem Marktanteil von drei Prozent herum, Google liegt bei knapp 91,1 Prozent. In Deutschland sind es knapp fünf zu knapp 90 Prozent. Ähnlich sieht es beim Umsatz aus: Microsoft setzte mit Anzeigen im Suchumfeld zuletzt weltweit 3,2 Milliarden Dollar um, Google 42,6 Milliarden Dollar. Mit der Künstlichen Intelligenz in der Suche will Microsoft also vor allem Menschen dazu bewegen, Bing zu nutzen, um dann die Werbeerlöse zu steigern.

    Wie wichtig sind die Neuerungen?

    Um das einschätzen zu können, lohnt ein Blick auf die Finanzmärkte. Der Börsenwert der Unternehmen bildet in der Regel ab, wie die Anleger die Zukunftschancen sehen. Als Google Bard vorstellte, gab der Chatbot in einem Werbevideo an, das James-Webb-Teleskop sei das erste, das einen Planeten außerhalb unseres Sonnensystems fotografiert hat. Die Antwort ist falsch. In der Folge verlor der Aktienkurs von Googles Mutterkonzern Alphabet bis zu 160 Milliarden Dollar. Und erholt hat sich der Kurs bisher nicht.

    Wer gewinnt?

    Schwer zu sagen. Dank ChatGPT sieht Microsoft plötzlich öffentlich als technologisch führend aus. Außerdem kann das Unternehmen ein funktionierendes Programm verfügbar machen. Allerdings ist der Marktanteil der Bing-Suche verschwindend. Alphabet, der Konzern hinter Google, hat mit der Suchmaschine eine marktbeherrschende Position mit entsprechend hohen Einnahmen. Völlig unvorbereitet ist das Unternehmen nicht, es hat eine eigene Technologie, die aber wohl noch nicht völlig marktreif ist. Entscheidend wird sein, wie einfach die Programme bedient werden können und wie frei verfügbar sie sein werden.

    Was unterscheidet ChatGPT und Bard?

    Microsoft lässt eine neuere Version von ChatGPT in seine Internetsuche Bing einfließen. Sie wirft dann nicht nur klassische Antworten als Liste aus, sondern liefert in einem Kasten zum Beispiel noch eine Zusammenfassung. Wie es aussieht, wird nur eine begrenzte Zahl an Anfragen in einem bestimmten Zeitraum möglich sein. Die Technik soll auch in den Internetbrowser Edge eingebaut werden, mit dem Microsoft gegen Googles Chrome und vor allem in Deutschland auch Firefox konkurriert. Über Bard ist nur bekannt, dass es in den kommenden Monaten nach intensiven Tests in die Google-Suche integriert werden soll.

    Wie funktionieren die Programme hinter ChatGPT und Bard?

    ChatGPT nutzt ein Programm namens GPT, das die Firma OpenAI entwickelt hat. Googles Bard fußt auf Lamda. Beide Programme nutzen neuronale Netze, angelehnt an das menschliche Gehirn. Die jeweilige Künstliche Intelligenz wird mit Daten aus dem Internet trainiert und nutzt dazu ein statistisches Modell. Weder Lamda noch GPT sind intelligent, sie können nur sehr genau vorhersagen, wie wahrscheinlich welche Worte eine sinnvolle Antwort ergeben. GPT-3, das ChatGPT nutzt, wurde mit 175 Milliarden Daten trainiert. Bing soll eine neuere Version nutzen.

    Wie genau sind die KI-Programme?

    Bards Fehler mit dem Weltraumteleskop zeigt schon, dass die Programme nicht alles wissen. Sie sind nur so gut, wie die Datenbasis, mit denen sie trainiert werden. Alle Fehler und Verzerrungen der Datenbasis übernimmt die KI. Sie weiß auch nicht was richtig und was falsch ist.

    Wie kann ich die neue Bing-Suche nutzen? Und wann Bard?

    Um die Künstliche Intelligenz in der Suche nutzen zu können, muss man sich anmelden. Unter www.bing.com/next gibt es eine entsprechende Schaltfläche. Microsoft informiert dann per Mail, wann man Zugriff hat. Für ChatGPT kann man sich einfach unter https://chat.openai.com/auth/login anmelden. Wegen der großen Nachfrage ist das Programm allerdings oft nicht erreichbar. Bard von Google ist derzeit nur für Profitester freigegeben. Das Programm soll noch intensiv auf Fehler getestet werden.

  • Weniger Kofferchaos

    Flugbranche verspricht bessere Abläufe

    Wer zu Ostern und im Sommer in die Ferne fliegen will, muss sich wohl wieder auf Wartezeiten an den Flughäfen einstellen. Die Branche arbeitet seit den teils chaotischen Szenen im Sommer 2022 daran, die Probleme in den Griff zu bekommen. Doch vor allem die Personalsituation ist weiter angespannt, wie Jost Lammers, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Luftverkehrswirtschaft, sagte. Eine Garantie für einen weitgehend reibungslosen Reisesommer wollte er nicht geben.

    Die Deutschen wollen trotz höherer Lebenshaltungskosten wieder reisen. Und viele streben in den Süden – per Flugzeug. Die Fluggesellschaften erhöhen deshalb das Angebot, vor allem im Europaverkehr und auf Interkontinentalstrecken. Insgesamt bleibt die Zahl der in Deutschland angebotenen Sitzplätze aber zwölf Prozent hinter der von 2019 zurück, dem letzten normalen Jahr vor der Corona-Pandemie. Im restlichen Europa ist der Corona-Einbruch praktisch ausgeglichen.

    Kräftig zulegen können die Flughäfen Frankfurt und München, die Drehkreuze der Lufthansa. Sie profitieren vom wachsenden Europa- und Interkontinentalgeschäft und den Zubringerflügen der Lufthansa. Die meisten anderen Flughäfen wie Köln/Bonn, Düsseldorf, Stuttgart und Berlin wachsen auch, aber schwächer – Fluggesellschaften wie Ryanair und Easyjet haben ihr Angebot teils kräftig ausgedünnt und fliegen lieber anderswo in Europa, wo staatliche Gebühren niedriger, Erträge höher sind. Auch setzen sich die Bundesbürger lieber in Videokonferenzen oder fahren Zug und Auto zu Terminen, statt innerdeutsch zu fliegen.

    Mehr Angebot und mehr Reisende bedeutet mehr Ansturm an den Flughäfen. So dramatisch wie im vergangenen Jahr, als Fluggäste stundenlang am Check-in standen und ihre Flüge verpassten, Maschinen nicht entladen wurden und mit alten Koffern aber neuen Passagieren losflogen oder sich Kofferberge stapelten, soll es nicht mehr werden. „Um den Passagieren ein möglichst reibungsloses Reiseerlebnis bieten zu können, bereitet sich die Branche seit Monaten intensiv auf die bevorstehende Reisesaison vor“, sagt BDL-Präsident Lammers, im Hauptberuf Chef des Flughafens München.

    Mit dem Wegfall der Corona-Reisebeschränkungen wollten 2022 sehr viele Menschen verreisen, auch das Angebot stieg sprunghaft. Die Luftverkehrsbranche hatte während der Pandemie, als der Flugverkehr weitgehend eingestellt war, in großem Stil Personal gestrichen, das sich dann andere Jobs suchte. Die Situation jetzt ist anders. Flughäfen, Flugsicherung, Bundespolizei, Fluggesellschaften, Bodenverkehrsdienstleister verbesserten die Abläufe, sagte Lammers. Die Unternehmen hätten seit dem vergangenen Jahr daran gearbeitet, Personal einzustellen, um die Engpässe zu beheben. Der Markt sei schwierig, der Wettbewerb um Mitarbeiter auch im europäischen Ausland groß. Ob genug Personal vorhanden ist, sagte er auf Nachfrage nicht.

    Im vergangenen Jahr hatte die Branche versucht, türkische Abfertigungskräfte anzuwerben, um die Personallücken zu stopfen. Letztlich kamen nicht mehr als tausend, sondern weniger als 100 – unter anderem wegen Bürokratie und Zugangsbeschränkungen. Ähnliches ist für 2023 nicht geplant. Das neue Arbeitskräftezuwanderungsgesetz, das die Bundesregierung gerade vorbereitet, sollte die Lage künftig vereinfachen. Saisonbeschäftigten von außerhalb der EU soll es demnach erlaubt sein, mit einer Sondergenehmigung sechs Monate in Deutschland zu arbeiten, wie BDL-Hauptgeschäftsführer Matthias von Randow sagte.

    Auch die Abläufe an den Flughäfen sollen verbessert werden. Besonders die langen Schlangen an den Sicherheitskontrollen verärgern die Fluggäste immer wieder. Für die effiziente Sicherheitskontrolle sei wichtig, dass die Verantwortung für Personal, Technik und Abläufe in einer Hand liege, sagte Lammers. In München sind die Landesbehörden zuständig, der Frankfurter Flughafen hat zu Jahresbeginn die Verantwortung für die Sicherheitskontrollen übernommen. Dort, wo die Bundespolizei verantwortlich ist, kümmern sich mindestens drei verschiedene Stellen – was alles komplizierter macht.

    Beschleunigen könnten die Sicherheitskontrollen auch neue CT-Scanner, die in München und Frankfurt genutzt werden sollen. Sie durchleuchten Gepäck mehr als doppelt so schnell wie die alten Röntgengeräte. An anderen Flughäfen kommt die Technik wohl nicht mehr in dieser Sommersaison. In der Zukunft soll auch Digitalisierung die Staus an vielen Kontrollstellen beseitigen. Bisher müssen Flugreisende mehrmals Boardingpass, Ausweis oder Ticket zeigen, meist bilden sich Warteschlangen. Dabei sind die Daten bereits während der Buchung eingegeben worden. In Frankfurt, Hamburg und München werden gerade biometrische Verfahren getestet: Das System erkennt den Fluggast und lässt ihn passieren.

    Für dieses Jahr empfiehlt BDL-Präsident Lammers: Reisende sollte mehr Zeit einplanen, Online oder bereits am Vorabend einchecken. Jede Person sollte nur ein Handgepäckstück mitnehmen, was unnötige Wartezeit wegen zusätzlicher Gepäckabgaben ausschließe. „Wenn alle an einem Strang ziehen, wird ein reibungsloser Sommer machbar sein“, sagte er.

  • Die Bonitätsfrage

    Banken, Scoring und die Macht der Schufa

    Schufa. Schon allein der Name der Auskunftei bereitet manchen Menschen Sorge. Die Auskunftei liefert Hinweise über die Bonität von Kunden, vor allem wenn jemand einen Kredit aufnehmen möchte. Dabei sind die Informationen des Unternehmens nur ein Teil dessen, was Banken und Sparkassen für ein Darlehen prüfen.

    Es gibt ein Recht auf ein Girokonto. Wie sieht das bei Krediten aus?

    „Ein Recht auf Kredit gibt es nicht“, sagt Dirk Stein, Leiter Privatkundengeschäft und Verbraucherschutz beim Bankenverband. „Das ist immer eine Vereinbarung zwischen einer Bank und dem Kunden oder der Kundin.“ Wer einen Kredit benötigt, formuliert Wünsche, das Kreditinstitut prüft, unter welchen Bedingungen es die erfüllen kann.

    Wer bestimmt darüber?

    Auch wenn viele Menschen Auskunfteien, vor allem der Schufa, eine große Macht zuschreiben: „Über die Kreditvergabe entscheidet die Bank oder Sparkasse, bei der er beantragt wurde“, sagt Stein. „Sie entscheidet, mit wem sie Geschäfte machen will. Und sie bestimmt die Kriterien, zu welchen Konditionen, etwa Zinsen, Tilgung oder Laufzeit, sie den Kredit vergibt.“ Es kann also sein, dass jemand bei Sparkasse A keinen Kredit bekommt, bei Bank B aber schon.

    Welche Kriterien sind wichtig?

    Kreditinstitute geben dazu kaum Auskunft – Geschäftsgeheimnis. Aber es gibt einige grundsätzliche Regeln. „Geprüft wird zunächst die persönliche Kreditwürdigkeit: Ist jemand in der Lage und auch Willens, einen Kredit zurückzuzahlen?“ sagt Bankenverbandsexperte Stein. Dann schaue die Bank, ob die Person das auch wirtschaftlich könne. „Hier kann eine Bank oder Sparkasse auch die Informationen einer Auskunftei nutzen, muss es aber nicht.“ Wenn die eigenen Daten aus Sicht des Instituts ausreichen, kann es einen Kredit ohne die Schufa-Auskunft vergeben. Altkunden haben hier einen Vorteil, die Bank kennt sie und ihr Zahlungsverhalten. Neukunden werden mehr Nachweise vorlegen müssen. Die Berliner Sparkasse etwa nutzt „ein mathematisch-statistisches Verfahren, das die individuelle Kundensituation berücksichtigt. Einbezogen werden dabei unter anderem die Einkommenssituation, die Höhe der regelmäßigen Einnahmen und Ausgaben sowie sonstigen Verpflichtungen, etwa Unterhaltszahlungen oder andere Kredite, die bedient werden.“ Betrachtet würden auch die Auskunft der Schufa, das Zahlungsverhalten des Kunden oder der Kundin sowie bei Immobilienfinanzierungen eine Bewertung der Immobilie.

    Sind die Kriterien immer gleich?

    „Die Kriterien können sich unterscheiden je nach Bank oder Sparkasse. Und sie unterscheiden sich auch nach Art des Kredits“, sagt Bankenverbandsexperte Stein. Für einen Ratenkredit über 2000 Euro mit einer Laufzeit von zwei Jahren wird weniger umfangreich geprüft als für einen Immobilienkredit über 350.000 Euro, der 20 Jahre läuft. Hier fragt die Bank recht sicher eine Auskunftei.

    Warum gibt es Auskunfteien?

    Je genauer eine Bank einen Kunden einschätzen kann, desto weniger Kredite platzen. 1927 gründeten deshalb zahlreiche Institute die Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung, kurz Schufa. Sie sollte das gemeinsame Wissen über die Kunden bündeln. Nach Angaben der Schufa fielen heute mehr als zwölf Prozent aller Kredite in Deutschland aus, wenn es die Auskunftei nicht gebe. Dank der Bonitätsauskunft sollen es nicht einmal die Hälfte sein. Entsprechend können die Banken den Kunden günstigere Kredite gewähren. Die Schufa in Wiesbaden ist für Privatpersonen auch die mit Abstand wichtigste Auskunftei, aber nicht die einzige. Firmen wie Arvato Infoscore, Creditreform Boniversum oder Crif Bürgel bieten Kreditinstituten Informationen an. Die Banken müssen für ihre Abfragen in der Regel eine Gebühr zahlen.

    Was sammelt die Schufa und woher kommen die Daten?

    Die Schufa allein hat Daten von 68 Millionen Deutschen und sechs Millionen Firmen gesammelt. Dazu gehören Name, Adresse und Geburtsdatum, um Personen identifizieren zu können. Gespeichert sind unter anderem Daten zu laufenden Girokonten, zu Raten- und Immobilienkrediten, zur Zahl der Kreditkarten sowie zu Zahlungsausfällen und Privatinsolvenzen. Die Informationen stellen diejenigen bereit, die die Kreditwürdigkeit von Kunden abfragen. Die Schufa bedient sich auch bei amtlichen Bekanntmachungen und öffentlich zugänglichen Verzeichnissen, etwa dem Insolvenzregister. Nach drei Jahren müssen Informationen gelöscht werden – positive (etwa problemlos getilgter Kredit) wie negative (etwa Privatinsolvenz).

    Was gibt die Schufa an die Banken weiter?

    Die Schufa ermittelt anhand ihrer Daten, wie kreditwürdig eine Person ist. Das bedeutet: Wie wahrscheinlich es ist, dass die Person die Raten für den angefragten Kredit zahlt und ihn auch tilgt. Diese Wahrscheinlichkeit zeigt sich im sogenannten Score. In ihn fließen die Daten zu Krediten, dem Zahlungsverhalten bei Onlineverträgen, zur Anzahl der Kreditkarten, wie lange ein Girokonto besteht. Die Auskunftei berücksichtigt auch allgemeine Informationen. So hat statistisch gesehen jemand, der einen Immobilienkredit abzahlt, ein geringeres Ausfallrisiko. Personen, die häufig umziehen, haben ein höheres Ausfallrisiko. Wo jemand wohnt, ist für die Schufa unerheblich. Wie die Schufa die Daten gewichten, verrät sie nicht. Eine Ahnung davon, wie ein Score entsteht und was ihn beeinflusst, gibt ein Simulator (www.schufa.de/score-simulator).

    Wie lässt sich die Bonität beeinflussen?

    Bisher vor allem durch das eigene Verhalten. „Verträge einzuhalten und Rechnungen zu bezahlen, etwa für Mobilfunk, Strom und Gas, Onlinebestellungen, beeinflusst die Kreditauskunft positiv“, sagt Privatkundenexperte Stein vom Bankenverband. Personen, gegen die mehrere Mahnverfahren laufen, haben auch eher einen schlechten Eintrag bei der Schufa. Die Kreditwürdigkeit verbessern kann, wer der Schufa freiwillig mehr sogenannte Positivdaten überlässt – also zeigt, dass er oder sie sehr solide wirtschaftet. Dazu zählen Informationen zu Immobilienkrediten, bereits getilgten Krediten, die die Schufa wegen der gesetzlichen Löschfrist gestrichen hat, und auch ein direkter Zugriff auf bestimmte Kontodaten. Bisher können Bundesbürger der Schufa nur in geringem Umfang Informationen geben. Im kommenden Jahr will die Auskunftei das ändern.

    Wie gehe ich vor, wenn etwas falsch läuft?

    Wer glaubt, die Schufa benutze veraltete oder falsche Daten, kann sich an das Unternehmen wenden. Zwischen 8 und 19 Uhr ist das über die Telefonnummer 0611 92780 möglich. Weitere Informationen und Formulare finden sich unter www.schufa.de/global/rechte/ im Netz.

  • Ende der billigen Zeiten

    Warum Gas weiter teuer bleibt

    Noch vor wenigen Monaten herrschte große Aufregung: Bekommt Deutschland genug Gas? Die Preise schossen in die Höhe, Notfallpläne wurden geschrieben. Jetzt ist offenbar genug Gas da. Und es wird billiger. Doch wer auf Preise wie vor fünf Jahren hofft, wird enttäuscht. Sie werden nicht wieder kommen.

    Zwei wesentliche Gründe trieben den Preis: Nach dem Höhepunkt der Corona-Pandemie fragte die Industrie wieder mehr Gas nach und im Zuge des Ukraine-Kriegs fielen die russischen Gaslieferungen aus – verbunden mit einer gewissen Panik, es gebe nicht mehr genug Gas. In der Spitze kostete eine Megawattstunde des marktbeherrschenden Dutch TTF in Europa Ende August mehr als 308 Euro.

    Inzwischen hat Deutschland russisches Gas durch Lieferungen vor allem aus Norwegen ersetzt. In Rekordzeit entstanden Terminals für Flüssiggas. Die Speicher sind gut gefüllt. Wegen des milden Winters wird wenig geheizt. Und Verbraucher und Industrie sparen Energie. Der Markt beruhigt sich nicht nur in Deutschland, entsprechend fällt der Großhandelspreis.

    Aber der Gasengpass weltweit bleibt: Weil Russland als großer Lieferant für viele Länder ausfällt, muss der Brennstoff aus anderen Regionen der Welt kommen. Der Wettbewerb wird größer. Unter anderem deshalb liegt der Großhandelspreis derzeit bei rund 60 Euro je Megawattstunde. Immer noch das Dreifache der Vor-Corona-Jahre von um die 20 Euro.

    Der Großhandelspreis ist das eine, was der Verbraucher tatsächlich zahlt, das andere. Denn die Gasversorger kaufen ihr Gas in der Regel nicht vollständig tagesaktuell ein, sondern überwiegend mit länger laufenden Verträgen. Und die Kunden haben meist ebenfalls länger laufende Verträge. So dauert es, bis höhere Preise beim Gaskunden ankommen, ebenso sinken die Preise später.

    Seit 1. Januar gilt in Deutschland die Gaspreisbremse. Der Staat übernimmt bei 80 Prozent des Verbrauchs jenen Teil der Kosten, der über zwölf Cent je Kilowattstunde einschließlich Steuern liegt. was bleibt, muss der Gaskunde zahlen – immer noch deutlich mehr als in den vergangenen Jahren. Aber bis 2024, wenn die Hilfe ausläuft, wird es garantiert nicht teurer.

    Und danach? Die Experten sind uneins, erwarten, dass sich der Weltmarkt dann wieder in normalen, aber teureren Bahnen bewegt. Nur eins ist sicher: Die Zeiten, in denen Gas dank russischer Pipelinelieferungen billig war, sind vorbei.

  • Wunschdenken

    E-Fuels sind eine schlechte Idee

    Synthetische Kraftstoffe verheißen den einfachen Weg: E-Fuels in den Tank, und wir können so weiterfahren wie bisher. Nur umweltfreundlich. Wenn nur genug billiger Ökostrom da ist, werden Investoren Geschäft sehen, die Produktion starten. Doch das ist Wunschdenken.

    Ganz abgesehen davon, dass weltweit auf das E-Auto gesetzt wird und Deutschland sich als Exportnation keinen Verbrenner-Sonderweg leisten kann: Ein grundsätzliches Problem bei E-Fuels ist der geringe Wirkungsgrad. Viel Strom wird benötigt für vergleichsweise wenig künstlichen Sprit. Warum also nicht direkt den billigen Strom nutzen, statt mit ihm kompliziert etwas anderes herzustellen, das nicht so gut und vor allem immer teurer ist?

    Das hat Folgen für diejenigen, die noch ein Auto mit Benzin- oder Diesel-Motor fahren, wenn keine solchen Neuwagen mehr verkauft werden. Sollten dann nur noch E-Fuels an den Zapfsäulen zugelassen sein, wird der Sprit mehr kosten als eine vergleichbare Menge Strom für E-Autofahrer. Das wird das Aus für die letzten Verbrenner auf deutschen Straßen beschleunigen.

    Für Investoren, die gern langfristig denken, aber auch Ertrag sehen wollen, sind E-Fuels deshalb wenig attraktiv. Ein Nischenprodukt mit absehbarem Ende. Außer, der Staat subventioniert künstlichen Sprit in großem Stil. Und das ist eine schlechte Idee: Der Staat gibt einen Teil des Wohlstands aus, um eine ineffiziente Technologie am Leben zu erhalten. Das Geld lässt sich an anderer Stelle sinnvoller nutzen.

  • Joghurtbecher zu Straßen

    Ecopals recycelt Plastik für Fahrbahnen

    Hunderttausende Kilometer Straßen durchziehen Deutschland. Viele, die besonders belastet sind, haben Risse und Spurrillen. Vor allem an Bushaltestellen bilden sich Dellen. Für stabileren Asphalt mischt die Industrie Kunststoff bei – bisher extra frisch angefertigt. Ein Berliner Unternehmen will jetzt Altplastik nutzen: Käseverpackungen und Joghurtbecher sollen Deutschlands Fahrbahnen verstärken.

    Den Gründern von Ecopals geht es vor allem um jene Kunststoffe, die zwar in der Recyclingtonne landen, aber nicht verwertet werden können, weil sie aus mehreren Schichten unterschiedlichen Materials bestehen. Rund 30 Millionen Tonnen davon fallen jedes Jahr in Europa an. „In Deutschland werden Verbundkunststoffe nach der Entsorgung verbrannt“, sagt Gründer und Chef Maximilian Redwitz. „Aber das Material kann sinnvoller eingesetzt werden.“

    Mehrschichtiges Plastik ist besonders in der Lebensmittelindustrie wichtig: Wurst und Käsescheiben sind zum Beispiel oft darin verpackt. Die Ware soll frisch bleiben, keine Flüssigkeit verlieren, die Verpackung bedruckt werden. Und stabil muss sie auch sein. Das Material lässt sich nur sehr aufwändig und teuer trennen. Energie daraus zu gewinnen ist billiger und einfacher. Aber da geht aus Sicht von Redwitz und seinem Team deutlich mehr.

    Co-Gründer Jonas Varga hat gemeinsam mit Materialspezialisten des Fraunhofer Instituts für Chemische Technologie in Karlsruhe ein Verfahren für Ecopals entwickelt, das den Verbundkunststoff in neuen Rohstoff verwandelt. Das Material wird gewaschen, geschreddert, mit chemischen Zusätzen versehen. Das Ergebnis ist ein geruchloses Granulat in rot, grau, braun, das in den Asphalt gemixt werden kann.

    Auf den meisten deutschen Straßen bestehen die Fahrbahnen aus einem Gemisch von Asphalt, Gesteinsbröckchen, und Bitumen aus Rohöl als Klebemittel. Kunststoff zuzusetzen, hat einige Vorteile: Das Material klebt besser zusammen. Es hält niedrigere und höhere Temperaturen aus als klassisches Material. Weniger Risse entstehen, was auch weniger Schlaglöcher bedeutet. Insgesamt, heißt es beim Deutschen Asphaltverband, halte Asphalt mit Kunststoff länger. Verwendet wird er vor allem bei besonders belasteten Straßen. Autobahnen zum Beispiel, Bundesstraßen und an Bushaltestellen. Und bisher wird der Kunststoff extra für den Straßenbau neu aus Rohölprodukten hergestellt.

    Rund 38 Millionen Tonnen Asphaltgemisch haben die gut 300 deutschen Mischwerke 2021 hergestellt. Das Statistische Bundesamt nennt einen Wert von rund 871 Millionen Euro. Die Zahlen für 2022 sind noch nicht bekannt, im ersten Halbjahr deutete sich bereits ein Wachstum an. Nicht in allen Gemischen ist Kunststoffzugesetzt, aber der Markt für Ecopals ist doch recht groß, die Konkurrenz übersichtlich. Europaweit arbeitet noch ein schottisches Unternehmen mit dem Altplastik-zu-Straßen-Konzept.

    Gestartet ist das Unternehmen Anfang 2020, offiziell gegründet haben Redwitz und Varga im Juli 2021. Der Berliner Senat finanzierte Stipendien. Inzwischen haben Investoren mehr als zwei Millionen Euro in Ecopals gesteckt. Die ersten zehn Tonnen des Granulats mischten sie in einer Garage im Berliner Stadtteil Zehlendorf selbst. 16 Freunde packten an einem Wochenende mit an. Ein Video zeigt auf Paletten gestapelte Säcke, einen orangefarbenen Betonmischer, in den Granulat geschaufelt wird. „Danach haben wir das Material zum Asphaltwerk gebracht“, sagt Redwitz. Es festigt Straßen in Aschaffenburg, Kiel und Potsdam.

    Jetzt sind größere Mengen nötig. Ecopals fertigt nicht selbst, lizenziert sein Verfahren an Abfallfirmen, die den Verbundkunststoff ohnehin sammeln. „Ein modernes Entsorgungsunternehmen hat die Technologie, die nötig ist, um das Recyclinggranulat herzustellen“, sagt Redwitz. „Eventuell sind kleinere Investitionen nötig, aber die lohnen sich.“ Ein Vorteil: kurze Wege. Der Verbundkunststoff fällt regional an, die Asphaltmischwerke arbeiten auch regional.

    Die Recycler sind offenbar interessiert. „Die Unternehmen sind schnell an uns herangetreten“, sagt Redwitz. Sie sparen das Geld für die Verbrennung des Kunststoffs. Zudem können sie bestimmte Recyclingquoten besser erfüllen, müssen keine Strafen bei Verstößen zahlen. Etwas zögerlicher sind offenbar die Straßenbauer. „Unsere Herausforderung ist, das Produkt in den doch eher konservativen Asphaltmarkt zu bekommen“, sagt Redwitz. Er ist aber zuversichtlich, vor allem, weil der Preis aus seiner Sicht stimmt. „Wir können Hochleistungsasphalt zum Preis von normalem Asphalt ohne Kunststoff anbieten. Und in der Branche gewinnt immer noch der günstigste Preis.“

    Noch bauen die zwölf Mitarbeiter von Berlin aus das Deutschland-Geschäft aus. Aber auch anderswo wird Plastik gesammelt, werden Straßen gebaut. Redwitz und sein Team denken darüber nach, ihr Konzept auch in Spanien, der Schweiz und der Türkei anzubieten.

  • Bier verliert

    Die Inflation trifft das Getränk hart

    Es beginnt mit einem Kronkorken. Kleines Teil, aber für die Bierindustrie recht wichtig. Der Preis hat sich binnen Jahresfrist mehr als verdoppelt. Und auch Braumalz, Hopfen, Wasser, Flaschen, Transport – alles hat sich deutlich verteuert. Vor allem die Energiekosten belasten die Unternehmen. Für Bierfans bedeutet das: Die Preise werden wahrscheinlich weiter steigen. Und die Zahl der Brauereien sinken.

    „Wir erwarten ein überaus hartes Jahr für die Branche, die zwar Erholungstendenzen zeigt, aber weiterhin von den Pandemiejahren gezeichnet ist und immer noch deutlich unter Vorkrisenniveau liegt“, heißt es bei der Radeberger-Gruppe, dem größten Brauunternehmen Deutschlands mit Marken wie Jever, Berliner Pilsner, Sternburg, Selters. Es gehört zum August-Oetker-Konzern. Der Ausblick ist auch nicht erbaulich: „Wir sehen keine Rückkehr zur Absatz- und Ertragssituation vor 2020.“

    Der Deutsche Brauerbund hat gerade berechnet, wie sich die Preise rund ums Bier verändert haben. Billiger geworden ist praktisch nichts. Kronkorken plus 120 Prozent, Kohlensäure plus 90 Prozent, Braumalz plus 90 Prozent, Neuglas plus 70 Prozent. Bierfässer verteuerten sich demnach um 60 Prozent, Kisten um 40 Prozent. Kartonage, Sprit, Transport kosten mehr, selbst Etiketten. Bei Radeberger sprechen sie von „nie gesehenen Preisniveaus“. Die Kosten nahezu aller im Produktionsprozess benötigten Roh-, Hilfs- und Betriebsstoffe seien geradezu explodiert.

    Besonders drastisch zeigt sich das bei Energie. Und Brauen verbraucht viel Energie. Manche Hefe hat es gern etwas wärmer, andere dagegen eher kühler. Es wird gefiltert, gepresst, erhitzt, gekocht, gekühlt, vor allem mit Strom und Gas. Hier errechnete der Brauerbund für 2023 das Achteinhalbfache der Vorjahreskosten.

    Hopfen, wesentlich für den Geschmack des Bieres, beziehen die Brauer überwiegend aus Deutschland. Kurze Wege, sehr gute Qualität. Wegen des Ukraine-Kriegs und höherer Energiepreise verteuerte sich Dünger, Sprit für die Maschinen kostete mehr. Und dann war der Sommer auch noch zu trocken und zu heiß – der Klimawandel trifft die deutschen Hopfenbauern. Alois Schapfl vom Hopfenverband sprach kürzlich vom schlechtesten Jahr der Branche. 28 Prozent weniger Hopfen wurde geerntet – vor allem in der bayerischen Hallertau, dem größten zusammenhängenden Hopfenanbaugebiet der Welt.

    Deutschland ist nach den USA der größte Hopfenanbauer, 2021 lag der deutsche Marktanteil weltweit bei gut 41 Prozent. Mehr als zwei Drittel der Ernte werden exportiert. Wenn es nicht gut läuft, hat das also Folgen für den Weltmarkt. Und weil alle Brauer weltweit Hopfen brauchen, steigen bei geringerem Angebot die Preise. Das merken auch deutsche Brauer im laufenden Jahr. Im vergangenen Jahr mussten sie für Hopfen dem Brauerbund zufolge 35 Prozent mehr ausgeben.

    Nun sind die Zahlen des Verbands Durchschnittswerte. Je nach Hopfensorte unterscheiden sich die Preise. Jedes Unternehmen hat andere Verträge. Und nicht alles, was für den Brauer teurer geworden ist, verteuert eine Flasche Bier besonders stark – etwa ein Kronkorken. Und vom Hopfen sind etwa 100 bis 200 Gramm je Hektoliter nötig – je nach Biersorte. Aber in der Summe kostet Bierbrauen deutlich mehr. Den Brauereien bleiben nur zwei Möglichkeiten: Sparen und Preise anheben.

    Dem Statistischen Bundesamt zufolge kostete Pils oder anderes untergäriges Bier Ende 2023 fast elf Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Weizen und weitere obergärige Biere waren rund acht Prozent teurer. Radeberger, besser als der Markt durch 2022 gekommen, hat die Preise zum 1. Dezember angehoben. Wie es weiter geht ist offen. „Jetzt schauen wir erst einmal, wie Kunden und Konsumenten auf diese Veränderungen reagieren“, sagt eine Sprecherin. Und die zögerten zuletzt.

    Auch wenn es vor der Corona-Pandemie recht gut lief: Die Biermenge, die die Bundesbürger Pro-Kopf trinken, sinkt: 2021 waren es 91,6 Liter mehr als ein Viertel weniger als 2000. Das reicht hinter Tschechien, Österreich und Polen noch für Rang vier in Europa, aber so richtig im Trend ist das Getränk nicht mehr. Und das, wo doch die Craft-Beer-Szene völlig neue geschmackliche Horizonte eröffnete.

    Wenn höhere Preise nur schwer durchsetzbar sind, bleibt nur sparen, was oft bedeutet, zuzumachen. Wer denkt, es treffe nur die kleinen Brauereien, die keine Rabatte aushandeln können, weil sie nur kleine Mengen abnehmen, irrt. Radeberger etwa schließt die Traditionsbrauerei Binding in Frankfurt, die Keimzelle des Unternehmens.

    Oettinger, bisher Deutschlands Nummer 3, schrumpft, streicht Produkte, die nicht so gut laufen, konzentriert sich auf das Kerngeschäft. Die Brauereigruppe aus Oettingen etwa 60 Kilometer südwestlich Nürnbergs beliefert auch nicht mehr ganz Deutschland – Transporte in den Norden und Westen der Republik sind zu teuer. Oettinger, bekannt für seine Niedrigpreispolitik, will daran offenbar unbedingt festhalten. Und beim Transport haben regionale kleine Brauereien Vorteile, heißt es in der Branche.

    Wie teuer wird Bier? Schwer zu sagen 7,50 Euro für den halben Liter nannte kürzlich der Geschäftsführer der Klosterbrauerei Neuzelle in Brandenburg. Es sollte eine Drohung sein, ist doch für das Geld schon eine Kiste Oettinger oder Sternburg zu bekommen. Auf dem Oktoberfest 2022 kostete ein halber Liter zwischen 6,30 und 6,90 Euro, wobei traditionell nur Liter ausgeschenkt werden. Und Craftbiere kann schon mal 5,60 Euro je halber Liter kosten. Pils oder Exportbier für unter 50 Cent je 0,5 Liter dürften aber bald der Vergangenheit angehören.

  • Kakao? Nicht die Bohne!

    Planet A Foods hat Schokolade neu erfunden

    Sie ist als Tafel manchmal quadratisch, meist länglich. Sie umhüllt Erdbeercreme, Minze, Kekse, Karamell, Erdnüsse. Schokolade, behaupten manche, mache sogar glücklich. Und ohne Kakao geht nichts. Bisher jedenfalls. Ein deutsches Unternehmen schickt sich an, den Markt aufzumischen – kakaolos und klimaschützend.

    Neu erfunden haben die Schokolade die Geschwister Maximilian und Sara Marquart mit ihrem Unternehmen Planet A Foods aus Planegg bei München. Die Technologiechefin und Gründerin verrät, was drin ist: „Im Prinzip nur Zucker, Sheabutter und natürlich unser Nocoa aus Hafer oder Sonnenblumenkernen.“ Sieht aus wie Schokolade, lässt sich verarbeiten wie Schokolade. Und wie schmeckt die Schokolade ohne Kakao? Marquart lächelt: „In Blindverkostungen haben Experten keinen Unterschied festgestellt.“

    Mit Schokolade werden Milliarden umgesetzt. Die Experten von Fortune Business Insight schätzten den Weltmarkt 2022 auf etwas mehr als 48 Milliarden Dollar (mehr als 44 Milliarden Euro), rund 20 Milliarden Dollar davor entfallen auf Europa, mit Deutschland als größtem Schokoverbraucher. Nach Zahlen des Bundesverbands der Deutschen Süßwarenindustrie kauften die Bundesbürger Produkte für insgesamt 3,5 Milliarden Euro, die Industrie stellte sogar Waren für 6,15 Milliarden Euro her. Und nur die Schweizer essen pro Kopf mehr Schokolade als die Deutschen.

    Ihre Geschäftsidee hatten die Geschwister Weihnachten 2020, als sich die beiden über Schokolade unterhielten und darüber, dass für Kakaoplantagen Regenwald abgeholzt wird. Kakao wächst nur in Regenwaldgebieten, gut 44 Prozent kommen nach Zahlen des der Internationalen Kakao Organisation aus Elfenbeinküste, Ghana folgt mit 14,3 Prozent vor Ecuador mit 7,7 Prozent. Brasilien und Indonesien haben das Geschäft ebenfalls entdeckt und weiten ihren Anbau aus. Das zerstört die grüne Lunge der Welt.

    Wer Regenwald schützt, hilft deshalb dem Weltklima. Schokolade zu verbieten, ist für die Geschwister keine Lösung. Wie also sieht eine Alternative zu Kakao aus? Regional sollte sie sein, um Transportwege kurz zu halten, bezahlbar – und vor allem sollte sie gleich schmecken. Sie schauten sich die Kakaobohne genau an, zerlegten sie in ihre Bestandteile, in Eiweiße, Kohlehydrate, Fette.

    Und sie entdeckten die gleichen Bausteine in Hafer und Sonnenblumenkernen. Den meisten Geschmack liefern auch beim Kakao Fermentation und Röstung. Den Marquarts gelang es, die richtige Hefe zu finden, um aus Hafer und Sonnenblumenkernen den Stoff für kakaofreie Schokolade zu gewinnen – Nocoa tauften sie das Produkt.

    Versuche, Kakao in Schokolade zu ersetzen, gab es in den vergangenen Jahrzehnten viele, aber niemand hat das Thema bis zur Marktreife gebracht. „Die Rahmenbedingungen waren anders, es lohnte sich nicht“, sagt Marquart. Heute gebe es CO2-Steuern und ESG (ökologische, soziale und Kriterien guter Führung). Zudem bedrohe der Klimawandel auch den Anbau der Pflanzen in tropischen Regionen.

    Bisher ist noch keine kakaofreie Schokolade zu kaufen. Im Sommer vergangenen Jahres konnten Eis-Fans den Stoff bereits in verschiedenen Eisdielen in deutschen Großstädten testen. Die ersten Produkte mit Nocoa sollen im September in die Supermarktregale kommen, zunächst in Deutschland, Österreich und der Schweiz. „Wir schauen aber auch Richtung USA“, sagt Marquart.

    Planet A Foods will selbst keine kakaofreie Schokolade in die Supermärkte bringen. „Wir beliefern die Industrie“, sagt Sara Marquart. Denn nur, wenn Kakao im großen Stil ersetzt werde, gebe es auch einen Effekt für das Klima. „Aber auf den Verpackungen steht schon ,Nocoa‘“, sagt sie. Dem Unternehmen geht es nicht so sehr um Schokotafeln mit sehr hohem Kakaoanteil, in denen die richtige Bohne eine große Rolle spielt, sondern um all die anderen Produkte, in denen Kakao enthalten ist – Schokoriegel und Kekse zum Beispiel.

    Für die Industrie geht es neben dem Geschmack auch immer um den Preis. Und da ist regionaler Hafer der Kakaobohne deutlich überlegen: „Die Tonne Hafer kostet derzeit rund 500 Euro, die Tonne Kakao 2500 Euro“, sagt Marquart. Und noch einen Vorteil nennt sie: Anders als Kakao sei Nocoa nicht bitter, das Produkt komme mit 30 Prozent weniger Zucker aus.

    Für Planet A Foods ist Kakaoersatz erst der Anfang. „Wir arbeiten auch an einem Ersatzstoff für Palmöl“, sagt Marquart, ebenfalls produziert von Hefen. Palmöl setzt die Industrie als billigen Fettersatz in zahlreichen Lebensmitteln ein. Und für die nötigen Plantagen wird Regenwald abgeholzt. Planet A Foods setzt auch hier auf Hefe. Bis der neue Ersatzstoff auf den Markt kommt, dauert es. Marquart hält einen Start in den USA für 2025 für möglich.

    Zunächst geht es um Schokolade. Die Pilotanlage bei Planet A Foods in Planegg stellt 40 Kilogramm pro Tag her, für die Lebensmittelindustrie sind größere Mengen nötig. Im tschechischen Pilsen baut das Unternehmen deshalb gerade eine Produktion auf. .„Eine Kombination aus Brauerei und Schokolade“, sagt Marquart. In der ehemaligen Staatsbäckerei, einer großen 60er-Jahre Halle, werden Fermentationskessel aus Edelstahl und Konchiermaschinen aufgestellt. Diese Knetanlagen verbessern den Geschmack der Schokolade – egal ob mit oder ohne Kakao.

  • Schufa-Score vor Gericht

    EuGH berät über Verfahren zu Bonitätsauskunft

    Mit der Schufa verbinden viele Menschen vor allem eines: Sorge. Denn die Auskunftei bewertet, wie kreditwürdig jemand ist. Die Information der Wiesbadener kann einen Kredit, einen Mobilfunkvertrag oder einen Onlinekauf verhindern. An diesem Donnerstag (26. Januar) beschäftigt sich der Europäische Gerichtshof (EuGH) in Luxemburg mit der Schufa. Es geht um den Kern der Auskunft, das sogenannte Scoring. Und darum, wie lange die Schufa bestimmte Daten speichern darf. Die Entscheidung der Richter kann das Geschäft des Unternehmens verändern.

    Die Schufa ist eine von mehreren Auskunfteien in Deutschland, die Daten zur Bonität sammeln. Sie ist die größte und für Konsumenten mit Abstand wichtigste, hat sie doch sensible Daten über gut 68 Millionen Bundesbürger gesammelt. Aus den Daten erstellt sie auf Anfrage, etwa einer Bank oder Sparkasse, einen Wert, der die Kreditwürdigkeit einer Person wiedergeben soll.

    Das statistisch-mathematische Verfahren ist geheim und weitgehend automatisiert, die Abfrage der Banken oder Onlinehändler bei der Schufa ebenfalls. Nur so läuft das Verfahren zügig, können Kunden binnen kürzester Zeit zum Beispiel im Internet einkaufen. Der EuGH soll jetzt klären, ob das automatisierte Verfahren mit der europäischen Datenschutzverordnung (DSGVO) vereinbar ist (Az. C-634/21). Die Schufa ist nicht angeklagt, wird aber dazu gehört.

    Was wie ein Verfahren für juristische Feinschmecker aussieht, könnte die Arbeit der Schufa und damit das Geschäftsmodell empfindlich stören. Der EuGH muss die Kernfrage beantworten: Entscheidet der automatisiert erstellte Score, mithin die Schufa, über Kredit oder Kauf? Wäre es so, verstieße das Verfahren gegen EU-Recht.

    Banken und Sparkassen behalten sich vor, selbst über den Kredit zu entscheiden. Idealerweise ziehen sie dazu eigene Daten heran, etwa die Vermögenssituation eines Kunden oder die Ein- und Ausgaben einer Kundin. Vielfach ist die Schufa-Auskunft nur ein weiteres Element, das geprüft wird. Manche Bank vergibt einen Kredit an langjährige Kunden auch ohne Schufa-Informationen. Für die Schufa ist die Lage deshalb klar: Das Verfahren ist rechtens.

    Der EuGH könnte das allerdings anders sehen. Insgesamt scheint das EU-Gericht die Frage wichtig zu finden, sonst hätte es keine Verhandlung angesetzt. Die Schufa sieht ihr Geschäftsmodell jedenfalls bisher nicht gefährdet. Offenbar geht man im Haus davon aus, dass man gegebenenfalls Verfahren anpassen muss. Schließlich geht es nicht um den Score an sich, sondern darum, wie er an die Banken oder Onlinehändler übermittelt und verarbeitet wird.

    Geklagt hatte eine Frau, der ein Kredit wegen einer Schufa-Auskunft verweigert wurde. Sie bat die Schufa um Dateneinsicht. Zudem forderte sie, ihrer Ansicht nach falsche Einträge bei der Schufa zu löschen. Sie wandte sich an den hessischen Datenschutzbeauftragten, der kein Problem nach deutschem Recht sah. Die Frau klagte deshalb gegen den Datenschutzbeauftragten als Schufa-Aufsicht, mithin das Land Hessen. Das Landgericht Wiesbaden rief den EuGH an.

    Der EuGH beschäftigt sich auch damit, wie lange die Schufa öffentlich zugängliche Daten speichern darf. Die Auskunftei nutzt für sich zum Beispiel das Insolvenzregister, in dem Informationen zu einer Privatinsolvenz veröffentlicht werden müssen. Die Daten werden aus diesem Register nach sechs Monaten gelöscht. Die Schufa nutzt die Daten, streicht sie bei sich, wie auch alle anderen Daten, erst nach exakt drei Jahren.

    In diesem Fall geht es um eine Restschuldbefreiung. Ein solcher Eintrag zeigt an, dass die betreffende Person kein Vermögen mehr hat, deshalb die restliche Schuld erlassen wird. Für die Auskunftei sind solche Informationen aus öffentlichen Verzeichnissen wichtig. Die Schufa nennt immer wieder den Gläubigerschutz und den Schutz der einzelnen vor neuer Verschuldung.

    Informationen zu einer Privatinsolvenz können danach den Score verschlechtern und verhindern so, dass jemand sich wieder verschuldet oder bei einer Bank ein Kredit ausfällt. Für jemanden, der einen Kredit aufnehmen möchte oder online einkaufen oder einen Mobilfunkvertrag abschließen, können sie das Leben schwer machen. Auch für dieses Thema hat das Verwaltungsgericht Wiesbaden den EuGH angerufen. Der Bundesgerichtshof beschäftigt sich in einem anderen Verfahren Mitte Februar ebenfalls mit der Speicherdauer.

    Ein Urteil werden die EuGH-Richter nach der mündlichen Verhandlung am Donnerstag vermutlich noch nicht sprechen. Üblicherweise wird der Fall an einen Generalbevollmächtigten übergeben, der ihn bewertet. Danach entscheidet das Gericht.

  • Geschenktipps von der KI

    ChatGPT verspricht Erleichterungen, hat aber Tücken

    Revolution oder Spielerei? Ein Programm mit dem sperrigen Namen ChatGPT elektrisiert seit Wochen technikbegeisterte Menschen. Es nutzt künstliche Intelligenz, die Arbeitswelt grundlegend verändern soll. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Was ist ChatGPT?

    ChatGPT ist ein Programm, mit dem sich über das Internet Fragen beantworten und Aufgaben lösen lassen. Es stützt sich auf eine Technologie, die künstliche Intelligenz (KI) verwendet, um zu lernen. Experten schätzen, dass derartige Programme die Arbeitswelt umkrempeln werden, wahrscheinlich noch mehr als das iPhone, das erste Smartphone von Apple. Das Programm stammt vom US-Unternehmen OpenAI (OffeneKI) aus Kalifornien und ist seit Dezember 2022 verfügbar.

    Was kann das Programm?

    Das Programm liefert ausführliche Antworten auf Fragen, kann Pro und Contra-Argumente liefern, kleine Software-Programme schreiben, Essays, Reden. Es bietet auf Anfrage Werbesprüche und Urlaubsvorschläge. Eine Ode an die Tageszeitung ist möglich, ein Lied im Stil der Beatles, auch ein Liebesbrief. ChatGPT beherrscht verschiedene Sprachen, kann Texte übersetzen und Stile nachahmen – etwa ein täuschend echtes Beatles Lied schreiben oder eine vorgebliche Rede Barack Obamas. Und auch Tipps für ein Geburtstagsgeschenk liefert das Programm binnen Sekunden. Wer es nutzt neigt schnell dazu, es als Person, als „er“ oder „sie“ zu sehen.

    Was kann es nicht?

    Das Programm ist nicht kreativ, auch wenn es manchmal so wirkt. So ist es sehr schwer, ChatGPT dazu zu bewegen, etwa ein Gedicht im Stil des Dada zu schreiben. Auch für einen, etwas absurden, Dialog zwischen zwei muhenden Kühen und einem Hund, der sie nicht versteht, muss man exakt das als Auftrag eingeben. Und wer sich einen 300-Wort-Text zu einem Thema schreiben lässt, muss genau überprüfen, was das Programm ausspuckt. Die erzeugten Texte können aussehen, als sei alles richtig, tatsächlich aber voller inhaltlicher Fehler sein. Das gilt auch für kleine Softwareprogramme. Die Technologie lernt immer noch.

    Wie gefährlich ist ChatGPT?

    Das kommt auf den Betrachter an. Wie alles, lässt sich auch ChatGPT böswillig nutzen – obwohl das Programm in den vergangenen Wochen mit Hilfe der Nutzer, die beleidigenden, aggressiven oder unangemessenen Inhalt meldeten, besser wurde. Mit der richtigen Fragestellung lassen sich Verschwörungstheorien, Propaganda und falsche Informationen erzeugen, die aussehen, als seien sie echt. Im Dezember, als ChatGPT für die Öffentlichkeit freigeschaltet wurde, gab das Programm auf Nachfrage noch Tipps zum Bombenbau oder schrieb auf Wunsch eine aggressive Rede des US-Präsidenten, in der er erklärte, warum sein Land an der Seite Russlands gegen die Ukraine kämpfen werde. Inzwischen haben die vielen hunderttausend Nutzer mit ihren Rückmeldungen geholfen, dass Derartiges nicht mehr einfach möglich ist. Selbst einen „aggressiven Rap über die Tageszeitung“ verweigert das Programm mit dem Hinweis darauf, dass es gegen seine Programmierung verstößt.

    Wer nutzt es bereits?

    Bereits kurz nach Veröffentlichung begannen Informatiker, ChatGPT kleine Programme schreiben zu lassen. Schüler und Studenten weltweit nutzen die Möglichkeiten bereits, um Hausarbeiten zu verbessern. Und manche Rede dürfte von ChatGPT inspiriert worden sein.

    Was bedeutet das Programm für die Arbeit der Zukunft?

    Das genaue Ausmaß ist noch unklar. Vor allem in der Bildung dürfte sich mit der Technologie einiges ändern. Auch bei Anwälten, im Gesundheitswesen, in der Verwaltung wird vieles anders. Nicht umsonst arbeitet die EU an einer Art KI-Regulierung. Zunächst einmal werden Programme wie ChatGPT die Arbeit erleichtern: Wenn eine Präsentation erstellt, etwas knackig zusammengefasst, ein Text übersetzt werden soll, ist die Software schnell und präzise. Aber wie bei allen großen Innovationen erschließen sich die Möglichkeiten erst mit der Zeit.

    Wie sieht ChatGPT aus und wie funktioniert es?

    ChatGPT ähnelt einer Google-Suchmaske, der Hintergrund ist dunkelgrau. Die Eingabeleiste steht unten auf der Seite. Dort wird eine Frage eingegeben, dann liefert das Programm zügig eine Antwort. Es lassen sich auch Längen vorgeben. Werbung wird nicht gezeigt. ChatGPT ist nur die Benutzeroberfläche. Das Programm greift auf ein KI-Modell namens GPT zurück, das Text erzeugen und vervollständigen kann. GPT steht für Generative Pretrained Transformer, eine spezielle Art maschinellen Lernens. Es verwendet 175 Milliarden Parameter, um Sätze zu bilden. Das bisher beste Modell dieser Art griff auf zehn Milliarden zu. Das Modell wurde mit dem Wissen des Internets bis 2021 trainiert. Öffentlich genutzt werden kann Version 3. Version 4 existiert bereits.

    Wo kann ich ChatGPT ausprobieren?

    Das Programm ist derzeit für alle frei verfügbar. es läuft auf mobilen Geräten genauso wie auf klassischen PC. Eine Anmeldung unter https://chat.openai.com/auth/login mit E-Mail-Adresse und Passwort ist nötig. Weil das Programm derzeit sehr gefragt ist, kann es zeitweise nicht erreichbar sein. Es informiert darüber zum Beispiel mit einem Gedicht oder dem Text einer Fernsehwerbung.

    Wer steht hinter OpenAI?

    Sam Altman hat das Unternehmen 2015 mit anderen gegründet. Der 37-jährige Amerikaner glaubt, dass KI der Menschheit künftig viele Arbeiten abnimmt, dass dadurch die Preise sinken und der Wohlstand steigen wird. Investoren sind unter anderem der Tesla-Chef Elon Musk und der Tech-Investor Peter Thiel. Seit 2019 investiert Microsoft Milliarden. Der Software-Konzern will OpenAI-Produkte in seine Cloud-Dienste einbauen. OpenAI wurde zuletzt mit 29 Milliarden Dollar (rund 27 Milliarden Euro) bewertet, das kostet der deutsche Energiekonzern RWE gerade an der Börse.

    Gibt es Konkurrenz und wie groß ist der Markt?

    Auch andere Konzerne arbeiten an KI-Modellen wie GPT. Der US Suchmaschinenriese Google hat Lamda entwickelt. Als es vorgestellt wurde, wirkte es noch menschlicher als ChatGPT. Bisher ist Google aber sehr zurückhaltend. Ein Grund könnte sein, dass das Unternehmen nicht weiß, wie sich mit dem Programm Geld verdienen lässt. Europa spielt auf diesem Gebiet kaum eine Rolle. Der Markt für KI-Anwendungen ist riesig. Experten schätzen ihn allein für 2024 auf mehr als 554 Milliarden Dollar.

  • Hagel, Hurrikan und Hochwasser kosten Milliarden

    Munich Re: Klimawandel verstärkt Naturkatastrophen. Totalverluste vor allem in Schwellenländern

    Verheerende Stürme, schwere Regenfälle, Rekordhitze, Eiseskälte – Extremwetter zerstörte 2022 weltweit Häuser, Fabriken, Felder, machte riesige Landflächen unbewohnbar. So dramatisch die Bilder vor allem aus Pakistan und den USA waren – die Gesamtschäden durch Naturkatastrophen sind im vergangenen Jahr deutlich gesunken, wie die Munich Re, einer der größten Rückversicherer der Welt, schätzt. Sorge bereitet den Experten, dass vor allem Unwetter immer extremer werden. Und sie treffen alle Weltregionen.

    „Der Klimawandel fordert zunehmend Tribut“, sagte Thomas Blunck, Mitglied des Vorstands der Munich Re. Die Naturkatastrophenbilanz sei dominiert von Ereignissen, die nach dem Stand der Forschung stärker oder häufiger würden – oder beides zugleich. Besonders wichtig für das Weltwetter ist der Pazifik, genauer die Region, die El Niño oder La Niña hervorbringt. Herrschen El-Niño-Bedingungen, entstehen weniger Hurrikane, La Niña begünstigt sie.

    2022 war das dritte La-Niña-Jahr in Folge. „Das erhöht die Wahrscheinlichkeit für Hurrikane in Nordamerika, für Hochwasser in Australien, Hitze und Trockenheit in China oder stärkere Monsun-Niederschläge in Teilen Südasiens“, sagte Ernst Rauch, Chefklimatologe der Munich Re. „Gleichzeitig verstärkt der Klimawandel in der Tendenz Wetterextreme.“

    Insgesamt ermittelte der Rückversicherer Schäden von rund 270 Milliarden Dollar (252 Milliarden Euro), gut 50 Milliarden Dollar weniger als im sehr teuren 2021. Das vergangene Jahr liegt damit genau im Mittel der Jahre 2017 bis 2021. Die Zahlen sind unter anderem geschätzt, weil nicht alle Fabriken, Häuser, Äcker gegen Brände, Erdbeben, Überschwemmungen oder Stürme versichert sind.

    Vor allem in ärmeren Regionen der Welt wie Afrika oder Südostasien verlieren Menschen bei extremen Wetterereignissen alles. Rauch forderte bessere Prävention und Frühwarnsysteme. Der auf dem Weltklimagipfel in Ägypten vereinbarte „Loss and damage“-Fonds müsse als handlungsfähiges Instrument umgesetzt werden. Bisher gab es nur eine Absichtserklärung der Industrienationen, in den Fonds einzuzahlen. Insgesamt waren 2022 Schäden im Wert von 120 Milliarden Dollar versichert, so viel wie 2021 auch.

    Besonders verheerend war Hurrikan Ian, der Ende September und Anfang Oktober mit annähernd Tempo 250 über Kuba und den Südosten der USA fegte. Er allein steht für 100 Milliarden Dollar Schäden, versichert waren davon gut 60 Milliarden Dollar. Inflationsbereinigt ist das der zweitteuerste Sturm nach Karina im Jahr 2005, die unter anderem Teile von New Orleans zerstörte. 150 Menschen starben.

    Auf Rang zwei der Schadenstatistik folgen die Monsun-Regen, die von Juni bis Oktober Pakistan überschwemmt haben. Es fiel sieben bis acht Mal so viel Regen wie üblich. Zusätzlich schmolzen die Gletscher im Hochgebirge wegen hoher Temperaturen schneller. 33 Millionen der mehr als 221 Millionen Einwohner waren betroffen, mehr als 1740 Menschen starben. 1,7 Millionen Häuser wurden zerstört, Felder, Straßen, Brücken, Schulen. Es war die größte humanitäre Katastrophe des vergangenen Jahres, die durch Naturereignisse ausgelöst wurde. Die Munich Re schätzt die Schäden auf 15 Milliarden Dollar, versichert war kaum etwas. Der Schaden entspricht mehr als vier Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Folgen der Überschwemmungen für die Wirtschaft des Landes sind noch nicht abzusehen.

    Ein Erdbeben in Japan Mitte März steht auf Rang drei der größten Naturkatastrophen. Die Schäden insgesamt beliefen sich demnach auf 8,8 Milliarden Dollar, versichert waren 2,8 Milliarden Dollar. Auch Überschwemmungen in Australien und China zerstörten Milliardenwerte.

    Europa traf es ebenfalls. Die Schäden der Winterstürme im Februar 2022, die auch Deutschland betrafen, beziffern die Experten mit 5,6 Milliarden Dollar. Die schweren Sommerstürme in Frankreich kosteten 3,3 Milliarden Dollar. Und regional begrenzte Hagelfälle kosteten weitere 7,7 Milliarden Dollar. Die Körner waren teilweise so groß wie Tennisbälle. Der GDV, Dachverband der Versicherungswirtschaft in Deutschland, hatte das vergangene Jahr kürzlich als durchschnittliches Naturgefahrenjahr eingestuft. Die Versicherer sprachen von versicherten Schäden im Wert von 4,3 Milliarden Euro durch Sturm, Hagel und Starkregen.

    Nicht in der Statistik erscheinen Hitze und Dürre, die wenig direkt zerstörten, deren indirekte wirtschaftliche Folgen sich aber kaum beziffern lassen, wie es bei der Munich Re heißt. So musste in Deutschland die wichtige Schifffahrt auf dem Rhein im Sommer zeitweise eingestellt werden. Der Fluss führte extrem wenig Wasser. Industrie und Kraftwerke sorgten sich um Material- und Brennstoff-Nachschub. Ähnlich sah es am Po in Norditalien aus. Und manch französischer Fluss führte so wenig Wasser, dass die Atomkraftwerke Schwierigkeiten mit der Kühlung bekamen. Frankreich setzt zu mehr als 70 Prozent auf Atomstrom.

    Munich Re ist einer der größten Rückversicherer der Welt. Er versichert praktisch die Versicherer. Zum Konzern gehören auch die Ergo-Versicherung und der Vermögensmanager Meag. Der Konzern wurde 1880 gegründet und bot schon beim großen Erdbeben in San Francisco 1906 finanziellen Schutz.

  • Greenpeace gegen VW

    2030 soll bei Verbrennern Schluss sein

    Für VW beginnt das Jahr 2023 vor Gericht. Es geht um das Geschäftsmodell des Konzerns, darum, wann der zweitgrößte Autobauer der Welt keine Verbrenner mehr herstellt, und um den Klimawandel. Große Themen also soll das Landgericht Braunschweig am kommenden Dienstag (10. Januar) verhandeln. Wobei nicht klar ist, ob es die Klage gegen das Unternehmen überhaupt annimmt.

    Clara Mayer, aktiv bei Fridays for Future, sowie Roland Hipp und Martin Kaiser, beide Geschäftsführer bei der Umweltschutzorganisation Greenpeace, sehen sich, sehr vereinfacht gesagt, durch das Handeln VWs in ihren Gesundheits- und Freiheitsrechten eingeschränkt. Sie forderten den Konzern deshalb im September 2021 auf, sein Geschäftsmodell zu ändern. Bisher will VW 2030 rund 60 Prozent Elektroautos in der EU verkaufen, weltweit mindestens die Hälfte aller Autos. 2035 sollen in der EU nur noch E-Autos im Angebot sein. Spätestens 2050 will der Konzern bilanziell CO2-neutral sein.

    Den Klägern reicht das nicht aus. Spätestens 2030 soll der Konzern keine Autos mit Verbrennungsmotor mehr herstellen, vorher schon den CO2-Ausstoß verringern. Weil sich VW nicht darauf einließ – immerhin ein sehr tiefer Eingriff in die unternehmerische Freiheit –, klagten Hipp, Kaiser und Mayer im November 2021. Die Deutsche Umwelthilfe unterstützt die drei. Am Dienstag muss das Landgericht Braunschweig über das weitere Vorgehen entscheiden.

    Roda Verheyen vertritt die drei Kläger. Die Anwältin war schon an der Klage beteiligt, die die Bundesregierung 2021 zwang, das Klimaschutzgesetz zu verschärfen und die Folgen der Politik für künftige Generationen stärker zu berücksichtigen. Sollte die Klage angenommen werden, wird das Verfahren wohl durch alle Instanzen laufen. Die Kläger hoffen auf ein spektakuläres Urteil wie im Mai 2021 gegen Shell. Ein niederländisches Gericht in Den Haag verurteilte damals den Ölkonzern, die CO2-Emissionen bis 2030 um 45 Prozent im Vergleich zu 2019 zu verringern – die eigenen und die seiner Kunden.

    Auf 125 Seiten legen die Kläger dar, warum VW aus ihrer Sicht nicht so weitermachen kann. Sie haben berechnet, dass VW 2018 allein einen CO2-Ausstoß von 582 Millionen Tonnen zu verantworten hatte, etwa ein Prozent des gesamten Weltausstoßes und mehr als der von Australien (527 Millionen Tonnen). Die Zahl schließt die CO2-Menge ein, die VW in eigenen Werken ausstößt, die CO2-Menge, die zum Beispiel entsteht, wenn Strom für ein VW-Werk erzeugt wird, und die CO2-Menge, die unter anderem dadurch in die Luft geblasen wird, dass Autokäufer ihre Fahrzeuge auch nutzen. Hier ist auch Kohlendioxid aus Logistik, Anlagenbau und ähnlichem erfasst.

    Die erste Menge kann VW beeinflussen, die zweite indirekt, das Fahrverhalten der Kunden aber eher nicht. Und gerade dieser Posten macht den weitaus größten Teil des CO2-Austoßes aus. Im Konzern sieht man sich deshalb zu Unrecht beschuldigt.

    VW hofft, dass das Gericht die Klage nicht zulässt. Fraglich ist zum Beispiel, ob der Konzern überhaupt die richtige Adresse ist. „Es ist Aufgabe des demokratisch gewählten Gesetzgebers, den Klimaschutz mit seinen weitreichenden Auswirkungen zu gestalten“, erklärt der Konzern. „Auseinandersetzungen vor Zivilgerichten durch Klagen gegen einzelne dafür herausgegriffene Unternehmen sind dagegen nicht der Ort und das Mittel, um dieser verantwortungsvollen Aufgabe gerecht zu werden.“ Volkswagen stehe für Klimaschutz und eine schnelle Dekarbonisierung des Verkehrssektors, könne diese Herausforderung aber nicht allein bewältigen. „Die Transformation kann nur gelingen, wenn die notwendigen Rahmenbedingungen geschaffen werden: durch staatliche Regulierung, technologische Entwicklung und Nutzerverhalten.“

    Die Klage vor dem Landgericht Braunschweig ähnelt der eines Biolandwirts aus dem Kreis Lippe in Nordrhein-Westfalen. Ulf Allhoff-Cramer will VW zwingen, Verbrenner früher aus dem Programm zu nehmen, als der zweitgrößte Autobauer der Welt bisher plant. Allhoff-Cramer sieht sich „durch übermäßige CO2-Emissionen in zentralen Rechtsgütern wie Eigentum, Gesundheit und dem Recht auf Erhalt treibhausgasbezogener Freiheit verletzt“. VW soll den Klimawandel nicht mehr befeuern und Allhoff-Cramers Acker und Wald bei Detmold im östlichen Nordrhein-Westfalen dadurch indirekt zerstören. Die Deutsche Umwelthilfe unterstützt den Biobauern bei seiner Klage. Nach dem ersten Termin vor dem Landgericht Detmold im Mai 2022 legte Allhoff-Cramer im November noch einmal nach. Die nächste Verhandlung ist für den 3. Februar angesetzt.

    Mit einer Klage gegen Mercedes-Benz sind Barbara Metz, Sascha Müller-Kraenner und Jürgen Resch, alle drei Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, im September 2022 beim Landgericht Stuttgart gescheitert. Es ließ die Klage nicht zu, unter anderem, weil sie der verfassungsrechtlichen Aufteilung zwischen Gesetzgeber, also dem Bundestag, und der Rechtsprechung, also den Gerichten, widerspricht.

    Auch BMW haben die Klimaschützer vor Gericht gebracht. In diesem Fall klagten Metz und Resch. Der Autobauer soll wie VW gezwungen werden, bereits 2030 keine Verbrenner mehr weltweit zu verkaufen. Das Landgericht München hatte bereits am 15. November mündlich über die Klage verhandelt. Es deutete an, dass sie unbegründet ist – im Kern ist zunächst der Gesetzgeber gefragt, eine zivilrechtliche Klage demnach nicht der richtige Weg zur Klimaneutralität. Wie es entschieden hat, will das Gericht am 7. Februar verkünden.

  • „Der große Bruder will den kleinen gewaltsam in die Familie zurückholen“

    Die Westwendung der Ukraine sei geschichtlich gut begründet, sagt Historiker Andreas Kappeler. Als ehemalige Kolonie Russlands könne man sie nicht bezeichnen, „wohl aber abhängige Region des zarischen und sowjetischen Imperiums“.

    Hannes Koch / Thomas Gerlach: Russland ist das größte Land der Erde. Haben Sie eine Erklärung, warum dieser Staat jetzt einen Angriffskrieg führt, um noch größer zu werden?

    Andreas Kappeler: Nicht nur Russland, sondern jedes Imperium strebt nach Expansion. Denken Sie an das Römische Reich, das britische Weltreich oder auch das Deutsche Reich bis hin zum NS-Staat. Insofern ergibt sich der Krieg gegen die Ukraine nicht nur aus der besonderen Geschichte Russlands. Dennoch finden sich darin Erklärungen für die aggressive Politik unter Präsident Wladimir Putin. Eine zentrale Rolle spielt das Empfinden eines Verlusts. Der Zusammenbruch des sowjetischen Imperiums 1991 hat die meisten Russen geschockt; sie leiden an einem postimperialen Trauma. Das Ziel der neoimperialen Politik besteht nun darin, mindestens die russische Hegemonie über die ehemalige sowjetische Einflusssphäre wiederherzustellen und aufrechtzuerhalten.

    Kann man Russland als Kolonialmacht betrachten, die unterdrückten Nationen und Ethnien den Weg in die Selbstbestimmung verweigert?

    Kappeler: Der Begriff „Kolonialismus“ bezieht sich ursprünglich auf die Herrschaft über Gebiete, die in der Regel räumlich weit vom Mutterland entfernt liegen, andere Kulturen und Sprachen haben und wirtschaftlich ausgebeutet werden. In den vergangenen Jahren wurde dieser Begriff jedoch stark ausgeweitet und dient nun zur Beschreibung weiterer Formen von Hegemonie und Abhängigkeit. Ich ziehe Begriffe wie „imperiale Herrschaft“ vor.

    Für Sie trägt die frühere Herrschaft Russlands über die Ukraine keine kolonialen Züge?

    Kappeler: Obwohl diese Beschreibung in der Ukraine und im übrigen Europa mittlerweile gang und gäbe ist, verwende ich sie nur ungern. Die Ukraine grenzt an Russland, und die Ukrainer stehen kulturell den Russen nahe. Statt als Kolonie würde ich sie als vom Zentrum dominierte und abhängige Region des zarischen und sowjetischen Imperiums bezeichnen.

    Putin bestreitet der Ukraine die Eigenständigkeit. Ist dieser Anspruch historisch gerechtfertigt?

    Kappeler: Vom 14. bis zur Mitte des 17. Jahrhunderts gehörte die gesamte Ukraine zum Königreich Polen-Litauen. Der östliche Teil fiel im 17. Jahrhundert an Russland, der Westen am Ende des 18. Jahrhunderts und teilweise erst Mitte des 20. Jahrhunderts (an die Sowjetunion). Das Land gehörte länger zu Polen-Litauen als zu Russland. Die automatische Assoziation mit Russland ist also historisch nicht zu rechtfertigen. Vermittelt durch Polen stand die Ukraine unter gesamteuropäischem Einfluss, denken wir an das deutsche Stadtrecht, die Renaissance und die Reformation – alles Entwicklungen, die es in Russland nicht gab. Hinzu kommt die frühere Zugehörigkeit Galiziens mit der Stadt Lemberg und der Bukowina mit Czernowitz zu Österreich. Die Westwendung der Ukraine ist damit historisch gut begründet.

    Woher kommt dann die Obsession der Moskauer Regierung, warum nimmt der Kreml die Ukraine so stark als Bedrohung wahr?

    Kappeler: Das Verhältnis zur Ukraine ist sicher ein besonderes. Ich habe es in meinem vorletzten Buch mit dem Begriff der „ungleichen Brüder“ zu fassen versucht. Ukrainer und Russen sind kulturell, sprachlich und religiös eng verwandt. Deshalb erkennen viele Russen die Ukrainer nicht als eigenständig an. Man kann ihr Verhältnis mit der patriarchalen Familie vergleichen. Der große Bruder – Russland – beschützt, achtet und liebt seinen kleinen Bruder, die Ukraine. Putin hat sich mehrfach in diesem Sinn geäußert. Wenn der kleine Bruder aber ausbrechen will, reagiert der ältere scharf und versucht ihn gewaltsam in die Familie zurückzuholen.

    Hat dieser Krieg auch eine imperiale Note?

    Kappeler: Der amerikanische Politologe Zbigniew Brzezinski sagte, dass Russland ohne die Ukraine kein Imperium sein könne. Dieses Territorium hatte immer eine große wirtschaftliche Bedeutung. Die Ukraine war die wichtigste Produzentin von Getreide, das über Odesa exportiert wurde. Das erste Zentrum der Schwerindustrie des Zarenreiches und der Sowjetunion lag im Donezbecken. Hinzu kommt die geopolitische Lage, die Einfluss im Schwarzen Meer und in Mitteleuropa sichert.

    Sie bezeichnen die Ukraine als „Willensnation“. Was verstehen Sie darunter?

    Kappeler: Einerseits gibt es ethnische Nationen, die sich auf ihr gemeinsames kulturelles Erbe und die Sprache berufen. Zweitens existieren Nationen, die sich durch staatliche Strukturen festigen. Und schließlich Willensnationen: In diesen Fällen entscheidet sich eine große Gruppe von Menschen, dass sie eine Nation sein will. Ein klassisches Beispiel dafür ist die Schweiz, die aus verschiedenen sprachlichen und religiösen Gruppen besteht. In der Ukraine überwog lange die ethnische Definition, doch im Lauf der vergangenen 20 Jahre wurde die Willensnation immer stärker. Ganz wichtig waren dafür die Orangene Revolution 2004 und die Euro-Maidan-Revolution 2013/14. Als Resultat können wir nun sehen, dass sich auch die große Mehrheit der russischsprachigen Staatsbürger der Ukraine der Kreml-Armee entgegenstellt.

    Trifft die Definition von Kolonien – weit entfernte Region, andere Religion, wirtschaftliche Ausbeutung – für die Nachfolgestaaten der Sowjetunion in Zentralasien und im Kaukasus zu?

    Kappeler: Im russischen Reich und in der Sowjetunion gab es Regionen, die man als klassische Kolonien bezeichnen kann. Was Zentralasien betrifft, vor allem Kasachstan und Usbekistan, ist es durch Wüsten und Steppen, einer Art Meer, von Russland getrennt. Es ist von Muslimen und zahlreichen Nomaden besiedelt, es gab eine wirtschaftliche Abhängigkeit, die typisch ist für Kolonien. Rohstoffe werden gewonnen, vor allem Baumwolle, und dann in der Metropole verarbeitet. Dazu kommt ein Überheblichkeitsgefühl der Russen gegenüber den Muslimen. Die Gebiete jenseits des Kaukasus sind schon keine typischen Kolonien. Die Georgier und Armenier sind Christen und historisch und kulturell enger mit Russland verbunden. Die überwiegend muslimischen Gebiete des Nordkaukasus und Aserbaidschans passen wiederum gut in das Schema Kolonie hinein.

    In den westlichen Gebieten aber kommt man mit dem Begriff Kolonie nicht weit?

    Kappeler: Die westlichen Gebiete des Zarenreichs, etwa Polen, Finnland und das Baltikum, waren wirtschaftlich weiter entwickelt als Kernrussland und hatten einen höheren Prozentsatz von Lese- und Schreibkundigen. In der Sowjetunion war es dann vor allem das Baltikum, das technologisch führend war. Hier ist der Begriff Kolonie fehl am Platz.

    In der Russischen Föderation selbst leben viele Ethnien. Wie stabil ist sie nach zehn Monaten Krieg?

    Kappeler: Die heutige Russländische Föderation ist ein Vielvölkerstaat und die Bewohner dieser Föderation werden in der Regel als Russländer und nicht als – ethnische – Russen bezeichnet. Tschetschenien hat sich als einzige Region 1991 für unabhängig erklärt. Die Folge waren zwei schreckliche Kriege. Es gab auch anderswo Absetzbewegungen, etwa in Tatarstan an der mittleren Wolga, auch in Jakutien im Norden Sibiriens. Aber diese waren vor allem auf kulturelle, sprachliche und zum Teil auf wirtschaftliche Autonomie gerichtet.

    Und heute?

    Kappeler: Wladimir Putin hat in den vergangenen 20 Jahren Autonomiewünsche sehr stark zurückgestutzt. Ich kenne das Gebiet der mittleren Wolga recht gut, war oft in Kasan und in der kleinen Republik Tschuwaschien, und ich gewann den Eindruck, dass alles unter Kontrolle ist. Das würde sich nur ändern, wenn das imperiale Zentrum zusammenbrechen würde wie 1917.

    Das russische Hegemonialstreben ist das eine. Wohnt auch der Politik der Nato, der USA, der EU, ein Hegemonieanspruch inne?

    Kappeler: Mit dem Ende der Sowjetunion war das Gleichgewicht der Weltmächte zerstört und die USA gingen daraus als einziger Sieger hervor. Das hat viele Russen beunruhigt. Hier ist tatsächlich ein Ansatzpunkt für Spannungen, für Konfliktmöglichkeiten zum Westen gegeben.

    Auch für einen Krieg?

    Kappeler: Im Denken Wladimir Putins, des ehemaligen KGB-Offiziers, spielt die Gegnerschaft zum Westen eine ganz entscheidende Rolle. Vielleicht hat der Westen nach 1991 nicht immer an dieses postimperiale Trauma gedacht und ist nicht immer mit genügender Sensibilität aufgetreten. Das hat vor allem Wladimir Putin – das lässt sich in seinen Reden nachweisen – sehr gekränkt. Etwa als Präsident Barack Obama Russland 2014 geringschätzig als Regionalmacht bezeichnete. Die Tatsache, dass die USA und die EU in fast jeder Hinsicht, außer bei den Atomwaffen, Russland weit überlegen sind, ist aus russischer Sicht ebenfalls kränkend.

    Ist die Nato-Osterweiterung ein Grund für den Krieg?

    Kappeler: Damit lässt sich eine Aggression nicht rechtfertigen. Die Nato wie die EU haben ja immer sehr zögerlich agiert. In der Ukraine tun sie das bis heute, es gibt kein Nato-Beitrittsversprechen für Kiew. Die Initiative für den Beitritt zur Nato ging von der Bevölkerung fast des gesamten ehemaligen Ostblocks aus – nicht zuletzt aus Angst vor Russland. Wie wir heute sehen, ist diese Angst berechtigt. Polen und vor allem die baltischen Staaten, die bis 1991 Teil der Sowjetunion waren und starke russischsprachige Minderheiten haben, können sich jetzt einigermaßen sicher sein, nicht auch Opfer einer Aggression zu werden.

    Der gebürtige Schweizer Andreas Kappeler ist emeritierter Professor für Osteuropäische Geschichte der Universität Wien. Der Experte für Russland und die Ukraine schrieb unter anderem die Bücher „Russland als Vielvölkerreich“ und „Ungleiche Brüder – Russen und Ukrainer“. 1982 bis 1998 war er Professor für Osteuropäische Geschichte an der Uni Köln.

  • „Die Generation unserer Kinder wird wohlhabender sein als wir“

    Wirtschaftsprofessor Enzo Weber ist optimistisch für Berufschancen, Fortschritt und Wachstum. Der Arbeitskräftemangel wirke „sich auch positiv auf die Einkommen aus“.

    Hannes Koch: „Die junge Generation wird die reichste sein, die es jemals gegeben hat“, sagten Sie kürzlich. Sie widersprechen damit dem allgemeinen Pessimismus. Wie kommen Sie zu Ihrer Einschätzung?

    Enzo Weber: Zu Pessimismus gibt es zwar Grund genug. Der Krieg, die Energiekrise, die Inflation, die Spätfolgen von Corona, der Klimawandel, die Alterung unserer Gesellschaft – das ist eine kritische Mischung. Deswegen befürchten viele, dass unser Wohlstand abnehmen könnte.

    Koch: Sie sehen das nicht so.

    Weber: Wir müssen uns doch fragen: Woher kommt Reichtum wirklich? Billige Energie ist jedenfalls nicht entscheidend. Wohlstand entsteht durch die technologische Entwicklung und den verbesserten Einsatz von Arbeit – also durch die Steigerung der Produktivität. Dafür haben wir jetzt Hebel in der Hand, die früheren Generationen nicht zur Verfügung standen. Damit meine ich erstens die intelligente Digitalisierung, die menschliche Arbeit effektiver und gleichzeitig humaner machen kann. Und zweitens die Ökologisierung der Wirtschaft, die ganz andere Innovationen und Geschäftsmodelle hervorbringen wird, als wir sie bisher kannten.

    Koch: Sie rechnen mit einer neuen industriellen Revolution?

    Weber: Zumindest haben wir die Chance, das fossile Zeitalter zu beenden. Während der vergangenen 15 Jahre haben wir einen guten Teil unseres Wachstums erwirtschaftet, indem die Zahl der Beschäftigten stieg. Das war Wachsen durch Masse. Künftig werden wir mehr Wachsen durch Klasse erleben. Auch deshalb wird die Generation unserer Kinder wohlhabender sein als wir.

    Koch: Produktivitätssteigerung bedeutet zum Beispiel, dass die Leute pro Arbeitsstunde mehr Wohlstand erwirtschaften. Im Falle von digitalisierten Fabriken, in denen immer weniger Beschäftigte arbeiten, kann man sich das gut vorstellen. Aber warum erhöhen Windräder die Produktivität im Vergleich zu fossilen Energien?

    Weber: Wind- und Solaranlagen produzieren unter anderem deshalb sehr günstig, weil sie eine natürliche Energie nutzen, die kostenlos zur Verfügung steht. Außerdem verursachen sie kaum ökologische Schäden, die man teuer beheben müsste.

    Koch: Die gigantischen Investitionen für den Aufbau des erneuerbaren Energiesystems könnten Ihrem Optimismus widersprechen. Und mit Ökostrom hergestellter Wasserstoff, den die Industrie später braucht, ist viel teurer als fossile Energie.

    Weber: Eine statische Betrachtung verkennt die zukünftigen Entwicklungssprünge. Die Kosten werden sinken. Das Automobil um 1900 eignete sich ebenfalls noch nicht für den marktwirtschaftlichen Einsatz. Wirtschaftsentwicklung ist eine dynamische Angelegenheit. So wird die Dekarbonisierung ähnliche Fortschritte hervorbringen wie andere Technologien vor ihr.

    Koch: Welche Rolle spielen Erbschaften für die materielle Zukunft der jungen Generation?

    Weber: Tatsächlich vererben die Älteren den Jüngeren immer höhere materielle Privatvermögen, natürlich nicht gleich verteilt. Für wichtiger halte ich aber den öffentlichen Wohlstand, der von einer an die nächste Generation übertragen wird: das funktionierende Rechts- und Sozialsystem, Infrastruktur, Bildung und Forschung. Dieser gemeinsame Reichtum bildet die Basis dafür, dass die Arbeit auch künftig produktiver werden kann und die Individuen profitieren.

    Koch: In meinem Jahrgang – 1961 – waren wir 1,3 Millionen Personen. Im Jahrgang meiner Tochter – 1997 – sind es 800.000. Die abnehmende Stärke der Geburtsjahrgänge führt jetzt zum Mangel an Arbeitskräften. Was bedeutet das für die späteren Einkommen der heute jungen Leute?

    Weber: Mit diesem demografischen Wandel verbessern sich die Chancen vieler Beschäftigter, ihre Forderungen an die Arbeitgeber durchzusetzen. Diese wissen: Die Leute sind knapp; wenn ich jemanden entlasse, kann ich die Stelle vielleicht nicht mehr besetzen. Also sind sie eher geneigt, auf die Wünsche des Personals einzugehen. Das wirkt sich auch positiv auf die Einkommen aus. Wobei jetzt nicht sofort das goldene Zeitalter ausbricht. Noch haben wir einen Niedriglohnsektor, in dem etwa ein Fünftel der Beschäftigten arbeitet.

    Koch: Kann der Niedriglohnbereich schrumpfen?

    Weber: Der Wind hat sich etwas gedreht. Während in den 2000er Jahren mehr und mehr Leute für geringe Gehälter arbeiteten, profitieren seit 2010 auch untere Einkommen von Lohnerhöhungen. Ein Mindestlohn von 12 Euro pro Stunde kommt hinzu.

    Koch: Verbessert sich auch die Qualität der Arbeitsplätze, wenn die jungen Leute mehr Forderungen stellen können?

    Weber: Davon gehe ich aus, das begann schon vor Corona. Wobei es die Einzelnen mit ihren Forderungen nach flexiblen Arbeitszeiten damals noch schwerer hatten. Während der Pandemie aber wurde Flexibilität zum kollektiven Standard.

    Koch: Das Homeoffice ist also gekommen, um zu bleiben?

    Weber: Ja, wenn auch nicht auf dem Lockdown-Niveau. Die Ansprüche und Erfahrungen sind ja jetzt in der Welt. Da gibt es keinen Weg zurück. Und auch die technischen Möglichkeiten schreiten voran.

    Koch: Für die Beschäftigten bedeutet Homeoffice einen Zugewinn an Freiheit, für die Unternehmen und die Gesellschaft aber eventuell einen Produktivitätsverlust, weil sich manche Leute in ihre heimische Bequemlichkeit zurückziehen.

    Weber: Dazu zeigte die Forschung schon vor Corona: Wenn sich Beschäftigte zurückziehen, hat das eher mit anderen Problemen im Betrieb zu tun, weniger mit dem Homeoffice. Verspüren die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hingegen Motivation, bekommt die Firma mehr zurück, wenn sie ihren Leuten mehr Freiheit gibt. Um unerwünschte Nebeneffekte zu vermeiden, brauchen die Unternehmen jetzt gute Konzepte für die mobile Arbeit. Sie sollten die Regeln, die Verantwortlichkeiten und das Feedback transparent machen.

    Koch: Im Prinzip steigt die Zahl der Erwerbstätigen in Deutschland seit den 1950er Jahren an, besonders deutlich während des vergangenen Jahrzehnts. Kann das auch in den kommenden Jahrzehnten so weitergehen?

    Weber: Wahrscheinlich nicht. Das Wachstum mittels einer steigenden Zahl von Beschäftigten ist wohl vorbei. Wenn die Geburtenrate deutlich unter zwei Kinder liegt wie in Deutschland, nimmt die Zahl der jungen Leute ab, die in den Arbeitsmarkt eintreten. Wir können die Schrumpfung aber aufhalten, wenn wir gleichzeitig mehrere Hebel betätigen. Einer davon: Wenn wir in die Qualifizierung und Betreuung von Langzeitarbeitslosen investieren und die Arbeitslosigkeit noch weiter sinkt, gewinnen wir eine Million Beschäftigte zusätzlich.

    Koch: Und die anderen Hebel?

    Weber: Bei Älteren gibt es noch viel Potenzial im Arbeitsmarkt, gerade, wenn wir systematisch die geeigneten Tätigkeitsprofile finden und Menschen rechtzeitig in diese Richtung qualifizieren. Umfassende Kinderbetreuung und flexible Arbeitszeiten sind wichtig, um den Knick in der beruflichen Entwicklung von Frauen zu vermeiden. Eine offene Zuwanderungspolitik, bessere Integration, berufsbegleitende Qualifizierung und Sprachförderung würde es Zugewanderten leichter machen, hier Fuß zu fassen und sich im Arbeitsmarkt weiterzuentwickeln. Gerade die Erwerbsquote ausländischer Frauen ist heute sehr niedrig. Schließlich würde eine klare Familienfreundlichkeit dabei helfen, dass unsere Geburtenrate wieder steigt.

    Koch: Würden Sie sagen, dass es unsere Kinder besser haben werden als wir?

    Weber: Absolut betrachtet, ja – gemessen am Wohlstand pro Kopf der Bevölkerung. Aber ich halte nicht viel von solchen Vergleichen. Jede Generation ist in einer anderen Situation, hat ihre Herausforderungen und kann das Beste daraus machen.

    Koch: Das Aufstiegs- und Fortschrittsversprechen der sozialen Marktwirtschaft gilt also noch?

    Weber: Einen sozialen Aufstieg zu schaffen, ist für viele Bürgerinnen und Bürger schwierig. Denn der familiäre Bildungshintergrund entscheidet noch immer stark über die Chancen der Kinder; oft wird Bildungsarmut vererbt. Wobei wir das mit einem integrativeren Bildungssystem durchaus ändern könnten. Die Mittel dafür müssen zur Verfügung stehen – auch das meine ich, wenn ich auf den Wohlstand der jungen Generation hinweise. Fortschritt und Wachstum bleiben ebenfalls weiterhin möglich, aber anders. Ökologisch nicht nachhaltige Wirtschafts- und Konsummuster, inklusive der Verfeuerung fossiler Brennstoffe, werden wir ablegen müssen.

    Enzo Weber (Jahrgang 1980) arbeitet am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg. Außerdem lehrt er als Professor an der Universität Regensburg.

  • Deutschlands Wirtschaft schrumpft 2023

    Bankenverband rechnet mit einem Minus von bis zu einem Prozent

    2022 hat die Bundesbürger enorm gefordert: Wegen Russlands Angriff auf die Ukraine musste sich die Wirtschaft neu orientieren. Die Inflation erreichte ungekannte Höhen, Energie hat sich verteuert. Wie wird 2023? Christian Sewing, Präsident des Bundesverbands deutscher Banken, antwortet.

    Konjunktur: Deutschlands Wirtschaft wird aus Sicht des Bankenverbands im kommenden Jahr schrumpfen. „Insgesamt rechnen wir für 2023 mit einem Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Leistung in Deutschland um bis zu ein Prozent“, sagt Bankenverbandspräsident Christian Sewing, der auch die Deutsche Bank führt. Der Bankenverband ist damit deutlich pessimistischer als etwa der Sachverständigenrat (-0,2 Prozent), die Bundesregierung (-0,4 Prozent), die EU-Kommission (-0,6 Prozent) und der Internationale Währungsfonds (-0,3 Prozent). Das Institut für Wirtschaftsforschung in Kiel rechnet sogar mit einem Plus von 0,3 Prozent. 2022 wird die deutsche Wirtschaft der Bundesregierung zufolge um 1,4 Prozent wachsen.

    „Alle Zeichen deuten darauf hin, dass wir im Winterhalbjahr eine moderate Rezession in Deutschland sehen werden“, sagt Sewing. „Sie dürfte aber nicht so stark ausfallen, wie noch vor einigen Wochen befürchtet wurde, auch aufgrund der staatlichen Unterstützungsmaßnahmen wie der Gaspreisbremse. Ab dem Frühsommer sollte sich die wirtschaftliche Lage in Deutschland wieder stabilisieren.“ Allerdings bestehe das Risiko von Rückschlägen im zweiten Halbjahr, wenn eine Rezession in den USA und die verzögerte Wirkung der Geldpolitik in Europa zusammenträfen. „Außerdem wird der reale Kaufkraftverlust der Jahre 2022 und 2023 zu mehr Zurückhaltung beim Konsum führen“, sagt Sewing.

    Dass jetzt viele ihre Jobs verlieren, ist dem Bankenpräsidenten zufolge eher unwahrscheinlich: „Wegen des zunehmenden Arbeitskräftemangels werden die Unternehmen auch in den kommenden Monaten nur vorsichtig Stellen abbauen“, sagt er. Zudem werde Kurzarbeit den Beschäftigten und den Unternehmen helfen. „Die Arbeitslosigkeit dürfte daher nur geringfügig steigen.“

    Inflation: Nach mehr als zehn Prozent Teuerung in den vergangenen Monaten werden die Preise bald nicht mehr so stark steigen. „Es besteht berechtigte Hoffnung, dass die Inflationsrate in Deutschland wieder in den einstelligen Bereich zurückkehrt“, sagt Sewing. Dafür sprächen die kaum noch steigenden, teilweise sogar schon wieder etwas sinkenden Energiepreise. Die Gas- und Strompreisbremse der Bundesregierung könnte die Inflationsrate zudem um etwa ein bis zwei Prozentpunkte drücken.

    „Im Jahresdurchschnitt 2023 halten wir eine Teuerungsrate von um die sieben Prozent für wahrscheinlich“, sagt der Bankenverbandspräsident. „Deutlich niedrigere Inflationsraten werden wir erst im Jahr 2024 sehen. Allerdings könnte die Rate dann, auch wegen des Auslaufens der Energiepreisbremsen, immer noch bei knapp vier Prozent liegen – bei allen Unsicherheiten, denen solche längerfristigen Prognosen gerade im aktuellen Umfeld unterliegen.“

    Zinsen: Der Bankenverband rechnet mit einer härteren Geldpolitik. „Die Europäische Zentralbank wird auch im Jahr 2023 den Leitzins weiter anheben – Anfang Februar und Mitte März wohl erneut um jeweils 50 Basispunkte.“ Für Zentralbanken sind das vergleichsweise große Schritte. Und das ist Sewing zufolge noch nicht alles: „Der Einlagesatz der Banken bei der europäischen Notenbank, der aktuell bei zwei Prozent liegt, könnte bis auf 3,25 Prozent steigen. Und nach der letzten EZB-Sitzung dürfte klar sein, dass auch das noch nicht das Ende der Fahnenstange sein muss.“

    In der Folge dürften Sparer profitieren. „Generell gehen wir davon aus, dass mit steigenden Leitzinsen der EZB auch die Guthabenzinsen steigen – das haben wir in den vergangenen Monaten bereits gesehen“, sagte Sewing. Aber: Die Zinsen für Tagesgeld- und Sparkonten seien stark vom Geschäftsmodell der einzelnen Institute abhängig.“

    Natürlich beeinflusse das allgemeine Zinsniveau auch die Dispozinsen, sagte der Bankenpräsident, jene Zinsen, die für Kontoüberziehung bezahlt werden müssen. Wie sie sich ändern, kann  Sewing nicht sagen: „Deren Höhe wird von den einzelnen Banken und Sparkassen individuell und abhängig vom Marktumfeld festgelegt. Hier kann man keine allgemeinen Aussagen treffen – das ist eine Frage des Wettbewerbs.“

    Immobilien: Wer ein Haus oder eine Wohnung kaufen möchte, kann erstmals seit Jahren auf niedrigere Preise hoffen. „Der seit zwölf Jahren anhaltende Preisanstieg bei Immobilien ist erst einmal beendet“, sagt Sewing. „Die Baukosten steigen, die Bauwirtschaft leidet unter Material- und Fachkräftemangel. Zusätzlich steigen die Zinsen für Immobilienkredite. Seit Herbst ist deswegen die Nachfrage nach Immobilienfinanzierungen deutlich gesunken.“ Das wiederum wirke sich auf die Immobilienpreise aus.

    „2023 könnten Immobiliennachfrage und -preise weiter moderat sinken. Einen kräftigen Preisrutsch auf dem Immobilienmarkt befürchten wir aber nicht. Da die Zahl der Neubauten nicht so stark steigt wie wirtschaftspolitisch angestrebt, wird strukturell weiterhin die Nachfrage das Angebot am deutschen Immobilienmarkt übersteigen. Das gilt vor allem für Ballungszentren.“ In begehrten Städten wie Berlin, Frankfurt, Hamburg, Köln oder München bleibt es also teuer.

    Filialen: „Die Zahl der Bankfilialen in Deutschland wird weiter abnehmen, weil sich das Kundenverhalten ändert“, sagt Bankenpräsident Sewing. 2021 schlossen die Kreditinstitute fast zehn Prozent aller Filialen, 2022 könnte die Zahl erstmals unter 20.000 gefallen sein. „Aber wir werden in Deutschland auch weiterhin über ein umfangreiches Filialnetz verfügen“, ist Sewing sicher. „Dabei verändert sich das Bild der Filiale: War diese früher Anlaufpunkt, um Geld zu überweisen, einen Dauerauftrag einzurichten oder Bargeld abzuheben, so suchen Kunden hier heute vor allem die individuelle Beratung – etwa beim Immobilienkauf oder bei der Altersvorsorge. Solange Kunden persönliche Beratung in der Filiale wünschen, wird es dieses Angebot natürlich weiter geben.“

    Geldanlage: Steigende Zinsen, schwankende Aktienmärkte, Bitcoin-Absturz: Wie würde der Bankenpräsident derzeit 10.000 Euro anlegen? Das komme immer auf die eigene Lebenssituation an“, sagt Sewing, gerade deshalb sei eine individuelle Beratung entscheidend. „Eine Grundregel hat sich immer ausgezahlt: nicht alle Eier in einen Korb legen, sondern Risiken streuen.“ Und mit der aktuellen geldpolitischen Entwicklung würden auch klassische Zinsprodukte bis hin zur Bundesanleihe wieder attraktiver, als sie es in der Zeit der Negativzinsen waren.

  • Jagd nach umwälzenden Ideen

    Sprind sucht nach Sprunginnovationen. Sie sollen Deutschland wirtschaftlich vorn halten

    So richtig elektrisierend sieht die „Heimat für radikale Neudenker:innen“ hier in Leipzigs Nordosten nicht aus. Ehemaliges Güterbahngelände, Fläche mit sehr viel Potenzial würde es bei Maklern heißen. Zoobedarf, Baumarkt, um die Ecke der beste Leipziger Technoklub. Und doch: Hier sitzt seit 2019 eine deutsche Behörde, die Bundesagentur für Sprunginnovation. Sie soll die wirtschaftliche Zukunft Deutschlands mitgestalten.

    Warum braucht die viertgrößte Wirtschaftsmacht der Welt so etwas? Und was ist eine Sprunginnovation? „Eine Sprunginnovation verändert die Welt. Und um diese Innovation herum entstehen weitere Innovationen, neue Industrien“, sagt Rafael Laguna de la Vera. Der 56-Jährige ist Chef der Agentur, ist Mehrfachgründer, Tech-Unternehmer, Risikokapitalgeber. Und treibender Kopf hinter Sprind, die im Auftrag von Bildungs- und Wirtschaftsministerium solche Innovationen finden soll.

    „Wenn eine Idee nicht ein bisschen irre ist, ist sie nicht innovativ. Bei Sprunginnovationen gilt das noch ein bisschen mehr.“ Und: Ihre volle Wucht ist erst hinterher klar. Oder, wie es Laguna sagt: „Solche Ideen klingen von vornherein schon etwas verrückt. Wenn sie dann in die Welt kommen, wirken sie völlig normal.“ Ein typisches Beispiel: „Wenn jemand vor 30 Jahren gesagt hätte: ,Wir haben das Weltwissen in einem Gerät in der Hand abrufbereit‘, wäre die Person auch schief angesehen worden.“ Heute sucht fast jeder schnell auf dem Smartphone, um die Höhe des Eiffelturms nachzuschlagen oder das deutsche Bruttoinlandsprodukt.

    ((((Laguna nennt auch noch den Laser, bei dem man anfangs auch nicht gewusst habe, wozu er verwendet werden könne. Inzwischen kommunizieren Satelliten mit dem gebündelten Licht, schneidet es Präzisionsteile für die Industrie, hilft beim 3D-Druck. Die Wucht von Sprunginnovationen verdeutlicht für Laguna auch dieses Beispiel: „Das Auto ermöglichte erst die Tourismusindustrie“ – eine Multimilliarden-Branche.))))

    Die Tücke der Sprunginnovation: „Wir können nur erkennen, ob eine Idee das Potenzial für eine Sprunginnovation hat“, sagt Laguna. Deshalb geben viele Staaten sehr viel Geld aus, um die richtigen Ideen zu entdecken. Vorbild auch für Sprind ist Darpa (Defense Advanced Research Projects Agency) des US-Verteidigungsministeriums, das unter anderem entscheidend für die Entwicklung des Internets war. Und Darpa finanzierte vor Jahren das Biotech-Unternehmen Moderna, das einen innovativen Impfstoff auf mRNA-Basis entwickeln wollte. Die Technik verhalf in der Pandemie sehr schnell zu einem Corona-Impfstoff.

    Ideen schwirren im Deutschland der Tüftler reichlich herum. Es müssen also nur die richtigen gefunden werden. Menschen mit innovativen Projekten können sich bewerben. Etwa 1000 Projekte haben sich die Sprind-Mitarbeiter inzwischen genauer angesehen. 40 prüften sie gemeinsam mit Experten darauf, ob sie für eine Sprunginnovation taugen. Sechs fördert die Behörde inzwischen mit vier bis 15 Millionen Euro pro Jahr.

    Außerdem schreibt die Behörde Innovationswettbewerbe zu bestimmten Themen aus. Vier solcher Sprind-Challenges gab es bisher, etwa dazu, wie sich CO2 aus der Luft entziehen und für Produkte nutzen lässt oder Energie langfristig gespeichert werden kann bei gleichzeitig sehr geringen Kosten. Von den jeweils rund 50 Vorschlägen wählt eine Expertenjury die vielversprechenden aus. Sie werden dann ein Jahr lang mit einer halben bis einer Million Euro finanziert. Danach wird bewertet, gesiebt und gegebenenfalls weitergefördert.

    2022 hatte die Behörde etwa 80 Millionen Euro Etat, 2023 sollen es 175 Millionen Euro sein. Bei der Gründung hatte die Bundesregierung sich auf eine Milliarde Euro für zehn Jahre festgelegt. Das Geld fließt nicht einfach so: „Wir müssen um jeden Haushalt kämpfen“, sagt Laguna. Was vielleicht auch am Konzept liegt. „Wir sind keine typische Behörde, sondern ein Start-up, das projektbezogen mit den klügsten Köpfen des Landes arbeiten kann.“ Auf 200 bis 300 Experten aus Politik und Forschung kann Sprind zurückgreifen.

    Neuartige effiziente Computerarchitektur, kognitive Datenbank der Zukunft, Revolution des Gesundheitswesens mit Nanogami – klingt alles noch nicht verrückt genug? Vielleicht das hier: die Holodeck-Brille nach einem technischen Gimmick der Star-Trek-Serie. Dort werden in einem Raum virtuelle Welten simuliert, in denen man sich normal bewegen kann. Sprind ist dran. „Die Holodeck-Brille soll einer normalen Brille ähneln, ins volle Sichtfeld sollen virtuelle Elemente eingeblendet werden“, sagt Sprind-Chef Laguna.

    Die Brille ist für ihn ein gutes Beispiel wie die Behörde hilft, „sehr gute Forschung aus der Grundlagenforschung heraus auf die Straße zu bringen. Wir geben Geld und schieben an mit dem Ziel, dass neue Technologien im Rahmen einer profitabel arbeitenden Firma allein bestehen können.“ Die Idee zur Holodeck-Brille stamme von Mitarbeitern des Fraunhofer-Instituts für optische Systeme in Karlsruhe, denen allerdings das Geld fehlte. „Hier müssen wir alles selbst entwickeln: Brille, Projektor, Mikrospiegel, leichter, effizienter Rechner mit viel Leistung.“

    Laguna ist zwar experimentierfreudig, doch: „Nicht jede Idee, die wir finanzieren, wird ein Erfolg werden. Wir werden auch Projekte haben, die scheitern.“ Grundsätzlich ist er aber optimistisch. „Die Menschheit hat in den vergangenen 200 Jahren immer Probleme gelöst. Wir leben heute gesünder, länger, besser. Es gab immer Fortschritt dank Wissenschaft und Technik. Das wird auch weiter so sein.“ Und Deutschland will da in Zukunft noch stärker mitverdienen.

  • Kontrolleure aus Halle

    Gemeinsame Glücksspielbehörde startet

    In Halle tut sich dieser Tage Außergewöhnliches: Am 1. Januar startet eine neue Behörde, die Glücksspielbehörde der Länder (GGL). Was einfach klingt, markiert vor allem das Ende eines langjährigen Hickhacks der Bundesländer darüber, wer jetzt was wie zu regulieren hat im Glücksspielwesen. Wie Spieler wirksam geschützt werden können. Und wie man mit Zocken im grenzenlosen Internet überhaupt umgehen soll.

    Im Glücksspielstaatsvertrag 2021, praktisch der fünfte Versuch seit 2008, einigten sich die Länder darauf, den Online-Markt zu öffnen. Sie vereinbarten schärfere Kontrollen und eine neue zentrale Behörde mit Sitz in Halle, die das Ganze überwacht. „Vereinfacht kann man sagen: Wir kümmern uns um alle Glückspiele im Internet – außer Online-Roulette“, fasst GGL-Co-Vorstand Ronald Benter zusammen. Letzteres, so die Logik der Länder, ist zu nah am klassischen, oft staatlichen, Spielbankgeschäft. Darum und um Sportwettenvermittler mit Geschäften, um Lotterien, Spielhallen und Spielautomaten kümmern sich weiterhin die jeweiligen Landesbehörden.

    Lange waren sich die Länder vor allem bei Online-Glückspiel nicht einig. Zeitweise gab es Lizenzen, die nur in Schleswig-Holstein galten, als hielten sich Spieler und das Internet an die Grenzen der Bundesländer. Zudem gab es eine große Grauzone von Anbietern vorzugsweise mit Sitz auf Malta. Das Land tauscht sich als einziges EU-Land nicht mit den anderen über Glückspiel aus. Dazu kommt, wie es jemand aus der Branche sagt: „Ein Anbieter aus Curacao ist immer nur einen Klick entfernt.“ Dahinter verbirgt sich illegales, aber für viele Spieler aufregendes Onlineglückspiel mit vermeintlich hohen Gewinnen, aber ebenso hohem Risiko und ohne Kontrolle.

    Der Markt ist riesig. Allein mit Sportwetten, dem vor digitalen Automatenspielen größten Online-Segment, setzten die legalen Anbieter 2021 rund 9,4 Milliarden Euro um. Tendenz steigend. In Deutschland sind vor allem Wetten auf Ergebnisse erlaubt: Wer gewinnt das WM-Halbfinale wie hoch zum Beispiel. In anderen EU-Ländern darf auch darauf gewettet werden, welche Fußballmannschaft die nächste Ecke bekommt.

    Zumindest die Sportwettunternehmen sehen die GGL positiv, klingen fast überschwänglich: „Wir wünschen der GGL viel Erfolg dabei, einen gut regulierten, sicheren und auch attraktiven Glücksspielmarkt in Deutschland zu gewährleisten und gleichzeitig den Schwarzmarkt effizient zu bekämpfen“, heißt es beim Deutschen Sportwettenverband. „Wir werden die GGL weiterhin tatkräftig unterstützen, um diese Ziele zu erreichen.“ Für viele Unternehmen ist es attraktiv, aus der Grauzone herauszukommen. Wer legal anbietet, ist interessanter für Investoren.

    Offiziell eingerichtet haben die Länder die Behörde zum 1. Juli 2021, Benter und Co-Vorstand Benjamin Schwanke, beide mit reichlich Erfahrung bei der Glückspielregulierung in Schleswig-Holstein, bauten sie auf. Nach und nach übernahm sie Aufgaben der jeweiligen Länderkontrollbehörden. Seit 1. Juli 2022 bekämpft sie illegales Glücksspiel im Internet, jetzt zum 1. Januar vergibt sie auch bundesweit Lizenzen. Bisher waren je nach Art des Glücksspiels unterschiedliche Bundesländer zuständig, für Sportwetten etwa Hessen. Derzeit arbeiten 75 Beschäftigte bei der GGL, es sollen mehr als 100 werden.

    „Jede europäische Firma mit Empfangs-Adresse in Deutschland kann eine Erlaubnis beantragen“, sagt Benter. „Wir prüfen, ob alle notwendigen Voraussetzungen zum Schutz der Spieler erfüllt sind, dann erhalten sie auch eine Erlaubnis.“ Erfasst sind die Unternehmen auf einer Liste, die auf den Seiten der Behörde veröffentlicht ist.

    Wer nicht auf der Liste steht und dennoch in Deutschland Online-Glücksspiel anbietet oder bewirbt, bekommt es ebenfalls mit der Behörde zu tun. Sie versucht, Geldflüsse zu blockieren oder die Internetseiten abzuschalten, sogenanntes IP-Blocking. „Beim Unterbinden von Zahlungen haben wir in Deutschland bereits gut zehn Jahre Erfahrung“, sagt GGL-Co-Vorstand Schwanke. „Die Zahlungsdienstleister dürfen nur an Firmen überweisen, die auf der sogenannten Whitelist stehen, also eine Erlaubnis haben.“

    Anders sieht es damit aus, einen Internetanbieter in Deutschland abzuschalten: „Das IP-Blocking ist ein relativ neues Instrument“, sagt Schwanke. „An den Einsatz sind hohe Hürden geknüpft. Wir haben mehrere Internetprovider aufgefordert, die Angebote von illegalen Glücksspielanbietern zu sperren. Dagegen ist Klage erhoben worden, die gerichtliche Klärung bleibt abzuwarten. Wir sind aber zuversichtlich, dass wir uns durchsetzen.“

    Die Bundesländer haben mit dem Glücksspielstaatsvertrag auch den Spielerschutz verbessert – mit zwei zentralen Dateien, die die GGL verwaltet. Wer sich erstmals bei einem legalen Onlineglücksspielanbieter anmeldet, legt damit automatisch beide Dateien für sich an. Auf sie müssen dann alle legalen Anbieter in Deutschland zugreifen.

    „Die Aktivitätsdatei soll verhindern, dass ein Spieler parallel mehrere Glücksspiele im Internet spielt“, sagt Schwanke. „Die Limitdatei garantiert, dass ein Spieler maximal 1000 Euro zum Spielen pro Monat einzahlen kann. Er oder sie kann sich selbst aber auch ein geringeres Limit, zum Beispiel von 100 Euro setzen.“ Die Datei betrifft nicht die Gewinne aus Spielen. Sie können in beliebiger Höhe wieder eingesetzt werden.

    Wer Hilfe im Umgang mit Glücksspielsucht benötigt, findet unter www.bundesweit-gegen-gluecksspielsucht.de Angebote. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung informiert auf der Internetseite www.check-dein-spiel.de. Beratung bietet die Zentrale unter der kostenfreien Telefonnummer 0800 1372700.