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  • „Europa muss deutlich eigenständiger werden“

    Roland-Berger-Chef Stefan Schaible über die Abhängigkeit von China und den USA

    Jahrzehnte hat die Exportnation Deutschland sehr gut vom Welthandel gelebt. Doch gerade ändert sich viel für das deutsche Geschäftsmodell. Pandemie und der Angriff Russlands auf die Ukraine legen Abhängigkeiten offen – von China, von Russland. Und für Stephan Schaible, Sprecher des Vorstands der deutschen Beratungsfirma Roland Berger, auch von den USA. Er erwartet nachhaltigen Wandel in der Weltwirtschaft, dass Politik und Wirtschaft künftig enger zusammenarbeiten und dass die EU endlich souveräner auftritt.

    Seit Wochen stauen sich vor Shanghai, dem größten Hafen der Welt, die Schiffe. China hat die Stadt wegen eines Corona Ausbruchs in Quarantäne geschickt – und weltweit fehlen Teile, weil waren nicht ausgeführt oder umgeladen werden können. Belastend für die Weltwirtschaft kommt der Angriff Russlands auf die Ukraine hinzu, einschließlich umfangreicher Sanktionen. Vor allem Deutschland erfährt, wie abhängig es sich von einzelnen Staaten gemacht hat.

    „Ein Stück weit wird die Globalisierung gerade zurückgedreht“, sagt Schaible. „Etwa weil die Lieferketten für viele Waren und Vorprodukte gestört sind. Firmen suchen zusätzliche Lieferanten, um ihre Abhängigkeit zu verringern.“ Mit Folgen auch für die Verbraucher. „Das Umgestalten der Lieferketten bedeutet strukturell mehr Kosten, was die Preise der Produkte erhöht. Und das treibt wiederum die Inflation.“ Und die ist in Deutschland und Europa mit zuletzt 7,4 und 7,5 Prozent ohnehin hoch.

    Gleichzeitig muss sich das Selbstverständnis der Wirtschaft ändern. „Wir erleben das Ende einer Phase, in der die Wirtschaft sich nicht für Politik interessiert hat, weil der Welthandel funktionierte und wuchs“, sagt Schaible und meint auch die deutschen Unternehmen. „Künftig werden Wirtschaft und Politik mehr zusammenarbeiten müssen.“ Eine Folge davon aus seiner Sicht: „Es könnte eine Renaissance geben für gut gemachte Handelsabkommen.“ Der Roland-Berger-Chef nannte kein Beispiel. Ceta, das Abkommen zwischen EU und Kanada, haben noch nicht alle EU-Staaten unterzeichnet. Die Gespräche zu TTIP, dem umstrittenen Abkommen mit den USA, ruhen seit 2016.

    Dafür muss die EU über ihre Rolle nachdenken. „In der Krise, wie jetzt, steht die EU immer gut zusammen. Aber das wird in Zukunft nicht reichen“, sagt Schaible. Die EU müsse schneller werden. „Deshalb brauchen wir eine Reform der Staatengemeinschaft. So sollte die Einstimmigkeit bei Beschlüssen in wichtigen Bereichen fallen. In der Regel blockiert der langsamste. Das bremst die EU. Das müssen wir ändern.“ So verzögert Ungarn gerade das Ölembargo gegen Russland.

    Auch sonst fordert der Chef von Roland Berger ein stärkeres Europa. „Europa muss deutlich eigenständiger werden, angetrieben von einem starken Frankreich und Deutschland, und sich souveräner aufstellen, auch in Bezug auf unsere Freunde in den USA.“ Ein wichtiger Hebel ist für ihn dabei die Gemeinschaftswährung. „Die Euro-Zone sollte den Euro offensiver als Leitwährung propagieren, zum Beispiel den Rohstoffhandel in Europa und mit Europa künftig in Euro abwickeln, nicht mehr in Dollar.“ Bisher werden Rohstoffe wie Öl und Gas, Gold und Kupfer in der US-Währung gehandelt, ein Grund, warum sie weltweit so wichtig ist.

    Vor allem außenpolitisch sieht der Chef von Roland Berger die EU stärker gefordert. „Die EU braucht eine gemeinsame aktive Außenpolitik. Wir haben zulange alles den Amerikanern überlassen und unsere Verantwortung nicht ausreichend wahrgenommen. Das sind weiter unsere Partner, aber Europa sollte seinem Gewicht entsprechend auftreten.“

    Und auch Deutschland sollte außenpolitisch stärker auftreten. „Wir waren zurecht jahrzehntelang zurückhaltend, doch jetzt ist die Lage grundsätzlich anders. Wichtig ist eine entschlossene, aber auch kluge Form. Und vor allem: besonnenes Vorgehen.“

    Für die Zukunft sieht Schaible große Chancen: „Der Druck, beim Klimawandel gegenzusteuern, kann wie ein Booster auf die deutsche Wirtschaft wirken.“ Dafür muss einiges getan werden. Denn: „In den vergangenen zehn Jahren ist es uns sehr gut gegangen. Die Zeit ist vorbei. Jetzt sind wir verdammt zu Innovation.“ In großem Umfang und bei Umweltthemen. „Die Welt schaut auf Europa, auf Deutschland“, behauptet Schaible. „Wir haben eine enorme Glaubwürdigkeit. Dieses Moment müssen wir nutzen.“

    Ihm geht und ging es nicht schnell genug. „Wir haben die vergangenen Jahre beim Thema erneuerbare Energien geschlafen. Da muss es jetzt eine Explosion geben.“ Die Ampelkoalition sei auf dem richtigen Weg, regulatorisch seien bereits viele Weichen gestellt, jetzt gehe es um die breite Umsetzung in fast allen Bereichen. Und auch für die Firmen ist Schaible zuversichtlich. „Die deutschen Unternehmen beschäftigen sich intensiv mit ihrem Energieverbrauch, arbeiten an nachhaltigeren Materialien, Recycling, neuen Technologien. Es sind nur wenige Unternehmen, die das noch nicht verstanden haben.“

    Abhängig ist alles davon, wie sich die Lage in der Ukraine und in China verändert, dass gerade in seiner Null-Covid-Strategie gefangen scheint und die eigene Wirtschaft gefährdet: Für die nahe Zukunft sieht Schaible drei Szenarien: „Das positivste ist, dass der durch russische Aggression verursachte Krieg in der Ukraine schnell endet, weil Russlands Präsident Putin einlenkt oder jemand seinen Posten übernimmt. Und Chinas Wirtschaft entwickelt sich günstig – trotz Corona-Pandemie.“

    Im zweiten Szenario zieht sich der Krieg in der Ukraine lange hin. Der Roland-Berger-Chef findet: „Herausfordernd für die deutsche Wirtschaft, aber noch nicht dramatisch, vor allem wenn China sich fängt.“ Szenario drei ist aus seiner Sicht am kritischsten: „Zieht sich der Ukraine-Krieg hin und geht es mit der chinesischen Wirtschaft abwärts, rutschen wir sicher in eine Rezession.“

    Zur Person:

    Stefan Schaible (54) lenkt als Sprecher des dreiköpfigen Vorstands die Geschicke von Roland Berger seit April 2020, vorher war er bereits stellvertretender CEO der Strategieberatung. Er hat Chemie und Jura studiert und gilt als Spezialist für die öffentliche Hand. Schaible wuchs in Nagold, südwestlich von Stuttgart, auf. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.

    Das Unternehmen, 1967 von Roland Berger gegründet, berät mit 50 Büros in 35 Ländern und rund 2400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Unternehmen und Verwaltungen weltweit. 2020 setzte es 588 Millionen Euro um, konkrete Zahlen für 2021 liegen noch nicht vor. Es war aber von deutlich zweistelligem Wachstum und einem Rekordumsatz die Rede.

  • Gefahren der Inflation

    Warum der Spritrabatt verpufft

    Selten haben Zahlen des Statistischen Bundesamts die Allgemeinheit so beschäftigt wie zuletzt. Die Wiesbadener liefern monatlich einen Beweis dafür, was jeder Verbraucher bereits beim Einkaufen oder Tanken gemerkt hat: Es wird teurer. Und nicht zu knapp. Im April kosteten Waren und Dienstleistungen im Schnitt 7,4 Prozent mehr als vor einem Jahr – der höchste Wert seit der Wiedervereinigung. Er beeinflusst nicht nur unser Kaufverhalten, sondern auch die anstehenden Tarifverhandlungen. Und er ist ein weiteres Signal an die Europäische Zentralbank, die Politik des billigen Geldes zügig zu beenden.

    Es wird nur sehr wenige Menschen geben, die tatsächlich 7,4 Prozent mehr ausgeben müssen. Denn die Zahl ist ein Durchschnittswert. Weil allein Nahrungsmittel sich um 8,6 Prozent verteuerten, könnte die persönliche Inflationsrate auch höher sein. Das gilt auch für alle, die besonders viel tanken, weil Sprit um 38,5 Prozent zulegte.

    Die Statistiker sehen sich für die offizielle Inflationsrate die Preise von rund 650 Produkten an – von Brot und Brokkoli über Festplatten und Haarschnitt bis Hausratversicherung und Benzin. Aus der Veränderung berechnen sie die Teuerungsrate, wobei Strom ein höheres Gewicht hat als Eier. Größter Preistreiber ist Energie. Inzwischen kosten auch Lebensmittel mehr, unter anderem, weil Energie so teuer ist.

    Die seit Monaten hohe Inflation verheißt auch für Deutschlands Unternehmen wenig Gutes. Denn die Gewerkschaften haben bereits angekündigt, bei den kommenden Tarifrunden höhere Löhne durchsetzen zu wollen. Das Plus soll die Inflation aufwiegen. Das ist gut für die Beschäftigten, kann sich aber rächen: Denn die Kosten der Unternehmen steigen. Sie werden versuchen, ihrerseits die Preise anzuheben, was wiederum die Inflation treibt.

    Die Teuerung in Deutschland fließt in die der Euro-Raum ein. Und auch hier liegen die Werte weit über jenen zwei Prozent, die die Europäische Zentralbank als gut erachtet. Bisher hat sie vermieden, den Leitzins deutlich anzuheben. Derzeit beträgt er 0,0 Prozent. Die Sorge ist groß, den Aufschwung in den EU-Mitgliedsstaaten, der nach der Corona-Pandemie begonnen hat, so wieder abzuwürgen. Die hohen Inflationswerte zwingen die EZB jetzt aber, doch zu handeln – wohl im Juli. Zumal die US-Notenbank Fed vergangene Woche die Zinsen kräftig angehoben hat und weitere Schritte ankündigte.

    Die hohen Energiepreise wird das nicht nachhaltig senken. Auch der Versuch der Bundesregierung, Sprit per staatlichem Rabatt zeitweise zu verbilligen, wird verpuffen. Eine Lösung wäre, den Krieg in der Ukraine zu beenden. Weil sich das nicht abzeichnet, bleibt der Bundesregierung nur, diejenigen, die mit sehr wenig Geld auskommen müssen, finanziell zu unterstützen.

  • Nach Corona ist vor der Pflegereform

    Den Krankenhäusern fehlen zehntausende Pfleger:innen. Die Ampel-Regierung will das ändern. Aber wo bleibt der Gesetzentwurf?

    Während die Corona-Pandemie allmählich verebbt, steigt der Druck auf die Bundesregierung, grundsätzliche Konsequenzen aus den beiden vergangenen Jahren zu ziehen. Ein zentraler Punkt ist, die Zahl der Krankenpfleger:innen unter anderem auf den Intensivstationen der Krankenhäuser zu erhöhen. „Wir erwarten, dass bis zur Sommerpause ein entsprechender Gesetzentwurf vorliegt“,  sagte Gerald Gaß, der Chef der Deutschen Krankenhausgesellschaft, gegenüber dieser Zeitung.

    Die Lage in der stationären Versorgung ist immer noch schwierig. Der Organisation zufolge sind augenblicklich „mindestens 25.000 Stellen“ nicht besetzt – etwa sieben Prozent aller Vollzeitarbeitsplätze in der Krankenpflege, eine stark steigende Tendenz gegenüber 2021. Das Personal ist nach zwei Pandemiejahren erschöpft. Wenn jemand kündigt, dauert es meist viele Monate, bis eine neue Pflegekraft gefunden ist. Wer weiterarbeitet, muss zusätzliche Aufgaben erledigen.

    Hinzu kommt, dass der wirkliche Pflegebedarf nicht einmal dann gedeckt wäre, wenn die vorhandenen Krankenhäuser alle vorhandenen Stellen besetzen könnten. Viele Fachleute gehen davon aus, dass für eine vernünftige Betreuung der Kranken bis zu 80.000 zusätzliche Pfleger:innen nötig sind.

    Diese Debatte findet vor dem Hintergrund statt, dass die Überlastung der Krankenhäuser während der Pandemie eine wichtige Begründung für die Beschränkungen des öffentlichen und privaten Lebens darstellte. Schlechte Personalausstattung und Arbeitsbedingungen sind zweifellos Ursachen dieser Überlastung. Wie ließe sich also die Situation verbessern angesichts der Möglichkeit, dass Corona noch nicht zu Ende ist oder irgendwann die nächste Seuche kommt?

    In ihrem Koalitionsvertrag vereinbarten SPD, Grüne und FDP Ende 2021 Verbesserungen. Der Schlüsselbegriff lautet „Pflegepersonalregelung 2.0 (PPR 2.0)“. Das ist eine Methode, die die Gewerkschaft Ver.di, der Pflegerat und die Krankenhausgesellschaft ausgearbeitet haben, um den tatsächlichen Personalbedarf auf einzelnen Stationen der Krankenhäuser zu ermitteln. Die Umsetzung „würde zu einem Mehrbedarf von 40.000 bis 80.000 Vollzeit-Pflegekräften führen“, sagte Michaela Evans vom Institut Arbeit und Technik der Hochschule Gelsenkirchen. Statt etwa 360.000 Vollzeit-Beschäftigten müssten bis zu 440.000 am Start sein.

    Augenblicklich passiert allerdings nicht viel. Das Bundesgesundheitsministerium arbeitet an seiner Planung für dieses Jahr. „Die Umsetzung der PPR 2.0 wird aktuell geprüft“, erklärte das Ministerium. Ob ein Gesetzentwurf zur Pflege dabei herauskommt, erscheint unklar. „Die Pflegepersonalregelung 2.0 muss zügig umgesetzt werden“, mahnte dagegen Krankenhaus-Chef Gaß. Der grüne Gesundheitspolitiker Janosch Dahmen sah es ähnlich: „Der Personalmangel ist so eklatant, dass das Problem keinen Aufschub duldet.“

    Aber lässt sich das Problem überhaupt auf diesem Weg lösen? Ist der Arbeitsmarkt nicht leergefegt, sodass der Versuch scheitern muss? Nein, schreiben Evans und weitere Autor:innen der neuen Studie „Ich pflege wieder, wenn…“ im Auftrag der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung. Die Umfrage unter aktiven und ausgestiegenen Pflegekräften ergab, dass mindestens 172.000 zusätzliche Vollzeitbeschäftigte zur Verfügung stünden, wenn die Arbeitsbedingungen akzeptabel wären. Das heißt, die Pfleger:innen verlangen mehr Zeit pro Patient:in, eine bessere Bezahlung und verlässliche, beziehungsweise familienfreundliche Arbeitszeiten. „In der Krankenpflege haben wir kein Arbeitsmarktproblem“, sagte Evans. „Die Politik müsste aber die Bedingungen verbessern, damit die Leute ihre Arbeitszeit verlängern oder eine Stelle neu antreten.“

    Das würde Geld kosten. 80.000 zusätzliche Stellen schlagen in der Größenordnung von einer halben Milliarde Euro pro Jahr bei den Krankenhäusern zu Buche. Wie sollen die das finanzieren? Eine Variante ist ein höherer Zuschuss vom Staat, der angesichts sowieso steigender Anforderungen an den Bundeshaushalt jedoch problematisch erscheint. Höhere Sozialbeiträge belasten die Arbeitnehmer:innen und Firmen. „Allein zusätzliches Geld ins System zu geben, wird nicht reichen“, sagte Grünen-Politiker Dahmen. „Wir brauchen Strukturreformen und sollten auch Aufgaben wie Ausgaben umverteilen“ – weniger teure Apparatemedizin und Diagnostik, mehr Pflege.

  • Der Leitzins und die Folgen

    Fed-Entscheidung wirkt in Europa

    Seit Wochen haben Jerome Powell und sein Team die Wirtschaft der USA darauf vorbereitet: Die US-Notenbank Fed, deren Präsident Powell ist, wird die hohe Inflation von 8,5 Prozent im Land eindämmen. Das Mittel dazu: höhere Zinsen. Sie verteuern Kredite – Unternehmen werden prüfen, ob sie wirklich investieren wollen, wenn sie dazu einen Kredit benötigen. Und Verbraucher werden sich Käufe auf Pump auch genauer überlegen. Gleichzeitig steigen die Sparzinsen, weshalb der ein oder die andere Geld zurücklegt, statt es auszugeben. So soll die Nachfrage sinken. Bleibt das Angebot gleich, so die Theorie, steigen die Preise zumindest nicht weiter. Bisher hat das meist sehr gut funktioniert.

    Jetzt hob die Fed den Leitzins von 0,25 bis 0,5 auf 0,75 bis 1,0 Prozent an. In der Finanzwelt ist das ein kräftiges Zeichen. Und Powell kündigte weitere solcher Schritte in den kommenden Monaten an. Die Fed meint es also sehr ernst. Was wie eine rein amerikanische Entscheidung aussieht, hat auch Folgen für andere Notenbanken wie die Europäische Zentralbank (EZB) und beeinflusst die Weltwirtschaft. Denn der Dollar ist die wichtigste Leitwährung.

    Was bedeutet die Zinserhöhung in den USA also…

    … für die AmerikanerInnen?

    Zunächst einmal sollte die Teuerung gebremst werden. Zurzeit leiden vor allem jene unter den steigenden Preisen, die wenig Geld zur Verfügung haben. Wer reicher ist, kann sich auch höherer Preise eher leisten. Schwierig wird es für all jene, die ein Haus oder eine Wohnung gekauft haben und sie mit Hypothek finanziert haben. Sie müssen mehr zahlen, könnten sogar finanzielle Probleme bekommen. Denn Immobilienkredite in den USA sind nicht wie in Deutschland für eine bestimmte Laufzeit an einen festen Zinssatz geknüpft, sondern orientieren sich an den jeweiligen Marktzinsen. Und die steigen mit der Leitzinserhöhung. Immerhin wird Urlaub in Europa, ein Besuch von Neuschwanstein oder des Eiffelturms, billiger.

    … für die EZB?

    Mit dem Vorgehen der Fed wächst der Druck auf die EZB, auch zu handeln. Die Inflation in der Euro-Zone liegt seit Juli 2021 über den zwei Prozent, die als optimal gelten, zuletzt bei 7,4 Prozent. Der Leitzins verharrt seit 2016 bei 0,0 Prozent.

    Unterscheiden sich die Zinsen zwischen den USA und der Euro-Zone sehr, wandert Kapital ab. Ein Zeichen: In den vergangenen Wochen mussten immer mehr Euro für die gleiche Menge Dollar ausgegeben werden. Offenbar steigt die Nachfrage nach der US-Währung.

    Lange sträubte sich die EZB, die Leitzinsen anzuheben. Jetzt sieht es anders aus. EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel deutete an, es könne im Juli soweit sein. Wie hoch der Zinsschritt ausfällt, ob es weitere geben wird – alles unklar. Denn es gibt ein großes Aber, das die EZB abwägen muss: die Gefahr, die Wirtschaft zumindest in einzelnen Ländern der Euro-Zone abzuwürgen.

    Die US-Wirtschaft brummt als Ganzes, die Fed hält die Gefahr, sie auszubremsen, für geringer als die Probleme der Inflation. In Europa ist die Lage anders, die Länder der Euro-Zone stehen wirtschaftlich unterschiedlich da. Auch sind einige stärker verschuldet als andere. Und die Folgen des Kriegs in der Ukraine belasten die einzelnen Staaten unterschiedlich. Geht die EZB zu robust vor, könnte sie einige Länder in die Rezession stoßen.

    … für die deutsche Wirtschaft?

    Schon seit einiger Zeit verschieben sich die Gewichte. Geld fließt in die USA, der Dollar wird teurer. Das wird sich nach der Fed-Entscheidung verstärken, bis die EZB auch handelt. Unternehmen, die Teile aus den USA, zum Beispiel Computerchips, importieren, müssen deshalb mehr bezahlen. Gleichzeitig profitieren jene Firmen, die viel in die USA ausführen. Denn ihre Produkte werden dort in Dollar billiger. Das betrifft zum Beispiel die Autoindustrie oder Maschinenbauer. 2021 exportierte Deutschland Waren im Wert von 122 Milliarden Euro, aus den USA kamen Waren im Wert von 72 Milliarden Euro.

    Dass der Dollar aus Euro-Sicht teurer wird, trifft auch alle, die viel Energie verbrauchen oder Gas und Öl als Rohstoff benötigen. Denn Gas, Kohle, Öl werden in der Regel in Dollar gehandelt. Selbst Firmen, die langfristige Öllieferverträge mit festen Dollar-Preisen vereinbart haben, zahlen so mehr. Schließlich müssen sie Dollar beschaffen und dafür mehr Euro bezahlen. Auch wenn sich Firmen gegen die Wechselkursänderungen absichern können, mittelfristig wird es teurer.

    … für die deutschen Häuslebauer?

    Die aktuelle Zinsentscheidung in den USA hat für den deutschen Wohnungsmarkt direkt erst einmal keinen Effekt. Wichtig ist vor allem, was noch kommt. Weil in Deutschland Immobilienkredite meist über zehn oder fünfzehn Jahre abgeschlossen werden, sind hier die Zinserwartungen der Branche wichtig. Und die rechnet angesichts der klaren Aussagen der Fed schon länger mit höheren Leitzinsen auch in der Euro-Zone – obwohl die EZB bisher bremst. So wurde es in den vergangenen Monaten bereits teurer, eine Hypothek aufzunehmen. Das wird so weitergehen, weil die Kreditgeber bereits jetzt die nächste Zinserhöhung einpreisen.

    … für Menschen ohne Geld?

    Wer wenig Geld hat und beim Wocheneinkauf genau rechnen muss, leidet besonders unter der Inflation. Die einzige Lösung bei steigenden Preisen bleibt, weniger zu kaufen. Wirkt die Leitzinserhöhung der EZB wie geplant, entspannt sich die Lage etwas. Einzelne Produkte werden sicher auch wieder günstiger. Dass die Preise in der Breite sogar wieder sinken können, ist allerdings wenig wahrscheinlich.

    … für Menschen mit Geld?

    Wer etwas gespart hat, Wertpapiere besitzt, eine Immobilie und jeden Monat etwas zurücklegen kann, kann auch höhere Preise bezahlen, ohne den Lebensstil zu sehr einzuschränken. Wohlhabende Menschen können die Inflation deshalb besser wegstecken. Und wer in den vergangenen Jahren Geld übrig hatte, konnte an den Börsen der Welt das Vermögen ordentlich mehren. Daran ändert sich auch mit der Zinswende wenig. Etwas allerdings wird erst einmal teurer: ein USA-Urlaub.

    … Sparer?

    Fans von Sparbüchern, Tages- und Festgeldkonten können sich freuen, sollte die EZB der Fed folgen. Denn nicht nur die Kreditzinsen steigen, wenn die Notenbank den Leitzins erhöht, auch die Sparzinsen. Und die EZB deutete schon an, dass die Strafzinsen wegfallen könnten, die zahlreiche Banken von denen verlangen, die viel Bargeld auf der Bank liegen haben.

    Derzeit bringen Tagesgeldkonten in Deutschland eher mikroskopische Erträge. Grundsätzlich sind diese Anlageformen sehr sicher, aber eher nicht geeignet, um größere Summen zu sparen. Experten empfehlen da eher Aktien oder – weniger risikobehaftet – Fonds, die breit gestreut in Aktien investieren. Deren Kurse dämpft eine Leitzinsanhebung, weil Anleger bei einer Zinserhöhung neu kalkulieren, ob und wie viel sie anlegen, wo sie etwas abziehen sollten und wo investieren. Nach einem ersten Hoch ging es nach der Zinsentscheidung in den USA an den Weltbörsen abwärts.

    … Autofahrer?

    Schlechte Nachrichten für all jene, die viel und oft tanken müssen: Den Preis für Sprit können die Notenbanken kaum beeinflussen. Zum einen, weil eine Zinserhöhung recht grob ist und sich in der Gesamtschau auf die Inflationsrate auswirkt, die wiederum viele verschiedene Produkte im sogenannten Warenkorb betrachtet. In Deutschland sind das allein rund 650, Diesel und Benzin sind zwei davon. Zum anderen, weil der Ölpreis auf dem Weltmarkt entsteht. Und diese Marktkräfte sind stärker als einzelne Notenbanken, auch als die Fed. Auf dem Ölmarkt ist eher wichtig, ob die Organisation Erdöl fördernder Länder (Opec) mehr oder weniger fördern will. Das Kartell kontrolliert 35 Prozent der weltweiten Mengen. Die blieben recht konstant, auch als im vergangenen Jahr die Nachfrage stieg, unter anderem, weil die Industrie weltweit nach der Corona-Pandemie wieder durchstartete. Und die drastisch steigenden Preise der vergangenen Wochen für Energie hängen auch mit dem russischen Angriff auf die Ukraine zusammen und der damit verbundenen Unsicherheit.

    … die Türkei?

    Präsident Recep Tayyip Erdogan versucht sein Land mit einem Kurs aus der wirtschaftlichen Krise zu retten, der allen Expertenmeinungen widerspricht. Steigende Preise ließ er seinen Notenbankchef mit Zinssenkungen in mehreren Schritten bekämpfen. Bisher läuft es schlecht für den Präsidenten. Die Inflationsrate legte zu. Derzeit beträgt sie 70 Prozent, der Brotpreis hat sich binnen Monatsfrist gar verdoppelt. Erdogan hat bisher wenig auf Fachleute gehört. Dass er sich an der Fed und Jerome Powell ein Beispiel nimmt, ist eher unwahrscheinlich. Die Krise im Inland wird weitergehen.

  • Putins Ölkonzern

    Welche Rolle Rosneft in Deutschland spielt

    Plötzlich geht es ganz schnell. Deutschland unterstützt ein Ölembargo gegen Russland, und in Schwedt im Nordosten der Republik fürchten sie jetzt das Aus für den wichtigsten Arbeitgeber der Region: die PCK-Raffinerie. Sie steht für zehn Prozent der deutschen Kapazität und gehört Rosneft. Hier zeigt sich gerade, wie russische Staatskonzerne versucht haben, die Kontrolle über strategische Infrastruktur in Deutschland zu bekommen. Und wie schwierig es deshalb mit Sanktionen ist. Und dann ist da noch eine brisante Personalie: Den Rosneft-Aufsichtsrat leitet Altkanzler Gerhard Schröder (SPD).

    PCK, eine Abkürzung für Petrochemisches Kombinat, steht für zehn Prozent der deutschen Raffineriekapazität und verarbeitet ausschließlich russisches Rohöl, angeliefert durch den nördlichen Zweig der Ölpipeline Druschba (Freundschaft). Sie sollte den Zusammenhalt der Ostblockstaaten zeigen. Aber schon damals ging es eher darum, die DDR abhängig von russischen Rohstoffen zu halten. Seit 1964 liefert Russland durch die Pipeline Öl nach Schwedt.

    Nach der Wende teilten sich die Energiekonzerne BP (Großbritannien), Eni (Italien), Shell (Großbritannien/Niederlande), Total (Frankreich) und Rosneft die Anteile. Inzwischen sind BP und Total ausgeschieden, der russische Staatskonzern hält 54,17 Prozent an PCK. Shell wollte 2021 seine 37,5 Prozent an Rosneft verkaufen. Die Genehmigung des Bundeswirtschaftsministeriums steht noch aus, gilt in der aktuellen Lage aber als unwahrscheinlich. Das Parlament berät gerade darüber, das Energiesicherheitsgesetz zu überarbeiten. Dann könnte PCK im Krisenfall unter staatliche Aufsicht gestellt oder Rosneft sogar enteignet werden. Das Konzept geht auf Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) zurück.

    Den PCK ist nicht irgendeine Raffinerie. Rund 90 Prozent des Sprits und Heizöls in Berlin und Brandenburg stammen aus Schwedt. Benzin und Diesel werden per Pipeline nach Berlin geliefert. Und aus Schwedt kommt auch Kerosin für den Hauptstadtflughafen BER. Was es zusätzlich kompliziert macht: Die Raffinerie steht für rund ein Drittel der deutschen Ölimporte aus Russland. Um ein Embargo wirkungsvoll durchzusetzen, müsste der Eigentümer gezwungen werden, kein russisches Öl mehr zu verwenden. Schwierig, wenn der Eigentümer der russische Staat ist.

    Rosneft entstand 1993 als Ausgründung des Ministeriums für Öl. Damals war Rosneft nur einer von mehreren russischen Ölkonzernen. Das änderte sich, nachdem Wladimir Putin 2000 erstmals russischer Präsident wurde. Er wollte nationale Champions formen. 2004 sicherte sich Rosneft weite Teile des Konkurrenten Yukos, dessen Chef und Hauptaktionär Michail Chodorkowski wegen Betrugs und Steuerhinterziehung ins Gefängnis musste. Der Prozess galt Beobachtern als politisch, um einen möglichen Konkurrenten Putins auszubremsen. Vielleicht ging es aber auch darum, Rosneft zu stärken, seither Russlands Nummer 1 bei Öl. Der Staat hält indirekt 50 Prozent und eine Aktie.

    Rosneft ist in Moskau an der Börse notiert. Der Handel in London ist wegen der Sanktionen ausgesetzt. Marktwert zuletzt: umgerechnet rund 60 Milliarden Dollar (57 Milliarden Euro). Der britische Ölkonzern BP, der knapp 20 Prozent der Anteile hielt, stieg aus, der staatliche Investmentfonds Katars bisher nicht.

    Nach dem Erdgasförderer Gazprom ist Rosneft der zweitgrößte Staatskonzern Russlands. Geplant war sogar eine Fusion der beiden, die aber scheiterte. Die Geschäfte liefen zuletzt sehr gut. Im Februar verkündete Rosneft Rekordzahlen für 2021. Dank gestiegener Ölpreise und gesunkener Kosten wies das Unternehmen einen Gewinn von umgerechnet 11,9 Milliarden Dollar aus, bei einem Umsatz von 121,1 Milliarden Dollar. Der Konzern beschäftigte rund 356.000 Mitarbeiter. Neben der Ölförderung und dem Raffineriebetrieb ist Rosneft auch im Gasgeschäft tätig. In Moskau residiert das Unternehmen in einem Palast aus der Zarenzeit am Ufer der Moskwa, gegenüber des Kremls.

    An der Spitze von Rosneft steht seit 2012 Igor Setschin – ein Vertrauter Putins aus St.-Petersburger Tagen. Setschin leitete dort Putins Büro. Später war er stellvertretender Leiter der Kreml-Verwaltung und von 2008 bis 2012 Vizepremierminister. Das US-Magazin Forbes nannte ihn einmal den Darth Vader des Kreml, nach der Figur aus der Starwars-Serie.

    Den Verwaltungsrat führt derzeit Altkanzler Schröder, der Putin zu seinen Freunden zählt. Schröder zog 2017 in das Gremium ein, damals war Rosneft bereits mit Sanktionen belegt, weil Russland die Krim annektiert hatte. Auch ein anderer Deutscher sitzt im Verwaltungsrat: Matthias Warnig, ehemaliger Stasi-Offizier, in den Neunzigern Repräsentant der Dresdner Bank in St. Petersburg und ebenfalls ein Vertrauter des russischen Präsidenten. Warnig war zuletzt Geschäftsführer der inzwischen gescheiterten Gaspipeline Nord Stream 2. Er ist der einzige Deutsche, der auch mit Sanktionen wegen des russischen Kriegs in der Ukraine belegt ist.

    Wie das Problem in Schwedt gelöst wird, steht noch nicht fest. Shell will Öl beschaffen, womöglich soll es über die Häfen in Rostock und Danzig geliefert werden. Die Anlage muss neu eingestellt werden, sie ist für russisches Öl optimiert. 1200 Jobs hängen direkt an der Raffinerie, dazu kommen weitere bei Dienstleistern. Und der ein oder andere Autofahrer in der Hauptstadt wird sich auch schon Gedanken machen.

  • Putins Wirtschaftswaffe

    Warum Gazprom so wichtig ist

    Nowy Urengoi, Sibirien, Ende November 2019. Draußen minus 33 Grad, Polarnacht. Im Restaurant des modernen Einkaufskomplexes, Stil US-Diner, lächelt Oleg Ossipowitsch, Statthalter Gazproms bei Achimgaz, einem Gemeinschaftsunternehmen mit der deutschen Wintershall. Im Schwarzen Meer sind gerade russische und ukrainische Marine aneinandergeraten und Ossipowitsch soll die möglichen Folgen für das Gasgeschäft mit Westeuropa erklären. Die Antwort ist kurz: „Das ist Politik. Wir machen Business.“ Möglicherweise hat er es selbst geglaubt.

    Inzwischen ist das Geschäftliche auch offen dem Politischen gewichen. Russland hat die Ukraine angegriffen und Gazprom, der größte Erdgasproduzent der Welt, handelt als Teil der Kriegsführung. Am Mittwoch schloss er die Pipelines nach Polen und Bulgarien. Vordergründig, weil die Importeure das Gas nicht in Rubel statt in Devisen bezahlen wollten. Die Regel hatte Russland vor kurzem festgelegt, um den Absturz der russischen Währung im Zuge der Sanktionen zu verhindern. Die klare Drohung: Wir drehen Westeuropa das Gas ab und stürzen die Wirtschaft ins Chaos.

    Das es bisher nicht so weit gekommen ist, hängt auch damit zusammen, dass Russland sehr stark auf Devisen aus dem Rohstoffexport angewiesen ist. Gazprom stand zuletzt für fast fünf Prozent des russischen Bruttoinlandsprodukts. Nach dem Geschäftsbericht 2020 hat der Konzern Zugriff auf Gasreserven von 24,5 Billionen Kubikmeter, das entspricht gut 13 Prozent der Weltgasreserven. Er fördert aber nicht nur Gas. Er ist im Ölgeschäft tätig und de facto Monopolist bei den Pipelines. Außerdem gehört zu ihm eine eigene Bank und der größte russische Medienkonzern.

    Gazprom setzte 2021 mit rund 473.000 Mitarbeitern nach aktuellem Kurs 133,8 Milliarden Euro um, der Gewinn betrug 27,4 Milliarden Euro. Die Moskauer Börse bewertete den Konzern zuletzt mit umgerechnet knapp 70 Milliarden Euro. Die Notiz im Westen etwa in London sind ausgesetzt. Das US-Magazin Forbes listet Gazprom auf Platz 367 der 2000 größten und wichtigsten Unternehmen weltweit. Der Staat hält indirekt 50 Prozent und eine Aktie.

    Zeitweise steuerte Gazprom über seine Berliner Tochter Gazprom Germania große Teile des Auslandsgeschäfts. Hier sind auch die Beteiligungen am Pipelinebetreiber Gascade und dem Gashändler Wingas sowie den deutschen Gasspeichern gebündelt. Über die Berliner sponserte der russische Konzern auch den Fußballbundesligisten Schalke 04. Im Zuge des Ukraine-Kriegs wollte Gazprom die Berliner Tochter abwickeln, der Bund schritt ein. Die Firma steht jetzt unter Aufsicht der Bundesnetzagentur.

    Auch wenn in Russland seit Jahrzehnten Gas gefördert wird, etwa in Nowy Urengoi am Polarkreis, Gazprom selbst ist recht jung. Der Konzern entstand 1989 als Ausgründung des Energieministeriums. 1993 wurde er privatisiert. In der wilden Zeit nach dem Ende der Sowjetunion lief das Geschäft eher schleppend – vielleicht auch, weil mancher das eigene Wohl über das des Unternehmens stellte. Wladimir Putin installierte 2001, ein Jahr nach seinem Antritt als Staatspräsident, Alexei Miller als Chef, einen ehemaligen Mitarbeiter aus seiner Zeit als Vizebürgermeister von St. Petersburg. Daher kennt Putin auch Aufsichtsratschef Wiktor Subkow. Miller baute das Geschäft Gazproms aus, schloss Partnerschaften mit westlichen Unternehmen wie Wintershall, Shell, Eon und BP.

    Schon früh plante Miller, Deutschland als Europas größte Volkswirtschaft mit der Nord-Stream-Pipeline durch die Ostsee direkt zu versorgen und so Transferländer wie Belarus und die Ukraine zu umgehen. Mit beiden Ländern gab es immer wieder Streit über Gebühren, auch, um sie Russland gegenüber gefügig zu halten. Nord Stream war umstritten, ging aber 2011 ans Netz. Und machte die Deutschen abhängig. Das sollte Nord Stream 2 verstärken. Mit dem Angriff auf die Ukraine hat sich diese Pipeline aber erledigt. 2021 lieferte der Konzern gut 55 Prozent des deutschen Gasbedarfs. Seit Beginn des Krieges hat sich der Anteil auf 35 Prozent verringert, aber Deutschland ist immer noch größter Abnehmer und finanziert mit seinen Milliarden Putins Krieg mit.

    Auch in Deutschlands Politik griff der Konzern ein: Gerd Schröder (SPD) und Putin-Freund wechselte direkt nach seinem Abschied als Bundeskanzler in den Aufsichtsrat von Nord Stream. Dort ist Matthias Warnig Chef, ehemaliger Stasi-Mitarbeiter und Vertrauter von Putin aus Petersburger Zeiten. Warnig spielte auch eine Rolle bei der umstrittenen Stiftung in Mecklenburg-Vorpommern, mit der Nord Stream 2 vorbei an US-Sanktionen fertig gebaut werden sollte und die jetzt Ministerpräsidenten Manuela Schwesig (SPD) das Amt kosten könnte. Schröder soll auf der Gazprom-Hauptversammlung in den Aufsichtsrat gewählt werden.

    Sichtbarstes Zeichen der Macht ist die neue Zentrale des Konzerns in St. Petersburg. Ein glitzernder Glasturm nach einem Entwurf der Londoner Stararchitekten von RMJM. 87 Stockwerke, in sich um 89 Grad gedreht, mit 462 Metern das höchste Gebäude Europas. Der Grundriss ist ein fünfzackiger Stern. Gazprom ließ sich den Bau geschätzte 1,8 Milliarden Dollar kosten.

    2018 wurde er fertig, seit vergangenem Jahr ist er offizieller Konzernsitz und nicht mehr Moskau. Einen Makel hat das mehrfach ausgezeichnete Gebäude – ursprünglich sollte es im Zentrum der Stadt zwischen den Prachtbauten von Zar Peter, dem Großen, stehen. Einwohner und Unesco waren dagegen. Jetzt residiert Gazprom zehn Kilometer außerhalb des Zentrums in einem neuen Stadtteil.

  • Schwarzes Gold

    Wie wichtig ist die deutsche Ölförderung?

    Gegen russische Kohle hat die EU bereits ein Embargo verhängt. Ins nächste Sanktionspaket könnte Öl aus Russland aufgenommen werden. Deutschland will ohnehin nichts mehr einführen. Jetzt richtet sich der Blick auf die heimische Förderung.

    Wie viel Öl braucht Deutschland jedes Jahr und woher kommt es?

    Im vergangenen Jahr verwendete Deutschland 83,1 Millionen Tonnen Rohöl, 1,8 Prozent weniger als 2020, wie das Bundesamt für Außenwirtschaft ermittelt hat. Ein Drittel kam aus Russland, 12,2 Prozent aus den USA. Weitere große Lieferanten waren Kasachstan (9,6 Prozent), Norwegen (9,4) und Großbritannien (9,1). Die eigene Förderung macht rund 2,2 Prozent aus.

    Deutschland will so schnell wie möglich unabhängig von russischem Öl werden. Wie weit sind wir?

    Bis Mitte des Jahres soll sich die Menge des Öls, dass Deutschland aus Russland bezieht, halbiert haben. Ende des Jahres, so schätzte Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) Ende März, wird Deutschland kein Rohöl mehr von dort beziehen.

    Wer fördert in Deutschland Öl und wie groß ist die Menge?

    Derzeit fördern im wesentlichen folgende Unternehmen Öl in Deutschland: WintershallDea, eine Tochter des Chemiekonzerns BASF, und ExxonMobil Production Deutschland, eine Tochter des US-Ölkonzern, dazu die beiden unabhängigen Firmen Neptune Energy (Großbritannien) und Vermilion Energy (Kanada) sowie Oneo. Außer WintershallDea in Kassel haben alle Firmen ihren Sitz in Hannover. Insgesamt holten sie im vergangenen Jahr rund 1,8 Millionen Tonnen Rohöl aus dem Boden.

    Wo wird in Deutschland gefördert?

    Öl kommt in Deutschland vor allem aus Schleswig-Holstein und Niedersachsen. Allein 58,5 Prozent stammen aus dem nördlichsten Bundesland. Westlich von Friedrichskoog betreibt WintershallDea seit 1987 die einzige deutsche Bohrplattform Mittelplate. Gefördert wird aus bis zu drei Kilometern Tiefe, die Bohrungen sind mit einer speziellen Technik abgelenkt und bis zu neun Kilometer lang. Die künstliche Insel im Wattenmeer ist über eine 14,4 Kilometer lange Pipeline mit dem Festland verbunden. Mittelplate ist das mit Abstand größte deutsche Förderfeld, gefolgt von Dieksand auf dem Festland. Aus Niedersachsen stammen 31,2 Prozent der Rohölförderung, vor allem aus Bohrungen bei Lingen und Meppen nahe der niederländischen Grenze. Vor allem ExxonMobil fördert in Niedersachsen. Nennenswerte Mengen liefern auch Lagerstätten in Rheinland-Pfalz (7,4 Prozent) bei Landau und Speyer sowie nahe Worms. In Bayern (rund zwei Prozent) wird Öl südlich von Augsburg und nordwestlich von Memmingen gefördert. Kleinere Mengen kommen aus Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern.

    Wie lange reichen die Vorkommen?

    Nach Angaben des Bundesverbands Erdgas, Erdöl und Geoenergie (BVEG) verfügt Deutschland über gesicherte und wahrscheinliche Reserven von 23,3 Millionen Tonnen Rohöl, 12,9 Millionen Tonnen allein in Schleswig-Holstein. Zu den Reserven zählen Vorkommen, die durch eine Bohrung bestätigt sind und sich mit bekannter Technik und wirtschaftlich fördern ließen. Zusätzlich gibt es sogenannte Ressourcen, Ölvorkommen, die bestätigt sind, sich aber nicht wirtschaftlich fördern. Zusätzlich gibt es sogenannte Ressourcen, Ölvorkommen, die nachgewiesen sind, aber nicht wirtschaftlich gefördert werden können oder noch genau erfasst werden müssen. Deshalb lässt sich nicht genau sagen, wie lange das deutsche Öl reicht. Der BVEG gibt einen statistischen Wert von 14,5 Jahren an.

    Kann heimisches Öl russische Lieferungen ersetzen?

    Nur zu einem kleinen Teil. Die geförderten Mengen, die seit Jahren sinken, sind zu gering, die Kapazität lässt sich auch nicht schnell ausweiten. Die Branche will „die Produktion auf aktuellem Niveau halten und bestenfalls sogar leicht ausbauen“, wie BCEG-Hauptgeschäftsführer Ludwig Möhring kürzlich sagte. Einige Unternehmen haben Lizenzen, um nach weiteren aussichtsreichen Ölfeldern zu bohren, allerdings dauert es, ein neues Feld zu erschließen. WintershallDea hat bereits 2019 weitere Bohrungen in Mittelplate beantragt. Erstes Öl könnte 2025 fließen. Die Genehmigung steht aus, Umweltverbände wehren sich. Weil sich Deutschland in den kommenden Jahren zudem von fossilen Brennstoffen verabschieden will, ist auch fraglich, ob sich neue Förderung rechnen würde. Der Ausbau von Mittelplate etwa kostet mehr als 100 Millionen Euro.

    Seit wann wird Öl in Deutschland gefördert?

    Alles begann 1858 in Wietze, 30 Kilometer nördlich von Hannover in Niedersachsen. Der Ort rühmt sich sogar einer der ersten Erdölbohrung der Welt. Hier wurden seit dem 17. Jahrhundert Ölschlämme abgebaut. Zwischen 1900 und 1920 war Wietze das größte Ölfördergebiet Deutschlands. Fotos aus der Zeit zeigen einen Wald aus Bohrtürmen. Gefördert wurde bis 1963 – teilweise auch untertage.

  • Wie ticken Millionäre?

    Persönlichkeit der Reichen entschlüsselt

    Wer möchte nicht gern reich sein? Vielleicht nicht unbedingt ein Milliardenvermögen wie bei Ugur Sahin und Özlem Türeci, den beiden Gründern des Mainzer Corona-Impfstoffherstellers Biontech, aber ein paar Millionen schon, um sich nicht mehr so viele Sorgen machen zu müssen. Wer nicht erben kann, muss das Vermögen erarbeiten. Warum schaffen es einige und andere nicht? Sind Millionäre besondere Menschen? Erstmals haben Forscher jetzt wissenschaftlich ermittelt, wie Deutschlands Reiche ticken.

    Und nicht nur das: Das Team um Johannes König vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kann auch unterscheiden zwischen denen, die ein Vermögen geerbt, und denen, die es selbst erworben haben. Diese Self-Made-Millionäre besitzen im Schnitt vier Millionen Euro, während vermögende Erben über drei Millionen Euro verfügen. Die Erkenntnisse der Studie wertet König als „einmaliges Ergebnis“.

    Was macht also erfolgreiche Millionäre aus? Sie sind Neuem gegenüber aufgeschlossener, zugewandter, geselliger und gewissenhafter als die weniger vermögende Bevölkerung. Und sie gehen optimistischer durchs Leben. So zeigt es die Studie. „Was heraussticht: Self-Made-Millionäre sind besonders risikofreudig“, sagt König. „Sie gehen mehr Wagnisse ein.“ Millionäre aus eigener Kraft sind der Studie zufolge eher selbstständig, leiten größere Unternehmen. Und: „Millionäre, die ihren Reichtum geerbt haben, sind den Nicht-Reichen ähnlicher als den Millionären, die ihr Vermögen selbst erworben haben“, sagt König.

    Die Forscher stützen sich auf Daten des Sozioökonomischen Panels. Seit 1984 werden die Bundesbürger dafür regelmäßig nach ihren Verhaltensweisen, Einkommen, Vermögen und vielen anderen Merkmalen befragt. Jetzt sind erstmals gezielt auch Reiche befragt worden – ein besonderes Unterfangen, weil die Gruppe gezielt angesprochen werden musste und eher zurückhaltend ist. Die Teilnahme ist freiwillig. Gefragt wird unter anderem nach der finanziellen Situation und danach, ob man eher gesellig ist, schnell ungeduldig wird. Daraus haben die Forscher dann die Persönlichkeitsbilder ermittelt. Die Daten zu den Millionären stammen von 2019.

    Untersucht haben die Wissenschaftler Angaben von fast 24.000 Personen. Darunter waren mehr als 1100 mit einem Nettovermögen von mindestens einer Million Euro. Im Nettovermögen erfasst werden Immobilien, Finanzvermögen und Geldanlagen, Unternehmensbeteiligungen und wertvoller Besitz wie zum Beispiel Gemälde. Gegengerechnet werden Schulden, etwa Hypotheken. Die Daten beziehen sich jeweils auf eine Person, gemeinsam genutzte Häuser zum Beispiel flossen anteilig ein. Die reichsten fünf Befragten besaßen demnach mehr als 100 Millionen Euro.

    Milliardäre sind in der Studie nicht dabei. „Diese Gruppe ist noch schwerer zu erreichen als die Vermögenden“, sagt König. Er vermutet, dass die Verhaltensweisen dort noch ausgeprägter sein könnten als bei Millionären. Ein Blick in die USA stützt die These: Unternehmer wie Amazon-Gründer Jeff Bezos oder Tesla-Chef Elon Musk – die beiden reichsten Männer der Welt – bauten ihre Unternehmen mehr oder weniger aus dem Nichts auf – hartnäckig und mit hohem Risiko.

    Wobei sich die Ergebnisse der deutschen Studie nur eingeschränkt auf andere Länder übertragen lassen, unter anderem, weil das Wirtschaftssystem – in Deutschland die soziale Marktwirtschaft – den Rahmen für das Handeln der Menschen vorgibt. In einer stärker von Plan geprägten Wirtschaft oder einer rein kapitalistischer sind möglicherweise andere Persönlichkeiten erfolgreicher. Wie viele risikofreudige Menschen mit ihren Ideen scheiterten, ist nicht erfasst – sie fallen ja nicht in die Millionärskategorie. Dem Vermögensreport des Beratungsunternehmens Capgemini zufolge gab es 2020 mehr als 1,5 Millionen Millionäre in Deutschland – allerdings in Dollar gemessen.

    Bleibt die Frage: Tickt der Self-Made-Millionär so, weil er reich geworden ist, oder war er schon so und wurde deshalb reich? „Wir können nicht ausschließen, dass Reichtum die Persönlichkeit ändert“, sagt König. Aber das Persönlichkeitsprofil der Self-Made-Millionäre ähnele dem der Nicht-Reichen Self-Mades, die noch keine Million Nettovermögen hätten. Und letztere könnten womöglich leichter zu den Reichen aufsteigen.

    Wer zurückhaltend und jetzt etwas frustriert ist: Das Persönlichkeitsbild ist wichtig, aber nicht entscheidend, um Millionär zu werden. Oder, wie König es sagt: „Für einen leckeren Kuchen sind viele verschiedene Zutaten nötig, die richtig gemischt und bei der korrekten Temperatur gebacken werden müssen.“ Für einen frisch gebackenen Millionär oder eine frisch gebackene Millionärin sind neben der Persönlichkeit unter anderem auch gute Bildung und richtige Investoren, Familie und Freunde wichtig – und eine Portion Glück.

  • Porträt Gazprom Germania

    Staatliche Aufsicht für Gazprom-Tochter

    In der Geschichte der Bundesrepublik ist der Schritt ohne Beispiel: Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) unterstellt ein privates Unternehmen einem staatlichen Treuhänder. Gazprom Germania mit Sitz in Berlin wird jetzt von der Bundesnetzagentur gesteuert. Das Tochterunternehmen des größten Erdgaskonzerns der Welt ist nicht irgendeine Firma: Sie kontrolliert nicht nur Gaslieferungen nach Deutschland – noch immer kommen 40 Prozent des importierten Gases aus Russland –, sondern ist auch wesentlich für das Auslandsgeschäft des russischen Staatskonzerns Gazprom.

    Für den Bundeswirtschaftsminister ist vor allem die sogenannte strukturelle Infrastruktur wichtig, die Gazprom Germania gehört oder an der das Unternehmen beteiligt ist. So betreibt das Unternehmen über die Tochter Astora drei Gasspeicher in Deutschland, unter anderem den größten deutschen im niedersächsischen Rehden, südlich von Bremen. Er steht für ein Fünftel der gesamten Speicherkapazität. Gazprom Germania besitzt auch knapp die Hälfte an Gascade, das Pipelines vor allem in Ostdeutschland betreibt.

    Zum Unternehmen gehört auch Wingas in Kassel, das nach Angaben des Verbands Zukunft Gas zehn bis 15 Prozent des deutschen Gashandels steuert. Nach eigenen Angaben sind es sogar 20 Prozent. Es verkauft Gas auch nach Belgien, in die Niederlande, nach Österreich und Tschechien. Wingas betreibt auch 3000 Kilometer Glasfasernetz neben Gaspipelines.

    Gazprom Schweiz mit Sitz in Zug wird ebenfalls von Gazprom Germania gesteuert. Die Firma kauft, transportiert und verkauft Gas aus Aserbeidschan, Kasachstan, Turkmenistan und Usbekistan. Und dann ist da noch Gazprom Marketing und Trading in London, wo inzwischen mehr als die Hälfte der Mitarbeiter von Gazprom Germania arbeiten. Die Firma handelt mit Erdgas, Öl, Strom und Raffinerieprodukten weltweit. Zudem beschäftigt sie sich mit intelligenten Stromzählern, Energiemanagement und CO2-Zertifikate-Handel.

    Gazprom Germania setzte 2020 rund 12,8 Milliarden Euro um. Ein Jahr zuvor, als die Gaspreise noch höher waren, waren es sogar 24,3 Milliarden Euro. Der Gewinn betrug 277 (2019: 193) Millionen Euro, etwas mehr als 2019. Neuere Zahlen gibt es nicht, der Ausblick sah weniger Umsatz für 2021 vor. Die Berliner beschäftigten Ende 2020 etwa 1500 Mitarbeiter, knapp die Hälfte davon in Deutschland.

    Gazprom hatte überraschend angekündigt, das deutsche Tochterunternehmen aufzugeben. Offenbar hatte der Konzern aus St. Petersburg Gazprom Germania an Gazprom Export Business Services und JSC Palmary übergeben, was in Deutschland nicht bekannt war – ein Verstoß gegen das Außenwirtschaftsgesetz. Da es um kritische Infrastruktur in Deutschland ging, ist der Verkauf eines Unternehmens an einen Käufer aus einem Nicht-EU-Staat melde- und genehmigungspflichtig. Die neuen Eigentümer hatten vergangenen Freitag beschlossen, Gazprom Germania solle sich abwickeln – unrechtmäßig, weil der Kauf nicht genehmigt war. Habeck ordnete deshalb den Treuhänder an, weil Gefahr im Verzug war.

    Unklar ist bisher, wie sehr Gazprom Germania und seine Tochterunternehmen bisher unter den Sanktionen gegen Russland gelitten haben. Weltweit versuchen sich Länder, unabhängig von russischen Rohstoffen zu machen und möglichst wenig mit Firmen aus Russland zu tun zu haben. Ob Gazprom Germania überhaupt bestehen bleibt, ist auch unsicher. Einzelne Teile wie die Speicher, der Pipelinebetreiber und vor allem Wingas mit seiner jahrelangen Expertise ließen sich gut verkaufen, ist zu hören.

    Folgen für die Gaslieferungen nach Deutschland sind auch offen. Bisher fließt das Gas. Wingas hat langfristige Verträge direkt mit Gazprom, ähnlich sieht es offenbar bei Uniper aus, dem größten Importeur russischen Gases. Wobei langfristig bis zu 25 Jahre bedeuten kann.

    Zunächst ist die Bundesnetzagentur gefragt. Präsident Klaus Müller hat schon angekündigt, für eine ordnungsgemäße Geschäftsführung zu sorgen. Der Treuhänder ist bis 30. September bestellt. Gazprom kann gegen die Entscheidung noch klagen.

  • Gas als Rohstoff

    Chemische Industrie ist größter Abnehmer

    In der sechsten Woche des Ukraine-Kriegs wird wieder über ein Energieembargo des Westens gegen Angreifer Russland diskutiert. Und wieder schrecken die Staaten, vor allem Deutschland, davor zurück. Denn die Bundesrepublik versucht, sich im Eiltempo von russischen Kohle-, Öl- und Gaslieferungen unabhängig zu machen. Aber gerade beim Gas ist das schwierig. Kommt es nicht mehr, fehlt manchem Unternehmen die Energie und der chemischen Industrie ein wichtiger Rohstoff für Produkte, die in anderen Branchen dringend nötig sind.

    Im ersten Quartal bezog Deutschland immer noch 40 Prozent seines Erdgases aus Russland. 2021 waren es noch gut 55 Prozent. Unter anderem, weil Gasproduzenten nicht kurzfristig mehr fördern können und Schiffe zum Transport fehlen, lässt sich das russisches Gas nicht schneller ersetzen. Die chemische Industrie ist mit einem Anteil von 15 Prozent der größte industrielle Verbraucher von Erdgas. Gut zwei Drittel des Gases nutzt die Industrie für Strom und Prozesswärme. Etwas mehr als ein Viertel des Gases dient als Rohstoff.

    „Mit einem kurzfristig einsetzenden und länger anhaltenden Lieferausfall würden sich spätestens im Herbst Versorgungsengpässe einstellen, die auch unseren Industriezweig massiv treffen“, sagt Wolfgang Große Entrup, Hauptgeschäftsführer des Verbands der chemischen Industrie. „Damit wären dann tiefe Einschnitte in das Produktionsniveau der Branche verbunden.“ Und: „Stottert es in der Chemie oder fällt sie sogar ganz aus, wird es in den Werkshallen anderer Industriezweige sehr ruhig und die Fließbänder stehen still.“

    Große Entrup nennt als betroffene Branchen Landwirtschaft, Ernährung, Automobil, Kosmetik und Hygiene, Bauwesen, Pharma sowie Elektronik. Zudem liefert die deutsche Chemieindustrie viel an Firmen im Ausland – chemische Erzeugnisse sind nach Autos und Maschinen das wichtigste Exportgut.

    Erdgas enthält Methan. Daraus wird unter anderem Ammoniak hergestellt. Die Kapazität in Deutschland beträgt 2,5 Millionen Tonnen, eine der wichtigsten Grundchemikalien überhaupt. Er ist Grundstoff unter anderem für Dünger, Lösemittel und Medikamente. Er steckt in Tierfutter und Lebensmitteln. Ammoniak ist auch für AdBlue nötig, jenen Zuschlagstoff, der die Abgase von Dieselfahrzeugen reinigt.

    Erdgas ist auch Basis für Acetylen. Es wird in Arzneimitteln und für hochelastische Textilfasern genutzt, in Lacken, Folien, Schläuchen. Und als Kleber: Ohne Acetylen wären Autoreifen auch nicht so belastbar. Denn aus ihm werden Zuschlagstoffe hergestellt, mit denen das Material besonders gut zusammenhält.

    Wer auf einer Mehrzonen-Matratze schläft, hat die erholsamen nächtlichen Stunden auch Erdgas-Produkten zu verdanken: Polyurethanen, ein weiterer Stoff aus Erdgas. Die Schaumstoffe werden nicht nur in Matratzen verwendet: Sie isolieren auch Gebäude, sind in Autositzen verarbeitet. Mit dem Material sind unter anderem Böden und Möbel beschichtet sowie künstliche Sportbahnen. Polyurethane finden sich auch in Joggingschuhen und in Rollschuhrädern.

    Aus Erdgas werden auch Phenolharze gewonnen. Eingesetzt werden sie bei Wärmedämmung für Holzprodukte und als Formpulver. Die Autoindustrie setzt sie ebenso ein wie das Baugewerbe und Gießereien. Es gibt Lichtschalter aus dem Material und dekorative Artikel, zum Beispiel Gartenzwerge. Phenolharze hießen früher Bakelit – der erste Kunststoff aus dem Markt. Aus ihm waren unter anderem der Nachkriegs-Telefonklassiker W48.

    Ein sehr bekanntes Produkt, für das Erdgas der Grundstoff ist, ist Acryl, chemisch Polymethylmethacrylat. Eingesetzt wird es unter anderem als transparenter Glasersatz, in der Medizintechnik, für Straßenschilder, Badewannen. Ein Vorprodukt des Acryls, das Methylmethacrylat, nutzen Chirurgen als Zement unter anderem bei Hüft oder Knieoperationen. Auch Zahnärzte vertrauen auf das Material. Produkte aus Erdgas stecken in Lacken und werden Sprit beigemischt, um mehr Leistung aus ihm herauszuholen und den Schadstoffausstoß zu verringern. Viele Erdgasprodukte wie Formaldehyd sind für andere chemische Prozesse wichtig.

    Die chemische Industrie fertigt oft an sogenannten Verbundstandorten, eine Art optimierte Chemiefabrik. Gas und Öl gehen als Rohstoffe in den Verbund hinein und werden verarbeitet. Aus dem Abfallprodukt eines Produktionsschrittes wird der Grundstoff des nächsten. Nach diesem Prinzip ist zum Beispiel der Stammsitz von BASF in Ludwigshafen aufgebaut, einem der größten Chemiekonzerne der Welt. Die Anlage auf einer Fläche von zehn Quadratkilometern verbraucht jedes Jahr etwa so viel Gas wie Dänemark – als Rohstoff und um Strom und Wärme zu erzeugen. Insgesamt verbraucht die Branche dem VCI zufolge rund 140 Terrawattstunden Gas im Jahr, allein BASF in Ludwigshafen rund 37 Terrawattstunden. Verarbeitet wird auch Öl.

    Weil die Produktion aufwändig ist und im Verbund alles miteinander zusammenhängt, können einzelne Anlagenteile nicht beliebig abgeschaltet werden. BASF hat berechnet, dass der Standort Ludwigshafen mit 39.000 Mitarbeitern abgeschaltet werden muss, wenn die Gasversorgung unter 50 Prozent fällt. Das kann bis zu einer Woche dauern. Den Verbund wieder hochzufahren, braucht deutlich mehr Zeit: mehrere Wochen.

  • Die Kapitalvernichter

    Wer besonders viel Anlegergeld verbrennt

    Vor gut 20 Jahren zählte Epigenomics zu den Biotech-Unternehmen mit einer großen Zukunft bei der Krebsfrüherkennung. Davon ist wenig geblieben, zumindest aus Sicht der Anleger. Der Wert des Berliner Unternehmens schrumpfte allein 2021 um 81 Prozent, in den vergangenen fünf Jahren blieben von 100 Euro nur zwei übrig. Auf der Liste der 50 größten Kapitalvernichter stehen die Berliner dieses Jahr ganz oben. Wie auch schon 2021. Und auch vier Unternehmen des Deutschen Aktienindex Dax stehen auf der Liste.

    Wenig Glück hatten demnach Anleger des Medizinkonzerns Fresenius (Platz 29), des Konsumgüter- und Klebstoffherstellers Henkel (32), des Agrochemie- und Pharmakonzerns Bayer (36) und des Autozulieferers und Reifenriesen Continental (38). Immerhin lief es für Bayer im vergangenen Jahr recht gut, die Lage bessert sich also. Es finden sich auch bekanntere Namen wie ThyssenKrupp (19), die Holding der Saturn- und Media-Märkte Ceconomy (20) und die Lufthansa (24) auf vorderen Plätzen.

    Der Medienkonzern ProSiebenSat1 liegt auf Rang 34, die Aktie des Bundesligisten Borussia Dortmund auf Rang 37. Nicht mehr dabei ist die Deutsche Bank, die lange Jahre „fast schon zum Inventar gehörte“, wie DSW-Hauptgeschäftsführer Marc Tüngler sagte, als er die Liste vorstellte.

    Insgesamt verbrannten die Top-50-Kapitalvernichter binnen fünf Jahren 49,6 Prozent des Börsenwerts, binnen eines Jahres waren es 6,4 Prozent. Der Dax schaffte in den vergangenen fünf Jahren ein Plus von knapp 37 Prozent. 2021 waren es 15,7 Prozent. „Wir wollen die Aktionäre mit der Liste wachrütteln“, sagte Tüngler. Wer die Aktie eines Unternehmens halte, das auf der Liste, sollte dringend überprüfen, ob der Grund für die Investition noch gedeckt sei.

    Die DSW bewertet für ihre Liste ausschließlich die Aktienentwicklung der vergangenen fünf und drei Jahre sowie die des vergangenen Jahres. Die Gründe für das schlechte Abschneiden fließen nicht ein. Berücksichtigt sind jene 311 Unternehmen, die im sogenannten Prime Standard der Deutschen Börse notiert sind. Er unterliegt besonderen Berichts- und Transparenzregeln. Nur wer hier notiert ist, kann auch in den Dax oder den MDax der mittelgroßen Werte aufgenommen werden.

    „Viele der Gesellschaften auf der Liste wünschen sich sicher nicht, dass die Hauptversammlung in Präsenz abgehalten wird“, vermutet Tüngler – wegen des großen Fragebedarfs der Aktionäre, die sonst in der Regel keinen Zugang zum Vorstand haben. In den vergangenen zwei Jahren liefen Hauptversammlungen wegen der Pandemie nur virtuell, die Corona-Notstandsgesetze ermöglichen das – mit stark eingeschränkten Aktionärsrechten. Möglich ist das noch bis Ende August, wenn die Verordnung ausläuft.

    Bisher sieht das Aktienrecht Präsenzveranstaltungen vor. Künftig sollen auch rein virtuelle Hauptversammlungen möglich sein. Der entsprechende Referentenentwurf sieht unter anderem vor, dass Fragen vor der Hauptversammlung eingereicht werden müssen, während der Veranstaltung wären dann nur Nachfragen erlaubt. Schwierig wenn zum Beispiel Quartalszahlen erst auf der Veranstaltung veröffentlicht würden, sagte Jella Benner-Heinacher, stellvertretende DSW-Hauptgeschäftsführerin. Die Regeln des Referentenentwurf träfen vor allem Privatanleger, Vermögensverwalter und Family Offices, die keinen Zugang zu direkten Gesprächen mit Vorstand und Aufsichtsrat hätten.

    „Wir verstehen nicht, warum eine virtuelle Hauptversammlung nicht wie eine in Präsenz laufen kann. Warum soll es Einschränkungen geben?“, fragte Benner-Heinacher. „Technisch ist alles möglich, wie wir in den vergangenen zwei Jahren gesehen haben.“ Unklar ist aus Sicht der DSW auch, warum die Hauptversammlung in Präsenz nicht gleich mitreformiert wird. Bisher laufen noch Gespräche in Berlin über das künftige Gesetz. Und es bewegt sich offenbar etwas Richtung Aktionärsrechte. Tüngler sagt: „Wir können uns nicht vorstellen, dass der Referentenentwurf eins zu eins in den Regierungsentwurf eingeht.“ Die Deutsche Telekom lädt am 7. April übrigens wieder zu einer Hauptversammlung in Präsenz.

  • Schufa öffnet sich

    Videobot soll Score erklären

    Undurchsichtig und mächtig – so würden viele Deutsche die Schufa bezeichnen. Das Unternehmen aus Wiesbaden bewertet, wie zahlungskräftig eine Kundin oder ein Kunde ist. Wie, ist für viele unverständlich und Jahrzehnte lang tat die Schufa wenig, das Wissen über sie und ihren berühmten Score – die Bewertung – zu ändern. Bis jetzt. Am Freitag gab sie einen Einblick in das, was die Verbraucher künftig erwartet – von verständlichen Briefen über Videochatbots bis zum Score-Ermittlungsprogramm.

    Rund 500.000 Anfragen erreichen die Schufa jeden Tag, wie Vorstandschefin Tanja Birkholz sagte, an Spitzentagen wie dem Rabatttag Black Friday sogar bis zu einer Million. Wer einen Fernseher auf Ratenkredit kauft, willigt in der Regel ein, dass die jeweilige Bank bei einer Auskunftei nachfragt, wie kreditwürdig der Kunde oder die Kundin ist. Die Schufa, 1927 als Schutzgemeinschaft für allgemeine Kreditsicherung gegründet, ist die größte und wichtigste Auskunftei dieser Art in Deutschland.

    Mehr als 10.000 Firmenkunden vertrauen auf die Informationen des Unternehmens für ihre Geschäfte. Über die Jahre hat die Schufa sensible Daten von 68 Millionen Deutschen und sechs Millionen Firmen gesammelt, insgesamt mehr als eine Milliarde. Auf Basis dieser Daten kann sie bei jeder Abfrage einen sogenannten Score berechnen, der anzeigt, ob eine Person zahlungsfähig ist und sehr wahrscheinlich bleibt. Dabei fließen persönliche Daten ebenso ein wie aggregierte. Rund 100 Merkmale berücksichtigt die Schufa nach eigenen Angaben, nicht dazu gehören Wohnortdaten.

    Für viele Verbraucher ist unverständlich, wie die Schufa sie bewertet. Das soll sich ändern, wie Chefin Birkholz sagte. Voraussichtlich noch im Frühjahr sollen Fragen und Antworten auf der Seite überarbeitet werden. Wer etwa „Warum ändert sich mein Score?“ eintippt, bekommt dann die Erklärung per Video, ausgewählt von einer intelligenten Software. Der Clou: Beantwortet werden die Fragen von echten Schufa-Beschäftigten. Rund 60 Videoantworten zu den wichtigsten Fragen sind bereits aufgezeichnet.

    Die Schufa durchforstet auch die rund 1000 Textbausteine für die Briefe, die das Unternehmen an Verbraucher schickt. Als schwurbelig und unverständlich juristisch empfundene Schreiben soll es dann wohl von Sommer an nicht mehr geben. Wertschätzend, klar, präzise lauten die Stichworte. Die Beispiele klingen vielversprechend. Die Schufa will auf der Internetseite auch die wesentlichen Einflussfaktoren zeigen, die in den Score eingehen – jeweils mit kurzen Erklärungen und Verbrauchertipps.

    Geradezu spektakulär für ein bisher eher verschlossenes Unternehmen mutet an, was wohl in Schritten von Herbst an freigeschaltet wird: Verbraucher können dann mit einem Programm auf der Schufa-Internetseite nachvollziehen, wie ihr Score zustande kommt, wie er aussieht und wie er sich entwickelt. Eine Zwischenversion zeigte das Unternehmen jetzt. Abgefragt werden zum Beispiel wie lange man ein Girokonto hat, die Anzahl der Kreditkarten und der Kredite, ob es eine Immobilienfinanzierung gibt. Das Programm simuliert dann den Score. Möglich sein soll auch, eine Prognose zu bekommen.

    Das Programm ist allerdings noch nicht fertig. Unter anderem ist ungeklärt, wie viele Merkmale abgefragt werden. Und dann ist da ein grundsätzliches Problem: Es gibt nicht den einen Score. „Jedes Unternehmen hat eigene Kriterien dafür, mit welchen Kunden sie Geschäfte machen“, sagt die Schufa-Chefin. Deswegen schickt die Schufa andere Scores an eine Sparkasse und eine Direktbank. Der Verbraucher verstehe das aber nicht. Auch der sogenannte Basisscore, den jeder per Brief abfragen kann, ist ein Durchschnittswert.

    Was auch künftig geheim bleibt, ist die Formel, mit der die Scores berechnet werden. Praktisch der Kern des Erfolgs der Schufa. Das Unternehmen ist eine Aktiengesellschaft, die derzeit rund 30 Banken und Sparkassen gehört. Der schwedische Finanzinvestor EQT will die Schufa übernehmen und europaweit ausbauen. Erste Verhandlungen mit Anteilseignern laufen, allerdings haben Altaktionäre ein Vorkaufsrecht. Vor allem Sparkassen und Genossenschaftsbanken wollen den Einstieg der Schweden verhindern. Die Schufa soll rund zwei Milliarden Euro wert sein.

  • Putins deutscher Freund

    Lausitz, Moskau, Staufen: Matthias Warnig

    Staufen, ein beschaulicher Ort südlich von Freiburg, Weinberge, viele Sonnentage, gut 8200 Einwohner. Viele von ihnen sind sehr wohlhabend. Auch Matthias Warnig, der hier am Hang mit Blick auf die Burgruine wohnt und der gerade nicht so wohlgelitten ist – wegen seiner guten Kontakte nach Russland und seiner engen wirtschaftlichen Verbindungen. Warnig ist der einzige deutsche Staatsbürger auf der US-Sanktionsliste wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine.

    Der 66-Jährige arbeitete zuletzt als Geschäftsführer der Nord Stream 2 AG im schweizerischen Zug. Die Firma hat die gleichnamige Ostseepipeline bauen lassen und Warnig war derjenige, der das Projekt vorantrieb, zäh und hartnäckig. Bis die Bundesregierung das Genehmigungsverfahren für die fertige Pipeline aussetzte und die US-Regierung Sanktionen verhängte. Kurz darauf überfiel Russland die Ukraine. Nord Stream 2, eine Tochter des staatlichen russischen Gaskonzerns Gazprom, ist inzwischen insolvent, Telefone und Webpräsenz sind abgeschaltet. Die Firma war kurzfristig nicht mehr flüssig.

    Warnig ist nicht irgendwer, auch wenn der gebürtige Lausitzer wenig in der Öffentlichkeit steht. Der Mann ist ein enger Freund des russischen Präsidenten Waldimir Putin. Er sitzt in den Aufsichtsräten des staatlichen russischen Ölkonzerns Rosneft, des staatlichen Ölpipelinebetreiber Transneft, der staatlichen VTB-Bank, mischte bei der Bank Rossija mit und kontrollierte den Aluminiumkonzern Rusal. Bei Rosneft ist er stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender. Die „Wirtschaftswoche“ nannte ihn kürzlich den deutschen Oligarchen. Die „Welt“ befand, angesichts der Ämterhäufung, Warnig sei einflussreicher als Altkanzler Gerd Schröder (SPD).

    Wie nah sich der Präsident und der Manager sind, ließ letzterer in einem seiner seltenen Interviews durchblicken: Da sagte er, Putin habe kein Handy, er könne ihn aber jederzeit erreichen. Altkanzler und Pipeline-Manager kennen sich auch genauer: Schröder leitete den Aufsichtsrat von Nord Stream 2. Zuvor hatten die beiden schon von 2005 an bei Nord Stream zusammengearbeitet. Und auch im Rosneft-Aufsichtsrat sitzen beide. Zum 70. Geburtstag Schröders gab Warnig eine Gala in St. Petersburg. Mit dabei: Putin.

    Die Geschichte von Putin und Warnig beginnt offiziell Anfang der 90er Jahre. Da ist Warnig gerade von der Dresdner Bank nach St. Petersburg entsandt worden, um dort Geschäftschancen zu erkunden. Putin ist zu der Zeit Vizebürgermeister seiner Geburtsstadt. Warnig, so geht die Geschichte, muss vor seinem ersten Treffen acht Stunden im Vorzimmer warten. Offenbar erfolgreich, Warnig sichert sich die erste Lizenz für eine westliche Bank in St. Petersburg.

    Die Dresdner Bank startet durch, Warnig auch, der sich 1993 auch darum kümmert, dass Puitins damalige Frau Ludmilla nach einem schweren Autounfall in Deutschland behandelt wird. Während Putin zum Präsidenten aufsteigt, gewinnen die Dresdner Bank und ihr Investmentarm Dresdner Kleinwort Benson lukrative Geschäfte. So bewerten sie Teile des Yukos-Imperiums von Michail Chodorkowski, das nach dem Prozess gegen den Oligarchen gegen seinen Willen zerschlagen werden soll. Die Dresdner Bank regelt auch den Börsengang von Rosneft, platziert Anleihen von Gazprom. Es läuft für Warnig und die Dresdner Bank.

    Dann kommt 2005. Das „Wall Street Journal“ berichtet, Putin und Warnig hätten sich bereits in den 80er Jahren in Dresden getroffen, als der KGB-Offizier Putin dort stationiert war. Warnig habe Agenten im Westen anwerben sollen. Die Zeitung beruft sich auf Zeitzeugen. Belastbare Belege fehlen bisher. Warnig hat stets dementiert.

    Es wird bekannt, dass Warnig als Spitzel der Stasi gearbeitet hat, Deckname „Ökonom“. Von 1986 an sollte er dann von Düsseldorf als Offizier im besonderen Einsatz, Deckname „Arthur“, Informationen sammeln. Pikant: Er spähte auch die Dresdner Bank aus. Ende 1989 arbeitete er im DDR-Wirtschaftsministerium, verhandelte mit über die Währungs- und Wirtschaftsunion von DDR und Bundesrepublik.

    Die Stasi-Enthüllungen beenden Warnigs Karriere nicht. Ende 2005 startet er als Chef bei NEGP, dem Vorläufer der Nord Stream AG. Er zieht nach Staufen, zwei Autostunden entfernt von der Nord-Stream-Zentrale in Zug – wohl nach einem Tipp von Klaus Mangold, einst Daimler-Topmanager und ehedem Vorsitzender des Ostausschusses der deutschen Wirtschaft, der in der Nähe wohnt. Die Umgebung profitiert: Gazprom wird den Europa-Park Rust sponsern, Rusal übernimmt die insolvente Alu Rheinfelden, Warnig spendet jedes Jahr für das Staufener Kleinkunstfestival, kauft Immobilien und saniert sie. Gazprom Germania, Sponsor von Schalke 04, schickt ihn in den Aufsichtsrat des Bundesligisten. Dann kommt Putins Einmarsch in der Ukraine – und alles ist anders im Leben von Warnig. Nord Stream 2 pleite, Gazprom als Sponsor geächtet. Warnig selbst gerade wenig beliebt.

    Unklar ist, wie groß das Vermögen des „deutschen Oligarchen“ ist. Offenbar gehören seiner MW Invest mehrere Immobilien in Staufen und in der Umgebung. Wie genau sich Warnig fühlt, ist auch nicht klar. Er spricht praktisch nicht öffentlich. Aber er hat dem Bürgermeister von Staufen geantwortet, der die diesjährige Spende zurücküberwies und ihn aufforderte, sich von Putin zu distanzieren und seine Ämter in Russland niederzulegen. „Ich perso?nlich halte diese kriegerische Auseinandersetzung fu?r unverantwortlich“, steht in dem Schreiben von Anfang März. „Ich konnte es mir nie vorstellen, eines Morgens zu erwachen und nach mehr als 30 Jahren Frieden ist Krieg in Europa.“ Einen militärischen Konflikt in der Ukraine habe er nicht erwartet. „Das war ein fu?r mich unbeschreiblicher Irrtum.“

  • Niemand muss frieren

    Wen ein russischer Lieferstopp trifft

    Vier Wochen nach dem Einmarsch Russlands in die Ukraine werden weitere Sanktionen gefordert – vor allem ein Stopp der Energielieferungen aus Russland. Und auch Russland droht immer wieder damit, den Gashahn zuzudrehen. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Warum ist Erdgas für Deutschland so wichtig?

    Gas war 2021 nach Angaben der AG Energiebilanzen mit einem Anteil von 27 Prozent nach Mineralöl und vor Erneuerbaren Energien der zweitwichtigste Energieträger in Deutschland. Mit mehr als einem Drittel nahm die Industrie nach Zahlen des Branchenverbands BDEW am meisten Gas ab, vor allem für Prozesswärme, eigene Stromerzeugung und als Grundstoff. Mit gut 31 Prozent heizten und kochten Privatleute, rund 13 Prozent gingen in die Stromerzeugung.

    Wie abhängig ist Deutschland vom russischen Gas?

    Mehr als die Hälfte des Erdgases, das in Deutschland verbraucht wird, kommt aus Russland. Weniger als ein Drittel liefert Norwegen.

    Wie viel Geld würde Russland verloren gehen, würden die Gaslieferungen gestoppt?

    Allein im Januar nahm Russland nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes 1,16 Milliarden Euro aus Gaslieferungen an Deutschland ein, 2021 waren es 9,87 Milliarden Euro. Energielieferungen sind von den Sanktionen gegen Russland ausgenommen, auch die Bezahlung dafür.

    Wie kommt Deutschland an russisches Gas?

    Geliefert wird derzeit vor allem durch drei Pipelines: Nord Stream durch die Ostsee, Jamal durch Belarus und Polen und Sojus über die Ukraine und die Slowakei.

    Wie lässt sich das Gas physisch abstellen?

    Es gibt aus Sicherheitsgründen zahlreiche Sperren in den Pipelines, die sowohl auf russischer als auch auf EU-Seite geschlossen werden können. Schließen die staatlichen russischen Lieferanten eine Pipeline, machte sich das in Deutschland durch einen Druckabfall bemerkbar, etwa am deutschen Ende von Nord Stream in Lubmin. Üblicherweise fließt das Gas mit einem sehr hohen Druck von 180 bar durch die Leitungen. Deshalb sollte die europäische Seite die russische auch informieren, sollte die EU ihrerseits die Ventile an einer Pipeline schließen. Liefert Russland weiter, könnte der steigende Druck die Anlagen beschädigen. Die russischen Gasförderer können zudem die Förderstellen mit Ventilen verschließen.

    Was plant Europa?

    Die EU denkt über ein Embargo russischen Gases nach. Demnach könnte der staatliche russische Gazprom-Konzern zwar weiter Gas durch die Leitungen schicken, es aber nicht mehr verkaufen. Auch die russischen Banken, über die die Energielieferungen noch bezahlt werden können, könnten sanktioniert werden. Physisch geschlossen werden müsste eine Pipeline dann nicht mehr – jedenfalls nicht sofort.

    Wie wahrscheinlich ist ein Gasstopp?

    Schwer zu sagen. Russland droht, ist aber auf die Devisen angewiesen. Und Deutschland? Ein solcher Stopp würde die deutsche Wirtschaft wohl in die Rezession ziehen. Alle Folgen sind kaum zu überblicken. Dennoch: Die Bundesnetzagentur arbeitet gerade gemeinsam mit dem Bundeswirtschaftsministerium und Industrieverbänden daran, festzulegen, wen ein Lieferstopp als erstes treffen würde. Ob ein Gasstopp sein Ziel erreicht, den Krieg in der Ukraine zu beenden, ist unklar. Warum sollte Putin sein Verhalten dann ändern, wenn es ihm jetzt schon nicht mehr möglich ist?

    Wem wird zuerst Gas abgestellt, wenn es in Deutschland knapp wird?

    Nach dem Notfallplan Gas wird zunächst der Industrie das Gas abgedreht. Soziale Einrichtungen, etwa Krankenhäuser, Fernwärme-Kraftwerke und Privatleute würden weiter beliefert. Nur im äußersten Notfall müssten die Menschen also frieren.

    Welche Industrien wären betroffen?

    Grob gesagt würde es sehr energieintensive Industrien zuerst treffen. Doch das ist nicht das einzige Kriterium. Möglicherweise können Lebensmittelhersteller länger arbeiten als zum Beispiel Glas- oder Aluminiumproduzenten. Bei manchen Firmen werden auch die Anlage beschädigt, sollten sie sie wegen Gasmangel herunterfahren.

    Wie realistisch ist es, das russische Gas durch Lieferungen aus anderen Ländern zu ersetzen?

    Die Bundesregierung und auch die EU arbeiten seit Wochen daran, die Abhängigkeit von russischem Gas zu verringern. Zuletzt kaufte Deutschland Gas in Qatar. Das Land liegt dem Statistical Review of World Energy von BP zufolge nach Russland und dem Iran mit 13,1 Prozent Anteil an den Weltgasreserven auf Rang drei. Das Problem: Qatar ist autoritär regiert, schert sich wenig um Menschenrechte. Weitere Gaslieferanten könnten die USA oder Nigeria werden. Das Gas muss jeweils verflüssigt und nach Europa verschifft werden, etwa nach Rotterdam, wo es entsprechende Terminals für Flüssiggas (LNG) gibt. In Deutschland sollen solche Terminals erst gebaut werden. Früheste Anlandemöglichkeit nach aktuellem Stand: 2026.

    Bis wann kann Deutschland unabhängig von russischem Gas sein?

    In der Studie „Energiesicherheit und Klimaschutz vereinen“ hat die Organisation Agora Energiewende ausgerechnet, dass Deutschland frühestens 2027 unabhängig von russischem Gas sein kann. Ein Lieferstopp oder Embargo sofort ließe sich nicht vollständig auffangen – selbst wenn alle intensiv sparen.

    Wie sicher sind die Pipelines vor dem Krieg?

    Nord Stream in der Ostsee und Jamal durch Belarus sind vom Krieg nicht betroffen. Die Sojus-Pipeline verläuft in zwei Strängen durch die Ukraine. Sollte sie während der Kämpfe getroffen werden, kann die Pipeline vor und hinter dem zerstörten Stück an sogenannten Konverterstationen geschlossen werden. Gas träte nicht aus, allerdings wäre die Lieferung unterbrochen, bis das Teilstück repariert ist. Über Sojus kommt am wenigsten russisches Gas nach Deutschland.

    Russland verlangt, das Gaslieferungen künftig nur noch in Rubel bezahlt werden. Warum?

    Zunächst stützt das Vorgehen den Rubel-Kurs, der mit Beginn der Sanktionen gegen Russland abgestürzt ist. Denn die Gaskäufer müssen sich Rubel beschaffen, um bezahlen zu können. Unklar ist, ob sich die benötigten großen Rubel-Mengen überhaupt am Markt beschaffen lassen. Der Essener Energiekonzern Uniper, einer der größten Gasimporteure Deutschlands, wollte die Vorgabe des Kreml nicht kommentieren. Die Entscheidung Wladimir Putins ist vor allem deshalb irritierend, weil die Gaskäufer üblicherweise direkt mit Euro oder Dollar zahlen und Russland auf diese Devisen angewiesen ist. Jetzt müssen sich die Unternehmen umständlich Rubel beschaffen, eventuell mit Devisen über die mit Sanktionen belegte russische Zentralbank. Das Verfahren verkompliziert alles. Ein Finanzmarktexperte vermutet eine reine Propaganda-Show Putins.

  • Eine Frage des Willens

    Zum Start von Tesla in Brandenburg

    Für den Wirtschaftsstandort Deutschland ist der März 2022 ein besonderer Monat: Im brandenburgischen Grünheide bei Berlin rollte am Dienstag offiziell der erste, vollständig in Europa gefertigte Tesla vom Band – nach Rekordbauzeit für die Fabrik. Und Magdeburg wird bis 2027 ein wesentlicher Standort des US-Chipriesen Intel. Beide Nachrichten zeigen: Deutschland, vor allem auch der Osten, ist für sehr große Industrieansiedlungen interessant – trotz seines Rufs, besonders bürokratisch zu sein. Und trotz der im internationalen Vergleich hohen Abgabenlast und Lohnkosten in der Bundesrepublik.

    Die Summen, um die es geht sind enorm: Tesla steckt insgesamt rund 5,8 Milliarden Euro in seine Fabrik nebst Batteriewerk, Intel will sogar 17 Milliarden in den Standort investieren. Bei Intel geht es zunächst um 3000 Arbeitsplätze, bei Tesla sind es bis zu 12.000. Noch viel wichtiger ist, dass die Konzerne weitere Firmen anziehen – mit zusätzlichen in der Regel eher höher bezahlten Arbeitsplätzen. Intel vor allem legt auch Wert auf die Nähe zu deutschen Hochschulen – der Profit wird sicher nicht einseitig sein.

    Dass es bei den Standortentscheidungen der US-Konzerne nicht nur um Ostdeutschland geht, zeigt auch eine Studie der Fachhochschule Dortmund zu Tesla: Danach profitieren vor allem Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen von der Ansiedlung im märkischen Sand. Denn in den beiden Bundesländern sitzen die Anlagenbauer und Zulieferer für die Fabrik. Tesla vertraut demnach vor allem auf familiengeführte Weltmarktführer, die sogenannten Hidden Champions. Und bei Intel, das mit dem Bau der Chipproduktion erst beginnt, dürfte es ähnlich sein.

    Ohne den politischen Willen, die beiden Konzerne anzusiedeln, wäre Deutschland in beiden Fällen sicher leer ausgegangen. Zum einen gelten die Amerikaner als harte Verhandler, die verschiedene möglichen Standorte weltweit gegeneinander ausspielen. Die schwarz-rot-gelbe Landesregierung in Sachsen-Anhalt sieht da sehr gut aus. Zum anderen ist das Verständnis in den USA für das komplexe deutsche Bau- und Genehmigungsrecht eher unterentwickelt. Da muss übersetzt werden, was der rot-schwarz-grünen Landesregierung in Brandenburg besonders gelungen ist.

    Man kann davon ausgehen, dass gerade bei Tesla sehr genau geprüft wurde, bevor es die endgültige Genehmigung gab – um Klagen etwa wegen der immer wieder bemühten Wasserfrage keine Chance zu lassen. Und gerade das Tempo bei Tesla – vom Wald zum Werk in etwa zwei Jahren und drei Monaten – zeigt, dass auch das deutsche Regelwerk nicht nur bremst, wenn alle hinter einem Projekt stehen und Schwierigkeiten gemeinsam beseitigen. Das ist die wirklich gute Nachricht dieses März: Deutschland kann, wenn es will. Und es will.

  • Russisches Gas kurzfristig nicht ersetzbar

    Fielen plötzlich alle Erdgasimporte aus Russland aus, bliebe trotz harter Sparmaßnahmen hierzulande eine deutliche Lücke. Bis 2027 lasse sich die strukturelle Abhängigkeit jedoch beenden, schreibt die Organisation Agora in einer neuen Studie.

    Einen großen Teil der Gasimporte aus Russland könnte Deutschland kurzfristig einsparen – aber nicht alles. Zu diesem Ergebnis kommt die Organisation Agora Energiewende in ihrer neuen Studie „Energiesicherheit und Klimaschutz vereinen“. Das Ergebnis stützt die Strategie der Bundesregierung, die Gaslieferungen trotz des russischen Kriegs in der Ukraine aufrechtzuerhalten. Währenddessen bemühte sich Wirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) in Norwegen um zusätzliche Energieimporte.

    Habeck erhielt dort die Zusage, dass das nordeuropäische Land seine Lieferungen an verflüssigtem Erdgas (LNG) unter anderem nach Deutschland kurzfristig ausbauen wolle. Perspektivisch könnten Wasserstoff-Exporte hinzukommen, um das Erdgas in Wohngebäuden, Fabriken und Kraftwerken zu ersetzen. Der Wirtschaftsminister lehnt es ab, die Gasimporte aus Russland jetzt als Sanktion aktiv zu blockieren. Das führe zu schwer beherrschbaren Problemen in Deutschland, warnt Habeck. Anders könnte es bei Öl- und Kohleimporten aus Russland aussehen. Hier hält es das Wirtschaftsministerium für möglich, die Lieferungen im Laufe diesen Jahres zu ersetzen.

    In ihrer Studie untersuchte die Organisation Agora die kurzfristigen Auswirkungen eines kompletten Ausfalls der russischen Gaslieferungen und die möglichen Gegenmaßnahmen hierzulande innerhalb der ersten beiden Winter (2022 bis 2024). Während Deutschland im vergangenen Jahr rund 400 Terawattstunden (TWh, Billionen Wattstunden) Energie auf Basis russischen Gases verbrauchte, könnten etwa 100 TWh schnell durch Gaslieferungen aus anderen Quellen ersetzt werden. Bliebe ein „Ersatzbedarf“ von knapp 300 TWh, den man durch hiesige Sparmaßnahmen kompensieren müsste.

    Den Berechnungen von Agora zufolge könnten es hiesige Privathaushalte und Unternehmen schaffen, relativ schnell 160 bis 260 TWh einzusparen. Es bliebe also eine gewisse Lücke, die nicht gedeckt werden könnte. Die Folge wäre beispielsweise, dass Fabriken den Betrieb einstellten, Milliarden Euro Kompensation vom Staat erhielten und die Arbeitslosigkeit wüchse – Effekte, die Habeck vermeiden will. Die Dimension der Lücke hängt zudem von den Außentemperaturen ab. Wird der nächste Winter kalt, wächst der Bedarf, der ohne Russland nicht zu decken ist.

    Die Gegenmaßnahmen und Folgen bezeichnete Studienleiter Simon Müller als „hart“. Er betonte, es handele sich um eine energiepolitische Analyse, kein politisches Plädoyer für eine konkrete Strategie, etwa die schnelle, aktive Reduzierung der russischen Gaslieferungen durch die Bundesregierung.

    Um den Gasverbrauch schnell zu verringern, ist es beispielsweise möglich, die Raumtemperatur in den Wohnungen um ein, zwei Grad zu senken. Privathaushalte könnten auch flächendeckend Spararmaturen installieren, um den Durchfluss von Warmwasser in Duschen und Küchen zu minimieren. Bürgerinnen und Bürger mit niedrigen Einkommen müssten vom Staat angesichts der dann stark steigenden Preise finanziell unterstützt werden. Sparmaßnahmen in der Industrie wären unter anderem der vorübergehende Ersatz von Gas durch Kohle und Öl, sowie der Import von Produkten, die normalerweise hiesige Unternehmen fertigen.

    Analysiert hat Agora in Zusammenarbeit mit der Beratungsfirma Prognos und dem Wuppertal-Institut für Klima und Energie auch die mittelfristige Perspektive. Demnach könnte Deutschland bis 2027 etwa die Hälfte der russischen Lieferungen ersetzen – einen Verbrauch von rund 200 TWh. Nötig ist dafür zum Beispiel die Umstellung auf Wasserstoff in der Industrie, die Wärmedämmung der Gebäude und der Ersatz der fossilen Heizungen durch Wärmepumpen und Solarkollektoren. Diese Politik würde die „strukturelle Abhängigkeit“ vom russischen Erdgas „beenden“. Die bisherige Strategie „Erdgas als Brückentechnologie“ bezeichnen die Autorinnen und Autoren als „hinfällig“. Weil nun Klimaschutz und Sicherheitsinteressen parallel wirkten, komme der Ausstieg aus der fossilen Energiewirtschaft deutlich früher als bisher geplant.

    Die Bedeutung der Wärmepumpen-Technologie betonten am Donnerstag auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus dem Umfeld der Klimabewegung Fridays for Future.Langfristig müssten „Wärmepumpen bis zu 70 Prozent des Wärmebedarfs decken. Diese entziehen beispielsweise der Luft oder der Erde mithilfe von Strom Wärme und heizen damit Häuser und industrielle Prozesse“. Wirtschaftsminister Habeck reist derweil an diesem Wochenende nach Katar am Persischen Golf. Die Monarchie ist kein Hort der Demokratie, aber reich an Öl und Gas. Auch dort geht es um Flüssiggas als Ersatz für russische Lieferungen.

  • Rückkehr der Atomdebatte

    Energie soll die Versorgung stabilisieren

    Seit 2011 ist das Ende der Atomkraft in Deutschland besiegelt. Jetzt verändert der Krieg Russlands mit der Ukraine Gewissheiten. Einige Politiker, vor allem der Union, setzen auf den Ausstieg vom Ausstieg. Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

    Warum gibt es wieder eine Diskussion über Atomkraft in Deutschland?

    Der Ukraine-Krieg hat Deutschland gezeigt, wie abhängig es von russischem Gas und Öl sowie Kohle ist. Zudem steigen die hohen Energiepreise wegen des Konflikts weiter. Die Bundesregierung will deshalb die Energieversorgung möglichst zügig neu aufstellen und dafür alles prüfen. Dazu gehört der Bau von Flüssiggas-Terminals an der Nordsee und in der Elbmündung, was aber Zeit kostet. Dazu gehört, stärker auf Kohlekraftwerke zu setzen – die wollte Deutschland spätestens 2030 abschalten. Und dazu gehört, Atomkraftwerke länger laufen zu lassen. Sie sollten Ende 2022 Geschichte sein.

    Wie viele Atomkraftwerke laufen in Deutschland noch, wo stehen sie, wer betreibt sie? Und wann werden sie abgeschaltet?

    In Deutschland liefern derzeit noch drei Atomkraftwerke Strom: Isar 2 im bayerischen Niederaichbach, betrieben von PreussenElektra, der Kraftwerkstochter des Energiekonzerns Eon aus Essen, Emsland im niedersächsischen Lingen, betrieben vom Düsseldorfer Energiekonzern RWE, und Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg. Die Anlage gehört EnBW aus Karlsruhe. Alle drei Anlagen sollen nach dem Atomgesetz Ende 2022 vom Netz.

    Wie viel Strom liefern die Anlagen?

    Im vergangenen Jahr waren noch drei weitere Atomkraftwerke am Netz: Brokdorf (Schleswig-Holstein, Eon), Grohnde (Niedersachsen, Eon) und Grundremmingen C (Bayern, RWE). Die sechs Anlagen lieferten dem Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme zufolge rund 13,3 Prozent des deutschen Stromangebots.

    Können die Anlagen einfach länger laufen?

    Rechtlich muss die Bundesregierung entscheiden, dass die AKW länger laufen sollen. Dafür muss das Atomausstiegsgesetz geändert werden. Was einfach klingt, ist kompliziert. So muss unter anderem geklärt werden, wer für den möglicherweise zusätzlich anfallenden Atommüll zahlt. Mit dem Atomausstieg hatten die Kraftwerksbetreiber insgesamt rund 24 Milliarden Euro in einen öffentlich-rechtlichen Fonds eingezahlt, der Zwischen- und Endlagerung bezahlt. Sind solche rechtlichen Fragen nicht geklärt, wird kein Betreiber seine Anlage länger laufen lassen. Technisch lässt sich die Laufzeit verlängern, zunächst für einige Quartale. Dann allerdings müssen neue Brennstäbe beschafft werden. Weil sich die Konzerne bereits seit Jahren auf das Aus der Kraftwerke vorbereiten, könnte auch das Personal für den Betrieb knapp werden, sollten die Anlagen deutlich länger laufen.

    Sind die Betreiber der letzten drei Anlagen – EnBW, Eon und RWE – bereit, die Anlagen länger laufen zu lassen?

    EnBW aus Karlsruhe und Eon aus Essen würden mit der Bundesregierung darüber reden. Eon erklärte: „In dieser Ausnahmesituation sind wir bereit, darüber zu sprechen, unter welchen technischen, organisatorischen und regulatorischen Randbedingungen eine verlängerte Nutzung des Kernkraftwerks Isar 2 möglich wäre, sofern dies seitens der Bundesregierung ausdrücklich gewünscht ist.“ Begeisterung klingt anders. RWE hält sich bisher zurück, setzt wohl eher darauf, seine Braunkohlekraftwerke länger laufen zu lassen. Alle drei Konzerne haben mit Atomkraft abgeschlossen, konzentrieren sich auf völlig andere Geschäftsfelder. So setzt etwa EnBW auf erneuerbare Energien, Eon auf Netze und Energielösungen für Kunden.

    Ende 2021 sind Brokdorf, Grohnde und Grundremmingen C stillgelegt worden. Lassen sie sich wieder ans Netz bringen?

    Theoretisch ist das möglich, wenn der Rückbau noch nicht begonnen hat. Aber: Die Betreiber haben sich seit mehr als zehn Jahren auf den Ausstieg vorbereitet. Entsprechend haben sie das Personal geplant. Nachwuchs fehlt, ältere Kollegen bereiten sich auf den Ruhestand vor. Um ein Kraftwerk zu fahren, sind Mitarbeiter mit besonderer atomrechtlicher Lizenz nötig. Eine solche Lizenz gilt immer nur für eine bestimmte Anlage. Wer also bis 2019 Philippsburg 2 steuern durfte, kann nicht in Grohnde anfangen – jedenfalls nicht ohne Nachschulung. Das dauert mindestens ein Jahr für erfahrene Kräfte. Weil Brennelemente in der Regel drei bis vier Jahre genutzt werden, sind in den Kraftwerken, die gerade abgeschaltet wurden, auch recht wenig frische Elemente eingesetzt – ein Weiterbetrieb war schließlich nicht vorgesehen. Und auch um Anlagen zu reaktivieren, muss der Bundestag das Atomgesetz ändern.

    Gibt es weitere Anlagen, die wieder hochgefahren werden könnten?

    Nein. Alle anderen stillgelegten Atomkraftwerke werden bereits zurückgebaut oder sind sicher eingeschlossen.

    Welche grundsätzlichen Vor- und Nachteile haben AKW?

    Der große Vorteil im Vergleich zur: Die Reaktoren stoßen kein Klimagas CO2 aus. Der große Nachteil: Sie erzeugen radioaktive Abfälle. Und die Endlagerfrage ist in Deutschland immer noch nicht gelöst.

    Wie wahrscheinlich sind Neubauten in Deutschland?

    Mit dem Krieg in der Ukraine ist einiges, was als unumstößlich galt, plötzlich doch wieder in der Diskussion. Dass neue Atomkraftwerke in Deutschland gebaut werden, gilt aber in der Branche immer noch als ausgeschlossen. Die Planung ist aufwändig, der Widerstand groß: Der Atomausstieg ist in Deutschland gesellschaftlich tief verankert. Zudem sind die Kosten hoch und die Bauzeit schwer kalkulierbar. Private Investoren sind deshalb kaum zu finden, auch, weil sich Atomkraft wenig rechnet. Neue Anlagen wie Hinkley Point C in England werden nur gebaut, weil der Staat für Abnahmemengen und (hohe) Preise garantiert. Oder Geld zuschießt. Für die USA hat die Bank Lazard errechnet, dass Energie aus Wind seit 2010, aus Solaranlagen seit 2012 günstiger ist als Atomenergie. Zudem verteuerte sich danach Atomenergie zwischen 2010 und 2020 um 33 Prozent, Solarenergie verbilligte sich um 90 Prozent, Windenergie um 70 Prozent.

    Wie viele Atomanlagen gibt es weltweit und wie viele werden gebaut?

    Insgesamt liefen im Februar nach Zahlen des World Nuclear Industry Status Reports (WNISR) 412 Reaktoren weltweit, 93 davon allein in den USA, gefolgt von Frankreich (56) und China (54). Gebaut werden demnach 54 Anlagen, 20 allein in China. Insgesamt liefern Atomkraftwerke 10,1 Prozent der weltweiten Strommenge.

    Wie lange dauert der Bau eines Kraftwerks und was kostet es?

    Der WNISR kam für 2020 auf eine durchschnittliche Bauzeit weltweit von rund zehn Jahren. Mehr als 58 Prozent der Projekte verzögern sich im Schnitt um sieben Jahre. Auch in Europa hapert es: Der finnische Reaktor Olkiluoto-3 ging erst kürzlich ans Netz. Ursprünglich geplant war 2009. Frankreichs Prestigeprojekt Flamanville-3 sollte 2012 Strom liefern, neuer Termin ist jetzt 2023. Die Kosten stiegen von 3,4 Milliarden Euro auf 12,7 Milliarden Euro. Selbst die zügig bauenden Chinesen kämpfen mit technischen Problemen. In England bauen sie mit französischer Technik Hinkley Point C mit zwei Blöcken – mit großzügigen Garantien des Staates. Die Kosten steigen, der Netzanschluss verzögert sich um mehrere Jahre.

    Wie gehen Deutschlands Nachbarn mit Atomkraft um?

    Dänemark: Das Land hat sich bereits 1985 gegen Atomkraft entschieden. Anteil am Strommix: 0 Prozent.

    Niederlande: Die niederländische Regierung will die Laufzeit des einzigen Atomkraftwerk verlängern und zwei weitere Reaktoren bauen. Anteil am Strommix: 3,2 Prozent.

    Belgien: Die Belgier wollen aus Atomkraft aussteigen. Die sieben noch am Netz befindlichen Blöcke sollen bis 2025 abgeschaltet werden. Anteil am Strommix: 39,1 Prozent.

    Luxemburg: Das Land betreibt kein Atomkraftwerk und hat sich gegen Atomenergie ausgesprochen. Anteil am Strommix: 0 Prozent.

    Frankreich: Frankreich will seine 56 Anlagen modernisieren und teils ersetzen. Die Atomindustrie gehört in weiten Teilen dem Staat und beschäftigt direkt und indirekt rund 200.000 Mitarbeiter. Anteil am Strommix: 67,1 Prozent.

    Schweiz: Die Schweizer haben 2018 in einer Volksabstimmung entschieden, keine neuen Atomkraftwerke zu bauen. Die vier alten Reaktoren sollen laufenlassen, solange sie sicher sind. Im Schnitt sind sie älter als 45 Jahre. Anteil am Strommix: 35,1 Prozent.

    Österreich: 1978 haben sich die Österreicher in einer Volksabstimmung gegen Atomkraft ausgesprochen. Ein fertiges Atomkraftwerk ging nicht ans Netz. Der Bau von AKW ist verboten. Anteil am Strommix: 0 Prozent.

    Tschechien: Um den Kohleausstieg zu stemmen, setzen die Tschechen auf Atomkraft. Zusätzlich zu den sechs bestehenden Anlagen soll eine weitere gebaut werden. Anteil am Strommix: 37,3 Prozent

    Polen: Die Polen planen derzeit vier Anlagen, die nach 2030 ans Netz gehen sollen. Ob es so kommt, ist unklar. Weder die genaue Technologie noch die Standorte sind klar. Die Diskussion läuft seit 2008. Anteil am Strommix: 0 Prozent

    In der internationalen Diskussion taucht das Kürzel SMR auf. Was sind SMR?

    SMR steht für Small Modular Reactor, kleiner modularer Reaktor. Das sind standardisierte Anlagen, die in Serie hergestellt werden sollen. Dadurch, so die Idee, werden sie günstiger als einzelne große, jeweils neu geplante Anlagen. Forscher und Unternehmen arbeiten weltweit an unterschiedlichen Konzepten, unter anderem in Dänemark, Frankreich und Tschechien. Bekannter sind inzwischen TerraPower in den USA, an der Bill Gates beteiligt ist, Terrestrial Energy aus Kanada und der britische Triebwerks- und Turbinenhersteller Rolls Royce. Einziges Projekt in Deutschland: Dual Fluid, hinter dem Kernforscher aus Berlin stehen. Sitz des Unternehmens ist allerdings Kanada, das SMR fördert. Viele der Entwickler versprechen, dass die Anlagen sicherer sind als herkömmliche Reaktoren und weniger Atommüll produzieren.

    Warum werden SMR nicht gebaut?

    Viele der Projekte, auch das von Dual Fluid existieren nur auf dem Papier. Demonstrationsreaktoren sind teuer. Dual Fluid rechnet mit mehreren Millionen Euro. Eine funktionierende Anlage zur Serienreife zu bringen, kostet demnach rund sieben Milliarden Euro und dauert zehn Jahre. Rolls-Royce schätzt, seine etwa zwei Fußballfelder große Anlage binnen vier Jahren bauen zu können – wenn sie fertig entwickelt ist. Russland hat zwei SMR auf einem Schiff montiert. Die Akademik Lomonossow ist ein schwimmendes AKW, das bisher allerdings wenig effizient ist, wie WNISR berichtet. Zudem gibt es grundsätzlich Zweifel am wirtschaftlichen Nutzen der SMR: Es müssten tausende Anlagen eines Typs gebaut werden, bevor sich der Einstieg in die Technologie lohne, schreibt das Öko-Institut aus Darmstadt, das sich im vergangenen Jahr 31 von 138 Konzepten, die weltweit verfolgt werden

  • Rückgrad der Weltwirtschaft

    Ohne Swift geht wenig in der Finanzbranche

    Wegen des Einmarschs in der Ukraine droht der Westen Russland mit dem Ausschluss aus Swift. Das System ermöglicht den reibungslosen Zahlungsverkehr weltweit. Die wirtschaftlichen Folgen dieser Sanktion sind hart und treffen beide Seiten. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

    Was ist Swift?

    Swift ist eine Genossenschaft mit Sitz im belgischen La Hulpe südöstlich von Brüssel. Sie unterliegt europäischem Recht. Der Name steht für Society for Worldwide Interbank Financial Telecommunication (etwa Gesellschaft für weltweite Fernkommunikation zwischen Banken). Das Unternehmen ist ein (Kurz-)Nachrichtendienst, eine Art sehr sicheres Whatsapp für Banken. Swift betreibt auch ein eigenes Datennetz sowie drei Datenzentren – in den USA, Belgien und der Schweiz. Das Angebot wird von mehr als 11.000 Finanzinstituten weltweit genutzt, darunter die größten der Welt und Notenbanken. Swift ist kein Zahlungsabwickler, vereinfacht Zahlungen aber so, dass sie automatisiert möglich sind..

    Was ist das Besondere an Swift?

    Swift hat international eine Art Monopol. Die Genossenschaft hat eigene, weltweit geltende Standards und Formate für Nachrichten entwickelt, die die Banken automatisch verarbeiten können. Diese Nachrichten werden äußerst schnell übertragen und sind sehr sicher. Zudem ist klar, wer die Nachricht wann von wo an wen wohin gesendet hat und wann sie dort angekommen ist. Eine solche Nachricht kann sehr vereinfacht sein: Kunde A der Bank X überweist 300 Euro an Kunden B bei Bank Y.

    Wie funktioniert Swift?

    Über das System können Nachrichten von einer Bank zur anderen geschickt werden. Als Absender- oder Empfängeradresse dient der BIC, der Business Identifier Code, der für jede Bank weltweit einmalig ist. Die Europäische Zentralbank hat zum Beispiel ECBDEFF. Nachrichten gibt es für Überweisungen, aber auch andere Geschäfte wie Aktienkäufe, oder Großüberweisungen zwischen Banken. Je Art werden täglich etwa 40 bis 50 Millionen Nachrichten versandt. Entsprechend groß ist die Zahl automatisch damit verknüpfter Geldgeschäfte.

    Warum ist Swift so wichtig?

    Die Nachricht von einer Überweisung lässt sich auch per E-Mail oder Brief oder sogar Whatsapp übertragen. Das Empfängerinstitut muss dann prüfen, ob der Absender echt ist, die Unterschrift stimmt, die Person für die Überweisung qualifiziert und berechtigt ist. Der Aufwand ist sehr hoch. Gerade weil Swift sichere standardisierte Nachrichten anbietet, die Computer ohne Zutun von Mitarbeitern verarbeiten können, sind schnelle und zuverlässige Bankgeschäfte überall auf der Welt überhaupt erst möglich.

    Warum ist es für Russland ein Problem, komplett ausgeschlossen zu werden?

    Ohne Swift gibt es keine Geldgeschäfte mit dem Ausland mehr. Das Land wäre auf einen Schlag abgeschnitten von den Nachrichten, damit sind automatisierte Zahlungen nicht mehr möglich. Das bedeutet: Rechnungen zum Beispiel für Gas- und Öllieferungen können nicht mehr bezahlt werden. Das träfe Russland besonders, weil das Land sehr stark von diesen Einnahmen abhängig ist. Zudem würden Lieferungen nach Russland gestoppt, weil russische Käufer Rechnungen nicht mehr begleichen können. Der Handel wäre praktisch blockiert. Betroffen wären auch Wertpapiergeschäfte und Überweisungen von Privatleuten oder humanitären Einrichtungen. Russland hätte zudem keinen Zugriff mehr auf Auslandsvermögen.

    Welche Folgen hat ein Ausschluss für Deutschland?

    Sind Zahlungen mit Russland nicht mehr möglich, trifft das auch die deutsche Wirtschaft. Deutschland hat im vergangenen Jahr Waren im Wert von 33,1 Milliarden Euro aus Russland importiert – zu 59 Prozent Gas und Öl. Russland kaufte Produkte, besonders Maschinen und Autos, im Wert von 26,6 Milliarden Euro. Das Land zählt mit 2,3 Prozent Anteil am Außenhandel bisher zu den 15 wichtigsten Außenhandelspartnern. Viele deutsche Unternehmen produzieren in Russland oder haben traditionell enge Wirtschaftskontakte wie Siemens. Der Gas- und Ölförderer Wintershall Dea ist an mehreren Gasfeldern in Russland beteiligt.

    Was bedeutet der Ausschluss für die Menschen in Russland?

    Geld aus Deutschland an die Oma in Jekaterinburg zu schicken, wird praktisch  unmöglich. Weil Swift auch innerhalb Russlands genutzt wird, trifft ein Ausschluss auch den Finanzverkehr zwischen russischen Banken. Wie sehr, lässt sich nur schwer abschätzen. Denn es existiert ein eigenes, innerrussisches System.

    Wie oft werden Länder von Swift ausgeschlossen?

    Bisher sind nur zwei Länder komplett von Swift ausgeschlossen: Nordkorea seit 2017 als Reaktion auf das Atomprogramm des Landes. Und der Iran seit 2012 ebenfalls wegen des Atomprogramms. Die Wirtschaft der jeweiligen Länder litt dramatisch unter dem Ausschluss.

    Wem gehört Swift und wer entscheidet über den Ausschluss?

    Eigentümer von Swift sind die Banken, die die Dienste nutzen. Die Genossenschaft wurde 1973 gegründet, um das Telex-Verfahren, mit dem sich die Institute weltweit verständigten, automatisieren zu können. Über einen Ausschluss müssen die Anteilseigner von Swift abstimmen – im Fall von Sanktionen halten Experten das für eine Formalie. Der politische Druck auf die Genossen entsprechend zu entscheiden, sei enorm.